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Glatte Rechnung

2018 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Glatte Rechnung

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

 

Glatte Rechnung

Wildwest-Roman von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 182 Taschenbuchseiten.

 

Die Rechnung schien nicht aufzugehen. Sie war glatt, zu unkompliziert.

Ein Mann sucht seinen Bruder. Er nimmt an, nur auf einer heißen Fährte zu reiten, befindet sich jedoch schon mitten drin in der Hölle, in einem Hexenkessel, aus dem es scheinbar kein Entrinnen mehr gibt.

Und Ruel Duke ist bereit, die Rechnung zu begleichen, die man ihm servierte. Er wächst mit seinen Aufgaben, bäumt sich gegen das Schicksal auf, das ihn in die Ecke treibt, stemmt sich gegen eine zwiegesichtige Meute und begleicht die Rechnung mit rauchenden Revolvern.

Er ist zwar kein Übermensch, kein Allroundmann! Nein, er ist lediglich ein Mann, der am Boden lag und sich doch wieder empor kämpfte.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Edward Martin/ Schottland, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1.

Den ersten Eindruck, den Ruel Duke von Pete Couver hatte, war, dass er an einen prächtigen Königstiger erinnert wurde. Unwillkürlich stimmte ihn dieser Eindruck wachsam, denn yeah, wenn man ihm auch allerlei von Pete Couver vor seinem Ritt hierher erzählt hatte, die Wirklichkeit übertönte alles.

Dort, genau zehn Yards von ihm entfernt, stand Pete Couver hinter dem Schaukelstuhl eines beleibten Mannes, dessen aufgedunsenes, schweißtriefendes Gesicht von einem rot gesprenkelten Taschentuch hin und wieder abgewischt wurde. Der Mann im Schaukelstuhl räkelte sich faul. Eine schwarze Zigarre hing zwischen seinen wulstigen Lippen. Sie wanderte von rechts nach links und wieder zurück, und dabei sprach Dave Stratton, so hieß der Dicke, unaufhörlich auf Pete Couver ein.

Beide, der unförmige Dicke und Couver, gaben sich keine Mühe, ihre Neugierde auf den Fremden zu verbergen, der auf einem blau-fleckigen Pferd von unerhörter Hässlichkeit saß, lässig an die heruntergebogene Stetsonkrempe tippte, seinen müden Wallach stoppte und fragte: „Hallo, ist das der einzige Saloon in dieser öden Gegend?“

Der Dicke nahm langsam die Zigarre aus dem Mund und spuckte zur Seite, ohne den Kopf dabei zu drehen.

Seine unter buschigen Brauen und Fettpolstern versteckten kleinen Wieselaugen nahmen einen spöttischen Ausdruck an. Er entgegnete nichts, sondern räkelte sich nur ein wenig, wobei der Liegestuhl gefährlich ächzte, schloss gelangweilt die Augen und blies den Rauch der Zigarre durch die Zähne.

Ganz anders dagegen verhielt sich Pete Couver. Der Blick seiner bernsteinfarbenen Augen saugte sich an Ruel fest, tastete gründlich über den jungen, abgehärmten Cowboy hinweg. Nun, was er sah, war nicht beunruhigend.

Couver verstand sich darauf, einen Mann nach gewissen Anzeichen einzustufen. Er hatte sich sozusagen eine Rangliste zurechtgelegt, in der er sie allesamt unterbrachte. Der Fremde auf dem Blaugefleckten jedoch war offensichtlich noch zu jung, um in eine Sparte seiner Tabelle hineinzupassen.

Dunkle Schatten hingen um seinen Augen. Schatten, die eine verklungene Krankheit hinterlassen

haben konnte. Dazu passte der Ausdruck der hellen Grauaugen. Sie wirkten verschleiert, weltfremd und waren von Resignation erfüllt. Seine Bewaffnung bestand aus einem Colt, dessen Knauf aus der lose herabhängenden Jacke herausragte, und machte nicht gerade einen gefährlichen Eindruck.

Couver warf noch einen flüchtigen Blick auf die Ausrüstung, und dann hatte er sich sein endgültiges Urteil gebildet.

„Es gibt so viele Whiskyquellen hier, dass du darin baden könntest“, grinste er. „Für dich wäre allerdings ein Glas Milch angebrachter.“

„Vielen Dank, Sir“, erwiderte Ruel freundlich, so, als hätte er den Spott in Couvers Worten nicht gehört.

Er schwang sich steifbeinig aus dem Sattel, schlug sich mit dem Stetson gegen seine Kleidung, so dass dicke Staubwolken daraus hervorquollen.

„Weit geritten, Stranger?“, hörte er Couvers dunkle Stimme fragen.

„Es reicht“, gab er zurückhaltend zu verstehen.

„Auf Arbeitssuche?“

Ruel hob überrascht den Kopf. Nun, man hatte ihm nicht erzählt, dass Couver ausgesprochen neugierig war. Couver trat vom Schaukelstuhl fort, näher zur Veranda hin, und blickte über das Geländer hinweg auf ihn herab.

Er war so nahe, dass Ruel das weiße Flechtwerk von kleinen Narben in seinem Gesicht sehen konnte. Diese kleinen Narben störten ein wenig die herbe Schönheit dieses breitflächigen, wie aus rauem Basaltstein gehauenen Gesichts.

Der Dicke hob seine Fettmassen aus dem Schaukelstuhl, blinzelte schläfrig herüber.

„Vielleicht kann man hier einen guten Cowboy gebrauchen“, sagte Ruel nachdenklich. „Ich werde mich wohl nach Arbeit umsehen müssen.“

Couver wandte sich dem Dicken zu, fragte: „Dave, willst du ihn haben?“

Der Dicke schüttelte den Kopf, streckte die Wurstfinger von sich und schnarrte: „Ich stelle nur die erste Garnitur ein. Lass ihn reiten, wohin er will!“

Bei diesen Worten legte er sich seufzend zurück, versank wieder in seinen Dämmerzustand.

Couvers schmale Lippen kräuselten sich zu einem höhnischen Grinsen.

„Du hast es gehört, Freund, dir steht der Weg nach allen Richtungen offen, und das, Buddy, ist eine Zusage, die noch nie einem Mann erteilt wurde.“

„Ich weiß das zu schätzen, Sir“, murmelte Ruel, nahm seinen Blauschecken am Zügel, zog ihn hinter sich drein an der Veranda vorbei bis zu den Holmen hin, die vor dem nächsten Gebäude standen.

Dort band er das Tier fest, rückte eine leere Futterkrippe vor sein Reittier, schnallte den Packen hinter dem Sattel los, und war gerade dabei, den Sattelgurt zu lösen, als ein braungebrannter Junge mit nackten Füßen heranschlenderte, sich beiläufig erkundigte: „Mister, kann ich das für Sie tun?“

Ruel schaute sich den Jungen an, fragte: „Wirst du dafür bezahlt?“

„Der Saloon gehört meinem Dad, und ich habe dafür zu sorgen, dass die Wünsche der Gäste erfüllt werden, Mister. Was darf es sein … Hafer, Häcksel oder eine Maisportion?“

„Nur das Beste, my boy.“

„Also Mais?“

„All right, und dazu klares Wasser. Er hat beides lange Zeit entbehren müssen.“

„Oh, dann sind Sie über den Death Lano gekommen, Mister?“, staunte der Boy ungläubig.

„Ich weiß nicht, wie man das Land dort im Süden nennt“, murmelte Ruel, zog den Bauchgurt des Pferdes los, hob den Sattel ab, warf ihn sich über die Schulter, und legte dem staunenden, braungebrannten Jungen sanft die Hand auf den Kopf.

„Du kannst es nicht so recht glauben, wie?“

„Nein“, kam es explosiv zurück. „Ein Mann, der aus dem Süden kommt, hat zumindest eine Winchester und ein Reservepferd bei sich, dazu zwei Eisen am Gurt. Oder aber er schließt sich einem Trupp harter Männer an, und dann sehen die Pferde meist sehr mitgenommen aus.“

„Mein Blauschecke kann sich von Disteln ernähren, und das ist viel wert“, lächelte Ruel. „In einer halben Stunde schaue ich nach, ob er gut versorgt ist, Boy!“

Er ließ den Jungen, der ihn mit verzogenem Gesicht anstarrte, einfach stehen. Es war ihm gleichgültig, ob er ihn für einen Schwindler oder Aufschneider hielt. Yeah, verteufelt gleichgültig war es ihm, ebenso wie Couvers Fehlurteil.

In einer Art konnte er sogar froh sein, dass Couver ihn für einen Mann gehalten hatte, der vom Norden und Westen kam, für einen harmlosen, abgebrannten Cowboy. Seine müden, verschleierten Augen ließen tief in der Iris gelbe Punkte sehen. Langsam sog er den Atem ein, schob sich den grauen, verwaschenen Stetson mit dem Daumen in den Nacken und schritt auf die Schwingtür zu, über deren Querbalken auf einem Schild zu lesen stand: „Himmelspforte“.

By Gosh, danach sah das Loch, das beim Aufschwingen der Tür sichtbar wurde, wahrlich nicht aus!

„Höllenloch“, hätte besser gepasst.

Blauer Qualm schlug Ruel entgegen. Aber es waren keine Rauchschwaden, die ein Höllenfeuer ausstieß, sondern nur der Rauch, den brennender Tabak zurückließ.

Hinter der Theke stand auch kein Erzengel, wie man nach dem vielversprechenden Saloonnamen vermutet haben könnte, sondern ein kümmerliches Männlein mit feuchter Stupsnase und Hornbrille.

Beim Anblick des Eintretenden riss er weit die Augen auf, sagte erstaunt: „Hallo!“

„Hallo!“, entgegnete Ruel mit der gleichen Betonung.

„Ich suche ein sonniges Zimmer und eine erstklassige Küche.“

„Und den besten Whisky, Stranger“, ergänzte der Keeper mit einem vergnüglichen Grinsen. „Sie können alles bekommen, vorausgesetzt natürlich, dass Sie bezahlen können!“

Sein Grinsen erlosch, misstrauisch betrachtete er den neuen Gast.

