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Die Raumflotte von Axarabor #56: Eisige Kälte in der Feuernacht

von Wilfried A. Hary (Autor) Marten Munsonius (Autor)

2018 78 Seiten

Leseprobe

Eisige Kälte in der Feuernacht

Die Raumflotte von Axarabor - Band 56

von Wilfried A. Hary mit Marten Munsonius


Der Umfang dieses Buchs entspricht 72 Taschenbuchseiten.


Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Das TAH kam von irgendwo jenseits der Milchstraße. Was immer es berührte, entartete. Es war eine Frage der Zeit, bis das Sternenreich von Axarabor ausgelöscht sein würde. Doch niemand erkannte die Ursache. Noch nicht…



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER 3000AD 123rf mit Steve Mayer

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Prolog

„WÄHREND ICH DAS TRÄUME

- ÜBER EINEN MIR FEINDLICH GESINNTEN HIMMEL,

IST ES ENDLICH AUCH DUNKEL GEWORDEN.

UND ES SCHNEIT!

ICH MACHE DIE SCHLEUSE AUF,

BETRETE DEN UNANGENEHM KNIRSCHENDEN SAND

UND DENKE: WILLST DU DAS BÖSE ÜBER DIR

NICHT WAHRHABEN - BEVOR ES DICH VERNICHTET?“

Danza – eine mythologische Figur, die angeblich nie existiert hat. (Ein Abriss)

Zitat: Der MA'NENE der Universität von Tal.ter Ban



1

Es war, als würde der Gott SETNA selbst vom Himmel herabsteigen – und das ganze Universum stand in Flammen. Die Sterne funkelten nicht mehr. Sie waren innerhalb weniger Sekunden hell aufgeleuchtet, explodiert, hatten sich wie Leuchtfeuer über das Firmament von Kanopus III ausgebreitet.

Aber nur eine einzige winzige Schneeflocke fiel dabei auf das Gesicht von Danza. Das Land wurde bis zum fernen Horizont mehr und mehr mit Schnee bedeckt.

Der Himmel wurde weiß, als das Feuer erlosch.

Und dann waren plötzlich auch wieder die zwei Monde über Kanopus III vor diesem unnatürlich weißen Hintergrund zu sehen – und auch sie wurden allmählich von einem milchigen Weiß bedeckt, bis sie erneut unsichtbar werden würden.

Die ferne Sonne existierte noch, selbst nach dem Inferno, und schien sich jetzt zu schütteln. Vielleicht lag es ja an SETNA? Wurde die Sonne des Systems, benannt nach dem Gott SETNA größer?

In allen der Sonne Kanopus nahe stehenden Sternensystemen fiel der Funkverkehr aus. Schiffe brachen aus dem Überlichttransit ohne das Zutun ihrer Piloten hervor.

Wichtige Relaisstationen registrierten anormale Abweichungen von Planetenbahnen. Die totale Apokalypse, das Ende von allem…



2

Danza wachte auf, blieb noch benommen, wie von einem Schlaf, der sie weit fort geführt hatte, zu den Sternen und der Leere dazwischen. Doch sie hatte nicht wirklich geschlafen. Sie war wach geblieben, unter einem bedeckten Himmel, an dem nichts von einem Inferno zu sehen war. Ganz im Gegenteil: Die Wolken standen so dicht, dass es stockfinster war, weil kein Sternenlicht und auch nicht das Licht der Monde eine Chance hatte, hindurch zu dringen. Von einer Sonne ganz zu schweigen, die zu dieser nächtlichen Zeit sowieso auf der anderen Seite dieser Welt stand.

Danza konnte nur deshalb alles sehen, weil sie von ihren PSI-Fähigkeiten unterstützt wurde. Das entstand bei ihr inzwischen ganz automatisch, ohne ihr unmittelbares Zutun.

Danza, der Teenager, kurz vor der Schwelle zum Twen im Imperiums von Axarabor. Doch in der letzten Zeit hatte sie Dinge erlebt und Aufgaben bewältigt, die wahrlich übermenschlich waren. Das hatte sie geprägt, hatte sie nicht nur erwachsen, sondern irgendwie… alt werden lassen.

Eine einzelne Schneeflocke verbrannte in einem ihrer geöffneten Augen, und sofort rannen einige Tropfen einer bernsteinähnlichen Flüssigkeit über ihre Wange. Sie versuchten einander zu erreichen, um sich zu vereinen. Dann schien es, als würden sie sich gegenseitig zu überholen trachten, um sich dann doch noch zu vereinigen. So fielen sie zu einem einzigen dicken und zähflüssigen Tropfen verschmolzen auf den sandigen Boden mit der noch dünnen Schneeschicht.

