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Circle C-Ranch Band 32 Hängt Johnny Moore!

2018 120 Seiten

Leseprobe

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2018: Edward Martin

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Circle C-Ranch Band 32 Hängt Johnny Moore!

Ein Western von Heinz Squarra











Der Kopfgeldjäger Johnny Moore kommt nach Tucson – und er hat einen Toten dabei, für den er die ausgesetzte Prämie kassieren will. Als US-Marshal Cliff Copper erfährt, dass der Mann, den Moore erschossen hat, dessen eigener Bruder ist, ahnt er bereits, dass Moores Ankunft in Tucson Ärger bedeutet. Und der beginnt in dem Augenblick, als Moore ein Auge auf ein Saloongirl namens Alice geworfen hat. Denn auch der mächtige Rancher Andrew Morrsion hat ein Auge auf Alice geworfen.

Als ihm zu Ohren kommt, was Alice mit Moore hinter seinem Rücken treibt, reitet er mit seinen Männern nach Tucson, um für klare Verhältnisse zu sorgen. Schüsse fallen, Alice stirbt – und Moore kann im letzten Augenblick fliehen. Morrisons Leute sind ihm auf den Fersen und werden erst dann aufgeben, wenn Moore tot ist. Auf Cliff Copper wartet jetzt eine gefährliche Aufgabe, wenn er das Schlimmste noch verhindern will ...

**







Das starre Gesicht hatte schon ein paar blaue Flecke, die Nase sah spitz und weiß aus, die Lippen waren farblos, und über der Nasenwurzel war das hässliche kleine Einschussloch noch von eingetrocknetem Blut umgeben. Der Tote trug eine mit silberner Stickerei verzierte Weste von roter Farbe, ein gelbes Halstuch und ein schwarzes Hemd. Seine ebenfalls schwarze Hose war verziert wie die Weste. An den Füßen hatte er helle Texasstiefel, an denen riesige Durango-Sporen befestigt waren. Über der Brust des Toten kreuzten sich zwei breite Patronengurte, und an einem davon hing ein Holster, aber es war leer.

„Er sieht aus wie ein Mexikaner“, sagte der Reiter. „Vielleicht wollte er auch gern einer sein. Aber gewesen ist er es nie.“

Die Sonne stand senkrecht über Tucson und schien Hitzebündel auf die Häuser zu schleudern. Der Reiter und seine beiden Pferde warfen fast keine Schatten.

Cliff Copper spürte, dass sich der Kreis der Menschen enger zusammenzog, obwohl er kein einziges Geräusch hören konnte. Er blickte auf den Toten, der vor den beiden Pferden vor ihm auf der Straße lag. Über der Stirn sah er mattschwarzes Haar, dahinter den Hut, die Hufe der beiden Pferde und noch weiter hinten die Beine der Männer.

„Er war nie ein Mexikaner“, sagte der Reiter noch einmal. „Ich muss es schließlich wissen, Marshal!“

Cliff blickte an den beiden Pferden weiter in die Höhe, sah die Stiefel des Reiters, den mit Fransen besetzten Wildlederanzug, den Patronengurt, den schwarzen Revolver, das Halstuch und dann das schmale Gesicht, das genauso wie das des Toten aussah, nur mit dem Unterschied, dass es grinste, nicht starr war, und von keinem hässlichen Loch geziert wurde.

„Sie sehen ihm zum Verwechseln ähnlich“, sagte Cliff Copper. .

Der Reiter bewegte sich etwas im Sattel. Nur einen Moment war sein Grinsen verschwunden, dann überstrahlte es sein Gesicht wieder. „Dafür ist er schließlich mein Bruder gewesen, Marshal. Gefällt Ihnen etwas nicht?“

Cliff schüttelte den Kopf, während er den Mann immer noch beobachtete. Johnny Moore hatte ein schmales, wettergegerbtes Gesicht und schwarze Augen, und das Haar, das unter seinem Hut hervorquoll, war so mattschwarz wie das des Toten.

„Ich denke, es ist alles in Ordnung“, meldete sich Rip O’Hagan, der frühere Marshal von Tucson. „Johnny Moore hat seinen Bruder Homer erschossen und bekommt die Kopfgeldprämie, Cliff!“ ■

Copper nickte und schaute wieder auf den Toten. „Wo haben Sie ihn denn getroffen?“

„In den Bergen im Norden, Marshal. Ist das wichtig?“

„Kann sein. Mit ihm ist noch ein anderer Mann geritten.“ Cliff blickte wieder zu dem Reiter hinauf. „Er soll Ben Mercer heißen. Sie haben zusammen eine Postkutsche überfallen. Vor knapp zwei Wochen und nur dreihundert Meilen von hier entfernt.“

Johnny Moore zuckte die Schultern, warf einen Blick: in der Runde herum und stieg von seinem Pferd. „Der ist mir leider entkommen.“

„Und Sie haben ihn nicht verfolgt?“

„Nicht sehr weit, Marshal. Mir fiel ein, dass er auf dem Zettel nicht mit steht.“ Johnny Moore zeigte seine weißen, kräftigen Zähne. „Und mich interessiert nur das Geld, von dem auf dem Zettel die Rede ist. Ich meine, auf dem Steckbrief.“

„Sie werden das Geld bekommen“, erwiderte Cliff.

Der Mann nahm die Zügel kurz. „Kennen Sie Mercer?“

„Er war mal hier“, erklärte O’Hagan und kam humpelnd einen Schritt näher. „Vor ungefähr einem Jahr. Damals hat sich noch niemand für ihn interessiert.“

„Kein Wunder“, entgegnete Johnny Moore. „Damals war er sicher auch noch nicht mit meinem Bruder zusammen.“

Cliff bückte sich und untersuchte die Taschen des Toten. Er fand ein schmutziges Tuch, ein Klappmesser, einen Tabakbeutel und ein paar Münzen.

