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Montana Western Großband Dezember 2018

von Alfred Bekker (Autor) Pete Hackett (Autor) Glenn Stirling (Autor) Larry Lash (Autor) Wolf G. Rahn (Autor)

2018 680 Seiten

Leseprobe

Copyright


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Edward Martin/ Schottland, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Montana Western Großband Dezember 2018

Alfred Bekker, Larry Lash, Glenn Stirling, Wolf G. Rahn, Pete Hackett

Dieses Buch enthält folgende Western:


Pete Hackett: Salbei-Justiz

Larry Lash: Glatte Rechnung

Glenn Stirling: Der Schatz der roten Lola

Wolf G. Rahn: Ritt nach Dakota

Alfred Bekker: Ein Mann namens Bradford



Die Rechnung schien nicht aufzugehen. Sie war glatt, zu unkompliziert.

Ein Mann sucht seinen Bruder. Er nimmt an, nur auf einer heißen Fährte zu reiten, befindet sich jedoch schon mitten drin in der Hölle, in einem Hexenkessel, aus dem es scheinbar kein Entrinnen mehr gibt.

Und Ruel Duke ist bereit, die Rechnung zu begleichen, die man ihm servierte. Er wächst mit seinen Aufgaben, bäumt sich gegen das Schicksal auf, das ihn in die Ecke treibt, stemmt sich gegen eine zwiegesichtige Meute und begleicht die Rechnung mit rauchenden Revolvern.

Er ist zwar kein Übermensch, kein Allroundmann! Nein, er ist lediglich ein Mann, der am Boden lag und sich doch wieder empor kämpfte.

Salbeibusch-Justiz

Western von Pete Hackett

Der Kopfgeldjäger




Pete Hackett Western - Deutschlands größte E-Book-Western-Reihe mit Pete Hackett's Stand-Alone-Western sowie den Pete Hackett Serien "Der Kopfgeldjäger", "Weg des Unheils", "Chiricahua" und "U.S. Marshal Bill Logan".


Über den Autor

Unter dem Pseudonym Pete Hackett verbirgt sich der Schriftsteller Peter Haberl. Er schreibt Romane über die Pionierzeit des amerikanischen Westens, denen eine archaische Kraft innewohnt, wie sie sonst nur dem jungen G.F.Unger eigen war – eisenhart und bleihaltig. Seit langem ist es nicht mehr gelungen, diese Epoche in ihrer epischen Breite so mitreißend und authentisch darzustellen.

Mit einer Gesamtauflage von über zwei Millionen Exemplaren ist Pete Hackett (alias Peter Haberl) einer der erfolgreichsten lebenden Western-Autoren. Für den Bastei-Verlag schrieb er unter dem Pseudonym William Scott die Serie "Texas-Marshal" und zahlreiche andere Romane. Ex-Bastei-Cheflektor Peter Thannisch: "Pete Hackett ist ein Phänomen, das ich gern mit dem jungen G.F. Unger vergleiche. Seine Western sind mannhaft und von edler Gesinnung."

Hackett ist auch Verfasser der neuen Serie "Der Kopfgeldjäger". Sie erscheint exklusiv als E-book bei CassiopeiaPress.



Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author www.Haberl-Peter.de

© der Digitalausgabe 2013 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de


*


Im Trailman Saloon in Wymola war eine Menge los. Es war Samstagabend und die Cowboys von den umliegenden Ranches waren in der Stadt. Um die Lampen, die von der Decke hingen, wogten Wolken von Tabakqualm, verworrener Lärm erfüllte den Schankraum und trieb hinaus auf die Main Street.

McQuade saß an einem der Tische in einer Runde mit vier weiteren Männern aus der Stadt. Zu seinen Füßen lag Gray Wolf. Der graue Hund hatte seinen Kopf zwischen die Vorderpfoten gebettet und hielt die Augen geschlossen.

McQuade war erst am Nachmittag in die Stadt gekommen. Er ritt auf der Fährte eines Mannes namens Mitchell Bell. Bell hatte einige Postkutschen überfallen und bei einem seiner Überfälle den Postkutschenbegleiter erschossen. Er war dem Sheriff des Pima Countys fünfhundert Dollar wert. Die Spur des Banditen führte am Santa Cruz River nach Nordwesten. McQuade hatte beschlossen, die Nacht in Wymola zu verbringen.

An der Theke, an der sich die Cowboys und einige Männer aus der Stadt gegenseitig geradezu auf den Zehen standen, gab es plötzlich Gedränge und Geschiebe, ein lauter Fluch erklang, und plötzlich packte einer der Männer, seine Haare waren schon grau und er war um die fünfzig, einen der Cowboys mit beiden Händen an der Weste, schleuderte ihn herum und versetzte ihm einen Stoß, der den Burschen rückwärts zu einem der Tische taumeln ließ. Er ruderte haltsuchend mit den Armen, aber es gab nichts, woran er sich klammern konnte. Er prallte gegen den Tisch, einige Gläser und Krüge stürzten um, die Männer sprangen auf, Bier und Schnaps vermischten sich und tropften auf den Fußboden.

„Du dreckiger Kuhtreiber!“, knirschte der Grauhaarige. „Noch ein abfälliges Wort über meine Tochter und ich schlage dir das Gebiss bis in den Hintern.“

Der Cowboy, er war Ende Zwanzig, stand wie sprungbereit da, seine Hände öffneten und schlossen sich, in seinen Augen war ein gehässiges Lauern wahrzunehmen. „Deine Tochter!“, schnarrte er. „Sie ist ein Flittchen. Vorige Woche ist sie noch mit mir in die Kiste gehüpft, jetzt aber …“

Mit einem wütenden Aufschrei stürzte sich der Grauhaarige auf den Weidereiter. Dieser schien nur darauf gewartet zu haben. Gedankenschnell wich er einen Schritt zur Seite. Die Fäuste des Grauhaarigen verfehlten ihn, sein eigener Schwung trieb den Angreifer gegen den Tisch, er kippte nach vorn und fing sich im letzten Moment mit beiden Armen auf der Tischplatte ab. „Du dreckiger Bastard!“, keuchte er. „Jetzt kriegst du es von mir, dass dir Hören und Sehen vergeht. Ich werde dich pfundweise zur Tür hinausprügeln.“

Der Grauhaarige wirbelte halb herum. Der Cowboy stand abwartend da. Seine Rechte lag auf dem Revolverknauf. In seinem Gesicht arbeitete es. Der Grauhaarige sprang ihn an. Der Weidereiter riss den Colt heraus und schlug damit zu. Mit einem Aufschrei ging der Grauhaarige zu Boden. Der Cowboy trat zwei Schritte zurück. „Hör auf, Walker. Was ich über deine Tochter gesagt habe, entspricht der Wahrheit. Sie lässt sich für ihre Dienste bezahlen. Ich dachte …“

Der Grauhaarige kam auf die Knie. Eine tödliche Leidenschaft wühlte in seinen Zügen und in seinen Augen war ein Irrlichtern, wie es nur der glühende Hass hervorrufen konnte. „Dafür schicke ich dich in die Hölle, Murphy!“, stieß er hervor, seine Rechte fuhr unter die Jacke, und als sie wieder zum Vorschein kam, umklammerte sie den Griff eines kurzläufigen Bullcolts.

Der Cowboy feuerte. Der dröhnende Knall schien den Saloon in seinen Fundamenten zu erschüttern. Walkers Kopf wurde in den Nacken gerissen. Im nächsten Moment kippte er auf die Seite. Vor Erin Murphys verkrampftem Gesicht wölkte eine Pulverdampfwolke, aus der Mündung des Revolvers kräuselte ein dünner, grauer Rauchfaden.

Im Schankraum herrschte Atemlosigkeit. Das Stimmendurcheinander, das Gelächter, das Grölen und Johlen waren schlagartig verstummt. Sekundenlang war es still wie in einem Leichenschauhaus um Mitternacht. Plötzlich aber schrie ein Mann: „Der elende Hurensohn hat Charles Walker abgeknallt! Schnappt ihn euch und entwaffnet ihn. Diese dreckigen Kuhtreiber …“

Der Lärm, der plötzlich aufkam, war unbeschreiblich. Männer brüllten durcheinander, Stuhlbeine scharrten auf den Dielen, Glas klirrte, als die Kerle aufsprangen, Stühle kippten polternd um.

In die Augen Murphys trat ein gehetzter Ausdruck. Schlagartig begriff er die Gefahr, die von den Männern der Stadt ausging. Er hatte einen angesehenen Bürger erschossen. Die näheren Umstände würden niemand hier interessieren.

Erin Murphy jagte zwei Schüsse in die Decke. Die Männer, die eine drohende Haltung einnahmen, hielten an. „Bleibt mir bloß vom Leib!“, brüllte Murphy und fuchtelte wild mit dem Revolver durch die Luft. Er jagte einen dritten Schuss aus dem Lauf, warf sich herum und rannte wie von Furien gehetzt zur Tür.

Wild schlugen die Türpendel hinter ihm aus. Seine Schritte hämmerten über den Vorbau. Er flankte über das Geländer, landete vor dem Hitchrack, an dem sich die Pferde drängten. Mit zwei schnellen Handgriffen hatte er eines der Tiere losgebunden, er warf sich in den Sattel, zerrte das Pferd herum und drosch ihm die Sporen in die Seiten.

In wilder Karriere stob er die Main Street hinunter. Bald markierte nur noch der aufgewirbelte Staub seinen Weg. Als die Gäste aus dem Trailman Saloon stürmten, war er außer Coltschussweite. Und gleich darauf verschmolz er mit der Finsternis.


*


„Was war los?“, fragte Larry Winston, der Deputy Sheriff von Wymola. Er war noch in seinem Büro, als der Knall des tödlichen Schusses wie eine Botschaft von Untergang und Tod durch die Stadt stieß. Jetzt, eine Minute später, befand er sich im Saloon, neben der reglosen Gestalt, unter deren Kopf sich eine große Blutlache gebildet hatte, war er auf das linke Knie niedergegangen.

Die Männer, die einen Kreis um ihn und den Toten bildeten, schrien durcheinander. Der Deputy drückte sich hoch, hob die rechte Hand, und rief: „Wenn ihr alle durcheinander brüllt, verstehen ich kein einziges Wort. Preston, sag du es mir: Was ist geschehen?“

Er hatte den Blick auf einen etwa vierzigjährigen Mann gerichtet, dessen dunkle Bartkoteletten fast bis zu den Kinnwinkeln reichten. „Erin Murphy hat Wanda Walker als Schlampe und Flittchen bezeichnet. Er hat hinaus posaunt, dass sie sich für ihre Dienste bezahlen lässt. Daraufhin ist Charly durchgedreht. Murphy hat ihn niedergeschlagen. Und als Charly nach dem Revolver griff, hat er ihm eine Kugel in den Kopf gejagt.“

„Walker hat also nach dem Schießeisen gegriffen“, konstatierte der Deputy und ließ seinen Blick in die Runde gleiten.

„Murphy hatte den Revolver schon in der Hand!“, schnarrte einer. „Er wäre nicht nötig gewesen, Walker zu erschießen. Außerdem weiß jeder im Umkreis von fünfzig Meilen, dass Charly Walker mit seinem Bullcolt wahrscheinlich nicht mal ein Scheunentor getroffen hätte.“

„Jagen wir den verdammten Mörder und ziehen wir ihm den Hals lang!“, stieß einer grimmig hervor. „Charly hätte sicher nicht geschossen, wenn ihm Murphy mit vorgehaltenem Revolver geboten hätte, einzuhalten.“

„Okay“, knurrte der Deputy. „Ich folge Murphy. Wer stellt sich für ein Aufgebot zur Verfügung?“

Eine Reihe von Bürgern der Stadt meldete sich.

Einer der Cowboys an der Theke rief: „Wir sind der Meinung, Winston, dass Murphy in Notwehr geschossen hat. Walker war voll Zorn, und irgendwelchen Worten oder Warnungen wäre er mit Sicherheit nicht zugänglich gewesen.“

„Haltet ihr euch raus!“, schrie ein Mann mit kippender Stimme. „Ihr Kuhtreibergesindel haltet doch zusammen. Natürlich, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Ihr kommt am Wochenende in die Stadt, besauft euch sinnlos, belästigt unsere Frauen und führt euch auf wie die Vandalen. Es musste ja mal eskalieren.“

„Bewaffnet euch und holt eure Pferde!“, rief der Deputy. „Wir treffen uns in zwanzig Minuten vor dem Office.“

Mehr als ein Dutzend Stadtbewohner rannten aus dem Saloon. Sie waren erschüttert, fassungslos und wütend. Die Cowboys, die fast an jedem Wochenende betrunken in Wymola randalierten, waren ihnen schon lange ein Dorn im Auge. Und nun hatte einer von ihnen einen der etablierten Bürger von Wymola getötet. Die Volksseele kochte.

McQuade hatte sich erhoben und trat dem Deputy, der ebenfalls dem Ausgang zustrebte, in den Weg. Larry Winston richtete den finsteren Blick auf ihn. „Was wollen Sie? Ich sah heute Nachmittag am Office vorbeireiten. Sie sehen aus wie ein Landstreicher.“

„Mein Name ist McQuade.“ Der Texaner strich Gray Wolf, der ihm gefolgt war und der sich nun neben ihm auf die Hinterläufe niederließ, über den struppigen Kopf. „Ich reite auf der Fährte eines Mannes namens Mitchell Bell. Ich habe den Vorfall vorhin beobachtet. Der Mann, der jetzt tot ist, wurde handgreiflich. Der Cowboy schlug ihn mit dem Revolver nieder. Daraufhin griff er –„ McQuade wies mit einer knappen Handbewegung auf Charles Walker, „– zur Waffe. Ich denke auch, dass der Weidereiter in Notwehr handelte.“

Das Gesicht des Deputys hatte sich verschlossen. „Ich habe von Ihnen gehört, McQuade. Natürlich, ich hätte von selbst draufkommen müssen. Der graue Hund … Sie haben sich einen ziemlichen Ruf in Arizona erworben. - Nun, ich werde die Sache untersuchen. Wenn es Notwehr war, ist Murphy aus dem Schneider. Wenn nicht …“

„Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mich Ihrem Aufgebot anschließe?“, fragte der Kopfgeldjäger.

Der Deputy Sheriff dachte einen Moment lang nach, dann schüttelte er den Kopf. „Ich habe genug Männer, McQuade. Vielen Dank für das Angebot.“

„Wie Sie meinen“, murmelte McQuade und trat zur Seite. Der Deputy Sheriff setzte seinen Weg fort.

Versonnen starrte McQuade noch kurze Zeit auf die Türpendel, die knarrend und quietschend hinter Larry Winston ausschwangen. Dann knurrte er: „Go on, Partner.“

McQuade ging in den Mietstall. Soeben zerrten fünf Männer die Pferde, die sie ausgeliehen hatten, ins Freie. Der Kopfgeldjäger blieb im Schatten stehen. „Jagen wir den niederträchtigen Bastard, bis ihm die Zunge zum Hals heraushängt“, hörte McQuade einen Mann wild rufen. „Und wenn wir ihn haben, dann hängen wir ihn auf. Seit Jahren terrorisieren uns diese elenden Kuhtreiber. Doch heute schlagen wir zurück. Wir statuieren ein Exempel.“

Die Männer schwangen sich auf die Pferde und ritten im Trab aus dem Wagen- und Abstellhof.

Im Stall brannte eine Laterne. Sie hing an einem Balken im Mittelgang. Der Stallmann kam auf das Tor zu, um es zu schließen. „Einen Augenblick!“, sagte McQuade und trat ins Mondlicht. Unter seinen Sohlen knirschte der feine Sand, der den Hof bedeckte. Leise klirrten seine Radsporen. Lautlos wie ein Schatten glitt Gray Wolf neben dem hoch gewachsenen Texaner her.

„Ah, Sie“, murmelte der Stallbursche, der den Kopfgeldjäger erkannte. „Reiten Sie auch mit der Posse?“

„Nein. Dennoch brauche ich mein Pferd.“

„Wollten Sie nicht bis zum Morgen bleiben?“

„Ich habe es mir anders überlegt. Satteln Sie das Tier und zäumen Sie es. Ich hole meinen Sattelpacken und das Gewehr aus dem Hotel.“

Der Stallmann wandte sich ab und brabbelte irgend etwas vor sich hin, das McQuade nicht verstand, das ihn aber auch gar nicht interessierte.

Als er zehn Minuten später den Mietstall wieder betrat, stand sein Falbe gesattelt und gezäumt auf dem Mittelgang. Er rammte die Henry Rifle in den Scabbard, schnallte seine Satteltaschen und die Deckenrolle fest, führte den Falben am Zaumzeug aus dem Stall und saß draußen auf. „Hüh!“ Mit einem Schenkeldruck trieb er das Tier an. Gray Wolf folgte dem Pferd.


*


McQuade wartete in einer stockfinsteren Passage, bis das Aufgebot die Stadt verließ. Er folgte dem Reiterpulk. Die Worte des Mannes, der im Hof des Mietstalles vorhin davon gesprochen hatte, dass sie Erin Murphy aufhängen wollten, wenn sie ihn erwischten, bestärkten den Kopfgeldjäger in seinem Entschluss, der Posse zu folgen. Er war ein absoluter Gegner der Lynchjustiz. Er, der dort auftrat, wo das Gesetz schwach war oder versagte, der das Gesetz auf seine Weise vertrat, wollte nicht dulden, dass ein aufgebrachter Mob Richter und Henker spielte. Zu tief verwurzelt war in ihm das Gerechtigkeitsempfinden, akribisch wog er ab zwischen Recht und Unrecht. Lynchjustiz war Unrecht. Es gab ein Gesetz, und daran hatte sich jeder zu halten, ob arm oder reich, ob mächtig oder unmaßgeblich, ob alt oder jung.

Vielleicht hätte Erin Murphy nicht gleich töten müssen, sinnierte der Texaner. Es hätte sicher eine andere Möglichkeit gegeben, Charles Walker davon abzuhalten, den Stecher durchzuziehen. Murphy hatte den Sechsschüsser schon in der Hand. Und er stand nur zwei Schritte von Walker entfernt. Er hätte die Zeit gehabt, Walker mit einem Schlag außer Gefecht zu setzen, er hätte ihn auch auffordern können, die Waffe fallen zu lassen.

Je länger McQuade darüber nachdachte, desto mehr kam er zu dem Schluss, dass es keine echte Notwehr war, die Erin Murphy abdrücken ließ. Aber in seiner Situation die richtige Entscheidung zu treffen war nicht einfach. Im Endeffekt ging es wohl tatsächlich um Leben oder Tod.

McQuade folgte den Geräuschen, die das Aufgebot verursachte. Es waren über ein Dutzend Reiter. Der rumorende, brandende Hufschlag war in der Nacht wahrscheinlich einige hundert Yards weit zu vernehmen. Der Himmel war bewölkt. Nur hier und dort wies die Wolkendecke ein Loch auf, in dem einige Sterne flimmerten. Hin und wieder zeigte sich auch die Scheibe des Mondes. Er versilberte mit seinem kalten Licht die Hügelkuppen und Abhänge, bis er wieder hinter einer Wolke verschwand und nur noch als gelber, verschwommener Fleck zu sehen war.

