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Die Vampir-Maschine Tony Ballard Nr. 142

2018 120 Seiten

Leseprobe

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER MICHAEL SAGENHORN


© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Vampir-Maschine Tony Ballard Nr. 142 Teil 2/2

von A.F.Morland









Die ganze Scheune stand in Flammen, brannte lichterloh, und inmitten dieses flammenden Infernos befand sich Tony Ballard, niedergestreckt von einem schweren, brennenden Balken, den er nicht hochzudrücken vermochte.

Die Polizei, die die Scheune umstellt hatte, schrieb ihn ab. Sie räumte ihm keine Überlebenschance ein, und wahrscheinlich wäre er tatsächlich verloren gewesen, wenn nicht ein Teil der Scheunenwand zusammengekracht und auf das Balkenende gefallen wäre.

Dadurch wurde der brennende Balken so weit angehoben, daß sich Tony Ballard hervorschieben konnte.

Er, mit dem niemand mehr rechnete, war wieder frei.

Es gab ihn noch - Tony Ballard, den Killer!

Die Vampir-Maschine



Alle hatten es gesehen, die vielen Reporter im VIP-Raum des Heathrow Airport und Millionen von Fernsehzuschauern, Sie waren Zeugen eines kaltblütigen Mordes geworden, den Tony Ballard vor den laufenden Kameras an dem berühmten US-Entertainer Adrian Hooker verübt hatte. Mit vier Kugeln aus seinem Colt Diamondback hatte er den Star niedergestreckt.

Danach ließ er sich entwaffnen und abführen. Aber kurz darauf gelang ihm die Flucht, und der Polizei war es nach einer langen, atemberaubenden Jagd gelungen, ihn in dieser Scheune zu stellen.

Doch er war nicht bereit gewesen, sich zu ergeben. Selbst sein langjähriger Freund und Partner, der Industrielle Tucker Peckinpah, konnte ihn nicht überreden.

Als er Peckinpah mit einer Kugel niederstreckte, ging der Feuerzauber los. Die Folge davon war ein Scheunenbrand, dem - so nahmen die Polizisten an - Tony Ballard zum Opfer gefallen war.

Aber sie irrten sich. Ballard war zäh - und immer noch nicht gewillt, sich zu ergeben.

Er war entschlossen, das grausame Spiel in die nächste Runde zu treiben. Er stellte seine Maschinenpistole auf Dauerfeuer und preßte die Kiefer grimmig zusammen.

Die Hitze schlug mit glühenden Fäusten auf ihn ein und wollte ihn niederstrecken. Er hörte die Stimme des Einsatzleiters. Inspektor Noel Curry forderte seine Männer auf, Platz für die Löschmannschaft der Feuerwehr zu machen.

Tony Ballard klemmte seine Waffe gegen die Seite und stampfte durch das wabernde, brausende Flammenmeer. Sie würden aus allen Wolken fallen, wenn er aus dem Feuer kam, als würde ihn die Hölle ausspucken, weil sie ihn nicht haben wollte.

***


Als Tucker Peckinpah zusammenbrach, krampfte sich Cruvs Herz zusammen. Der Gnom hätte nicht geglaubt, daß Tony Ballard so weit gehen würde.

Es stand schlimmer um den Freund, als Cruv angenommen hatte. Auch Peckinpah hätte eine solche Entwicklung nicht für möglich gehalten, und nun lag er dort auf dem Boden und regte sich nicht mehr.

Polizeibeamte holten den Industriellen. Ihre Kollegen gaben ihnen Feuerschutz. Sie legten Tucker Peckinpah hinter den Polizeifahrzeugen ins Gras, und Inspektor Curry sagte zu Cruv: »Ein Glück, daß er sich von mir überreden ließ, eine Kugelweste anzuziehen, sonst wäre er jetzt nämlich tot.«

Der Industrielle setzte sich seufzend auf. Nach dem ersten Schuß hatte er sich totgestellt, um zu verhindern, daß Tony Ballard weitere Kugeln auf ihn abfeuerte.

»Jetzt ist Ihr Vertrauen schwer erschüttert, was?« sagte der Inspektor.

»Ich begreife es nicht«, sagte der Industrielle. »Dieser Mann ist zu keiner menschlichen Regung mehr fähig. Meine Worte prallten wirkungslos an ihm ab.«

»Er ist nicht mehr Ihr Freund«, sagte Noel Curry. »Er ist jedermanns Feind!«

»Was mag ihn so sehr verändert haben?« fragte Peckinpah. Er wußte, daß ihm darauf niemand antworten konnte. Er erwartete auch keine Antwort. Es war eine rhetorische Frage.

Der Industrielle erhob sich.

Cruv wollte ihm behilflich sein, doch er sagte: »Lassen Sie nur, es geht schon.«

Der Gnom von der Prä-Welt Coor wies auf das Loch in Peckinpahs Jakkett. »Er hätte genau Ihr Herz getroffen. Er ist ein gefährlich guter Schütze.«

»War der Treffer sehr schmerzhaft?« fragte Inspektor Gurry.

»Besser schmerzhaft als tödlich«, antwortete Tucker Peckinpah.

»Sie werden einige Tage mit einem buntschillernden Bluterguß herumlaufen«, sagte Curry.

»Das macht nichts. Hauptsache, ich lebe. Beinahe hätte ich die Kugelweste abgelehnt. Danke, daß Sie so starrsinnig waren«, erwiderte Tucker Peckinpah, Man stellte das Feuer ein, und die Scheune brannte wie eine riesige Fackel. Cruv schluckte trocken. »Nun werden wir nie erfahren, was Tony so sehr veränderte.«

»Es ist grauenvoll, den Freund dort drinnen zu wissen, und ihm nicht beistehen zu können«, sagte Peckinpah mit kratziger Stimme.

»Sein Tod ist die schlechteste aller Lösungen«, knirschte der Gnom.

***


Tony Ballard sprang durch die Feuerwand. Als ihn die Polizisten sahen, starrten sie ihn entgeistert an. Wie gelähmt waren sie. Er überrumpelte sie mit seinem Erscheinen so sehr, daß sie im ersten Augenblick nicht daran dachten, wieder zu den Waffen zu greifen. Davon profitierte er.

