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Die Hexe mit dem Todesatem Tony Ballard Nr. 130

2018 120 Seiten

Leseprobe

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© Cover: Michael Sagenhorn

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Die Hexe mit dem Todesatem Tony Ballard Nr. 130

von A.F.Morland













Die junge, schwarzhaarige Frau kreischte ihre Wut heraus und schlug wie von Sinnen um sich, als man sie in den Klosterhof brachte, denn der geweihte Boden brannte wie Feuer unter ihren Füßen. Sie schrie vor Schmerzen grell und wand sich, doch die Mönche, die sie gefangen hatten, wußten, daß sie kein Mitleid mit dieser gefährlichen Teufelsbraut haben durften.

Sie schlugen sie nicht, fügten ihr sichtlich kein körperliches Leid zu, hielten sie nur mit starken Armen fest und schleppten sie dorthin, wo sie keinen Schaden mehr anrichten konnte, Man hatte alles für den letzten Akt im Leben der Hexe Inaza vorbereitet. Endlich konnte ein Schlußstrich unter ihre grausamen Taten gezogen werden…

Inaza war eine Schönheit, eine rassige Zigeunerin mit einem biegsamen, geschmeidigen Körper, mit vollen Brüsten und schwellenden Hüften.

Eine Frau, die die Männer verrückt machen konnte. Sie wurde von vielen begehrt, und sie erhörte das Liebeswerben so manchen Mannes.

Er hielt sich für einen Glückspilz, doch er war ein Todgeweihter, denn Inazas Seele war so schwarz wie die Nacht, und ihr Körper, in dem ein verzehrendes Feuer brannte, gehörte dem Teufel.

Wenn Inaza einem Mann ihre »Gunst« schenkte, dann geschah es nur, um der Hölle ein Opfer zuzuführen, um dem Reich der Verdammnis eine Seele zu verschaffen.

Viele Jahre zog Inaza, die Zigeunerin, durch die Länder Europas. Grenzen kannte sie nicht, denn das Böse akzeptiert keine Grenzen, die von Menschen geschaffen wurden.

Und Inaza war eine Vertreterin des Bösen, eine Botschafterin des Grauens, die keine Gelegenheit ausließ, der schwarzen Macht zu einem Sieg zu verhelfen.

Auf ihrem Weg durch die Lande tauchte Inaza auch wieder in Ungarn auf. Als sie vor langem fortgegangen war, hatte man gehofft, sie würde nie mehr zurückkehren, aber nach all den Wanderjahren hatte es Inaza in ihre Heimat zurückgezogen.

Eine Frau, die ewige Schönheit und Jugend besaß, strahlend und begehrenswert wie eh und je, während jene, die Inaza von früher gekannt hatten, inzwischen alt und gebrechlich geworden waren.

Wären es nicht Mönche gewesen, die sie gefangennahmen, hätte sie keine Schwierigkeiten gehabt, sich zu befreien. Sie hätte die Männer, die es wagten, Hand an sie zu legen, getötet und ihr schreckliches Treiben fortgesetzt.

Aber die Mönche waren heilige Männer, die wußten, wie man sich gegen böse Kräfte schützte. Ihnen konnte Inaza nichts anhaben. Sie hatte es mehrfach versucht, aber was sie auch unternommen hatte, um freizukommen, hatte nicht gefruchtet.

Und nun befand sie sich auch noch auf geweihtem Boden!

»Ich halte das nicht länger aus!« schrie sie. »Seht ihr denn nicht, wie mich das quält? Habt ihr kein Herz im Leibe? Wie könnt ihr mir so etwas antun?«

»Du würdest nichts spüren, wenn du nicht mit dem Bösen im Bunde wärst«, bekam sie zur Antwort.

»Das ist nicht wahr!« schluchzte Inaza. »Ihr müßt, mich mit einer anderen Frau verwechseln. Ich sammle Kräuter und Beeren, um den Menschen zu helfen, ihre Leiden zu lindern.«

»Du vergiftest sie damit. Durch dein Gebräu verlieren sie den Verstand oder siechen dahin!«

»Wie könnt ihr so etwas behaupten?« weinte die Hexe. »Ich habe in meinem Leben immer nur Gutes getan, war selbstlos und fromm.«

Man hielt ihr ein Kruzifix vors Gesicht. Sie konnte den Anblick kaum ertragen. Er war peinigend für sie.

»Fromm bist du? Beweise es!« verlangte man von ihr.

»Wie denn?« würgte die Hexe hervor.

»Küsse dieses Kreuz!«

Es war ihr unmöglich. »Das… das kann ich nicht!«

»Küß es!«

Sie schrie und wollte sich mit der ganzen Kraft, die ihr noch geblieben war, losreißen. Als man ihr das Kreuz auf die Lippen drückte, verstummte sie.

Es war so, als hätte ein Blitzstrahl sie getroffen. Sie sackte zusammen und hing schlaff und bewußtlos zwischen den Mönchen. Sie hoben Inaza hoch und trugen sie durch den nächtlichen Klosterhof.

Fackeln brannten. Sie steckten in massiven Eisenringen, die in die Klostermauer eingelassen waren. In einer Nische war ein Holzpfahl in den Boden geschlagen worden. Daran band man die Hexe fest.

»Und nun, Brüder, tut, was getan werden muß«, sagte einer der Mönche.

Schweigsam nahmen die anderen die Werkzeuge in die Hand und begannen mit der Arbeit: Sie errichteten vor Inaza eine Mauer. Die Hexe sollte für alle Zeiten in dieser Nische verschwinden.

Die Mönche arbeiteten sehr schnell. Sie waren bestens aufeinander eingespielt. Dies war nicht die erste Mauer, die sie errichteten, das sah man.

Es gab im Kloster immer wieder etwas auszubessern oder umzubauen. Die heiligen Männer hatten in dieser Tätigkeit sehr viel Übung. Die Mauer wuchs sehr schnell.

Ein weiteres Mörtelband wurde aufgebracht, die nächsten Steine wurden gesetzt.

Damit Inaza nicht neue Kräfte sammeln und ausbrechen konnte, hatte man den Mörtel mit Weihwasser angereichert. Eine solche Sperre konnte die Hexe nicht sprengen.