Die Mitglieder des Aufgebots merkten nicht, dass ihnen ein einsamer Reiter folgte. Ihre Aufmerksamkeit war nach vorne gerichtet, sie brannten darauf, Erin Murphy einzufangen und ihn für den Tod eines der ihren büßen zu lassen. Was sie in den Herzen trugen, war unheilvoller und tödlicher als die Waffen in ihren Fäusten. Es war ein Trail der Vergeltung, den sie ritten. Es ging ihnen nicht darum, dem Gesetz Genüge zu tun, dem Gesetz Geltung zu verschaffen. Sie wurden vom Hass und von der Rachsucht getrieben. Eine triebhafte Gier …

In der Dunkelheit tauchten nach fast einer Stunde die Gebäude einer Ranch auf. Das Aufgebot ritt in den Hof. Hinter zwei Fenstern eines der Gebäude ging Licht an, dann trat ein Mann mit einer Laterne in der Hand auf die Veranda.

McQuade saß bei einer Buschgruppe ab, band das Pferd an und lief in den Schatten eines Schuppens, Gray Wolf wich ihm dabei nicht von der Seite. Leise hechelte der Wolfshund und drängte sich gegen das Bein des Texaners.

„He, Randall!“, hörte der Kopfgeldjäger eine raue Stimme. „Wir sind hinter Murphy her. Ist er auf die Ranch gekommen, um vielleicht ein paar Habseligkeiten zu holen?“

„Was ist denn geschehen? Weshalb jagt ihr Erin Murphy?“

„Er hat Charles Walker ermordet. War er auf der Ranch?“

„Nein. Großer Gott! Du – du sprichst von Mord, Deputy. Murphy tut doch normalerweise nicht mal ‚ner Fliege war zu leide.“

„Wir haben keine Zeit, Randall, um deine Fragen zu beantworten. Sollte Murphy auftauchen, bist zu verpflichtet, ihn festzuhalten und mich zu verständigen.“

Der Pulk ritt vom Ranchhof.

McQuade rannte zu seinem Pferd, band es los und stieg in den Sattel. Er folgte wieder dem Aufgebot. Der Ritt ging über Weideland. Rinder, die vom Hufgetrappel geweckt wurden, erhoben sich. Kühe muhten, Kälber blökten. Lautlos zogen Wolkenschatten über das Land. Nach einer weiteren halben Stunde schälte sich aus der Finsternis eine Weidehütte. Ein Pferd stand im Corral. Das Aufgebot ritt auseinander. McQuade verhielt in einer Hügellücke. Wenn die Wolkendecke aufriss, konnte er die Hütte sehen. Wenn sie sich wieder schloss, war es, als würde die Nacht die Hütte aufsaugen.

Es war nichts mehr zu hören. Die Männer aus Wymola hatten ihre Pferde zurückgelassen. Jeden Schutz ausnutzend, der sich ihnen bot, pirschten sie an die Hütte heran.

Die Dunkelheit wirkte unheilvoll. Die Stille lag wie ein Leichentuch über der Weide. Das Verhängnis näherte sich der Hütte auf leisen Sohlen.

Dann hörte der Kopfgeldjäger das Splittern und Krachen, als die Tür der Hütte eingetreten wurde. Geschrei erklang, zwei – drei Schüsse krachten. Die Detonationen stießen auseinander, rollten die Hügelflanken empor und wurden von den Echos vervielfältigt, ehe sie mit gespenstischem Geraune verhallten.

Einige Sekunden verrannen. Dann flammten Feuerzeuge auf, Fackeln wurden angezündet, einige der Männer holten die Pferde. Licht- und Schattenreflexe zuckten über das Szenarium hinweg, das sich dem Blick des Kopfgeldjägers bot. Ein Mann – McQuade vermutete, dass es sich um Erin Murphy handelte -, saß an der Wand der Hütte. Drei standen bei ihm und bedrohten ihn mit ihren Waffen, deren Metallteile im Lichtschein matt glänzten. Stimmen waren zu hören.

Die Minuten verstrichen. Die Stimmen waren lauter geworden. Einige der Kerle schienen sich zu streiten. Und dann bewegten sich einige Gestalten zu einer Gruppe von Bäumen. Sie hatten eine Fackel dabei. Einer warf ein Lasso über einen waagrecht abstehenden Ast, ein Pferd wurde unter den Baum geführt.

McQuade sagte sich, dass es an der Zeit war, einzugreifen.

Er ruckte im Sattel und gab dem Falben den Kopf frei. Während er ritt, konnte er im Schein der Fackeln sehen, wie Erin Murphy zu der Baumgruppe gezerrt wurde. Ein Mann brüllte laut - wahrscheinlich war es der Cowboy, von dem Panik Besitz ergriffen hatte.

Es gab keine Gnade und kein Erbarmen. Seine Hände wurden gefesselt, er wurde auf das Pferd gehoben, einer ritt neben ihn und legte ihm die Schlinge um den Hals. Aus einer Wunde in seiner rechten Schulter sickerte Blut. Doch Erin Murphy spürte den Schmerz nicht. Die Angst vor dem Tod ließ keinen anderen Gedanken zu. Seine Zähne schlugen wie im Schüttelfrost aufeinander. Wie Fieber strömte das Entsetzen durch seine Blutbahnen. Dazu kam die Verzweiflung.

„In Ordnung!“, rief einer. „Treibt den Gaul weg!“

„Nein!“, brüllte Murphy. „Das – das ist …“

McQuade hatte das Gewehr aus dem Scabbard gezogen, durchgeladen und feuerte nun einen Schuss in die Luft ab. Für einen Augenblick übertönte der Knall alle anderen Geräusche. Die Männer aus Wymola fuhren herum. Und sie sahen den Reiterschemen, der sich aus der Dunkelheit löste, Form annahm und schließlich drei Pferdelängen von ihnen entfernt das Pferd parierte.

McQuade hielt das Gewehr an der Seite, den Kolben hatte er sich unter die Achsel geklemmt. Seine Linke umklammerte den Schaft der Henrygun. Der Kopfgeldjäger lenkte den Falben mit den Schenkeln. „Wenn ihr ihn hängt, ist das Mord!“, erklärte McQuade mit ruhiger Stimme.

Finster starrten sie ihn an. In ihren Augen spiegelte sich das Fackellicht. Im Wechselspiel von Licht und Schatten wirkten die Gesichter düster und maskenhaft starr.

„Er ist ein Mörder, und deshalb muss er hängen!“, rief jemand schrill. McQuade glaubte nicht richtig zu hören. Es war eine Frauenstimme, die er vernommen hatte. Sein Blick tastete sich über die Gesichter unter dem Baum und schließlich entdeckte er die Lady. Sie trug einen Hut und war mit Hemd und Hose bekleidet wie ein Mann.

„In diesem Land hängt ein Mann dann, wenn er schuldig gesprochen und die Hängepartie von einem Richter angeordnet wurde“, versetzte McQuade grollend. „Wo ist der Deputy?“

Die Antwort bestand in verbissenem Schweigen.

McQuade konnte den Ordnungshüter nicht in dem Pulk sehen und ahnte, dass er sich gegen die Lynchjustiz gestellt hatte und ausgeschaltet worden war.

„Okay, Leute“, so ergriff wieder der Kopfgeldjäger das Wort. „Salbeibusch-Justiz gehört der Vergangenheit an. Ich weiß nicht, was ihr mit dem Deputy gemacht habt. Doch jetzt nehmt Murphy den Strick wieder ab und löst seine Fesseln. Ich übernehme den Mann.“

„Wer bist du überhaupt, Mister?“, rief einer. „Ich habe dich in der Stadt gesehen. Ich rate dir, dich hier nicht einzumischen. Sehr schnell könntest du an Murphys Seite von dem Ast baumeln.“

„Ich zählte bis drei!“, drohte McQuade.

„Was dann?“

„Dann schieße ich. Um einen Mord zu verhindern darf ich das. Eins …“

„Der schießt nicht!“, schrie die Frau. „Lasst euch von diesem Sattelstrolch nicht ins Boxhorn jagen. Er weiß, dass wir ihn in der Luft zerreißen, wenn er abdrückt. Treib endlich den Gaul unter Murphy weg, Brian. Wo kämen wir denn hin, wenn wir jedem hergelaufenen …“

McQuade feuerte. Er jagte sein Blei über die Köpfe hinweg. Aber die Männer – und auch die Frau - erschraken. Ihre Herzen schlugen höher. Anspannung lag in der Luft. Die Atmosphäre war gefährlich, die Luft schien mit Elektrizität aufgeladen zu sein wie vor einem Blizzard.

„Tut, was er sagt!“, gebot ein Mann mit schwankender Stimme. „Wir kennen ihn nicht und nur der Satan weiß, wozu er fähig ist.“

Der Mann, der Murphy die Schlinge über den Kopf gestreift hatte, nahm sie ihm wieder ab. Er zerschnitt auch die Handfessel des Cowboys.

„Komm her, Murphy!“, rief McQuade.

Der Cowboy trieb sein Pferd an. Als er auf einer Höhe mit dem Texaner war, sagte dieser: „Reite weiter, Murphy. Ich hole dich ein.“ Der Cowboy hielt nicht an und wurde eins mit der Dunkelheit. McQuade erhob noch einmal seine Stimme, indem er rief: „Ihr geht jetzt in die andere Richtung. Vorher aber legt ihr eure Waffen ab. Macht schon!“

„Wir werden dich jagen, Sattelstrolch!“, schrie die Frau hysterisch. „Und am Ende hängen wir dich neben Murphy an einen Ast.“

„Der Befehl hat auch für Sie gegolten, Ma’am!“, gab McQuade ungerührt zu verstehen.

„Du wirst neben Murphy hängen, Sattelstrolch!“

Es klang wie ein unheilvolles Versprechen.


*


McQuade ritt neben Erin Murphy. „Sie haben mir eine Kugel in die Schulter geknallt“, gab der Cowboy mit brüchiger Stimme, die der Schmerz verzerrte, zu verstehen. Noch jetzt stand er unter dem Eindruck des Schreckens und der Angst, als er den grässlichen Tod des Hängens vor Augen hatte. Noch immer hatte er den Aufruhr seiner Gefühle nicht unter Kontrolle.

„Wir haben jetzt nicht die Zeit, uns um die Wunde zu kümmern“, versetzte der Kopfgeldjäger. „Schätzungsweise ist der hängelüsterne Mob schon hinter uns her. Du hast gehört, was die Lady versprochen hat. Sie möchte mich neben dir hängen sehen. Wirst du ein paar Stunden durchhalten?“

„Ich weiß es nicht“, ächzte Murphy. „Die Kugel ist am Knochen stecken geblieben. Ich blute wie ein Schwein. Diese verdammten Halsabschneider. Sie hätten mich ohne mit der Wimper zu zucken aufgehängt, wenn du nicht eingegriffen hättest. Wer bist du überhaupt? Warum hast du dich eingemischt?“

„Ich heiße McQuade. Der Grund, aus dem ich mich eingemischt habe, ist ein ganz einfacher: Ich bin ein Gegner der Salbeibusch-Justiz. In der Stadt hörte ich, was sie mit dir vorhaben. Also bin ich ihnen gefolgt. – Was wurde eigentlich aus dem Deputy? Ich habe ihn in der Rotte vermisst, die sich unter dem Galgenbaum versammelt hatte.“

„Sie haben ihn niedergeschlagen und gefesselt. Großer Gott, dieser Schmerz. Ich halte das nicht länger aus. Als hätte man mir glühenden Stahl in die Schulter gerammt. Ich verliere Blut …“

Die Stimme des Cowboys erstarb. Er atmete stoßweise und rasselnd. Die linke Hand presste er auf die Wunde. Warm spürte er sein Blut auf der Haut. Und er fühlte die Schwäche, die der Blutverlust mit sich brachte.

McQuade hielt an. „Warte.“

Die Geräusche endeten. Nur noch einmal klirrte leise eine Gebisskette. Sattelleder knarrte, als sich McQuade aus dem alten, gebrochenen Sattel schwang. Sekundenlang lauschte er angespannt, jeder seiner Sinne war aktiviert, er witterte wie ein Wolf in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Als er nichts hörte, was ihn beunruhigt hätte, holte er Verbandszeug aus der Satteltasche.

„Steig ab!“

Ächzend und stöhnend saß Erin Murphy ab. Er knickte in den Knien ein, als er stand. Mit beiden Händen klammerte er sich an das Sattelhorn. Wellen des Schmerzes zogen durch seinen Körper. Er zog die Luft durch die Zähne in seine Lungen. Ein Laut, der sich anhörte wie trockenes Schluchzen, stieg aus seiner Kehle.

McQuade schnitt das Hemd auf. Mit Wasser aus seiner Flasche reinigte er die Wunde, dann fertigte er aus einem Stück Verband eine Kompresse, die er mit einigen Pflastern über die Wunde klebte. „Mehr kann ich im Moment nicht für dich tun, Murphy“, murmelte der Kopfgeldjäger. „Steig auf. Wir reiten weiter.“

Der Cowboy hatte Mühe, aufs Pferd zu klettern. Jede seiner Bewegungen wurde von abgerissenen Lauten begleitet, die ihm der pulsierende Schmerz entlockte. Im unwirklichen Licht glänzte sein Gesicht schweißig.

Ehe sie anritten, lauschte McQuade noch einmal hinter sich. Nur das leise Säuseln des Nachtwindes und das Rascheln der Blätter waren zu hören. Sie setzten die Pferde in Bewegung. Leise pochten die Hufe. Gray Wolf trabte leichtfüßig hinter dem Falben her. Aufgrund seines dunklen Felles war er in der Finsternis kaum auszumachen. Nur seine Augen; sie glühten wie Phosphor, wenn sie das Mond- oder Sternenlicht reflektierten.

„Wohin reiten wir eigentlich?“, fragte Murphy nach einiger Zeit.

„Ich bringe dich nach Tucson zum County Sheriff.“

„Was?“

„Du hast richtig gehört, Hombre. Schließlich hast du einen Mann erschossen. Ich war Augenzeuge. Du hättest ihn mit dem Revolver in Schach halten können. Du musstest ihn nicht töten.“

„Ich – ich war nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen“, keuchte Murphy. „Als ich in die Mündung seines Revolvers blickte …“

„Notwehr, Affekt, Mord – ich habe nicht darüber zu entscheiden, Murphy. Der County Sheriff wird Ermittlungen durchführen, und wenn er zu dem Ergebnis kommt, dass du in Notwehr gehandelt hast, lässt er dich laufen. Wenn nicht, wird er dich anklagen.“

„Bis Tucson sind es vierzig Meilen. Wenn die Kugel nicht herauskommt, zieht sich Wundbrand hinzu. Ich schaffe es nicht bis Tucson. Verdammt, McQuade, warum hast du mich vor dem Lynchmob bewahrt, wenn du mich jetzt nach Tucson schleppst und in Kauf nimmst, dass ich auf dem Weg vor die Hunde gehe oder letztendlich doch noch gehängt werde?“

„Wenn sie dich hängen, dann mit gerichtlicher Sanktion, Murphy. Und dann ist das für mich in Ordnung.“

Erin Murphy knirschte mit den Zähnen. Dann sagte er: „Wir werden nicht besonders schnell vorankommen, McQuade. Ich schätze, dass uns die hängewütige Bande aus Wymola bis morgen Früh eingeholt hat.“

„Wir reiten zum Santa Cruz River und bewegen uns einige Meilen im Flussbett. So löschen wir unsere Spuren aus.“

„Wir schaffen es nicht“, murmelte Murphy, und es klang geradezu resignierend. „In Red Rock gibt es einen Arzt. Das wären nur zehn Meilen. Wenn er mir die Kugel herausholt und die Wunde desinfiziert …“

„Sie wissen, dass du verwundet bist“, fiel McQuade dem Weidereiter ins Wort. „Und sie werden zu dem Schluss kommen, dass du ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen musst. Nach Wymola kannst du nicht, der nächste Arzt aber sitzt in Red Rock. Sie werden zwei oder drei Männer in das Nest schicken, damit sie dich in Empfang nehmen, wenn du aufkreuzt.“

„Immer noch besser, an ihren Kugeln zu sterben als elend am Wundbrand oder an der Blutvergiftung zu verrecken.“ Es klang trotzig und in gewisser Weise auch zornig.

„Sie wollen dich nicht erschießen – sie wollen dich hängen. Unabhängig davon, Murphy. Du wirst weder am Wundbrand noch an der Blutvergiftung sterben. Sobald es hell ist hole ich dir die Kugel heraus. Du wirst zwar heulen und mit den Zähnen knirschen, aber du wirst nicht vor die Hunde gehen.“

„Was bist du nur für ein Mensch, McQuade?“

Darauf blieb der Kopfgeldjäger dem Cowboy die Antwort schuldig.


*


Als sich die Nacht zu lichten begann und die Sterne verblassten, erreichten sie den Santa Cruz River. Seine schmutzigen Fluten wälzten sich nach Nordwesten, wo der Fluss in der Nähe von Phönix in den Gila River mündete. Die Hügel zu beiden Seiten des Flusses muteten an wie riesige, geduckt daliegende Monster aus grauer Vorzeit, die nur darauf warteten, geweckt zu werden. Im Ufergebüsch begannen die ersten Vögel die Nacht zu verabschieden und den Tag zu begrüßen.

Sie hatten sich die Nacht um die Ohren geschlagen. Alles in allem war jeder von ihnen seit fast vierundzwanzig Stunden auf den Beinen. Sie waren müde und in ihren Eingeweiden wütete der Hunger. Bei Erin Murphy kam die körperliche Schwäche hinzu, die jeden Muskel und jede Sehne in seinem Körper zu lähmen schien. Er war am Ende. Das Pochen in seinen Ohren war das Echo seiner Herzschläge. Ein dumpfer Druck im Schädel schien sein Hirn einzuengen.

Als sie auf dem Ufersaum von den Pferden stiegen, hatte Murphy nicht mehr die Kraft, sich auf den Beinen zu halten. Er ließ sich zu Boden sinken. Ein Gurgeln kämpfte sich in seiner Brust hoch und erstickte in der Kehle. Sein Kinn sank auf die Brust.

Die Pferde begannen zu saufen. McQuade füllte seine Canteen und hielt sie Murphy hin. „Trink. Wir bleiben hier, bis es Tag ist. Dann hole ich dir die Kugel heraus, und dann sehen wir weiter.“

Erin Murphy trank durstig. Das Wasser ließ neue Energien in seinen Körper zurückfließen. „Vorausgesetzt, sie lassen uns die Zeit, auf den Tag zu warten“, stieß er hervor.

McQuade begann in der Satteltasche zu kramen, und schließlich fand er einen Rest Pemmican, den er in zwei gleiche Teile zerschnitt und Murphy eines der Stücke reichte. Solange sie aßen, schwiegen sie. Ein gelber Schein kroch über den bizarren Horizont im Osten. Einige Wolkenbänke davor bekamen eine schwefelgelbe Färbung. Über dem Wasser bildeten sich Nebelschleier, Morgendunst als Vorbote der Tageshitze zog auf.

Die Pferde hatten ihren Durst gelöscht und knabberten die jungen Triebe von den Büschen. Gray Wolf lag am Flussufer auf der Seite und schlief. Der Morgen begann zu grauen, das Licht über den Tortillita Mountains im Osten hatte an Intensität gewonnen, und schließlich schickte die Sonne ihre ersten wärmenden Strahlen ins Land. Gleißendes Licht legte sich auf die Wasseroberfläche.

