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Wenn Liebe die Vernunft besiegt

2019 68 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Wenn Liebe die Vernunft besiegt

Copyright

Kopfüber ins Glück

Ich kämpfe um mein Kind

Wenn Liebe die Vernunft besiegt

Ein Typ zum Verlieben

Das kommt in der besten Ehe vor

Nicht nur Vögel brauchen ein Nest

Wenn Liebe die Vernunft besiegt

Heiter-romantische Erzählungen von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 68 Taschenbuchseiten.

 

- Eigentlich wollte Martina heute heiraten, doch nun findet sie sich mit zwei Gipsarmen im Krankenhaus. Und von ihrem Verlobten erhält sie Vorwürfe statt Trost. Ihr kommen Zweifel, ob er der richtige Mann für sie ist.

- Nicht nur, dass Markus um das Leben seiner schwerkranken Frau Antje bangen muss. Eines Tages steht eine Fremde vor seiner Tür und erklärt, die Mutter seiner Tochter Claudia zu sein. Hat Antje ihn jahrelang belogen?

- Miriam ist allein im Haus, als sie sich plötzlich einem Eindringling gegenüber sieht. Ein Mann, der eines schrecklichen Verbrechens beschuldigt wird. Wieso glaubt sie seinen Unschuldsbeteuerungen? Wieso versteckt sie ihn sogar vor der Polizei?

- Corinna fährt gerne per Anhalter, obwohl ihre Freundin sie immer vor Sittenstrolchen warnt. Diesmal steigt sie in ein abenteuerliches Auto ein, und aus seinem Besitzer wird sie erst recht nicht klug.

- Anjas Freundin Nathalie ist in ihrer Ehe nicht mehr zufrieden und sucht das Abenteuer mit anderen Männern. Aber von ihrem Stefan, der verdächtig häufig bei der Nachbarin ist, soll sie gefälligst die Finger lassen. Sonst …

- Als nach einem handfesten Streit mit ihrem Freund auch noch ihr Wellensittich ausreißt, ahnt Rebecca nicht, dass sich damit ihr Leben völlig ändern wird. Schuld sind ein kleines Mädchen – und eine Ohrfeige …

Und weitere heiter-romantische Erzählungen von Wolf G. Rahn

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Kopfüber ins Glück

Martina hätte vor Freude in die Luft springen können. Heute war ihr glücklichster Tag. In zwei Stunden gab sie Bernd ihr Jawort. Sie musste sich beeilen. Eben hatte sie festgestellt, dass an dem Brautkleid eine kleine Änderung notwendig geworden war. In der Taille schlug es eine Falte. Immerhin hatte sie während der letzten Wochen zwei Kilo abgenommen.

Sie kramte in ihrem Nähkasten. Verflixt! Wo war denn nur die weiße Seide?

Nachdem der ganze Inhalt auf dem Tisch lag, rang Martina die Hände. Alles war vorhanden, nur nicht der so dringend benötigte Faden.

Frau König, die unter ihr wohnte, konnte ihr hoffentlich aus der Verlegenheit helfen. Sie schneiderte ja ihre gesamte Garderobe selbst.

Hastig angelte Martina den Schlüssel vom Haken und eilte aus der Wohnung.

Und wenn sie nun nicht zu Hause ist?, dachte sie beunruhigt, während sie zwei Stufen auf einmal nahm. Das war eine Stufe zu viel. Mit einem Aufschrei stürzte Martina, versuchte, sich am Geländer festzuhalten, erwischte es aber nicht.

Dumpf prallte sie auf den Treppenabsatz. Vor Schmerzen stöhnend, blieb sie liegen.

Durch den Lärm wurde Frau König auf den Plan gerufen.

"Um Himmels willen!", rief sie erschrocken. "Haben Sie sich wehgetan?"

"Mein Arm", ächzte Martina und hoffte, dass ihr Gesicht nicht abgeschürft war. Wie sah denn eine Braut mit einem Pflaster auf der Wange aus?

"Und das an Ihrem Hochzeitstag, Sie Ärmste! Soll ich einen Notarztwagen rufen, oder können Sie gehen?"

