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Die Söldnerin des Todes Tony Ballard Nr. 135

2018 130 Seiten

Leseprobe

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER MICHAEL SAGENHORN

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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Die Söldnerin des Todes Tony Ballard Nr. 135

von A.F.Morland










In der alten Truckerkneipe nahe dem Themsehafen ging es hoch her. Die Luft war dicker als der gefürchtete Londoner Nebel, aber das störte keinen. Alle qualmten, als gelte es, die Stadt auszuräuchern.

Der muskulöse Richard »Dick« Morris hatte beim Kraftdrücken alle geschafft. Sein schweißnasses Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen.

»Wer will noch mal? Wer hat noch nicht? Ist keiner mehr da, der seine Kraft mit mir messen will?«

»Doch!« sagte ein Mann in schwarzer Lederkleidung. »Ich!« Dick Morris musterte ihn kurz. »In Ordnung. Setz dich. Wie ist dein Name?«

»Zero!« sagte der Fremde.

Das Eismonster saß in der Falle. Ich hatte schmerzhafte Prügel von ihm bezogen. Obwohl es nur noch einen Arm hatte, war ich mit diesem Ungeheuer aus blankem Eis nicht fertig geworden.

Flucht war meine letzte Weisheit gewesen. Ich hatte meinen Colt Diamondback verloren - er lag irgendwo dort drinnen im Lagerraum des Kühlhauses.

Ich würde ihn mir wiederholen, sobald Inspektor Peter Layton - beziehungsweise das, was der Magier-Dämon Zero aus ihm gemacht hatte - nicht mehr lebte.

Minus dreißig Grad Celsius herrschten hinter der dicken Tür, vor der wir standen. Rinder- und Schweinehälften hingen dort drinnen an Haken - und ein Toter: Robert Winden, ein Arbeiter, den Layton umgebracht hatte.

Ich wäre nicht draußen geblieben, wäre zu Layton zurückgekehrt und hätte noch mal versucht, ihn zu bezwingen, wenn mir nicht eine bessere Idee gekommen wäre.

Ich konnte das Eismonster vernichten, ohne einen Finger zu rühren!

Man brauchte den Kühlvorgang lediglich umzudrehen, dann würde statt Kälte Wärme in die Kammer strömen, und Wärme konnte das Eismonster nicht vertragen.

Es würde schmelzen.

»Aus der Arktis in die Tropen«, sagte ich zu Herbert James, dem Direktor der ›Ice Company‹. Der Mann im dunklen Nadelstreifenanzug hatte von mir den Auftrag bekommen, die Kühltemperaturen in dreißig Plusgrade umzuwandeln.

Das gelagerte Fleisch würde dadurch zwar in Mitleidenschaft gezogen, aber deswegen brauchten wir keine Gewissensbisse zu haben. Tucker Peckinpah hatte es gekauft und sich bereit erklärt, den Verlust zu tragen.

Das war immer noch besser, als das Eismonster am Leben zu lassen. Layton hätte jede Gelegenheit genützt, weitere Morde zu verüben. Das aufgetaute Fleisch konnte noch als Tierfutter verwertet werden. Entsprechende Geschäftskontakte stellte Tucker Peckinpah bereits her, während es Layton an den Eiskragen ging.

»Kann man nicht hineinsehen?« fragte ich den Direktor.

Etwa zehn Kühlhausarbeiter standen mit uns vor dem geschlossenen Tor.

»Doch«, antwortete Herbert James. »Kommen Sie, Mr. Ballard.«

Ich folgte ihm. Er stieg die Stufen einer Aluminiumtreppe hoch, und wenig später betraten wir einen Glaskasten, von dem aus man die Kühlkammer gut überblickte.

Dort unten hatte ich um mein Leben gekämpft.

Jetzt kämpfte Lay ton um das seine, aber dieser Kampf war aussichtslos. Die einströmende Wärme machte dem Eismonster stark zu schaffen. Der Einarmige taumelte durch die Fleischstraßen.

»Er macht es nicht mehr lange«, sagte ich. Schmelzwasser tränkte Laytons Kleidung. Das Eismonster stürzte, kroch auf allen vieren über den nassen Boden. Schillernde Bäche bewegten sich auf die zahlreichen Abflüsse zu.

Mühsam stemmte sich Layton wieder hoch. Er versuchte das Tor zu erreichen, doch ich wußte jetzt schon, daß er das nicht mehr schaffte.

Außerdem hätte es ihm nichts genützt. Auch draußen war es warm, wir hatten Hochsommer.

Auf halbem Wege brach das Eismonster erneut zusammen - und blieb liegen. Je dünner es wurde, um so schneller taute das Eis, aus dem es bestand, und bald war von ihm nichts mehr vorhanden.

Das Wasser, das aus seiner Kleidung rann, fand einen Weg zum Abfluß und verlor sich in unterirdischen Rohren.

Layton war für niemanden mehr eine Gefahr…

***


Seine Heimat war die Prä-Welt Coor, und er war ein gefährlicher Magier-Dämon, ein Mitglied der Grausamen 5, deren Anführer Höllenfaust hieß.

Sein Name war Zero, und er war aus einem ganz bestimmten Grund nach London gekommen: In dieser Stadt lebte der Ex-Dämon Mr. Silver, ein erklärter Feind der schwarzen Macht, als deren Vertreter sich auch die Grausamen 5 sahen.

Es war der Totenpriesterin Yora gelungen, den Hünen mit den Silberhaaren mit ihrem Seelendolch erheblich zu verletzen: Mr. Silver konnte sich seiner übernatürlichen Fähigkeiten nicht mehr bedienen. Bis sich die Silbermagie bei ihm wieder einstellte, war er nicht stärker als ein Mensch.

