Lade Inhalt...

Bolthar, der Wikingerfürst Band 10: Der Bote Thors

2018 120 Seiten

Leseprobe

Bolthar, der Wikingerfürst Band 10: Der Bote Thors

Tomos Forrest

Published by BEKKERpublishing, 2019.

Bolthar, der Wikingerfürst Band 10: Der Bote Thors

Tomos Forrest

––––––––

image

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: 123 RF mit Steve Mayer, 2019

Created by Thomas Ostwald mit Jörg Martin Munsonius, 2019

Lektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

image
image
image

Klappentext:

image

Ein wildes Gemetzel rund um die neue Ansiedlung Garpurs führte dazu, dass sich Bolthar und Fringa auf dem Schlachtfeld gegenüberstanden. Aber die Götter schienen erneut gewürfelt zu haben, denn Vater und Tochter landeten schwer verwundet im gleichen Fischerdorf.

Der Gode Afdrif, ein blinder Seher, der von einem verwilderten Kind geführt wird, behauptet, direkt von Thor zu Bolthar geschickt worden zu sein und auch andere, unberechenbare Kräfte scheinen hier ihre Hand im Spiel zu haben ...

***

image
image
image

1.

image

Der Regen hatte endlich nachgelassen. Doch zu diesem Zeitpunkt war das Schlachtfeld bereits vollkommen in eine einzige Schlammwüste aus Dreck, Wasser und Blut verwandelt. In grotesken Haltungen lagen überall die Toten so herum, wie sie sich in ihrem letzten Augenblick zusammengekrümmt hatten, als sie der tödliche Streich traf. Auffallend war die Ansammlung von zahlreichen Toten, die gemeinsam mit ihren Pferden an einer Stelle zusammenlagen, an der sich ein leichter Hügel erhob.

Als die zweite Gruppe der Reiter eintraf, war der Himmel noch immer bleigrau und aus den Wolken fielen große Mengen Wasser, die nicht dazu beitrugen, das Land leichter passierbar zu machen.

Doch die Gruppe wurde von einem alten, erfahrenen Jarle angeführt, der schon so manche Kämpfe in einem Schildwall durchgestanden hatte und von den anderen als einer der wichtigen Männer König Haralds ausgewählt wurde. Er war zudem längst als Christ getauft und damit für Harald Blåtand ein verlässlicher Gefolgsmann, denn der König hatte sich unlängst von dem Priester Poppo taufen lassen und verlangte jetzt von allen Adligen, sich ebenfalls taufen zu lassen und ihm dann erneut die Treue zu schwören. Þrándur, genannt der ‚Eber‘, war genau auf dieser Linie und damit ein treuer Gefolgsmann des Königs, der sich von allen trennte, die diesem Weg nicht folgten.

Außerdem wurde hinter vorgehaltener Hand getuschelt, dass der Eber noch eine alte Rechnung mit dem mächtigen Fürsten aus dem Norden zu begleichen hatte: Bolthar. Als Þrándur erfuhr, dass eine Gruppe Fryd-Bauernkrieger, unter der Führung von Adfall, dem Jüngling, unterwegs zu der neuen Siedlung im Norden war, bestand er darauf, sofort aufzubrechen und ihn zu unterstützen. Dazu kam dann auch noch die junge, blonde Frau, die völlig atemlos das Lager Þrándurs erreichte.

Garpurs Tochter Stjarni brachte hastig ihren Bericht vor, war dann aber vor Erschöpfung von dem langen Weg, den sie fast nur laufend zurückgelegt hatte, zusammengebrochen. Einer der Unterführer sorgte dafür, dass sie in einem kleinen Dorf ein Dach über dem Kopf erhielt und versorgt wurde.

Doch es kam, wie es Þrándur vorausgesehen hatte.

Adfall wurde von der Kampfweise Bolthars vollkommen überrascht, alle Reiter verloren innerhalb kurzer Zeit ihre Pferde und wurden im Handgemenge von den erfahrenen Kriegern getötet (vgl. Bolthar, der Wikingerfürst Band 9, In Garpurs Gewalt). Nun betrat der nächste Gefolgsmann König Haralds das Schlachtfeld im noch immer konstanten Regen, um sich einen Überblick zu verschaffen und seinem König zu berichten.