McQuade stieg einen Abhang empor und schaute vom Hügelrücken aus in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Von Verfolgern war nichts zu sehen. Dennoch fühlte er sich unbehaglich in seiner Haut. Der Schwur der Frau klang in seinen Ohren nach. Die Gefahr konnte hinter jedem Hügel lauern. Der Tod war gegenwärtig und bewegte sich lautlos zwischen den Hügeln, die knöcherne Klaue erhoben, um blitzschnell und gnadenlos zuzugreifen.

Auf dem Rückweg zu ihrem Lagerplatz sammelte McQuade trockenes Holz. Mit Hilfe von dürrem Reisig entzündete er am Flussufer ein kleines Feuer, darauf bedacht, ausgesprochen trockenes Holz zu verschüren, um keinen Rauch zu erzeugen, der Verfolger den Weg gewiesen hätte. Von seinem zusammengesteckten Campgeschirr nahm er den kleinen Kochtopf aus Aluminium ab, füllte ihn mit Wasser, legte zu beiden Seiten des Feuers jeweils einen Stein auf den Boden und stellte den kleinen Topf so darauf, dass er sich direkt über dem Feuer befand.

„Leg dich auf den Boden“, befahl er Murphy. „Vorher aber zieh Weste und Hemd aus.“

„Hast du wirklich vor …“

„Ja. Nur wenn ich die Kugel heraushole, schaffst du es bis Tucson. Andernfalls krepierst du hier in der Wildnis. Und alles wäre umsonst gewesen. Ich aber will einen Erfolg erringen.“

Es klang kalt und mitleidlos. Aber das war Taktik. McQuade wollte den Trotz in Murphy wecken und ihn motivieren, Härte zu zeigen. Denn was jetzt kam, war eine Tortur und mit nichts zu vergleichen. Der Schmerz, den Murphy zu erleiden haben würde, kannte keine Steigerung.

Erin Murphy ahnte, was auf ihn zukam. Seine Backenknochen mahlten. Er starrte McQuade verunsichert an. Schließlich atmete er tief durch, nickte, in seine Mundwinkel kerbte sich ein entschlossener Zug. Vorsichtig zog er sich die Weste und dann das Hemd aus, dann legte er sich auf den Boden.

McQuade riss die Kompresse herunter. Sie war angetrocknet, Murphy schrie auf, Blut sickerte aus der Wunde. Die Wundränder hatten sich bereits rot verfärbt. Sie begannen sich zu entzünden.

Der Kopfgeldjäger säuberte die Haut rund um die Wunde mit Wasser. Dann wartete er, bis das Wasser in dem kleinen Topf kochte. Er legte sein Messer in das kochende Wasser, wartete wieder kurze Zeit, dann nahm er das Messer und knurrte: „Beiß die Zähne zusammen. Es wird höllisch weh tun. Aber ich kann es nicht ändern. Mit der Kugel in der Schulter gehst du vor die Hunde, ehe wir Tucson erreichen. Dann hättest du dich auch aufhängen lassen können.“

„Du hast das Gemüt eines Fleischerhundes“, presste Erin Murphy zwischen den Zähnen hervor.

McQuade zeigte nur ein kantiges Grinsen.

Langsam schob er das Messer in die Wunde. Murphy atmete immer schneller, seine Brust hob und senkte sich in einem schnellen Rhythmus. Schweiß begann auf seiner Stirn und über seiner Oberlippe zu perlen. Er presste die Lippen zusammen, sodass sie nur noch einen dünnen, blutleeren Strich bildeten. Seine Finger verkrallten sich in der Erde zu beiden Seiten seines Körpers. Seine Nägel brachen.

Die Kugel saß nicht tief. Es war eine Revolverkugel, die aus einer großen Entfernung abgefeuert worden war. McQuade kippte das Messer ein wenig und hob das Stück Blei aus der Wunde. Der Cowboy brüllte auf. Der Schmerz war überwältigend und suchte ein Ventil. Nach einem weiteren kleinen Ruck mit der Messerspitze rollte das blutige Geschoss über die Brust Murphys und fiel auf den Boden. Blut schoss aus der Wunde. McQuade drückte eine dicke Kompresse darauf und hielt sie fest. Die Messerklinge rammte er in den Boden. „Geschafft. Wie fühlst du dich?“

Murphy lag mit geschlossenen Augen da, er atmete hart, seine Bronchien pfiffen. Sein Gesicht war grimassenhaft verzerrt. „Beschissen!“, krächzte er mit schwankender Stimme.

„Wenn die Wunde zu bluten aufgehört hat, müssen wir sie ausbrennen“, erklärte McQuade. „Nur so verhindern wir, dass sie sich entzündet.“

„Das – das ist unmenschlich“, keuchte Erin Murphy.

„Es ist unumgänglich“, verbesserte ihn der Kopfgeldjäger.

„Zur Hölle mit dir.“

Wenige Minuten später versiegte der Blutfluss der Wunde. McQuade legte trockenes Holz nach, das sogleich in der Hitze zu knacken begann und Feuer fing, dann zog er den Dolch aus der Erde, wischte die Klinge an seinem langen, braunen Staubmantel ab und legte sie in die Glut.

Plötzlich erhob sich Gray Wolf und spitzte die Ohren. Der Wolfshund hatte den Kopf gehoben und witterte nach Norden. Seine Nasenflügel vibrierten leicht.

Es erregte McQuades Aufmerksamkeit. Und der Kopfgeldjäger wusste dieses Signal zu deuten. „Sie kommen“, stieß er hervor. Er nahm das Gewehr und lief den Hang hinauf, ging auf dem Kamm hinter einem Strauch in Deckung, bog das Zweiggespinst ein wenig auseinander und sein suchender Blick tastete das Terrain im Norden ab. Und er sah das Rudel. Noch waren die Reiter nur kleine, schwarze Punkte vor einem Hügel, auf dessen staubigem Hang so genanntes ‚Indian Ricegrass’ wuchs. Die Grasbüschel erhoben sich sporadisch aus dem grauen Untergrund.

Der Pulk ritt in eine Bodenfalte und verschwand aus McQuades Blickfeld.

Der Kopfgeldjäger kehrte zu Murphy zurück. Der Cowboy hatte sich aufgesetzt. Erschöpfung und quälender Schmerz hatten die Linien in seinem Gesicht vertieft. Die Augen waren rotgerändert und entzündet, die Lippen trocken und rissig.

„Wir haben noch zehn Minuten Zeit“, murmelte McQuade. „Du musst jetzt noch einmal die Zähne zusammenbeißen. Bist du bereit?“

Murphy nickte.

McQuade zog das Messer aus der Glut. Das vordere Drittel der Klinge glühte rot. McQuade trat hinter den Cowboy. Und dann drückte er den glühenden Stahl auf die Wunde. Murphy brüllte seine Not hinaus. Es stank nach verbranntem Fleisch. Murphy fiel zurück und wand sich am Boden. Seine Beine zuckten unkontrolliert. Sein Atem ging keuchend.

McQuade ging zum Fluss und hielt die Messerklinge hinein. Es zischte. Dann kehrte er zu Murphy zurück. „Es wird Zeit, dass wir verschwinden.“

„Du – du musst die Wunde verbinden.“

„Dazu haben wir keine Zeit mehr. Aber keine Sorge. Ich habe sie mit dem glühenden Stahl verödet. Ich verbinde sie, wenn wir es uns leisten können, eine Pause zu machen. Hoch mit dir. Denk an den Strick. Ich denke, das beflügelt dich.“

Murphy knirschte eine Verwünschung und kämpfte sich auf die Beine. McQuade rammte die Henrygun ins Sattelholster, stopfte Hemd und Weste des Cowboys einfach in die Satteltasche, dann half er Murphy aufs Pferd, und gleich darauf trieben sie die Tiere in den Fluss. Als das Wasser den Tieren bis über die Sprunggelenke reichte, lenkten sie sie gegen die Strömung den Creek hinunter.

Erin Murphy ritt mit nacktem Oberkörper. Die Wunde sah grässlich aus. Tobende Schmerzen strahlten von ihr aus. Der Cowboy saß zusammengekrümmt auf dem Pferd. Er war viel zu fertig, um Angst zu empfinden. Es war eine fast fatale Gleichgültigkeit, die seinen Verstand beherrschte. Immer wieder wurde es ihm schwarz vor Augen. Und nur mit letzter Willenskraft verhinderte er ein Abgleiten in die Besinnungslosigkeit.

Meile um Meile zogen sie dahin. Als sie einmal eine kurze Pause einlegten, verband McQuade die Wunde und half dem Cowboy, das Hemd und die Weste anzuziehen. Die Sonne stieg höher und höher und brachte die Luft regelrecht zum Kochen. Sie verließen das Flussbett. Immer wieder schaute McQuade auf ihrer Fährte zurück. Als die Sonne fast senkrecht über ihnen stand, hielt McQuade an. „Wir machen eine Pause.“

Erin Murphy, dessen Kopf vor der Brust baumelte, schaute den Kopfgeldjäger mit erloschenem Blick an. „Ich – ich bin am Ende“, murmelte er, und sogar das Sprechen schien ihm Mühe zu bereiten.

McQuade saß ab und half dem Cowboy, vom Pferd zu steigen. Murphy sank sofort zu Boden. Gray Wolf legte sich vor ihn hin und ließ ihn nicht aus den Augen. Der Kopfgeldjäger nahm die Wasserflasche vom Sattel und warf sie neben Murphy auf die Erde. Dann holte er das Gewehr aus dem Scabbard und stieg auf den Hügel, der sich östlich von ihnen erhob.

Von Verfolgern war nichts zu sehen.


*

McQuade kehrte zu Murphy zurück. Der Cowboy hatte sich flach auf den Rücken gelegt und hielt die Augen geschlossen. Die Strapazen der vergangenen Stunden und die Verwundung hatten unübersehbare Spuren in sein Gesicht gegraben. Er sah um zehn Jahre gealtert aus. McQuade fragte sich, ob Murphy den Ritt nach Tucson schaffen konnte. Er schätzte, dass noch fünfundzwanzig Meilen vor ihnen lagen.

„He, Murphy.“ McQuade war auf die Hacken niedergegangen.

Der Weidereiter öffnete die Augen. Sie glänzten fiebrig. Er wollte etwas sagen, aber seine Stimmbänder gehorchten nicht.

„Wir brauchen etwas zu essen“, sagte der Kopfgeldjäger. „Wie weit ist es von hier aus nach Red Rock?“

„Ich schätze, zehn Meilen“, krächzte Murphy, dann hustete er.

„Wirst du diese Strecke schaffen, wenn wir jetzt eine Stunde pausieren?“

„Lass mich einfach hier zurück, McQuade“, stammelte der Cowboy. „Es – es hat keinen Sinn. Ich glaube nicht, dass uns das Aufgebot noch verfolgt. Besorge etwas Essbares und komm zurück, McQuade.“

„Auf keinen Fall“, lehnte der Texaner ab und drückte sich hoch. „Ich glaube nämlich nicht, dass die Leute aus Wymola aufgegeben haben. Wer war eigentlich die Frau, die so laut nach einem Strick für dich geschrieen hat?“

„Walkers Tochter.“

„Also jene Lady, die du beleidigt hast.“

„Sie ist eine Hure.“

McQuade holte sein Rauchzeug aus der Manteltasche und drehte eine Zigarette. Als sie brannte, schob er sie Murphy zwischen die Lippen. Dann drehte sich der Texaner selbst eine Zigarette. Tief inhalierte er den ersten Zug. Besorgt schaute er in das eingefallene Gesicht des Cowboys. Murphy war eingeschlafen. McQuade nahm ihm die Zigarette aus dem Mund und schnippte sie in den Fluss. Als er seine Zigarette geraucht hatte, legte er sich das Gewehr auf die Schulter und stieg noch einmal auf den Hügel. Und jetzt sah er die Reiter, die am Flussufer in ihre Richtung zogen. Es waren nur noch fünf. Der Rest des Aufgebots schien aufgegeben zu haben und war wohl nach Wymola zurückgekehrt. Vielleicht hatte sich das Aufgebot geteilt, und die andere Gruppe war nach Red Rock geritten, um ihn und Murphy gegebenenfalls dort aufzustöbern.

Verbittert presste McQuade die Lippen zusammen. Dann lief er den Abhang hinunter, beugte sich über Murphy und rüttelte ihn leicht an der gesunden Schulter. Murphys Lider flatterten, dann öffnete er die Augen, und mit dem stupiden Ausdruck des Nichtbegreifens schaute er in das Gesicht über sich.

„Sie kommen!“, knirschte McQuade. „In wenigen Minuten werden sie hier sein. Du musst noch einmal all deine Kraft und deinen Willen aufbieten, Murphy.“

„Ich will nicht mehr, McQuade. Wenn sie mich aufhängen, ist das wahrscheinlich eine Erlösung. Hau du ab, McQuade. Bring dich in Sicherheit.“

„Du schaffst es. Komm, ich helfe dir. Ich bringe dich zwischen die Hügel. Und dann …“

Er hielt Murphy die rechte Hand hin, der Cowboy ergriff sie mit seiner Linken, McQuade zog ihn in die Höhe. Schwankend stand Erin Murphy. McQuade führte ihn zum Pferd und half ihm in den Sattel. Dann saß auch er auf dem Pferderücken. Sie ritten an. Gray Wolf streckte sich und gähnte, dann lief er hinterher.

Sie verließen den Fluss und ritten zwischen die Hügel. Je weiter sie sich vom Wasser entfernten, umso spärlicher wurde die Vegetation. McQuade umritt die Inseln aus verstaubtem Gras und hielt sich auf dem von der Sonne hart gebackenen Boden, wo die Hufe kaum Spuren hinterließen.

Nach einer Meile etwa fiel Murphy vom Pferd. Reglos lag er am Boden. McQuade sprang aus dem Sattel, beugte sich über den Cowboy und drehte ihn auf den Rücken. Murphys Mundwinkel zuckten. Er war in der zwielichtigen Welt der Trance versunken.

McQuade packte ihn unter den Achseln und schleifte ihn in den Schatten eines Busches. Das Pferd des Cowboys leinte er an einen Ast. Er saß auf und ritt ein Stück den Weg zurück, den sie gekommen waren. Schließlich postierte er sich auf einer Hügelkuppe. Dorniges Gestrüpp schützte ihn. Gray Wolf legte sich neben ihm auf den Boden und fiepte leise.

Nach etwa einer Viertelstunde kamen die fünf Reiter. Sie zogen aus einer Hügellücke. McQuade sagte sich, dass sie einen außergewöhnlich guten Fährtenleser bei sich haben mussten. Als sie näher kamen und er Einzelheiten unterscheiden konnte, entdeckte er in der Gruppe die hasserfüllte Tochter des Mannes, den Erin Murphy in Wymola erschossen hatte.

McQuade war klar, dass es Kampf geben würde.

Es gefiel ihm nicht – ganz und gar nicht, denn sicher handelte es sich bei den Männern aus Wymola um unbescholtene, rechtschaffene Bürger, die lediglich vom Hass dirigiert wurden und die sich verpflichtet fühlten, den Mörder eines der ihren zur Rechenschaft zu ziehen.

Als sie auf hundert Yards heran waren, feuerte McQuade eine Kugel über ihre Köpfe hinweg. Sie zerrten an den Zügeln und brachten ihre Pferde zum Stehen.

„Kehrt um und reitet nach Hause!“, rief McQuade. „Ich werde mich nicht scheuen, eure Pferde zu erschießen. Und zu Fuß wird der Weg nach Wymola sicher verdammt weit.“

McQuade hörte die schrille, hysterische Stimme der Frau, was sie rief konnte er allerdings nicht verstehen. Plötzlich trieb sie ihr Pferd an. Die anderen vier Reiter zögerten noch eine Weile, doch dann folgten sie Wanda Walker, die nach Norden jagte.

McQuade zielte kurz, dann drückte er ab.

Eines der Pferde brach vorne ein. Der Reiter überschlug sich einige Male am Boden. Das Tier kippte zur Seite, schlegelte noch einige Male mit den Hufen, dann lag es still. Der Mann am Boden kroch in den Schutz des Tierleibes und zog sein Gewehr aus dem Scabbard. Er brüllte irgendetwas, aber seine Worte gingen im Hufgetrappel, das seine Begleiter verursachten, unter.

Wanda Walker stob zwischen die Anhöhen und verschwand aus McQuades Blickfeld. Augenblicke später sah er auch die drei anderen Reiter nicht mehr. Die Hufschläge waren nur noch als verschwommenes Rumoren wahrzunehmen.

McQuade zog sich zurück, lief zu seinem Pferd, das er ein Stück hangabwärts abgestellt hatte, sodass es die Ankömmlinge nicht sehen konnten, war mit einem kraftvollen Satz im Sattel und trieb das Tier an.

Bei Murphy angekommen riss er den Falben in den Stand und sprang ab. Der Cowboy hatte die Augen offen. „Ich – ich habe einen Schuss gehört und – und dachte schon, sie hätten dich erwischt“, stammelte er mit matter Stimme, als kostete ihm jedes Wort übermenschliche Anstrengung.

„Ich habe einem von ihnen das Pferd unter dem Hintern weggeschossen“, erklärte McQuade. „Sie sieht es bei dir aus? Geht es wieder? Schaffst du es aufs Pferd?“

„Ich muss hinauf“, stieß der Weidereiter hervor. Seine Lethargie, seine Gleichgültigkeit schien verflogen zu sein. Er kämpfte wieder um sein Leben, und das stimmte McQuade hoffnungsvoll. Er band das Pferd Murphys los und half dem Cowboy, auf die Beine zu kommen. Erin Murphy wankte zum Pferd, lehnte sich sekundenlang gegen das Tier, dann stieg er stöhnend und ächzend in den Sattel.

In dem Moment erschienen auf einem Hügelrücken Wanda Walker und ihre drei Begleiter. Sie nehmen die beiden Männer, die sie verfolgten, in der Senke wahr und spornten ihre Pferde an. In einer auseinander gezogenen Reihe jagten sie den Abhang hinunter, und gleich darauf fielen die ersten Schüsse.

Aber die Entfernung war selbst für ein Gewehr zu groß.

„Reite nach Süden, Murphy!“, schrie McQuade. „Ich versuche sie aufzuhalten. Wenn du wieder auf den Fluss stößt, dann folge ihm einfach.“

Erin Murphy trieb sein Pferd an.

McQuade saß auf und ritt ihren Verfolgern entgegen. Er hielt die Henrygun am Kolbenhals fest, mit der Kolbenplatte stand sie auf seinem Oberschenkel. Als die Reiter auf Gewehrschussweite heran waren, sprang er ab, benutzte sein Pferd als Deckung und den Sattel als Auflage für das Gewehr. Eine Patrone befand sich in der Kammer. Er schoss stehend aufgelegt, und eines der Pferde seiner Gegner brach zusammen. Der Reiter flog wie von einem Katapult geschleudert durch die Luft, krachte auf den Boden und blieb liegen.

Die anderen drei Reiter drehten wild feuernd ab. Sie schossen blindwütig und ungezielt. McQuade musste allenfalls einen Zufallstreffer fürchten. Er zielte sorgfältig und zog langsam durch, als der Stecher den Druckpunkt erreichte, hielt er die Luft an, dann peitschte der Schuss. Ein weiteres Pferd brach zusammen. Es war das Tier, auf dem Wanda Walker saß. Sekundenlang lag die Frau wie tot am Boden, dann robbte sie zu dem toten Pferd und benutzte den Kadaver als Deckung.

McQuade schwang sich auf den Pferderücken und folgte Murphy.