»Ballard! Da ist Ballard!« schrie jemand. »Er lebt!«

Jetzt griff doch ein Mann zur Waffe. Ein zweiter folgte seinem Beispiel. Da ließ Tony Ballard seine MPi hämmern, und alle sprangen entsetzt in Deckung.

Es war ihm gelungen, die Polizei zu überrumpeln. Im Moment war sie ein konfuser Haufen.

Ballard feuerte. Seine Garben richteten an den Fahrzeugen erheblichen Schaden an. Er schoß sich den Weg frei. Niemand stellte sich ihm in den Weg. Jene, die es versuchen wollten, trieb er mit gezielten Schüssen in die Deckung zurück.

Er durchbrach den Polizeikreis, hätte in einen Wagen springen und losrasen können, doch er hatte nicht die Absicht, die Flucht mit einem Auto fortzusetzen.

Tucker Peckinpahs Privat Hubschrauber war ihm bedeutend lieber. Wenn er damit erst einmal in der Luft war, hatten sie alle das Nachsehen.

Der Helikopter des Industriellen war Ballards Ziel. Ihn zu pilotieren stellte für ihn kein Problem dar, das konnte er. Schießend stürmte er auf die stählerne Libelle zu, die verwaist dastand, Der Pilot des Industriellen hatte sie sicherheitshalber verlassen, als die Schießerei losging. .

Als er Ballards Absicht erkannte, stürzte er ihm entgegen. Tony Ballard richtete die MPi auf den Mann und drückte eiskalt ab.

Der Mann erstarrte.

Er hatte unbeschreibliches Glück, denn Tony Ballards Maschinenpistole klickte nur noch. Das Magazin war leergeschossen, und ein Ersatzmagazin hatte Ballard nicht.

Er hob die Waffe und schwang sie wie eine Keule. Sie krachte auf den Piloten nieder und fällte ihn wie eine Axt den Baum.

Es war unglaublich. Tony Ballard hatte diese vielen Jäger so sehr verblüfft, daß sie es nicht schafften, ihn aufzuhalten. Er kletterte in Peckinpahs Privathubschrauber und warf die Turbinen an.

Schüsse fielen. Die Kugeln trommelten gegen Kunstglas und Metall, ohne Tony Ballard zu treffen. Es wurden auch keine wichtigen Flugzeugteile beschädigt.

Mühelos brachte Tony Ballard den großen Rotor auf Touren, und dann hob die Mühle rasch ab. Es sah fast so aus, als würde der Helikopter zum Himmel hochgerissen.

Der Pilot des Polizeihubschraubers, Josh Gibson, traute seinen Augen nicht. »Mir ist ja schon einiges untergekommen, seit ich bei der Polizei bin«, sagte er zu seinem Kollegen Dan Shatner, »aber das übertrifft alles.«

»Ist ja wie in einem James-Bond-Film«, sagte Shatner. »Da ist auch so gut wie nichts unmöglich.«

Sie waren es gewesen, die den Audi 100, in dem Tony Ballard geflohen war, entdeckt hatten. Ihnen hatte man es zu verdanken gehabt, daß man Tony Ballard hier in dieser Scheune stellen konnte.

Sie hatten, wie alle anderen, damit gerechnet, daß Ballard in den Flammen umkommen würde, und nun saß er quicklebendig in diesem Helikopter und sauste durch die Lüfte.

Inspektor Curry schrie: »Na los. Gibson, Shatner! Worauf wartet ihr? Folgt ihm!«

»Okay, Sir!« stieß Josh Gibson nervös hervor.

»Sie sind einer unserer besten Piloten, Gibson!« rief Noel Curry. »Zwingen Sie ihn zur Landung!«

»Ich werd's versuchen, Sir«, sagte Gibson. Und zu Shatner: »Komm, Dan!«

Sie rannten zum Polizeihubschrauber und sprangen hinein.

»Meldet euch, sobald ihr ihn habt!« schrie Inspektor Curry. »Er darf nicht entkommen. Ihr dürft ihm nicht die geringste Chance lassen, sich aus dem Staub zu machen!«

Josh Gibson streckte die Faust vor.

sein Daumen wies nach oben. Der Polizeihelikopter startete und Dan Shatner sagte: »Jetzt kannst du mal zeigen, wie gut du wirklich bist. Josh!«

Tony Ballard sah den Hubschrauber aufsteigen. Er schwenkte nach Süden ab und flog nur wenige Meter über dem Boden. Josh Gibson setzte sich hinter ihn.

»Er hat den schnelleren und wendigeren Helikopter unterm Hintern«, stellte Gibson fest.

»Dafür bist du der bessere Pilot«, behauptete Dan Shatner. »Damit machst du diesen Vorteil wett.«

Aber Tony Ballard bewies, daß er auch viel vom Fliegen verstand. Als er sein Können zum erstenmal aufblitzen ließ, stöhnte Gibson: »Der hat auch einiges los, Mann. Es wird nicht leicht sein, ihn runterzuholen.«

»Du schaffst das schon. Josh, da bin ich ganz sicher. Du landest mit diesem Gerät doch auf dem Rücken einer Blattlaus, wenn es sein muß.«

Tony Ballard verschwand mit Peckinpahs Hubschrauber hinter einem Hügel. Sobald Gibson die Bodenerhebung hinter sich gebracht hatte, rief Shatner nervös: »Verflucht, Josh, wo ist er hingekommen?«

Vor ihnen befand sich eine breite Pappelallee.

Durch diese raste Peckinpahs Helikopter. Es gehörte großes fliegerisches Können dazu, zwischen den Bäumen zu bleiben, ohne diese zu streifen.

Wieder einmal stellten die Verfolger fest, daß Tony Ballard ein Mann ohne Nerven war. Josh Gibson spielte seine ganze Flugkunst aus um dranbleiben zu können.

Am Ende der Allee stieg Peckinpahs Maschine hoch und verschwand abermals für kurze Zeit aus dem Blickfeld der Polizisten. Als sie den Hubschrauber des Industriellen wiedersahen, stockte ihnen der Atem.

Tony Ballard floh nicht mehr!

Er war umgekehrt und befand sich jetzt auf Kollisionskurs!