Seine Männer stiegen ab und begannen, den Platz abzuschreiten, wie es kurz zuvor noch die Krieger Bolthars getan hatten, bis sie die Kriegerschar zu Pferd näherkommen sahen und es vorzogen, sich lieber in ein nahes Wäldchen zu begeben und von dort in sicherer Deckung zu beobachten, was hier als Nächstes geschah.

Bent war unruhig, denn es kribbelte ihm in den Fingern, mit seinen Kriegern aus den Büschen herauszustürmen und sich auf die Männer König Haralds zu werfen. Doch die ruhiger überlegenden Gulkollur und Bjor konnten ihn davon abhalten. So sah Bent zähneknirschend mit den anderen zu, wie Haralds Männer von einem zum anderen der Gefallenen gingen und ihnen in das Gesicht starrten.

Offenbar suchten sie jemand unter den Toten, und Bent war davon überzeugt, dass es sich um Bolthar handeln müsste. Doch ihren Jarle hatten sie selbst auf dem Platz nicht gefunden, und nur diese Tatsache hielt sie noch in der Nähe, weil keiner von ihnen glauben wollte, dass Bolthar auf dem Schlachtfeld getötet und direkt von den Walküren aufgenommen und in Odins große Halle gebracht wurde. Der tote Körper eines gefallenen Kriegers blieb für gewöhnlich vor Ort, jedenfalls hatte keiner von ihnen jemals etwas anderes gehört.

Endlich kam der Moment, in dem alle wieder aufsaßen und ihre Pferde nach Westen, zur Küste trieben. Bent stieß einen erleichterten Seufzer aus, auch die anderen waren froh, dass die Männer König Haralds unverrichteter Dinge abzogen. Doch die Sorge um ihren Jarle blieb.

Mehrere hatten ihn noch in dem dichten Regen kämpfend gesehen, einer der Krieger schwor auf Odin, Thor und jeden anderen, gewünschten Gott, dass er ihn im Kampf mit einer Rothaarigen gesehen hatte.

„Eine rothaarige Schildmaid? Ist es das, was du uns mitteilen willst?“, herrschte Bent den Krieger an.

Der Mann zuckte gleichgültig die Achseln.

„Schildmaid, Kriegerin, Walküre – ich kann es dir nicht sagen, Bent. In dem fürchterlichen Regen habe ich die Umrisse Bolthars dicht neben mir erkannt, da besteht kein Zweifel. Und dann kam eine Frau mit roten Haaren und einem Schwert in der Hand an mir vorüber. Es war ein starkes Schwert, kein Sax, und die Frau konnte damit umgehen. Beide verschwanden vor meinen Augen im Regen, sodass ich genauso gut schwören könnte, einer der Götter hätte beide aufgenommen und nach Walhall gebracht.“

„Ein heftiger Kampf, hey?“, erkundigte sich Bent noch einmal, und der Krieger nickte.

„Auf Leben und Tod, Bent, und nicht so, als würde sich ein Vater freuen, seine Tochter nach langer Zeit wieder in die Arme zu schließen. Wie ich in dem kurzen Moment erkennen konnte, schonte niemand den anderen. Aber dann musste ich mich selbst gegen meine Gegner wehren und konnte nicht mehr zu den beiden hinübersehen. Wir befanden uns schließlich nicht in einer Arena, sondern auf dem Schlachtfeld in einem Kampf auf Leben und Tod mit den Männern König Haralds!“

Bent stieß einen verächtlichen Pfiff aus.

„Schöne Männer des Königs waren das! Angeführt von einem Grünschnabel, der noch nicht einmal einen ordentlichen Bart aufweisen konnte, und alles Bauern, die zwar reiten konnten, aber ihre Schwerter führten, als wollten sie uns streicheln!“

Der Krieger, der über das Zusammentreffen zwischen Fringa und Bolthar berichten konnte, strich sich bei dieser Bemerkung über die Stirn, an der sich eine frische, blutige Schramme abzeichnete. Das sah wirklich nicht nach einer sanften Berührung aus, aber das interessierte keinen der anderen, dazu waren solche leichten Verletzungen zu gewöhnlich.

Bent setzte sich auf einen umgestürzten Baumstamm und sah in die Ferne, wo eben die letzten Reiter über einen Hügelkamm verschwanden. Er hatte seinen Rundschild neben sich an den Stamm gelehnt und stocherte mit einer Lanzenspitze in der Erde zu seinen Füßen herum, als könne er dort das rätselhafte Verschwinden seines Jarle aufklären.

