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CALLAHAN #18: Ritt nach Dakota

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Ritt nach Dakota

Klappentext:

Roman:

CALLAHAN

 

Band 18

 

Ritt nach Dakota

 

Ein Western von Wolf G. Rahn

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2018: Tony Masero

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Ich war nach Lewistown gekommen, weil ich einen Job suchte. Irgendwie schien ich Glück zu haben, denn ich musste gar nicht lange warten, bis ich einen Job bekam. Gleich zwei Leute wollten, dass sie sie nach Dakota begleitete. Der eine war ein kauziger Oldtimer namens Rip Foggers, und auch die schöne Carol wollte das gleiche.

Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst, wie viel Ärger ich mir einhandeln sollte, wäre ich nie im Leben mit Carol und dem alten Mann losgezogen. Denn unterwegs stießen wir auf drei hartnäckige Cheyenne-Krieger, die uns jede Menge Schwierigkeiten machten. Und zuletzt gab es nur noch eine Chance: kämpfen oder sterben!

 

 

 

Roman:

Der Ärger fing genau in dem Ort an, der rein äußerlich ein Vorort des Himmels zu sein schien.

Ich hockte ich hier in Lewistown und schaute mich nach einem Job um. Das war gar nicht so einfach, denn einerseits waren kräftige Burschen, die auch zupacken konnten, zwar gern gesehen, andererseits aber misstraute man hier jedem Fremden, der hoffnungslos verdreckt und mit einem übermüdeten Gaul in die Stadt einritt. Vermutlich lag das an einschlägigen Erfahrungen.

Dass die Leute mich trotzdem nicht nach Einzelheiten fragten, rechnete ich ihnen hoch an. Und den Sheriff, der vergaß, in seiner Schublade nach eventuellen Steckbriefen zu kramen, schloss ich direkt in mein Herz.

Aber das waren auch schon die einzigen Erfolge, die ich während der ersten drei Tage zu verzeichnen hatte. Arbeit bekam ich keine.

Natürlich hätte ich einfach nur weiter zureiten brauchen. Doch es gefiel mir nun mal in Lewistown. Die Mainstreet, die sogar am Abend, wenn das Lärmen aus den Saloons drang, friedlich blieb, hatte etwas Anheimelndes. Ich konnte mir gut vorstellen, hier in fünfzig Jahren meinen Lebensabend zu verbringen, wenn man mich bis dahin in Ruhe ließ.

Eigentlich bin ich kein Thekensteher. Aber wenn man in einer fremden Stadt nicht noch mehr auffallen will, bleibt einem gar nichts anderes übrig, als am Abend ein paar Bier zu schlucken. Das hat außerdem noch den Vorteil, dass man ein paar Bekanntschaften schließt und dadurch möglicherweise eher zu einem Job gelangt.

Und tatsächlich schien ich diesmal Glück zu haben.

Mir war der Alte schon vor einer Weile aufgefallen, weil er mich so ungeniert anstarrte, als schuldete ich ihm noch zehn Dollar.

Zuerst beobachtete ich ihn aus den Augenwinkeln. Dann starrte ich einfach zurück und erreichte damit, dass er sich an seinem Bier verschluckte.

Der Bursche trug einen Urwald im Gesicht, wodurch ich dessen Ausdruck unmöglich erkennen konnte. Lediglich die Lippen waren frei und zwei kleine mausgraue Augen, die mich unternehmungslustig anblitzten.

Dieses Blitzen schrieb ich allerdings hauptsächlich dem Bier zu, denn der Alte hatte bereits das sechste Glas, seit ich an der Theke stand, und er war schon vor mir im Saloon gewesen.

Ich hielt es für gesünder, meinen Standort zu wechseln. Ich nahm also mein Glas und schob mich damit an den Alten heran. Jetzt stand ich so, dass ich die Schwingtür im Rücken hatte, und das gefiel mir schon wesentlich besser.

Ich stellte mein Glas auf den kleinen, runden Tisch, an dem der Mann saß, und bevor ich etwas sagen konnte, lud er mich bereits mit einer Handbewegung ein, bei ihm Platz zu nehmen.

Üblicherweise bittet man einen Mann nicht an seinen Tisch, wenn man beabsichtigt, ihn über den Haufen zu schießen. Aber so genau kannte ich die Gebräuche in Lewistown noch nicht.

Er nahm einen kräftigen Schluck, wischte sich mit dem Ärmel über den Bart und knallte den Krug auf die Tischplatte zurück.

„Du suchst einen Job, Junge?“, begann er. Seine Stimme hörte sich so kratzig an, dass ich sicher war, einen Mann vor mir zu haben, der lieber Whisky und Brandy trank als Bier. Dafür sprach auch seine knollige Nase, die zumindest in der Farbe jeder Rothaut zur Ehre gereicht hätte.

Seine Worte waren Musik in meinen Ohren. Er war mir sofort unheimlich sympathisch, denn dass er von mir nicht verlangen würde, eine Rinderherde zu stehlen oder einen Bankdirektor zu erschießen, war ihm anzusehen.

Ich versuchte, ihn einzustufen. Vormann auf einer Ranch war er kaum. Dafür soff er zuviel.

„Meinen Glückwunsch zu Ihrer guten Beobachtungsgabe“, sagte ich. „Haben Sie was anzubieten, Mister?“

„Du kannst Foggers zu mir sagen. So heiße ich nämlich. Rip Foggers. Ich hoffe, dass wir ins Geschäft kommen.“ Er trank sein Glas leer und brüllte nach einem neuen.

Ich nannte meinen Namen nicht unnötig laut.

Er reagierte in einer Weise, als hätte ich Brown oder Curtis geheißen, nämlich gar nicht.

„Ich werde gern für Sie arbeiten, Mr. Foggers“, sagte ich, „wenn Sie nichts Ungebührliches von mir verlangen.“

Der Alte kicherte in seinen Urwald hinein. „Ungebührliches? Der Halunke mit dem Pferdefuß soll dich schmoren und zur Suppe kochen, wenn dir so etwas einfällt. Nein, beim alten Foggers wird ehrbar gearbeitet. Hast du ein Pferd?“

Ich nickte. „Und ich kann sogar darauf reiten.“

„Das wirst du auch müssen, denn zu Fuß ist es ein bisschen weit.“

„Wie weit?“

„Irgendwo nach Dakota. Östlich vom Missouri.“

Jetzt nahm auch ich einen Schluck. „Was soll ich dort?“

„Mich begleiten, Callahan.“

Ich glotzte ihn an. Dann ließ ich die Mundwinkel hängen. „Mist!“, knurrte ich enttäuscht. „Ich hatte schon geglaubt, ich hätte einen Job.“

„Du hast einen. Was gefällt dir nicht daran?“

„Die Gegend. Ich habe nichts gegen Indianer. Aber woher weiß ich, dass sie auch nichts gegen mich haben?“

„Ich wusste nicht, dass du ein Feigling bist, Callahan.“

Jeder andere hätte auf diese Beleidigung die richtige Antwort von mir erhalten, aber ich konnte mich unmöglich mit einem Greis anlegen, der in seinem Suff nicht mehr wusste, was er sagte.