Der Privathelikopter fegte mit großer Geschwindigkeit heran. In Dan Shatner verkrampfte sich alles. » Verdammt!« brüllte er, während er sich an den Sitz klammerte. »Was hat er vor? Will er sich und uns umbringen

Seitlich konnte der Polizeihubschrauber nicht weg. Josh Gibson hätte nur nach oben ausweichen können, doch diese Möglichkeit nahm ihm Tony Ballard, indem er seinen Helikopter in der entsprechenden Höhe hielt.

Gibson wurde weiß wie ein Laken.

Ballard schien es tatsächlich auf einen Frontalzusammenstoß anzulegen. Shatner sah keine Möglichkeit mehr, der Katastrophe zu entkommen.

Gibson tat, was er konnte, um das Schreckliche zu vermeiden. Tony Ballard stellte seine Maschine im allerletzten Augenblick leicht schräg und hob sie an.

Gibsons Ausweichmanöver brachte den Polizeihubschrauber zu nahe an die Bäume heran. Der Rotor rasierte mehrere Pappelspitzen ab und kam ins Trudeln.

Das Flugzeug wurde geschüttelt, die Männer wurden kräftig in die Schalensitze gepreßt, es ging steil abwärts. Gibson versuchte die Maschine abzufangen, doch dieses Kunststück brachte er nicht zuwege.

Mit großer Wucht schlug der Polizeihubschrauber auf.

Und Tony Ballard ließ Peckinpahs Helikopter steigen und setzte die Flucht ungehindert fort.

***


Dan Shatner hatte das Gefühl, es würde ihn in der Mitte auseinanderreißen. Ein lauter Schmerzensschrei entrang sich seiner Brust, und ihm drohte schwarz vor den Augen zu werden.

Josh Gibson war schlimmer dran. Er hing leblos in den Gurten.

»Josh!« keuchte Shatner. Er kämpfte gegen die Schmerzen an, hakte den Hosenträgergurt los und beugte sich aufgeregt zu seinem Kollegen hinüber. »Josh!«

Der Pilot reagierte nicht. Shatner stieß die Kanzeltür auf. Ringsherum lagen die Zweige und Äste, die der Rotor abgeschlagen hatte. Der deformierte Hubschrauber ächzte und knackte.

Eine Kufe war gebrochen. Als Shatner die Kanzeltür öffnete, fiel er fast hinaus. Ihm war, als wäre kein Knochen in seinem Leib mehr heil.

Es war nicht leicht, den Schmerz so weit zu ignorieren, daß er dem Kollegen helfen konnte. Auf erdigem Boden stehend, beugte er sich in die Maschine und löste die Gurtverschlüsse.

Josh Gibsons schlaffer Körper rutschte ihm in die Arme. Sein Gewicht hätte Shatner beinahe niedergedrückt. Schwitzend und ächzend stemmte er sich gegen den Piloten und zog ihn vorsichtig aus dem Wrack.

Sachte ließ er Gibson niedergleiten, dann öffnete er ihm den Kragenkopf und tastete nach der Halsschlagader.

Blut bedeckte Gibsons linke Gesichtshälfte. Wo sich die Verletzung befand, konnte Shatner nicht sehen. Er nahm an, unter dem Haaransatz.

Sein Herz hämmerte wie verrückt. Er zitterte, stand unter Schock und wurde damit kaum fertig. Er hätte schlappgemacht, wenn Gibson ihn nicht gebraucht hätte.

Shatner spürte den Puls des Kollegen. Gibson lebte!

»Josh!« sagte Shatner eindringlich. »Josh, komm zu dir!«

Die Lider des Piloten zuckten, und gleich darauf öffnete er die Augen und blickte Dan Shatner verwirrt an.

»Wie fühlst du dich, Josh?« fragte Shatner aufgeregt.

»Wo ist Ballard?«

»Ach, denk doch jetzt nicht an diesen verfluchten Hundesohn. Er ist weg, über alle Berge. Von mir aus. Wir haben getan, was wir konnten. Wir haben unser Leben riskiert. Mehr kann keiner von uns verlangen. Sag mir, wie es dir geht«

»Mir brummt der Schädel.«

»Du hast eine Kopfverletzung. Und sonst?«

»Ich weiß nicht… Mein rechtes Bein… Ich glaube, es ist gebrochen…«

Shatner warf einen Blick auf das Bein. Es ragte in einem unnatürlichen Winkel zur Seite.

»Das kommt schon wieder in Ordnung, mach dir keine Sorgen. Glaubst du, daß du innere Verletzungen hast?«

Gibson schüttelte den Kopf. »Nein, glaube ich nicht.«

»Bleib liegen, Josh. Bleib ganz ruhig liegen. Ich seh’ mal nach, ob unser Funkgerät noch intakt ist. Ein gebrochenes Bein ist kein Malheur.«

»Und du? Wie geht es dir?« fragte Gibson.

»Quetschungen, Prellungen… Tut verdammt weh, aber ich halt’s aus. Du weißt doch: Ein echter Indianer kennt keinen Schmerz.« Er begab sich zum Hubschrauber und testete das Funkgerät, Es funktionierte.

Shatner meldete, was geschehen war, und verlangte einen Krankenwagen, dann kehrte er zu Gibson zurück und setzte sich neben ihm auf den Boden.

»Wir können von Glück sagen«, bemerkte er. »Immerhin haben wir einen Hubschrauberabsturz überlebt. Es hätte auch schlimmer für uns enden können.«

Bis zum Eintreffen des Krankenwagens vergingen 15 Minuten.

»Vorsichtig!« sagte Shatner, als sich die Rettungsleute um Gibson kümmerten. »Gebt auf sein Bein acht, es ist gebrochen.«

Sie legten Gibson behutsam auf eine Trage und schoben diese in den Krankenwagen. Shatner konnte ohne Hilfe einsteigen.

»Ich habe eine Roßnatur!« behauptete er. »He, Josh, weißt du was? Dafür kriegen wir bestimmt eine Auszeichnung.«

»Darauf pfeife ich«, brummte Gibson. »Ich hätte lieber Ballard erwischt.«

Der Krankenwagen fuhr los, und Josh Gibson ärgerte sich darüber, daß er nicht besser gewesen war als Ballard. Die Nerven hatten diese Auseinandersetzung entschieden.

Die von Ballard waren einfach stärker gewesen.

***


Vicky Bonney hatte London hinter sich gelassen. Sie saß in Tony Ballards schwarzem Rover und machte sich große Sorgen um ihren Freund. Boram, der Nessel-Vampir, begleitete sie, doch man konnte ihn nicht sehen. Er hatte sich unsichtbar gemacht.