Einerseits war er nicht glücklich darüber, weil er drei Pferde erschossen hatte. Andererseits aber war er zufrieden mit dem Ergebnis, denn fünf Leute konnten ihnen auf zwei Pferden kaum folgen. Ein Pferd konnte allenfalls zwei Reiter tragen …

McQuade ließ den Falben laufen.


*


Er holte Erin Murphy ein. Steigbügel an Steigbügel zogen sie am Santa Cruz River entlang. Blutsaugende Mücken, die der Schweißgeruch anzog, quälten sie. Unablässig sicherte McQuade in die Umgebung, immer wieder schaute er zurück. Sein Instinkt meldete Gefahr. Die Ruhe, die über allem zu lagern schien, war trügerisch. McQuade glaubte nicht daran, dass Wanda Walker aufgegeben hatte. Sie wurde vom Hass getrieben – ein Hass, der auf keinen Fall unterschätzt werden durfte. Sie wollte Erin Murphy tot sehen.

Der Kopfgeldjäger schloss nicht aus, dass ihre Gegner sie überholten und irgendwo weiter südlich erwarteten. Er kam mit dem verwundeten Cowboy nur langsam vorwärts. Selbst wenn zwei auf einem Pferd ritten, konnten sie schneller sein als das Wild, das sie jagten.

Ein Fluss, der von Süden herauf kam, mündete in den Santa Cruz River. Einem jähen Entschluss folgend sagte McQuade: „Wir reiten am Brawley Wash in südliche Richtung. Er durchfließt das Aura Valley. Dort gibt es Wald – viel Wald.“

Sie ritten in den Santa Cruz River hinein. In der Flussmitte reichte das Wasser den Pferden bis an die Bäuche. Die Tiere mussten nicht schwimmen. Die Strömung war nicht sehr stark. Auf der anderen Seite kämpften sich die Pferde die Uferböschung hinauf. Ehe sie ins Ufergebüsch ritten, schaute McQuade über die Schulter. Und er sah ihre Verfolger. Jedes der beiden Pferde trug zwei Reiter. Der fünfte Mann war zurückgeblieben.

„Hölle“, knurrte McQuade. „Sie wissen jetzt, dass wir die gerade Route nach Tucson verlassen haben. Wir werden also keine Ruhe vor ihnen haben.“

Die Zweige des Ufergebüsches zerrten an ihren Hemden und peitschten gegen ihre Schultern. Unter den Hufen zerbrachen mit trockenem Knacken dürre Äste. Sie zogen am Westufer des Brawley Wash nach Süden. Vor ihnen buckelten Hügel, sie blieben am Fluss und durchritten einen Canyon, der nach etwa zwei Meilen endete und den Blick auf das Aura Valley frei gab.

Ohne anzuhalten ritten sie weiter. Eine Viertelmeile weiter erhob sich ein bewaldeter Hügel. Das Unterholz am Waldrand mutete geradezu undurchdringlich an. Sie hielten in gerade Linie darauf zu und entfernten sich mehr und mehr vom Fluss. Bis zum Wald erstreckte sich Grasland, das von Sträuchern durchsetzt war. Die Sonne stand im Südwesten.

Sie erreichten den Waldrand, ritten ein Stück an ihm entlang nach Osten, und an einer Stelle, an der das Unterholz nicht ganz so dicht stand und ineinander verflochten war, drangen sie in den Wald ein. Die Pferde scheuten, aber die Reiter nahmen sie hart in die Kandare. Dann endete das Dickicht. Uralte Bäume erhoben sich zum Himmel, zwischen ihnen wuchs kniehohes Beerenkraut. Hier und dort vermoderte ein entwurzelter oder abgebrochener Baum. Die Wipfel der Bäume bildeten ein dichtes Dach, unter dem es ziemlich düster war, und nur vereinzelte Lichtstrahlen drangen hindurch und malten gelbe Kringel auf den Waldboden.

Kein Luftzug regte sich im Wald. Ein weicher Teppich aus braunen, abgestorbenen Nadeln und faulenden Blättern dämpfte die Hufschläge. Der Geruch von Harz stieg den Reitern in die Nase. Oft mussten sie sich ducken, um tief hängenden Ästen auszuweichen.

Das Gelände stieg an. Schließlich überquerten sie den Hügelrücken und es ging wieder hinunter. Die Waldzunge erstreckte sich weit in eine Senke hinein. Der Wald endete und sie ritten wieder über Grasland. Die Spuren, die ihre Pferde hinterließen, waren deutlich auszumachen. Sie zogen sich wie zwei dunkle Striche durch das staubige Gras.

Die Verfolger ließen nichts mehr von sich sehen. Doch McQuade war sich sicher, dass sie nicht aufgegeben hatten. Möglicherweise hatten sie seine Absicht, Erin Murphy nach Tucson zu bringen, durchschaut, und ritten ohne Umwege dorthin, um ihn und den Cowboy in Empfang zu nehmen, sobald sie sich der Stadt näherten.

Und sie würden ihnen nicht offen gegenübertreten. Nachdem er, McQuade, drei ihrer Pferde erschossen hatte, musste ihnen klar sein, dass er tödlich gefährlich war und nicht auf die leichte Schulter genommen werden durfte. Also würden sie kein Risiko mehr eingehen. Gegen eine Kugel aus dem Hinterhalt aber war auch er nicht gefeit.

Du musst ihnen zuvorkommen!, fuhr es ihm durch den Kopf. Ja, du musst sie ausschalten, ehe sie sich postieren können. Der jähe Entschluss veranlasste ihn, sein Pferd zu parieren. Murphy merkte es und hielt ebenfalls an. „Was ist?“

„Reite alleine weiter, Murphy. Es wäre dumm von mir, darauf zu warten, dass sie uns aus dem Hinterhalt abknallen. Das werden sie aber, wenn ich ihnen nicht zuvorkomme.“

„Sie haben keine Ahnung, wohin wir reiten“, gab der Cowboy zu bedenken.

„Dessen bin ich mir längst nicht mehr sicher“, versetzte McQuade. „Solltest du Tucson vor mir erreichen, Murphy, dann geh zum County Sheriff und erzähle ihm deine Geschichte. Tust du es nicht, wird man dich innerhalb kürzester Zeit zur Fahndung ausschreiben und jeder, der dich erkennt, darf dich ohne jede Vorwarnung erschießen. Ein solches Leben ist nicht erstrebenswert.“

„Es ist sicher auch nicht erstrebenswert, mit einem Strick um den Hals durch eine Öffnung zu fallen und sich das Genick zu brechen“, brach es über Murphys rissige Lippen.

„Man wird dich nicht hängen, Murphy, selbst dann nicht, wenn das Gericht zu der Überzeugung kommt, dass du Charles Walker nicht in Notwehr getötet hast. Fakt ist, dass er einen Revolver unter der Jacke hervorzog und auf dich anschlug. Schlimmstenfalls schicken sie dich für ein paar Jahre ins Gefängnis.“

Erin Murphy nickte wiederholt. „Du hast sicherlich recht, McQuade. Ich stehe hoch in deiner Schuld. Ohne dich wäre ich schon kalt und steif. In Ordnung, ich stelle mich dem County Sheriff. Als Verfemter durchs Land zu reiten ist wohl in der Tat nicht erstrebenswert.“

„Dann hau ab, Murphy. Versuche durchzuhalten.“

„Halt die Ohren steif, McQuade.“ Erin Murphy ritt weiter.

McQuade wendete den Falben und ritt nach Norden. Er hatte die Rollen getauscht. Aus dem Gejagten wurde ein Jäger.

Als der Texaner sich sicher sein konnte, dass ihnen Wanda Walker und ihre Gefolgsleute nicht ins Aura Valley gefolgt waren, durchquerte er den Creek und wandte sich in östliche Richtung. Er erreichte den Santa Cruz River und ritt am Westufer des Flusses entlang in Richtung Tucson. Der Kopfgeldjäger ließ den Falben laufen. Ab und zu drosselte er das Tempo, um dem Pferd eine Pause zum Verschnaufen zu geben, aber dann trieb er das Tier wieder in raumgreifenden Galopp.


*


Die Sonne stand schon weit im Westen. Die Schatten wuchsen schnell über die aufgeheizte Erde. Der Reitwind kühlte McQuades Gesicht. Nur das Trommeln der Hufe umgab ihn. Doch er blieb wachsam. Und er war angespannt bis in die letzte Faser seiner Körpers. Auf gedankenschnelle Reaktion eingestellt sicherte er in alle Richtungen.

Und als die Sonne langsam hinter den Horizont versank, sah er weit vor sich die beiden Pferde. Auf diese Entfernung war nicht auszumachen, dass jedes der Tiere zwei Reiter trug. Dennoch war sich der Kopfgeldjäger sicher, Wanda Walker und ihre Gefährten vor sich zu haben.

Die Rechnung McQuades war aufgegangen. Das Quartett war davon ausgegangen, dass er mit Murphy nach Tucson wollte. Und vor der Stadt wollte es sie erwarten und ihnen einen tödlichen Empfang bescheren.

McQuade ritt einen weiten Bogen, und als er sich sicher war, dass er die vier überholt hatte, wandte er sich wieder zum Santa Cruz River. In einer Buschgruppe stellte er den Falben ab, mit der Henrygun in den Händen wartete er am Rand des Strauchwerks.

Als nur noch ein fingerdicker Rand der Sonnenscheibe über dem Horizont zu sehen war, tauchten die Verfolger auf. Die Pferde, die eine doppelte Last zu tragen hatten, gingen mit hängenden Köpfen und zogen die Hufe müde über den Boden. Wanda Walker saß vor einem der Männer auf dem Pferd. Mit der Rechten führte er die Zügel, den linken Arm hatte er um den Leib der Frau gelegt.

Sie ritten ahnungslos an McQuade vorüber. Der Kopfgeldjäger sah die Frau zum ersten Mal bei Tageslicht. Sie besaß ein schmales, gebräuntes Gesicht. Ihr Mund war sinnlich geschnitten, die Nase war klein und gerade, die Augen wirkten mandelförmig. Ihre Augenbrauen waren schwarz. McQuade tippte, dass ihre Mutter eine Mexikanerin oder Südamerikanerin war. Und er musste sich eingestehen, dass sie Rasse besaß und ausgesprochen hübsch war.

Aber sie war eine Teufelin. Der Hass in ihr kannte keine Zugeständnisse. Sie wollte töten – sie wollte Erin Murphy hängen. Die drei Burschen, die mit ihr ritten, waren jung, und sicherlich waren sie der Schönheit Wanda Walkers verfallen. Sie fungierten als ihre willigen Werkzeuge.

Salbeibusch-Justiz!

Als das Land noch wild und rechtlos war und sich seine Bürger gegen Räuber, Mörder, Vergewaltiger und Brandstifter zur Wehr setzen mussten, mochte diese Art von Recht legitim gewesen sein. Die Zeiten aber hatten sich geändert. Es gab ein geschriebenes Gesetz. Lynchjustiz war Mord.

Um ihren Rachedurst zu stillen, um ihre tödliche Leidenschaft abzureagieren nahm Wanda Walker einen Mord in Kauf.

Und darum nahm sich McQuade vor, keine Rücksicht darauf zu nehmen, dass sie eine Frau war. Das Recht auf Rücksichtnahme hatte sie verwirkt.

Der Kopfgeldjäger wartete, bis sie etwa vier Pferdelängen von ihm entfernt waren, dann trat er aus dem Gestrüpp, nahm das Gewehr an die Hüfte und rief: „Falls ihr mich sucht – ich bin hier.“

Die Pferde standen augenblicklich, stampften auf der Stelle und eines der Tiere scharrte mit dem Vorderhuf über den Boden.

„Steigt ab und hebt die Hände!“, kommandierte der Texaner. Seine Stimme hatte den Klang zerbrechenden Stahls. Seine Augen blickten hart wie Bachkiesel.

Jetzt zerrten sie die Pferde herum. McQuade entging nicht der heimtückisch-lauernde Ausdruck in ihren Augen. Sekundenlang taxierten und erforschten sie ihn. Plötzlich rief Wanda Walker: „Wo hast du denn Murphy gelassen, Sattelstrolch?“

„Er ist in Sicherheit.“

„Er hat meinen Vater ermordet. Mich hat er als Flittchen bezeichnet. Murphy hat sein Leben verwirkt. Und du, als du dich auf seine Seite gestellt hast, das deinige.“

„Im Moment sieht es ganz so aus, als säße ich am längeren Hebel, Lady. Ich fordere Sie und Ihre Begleiter jetzt zum letzten Mal auf, abzusteigen und die Hände zu heben.“

„Und dann?“

„Dann werdet ihr die Waffen ablegen und euch zu Fuß auf den Rückweg machen. Ein Fußmarsch durch die Nacht wird ihren glühenden Hass sehr schnell abkühlen, Ma’am.“

Einer der Kerle auf dem anderen Pferd rief: „Du kannst uns doch nicht …“

„Doch!“, schnitt ihm McQuade kalt und schroff das Wort ab. „Ich kann.“

„Du dreckiger Hund!“, giftete der Bursche und trieb das Pferd brutal mit den Sporen an. Das erschreckte Tier stob los. Die Absicht des Kerls war, McQuade niederzureiten. Das Gewehr in den Händen des Kopfgeldjägers zuckte ein wenig herum, der Schuss peitschte, das Pferd brach vorne ein, schlitterte ein Stück über den Boden und legte sich auf die Seite.

Der Bursche, der hinter Wanda Walker auf dem Pferd saß, glaubte seine Chance zu erkennen und griff nach dem Revolver. Er bekam das Eisen auch aus dem Holster, ehe er es aber auf den Kopfgeldjäger richten konnte, brüllte dessen Gewehr erneut auf und das Pferd, auf dem Wanda Walker und der Bursche saßen, brach wie vom Blitz getroffen zusammen.

McQuade repetierte sofort, die leere Hülse wurde ausgeworfen.

Der Mann, der McQuade über den Haufen reiten wollte, kam jetzt halb hoch und zog den Revolver. McQuade schoss. Das Blei fuhr dem Burschen in die Schulter und riss ihn halb herum. Er brüllte auf, sein Schuss löste sich, aber die Kugel bohrte sich, ohne Schaden anzurichten, zwei Schritte vor dem Schützen in den Boden.

McQuade stieß sich ab und flog durch die Luft. Im selben Moment donnerte der Colt des Burschen, der zusammen mit der rachsüchtigen Lady auf dem Pferd gesessen hatte. Noch ehe der Kopfgeldjäger mit beiden Beinen gleichzeitig landete, drückte er ab. Der Bursche bäumte sich auf, sein Schießeisen wirbelte durch die Luft und klatschte ins Gras, dann kippte der Getroffene über seine Absätze nach hinten und schlug lang hin.

Pulverdampf wurde vom schralen Wind zerpflückt. Das letzte Echo der Schüsse war verhallt. Der Bursche, der eine Kugel in die Schulter bekommen hatte, wimmerte leise. Der andere, der mit ihm auf dem Pferd gesessen hatte, saß am Boden, starrte McQuade fassungslos an und war zu keiner Reaktion fähig. Wanda Walker lag auf allen vieren. Sie hatte den Stetson verloren, und ihre langen, schwarzen Haare, die sie unter dem Hut hochgesteckt getragen hatte, hingen über ihre Schultern und fielen auf ihren Rücken.

Jetzt überwand sie ihre Erstarrung und erhob sich. Sie beugte sich über den Burschen, der neben dem toten Pferd der Länge nach am Boden lag und sich nicht rührte. Tonlos stieß sie hervor: „Du hast Brent getötet, Sattelstrolch.“

„Er hat es sich selber zuzuschreiben“, versetzte der Kopfgeldjäger kühl. „Du musst ihn von der Liste deiner Liebhaber streichen.“

Ihr Mund verzerrte sich und sah jetzt gar nicht mehr sinnlich aus. Hass glitzerte in ihren Augen. Plötzlich eiste sie ihren Blick von McQuade los, richtete ihn auf den Revolver, der neben dem Toten im Gras lag, sie bückte sich und raffte das Schießeisen an sich.

„Lassen Sie das, Ma’am!“, forderte McQuade sie auf und richtete das Gewehr auf sie.

Doch Wanda Walker befand sich wie in einem Rausch. Sie war besessen. Den Griff des schweren Coltrevolvers mit beiden Händen umklammernd schlug sie die Waffe auf den Texaner an. Es knackte metallisch, als sie den Hahn in die Feuerrast zog.

Doch nun schüttelte der dritte Bursche seine Lähmung ab. Er fühlte sich unbeobachtet. Seine Hand fuhr zum Revolver. McQuade nahm die Bewegung aus den Augenwinkeln wahr. Er ließ sich auf die Knie niederfallen. Der Bursche und Wanda Walker feuerten gleichzeitig. Keiner fand mehr die Zeit, sich auf das so jäh veränderte Ziel einzustellen. Ihre Kugeln pfiffen über den Kopfgeldjäger hinweg. Dieser feuerte auf den Mann und sah, wie ihn das schwere Geschoss auf den Rücken warf. McQuade ließ sich auf die Seite fallen und rollte zweimal herum. Dann lag er auf dem Bauch und die Mündung der Henrygun wies auf Wanda Walker. Deren Hände mit dem Revolver aber waren nach unten gesunken. Mit Augen, in denen sich Entsetzen, Angst und Fassungslosigkeit spiegelten, starrte sie den Kopfgeldjäger an. Ihre Lippen formten tonlose Worte. Und auf ihrer Hemdbrust vergrößerte sich schnell ein dunkler, feuchter Fleck.

Die Kugel des Burschen, der zugleich mit ihr geschossen hatte, war ihr in die Brust gefahren.

Sie wankte. Ihr Kinn sank auf die Brust. Ihre Hände öffneten sich und der Revolver fiel auf den Boden. Im nächsten Moment brach Wanda Walker zusammen. Ein verlöschendes Röcheln stieg aus ihrer Kehle, dann rollte ihr Kopf auf die Seite und ihre Augen brachen.

McQuade stand auf. Staub rieselte von seinem Mantel. Er spürte einen bitteren Geschmack in der Mundhöhle. Mit kurzen, abgezirkelten Schritten ging er zu dem Burschen hin, den seine letzte Kugel gefällt hatte. Er stöhnte. Mit jedem Herzschlag pulsierte Blut aus der Wunde in seiner rechten Brustseite. McQuade war klar, dass es hier in der Wildnis keine Rettung für ihn gab. Er hob den Revolver des Mannes auf und schleuderte ihn fort.

Der Kopfgeldjäger wandte sich dem Burschen zu, der seine Kugel in die Schulter bekommen hatte. Er hatte den Revolver weggeworfen und presste die Hand auf die Wunde. Blut sickerte zwischen seinen Fingern hindurch. Sein Gesicht war krankhaft bleich. Er hatte für seine blinde Hörigkeit einen hohen Preis bezahlen müssen. Die Erschütterung stand ihm ins Gesicht geschrieben, in seinen Augen tobte der Schmerz.

McQuade schaute auf Wanda Walker hinunter. Blicklos starrte sie zum Himmel hinauf, der sich in der Zwischenzeit grau verfärbt hatte, ihre ebenmäßigen Züge zeigten nur noch die absolute Leere des Todes. „Dein Hass hat dich in die Hölle geführt, Lady“, murmelte McQuade. „Und ein paar Burschen, die wahrscheinlich nicht mal einen schlechten Kern hatten, hast du mit in den Abgrund gerissen. Nun, vielleicht gibt es jemand, vor dem du dich verantworten musst. Wenn es so ist, dann – schätze ich –, hast du einen verdammt schlechten Stand, Lady.“

„Ich verblute!“, keuchte der Bursche mit der zerschossenen Schulter.