„Ich reite die Strecke dreimal hin und wieder zurück“, prahlte ich. „Aber allein. Nicht mit einem Anhang, den ich auf dem Sattel festbinden muss, damit er nicht herunterfällt.“

Rip Foggers war nicht beleidigt. Er lachte gut gelaunt, aber meine Stimmung besserte sich dadurch nicht.

„Sonst noch etwas?“, fragte ich uninteressiert.

„Möchtest du nicht wissen, was ich zahle?“

Ich hob die Schultern. „Auf jeden Fall Ihren Skalp. Beidseits vom Yellowstone River wimmelt es jetzt von Rothäuten. Sioux und auch Cheyenne. Nach Little Bighorn sind sie jetzt in der richtigen Stimmung. Die fragen nicht lange, ob wir einen blauen Rock tragen oder nicht.“

„Zweihundert Dollar.“

„Zweihundert Dollar dafür, dass ich Sie nach Dakota bringe?“

„Lebendig natürlich.“

„Das ist der Haken, Mr. Foggers. Was halten Sie von Oregon oder Idaho? Ich kenne die Gegend. Sie ist sehr hübsch.“

Der Alte schien gar nicht zugehört zu haben. „Wohnst du im Silver Hotel?“, erkundigte er sich.

„Ist mir zu teuer. Für mich tut’s auch das Vivian Hotel.“

Das Urwaldgesicht rümpfte die rote Knollennase. „Geschmacksache! Komm’ lieber ins Silver Hotel. Da kannst du sogar ein Bad kriegen.“

Ich wehrte ab. „Das gibt’s bei Vivian auch.“

Rip Foggers ging auf. „Dann leiste dir, verdammt nochmal, gefälligst so einen Bottich mit heißem Wasser und wasche dir deine Ohren! Ich sagte Dakota und nicht Idaho oder Oregon. Wenn du Appetit auf ein saftiges Steak hast, und einer bietet dir trockene Bohnen an, was würdest du dann sagen?“

„Ein hübscher Vergleich, Mister. Offenbar haben Sie Appetit auf ein Steak in Ihrem eigenen Saft. Wie schon gesagt. Wenn Sie mich mit einer Botschaft hinüberschicken wollen, bin ich Ihr Mann, aber als Reisegefährte durch dieses Gebiet passen Sie mir nicht.“

„Auch nicht für zweihundert Dollar?“

„Nicht für zweitausend.“

„So viel könnte ich auch nicht anlegen. Aber ich bin sicher, dass du dir die Sache noch überlegst.“ Er grinste geheimnisvoll. „Ich bin ganz sicher.“

 

*

 

Der Verrückte kostete mich die halbe Nacht. Ich grübelte stundenlang, was den Alten ausgerechnet nach Dakota trieb, aber ich kam nicht drauf. So schlief ich erst nach Stunden ein, und als ich am Morgen aufwachte, war meine Laune entsprechend.

Als ich in die Halle hinunterkam, hellte sich mein Gesicht schlagartig auf. Ich sah durch die offenstehende Tür, die in das angrenzende kleine Speisehaus führte, das zum Hotel gehörte, eine Frau sitzen, die meinen Blutdruck beträchtlich in die Höhe trieb.

Ich hatte sie hier noch nie gesehen, was allerdings nicht viel bedeutete, denn ich hatte meine Zeit damit totschlagen müssen, um Arbeit zu betteln. Dabei waren mir auf den Ranches zwar auch zum Teil recht ansehnliche Girls begegnet, aber diese Fee stellte doch alles in den Schatten, was sich in meiner Erinnerung an die letzten Wochen herumtrieb.

Sie trug eine einfache Reithose und eine Baumwollbluse, die vielleicht ihrer jüngeren Schwester gepasst hätte, falls eine solche vorhanden war. Ihr saß sie jedenfalls mächtig knapp auf der Haut und konnte allenfalls dazu dienen, ihr die lästigen Fliegen vom Leib zu halten. Sie verdeckte keine der ansehnlichen Rundungen, sondern betonte sie eher.

Mein Mund wurde trocken. Ich brauchte dringend meinen Morgenkaffee, damit ich nicht gänzlich die Sprache verlor.

Sie hob nur flüchtig den Kopf, als ich den Raum betrat, und wandte sich dann wieder ihrem Maiskuchen zu.

Himmel, hatte dieses Mädchen Rasse! Das Gesicht war noch fast mädchenhaft. Allerdings las ich darin jene Art Neugier, die mir gefiel.

Sie besaß lange, schwarze Haare, die sie zu einer kunstvollen Frisur zusammengesteckt hatte. Ihr Nacken blieb dadurch frei. Seine verführerische Linie raubte mir den Atem. Ich konnte nur hoffen, dass er mir den Verstand ließ.

Ich hatte einen kurzen Blick aus dunklen Augen eingefangen und war mir nicht sicher, ob ich nur Desinteresse oder gar Spott darin gelesen hatte.

Wenn diese Frau mir den richtigen Job anbot, würde ich sogar auf die Bezahlung verzichten. Aber daran dachte sie leider nicht.

Sie mochte Mitte Zwanzig sein. In diesem Alter und mit dem Aussehen lief sie bestimmt nicht mehr allein durch die Straßen von Lewistown. Von ihrem Begleiter war allerdings nichts zu sehen.

Mich ritt der Teufel. Wenn ich mal alt war und an mein verkorkstes Leben zurückdachte, wollte ich mir nicht den Vorwurf machen müssen, es nicht wenigstens versucht zu haben.

Ich trat also an ihren Tisch, grüßte betont freundlich und fragte, ob an ihrem Tisch noch ein Platz frei sei.