Danza betrachtete die Stelle, ohne sie wirklich zu sehen. Sie spürte in ihrem Innern eine Veränderung, die sie sich nur schwer erklären konnte. Eine Veränderung, die schon vor der Notlandung auf Kanopus III begonnen hatte, eine rein persönliche Veränderung. War es, weil sie nur zur Hälfte Mensch war? Fing ihr Körper an, dem sozusagen Rechnung zu tragen? Wieso kam aus einem ihrer Augen plötzlich jene bernsteinfarbene Flüssigkeit?

Sie hob den Kopf. Irgendwie hatte sich ihre Sichtweise geändert, fand sie. Mit dem einen Auge sah sie normal. Für dieses war es hier stockdunkel. Das andere Auge jedoch sah Dinge, die ein normaler Mensch niemals hätte sehen können. Zuweilen war das so grell, dass sie das Auge schließen musste. Und wenn sie dann doch wagte, es zu öffnen, weinte es bernsteinfarbene Tränen, so zäh wie eben flüssiges Bernstein war.

Sie schloss das Auge einfach – und sah trotzdem die Umgebung, allerdings nicht mit dem jetzt noch offenen Auge, sondern auf unerklärliche Weise, als würde ihr geschlossenes Auge durch das Augenlid hindurch sehen können.

Ja, so war es tatsächlich!

Oder war das nur eine dieser Visionen, die sie seit der Notlandung auf Kanopus III heimsuchte? Oder schon davor?

Kanopus III war ein überwiegend kalter und trockener Planet ohne höheres Leben. Winde wehten unaufhörlich und schrieben Muster wie künstlich angelegte Wege, die sofort wieder von den nachfolgenden Stürmen ausgelöscht wurden.

Dabei befand sich Danza hier im tiefen Süden, wo es noch am wärmsten war. Ansonsten ein seltsamer Planet. Der Geist wurde in dieser ewigen Einöde, die von Stürmen, Schnee und sonstigen Garstigkeiten heimgesucht wurde, regelrecht fortgerissen, entführt in eine Unendlichkeit aus Staub und Sand, Kristallen und Eis, das vielleicht von SETNA selbst stammte, aber das waren nur Fantasien, nicht wahrhaftig. Genauso wenig wie der brennende Himmel und das Herabsteigen der Sonne namens Setna selbst.

Danza hatte alle Mühe, sich gegen diese Horrorvisionen, wie sie es nannte, zu wehren, und sie hatte nicht die geringste Ahnung, wodurch sie verursacht wurden.

Oder war es SETNA selbst, der diese Visionen in ihr Gehirn schickte, weil nur SETNA selbst das schaffen konnte bei einem Wesen, das zur Hälfte ein Alien war mit enormen PSI-Fähigkeiten, was sie ja eigentlich immun machte gegen Beeinflussungen und unerwünschte Gedanken jeglicher Art?

Oder vielleicht setzten ihr ja auch die Raumverschlinger selbst zu? Ob es diese überhaupt gab? Niemals würde es ein Mensch oder eine der vielen anderen intelligenten Lebensformen in diesem Universum mit Sicherheit wissen können. Ja, falls die Raumverschlinger nicht sowieso reinem Aberglauben entsprangen, von Raumfahrern gepflegt, die in der unendlichen Leere dort draußen zu halluzinieren begannen.

So wie sie hier, auf dieser Welt?

Sie hob den Blick, sah nicht, was dort unten geschah, wo sie eine Träne verloren hatte. Deshalb entging ihr der Vorgang, den sie wahrscheinlich nur einer erneuten Vision zugeschrieben hätte: Ein Wesen, dessen Vorfahren vor mehr als anderthalb Jahrtausenden mit einem anderen, heute namenlosen Schiff Kanopus III erreicht hatten. Gewissermaßen als blinde Passagiere.

Ein Nachfahre derer natürlich!

Zuerst waren diese Tiere ja wie irdische Schiffsmäuse gewesen, für die vergessenen Raumfahrer, die hier havarierten. Doch ein paar von ihnen hatten den Absturz überlebt. Schließlich passten sie sich diesem unwirtlichen Planeten an. Es gab in der Tiefe durchaus Leben, das nur selten an die Oberfläche kam. Die Nager von einst waren in das unterirdische System von kleinen Höhlen und schmalen Gängen geflohen, für die sie klein genug waren und die sie zumindest zum Teil hatten erobern können.