McQuade wandte sich ihm zu. „Auch dich bringe ich nach Tucson, mein Freund. Du wirst dem County Sheriff gegenüber Rechenschaft ablegen. Diese drei können wir nicht mitnehmen. Der dort wird in der nächsten halben Stunde sterben. Wenn ich sie beerdigt habe, reiten wir. Ich werde dich zu mir aufs Pferd nehmen. Solltest du auf krumme Gedanken kommen, wirst du nach Tucson laufen.“


*


Es war finster, als McQuade den Platz des Todes verließ. Drei Grabhügel blieben zurück. Namenlose Gräber. Irgendwann würde sie der Wind eingeebnet haben.

Als der Morgen graute, lag Tucson vor dem Kopfgeldjäger.

McQuade ritt zwischen die ersten Häuser. Auf dem Rand eines Tränketroges saß ein Mann. Sein Pferd stand am Holm. Jetzt erhob er sich. „McQuade!“ Seine Stimme klang staubheiser.

Der Kopfgeldjäger zügelte das Pferd. „Es war klug von dir, Murphy, nach Tucson zu reiten.“

„Ich habe es dir versprochen, McQuade. Deine Worte haben mich überzeugt. Ich bin bereit, die Konsequenzen für meinen Schuss auf Walker zu tragen. Es ist wohl so, dass man vor seiner Vergangenheit nicht weglaufen kann.“

„Nein, Murphy, sie holt einen immer wieder ein. Das ist so. Flucht ist keine Lösung.“

„Es hat einen Kampf gegeben, nicht wahr?“

„Ja. Ich werde dem County Sheriff Bericht erstatten und dann hörst du, was sich zugetragen hat.“

Murphy band sein Pferd los und nahm es am Zaumzeug. „Gehen wir. In einer Stadt wie Tucson ist das Sheriff’s Office sicherlich auch die Nacht über besetzt.“

Murphy setzte sich in Bewegung und zerrte das Pferd mit sich.

McQuade trieb den Falben an und ritt langsam hinter Erin Murphy her.


E N D E

Glatte Rechnung

Wildwest-Roman von Larry Lash




Der Umfang dieses Buchs entspricht 182 Taschenbuchseiten.


Die Rechnung schien nicht aufzugehen. Sie war glatt, zu unkompliziert.

Ein Mann sucht seinen Bruder. Er nimmt an, nur auf einer heißen Fährte zu reiten, befindet sich jedoch schon mitten drin in der Hölle, in einem Hexenkessel, aus dem es scheinbar kein Entrinnen mehr gibt.

Und Ruel Duke ist bereit, die Rechnung zu begleichen, die man ihm servierte. Er wächst mit seinen Aufgaben, bäumt sich gegen das Schicksal auf, das ihn in die Ecke treibt, stemmt sich gegen eine zwiegesichtige Meute und begleicht die Rechnung mit rauchenden Revolvern.

Er ist zwar kein Übermensch, kein Allroundmann! Nein, er ist lediglich ein Mann, der am Boden lag und sich doch wieder empor kämpfte.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Edward Martin/ Schottland, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de




1.

Den ersten Eindruck, den Ruel Duke von Pete Couver hatte, war, dass er an einen prächtigen Königstiger erinnert wurde. Unwillkürlich stimmte ihn dieser Eindruck wachsam, denn yeah, wenn man ihm auch allerlei von Pete Couver vor seinem Ritt hierher erzählt hatte, die Wirklichkeit übertönte alles.

Dort, genau zehn Yards von ihm entfernt, stand Pete Couver hinter dem Schaukelstuhl eines beleibten Mannes, dessen aufgedunsenes, schweißtriefendes Gesicht von einem rot gesprenkelten Taschentuch hin und wieder abgewischt wurde. Der Mann im Schaukelstuhl räkelte sich faul. Eine schwarze Zigarre hing zwischen seinen wulstigen Lippen. Sie wanderte von rechts nach links und wieder zurück, und dabei sprach Dave Stratton, so hieß der Dicke, unaufhörlich auf Pete Couver ein.

Beide, der unförmige Dicke und Couver, gaben sich keine Mühe, ihre Neugierde auf den Fremden zu verbergen, der auf einem blau-fleckigen Pferd von unerhörter Hässlichkeit saß, lässig an die heruntergebogene Stetsonkrempe tippte, seinen müden Wallach stoppte und fragte: „Hallo, ist das der einzige Saloon in dieser öden Gegend?“

Der Dicke nahm langsam die Zigarre aus dem Mund und spuckte zur Seite, ohne den Kopf dabei zu drehen.

Seine unter buschigen Brauen und Fettpolstern versteckten kleinen Wieselaugen nahmen einen spöttischen Ausdruck an. Er entgegnete nichts, sondern räkelte sich nur ein wenig, wobei der Liegestuhl gefährlich ächzte, schloss gelangweilt die Augen und blies den Rauch der Zigarre durch die Zähne.

Ganz anders dagegen verhielt sich Pete Couver. Der Blick seiner bernsteinfarbenen Augen saugte sich an Ruel fest, tastete gründlich über den jungen, abgehärmten Cowboy hinweg. Nun, was er sah, war nicht beunruhigend.

Couver verstand sich darauf, einen Mann nach gewissen Anzeichen einzustufen. Er hatte sich sozusagen eine Rangliste zurechtgelegt, in der er sie allesamt unterbrachte. Der Fremde auf dem Blaugefleckten jedoch war offensichtlich noch zu jung, um in eine Sparte seiner Tabelle hineinzupassen.

Dunkle Schatten hingen um seinen Augen. Schatten, die eine verklungene Krankheit hinterlassen

haben konnte. Dazu passte der Ausdruck der hellen Grauaugen. Sie wirkten verschleiert, weltfremd und waren von Resignation erfüllt. Seine Bewaffnung bestand aus einem Colt, dessen Knauf aus der lose herabhängenden Jacke herausragte, und machte nicht gerade einen gefährlichen Eindruck.

Couver warf noch einen flüchtigen Blick auf die Ausrüstung, und dann hatte er sich sein endgültiges Urteil gebildet.

„Es gibt so viele Whiskyquellen hier, dass du darin baden könntest“, grinste er. „Für dich wäre allerdings ein Glas Milch angebrachter.“

„Vielen Dank, Sir“, erwiderte Ruel freundlich, so, als hätte er den Spott in Couvers Worten nicht gehört.

Er schwang sich steifbeinig aus dem Sattel, schlug sich mit dem Stetson gegen seine Kleidung, so dass dicke Staubwolken daraus hervorquollen.

„Weit geritten, Stranger?“, hörte er Couvers dunkle Stimme fragen.

„Es reicht“, gab er zurückhaltend zu verstehen.

„Auf Arbeitssuche?“

Ruel hob überrascht den Kopf. Nun, man hatte ihm nicht erzählt, dass Couver ausgesprochen neugierig war. Couver trat vom Schaukelstuhl fort, näher zur Veranda hin, und blickte über das Geländer hinweg auf ihn herab.

Er war so nahe, dass Ruel das weiße Flechtwerk von kleinen Narben in seinem Gesicht sehen konnte. Diese kleinen Narben störten ein wenig die herbe Schönheit dieses breitflächigen, wie aus rauem Basaltstein gehauenen Gesichts.

Der Dicke hob seine Fettmassen aus dem Schaukelstuhl, blinzelte schläfrig herüber.

„Vielleicht kann man hier einen guten Cowboy gebrauchen“, sagte Ruel nachdenklich. „Ich werde mich wohl nach Arbeit umsehen müssen.“

Couver wandte sich dem Dicken zu, fragte: „Dave, willst du ihn haben?“

Der Dicke schüttelte den Kopf, streckte die Wurstfinger von sich und schnarrte: „Ich stelle nur die erste Garnitur ein. Lass ihn reiten, wohin er will!“

Bei diesen Worten legte er sich seufzend zurück, versank wieder in seinen Dämmerzustand.

Couvers schmale Lippen kräuselten sich zu einem höhnischen Grinsen.

„Du hast es gehört, Freund, dir steht der Weg nach allen Richtungen offen, und das, Buddy, ist eine Zusage, die noch nie einem Mann erteilt wurde.“

„Ich weiß das zu schätzen, Sir“, murmelte Ruel, nahm seinen Blauschecken am Zügel, zog ihn hinter sich drein an der Veranda vorbei bis zu den Holmen hin, die vor dem nächsten Gebäude standen.

Dort band er das Tier fest, rückte eine leere Futterkrippe vor sein Reittier, schnallte den Packen hinter dem Sattel los, und war gerade dabei, den Sattelgurt zu lösen, als ein braungebrannter Junge mit nackten Füßen heranschlenderte, sich beiläufig erkundigte: „Mister, kann ich das für Sie tun?“

Ruel schaute sich den Jungen an, fragte: „Wirst du dafür bezahlt?“

„Der Saloon gehört meinem Dad, und ich habe dafür zu sorgen, dass die Wünsche der Gäste erfüllt werden, Mister. Was darf es sein … Hafer, Häcksel oder eine Maisportion?“

„Nur das Beste, my boy.“

„Also Mais?“

„All right, und dazu klares Wasser. Er hat beides lange Zeit entbehren müssen.“

„Oh, dann sind Sie über den Death Lano gekommen, Mister?“, staunte der Boy ungläubig.

„Ich weiß nicht, wie man das Land dort im Süden nennt“, murmelte Ruel, zog den Bauchgurt des Pferdes los, hob den Sattel ab, warf ihn sich über die Schulter, und legte dem staunenden, braungebrannten Jungen sanft die Hand auf den Kopf.

„Du kannst es nicht so recht glauben, wie?“

„Nein“, kam es explosiv zurück. „Ein Mann, der aus dem Süden kommt, hat zumindest eine Winchester und ein Reservepferd bei sich, dazu zwei Eisen am Gurt. Oder aber er schließt sich einem Trupp harter Männer an, und dann sehen die Pferde meist sehr mitgenommen aus.“

„Mein Blauschecke kann sich von Disteln ernähren, und das ist viel wert“, lächelte Ruel. „In einer halben Stunde schaue ich nach, ob er gut versorgt ist, Boy!“

Er ließ den Jungen, der ihn mit verzogenem Gesicht anstarrte, einfach stehen. Es war ihm gleichgültig, ob er ihn für einen Schwindler oder Aufschneider hielt. Yeah, verteufelt gleichgültig war es ihm, ebenso wie Couvers Fehlurteil.

In einer Art konnte er sogar froh sein, dass Couver ihn für einen Mann gehalten hatte, der vom Norden und Westen kam, für einen harmlosen, abgebrannten Cowboy. Seine müden, verschleierten Augen ließen tief in der Iris gelbe Punkte sehen. Langsam sog er den Atem ein, schob sich den grauen, verwaschenen Stetson mit dem Daumen in den Nacken und schritt auf die Schwingtür zu, über deren Querbalken auf einem Schild zu lesen stand: „Himmelspforte“.

By Gosh, danach sah das Loch, das beim Aufschwingen der Tür sichtbar wurde, wahrlich nicht aus!

„Höllenloch“, hätte besser gepasst.

Blauer Qualm schlug Ruel entgegen. Aber es waren keine Rauchschwaden, die ein Höllenfeuer ausstieß, sondern nur der Rauch, den brennender Tabak zurückließ.

Hinter der Theke stand auch kein Erzengel, wie man nach dem vielversprechenden Saloonnamen vermutet haben könnte, sondern ein kümmerliches Männlein mit feuchter Stupsnase und Hornbrille.

Beim Anblick des Eintretenden riss er weit die Augen auf, sagte erstaunt: „Hallo!“

„Hallo!“, entgegnete Ruel mit der gleichen Betonung.

„Ich suche ein sonniges Zimmer und eine erstklassige Küche.“

„Und den besten Whisky, Stranger“, ergänzte der Keeper mit einem vergnüglichen Grinsen. „Sie können alles bekommen, vorausgesetzt natürlich, dass Sie bezahlen können!“

Sein Grinsen erlosch, misstrauisch betrachtete er den neuen Gast.

„Den Whisky können Sie selbst trinken“, lächelte Ruel höflich, und diese Worte verstärkten das Misstrauen des Keepers. Für einen Mann, dessen Geschäft auf dem Ausschank von Whisky aller Qualitäten basierte, war es geradezu eine Beleidigung, zu erfahren, dass es auch Männer gab, die von dem Gesöff nichts hielten.

Der Keeper betrachtete Ruel plötzlich genauer, und dann wusste er, dass für diesen harmlosen, krank aussehenden Gast die Himmelspforte nicht das richtige Lokal war.

Dieser Mann machte sich anscheinend nichts aus den Ladies, die grell geschminkt, mit dünnen Flitterkleidchen behangen, von Tisch zu Tisch zogen. Schillernden Schmetterlingen gleich, die ständig auf der Suche nach neuer Nahrung waren.

Und er beachtete auch nicht die verschiedenen, mit leuchtenden Etiketten geschmückten Flaschen auf den Regalen, die jedem Feinschmecker höchsten Genuss verraten hätten. Nein, Ruel lächelte nur müde und seltsam abwegig, als sein Blick in die Runde ging, so, als ob er keinen Gefallen an der Atmosphäre dieses Saloons finden könnte.

Er wartete, bis der Keeper mit einem Murren ihm das Gästebuch hinlegte und dann über seine Schulter schaute, wie er seinen Namen eintrug.

Ruel Duke von Rio Brazos.

„Texas?“, fragte der Keeper mit unterdrückter Erregung.

„Stört das?“

„Nein, nein!“

„Nun gut, dann zeigen Sie mir mein Zimmer!“

Der Wirt schlurfte voran durch den Raum, durch einen Korridor, über eine klapprige Stiege zu einer Dachkammer hin und riss dann eine Tür auf.

„So, das wär’s!“

Ruel sah sich um. Recht primitiv war die Einrichtung. Ein Feldbett, ein Waschhocker, ein halbblinder Rasierspiegel und ein Fensterloch mit trüben Scheiben. Die Wände waren aus rohem Holz und vom Wurm arg beschädigt.

„Ich wusste nicht, dass es im Himmel so trübe aussieht“, sagte Ruel nach einer Weile, wobei er den Sattel von der Schulter gleiten ließ, seinen Packen daneben stellte und sich dann an den Wirt wandte: „Well, ich nehme das Zimmer!“

„Zwei Dollar den Tag.“

„Und die Nacht?“

„Ist selbstverständlich eingeschlossen“, grinste der Keeper ihm über die Hornbrille zu. „Die Preise macht Dave Stratton.“

„Dave Stratton?“

„Yeah, der größte Mann in dieser Gegend!“

„Hm, zumindest der schwerste.“

„Spotte nicht, Cowboy“, flüsterte der Keeper unruhig. „Das ist nämlich etwas, was Stratton absolut nicht vertragen kann.“

„So-so!“

„Yeah, viele haben es bereits bereut.“

„Sozusagen also ein harter Bursche?“

„Er regiert hier, und der Saloon sowie fast die ganze Stadt gehört ihm. Hat er dich übrigens eingestellt?“

„Nein, er hat kein Interesse.“

„Ah, wirklich?“

„Yeah, ich soll reiten, wohin ich will.“

„Oh, man hat dich beobachtet, Cowboy“, murmelte der Keeper. „Couver ist Strattons rechte Hand. Du hast einen glücklichen Tag erwischt, denn sonst hätte man dich aus der Stadt gewiesen. Hier dürfen sich nur Männer aufhalten, die von Stratton und Couver ausgesucht sind.“

„Dann ist das hier ein verteufelt raues Nest, wie?“

„Yeah“, gab der Keeper ohne Umschweife zu.

„Für dich, Freund, viel zu rau.“

„Ich kann mir die Gegend nicht aussuchen“, unterbrach ihn Ruel herb. „Bring mir Verbandszeug und ein gutes Essen aufs Zimmer. Das wäre dann im Moment alles.“

Der Keeper verbarg seine Überraschung, nur in seinen Augen brannte eine unausgesprochene Frage.

„Ich wurde vom Pferd geschleudert“, stillte Ruel seine Neugier. „Mein Blauschecke scheute vor einer Schlange, die mitten auf dem Reitweg lag. Ich döste einen Moment und dann war es geschehen. Ich fiel unglücklich und …“

„Das soll vorkommen, Cowboy“, murmelte der Keeper, wobei er Ruel eigenartig schnell und durchdringend musterte.

Plötzlich sog er schwer den Atem ein, kam näher heran und sagte gepresst: „Damny, Cowboy, wenn du die Augen weit genug aufgemacht hättest, wärest du an diesem Nest vorbeigeritten. Hier gibt es kein Gesetz, hörst du? Stratton hat den letzten Sheriff davongejagt und sich selbst zum Sheriff gemacht. Ab und zu hängt er sich einen Orden an, yeah, und dann ist er Sheriff und Richter in einer Person. Er legt das Gesetz so aus, wie es ihm passt.“

„Warum erzählst du mir das alles?“

„Ganz einfach, Cowboy, weil ich an deinen Sturz vom Pferd nicht glaube. Du bist durch die Death Lano gekommen, yeah, ich lasse mich nicht täuschen, auch wenn du keinen Gurt mit zwei Eisen, trägst, kein Reservepferd und keine Winchester mehr hast. Alles das kann dir unterwegs abhanden gekommen sein, oder du hast dafür gesorgt, dass diese Sachen verschwanden, um hier einen besseren Start zu haben. By Gosh, wo hast du dein Reservepferd?“

„Ich hatte keins“, erwiderte Ruel gleichmütig.

„Nun gut, wie du willst. Ich will nichts aus dir herausholen, und ich bin auch nicht der Mann, der es an Stratton und seine Garde weitergibt“, sagte der Keeper verstimmt.

„Aus welchem Grunde sonst gibst du dir solche Mühe?“

„Großer Gott, Cowboy … das will ich dir sagen. Vor sechs Jahren war Leesville eine aufblühende Stadt, wie man sie sich nur wünschen kann. Das Leben war vielversprechend und schön. Dann aber kam Stratton mit seinen rauen Burschen, und von der Zeit an war alles vorbei. Strattons raue Methoden enteigneten die Besitzer. Einige zogen geschlagen davon, andere kamen unter die Erde, und wieder andere sind jetzt Angestellte auf ihrem eigenen Grund und Boden. Nur eine Ranch hat sich halten können … Die Gabel-River-Ranch. Aber wie lange es noch anhält? Wer weiß! Stratton hat sie nun auch in die Zange genommen. Er hat allen Storehaltern verboten, an die Cowboys dieser Ranch das Geringste zu verkaufen. Kein Keeper darf der Gabel-River einen Tropfen Alkohol ausschenken.“

„Und die Cowboys der Gabel-River lassen sich das gefallen?“, warf Ruel ein.

Der andere nahm die Brille ab, wischte sich die Schweißtropfen von der Stirn und zog die Tür hinter sich zu.