Schließlich richtete er seinen Blick auf Gulkollur und Bjor.

„Wo ist Bolthar?“

„Sein Verschwinden vom Schlachtfeld ist genauso seltsam wie das von Fringa. Wenn die beiden aufeinandergestoßen sind, werden sie sich bis zum Schluss bekämpft haben. Ich zweifle nicht daran, dass Bolthar seiner Tochter schon körperlich überlegen war, aber wir können nicht ausschließen, dass sie mit List und Schnelligkeit einen Vorteil errungen hat.“

„Willst du damit behaupten, sie hätte ihren eigenen Vater getötet?“, rief Gulkollur ungläubig aus.

Bent konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

„Was hättest du denn an ihrer Stelle getan? Oder umgekehrt, an Bolthars Stelle? Seine Tochter flieht mit einem Christen aus der Heimat, während ihr Vater nicht anwesend ist. Sie geht mit diesem Garpur an die Küste in eine Stadt und verleugnet die Götter, bekennt sich zum Christentum und kämpft von da an gegen jeden Krieger, der sich auf einem Viking befindet und das Pech hat, an sie oder Garpur zu geraten!“, antwortete der Unterführer.

„Ich muss einen Moment nachdenken. Ich glaube, ich habe eine Idee!“, ließ sich der eher schweigsame Bjor vernehmen. Er strich über sein dunkles Barthaar, in dem sich die ersten weißen Streifen zeigten. Bei der Bewegung klimperten seine silbernen Armreifen, die jeder der Krieger trug. Sie kündeten nicht nur von zahlreichen, überlebten Kämpfen, sondern auch vom Wohlstand ihres Trägers.

Jetzt stand der Unterführer auf, brach einen kleinen Zweig von dem umgestürzten Baumstamm ab und begann, damit auf der nassen Erde Linien zu ziehen. Interessiert sahen ihm dabei die anderen zu, lachten aber über die Bemühungen des Unterführers, ihnen wohl mit einer Zeichnung etwas erklären zu wollen.

„Bjor, wenn du diese Schlacht für die Skalden festhalten willst, empfehle ich dir, Runen zu verwenden!“, sagte Gulkollur und gluckste vor Heiterkeit.

Doch der andere ließ sich nicht ablenken. Er zog noch ein paar Linien. Schließlich blickte er die beiden Gefährten an und sagte:

„Für den Fall, dass ihr Holzköpfe versteht, was ich meine: Hier haben wir die neue Ansiedlung niedergebrannt.“

Er deutete auf einen Punkt, und wieder stießen sich Gulkollur und Bent in die Rippen und grinsten unverschämt.

„Ich glaube, das war weiter hier drüben!“, antwortete Bent und stellte seinen Fuß auf einen anderen Punkt.

„Bei den Krallen des Fenrir-Wolfes!“, schrie Bjor sie jetzt wütend an. „Wenn ihr zu blöde seid, meinen Erklärungen zu folgen, verzichte ich auf alles Weitere. Ich breche jetzt auf, denn ich habe eine Ahnung, wo wir Bolthar finden können!“

„Komm, Gulkollur, wir müssen ihn ernst nehmen!“, feixte Bent. „Die Götter haben ihm ein Zeichen gegeben!“

Bjor drehte sich verärgert ab, aber nun lenkte Bent rasch ein und legte ihm mit einer beruhigenden Geste die Hand auf die Schulter.

„Komm schon, Bjor, du wirst einen Spaß unter Freunden nicht übel nehmen! Aber, was du da in den Dreck geritzt hast – ich verstehe es nicht!“

Bjor warf den beiden noch einen geringschätzigen Blick zu, dann begann er mit seinen Erklärungen.

„Was ich euch einfältigen Schlagetots erklären wollte, ist Folgendes: Hier ist der Ort der Ansiedlung am Fluss. Der Angriff der Bauernkrieger erfolgte etwas versetzt davon, hier bei den Hügeln. Wir sehen auf die Kampfstätte von hier aus, das soll das Wäldchen sein.“

„Aha, aber das wissen wir doch alles ohnehin, Bjor, wir waren mit dabei, verstehst du? Wir standen neben dir im Schildwall und haben die Bauern getötet!“

„Richtig, Gelbkopf – oder sollen wir dich lieber künftig Áni (Dummkopf) nennen?“

Bent und Gulkollur verkniffen sich das Grinsen, warfen sich aber immer noch bedeutsame Blicke zu.

