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HK GREIFF: Die schreckliche Wahrheit

2019 78 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

HK GREIFF: Die schreckliche Wahrheit

Copyright

So ein Leichtsinn

Süßigkeiten aus der Hölle

Die schreckliche Wahrheit

Künstlerinnen entführt man nicht

Eine verhängnisvolle Idee

Kidnapping mit kleinem Fehler

Ein verhängnisvoller Brief

Ohne Alibi mache ich’s nicht

Keine Angst vor kleinen Mäusen

Die letzte Zigarette

Ein gutes Horoskop

Die Nacht aller Nächte

Von null auf 100 in den Tod

HK GREIFF: Die schreckliche Wahrheit

Kriminalerzählungen von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 78 Taschenbuchseiten.

 

- Die alte Wilhelmine nimmt den fremden Mann nicht nur mit nach Hause, sie verrät ihm sogar, dass sie ein kleines Vermögen besitzt, das sie keiner Bank anvertrauen will. Solche vertrottelten Weiber kommen dem Gauner gerade recht. Die Alte wird sich noch wundern …

- Mona ist ganz wild darauf, Karriere beim Film zu machen. Deshalb tut sie auch alles, was ihre Barbekanntschaft Harry Sander von ihr verlangt. Dabei benutzt er sie nur, um drogenhaltige Süßigkeiten an Schulkinder zu verteilen, um diese süchtig und zu künftigen Kunden zu machen …

  • Einen Autounfall übersteht Karin zwar verhältnismäßig glimpflich, dafür erfährt sie auf Grund der Röntgenaufnahmen von ihrer weit fortgeschrittenen Krebserkrankung. Kein Wunder, dass sie durch eine Verzweiflungstat den zu erwartenden Leiden zuvorkommen will …

     

Und 10 weitere spannende Kurzkrimis

 

Als Hauptkommissar bei der Mordkommission bin ich zwar nur für die Verbrechen gegen das Leben zuständig. Aber von den Kollegen der anderen Ressorts erfahre ich auch von Einbrüchen, Vergewaltigungen oder Drogendelikten. Eins haben alle Verbrechen gemeinsam: Früher oder später werden sie aufgeklärt, auch wenn die Täter es noch so raffiniert anstellen.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

So ein Leichtsinn

Wilhelmine Neugebauer saß auf der Parkbank und fütterte die Tauben. Sie sprach mit ihnen wie zu Menschen.

Die Kinder mochten Wilhelmine Neugebauer, denn die alte Dame hatte meistens ein paar Süßigkeiten in ihrer Einkaufstasche für sie.

"Kommt nur her, meine Kleinen", munterte sie die drei Mädchen freundlich auf und schielte über ihren Brillenrand. "Oder mögt ihr keine Bonbons?"

Ein junger Mann lehnte drüben am Baum und beobachtete die verschrobene Alte. Er sah, wie ihre pralle Geldtasche zu Boden fiel, als Wilhelmine Neugebauer nach der Bonbontüte kramte. Macht nichts, dachte er, als eines der Mädchen das Portemonnaie aufhob. So billig kommst du ohnehin nicht davon.

"Darf ich?", fragte er höflich und deutete auf den Platz neben der über Siebzigjährigen, als die Kinder verschwunden waren.

Wilhelmine Neugebauer hatte nichts dagegen, dass er sich neben sie setzte. "Mögen Sie Tauben?", fragte sie erwartungsvoll.

"Meine Lieblingstiere", behauptete Ferdinand Windbacher dreist. "Ich habe mein ganzes Frühstücksbrot an sie verfüttert, das mir meine Frau für die Arbeit mitgegeben hatte."

Wilhelmine Neugebauer strahlte. "Das finde ich aber reizend. Nun müssen Sie ja hungern. Wissen Sie was? Ich richte Ihnen ein paar neue Brote. Was halten Sie von Schinken?"

"Schinken hört sich gut an. Aber bekommen Sie denn eine so große Rente, dass Sie wildfremden Männern ein Frühstück spendieren können?"

Die Frau warf den Tauben die letzten Brocken vor und schüttelte die Krümel von ihrem Rock. "Auf meine Rente bin ich zum Glück nicht angewiesen", meinte sie bereitwillig. "Mein seliger Heinrich hat mir ein nettes Sümmchen hinterlassen. Das reicht bis an mein Lebensende."