"Ich brauche keinen Arzt", protestierte Martina. "Was ich brauche, ist weiße Seide."

Als die Nachbarin ihr auf die Beine half, konnte sie aber einen Schmerzenslaut nicht verhindern.

Frau König ließ sich nicht länger beirren. Ein Fachmann musste her.

Die Röntgenaufnahme in der Klinik brachte Gewissheit.

"Beide Ellbogen?", vergewisserte sich Martina unglücklich.

"Nur angebrochen", beruhigte sie der Mediziner. "Sie bleiben ein paar Tage bei uns, und ehe Sie heiraten, ist alles wieder gut."

Martina vermochte über diesen Spruch, den sie als kleines Kind oft genug gehört hatte, nicht zu lachen. Ein Blick auf die Uhr im Behandlungsraum erinnerte sie daran, dass sie um diese Zeit mit Bernd hatte die Ringe tauschen wollen. Hoffentlich hatte Frau König ihn informiert!

"Was kommt denn da für ein Marsmensch?", ulkte die junge Frau im Bett, als Martina mit eingegipsten Armen in ihr Zimmer geführt wurde. "Na, Sie hat es ja ordentlich erwischt. Sportunfall oder Ehekrach?"

Ihr Humor war beneidenswert, denn immerhin war ihr Beinbruch nicht zu übersehen.

Martina berichtete, was ihr passiert war, und brach in Tränen aus. Die andere versuchte sie zu trösten. Sie hieß Inge Brand und war zwei Jahre älter.

"Aufgeschoben ist doch nicht aufgehoben, Mädchen. Die Vorfreude ist sowieso das Schönste. Das behauptet Rainer jedenfalls immer."

"Ihr Mann?"

"Gott behüte! Nur mein Bruder. Wir sind Zwillinge. Ich bin doppelt so hübsch und er doppelt so gescheit wie andere Leute. Das ist auch einer seiner Sprüche. Übrigens bin ich dafür, dass wir uns duzen. Wir werden uns die nächsten Tage vertragen müssen. Aber in einer Woche werde ich entlassen."

"Ich hoffentlich auch! Was wird nur mein Verlobter sagen?"

Das erfuhr Martina kurze Zeit darauf, als Bernd ihr einen Krankenbesuch abstattete.

"Konntest du nicht aufpassen? Aber bei dir muss ja immer alles hopp hopp gehen. Ein wenig mehr Sorgfalt stünde dir gut zu Gesicht."

Martina schluckte. Das waren ja trostreiche Worte. Zu den Schmerzen bekam sie auch noch Vorwürfe.

"Es tut mir leid, dass ich dich blamiert habe", konterte sie giftig. "Es war bestimmt peinlich für dich, vor dem Standesamt von der Braut versetzt zu werden."

"Ach was!", begehrte Bernd auf. "Dir scheint nicht klar zu sein, was uns deine Ungeschicklichkeit kostet. Die ganze Feier war doch vorbereitet und zum Teil bereits bezahlt. Von all den anderen Scherereien will ich erst gar nicht reden."

"Es wäre ja auch der erste Fehltritt, der keine Folgen hätte", gab Martina trotzig zurück. Die Tränen saßen locker, aber sie kämpfte sie tapfer zurück.

"Nun bist du wohl auch noch beleidigt", meinte Bernd verschnupft. "Wie lange kann denn das mit dir dauern? Du weißt doch, dass mein Chef den Posten bevorzugt einem Verheirateten gibt. Ich möchte nicht, dass mir ein anderer zuvorkommt."

"Ein paar Tage muss ich im Krankenhaus bleiben", gab Martina ernüchtert Auskunft. "Aber wahrscheinlich komme ich um vier bis sechs Wochen nicht herum. Mit diesem Gips bin ich hilflos wie ein Neugeborenes. Ich kann mich ja nicht einmal anziehen oder waschen."

"Eine Katastrophe!", äußerte Bernd und versprach, wieder nach ihr zu sehen. "Jetzt muss ich mich um unsere Gäste kümmern. Dass ausgerechnet mir so etwas passieren muss!"