Cliff richtete sich wieder auf. „Aus der Postkutsche sollen zweitausend Dollar geraubt worden sein.“

„So? Ich habe schon alles durchsucht, Marshal: Seine Taschen und die Satteltaschen des Pferdes. Dann wird wohl Mercer das Geld haben.“

Cliff ging um den Toten herum und durchsuchte die Satteltaschen des einen Pferdes, dann ging er zu dem anderen, von dem Moore gestiegen war. „Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mir Ihre Taschen von innen ansehe?“

„Tun Sie, was Ihnen Spaß macht, Marshal.“

Cliff durchsuchte die Satteltaschen, fand Lappen, ein paar Stricke, Patronen, Fett und einen Laufreiniger. Von Geld keine Spur. Er wandte sich dem Kopfgeldjäger zu, von dem er schon früher gehört hatte, der aber zuvor nicht in Tucson gewesen war. JohnnyMoore sollte auch als Scout geritten sein, Wagentrecks über die Prärie gebracht haben, und verschiedene anderen Geschäften nachgegangen sein, von denen aber niemand etwas Genaues zu wissen schien. Sein Ruf war schneller als sein Pferd gewesen.

„Wollten Sie nicht meine Taschen durchsuchen, Marshal?“ Moore hob die Hände.

Cliff durchsuchte ihn, ging dann wieder um den Toten herum, und stieg zum Bretterweg vor dem Office hinauf. „Kommen Sie in zehn Minuten, dann liegt Ihr Geld bereit, Moore.“

„In Ordnung.“

Cliff wandte sich um und ging ins Office. Er blickte auf die leere Zelle im hinteren Teil des Raumes, hörte die Tür gehen, sah sich aber nicht um.

Die Tür klappte zu.

„Gibt es das?“, fragte Rip O’Hagan. „Kann ein Mann den eigenen Bruder erschießen und die Leiche verkaufen?“

„Wenn es so was gibt.“ Cliff ging weiter, wandte sich dann um und lehnte sich gegen das Gitter. „Wenn man eine Leiche überhaupt verkaufen kann, warum soll es nicht der Bruder des Toten machen?“

Rip O’Hagan ging zum Fenster und blickte mit mürrischem Gesicht hinaus. „Nun schafft den Toten schon fort!“, rief er.

Cliff ging zum Schreibtisch und setzte sich dahinter. „Ob er den anderen auch erschossen hat?“

„Ben Mercer?“

„Ja.“

„Kann schon sein, Cliff.“ O’Hagan rieb sich über das Gesicht. „Wenn er ihn erledigt hat, dann hat er die Leiche auch so beiseite geschafft, dass sie niemand mehr finden kann. Und das Geld auch. Eine ziemlich einfache Erklärung, was? Er lässt den Komplicen entkommen, und der hat angeblich das Geld. Was ich nicht verstehe, ist, dass er seinen Bruder hierher brachte. Er konnte doch mit den zweitausend Bucks zufrieden sein.“

„Immer vorausgesetzt, Ben Mercer ist ihm nicht doch entkommen. Und weiter vorausgesetzt, zweitausend Dollar wären ihm in diesem Fall genug. Immerhin bekommt er für seinen Bruder auch achthundert.“

Rip O’Hagan fluchte. Schließlich sagte er: „Er ist auf jeden Fall mit allen Wassern gewaschen. Trotzdem solltest du versuchen, auf seiner Spur zu bleiben, wenn er die Stadt verlässt.“

„Damit rechnet er sicher“, erwiderte Cliff.

„Natürlich rechnet er damit. Das ist doch nicht wichtig. Es kommt nur darauf an, der Spur zu folgen und sie nicht zu verlieren. Soll ich mich um das Geld kümmern?“

„Ja, Rip, das ist nett von dir.“ O’Hagan brummte etwas Unverständliches und verließ das Office. Er humpelte heute mehr als sonst, als er draußen die Straße überquerte und in der Station der Wells Fargo verschwand.

Zwei Mexikaner kamen mit einem flachen Wagen, luden draußen den Toten auf und fuhren weiter.

Cliff sah, dass auf der Straße immer noch Männer standen. Aber nun gingen sie nach und nach auseinander. Nach einer Weile tauchte O’Hagan wieder auf und kam die Straße herauf. Und dann stand der Kopfgeldjäger plötzlich zwischen dem Speisehaus und dem Mietstall mitten auf der Straße. Er war ein großer, sehniger Mann, wie es schien, ein eiskalter Rechner, und nicht älter als vierzig Jahre.

Rip O’Hagan kam herein. „So, das hätten wir.“ Er warf ein Bündel Geldscheine auf den Schreibtisch. „Jetzt kann er kommen.“

„Er kommt schon.“

O’Hagan wandte sich um und schaute aus dem Fenster, und nun sah auch er den sehnigen Mann im Wildlederanzug, der langsam die Straße herauf kam. Sein langer Colt schlug gegen sein Bein, und von seinen Stiefeln wurden winzige Staubfontänen in die Höhe geschleudert und leuchteten wie Silberkristalle zu Tausenden und Abertausenden in der klaren, heißen Luft.


*


„Siebenhundertfünfzig, achthundert.“ Cliff warf den letzten Schein auf den Haufen und schob den Zettel daneben, den O’Hagan mitgebracht hatte. „Unterschreiben Sie hier!“

Der Kopfgeldjäger unterschrieb, nahm das Geld und steckte es ein. Er blickte auf, grinste O’Hagan und dann Cliff an. Dann schaute er in der Runde herum und ging zu der Wand, an der unter anderen Steckbriefen auch der Homer Moores hing, dessen Bild ein schmales Gesicht zeigte und darüber einen großen mexikanischen Hut, der die Stirn des Mannes fast verdeckte.

Johnny Moore riss den Steckbrief von der Wand, zerriss ihn und ließ ihn zu Boden flattern. „Den braucht ihr ja nicht mehr, was? Sind noch mehr Männer in der Nähe, die ein paar Dollar wert sind?“

„Bedaure.“ Cliff blickte den Kopfgeldjäger an, als der sich umwandte.