"Das freut mich aber für Sie. Hoffentlich haben Sie es auch gewinnbringend angelegt?"

"Wo denken Sie hin?", ereiferte sich Wilhelmine Neugebauer. "Ich bin doch nicht närrisch und trage mein Geld zur Bank. Eines Tages trifft mich in meiner Wohnung der Schlag, und mein Bernhard muss kräftig Erbschaftssteuer zahlen. Wussten Sie, dass die Banken bei Todesfällen verpflichtet sind, die Finanzämter zu informieren?"

Über solche Vorschriften wusste Ferdinand Windbacher nicht Bescheid, denn er hatte keine Erbschaft zu erwarten. Umso besser kannte er sich mit verkalkten Omas aus. Die meisten wurden sträflich leichtsinnig, wenn man ihnen nur mit ausreichender Freundlichkeit begegnete.

"Wollen Sie damit etwa sagen, dass Ihr ganzes Geld bei Ihnen zu Hause im Sparstrumpf steckt?", tat er entrüstet.

Wilhelmine Neugebauer schmunzelte triumphierend. "Nicht im Sparstrumpf, junger Mann. Ich habe es gut versteckt. Außerdem besitzt meine Wohnungstür ein Sicherheitsschloss."

Das durfte doch nicht wahr sein. Da hatte er ja ein besonders einfältiges Exemplar erwischt. So ein Zylinderschloss für zwanzig Euro sprang doch schon auf, wenn er es nur scharf anschaute.

"Ich bin Vermögensberater", behauptete er. "Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen ein paar gute Tipps für Ihr Vermögen geben. Als Dank für das Schinkenbrot. Ich verspreche Ihnen, dass das Finanzamt dann das Nachsehen hat, und Sie erhalten obendrein fette Zinsen."

"Meinen Sie wirklich?" Wilhelmine Neugebauer erhob sich schwerfällig und nahm ihren Stock. "Da wird sich mein Bernhard aber freuen. Bernhard ist mein Sohn, müssen Sie wissen. So ein tüchtiger Junge, aber er wird viel zu schlecht bezahlt."

"Ein Grund mehr, für einige Prozent Nachschub zu sorgen", mahnte Ferdinand Windbacher.

Die alte Frau humpelte neben dem Mann her, von dem sie nicht einmal den Namen wusste.

Vor der Wohnung tadelte er sie erneut. "Nicht einmal abgeschlossen. So ein Leichtsinn!"

"Wieso?" Wilhelmine Neugebauer schüttelte bedächtig den Kopf. "Ist doch ein Sicherheitsschloss."

Sie nahm ihn mit in die Küche, wo sie sich anschickte, zwei Brote mit Schinken zu belegen.

Ferdinand Windbacher hatte zufrieden zur Kenntnis genommen, dass niemand die Frau unterwegs gegrüßt hatte. Er würde sich später also kein Bekannter an ihn erinnern.

"Soll ich Ihnen die Brote einpacken, oder essen Sie sie gleich? Es ist auch noch heißer Tee in der Thermoskanne."

"Wir sollten jetzt vielleicht über Ihre Geldanlage sprechen", schlug Ferdinand Windbacher ungeduldig vor. Das Gequatsche der Alten ging ihm allmählich auf den Geist. "Ich hätte gerade heute die Möglichkeit, eine größere Summe ungewöhnlich gewinnbringend anzulegen."

Wilhelmine Neugebauer putzte unschlüssig ihre Brillengläser. "Sie meinen, Sie müssten das Geld mitnehmen? Die ganzen siebzigtausend?"

Ferdinand Windbacher verschlug es für einen Augenblick die Stimme. Siebzig Mille. Heute war ohne Frage sein Glückstag.

"Sie bekommen selbstverständlich von mir eine Quittung", meinte er mit Unschuldsmiene.

"Ja dann!" Erleichterung war aus Wilhelmine Neugebauers Stimme zu hören. "Sie sind wirklich sehr nett. So einen hilfsbereiten Menschen trifft man nicht alle Tage. In meinem Alter kennt man sich eben nicht mehr so gut aus, und mein Bernhard ist immer mit anderen Problemen beschäftigt. Ich hole das Geld."

Sie verließ die Küche, aber Ferdinand Windbacher blieb hinter ihr. Vielleicht entdeckte er bei der Gelegenheit auch noch Schmuck oder anderes von Wert.