Wieder hob sie den Kopf. Sie tat das mit einer provozierenden Langsamkeit, die die Abfuhr schon von vornherein ahnen ließ.

Ihre dunklen Augen bohrten sich wie zwei brennende Zigaretten in meine.

Ich war durchaus in der Lage, einem solchen Blick standzuhalten, aber meine Gedanken blieben dabei nicht sauber. Ein kräftiges Frühstück und danach alle Kraft mit dieser Frau zum Teufel schicken, das war genau das, was mir jetzt gefallen würde.

Zum Glück erriet sie meine Gedanken nicht, denn sie zeigte mit einer ausholenden Geste auf den menschenleeren, Speisesaal und sagte: „Alle Stühle, die Sie hier sehen, sind frei. Natürlich auch dieser, wenn Ihnen der besonders zusagt.“

Ich ließ mich fallen und strahlte sie an. „Es ist weniger der Stuhl, wenn ich ehrlich sein soll.“

„Ich schätze ehrliche Männer“, behauptete sie und wandte sich wieder unbekümmert ihrem Frühstück zu.

Wie weit würde sie meine Ehrlichkeit vertragen? Vielleicht war es besser, wenn ich meinen Angriff nicht mit leerem Magen startete. Ein Tiefschlag war in diesem Zustand besonders schwer zu verdauen.

Der krummbeinige Harry brachte die dampfende Kanne und zwinkerte mir anerkennend zu. Die fremde Schöne hatte es zum Glück nicht gesehen. Sie kaute unverdrossen ihren Kuchen und kümmerte sich herzlich wenig um mich.

„Wohnen Sie hier im Hotel?“ Ich versuchte, eine Unterhaltung in Gang zu bringen.

Leider verneinte sie. „Ich nehme hier nur manchmal mein Frühstück ein.“

„Die Zimmer sind recht ordentlich“, behauptete ich. „Ich könnte Ihnen eins zeigen.“

Das war plump. So ungeschickt bin ich eigentlich nur, wenn ich verwirrt bin. Diese Frau verwirrte mich, und das war ärgerlich. Ein Mann sollte in jeder Situation seinen klaren Kopf bewahren. Auch in einer derartigen. Ich würde es schon noch lernen. Ich musste eben nur tüchtig üben.

Sie ersparte sich eine Antwort darauf. Dafür nannte sie mir ihren Namen. Meinen kannte sie schon. Sie hieß Carol.

Vielleicht hätte sie einen Job für mich gewusst, doch ich war zu stolz, sie ausgerechnet danach zu fragen. Im Moment lag mir eine ganz andere Frage am Herzen.

„Können Sie mit einer Waffe umgehen, Callahan?“, fragte sie unvermittelt.

Donner, das hörte sich verheißungsvoll an!

„Ich schieße Ihnen den Sirup aus zehn Schritten Entfernung von Ihrem Kuchen, wenn Sie es wünschen“, behauptete ich.

„Ich glaube nicht, dass er dann besser schmeckt. Ich meine, trauen Sie sich zu, ein bewegliches Ziel zu treffen, falls es nötig ist?“

„Auch das, Carol. Soll ich Ihnen einen Kerl vom Hals schaffen?“

Nichts wäre mir im Augenblick lieber gewesen. Es musste ja nicht unbedingt mit dem Schießeisen sein.

Eine Hand mit fünf kräftigen Fingern dran tat es meistens auch schon.

„An Ihrer Fantasie ist etwas nicht in Ordnung“, meinte Carol hintergründig lächelnd.

Na, wenigstens lächelte sie schon. Das war ja immerhin ein verheißungsvoller Anfang.

„Helfen Sie mir, sie in Ordnung zu bringen“, schlug ich vor.

„An mir soll es nicht liegen. Passen Sie auf, Callahan! Ich muss dringend nach Shelby. Das liegt im Nordwesten. Würden Sie mit mir reiten? Natürlich nicht umsonst.“

„Über den Preis werden wir uns schon einig, Carol“, sagte ich hastig. Ich hatte da so meine bestimmten Vorstellungen. Ich musste sie nur noch davon überzeugen, dass sie sich mit den ihren deckten. Außer, dass wir durch die Berge mussten, sah ich keine Gefahr bei der Tour. Carol war zwar nicht gerade eine Bärennatur, aber wiederum auch nicht so schwächlich, dass sie der erste Wind aus dem Sattel hob. Ich kannte eine Passage, die ich ihr ohne weiteres zumuten konnte, wenn wir dabei auch einen kleinen Umweg machen mussten. Aber das brauchte ich ihr ja nicht auf ihre hübsche Nase zu binden.

Unterwegs würden sich genügend Gelegenheiten bieten, um uns die Zeit zu vertreiben. Schließlich wollten wir gut gelaunt in Shelby ankommen.

„Ich weiß nicht, wann Sie von hier fortkönnen?“, sagte sie besorgt. „Wie schon erwähnt, ich möchte möglichst bald aufbrechen.“

„Sobald ich runtergekaut und mein Pferd geholt habe, bin ich bereit“, erklärte ich. „Mich hält hier nichts mehr. Ist Ihnen das recht?“

„Sehr sogar. Treffen wir uns in einer Stunde vor der Stadt?“

„Okay! In einer Stunde. Sie werden staunen, wie pünktlich ich sein kann.“

Anscheinend war es ihr peinlich, mit mir zusammen in der Stadt gesehen zu werden. Die Leute konnten gleich wer weiß was denken. Sollten sie nur denken. So weit daneben lagen sie mit ihren schmutzigen Vermutungen gar nicht. Carol wusste nur noch nichts davon.

 

*

 

Ich beendete mein Frühstück überstürzt und ging in mein Zimmer zurück. Dort packte ich meine Habseligkeiten in die Satteltaschen und warf mir diese über die Schultern.

Der verschlafene Clerk sah mich überrascht an, als ich pfeifend die Treppe hinunterging. Eine halbe Stunde vorher hatte ich ihn noch mürrisch angeknurrt.

„Sie wollen schon fort, Mr. Callahan?“, fragte er, als ich die Rechnung beglich.

„Ein Mann ist wie ein Nähgarn“, philosophierte ich. „Gewalt bringt ihn nicht in das Nadelöhr. Dazu braucht es die zarte Hand einer Frau.“

Der Bursche sah mir kopfschüttelnd nach. Natürlich hatte der Banause kein Wort meiner selbsterfundenen Weisheit kapiert.