Aus dem Radio wußte das blonde Mädchen, wo die Polizei Tony gestellt hatte, und dorthin war sie unterwegs. Sie wußte nicht, was in ihren Freund gefahren war, weshalb er Adrian Hooker erschossen hatte.

Irgendeinen triftigen Grund mußte er für diese Wahnsinnstat gehabt haben. Er war kein Mann, der einfach nur aus Spaß oder Mordlust zum Revolver griff.

Bisher hatte er menschliches Leben stets beschützt. Bedingungslos hatte er sich dafür eingesetzt, ohne auf sich selbst Rücksicht zu nehmen.

Er konnte sich nicht um 180 Grad gedreht haben. Vicky hatte den brennenden Wunsch, in dieser schweren Stunde bei ihm zu sein. Sie hatten ihn erbarmungslos gejagt und in die Enge getrieben.

Niemand stand auf seiner Seite. Alle hielten ihn für einen gemeingefährlichen Verbrecher, und bestimmt gab es auch unter den Polizisten Männer, die es bedauerten, daß man die Todesstrafe abgeschafft hatte.

Von weitem schon sah Vicky Bonney schwarzen Rauch am blauen Himmel, und als sie näher kam, sah sie auch das Feuer, das aus der brennenden Scheune hochstieg.

Ihr war, als würde man ihr einen breiten Eisenring um die Brust legen. »Tony!« flüsterte sie bestürzt. »O Gott…!«

Ihre Hände krampften sich so fest um das Lenkrad, daß die Knöchel weiß durch die Haut schimmerten. Ich komme zu spät, dachte sie. Es ist bereits alles geschehen…

Ein unglücklicher Schluchzer entrang sich ihrer zugeschnürten Kehle. Schaulustige hatten sich scharenweise eingefunden. Ihre Fahrzeuge standen auf der Straße.

Ein Durchkommen war kaum noch möglich. Vicky hupte nervös. »Fahren Sie zur Seite!« rief sie, wild gestikulierend. »So machen Sie doch Platz!«

»Wohin wollen Sie denn?« wurde sie gefragt.

»Ich muß durch…«

»Sie sind scharf auf einen Logenplatz, wie? Da hätten Sie früher kommen müssen. Sally, he, Sally, nimm die Pocket-Kamera mit. Wir knipsen ein paar Fotos fürs Erinnerungsalbum.«

Vicky Bonney stieg aus und drängelte sich durch die Menge. Als sie die Polizeikette erreichte, hielt man sic auf. »Weiter geht’s nicht, Miß«, sagte ein junger Beamter.

Vicky starrte entgeistert auf die brennende Scheune. Eine Löschmannschaft der örtlichen Feuerwehr rückte gegen den Brand vor.

»Himmel, ist Tony noch da drinnen?« fragte das blonde Mädchen verstört. »Bitte lassen Sie mich durch. Ich bin Vicky Bonney. Ich kann mich ausweisen. Ich bin Tony Ballards Freundin. Sie müssen mich zu ihm lassen!«

Die Sperre hätte sich für sie nicht aufgetan, wenn sie nicht Tucker Peckinpah und Cruv entdeckt hätte. Sie rief die beiden, und der Industrielle sorgte dafür, daß man sie durchließ.

»Wo ist Tony?« keuchte Vicky nervös. »Ist er in der Scheune?«

Sie erfuhr, was für eine unerwartete Wendung die Ereignisse genommen hatten.

Tony war also mit Peckinpahs Hubschrauber geflohen. Vicky wußte nicht, ob sie sich darüber freuen durfte. Auf jeden Fall war sie unendlich erleichtert, zu erfahren, daß ihr Freund noch lebte.

Der Polizeihubschrauber, der ihn verfolgt hatte, war abgestürzt, und nun wußte niemand, wo Tony Ballard war.

Das war der letzte Stand der Dinge, die neueste Situation. Erfreulich für Tony Ballard, unerfreulich für jene, die ihm helfen wollten.

Es gab für Tucker Peckinpah, Cruv und Dean McLaglen hier draußen nichts mehr zu tun. Jetzt mußte man warten - bis irgend jemand Tony Ballard entdeckte, oder bis er sich selbst meldete.

Vicky bot ihnen an sie in Tonys Rover mitzunehmen. Um Peckinpahs Piloten brauchte sie sich nicht zu kümmern. Der Mann war inzwischen ins Krankenhaus gebracht worden.

***


Tony Ballard überflog die Vororte Sutton, Croydon und Bromley und näherte sieh Bexley. Er pilotierte den Privathubschrauber über eine kleine Häusergruppe, folgte einem breiten, dunklen Waldstreifen, drosselte die Geschwindigkeit und schwebte auf eine kleine Waldsiedlung zu.

Rote Dächer leuchteten aus dem dunklen Grün. Weiße Bungalows standen zwischen den Bäumen. Das viele Morgen große Areal war eingezäunt und wurde bewacht wie ein militärischer Stützpunkt.

Das Ganze war eine Gesundheitsfarm. Hierher kamen verstreßte Manager, Fabrikanten, Politiker, Bankiers. Sie bekamen Eigenblutinjektionen, unterzogen sich Frischzellenkuren, nahmen Thermalbäder, machten Entschlackungskuren unter ärztlicher Anleitung. Viele Sportarten konnten hier ausgeübt werden. Man trank Fruchtsäfte und aß Vollwertnahrung, lebte nach vielen Sünden endlich einmal gesund, weil in manchen Fällen der Körper bereits Alarm geschlagen hatte.

Jene, die von hier fortgingen, fühlten sich unbestritten großartig. Aber was taten sie? Sie kehrten ins sündige Leben zurück, arbeiteten wieder zuviel, schliefen zuwenig, tranken Unmengen Alkoholika - lebten wieder so ungesund, wie's nur ging.

Die Gesundheitsfarm verfügte auch über einen Hubschrauberlandeplatz. Er lag abseits, damit die Gäste von landenden oder startenden Maschinen nicht belästigt wurden.

Tony Ballard setzte den Helikopter präzise in den großen weißen Kreis und kletterte aus der Maschine, während sich der Rotor noch drehte. Er entfernte sich vom Hubschrauber, drehte sich nach etwa 15 Schritten um und betrachtete die stählerne Libelle grinsend.