Moore ginste immer noch, knöpfte die Jacke auf und nahm eine dünne schwarze Zigarre aus der Spitzentasche. „Es war nur eine Frage, Marshal.“ Er biss die Spitze von der Zigarre und spuckte sie aus. „Hat jemand Feuer?“

O’Hagan rieb ein Schwefelholz auf der Schreibtischplatte an und gab dem Mann Feuer. Er beobachtete ihn noch, als er die Flamme zwischen den Fingern ausrieb und das verkohlte Holz fallen ließ. „Wann werden Sie die Stadt verlassen?“

„Wollen Sie mir folgen?“, fragte Moore und paffte O’Hagan den Rauch ins Gesicht.

„Vielleicht.“

„Ihr Bein ist doch steif.“

„Nicht so steif, dass ich nicht reiten und Ihnen folgen könnte, Moore. Oder wollen Sie uns länger beehren?“

„Vielleicht. Es kommt auf den Whisky an. Und natürlich auf die Mädchen, die ihr habt.“ Moore lachte leise und paffte O’Hagan den Rauch wieder ins Gesicht.

„Zur Zeit ist im Saloon nur ein Mädchen“, gab O’Hagan zurück. „Und das zählt ein Mann zu seinem Eigentum, mit dem Sie sich nicht anlegen sollten!“

„Was Sie nicht sagen.“ Moore schaute Cliff an. „Ist er der Mann?“

„Nein, er nicht“, erklärte O’Hagan. „Ein gewisser Morrison, der ganz in der Nähe eine große Ranch hat.“

„.Und der keinen Spaß versteht, den er nicht selbst macht“, setzte Cliff hinzu.

„Am besten, Sie reiten gleich weiter.“ O’Hagan ging zum Fenster und lehnte sich an die Wand.

„Sie meinen, jetzt ist es einfacher, meinen Spuren zu folgen, nicht wahr?“ Moore zog wieder an seiner dünnen Zigarre und blies Cliff den Rauch entgegen. „Ich weiß wirklich nicht, wohin der andere geritten ist. Von dem Überfall wusste ich nichts. Vielleicht hätte ich mir sonst wirklich mehr Mühe gegeben, Marshal.“

„Es interessiert mich trotzdem, wohin Sie reiten werden“, sagte Cliff. „Ich hoffe, es stört Sie nicht?“

„Überhaupt nicht.“ Johnny Moore klemmte die Zigarre in den Mundwinkel und ging zur Tür. „Aber werden Sie nicht ärgerlich, wenn Sie irgendwann doch noch feststellen, dass Sie sich nur die Zeit gestohlen haben.“

„Bestimmt nicht.“ Cliff lächelte den Mann scharf an.

„Ich weiß nämlich wirklich nicht, wo Mercer geblieben ist.“ Moore öffnete die Tür und ging hinaus.

Cliff sah, wie sich die Tür schloss, und er hörte die harten Schritte des Mannes draußen auf dem Bretterweg. Er schaute O’Hagan an, der die Schultern zuckte.

„Aus dem wird keiner schlau, Cliff. Der hat den Blick der Pokerspieler. Könntest du dir vorstellen, deinen eigenen Bruder zu erschießen? Na ja, zugegeben, das ist etwas weit hergeholt. Aber überhaupt! Ich meine, man kann doch einen Bruder haben, der ein Bandit ist.“

Cliff stand auf und lief hin und her. Schließlich blieb er wieder am Schreibtisch stehen. „Das kann man sicher nur beurteilen, wenn man einen Bruder hat, der ein Bandit ist, und wenn man selbst von den Preisen lebt, die solche Banditen bringen, Rip.“

„Vielleicht“, knurrte O’Hagan. „Trotzdem muss man ein Schwein sein, wenn man es tut!“

Cliff blickte zum Fenster hinaus und sah Johnny Moore die Straße hinunterlaufen.

„Jetzt zieht er sich Morrisons Mädchen an Land“, meinte O’Hagan. „Du weißt ja, wie sie ist. Cliff. Der ist es egal, ob ein Mann ein Mann oder ein Schwein ist, wenn er nur lockeres Geld in der Tasche hat. Und das hat Moore!“


*


Johnny Moore blieb stehen und zog die Augen zusammen, um sich nach der grellen Sonne draußen an das fahle Halbdunkel des Saloons zu gewöhnen.

„Hallo!“, rief eine helle Stimme. „Und wir dachten schon, Sie hätten für einen guten Whisky nichts übrig!“ Ein perlendes Lachen folgte den Worten.

Johnny Moore erkannte das Mädchen an der Theke, ging weiter und blickte flüchtig auf die drei Männer, die um einen runden Tisch saßen und Spielkarten in den Händen hatten. Er schaute wieder auf das Mädchen. Es war dunkelblond, ziemlich groß, schlank und etwa dreißig Jahre alt. Feuer schien in seinen sehr hellen Augen zu sprühen.

„Sie geben sicher einen aus, Johnny, was?“

„Natürlich.“ Moore blickte zu dem Keeper weiter, dem er ins Nörglergesicht grinste. „Schenken Sie ein! Aber den besten Whisky, den ihr hier habt!“

Das Mädchen lachte wieder perlend, griff nach Moores Arm, als er bei ihm war, und zog ihn ganz an die Theke.

Joel Madson hatte schon eine Flasche aus seinem langen Regal gezogen und wischte den Staub mit seiner Schürze ab.

Das Mädchen lachte immer noch und hing an Johnny Moores Arm, als würde es ihn schon eine Ewigkeit kennen. „Ich bin Alice Silver, Johnny.“

„Freut mich, Alice.“

Madson schenkte zwei Gläser voll und schob sie über den Tresen.

„Dann Prost, Johnny!“

„Prost!“ Moore nahm sein Glas und stieß es gegen das andere, nach dem das Mädchen gegriffen hatte. Dabei blickte er in den Spiegel und sah die drei Männer an dem runden Tisch, die ihre Karten aus den Händen legten.

