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Die Raumflotte von Axarabor #58: Krieg um die Kristalle

2018 78 Seiten

Leseprobe

Krieg um die Kristalle

Die Raumflotte von Axarabor - Band 58

von Stefan Hensch


Der Umfang dieses Buchs entspricht 78 Taschenbuchseiten.


Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Auf dem Planeten Nubia werden Kristalle entdeckt, die das Wachstum der jungen Kolonie massiv steigern. Die Expansion auf Nubia kennt keine Grenzen und übertrumpft sogar die Richtlinien der Raumflotte. Doch dann wird den Kolonisten schmerzhaft bewusst, dass es mit den Kristallen ein Problem gibt. Kann die Kolonie auf Nubia dieses Problem gemeinsam lösen?



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Dwarf-System, Orbit des Planeten Nubia, Hibernationsschiff DONINGTON

Steve Dalton schlug die Augen auf. Sein Herz raste, was mit den Stimulanzien zusammenhing, die ihm das Lebenserhaltungssystem der Kälteschlafkammer injiziert hatte. Alles was der Geologe wahrnahm, war ein heller Schimmer, denn seine Augen waren von der langen Phase des Kälteschlafs völlig verklebt und zudem mussten sie sich auch erst wieder an ihre Umgebung gewöhnen, denn die letzten hundert Jahre hatte sich der Körper in der absoluten Dunkelheit befunden.

Ein elektrisches Summen und ein kühler Luftzug verrieten Steve, dass sich die Klappe der Schlafkammer öffnete. Irgendwie war das eine Erleichterung für ihn, denn trotz aller Tests und der Vorbereitungen hatte er einen ziemlichen Respekt vor dem Cryo-Verfahren gehabt. Immer wieder hatte es Gerüchte über Pannen mit entsetzlichen Folgen gegeben. Aber was war schlimmer? In eine Kabine einzusteigen, einzuschlafen und nie wieder wach zu werden, oder viel zu früh zu erwachen und hilflos gefangen zu sein? Eigentlich war es eine fast schon akademische Frage, denn letztlich war beides zwangsläufig mit dem Tod verbunden. Es gab aber noch eine andere Komplikation, derer sich jeder Passagier des Hibernationsschiffs im Klaren gewesen war, als er den Vertrag unterschrieben hatte. Selbst wenn alle Systeme an Bord des Schiffs über die gesamte Dauer funktioniert hatten, gab es nach dem Aufwachen immer einen Grund für Trauer. Jeder Mensch, den ein jeder Passagier des Schiffs jemals kennengelernt hatte, war nun mit extremer Wahrscheinlichkeit bereits verstorben. Dies galt natürlich nicht für Menschen, die sich die exklusive Technologie mit ihren zahlreichen Implantaten leisten konnten und wollten. Alle anderen waren tot: Familie, Bekannte, Freunde. Höchstwahrscheinlich sogar die eigenen Kinder, einfach jeder… aber das war der Deal, den jeder an Bord des Raumschiffs eingegangen war.

Der grelle Schein der Beleuchtung außerhalb der Schlafkammer drang in die Kammer und drohte sein Gehirn explodieren zu lassen. Gequält hob Dalton seine Hand und bedeckte damit seine Augen. Die Dunkelheit schaltete sofort den Schmerz aus. Doch er wusste, dass er die Helligkeit zumindest stückweise ertragen musste, wenn er seine Augen wieder benutzen wollte. Deshalb hob er die Hände etwas von seinem Gesicht, so dass er einen Teil der schmerzenden Helligkeit erahnen konnte. Sofort kehrten wieder der Schmerz und auch etwas Übelkeit zurück.

„Hey, da ist ja noch jemand mit einem Kater“, hörte Dalton eine dunkle Männerstimme. „Hier haben wohl alle das ganze letzte Jahrhundert eine zünftige Party gefeiert!“

Dann fiel ein Schatten über ihn und er spürte einen Einstich an seinem Oberarm, der vom Zischen einer Injektionspistole begleitet wurde.

„Geht es ihnen denn wenigstens so halbwegs, Dalton?“, fragte der Arzt.