„Neal Cloud, der Rancher der Gabel-River, ist vor einer Woche unter die Erde gekommen. Zurück blieben seine Mädel Han, Bell und Cecilie. Drei Mädchen, die die Crew davon abhalten, in diese Stadt zu kommen, und lieber ihren Proviant aus Datton beschaffen, lieber einen mühseligen Treck machen, als vor Stratton in die Knie zu gehen.“

„Du hast mir immer noch nicht gesagt, warum du mir das alles anvertraust, Freund?“, unterbrach ihn Ruel sanft. „Ist es vielleicht deine Aufgabe, für neue Cowboys zu sorgen, die sich auf der Gabel die Haut verbrennen lassen?“

Ärgerlich lachte der Keeper in sich hinein, bewegte sich unruhig auf der Stelle, gab mürrisch zu verstehen: „Du magst die Sache so sehen, und es stimmt auch insofern, als die Ranch es bitter nötig hat, Cowboys einzustellen.“

„Ist Stratton davon unterrichtet, dass du der Werber der Gabel-River-Ranch bist und Cowboys für heiße Sättel suchst?“

Das Gesicht des Keepers wurde fahl. Er nagte an der Unterlippe, und seine Augen wurden düster.

„Es ist recht so, Cowboy! Ich hab’s verdient, dass man mich zurechtweist. Ich war wie die anderen auch, zu schwach, um mich gegen Stratton und seine Männer zu stellen. Zu spät habe ich einsehen müssen, dass alle Versprechen, die er gab, nur dazu da waren, ungestört jeden Widersacher einzeln zu erledigen. Nachdem er die Feindschaft seiner Gegner untereinander so geschürt hatte, dass seine Leute nur die Restarbeit zu erledigen brauchten, sah die Sache wesentlich anders aus. Oh, Hölle, wenn Stratton herausbekommt, dass ich für die Gabel-River werbe, geht es mir verteufelt dreckig.“

„Und trotzdem versuchst du es? Höre, Mann … Stratton ist an mir nicht interessiert. Was sollte also eine Ranch mit einem Mann, wie ich es bin, anfangen? Du gibst dich falschen Illusionen hin. Oder steht es tatsächlich so schlecht mit der Gabel, dass sie jeden Mann, der auch nur halbwegs eine Waffe in die Höhe bringen kann, annimmt?“

Betroffen senkte der Keeper den Kopf tief auf die Brust herab. Vielleicht sah er sich durchschaut, oder er war von der Eigenkritik des Cowboys so verwirrt, dass er nach einem unverständlichen Gemurmel vor sich hin das Weite suchte.

Als er gegangen war, starrte Ruel auf die Tür, die der Alte polternd hinter sich zuschlug. By Jove, yeah, mochte der Keeper Sorgen haben, er hatte sie ebenfalls. Er trat mit gefurchter Stirn ans Fenster und sah hinaus.

Unten fütterte der Boy seinen Blauschecken und war gerade dabei, das Pferd zu striegeln und das Fell vom Staub zu befreien.

„Ich darf hier kein Risiko eingehen“, murmelte Ruel vor sich hin. „Erst muss ich einmal herausbringen, wo Ide steckt.“

Draußen hingen tief segelnde Wolken am Himmel. Ein dünner Regen fiel nieder. Grau und unansehnlich war der Anblick, der sich ihm bot, und selbst die Hügel, die sich hinter den Gärten und Corrals abzeichneten, waren stumpf und grau. Yeah, so grau und öde, wie es in Ruels Innerem aussah.

Well, er war am Ziel seiner Reise. Wochen hatte er gebraucht … Wochen auf einsamen Trails zugebracht. Yeah, es war eine Zeit, die sich in ihm eingebrannt hatte, die er nie vergessen würde und die ihn gezeichnet hatte. Oh, yeah, er hatte dem Keeper verschwiegen, dass er vor einer Woche etwa von einer Gruppe düsterer Burschen angefallen und verwundet worden war, hatte verschwiegen, dass er dabei sein Packpferd und seine Winchester verloren hatte und sich selbst mit knapper Not in Sicherheit bringen konnte.

Und es ging auch niemand etwas an, dass sein Versteck nur zwanzig Meilen von Leesville entfernt war, dass er zwischen Leben und Tod schwebte und elendig umgekommen wäre, wenn nicht irgend jemand ihm geholfen hätte. Yeah, irgendein Fremder, Ruel selbst wusste nicht, wer er war. In seinen Fieberdelirien hatte er ihn gesehen, und dann hatte er es vorgezogen, noch bevor Ruel auf dem Wege der Besserung war, sich unter Zurücklassung von Wasser, Munition und Proviant, sowie der alten Feuerspritze, zurückzuziehen.

Umsonst hatte Ruel auf dem granitharten Boden nach Spuren gesucht, stattdessen fand er seinen Blauschecken unweit seines Verstecks in einem Tal mit kümmerlichem Graswuchs und einer spärlichen Quelle angehobbelt vor.

Er hatte die Satteltaschen untersucht, in der Hoffnung, einen Hinweis oder eine Nachricht von dem freundlichen Samariter zu finden. Doch nichts war vorhanden, kein Anhaltspunkt und kein Zeichen. Der Unbekannte hatte ihm in tiefster Not beigestanden und war dann davongeritten wie ein Schemen, oder noch besser, wie ein guter Geist.

Nur der alte Colt war geblieben.

Ruel hatte ihn sich genau angesehen. Ein altes Modell, wie es nur noch selten getragen wurde. Lieber hätte er ja seine eigenen Colts gehabt, aber die hatte der Unbekannte ihm abgenommen. Yeah, damals war in ihm ein galliges Gefühl aufgestiegen, heute aber wusste er, dass der andere ihm gut gesonnen war und weiter gedacht hatte. Yeah, wie hätte der Tiger Couver wohl reagiert, wenn er einen Mann mit zwei Colts vor sich gesehen hätte?

Couver hatte unter anderem den Ruf, dass er gerade darauf lauerte, Männer, die zwei Eisen trugen, mit flammenden Colts zu empfangen. Er gehörte zu den Killern, die erst dann Ruhe hatten, wenn sie ihre Schnelligkeit im Ziehen jedem anderen so offensichtlich machten, dass einer von beiden in den Staub sank, oder aber die Größe des eigenen Könnens so klar hervorstach, dass der Gegner es vorzog, in Couvers Gefolge einzutreten.

Was hätte Stratton getan, wenn er die Colts bei ihm entdeckt hätte? Sicherlich wäre er nicht so schläfrig und selbstzufrieden sitzengeblieben.

Unwillkürlich tastete Ruel nach dem Colt in seiner Jackentasche.

Dieser Colt sollte ihn zu dem Mann führen, dem er sein Leben zu verdanken hatte. Oh, yeah, das war eine Rechnung, die ihm keine Ruhe lassen wollte und ihm fast so wichtig schien wie das Bedürfnis, bald schon Erkundigungen über seinen Bruder Ide einzuziehen.

Yeah, in diesem Nest musste er vorsichtig vorgehen, denn er wusste nicht, auf welcher Seite der Bruder stand. Nun, er hoffte jedoch, dies bald herauszufinden.

Er trat vom Fenster fort, nahm den Colt aus der Tasche, legte ihn auf den Tisch und setzte sich müde aufs Feldbett.

Die Gedanken plagten ihn weiter. Woher mochte der Unbekannte wissen, dass er nach Leesville wollte?

Ah, es hatte wirklich keinen Zweck, darüber nachzugrübeln, er würde alleine doch nie dahinterkommen. Er konnte nur noch hoffen, dass ihn der Colt zur richtigen Adresse führen würde.

Und dann?

Yeah, konnte er dem Unbekannten überhaupt danken? Mit Worten? Ah, ein verteufelt billiger Dank dafür, dass jener Tage und Nächte an seinem Lager zugebracht hatte. Er lachte bitter vor sich hin, strich mit den Fingerspitzen über den Schulterverband. Yeah, es war Zeit, dass er erneuert wurde.

Nun, er war nicht gerne ein Schuldner. Dieses Gefühl verpflichtete immer irgendwie. Doch wo sollte er suchen?

Vielleicht auf der Seite, die Stratton führte?

War sein Lebensretter unter Strattons Raureitern? Das war zwar kaum zu glauben, doch es passierten die unmöglichsten Dinge. Und warum sollte er sich aus dem Staube gemacht haben, wenn er ein Cowboy oder Rancher gewesen wäre? Hatte er Angst vor seiner eigenen Menschlichkeit bekommen … oder vor den Kerlen, von denen er seine Befehle annahm?

Yeah, vielleicht war es sogar einer von denen, die ihn überfallen hatten, einer, den das Gewissen zwang, den Todgeweihten dem Leben zurückzugeben.

Und dann dachte er einen Moment lang an den Mann, der ihn mit der Nachricht, dass er Ide gesehen habe, in den Sattel trieb.

Dieser Mann hatte unter anderem auch berichtet, dass Stratton eine Bande von Desperados, Rustlern und Rowdys befehligte und außerhalb der Stadt hielt, wo er sie nach Gutdünken einsetzen konnte, so dass er vor dem Gesetz, falls man es jemals gegen ihn in Anwendung bringen konnte, immer eine weiße Weste behielt.

Weiter hatte der Reiter gesagt, dass Stratton dabei sei, sich ein Rinderreich aufzubauen und skrupellos alles beiseite fegte, was sich ihm in den Weg stellte.

Doch wo Ide steckte, hatte er ihm nicht sagen können, auf welcher Seite er stand, war ihm unbekannt. Er sagte nur, dass er damals, als er ihn erkannte, seinen Gaul herumriss und verschwunden war.

Ferner berichtete er, dass er den Eindruck gehabt habe, als wolle Ide weder erkannt noch angesprochen werden. Oh, yeah, das hatte er verstehen können. Nun jedoch hatte sich alles geändert, und er musste seinen Bruder schnellstens erreichen, um ihm zu sagen, dass er kein Geächteter mehr war, dass er wieder als freier Mensch leben konnte und sich nicht mehr zu verstecken brauchte. Der Mann, auf den er damals geschossen hatte, war ein vom Gesetz lang gesuchter Verbrecher mit Namen Drogert, der sich außerdem nach dem Kugelwechsel schnell erholte und nicht, wie Ide angenommen hatte, tot war. Yeah, aber das konnte er alles nicht wissen. Auch nicht, dass jener Drogert einen Monat später einen Banküberfall startete, bei dem ihm dreißigtausend Dollar in die Hände fielen.

Yeah, das alles Ide mitzuteilen, war von dringlichster Wichtigkeit. Doch auf welcher Seite stand er?

War er, weil er sich als Geächteter fühlte, in Strattons Mannschaft eingetreten? Oder war er gar

so weit gesunken, dass er sich zu den Desperados wandte, die die Gegend verteufelt unsicher machten?

Ah, noch gab es auf all diese Fragen keine Antwort.

In dieser Stadt war alles möglich. Doch Ruel war fest entschlossen, den Bruder unter allen Umständen zurückzuholen. Heim zur Ranch in Texas, wo alte, vergrämte Eltern auf die Rückkehr des Ältesten warteten.

Ide sollte die väterliche Ranch übernehmen.

Niemand hatte Ruel geschickt. In aller Heimlichkeit war er aufgebrochen, denn er wusste, dass sein Vater ihm diesen Ritt verwehrt und seine Mutter ihn mit Tränen zurückgehalten hätte. Yeah, man hätte wahrscheinlich irgendeinen Cowboy der Ranch losgeschickt, Ide zu suchen, niemals jedoch ihn, da immer behauptet wurde, dass er mit seinen zweiundzwanzig Jahren noch ein Kind sei.

Tief atmete Ruel auf, als es an der Tür klopfte und seine Gedanken jäh auseinandergerissen wurden.

„Come in!“

Der Keeper schob sich durch die Tür, balancierte ein Tablett vor sich her und hielt einen Packen unter dem linken Arm geklemmt. Er ging zum Tisch, stellte das Tablett ab und legte den Packen

daneben … und yeah, starrte auf den alten Colt und dann auf Ruel.

Wie ein Schlag traf es Ruel. Heiß stieg es ihm in die Schläfen.

„Kennst du die Waffe?“, schwang seine Frage leise zu dem Keeper hin.

Dieser ließ seinen Blick weiterwandern, schüttelte den Kopf und ergriff seine Hornbrille. Dabei rissen die tiefen Falten auf seiner Stirn auseinander. Kleine Schweißtropfen erschienen darauf. Unruhig glitzerten seine Augen.

„Es gibt nicht allzu viele von diesem Format“, wich er aus und hob betont langsam die Hände weit von seinen Schießeisen weg, stemmte sie auf die Tischplatte, starrte wieder den Colt an, fuhr fort: „In dieser Gegend ist so eine Waffe schon lange nicht mehr üblich.“

„Nun, vielleicht erinnerst du dich, wer eine solche Waffe trug?“

Der Keeper hob den Blick, zuckte dann resigniert die Schultern.

„Ich schaue mir die Menschen an und nicht die Waffen“, erklärte er zögernd. „Du hast wohl eine Rechnung offen, wie?“

„Yeah, eine ganz besondere“, sagte Ruel verkniffen. „Und ich möchte sie gern bald beglichen haben.“

„Nun, ich wünsche dir Erfolg dazu. Doch hier ist zunächst einmal dein Essen und Verbandszeug. Soll ich besser einen Doc holen?“

„No, thanks!“

„Wie du willst, Cowboy.“

Seine Worte wurden durch peitschende Detonationen unterbrochen. Beim Knallen der Schussdetonationen, die von draußen wie mit Donnergrollen in den Raum hereinfegten, sprang Ruel vom Lager auf, stürzte an dem wie versteinert dastehenden Wirt vorbei zum Fenster hin. Doch nun fand auch dieser wieder in die Gegenwart zurück, er stürmte Ruel nach und riss ihn so heftig an der Schulter herum, dass dieser vor Schmerz und Pein einen heiseren Schrei ausstieß.

Der Keeper ließ ihn sofort los und schaute in ein bleiches, zuckendes Gesicht, in welchem zwei helle Grauaugen wie Gletschereis standen.

Und dann drehte sich Ruel herum und starrte auf die Straße hinunter.

Ein Mann rannte quer über die Fahrbahn. Aus seinem hochgerissenen Revolver brachen Flammenstöße.

Drei lange Sätze brachten ihn hinter die abgestellten Pferde. Zwei Tiere scheuten vor ihm und

stiegen hoch, zerrten an ihren Halftern, und während der Kerl über ihre Rücken hinweg feuerte, tauchte aus der Tür eines Hauses ein Mädchen auf. Sie hob die Hände und taumelte wie von unsichtbaren Kräften angezogen mitten in die Fahrbahn hinein.

„Mach Schluss, Couver“, gellte es aus ihrem Munde. Und noch während sie sprach, schoss der Mann hinter der Pferdegruppe.

Ruels Blauschecke stieß ein unheimliches Gewieher aus, bäumte sich hoch auf und riss das Halfter entzwei.

Für einen Augenblick schien das abgemagerte Tier mit den Vorderhufen geradewegs in die Wolken zu fahren, doch im nächsten Moment krachte es nieder, brach in die Knie und kippte zur Seite.

Ruels Herz krampfte sich zusammen. Für den Herzschlag einer Sekunde stockte ihm der Atem, schien eine Krallenhand ihm die Kehle zuzudrücken.

Alles in ihm war aufgewühlt, zerrissen. Er sah im Moment weder das Mädchen noch den Kerl hinter den Pferden. Rote Schleier wallten vor seinen Augen. Das Gefühl, den besten Kameraden, den er jemals besessen hatte, verloren zu haben, ließ ihn herumschnellen, den Keeper beiseite stoßen und zur Waffe greifen.

Seine Bewegung war so heftig, dass die frisch vernarbte Wunde an seiner Schulter einen tobenden Schmerz durch die Glieder trieb.

„Cowboy, misch dich dort nicht ein“, hörte er die besänftigende Stimme des Keepers. „Dort unten trafen sich Männer der Gabel-Ranch und der Stratton-Crew. Greife nicht in ein Hornissennest … entscheide dich nicht gerade jetzt!“

Ruel gab keine Antwort. Wortlos drehte er sich herum. Dumpf schlug die Tür hinter ihm zu.

Mac Parnas, der Keeper, aber sog heftig den Atem ein, stieß hervor: „Wahrlich ein Panther. Es wäre zu schade, wenn er schon jetzt aus den Stiefeln sausen müsste. Aber er will es wohl nicht anders haben. Vielleicht sucht er gar den Tod. Es soll Menschen geben, die nur nach Leesville kommen, um zu sterben.“



2.

Von diesen Worten jedoch hörte Ruel nichts. Am Treppenabsatz zögerte er sichtlich. Sein Blick fiel auf die Waffe. Er hatte sie noch nicht ausprobiert, hatte noch keine Gelegenheit gehabt, ihre Treffsicherheit zu erproben.

Yeah, nur einen Moment stand er zögernd, dann wurde er wie von einer unheimlichen, innerlichen Kraft weiter fortgerissen.

Er biss die Zähne zusammen, durchquerte den Korridor und stieß mit der rechten Stiefelspitze die Saloontür auf. Dabei fühlte er, wie es heiß in der Wunde aufbrach. Gleichzeitig sah er die Veränderung im Saloon.

Er überschaute die neue Situation mit einem Blick.

Links in der Ecke an der provisorischen Bühne hatten sich die Bardamen um den Klavierspieler gruppiert. Die Poker- und Spieltische waren leer, Männer drängten sich zu den Fenstern.

Niemand sah sich nach Ruel um. Sie wurden erst auf ihn aufmerksam, als er einen grauhaarigen Mann von der Schwingtür fort zur Seite schob.

Der Alte riss den Kopf herum, und sein Knurren erstickte tief in der Kehle.

Ruel schob die Schwingtür auf und stand draußen.

Der graue Himmel schien noch düsterer geworden zu sein. In Böen klatschte der Regen auf die Dächer, schlug gegen die Fassaden der Häuser, trommelte dröhnend wie eine Totentrommel auf den Gehsteig und wehte gegen Ruel an, so dass er die Frauengestalt mitten auf der Fahrbahn wie durch ziehende Schleier sah. Sie stand immer noch auf derselben Stelle, war wie an den Boden gehämmert.

Ruel sah in ein Gesicht, das oval geschnitten von herber Schönheit war. Große Augen standen darin. Augen, die in Abwehr auf einen Mann gerichtet waren, der in recht lässiger Art an einer Säule stand und einen schweren 45er in der Faust hielt. Eine Waffe, der noch vor Sekunden Pulverrauch entstiegen war.

Ihre roten Lippen zuckten erregt, und dann stieß sie bitter hervor: „Couver, lass meinen Cowboy in Frieden. Du weißt genau, dass er dir gegenüber keine Chance hat. Du wirst es in Gegenwart einer Frau doch nicht so weit treiben, dass ein Toter auf der Fahrbahn zurückbleibt.“

Niemand brauchte Ruel zu sagen, wer diese Frau war, die so entschlossen für den Cowboy eintrat, der recht mürrisch neben den Pferden an den Holmen stand.

Auch dieser Mann hielt seine Waffe in der Hand und schien nicht sonderlich erbaut zu sein, dass der Kampf nun zu Ende sein sollte. Er machte nicht den Eindruck, als habe er Angst vor dem schnelleren Eisen Couvers. Er stand da, so, als warte er in grimmiger Art auf die Fortsetzung des Kampfes.