Tucker Peckinpah würde sie nicht Wiedersehen. Man würde sie umspritzen, mit neuen Kennzeichen versehen und mit gefälschten Papieren verkaufen.

Geld konnte der Mann, zu dem Tony Ballard unterwegs war, nie genug besitzen. In dieser Beziehung, und in vielen anderen auch, war er unersättlich.

Genügsamkeit war in seinen Augen keine Tugend, sondern ein Laster. Er wollte immer alles, und häufig bekam er es auch.

Ballard wußte, daß er beobachtet wurde. Es störte ihn nicht. Auf diesem Gelände konnte sich niemand unbeobachtet bewegen. Es gab eine Vielzahl von Überwachungskameras, denen yiichts entging.

Davon wußten die Gäste selbstverständlich nichts. Sie fühlten sich hier völlig frei.

Tony Ballard näherte sich einem unscheinbaren Gebäude. Offiziell war darin die Verwaltung untergebracht. Jedermann durfte es betreten, wenn er ein Gespräch mit der Leitung der Gesundheitsfarm suchte.

Nur wenigen war allerdings bekannt, was sich unter diesem Gebäude befand.

Die »Unterwelt« war um ein Vielfaches größer und beherbergte ein geheimes Forschungszentrum, das jedoch nicht von der britischen Regierung geschaffen worden war und auch nicht staatlich unterstützt wurde.

Privates Geld kam hier zum Einsatz.

Geld, das dem dämonischen Wissenschaftler Professor Mortimer Kull gehörte!

Er war ein Selfmade-Dämon, konnte man sagen. Er hatte sich selbst zum Dämon gemacht, aber damit war er nicht zufrieden. Er wollte höher hinaus.

Sein größter Wunsch war zur Zeit, in den Höllenadel aufgenommen zu werden. Er wollte gleichgestellt sein mit Loxagon, Atax, Mago und all den anderen, aber das war er nur, wenn ihn Asmodis zum Dämon weihte Darauf arbeitete er hin. Die Dämonenweihe war sein ganz großes Ziel. Er wußte, daß er dafür zuerst aber auch etwas Großes leisten mußte, damit Asmodis ihn für würdig erachtete.

Seinen Plan, eines Tages die Welt zu beherrschen, hatte er nicht aufgegeben. Als geweihter Damon würde er die Welt regieren und der Hölle auf Erden jenen Platz einräumen, der ihr gebührte.

Zu diesem Mann war Tony Ballard unterwegs. Er betrat das Verwaltungsgebäude und begab sich zu einem Fahrstuhl, neben dem sich Knöpfe befanden, die ähnlich wie bei einem elektronischen Taschenrechner angeordnet waren.

Er tippte seinen persönlichen Code, eine Klappe öffnete sich, in die er seine rechte Hand schob. Sensoren tasteten seine Finger ab, und nachdem dieses »Erkennungsspiel« beendet war, öffnete sich die gepanzerte Lifttür.

Tony Ballard betrat die Kabine und drehte sich um.

Die Panzertür schloß sich, und der Aufzug setzte sich mit einem sanften Ruck in Bewegung. Es ging abwärts. Die Kabine passierte die erste Etage, erreichte die zweite und blieb stehen.

Als sich die Tür öffnete, flutete Tony Ballard grelles Neonlicht entgegen.

Männer und Frauen, die für Kulls Organisation des Schreckens - kurz OdS genannt - tätig waren, arbeiteten hier an verschiedenen Programmen.

Sie schenkten Tony Ballard kaum Beachtung.

Nachdem er zwei weitere Panzertüren hinter sich gelassen hatte, befand er sich in einem großen Raum mit futuristisch angehauchten Möbeln. Hinter einem riesigen, geschwungenen schwarzen Schreibtisch saß Mortimer Kull, ein großer, gutaussehender Mann, der nicht aussah, als müsse man ihn fürchten.

Als er Tony Ballard erblickte, nahm er seine Brille ab, legte sie auf den Schreibtisch und erhob sich. Er musterte Ballard, und ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen.

»Perfekt«, sagte der dämonische Wissenschaftler. »Du bist wirklich perfekt - einfach nicht zu unterscheiden vom echten Tony Ballard.«

Der Mann vor Kull legte Tony Bollards Aussehen ab, und seine wahre Erscheinung wurde sichtbar.

Grauenerregend sah er jetzt aus. Sein Gesicht glich einem Totenschädel, die Augen wirkten groß, kalt und starr.

Professor Mortimer Kull hatte ein künstliches Wesen vor sich, einen Cyborg, den er zusammen mit seinen Spezialisten geschaffen hatte.

Er wurde Droosa genannt.

Droosa, der Teuflische!

***


Diese Blackouts waren schlimm. Oft dauerten sie mehrere Stunden, und ich hatte keine Ahnung, was ich in dieser Zeit anstellte. Reenas, der schwarze Druide, hatte mich im Morgengrauen in den Hafen bestellt.

Er schlug mir einen Waffenstillstand vor. Dafür sollte ich ihm seinen magischen Kristall wiedergeben. Ich sagte ihm, daß das nicht möglich wäre, weil der Zeitkristall im parapsychologischen Institut im Verlaufe zahlreicher Tests zerstört worden war.

Daraufhin packte den schwarzen Druiden die kalte Wut. Er attackierte mich mit seiner Magie, nahm Einfluß auf die Last eines Krans, die mich erschlagen sollte.

Das hatte zum Glück nicht geklappt, aber Restmagie ließ eine dickgliedrige Kette herabstürzen, und die landete auf meinem Kopf. Seitdem hatte ich diese Erinnerungslücken.

Ich fand mich einmal in einer miesen Kaschemme wieder, ohne zu wissen, wie ich dorthin kam, dann im Hyde Park und später im Hof einer aufgelassenen Fabrik.

Ich wollte nach Hause gehen oder mich wenigstens zu Hause melden, doch immer kam mir ein Blackout dazwischen, und wenn ich zu mir kam, konnte ich jedesmal mit einer neuen Überraschung rechnen.

Jetzt zum Beispiel saß ich auf einer Natursteinterrasse unter einem Sonnenschirm vor einem Haus, von dem ich nicht wußte, wem es gehörte.