„Sie haben es gut gesagt, Doc. Es ist wie nach einer guten Party!“

Der Mediziner lachte kurz auf. „Bleiben Sie noch ein paar Minuten ganz ruhig. Das Medikament wirkt gleich, dann ist der Kater weg!“

Dalton bedankte sich bei dem Arzt, dann blieb er wieder allein in der Kammer zurück. „Wer hilft eigentlich den Ärzten beim Aufwachen“, ging es Steve durch den Kopf. Doch er fand keine wirkliche Antwort auf die Frage, wusste aber dass die meisten Ärzte sich selbst gegenüber nicht ganz so zimperlich waren. Deshalb konnte es sehr gut so sein, dass die Mediziner auf die harte Tour aufwachten – also ganz allein.

Dann wirkte das Medikament. Seine Augen verkrafteten jetzt die Helligkeit, ohne ihn umzubringen. Also zog sich der Geologe an den Haltegriffen hoch in den Stand und atmete tief durch. Da er über den Rand seiner Schlafkammer sehen konnte, war er in der Lage sich einen Überblick zu verschaffen. Die Kammern in der Sektion vor ihm waren bereits geöffnet worden und die Schläfer waren ihnen entstiegen. Wahrscheinlich waren die Passagiere bereits in den Duschen und würden sich danach auf die Landungsmission vorbereiten. Mehr als 10.000 Menschen auf einen Planeten abzusetzen, erforderte eine akribische Planung und gute Zeitpläne. In Beidem hatte die Raumflotte von Axarabor aber definitiv Erfahrung.

Vorsichtig schwang Steve sein nacktes Bein über den Rand der Kammer und kletterte heraus, dann holte er das andere Bein nach. Als seine nackten Füße den Fußboden berührten, kroch ihm die Kälte gleich hoch bis in die Waden. Eine Fußbodenheizung wäre eine nette Sache gewesen, doch scheinbar hatte niemand daran gedacht. Aber das war natürlich eine Erwartungshaltung, die durch seine Jugend im Zentrum des Sternenreichs geschuldet war. Dort wo er jetzt war, gab es erst mal keinen Luxus. Wenn die Kolonisten Luxus wollten, würden sie ihn sich selbst schaffen müssen.

„Hey, gut geschlafen?“, fragte Steve ein muskulöser Typ.

Er nickte und sah den Mann an, der wie er ebenfalls nur eine Unterhose trug. Diese verdammten Kälteschlafkammern hatten selbst die Muskelberge des Hünen erhalten können.

„Ich habe nur immer den gleichen Albtraum von meiner Exfrau gehabt“, sagte Steve grinsend.

Der Andere zuckte mit den Schultern. „Wollen Sie die gute Nachricht hören?“

Steve nickte dem anderen Passagier aufmunternd zu.
„Die ist jetzt tot“, sagte der Mann grinsend. „Wie alle anderen, die wir jemals gekannt haben!“

In diesem Moment erschien ein Deckoffizier und stieß einen Pfiff mit seiner Trillerpfeife aus.

„Sektion 43, alle mir folgen!“

Schweigend folgten die gerade ihren Schlafkammern entstiegenen Passagiere der DONINGTON dem Offizier bis in den Bereich der Duschen.

Der Mann in der blauen Uniform drehte sich zu den Schläfern um. „Entledigen Sie sich bitte in den Vorräumen ihrer Unterwäsche. Dazu stehen ausreichend Abfallbehälter an. Unterlassen Sie bitte alle sexuellen Aktivitäten, dazu ist nach der Landung auf dem Planeten alle Zeit der Welt!“
Irgendjemand lachte. „Ich dachte, du kommst mit unter die Dusche“, rief eine Frau.

„Lasst bloß nicht die Seife fallen!“, rief jemand anderes.

Doch der Deckoffizier verzog sein Gesicht um keinen Zentimeter und beaufsichtigte anstelle dessen den ordnungsgemäßen Ablauf der Duschbenutzung.