„Den Whisky können Sie selbst trinken“, lächelte Ruel höflich, und diese Worte verstärkten das Misstrauen des Keepers. Für einen Mann, dessen Geschäft auf dem Ausschank von Whisky aller Qualitäten basierte, war es geradezu eine Beleidigung, zu erfahren, dass es auch Männer gab, die von dem Gesöff nichts hielten.

Der Keeper betrachtete Ruel plötzlich genauer, und dann wusste er, dass für diesen harmlosen, krank aussehenden Gast die Himmelspforte nicht das richtige Lokal war.

Dieser Mann machte sich anscheinend nichts aus den Ladies, die grell geschminkt, mit dünnen Flitterkleidchen behangen, von Tisch zu Tisch zogen. Schillernden Schmetterlingen gleich, die ständig auf der Suche nach neuer Nahrung waren.

Und er beachtete auch nicht die verschiedenen, mit leuchtenden Etiketten geschmückten Flaschen auf den Regalen, die jedem Feinschmecker höchsten Genuss verraten hätten. Nein, Ruel lächelte nur müde und seltsam abwegig, als sein Blick in die Runde ging, so, als ob er keinen Gefallen an der Atmosphäre dieses Saloons finden könnte.

Er wartete, bis der Keeper mit einem Murren ihm das Gästebuch hinlegte und dann über seine Schulter schaute, wie er seinen Namen eintrug.

Ruel Duke von Rio Brazos.

„Texas?“, fragte der Keeper mit unterdrückter Erregung.

„Stört das?“

„Nein, nein!“

„Nun gut, dann zeigen Sie mir mein Zimmer!“

Der Wirt schlurfte voran durch den Raum, durch einen Korridor, über eine klapprige Stiege zu einer Dachkammer hin und riss dann eine Tür auf.

„So, das wär’s!“

Ruel sah sich um. Recht primitiv war die Einrichtung. Ein Feldbett, ein Waschhocker, ein halbblinder Rasierspiegel und ein Fensterloch mit trüben Scheiben. Die Wände waren aus rohem Holz und vom Wurm arg beschädigt.

„Ich wusste nicht, dass es im Himmel so trübe aussieht“, sagte Ruel nach einer Weile, wobei er den Sattel von der Schulter gleiten ließ, seinen Packen daneben stellte und sich dann an den Wirt wandte: „Well, ich nehme das Zimmer!“

„Zwei Dollar den Tag.“

„Und die Nacht?“

„Ist selbstverständlich eingeschlossen“, grinste der Keeper ihm über die Hornbrille zu. „Die Preise macht Dave Stratton.“

„Dave Stratton?“

„Yeah, der größte Mann in dieser Gegend!“

„Hm, zumindest der schwerste.“

„Spotte nicht, Cowboy“, flüsterte der Keeper unruhig. „Das ist nämlich etwas, was Stratton absolut nicht vertragen kann.“

„So-so!“

„Yeah, viele haben es bereits bereut.“

„Sozusagen also ein harter Bursche?“

„Er regiert hier, und der Saloon sowie fast die ganze Stadt gehört ihm. Hat er dich übrigens eingestellt?“

„Nein, er hat kein Interesse.“

„Ah, wirklich?“

„Yeah, ich soll reiten, wohin ich will.“

„Oh, man hat dich beobachtet, Cowboy“, murmelte der Keeper. „Couver ist Strattons rechte Hand. Du hast einen glücklichen Tag erwischt, denn sonst hätte man dich aus der Stadt gewiesen. Hier dürfen sich nur Männer aufhalten, die von Stratton und Couver ausgesucht sind.“

„Dann ist das hier ein verteufelt raues Nest, wie?“

„Yeah“, gab der Keeper ohne Umschweife zu.

„Für dich, Freund, viel zu rau.“

„Ich kann mir die Gegend nicht aussuchen“, unterbrach ihn Ruel herb. „Bring mir Verbandszeug und ein gutes Essen aufs Zimmer. Das wäre dann im Moment alles.“

Der Keeper verbarg seine Überraschung, nur in seinen Augen brannte eine unausgesprochene Frage.

„Ich wurde vom Pferd geschleudert“, stillte Ruel seine Neugier. „Mein Blauschecke scheute vor einer Schlange, die mitten auf dem Reitweg lag. Ich döste einen Moment und dann war es geschehen. Ich fiel unglücklich und …“

„Das soll vorkommen, Cowboy“, murmelte der Keeper, wobei er Ruel eigenartig schnell und durchdringend musterte.

Plötzlich sog er schwer den Atem ein, kam näher heran und sagte gepresst: „Damny, Cowboy, wenn du die Augen weit genug aufgemacht hättest, wärest du an diesem Nest vorbeigeritten. Hier gibt es kein Gesetz, hörst du? Stratton hat den letzten Sheriff davongejagt und sich selbst zum Sheriff gemacht. Ab und zu hängt er sich einen Orden an, yeah, und dann ist er Sheriff und Richter in einer Person. Er legt das Gesetz so aus, wie es ihm passt.“

„Warum erzählst du mir das alles?“

„Ganz einfach, Cowboy, weil ich an deinen Sturz vom Pferd nicht glaube. Du bist durch die Death Lano gekommen, yeah, ich lasse mich nicht täuschen, auch wenn du keinen Gurt mit zwei Eisen, trägst, kein Reservepferd und keine Winchester mehr hast. Alles das kann dir unterwegs abhanden gekommen sein, oder du hast dafür gesorgt, dass diese Sachen verschwanden, um hier einen besseren Start zu haben. By Gosh, wo hast du dein Reservepferd?“

„Ich hatte keins“, erwiderte Ruel gleichmütig.

„Nun gut, wie du willst. Ich will nichts aus dir herausholen, und ich bin auch nicht der Mann, der es an Stratton und seine Garde weitergibt“, sagte der Keeper verstimmt.

„Aus welchem Grunde sonst gibst du dir solche Mühe?“

„Großer Gott, Cowboy … das will ich dir sagen. Vor sechs Jahren war Leesville eine aufblühende Stadt, wie man sie sich nur wünschen kann. Das Leben war vielversprechend und schön. Dann aber kam Stratton mit seinen rauen Burschen, und von der Zeit an war alles vorbei. Strattons raue Methoden enteigneten die Besitzer. Einige zogen geschlagen davon, andere kamen unter die Erde, und wieder andere sind jetzt Angestellte auf ihrem eigenen Grund und Boden. Nur eine Ranch hat sich halten können … Die Gabel-River-Ranch. Aber wie lange es noch anhält? Wer weiß! Stratton hat sie nun auch in die Zange genommen. Er hat allen Storehaltern verboten, an die Cowboys dieser Ranch das Geringste zu verkaufen. Kein Keeper darf der Gabel-River einen Tropfen Alkohol ausschenken.“

„Und die Cowboys der Gabel-River lassen sich das gefallen?“, warf Ruel ein.

Der andere nahm die Brille ab, wischte sich die Schweißtropfen von der Stirn und zog die Tür hinter sich zu.

„Neal Cloud, der Rancher der Gabel-River, ist vor einer Woche unter die Erde gekommen. Zurück blieben seine Mädel Han, Bell und Cecilie. Drei Mädchen, die die Crew davon abhalten, in diese Stadt zu kommen, und lieber ihren Proviant aus Datton beschaffen, lieber einen mühseligen Treck machen, als vor Stratton in die Knie zu gehen.“

„Du hast mir immer noch nicht gesagt, warum du mir das alles anvertraust, Freund?“, unterbrach ihn Ruel sanft. „Ist es vielleicht deine Aufgabe, für neue Cowboys zu sorgen, die sich auf der Gabel die Haut verbrennen lassen?“

Ärgerlich lachte der Keeper in sich hinein, bewegte sich unruhig auf der Stelle, gab mürrisch zu verstehen: „Du magst die Sache so sehen, und es stimmt auch insofern, als die Ranch es bitter nötig hat, Cowboys einzustellen.“

„Ist Stratton davon unterrichtet, dass du der Werber der Gabel-River-Ranch bist und Cowboys für heiße Sättel suchst?“

Das Gesicht des Keepers wurde fahl. Er nagte an der Unterlippe, und seine Augen wurden düster.

„Es ist recht so, Cowboy! Ich hab’s verdient, dass man mich zurechtweist. Ich war wie die anderen auch, zu schwach, um mich gegen Stratton und seine Männer zu stellen. Zu spät habe ich einsehen müssen, dass alle Versprechen, die er gab, nur dazu da waren, ungestört jeden Widersacher einzeln zu erledigen. Nachdem er die Feindschaft seiner Gegner untereinander so geschürt hatte, dass seine Leute nur die Restarbeit zu erledigen brauchten, sah die Sache wesentlich anders aus. Oh, Hölle, wenn Stratton herausbekommt, dass ich für die Gabel-River werbe, geht es mir verteufelt dreckig.“

„Und trotzdem versuchst du es? Höre, Mann … Stratton ist an mir nicht interessiert. Was sollte also eine Ranch mit einem Mann, wie ich es bin, anfangen? Du gibst dich falschen Illusionen hin. Oder steht es tatsächlich so schlecht mit der Gabel, dass sie jeden Mann, der auch nur halbwegs eine Waffe in die Höhe bringen kann, annimmt?“

Betroffen senkte der Keeper den Kopf tief auf die Brust herab. Vielleicht sah er sich durchschaut, oder er war von der Eigenkritik des Cowboys so verwirrt, dass er nach einem unverständlichen Gemurmel vor sich hin das Weite suchte.

Als er gegangen war, starrte Ruel auf die Tür, die der Alte polternd hinter sich zuschlug. By Jove, yeah, mochte der Keeper Sorgen haben, er hatte sie ebenfalls. Er trat mit gefurchter Stirn ans Fenster und sah hinaus.

Unten fütterte der Boy seinen Blauschecken und war gerade dabei, das Pferd zu striegeln und das Fell vom Staub zu befreien.

„Ich darf hier kein Risiko eingehen“, murmelte Ruel vor sich hin. „Erst muss ich einmal herausbringen, wo Ide steckt.“

Draußen hingen tief segelnde Wolken am Himmel. Ein dünner Regen fiel nieder. Grau und unansehnlich war der Anblick, der sich ihm bot, und selbst die Hügel, die sich hinter den Gärten und Corrals abzeichneten, waren stumpf und grau. Yeah, so grau und öde, wie es in Ruels Innerem aussah.