Wie fast schon erwartet, holte Wilhelmine Neugebauer einen großen, prallgefüllten Umschlag unter der Matratze hervor und presste ihn an sich.

"Ich werde Sie begleiten", verkündete sie. "Es ist gefährlich, allein mit so viel Geld herumzulaufen, sagt mein Bernhard. In der Zeitung liest man in letzter Zeit auch immer wieder von Überfällen auf Alleinstehende. Wenn wir zu zweit sind ..."

"Gib schon her!", befahl Ferdinand Windbacher unbeherrscht und entriss ihr das Kuvert, in dem es herrlich knisterte. "Ich habe mir dein Gelaber lange genug angehört."

Wilhelmine Neugebauer wollte schreien. Der Verbrecher war schneller und warf sie aufs Bett.

Die Überfallene rang nach Luft, doch eine grobe Hand presste sich auf ihren Mund.

"Wenn ich Schinkenbrote sehe, werde ich immer wahnsinnig kräftig." Der Halunke grinste sein Opfer frech an. "Keinen Mucks!", warnte er. "Sonst geht es dir schlecht."

Er entdeckte das Nachthemd, riss einen Ärmel ab und benutzte ihn als Knebel.

"Jetzt muss ich dich noch fesseln", stellte er ohne Bedauern fest. "Sonst schickst du mir die Bullen hinterher."

Er schaute sich suchend um und sah die Gardinenschnur. Als er sie abreißen wollte, traf ihn von hinten ein Schlag auf den Kopf. Die Bratpfanne, die Wilhelmine Neugebauer unter dem Bett vorgeholt hatte, klang wie ein Gong.

Der Räuber taumelte, aber er fiel nicht. Sprachlos starrte er die Frau an, die noch immer die Pfanne schwang. Dann lachte er laut.

"Das ist wohl deine Geheimwaffe gegen nächtliche Sittenstrolche, wie? Tut mir leid, Oma. Da hättest du mehr Schinkenbrote essen müssen und nicht alles an die dämlichen Tauben verfüttern dürfen."

Die Augen der alten Frau blitzten zornig auf.

Ferdinand Windbacher zögerte. "Du kannst mich beschreiben, nicht wahr? Du bist gar nicht so vertrottelt, wie ich angenommen hatte. Dein Pech. Ich tue es wirklich nicht gerne."

Er entriss ihr die Pfanne und legte seine Hände um ihren faltigen Hals.

"Das genügt", klang hinter ihm eine frostige Stimme. "Lass sie los und nimm die Hände hoch."

Ferdinand Windbacher gehorchte. Er kapierte nicht, wie der Kerl unbemerkt in die Wohnung gelangt war.

Ein energischer Mann suchte ihn nach Waffen ab und erklärte ihn für festgenommen.

"Ich hatte dich doch gleich in Verdacht, dass du auf eigene Faust versuchen würdest, den Burschen auszutricksen", wandte sich der Fremde tadelnd an die Frau, nachdem er sie von dem Knebel befreit hatte. "Du interessiertest dich zu auffallend für die jüngsten Überfälle, Mama. Deshalb hielt ich es für richtig, das Haus zu beobachten."

"Mama?", wiederholte Ferdinand Windbacher töricht.

"Ach, ich habe euch ja noch gar nicht bekannt gemacht", fiel Wilhelmine Neugebauer ein. "Das ist mein Sohn Bernhard. Die Polizei bezahlt ihn miserabel, aber vielleicht wird er nun befördert, weil er doch den Strolch gefasst hat, der schon so viele alte Leute ausraubte und zwei sogar umgebracht haben soll."

"Das war sehr leichtsinnig von dir", zürnte der Polizeibeamte.

"Ich konnte doch nicht wissen, dass er einen so harten Schädel besitzt", verteidigte sich seine Mutter schuldbewusst.

Ferdinand Windbacher konnte es nicht fassen. "Ihr Sohn ist ein Bulle, und sie versteckt siebzig Riesen unter der Matratze."

"Was meint er mit Riesen?", wollte Wilhelmine Neugebauer wissen und leerte den Inhalt des Umschlags. Eine Unzahl alter Fotos fiel aufs Bett."Alles Erinnerungen an meinen Heinrich", erklärte sie feierlich. "Er war ein so guter Mensch, und die Tauben haben ihn genauso gemocht wie mich. Wollen Sie jetzt die Schinkenbrote?"