„So, was meine ich mit dieser geschlängelten Linie?“

„Dass Jörmungandr, die Midgardschlange, nicht weit ist und damit der Tag des Ragnarök bald kommt?“

„Bent, ich hoffe, dass die Schläge, die du auf den Kopf bekommen hast, irgendwann dazu führen, dass du auf Walhalla verzichtest und freiwillig in Hels Reich einziehst. Ich möchte jedenfalls nicht bis an das Ende aller Tage dort mit dir sitzen müssen und Met trinken, während du mir mit deinen dummen Geschichten in den Ohren liegst!“, blaffte ihn Bjor an.

„Oho, hast du das gehört? Er glaubt tatsächlich noch immer, dass er in die große Halle Odins gebracht wird! Dabei wird er eines Tages beim Scheißen tot umfallen, und das ist nicht gerade ein Tod, der eine Walküre anlocken wird, um dich in die Halle zu bringen!“

Die beiden Freunde lachten laut heraus, und Bjor gab seine Bemühungen auf.

„He, wo willst du hin?“, rief ihm Bent nach, der jetzt einsah, dass sie zu weit gegangen waren. Aber der Freund blieb nicht mehr stehen, gab seinen Männern ein Zeichen, und alle nahmen ihre Waffen auf.

„Bjor, nun rede doch mit uns!“, rief ihm Bent nach, aber der Unterführer stapfte mit seinen Gefolgsleuten durch den Matsch in Richtung des Flusses, um dort seinem Lauf zu folgen.

Gulkollur und Bent sahen sich rasch an. Gleich darauf gaben sie ihren Kriegern ein Zeichen, und bald hatten sie die vorausgegangenen Männer eingeholt. Der vom Regen völlig aufgeweichte Boden ließ kein rasches Schreiten zu, und mehrfach rutschten die Männer aus, wenn es über eine kleine Anhöhe ging.

image
image
image

2.

image

Es war der rasende Schmerz, der ihn wieder aus seiner Ohnmacht holte.

Blinzend riss Bolthar die Augen auf und versuchte, sich zu orientieren. Der Regen hatte endlich nachgelassen, aber noch immer fiel ein feiner, dünner Wasserschleier vom schwarzen Himmel. Er versuchte sich zu bewegen, aber das war nicht einfach, denn etwas lag auf ihm und drückte ihn zu Boden. Die Nacht war von einer so tiefen Schwärze, dass er noch nicht einmal seine unmittelbare Umgebung erkennen konnte. Behutsam tastete er nach dem Gewicht und erkannte den erstarrten Körper eines Mannes, der über ihm lag. Angewidert versuchte Bolthar, ihn beiseitezuschieben, musste dann aber feststellen, dass das nicht möglich war. Noch etwas lag auf seinen Füßen und belastete sowohl den Toten wie auch ihn selbst. Also drehte er sich langsam und mühevoll unter dieser Last auf den Bauch und musste die Zähne zusammenbeißen, um nicht laut aufzuschreien.

Als würde ihm jemand ein Messer in die Seite stoßen und es herumdrehen, brachte ihn der plötzliche Schmerz wieder an den Rand einer Ohnmacht. Schwer atmend verhielt Bolthar, bevor er seine Finger in die schlammige Erde krallte, seine Füße einstemmte und sich auf diese Weise, Stück für Stück, unter den toten Körpern hervorarbeitete.

Der Regen konnte den starken Geruch von Blut, Schweiß und Urin nicht vollständig wegwaschen. Und da stach noch etwas in seine Nase, es war ein Hauch von Heu und Pferdemist.

Ein totes Pferd! Auf mir liegt der Reiter, zu meinen Füßen ist das Pferd verendet! Ich kann den Göttern danken, dass nicht beide vollständig auf mir liegen – ich wäre hier unter diesen Toten elendig verreckt!

Endlich hatte er sich herausgezogen und sank auf seine Unterarme, ohne sich um die Nässe und den Dreck zu kümmern. Bolthar fühlte sich am Ende seiner Kräfte, musste mehrfach tief und heftig durchatmen, wobei die Schmerzen von seiner Hüfte den Rücken hinaufschossen und ihn für eine Weile lähmten.