„Mein Gott, hier ist so selten etwas los!“, rief das Mädchen, griff nach Moores Schulter und küsste ihn.

Sie tranken. Moore stellte sein Glas auf die Theke. Das Mädchen küsste ihn wieder. Er griff nach Alice, spürte ihre schmalen Hüften und die Wärme ihres Körpers, die er durch den dünnen Stoff des roten Kleides fühlte. Er küsste sie und presste ihren biegsamen Körper an sich. „Du bist schön, Alice!“ .

Sie lachte und küsste ihn wieder. „Joel, schenk ein!“, rief sie dann.

Moore schaute den Keeper an, dessen Gesicht sich verzogen hatte und der plötzlich sagte: „Streit will ich keinen in meinem Haus, Gretler!“

Im Spiegel sah Moore, dass einer der drei Männer aufgestanden war und in den Gang trat, durch den er eben erst selbst gekommen war. Ein paar Sägespäne tanzten vom Boden in die Höhe.

„Das Mädchen gehört meinem Boss, Moore!“, rief der Mann scharf.

Johnny Moore ließ das Mädchen los und wandte sich um. Der Mann vor ihm war etwas über zwanzig, aber sicher noch nicht fünfundzwanzig. Er war nicht sehr groß, aber bestimmt schnell, wie Moore seiner drahtigen Gestalt entnahm. Er stand etwas zusammengeduckt, das gerötete, raue Gesicht vorgereckt und ein wildes, triebhaftes Blitzen in den Augen. Es sah aus, als würde sein strohblondes Haar zu Berge stehen.

„Texaner, was?“, fragte Moore.

„Lefty, hör auf!“, sagte das Mädchen. „Was ich und er machen, geht euch nichts an!“

„Der Boss wird dir den Kopf abreißen, Alice! Und der da bekommt von mir eine Kugel, wenn er nicht kneift!“

Lefty Gretler ging rückwärts und schob die Schlinge mit dem Daumen vom Hammer seines Revolvers. Dann blieb er breitbeinig und immer noch zusammengeduckt stehen.

Moore schaute auf die beiden anderen, die beide weit über dreißig Jahre alt waren. Der eine war ein wuchtiger, finsterer Kerl, der in abgewetzten Weidekleidern steckte. Der andere sah einem Raubvogel ähnlich, so wie Madson, nur wirkte er gefährlicher als der Keeper. Er trug eine saubere dunkelrote Jacke aus Samt mit schwarzen Aufschlägen.

„Sagt ihm, er soll das lassen“, sagte Moore.

Die beiden Männer grinsten ihn an.

„Vielleicht ist Lefty schneller als du, Moore“, meinte der eine dann. „Kann man das wissen?“

Moore schaute wieder auf den jungen Kerl. „Lass das deinen Boss selbst sagen, mein Junge!“

„Zieh deinen Revolver, los!“ zischte Lefty Gretler.

Madson ging zur Seite, um aus der Schussrichtung zu kommen. Auch das Mädchen zog sich zurück.

Johnny Moore ging einen Schritt von der Theke weg. Er grinste wieder, als er seinerseits die Schlaufe vom Hammer seines Revolvers schob und sagte: „Natürlich bist du erwachsen genug, um Streit zu suchen, Lefty. Nur, ich schieße nicht gern auf Männer, für die es nichts gibt.“

„Bist du soweit?“

Moore hob die Schultern etwas an und ließ sie wieder sinken. Er beobachtete den jungen Kerl scharf, sah das Aufblitzen in dessen Augen und die schnelle Bewegung seiner Hand. Er spürte den Griff des Revolvers zwischen den Fingern, zog den Colt und wischte mit der linken Hand über den Hammer, bevor der junge Texaner den Arm richtig anwinkeln konnte.

Das Krachen des Schusses rüttelte an den Wänden und ließ die Scheiben der Fenster leise klirren.

Lefty Gretler krümmte sich mit einem Röcheln zusammen, machte mit dem einen Bein einen Schritt vorwärts, verlor die Waffe aus der Hand und stürzte zu Boden. Sägespäne wirbelten auf und bedeckten ihn.

Johnny Moores Haltung entspannte sich. Er hob den Revolver an, blickte zu den beiden anderen hinüber und blies den Rauch von der Mündung. „Noch jemand, der lebensmüde ist?“

Die beiden standen langsam auf.

„Sieh nach Lefty, Zane!“, sagte der in der dunkelroten Jacke, von dem Moore nun auch eine gestreifte Röhrenhose sehen konnte.

Der andere ging zu dem reglosen Burschen, bückte sich und wälzte ihn auf den Rücken. Leftys Hand fiel steif auf die Dielen. Der Mann richtete sich wieder auf, starrte Moore an und dann den anderen Mann. „Er ist tot, Gregor.“

Der andere Mann stieß den Tisch zur Seite und kam in den Gang. Von der Straße schallten Rufe in den Saloon. Madson hustete hinter der Theke, über der eine Pulverrauchwolke stand. Das Mädchen schob sich wieder auf Moore zu und griff nach seinem Arm.

Männer stürmten in den Saloon, blieben aber stehen, als sie die gespannte Haltung der Anwesenden bemerkten.

Dann rief jemand: „Macht Platz, der Marshal ist da!“


*


Cliff Copper ging um den Toten herum und hob den Kopf. Es war ihm, als würde er die gebrochenen, glasigen Augen noch sehen, als er schon den Kopfgeldjäger vor der Theke anblickte.

„Johnny kann nichts dafür!“, stieß das Mädchen hastig hervor. „Joel, sag dem Marshal, dass Johnny Moore sich nur verteidigt hat!“

Madson nickte. „Stimmt, Cliff. Er hat zu den beiden anderen noch gesagt, dass sie ihn aufhalten sollten. Aber sie wollten nicht.“

Cliff ging weiter zur Seite, um die beiden anderen Männer ins Blickfeld zu bekommen. Er wartete darauf, dass sie den Kopfgeldjäger heftig beschuldigen würden, aber das geschah nicht.