Eine gute, eine einmalige Gelegenheit also, ihn gefahrlos auszuschalten, und diese Gelegenheit hatte Zero wahrgenommen. Er hatte Mr. Silver mit ewigem Eis umschlossen und ihm auf diese Weise einen endlosen Tod beschert.

Metal, der sich in die Hölle begeben hatte, um die Hexe Cuca zurückzuholen, damit sie Mr. Silver half, hätte sich den Weg sparen können, denn der Ex-Dämon war erledigt.

Nicht das umfassendste Wissen einer Hexe konnte ihm noch helfen.

Um nicht aufzufallen, hatte Zero Brustpanzer und Flügelhelm abgelegt und war in schwarzes Leder geschlüpft.

»Der Bursche sieht aus wie ›Knight Rider‹«, sagte irgend jemand in der Kneipe lachend.

Zero setzte sich an den Tisch. Dick Morris grinste ihn herausfordernd an und ließ seine Muskeln hüpfen. »Kamerad, dich verdrücke ich zum zweiten Frühstück!« tönte er.

Der Magier-Dämon musterte ihn mit kaltem Blick. »Du nimmst den Mund ziemlich voll.«

»Das darf ich, denn ich bin der Champion.«

»Höchste Zeit, daß dir jemand die Augen öffnet und dir zeigt, was du wirklich bist.«

Morris’ Augen funkelten. Seine Hand stieß in die Hosentasche. Er warf das ganze Geld, das er bei sich trug, auf den Tisch. »Das sind rund tausend Pfund. Die gehören dir, wenn du mich besiegst. Hältst du mit derselben Summe mit?«

»Jederzeit.«

»Auf den Tisch damit. Ich will meine Scheinehen sehen.«

»Ich werde bezahlen, wenn ich verloren habe«, sagte Zero gelassen.

Dick Morris lachte. »Mann, ist das ein Festtag. Ich verdiene mich heute dumm und dämlich. - Du kennst die Regeln?« Zero nickte.

»Okay, dann kann’s ja losgehen!« sagte Morris und rammte seinen Ellenbogen auf den Tisch.

»Wartet!« rief einer der Umstehenden. »Augenblick noch! Wir wollen Wetten abschließen! He, Leute, wer setzt auf Dick? Wer riskiert ein paar Piepen und setzt auf den Außenseiter Zero? Niemand kennt Zero. Niemand weiß, welche Kräfte in diesem Mann schlummern!«

»Ich werde sie brechen!« behauptete Dick Morris. »Und vielleicht sogar seinen Arm!«

Einige lachten. Zero blieb ernst. Die Quoten standen zehn zu eins, man hatte mehr Vertrauen zu Morris, der für sie der Größte war, der King im Kraftdrücken.

Zero betrachtete sein Gegenüber gleichgültig. Er wußte, daß er den Mann besiegen würde. Kein Mensch war so stark wie er. Zero hatte Pläne mit Morris. Weil er der Stärkste hier war, hatte sich der Magier-Dämon für ihn entschieden.

Die Wetten waren abgeschlossen, das Geld war bezahlt, der Kampf konnte beginnen.

Morris lachte. »Na, hast du schon die Hosen voll, mein Freund? Es sieht nicht gut aus für dich und dein Geld.«

»Denkst du, du kannst mich mit deinen großen Sprüchen einschüchtern?«

»Komm her, ich werde dir jetzt ein bißchen weh tun!« kündigte Dick Morris an.

Zero packte zu. Morris hielt seine Hand wie ein Schraubstock fest, und dann ging es los. Morris’ Bizeps schnellte förmlich hoch. Er hatte tatsächlich sehr viel Power im Arm, aber nicht genug für Zero.

Jene, die auf den Magier-Dämon gesetzt hatten, feuerten ihn mit lauten Rufen an, der Rest - die überwiegende Mehrheit - brüllte sich für Dick Morris heiser.

Morris hatte damit gerechnet, daß es ihm nicht gelingen würde, Zero zu überrumpeln. Manchmal gelang ihm ein Blitzsieg, doch dafür war Zero zu sehr auf Draht. Morris hatte für so etwas einen Blick. Er hatte Erfahrung, und die sagte ihm, daß es ihm Zero nicht leichtmachen würde.

Aber er war zuversichtlich, daß er letzten Endes auch diesen Gegner bezwingen würde. Hier durfte er nicht nur rohe Muskelkraft einsetzen, sondern es brauchte Köpfchen.

Die bessere Taktik würde viel entscheiden. Taktik und Ausdauer. Beim ersten Anzeichen von Müdigkeit wollte Morris voll angreifen, dann hatte er den Sieg - und Zeros Geld - schon so gut wie in der Tasche.

Dicke Schweißperlen glänzten auf Morris’ Stirn, und die Adern traten ihm weit aus dem Hals. Zero hingegen schien sich überhaupt nicht anzustrengen. Er schwitzte nicht, und kein Muskel zuckte in seinem Gesicht.

Das ärgerte Morris, und er sorgte für mehr Dampf, aber Zero hielt mühelos mit. In ihm hatte- Dick Morris seinen Meister gefunden. Noch war der Kampf offen.

Zero bot den Zuschauern ihre Show. Wenn er gewollt hätte, hätte er den Wettstreit auf der Stelle beenden können, aber die Männer sollten auf ihre Kosten kommen.

Er leitete Morris’ Niederlage mit den Augen ein. Niemandem fiel es auf. Zero nahm Einfluß auf Morris’ Geist. Er hätte den muskelbepackten Trucker auch mit roher Gewalt besiegen können, aber es war ihm auf diese Weise lieber.

»Gib auf!« verlangte er. Keiner der Umstehenden konnte es hören, denn Zero sprach die Worte nicht, er dachte sie nur.

Und Dick Morris empfing sie.