Well, er war am Ziel seiner Reise. Wochen hatte er gebraucht … Wochen auf einsamen Trails zugebracht. Yeah, es war eine Zeit, die sich in ihm eingebrannt hatte, die er nie vergessen würde und die ihn gezeichnet hatte. Oh, yeah, er hatte dem Keeper verschwiegen, dass er vor einer Woche etwa von einer Gruppe düsterer Burschen angefallen und verwundet worden war, hatte verschwiegen, dass er dabei sein Packpferd und seine Winchester verloren hatte und sich selbst mit knapper Not in Sicherheit bringen konnte.

Und es ging auch niemand etwas an, dass sein Versteck nur zwanzig Meilen von Leesville entfernt war, dass er zwischen Leben und Tod schwebte und elendig umgekommen wäre, wenn nicht irgend jemand ihm geholfen hätte. Yeah, irgendein Fremder, Ruel selbst wusste nicht, wer er war. In seinen Fieberdelirien hatte er ihn gesehen, und dann hatte er es vorgezogen, noch bevor Ruel auf dem Wege der Besserung war, sich unter Zurücklassung von Wasser, Munition und Proviant, sowie der alten Feuerspritze, zurückzuziehen.

Umsonst hatte Ruel auf dem granitharten Boden nach Spuren gesucht, stattdessen fand er seinen Blauschecken unweit seines Verstecks in einem Tal mit kümmerlichem Graswuchs und einer spärlichen Quelle angehobbelt vor.

Er hatte die Satteltaschen untersucht, in der Hoffnung, einen Hinweis oder eine Nachricht von dem freundlichen Samariter zu finden. Doch nichts war vorhanden, kein Anhaltspunkt und kein Zeichen. Der Unbekannte hatte ihm in tiefster Not beigestanden und war dann davongeritten wie ein Schemen, oder noch besser, wie ein guter Geist.

Nur der alte Colt war geblieben.

Ruel hatte ihn sich genau angesehen. Ein altes Modell, wie es nur noch selten getragen wurde. Lieber hätte er ja seine eigenen Colts gehabt, aber die hatte der Unbekannte ihm abgenommen. Yeah, damals war in ihm ein galliges Gefühl aufgestiegen, heute aber wusste er, dass der andere ihm gut gesonnen war und weiter gedacht hatte. Yeah, wie hätte der Tiger Couver wohl reagiert, wenn er einen Mann mit zwei Colts vor sich gesehen hätte?

Couver hatte unter anderem den Ruf, dass er gerade darauf lauerte, Männer, die zwei Eisen trugen, mit flammenden Colts zu empfangen. Er gehörte zu den Killern, die erst dann Ruhe hatten, wenn sie ihre Schnelligkeit im Ziehen jedem anderen so offensichtlich machten, dass einer von beiden in den Staub sank, oder aber die Größe des eigenen Könnens so klar hervorstach, dass der Gegner es vorzog, in Couvers Gefolge einzutreten.

Was hätte Stratton getan, wenn er die Colts bei ihm entdeckt hätte? Sicherlich wäre er nicht so schläfrig und selbstzufrieden sitzengeblieben.

Unwillkürlich tastete Ruel nach dem Colt in seiner Jackentasche.

Dieser Colt sollte ihn zu dem Mann führen, dem er sein Leben zu verdanken hatte. Oh, yeah, das war eine Rechnung, die ihm keine Ruhe lassen wollte und ihm fast so wichtig schien wie das Bedürfnis, bald schon Erkundigungen über seinen Bruder Ide einzuziehen.

Yeah, in diesem Nest musste er vorsichtig vorgehen, denn er wusste nicht, auf welcher Seite der Bruder stand. Nun, er hoffte jedoch, dies bald herauszufinden.

Er trat vom Fenster fort, nahm den Colt aus der Tasche, legte ihn auf den Tisch und setzte sich müde aufs Feldbett.

Die Gedanken plagten ihn weiter. Woher mochte der Unbekannte wissen, dass er nach Leesville wollte?

Ah, es hatte wirklich keinen Zweck, darüber nachzugrübeln, er würde alleine doch nie dahinterkommen. Er konnte nur noch hoffen, dass ihn der Colt zur richtigen Adresse führen würde.

Und dann?

Yeah, konnte er dem Unbekannten überhaupt danken? Mit Worten? Ah, ein verteufelt billiger Dank dafür, dass jener Tage und Nächte an seinem Lager zugebracht hatte. Er lachte bitter vor sich hin, strich mit den Fingerspitzen über den Schulterverband. Yeah, es war Zeit, dass er erneuert wurde.

Nun, er war nicht gerne ein Schuldner. Dieses Gefühl verpflichtete immer irgendwie. Doch wo sollte er suchen?

Vielleicht auf der Seite, die Stratton führte?

War sein Lebensretter unter Strattons Raureitern? Das war zwar kaum zu glauben, doch es passierten die unmöglichsten Dinge. Und warum sollte er sich aus dem Staube gemacht haben, wenn er ein Cowboy oder Rancher gewesen wäre? Hatte er Angst vor seiner eigenen Menschlichkeit bekommen … oder vor den Kerlen, von denen er seine Befehle annahm?

Yeah, vielleicht war es sogar einer von denen, die ihn überfallen hatten, einer, den das Gewissen zwang, den Todgeweihten dem Leben zurückzugeben.

Und dann dachte er einen Moment lang an den Mann, der ihn mit der Nachricht, dass er Ide gesehen habe, in den Sattel trieb.

Dieser Mann hatte unter anderem auch berichtet, dass Stratton eine Bande von Desperados, Rustlern und Rowdys befehligte und außerhalb der Stadt hielt, wo er sie nach Gutdünken einsetzen konnte, so dass er vor dem Gesetz, falls man es jemals gegen ihn in Anwendung bringen konnte, immer eine weiße Weste behielt.

Weiter hatte der Reiter gesagt, dass Stratton dabei sei, sich ein Rinderreich aufzubauen und skrupellos alles beiseite fegte, was sich ihm in den Weg stellte.

Doch wo Ide steckte, hatte er ihm nicht sagen können, auf welcher Seite er stand, war ihm unbekannt. Er sagte nur, dass er damals, als er ihn erkannte, seinen Gaul herumriss und verschwunden war.

Ferner berichtete er, dass er den Eindruck gehabt habe, als wolle Ide weder erkannt noch angesprochen werden. Oh, yeah, das hatte er verstehen können. Nun jedoch hatte sich alles geändert, und er musste seinen Bruder schnellstens erreichen, um ihm zu sagen, dass er kein Geächteter mehr war, dass er wieder als freier Mensch leben konnte und sich nicht mehr zu verstecken brauchte. Der Mann, auf den er damals geschossen hatte, war ein vom Gesetz lang gesuchter Verbrecher mit Namen Drogert, der sich außerdem nach dem Kugelwechsel schnell erholte und nicht, wie Ide angenommen hatte, tot war. Yeah, aber das konnte er alles nicht wissen. Auch nicht, dass jener Drogert einen Monat später einen Banküberfall startete, bei dem ihm dreißigtausend Dollar in die Hände fielen.

Yeah, das alles Ide mitzuteilen, war von dringlichster Wichtigkeit. Doch auf welcher Seite stand er?

War er, weil er sich als Geächteter fühlte, in Strattons Mannschaft eingetreten? Oder war er gar

so weit gesunken, dass er sich zu den Desperados wandte, die die Gegend verteufelt unsicher machten?

Ah, noch gab es auf all diese Fragen keine Antwort.

In dieser Stadt war alles möglich. Doch Ruel war fest entschlossen, den Bruder unter allen Umständen zurückzuholen. Heim zur Ranch in Texas, wo alte, vergrämte Eltern auf die Rückkehr des Ältesten warteten.

Ide sollte die väterliche Ranch übernehmen.

Niemand hatte Ruel geschickt. In aller Heimlichkeit war er aufgebrochen, denn er wusste, dass sein Vater ihm diesen Ritt verwehrt und seine Mutter ihn mit Tränen zurückgehalten hätte. Yeah, man hätte wahrscheinlich irgendeinen Cowboy der Ranch losgeschickt, Ide zu suchen, niemals jedoch ihn, da immer behauptet wurde, dass er mit seinen zweiundzwanzig Jahren noch ein Kind sei.

Tief atmete Ruel auf, als es an der Tür klopfte und seine Gedanken jäh auseinandergerissen wurden.

„Come in!“

Der Keeper schob sich durch die Tür, balancierte ein Tablett vor sich her und hielt einen Packen unter dem linken Arm geklemmt. Er ging zum Tisch, stellte das Tablett ab und legte den Packen

daneben … und yeah, starrte auf den alten Colt und dann auf Ruel.

Wie ein Schlag traf es Ruel. Heiß stieg es ihm in die Schläfen.

„Kennst du die Waffe?“, schwang seine Frage leise zu dem Keeper hin.

Dieser ließ seinen Blick weiterwandern, schüttelte den Kopf und ergriff seine Hornbrille. Dabei rissen die tiefen Falten auf seiner Stirn auseinander. Kleine Schweißtropfen erschienen darauf. Unruhig glitzerten seine Augen.

„Es gibt nicht allzu viele von diesem Format“, wich er aus und hob betont langsam die Hände weit von seinen Schießeisen weg, stemmte sie auf die Tischplatte, starrte wieder den Colt an, fuhr fort: „In dieser Gegend ist so eine Waffe schon lange nicht mehr üblich.“

„Nun, vielleicht erinnerst du dich, wer eine solche Waffe trug?“

Der Keeper hob den Blick, zuckte dann resigniert die Schultern.