Martina lag im Bett und starrte gegen die Zimmerdecke. Sie ließ ihren Tränen freien Lauf und reagierte auch nicht auf Inges tröstende Worte.

"Der Junge steht unter Schock. Morgen kommt er mit einem dicken Rosenstrauß und entschuldigt sich bei dir."

Martina hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten, doch das sollte ihr mal jemand mit zwei Gipsarmen vormachen.

Kurz darauf erhielt Inge von ihrem Bruder Besuch. Er stutzte, als er das zweite Bett belegt fand. Dann ergriff er Martinas Rechte und drückte sie behutsam.

"Das finde ich aber nett, dass Sie mich mit offenen Armen empfangen", witzelte er und musterte sie aufmerksam.

"Was starren Sie mich so an?", fragte Martina ungnädig. "Wächst auf meiner Nase eine Warze?"

"Das nicht, aber wenn Sie sie mit einer Karotte tauschen und einen Reisigbesen in die Hand nehmen, geben Sie einen prächtigen Schneemann ab."

"Lass sie in Ruhe, Rainer!", mischte sich seine Schwester ein. "Heute wäre ihr Hochzeitstag gewesen."

"Tatsächlich?", staunte der Mann mit der dunkelblonden Mähne. "Dann hat wohl der Glückliche die Flucht ergriffen, und Sie sind bei der Verfolgung von seinen Freundinnen verprügelt worden."

"Sehr witzig", gab Martina spitz zurück. "Inge, bist du völlig sicher, dass das dein Bruder ist? Du erzähltest mir doch etwas von Charme und Intelligenz."

"Da siehst du es", tadelte die andere. "Du bringst unsere ganze Familie in Verruf. Das ist Martina. Sie steht unter meinem persönlichen Schutz."

Rainer Brand widmete sich nun seiner Schwester. Er berichtete von der Möglichkeit eines beruflichen Aufstiegs, und die beiden freuten sich darüber, während Martina die Augen geschlossen hielt und unglücklich war.

 

*

 

Am nächsten Tag wartete sie vergeblich auf Bernd. Die Stationsschwester richtete ihr lediglich Grüße von ihm aus. Er hatte angerufen.

Inge schielte zu ihrer Bettnachbarin hinüber.

"Liebst du ihn sehr?", fragte sie teilnahmsvoll.

"Würde ich ihn sonst heiraten? Er ist sehr ehrgeizig, und diesen Posten will er unbedingt haben. Ich habe ihn mit meiner Ungeschicklichkeit in eine schlechte Position gebracht."

Die Ältere redete ihr die Schuldgefühle aus.

"Erst kommt der Mensch und danach seine Karriere", entschied sie. "Wenn ich jemals heirate, muss es ein beruflicher Durchschnittsmann sein. Der hat wenigstens Zeit für mich."

Diesmal kam Rainer schon sehr zeitig. Er brachte seiner Schwester Obst und Zeitschriften mit.

"Für Sie habe ich auch etwas", verkündete er und winkte mit ein Paar Urlaubsprospekten. "Für die Hochzeitsreise."

"Sind das nicht Winterkataloge?", erkannte Martina.

Der Mann grinste sie frech an.

"Was denn sonst? Ich kann Ihnen das Skifahren nur wärmstens empfehlen. Gips steht Ihnen einfach großartig, und weiß soll in der nächsten Saison ja wieder Modefarbe sein."

Martina warf ihm einen giftigen Blick zu.

"Sie können mich nicht ärgern", behauptete sie. "Dafür sind Sie mir viel zu ..."

"… zu nett", warf Rainer dazwischen. "Ja, das ist mein Markenzeichen."

Bevor die Auseinandersetzung massivere Formen annehmen konnte, brachte eine Schwester Kaffee und trockenen Kuchen.

Martina musste gefüttert werden. Sie fühlte sich wie ein Baby.

"Ich komme gleich zurück", versprach die Krankenschwester, als sie zu einem Notfall gerufen wurde. "Der Kaffee ist ohnehin noch zu heiß."