»Laß nach, du schaffst es ja doch nicht!«

Noch drückte Morris mit ganzer Kraft, aber Zero weichte den Widerstand seines Gegners mehr und mehr auf. Morris ächzte, preßte die Kiefer zusammen. Sein Arm zitterte.

»Es schafft es nicht!« rief einer der Umstehenden. »Verdammt noch mal, Dick, gib Gas, zeig es ihm, ich habe auf dich gesetzt!«

»Ja, Champ!« brüllte ein anderer. »Drück drauf! Enttäusche uns nicht!«

Alles Zurufen nützte nichts. Dick Morris hatte nichts mehr zu bieten. Ächzend gab er sich geschlagen. Als sein Handrücken auf die Tischplatte krachte, erschrak er.

Es hatte den Anschein, als käme er in diesem Augenblick zu sich. Verwirrt blickte er sich um.

»Windei… Papiertiger… Versager…« Diese und ähnliche abfällige Bemerkungen bekam er zu hören.

Zero ließ seine Hand los und griff nach dem Geld.

»He, Dick, du faule Tomate, weißt du, daß du mich ein Vermögen kostest?« rief einer. »Nie wieder setze ich auch nur einen löchrigen Penny auf dich, das sage ich dir.«

Zero krallte sich die Banknoten. Morris' Hand fiel auf den Arm des Magier-Dämons. »Einen Moment!« stieß Dick Morris wütend hervor. »Du läßt das Geld liegen!«

»Ich habe es gewonnen«, sagte Zero kühl.

»Dick, was soll der Quatsch?« rief einer aus der Runde. »Kannst du nicht verlieren? Es war ein fairer, völlig korrekter Kampf.«

»Ich sage, es ging dabei nicht mit rechten Dingen zu!« schrie Morris zornig. »Der Bastard hat mich ausgetrickst!«

»Wie denn?«

»Er… er muß mich hypnotisiert haben!«

»Ach, mach dich doch nicht lächerlich.«

Morris starrte Zero haßerfüllt an. »Du läßt mein Geld liegen, sonst schlage ich dir die Zähne ein!«

»Es ist nicht mehr dein Geld«, sagte der Magier-Dämon gleichgültig. »Du hast es verloren.«

»Laß das bleiben, Dick«, wurde Morris geraten. »Mach keinen Ärger. Irgendwann mußte ja mal einer kommen, der besser ist als du. Damit mußtest du rechnen.«

»Ich verlange Revanche!« rief Morris. »Jetzt gleich!«

Zero grinste eisig. »Du hast kein Geld mehr zu verlieren.«

»Ich verliere kein zweitesmal.«

»Ich würde dich immer wieder besiegen«, behauptete Zero.

»Nimmst du einen Schuldschein?«

»Nein«, antwortete Zero knapp.

»Wer leiht mir was?« fragte Morris die Trucker.

»Hast du noch nicht genug verloren?«

»Das ist doch wohl meine Sache!« brauste Morris auf, doch es fand sich keiner, der ihm mit ein paar Scheinen aushalf.

Zero stopfte die gewonnenen Banknoten in seine Taschen und erhob sich. Man machte ihm, dem neuen Champion, Platz.

Sie schlugen dem Neuen freundschaftlich auf die Schulter, wollten wissen, für welches Transportunternehmen er fuhr - sie fragten ihn eine ganze Menge, doch sie bekamen keine Antwort von ihm.

»Hoffentlich sieht man dich von nun an öfter hier!« sagte einer der Trucker. »Der neue Champion muß schließlich seinen Titel verteidigen.«

Zero ging grußlos.

Draußen verharrte er einen Augenblick. Als er sich dann in Bewegung setzte, knurrte jemand hinter ihm: »Einen Moment, du Hundesohn! Ich bin mit dir noch nicht fertig!«

Es war Dick Morris, und er ließ ein Messer in seiner Hand aufschnappen!

***


Wir stiegen die Aluminiumtreppe hinunter, und ich öffnete das Tor. Nun konnten die Kühlhausarbeiter gefahrlos ihren toten Kollegen herausholen, und ich griff mir meinen Revolver.

Mit finsteren, traurigen Mienen trugen sie Robert Winden aus dem Lagerraum. Man entfernte Laytons Kleidungsstücke, und ich bat Herbert James, wieder Kälte in die Kammer zu schicken.

Aus James’ Büro meldete ich mich wenig später bei Tucker Peckinpah, Der Industrielle freute sich über die Erfolgsnachricht. Ich wollte wissen, ob ihm Mr. Silver eine ähnlich erfreuliche Mitteilung gemacht habe, doch mein Partner verneinte.

»Bei Barbara Benedict muß irgend etwas schiefgelaufen sein, Tony«, sagte der Industrielle. »Mr. Silver hätte sich schon längst melden müssen. Irgend etwas stimmt da nicht. Wenn Sie Zeit haben, sollten Sie mal nach dem Rechten sehen.«

»Selbstverständlich habe ich Zeit«, sagte ich und drückte den Hörer auf die Gabel. Peckinpah hatte es nicht extra gesagt, aber ich konnte mich darauf verlassen, daß er veranlassen würde, daß man Robert Winden abholte.

Ich dankte dem Direktor der ›Ice Company‹ dafür, daß er so kooperativ gewesen war, und verließ sein Büro, Wenig später war ich zu Barbara Benedicts Wohnung unterwegs.

In der Gosse lag ein Kleid, und ich entdeckte einige nasse Flecken. Ich konnte mir ungefähr vorstellen, was hier geschehen war.

Auch das Mädchen war von Zeros magischem Spruch in ein Eismonster verwandelt worden, und Mr, Silver hatte das gefährliche Ungeheuer allem Anschein nach zur Strecke gebracht.