„Ich schaue mir die Menschen an und nicht die Waffen“, erklärte er zögernd. „Du hast wohl eine Rechnung offen, wie?“

„Yeah, eine ganz besondere“, sagte Ruel verkniffen. „Und ich möchte sie gern bald beglichen haben.“

„Nun, ich wünsche dir Erfolg dazu. Doch hier ist zunächst einmal dein Essen und Verbandszeug. Soll ich besser einen Doc holen?“

„No, thanks!“

„Wie du willst, Cowboy.“

Seine Worte wurden durch peitschende Detonationen unterbrochen. Beim Knallen der Schussdetonationen, die von draußen wie mit Donnergrollen in den Raum hereinfegten, sprang Ruel vom Lager auf, stürzte an dem wie versteinert dastehenden Wirt vorbei zum Fenster hin. Doch nun fand auch dieser wieder in die Gegenwart zurück, er stürmte Ruel nach und riss ihn so heftig an der Schulter herum, dass dieser vor Schmerz und Pein einen heiseren Schrei ausstieß.

Der Keeper ließ ihn sofort los und schaute in ein bleiches, zuckendes Gesicht, in welchem zwei helle Grauaugen wie Gletschereis standen.

Und dann drehte sich Ruel herum und starrte auf die Straße hinunter.

Ein Mann rannte quer über die Fahrbahn. Aus seinem hochgerissenen Revolver brachen Flammenstöße.

Drei lange Sätze brachten ihn hinter die abgestellten Pferde. Zwei Tiere scheuten vor ihm und

stiegen hoch, zerrten an ihren Halftern, und während der Kerl über ihre Rücken hinweg feuerte, tauchte aus der Tür eines Hauses ein Mädchen auf. Sie hob die Hände und taumelte wie von unsichtbaren Kräften angezogen mitten in die Fahrbahn hinein.

„Mach Schluss, Couver“, gellte es aus ihrem Munde. Und noch während sie sprach, schoss der Mann hinter der Pferdegruppe.

Ruels Blauschecke stieß ein unheimliches Gewieher aus, bäumte sich hoch auf und riss das Halfter entzwei.

Für einen Augenblick schien das abgemagerte Tier mit den Vorderhufen geradewegs in die Wolken zu fahren, doch im nächsten Moment krachte es nieder, brach in die Knie und kippte zur Seite.

Ruels Herz krampfte sich zusammen. Für den Herzschlag einer Sekunde stockte ihm der Atem, schien eine Krallenhand ihm die Kehle zuzudrücken.

Alles in ihm war aufgewühlt, zerrissen. Er sah im Moment weder das Mädchen noch den Kerl hinter den Pferden. Rote Schleier wallten vor seinen Augen. Das Gefühl, den besten Kameraden, den er jemals besessen hatte, verloren zu haben, ließ ihn herumschnellen, den Keeper beiseite stoßen und zur Waffe greifen.

Seine Bewegung war so heftig, dass die frisch vernarbte Wunde an seiner Schulter einen tobenden Schmerz durch die Glieder trieb.

„Cowboy, misch dich dort nicht ein“, hörte er die besänftigende Stimme des Keepers. „Dort unten trafen sich Männer der Gabel-Ranch und der Stratton-Crew. Greife nicht in ein Hornissennest … entscheide dich nicht gerade jetzt!“

Ruel gab keine Antwort. Wortlos drehte er sich herum. Dumpf schlug die Tür hinter ihm zu.

Mac Parnas, der Keeper, aber sog heftig den Atem ein, stieß hervor: „Wahrlich ein Panther. Es wäre zu schade, wenn er schon jetzt aus den Stiefeln sausen müsste. Aber er will es wohl nicht anders haben. Vielleicht sucht er gar den Tod. Es soll Menschen geben, die nur nach Leesville kommen, um zu sterben.“

 

 

2.

Von diesen Worten jedoch hörte Ruel nichts. Am Treppenabsatz zögerte er sichtlich. Sein Blick fiel auf die Waffe. Er hatte sie noch nicht ausprobiert, hatte noch keine Gelegenheit gehabt, ihre Treffsicherheit zu erproben.

Yeah, nur einen Moment stand er zögernd, dann wurde er wie von einer unheimlichen, innerlichen Kraft weiter fortgerissen.

Er biss die Zähne zusammen, durchquerte den Korridor und stieß mit der rechten Stiefelspitze die Saloontür auf. Dabei fühlte er, wie es heiß in der Wunde aufbrach. Gleichzeitig sah er die Veränderung im Saloon.

Er überschaute die neue Situation mit einem Blick.

Links in der Ecke an der provisorischen Bühne hatten sich die Bardamen um den Klavierspieler gruppiert. Die Poker- und Spieltische waren leer, Männer drängten sich zu den Fenstern.

Niemand sah sich nach Ruel um. Sie wurden erst auf ihn aufmerksam, als er einen grauhaarigen Mann von der Schwingtür fort zur Seite schob.

Der Alte riss den Kopf herum, und sein Knurren erstickte tief in der Kehle.

Ruel schob die Schwingtür auf und stand draußen.

Der graue Himmel schien noch düsterer geworden zu sein. In Böen klatschte der Regen auf die Dächer, schlug gegen die Fassaden der Häuser, trommelte dröhnend wie eine Totentrommel auf den Gehsteig und wehte gegen Ruel an, so dass er die Frauengestalt mitten auf der Fahrbahn wie durch ziehende Schleier sah. Sie stand immer noch auf derselben Stelle, war wie an den Boden gehämmert.

Ruel sah in ein Gesicht, das oval geschnitten von herber Schönheit war. Große Augen standen darin. Augen, die in Abwehr auf einen Mann gerichtet waren, der in recht lässiger Art an einer Säule stand und einen schweren 45er in der Faust hielt. Eine Waffe, der noch vor Sekunden Pulverrauch entstiegen war.

Ihre roten Lippen zuckten erregt, und dann stieß sie bitter hervor: „Couver, lass meinen Cowboy in Frieden. Du weißt genau, dass er dir gegenüber keine Chance hat. Du wirst es in Gegenwart einer Frau doch nicht so weit treiben, dass ein Toter auf der Fahrbahn zurückbleibt.“

Niemand brauchte Ruel zu sagen, wer diese Frau war, die so entschlossen für den Cowboy eintrat, der recht mürrisch neben den Pferden an den Holmen stand.

Auch dieser Mann hielt seine Waffe in der Hand und schien nicht sonderlich erbaut zu sein, dass der Kampf nun zu Ende sein sollte. Er machte nicht den Eindruck, als habe er Angst vor dem schnelleren Eisen Couvers. Er stand da, so, als warte er in grimmiger Art auf die Fortsetzung des Kampfes.

„Han, geh zurück!“, kam es schließlich aus seinem Munde. „Gib dir mit dem Schuft keine Mühe! Er mag schneller sein, das hat jedoch weiter nichts zu sagen. Ich werde mich nicht auf einen Kampf von Mann zu Mann mit ihm einlassen, denn jeder muss die Chancen wahrnehmen, die ihm bleiben. Und wenn sie bei mir auch verteufelt gering sind, Han, ich werde sie trotzdem nützen. Denke an die Rinder, die uns vor einer Woche fortgetrieben wurden, und denke daran, dass dieser Couver mit von der Partie war.“

„Gib Ruhe, Cowboy“, unterbrach sie ihn heftig. „Ich will keinen Toten zur Ranch hinausfahren müssen. Und du wirst auch begreifen, warum! Und dir, Couver, rate ich, steck deinen Colt ein!“

Couver grinste. By Jove, er hob seine Waffe, stieß mit dem Lauf seine Stetsonkrempe ein wenig aus der Stirn, sagte höflich: „Die Rechnung mit ihm bleibt offen, Madam. Die Nähe einer Dame stört mich, sie jetzt vorzulegen. Nehmen Sie ruhig Ihren Cowboy mit, und packen Sie ihn in Watte!“

„Couver“, unterbrach sie ihn heftig. „Ich durchschaue dich. Deine Art, Menschen zu reizen, sie so lange zu quälen, bis sie in der Verzweiflung keinen anderen Weg mehr kennen, als zum Colt zu greifen, ist teuflisch. Mit dieser Methode fing das Spiel in Leesville an, und es wird erst aufhören, wenn ihr alle in der Hölle seid. Ihr habt es auf die raue Art so weit gebracht, dass euch nur noch die Gabel-Ranch entgegentritt. Wir aber wissen, was wir von euch Schurken zu erwarten haben, und sind auf der Hut. Yeah, wir wissen auch, dass Stratton hinter den Rustlern steht. Wir haben eindeutige Beweise, und ich kann dir versichern, Couver, dass das Spiel noch nicht zu Ende ist. Wir haben absolut nicht die Absicht, außer Landes zu ziehen. Wir sind nur gespannt darauf, ob Stratton es wagen wird, gegen drei Mädels zu ziehen … ob der Schuft tatsächlich auch vor Frauen nicht haltmacht. Red, komm, wir gehen!“

Sie sah von Couver fort zu ihrem Cowboy hin. Dieser stand noch zögernd mit zusammengekniffenen Augen da. Anscheinend glaubte er nicht so recht daran, dass Couver passte. Glaubte nicht an den Scheinfrieden, den sie herbeigeführt hatte.

Doch dann kam zum zweiten Mal ihre Aufforderung an ihn, mitzukommen.

Red maß die Entfernung. Man sah es ihm an, dass die Tatsache, an Couver vorbei zu müssen und ihn plötzlich in den Rücken zu bekommen, ihm sichtlich zu schaffen machte. Wahrscheinlich traute er Couver zu, den Rücken eines Mannes als Zielscheibe zu benutzen.

Er kämpfte mit sich, stieß dann entschlossen seinen Colt ins Holster, sah einigermaßen befriedigt, dass Couver sein Eisen wie durch einen Zaubertrick auch nicht mehr in der Hand hatte, und setzte sich etwas schwerfällig in Bewegung.

Noch bevor er an Couver vorbei musste, riss er plötzlich seinen Kopf zur Seite und starrte auf die hagere Männergestalt, die drei Yards von ihm entfernt, ein wenig breitbeinig und vornüber geneigt, auf dem zernarbten Plankenstieg stand. Wie ein Schemen, von der Unterwelt hervorgebracht.

Red prallte zurück. Ein eisiger Schreck packte ihn, denn jener dort an der Schwingtür schaute durch ihn hindurch, als wäre er aus Glas.