Vor mir stand ein Glas Pernod. Im Haus war das Fernsehgerät eingeschaltet. Ich wollte aufstehen und hineingehen, hatte keine Ahnung, wen ich dort drinnen antreffen würde.

Schritte drangen an mein Ohr. Es kam jemand, deshalb blieb ich sitzen.

Dieser Kette hatten schwarzmagische Kräfte angehaftet. Deshalb verdaute ich den Niederschlag so schwer.

Reenas hatte verlangt, daß ich allein und unbewaffnet in den Hafen kam. Ich hatte mit gezinkten Karten gespielt: Boram hatte mich begleitet - unsichtbar.

Als der schwarze Druide mich angriff, wurde Boram sichtbar und versuchte Reenas zu töten. Leider war es ihm nicht gelungen, Wo sich Reenas jetzt befand, entzog sich meiner Kenntnis.

Ich wußte nicht einmal, wo Boram war. Ich nahm an, daß er mich gesucht hatte, und als er mich nicht fand, fuhr er nach Hause. Das bedeutete, daß sich Vicky um mich sorgte.

Ich mußte endlich ein Lebenszeichen von mir geben.

»So«, sagte eine mir völlig fremde Frau und trat durch die Terrassentür. Sie war mittelgroß, pummelig, hatte, dunkles Haar und große Glubschaugen.

Ich schätzte, daß sie um mindestens zehn Jahre älter war als ich. Sie zupfte an ihrem geblümten Kleid herum, das so tief ausgeschnitten war, daß man befürchten mußte, sie würde sich eine Lungenentzündung holen.

»Ich habe mir etwas Bequemeres angezogen«, flötete sie. »Gefällt dir das Kleid?«

»Es ist sehr hübsch«, sagte ich, um ihr zu schmeicheln. In Wirklichkeit gefiel es mir überhaupt nicht.

Sie kam mit wippenden Hüften zu mir und setzte sich. Ihr Blick verriet mir, daß sie großen Appetit hatte - auf mich, aber ich hatte nicht die Absicht, mich von ihr vernaschen zu lassen.

»Wie gefällt dir mein Haus, Tony?« fragte sie.

Sie schien es mir gezeigt zu haben. Ich konnte mich nicht erinnern. »Toll«, sagte ich. »Echt toll. Es ist… sehr geschmackvoll eingerichtet.«

Sie reckte ihren voluminösen Busen stolz heraus. »Dafür zeichnet Judith Farnsworth ganz allein verantwortlich.«

Sie meinte damit offenbar sich. Also hieß sie Judith Farnsworth, und ich duzte sie. Gütiger Himmel, was hatte ich getan? Ich hätte es wirklich zu gern gewußt.

»Kannst du Sal verstehen?« fragte Judith.

»Sal?«

»Meinen Mann. Ich hab' dir doch von ihm erzählt. Meinen Ex-Mann meine ich.«

»Ach so, den,«

»Da bemüht man sich, einem Mann ein schönes sauberes Heim zu bieten, putzt ihm brav seine Schuhe, ist ihm treu und erträgt verständnisvoll seine Launen, und wenn man seine besten Jahre hinter sich hat, sieht er sich nach einer Jüngeren um und will nichts mehr von einem wissen. Viel zu oft passiert so etwas, und die Leidtragenden sind immer wir Frauen. Es ist ungerecht vom Lebén eingerichtet. Wenn ein Mann Falten kriegt, sagt man, er ist interessant. Bei einer Frau sagt man: ›Jetzt wird sie alt‹.« Judith seufzte unglücklich. »Findest du mich auch alt, Tony?«

»Ganz und gar nicht.«

»Bin ich für dich attraktiv?«

»Unbedingt«, sagte ich heiser. Ich wäre am liebsten weggelaufen, aber diese Enttäuschung wollte ich Judith nicht antun.

»Ich war zu gut für Sal. Er war meine Liebe nicht wert. Du bist anders, Tony, kicksichtsvoll, warmherzig, verständnisvoll… Du würdest einer Frau niemals weh tun, hab’ ich recht?«

»Es ist keine Kunst, einem anderen Menschen weh zu tun«, erwiderte ich, »Du darfst nicht denken, daß ich jeden Mann gleich bitte, mit in mein Haus zu kommen. Du warst irgendwie verloren… Ich hatte den Eindruck, daß du Hilfe brauchst. Ein einsamer Mensch, verlassen wie ich. Du kannst so wunderbar zuhören. Obwohl ich so gut wie nichts von dir weiß, habe ich das Gefühl, dich schon seit langem zu kennen. Ich bin sehr froh, dir begegnet zu sein.«

Mich hätte interessiert, wo das gewesen war, doch ich verkniff mir die Frage, weil Judith dann vielleicht geglaubt hätte, ich würde sie auf den Arm nehmen.

Mein Geist war nie komplett ausgeschaltet. Ein Teil davon funktionierte während des Blackouts.

Ich kam mir vor wie ein Schlafwandler. Man konnte sogar mit mir reden. Ich antwortete, ohne daß es mir bewußt war.

»Ein Haus sollte nicht nur von einem Menschen bewohnt werden«, sagte Judith. »Das ist Platzverschwendung. Eine ganze Familie hätte hier bequem Platz…« Sie senkte den Blick und betrachtete versonnen ihre Finger. »Sal wollte keine Kinder. Ich hätte gern welche gehabt, aber Sal sagte nein. Er scherte sich ja nie um das, was ich wollte. Heute ist es für Kinder zu spät.«

Ich nahm einen Schluck vom Pernod, saß auf Nadeln. Irgendwie mußte ich meinen Rückzug einleiten.

»Obwohl ich eine gescheiterte Ehe hinter mir habe«, sagte Judith, »habe ich den Glauben an die Männer nicht verloren. Alle sind nicht wie Sal. Es gibt zum Glück auch andere… Wenn so einer käme und ich mich mit ihm verstünde, könnte er alles von mir haben.«

Sie sah mich schmachtend an. Ich hatte Mitleid mit ihr, aber sie durfte deshalb nicht von mir erwarten, daß ich ihr ihre geheimen Wünsche erfüllte.

Ich hoffte, daß sich bald einer finden würde, der besser zu ihr paßte.

Ihre Hand legte sich auf meinen Arm. Sie schien nicht warten zu wollen, bis ich die Initiative ergriff.