Steve war es egal, er machte die Augen zu und ließ sich vom warmen Wasser den Nacken massieren. Während er den Schweiß des letzten Jahrhunderts abwusch, entledigte er sich auch den Gedanken an die Menschen, die er in der Vergangenheit zurückgelassen hatte. Sie waren es nicht wert gewesen, dass er sein Leben mit ihnen verbringen wollte. Also waren sie es auch nicht wert, dass er sich jetzt Gedanken um sie machte. Vorbei war eben vorbei!


*


Steve war eine Zeit bei der Raumflotte gewesen, deshalb war für ihn der Drill zur Vorbereitung auf den Flug relativ leicht verdaulich gewesen. Ohne Disziplin und Ordnung war es aber auch einfach unmöglich, tausende Kolonisten und das nötige Equipment im Rahmen einer Landungsoperation und innerhalb eines akzeptablen Zeitraums auf einer Planetenoberfläche abzusetzen.

Steve trug seinen Feldanzug und sah unzählige Menschen, wie sie in ähnlicher Kleidung in scheinbar endlosen Formationen auf ihren Abtransport zur Oberfläche von Nubia warteten. Jeder der Kolonisten trug einen grauen Seesack bei sich, in dem er seine persönlichen Gegenstände verstaut hatte.

Die DONINGTON war mit einem Geschwader von Shuttel-Schiffen ausgestattet, die jeweils fünfzig Mann aufnehmen konnten. Steve kannte die Schiffe ebenfalls noch aus seiner Zeit bei der Flotte. Die grobschlächtigen, grünen Shuttle waren ursprünglich für militärische Zwecke konzipiert worden, aber der Zahn der Zeit und die Erfahrungen mit den Schiffen hatten zu ihrer Ausmusterung geführt. In zivilen Missionen erfüllten die Shuttle ihre Aufgabenstellung aber voll und ganz.

Steve sah sich auf dem Flugdeck der DONINGTON um. Überall herrschte rege Betriebsamkeit und im hinteren Teil wurden die großen Frachttransporter von autonom fahrenden Gabelstaplern mit schwerem Material beladen. Soweit er das beurteilen konnte, lief hier alles nach Plan. Höchstwahrscheinlich würde er niemals mehr einen Fuß auf das Hibernationsschiff setzen. Nachdem der letzte Siedler das Schiff verlassen hatte, würde es als Orbitalstation seinen Dienst versehen und war dabei auf die Versorgung von der Planetenoberfläche angewiesen.

Noch hinter den Frachtschiffen befand sich der militärische Teil des Hangars. Abseits von allen anderen Schiffen standen dort sechs schnittige Jagdmaschinen, die noch mit schwarzen Planen abgedeckt waren. Die Raumflotte überließ eben kaum etwas dem Zufall und wollte die Mission mitsamt ihrer hochwertigen Ausrüstung keinesfalls irgendwelchen Piraten auf dem Silbertablett ausliefern.

In diesem Moment öffnete sich das Tor vor der Gruppe, zu der auch Steve gehörte und gab den Blick auf das Innere eines bereitstehenden Shuttles frei. Nun war es soweit, es gab keinen Weg mehr zurück. Geordnet setzten sich die fünfzig Mann in Bewegung und gingen an Bord des Shuttles. Alles war mehrfach trainiert worden, jeder Handgriff saß. Dann schlossen sich automatisch die Einstiegsluken und die Triebwerke wurden aktiviert. Das schwerfällige Raumfahrzeug beschleunigte und verließ das Schiff durch die Röhre des Hangars.


*


Der Eintritt in die Atmosphäre von Nubia war holpriger, als Steve sich das vorgestellt hatte. Das Schiff wurde ganz schön durchgeschüttelt und an Bord wurde es völlig ruhig.

Dann kamen auch noch Turbulenzen hinzu und es war, als sackte das Schiff plötzlich einige Meter ab. Irgendwo würgte jemand hinter Steve. Fliegen war nun mal nicht jedermanns Sache, das würde sich vermutlich niemals ändern.