Und yeah, hinter dem unheimlich starr stehenden Mann, der die typische Ausgangsstellung eines Revolverkämpfers zeigte, standen eng gedrängt Männer aus Leesville und starrten herüber. Red sah auch die Menschen hinter den Fensterscheiben, die aufgerissenen Augen, die Nasen, die sich an den Scheiben platt drückten. Aber er fühlte auch, dass jener junge Cowboy an der Tür nicht durch einen Zufall dort stand.

Zu deutlich schwebte seine Rechte über dem in seiner Tasche befindlichen Colt, jederzeit bereit, zuzustoßen.

Und yeah, im Bruchteil einer Sekunde erfasste Red, warum jener dort stand.

Es würgte ihm in der Kehle, und er warf einen raschen Blick zur Seite, sah dorthin, wo der Blauschimmel mit gespreizten Hufen im aufgeweichten Dreck der Fahrbahn lag.

Ein erschreckend nüchterner Anblick, der daran erinnerte, wie es hätte sein können, wenn nicht Han in ihrer furchtlosen Art dem Killer Couver dazwischengekommen wäre.

Red schüttelte sich unwillkürlich und setzte seinen Weg weiter fort. Ging an dem Cowboy vorbei, der in unheimliches Schweigen gehüllt dastand. Yeah, und dann war er schließlich mit Couver auf selber Höhe, und das hämische Grinsen brachte alles in ihm in wilden Aufruhr.

„Red!“

Hans Stimme zwang ihn weiter, an Couver vorbei, in dessen Augen es höllisch aufblitzte. Sein Gesicht verzog sich von der Anspannung, die ihn schier zerriss. Unwillkürlich seufzte er auf. Nun wusste er Couver in seinem Rücken. Ein übles, beklemmendes Gefühl, etwa so, als ob die kalte Hand des Todes sich bereits in seinen Nacken klammerte. Seine Beine schienen Bleiklumpen zu sein. Seine Blicke hafteten fest auf Han, die ihn erwartete und mit einem tiefen Atemzug die Hände von der Brust nahm, als ob sie unendlich erleichtert wäre.

In diesem Augenblick klang Couvers metallische Stimme in Reds Rücken auf: „Dreh dich herum!“

Red stand starr, wie von der Ungeheuerlichkeit dieses Rufes an den Boden geschmiedet. Die Hände hingen ihm wie leblos am Körper herab. Er sah, wie Hans wunderbare Blauaugen dunkel und tintig wurden, als wäre es plötzlich Nacht geworden.

„Couver, du Schuft!“

„Geh lieber aus der Schusslinie, Han“, klang es von beißendem Spott erfüllt. „So habe ich Red richtig … gleiche Chancen für beide!“

„Du bist ein Teufel, Couver!“

„Meine Sache … tu nun, was ich dir sage, verschwinde“, zischte Couver.

Doch sie regte und rührte sich nicht, und auch Red bot Couver immer noch den Rücken.

„Das ist glatter Mord, Couver“, bebte es von ihren Lippen.

„Mein Gott, gibt es denn keinen Mann, der dir vor die Stiefel springt? Gibt es in Leesville tatsächlich keinen Mann, der für die Ehre einer Frau eintritt?“

„Ich werde es tun, Han“, murmelte Red mit zuckenden Lippen. „Tu, was er sagt, ich werde mein Bestes geben, um diese Welt von einem Schurken zu befreien. Du wirst vergebens an den Mut der Männer hier appellieren. Sie alle ducken sich, fürchten Stratton und seine Raureiter, zittern vor der wölfischen Schar, die Stratton in den Bergen sitzen hat. Yeah, sie beben doch schon, wenn sie Stratton oder Couver auf der Straße sehen. Sie haben sich in den Staub treten lassen und wagen es nicht, ihre Köpfe aus dem Dreck zu heben.“

Bitter klangen diese Worte aus dem Munde des Jungen. Sie enthüllten das Leid der ganzen Stadt und verstärkten die grausame Erregung, in der sich Han Cloud befand.

In diesem Moment mochte sie einsehen, dass Couver sich den Vorteil verschafft hatte – in höllischer Berechnung. Denn yeah, wenn beide zur gleichen Zeit zum Zuge kamen, beide ihre Eisen schwingen mussten, dann war Red so gut wie verloren.

Couver war schon dadurch im Vorteil, dass er sich nicht auf dem Absatz zu drehen brauchte wie Red. Er stand schussbereit … ein Tiger, der sein Opfer anfallen wollte.

Er hatte sich mit drei Schritten in die Fahrbahn gestellt, wippte auf den Zehenspitzen hin und her, wie ein Mann, der keine Gnade kannte und wie besessen von seinem Gedanken war, den anderen auf jeden Fall zu erledigen.

Han sah die bernsteinfarbenen, kalten Augen, die halbgeöffneten Lippen des Killers, zwischen denen die weißen Zähne leuchteten.

Oh, yeah, er bleckte die Zähne wie ein Lofer, der seinem Opfer jeden Moment an die Kehle fliegen will, um es zu zerreißen.

Oft genug hatte er so in der Fahrbahn gestanden. Bei John Hardin, dem Rancher der Sieben-Bar-X, bei Christian Samuel, dem Kleinrancher, der sich für das schnellere Eisen hielt und im Tode erst erkannte, dass er gegen einen Mann wie Couver keine Chance hatte. Und auch bei Roy Sitter, der es vorzog, die Eisen stecken zu lassen und geschlagen abzog, um seine Ranch für einen Spottpreis an Stratton zu verkaufen.

Yeah, in all den Jahren waren diese schrecklichen Dinge lebendig geblieben. Dinge, die jeder rechtschaffene Mann aufs Härteste verurteilen musste, weil der Killer Couver unter dem Deckmantel der Notwehr für seinen Boss ein Feld frei schoss.

Han fieberte. Ein Frostschauer schien sie starr und steif zu machen.

„Red, lass dich nicht mit ihm ein, denk an die anderen, die er auf diese gemeine Art zusammenschoss …“

Sie brach ab, denn in diesem Augenblick sah sie den Schatten des hageren Mannes vor der Schwingtür.

Sah, wie jener mit steifen, fast trippelnden Schritten sich in acht Yard Entfernung hinter Couver aufbaute, und wie Couver, der die trippelnden Schritte in seinem Rücken hörte, unruhig wurde, den Kopf zur Seite nahm, aus den Augenwinkeln heraus plötzlich erkannte, dass er in einer Klemme steckte.

By Jove, Han kannte den Fremden dort nicht, der sich wie auf ein geheimes Zeichen plötzlich einmischte, aber sie war ihm in diesem Augenblick mehr als dankbar.

„Couver, Sie sind gedeckt“, fetzte es heiser aus ihrem Mund.

Statt aller Antwort lachte Couver hässlich vor sich hin, fauchte über die Schulter: „Sonny, was hast du hier zu suchen?“

„Ich suche den Mann, der meinen Schecken niederschoss“, klang es kalt und heiser.

„Damny, warte, bis ich mit Red abgerechnet habe, dann werde ich dir gern zur Verfügung stehen“, keuchte Couver, ohne sich dazu verleiten zu lassen, sich herumzuwerfen.

„Ich denke nicht daran!“

Kalt und hart klangen diese Worte, waren für einen Killer wie Couver unmissverständlich.

Er ließ sich nun doch dazu verleiten, den Kopf so weit zu wenden, dass er den Hintermann sehen konnte.

„Ah, du bist es! Leg dich lieber ins Bett, Cowboy.“

Er brach ab, denn erst jetzt sah er den Blutfleck auf dem Baumwollhemd seines neuen Gegners.

Er hatte genug Erfahrung, um zu wissen, dass angeschossene Männer besonders gefährlich waren, und by Gosh, dieser Kerl in seinem Rücken, den er vor einer halben Stunde noch für harmlos gehalten hatte, hatte sich merkwürdig verändert.

Eine verteufelte Kältewelle ging von ihm aus.

Und wenn man es recht betrachtete, musste selbst Couver anerkennen, dass ein Mann, der eine Verwundung hatte und sich dennoch stellte, als ob die Hölle selbst auf den Plan trete, mehr war, als seine Nerven im Augenblick vertragen konnten.

Oh, yeah, Red brauchte sich nur herumzuwerfen, und Couver hatte wenig Chancen, in diesem Kampf heil zu bleiben.

Und, yeah, dieser neue Gegner, das fühlte Couver mit dem Witterungssinn eines gestellten Wolfes, was weit gefährlicher und explosiver als Red, war eine Quelle von Unheil.

Heilige Mavericks! Er war nicht gewillt, das einfach hinzunehmen. Vielleicht glaubte er, sich mit einem Trick befreien zu können. Er wirbelte herum … doch im gleichen Moment flammte es orangefarben auf, und der Stetson wurde ihm wie von Geisterhand vom Kopf gefegt.

Er hatte nicht einmal gesehen, wie der Fremde die Hand bewegte. Die Erschütterung, die ihn bei diesem Anblick durchbebte, war so stark, dass er wertvolle Sekunden verlor und Red, der das Pfeifen von Ruels Kugeln hörte, sich herumwerfen und feuern konnte.

Reds Geschoss sauste Couver am rechten Ohr vorbei, grub sich mit einem schrillen Wimmern genau in das Schild der Himmelspforte ein und riss Holzsplitter los.

Nein, Red nutzte die Chance nicht, feuerte keine zweite Kugel hinterher, die Couvers Rücken aufgerissen hätte. No, er war ein Cowboy mit verdammt fairen Ansichten.

Und Ruel stand da, als sei nichts geschehen.

„Couver, du hast meinen Blauschecken getötet!“

Es war wie ein Schrei.

Couvers Hände waren an den Eisen festgesaugt. Er war bereit und wagte es dennoch nicht, sie hochzureißen.

Der Regen fegte sein Haar wirr in die Stirn. Er rang nach Luft, schrillte: „Wer, zum Teufel, bist du?“

Das war eine Frage, die einen Killer seines Formats mehr interessierte als die Tatsache, dass Red nun in seinem Rücken stand, dass das Blatt sich derart gewendet hatte, dass kaum mehr Aussichten für ihn bestanden, aus diesem grausigen Reigen heil herauszukommen.

Eine Frage, die Couvers Natur richtig offenbarte, die klar herausstellte, dass er eine verteufelt eiserne Kämpfernatur war, ein Mensch, dem der Kampf, das Wechseln der Kugeln, die Schnelligkeit eines Gegners mehr Kopfzerbrechen machte als die eigene Not und Gefahr.