Der Mann in der Samtjacke zuckte nur die Schultern. „Ich weiß wirklich nicht, was ihr habt. Zwei Männer haben einen fairen Kampf ausgetragen, und dabei ist einer von ihnen auf die Nase gefallen. Habt ihr denn so was noch nie gesehen?“

„Sie geben zu, dass es vollkommen fair zuging, Wery?“, fragte Cliff gedehnt.

„Was gibt es da zuzugeben? Jeder hat es gesehen, Marshal.“

„Wir werden Lefty zur Ranch bringen“, brummte der andere von Morrisons Männern. „Haben Sie was dagegen, Marshal?“

„Nein.“

Der finstere Bursche nickte. „Komm, Gregor, hilf mir!“

Die beiden hoben den Toten auf und trugen ihn hinaus. Ein paar der herumstehenden Männer schlossen sich an. Cliff blickte wieder auf den Kopfgeldjäger.

„Werden Sie uns noch lange mit Ihrem Besuch beehren, Mr. Moore?“, fragte er.

Johnny Moores Grinsen sah unsicher aus, bei weitem nicht mehr so überlegen wie im. Office, als er das Geld für seinen Bruder kassiert hatte. „Wollen Sie mich aus der Stadt jagen, Marshal?“

„Dazu fehlt mir der Grund, Moore. Leider. Wenn die beiden Männer zurückkommen, wird Morrison bei ihnen sein. Und vielleicht noch mehr Reiter. Überlegen Sie genau, ob Sie darauf warten wollen.“

„Danke für die Auskunft, Marshal.“ Cliff zögerte noch ein paar Sekunden, dann ging er hinaus.

Die Männer der Stadt standen in einer langen Kette vor dem Saloon und blickten auf Zane Black, der neben dem Toten auf der Fahrbahn stand und die Hände in die Hüften gestemmt hatte.

Gregor Wery führte drei Pferde aus dem Mietstall, kam über die Straße und blieb bei Blade stehen. Der bückte sich, wuchtete den Toten hoch und warf ihn quer über den Sattel seines Pferdes.

Gregor Wery stieg auf. Er blickte Cliff an und sagte: „Verdammt schnell ist er, Marshal. So schnell, dass es eigentlich doch nicht fair ist, wenn er einen anderen im .Duell niederschießt.“

„Hat er das Duell gewollt?“

„Nein. Aber herausgefordert hat er Lefty, indem er nach dem Mädchen griff. Es ist Morrisons Mädchen, das wissen Sie doch.“

„Selbst wenn Morrison mit Alice Silver verheiratet wäre, würde sie ihm deswegen noch nicht gehören, Wery. Aber immerhin könnte man dann etwas Verständnis für den aufbringen, der glaubt, das vermeintliche Eigentum eines anderen schützen zu müssen. Aber Morrison ist mit dem Mädchen nun mal nicht verheiratet.“

Zane Black fluchte, als er auf sein Pferd kletterte und die Zügel des anderen Tieres nahm. „Ich denke, wir reiten, Gregor. Gegen uns hat der Marshal was!“

Die beiden Männer ritten mit dem dritten Tier zwischen sich die Straße hinauf.

Cliff Copper wandte sich um und ging in den Saloon zurück.

Joel Madson lief mit einem Eimer durch den Gang zwischen den Tischen und streute Sägespäne auf die Stelle, an der der Tote gelegen hatte. Der Kopfgeldjäger stand mit dem Mädchen noch an der Theke und schenkte Whisky ein.

„Sie auch einen, Marshal?“

Cliff ging um Madson herum. „Ja.“

Moore zog ein drittes Glas über die Theke und schenkte es voll. „Den kann man vertragen, was?“

Cliff griff nach dem Glas, blickte Moore und dann das Mädchen an.

Madson ging hinter die Theke, wo er den Eimer in eine Ecke stellte. Er putzte sich die Hände an seiner schmutzigen Schürze ab, füllte sich ein Glas mit Wasser und goss einen Schuss Whisky hinein. „Den kann man wirklich vertragen!“

Cliff trank den Whisky und warf das Glas ins Spülbecken. „Es dauert mindestens acht Stunden, bis Morrison hier sein kann, Moore. Es wäre wirklich besser, Sie sind dann nicht mehr hier.“

„Ja, das wäre besser“, brummte der Keeper. .

Moore blickte das Mädchen an. Als er wieder auf Cliff schaute, sagte er: „Das Gefühl habe ich allerdings auch, Marshal. Sagten Sie acht Stunden?“

„Ja.“

„Das ist eine ganz hübsche Zeit, was?“ Johnny Moore grinste. „In Wahrheit wird es mindestens zehn Stunden dauern, was?“

„Das kommt darauf an, wie schnell Wery und Black reiten.“

„Mit dem Toten reiten sie bestimmt nicht sehr schnell. Vielen Dank für den Rat, Marshal.“

Cliff ging ein paar Schritte rückwärts, dann wandte er sich ab und verließ den Saloon.

Cliff blickte durch das Fenster und die Straße hinunter. Lange schwarze Schatten wurden von den Gebäuden auf die Fahrbahn geworfen. Es war kein Mensch zu sehen.


*


Als Rip O’Hagan ins Office kam, stand die Sonne tief im Westen, und der ganze Horizont begann sich rot zu färben.

„Es ist still wie vor einem Sturm“, fuhr O’Hagan fort. „Jeder scheint zu ahnen, dass der Kerl noch da ist, wenn Morrison kommt.“

„Hat Alice denn gar keine Angst?“

„Es scheint nicht so. Willst du nicht was unternehmen?“

„Was? Ich habe keine Handhabe, ihn aus der Stadt zu jagen.“

„Es wäre ja kein Verlust, wenn er das Mädchen mitnimmt, Cliff“, sagte Rip O’Hagan gedehnt.