Aber das störte mich nicht. Mich störte an diesem Morgen überhaupt nichts. Nicht das Fuhrwerk, das in wahnwitzigem Tempo an mir vorbeiratterte und mir so viel Dreck ins Gesicht beförderte, dass ich nach Luft schnappte, nicht die faulen Säufer, die vor den Saloons auf den Sidewalks lagen, nicht mal der rotborstige Kerl, der mich so ungeniert anglotzte, dass es regelrecht in meiner Faust juckte.

Ich befand mich in Hochstimmung. Die ließ ich mir von keinem verderben.

Ich stiefelte zum Mietstall, begrüßte meinen Braunen und sah zufrieden, dass er bereits versorgt war. Auch er war voller Ungeduld. Er konnte es kaum erwarten, aus dem miefigen Stall herauszukommen. So sehr ich ihn in der letzten Zeit hatte schinden müssen, das tagelange Nichtstun behagte ihm offensichtlich noch weniger.

„Wenn du Glück hast, mein Alter“, sagte ich, während ich ihm den schweren Sattel auflegte, „triffst du eine nette Pferdedame, der du nicht gleichgültig bist. Du sollst auch deinen Spaß haben. Nichts ist schlimmer, als wenn du neidisch unter meiner Decke schnüffelst.“

Ich zog den Gurt fest, hängte die Satteltaschen über und führte den Hengst aus der Box. Vor dem Stall füllte ich meine Wasserflaschen und nahm mir vor, Carol zu fragen, ob auch sie daran gedacht hatte. Proviant hatte ich genügend bei mir. Den hatte ich bereits am ersten Tag in Lewistown besorgt, weil ich nicht sicher sein konnte, ob ich nicht zu einem plötzlichen Aufbruch gezwungen sein würde.

Ich schwang mich in den Sattel und ritt langsam die staubige Mainstreet hinunter. Ich hatte das Gefühl, als würden mir unfreundliche Blicke folgen. Doch daran war ich gewöhnt. Und diesmal machten sie mir überhaupt nichts aus. Ich ritt auf einer Wolke angenehmster Erwartungen.

Ich ließ die letzten Häuser hinter mir und suchte mir einen breitkronigen Baum, unter den ich mich setzte, um auf meine Begleiterin zu warten. Ich war viel zu früh an dem vereinbarten Treffpunkt, aber das machte nichts. Die Vorfreude ist ja bekanntlich das beste.

Leider hielt die Freude nicht sehr lange an. Carol war zwar pünktlich, doch was danach folgte, verdarb mir den ganzen Spaß.

„Schön, dass Sie Wort gehalten haben!“, rief sie schon von weitem und hob die Hand.

Ich sprang auf die Füße. Donnerwetter! Im Sattel sah sie fast noch aufregender aus. Sie trug ihr Haar jetzt offen, und es bedeckte ihren ganzen Rücken.

Sie musste merken, dass sie mir gefiel, doch sie reagierte nicht darauf. Sie zügelte ihr Pferd neben dem meinen und wartete, bis ich im Sattel saß.

„Auf gute Partnerschaft!“, sagte ich fröhlich und feuerte meinen Braunen an.

Sie hielt sich an meiner Seite. Ich sah auf Anhieb, dass sie im Sattel groß geworden war, denn sie ritt wie ein Mann.

Hoffentlich ist das deine einzige männliche Eigenschaft, dachte ich verträumt.

Die ersten Minuten schwiegen wir. Der Weg lag klar vor uns. Wir mussten in nördlicher Richtung dem Judith River folgen, bis wir auf den Missouri stießen. Dort setzten wir an einer Stelle, an der dies möglich war, über, ritten weiter bis zum Milk River und schwenkten dann nach Westen ab. Unterwegs würden wir auf einige beschwerliche Stellen stoßen, aber wie ich Carol einschätzte, meisterte sie sie durchaus.

Zwei Meilen hinter Lewistown sahen wir einen einsamen Reiter vor uns. Das ist in der Nähe einer Stadt nichts Ungewöhnliches, doch etwas an dem Mann machte mich misstrauisch. Er kam mir irgendwie bekannt vor, obwohl ich in dieser Gegend keine Bekannten besaß.

„Ist was?“, erkundigte sich Carol und folgte meinem Blick.

„Weiß ich noch nicht. Muss mir den Burschen erst mal genauer betrachten. Habe das Gefühl, als würde ich ihn kennen.“

Sie schwieg und folgte mir gehorsam.

Nach zehn Minuten hatte ich Gewissheit, und die haute mich um ein Haar aus dem Sattel.

„Das gibt es nicht!“, stieß ich hervor.

„Etwas Unangenehmes?“, fragte die Frau besorgt.

„Das möchte ich dem Kerl nicht raten.“

Es war Rip Foggers. Der Alte ritt uns treuherzig entgegen und schwenkte erfreut seinen Hut, als er mich erkannte.

„Hey, Callahan!“, brüllte er mit seiner kratzigen Brandystimme. „Das ist aber mal ein hübscher Zufall, dass wir uns treffen. Aber wie mir scheint, bist du in der falschen Richtung unterwegs.“

„Ihr kennt euch?“, wunderte sich Carol.

„Der Verrückte wollte mich überreden, mit ihm nach Dakota zu reiten. Mitten durch die Indianer.“

„Und ich wette, du tust es auch“, beharrte Foggers.

„Man kann mir eine Menge nachsagen“, gab ich zu, „nur nicht, dass mein Verstand nicht mehr intakt ist. Ich glaube auch nicht, dass Sie einen anderen finden werden. Und wenn Sie doch einen aufspüren, dann ist der nur auf Ihre zweihundert Dollar scharf. Spätestens in Winnett haut er Ihnen eins über die Nuss und macht kehrt.“

„Und wenn Sie nun wirklich diesen kleinen Umweg machen, Callahan?“, sagte die Schwarzhaarige.

Ich starrte sie an, als hätte sie von mir verlangt, mir meinen eigenen Sattel aufzuschnallen und mein Pferd aufsitzen zu lassen.

„Kleiner Umweg? Carol, Sie sind wohl das letzte Jahr nicht an die frische Luft gekommen? Haben Sie schon mal was von Indianern gehört, die auf uns Weiße nicht besonders gut zu sprechen sind? Von diesen Knaben laufen, so unwahrscheinlich es auch klingen mag, immer noch eine ganze Menge herum. Ich gönne ihnen das von Herzen. Nur fällt es mir nicht im Traum ein, sie dabei zu stören. Das könnten sie mir nämlich übelnehmen, und wenn ich auch ein paar indianische Dialekte leidlich spreche, so werde ich kaum dazu Gelegenheit haben. Die besitzen nämlich verteufelt schnelle Messer und solche Sachen.“

„Andere Männer, die sich etwas zutrauen, kommen auch durch.“ Ihr Vorwurf traf mich unerwartet.