„Han, geh zurück!“, kam es schließlich aus seinem Munde. „Gib dir mit dem Schuft keine Mühe! Er mag schneller sein, das hat jedoch weiter nichts zu sagen. Ich werde mich nicht auf einen Kampf von Mann zu Mann mit ihm einlassen, denn jeder muss die Chancen wahrnehmen, die ihm bleiben. Und wenn sie bei mir auch verteufelt gering sind, Han, ich werde sie trotzdem nützen. Denke an die Rinder, die uns vor einer Woche fortgetrieben wurden, und denke daran, dass dieser Couver mit von der Partie war.“

„Gib Ruhe, Cowboy“, unterbrach sie ihn heftig. „Ich will keinen Toten zur Ranch hinausfahren müssen. Und du wirst auch begreifen, warum! Und dir, Couver, rate ich, steck deinen Colt ein!“

Couver grinste. By Jove, er hob seine Waffe, stieß mit dem Lauf seine Stetsonkrempe ein wenig aus der Stirn, sagte höflich: „Die Rechnung mit ihm bleibt offen, Madam. Die Nähe einer Dame stört mich, sie jetzt vorzulegen. Nehmen Sie ruhig Ihren Cowboy mit, und packen Sie ihn in Watte!“

„Couver“, unterbrach sie ihn heftig. „Ich durchschaue dich. Deine Art, Menschen zu reizen, sie so lange zu quälen, bis sie in der Verzweiflung keinen anderen Weg mehr kennen, als zum Colt zu greifen, ist teuflisch. Mit dieser Methode fing das Spiel in Leesville an, und es wird erst aufhören, wenn ihr alle in der Hölle seid. Ihr habt es auf die raue Art so weit gebracht, dass euch nur noch die Gabel-Ranch entgegentritt. Wir aber wissen, was wir von euch Schurken zu erwarten haben, und sind auf der Hut. Yeah, wir wissen auch, dass Stratton hinter den Rustlern steht. Wir haben eindeutige Beweise, und ich kann dir versichern, Couver, dass das Spiel noch nicht zu Ende ist. Wir haben absolut nicht die Absicht, außer Landes zu ziehen. Wir sind nur gespannt darauf, ob Stratton es wagen wird, gegen drei Mädels zu ziehen … ob der Schuft tatsächlich auch vor Frauen nicht haltmacht. Red, komm, wir gehen!“

Sie sah von Couver fort zu ihrem Cowboy hin. Dieser stand noch zögernd mit zusammengekniffenen Augen da. Anscheinend glaubte er nicht so recht daran, dass Couver passte. Glaubte nicht an den Scheinfrieden, den sie herbeigeführt hatte.

Doch dann kam zum zweiten Mal ihre Aufforderung an ihn, mitzukommen.

Red maß die Entfernung. Man sah es ihm an, dass die Tatsache, an Couver vorbei zu müssen und ihn plötzlich in den Rücken zu bekommen, ihm sichtlich zu schaffen machte. Wahrscheinlich traute er Couver zu, den Rücken eines Mannes als Zielscheibe zu benutzen.

Er kämpfte mit sich, stieß dann entschlossen seinen Colt ins Holster, sah einigermaßen befriedigt, dass Couver sein Eisen wie durch einen Zaubertrick auch nicht mehr in der Hand hatte, und setzte sich etwas schwerfällig in Bewegung.

Noch bevor er an Couver vorbei musste, riss er plötzlich seinen Kopf zur Seite und starrte auf die hagere Männergestalt, die drei Yards von ihm entfernt, ein wenig breitbeinig und vornüber geneigt, auf dem zernarbten Plankenstieg stand. Wie ein Schemen, von der Unterwelt hervorgebracht.

Red prallte zurück. Ein eisiger Schreck packte ihn, denn jener dort an der Schwingtür schaute durch ihn hindurch, als wäre er aus Glas.

Und yeah, hinter dem unheimlich starr stehenden Mann, der die typische Ausgangsstellung eines Revolverkämpfers zeigte, standen eng gedrängt Männer aus Leesville und starrten herüber. Red sah auch die Menschen hinter den Fensterscheiben, die aufgerissenen Augen, die Nasen, die sich an den Scheiben platt drückten. Aber er fühlte auch, dass jener junge Cowboy an der Tür nicht durch einen Zufall dort stand.

Zu deutlich schwebte seine Rechte über dem in seiner Tasche befindlichen Colt, jederzeit bereit, zuzustoßen.

Und yeah, im Bruchteil einer Sekunde erfasste Red, warum jener dort stand.

Es würgte ihm in der Kehle, und er warf einen raschen Blick zur Seite, sah dorthin, wo der Blauschimmel mit gespreizten Hufen im aufgeweichten Dreck der Fahrbahn lag.

Ein erschreckend nüchterner Anblick, der daran erinnerte, wie es hätte sein können, wenn nicht Han in ihrer furchtlosen Art dem Killer Couver dazwischengekommen wäre.

Red schüttelte sich unwillkürlich und setzte seinen Weg weiter fort. Ging an dem Cowboy vorbei, der in unheimliches Schweigen gehüllt dastand. Yeah, und dann war er schließlich mit Couver auf selber Höhe, und das hämische Grinsen brachte alles in ihm in wilden Aufruhr.

„Red!“

Hans Stimme zwang ihn weiter, an Couver vorbei, in dessen Augen es höllisch aufblitzte. Sein Gesicht verzog sich von der Anspannung, die ihn schier zerriss. Unwillkürlich seufzte er auf. Nun wusste er Couver in seinem Rücken. Ein übles, beklemmendes Gefühl, etwa so, als ob die kalte Hand des Todes sich bereits in seinen Nacken klammerte. Seine Beine schienen Bleiklumpen zu sein. Seine Blicke hafteten fest auf Han, die ihn erwartete und mit einem tiefen Atemzug die Hände von der Brust nahm, als ob sie unendlich erleichtert wäre.

In diesem Augenblick klang Couvers metallische Stimme in Reds Rücken auf: „Dreh dich herum!“

Red stand starr, wie von der Ungeheuerlichkeit dieses Rufes an den Boden geschmiedet. Die Hände hingen ihm wie leblos am Körper herab. Er sah, wie Hans wunderbare Blauaugen dunkel und tintig wurden, als wäre es plötzlich Nacht geworden.

„Couver, du Schuft!“

„Geh lieber aus der Schusslinie, Han“, klang es von beißendem Spott erfüllt. „So habe ich Red richtig … gleiche Chancen für beide!“

„Du bist ein Teufel, Couver!“

„Meine Sache … tu nun, was ich dir sage, verschwinde“, zischte Couver.

Doch sie regte und rührte sich nicht, und auch Red bot Couver immer noch den Rücken.

„Das ist glatter Mord, Couver“, bebte es von ihren Lippen.

„Mein Gott, gibt es denn keinen Mann, der dir vor die Stiefel springt? Gibt es in Leesville tatsächlich keinen Mann, der für die Ehre einer Frau eintritt?“

„Ich werde es tun, Han“, murmelte Red mit zuckenden Lippen. „Tu, was er sagt, ich werde mein Bestes geben, um diese Welt von einem Schurken zu befreien. Du wirst vergebens an den Mut der Männer hier appellieren. Sie alle ducken sich, fürchten Stratton und seine Raureiter, zittern vor der wölfischen Schar, die Stratton in den Bergen sitzen hat. Yeah, sie beben doch schon, wenn sie Stratton oder Couver auf der Straße sehen. Sie haben sich in den Staub treten lassen und wagen es nicht, ihre Köpfe aus dem Dreck zu heben.“

Bitter klangen diese Worte aus dem Munde des Jungen. Sie enthüllten das Leid der ganzen Stadt und verstärkten die grausame Erregung, in der sich Han Cloud befand.

In diesem Moment mochte sie einsehen, dass Couver sich den Vorteil verschafft hatte – in höllischer Berechnung. Denn yeah, wenn beide zur gleichen Zeit zum Zuge kamen, beide ihre Eisen schwingen mussten, dann war Red so gut wie verloren.

Couver war schon dadurch im Vorteil, dass er sich nicht auf dem Absatz zu drehen brauchte wie Red. Er stand schussbereit … ein Tiger, der sein Opfer anfallen wollte.

Er hatte sich mit drei Schritten in die Fahrbahn gestellt, wippte auf den Zehenspitzen hin und her, wie ein Mann, der keine Gnade kannte und wie besessen von seinem Gedanken war, den anderen auf jeden Fall zu erledigen.

Han sah die bernsteinfarbenen, kalten Augen, die halbgeöffneten Lippen des Killers, zwischen denen die weißen Zähne leuchteten.

Oh, yeah, er bleckte die Zähne wie ein Lofer, der seinem Opfer jeden Moment an die Kehle fliegen will, um es zu zerreißen.

Oft genug hatte er so in der Fahrbahn gestanden. Bei John Hardin, dem Rancher der Sieben-Bar-X, bei Christian Samuel, dem Kleinrancher, der sich für das schnellere Eisen hielt und im Tode erst erkannte, dass er gegen einen Mann wie Couver keine Chance hatte. Und auch bei Roy Sitter, der es vorzog, die Eisen stecken zu lassen und geschlagen abzog, um seine Ranch für einen Spottpreis an Stratton zu verkaufen.

Yeah, in all den Jahren waren diese schrecklichen Dinge lebendig geblieben. Dinge, die jeder rechtschaffene Mann aufs Härteste verurteilen musste, weil der Killer Couver unter dem Deckmantel der Notwehr für seinen Boss ein Feld frei schoss.

Han fieberte. Ein Frostschauer schien sie starr und steif zu machen.

„Red, lass dich nicht mit ihm ein, denk an die anderen, die er auf diese gemeine Art zusammenschoss …“

Sie brach ab, denn in diesem Augenblick sah sie den Schatten des hageren Mannes vor der Schwingtür.

Sah, wie jener mit steifen, fast trippelnden Schritten sich in acht Yard Entfernung hinter Couver aufbaute, und wie Couver, der die trippelnden Schritte in seinem Rücken hörte, unruhig wurde, den Kopf zur Seite nahm, aus den Augenwinkeln heraus plötzlich erkannte, dass er in einer Klemme steckte.

By Jove, Han kannte den Fremden dort nicht, der sich wie auf ein geheimes Zeichen plötzlich einmischte, aber sie war ihm in diesem Augenblick mehr als dankbar.

„Couver, Sie sind gedeckt“, fetzte es heiser aus ihrem Mund.

Statt aller Antwort lachte Couver hässlich vor sich hin, fauchte über die Schulter: „Sonny, was hast du hier zu suchen?“

„Ich suche den Mann, der meinen Schecken niederschoss“, klang es kalt und heiser.

„Damny, warte, bis ich mit Red abgerechnet habe, dann werde ich dir gern zur Verfügung stehen“, keuchte Couver, ohne sich dazu verleiten zu lassen, sich herumzuwerfen.

„Ich denke nicht daran!“

Kalt und hart klangen diese Worte, waren für einen Killer wie Couver unmissverständlich.

Er ließ sich nun doch dazu verleiten, den Kopf so weit zu wenden, dass er den Hintermann sehen konnte.

„Ah, du bist es! Leg dich lieber ins Bett, Cowboy.“

Er brach ab, denn erst jetzt sah er den Blutfleck auf dem Baumwollhemd seines neuen Gegners.

Er hatte genug Erfahrung, um zu wissen, dass angeschossene Männer besonders gefährlich waren, und by Gosh, dieser Kerl in seinem Rücken, den er vor einer halben Stunde noch für harmlos gehalten hatte, hatte sich merkwürdig verändert.

Eine verteufelte Kältewelle ging von ihm aus.

Und wenn man es recht betrachtete, musste selbst Couver anerkennen, dass ein Mann, der eine Verwundung hatte und sich dennoch stellte, als ob die Hölle selbst auf den Plan trete, mehr war, als seine Nerven im Augenblick vertragen konnten.

Oh, yeah, Red brauchte sich nur herumzuwerfen, und Couver hatte wenig Chancen, in diesem Kampf heil zu bleiben.

Und, yeah, dieser neue Gegner, das fühlte Couver mit dem Witterungssinn eines gestellten Wolfes, was weit gefährlicher und explosiver als Red, war eine Quelle von Unheil.

Heilige Mavericks! Er war nicht gewillt, das einfach hinzunehmen. Vielleicht glaubte er, sich mit einem Trick befreien zu können. Er wirbelte herum … doch im gleichen Moment flammte es orangefarben auf, und der Stetson wurde ihm wie von Geisterhand vom Kopf gefegt.

Er hatte nicht einmal gesehen, wie der Fremde die Hand bewegte. Die Erschütterung, die ihn bei diesem Anblick durchbebte, war so stark, dass er wertvolle Sekunden verlor und Red, der das Pfeifen von Ruels Kugeln hörte, sich herumwerfen und feuern konnte.

Reds Geschoss sauste Couver am rechten Ohr vorbei, grub sich mit einem schrillen Wimmern genau in das Schild der Himmelspforte ein und riss Holzsplitter los.

Nein, Red nutzte die Chance nicht, feuerte keine zweite Kugel hinterher, die Couvers Rücken aufgerissen hätte. No, er war ein Cowboy mit verdammt fairen Ansichten.

Und Ruel stand da, als sei nichts geschehen.

„Couver, du hast meinen Blauschecken getötet!“

Es war wie ein Schrei.

Couvers Hände waren an den Eisen festgesaugt. Er war bereit und wagte es dennoch nicht, sie hochzureißen.

Der Regen fegte sein Haar wirr in die Stirn. Er rang nach Luft, schrillte: „Wer, zum Teufel, bist du?“

Das war eine Frage, die einen Killer seines Formats mehr interessierte als die Tatsache, dass Red nun in seinem Rücken stand, dass das Blatt sich derart gewendet hatte, dass kaum mehr Aussichten für ihn bestanden, aus diesem grausigen Reigen heil herauszukommen.

Eine Frage, die Couvers Natur richtig offenbarte, die klar herausstellte, dass er eine verteufelt eiserne Kämpfernatur war, ein Mensch, dem der Kampf, das Wechseln der Kugeln, die Schnelligkeit eines Gegners mehr Kopfzerbrechen machte als die eigene Not und Gefahr.

„Ich bin ein Cowboy“, kam die glatte Antwort wie aus weiter Ferne zu ihm. „Und ich setze nicht gern ein Menschenleben für das ein, was man mir antat!“

Couver begriff das nicht. Nein, er konnte das nicht begreifen, denn er benutzte die Schnelligkeit seiner Eisen nur, um daraus Vorteile für sich zu ziehen.

„Was willst du also?“, zischte er hervor. „Dein Gaul ist tot und wird auch nicht wieder lebendig werden!“

Ruel stand wie ein in der Erde eingelassener Granitblock.

„Couver“, murmelte er. „Du hast mir den besten Kameraden genommen. Fangen wir an … und dann wird es sich entscheiden, ob du in die Grube sausen musst!“

Er hob bei diesen Worten den Colt, lachte seltsam gequält vor sich hin, fragte: „Vielleicht kennst du diesen Colt. Yeah, vielleicht ist dir diese Waffe bekannt, heh?“

Und Couver starrte auf die Waffe. Sein Gesicht verzog sich in gemeiner Art, dann sagte er: „Yeah, sie ist mir bekannt, Cowboy. Ich selbst trug eine ähnliche.“

Kaum hatte er das ausgesprochen, als Ruels Gesicht sich eigenartig verzog, der spähende, scharfe Ausdruck aus seinen Augen verschwand, und der Colt in der Hand bebte.

„Madam, gehen Sie mit Ihrem Cowboy, bitte“, klang es abgerissen aus seinem Munde. Dabei sah er von Couver fort zu dem Mädchen hin, das ihn totenbleich anschaute und kaum fähig war, sich zu rühren.

Sie stand so, als hätte das Aufbrüllen der Schüsse ihr einen Schock eingejagt, von dem sie sich nur mit Mühe erholen konnte.

Und plötzlich bewegten sich ihre Lippen. „Sie sind verwundet, Cowboy!“

„Ah, das ist nicht so wichtig, Madam. Wichtiger ist im Moment, dass Sie mit Ihrem Cowboy aus der Stadt kommen.“

Man sah ihr an, dass sie ihn nicht begriff, dass eine Frage in ihr aufkam, warum er sich für sie und den Cowboy opfern wollte.

„Kommen Sie mit, Cowboy, auf der Gabel-Ranch ist Platz für Sie!“

„Vor einer Minute war ich noch entschlossen, es zu tun, Madam. Leider ist es jetzt für mich zu spät!“

Ihre Brust hob und senkte sich, dann stieß sie hervor: „Sie wissen nicht, was Sie hier erwartet, Cowboy. Nutzen Sie die Chance!“

„No, Madam!“

Seine Ablehnung traf sie schmerzlich. Sie mochte erkennen, dass sie nichts mehr ausrichten konnte, und warf ihm einen Blick zu, der von tiefer Traurigkeit und Resignation erfüllt war, der verriet, dass sie ihm gerne ihre Dankbarkeit gezeigt und ihn mitgenommen hätte.

Sie winkte Red.

Dieser schien sich auflehnen zu wollen, doch Ruel fauchte ihn an: „Du bist mit ihr noch nicht aus der Stadt. Nutze den Vorsprung!“

Das gab den Ausschlag.

„Wer du auch bist, Stranger“, zischte Red mit brüchiger Stimme, der man anhörte, dass sie aus einem gequälten Herzen kam, das sich in Sekundenschnelle für die Flucht oder die Fortsetzung des Kampfes entscheiden musste, „ich werde immer für dich da sein, das heißt, wenn Couver dich nicht doch noch anfällt.“

„Mach dir darüber keine Sorgen, Red“, unterbrach ihn Ruel drängend. „Noch bin ich kein toter Mann!“

„Aber du kannst es gleich sein“, grollte Red.

„Du hast mehr für die Gabel getan, als dass man es vergessen könnte. So long, Cowboy!“

Er drehte sich herum und verschwand mit dem Mädchen in einer Quergasse.

Couver aber stand ruhig, wie auf die Fortsetzung des Kampfes bedacht.

„Kann es jetzt ausgetragen werden?“, erkundigte er sich.

Aller Hohn war aus seinem Gesicht gewichen. Jetzt zeigte er keine Arroganz, keine dumme Überheblichkeit, die Maske eines eiskalten Killers war gefallen. Er machte den Eindruck eines Mannes, der sich in der eigenen Haut plötzlich nicht mehr wohlfühlte, der in einer Klemme steckte und dennoch alles versuchen würde, um sich freizuschießen.

Nur acht Yard lagen zwischen ihnen. Eine verteufelt glatte Entfernung.

„Ich glaube, wir sind nun quitt, Couver“, murmelte Ruel mit zuckenden Lippen.

Der andere riss den Kopf in fast ungläubigem Erstaunen hoch, entgegnete jedoch nichts, war von diesen Worten so überrascht, als hätte ihn eine Kugel getroffen.

Ruel warf ihm den alten Colt vor die Füße.

Und als das geschehen war, schien es, als wollten die höllischen Kräfte in Couver zum Durchbruch kommen, als wollte er die plötzliche Chance wahrnehmen und seine Colts hochreißen, um Flammenstöße auf die waffenlose Gestalt abzufeuern.

Yeah, und vielleicht hätte er sich von den aufbrechenden Urinstinkten leiten lassen, wenn sich Ruel Duke nicht in diesem Augenblick abgewandt und ihm den Rücken gezeigt hätte und schwankend, wie unter einer drückenden Last, die seine Schultern herabzog, davonging. Mit Schritten, die die Stiefel durch den Dreck zogen, als hätte er Bleigewichte daran.

Ruel hörte das unterdrückte Stöhnen Couvers.

„Wir sind quitt“, hatte er Couver zugerufen.

Well, mochte der andere das hinnehmen und verdauen, wie er wollte. In diesem Augenblick war

Ruel davon überzeugt, dass Couver selbst es war, der ihn im Ödland gepflegt hatte.