Nach einer kurzen Rast konnte er endlich weiterkriechen, aber er fühlte sich, als wäre er blind geworden und müsste sich nun nur noch durch Tasten orientieren. Mehrfach griffen seine Hände dabei in Flüssigkeiten, die ihm in der Dunkelheit glücklicherweise nicht ihren Ursprung verrieten. Offenbar ging es einen leichten Hang hinauf, und das konnte nur gut sein, denn dahinter mussten die Reste der zerstörten Ansiedlung liegen. Bolthar hoffte, dass seine Krieger dort lagerten und ein Feuer entzündet hatten, um sich zu trocknen und etwas Essen zuzubereiten.

Bei dem Gedanken an eine warme Mahlzeit knurrte sein Magen laut, und in diesem Augenblick wäre ihm selbst ein angebrannter Getreidebrei willkommen gewesen. Größere Ansprüche hatte er nicht, aber jetzt galt es zunächst einmal, den Hügelkamm zu erreichen. Bolthar hegte die Hoffnung, dass er dort besser sehen konnte, denn die nachtschwarze Umgebung würde da sicher einen helleren Hintergrund bieten. In dieser Richtung vermutete er den Verlauf des Flusses, und vielleicht konnte er von der Anhöhe sogar bis zum Meer blicken.

Doch plötzlich kam er ins Rutschen, weil der schlammige Untergrund nachgab, und ehe er sich versah, rollte er seitlich mit steigender Geschwindigkeit abwärts. Schon nach der zweiten, unfreiwilligen Umdrehung verlor Bolthar erneut das Bewusstsein, denn die Schmerzen seiner Hüftverletzung rasten durch den Körper und wüteten in seinem Kopf.

Sein nächstes Erwachen war kaum angenehmer.

Der Untergrund, in dem er gelandet war, fühlte sich noch nasser an als zuvor, obwohl das kaum noch möglich war. Jetzt schob Bolthar tastend seine rechte Hand vor und erschrak. Er musste unmittelbar am Flussufer liegen, denn seine Hand hatte das eiskalte Wasser berührt. Doch die Wasseroberfläche unterschied sich kaum von der Umgebung, es herrschte nach wie vor eine undurchdringliche Dunkelheit.

Bolthar schob sich noch ein Stück weiter, fuhr mit der Hand durch das Wasser und schöpfte sich etwas in den ausgetrockneten Mund, bevor er abermals versuchte, seinen Weg am Ufer fortzusetzen. Seine Hände stießen auf ein Stück raues Holz und packten zu.

Was ist das? Der Rest eines Hauses? Bin ich denn mit Blindheit geschlagen, ihr Götter, dass ich hier nichts erkennen kann? Thor, ich flehe dich an, hilf deinem treuesten Diener!

Es schien sich um eine Planke zu handeln, denn so weit seine Hände nach links und rechts fuhren, gab es kein Ende. Schließlich begann er, seinen Oberkörper daran hochzuziehen, obwohl das erneute Schmerzwellen von der Hüfte auslöste. Endlich die Erkenntnis:

Ein Boot! Hier liegt ein Boot! Offenbar ... ja, es ist winzig, vermutlich nur ein kleiner Nachen, wie er von den Flussfischern benutzt wird ...

Bolthar versuchte, sich mithilfe des Bootes aufzurichten. Er hatte seinen Oberkörper noch nicht in eine senkrechte Position gebracht, als ihn plötzlich ein Schwindel packte, er erneut das Bewusstsein verlor und dabei in das Boot fiel.

Auch das nächste Erwachen war für Bolthar nicht einfacher. Zuerst spürte er, dass sich um ihn herum irgendetwas zu bewegen schien. Gleich darauf jagte bei der nächsten Bewegung erneut dieser bohrende, tiefe Schmerz durch seinen gequälten Körper.

Das ist für Fringa. Du hast deine eigene Tochter getötet!

Bolthar versuchte, die Augen aufzureißen, aber das gelang ihm nicht so ohne Weiteres. Die Lider waren verklebt, er konnte seine Arme nicht bewegen, und wiederholte den gerade gefassten Gedanken, beantwortete ihn selbst.

Ich habe Fringa nicht getötet. Unmöglich. Sie ist meine Tochter. Sie ist mein Leben. Sie ist alles, was ich noch habe!

Endlich konnte er seine Lider aufreißen, aber mehr als die Dunkelheit um sich nahm er nicht wahr. Es war noch immer Nacht, aber er bewegte sich auf einer Unterlage, die aus glatten Hölzern bestand.