»Haltet ein!« sagte plötzlich jener Mönch, der die Arbeit überwachte.

Die Kuttenträger hielten in ihrer Tätigkeit inne. Ihr Bruder trat vor und nahm der Hexe eine Goldkette ab, an der ein in Gold gefaßter Rubin hing.

Stumm trat er zurück und nickte ernst. Seine Brüder setzten die Arbeit fort. Als die Mauer Brusthöhe erreichte, schlug Inaza die Augen auf.

Ihr Blick war glasig. Sie schien sich im Delirium zu befinden, schrie nicht mehr, weinte nicht, bekam anscheinend nicht mit, was mit ihr geschah.

Ihr Geist schien sich in weiter Ferne zu befinden. Sie sah glücklich aus. Ein kleines Lächeln umspielte ihre vollen, roten Lippen. Schläfrig bewegte sie den Kopf hin und her.

»Es geht mir gut«, kam es dünn aus ihrem Mund. »Alles ist so leicht. Ich schwebe, bin glücklich. Herr der Welten, ich komme. Nimm mich auf in deine starken Arme und halte mich fest - und gib mich erst wieder frei, wenn du es für richtig hältst. Bis dahin laß mich bei dir sein. Ich werde schlafen und zufrieden sein, s-c-h-l-a-f-e-n bis der Tag der Wiedergeburt anbricht!«

»Macht schneller, Brüder!« sagte der Mönch, der das Hexenamulett an sich genommen hatte. »Ich kann ihre Stimme nicht mehr ertragen.«

»Sie rechnet mit einer Wiedergeburt.«

»Dazu wird es nicht kommen.«

Die letzten Steine wurden aufgesetzt, die Fugen verschmiert. Vielleicht redete Inaza immer noch, aber es war nicht mehr zu hören.

Man klatschte den Feinputz gegen die frische Wand und verrieb ihn zu einer glatten, feuchten Fläche.

Ja, Inaza würde schlafen.

Ewig schlafen…

***


Vor mehr als zweihundert Jahren war Inaza eingemauert worden. Die Männer, die dieses unvermeidbare Werk verrichtet hatten, lebten schon lange nicht mehr, aus dem Kloster hatte man zuerst eine Schule gemacht, dann eine Unterkunft für Obdachlose - und nun stand es leer.

Das Hexenamulett war durch viele Hände gegangen, war gestohlen und immer wieder verkauft worden. Es hatte den guten Menschen Unglück, den schlechten aber Glück gebracht.

Irgendwann war es außer Landes geschmuggelt worden, und über Spanien und Frankreich war es nach England gekommen - während die Hexe schlief.

Nun hatten Zigeuner im Klosterhof ihr Lager aufgeschlagen. Die klapprigen Wohnwagen waren im Karree aufgestellt, und in der Mitte brannte ein hohes Feuer.

Nirgendwo ist der Aberglaube tiefer verwurzelt als in der Seele eines Zigeuners, sagt man.

Andere wiederum behaupten, Zigeuner hätten Begabung zum Übersinnlichen, deshalb betätigten sie sich oft als Wahrsager, Kartenleger oder Wünschelrutengänger. Sie lasen den Menschen aus der Hand, und so mancher von ihnen verstand sich auf Zauberei und beherrschte magische Riten.

Das galt vor allem für die alten Zigeuner. Sie waren genügsam und führten ihr Außenseiterleben, dieses antiquierte Nomadendasein, zufrieden. Der Himmel war das Dach über ihrem Kopf, das ganze Land ihr Zuhause. Sie paßten nicht in die neue Zeit, und sie wußten, daß sie eines Tages aussterben würden.

Doch solange sie lebten, hielten sie ihre Traditionen hoch. Zigeunerehre und Blutrache waren für sie keine leeren Worte. Sie hatten ihren Stolz, und den durfte niemand verletzen.

Obwohl sie arm waren, verstanden sie es, wilde Feste zu feiern, und niemand fragte danach, woher das Fleisch kam, das sie aßen, woher der Wein kam, den sie tranken.

Irgend jemand hatte auf sein Eigentum nicht gut genug aufgepaßt. Es war allein seine Schuld, daß man ihn bestohlen hatte.

Fröhliche Weisen wurden aufgespielt - auf alten, zerkratzten, notdürftig ausgebesserten Instrumenten. Es wurde gelacht, gesungen und getanzt.

Das Lagerfeuer warf lange, unruhige Schatten gegen das einstige Kloster, das schon lange niemand mehr geweiht hatte.

Boro, ein junger, feuriger Zigeuner, tanzte mit Mehta, seiner Freundin, hinter die Wohnwagen. Sie lachte atemlos. »Ich kann nicht mehr, Boro. Du bist so wild, so stark. Du könntest die ganze Nacht durchtanzen, ohne müde zu werden.«

»O ja, das könnte ich«, sagte Boro. »Aber nur mit dir. Ich liebe dich, Mehta.« Er küßte sie leidenschaftlich, preßte sie so fest an sich, daß sie keine Luft bekam.

Sie drückte ihn von sich. »Wenn mein Vater uns sieht, bringt er dich um.«

»Denkst du, er weiß noch nicht, daß wir zusammengehören? Er ist doch nicht blind.«

»Vielleicht ahnt er etwas, aber solange du nicht mit ihm gesprochen hast, darfst du mich nicht auf diese Weise küssen.«

»Dein Vater hat altmodische Ansichten. Heute tun die jungen Leute, was sie wollen. Man nimmt nicht mehr so viel Rücksicht auf die Alten wie früher.«

»Findest du das richtig?«

»Ja. Den Jungen soll die Welt gehören. Die Alten hatten sie schon lange genug«, behauptete Boro.

»Du vergißt, daß du auch einmal alt sein wirst.«

Boro schüttelte den Kopf. »Ich nicht. Aus mir wird kein Tattergreis, der seiner Familie zur Last fällt.«

»Wie kannst du nur so dummes Zeug reden?« fragte Mehta. »Hast du vor, ewig jung zu bleiben?«

»Noch mehr als das, Mehta. Soll ich dir davon erzählen? Ich werde reich sein…«

»Mir ist kein Zigeuner bekannt, der jemals reich geworden wäre.«

»Nun gut, dann bin ich eben der erste, der es schafft«, sagte Boro. Er schien von dem, was er behauptete, wirklich überzeugt zu sein.