O’Hagan zog sich einen Stuhl an den Schreibtisch und setzte sich. „Ich war im Saloon, Cliff.“

„So?“

„Er hat ganz schön geladen. Alice Silver auch. — Sehr ängstlich sah er ja nicht aus.“

„Ach so.“

„Ja. Ohne Alice geht er jetzt nicht mehr. Du müsstst die beiden sehen können. Sie hängen wie Kletten aneinander. Das passt eigentlich gar nicht zu einem eiskalten, abgebrühten Mann. Aber es hat eben jeder seine Schwäche, was?“

„Ja, es scheint so, Rip.“ Cliff stand auf und zog seinen breiten Patronengurt gerade. „Na, ich kann es ja mal versuchen. Sind noch mehr Leute im Saloon?“

„Nicht einer.“,

Cliff nickte, ging um O’Hagan herum und öffnete die Tür. Er ging hinaus und schloss für einen Moment geblendet die Augen, als ihn die fast waagerechten Sonnenstrahlen trafen. Dann war er auf der Fahrbahn und hörte das Knirschen des feinen Sandes unter seinen Stiefeln. Wenn er nach rechts und links blickte, sah er Gardinen wackeln und Gesichter verschwinden. Niemand kam auf die Straße, niemand tat etwas, aber alle beobachteten ihn und warteten auf das, was geschehen würde.

Als Cliff nicht mehr weit vom Saloon entfernt war, hörte er das polternde Lachen des Kopfgeldjägers. Er sprang zum Gehweg hinauf, ging an den Fenstern vorbei und schob den einen Schwingflügel der Tür mit der Schulter auf.

Über der Theke brannte schon eine Lampe, in deren Licht Moore und das Mädchen eng umschlungen vor der Theke standen, als hätten sie diesen Platz während der letzten Stunden nicht verlassen.

Madson saß mit eingezogenem Kopf an einem Tisch.

Moore schob das Mädchen ein Stück von sich und legte ihm die Hand um die Schultern. „Was wollen Sie schon wieder, Marshal?“ Seine Stimme klang ein wenig lallend und unsicher.

„Es sind nur noch drei Stunden.“ Cliff blieb an einem Tisch stehen.

Das perlende Lachen des Mädchens folgte Coppers Worten. Dann sagte Alice Silver: „Lassen Sie uns in Ruhe, Marshal! Morrison wird nicht kommen. Was soll er denn hier wollen? Johnny hat einen seiner Leute auf dessen eigenen Wunsch erschossen. Das wird er schon in Ordnung finden! Johnny gehört mir! Endlich habe ich mal einen richtigen Mann gefunden, da kommen sofort welche, die ihn los sein wollen.“

„Vielleicht ist es besser, ihr verschwindet beide aus Tucson“, erwiderte Cliff.

„Was? Habt ihr auf einmal auch was gegen mich?“

„Wir haben gegen niemanden etwas“, erklärte Copper. „Aber es ist für euch beide besser.“

„Höre nicht auf ihn, Johnny! Morrison hat mir gar nichts zu sagen! Ich bin vollkommen frei und kann machen, was ich will! Stimmt das etwa nicht, Marshal?“

„Morrison sieht es vielleicht anders. Es gibt bestimmt Ärger, Moore!“

Der Kopfgeldjäger griff nach der Flasche und trank aus ihr.

„Nichts hat er mir zu sagen!“, rief das Mädchen schrill. „Ich gehöre ihm nicht. Und das werde ich ihm auch sagen, wenn er kommt! He, Johnny, du wirst doch nicht etwa Angst haben, was?“ Das Mädchen lachte perlend. „So schnell wie du ist keiner! Was nützt es Morrison da, dass er ein Kerl wie ein Bär ist?“

Moore trank wieder aus der Flasche. „Morrison wird dich übers Knie legen, dann vergehen dir die großartigen Reden“, knurrte der Keeper an das Mädchen gewandt.

„Dann wirft Johnny ihm das Herz aus der Brust blasen. Was, Johnny?“

Moore stellte die Flasche mit einem schiefen Grinsen hinter sich. „Sicher, Alice.“ Er griff unter seine Wildlederjacke und zog eine dünne Zigarre hervor, von der er die Spitze abbiss und ausspuckte.

„Morrison kommt bestimmt nicht allein.“ Cliff setzte sich auf die Kante des Tisches, hinter dem der Keeper saß. „Ich wollte euch nur warnen. Es macht schließlich nichts, wenn ihr in eine andere Stadt reitet und die Feier dort fortsetzt. Dann stört euch sicher auch niemand.“

„Wir haben vor Morrison keine Angst“, sagte das Mädchen zischend. „Im Gegenteil, ich bin auf sein Gesicht gespannt.“

„Sie hasst ihn“, knurrte der Keeper. „Sie musste alles trinken, was er trank, und wenn er betrunken war, auch das, was seine Männer ihr einflößten, bis sie vollkommen blau war. Das ist mehr als einmal passiert. Und manchmal musste sie sich für alle ausziehen. Dort auf dem Tisch. Wenn es nicht schnell genug ging, haben sie ihr geholfen. Das wissen Sie doch alles, Marshal. Sie denkt, jetzt kann sie es ihm heimzahlen.“

Das Mädchen hatte die Farbe aus dem Gesicht verloren. „Johnny wird ihn töten, wenn er kommt!“

Moore rieb an der Theke ein Schwefelholz an und hielt es an seine Zigarre. Graue Wolken kamen aus seinem Mund und verhüllten sein Gesicht. „Vielleicht ...“

„Was?“, fragte Alice Silver schnell. „Ein Mann wie du wird doch nicht kneifen, Johnny! In Florence hat man mir erzählt, du sollst in Nevada eine ganze Stadt ausgeräumt haben. Erinnerst du dich nicht mehr daran, Johnny?“

„Doch“, sagte der Kopfgeldjäger und zog wieder an seiner Zigarre. „Natürlich. Wieso sollte ich mich nicht daran erinnern?“

„Na also. Du wirst nicht kneifen, Johnny. Soll er kommen. Ich sage dir, er ist nur ein Großmaul. Wenn er hier was von dir will, muss er es fair versuchen. Der Marshal ist schließlich auch noch da. Er müsste ihn verhaften, wenn es nicht fair zugeht. Nicht wahr, Marshal, das müssten Sie tun?“

„Vielleicht hat Moore dann nichts mehr davon“, sagte Cliff.