Das Dröhnen der Triebwerke wurde zwar durch die Isolierung des Innenraums stark abgedämpft, aber dennoch machte Steve das Geräusch fast taub. Zusätzlich spürte er sehr gut den Druck auf seinen Ohren und machte deshalb einen manuellen Ausgleich, indem er sich die Nase zuhielt und kräftig versuchte durch die Nase auszuatmen. Gleichzeitig hörten die Turbulenzen auf und das Shuttle durchstieß die Wolkengrenze. Neugierig blickte der Geologe aus dem Fenster und sah einen wunderschönen und nahezu unberührten Planeten unter sich. Was konnte es für ein ultimativeres Abenteuer, als die Kolonisation eines Planeten geben?

In einiger Entfernung sah er ein anderes Shuttle mit eingeschalteten Nachbrennern steil in die Höhe steigen. Die Piloten leisteten heute Akkordarbeit.

„Wir werden in Kürze auf dem Rollfeld Nord Beta landen. Die Sonne scheint und es herrschen angenehme fünfundzwanzig Grad. Ich wünsche Ihnen allen einen guten Start in ihr neues Leben!“, meldete sich die Pilotin über die Sprechanlage und erhielt begeisterten Beifall als Antwort.

Ein lautes Klacken erklang, als das Fahrwerk des Shuttles ausgefahren wurde. Zeitgleich wurde das Schiff auch deutlich langsamer. Steve sah im Fenster die Rollbahn näher und näher kommen, während das Shuttle immer tiefer sank. Das Expeditionskommando hatte ganze Arbeit geleistet, denn die Flughäfen waren von diesen Männern und Frauen angelegt werden. Steve erschauerte es, wenn er an den Einsatz dieser Experten dachte, die mit einem viel kleineren Schiff bereits vor gut zehn Jahren auf Nubia angekommen waren. Ausgestattet mit einem Minimum an Ausrüstung, aber einer kompletten Produktionseinheit für Androiden. Doch diese Expeditionen waren völlig auf sich alleine gestellt, egal ob es um Krankheiten oder irgendwelche technischen Probleme ging. Doch nicht nur das, wenn es ein Problem gab, musste es gelöst werden. Die DONINGTON würde ihren Flug fortsetzen, egal was auf dem Zielplaneten passierte. Zehntausend Seelen verließen sich auf die Fähigkeiten und Können des Expeditionskommandos. Sollten die Männer des Kommandos auf ein unlösbares Problem stoßen, wurde es automatisch zu einem Problem aller Kolonisten.

Quietschend setzten die Reifen des Fahrwerks auf der Landebahn auf und sofort gab die Pilotin vollen Umkehrschub, um das Shuttle abzubremsen. Steve wurde in seine Gurte gepresst, dann rollte das Schiff aus und stoppte schließlich. Treppen wurden an die Ausgänge geschoben, dann wurden die Türen von außen geöffnet. Er löste seine Gurte, stand auf und nahm seinen Seesack aus der Ablage über den Sitzen. Schritt um Schritt näherte er sich dann dem hinteren Ausstieg. Schon einige Meter vor der Tür wehte ein frischer Wind in das Schiff hinein. Der Geologe atmete tief ein und fühlte sich gleich schon wieder etwas lebendiger. Dann stand er in der Türöffnung und sah zum ersten Mal den Planeten mit eigenen Augen, der nun sein neues Zuhause werden würde.

In der Ferne erhob sich in der Ferne eine Hügelkette, davor erstreckte sich ein scheinbar unendlicher Mischwald. Am blauen Himmel stand die Zentralsonne des Systems und streichelte seine Haut mit ihren Strahlen. Exakt so hatte er es sich vorgestellt. Grinsend zog Steve eine Sonnenbrille aus seinem Feldanzug und setzte sie auf, dann stieg er mit federnden Schritten aus dem Shuttle.



2

Einige Wochen später

Die Klimaanlage des Geländefahrzeugs lief und stabilisierte die Temperatur im Inneren des Fahrzeugs auf ein erträgliches Maß. Über das Display in seinen Händen beobachtete Steve die Statusmeldungen des autonomen Androiden, der hinter ihm Meter um Meter eines zukünftigen Schnellstraße einebnete. Infrastruktur entstand eben nicht von selbst, sondern musste geschaffen werden.