Was war nur in sie gefahren? Tat ihr der bärtige Knochen etwa leid? Dazu bestand kein Grund. Wenn er hier blieb, behielt er ja seinen Skalp. Und seinen Urwaldbart obendrein.

Ich versuchte, es ihr genauer zu erklären, aber sie winkte ab. „Reden Sie nicht drumherum, Callahan! Ich habe auch in Dakota zu tun, also können wir auch zu dritt reiten.“

Meine Zähne bekamen heute eine Menge frische Luft, denn ich sperrte schon wieder den Mund auf. „Moment!“, widersprach ich. „Sie scheinen sich in der Geografie nicht besonders auszukennen. Dakota liegt im Osten, wir aber reiten in nordwestlicher Richtung. Sie wollen nach Shelby, haben Sie gesagt.“

„Und jetzt sage ich, dass ich nach Dakota will. Ist das so schwer zu verstehen?“

„Für einen Irren vielleicht nicht. Aber ich tue mich ziemlich hart.“

Sie seufzte. „Erkläre du es ihm, Großvater!“

„Großvater?“ Mir gingen die Augen über. Also so war das? Jetzt kapierte sogar ich. Die beiden steckten unter einer Decke. Nachdem der Alte bei mir abgeblitzt war, hatte er seine saubere Enkelin vorgeschickt. Der Halunke hatte mich genau richtig eingeschätzt.

Aber nur, was meine Einstellung zu attraktiven Frauen betraf. Bezüglich meiner Selbstmordabsichten hatte er sich gründlich verkalkuliert.

Shelby! Sie hatte nie die Absicht gehabt, dorthin zu reiten. Das Nest diente nur als unverfänglicher Vorwand, um mich erst mal in den Sattel zu bringen und entsprechende Hoffnungen in mir zu wecken.

Und jetzt bildeten sie sich ein, dass ich mich geschlagen gab und gute Miene zum aufregenden Spiel machte. Aber nicht mit Jed Callahan!

„Wenn Sie wollen, können Sie wieder mit mir nach Lewistown zurückreiten“, bot ich an. „Ich hoffe, dass mein Zimmer noch frei ist.“

Carol wandte sich mir zu. Ihre Augen waren wie zwei glühende Kohlestückchen. Es fiel mir schwer, ihnen nicht erneut zu verfallen. Zum Teufel mit dieser falschen Hexe!

„Spielen Sie nicht den Beleidigten, Callahan!“, sagte sie mit ihrer tiefen, lockenden Stimme.

„Das hat damit nichts zu tun, Carol. Ich habe Ihrem Großvater gestern klipp und klar meine Gründe auseinandergesetzt, und wenn er nicht total verkalkt ist, hat er sie auch gefressen. Ich kann einfach die Verantwortung für einen alten Mann nicht übernehmen, falls es zum Äußersten kommen würde. Und damit müssten wir rechnen. Ich allein kann mich jederzeit durchbringen, aber nicht mit ihm zusammen.“

„Bildest du dir etwa ein, dass ich ein Klotz an deinem Bein wäre?“, fauchte der Bärtige.

„Wie Sie das ausdrücken, ist Ihre Sache. Dem Sinn nach stimmt es jedenfalls.“

„Und sie?“ Er deutete wild auf die Schwarzhaarige, die stolz im Sattel saß. „Ist sie auch ein Klotz für dich?“

Ich brachte es fertig zu grinsen. „Ein sehr appetitlicher Klotz zwar, aber immerhin ein Klotz. Ich müsste lügen, wollte ich behaupten, dass ich den Ritt nach Shelby widerwillig hinter mich gebracht hätte. Aber es wäre unverantwortlich, eine Frau durch das Indianergebiet zu schleppen.“

„Niemand verlangt von Ihnen, dass Sie die Verantwortung für uns übernehmen. Wir wissen selbst, was uns erwartet. Deshalb engagieren wir ja einen Mann, der sich seiner Haut zu wehren versteht. Weiter brauchen Sie nichts zu tun, Callahan.“

„Das hört sich prächtig und sehr einfach an. Aber ein Mann hat auch etwas wie ein Gewissen. Ich weiß nicht, wie es bei den Frauen damit bestellt ist. Wenn einem von Ihnen etwas zustieße, würde ich mir ewige Vorwürfe machen. Nein, danke! Ich habe schon genug mit mir herumzuschleppen. Ich lasse mich nur auf Unternehmungen ein, die erfolgversprechend oder unvermeidbar sind.“

Die Frau senkte den Kopf. „Ist das Ihr letztes Wort?“

„Sie können es auch schriftlich haben.“

„Gut! Dann reiten wir allein.“

Sie warf ihr Pferd herum. Der Alte folgte ihrem Beispiel.

Ich lachte sie aus.

„Hören Sie, Carol, Sie haben keine besonders gute Schauspielschule besucht. Das erste mal bin ich ihnen zwar auf den Leim gegangen, ein zweites Mal kriegen Sie mich aber nicht dran. Sie bilden sich ein, dass ich jetzt gar nicht anders kann, als Ihnen zu helfen. Da irren Sie sich aber gewaltig. Ich kann. Ich nehme Ihnen nämlich nicht ab, dass Sie so verrückt sind und losreiten. Ihr alter Opa vielleicht, aber Sie nicht. Also verbeugen Sie sich, nehmen Sie meinen Applaus entgegen und kommen Sie mit zurück!“

„Reiten Sie in die Hölle, Callahan!“, schrie sie wütend und funkelte mich an, als wollte sie sich auf mich stürzen.

Was für ein Temperament! Mir wurde ganz heiß bei dem Gedanken, worauf ich freiwillig verzichtete. Aber es musste sein. Bei Frauen war ich zwar im allgemeinen nicht zimperlich, doch wegen ein paar schöner Stunden ihr Leben aufs Spiel zu setzen, dazu reichte meine Skrupellosigkeit nicht aus.

„Sie werden mir noch mal dankbar sein“, versicherte ich.