„Ich bin ein Cowboy“, kam die glatte Antwort wie aus weiter Ferne zu ihm. „Und ich setze nicht gern ein Menschenleben für das ein, was man mir antat!“

Couver begriff das nicht. Nein, er konnte das nicht begreifen, denn er benutzte die Schnelligkeit seiner Eisen nur, um daraus Vorteile für sich zu ziehen.

„Was willst du also?“, zischte er hervor. „Dein Gaul ist tot und wird auch nicht wieder lebendig werden!“

Ruel stand wie ein in der Erde eingelassener Granitblock.

„Couver“, murmelte er. „Du hast mir den besten Kameraden genommen. Fangen wir an … und dann wird es sich entscheiden, ob du in die Grube sausen musst!“

Er hob bei diesen Worten den Colt, lachte seltsam gequält vor sich hin, fragte: „Vielleicht kennst du diesen Colt. Yeah, vielleicht ist dir diese Waffe bekannt, heh?“

Und Couver starrte auf die Waffe. Sein Gesicht verzog sich in gemeiner Art, dann sagte er: „Yeah, sie ist mir bekannt, Cowboy. Ich selbst trug eine ähnliche.“

Kaum hatte er das ausgesprochen, als Ruels Gesicht sich eigenartig verzog, der spähende, scharfe Ausdruck aus seinen Augen verschwand, und der Colt in der Hand bebte.

„Madam, gehen Sie mit Ihrem Cowboy, bitte“, klang es abgerissen aus seinem Munde. Dabei sah er von Couver fort zu dem Mädchen hin, das ihn totenbleich anschaute und kaum fähig war, sich zu rühren.

Sie stand so, als hätte das Aufbrüllen der Schüsse ihr einen Schock eingejagt, von dem sie sich nur mit Mühe erholen konnte.

Und plötzlich bewegten sich ihre Lippen. „Sie sind verwundet, Cowboy!“

„Ah, das ist nicht so wichtig, Madam. Wichtiger ist im Moment, dass Sie mit Ihrem Cowboy aus der Stadt kommen.“

Man sah ihr an, dass sie ihn nicht begriff, dass eine Frage in ihr aufkam, warum er sich für sie und den Cowboy opfern wollte.

„Kommen Sie mit, Cowboy, auf der Gabel-Ranch ist Platz für Sie!“

„Vor einer Minute war ich noch entschlossen, es zu tun, Madam. Leider ist es jetzt für mich zu spät!“

Ihre Brust hob und senkte sich, dann stieß sie hervor: „Sie wissen nicht, was Sie hier erwartet, Cowboy. Nutzen Sie die Chance!“

„No, Madam!“

Seine Ablehnung traf sie schmerzlich. Sie mochte erkennen, dass sie nichts mehr ausrichten konnte, und warf ihm einen Blick zu, der von tiefer Traurigkeit und Resignation erfüllt war, der verriet, dass sie ihm gerne ihre Dankbarkeit gezeigt und ihn mitgenommen hätte.

Sie winkte Red.

Dieser schien sich auflehnen zu wollen, doch Ruel fauchte ihn an: „Du bist mit ihr noch nicht aus der Stadt. Nutze den Vorsprung!“

Das gab den Ausschlag.

„Wer du auch bist, Stranger“, zischte Red mit brüchiger Stimme, der man anhörte, dass sie aus einem gequälten Herzen kam, das sich in Sekundenschnelle für die Flucht oder die Fortsetzung des Kampfes entscheiden musste, „ich werde immer für dich da sein, das heißt, wenn Couver dich nicht doch noch anfällt.“

„Mach dir darüber keine Sorgen, Red“, unterbrach ihn Ruel drängend. „Noch bin ich kein toter Mann!“

„Aber du kannst es gleich sein“, grollte Red.

„Du hast mehr für die Gabel getan, als dass man es vergessen könnte. So long, Cowboy!“

Er drehte sich herum und verschwand mit dem Mädchen in einer Quergasse.

Couver aber stand ruhig, wie auf die Fortsetzung des Kampfes bedacht.

„Kann es jetzt ausgetragen werden?“, erkundigte er sich.

Aller Hohn war aus seinem Gesicht gewichen. Jetzt zeigte er keine Arroganz, keine dumme Überheblichkeit, die Maske eines eiskalten Killers war gefallen. Er machte den Eindruck eines Mannes, der sich in der eigenen Haut plötzlich nicht mehr wohlfühlte, der in einer Klemme steckte und dennoch alles versuchen würde, um sich freizuschießen.

Nur acht Yard lagen zwischen ihnen. Eine verteufelt glatte Entfernung.

„Ich glaube, wir sind nun quitt, Couver“, murmelte Ruel mit zuckenden Lippen.

Der andere riss den Kopf in fast ungläubigem Erstaunen hoch, entgegnete jedoch nichts, war von diesen Worten so überrascht, als hätte ihn eine Kugel getroffen.

Ruel warf ihm den alten Colt vor die Füße.

Und als das geschehen war, schien es, als wollten die höllischen Kräfte in Couver zum Durchbruch kommen, als wollte er die plötzliche Chance wahrnehmen und seine Colts hochreißen, um Flammenstöße auf die waffenlose Gestalt abzufeuern.

Yeah, und vielleicht hätte er sich von den aufbrechenden Urinstinkten leiten lassen, wenn sich Ruel Duke nicht in diesem Augenblick abgewandt und ihm den Rücken gezeigt hätte und schwankend, wie unter einer drückenden Last, die seine Schultern herabzog, davonging. Mit Schritten, die die Stiefel durch den Dreck zogen, als hätte er Bleigewichte daran.

Ruel hörte das unterdrückte Stöhnen Couvers.

„Wir sind quitt“, hatte er Couver zugerufen.

Well, mochte der andere das hinnehmen und verdauen, wie er wollte. In diesem Augenblick war

Ruel davon überzeugt, dass Couver selbst es war, der ihn im Ödland gepflegt hatte.

Auf diesen Mann aber konnte er nicht schießen.

Durch den Regen taumelte er auf seinen Blauschecken zu, kniete vor dem Tier in der aufgeweichten Erde nieder, und seine Hände tasteten über das Fell.

Sein vierbeiniger Freund hatte sich nicht zu quälen brauchen, als er die Kugel empfing. Das war ein Trost, wenn auch ein verteufelt geringer im Hinblick darauf, dass sie lange Jahre miteinander verbunden waren.

Ruel erhob sich eilig. Nicht einen Blick warf er zurück. Gehetzt taumelte er zur Schwingtür der Himmelspforte.

Diesmal brauchte er keinen Mann zur Seite schieben, um sich einen Durchgang zu schaffen. Sie wichen vor ihm zurück, als hätte er die Pest am Hals.

Er nahm es hin, und die Bitterkeit in seinem Inneren verstärkte sich. Oh, yeah, für diese Menschen hier musste er wie der Leibhaftige erschienen sein. Sie schufen eine Gasse, die sich schweigend hinter ihm schloss. Er durchquerte den Saloon mit fast starren Blicken und Lippen, die fest aufeinandergepresst waren, hatte den festen Willen, diesen Menschen auf keinen Fall zu zeigen, dass er nur mit Mühe die tobenden Schmerzen in der aufgebrochenen Schulterwunde unterdrücken konnte.

Er sah sie alle wie durch einen Nebelschleier, sah die blassen Gesichter, in denen Neugier und Staunen zugleich stand.

Und er sah auch den Mann am Klavier und die Bardamen, die die Köpfe zusammensteckten.

Ah, yeah, es interessierte ihn nicht. Er hatte nur einen Wunsch, so schnell wie möglich auf sein Zimmer zu kommen, nach seiner Wunde zu sehen und sich dann langzulegen, zu schlafen und zu vergessen. Wenigstens für einige Stunden.

Die Saloontür schlug hinter ihm zu. Er stand einen Augenblick still und kämpfte gegen die schwarzen Schatten, die ihn von allen Seiten zu bedrohen schienen.

Erst als er die Schwäche überwunden hatte, nahm er die Stiegen.

Auf seinem Zimmer angekommen, taumelte er zum Bett.

 

*

 

„Sie werden zu tun haben, Doc“, hörte er wie aus weiter Ferne die Stimme des Keepers.

„Ich glaube, es war richtig so, dass ich Sie geholt habe.“

Ruel fuhr herum. Zwei verschwommene Schatten sah er vor seinen Augen, undeutlich und verzerrt. Eine Hand legte sich mit sanftem Druck auf seine gesunde Schulter, und er war so schwach, dass er sich nicht dagegen stemmte, sondern sich von ihr aufs Bett drücken ließ.

„Nur Ruhe, Cowboy, ich bin kein Revolvermann“, hörte er die beschwichtigende Stimme des Doc aus der Nähe. „Sträube dich nicht, Cowboy, du brauchst Hilfe!“

„Ich werde allein fertig“, murmelte er.

„Zum Teufel, ihr Burschen seid irgendwie alle gleich. Selbst wenn der Tod euch schon in seinen Krallen hält, lächelt ihr noch. Irgendwie habt ihr alle ein wenig etwas im Kopf.“

„Wenn ich ehrlich sein soll, Doc“, hörte Ruel des Keepers Stimme, „so weiß ich nicht, ob ich darüber lachen oder weinen soll. Es wird so oder so verteufelte Scherereien geben. Stratton sitzt bereits unten im Saloon.“

„Ah, hat er seine Leibgarde mitgebracht?“

„Yeah!“

„Verdammt, der Teufel täte wirklich ein gutes Werk, wenn er ihn beizeiten holen würde.“

„Ah, kein Teufel kann Strattons Gewicht tragen“, klang es bedrückt aus des Keepers Mund. „Er lastet wie ein Alpdruck auf Leesville.“

Irgend etwas pickte in Ruels Arm. Seine Beine wurden angehoben und eine eigenartige Müdigkeit überfiel ihn und ließ ihn wie in einem Schwebezustand verharren.