In diesem Moment ertönte ein Warnsignal. Mit gerunzelter Stirn betrachtete der Geologe das Display. Der Androide war stehengeblieben und somit war der Fall eingetreten, der die Anwesenheit eines Menschen erforderlich machte.

Objektfund, las er auf dem Display. Das war vor ein paar Tagen bereits schon mal der Fall gewesen, als ein massiver Findling den Weg für den Androiden mit seinem Kettenantrieb versperrt hatte. Darum hatte sich Steve dann zusammen mit den Arbeitsdroiden kümmern können, die zur Ausstattung des Straßenbauer-Androiden gehörten.

Er öffnete die Tür des Geländefahrzeugs und warf sie sofort wieder hinter sich ins Schloss und wurde von der sommerlich heißen Luft empfangen. Auf diese Weise blieb die kühle Luft im Fahrzeuginneren, während die Insekten nicht reinkamen. Während der Geologe auf den autonomen Straßenbauer zuging, spürte er das Gewicht der großkalibrigen Pistole an seinem Oberschenkel. Die Waffe war auch nötig, denn er war alleine unterwegs und das auch noch sehr weit von der nächsten Siedlung entfernt. Auf dem Planeten gab es zwar keine Ureinwohner, dafür aber zahlreiche Tierarten. Auf diese Weise wurde zwar die Nahrungsmittelbeschaffung deutlich leichter, aber unter den Tierarten gab es auch Raubtiere. Deshalb sollte man auf Nubia nicht ohne Waffe die beengte Welt einer Siedlung verlassen, oder man lief Gefahr selbst einen unattraktiven Platz in der Nahrungskette zu belegen.

Dann erreichte Steve den Androiden und zog sich den Schirm seiner Kappe tief in die Stirn. Vor dem Androiden befand sich tatsächlich etwas im Erdreich. Die Augen des Geologen verengten sich zu Schlitzen. Was war das da, nur wenige Zentimeter von der gewaltigen Schaufel des Straßenbauers entfernt? Neugierig ging Steve in die Hocke und beugte sich nach vorne. Dann zog er sein Messer aus der Scheide an seinem Gürtel und entfernte etwas vom Erdreich drumherum. Was immer das für ein Gegenstand war, er war wunderschön. Ein bläuliches Glitzern ging von seiner kristallinen Struktur aus.

Mehr und mehr Erdreich entfernte der Geologe und legte damit das Objekt frei. Dann steckte er das Messer weg und griff mit seinen Händen zu, die in Arbeitshandschuhen steckten. Das schimmernde Objekt hatte die Größe eines Kopfes und wog vielleicht zwei oder drei Kilogramm. Größe und Gewicht wären für den Straßenbauer alles andere als ein Problem gewesen, er hätte mühelos darüber hinweg walzen können. Der Stopp des Androiden musste also auf etwas anderes zurückzuführen sein, vielleicht gab das Ding irgendeine Strahlung aus oder war magnetisch. Gefährlich war es jedenfalls nicht, denn das hätten die Sensoren der Straßenbauers gemeldet.

„Auftrag fortsetzen“, befahl Steve und brachte den Kristall zu seinem Fahrzeug. Hinter ihm erwachte der Androide wieder zum Leben und sein Elektromotor setzte klirrend den Kettenantrieb wieder in Gang.

Am Geländefahrzeug angekommen legte Steve das bläulich schimmernde Ding vorsichtig auf die Motorhaube des weißen Fahrzeugs und zog sein Funkgerät hervor. „Hier Straßenbau Einheit 3. Planquadrat 7, Sektor F.“

Für kurze Zeit drang statisches Knistern aus dem Lautsprecher des Mikrofons. „Straßenbahn Einheit 3, hier Basis. Was ist los bei Ihnen?“

„Ich habe hier einen Fund, den sich jemand von den Weißkitteln mal ansehen sollte.“

„Wir schicken umgehend eine Drohne zu ihrer Position, Einheit 3!“



3

Etwa ein Jahr später

Der Moderator blickte lächelnd in die Menge. „Ich darf Ihnen heute einen ganz besonderen Gast ankündigen. Es ist kein Geringerer als der Abgeordnete Steve Dalton, der Entdecker der Nubia-Kristalle!“

Die Anwesenden klatschten und Steve ging zu seinem Platz am Rednerpult. Dann sah er ins Publikum. Viel sah er jedoch nicht, da die Scheinwerfer ihn blendeten.

„Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich zum ersten Mal meinen Fuß auf diesen wunderschönen Planeten gesetzt. Kurze Zeit später beaufsichtigte ich als Inspektor die Arbeit eines Straßenbau-Androiden. Das war einige hundert Kilometer südlich von hier. Plötzlich unterbrach der Androide seine Arbeit und meldete, dass er auf ein Objekt gestoßen war.“

Steve machte eine Pause und grinste dorthin, wo vermutlich das Publikum saß.

„Ich ging von einem großen Findling aus, aber hoffte auf einen großen Nugget aus Gold!“

Das Publikum lachte und klatschte Beifall.

„Aber was ich fand, war etwas noch Wertvolleres. Ich fand Kristalle, die sich als ultimative Energiequelle entpuppt haben. Dank meiner Entdeckung, die aber lediglich auf dem Zufall basierte, haben wir den straffen Fahrplan des Sternenreichs zur Entwicklung einer neuen Kolonie nicht nur eingehalten, sondern übererfüllt.“

Steve machte eine Pause und trank einen Schluck Wasser. Dann trat er von seinem Rednerpult weg und deutete auf das große Display hinter sich. „Infrastruktur, Industrie und Kultur“, führte Steve auf und nacheinander erschienen zur Illustration Fotos von bereits fertiggestellten Großprojekten auf dem Display. „All das haben wir den Nubia-Kristallen zu verdanken. Unsere Kolonie wuchs exponentiell und kann auch weiterhin so wachsen. Unsere Geburtenrate hält mit dem hohen Niveau stand, das sonst nur in den Zentralwelten des Sternenreichs erreicht wird. Außerdem wird unser Planet bereits jetzt von einem dichten Netz von Städten überzogen und es entwickelt sich eine florierende Wirtschaft. Dies ist alles aber erst ein Anfang, dem noch bessere Zeiten folgen werden. Aber dazu benötigen wir eine durchgehend gute Versorgung mit diesen Kristallen. Die ersten Abbaugebiete sind bereits erschöpft und wir müssen neue Quellen erschließen.“

Erneut machte Steve eine Pause und trat zurück ans Rednerpult. „Deshalb brauchen wir Sie, liebe Anwesenden! Entscheiden Sie sich deshalb noch heute für festverzinsliche Staatsanleihen. Ihr Kapital fließt ohne Umweg in die Erschließung neuer Nubia-Vorkommen. Sie erhalten zugleich eine stabile Anlage und investieren in die glorreiche Zukunft unseres Planeten!“

Steve wartete ab, bis der Applaus abebbte. Dann verabschiedete er sich vom Publikum und wurde von einem Techniker in die Katakomben unter der Bühne geführt.

Dort wurde Steve von seiner Assistentin Carol erwartet, die in ihrem himmelblauen Kostüm hinreißend aussah. Besser sah sie nur ohne das Kostüm aus, dass wusste der Abgeordnete aus erster Hand.

„Die Mine in Nepar hat vor einer Stunde gemeldet, dass die bodennahen Vorkommen an Nubia-Kristallen erschöpft sind“, sagte sie und reichte ihm seinen Mantel.

„Verdammter Mist. Das ist jetzt die dritte Mine innerhalb weniger Wochen. Wie sieht es aus mit der Prognose für die tieferen Erdschichten?“

Carol sah ihm mit ihren braunen Augen tief in die Augen. „Mies, sehr mies!“

„Fahren wir hin, Carol!“

Die dunkelhaarige Frau musterte Steve. „Heute noch?“

Steve nickte, denn er musste sich endlich selbst ein Bild von der Situation machen.