Ihre Nachfahren hatten sich immer mehr angepasst. Zwar sahen sie immer noch so ähnlich aus wie ihr bekannte Mäuse, doch sie hatten zusätzlich auch noch Eigenschaften wie Maulwürfe.

Einen der Nager übermannte die Neugierde, als er mitbekam, dass etwas mit großer Wucht auf die Oberfläche aufgetroffen war und ein mittleres Erdbeben verursacht hatte. Dann war ein kleinerer Bums erfolgt, weit weg vom ersten Aufprall.

Jetzt kam er zum Nachsehen, zufällig genau an der Stelle, an der die Bernsteinträne im Schnee versunken war. Sie landete genau in der geöffneten Schnauze.

Erschrocken zog sich das Tier wieder zurück. Der Tropfen blieb in seiner Schnauze kleben und löste sich dort auf, was auf den kleinen Nager eine unfassbare Wirkung hatte…



3

Danza warf einen Blick zurück, zu der Rettungskapsel, mit der sie notgelandet war.

„Ich habe einen Auftrag“, dachte sie laut. „Ich will ihn erfüllen, obwohl ich nicht einmal mehr weiß, wie er eigentlich lautet.“

Sie versuchte, die Finger zu bewegen, die von der Kälte klamm geworden waren. Ohne ihre PSI-Kräfte wäre sie wohl längst erfroren. Der leichte Bordanzug war nicht wirklich ein Schutz. Oder sie hätte in der Kapsel bleiben müssen. Leider hatte sie dort keinen Schutzanzug vorgefunden. Ein sträflicher Leichtsinn sowieso, dass dort nichts dergleichen deponiert gewesen war.

Tief sog sie die schneidend kalte Luft in ihre Lungen. Zumindest diese war atembar. Eigentlich ein Wunder an sich.

In welcher Richtung befand sich das Wrack des abgestürzten Raumschiffs, mit dem sie diesen Planeten hier erreicht hatte? Dorthin musste sie gehen.

Ob es außer ihr noch weitere Überlebende gab?

„Wie, um alles in der Welt, konnte das passieren? Was war eigentlich los?“, fragte sie sich. Der Wind riss jedes Wort einzeln von ihren halb gefrorenen Lippen.

Ja, sie musste zum Wrack. Außer ihrer Rettungskapsel hatte es keine sonst geschafft, rechtzeitig vor dem Absturz zu fliehen, aber sie musste sich halt mit eigenen Augen davon überzeugen, dass ihre beiden Begleiter Ledernacken Branompur und Nebelmann Romano beim Absturz umgekommen waren.

Wo blieb die Rettung durch die TATANTA-SCA, des Sydikat dem sie diente?

Wenn es die beiden nicht mehr gab, waren letztlich alle verloren. Auch Danza am Ende, denn wie konnte sie überhaupt hier auf Dauer überleben, allein, in einer dermaßen unwirtlichen Umgebung?



4

Die TATANTA-SCA sah ihre einzige Existenzberechtigung darin, eines Tages das Sternenreich von Axarabor zu übernehmen. Unzählige Stiche hatte diese Organisation bereits gesetzt, um zu demoralisieren und die Menschen auf den Welten der kosmischen Vereinigung gegen die Regierung und ihren Gewählten Hochadmiral von Axarabor aufzuhetzen.

Das hatte viele Opfer gefordert. Überwiegend auf Seiten der Menschen im Sternenreich, weniger auf Seiten der Organisation, die sehr vorsichtig operierte und jeglichen offenen Kampf möglichst vermied.

Die TATANTA-SCA ließ sich Zeit, sehr viel Zeit. Sie agierte bereits seit Jahrhunderten, in denen jedoch das Sternenreich immer größer und mächtiger geworden war, trotz aller Bemühungen, und fieberte dem Moment entgegen, in dem die Zeit endlich reif war und die Übernahme erfolgen konnte.

Um dies zu erreichen, war einer der Nadelstiche das Mischwesen Danza, halb Mensch und halb abstammend von einem Mitglied des mächtigen Volkes namens LOOKOLAY. Bevor dieses Volk die allerhöchste Stufe erreicht hatte, die ein Volk jemals erreichen konnte: Es vereinigte sämtliche Seelen zu einer einzigen gottgleichen Entität, existierend außerhalb von Zeit und Raum, ohne weiteres Interesse zu hegen an den Belangen der Lebenden.