»Und wie willst du das anstellen? Hast du vor, eine Bank zu überfallen?« Boro lachte. »Nein. Ich habe vor, jemanden zu befreien.«

»Einen Gefangenen? Aus einem Gefängnis? Und dafür kassierst du Geld?«

»Wieder falsch geraten«, sagte Boro. Seine schwarzen Augen glänzten fanatisch. »Du kennst die Geschichte der Zigeunerin Inaza. Man erzählt sie sich an allen Lagerfeuern.«

»Für mich ist Inaza eine Legende. Man hat sie in dem Glauben eingemauert, sie wäre eine Hexe…«

»Das war sie tatsächlich.«

»Sie war ein Kräuterweib, nichts weiter«, sagte Mehta.

»Sie war mit dem Bösen im Bunde, und sie ist es noch.«

»Sie ist seit mehr als zweihundert Jahren tot.«

»Ja, das wird behauptet, aber es stimmt nicht.«

»Woher willst du das denn wissen?« fragte Mehta.

Boro strich ihr eine schwarze Haarsträhne aus dem hübschen Gesicht. »Ich weiß es eben. Hast du eine Ahnung, wo Inaza eingemauert wurde?«

»In irgendeinem Kloster.«

»Es geschah hier«, sagte Boro, und er spürte, wie Mehta zusammenzuckte. Boro wies auf die lange Klostermauer. »Irgendwo in dieser Mauer wartet sie darauf, daß sich einer findet, der sie befreit.«

»Wenn sie wirklich eine Hexe und noch am Leben ist - warum befreit sie sich dann nicht selbst?«

»Das kann sie nicht. Dazu fehlt ihr die Kraft. Man sagt, sie wird denjenigen reich belohnen, der sie aus ihrem steinernen Gefängnis holt.«

»Man sagt so vieles. Du solltest nicht so leichtgläubig sein, Boro.«

»Es wird behauptet, der Pfahl, an den man sie gebunden hat, hätte sich im Laufe der Zeit in Gold verwandelt.« Mehta tippte ihm an die Stirn. »Seit wann wird aus Holz Gold? Merkst du nicht, wie hirnrissig das ist? Ich habe dich wirklich für klüger gehalten. Wie kann man nur so dumm sein und diese lächerlichen Geschichten glauben.« Boros Augen wurden schmal. »Sie steckt irgendwo in dieser Mauer, und ich hole sie heraus. Sie soll unbeschreiblich schön sein.«

»Das mag sie vor zweihundert Jahren gewesen sein. Ich möchte lieber nicht sehen, was von ihrer einstigen Schönheit noch übrig ist.« Mehta seufzte. »Ach, Boro, dein Traum wird wie eine Seifenblase zerplatzen. Wach rechtzeitig auf, sonst ist die Enttäuschung hinterher zu groß.«

»Ich finde und befreie Inaza«, behauptete Boro starrsinnig.

»Willst du die ganze Mauer Stein für Stein abtragen? Da hast du eine Menge Arbeit vor dir.«

»Es gibt eine einfachere Methode, sie zu finden«, sagte Boro. »Wenn man mit ihrem Amulett die Mauer abschreitet, leuchtet der in Gold gefaßte Rubin an der Stelle auf, wo sie eingemauert wurde.«

»Besitzt du dieses Amulett?« fragte Mehta.

»Nein, aber ich weiß, Wer es hat. Ein Engländer. Sein Name ist Van Bowman. Einem Freund von mir gelang es, der Spur des Hexenamuletts bis nach England zu folgen. Er sprach mit Van Bowman. Als er von dem goldenen Pfahl erfuhr, an dem Inaza hängt, erklärte er sich bereit, nach Ungarn zu kommen. Wir werden das Gold in drei Teile teilen, aber keine Sorge. Es wird noch sehr viel für uns beide übrigbleiben. Der Pfahl soll so dick sein wie mein Oberschenkel.«

»Wann trifft Van Bowman ein?« wollte Mehta wissen.

»Heute nacht«, antwortete Boro, »Ich hole ihn mit dem Motorrad vom Flugplatz ab.«

***


Van Bowman hatte ein unsympathisches Gesicht; es war breit, und er schien permanent zynisch zu lächeln. Er trug das flachsblonde Haar sehr kurz geschnitten, hatte wasserhelle Augen und einen dünnlippigen Mund.

Er trug teure Modellschuhe und einen cremefarbenen Maßanzug. Man hätte ihn für einen erfolgreichen Geschäftsmann halten können, und in gewisser Weise, so fand er, war er das auch.

Doch seine Geschäfte waren nicht seriös. Er wickelte sie jenseits der Gesetze ab. Einbruch, Raub, Diebstahl… Die Liste der Strafdelikte, derer er sich schuldig gemacht hatte, reichte bis hin zum Mord.

Es gab nichts, wofür er nicht zu haben war, wenn die Kasse stimmte. Er war daran gewöhnt, daß die Polizei ständig hinter ihm her war, und es bereitete ihm ein unbeschreibliches Vergnügen, ihr immer wieder ein Schnippchen zu schlagen.

Er war von sich sehr eingenommen und davon überzeugt, daß man ihn nie erwischen würde. Als er vom Gold der Hexe hörte, erwachte in ihm eine gefährliche Gier.

»Okay«, hatte er zu Sandor Feges, Boros Freund, gesagt. »Ich mache mit.«

»Sie werden Ihren Entschluß nicht bereuen, Mr. Bowman«, hatte Feges erfreut erwidert.

»Wie kann ich mein Drittel aus Ungarn herausschaffen?«

»Das ist kein Problem, Mr. Bowman. Lassen Sie mich nur machen. Man wird Ihr Gold nach Österreich bringen. Dort können Sie es gefahrlos in Empfang nehmen.«

»Das Hexenamulett wird lediglich dazu dienen, die Stelle zu finden, wo Inaza eingemauert wurde. Ich bin nicht bereit, mich von diesem Glücksbringer zu trennen. Er hat mir bisher die Bullen hervorragend vom Leib gehalten.«

»Er bleibt selbstverständlich weiter in Ihrem Besitz«, versicherte der Ungar dem Engländer.