Warum aber hatte er sich danach nicht mit Tucker Peckinpah in Verbindung gesetzt? War meinem Freund etwas zugestoßen? Nachdem er das Eismonster erledigt hatte?

Danach gab es nur noch eine Gefahr: Zero!

Mein Sonnengeflecht zog sich bei diesem Gedanken unwillkürlich zusammen. Ich betrat das Haus, in dem Barbara Benedict gewohnt hatte, mit gemischten Gefühlen.

Die Wohnungstür war nicht abgeschlossen. Ich öffnete sie vorsichtig und trat ein. Kampfspuren…Blut… Aber die Wohnung schien leer zu sein.

Verdammt, ich hätte zu gern gewußt, was sich hier abgespielt hatte und wo Mr. Silver nun steckte. Hatte der Ex-Dämon Zeros Fährte entdeckt?

Selbst dann hätte er Peckinpah ganz schnell Bescheid gegeben. Dann ganz besonders.

Kein Lebenszeichen von Mr. Silver… Das konnte einfach nichts Gutes bedeuten. Ich glaubte förmlich zu spüren, daß sich Mr. Silver in ganz entsetzlichen Schwierigkeiten befand. Ich sah mich in Barbara Benedicts Wohnung so gründlich um, daß ich sogar eine Maus entdeckt hätte.

Einer Eingebung folgend, ging ich nach dem Verlassen der Wohnung nicht nach unten, sondern ich begab mich nach oben. In jeder Etage suchte ich meinen Freund, und sogar auf dem Flachdach sah ich mich um.

Ohne Erfolg.

Mr. Silver war verschwunden.

***


»Ich hätte dich nicht für so dumm gehalten«, sagte Zero ernst. Es lag noch nicht lange zurück, da hatte der Gangster Greg Lupus seine Maschinenpistole auf ihn abgefeuert, und das hatte eine kleine Lawine ins Rollen gebracht, denn Zero hatte sich das nicht bieten lassen.

Ein einziges magisches Wort hatte genügt, um Lupus in ein Eismonster zu verwandeln.

Zero hätte das jederzeit wiederholen können, aber er hatte Verwendung für den Hitzkopf Dick Morris, deshalb bestrafte er ihn nicht, als der ihn mit dem Springmesser bedrohte.

»Ich finde, ich bin klug«, sagte der Trucker. »Du hast mich bestohlen, und ich weiß, wie ich mir mein Eigentum zurückholen kann. Also mach keine Sperenzchen! Rück raus mit meiner Knete, sonst werde ich ungemütlich!« Er kniff die himmelblauen Augen zusammen und kam mit wiegendem Schritt näher. »Du hast mich blamiert. Ich bin ganz schön sauer auf dich.«

»Du wolltest es nicht anders.«

»Du hast irgendwie dran gedreht, gib es zu. Du bist nicht stärker als ich. Du hast dir irgendwie geholfen. Niemand glaubt es, aber du mußt mich tatsächlich hypnotisiert haben. Wie ist es sonst erklärbar, daß ich eine kurze Gedächtnislücke habe?«

Zero richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Furchtlos blickte er dem Trucker in die Augen. »Steck das Messer weg!«

»Ich will mein Geld wieder, du Strolch!« fauchte Dick Morris. Er streckte fordernd die Hand aus. »Her damit!«

»Ich denke nicht daran, es dir zu geben.«

»Wer nicht hören will, muß fühlen!« sagte Morris und stach zu.

Zero bewegte sich mit der Geschmeidigkeit einer Schlange. Es war kaum zu sehen, und doch stach der Trucker daneben.

»Verdammt…«

Zero fing den Messerarm ab. Sein Griff war ungemein hart. Er drehte Morris’ Arm herum. Der Trucker stöhnte auf, und sein Gesicht wurde von Schmerz verzerrt.

Er war gezwungen, die Hand zu öffnen und das Messer fallen zu lassen. Zero stieß ihn gegen die Hausmauer.

Benommen stierte Morris den Magier-Dämon an, und plötzlich war ihm, als trüge Zero einen schwarzen Brustpanzer und einen Flügelhelm. Das konnte doch nur eine Sinnestäuschung sein.

Morris schloß die Augen und schüttelte mehrmals heftig den Kopf. Als er die Augen wieder öffnete, trug Zero wieder schwarze Lederkleidung und keinen Helm auf dem Kopf.

Morris begriff nicht, wie er sich so etwas hatte einbilden können. Zero trat näher, und Dick Morris hielt die Luft an. Er befürchtete, daß ihn Zero nach allen Regeln der Kunst verdreschen würde, doch der Magier-Dämon griff lediglich mit einer Hand nach der Kehle des Truckers.

Morris’ Herz raste. Er schaute dem Magier-Dämon zitternd in die Augen, konnte sich die Angst nicht erklären, die ihn plötzlich bis in die Seele ausfüllte.

»Du bist von nun an mein Diener, mein Knecht!« sagte Zero scharf. »Ich bin dein Herr, und du wirst meine Befehle ausführen, ohne zu zögern, denn ich werde in dir sein und dich lenken!«

Zwischen ihnen flimmerte die Luft, und Dick Morris stöhnte auf. Seine Züge veränderten sich. Ganz kurz sah er aus wie Zero, dann nahm er wieder sein gewohntes Aussehen an. Die Farbe seiner Augen hatte sich verändert. Sie waren nicht mehr himmelblau, sondern so dunkel wie die des Magier-Dämons -und das blieb so.

Zero blickte ihn an.

Der Magier-Dämon brauchte ihm nichts zu sagen. Dick Morris wußte, was er zu tun hatte…

***


Auf der Bühne strippte ein Mann. Öfter mal was Neues, hatte sich der Barbesitzer wohl gesagt, aber die Darbietung war nicht gerade das Gelbe vom Ei.