„Lass dich nicht einschüchtern, Johnny! Morrison ist auch so unbeholfen wie ein Bär! Stimmt das etwa nicht, Joel?“

„Wenn ihr auf den Marshal hört, passiert gar nichts“, brummte der Keeper.

„Johnny wird es Morrison geben!“ Das Mädchen lehnte sich gegen den Kopfgeldjäger und griff mit beiden Händen nach seinem Arm. „Und dann können wir ungestört feiern, Johnny! Komm, schenk noch mal ein!“

Moore wandte sich etwas um und füllte die Gläser.

Cliff schob sich von der Tischplatte.

„Da kann man nichts machen“, brummte der Keeper. „Aber Johnny Moore wird ja nachgesagt, dass er kein Feigling ist, Marshal.“

Cliff beobachtete den Mann an der Theke, der seinen Whisky trank, dem Mädchen schief zugrinste und dann wieder an seiner Zigarre zog.

Alice lachte und küsste den Köpfgeldjäger, und Cliff wusste, dass sie es war, die Moore hier in der Stadt halten würde. Da wandte er sich um und ging hinaus..

O’Hagan stand ein paar Häuser weiter mitten auf der Straße und blickte Cliff entgegen, der auf ihn zukam. Cliff blieb stehen und schüttelte den Kopf.

„Sinnlos, Rip. Sie hat ihn eingewickelt.“

O´Hagan nickte wissend, wandte sich ab und ging zum Speisehaus, vor dem seine Frau stand.

Cliff blickte zu den Adobelehmhäusern der Mexikaner hinüber, die eins neben dem anderen zwischen dem Mietstall und dem Office standen. Noch immer war kein Mensch zu sehen. Da ging Cliff Copper die Straße hinauf.


*


Cliff war am Schreibtisch eingeschlafen und erwachte durch das Knarren der Bretter vor dem Haus. Er zuckte zusammen, hob den Kopf, sprang auf und griff nach seinem Revolver, den er auf den Schreibtisch gelegt hatte.

Eine Faust schlug gegen die Tür. Die Fensterscheibe klirrte leise.

„Wer ist da?“, fragte Cliff belegt.

„Ich, John Huber!“ Die Tür öffnete sich, und Cliff sah den Büchsenmacher undeutlich in der Dunkelheit.

„Komm herein!“ Cliff schob den Colt in die Halfter und setzte sich wieder. „Wie spät ist es denn?“

„Mitternacht.“ Der Büchsenmacher schob die Tür zu. „O’Hagan hat gesagt, ich sollte die Augen mit offenhalten. Du weißt ja, seine Frau sieht es nicht gern, dass er sich einmischt. Sie sagt, er wäre kein Marshal mehr.“

„Ja, ich weiß. Setz dich doch!“

Der Büchsenmacher tastete in der Dunkelheit nach einem Stuhl, schob ihn ans Fenster und setzte sich. „Im Saloon brennt immer noch Licht, siehst du es?“

„Ja.“

„Sonst ist es überall dunkel. Aber ich wette, die meisten Leute schlafen nicht.“

„Sind die beiden noch im Saloon?“

„Ja. Ich war vorhin an der Tür. Alice hat gesagt, es wären schon mehr als zehn Stunden um, und Morrison würde kneifen. Die beiden saufen und essen nichts. Alice hatte das Kleid ausgezogen und Moore eine blaue Stelle gezeigt, die von Morrison stammen soll. Moore schien einen Moment nach ihr greifen zu wollen. Es sah gerade aus, als wollte er ihr den Rest der Sachen herunterreißen. Dann hat er aber nur ihren Hals geküsst und gefragt, wo sie wohnt.“

„Hat sie es ihm gesagt?“

„Natürlich. Und sie meinte, wenn Morrison nicht bald käme, dann würden sie beide gehen - in ihr Zimmer. Da hat er wieder ihren Hals geküsst und ihr in das Kleid geholfen.“

Cliff stand wieder auf und ging zur Tür.

„Wo willst du denn hin, Cliff?“

„Ich sehe mir das mal an.“

Cliff öffnete die Tür und ging hinaus. Er stieg steifbeinig und müde vom Gehsteig und lief die Straße hinunter. Überall war es dunkel. Nur aus dem Saloon fiel eine lange Lichtbahn. Ein perlendes Lachen schallte gedämpft durch die Stadt.

Cliff hatte den Saloon noch nicht erreicht, als die Schwingtür aufgestoßen wurde und das Mädchen in der Lichtbahn auftauchte. Alice taumelte etwas, als sie den Bretterweg überquerte und auf die Fahrbahn sprang.

„Johnny, wo bleibst du denn?“, rief sie, während sie zurückblickte. „Na komm schon! Morrison kommt nicht. Er hat richtig begriffen, was geschehen ist. Nun komm schon, Johnny!“

Moore kam aus dem Saloon. Er ging langsam, aber die Unsicherheit war ihm trotzdem anzusehen. Er stieg die ausgetretenen Stufen herunter und griff nach der Hand des Mädchens, die sich ihm entgegenstreckte. „Wo ist das, wo du wohnst?“

Alice lachte. „Da drüben! Ja, dort! Na komm!“

Eng umschlungen liefen die beiden über die Straße, blieben vor dem geduckten Adobelehmhaus stehen, und das Mädchen trat gegen die Tür. „Tu nicht so, als würdest du uns nicht hören, Lopez!“, rief Alice Silver. „Los, mach die Tür schon auf!“

Vor dem Saloon tauchte Madson auf, ging wieder hinein und schloss eine Klappe über der Schwingtür. Gleich darauf verlosch im Saloon das Licht.