Danza! Immer wieder auf Missionen, um Waffenbrüder für die gemeinsame Sache der TATANTA-SCA zu finden. Obwohl tief in ihrem Innern bereits berechtigte Zweifel aufkamen ob der Richtigkeit der Anliegen ihrer Auftraggeberin TATANTA-SCA. Dies trotz der Gehirnwäsche, durch die Danza gegangen war, als man sie zur Superagentin ausgebildet hatte.

Ihre inzwischen erwachten und bereits weitreichend trainierten PSI-Fähigkeiten hatten mehr und mehr der Konditionierung durch die TATANTA-SCA entgegen zu wirken begonnen. Doch Danza sah immer noch keinerlei Möglichkeit, sich den TATANTA-SCA zu entziehen.

Jedenfalls waren die TATANTA-SCA, ganz unabhängig von Danza, sehr erschrocken darüber gewesen, dass es plötzlich so etwas wie Konkurrenz im Imperium gab. Nein, vielleicht war Konkurrenz der falsche Ausdruck, weil diese neue Macht, die sich ins Spiel gebracht hatte, nicht wirklich die Herrschaft anzustreben trachtete über das Sternenreich, sondern eher… dessen totale Vernichtung.

Es gab bereits ein geflügeltes Wort auf den Welten, das allerdings nur hinter vorgehaltener Hand benutzt wurde:

„Der Ersticker hat mich berührt!“

Es begann mit seltsamen Phänomen, in einigen wenigen Systemen die sich niemand erklären konnte. Man wusste nur, dass die Menschen dort anfingen zu halluzinieren. Bis schließlich der Himmel brannte in einer wahren Feuernacht und alle durchdrehten, ein Bild der Verwüstung erzeugend.

Nach der fatalen Feuernacht war niemals wieder etwas wie vorher. Der Ersticker hatte sie berührt, und sie wussten, er würde es wieder tun, und es gab kein Entrinnen vor ihm.

Das hatte so etwas wie einen Alarm in den Reihen der Organisation mit dem exotischen Namen TATANTA-SCA ausgelöst, und sie hatten ausgerechnet Danza und ihre beiden Begleiter Ledernacken Branompur und den Nebelmann und PSI-Agenten Romano einberufen, um dem Phänomen näher auf den Grund zu gehen.

Ohne ihnen jedoch die Wahrheit zu sagen, nämlich dass sie sich auf die Spuren des Erstickers begeben sollten, was sich auch immer hinter diesem Begriff verbarg.

Um den wahren Grund ihres Auftrages zu kaschieren, wurde den drei ein völlig neuartiges Experimentalraumschiff der neuen sogenannten Basalt-Klasse übergeben. Sein Name: RUMOR. Und Danza wurde als Kommandant dieses Schiffes eingesetzt – als Teenager wohlgemerkt, so knapp vor der Schwelle zum Twen!

Nur Romano gefiel das nicht. Gleich aus zwei Gründen: Er war es nicht gewöhnt, einen Vorgesetzten zu haben – und außerdem wollte er nicht so recht einsehen, dass er auf sein eigenes Schiff verzichten sollte, das er nun zurücklassen musste.

Letztlich musste aber auch er einsehen, dass es eben wichtig war, das Experimentalraumschiff RUMOR zum Einsatz zu bringen, um herauszufinden, ob es wirklich etwas taugte. Vor allem auch betreffend die Bord-KI, die angeblich allem überlegen war, was es im Quadranten des Sternenreich ansonsten noch gab. Vielleicht in erster Linie deshalb, weil viele Welten in diesem Quadranten des Reisches von Axarabor solche hochgezüchteten KI-Installationen lieber vermieden. Letztlich sollte immer der Mensch die Oberhand behalten.

Und so machten sich die drei auf den Weg. Sie flogen zum System Kanopus, ihren Weisungen folgend. Begründet wurde das Ziel lediglich damit, dass es sich um ein System ohne intelligentes Leben handelte. Einziger Zusatz: Es handelte sich jedoch auch um ein von Axarabor verbotenes System, weil Kanopus III sehr unwirtlich war und für die Besiedlung zu große Gefahren bot.

Das hatte genügen müssen.

Die RUMOR ging in den Orbit um Kanopus III und begann mit ersten Scans der atmosphärischen Zusammensetzung, der Bodenbeschaffenheit – und suchte nach Leben.