"Lauwarm ist er", maulte Martina und schielte nach der Tasse, die sie beim besten Willen nicht an den Mund führen konnte.

"Darf ich mich als Ersatz anbieten?", schlug Rainer mit Unschuldsmiene vor. "Natürlich nur, wenn Sie mir nicht in die Finger beißen."

"Verdient hätten Sie's eigentlich", fand Martina, ließ sich aber doch von dem Mann füttern. Manchmal konnte er ja richtig nett sein.

Das bestätigte auch Inge später.

"Du darfst Rainer nicht ernst nehmen", verriet sie. "Der muss immer seine Späßchen machen. Im Innern ist er aber weich wie Gänseschmalz in der Pfanne. Die Frau, die den mal bekommt, kann ihn um den Finger wickeln."

"Ihr scheint beide mit dem Heiraten nicht viel im Sinn zu haben", erkannte Martina.

Inge wurde ernst.

"Das liegt wohl an der Ehe, die uns unsere Eltern vorgelebt haben, ehe sie sich endlich trennten. Es wurde eine hässliche Scheidung. Nein, danke! Da überlege ich es mir lieber zweimal, bevor ich mich binde. Rainer denkt ähnlich. Er hat besonders unter dem ewigen Streit gelitten. Sind deine Eltern bessere Vorbilder?"

"Sie waren es bis zu meinem 17. Lebensjahr", erinnerte sich Martina. "Dann verunglückten sie beide tödlich."

"Das tut mir leid. Aber du hast doch hoffentlich noch andere Verwandte. Ich meine, nach der Entlassung aus dem Krankenhaus wirst du noch ein paar Wochen auf fremde Hilfe angewiesen sein."

Martina schüttelte den Kopf. Über dieses Problem grübelte sie ohnehin nach.

"Da sieht es schlecht aus, aber die Familie meines Verlobten wird sich schon um mich kümmern."

Sehr zuversichtlich klangen diese Worte nicht, und dass ihre Zweifel nicht grundlos waren, erfuhr Martina am nächsten Tag.

"Das habe ich schon mit meinen Leuten besprochen", erklärte Bernd bedauernd. "Dummerweise hat meine Mutter diese Allergie. Wenn sie mit Gips und ähnlichen Stoffen in Berührung kommt, kriegt sie sofort diesen scheußlichen Ausschlag. Vera würde sich ja gerne deiner annehmen. Leider beginnt ausgerechnet nächste Woche ihr Italienischkurs. Den nimmt sie sehr ernst. Na, und Biggy hat mit Siegmund alle Hände voll zu tun. Aber das ist ja kein Problem. In solchen Fällen muss dir die Krankenkasse eine Pflegerin stellen. Du, ich bin spät dran. Tue, was die Ärzte dir sagen, damit du rasch wieder in Ordnung kommst!" Er gab ihr einen Kuss und hastete davon. Die mitgebrachten Blumen ließ er auf dem Nachttisch liegen.

Rainer holte wortlos eine Vase und versorgte die Nelken. Martina bedankte sich.

"Sie können ja tatsächlich nett sein", war sie überrascht.

"Und ob", beteuerte er, und in seinen braunen Augen blitzte es schon wieder auf. "Ich war ja früher bei den Pfadfindern. Dort hat man uns beigebracht, besonders an die Alten und Gebrechlichen zu denken."

"Von dieser Allergie hörte ich heute zum ersten Mal", murmelte Martina später. "Und Siegmund, der meine liebe Schwägerin so sehr in Anspruch nimmt, ist ein gutmütiger Bernhardiner. Das beste wird wohl sein, wenn ich im Krankenhaus bleibe, bis ich mir wieder selbst helfen kann."

"Quatsch!", protestierte Inge. "Du kommst selbstverständlich zu mir. Mit deinen gesunden Beinen und meinen Armen sind wir unschlagbar."

Martina lächelte. Sie freute sich über das spontane Angebot, das zweifellos ernst gemeint war. Trotzdem meldete sie Bedenken an.

"Das wäre deinem Bruder bestimmt nicht recht."