„Er ist jetzt friedlich, Mac“, tönte des Docs Stimme mit grimmiger Genugtuung. „Du kannst mir glauben, dass ich lieber einem Löwen den Reißzahn gezogen hätte, als diesem wilden Burschen nach der Wunde zu sehen. Übrigens, er muss eine eiserne Natur haben. Hölle, yeah, mit dieser Verwundung hätte er längst ins Bett gehört. Hat er sich bei dir eingetragen?“

„Wenn du seinen Namen wissen willst, Doc.“

„Yeah, ich lege immer Wert darauf, den Namen meines Patienten zu erfahren.“

„Well, Ruel Duke nennt er sich. Ein Texaner.“

„Bist du sicher?“

„Ganz sicher!“

„Dann achte darauf, dass niemand an ihn herankommt. Es könnte sein, dass Stratton nun einen besonderen Gefallen an ihm haben wird und Sympathien entdeckt.“

„Und selbst vergessen könnte, dass er seinen Liebling Couver klar ausgepunktet hat“, klang es böse und grollend zurück. „Was sich heute auf der Fahrbahn abspielte, war mehr als eine Niederlage für Couver. Dieser junge Boy hat ihm zwar keine Kugel unter die Haut gejagt, ihm aber dafür einen moralischen Schock versetzt, den Couver kaum verdauen und hinunterschlucken wird. Couver ist aus seinem hohen Sattel gefallen. Das wird er nie verwinden.“

„Und mit der Nase im Dreck gelandet. Yeah, ein jeder findet einmal im Leben seinen Meister.“

„Han Cloud und Red Stevens haben die Stadt verlassen. Wieder einmal nehmen die von der Gabel-Ranch eine traurige Erinnerung von Leesville mit. Wie lange soll das alles hier noch so weitergehen, Doc?“

„Ich weiß es nicht, Mac. Manchmal denke ich, dass wir alle uns zu wenig um die Entwicklung in der Stadt gekümmert haben. Wir haben unsere Lektion nun erhalten und müssten daraus gelernt haben, es besser zu machen. Vielleicht ist es schon zu spät. Aber versuchen sollte man es auf jeden Fall.“

„Zu spät?“

„Yeah, um mit gesetzlicher Kraft etwas zu erreichen. Auf diesem Wege ist Stratton nicht beizukommen. Nach außen hat er es immer verstanden, sich seine weiße Weste zu erhalten. Kein Sheriff, Marshal oder Staatenreiter würde dir Recht geben, wenn du erzählen würdest, dass du in einem erzwungenen Spiel die Himmelspforte an Stratton verloren hast.“

„Aber es war doch ein mir aufgezwungenes Spiel … ein Falschspiel, Doc! Ich hatte keine andere Wahl, als beide Augen zu schließen.“

„Yeah, weil du dein Fell retten wolltest. Aber das nimmt dir nach so langer Zeit keiner mehr ab, Mac. Wir haben alle versagt, und statt in der Not zusammenzustehen, haben wir die Flügel hängen lassen und getan, als ginge uns das Ganze nichts an.“

„Gut, das kann sich doch aber ändern!“

„Glaubst du? Ah, ein frommer Wunsch“, klang es resigniert. „Stratton hat zu viel Spitzel. Er würde sofort herausbekommen, wer sich gegen ihn stellt, und demjenigen so heftig auf die Sporen treten, dass ihm der Hunger nach Freiheit schnellstens vergeht.“

Eine Pause entstand, und dann sagte der Doc leise: „Ich frage mich nur, warum dieser Duke Couver seinen Colt vor die Stiefel warf und sich ihm auslieferte. Das erinnert mich unwillkürlich an zwei Leitwölfe im Kampf. Nur war es hier umgekehrt. Einer gab auf und hält dem Schwächeren die Kehle hin!“

 

3.

Die letzten Worte des Doc nahm Ruel mit hinüber ins Land der Träume.

Er wurde erst wieder wach, als es schon Mitternacht war. Sein Blick fiel auf eine brennende Petroleumlampe, und gleich darauf sah er den mächtigen Schatten eines Mannes und vernahm die tiefe Bassstimme: „Hallo, Duke!“

Sofort war Ruel hellwach und versuchte, sich aufzurichten. Im gleichen Atemzug wuchs der mächtige Schatten aus der dunklen Ecke empor. Ein gemütlich grinsendes Gesicht wurde sichtbar, dann eine Pranke, die einen Colt umklammert hielt.

„Es ist schön, dass du mich nicht allzu lange warten ließest, Duke!“

„Stratton?“

„Oh, welche Ehre, du erinnerst dich?“

„Ah, geh zum Teufel, Stratton!“

„Das haben mir schon viele gewünscht und ist folglich nichts Neues für mich.“

Er hob den Colt, spitzte seine Wulstlippen und blies über den blau schimmernden Lauf, polierte die Waffe an seinem Jackenärmel.

„Du hast mich doch bestimmt erwartet, wie?“

„Stratton, ich bin nicht zum Scherzen aufgelegt.“

„Oh, das kann lieh verstehen“, erwiderte Stratton mit freundlichem Grinsen.

„Zum Teufel, was willst du von mir?“

Doch auch dieser Ausbruch brachte Stratton nicht aus seiner Ruhe. Hässlicher wurde sein Grinsen.

„Mein lieber Freund, es wird dir wohl nicht entgangen sein, dass mir der Saloon gehört und die Stadt dazu. Ich muss dich leider daran erinnern, dass du mein Gast bist!“

„Um mir das zu sagen, hättest du dir eine andere Stunde aussuchen können.“

„Nun, ich bin ein ausgesprochener Langschläfer und werde meist des Nachts richtig lebendig. Yeah, und jetzt bin ich hier, um mir meinen neuen Mann anzusehen!“

Er sagte das so leichthin, als hätte er bereits die feste Zusage von Ruel in der Tasche.

Doch Ruel fuhr nicht wild auf. Es gelang ihm, seine aufsteigende Wut zu bezwingen.

„Wie denkst du dir das?“

„Oh, du wirst den gleichen Lohn und die gleichen Anteile wie Couver erhalten, und yeah, ich hätte es beinahe vergessen, du hast natürlich auch die gleichen Pflichten. Wie gefällt dir das?“

„Wenn ich dir einen guten Rat geben darf, Stratton, dann geh aus dem Raum, bevor ich ersticke.“

„Duke, ich weiß nicht, was du willst, das ist doch ein Angebot“, grinste der Dicke ungerührt. „Aber ich kann verstehen, du brauchst Schlaf und Ruhe. Ich war wohl ein wenig zu voreilig.“

Bei diesen Worten ließ er den Colt verschwinden und wischte sich mit seinem Taschentuch die schweißnasse Stirn.

„Aus welchem Grunde sonst kommt ein Cowboy deines Formats nach Leesville? Verdienen wollt ihr, und das nicht schlecht! Dein Trick mit Couver war neu und gekonnt. Auf diese Art hat sich noch niemand bei mir vorgestellt und sich gleich selbst in die richtige Klasse eingestuft. Wenn ich daran denke, für wen Couver und auch ich dich gehalten haben, dann freu ich mich jetzt besonders auf deine Partnerschaft. Nun will ich dich aber nicht länger stören.“

Er wollte gehen, doch bevor er die Tür erreicht hatte, hielt ihn Ruels Frage zurück.

„Und du weißt wirklich nicht, wer mir im Ödland den Schulterschuss beibrachte, Stratton?“

Betrübt schaute Stratton zu ihm hin. Ehrlicher Kummer schien ihn zu erfüllen. By Gosh, es gab wahrlich keinen Mann, der ein dickeres Fell und eine bessere schauspielerische Veranlagung hatte als Stratton.

„Man spricht von deiner Verwundung“, sagte er nachdenklich, „aber kannst du den Mann beschreiben, der die Kugel auf dein Fell brannte?“

„Yeah!“

„Und?“

„Ich denke, dass er zu deinem Verein gehört, den du in den Bergen sitzen hast.“

Stratton grinste wieder.

„Duke, man schiebt mir hier etwas in die Schuhe, was absolut nicht stimmt. Aber das ist der pure Neid. Man missgönnt mir meinen Erfolg. In Wirklichkeit habe ich nichts mit den Horden zu tun, die auf eigene Rechnung die Berge unsicher machen. Ich schicke dir jetzt Mac Parnas, denn du wirst hungrig und durstig sein. Es war ein aufregender Tag für dich heute, wie?“

Er wartete die Antwort nicht ab und verschwand. Leise fiel die Tür ins Schloss.

Und wenig später kam Mac Parnas.

„Die erste Mahlzeit in diesem gastlichen Haus musste ich leider abräumen“, lächelte er. „Aber dafür hoffe ich, dass es dir jetzt schmecken wird, Cowboy.“

„Stratton war bei mir!“

Er beobachtete den Keeper scharf bei diesen Worten.

„Yeah, wer will Stratton verbieten, das zu tun, was ihm beliebt? Er hat einen Narren an dir gefressen, Cowboy. Wahrscheinlich hat er dir ein gutes Angebot gemacht?“

„Ich habe es abgewiesen!“

„Abgewiesen?“, stammelte Mac Parnas.

Er setzte das Tablett mit dem Essen etwas zu hastig auf die Bettdecke, so dass es ein wenig überschwappte. Er riss sich die Brille von der Nase, mahnte: „Cowboy, verärgere Stratton nicht, lass dich nicht durch seine Freundlichkeit und seine Glätte beirren. Ich kann dir sagen, dass viele gute Männer auf ihn hereingefallen sind und erst zu spät merkten, dass hinter seiner verteufelt glatten Art der Tod hockt. Solange du krank im Bett liegst, wird er dich unbehelligt lassen … doch entscheide dich auf keinen Fall für ihn, Cowboy!“

„Hm, eine Lösung, die du selbst nicht gefunden hast, Freund!“

Beschämt sah Parnas zu ihm hin. Schatten kamen in seinen Augen auf.