Weder Carol noch der Alte würdigten mich einer Antwort. Sie ließen mich davonreiten, und ich musste mir insgeheim eingestehen, dass ich von diesem verheißungsvollen Tag mehr erwartet hatte.

Trotzdem hatte ich nicht den geringsten Zweifel, richtig gehandelt zu haben. Es war glattweg ein Wahnsinn, die Gefahr heraufzubeschwören, wenn dies zu vermeiden war. Die Laune eines kapriziösen Frauenzimmers durfte mich nicht verleiten, alle Grundregeln der Vorsicht außer acht zu lassen.

Ich hatte schon einige Begegnungen mit Indianern hinter mir. Dass ich immer noch meinen Haarschopf und mein jämmerliches Leben besaß, lag sicher nicht an der Harmlosigkeit dieser Zeitgenossen.

Vom Schicksal, der US-Kavallerie und jedem, der sich dazu berufen fühlte, die rote Rasse zu dezimieren, auf das ärgste gebeutelt, fragten diese Burschen in der Regel nicht nach der Weltanschauung ihres Gegners, bevor sie ihr Messer schwangen oder den tödlichen Pfeil auf die Reise schickten.

Sie schreckten nicht davor zurück, auch eine Frau und einen Greis abzuschlachten. Carol hätte allenfalls noch die Aussicht gehabt, von den Roten verschleppt zu werden. Ob das jedoch ein Vorteil wäre, wagte ich zu bezweifeln.

Natürlich kannte ich auch eine Reihe von Indianern, denen ich ohne weiteres den Rücken zudrehen würde, ohne dabei ein mulmiges Gefühl zu haben, aber die hielten sich mit Sicherheit im Augenblick nicht nördlich des Little Bighorn auf.

Kurz und gut! Carol würde sich ihr neues Kleid, oder was immer sie nach Dakota trieb, woanders kaufen müssen.

Ich versuchte, mir vorzustellen, wie diese Frau in einem Kleid aussah und kam dabei zu einem aufregenden Ergebnis. Ich musste mich zwingen, an etwas anderes zu denken. Daran, zum Beispiel, dass ich noch immer ohne Job war und sich die Chancen von Tag zu Tag nicht unbedingt vergrößerten.

Wahrscheinlich war Lewistown, so hübsch es war, doch nicht der ideale Platz für einen Mann wie mich, der auch mit einer niedrigeren Tätigkeit zufrieden gewesen wäre. Ich würde meine Zelte wieder abbrechen müssen in der Hoffnung, einen anderen Ort zu finden.

 

*

 

Ich hatte Glück. Ein Mann, den ich nicht kannte, half mir bei diesem Entschluss.

Er stand plötzlich mit seinem schwarzen Hengst, der ein paar graue Flecken zeigte, vor mir, ohne dass ich ihn zuvor bemerkt hätte. Dafür war ich zu sehr in Gedanken gewesen.

Hoppla, Callahan! dachte ich mir. Das darf dir aber nicht öfter passieren. Der Bursche sieht gar nicht so friedlich aus, als würde er nach Lewistown gehören.

Der Fremde war unauffällig gekleidet, wenn man seinen grauen Filzhut außer Betracht ließ. Seine linke Schulter hing etwas tiefer als die rechte, und das warnte mich.

Ich war schon einer Menge unregelmäßig gebauter Figuren begegnet, die Typen mit ungleicher Schulter hatten sich noch immer als atemberaubende Schützen herausgestellt. Ben Warner war einer der Wenigen gewesen, die nicht versucht hatten, auf mich zu schießen, obwohl auch seine Rechte ständig über dem Revolvergriff lauerte, was seine Schulter grässlich schief gezogen hatte. Er hatte mir grinsend erklärt, dass er diesen Schönheitsfehler gern in Kauf nähme, wenn er dadurch am Leben blieb. Ein Argument, dem ich mich nicht verschließen konnte.

Trotzdem waren mir meine geraden Schultern lieber, und ich versuchte auch so, schneller als die anderen zu sein, was mir bisher gelungen war.

Dass auch dieser Kerl unter dem grauen Filz sich von meiner Schnelligkeit überzeugen lassen wollte, wusste ich im gleichen Moment, als ich seine lauernden Augen sah, in denen bereits der Triumph des Sieges steckte.

Seine Winchester lag quer vor ihm über dem Sattel, während meine im Scabbard steckte. Dafür, den Gleichstand herzustellen, war es schon zu spät. Er würde bei meiner leisesten Bewegung zur Waffe sofort schießen, ohne sich für meine verständlichen Beweggründe zu interessieren.

Vielleicht fragte ich ihn mal nach seinen!

„Hallo!“ Mein Gruß klang eher wie eine Warnung.

Er verstand sie richtig. „Hallo, Callahan! Ich soll dir schöne Grüße bestellen.“

Er kannte meinen Namen, während mir der seine unbekannt war. Das mochte ich nicht. Jedenfalls nicht bei einem Mann. Wenn sich eine Frau nach mir erkundigte, war das etwas anderes. Das ließ ich mir schon eher gefallen. Den Rückstand holte ich schon wieder auf.

Ich tat ihm den Gefallen, die Unterhaltung nach seinem Wunsch fortzusetzen und erkundigte mich nach demjenigen, der mich grüßen ließ.

„Alle, die dich nicht erwischt haben“, erklärte er grinsend.

Ich ließ ihn nicht aus den Augen. Meine Sympathie für Lewistown und seine Bewohner erhielt einen Knacks. Die Vergangenheit hatte mich eingeholt. Es war hier genauso wie anderswo, und es hatte nicht mal lange gedauert.

„Zu diesem illustren Kreis wirst du auch bald gehören. Also versuche es erst gar nicht“, schlug ich vor.

Er lachte hämmernd wie eine Gatling. „Man hat mir schon gesagt, dass du ein Spaßvogel bist“, verriet er. „Wahrscheinlich hoffst du, dass ich mich nun totlache.“

„Hätte nichts dagegen. Allerdings sehe ich schon, dass du lieber heulen willst. Du hast Glück. Heute ist mein großzügiger Tag. Da erfülle ich jeden Wunsch.“

„Ausgezeichnet! Dann halt’ dein Maul. Wenn du unbedingt eine Predigt halten willst, dann probiere das mal unten in der Hölle.“

„Meines Wissens ist dort für ausreichend Unterhaltung gesorgt. Und der Vorteil ist, dass man dort wenigstens weiß, mit wem man es zu tun hat. Hier oben trauen sich manche Typen nicht mal ihren Namen zu sagen. Wahrscheinlich haben sie ihren Grund dafür. Aber irgendwie ist es doch deprimierend, wenn auf deinem Kreuz später kein Name steht.“

Der Fremde sah mich verdutzt an. Offenbar fragte er sich, wie ich es fertiggebracht hatte, noch zu leben. Und diese Frage stellte ich mir selbst manchmal. In meiner Situation sollte man den Mund eigentlich nicht so weit aufreißen. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass der Kerl sich durch gutes Benehmen von seinem Vorhaben abbringen ließ.