-Der Stripper war bärtig und hatte einen schwarzbehaarten Körper. Angeblich kam er gut beim weiblichen Publikum an, aber das konnte sich Stanley Keel nicht gut vorstellen. Der Typ trug schenkellange schwarze Lederstiefel mit hohen Stöckeln. Weibischer ging’s schon nicht mehr. Wie wollte er in dieser Aufmachung einer Frau gefallen?

Keel schaute nicht mehr hin. Es interessierte ihn nicht, was der Verrückte auf der Bühne trieb. Für ihn war das ein armer Abartiger, der einen Dreh gefunden hatte, sich nackt zu zeigen, ohne als Exhibitionist eingelocht zu werden.

»Wenn das bloß nicht Schule macht«, murmelte Keel in sein Glas. »Um wieviel lieber ist mir da ’ne knackige Mieze.«

Er wußte nicht mehr, wie viele Drinks er sich in den Hals geschüttet hatte. Es waren auf jeden Fall genug.

»Hier hängst du also rum«, sagte jemand hinter ihm.

Er drehte sich auf dem Hocker um und grinste breit, »Wo denn sonst? Komm, trink einen mit!«

»Du bist ja schon blau! Warum mußt du so viel saufen?«

»Hör mal, ich habe dazu allen Grund.«

»Weil du deinen Job verloren hast? Das ist kein Grund. Wenn du nämlich so weitersäufst, wirst du nie mehr einen finden. Heute kann sich ein Chef die Leute aussuchen. Und die vergammelten Typen kriegen das, was ihnen zusteht: Einen Tritt in den Hintern.«

Keel rollte die Augen, »Donnerwetter, bist du heute streng.«

»Verdammt, Stan, du bist ein guter Trucker, und ich wollte dich mit einem Mann zusammenbringen, der eventuell Verwendung für dich hätte, und dann treffe ich dich in dieser Verfassung an.« Keel strahlte. »Du hast was für mich aufgerissen? Freund, laß dich umarmen.« Er wollte es tun, doch Holloway trat zurück, und Keel wäre beinahe vom Hocker gefallen. »Gehen wir«, sagte Stanley Keel.

»Nicht in deinem Zustand, das kannst du dir von der Backe streichen, mein Junge!« erwiderte Holloway ärgerlich. »Ich blamiere mich nicht mit dir.«

»Wann?« wollte Keel wissen, »Du weißt, ich brauche wieder Arbeit - ganz dringend. Ich mache dir einen Vorschlag: Ich schütte literweise Kaffee in mich hinein. In einer Stunde bin ich stocknüchtern und putzmunter, und dann bringst du mich zu diesem Wohltäter. Wie heißt er eigentlich?«

»Philippe Tavernier, aber die meisten nennen ihn nur den Franzosen.«

»In welcher Branche ist der Franzose tätig?« erkundigte sich Keel.

»Das erzähle ich dir, wenn du nüchtern bist. Im Augenblick ist es vernünftiger, dir kein Geheimnis anzuvertrauen. Du würdest es vielleicht nicht für dich behalten.«

»Na hör mal«, sagte Keel empört, »du weißt doch, daß ich schweigen kann wie ein Grab. Was man mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut, ist bei mir bestens aufgehoben.«

»Morgen«, sagte Paul Holloway knapp. »Heute läuft nichts mehr. Nimmst du einen gutgemeinten Rat an?«

»Von dir immer,«

»Geh nach Hause und schlaf dich aus. Ich möchte, daß du mir morgen vormittag die Tür topfit aufmachst.«

So war es dann.

Als Paul Holloway anderntags bei seinem Freund schellte, öffnete dieser ausgeruht und nüchtern. Sein Gesicht war so glatt wie ein Kinderpopo, und sein Scheitel hätte nicht exakter gezogen sein können.

»Was darf ich dir anbieten?« fragte Stanley Keel.

»Ich habe schon gefrühstückt«, sagte sein weißblonder Freund, »Tomatensaft, Orangenjuice, Möhrensaft… Was Alkoholisches gibt’s erst nach Sonnenuntergang.«

»Nicht einmal dann, wenn du vernünftig bist.«

»Der Franzose hat’s anscheinend nicht gern, wenn außer ihm noch einer bechert, wie?« fragte Keel grinsend.

Holloway setzte sich, stand noch einmal auf, holte sich einen Aschenbecher, nahm wieder Platz und zündete sich eine Zigarette an. »Du mußt wieder Tritt fassen, Stan.«

»Kein Problem«, gab Keel zurück. »Du weißt, ich bin ein verdammt guter Truckerfahrer, Solange ich hinter einem Lenkrad sitze, ist ein Heiliger gegen mich ein schwarzes Schaf. Ich habe Prinzipien, und ich bin diszipliniert.«

»Ja, ich weiß, und für einen Freund würdest du so ziemlich alles tun«, sagte Holloway. »Was ich dir anzubieten habe…ist nicht ganz sauber.«

»Ich kann es mir nicht leisten, wählerisch zu sein.«

»Was du bedenken solltest, ist, daß es kein Zurück mehr gibt, Stan. Wenn du einmal A gesagt hast, mußt du auch B sagen.«

»In Ordnung«, brummte Stanley Keel. »Wie lange arbeitest du schon für den Franzosen?«

»Drei Monate. Er vertraut mir. Als ein Mann ausfiel, sagte ich, ich wüßte Ersatz,«

»Freut mich, daß du an mich gedacht hast«, sagte Keel.

»Taverniers Geschäft sind Trucks. Geklaute Trucks, du verstehst? Alles Weitere soll er dir selbst sagen. Darf ich kurz telefonieren?«

»Klar«, sagte Stanley Keel.