„Ich hatte nicht deinen glatten Zug“, wehrte er sich. „Und ich war auch zu schwach und wollte nicht sterben. Ich zog es vor, den Rücken krumm zu machen, und schloss mich denen an, die Stratton einbrach.“

„Und du hast dich daran gewöhnt?“

„Ich weiß es nicht, Cowboy“, bekannte Parnas recht grimmig. „Mancher Mann ist dazu geschaffen, zu dienen … andere dagegen, zu herrschen. Die herrschen wollten, fegte Stratton mit eiserner Faust beiseite, die anderen leben, um ihm zu dienen. Ich kann dir jedoch sagen, es ist ein höllisches Leben.“

„Nun, aber du hast es bisher ertragen.“

„Was sollte ich sonst tun? Ich sagte dir doch, dass ich zu schwach bin, um mich aufzulehnen.“

„Auch Schwache können stark werden, wenn sie sich zusammenschließen. Außerdem ist die Gabel-Ranch nicht allzu weit entfernt. Dort hätten sie jeden Mann aufgenommen, der gegen Stratton ist.“

„Yeah, das stimmt, Cowboy! Aber ich bin kein Reiter und passe nicht in den Sattel. Ich blieb hier, weil ein winziger Funke von Hoffnung mir sagte, dass eines Tages alles Unrecht zum Himmel schreien würde und eine eiserne Faust kommen wird, die Leesville zu dem macht, was es früher war.“

Ruel entgegnete nichts darauf. Er aß und trank. Parnas sah ihm zu, räumte später die Reste fort und verschwand, nachdem er das Licht gelöscht hatte. Und Ruel schlief sofort wieder ein.

 

*

 

Heller Sonnenschein weckte ihn. Er rekelte sich, streifte die Decke ab und fühlte sich bedeutend

wohler. Die Schmerzen in der Schulter hatten nachgelassen.

Vorsichtig erhob er sich und schaute aus dem Fenster, sah unwillkürlich dorthin, wo sein Blauschimmel gelegen hatte.

Der Platz war leer. Schleifspuren waren im Sande. Irgendwo vor der Stadt lag jetzt der Kadaver seines treuen Freundes in einer Grube oder auf dem freien Feld.

Ruel schüttelte die Gedanken ab, die ihn jäh anfielen und marterten. Stiefeltritte auf der Stiege ließen ihn rasch von Fenster zurücktreten. Kaum hatte er das Bett erreicht, die Decke hochgezogen und sich hingesetzt, als die Tür aufflog und mitten auf der Schwelle eine schlanke Männergestalt stand.

Schwarzes Haar hing dem Mann unter der Stetsonkrempe hervor. Eng beieinander stehende Augen, eine schmale, leicht gekrümmte Nase, dünne, blutleere Lippen bekam Ruel zu sehen … und ein kaltes Grinsen.

„Duke?“

„Ganz recht, der bin ich.“

Ohne eine Aufforderung abzuwarten, trat der Kerl näher, zog sich den Hocker mit der Stiefelspitze heran, setzte sich, und schon holten seine nervösen Hände Tabak und Papier hervor.

„Ich will meinen Stetson fressen, wenn ich dich nicht kenne“, pfiff es Ruel von den Lippen des Eindringlings entgegen.

Und wie ein Schleier fiel es von Ruels Augen. Dort, genau ihm gegenüber saß jener Mann, der ihm das Blei in die Schulter gejagt hatte und tat so, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, hier bei ihm zu sein.

Kein Wunder, der Bursche wusste, dass er waffenlos und angeschlagen im Bett lag. Wusste es von Stratton, denn Stratton hatte gestern in der Nacht gelogen, als er vorgab, den Kerl nicht zu kennen, der ihm das Blei geschickt hatte. In Wirklichkeit war er längst über alles orientiert.

„Es ist gut, dass du mich erkennst“, sagte der Schwarzhaarige, leckte mit der Zunge über das Papier, rollte den Tabak und steckte sich die fertige Zigarette zwischen die Lippen.

„Alle Achtung vor dir, du scheinst das Leben eines zähen Lofers zu haben, denn …“

„Yeah, Freund, ich bin fit genug, es mit dir aufzunehmen“, unterbrach ihn Ruel ruhig, konnte kaum den Zorn zurückhalten, der beim Anblick des Kerls in ihm aufkam. Er zog die Beine an, schleuderte mit den Füßen die Decke nach seinem Besucher hin.

Polternd flog der Hocker zur Seite. Die ankommende Decke versperrte dem Manne die Sicht zu Ruel hin, und zu spät sausten seine Hände zu den Eisen. Die Decke fiel über seinen Kopf und gleichzeitig knallte eine Faust gegen sein Kinn, trieb seinen Kopf weit in den Nacken und seinen Körper gegen die Wand. Eine Hand streifte sein Holster.

Und dann … Yeah, dann fiel die Decke von ihm ab, und er starrte in den Lauf seiner eigenen Kanone, die Ruel ihm entgegenhielt.

Er blieb an die Wand gepresst stehen, starrte Ruel aus weit geöffneten Augen an, murmelte: „Man hat nicht zu viel von dir erzählt.“

Dazu grinste er und schien seine Lage nicht sehr schwer zu nehmen, hob die gespreizten Hände in Brusthöhe, sagte ruhig: „Aber wollen wir uns nicht lieber setzen, es ist so recht ungemütlich. Außerdem möchte ich mir mein Kinn kratzen. Es war ein verdammt harter Schlag, Duke. Etwas mehr Wucht noch, und meine Zähne wären dahin.“

Ruel setzte sich auf die Bettkante. In seinem Hirn kreisten wirre Gedanken. Was sollte er von diesem Besucher halten?

„Hat Stratton dich geschickt?“, knurrte er, wobei er mit dem Colt eine Bewegung nach rechts

machte, die dem Besucher andeutete, sich wieder des Hockers zu bedienen.

„Ja und nein, wie man’s nimmt. Vor allem jedoch schickt mich Couver.“

„Couver?“, schnappte Ruel. „Was will er?“

Der andere griff in die Tasche, zog vorsichtig einen Colt heraus, hielt ihn zwischen den Fingerspitzen und legte ihn sanft auf den Tisch.

Es war der Colt, den Ruel Couver vor die Stiefel geworfen hatte.

Man hatte ihn mit aller Sorgfalt gereinigt und geölt.

„Das soll ich dir überbringen“, knurrte der Schwarzhaarige. „Vielleicht sagt dir das etwas?“

„Couver will wohl damit sagen, dass unsere Rechnung nicht aufgegangen ist, wie? Dass ich ihm sozusagen noch etwas schuldig bin“, grollte Ruel böse hervor.

„Das musst du wissen, Duke, nicht ich.“

„Well, sage Couver, dass ich die Restschuld begleichen werde.“

„Er hat dich anscheinend richtig eingeschätzt, Duke.“

„Mit anderen Worten, er weiß bereits, was ich zu tun habe?“

„Hm, um dir das zu sagen, bin ich hier.“

Ruels Atem stockte. „Er hat es gewagt, dich zu schicken?“

„Yeah, weil wir von nun an zusammenarbeiten werden. Das ist ein Teil seiner Bedingung, Duke!“

„Und der andere Teil?“

„Well, besteht darin, einen Mann zu erledigen, der schneller ist als alle Männer, die Stratton eingestellt hat. Wenn das geschehen ist, kannst du gehen, wohin du willst. Nur dieser eine Mann steht Stratton im Wege, und dieser Mann ist außerdem Couvers persönlicher Feind. Du hast nun die Aufgäbe, ihm vor die Stiefel zu springen. Du kannst es sogar fair austragen, wenn du willst.“

„Ah, dann ist also Couver fest davon überzeugt, dass ich sein Mann bin?“

„Selbstverständlich! Du sollst nur den Colt ansehen, dann wüsstest du, was du ihm schuldig bist. Du siehst doch ein, dass es eine glatte Rechnung ist?“

„Und wozu bist du an meiner Seite?“

„Halte Couver nicht für einen Dummkopf, Duke!“

„Ach so, du sollst mich also überwachen?“

„Man braucht es nicht so hart auszusprechen. Sieh es so an, als wäre ich dein Partner, weiter nichts.“

„Ein verteufelter Partner!“

„Duke, dein Ärger ist begründet, aber du musst verstehen, dass wir dich in der Dämmerung, als wir über dich herfielen, für denjenigen hielten, den du nun aus den Stiefeln holen sollst. Es war ein Irrtum, meine Kugel galt nicht dir!“

„Das kann man jetzt gut sagen.“

„Leider ist es jedoch Tatsache, und wenn unsere Mission erfüllt ist, sind unsere Bindungen gelöst. Vielleicht ist dir das ein Trost. Ich kann dir jedenfalls versichern, dass es für mich einer ist.“

„Ah, geh zum Teufel“, flüsterte Ruel heiser. Er fühlte sich wie erschlagen. „Geh zu Couver und sage ihm, dass ich seinen Plan nicht ausführen kann, er soll sich einen anderen Narren suchen!“

„Duke, ich muss dich darauf aufmerksam machen, dass du in diesem Falle nach deiner Genesung keine drei Yards vor die Tür gehen kannst. Stratton würde es zwar Leid tun, einen so großartigen Schießer zu verlieren, denn er hat komischerweise an dir einen Narren gefressen. Well, wenn ich auch nicht verstehe, wieso und warum, das ist seine Sache! Ich jedenfalls werde als Partner dir gegenüber die Augen offen halten.“

„Ein Kompliment, Freund … und wem verdanke ich es?“

„Ich bin Till Drogert“, grinste der Schwarzhaarige bescheiden. „Auch Black Bill genannt. Du kannst dir einen der beiden Namen aussuchen … Ah, sagt er dir etwas?“, unterbrach er sich selber, als er die plötzliche Veränderung sah, die in Ruel vor sich ging.

„Yeah, dein Name ist mir bekannt. Wahrlich, ein berühmter Name“, flüsterte Ruel heiser. Er glaubte, ersticken zu müssen, glaubte, ein Spuk narre ihn. Denn, by Gosh, vor ihm saß nicht nur der Mann, der ihm eine Kugel serviert hatte, sondern auch der Mann, dessentwegen sein Bruder Ide auf den langen Trail musste.

Till Drogert, der Bankräuber, dem dreißigtausend Dollar in die Hände gefallen waren.

„Well, ich werde mit dir reiten, Drogert. Und wenn es bis in die Hölle ist.“

 

 

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925418
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v455058
Schlagworte
glatte rechnung

Autor

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Titel: Glatte Rechnung