Ferdinand Windbacher spürte keinen Appetit mehr.

 

 

 

Süßigkeiten aus der Hölle

"Spendierst du mir 'ne Cola?"

Harry Sander wandte seinen Kopf und blinzelte die niedliche Puppe, die sich neben ihn auf den Barhocker geschoben hatte, an.

"Ich habe dich hier noch nie gesehen, Kleine", stellte er fest, während er insgeheim ihre Figur in die obere Kategorie einordnete.

"Ich bin in Eldersheim zu Hause. Stinklangweiliges Kaff. Ab und zu muss ich einfach raus."

"Verstehe." Er bestellte eine Flasche Sekt, und die Frau, die er auf zwanzig schätzte, bekam große Augen. Champagner hatte sie wohl noch nie getrunken. "Wie heißt du denn?"

"Mona. Und du?"

Er nannte seinen Namen. Einen von vielen, derer er sich bediente. In seinem Geschäft war das notwendig.

Mona wollte tanzen. Der Mann zog sie fest an sich und registrierte erfreut, dass sie sich nicht zierte.

Im Laufe des Abends erfuhr er, dass sie einen Job in einer Fabrik hatte. "Elende Schinderei", klagte Mona. "Und für den Lohn kannst du dir nicht einmal einen ordentlichen Fummel kaufen. Vor einem Jahr habe ich noch auf eine Karriere als Model gehofft, aber dazu brauchst du die richtigen Beziehungen."

"Vielleicht kann ich etwas für dich tun", stellte Harry Sander in Aussicht. "Wir sollten uns einmal darüber unterhalten. Am besten gleich heute. Bei mir daheim."

Mona schenkte ihm ihr strahlendstes Lächeln, das durch den genossenen Champagner ein wenig einfältig geriet. "Das wäre super", freute sie sich. "Arbeitest du in der Modebranche?"

"Film und Fernsehen", behauptete der Mann und zahlte. Er hatte es jetzt ziemlich eilig.

Als Mona seinen amerikanischen Wagen sah, verschlug es ihr die Sprache. Sie kuschelte sich in den Beifahrersitz und himmelte ihren Begleiter an.

Er bewohnte ein Apartment. Die Einrichtung war vom Feinsten. Den stärksten Eindruck auf Mona aber hinterließ das runde Bett mit eingebauter Stereoanlage.

Später bot Harry Sander seinem Gast eine Zigarette an. Mona lobte das tolle Aroma. "Ist sicher 'ne amerikanische", vermutete sie.

Südamerika!, dachte Harry Sander zufrieden. Die Puppe war echt naiv. Dieses Eldersheim schien ein Vorort des Mondes zu sein.

Aber nicht mehr lange. Diese verschlafenen Dörfer waren ein aufnahmefähiger Markt, wenn man es geschickt anfing. Mit ihnen hatte er seine besten Erfahrungen gemacht. In die Großstädte kam man ja nicht mehr rein. Die befanden sich fest in der Hand der großen Drogenbosse. Aber die Provinz ...

Er ließ sie über ihren Wohnort plaudern und erfuhr von der müden Discothek, der berufsfindenden Schule und der Laienspielgruppe. Na also! An Kunden für den Stoff würde es nicht mangeln, und Mona sollte ihm dabei helfen, das Zeug an den Mann zu bringen. Auf sie fiel bestimmt kein Verdacht. In ihren Augen lag so etwas Treuherziges.

Als Mona neben ihm schlief, erhob sich Harry Sander vorsichtig und untersuchte ihre Handtasche. Er fand ihren Ausweis. Mit vollem Namen hieß sie Mona Schulz und war sogar erst 19. Umso besser.

Kurz nach Mitternacht weckte er sie. Er wollte nicht, dass ihre Eltern Zoff machten. Ärger dieser Art konnte er bei dem geplanten Unternehmen nicht brauchen.

Mona beruhigte ihn. "Ich habe eine eigene Bude. Nur zwei Zimmer. Komm mich doch mal besuchen."

Er versprach es und schob ihr einen Hunderter in den BH. "Fürs Taxi."

Sie verabredeten sich fürs nächste Wochenende. Bis dahin wollte Harry Sander mit verschiedenen Filmleuten über seine Neuentdeckung gesprochen haben.