*

Der schwere SUV erreichte am Abend die Mine am Rand von Nepar, der Hauptstadt des Planeten. In der Regel erledigten Androiden vollkommen selbstständig den Abbau, doch jetzt standen zahlreiche Fahrzeuge auf dem zugehörigen Parkplatz. Die Nachricht vom Versiegen der Kristalle hatte das Interesse zahlreicher Experten und das der Medien auf sich gezogen. Ebenso waren einige Spezialisten des Ministeriums für Rohstoffe hinzugezogen worden, was Steve an den entsprechend beschrifteten Fahrzeugen erkennen konnte.

„Was wollen wir hier eigentlich?“

Steve sah seine Assistentin auf dem Beifahrersitz an und legte seine Hand auf ihren linken Oberschenkel. „Ich muss wissen, was hier wirklich los ist. Bisher liegen nur Nachrichten über versiegende Vorkommen aus der Nordhauptkugel des Planeten vor. Aus dem Süden hört man nichts dergleichen.“

Carol Otis nickte. „Zu Beginn wurden die Kristalle überwiegend aus der Gegend von Nepar abgebaut und dann nach Süden geschickt, zumindest solange, bis dort eigene Vorkommen erschlossen werden konnten.“

Steve nickte und ließ seine Hand weiter ihr Bein nach oben wandern. Carol seufzte und spreizte die Beine. Doch dann nahm Steve die Hand weg und stieg aus. „Später, Darling!“

Gemeinsam näherten sich Carol und Steve der Kommando-Baracke der Mine, als ihnen ein Kerl mit zerknittertem Hemd entgegentrat. Über seinem Kopf schwirrte eine Drohne, die ihr Objektiv sofort auf Steve richtete.

„Abgeordneter Dalton, was verschafft uns so weit von Nepar entfernt die Ehre von einem so hohen Besuch?“

Er betrachtete den Journalistin skeptisch, dann zuckte er mit den Schultern. „Die Versorgung des Planeten mit Nubia-Kristallen gehört zu meinem Aufgabengebiet. Ich bin hier, um mir ein Bild von der Lage zu machen“, antwortete Steve und wollte den Journalisten danach stehen lassen.

„Muss der Norden schon mittelfristig vom Süden alimentiert werden?“

Steve sah den Reporter unvermittelt an. Jedes seiner Worte ging ohne Zeitverzögerung sofort online, deshalb musste er seine Worte mit Bedacht wählen.

„Davon kann gar keine Rede sein. Sollte es zu einem Lieferengpass kommen, besitzen wir ausreichende Vorräte zur Kompensation.“

Damit war für Steve das Interview beendet. Zusammen mit Carol ging Steve weiter.

„Vorräte für wie lange? Eine Woche, zwei Wochen, oder einen Monat?“

Er blieb stehen und blickte sich erneut zu dem Mann um. „Solange es eben sein muss!“

Steve trat in die Baracke ein und sah sich sofort einem vierschrötigem Arbeiter gegenüber, der ihn böse musterte und am liebsten sofort wieder herausgeworfen hätte.

„Ich bin Abgeordneter Dalton vom Ausschuss für Energie, das ist meine Assistentin Carol Otis.“

Der Blick des Hünen wanderte zu Carol und wirkte plötzlich anzüglich. Steve entschied sich, dieses Verhalten zu ignorieren. Ansonsten hätte er sich fürchterlich aufregen müssen. Dann war die Situation auch schon vorbei und der Arbeiter nickte. „Kommen Sie mit, ich bringe Sie zum Boss!“

Der Weg war auch nicht zu weit. Nachdem sich der Riese per Handfläche an einer Tür identifiziert hatte, führte er sie in den Kommandoraum der Mine. In der Mitte, umgeben von Displays, thronte der Geschäftsführer der Mine.

„Sir, da ist so ein Abgeordneter!“

Der Geschäftsführer runzelte die Stirn und sah den Arbeiter an. „Dann holen Sie mir ihn, Jones!“, sagte der Mann absichtlich laut und zwinkerte Steve über die Phalanx aus Monitoren hinweg zu.