"Das geht doch Rainer nichts an. Wir wohnen nicht zusammen, und manchmal sehen wir uns wochenlang nicht. Ich würde mich jedenfalls über etwas Gesellschaft freuen."

So war es beschlossene Sache, und auch Bernd fand die Idee akzeptabel.

"Auf diese Weise wirst du bestimmt schneller gesund. Glaubst du, dass ich den neuen Termin auf den 17. festlegen kann? Das würde auch den Habersolds gut passen."

Martina schüttelte verärgert den Kopf. Wegen irgendwelcher Bekannten ihrer zukünftigen Schwiegereltern ließ sie sich bestimmt nicht den Gips vorzeitig herunterreißen. Für sie war das Wichtigste, dass die Gelenke gut heilten. Das sagte sie Bernd, und dieser ließ ein Seufzen hören.

Eine Woche nach ihrem Treppensturz wurde Martina entlassen, nachdem sie nochmals geröntgt worden war. Inge war schon einen Tag vorher nach Hause gefahren. Sie kam ihrem Besuch an einer Krücke entgegen und freute sich sichtlich.

"Jetzt trinken wir erst einmal gemütlich Kaffee", schlug sie vor, "und falls dein Verlobter anruft, heben wir einfach nicht ab. Er soll ruhig ein bisschen zappeln. Vielleicht kapiert er dann endlich, dass nicht er der Leidtragende ist."

Das Telefon blieb stumm. Dafür läutete es an der Tür. Inge blickte ihren Gast forschend an. "Willst du ihn sehen?"

"Es ist sicher verkehrt, die Gekränkte zu spielen", antwortete Martina leise.

"Grund hättest du jedenfalls", fand Inge und humpelte nach draußen.

Sie kehrte mit ihrem Bruder zurück, und Martina fühlte sich fast erleichtert. Bernd hätte ihr bestimmt nur wieder Vorwürfe gemacht. Es bestürzte sie, dass sie diesen Mann erst jetzt richtig kennenlernte.

Rainer versicherte, nicht stören zu wollen.

"Ich brauche nur deinen Staubsauger, Schwesterherz. Meiner hat den Geist aufgegeben. Morgen bekommst du ihn zurück."

Er blieb zu einer Tasse Kaffee, und als er sich nach über einer Stunde verabschiedete, revidierte Martina ihre Meinung über ihn. So unausstehlich war er gar nicht.

Es tat ihr leid, dass sie sich mit Inge nicht die Arbeit im Haushalt teilen konnte. Diese erstickte aber jeden Anlauf von Klageliedern einer Nutzlosen im Keim.

"Gute Gesellschafterinnen sind heutzutage viel schwerer zu bekommen als Haushälterinnen, Mädchen. Ohne dich würde ich vor Langeweile eingehen."

"Aber dir fällt doch selbst jeder Schritt schwer", wandte Martina ein.

"Was ich nicht schaffe, bleibt eben liegen. Das darf dich nicht stören. Übrigens hat Rainer versprochen, morgen Abend mit dem Staubsauger durch die Wohnung zu rasen. Als Bruder ist er ein richtiges Juwel."

Rainer kreuzte nicht nur am folgenden Tag auf, sondern ließ sich von nun an fast täglich blicken. Sogar Inge staunte über seine Anhänglichkeit.

Ein paarmal schaute sie Martina fragend an, sagte aber nichts, zumal diese in ein angeregtes Gespräch mit dem Mann vertieft war. Längst war es selbstverständlich, dass er Martina fütterte, wenn er da war, und er bot sich auch als Begleiter für Spaziergänge an.

Wenn Martina im Bett lag und nicht schlafen konnte, weil die Haut unter dem Gips entsetzlich juckte, ließ sie den vergangenen Tag Revue passieren. Gelegentlich erinnerte sie sich dabei eines kurzen Besuches von Bernd. Er hatte es immer eilig. Dafür brachte er in der Regel ein Geschenk mit.