»Wann soll ich abreisen?« fragte Van Bowman.

»Ich schicke Ihnen ein Telegramm aus Budapest.« Noch am selben Tag kehrte Sandor Feges nach Ungarn zurück.

Er traf sich mit Boro und bereitete anschließend alles für den Goldtransport ins Ausland vor.

Als Bowmans Maschine landete, erwartete ihn Boro, der junge Zigeuner, mit brennender Ungeduld. Er träumte schon von seinem Reichtum. Er würde sich und Mehta jeden Wunsch erfüllen können. Die Zeit der Armut war zu Ende. In Kürze würde er in Geld schwimmen.

Geld ist Macht, und alle, die ihn bisher mit Füßen getreten hatten, würden diese Macht zu spüren kriegen. Boro war nicht länger der kleine Zigeuner, der Habenichts, an dem man sich die Schuhe abputzen konnte. Von nun an würde man vor ihm den Rücken beugen müssen.

Er ließ Van Bowman ausrufen und begrüßte ihn auf ungarisch, doch dieser Sprache war der Engländer nicht mächtig. Da Boro kein Wort Englisch konnte, einigten sie sich auf Deutsch, das konnten sie beide.

»Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen«, sagte Boro und schüttelte Bowmans Hand. »Wie war der Flug?«

»Angenehm. Sie sind also der Heißsporn Boro. Sandor Feges behauptete, Sie wären ein Vulkan, der immer gleich hochgeht. Brachte Sie Ihr Temperament noch nie in Schwierigkeiten?«

»Eigentlich nicht, Sir. Ich kann mich auch beherrschen, wenn es sein muß.«

»Wo steht Ihr Wagen?«

»Oh, Sir, es tut mir leid, aber ich kann mir keinen Wagen leisten… Noch nicht, aber das wird sich bald ändern.«

»Wir müssen doch nicht etwa zu Fuß…«

»Ich besitze ein Motorrad. Die Nacht ist mild. Die Fahrt wird für Sie ein angenehmes Erlebnis sein. Haben Sie Gepäck?«

Van Bowman hob seinen kleinen Handkoffer. »Nur das hier. Ich habe nicht vor, mich in Ungarn niederzulassen.«

Sie verließen das Flughafengebäude. Von Boros Motorrad war der Engländer nicht sonderlich begeistert. »Sind Sie sicher, daß das Ding unterwegs nicht auseinanderfällt?«

»Es hat die Fahrt hierher geschafft, es wird auch die Rückfahrt aushalten.«

»Na, wir werden ja sehen«, sagte der Engländer.

Boro tänzelte von einem Fuß auf den anderen und leckte sich nervös die Lippen. »Sir, macht es Ihnen etwas aus, mir das Hexenamulett zu zeigen? Ich würde cs schrecklich gern sehen.«

»Es sieht zwar aus wie ein typischer Frauenschmuck, aber ich trage es dennoch um den Hals«, sagte Van Bowman und öffnete sein Hemd.

Als Boro das Amulett sah, leuchteten seine Augen ehrfurchtsvoll. »Oh, der Satansrubin. Sehen Sie nur, wie er funkelt. Als bestünde er aus kristallisiertem Blut.«

»Wie nannten Sie den Stein?«

»Satansrubin. Man sagt, Inaza hätte ihn vom Teufel persönlich geschenkt bekommen. Zum Zeichen seiner Wertschätzung.«

Van Bowman ließ das Amulett wieder in seinem Hemd verschwinden. »Fahren wir«, sagte er.

»in zwanzig Minuten sind wir da«, gab Boro zurück und kippte die Maschine vom Ständer. Van Bowman setzte sich hinter ihn und hielt sich an dem schwarzhaarigen Zigeuner fest. Eine seltsame internationale Komplizenschaft war das.

Bowman war gespannt, was dabei herauskommen würde. Er war ein Partner, auf den man sich nicht verlassen konnte. Er hatte bisher noch jeden, mit dem er sich zusammentat, aufs Kreuz gelegt oder es zumindest versucht.

Mit dieser Absicht war er auch nach Ungarn gekommen. Wenn es irgendwie möglich sein sollte, würde er das Gold der Hexe für sich allein beanspruchen.

Er glaubte nicht, daß es schwierig sein würde, Boro auszutricksen. Etwas problematischer würde Sandor Feges sein, aber auch der mußte auf irgendeine Weise zu leimen sein.

Kommt Zeit, kommt Rat, sagte sich Bowman.

Er wollte die Sache an sich herankommen lassen und im gegebenen Moment improvisieren.

Daß ein so nüchterner Mann wie er an das Gold der Hexe glaubte, ließ sich leicht erklären: Er spürte die Kraft des Satansrubins und merkte den außergewöhnlichen Schutz, den er genoß, seit er das Amulett in seinen Besitz gebracht hatte. Deshalb war er bereit zu glauben, daß die unglaubliche Geschichte einen wahren Kern hatte.

***


Das Fest war zu Ende, einige Zigeuner schliefen, andere waren so schwer betrunken, daß sie die Nacht außerhalb ihres Wohnwagens verbringen mußten, weil niemand es schaffte, sie hineinzubringen.

Das Feuer war schon ziemlich niedergebrannt. Ab und zu knackte es in der Glut, und Funken flogen hoch.

Das letzte Stück ging es bergab. Boro stellte den Motor ab und ließ die Maschine auf das Kloster zurollen. Lautlos gelangten sie in den Klosterhof, aber sie blieben nicht unbemerkt.

Als sie abstiegen, trat ein hagerer Mann zwischen den Wohnwagen hervor: Zacharij, Mehtas Vater. Er stand der Sippe vor, lenkte patriarchalisch deren Geschicke und duldete keine Kritik.

»Boro!« sagte er mit einer dröhnenden Baßstimme. Sie paßte nicht zu seinem schmalen Äußeren. »Wer ist dieser Mann?«

»Sprich deutsch, damit er dich versteht«, gab Boro zurück.

»Was will er?« fragte Van Bowman.