„Schon mal was von McNally gehört?“, fragte er höhnisch. Vermutlich erwartete er, dass ich mich bei Nennung seines Namens verfärbte und zu schlottern anfing.

„Dutch McNally?“

Er nickte bestätigend.

Von dem hatte ich allerdings gehört. Jede Menge, und es war immer wieder dasselbe. Dutch McNally gehörte zu den miesesten Kopfgeldjägern, die man sich überhaupt nur vorstellen konnte. Kopfgeldjäger sind in meinen Augen sowieso mies, aber McNally verkörperte in dieser Branche den Gipfel.

Man erzählte sich, dass er bereits siebzehn Prämien kassiert hatte. Mindestens vier seiner Opfer sollten unter Garantie unschuldig gewesen sein. Aber solche Kleinigkeiten verunsicherten einen McNally nicht. Angeblich sollte er einmal sogar die Frechheit besessen haben, für den gleichen Mann zweimal die Prämie verlangt zu haben, nur weil er beim ersten mal den Falschen erwischt hatte.

So einer war Dutch McNally. Charakterlos wie sein grauer Filzhut. Das Beste an dem Kerl war zweifellos sein Pferd, und wie er zu dem gekommen war, wollte ich lieber nicht genauer nachprüfen.

„Jetzt weiß ich auch, wieso du dich so gut in der Hölle auskennst“, sagte ich. „Vermutlich schaust du dort immer wieder mal vorbei aus lauter Angst, jemand könnte dir deinen Platz wegnehmen. Aber da kann ich dich beruhigen. Du trittst mit Sicherheit irgendwann die direkte Nachfolge des Gehörnten persönlich an.“

„Soll mir recht sein, Callahan. Ich weiß ja, dass du mich dann schon erwartest. Du darfst gewiss sein, dass ich dir dann wieder meine besondere Aufmerksamkeit schenke.“

Ich hatte nichts gegen dieses Wortgeplänkel. Es war immerhin angenehmer, als wenn er mich gleich über den Haufen knallte.

Aber diese Praktik widerstrebte Typen wie McNally. Er musste erst mal gehörig mit seinen Taten prahlen. Vielleicht war das nötig, um zu verhindern, dass sich eines Tages so etwas wie ein Gewissen bei ihm meldete.

Ich stützte meine Hände auf das Sattelhorn. Aber es sah nur so aus, als hätte ich jeden Gedanken auf Gegenwehr aufgegeben. In Wirklichkeit beschäftigte ich mich mit nichts anderem. Während mein Mund allen möglichen Blödsinn redete, arbeitete es eine Etage höher besonders heftig.

Mein Gewehr konnte ich nicht einsetzen. Ehe ich das aus dem Sattelschuh gezogen hatte, war ich wirklich dort, wo mich McNally hinhaben wollte.

Aber ich glaubte nicht daran, dass mich eine Patrone aus seiner Winchester aus dem Sattel holen würde. Selbst wenn er schon repetiert hatte, was zu erwarten war, musste er die Waffe erst in Anschlag bringen und abdrücken. Dieser Bewegungsablauf dauerte jedenfalls länger als mein Griff zum Revolver.

Wir würden also unsere Meinungsverschiedenheit mit dem Peacemaker austragen. Der Name war in diesem Fall glatter Hohn. Der Erhaltung des Friedens diente der Sechsschüsser diesmal bestimmt nicht.

Dutch McNally war mit Sicherheit ein Mörder. Trotzdem widerstrebte es mir, ihn zu töten. Mir widerstrebte das Töten überhaupt. Nicht erst, seit man mich des Mordes beschuldigte.

Das war ein weiterer Nachteil für mich. Ich würde auf seinen Angriff warten müssen und damit den meistens entscheidenden Sekundenbruchteil freiwillig verschenken.

Immerhin besaß ich auch einen Vorteil. McNally hatte mich außerhalb der Stadt gestellt. Das gehörte wohl zu seiner Gewohnheit. Erst schießen und dann nachprüfen, ob er den Richtigen erschossen hatte. Ein Irrtum vor Zeugen war schlecht fürs Geschäft.

Wenigstens konnte er dadurch mit keiner Unterstützung rechnen, falls ich seinen ersten Schuss überlebte.

Es war immer das gleiche. Da wollte mir jemand was am Zeug flicken, was schon längst vom Gesetz geregelt war. Aber das schien zumindestens bis zu McNally noch nicht vorgedrungen zu sein.

Ich ließ ihn nicht für die Dauer eines Lidschlags aus den Augen. Mehr als einen Fehler durfte ich mir nicht innerhalb von zehn Minuten erlauben.

Allerdings war die Frage, ob es ein Fehler gewesen war, McNally so dicht an mich heranzulassen. Ich hatte den Halunken ja nicht gekannt, und in Lewistown war mir keiner feindlich gegenübergetreten. Ich konnte also meiner Unaufmerksamkeit und Carol, an die ich zu intensiv gedacht hatte, keine Schuld für meine augenblickliche Lage geben.

„Du bist lange auf meiner Spur geritten.“ Ich versuchte, ihn zum Erzählen zu verleiten.

„Für Killer wie dich habe ich einen Riecher“, sagte er stolz. „Selbst wenn du dich in den Bergen von Montana versteckst, spüre ich dich damit auf. Du hast wohl gedacht, ich suche dich in der Nähe saftiger Weiden. Da unterschätzt du mich.“

„Und du überschätzt mich, McNally. Den Titel Killer muss ich mir nämlich erst noch verdienen. Außerdem bist du nicht auf dem neuesten Stand. Es gibt nichts mehr, was man mir vorwerfen könnte.“

„Den Song kannst du dir bei mir sparen. Der zieht nicht.“

„Ich weiß. Dir ist es egal, wen du voll Blei spickst. Wenn dein Opfer nichts ausgefressen hat, ist das seine eigene Schuld.“

„Callahan, du bist ein schlauer Fuchs. Aber ich kenne einen, der ist noch schlauer. Denkst du, ich merke nicht, dass du mich hinhalten willst? Aber da hast du bei mir Pech. Es ist alles gesagt, was gesagt werden musste. Kommen wir also zum Schluss!“

„Ganz in meinem Sinne, McNally. Mir wurde schon allmählich langweilig. Solche faden Burschen verderben mir den ganzen Vormittag.“

Jetzt musste alles blitzschnell gehen.