Ich bin an Bord eines Bootes. Dieses Boot treibt auf einem Fluss. Ich sehe eine Frau. Sie ist schön. Aber ihre Haut ist seltsam. Auf der einen Seite normal. Auf der anderen Seite jedoch blau-schwarz. Ich bin gestorben und nicht von den Walküren in Odins lange Halle gebracht worden.

Diese Erkenntnis durchzuckte Bolthar und schmerzte mindestens ebenso stark wie eine Stelle an seiner Hüfte, von der immer wieder ein brennender Schmerz über seine Rückenwirbel bis in den Kopf zog.

Das bedeutet, ich befinde mich in Hels Reich. Ich bin nicht von den Walküren vom Schlachtfeld in Odins Halle gebracht worden. Das bedeutet ... das bedeutet, dass ich einen Fehler gemacht habe. Fringa!

Unbewusst hatte er ihren Namen laut hinausgeschrien und das wurde ihm erst jetzt bewusst. Verwundert schlug Bolthar erneut die Augen auf und sah sich um. Am fernen Horizont erkannte er endlich einen zarten, grauen Streifen, der die nächtliche Dunkelheit durchdringen wollte.

Aber was, um Lokis Willen, führte ihn da ständig weiter, einem unbekannten Ziel entgegen? Wer war da mit ihm unterwegs? Ich bin also auf dem Gjöll, dem Fluss der Toten, unterwegs in das Reich Hels, genannt Helheim. Aber warum? Ich bin ein Krieger und nicht auf dem Strohlager gestorben, sondern auf dem Schlachtfeld. Ich habe ein Recht darauf, an der Tafel Odins zu sitzen!

Der schmale Nachen stieß zum wiederholten Mal gegen das Ufer, aber diesmal reichte die Kraft des Stromes nicht aus, um ihn weiterzutreiben. Hier war ein Baum angeschwemmt worden, und in dessen Ästen verfing sich das Fahrzeug der Flussfischer. Bolthar war plötzlich in der Nähe einer kleinen Siedlung, deren erstes Haus genau gegenüber von diesem Platz lag. Wäre er bei klarem Bewusstsein gewesen, hätte er den Willen der Götter in dieser Situation verstanden und wäre fröhlich aus dem Nachen geklettert. So aber haderte er mit den Asen, dass er in das Totenreich musste, anstatt mit seinen alten Gefährten in Odins Langhaus zu zechen und mit den alten Geschichten zu prahlen.

Das Leben war ungerecht, und ungerecht ist diese Welt!

image
image
image

3.

image

Sie sind endlich weg, jetzt oder nie!“, flüsterte die Stimme, und ein dunkler Körper erhob sich am Rande des Schlachtfeldes.

„Ich weiß nicht, wir sollten noch etwas warten, Olav!“, antwortete eine zweite. Der massige Körper des letzten Sprechers kauerte ängstlich in dem Graben, der sich bei dem Dauerregen langsam wieder mit Wasser füllte.

„Wir ersaufen in diesem elenden Graben, während da drüben unsere Beute wartet!“, kam die Antwort des anderen, der sich bereits erhoben hatte und mühsam über den rutschigen Grabenrand kletterte.

„Dann warte wenigstens auf mich!“, kam die Stimme des Dicken kläglich zurück. „Glaubst du, sie töten uns, wenn sie uns erwischen?“

Der andere sah kurz zurück, konnte aber seinen Gefährten kaum in der Schwärze der Nacht ausmachen.

„Wen meinst du? Die Toten oder die Krieger? Oder die Walküren? Ich fürchte mich nur vor den Lebenden!“

„Ich kann dich nicht sehen, mach doch endlich den Lappen von der Lampe herunter – Hilfe, da hat mich etwas angefasst, Olav, bring die Lampe herüber, ein Toter will mich nicht vorüberlassen!“

Unwillig knurrte Olav auf, zog jetzt aber das Tuchstück fort, um das ohnehin nur schwache Licht der kleinen Lampe zu enthüllen. Er musste ein paar Schritte zu dem Dicken zurückkehren, leuchtete seine Füße ab und lachte laut auf.