Boro erklärte ihm, wer Zacharij war. Dann wandte er sich an Mehtas Vater. »Du weißt bestimmt schon Bescheid. Mehta ist eine brave Tochter. Sie hat dich längst informiert.«

»Allerdings, das hat sie. Und warum hast du es nicht getan? Du weißt, daß hier nichts ohne mein Einverständnis geschieht!«

»Ich habe dein Einverständnis vorausgesetzt«, erwiderte Boro. Mit einem anderen hätte er nicht so viel Geduld gehabt, aber Zacharij war Mehtas Vater.

»Du bist anmaßend und überheblich!«

»Und du bist ein verbohrter alter Mann!« entgegnete Boro, nun doch aufbrausend. »Laß mich gefälligst in Ruhe. Ich lasse mir von dir keine Vorschriften machen! Wenn dir das nicht paßt, kannst du mich ja aus der Sippe ausstoßen, aber das eine sage ich dir: Mehta kommt mit mir, wenn ich fortgehe.«

»Sie wird dem Wort ihres Vaters gehorchen!«

»Sie wird auf die Stimme ihres Herzens hören!«

»Also ich bin nicht so weit geflogen, um mir den Streit von zwei Zigeunern anzuhören!« platzte Van Bowman dazwischen. »Ich denke, es gibt Wichtigeres zu tun, deshalb rate ich euch, das Kriegsbeil zu begraben. Laßt uns an die Arbeit gehen.«

Bei den Wohnwagen stand Mehta und blickte unglücklich herüber. Wenn sich Boro und ihr Vater doch nur vertragen hätten… Sie seufzte. Der eine war ein Hitzkopf, der andere ein Dickschädel, Und sie stand dazwischen. Sie liebte beide, und es schmerzte sie, sich für einen entscheiden zu müssen.

Bald würde es soweit sein.

Boro warf ihr einen wütenden Blick zu, als wollte er sagen: Konntest du nicht den Mund halten? Mußtest du deinem Vater unbedingt erzählen, was ich vorhabe?

Aber hätte es sich geheimhalten lassen? Sobald Van Bowman mit seinem Amulett die Stelle gefunden hatte, wo Inaza eingemauert war, mußte Boro mit der Spitzhacke zu Werke gehen, und das wäre Zacharij natürlich aufgefallen.

Boro beachtete den hageren Mann nicht weiter. »Kommen Sie«, sagte er zu Bowman.

Sie begaben sich zur Klostermauer, und Van Bowman nahm das Hexenamulett ab. »Mal sehen, auf welche Weise es reagiert«, sagte er und schlang sich die Goldkette um die Hand.

Sie schritten die Mauer entlang. Bowman hielt das Amulett hoch, der Satansrubin befand sich nur wenige Zentimeter von der Mauer entfernt.

Boros Herz schlug bis zum Hals hinauf. Er beachtete die Zigeuner nicht, die neugierig beobachteten, was geschah. Sie würden auch nichts von seinem Gold abbekommen.

Zacharij hätte er einen kleinen Anteil gegeben - gewissermaßen um Mehta loszukaufen, doch nun war er nicht mehr sicher, ob er den hageren Alten beteiligen würde. Er ärgerte sich immer noch über ihn.

Was konnte Zacharij tun, wenn er mit Mehta einfach verschwand? Gar nichts. Verfluchen konnte er ihn, aber das würde zu verkraften sein. Es war nur fraglich, ob Mehta mitkommen würde. Ihre Vaterbindung war sehr stark.

Boro hatte etwa in der Mitte der Mauer einiges Werkzeug bereitgelegt. Einen Maurerhammer, eine Spitzhacke, eine Brechstange…

Er lachte leise. »Inaza wird staunen, wenn wir sie befreien.«

Van Bowman war nicht an der Hexe interessiert. Ihm war nur das Gold wichtig. Ein Pfahl, so dick wie der Oberschenkel eines Mannes… aus purem Gold!

Er brauchte nur daran zu denken, und schon beschleunigte sich sein Pulsschlag.

Sie erreichten das Werkzeug. Van Bowman blieb stehen. »Nichts - bis jetzt.«

»Wir haben noch eine Hälfte vor uns«, meinte Boro und hob das Werkzeug auf.

»Dieser Zacharij macht Ihnen das Leben schwer, wie?«

»Nicht mehr lange. Ich habe vor, mich von der Sippe zu trennen. Man hat als Zigeuner keine Zukunft mehr, aber das begreift Zacharij nicht. Er ist borniert. Ich habe mich für ein anderes Leben entschieden. Mir fehlt es nur noch am Startkapital, und zu dem werden Sie mir verhelfen.«

»Ich hoffe, ich kann Ihnen vertrauen.«

Boro kniff die Augen ärgerlich zusammen. »Was soll das heißen? Ich werde Sie nicht bestehlen!«

»Tut mir leid, wenn ich Sie gekränkt haben sollte«, meinte Van Bowman. »Aber ich kenne Sie nicht. Da ist es besser, man stellt die Dinge rechtzeitig klar. Der letzte, der versucht hat, mich hereinzulegen, sieht sich jetzt die Radieschen von unten an.«

Boro öffnete seine Jacke, und Van Bowman sah den Revolver, der in Boros Gürtel steckte. »Ich mag diesen Ton nicht, Bowman!« knurrte der junge Zigeuner. »Ich bin mit einem Drittel des Goldes zufrieden.«

»Dann ist ja alles in Butter«, erwiderte Van Bowman und ging weiter.

Nach etwa zwanzig Schritten entfuhr ihm plötzlich ein heiserer Schrei. Er riß die Hand zurück.

»Was ist los?« fragte Boro aufgeregt. »Es hat mich verbrannt!«

»Das Amulett! Sehen Sie nur! Es leuchtet, als würde der Stein glühen! Wir haben die Stelle gefunden, Bowman! Hier muß es sein! Hinter diesen Steinen muß sich Inaza befinden!«

***


»Gehen Sie zur Seite?« verlangte Boro nervös.

Er hatte alles Werkzeug - bis auf die Spitzhacke - fallen lassen. Die Hacke schwang hoch, und sobald Van Bowman zur Seite getreten war, schlug Boro zu.