Darauf hätte sie ja auch lange warten können…

»Du hast mir leid getan«, sagte sie freundlich. »Ich mußte dich einfach mitnehmen. Hast du ein wenig Zeit für mich? Ich bin eine gute Köchin. Wenn du mir dein Lieblingsgericht verrätst, koche ich für dich. Wie wäre es mit einem schönen saftigen Steak, verschiedene Soßen dazu und in Butter geschwenktes Gemüse. Danach leckst du dir die Finger, sag’ ich dir.« Sie blickte auf mein Glas. »Oh, wie ungastlich von mir. Ich lasse dich allein trinken. Ich muß doch mit dir anstoßen.«

Sie erhob sich, sagte, sie würde gleich wieder bei mir sein und verschwand im Haus.

Tony, Tony, dachte ich. In was bist du da hineingeschlittert?

Ich nahm mir vor, ihr die Wahrheit zu sagen, wenn sie wiederkam. Jedenfalls einen Großteil davon. So konnte das doch nicht weitergehen. Ich durfte es mit der Rücksichtnahme nicht zu weit treiben.

Judith ließ mich fast zehn Minuten allein. Als sie wiederkam, schien sie ernst geworden zu sein. Sie hielt ein Glas in der Hand, in dem sich vier Fingerhoch Scotch befand.

Sie stieß mit mir an und wirkte nervös.

Mir kam vor, als wollte sie nun nichts mehr von mir. Das war mir sehr recht, aber wieso hatte sie ihre Leidenschaft so rasch ausgeknipst?

Ihre Nervosität mußte einen Grund haben. Sie warf immer wieder heimlich einen Blick auf ihre Uhr, als würde sie jemanden ungeduldig erwarten.

Als es dann an der Haustür läutete, kam sie mir unendlich erleichtert vor.

»Entschuldige mich«, sagte sie und eilte davon.

Sie kam mit zwei Männern wieder.

»Mr. Ballard… Scotland Yard. Sie sind verhaftet!« sagte einer der beiden.

***


Droosa wirkte klapperdürr. Er schien nur aus Haut und Knochen zu bestehen, machte einen ausgemergelten, kraftlosen Eindruck. Seine Rippen wölbten sich weit vor. Sie waren von einem durchbrochenen Brustpanzer umschlossen. Darunter lag ein tief eingesunkener Bauch mit hervortretenden Adern.

An den Armen liefen, von den Schultern ausgehend, Metallschienen mit Teleskopgelenken bis zu den Handgelenken hinunter. Sie verstärkten Droosas Muskelkraft um ein Vielfaches.

Seine Waffen bestanden aus bestem, widerstandsfähigstem Stahl - zusammengeschobene Stacheln, deren Spitzen magisch vergiftet waren.

Wenn Droosa diese Todesstacheln ausfahren ließ, sah es so aus, als hielte er in jeder Hand ein Florett.

Mortimer Kull hatte diese Figur einem Filmwesen nachgebaut. Einen besseren, perfekteren und zuverlässigeren Cyborg hatte der dämonische Wissenschaftler mit seinen Spezialisten noch nie geschaffen.

Hinzu kam, daß Droosa mit einer magischen Schicht überzogen war, die ihm zu einer verblüffenden Fähigkeit verhalf: Er brauchte einen Menschen nur einmal zu sehen, und schon konnte er sich jederzeit dessen Aussehens bedienen.

Kulls Mitarbeiter vertraten die Ansicht, daß man an diesem Cyborg nichts mehr verbessern konnte. Der dämonische Wissenschaftler war jedoch anderer Meinung.

Durch seinen Kopf geisterten bereits Verbesserungspläne, über die er jedoch noch mit niemandem gesprochen hatte.

Mortimer Kull wollte der Hölle ein Geschenk machen, das in seiner Art einmalig war. Wenn ihm gelang, was er vorhatte, würde ihn Asmodis dafür mit der Dämonenweihe belohnen, davon war er überzeugt.

Professor Kull wies auf ein Großflächen-TV-Gerät. »Ich habe mit großem Vergnügen verfolgt, was Tony Ballard getan hat«, sagte er zufrieden. »Du warst großartig, hast für eine Menge Aufregung gesorgt.«

»Das war ja Sinn und Zweck des Ganzen«, antwortete Droosa.

»Die Wogen schlagen erfreulich hoch«, bemerkte Mortimer Kull.

»Sie werden sich lange nicht glätten.«

»Und sie werden von dem ablenken, was wir Vorhaben«, sagte Kull. »Darüber hinaus bekommt der echte Tony Ballard jetzt so viele Schwierigkeiten an den Hals, daß er sich unmöglich in unsere Angelegenheiten mischen kann. Alle Welt hält ihn für Adrian Hookers Mörder. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es ihm gelingt, den Kopf aus dieser Schlinge zu ziehen.«

»Und wir können uns anderen Problemen zuwenden«, sagte Droosa.

Mortimer Kulls Augen wurden schmal, »Ja, zum Beispiel können wir diesem vorlauten Reporter kräftig auf die Zehen treten.«

»Wie heißt der Mann?« erkundigte sich Droosa.

»Robin Lodd. Er hat umfangreiche Enthüllungen angekündigt, könnte mir damit tatsächlich einigen Ärger bereiten. Das Manuskript befindet sich in irgendeinem Safe, und es ist schwierig daranzukommen. Schwierig, jedoch nicht unmöglich. Lodd hat sich gegen einen Frontalangriff gut abgesichert. Sowie ihm etwas zustößt, gelangen die Enthüllungen an die Öffentlichkeit. Das bedeutet, daß wir Lodds Flanke angreifen müssen. Er selbst wird uns das Manuskript übergeben.«

»Keinesfalls freiwillig«, sagte Droosa.