Ich drosch meinem Braunen die Absätze in die Weichen und riss ihn gleichzeitig am Zügel zurück.

Laut wiehernd stellte er sich auf die Hinterhand und bot mir für einen kurzen Moment eine ausgezeichnete Deckung.

Dieser Augenblick genügte, um meinen Revolver aus dem Holster zu reißen. Ich warf das Pferd herum und jagte direkt auf McNally zu.

Das hatte er nicht erwartet. Er zögerte mit dem Schuss, denn vermutlich war er nicht nur auf die Kopfprämie, sondern zusätzlich auf meinen Hengst scharf und wollte ihn nicht abknallen.

Dass ich nicht floh, sondern ihn im Gegenteil bedrängte, brachte ihn einigermaßen außer Fassung. Zwar hielt auch er längst seinen Sechsschüsser in der Faust, aber sein übereilter Schuss landete irgendwo im Grünen.

Sein Gaul scheute. Das kluge Tier schien instinktiv zu wissen, auf welcher Seite es stehen musste.

McNally griff nach seinem Gewehr, das vom Sattel zu rutschen drohte.

Da war ich heran und schlug mit dem Revolvergriff zu.

Ich traf nicht voll, weil er gerade in diesem Augenblick eine Reflexbewegung ausführte. Ich schrammte ihm lediglich eine blutige Bahn durch die Visage. Hoffentlich blieb eine Narbe zurück. An der würde ich ihn in Zukunft schon von weitem erkennen können.

Aber soweit war es noch nicht. McNally gab sich noch längst nicht geschlagen. Prügel hatte er sicher schon öfter bezogen. Die Kugeln hatten bis jetzt einen Umweg um ihn gemacht.

Ein Gluthauch strich an meinem Ohr vorbei. Gleichzeitig hörte ich die Explosion und sah den Mündungsblitz.

Das war knapp. Um ein Haar hätte ich sämtliche Zukunftspläne vergessen können. Der Kopfgeldjäger hatte sich wieder gefangen und schlug zurück.

Ich glaubte noch immer, ihn nicht erschießen zu müssen. Jetzt schlug der ursprüngliche Vorteil in einen Nachteil um. Ich besaß keinen Zeugen, dass McNally mich angegriffen hatte. Die beiden Kugeln, die in seiner Trommel fehlten, reichten als Beweis nicht aus.

Ich duckte mich und stieß mich ab. Die Rechte hielt den Revolver, mit der Linken riss ich McNally aus dem Sattel.

Er fluchte mir so laut ins Ohr, dass mein Trommelfell fast zerriss. Noch im Fallen zog ich ihm eins über.

Er hatte einen Schädel wie die Rockies. Den konnte man als Amboss benutzen und zerbrach den Hammer darauf.

Als wir auf dem Boden auftrafen, spürte ich einen bohrenden Druck in meiner Magengrube.

Ich ragierte sofort. Gleichzeitig mit dem Schuss warf ich mich zurück. Das Blei fauchte dicht über mir hinweg. Über den hässlichen Ton konnte ich beim besten Willen nicht lachen.

Er hatte noch drei Patronen in der Trommel, aber ich konnte nicht riskieren, mich auch diesen noch auszusetzen. McNally verstand durchaus, mit seiner Waffe umzugehen. Siebzehn Kopfprämien sprachen eine beredte Sprache.

Er schoss trotzdem noch zweimal. Beim zweiten mal versengte mir die Kugel fast die Stiefelsohle, denn ich hatte genau in diesem Moment zugetreten.

Der Revolver flog in hohem Bogen in den Dreck.

McNally jaulte wütend auf. Er wusste, was ihm jetzt blühte, wenn er nicht mehr rechtzeitig an seine Winchester herankam.

Das zu verhindern, war nicht mehr schwierig. Ich hatte die Partie klar gewonnen und mir ausreichende Rechte erworben, mir ein für allemal diese Laus aus dem Pelz zu halten.

Überraschenderweise sah ich keine Angst in den Augen Dutch McNallys, sondern abgrundtiefen, unversöhnlichen Hass.

Dieser Ausdruck hätte mich warnen müssen. Ich hätte ihn ja nicht unbedingt zu töten brauchen. Eine zerschossene Hand hätte den gleichen Zweck erfüllt. Aber zwei Tatsachen hielten mich davon ab.

Erstens war ich außerstande, auf einen Wehrlosen zu schießen. Und zweitens brach plötzlich hinter mir die Hölle los.

Ein fürchterliches Schreien und Knallen ertönte, dass man meinen konnte, der Bürgerkrieg sei zum zweiten mal ausgebrochen.

Ich fuhr herum, und entdeckte zu meiner Überraschung lediglich zwei Reiter. Sie trieben ihre Pferde an und ballerten wie wild mit ihren Revolvern in die Luft. Es waren Carol und der alte Rip Foggers.

 

*

 

Wenn mir die beiden wohl auch nicht wohlgesonnen waren, so rechnete ich doch nicht damit, von ihnen eine Kugel in den Rücken zu bekommen.

Deshalb wandte ich mich schleunigst wieder Dutch McNally zu. Doch der Halunke hatte diesen kurzen Augenblick der Verwirrung benutzt, sich aus dem Staub zu machen.

Er schwang sich gerade in den Sattel seines Pferdes. Natürlich wäre es für mich nicht schwierig gewesen, ihn mit einem Schuss dort wieder herunterzuholen, aber im Grunde war mir diese Lösung am liebsten. Es war ohne Blutvergießen abgegangen. Dass McNally sich dafür nicht erkenntlich zeigen würde, war mir zwar klar. Ich konnte nur hoffen, dass ihn die Niederlage für eine Weile von meiner Fährte abhalten würde. Es gab ja noch genügend andere Opfer für ihn.

Wie er darüber dachte, zeigte er mir, noch bevor er verschwunden war.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738925579
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v455219
Schlagworte
callahan ritt dakota

Autor

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Titel: CALLAHAN #18: Ritt nach Dakota