Die Metallspitze bohrte sich in den Verputz, in dem sich nach mehreren Schlägen Sprünge bildeten, »Hören Sie es?« keuchte Boro. »Es klingt hohl. Hinter diesen Steinen befindet sich ein Hohiraum!«

»Inaza wird hoffentlich nichts dagegen haben, wenn wir uns den goldenen Pfahl holen«, bemerkte der Engländer trocken.

Er ließ den jungen Zigeuner die Arbeit tun, zündete sich inzwischen eine Zigarette an und rauchte. Vor den Wohnwagen standen nun schon fast alle Zigeuner, aber sie kamen nicht näher. Es hatte den Anschein, als hätten sie Angst.

Boro hätte sich die Spitzhacke nicht wegnehmen lassen. Es wäre ihm unmöglich gewesen, stillzustehen und zu warten. Mit kräftigen Hieben bearbeit tete er die Klostermauer, von der immer mehr Verputz abblätterte.

Als der erste Stein wackelte, ließ Boro die Hacke fallen. Mit dem Maurerhammer kratzte er den Mörtel aus den Fugen, und wenig später setzte er das Brecheisen an.

»Der erste Stein«, sagte Boro schwer atmend. Schweiß glänzte auf seiner Stirn. Er warf den Stein hinter sich. Den nächsten zu lockern war schon nicht mehr so schwierig.

»Ich bin neugierig, wie sie aussieht«, sagte Boro.

Van Bowman zog an der Zigarette und hob die Schultern. »Wie sieht jemand nach zweihundert Jahren schon aus?«

»Sie ist eine Hexe!« gab Boro zu bedenken.

Nach wie vor reagierte der Satansrubin auf Inazas Nähe. Ein roter Lichtfleck lag auf der Klostermauer.

»Inaza wird uns reich beschenken!« sagte Boro, dessen Augen wie im Fieber glänzten.

»Glauben Sie denn, daß Hexen den Begriff Dankbarkeit kennen?«

»Sie zeigen sich erkenntlich, damit man ihnen irgendwann wieder einen Gefallen tut.«

»Woher wissen Sie so gut über Hexen Bescheid?«

»Ich bin ein Zigeuner. Es gibt viele Überlieferungen, manchmal so sehr verschlüsselt, daß man sie kaum versteht. Man muß sehr genau zuhören, um zu begreifen, was gemeint ist.«

Boro unterbrach seine Tätigkeit nicht. Er sprach, während er arbeitete. Van Bowman warf die Zigarette auf den Boden und trat auf die Glut, dann ging er ein paar Schritte zurück.

Er glaubte zwar nicht, daß irgend etwas passieren würde, aber er wollte keine unliebsame Überraschung erleben. Immer größer wurde das Loch, das Boro in die Mauer brach, und als er die Eisenstange wieder ansetzte, fielen gleich mehrere Steine auf einmal heraus.

Jetzt sahen sie Inaza!

***


Sie sah grauenerregend aus, war zur Mumie geworden. Das einstmals schulterlange schwarze Haar war jetzt weiß, und tiefe Furchen zogen sich durch die grau-grüne Lederhaut.

Nichts war von ihrer einstigen sagenhaften Schönheit geblieben. Ihre Lippen, runzelig, aber noch leicht gerötet, entblößten strahlendweiße, regelmäßige Zähne, und große Augen mit kleinen, starren Pupillen schauten die Männer an.

Ein weißer Fetzen hüllte sie ein. Die Stricke, die sie einst fest umschlungen hatten, hingen locker an ihr. Steif stand die mumifizierte Hexe da.

»Sie ist tot«, bemerkte Van Bowman trocken.

»War bestimmt kein schönes Ende.«

»Das sieht nur so aus«, behauptete Boro. »In ihrem Inneren befindet sich immer noch eine gefährliche Glut. Wir müssen sie schüren.«

»Wozu?«

»Um das Feuer ihres Lebens anzufachen«, sagte Boro.

»Ist es denn so wichtig für Sie, daß Inaza wieder lebt?« fragte Van Bowman.

»Denken Sie daran, daß sie sich erkenntlich zeigen wird, wenn wir sie aus diesem langen Schlaf wecken.«

»Mir genügt der goldene Pfahl«, sagte der Engländer nüchtern. Mit gemischten Gefühlen näherte er sich der furchterregend aussehenden Hexe.

Er beugte sich vor und warf einen neugierigen Blick über ihre knöcherne Schulter, sprang sofort wieder zurück und starrte Boro wütend an. »Verdammt!« stieß er hervor. »Verdammt! Wozu bin ich hierher gekommen? Dieses gräßliche Weib lehnt an einem ganz gewöhnlichen Holzpfahl!«

»Das ist nicht wahr!«

»Überzeugen Sie sich selbst.«

Das tat Boro, und als er zurücktrat, war seine olivfarbene Haut grau geworden.

»Da sieht man, was man auf das Geschwätz von Zigeunern geben kann!« ärgerte sich Van Bowman. »Holz, das sich in Gold verwandelt! Ich wollte es nicht glauben, aber Sandor Feges ließ einfach nicht locker. Die ganze weite Reise umsonst. Oh, ich könnte mich selbst in den Hintern treten, weil ich so blöd war, auch nur eine Silbe von dieser verrückten Geschichte zu glauben!«

»Ich sagte es schon, viele Überlieferungen werden verschlüsselt weitergegeben. Man kann sie im Laufe der Zeit falsch gedeutet haben«, konterte Boro.

»Ich hätte Feges zum Teufel jagen sollen, als er zu mir kam.«

»Na schön, der Pfahl ist aus Holz und nicht aus Gold. Ich bin genauso enttäuscht wie Sie, aber wir haben Inaza gefunden, und es steht immer noch die Behauptung, daß sie sich erkenntlich zeigen wird…«

»Ach, hören Sie doch auf, dummes Zeug zu reden«, unterbrach der Engländer den Zigeuner unwillig. »Sehen Sie denn nicht, daß diese Frau seit zweihundert Jahren tot ist?«

»Sie schläft nur.«

»Tot ist sie. Mausetot Und mumifiziert.«

»Wir werden Inaza wecken mit dem Hexenamulett. Geben Sie es mir.«

Van Bowman schüttelte den Kopf. »Davon trenne ich mich nicht. Es bringt mir Glück, und es ist das einzige Gold, das jemals von Inaza zu kriegen war.«

»Bitte, Mr. Bowman!« sagte der junge Zigeuner eindringlich. »Sie müssen mir das Amulett überlassen.«

»Ich denke nicht daran…« Van Bowman verstummte, als Boro den Revolver zog und auf ihn richtete. Er kniff die wasserhellen Augen haßerfüllt zusammen. »Verdammt, ich hätte wissen müssen, daß man euch nicht trauen darf. Junge, was du da tust, kann verdammt unangenehme Folgen für dich haben. Ich schätze es nicht, mit einer Waffe bedroht zu werden!«

»Das Amulett, Bowman!« forderte Boro energisch. »Rechnen Sie nicht damit, daß es Sie vor meiner Kugel schützt!«

»Du wagst es nicht abzudrücken!« fauchte der Engländer.