Sein Freund rief den Franzosen an. »Wir können kommen«, sagte er, während er den Hörer wieder auflegte. »Tavernier erwartet uns in seinem Haus.«

***


Das Haus stand auf einem Hügel, und Tavernier konnte von dort oben weit über die Stadt schauen. Das Grundstück wurde von Schäferhunden bewacht, die auf den Mann dressiert waren und von kräftigen bewaffneten Männern an der Leine geführt wurden.

»Das sind gefährliche Killerhunde«, sagte Paul Holloway schaudernd. »Der Franzose dressiert sie selbst. Wenn er sie auf dich hetzt, hast du keine Zeit mehr, dein Testament zu machen.«

Ein Butler in weißem Jackett, mit weißen Zwirnhandschuhen, empfing die Männer und führte sie zu Philippe Tavernier auf die Terrasse. Der Franzose trug einen weißen Seidenanzug und weiße Leinenschuhe. Er war überdurchschnittlich groß und hatte ein unterdurchschnittliches Gesicht. Sein dunkles Haar war schütter, die Wangen schwammig.

Er maß Stanley Keel genau. Keel beeilte sich zu betonen, welche Freude es für ihn wäre, seine Bekanntschaft zu machen, und er lobte die herrliche Aussicht in den höchsten Tönen.

Der Franzose forderte die Besucher auf, sich zu setzen. »Hat Ihr Freund Sie ins Vertrauen gezogen?« fragte der Franzose mit leichtem Akzent.

Keel warf Holloway einen raschen Blick zu, und als dieser nickte, antwortete er: »Ja, Mr. Tavernier.«

»Paul hat sich für Sie verbürgt. Er behauptet, man könne mit Ihnen Pferde stehlen.«

»Das kann man in der Tat«, bestätigte Keel.

»Nun, für mich brauchen Sie keine Pferde zu stehlen…«

»Sondern Trucks«, sagte Keel grinsend. »Ich weiß Bescheid. Sie sagen mir, was Sie haben wollen, und ich besorge es Ihnen.«

Der Franzose nickte zufrieden. »Sie besitzen eine rasche Auffassungsgabe, Mr. Keel. Für solche Leute habe ich immer Verwendung.« Er sagte Keel, was er bei ihm verdienen könne, und diesem gingen bei so viel Großzügigkeit fast die Augen über.

»Ich bin Ihr Mann, Mr. Tavernier«, sagte Keel leidenschaftlich. »Wann immer Sie mich brauchen…Ich werde für Sie dasein.«

Der Franzose fragte, was seine Gäste trinken wollten.

»Für mich nur Mineralwasser«, antwortete Keel bescheiden. Ihm fiel auf, daß der Franzose das mit Zufriedenheit registrierte.

Später, auf der Rückfahrt, sagte Keel zu seinem Freund: »Ist’n prima Kerl, der Franzose. Ich bin dir unendlich dankbar, daß du mich ihm vorgestellt hast. Es geht eben doch nichts über eine gute Freundschaft.«

»Ich hoffe, du blamierst mich nicht«, sagte Paul Holloway.

»Du kennst mich doch. Konnte man sich auf mich schon mal nicht verlassen?«

Holloway hob die Schultern. »Diesmal liegen die Dinge ein bißchen anders. Was der Franzose von uns verlangt, ist ungesetzlich.«

»Denkst du, ich könnte kalte Füße kriegen? Wenn ich für Tavernier einen Truck klauen soll, habe ich deswegen noch lange keine Gewissensbisse. Ich muß schließlich leben. Wenn man mir auf der einen Seite dazu keine Chance gibt, versuche ich mein Glück eben auf der anderen Seite. Solange ich für den Franzosen keinen umzulegen brauche, ist alles in Butter.«

»Na denn, Partner«, sagte Holloway und hielt seinem Freund die Hand hin.

Keel schlug grinsend ein. »Wir jobben wieder zusammen - wie in alten Zeiten.«

Keels Freundin hatte zwei Stunden Mittagspause. Er wußte, daß sie die zu Hause verbrachte, und ihm war nach Gena Blake, deshalb suchte er sie auf.

Er brachte einen hübsch arrangierten Blumenstrauß mit, über den sie sich riesig freute.

»Stanley, was ist heute für ein Tag?« fragte sie lachend.

Er grapschte grinsend nach ihr. »Ein Festtag, den wir gebührend feiern müssen.«

Er zog das blonde Mädchen an sich. Die Cellophanhülle, in der sich die Blumen befanden, knisterte zwischen ihnen.

»Vorsicht!« sagte Gena. »Die Blumen.«

Sie nahm die Klarsichthülle ab, füllte eine Steingutvase mit Wasser und stellte die Blumen hinein. Keel griff von hinten, unter ihren Armen durch, nach ihren Brüsten, knetete diese sanft und küßte ihren schlanken Hals.

»Geh mit mir ins Schlafzimmer«, verlangte er.

»Aber Stanley, ich habe Spaghetti auf dem Herd.«

»Stell sie beiseite. Heute wird nichts gegessen«, sagte Keel. »Heute leben wir von der Liebe.«

Er verschwand mit ihr kurz darauf ins Schlafzimmer und war so gut wie schon lange nicht mehr. Gena sagte es ihm.