Das hatte er freilich nicht wirklich vor. Dafür ließ er Mona von einem Freund beobachten. Bevor er sich ihrer als Drogenkurier bediente, musste er völlig sicher sein, dass sie kein Risiko darstellte.

Nach einigen Tagen beruhigte ihn sein Gewährsmann. "Ich war als Versicherungsvertreter bei ihr. Sie ist ausgesprochen vertrauensselig. Hat mich sofort in die Wohnung gelassen. Sie lebt allein, besitzt nur ein Mofa und arbeitet in der Kreisstadt in einer Spielwarenfabrik am Fließband."

"Bekannte?", forschte der Dealer.

"Ein paar Puppen in ihrem Alter. Die Männer in Eldersheim scheinen ihr nicht zuzusagen."

Harry Sander erkundigte sich nach der Discothek und der Schule.

"Alles, wie sie es dir beschrieben hat. Im Ort gibt es übrigens keine Polizei. Nur gelegentlich fährt ein Streifenwagen. Wir sollten schnell handeln, bevor uns andere zuvorkommen. Wann hast du sie so weit?"

"Sie frisst mir jetzt schon aus der Hand", brüstete sich der andere. "Wenn ich sie mit einer Filmrolle ködere, kann ich alles von ihr verlangen."

"Willst du sie nicht süchtig machen?"

"Das versteht sich von selbst. Sie hat schon den ersten Joint geraucht. Wie ich sie einschätze, ist sie bald fällig. Klappt es mit der neuen Lieferung? Wir werden eine größere Menge benötigen. Ich möchte sie innerhalb kurzer Zeit abstoßen und mich danach wieder aus Eldersheim zurückziehen."

"Na klar", pflichtete ihm sein Partner bei. "Diese Methode hat sich bis jetzt immer bewährt. Sicherheit hat Vorrang in unserem Geschäft."

Die Männer trennten sich, und Harry Sander erwartete den Besuch seines Opfers.

Mona trug einen knappen Pulli und einen Rock, den sie selbst gekürzt hatte.

Ihr neuer Freund zeigte sich großzügig und drückte ihr ein paar Scheine in die Hand. "Für schicke Klamotten", sagte er. "Wenn ich dich dem Produzenten vorstelle, ist sein erster Eindruck von entscheidender Bedeutung."

"Du hast mit ihm gesprochen?", vergewisserte sich Mona aufgeregt.

"Er ist interessiert. Allerdings ..."

Mona sah ihn fragend an. "Schwierigkeiten?"

Harry Sander wehrte ab. "Nicht direkt. Er erwartet eine Gegenleistung."

"Ach so", meinte Mona gedehnt. "Verstehe."

Der Mann lachte. "Nicht, was du denkst, Schatz. Das Filmgeschäft ist ziemlich kompliziert. Alles dreht sich ums Geld. Der Produzent hat ein paar Millionen durch eine Werbekampagne in Aussicht. Dabei sollst du ihm helfen."

"Also Werbefotos. Und dafür brauche ich die neuen Klamotten."

Harry Sander zog sie auf seinen Schoß und tätschelte ihren Rücken. "Pass auf. Du sollst nichts weiter tun, als in eurem Dorf ein paar Bonbons an die Schulkinder verteilen."

"Bonbons?" Monas Gesicht drückte Verständnislosigkeit aus.

"Die Werbemillionen kommen von einem Süßwarenkonzern, der ein paar neue Produkte auf den Markt bringen will. Ganz neue Geschmacksrichtungen. Die Käufer sollen zunächst an diesen Trend herangeführt werden. Deshalb musst du bei der Aktion auch möglichst unauffällig vorgehen. Die Konkurrenz schreit sonst gleich etwas von unlauterem Wettbewerb, verstehst du?"

Mona nickte. "Was habe ich genau zu tun?"

"Du verteilst die Bonbons. Das ist alles. Kann sein, dass demnächst noch ein paar weitere Erzeugnisse getestet werden. Fruchtsäfte sind im Gespräch, Sammelbilder und nikotinfreie Zigaretten. Aber die bringst du wohl eher in eurer Disco an den Mann."

"In die gehe ich nie", meinte Mona wegwerfend. "Dort spielen sie die CDs vom letzten Jahr."

"Möchtest du die Filmrolle?", mahnte Harry Sander ein wenig verärgert.