Natürlich dachte sie auch an Rainer, aber meistens erschien er ihr in ihren Träumen. Dieser Umstand beunruhigte Martina. Das war doch nicht in Ordnung. Wenn sie schon von einem Mann träumte, dann hatte das gefälligst Bernd zu sein. So gehörte sich das für eine Beinahe-Ehefrau.

Tagsüber bemühte sie sich, die Dinge wieder ins richtige Lot zu rücken. Aber es war wie verhext. Rainer, der sie anfangs mit jedem Wort gereizt hatte, gab sich plötzlich sanft. Bernd dagegen weckte mehr und mehr ihren Widerspruch. Lag das nur an ihr?

Wenn er sich nach ihrem Befinden erkundigte, hörte sie seine Ungeduld heraus. Ihm dauerte es viel zu lange. Ja, eines Tages schlug er ihr sogar vor, einfach mit den eingegipsten Armen vor den Standesbeamten zu treten.

"Deine Hände für den Ring sind doch frei."

Martina musste ihn an ihre Unfähigkeit erinnern, ihren Namen unter die Heiratsurkunde zu setzen. Bernd fand zwar, dass das mit ein bisschen Übung durchaus gehen müsse, beugte sich aber schließlich diesem Argument.

"Er liebt Sie eben", verteidigte Rainer ihn.

Martina fand das völlig überflüssig. Sie ärgerte sich sogar darüber. Warum wollte er sie unbedingt an den Mann bringen, wo er selbst der Ehe doch so kritisch gegenüberstand?

"Wenn man den richtigen Partner gefunden hat", dozierte Rainer, "verlieren meine Bedenken natürlich ihre Gültigkeit. Sein Glück sollte man festhalten, Martina. Sie wissen nicht, ob Sie ihm ein zweites Mal begegnen."

Sprüche hatte er zur Genüge drauf. Das stellte Martina auch fest, als er mit ihr einen ausgedehnten Spaziergang durch den Stadtpark unternahm.

Sie behauptete, sich ein wenig ausruhen zu müssen, als sie eine Bank sichtete.

"Man möchte nicht glauben, wie sehr es die Beine anstrengt, wenn die Arme gebrochen sind", war Rainers Kommentar.

Er nahm neben ihr Platz, erkundigte sich aber besorgt, ob ihr kalt sei. Immerhin blies ein kräftiger Wind.

"Ein wenig", hauchte Martina.

Rainer zog seine Jacke aus und legte sie ihr um die Schultern.

Nun ja, er hätte sie auch auf andere Weise wärmen können. Martina stellte sich zum ersten Mal die Frage, wie sie auf seinen Versuch, sie zu küssen, reagieren würde. Könnte sie ihn denn überhaupt abwehren? Und würde sie das wollen?

Sie erschrak zutiefst bei diesem Gedanken. Was war nur mit ihr los?

Rainer blieb distanziert. Nur gelegentlich fing Martina einen Blick auf, in dem sie mehr als Anteilnahme an ihrem Missgeschick zu lesen glaubte.

Ich glaube, er mag mich, dachte sie, wenn sie mit ihren Gedanken allein war. Wenn ich nicht verlobt wäre ...

Aber an dieser Tatsache konnte sie nicht vorbei, und als würde Bernd ihren Konflikt ahnen, drängte er immer ungeduldiger, den neuen Hochzeitstermin festzulegen.

"Du scheinst es ja nicht mehr eilig zu haben", warf er ihr vor.

Angesichts ihres Zustands war diese Behauptung absurd. Dennoch beschäftigte sich Martina lange Zeit damit. Lag nicht ein Körnchen Wahrheit darin? Waren ihr während der vergangenen drei Wochen nicht immer häufiger Zweifel gekommen, ob Bernd der Richtige für sie war?

Geändert hatte er sich sicher nicht. Sie wusste jetzt aber, wie er sich verhielt, wenn nicht alles so lief, wie es in seine Pläne passte. Das war eine neue, bestürzende Erfahrung.

Liebte sie ihn noch?

Details

Seiten
68
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738925678
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Januar)
Schlagworte
wenn liebe vernunft

Autor

Zurück

Titel: Wenn Liebe die Vernunft besiegt