»Das kommt davon, weil ich mich völlig dir widmen kann«, sagte er. »Ich habe nämlich keine Sorgen mehr, hab’ ’ne Dauerstellung gefunden.«

»Stanley!« rief sie glücklich aus und umarmte ihn. »Das ist wunderbar. Ich freue mich für dich.«

Er tätschelte ihre nackte Hüfte. »Baby, ich werde bald ’ne Menge Geld haben. Der Mann, für den ich arbeiten werde, ist nicht knauserig. Leben und leben lassen ist seine Devise, Ich werde bei ihm klotzig verdienen, werde mir endlich was leisten können. Die Zeiten, wo ich kleine Brötchen backen mußte, sind vorbei. Wir werden uns ein hübsches Apartment kaufen, in ’ner tollen Wohngegend. Vielleicht sogar ein Haus. Was hältst du davon?«

»Klingt phantastisch, aber ich würde das Ziel nicht gleich so hoch stecken.« Er lachte. »Weißt du denn nicht, daß man immer das Unmögliche verlangen muß, um das Mögliche zu bekommen?« Zwei Tage später rief Paul Holloway an.

Sie hatten ihren ersten gemeinsamen Job.

***


Ich kehrte in Barbara Benedicts Wohnung zurück und setzte mich neben das Telefon. Bevor ich den Hörer abhob, schob ich mir ein Lakritzbonbon in den Mund. Sollte es mir die Erleuchtung bringen?

Ich rief Tucker Peckinpah an und fragte ihn, ob sich Mr. Silver inzwischen bei ihm gemeldet hätte. Der Industrielle verneinte.

»Die Sache gefällt mir nicht, Partner«, sagte ich.

»Machen Sie sich um Mr, Silver Sorgen?«

»Er ist nicht mehr der alte«, gab ich zu bedenken, »und es befindet sich Zero in der Stadt.«

»Wir wollen nicht gleich das Schlimmste, eine Begegnung zwischen Mr. Silver und Zero, befürchten, Tony«, sagte der Industrielle mit belegter Stimme.

»Es ist nicht seine Art, einfach spurlos zu verschwinden. Sie kennen Mr. Silver ebensogut wie ich. Er weiß, daß wir nervös werden, wenn wir nicht wissen, wo er sich aufhält.«

»Ich werde überall verlauten lassen, daß wir gern etwas über Mr. Silvers Verbleib wüßten«, sagte Tucker Peckinpah. »Sowie ich etwas erfahre, teile ich es Ihnen mit.«

Mit diesem Angebot mußte ich mich vorläufig zufriedengeben. Mehr konnte Peckinpah im Augenblick nicht tun. Ich seufzte unzufrieden und legte auf.

Mr. Silver und Zero… Der eine war

›schwach‹ wie ein gewöhnlicher Sterblicher, dem anderen standen gefährliche magische Kräfte zur Verfügung. Eine solche Begegnung konnte für Mr. Silver eigentlich nur katastrophal enden.

Ich blickte mich um. Auf dem Boden lag eine zerbrochene Schallplatte, und der Plattenspieler war zertrümmert. Es hatte den Anschein, als hätte sich jemand über die Musik geärgert.

Ich stand auf und verließ Barbara Benedicts Wohnung. Ich stieg in meinen schwarzen Rover und kam mir ein wenig ratlos vor. Wie sollte es weitergehen?

Wie lange würde es dauern, bis ich wieder in das Geschehen eingreifen konnte? Was hatte Zero noch vor? Wann würde er mir begegnen?

Ich startete den Motor und fuhr los.

***


Sie hieß Shaccaranda und war eine erfahrene Kämpferin, eine Söldnerin, die für jene eintrat, die sie bezahlten. Allerdings ließ sie sich nicht von jedem kaufen. Sie hatte so etwas wie Moral. Das war in der Hölle mehr als ungewöhnlich.

Das Reich des Bösen bestand aus vielen Gebieten. Sie waren von Teufeln, Monstern und Dämonen bevölkert, und es gab zahlreiche Höllenkreaturen, die allein lebten, die einmalig waren, von deren Gattung es nur ein einziges Exemplar gab.

Zuletzt hatte eine Schar gemäßigter Teufel Shaccarandas Schwert gekauft. Sie waren von dämonischen Banditen bedroht gewesen, die nicht nur ihr ganzes Hab und Gut haben wollten, sondern auch ihre Seelen.

In ihrer Verzweiflung hatten sich die Teufel an Shaccaranda um Hilfe gewandt. Ein letzter Angriff der dämonischen Banditen hatte kurz bevorgestanden, und die Teufel hatten gewußt, daß sie den nicht überleben würden.

Sie gaben Shaccaranda, was sie verlangte, und diese mobilisierte einige weitere Söldnerinnen. Sie schlossen sich den gemäßigten Teufeln an, lebten mit ihnen, schliefen in ihren Hütten.

Die Waffen waren gut versteckt, und Shaccarandas Elitetruppe hielt Tag und Nacht die Augen offen. Der Überfall ließ nicht lange auf sich warten. Als die Banditen über die Siedlung herfielen, erlebten sie eine böse Überraschung.

Sie, die gekommen waren, um alle niederzumachen, verloren selbst ihr Leben. Nur einigen wenigen gelang die Flucht, doch Shaccaranda heftete sich mit ihren Mitstreiterinnen an ihre Fersen.

Einen nach dem anderen stöberten sie auf und gaben ihm mit dem Schwert, was er verdiente - bis kein Bandit mehr am Leben war. Danach trennte sich Shaccaranda von den anderen Söldnerinnen.

Als sie nach Hause kam, erwartete sie eine schlimme Nachricht: Abolla, ihre junge Schwester, lebte nicht mehr! Der Spinnendämon Raedyp war Abolla in Gestalt eines Mannes begegnet und hatte sie in seinen Tempel gelockt und getötet!

Bei ihrem Schwert schwor Shaccaranda, den Tod der Schwester zu rächen. Sie wollte zu Raedyp gehen und ihn bestrafen. Durch ihr magisches Schwert sollte der Spinnendämon sein Leben verlieren.

Shaccaranda brach unverzüglich auf. Der kürzeste Weg zu Raedyp führte durch einige gefährliche Gebiete, doch die Söldnerin hatte noch nie eine Gefahr oder einen Kampf gescheut, und der Haß, der in ihr brannte, war eine gewaltige Triebfeder.