»Wollen Sie es wirklich darauf ankommen lassen?«

Boro trat einen Schritt vor und nahm dem Engländer das Hexenamulett aus der Hand.

»Dafür bringe ich dich um!« sagte Van Bowman, und wer ihn kannte, wußte, daß das keine leere Drohung, sondern ein tödliches Versprechen war.

Boro trat an die Maueröffnung und hängte der mumifizierten Hexe die Kette um. Er schlang sie zweimal um ihren dürren Hals und trat dann zurück.

Gespannt wartete er. Hexe und Amulett waren nach mehr als zweihundert Jahren wieder vereint. Das mußte seine Wirkung tun. Der Satansrubin begann zu pulsieren. Einmal leuchtete er hellrot, dann wurde das Licht wieder etwas schwächer.

»Die Kraft des Steins belebt sie«, behauptete Boro.

»Ich halte dich für einen ausgemachten, abergläubischen Idioten«, fauchte Van Bowman. »Ich will das Amulett wiederhaben. Es gehört mir.«

»Es kommt Leben in Inazas Augen!« stieß Boro aufgeregt hervor. »Das Lebensfeuer fängt wieder an zu brennen. Wir haben die Hexe geweckt! Sie wird sich dafür erkenntlich zeigen. Vielleicht mit Gold, oder mit Geld… Irgendwie.«

»Ich höre mir diesen Schwachsinn nicht länger an!« sagte der Engländer wütend. »Ich nehme jetzt mein Amulett und verschwinde, und du würdest gut daran tun, mich nicht daran zu hindern. Wenn ich fort bin, kannst du diese Oma aus der Mauer holen und mit ihr spielen. Ich fliege mit der nächsten Maschine nach England zurück, und du kannst Sandor Feges bestellen, er soll sich nie mehr bei mir blicken lassen, sonst drehe ich ihm eigenhändig den Hals um.«

Boro bleckte die Zähne. »Ich dachte, Sie wollten mich umbringen.«

Van Bowmans Lider flatterten. »Vielleicht tu ich das noch, bevor ich abreise.«

Er wollte sich das Amulett holen, da drang ein rasselndes Atemgeräusch aus dem Mauerloch. Van Bowman hielt schaudernd inne.

»Sie erwacht!« sagte Boro ehrfürchtig. »Ich wußte, daß der Satansrubin sie wiederbelebt.«

Das Geräusch, das Bowman vernommen hatte, hörte sich an, als würde die Hexe den Atem, den sie zweihundert Jahre lang angehalten hatte, ausstoßen.

Ihre Augen waren nicht mehr blicklos, sie bewegten sich, und die pergamentene Haut begann zu zucken.

Fassungslos verfolgte Van Bowman dieses einmalige Schauspiel. Die Hexe erwachte tatsächlich. Sie hob die mumifizierte Hand. Van Bowman schluckte und wich zurück.

Lange, spitze Fingernägel hatte Inaza. Wie dicke Schnüre zeichneten sich die Adern auf ihrem Handrücken ab. Inaza spreizte die Finger, hielt sich an der Mauer fest.

Die zweite Hand kam zum Vorschein. Inaza wollte aus der Mauernische steigen, doch die schlaffen Stricke spannten sich und hielten sie zurück.

Mit einem unwilligen Ruck zerriß die Hexe sie, und im nächsten Moment stand sie in voller Lebensgröße vor Boro und Van Bowman.

Eine lebende Mumie!

Eine Schauergestalt, wie sie schrecklicher nicht aussehen konnte.

Bowmans Mund trocknete aus. Mußte er das Amulett vergessen? Würde es ihm Inaza zurückgeben? Er glaubte nicht, daß sie bereit war, sich davon zu trennen.

Blieb nur, auf ihre Dankbarkeit zu hoffen.

In welcher Form würde sie sich erkenntlich zeigen?

Plötzlich zuckten rote Lichter durch die Nacht. Polizei!

Meinetwegen! durchfuhr es Van Bowman, als er seinen Namen durch ein Megaphon hörte. Und dann war der Teufel los.

***


Seit Monaten war Inspektor Cliff Greene hinter Van Bowman her. Nie konnte er den gerissenen Gangster dingfest machen. Nie reichten die Beweise, um den gefährlichen Verbrecher ins Zuchthaus zu schicken. Ein frustrierender Job für Greene, doch er biß die Zähne zusammen und machte weiter.

Er wußte, daß Van Bowman über seine Niederlagen lachte, doch er gab nicht auf. Er war felsenfest davon überzeugt, daß er den Mann irgendwann einmal kriegen würde.

Einen Zeugen bekam er weich. Er gestand, daß ihn Bowman bestochen und eingeschüchtert hatte. Zwanzigtausend Pfund hatte Bowman ihm gegeben, damit er nichts gesehen und nichts gehört hatte.

Mit Hilfe dieses Zeugen konnte Greene den Gangster endlich aus dem Verkehr ziehen. Er hetzte zum Richter und ließ sich einen Haftbefehl ausstellen, und als er Van Bowman dann abholen wollte, war er nicht mehr daheim.

Jemand sagte dem Inspektor, er habe Bowman zum Flugplatz fahren sehen. Eine halbe Stunde später wußte Cliff Greene, daß der Schwerverbrecher nach Ungarn unterwegs war.