»Selbstverständlich müssen wir ein wenig nachhelfen, aber das wird nicht sehr schwierig sein. Lodd hat einen schwachen Punkt, und der heißt Irene Hastings. Sie hat eine eigene Radiosendung, lädt bekannte Menschen ein und läßt die Hörer mit ihnen telefonieren. Sie schreckt nicht davor zurück, die heißesten Eisen anzufassen.«

»Mit einem Wort, sie und Robin Lodd passen wunderbar zusammen.«

»O ja, das tun sie, und ich habe nicht die Absicht, die beiden zu trennen. Ich hole sie lediglich auf meine Seite.«

»Sie werden sich wehren.«

»Nicht, wenn wir so Vorgehen, wie ich mir das vorstelle«, sagte Professor Kull, und in seinen Augen blitzte ein violettes Feuer. »Ich habe mir die Schachzüge genau überlegt. Wir eröffnen dieses Spiel, indem wir das Mädchen in unsere Gewalt bringen. Geh und hol sie her!«

»In welcher Gestalt soll ich ihr gegenübertreten?«

»Das überlasse ich dir. Laß dir Zeit Überstürze nichts. Es ist sehr wichtig, daß nichts schiefgeht. Eine Panne könnte unangenehme Folgen für uns haben.«

»Es wird keine Panne geben«, sagte Droosa zuversichtlich.

***


Ich stand langsam auf und blickte die beiden Yard-Beamten ungläubig an. Hatte ich eben richtig gehört? Man verhaftete mich?

»Was werfen Sie mir vor?« wollte ich wissen.

»Mord«, bekam ich zur Antwort.

Ich schluckte trocken. »Und wen soll ich umgebracht haben?«

»Adrian Hooker.«

»Das kann sich ja wohl nur um einen Irrtum handeln.«

»Millionen Menschen haben Ihnen dabei zugesehen. Was soll der Unsinn, Ballard?«

»Ich weiß wirklich nicht…«

»Ja, ja, schon gut. Kommen Sie jetzt!«

Ich schaute Judith Farnsworth verwirrt an.

»Ich begreife nicht, wie ich mich in dir so täuschen konnte, Tony«, sagte sie. »Als ich mir den Scotch holte, zeigten sie im Fernsehen das Fahndungsfoto von dir. Ich rief sofort die Polizei an. Ich hasse es zwar, allein zu leben, aber mit einem Mörder… nee, mit einem eiskalten Killer möchte ich denn doch nichts zu tun haben. Schafft ihn mir aus den Augen.«

»Hat es einen Sinn, zu versichern, daß Ich unschuldig bin?« fragte ich sie.

»Unschuldig!« Sie lachte grell. »Du sollst es vor laufenden Kameras getan haben. Ich bin froh, daß ich es nicht gesehen habe. Wie kann man so herzlos sein?«

Die Beamten durchsuchten mich, dann verpaßten sie mir Handschellen und führten mich ab. Ich fühlte mich miserabel, und ich hatte mit einemmal Angst.

Angst vor mir selbst. Was hatte ich während meiner Blackouts getan? War es möglich, daß ich einen Mord verübt hatte, ohne es zu wissen? Warum Hooker? Ich hatte nichts gegen ihn gehabt.

Ich ließ mir während der Fahrt zum Yard-Building die Tat schildern. Mit meinem Colt Diamondback sollte ich vor den US-Star hingetreten sein und abgedrückt haben.

Mit meinem Colt Diamondback!

Ich trug heute schon den ganzen Tag keine Waffe bei mir, hatte den Revolver zu Hause gelassen, weil Reenas das verlangt hatte.

Die Beamten erzählten mir, was ich nach dem Mord noch alles angestellt hatte.

Sogar auf Tucker Peckinpah sollte ich mit einer MPi geschossen haben.

Unvorstellbar!

Und später hatte ich mir den Weg zu Peckinpahs Hubschrauber frei geschossen und war damit geflohen.

Das alles mußte jemand anderer getan haben. Vielleicht ein Doppelgänger von mir. Als ich den Yard-Beamten gegenüber diese Vermutung äußerte, lächelten sie mitleidig. Sie waren davon überzeugt, den richtigen Mann kassiert zu haben.

Den richtigen Tony Ballard - da gab ich ihnen recht.

Aber nicht jenen Mann, der Adrian Hooker erschossen hatte.

Ich versuchte die Männer von meiner Unschuld zu überzeugen, mußte aber sehr schnell erkennen, daß ich mir die Mühe sparen konnte. Sie glaubten kein Wort von dem, was ich sagte.

Hatten sie recht? Wie sehr kann sich die Psyche eines Menschen verändern? Ich hätte während der Blackouts ein völlig anderer gewesen sein müssen. War so etwas möglich?

Es war mir in höchstem Maße unangenehm, als Verbrecher angesehen und behandelt zu werden. Ich hoffte auf Tucker Peckinpahs Hilfe. Aber würde er von mir noch etwas wissen wollen, nachdem ich auf ihn geschossen hatte?

Ich war Judith Farnsworth nicht böse, daß sie die Polizei angerufen hatte. Es mußte eine herbe Enttäuschung für sie gewesen sein, zu erfahren, daß der Mann, den sie sich ins Haus geholt hatte, ein gesuchter Mörder war.

Im Yard-Gebäude begann für mich ein Spießrutenlauf. Ich begegnete vielen Blicken, und alle verurteilten mich. Kein Mensch glaubte an meine Unschuld.

Man sperrte mich in eine Zelle.

»Ich möchte telefonieren«, sagte ich, »Später.«

Die Tür fiel zu, und ich war allein.

***


Droosa nahm das Aussehen einer x-beliebigen Person an und verließ die Gesundheitsfarm. Er stieg in einen schnittigen Aston Martin und fuhr Richtung London. Mortimer Kull hatte vollstes Vertrauen zu ihm.

Er war anders als Yul, der weiße Gigant, den die Forscher der OdS vor ihm entwickelt hatten. Der doppelhändige Yul war eine gefährliche Kampfmaschine gewesen, und kurze Zeit hatte er zu Kulls vollster Zufriedenheit funktioniert, aber dann war er seinem Herrn und Schöpfer gewissermaßen über den Kopf gewachsen.

Mortimer Kull hatte über den Super-Cyborg die Kontrolle verloren. Deshalb war es ihm nicht unrecht gewesen, daß Yul von Tony Ballard und Mr. Silver zerstört wurde.

Für eine Weile hatte der dämonische Wissenschaftler dann die Finger von der Cyborg-Produktion gelassen. Doch inzwischen hatte es ihn in diesen Fingern so sehr gejuckt, daß er einen neuen Versuch wagte.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925746
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v456090
Schlagworte
vampir-maschine tony ballard

Autor

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Titel: Die Vampir-Maschine  Tony Ballard Nr. 142