"Ja, ja, natürlich", versicherte Mona hastig. "Wenn du meinst ..."

Der Dealer lachte sich ins Fäustchen. Alles klappte prima. Mona war so heiß auf eine steile Karriere, dass sie gar nicht auf die Idee kam, die Bonbons könnten etwas anderes als Zucker, Farb- und Aromastoffe enthalten. Mit dieser Einstiegsdroge ließen sich ganze Schulklassen an den Rauschgiftkonsum heranführen. Das war die Kundschaft von morgen. Dann allerdings verlangten die heute noch 13- oder 14-Jährigen nach härteren Sachen.

"Hat sie das Zeug verteilt?", erkundigte er sich eine Woche später bei seinem Komplizen, der auch diesmal wieder Monas Beschattung übernommen hatte.

"Die Kinder waren ganz wild danach", berichtete dieser. "Ich glaube, wir können einen Gang zulegen."

"In Ordnung", erklärte sich Harry Sander einverstanden. "Die Zigaretten liegen bereit. Sobald das erledigt ist, bringe ich die Kleine an die Nadel."

"Wann siehst du sie wieder?"

"Heute Abend."

Mona kam pünktlich. Ihr Liebhaber fand zwar immer noch, dass sie in der neuen Kleidung wie die Unschuld vom Lande aussah, aber das kam seinen Plänen nur entgegen.

In dieser Nacht war Mona besonders leidenschaftlich. Sie wollte ihm offenbar beweisen, dass sie es mit den Frauen aus der Stadt durchaus aufnehmen konnte. Ohne Frage hatte sie Angst, ihren großzügigen Freund, der sie beim Film unterbringen sollte, an eine andere zu verlieren.

Erst nach Stunden schlief sie ein, und auch Harry Sander entspannte sich. Er merkte nicht, als die junge Frau neben ihm nach geraumer Zeit aus dem Bett glitt und im Dunkeln nach ihrem Hosenrock tastete. Hier hatte sie eine Injektionsspritze eingenäht.

Lautlos näherte sie sich dem Schlafenden, dessen rechter Arm aus dem Bett hing.

Der Einstich weckte ihn. Er rang nach Luft.

Mona stand vor ihm. Ihr ungeschickt geschminktes Gesicht wirkte maskenhaft. "Viele Grüße von meiner Schwester Heike aus der Hölle", flüsterte sie. "Sie war erst sechzehn, als sie starb. Angefangen hatte es mit ein paar Bonbons, die ihr ein Freund schenkte. Sie liebte diesen Schuft. Heimlich hat sie ihn sogar fotografiert, um ihn immer bei sich zu haben. Ich fand das Bild unter ihrer Matratze, nachdem die Leichenträger sie fortgeschafft hatten. Und ich entdeckte auch das Heroin. Von diesem Tag an suchte ich in jeder Kneipe dieser verdammten Stadt nach ihrem Mörder und dem Mörder so vieler Leidensgefährten. Ich habe mich erniedrigt und mit dir geschlafen. Aber nur so konnte ich sie rächen."

Sie wandte sich ab und kleidete sich an. Am nächsten Morgen wurde der Tote von seinem Komplizen gefunden. Es fiel ihm schwer zu begreifen, dass sich Harry Sander den 'goldenen Schuss' gesetzt hatte.

Um diese Zeit kniete Mona vor dem Grab ihrer kleinen Schwester. Sie vergrub die Bonbons, die sie vor einigen Tagen gegen harmlose Drops ausgetauscht hatte, in der schwarzen Erde. Tränen rannen über ihre Wangen, aber sie weinte nicht um den Dealer.

 

 

 

Die schreckliche Wahrheit

"Pass auf!", rief die Frau auf dem Beifahrersitz erschrocken und stemmte ihre Füße gegen das Bodenblech des Wagens, als handelte es sich um das Bremspedal.

"Warum bist du so nervös, Liebes?" Erik Rüttig riss das Lenkrad herum und wich im letzten Augenblick dem entgegenkommenden Lastwagen aus. "Ich fahre seit zwölf Jahren unfallfrei. Meinst du, ich hätte Lust, jetzt schon zu sterben?"

Details

Seiten
78
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738925654
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v455500
Schlagworte
greiff wahrheit

Autor

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Titel: HK GREIFF: Die schreckliche Wahrheit