Ohne auf den Arbeiter zu warten, trat er näher an den Geschäftsführer heran und reichte ihm seine Hand. Der Mann stellte sich als Miles Rogers vor und fasste das momentane Problem der Mine in knappen Worten zusammen. Es waren einfach keine Nubia-Kristalle mehr da.

„Darf ich mir mal die Sensorscans für die tieferen Erdschichten ansehen?“

Rogers nickte und warf die gewünschten Aufnahmen auf das große Display. Steve kannte sich mit der angewendeten Messtechnik aus, deshalb nahm er sich alle nötige Zeit zum Studium. Dann nickte er.

„Haben Sie auch schon eine Messung mit der Wühlmaus gemacht?“

„Warum sollte ich? Die Anteilseigner bringen mich um, wenn ich in dieser Situation auch noch gutes Geld für eine vage Hoffnung aus dem Fenster schmeiße!“

Steve zuckte mit den Schultern. „Machen Sie es!“

„Haben Sie mich nicht verstanden, Mr. Dalton?“

„Ich habe Sie verstanden. Die Messung geht auf das Ministerium!“

Rogers hielt kurz inne und verengte die Augen zu Schlitzen. „Das ist jetzt aber kein Trick, oder?“

Steve lachte schnaubend. „Fertigen Sie Mr. Rogers doch bitte eine Kostenübernahmeerklärung für den Einsatz des Tiefenbohrers an, Carol!“

Wenige Momente später hatte Rogers die Erklärung vor sich auf dem Schreibtisch liegen und nickte anerkennend.

„Jones, Sie haben unsere Gäste gehört. Machen Sie die Wühlmaus bereit!“

Der Tiefenbohrer glich beim ersten Hinsehen einem Kran auf Ketten. Doch dann entfaltete sich das schwere Fahrzeug und offenbarte einen Bohrer, der am ehesten Ähnlichkeit mit dem Stachel eines Skorpions hatte.

Steve konnte die Vorbehalte gegen den Einsatz des Tiefenbohrers gut verstehen, denn nach jeder Bohrung musste der Bohrkopf ausgetauscht werden, was eine wirklich teure Angelegenheit war. Angesichts der drohenden Pleite hätte sich Steve wahrscheinlich genau so verhalten wie der Geschäftsführer. Aber im Gegensatz zu diesem war er nur seinem Amtseid verpflichtet und konnte sich an einem großzügigen Etat für Probebohrungen bedienen.

Jones befestigte allerlei Schläuche am Gehäuse des Bohrers, dann war die Maschine einsatzbereit. Augenblicklich begann der Bohrkopf zu rotieren, dann senkte er sich auf den Boden ab und fraß sich stickstoffgekühlt durch das felsige Gestein in die Tiefe. Das dabei entstehende Kreischen war fürchterlich, aber leider völlig unvermeidbar.

Tiefer und tiefer senkte sich der Bohrer in die Erde, dann blieb er stehen. Am oberen Ende des Bohrers klappte eine Röhre nach oben, indem sich die Wühlmaus befand. Mit einem dumpfen Schlag wurde der kleine Androide durch den Bohrer nach unten in die Tiefe befördert. Rogers sah auf den kleinen Handcomputer in seinen Händen, auf dem die Ergebnisse der Messung dargestellt worden. Dann kicherte er und reichte es Steve.

„Mit viel Optimismus erreicht der Wert des restlichen Vorkommens in der Tiefe vielleicht den Preis dieser Messung. Ich habe es Ihnen ja gesagt, Dalton!“

Steve zuckte mit den Schultern. „Wer was gesagt hat, ist genauso irrelevant, wie die Frage wer nun recht hat. Es geht lediglich um die Frage, wie sehr wir schon jetzt in den Hintern gekniffen sind!“

Rogers runzelte die Stirn. „Steht es wirklich so schlecht?“

Details

Seiten
78
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925715
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v455929
Schlagworte
raumflotte axarabor krieg kristalle

Autor

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