Er bearbeitete seinen Vorgesetzten, und dieser wandte sich weiter nach oben. Über mehrere Stationen lief die Nachricht nach Budapest, wer zu Besuch kam.

Kurz darauf liefen auch in der ungarischen Hauptstadt die Telefone heiß. Einen Schwerverbrecher und eiskalten Mörder wollte man nicht im Land haben.

Es wurden unverzüglich Maßnahmen angeordnet, Van Bowman abzufangen, doch ehe der Befehl die richtigen Steilen erreichte, wurde Bowman schon von Boro abgeholt und zum Kloster gebracht.

Allerdings geschah dies schon nicht mehr ohne Wissen der Miliz. Nach einer kurzen Rückfrage setzten sich mehrere Mann in Marsch, umstellten das Kloster und warteten auf den Befehl zuzuschlagen.

Und der ließ nicht lange auf sich warten…

***


»Du mieses Schwein!« fauchte Van Bowman. »Elender Verräter! Warum hast du mich an die Bullen verraten?«

Uniformierte sprangen in den Schloßhof. Sie hielten Maschinenpistolen in ihren Händen. Die scharfen ungarischen Befehle konnte Van Bowman nicht verstehen.

Er kümmerte sich nicht um die Polizisten. Haßerfüllt stürzte er sich auf den jungen Zigeuner. Sein Faustschlag wischte knapp an Boros Gesicht vorbei.

Boro schlug mit dem Revolver zu, und Van Bowman brach zusammen. Boro wurde aufgefordert, die Waffe fallen zu lassen, doch er dachte nicht daran zu gehorchen.

Er drehte durch. Wer zuerst den Verrat begangen hatte, wußte er nicht. Vielleicht hatte Zacharij heimlich nach der Polizei geschickt. Boro wollte sich auf keinen Fall festnehmen lassen.

Er hoffte darauf, daß sich Inaza erkenntlich zeigte und ihm irgendwie beistand. Entschlossen, sich seinen Fluchtweg freizuschießen, rannte er los.

»Boro! Nein!« schrie Mehta außer sich vor Angst um den jungen, hitzköpfigen Zigeuner. »Vater! Tu etwas! Steh ihm bei! Sie dürfen ihn nicht erschießen!«

»Ich kann ihm nicht helfen, Mehta«, sagte Zacharij ernst. »Wenn er sich nicht ergibt, ist er verloren!«

Sie riefen ihn an stehenzubleiben. Er schoß, und sie feuerten mit ihren automatischen Waffen zurück. Laut hallte das hämmernde Echo durch den Klosterhof.

Boro schien zu straucheln. Er ruderte mit den Armen, kämpfte um sein Gleichgewicht, verlor es aber und schlug lang hin.

Fassungslos preßte Mehta die Fäuste an ihre Wangen. »Steh auf, Boro«, schluchzte sie. »Vater, warum steht er denn nicht auf?«

Zacharij schüttelte mit düsterer Miene den Kopf. »Er kann nicht mehr, mein Kind. Er hat diesen Irrsinn mit dem Leben bezahlt. Einer wie er mußte ja eines Tages so ein Ende nehmen.«

»Nein!« schrie das Mädchen unglücklich auf. »Nein! Nein! Nein!«

Zacharij nahm sie in die Arme und sprach kein Wort. Er wußte, daß er Mehtas Schmerz nicht lindern konnte. Mit jedem Wort hätte er alles nur noch schlimmer gemacht.

***


Als Boro zusammenbrach, kam Van Bowman zu sich. Nahezu alle Polizisten eilten zu dem jungen Zigeuner, um zu sehen, wie schwer es ihn erwischt hatte, ob man noch helfen konnte.

Das war vielleicht Van Bowmans letzte Chance. Es würde nicht einfach sein, das Land zu verlassen. Er würde Sandor Feges zwingen, ihm zu helfen, denn er hatte ihm schließlich diese verfluchte Suppe eingebrockt.

Aber erst mal mußte er von hier weg und untertauchen. Zu Fuß wäre er nicht weit gekommen, deshalb wollte er sich mit Boros Motorrad absetzen.

Er richtete sich auf, blickte sich um. Wo war Inaza? Sie schien spurlos verschwunden zu sein.

Mit meinem Amulett! dachte der Gangster wütend. Er war eines wichtigen Schutzes beraubt. Es mußte ihm ohne das Hexenamulett gelingen, von hier zu verschwinden.

Während sich ein Großteil der Polizisten um Boro versammelte, hetzte Van Bowman geduckt durch den Klosterhof. Man wurde erst auf ihn aufmerksam, als er die Maschine startete.

Sein Name peitschte scharf auf ihn zu. »Bowman! Steigen Sie ab!« rief einer, der englisch sprach.

»Ihr könnt mich mal!« brüllte Van Bowman und drehte voll auf. Die Maschine heulte auf, stieg vorne hoch und raste los. Wieder hämmerten die automatischen Waffen.

Bowman nahm den Kopf weit nach unten und raste auf das Tor zu. Die Kugeln pfiffen ihm knapp um die Ohren, und es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis ihn eine traf.

Zwei Männer erschienen im Tor, die Waffen im Anschlag. Van Bowman vertraute auf sein Glück, das ihm über viele Jahre treu gewesen war. Pech hatten immer nur die anderen gehabt.

Die beiden Männer gaben Warnschüsse ab. Danach feuerten sie gezielt. Ein Schmerz durchglühte plötzlich Bowmans Schulter, und ein harter Schlag fegte ihn von der Maschine.

Er überschlug sich in der Luft. Das Motorrad kreiselte auf die Polizisten zu und hätte sie beinahe zu Boden gerissen. Nach der Landung kugelte Van Bowman noch einige Meter weit, dann blieb er schwer benommen, einer neuerlichen Ohnmacht nahe, liegen.

Knirschende Schritte… Stiefel umringten ihn… Maschinenpistolen wiesen auf ihn. Er breitete die Arme aus und sagte hustend: »Okay, okay, ich bin geschlagen. Nicht schießen. Nicht schießen. Hoffentlich versteht ihr Bastarde, was ich sage.«

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925456
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v455122
Schlagworte
hexe todesatem tony ballard

Autor

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Titel: Die Hexe mit dem Todesatem  Tony Ballard Nr. 130