„Der hält dich ganz bestimmt nicht fest, Sven, sieh mal genau hin!“

Der Dicke schaute ängstlich auf seine Füße und stellte fest, dass er mit einem Bein im Wehrgehänge eines Toten festhing. Es hatte sich wohl im Kampf gelöst, der Krieger lag, von einem Speer durchbohrt, in einer leichten Schräglage, sein Körpergewicht hatte das lederne Gehänge festgeklemmt. Sven zog jetzt heftig an seinem Bein und bekam es endlich frei. Olav ging schon weiter, und der Schein der kleinen Lampe wurde geradezu von der herrschenden Dunkelheit aufgesogen. Hastig taumelte der Dicke hinter ihm her, stolperte über den nächsten Toten und war endlich an der Seite des Gefährten, wo er sich etwas sicherer fühlte.

Olav beugte sich gerade mit der Lampe über einen Körper und begann mit flinken, geübten Fingern, die Silberringe aus dem Bart des Toten zu ziehen. Das Abstreifen der Armringe war schon etwas schwieriger, weil der Körper anfing, starr zu werden.

„Hilf mir doch mal, es ist nicht so einfach, die starren Glieder zu bewegen!“, herrschte Olav den dicken Sven an, und der überwand seinen Ekel, hielt den Arm und verfolgte mit gierigem Blick, wie ein Silberreif nach dem anderen auf den Boden fiel. Rasch sammelte er sie mit seinen dicken Fingern ein und steckte sie in den dafür mitgebrachten Beutel.

„Du kannst den da drüben nehmen, der hat ein gutes Dutzend Silberringe im Bart!“, ordnete Olav an, und gleich darauf jammerte sein dicker Freund: „Ich kann die Ringe nicht ablösen, was soll ich machen?“

„Nimm dein Messer und schneide einfach die Haare ab! Das ist dem Toten egal und mit deinen dicken Fingern dauert es sonst viel zu lange!“

Sven brummte etwas beleidigt, griff aber zu seinem kleinen, scharfen Messer im Gürtel und schnitt dem Toten die Barthaare ab. Zufrieden richtete er sich auf, als die Ringe mit den Armreifen in dem Beutel klingelten.

„Schau mal, dieses Schwert hier, Olav!“, rief er gleich darauf aufgeregt aus.

Der andere hatte die Lampe zwischen den beiden Toten auf den schlammigen Untergrund gestellt, um leichter arbeiten zu können. Ein schmaler Lichtschein wurde direkt vor den Köpfen der beiden toten Krieger von einer Schwertklinge reflektiert, die quer zu ihnen und halb im Schlamm vergraben steckte.

„Waffen brauchen wir nicht, die führen nur zu unbequemen Fragen, Sven, das habe ich dir doch schon oft genug erklärt! Das Silber werden wir jederzeit in der Stadt los und können uns notfalls auf einen Schatz herausreden, den wir beim Roden ausgegraben haben. Aber Waffen? Lieber nicht!“

„Aber so etwas habe ich noch nie gesehen, Olav, und wir haben doch schon viele solcher Schlachtfelder besucht!“

Jetzt war die Neugierde des anderen doch geweckt, er griff die Lampe auf und trat an die Waffe heran. Rasch bückte er sich und zog sie aus dem Dreck, nahm ein Stück der Tunica des gerade geplünderten Toten und wischte die Klinge daran sauber. Ein erstaunter Ausruf folgte, und plötzlich war sich Olav sicher, einmal eine Ausnahme machen zu müssen. Dieses Schwert war wirklich erstaunlich und deutete darauf hin, dass sein Besitzer ein sehr reicher Krieger gewesen sein musste. Das wiederum bedeutete noch mehr Beute, und rasch untersuchte Olav die nächsten Körper.

Das Schwert lag neben einem großen, schlanken Krieger, der zudem noch eine wohl sehr aufwendig gearbeitete Brünne trug.

„Komm, hilf mir mal, den Kerl umzudrehen, ich bin gespannt, was er für Schmuck im Bart trägt!“

Keuchend griff der Dicke zu und drehte den Körper an den Füßen zugleich mit Olav herum, der die Schultern gefasst hatte. Als der Tote auf den Rücken fiel, stieß der Dicke einen überraschten Laut aus.