Sie war eine rassige Schönheit, jung und erstaunlich kräftig.

Kastanienbraunes, stark gekraustes Haar bedeckte ihren Kopf wie eine dicke Mütze.

Sie war sehr leicht bekleidet, geizte nicht mit ihren weiblichen Reizen. Ein dünner Umhang bedeckte ihren Rücken. Sie trug ellenlange Handschuhe und Stiefel, die fast bis an die Knie reichten. Ein kunstvoll geschwungener Gürtel aus schwarzem Leder umschloß ihre Leibesmitte. Geschmückt war er mit einem goldenen Oval.

Shaccaranda wäre weit weniger stark gewesen, wenn sie ihre Handschuhe nicht getragen hätte. In ihnen steckte ein geheimer Zauber, der auf das Mädchen überging, sobald es die Handschuhe überstreifte.

Diese Kraft ging dann mit dem magischen Schwert eine Verbindung ein, die schon vielen Gegnern, die den Fehler gemacht hatten, Shaccaranda zu unterschätzen, zum Verhängnis wurde.

Raedyp würde es nicht anders ergehen. Er konnte nicht wissen, daß sie ihm an Kräften weit überlegen war. Er würde sie für ein schönes schwaches Geschöpf halten.

Sie würde ihm gefallen, denn sie war noch schöner als Abolla. Er würde sie nicht ernst nehmen, wenn sie ihr Schwert gegen ihn richtete.

Erst wenn sie zustieß, würde er begreifen, aber dann würde es für ihn keine Rettung mehr geben. Dutzende Male hatte sich Shaccaranda die Begegnung mit dem hinterlistigen Spinnendämon bereits vorgestellt.

Sie würde sich erst ganz zuletzt zu erkennen geben, und Readyp sollte erfahren, warum sie ihm den Tod brachte. Er würde sich noch an Abolla erinnern, und mit der Erinnerung an das, was er ihr angetan hatte, würde er sterben.

Doch noch war Shaccaranda nicht am Ziel. Es war noch weit bis zum Spinnenhügel…

***


Stanley Keel grinste, er war in seinem Element. »Endlich wieder einen Truck unterm Hintern!« sagte er begeistert. »Oh, Mann, ich liebe diese Ungeheuer auf Rädern. Sie sind so stark, so riesig, so gutmütig und gehorsam. Mit einem Finger könnte ich dieses Fahrzeug lenken.«

»Keine Experimente«, sagte Paul Holloway, der neben ihm saß. »Wir dürfen nicht auffallen.« Er warf einen Blick in den großen Außenspiegel.

Keel lachte. »Wir dürfen nicht auffallen? Mein Lieber, wir reiten auf einem Elefanten durch London. Wie willst du da nicht auffallen? Das ist unmöglich.«

»Ich meine das anders. Solange die Leute nur einen großen Kühltransporter vorbeifahren sehen, denken sie sich nichts dabei. Aber wenn der plötzlich anfängt, auf der Straße Walzer zu tanzen, nehmen sie ihn bewußt wahr, und die Bullen natürlich auch. Willst du von einer Verkehrsstreife aufgehalten werden?«

»Ich kann verzichten.«

»Ich auch«, sagte Holloway.

»Was haben wir eigentlich geladen?« fragte Keel.

»Keine Ahnung. Ich weiß lediglich, wo wir den Truck abliefern sollen.«

»Auf diesem aufgelassenen Flugplatz in Greenwich«, sagte Keel. »Paul, ich will dir ja nicht nahetreten, aber es wäre wirklich nicht nötig gewesen, daß du mitkommst. Ich habe den Truck doch sowieso allein geklaut.«

»Und ich habe den Coup aus sicherer Entfernung überwacht. Wenn es Schwierigkeiten gegeben hätte, hätte ich eingegriffen.«

»Schwierigkeiten? Menschenskind, bei Stanley Keel gibt es doch keine Schwierigkeiten.«

»Tu nicht so, als wärst du der ausgebuffteste Profi von London. Komm wieder runter auf den Teppich, Stan. Du bist nicht Al Capone. Du bist nicht einmal Philippe Tavernier.«

»Nein, ich bin Stanley Keel - und das ist viel mehr.«

»Bullen!« stieß Holloway plötzlich nervös hervor. Seine Hände verkrampften sich.

»Kein Grund, die Nerven wegzuschmeißen«, sagte Keel gelassen.

»Du bist gut. Wenn die uns aufhalten.«

»Warum sollten sie das tun? Ich fahre so perfekt wie eine Maschine, halte mich an die Verkehrsvorschriften, habe noch keinen einzigen Fehler gemacht.«

»Es gibt Fahrzeugkontrollen, die routinemäßig durchgeführt werden«, sagte Holloway. »Außerdem solltest du wissen, daß wir in einem geklauten Truck sitzen. Der Diebstahl kann inzwischen entdeckt und gemeldet worden sein.«

»Ich hab’s im Gefühl, daß die Bullen nichts von uns wollen«, behauptete Keel. »Die fahren zufällig in dieselbe Richtung, das ist alles.«

Er fuhr noch gewissenhafter und ließ den Streifenwagen nicht mehr aus den Augen. Das Polizeifahrzeug setzte zum Überholen an. Keel bewies, daß er gute Nerven hatte.

Er tat so, als wäre seine Weste weiß wie frisch gefallener Schnee. Er schaltete sogar das Autoradio ein.

»Verdammt, stell die Musik ab!« sagte Holloway ärgerlich.

Details

Seiten
130
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925500
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v455147
Schlagworte
söldnerin todes tony ballard

Autor

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Titel: Die Söldnerin des Todes Tony Ballard Nr. 135