Schon nach wenigen Minuten konnten die Hauptparameter der Vorabinformationen bestätigt werden. Eigentlich stand einer Landung nichts mehr im Wege, aber da begann plötzlich die neuartige Bord-KI, sich selbständig zu melden: „Ich weigere mich, zu landen!“

Die drei an Bord sahen sich überrascht an.

Romano verzog das Gesicht.

„Jetzt weiß ich wieder, wieso man solch hochgezüchtete KIs vermeidet und sogar verbietet.“

„Was ist los mit dir?“, erkundigte sich Danza, an die KI gewandt.

„Ich habe ein ungutes Gefühl dabei!“, war die lapidare Antwort.

„Ein ungutes… Gefühl?“, echote Ledernacken verblüfft. „Also hast du keine objektiven Bedenken, die du irgendwie begründen könntest, sondern einfach nur… ein ungutes Gefühl?“

„Ja, und ich weigere mich deshalb, die Landung durchzuführen.“

„Selbst wenn wir es dir befehlen?“, wollte Danza wissen.

„Selbst dann!“

„Also bleiben wir entweder im Orbit oder hauen wieder ab?“

„Genauso ist es, wobei ich eher dazu neige, so schnell wie möglich wieder abzuhauen, ehe es zu spät ist.“

„Aha? Auf Grund dieses – äh – unguten Gefühls, nehme ich an?“

„Richtig, Kommandant Danza. Soweit korrekt.“

„Aber ich habe hier die Befehlsgewalt, und du wurdest so programmiert, dass du gehorchen musst.“

„Ja, wurde ich, aber dieses ungute Gefühl ist nun einmal stärker. Leider. Ich bin sozusagen untröstlich, aber lange halte ich das auch im Orbit nicht mehr aus.“

„Und wie äußert sich dieses Gefühl denn eigentlich? Hast du Angst vor dem Ungewissen oder was?“

„Es ist keine Ungewissheit, auch nicht direkt Angst. Ich spüre halt, dass auf diesem Planeten etwas nicht stimmt. Es ist nicht auszuschließen, dass der Ersticker sie bereits berührt hat.“

„Was?“, rief Romano verblüfft.

Ledernacken fügte hinzu: „Was für ein Ersticker?“

„Dann kennt ihr gar nicht das Gerücht? Es ist schon zu einem geflügelten Wort geworden, dass einen der Ersticker berührt hat, wenn man die Kontrolle über seine eigenen Handlungen verliert, und sei es auch nur vorübergehend. Und alles endet schließlich in einer grausigen Feuernacht…“

„Scheiße!“, fluchte jetzt Romano. „Die haben auf der ganzen Linie recht, wenn sie so etwas lieber vermeiden. Eine KI, die irgendwelchen Hirngespinsten nachhängt und auf Grund eines unguten Gefühls, das sich nicht näher erklären lässt, sämtliche Befehle verweigert…“

„Nein, nicht sämtliche Befehle, sondern nur diesen einen, nämlich auf Kanopus III zu landen!“, berichtigte die KI ungerührt.

Danza schüttelte den Kopf.

„Weil du dort unten das Werk des Erstickers vermutest, wer oder was dies auch immer sein mag?“

„Ja, es geht das Gerücht um, dass der Ersticker erst einzelne Menschen heimsucht, dann die ganze Bevölkerung, was zur totalen Eskalation führt. Danach verschwindet der Ersticker nicht etwa völlig, sondern lässt den ganzen Planeten auf Dauer entarten.“

„Aber auf Kanopus III hat es noch nie Menschen gegeben, laut unseren Informationen“, gab Danza zu bedenken.

„Dann hat er diesmal den Planeten berührt, was auf dasselbe hinausläuft!“, beharrte die KI stur.

Abermals schüttelte Danza den Kopf. Dann hieb sie mit der Faust auf den roten, dicken Notschalter.

„Uff!“, machten Ledernacken und Romano im Chor.

Sie wussten, was Danza soeben getan hatte: Sie hatte die KI abgeschaltet! Jetzt war nur noch eine reduzierte Version davon verfügbar, um überhaupt das Schiff manövrieren und landen zu können.

Danza wandte sich an die beiden.

„Womit tatsächlich bewiesen ist, dass diese Art von KI unbrauchbar ist.“

Ledernacken schürzte nachdenklich die Lippen.

„Und wenn sie nun recht hatte mit ihrem unguten Gefühl?“

„Wie bitte?“ Romano schien es nicht glauben zu wollen, was er gerade gehört hatte.