„Der hat ja überhaupt keinen Bart! Und auch nur wenige Armreifen – wie kommt ein solcher Krieger an dieses Schwert?“

„Vielleicht gestohlen?“, lachte Olav heraus. Er nahm die Lampe auf, um den Toten besser untersuchen zu können, leuchtete ihm in das blasse Gesicht und die roten, aufgelösten Haare, in denen sich ebenfalls kein Schmuck befand. Dann aber stutzte er, hielt die Lampe noch einmal an das Gesicht und sagte halblaut: „Das ist gar kein Krieger, Sven, schau mal! Das ist ... das ist eine ... Schildmaid!“

„Was sagst du?“, antwortete der Dicke und eilte rasch an die Seite des Freundes, um ebenfalls erstaunt festzustellen: „Das ist eine Frau – und was für eine schöne!“

Olav kratzte sich am Hinterkopf.

„Die hätte ich ja gern mal im Stroh gehabt!“, sagte er und grinste bei der Vorstellung. Er beugte sich tief über sie, schob seine Hand unter den Kopf der Kriegerin und sprang gleich darauf mit einem leisen Aufschrei zurück.

„Was ist los, Olav? Warum schreist du hier herum? Ich glaube, hinten beim Wäldchen kann ich einen Feuerschein erkennen, da scheinen Leute zu kommen!“

„Sie lebt, Sven!“

Der Dicke verstand nichts und starrte seinen Freund nur durch die Finsternis an.

„Komm, fass mit an! Die nehmen wir mit, das wird ein Spaß, Dicker!“

„Du willst mit einer Toten ...? Nein, Olav, das ist mir zu ekelhaft!“

„Jetzt reiß dich mal zusammen, Sven! Ich habe die Frau eben am Hals berührt, und der ist warm. Das bedeutet, dass sie noch lebt. Denk doch mal nach! Eine Frau mit einem solchen Schwert und einer kostbaren Brünne – das ist sicher die Frau eines Jarle oder vielleicht sogar die Königin selbst! Was glaubst du wohl, was wir für die als Lösegeld bekommen, wenn wir sie nur erst einmal in unserer Hütte haben!“

Der dicke Sven wich einen Schritt zurück.

„Du willst ... du willst die Tote ... mitnehmen? In unsere Hütte? Das schaffen wir nie! Außerdem – wenn sie bei uns stirbt und man sucht nach ihr, dann werden wir dafür bestraft, und das ganz sicher nicht mit gehacktem Silber, sondern mit hackenden Hieben auf unsere Köpfe!“

Olav sah rasch hinüber zu dem dunklen Rand des Waldes, den er mehr erahnen als erkennen konnte. Aber die winzigen, roten Punkte dort bewegten sich langsam in ihre Richtung.

„Jetzt rede nicht so viel dummes Zeug, Sven, sondern fass mit an. Das Schwert hänge ich mir an meinen Gürtel, du würdest damit nur noch stolpern. Jetzt fass mit an, nimm die Füße, das kurze Stück bis zu unserem Karren werden wir ja wohl noch schaffen!“

Aber das war leichter gesagt, als getan.

Die beiden Leichenfledderer hatten ihre Not mit dem immer schwerer werdenden Körper, und schließlich mussten sie ihn vor dem Graben noch einmal ablegen.

„Das schaffen wir nie, Olav, lass die Frau hier liegen, das ist mir auch viel zu gefährlich!“

„Du bleibst hier, Dicker, ich hole den Karren näher heran. Das schaffen wir! Und hör endlich mit dem Jammern auf, wir müssen uns beeilen, die Leute da drüben kommen wirklich hierher!“

Damit verschwand Olav auch schon in der Finsternis, war plötzlich wie vom Erdboden verschwunden, und Sven saß neben der Frau, die kein Lebenszeichen von sich gab.

Vielleicht hat er sich ja geirrt, und sie lebt gar nicht mehr! Ich kann zwar bei dem Licht dieser Lampe keine Verletzung erkennen, aber wer weiß, ob Olav sich das nicht alles eingebildet hat! Mit diesem Gedanken beugte sich Sven noch einmal über das Gesicht der Frau und legte seine dicke Hand auf deren Stirn.

Eiskalt! Wenn die nicht tot ist, habe ich noch nie einen Toten berührt! Wie schön sie ist! Was sie wohl für Brüste hat? Man kann sie unter dem Kettenhemd gar nicht richtig erkennen, ob ich ...?

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925685
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v455720
Schlagworte
bolthar wikingerfürst band bote thors

Autor

Zurück

Titel: Bolthar, der Wikingerfürst Band 10: Der Bote Thors