Das Mädchen trat wieder gegen die Tür. „Lopez, ich wecke die ganze Stadt, wenn du nicht aufmachst!“, rief sie. Dann setzte sie leiser hinzu: „Morrison gehört eine Ranch in der Nähe. Er ist ein brutaler Kerl, aber sie ducken sich vor ihm. Du weißt ja, wie das ist. Lopez hat Angst, Johnny.“

Alice trat wieder gegen die Tür, dass es durch die Stadt schallte.

Da wurde die Tür geöffnet.

„Na endlich“, sagte das Mädchen. „Was hast du denn, Lopez? Morrison kommt nicht. Er weiß, dass Johnny ihn totschießen würde.“ Alice lachte schrill.

Ihr Lachen schien noch durch die Stadt zu schallen, als sich die Tür bereits geschlossen hatte.

Cliff wandte sich um und lief die Straße wieder hinauf. Als er das Office betrat, saß der Büchsenmacher noch in der Dunkelheit am Fenster und blickte nach draußen.

„Eigentlich schade, dass Morrison nicht gekommen ist“, brummte der Mann.

„Wie kommst du denn darauf, John?“

Der Büchsenmacher wandte Cliff das Gesicht zu, aber der sah es nur wie einen hellen Fleck in der Nacht.

„Na hör mal, Cliff! Leiden kann ihn kein Mensch. Und der Kopfgeldjäger taugt auch nichts. Wenn irgendwas passiert wäre, was nicht astrein ist, dann hättest du eine Handhabe gegen Morrison. Nun tu nur nicht so, als ob du so was nicht schon lange suchst! Du und deine Leute hassen ihn doch. Ein Mord an einem zwielichtigen Kerl, um den kein Mensch weinen wird; also wenn du mich fragst, das ist ein Ding!“

„Du bist müde, John. Geh jetzt schlafen!“

Der Büchsenmacher stand auf. „Ist es etwa nicht so? Er hat doch der Ranch deines Vaters eine Menge Schaden zugefügt.“

„Wir haben uns immer revanchiert.“

„Und wenn schon. Richtig geklappt hat es nie. Sonst würde er heute nicht mehr leben, Cliff. Das weiß jeder in Tucson. Die Leute haben auch Verständnis dafür. Wir wissen schließlich alle, dass er ein Schwein ist.“

„Trotzdem werden die meisten Leute nicht aus den Häusern kommen, wenn er auftaucht.“

„Das ist überall so, Marshal. Du brauchtest ihn ja auch nicht unbedingt zu verhaften. Die Soldaten sind zwar nicht zuständig, wenn es um unsere Schwierigkeiten mit einem Mann wie Morrison geht, aber helfen würden sie trotzdem.“

„Es ist wirklich besser, du gehst jetzt schlafen, denn er kommt sicher nicht mehr. Und vielen Dank, John.“

„Schon in Ordnung, Cliff.“

Cliff ging durch das dunkle Zimmer bis zum Gitter und wandte sich dort um.

„Trotzdem liegt etwas in der Luft“, sagte der Büchsenmacher. „Morrison lässt sich nicht einfach einen seiner Kerle erschießen,“

„Vielleicht kommt er morgen.“

„Ja, vielleicht.“ Huber öffnete die Tür. „Gute Nacht, Cliff.“

„Gute Nacht.“

Die Tür schloss sich hinter dem Mann. Ein Schatten wanderte am Fenster vorbei, dann wurden die Schritte leiser und verklangen.

Cliff ging zu dem Sofa auf der rechten Seite des Raumes, setzte sich und lehnte den Rücken und den Kopf an die Wand. Die Mödigkeit drückte auf seine Lider, und er fragte sich, ob es wirklich Sinn hatte, munter zu bleiben. Aber während er darüber noch nachdachte, drehten sich seine Gedanken bereits im Kreis und begannen sich zu verwirren.


*


Gregor Wery ritt aus dem Dickicht am Rand der Piste, als er den gedämpften Hufschlag hörte. Er brauchte nicht lange zu warten, da schälten sich die Schatten aus der Nacht. Jäh verklang der Hufschlag. Ein Gewehr wurde repetiert.

„Ich bin es, Wery!“

Die Schatten kamen näher. Am gedämpften Hufschlag erkannte der Mann, dass die Reiter Lappen um die Hufe der Pferde gewickelt hatten. Dann waren sie bei ihm, und Wery erkannte Morrisons breitflächiges Gesicht, aus dem ihn die kleinen Augen scharf musterten.

„Ihr kommt spät“, sagte Wery. „In einer Stunde wird es hell.“

„Reicht das nicht?“, knurrte Morrison.

„Doch.“ Gregor Wery blickte über die kleine Reiterschar hinweg. Außer Morrison und Zane Black waren es noch drei Männer.

„War alles so, wie Zane mir erzählt hat?“, knurrte Morrison.

„Ich weiß nicht, was er dir erzählt hat. Lefty hat den Kopfgeldjäger unterschätzt. Aber schuld ist Alice, das Luder. War es gut, dass ich Zane allein geschickt habe und hier wartete? Ich dachte, er würde die Stadt verlassen. Von hier aus hätte ich ihn auch gesehen, wenn er nach Nordwesten wäre. Aber er kam nicht.“

„Und?“, fragte Morrison drängend.

„Als es dunkel genug war, bin ich zurück. Alice hat wie angestochen im Saloon gelacht. Der Kerl gefällt ihr, Boss.“

„Und weiter?“

„Gegen Mitternacht sind sie über die Straße. Zu Lopez, wo Alice wohnt, Boss!“

„Das hast du genau gesehen?“

„Ganz genau, Boss.“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925647
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v455266
Schlagworte
circle c-ranch band hängt johnny moore

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Titel: Circle C-Ranch  Band 32  Hängt Johnny Moore!