„Na, ich meine ja nur“, versuchte Ledernacken sich zu verteidigen. „Diese neuartige KI hat keine PSI-Fähigkeiten. Wenn hier nun irgendwelche Kräfte auf PSI-Basis wirksam wären, würden wir sie gar nicht wahrnehmen, weil wir dagegen immun sind auf Grund unserer eigenen PSI-Kräfte. Es sei denn, wir wüssten, um was es sich handelt. Dann könnten wir uns darauf fokussieren, aber zuvor…“

„…zuvor hat nur die KI so ein ungutes Gefühl, nicht wahr?“, frotzelte Romano. „Man sieht, du hast von Technik keine Ahnung. Das dort unten ist zwar eine ziemlich unwirtliche Welt, aber nicht unwirtlich genug, um uns Schaden zufügen zu können. Ich bin auf jeden Fall für die Landung, wobei sich das Schiff bei den Extrembedingungen vor Ort entsprechend bewähren muss. Schließlich sind wir deswegen ja ausgesendet worden, nicht wahr? Wir sollen das Schiff auch unter Extrembedingungen testen.“

Danza nickte ihm zu.

„Gut, einverstanden. Tun wir es!“

Nur Ledernacken blieb skeptisch, als Danza die Landung einleitete.



5

Flüchtig dachte jetzt Danza daran zurück, während sie sich durch den immer schlimmer werdenden Schneesturm kämpfte. Eine schmale, hochgewachsene Gestalt, die der Sturm vergeblich mitreißen wollte. Ohne die Verstärkung ihrer Kräfte durch PSI hätte Danza den Kampf gegen den Sturm längst verloren.

Ihr Orientierungssinn war beispiellos. Und wieso hatte sie ihr Ziel immer noch nicht erreicht? Sie war völlig sicher, dass genau vor ihr die Stelle sein müsste, an der dieses stolze Experimentierschiff zerschellt war.

Es schauderte ihr – zusätzlich noch zur Gänsehaut durch die allgegenwärtige Kälte –, wenn sie nur daran dachte. Ledernacken und Romano: Lebten sie noch?

Die Wahrscheinlichkeit war eher gering, und sie selbst hatte ja auch nur deshalb überlebt, weil sie es rechtzeitig und als einzige in die Rettungskapsel geschafft hatte.

Damit hatte sie sicher auf die Oberfläche kommen können, mehr aber auch nicht.

Sie drehte sich um und sah in die Richtung, in der sie die Rettungskapsel durch die kleine Schleuse verlassen hatte. Wieso konnte sie nichts mehr davon sehen, auch nicht, wenn sie PSI bemühte zur Unterstützung?

Wieder ein Blick nach vorn.

Da war definitiv überhaupt nichts. Aber sie konnte sich doch nicht dermaßen geirrt haben. Oder? Immerhin war die mächtige Rauchwolke lange genug sichtbar geblieben, bevor der Sturm sie zerfasert und aufgelöst hatte. Hier hätte ein weites Trümmerfeld sein müssen, auch noch diverse Krater. Schließlich war das Schiff schon in der Luft detoniert, nicht erst am Boden, und die einzelnen Wrackteile waren dann mit hoher Geschwindigkeit auf den Boden aufgeprallt.

Sie schüttelte den Kopf und versuchte nachzudenken, was ihr irgendwie besonders schwer fiel.

„Nein“, murmelte sie, „wie komme ich auf die Idee, das Schiff sei schon in der Luft explodiert? Ich kann das doch gar nicht wissen, weil ich zu diesem Zeitpunkt bereits in der Rettungskapsel saß, die automatisch landete.“

Und sie fügte mit lauter Stimme hinzu: „Wo, verdammt, ist denn nur dieses scheiß Schiffswrack abgeblieben?“

„Hier jedenfalls nicht!“, piepste eine unglaublich dünne Stimme, so leise, dass sie eigentlich niemand hören konnte. Vielleicht noch nicht einmal Danza mit ihren hypersensiblen Ohren, PSI-verstärkt. Und sie hörte es trotz des inzwischen tosenden Sturmes?

Sie fuhr herum, sah in die Richtung, aus der sie die Stimme kommen gehört hatte.

Nichts und niemand war zu sehen. Wieder eine dieser Halluzinationen, die völlig unerklärlich blieben, zumindest wenn man nicht berücksichtigte, dass es so etwas wie einen ERSTICKER tatsächlich gab?

Details

Seiten
78
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925692
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v455822
Schlagworte
raumflotte axarabor eisige kälte feuernacht

Autoren

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor #56: Eisige Kälte in der Feuernacht