Auf diesen Mann aber konnte er nicht schießen.

Durch den Regen taumelte er auf seinen Blauschecken zu, kniete vor dem Tier in der aufgeweichten Erde nieder, und seine Hände tasteten über das Fell.

Sein vierbeiniger Freund hatte sich nicht zu quälen brauchen, als er die Kugel empfing. Das war ein Trost, wenn auch ein verteufelt geringer im Hinblick darauf, dass sie lange Jahre miteinander verbunden waren.

Ruel erhob sich eilig. Nicht einen Blick warf er zurück. Gehetzt taumelte er zur Schwingtür der Himmelspforte.

Diesmal brauchte er keinen Mann zur Seite schieben, um sich einen Durchgang zu schaffen. Sie wichen vor ihm zurück, als hätte er die Pest am Hals.

Er nahm es hin, und die Bitterkeit in seinem Inneren verstärkte sich. Oh, yeah, für diese Menschen hier musste er wie der Leibhaftige erschienen sein. Sie schufen eine Gasse, die sich schweigend hinter ihm schloss. Er durchquerte den Saloon mit fast starren Blicken und Lippen, die fest aufeinandergepresst waren, hatte den festen Willen, diesen Menschen auf keinen Fall zu zeigen, dass er nur mit Mühe die tobenden Schmerzen in der aufgebrochenen Schulterwunde unterdrücken konnte.

Er sah sie alle wie durch einen Nebelschleier, sah die blassen Gesichter, in denen Neugier und Staunen zugleich stand.

Und er sah auch den Mann am Klavier und die Bardamen, die die Köpfe zusammensteckten.

Ah, yeah, es interessierte ihn nicht. Er hatte nur einen Wunsch, so schnell wie möglich auf sein Zimmer zu kommen, nach seiner Wunde zu sehen und sich dann langzulegen, zu schlafen und zu vergessen. Wenigstens für einige Stunden.

Die Saloontür schlug hinter ihm zu. Er stand einen Augenblick still und kämpfte gegen die schwarzen Schatten, die ihn von allen Seiten zu bedrohen schienen.

Erst als er die Schwäche überwunden hatte, nahm er die Stiegen.

Auf seinem Zimmer angekommen, taumelte er zum Bett.


*


„Sie werden zu tun haben, Doc“, hörte er wie aus weiter Ferne die Stimme des Keepers.

„Ich glaube, es war richtig so, dass ich Sie geholt habe.“

Ruel fuhr herum. Zwei verschwommene Schatten sah er vor seinen Augen, undeutlich und verzerrt. Eine Hand legte sich mit sanftem Druck auf seine gesunde Schulter, und er war so schwach, dass er sich nicht dagegen stemmte, sondern sich von ihr aufs Bett drücken ließ.

„Nur Ruhe, Cowboy, ich bin kein Revolvermann“, hörte er die beschwichtigende Stimme des Doc aus der Nähe. „Sträube dich nicht, Cowboy, du brauchst Hilfe!“

„Ich werde allein fertig“, murmelte er.

„Zum Teufel, ihr Burschen seid irgendwie alle gleich. Selbst wenn der Tod euch schon in seinen Krallen hält, lächelt ihr noch. Irgendwie habt ihr alle ein wenig etwas im Kopf.“

„Wenn ich ehrlich sein soll, Doc“, hörte Ruel des Keepers Stimme, „so weiß ich nicht, ob ich darüber lachen oder weinen soll. Es wird so oder so verteufelte Scherereien geben. Stratton sitzt bereits unten im Saloon.“

„Ah, hat er seine Leibgarde mitgebracht?“

„Yeah!“

„Verdammt, der Teufel täte wirklich ein gutes Werk, wenn er ihn beizeiten holen würde.“

„Ah, kein Teufel kann Strattons Gewicht tragen“, klang es bedrückt aus des Keepers Mund. „Er lastet wie ein Alpdruck auf Leesville.“

Irgend etwas pickte in Ruels Arm. Seine Beine wurden angehoben und eine eigenartige Müdigkeit überfiel ihn und ließ ihn wie in einem Schwebezustand verharren.

„Er ist jetzt friedlich, Mac“, tönte des Docs Stimme mit grimmiger Genugtuung. „Du kannst mir glauben, dass ich lieber einem Löwen den Reißzahn gezogen hätte, als diesem wilden Burschen nach der Wunde zu sehen. Übrigens, er muss eine eiserne Natur haben. Hölle, yeah, mit dieser Verwundung hätte er längst ins Bett gehört. Hat er sich bei dir eingetragen?“

„Wenn du seinen Namen wissen willst, Doc.“

„Yeah, ich lege immer Wert darauf, den Namen meines Patienten zu erfahren.“

„Well, Ruel Duke nennt er sich. Ein Texaner.“

„Bist du sicher?“

„Ganz sicher!“

„Dann achte darauf, dass niemand an ihn herankommt. Es könnte sein, dass Stratton nun einen besonderen Gefallen an ihm haben wird und Sympathien entdeckt.“

„Und selbst vergessen könnte, dass er seinen Liebling Couver klar ausgepunktet hat“, klang es böse und grollend zurück. „Was sich heute auf der Fahrbahn abspielte, war mehr als eine Niederlage für Couver. Dieser junge Boy hat ihm zwar keine Kugel unter die Haut gejagt, ihm aber dafür einen moralischen Schock versetzt, den Couver kaum verdauen und hinunterschlucken wird. Couver ist aus seinem hohen Sattel gefallen. Das wird er nie verwinden.“

„Und mit der Nase im Dreck gelandet. Yeah, ein jeder findet einmal im Leben seinen Meister.“

„Han Cloud und Red Stevens haben die Stadt verlassen. Wieder einmal nehmen die von der Gabel-Ranch eine traurige Erinnerung von Leesville mit. Wie lange soll das alles hier noch so weitergehen, Doc?“

„Ich weiß es nicht, Mac. Manchmal denke ich, dass wir alle uns zu wenig um die Entwicklung in der Stadt gekümmert haben. Wir haben unsere Lektion nun erhalten und müssten daraus gelernt haben, es besser zu machen. Vielleicht ist es schon zu spät. Aber versuchen sollte man es auf jeden Fall.“

„Zu spät?“

„Yeah, um mit gesetzlicher Kraft etwas zu erreichen. Auf diesem Wege ist Stratton nicht beizukommen. Nach außen hat er es immer verstanden, sich seine weiße Weste zu erhalten. Kein Sheriff, Marshal oder Staatenreiter würde dir Recht geben, wenn du erzählen würdest, dass du in einem erzwungenen Spiel die Himmelspforte an Stratton verloren hast.“

„Aber es war doch ein mir aufgezwungenes Spiel … ein Falschspiel, Doc! Ich hatte keine andere Wahl, als beide Augen zu schließen.“

„Yeah, weil du dein Fell retten wolltest. Aber das nimmt dir nach so langer Zeit keiner mehr ab, Mac. Wir haben alle versagt, und statt in der Not zusammenzustehen, haben wir die Flügel hängen lassen und getan, als ginge uns das Ganze nichts an.“

„Gut, das kann sich doch aber ändern!“

„Glaubst du? Ah, ein frommer Wunsch“, klang es resigniert. „Stratton hat zu viel Spitzel. Er würde sofort herausbekommen, wer sich gegen ihn stellt, und demjenigen so heftig auf die Sporen treten, dass ihm der Hunger nach Freiheit schnellstens vergeht.“

Eine Pause entstand, und dann sagte der Doc leise: „Ich frage mich nur, warum dieser Duke Couver seinen Colt vor die Stiefel warf und sich ihm auslieferte. Das erinnert mich unwillkürlich an zwei Leitwölfe im Kampf. Nur war es hier umgekehrt. Einer gab auf und hält dem Schwächeren die Kehle hin!“


3.

Die letzten Worte des Doc nahm Ruel mit hinüber ins Land der Träume.

Er wurde erst wieder wach, als es schon Mitternacht war. Sein Blick fiel auf eine brennende Petroleumlampe, und gleich darauf sah er den mächtigen Schatten eines Mannes und vernahm die tiefe Bassstimme: „Hallo, Duke!“

Sofort war Ruel hellwach und versuchte, sich aufzurichten. Im gleichen Atemzug wuchs der mächtige Schatten aus der dunklen Ecke empor. Ein gemütlich grinsendes Gesicht wurde sichtbar, dann eine Pranke, die einen Colt umklammert hielt.

„Es ist schön, dass du mich nicht allzu lange warten ließest, Duke!“

„Stratton?“

„Oh, welche Ehre, du erinnerst dich?“

„Ah, geh zum Teufel, Stratton!“

„Das haben mir schon viele gewünscht und ist folglich nichts Neues für mich.“

Er hob den Colt, spitzte seine Wulstlippen und blies über den blau schimmernden Lauf, polierte die Waffe an seinem Jackenärmel.

„Du hast mich doch bestimmt erwartet, wie?“

„Stratton, ich bin nicht zum Scherzen aufgelegt.“

„Oh, das kann lieh verstehen“, erwiderte Stratton mit freundlichem Grinsen.

„Zum Teufel, was willst du von mir?“

Doch auch dieser Ausbruch brachte Stratton nicht aus seiner Ruhe. Hässlicher wurde sein Grinsen.

„Mein lieber Freund, es wird dir wohl nicht entgangen sein, dass mir der Saloon gehört und die Stadt dazu. Ich muss dich leider daran erinnern, dass du mein Gast bist!“

„Um mir das zu sagen, hättest du dir eine andere Stunde aussuchen können.“

„Nun, ich bin ein ausgesprochener Langschläfer und werde meist des Nachts richtig lebendig. Yeah, und jetzt bin ich hier, um mir meinen neuen Mann anzusehen!“

Er sagte das so leichthin, als hätte er bereits die feste Zusage von Ruel in der Tasche.

Doch Ruel fuhr nicht wild auf. Es gelang ihm, seine aufsteigende Wut zu bezwingen.

„Wie denkst du dir das?“

„Oh, du wirst den gleichen Lohn und die gleichen Anteile wie Couver erhalten, und yeah, ich hätte es beinahe vergessen, du hast natürlich auch die gleichen Pflichten. Wie gefällt dir das?“

„Wenn ich dir einen guten Rat geben darf, Stratton, dann geh aus dem Raum, bevor ich ersticke.“

„Duke, ich weiß nicht, was du willst, das ist doch ein Angebot“, grinste der Dicke ungerührt. „Aber ich kann verstehen, du brauchst Schlaf und Ruhe. Ich war wohl ein wenig zu voreilig.“

Bei diesen Worten ließ er den Colt verschwinden und wischte sich mit seinem Taschentuch die schweißnasse Stirn.

„Aus welchem Grunde sonst kommt ein Cowboy deines Formats nach Leesville? Verdienen wollt ihr, und das nicht schlecht! Dein Trick mit Couver war neu und gekonnt. Auf diese Art hat sich noch niemand bei mir vorgestellt und sich gleich selbst in die richtige Klasse eingestuft. Wenn ich daran denke, für wen Couver und auch ich dich gehalten haben, dann freu ich mich jetzt besonders auf deine Partnerschaft. Nun will ich dich aber nicht länger stören.“

Er wollte gehen, doch bevor er die Tür erreicht hatte, hielt ihn Ruels Frage zurück.

„Und du weißt wirklich nicht, wer mir im Ödland den Schulterschuss beibrachte, Stratton?“

Betrübt schaute Stratton zu ihm hin. Ehrlicher Kummer schien ihn zu erfüllen. By Gosh, es gab wahrlich keinen Mann, der ein dickeres Fell und eine bessere schauspielerische Veranlagung hatte als Stratton.

„Man spricht von deiner Verwundung“, sagte er nachdenklich, „aber kannst du den Mann beschreiben, der die Kugel auf dein Fell brannte?“

„Yeah!“

„Und?“

„Ich denke, dass er zu deinem Verein gehört, den du in den Bergen sitzen hast.“

Stratton grinste wieder.

„Duke, man schiebt mir hier etwas in die Schuhe, was absolut nicht stimmt. Aber das ist der pure Neid. Man missgönnt mir meinen Erfolg. In Wirklichkeit habe ich nichts mit den Horden zu tun, die auf eigene Rechnung die Berge unsicher machen. Ich schicke dir jetzt Mac Parnas, denn du wirst hungrig und durstig sein. Es war ein aufregender Tag für dich heute, wie?“

Er wartete die Antwort nicht ab und verschwand. Leise fiel die Tür ins Schloss.

Und wenig später kam Mac Parnas.

„Die erste Mahlzeit in diesem gastlichen Haus musste ich leider abräumen“, lächelte er. „Aber dafür hoffe ich, dass es dir jetzt schmecken wird, Cowboy.“

„Stratton war bei mir!“

Er beobachtete den Keeper scharf bei diesen Worten.

„Yeah, wer will Stratton verbieten, das zu tun, was ihm beliebt? Er hat einen Narren an dir gefressen, Cowboy. Wahrscheinlich hat er dir ein gutes Angebot gemacht?“

„Ich habe es abgewiesen!“

„Abgewiesen?“, stammelte Mac Parnas.

Er setzte das Tablett mit dem Essen etwas zu hastig auf die Bettdecke, so dass es ein wenig überschwappte. Er riss sich die Brille von der Nase, mahnte: „Cowboy, verärgere Stratton nicht, lass dich nicht durch seine Freundlichkeit und seine Glätte beirren. Ich kann dir sagen, dass viele gute Männer auf ihn hereingefallen sind und erst zu spät merkten, dass hinter seiner verteufelt glatten Art der Tod hockt. Solange du krank im Bett liegst, wird er dich unbehelligt lassen … doch entscheide dich auf keinen Fall für ihn, Cowboy!“

„Hm, eine Lösung, die du selbst nicht gefunden hast, Freund!“

Beschämt sah Parnas zu ihm hin. Schatten kamen in seinen Augen auf.

„Ich hatte nicht deinen glatten Zug“, wehrte er sich. „Und ich war auch zu schwach und wollte nicht sterben. Ich zog es vor, den Rücken krumm zu machen, und schloss mich denen an, die Stratton einbrach.“

„Und du hast dich daran gewöhnt?“

„Ich weiß es nicht, Cowboy“, bekannte Parnas recht grimmig. „Mancher Mann ist dazu geschaffen, zu dienen … andere dagegen, zu herrschen. Die herrschen wollten, fegte Stratton mit eiserner Faust beiseite, die anderen leben, um ihm zu dienen. Ich kann dir jedoch sagen, es ist ein höllisches Leben.“

„Nun, aber du hast es bisher ertragen.“

„Was sollte ich sonst tun? Ich sagte dir doch, dass ich zu schwach bin, um mich aufzulehnen.“

„Auch Schwache können stark werden, wenn sie sich zusammenschließen. Außerdem ist die Gabel-Ranch nicht allzu weit entfernt. Dort hätten sie jeden Mann aufgenommen, der gegen Stratton ist.“

„Yeah, das stimmt, Cowboy! Aber ich bin kein Reiter und passe nicht in den Sattel. Ich blieb hier, weil ein winziger Funke von Hoffnung mir sagte, dass eines Tages alles Unrecht zum Himmel schreien würde und eine eiserne Faust kommen wird, die Leesville zu dem macht, was es früher war.“

Ruel entgegnete nichts darauf. Er aß und trank. Parnas sah ihm zu, räumte später die Reste fort und verschwand, nachdem er das Licht gelöscht hatte. Und Ruel schlief sofort wieder ein.


*


Heller Sonnenschein weckte ihn. Er rekelte sich, streifte die Decke ab und fühlte sich bedeutend

wohler. Die Schmerzen in der Schulter hatten nachgelassen.

Vorsichtig erhob er sich und schaute aus dem Fenster, sah unwillkürlich dorthin, wo sein Blauschimmel gelegen hatte.

Der Platz war leer. Schleifspuren waren im Sande. Irgendwo vor der Stadt lag jetzt der Kadaver seines treuen Freundes in einer Grube oder auf dem freien Feld.

Ruel schüttelte die Gedanken ab, die ihn jäh anfielen und marterten. Stiefeltritte auf der Stiege ließen ihn rasch von Fenster zurücktreten. Kaum hatte er das Bett erreicht, die Decke hochgezogen und sich hingesetzt, als die Tür aufflog und mitten auf der Schwelle eine schlanke Männergestalt stand.

Schwarzes Haar hing dem Mann unter der Stetsonkrempe hervor. Eng beieinander stehende Augen, eine schmale, leicht gekrümmte Nase, dünne, blutleere Lippen bekam Ruel zu sehen … und ein kaltes Grinsen.

„Duke?“

„Ganz recht, der bin ich.“

Ohne eine Aufforderung abzuwarten, trat der Kerl näher, zog sich den Hocker mit der Stiefelspitze heran, setzte sich, und schon holten seine nervösen Hände Tabak und Papier hervor.

„Ich will meinen Stetson fressen, wenn ich dich nicht kenne“, pfiff es Ruel von den Lippen des Eindringlings entgegen.

Und wie ein Schleier fiel es von Ruels Augen. Dort, genau ihm gegenüber saß jener Mann, der ihm das Blei in die Schulter gejagt hatte und tat so, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, hier bei ihm zu sein.

Kein Wunder, der Bursche wusste, dass er waffenlos und angeschlagen im Bett lag. Wusste es von Stratton, denn Stratton hatte gestern in der Nacht gelogen, als er vorgab, den Kerl nicht zu kennen, der ihm das Blei geschickt hatte. In Wirklichkeit war er längst über alles orientiert.

„Es ist gut, dass du mich erkennst“, sagte der Schwarzhaarige, leckte mit der Zunge über das Papier, rollte den Tabak und steckte sich die fertige Zigarette zwischen die Lippen.

„Alle Achtung vor dir, du scheinst das Leben eines zähen Lofers zu haben, denn …“

„Yeah, Freund, ich bin fit genug, es mit dir aufzunehmen“, unterbrach ihn Ruel ruhig, konnte kaum den Zorn zurückhalten, der beim Anblick des Kerls in ihm aufkam. Er zog die Beine an, schleuderte mit den Füßen die Decke nach seinem Besucher hin.

Polternd flog der Hocker zur Seite. Die ankommende Decke versperrte dem Manne die Sicht zu Ruel hin, und zu spät sausten seine Hände zu den Eisen. Die Decke fiel über seinen Kopf und gleichzeitig knallte eine Faust gegen sein Kinn, trieb seinen Kopf weit in den Nacken und seinen Körper gegen die Wand. Eine Hand streifte sein Holster.

Und dann … Yeah, dann fiel die Decke von ihm ab, und er starrte in den Lauf seiner eigenen Kanone, die Ruel ihm entgegenhielt.

Er blieb an die Wand gepresst stehen, starrte Ruel aus weit geöffneten Augen an, murmelte: „Man hat nicht zu viel von dir erzählt.“

Dazu grinste er und schien seine Lage nicht sehr schwer zu nehmen, hob die gespreizten Hände in Brusthöhe, sagte ruhig: „Aber wollen wir uns nicht lieber setzen, es ist so recht ungemütlich. Außerdem möchte ich mir mein Kinn kratzen. Es war ein verdammt harter Schlag, Duke. Etwas mehr Wucht noch, und meine Zähne wären dahin.“

Ruel setzte sich auf die Bettkante. In seinem Hirn kreisten wirre Gedanken. Was sollte er von diesem Besucher halten?

„Hat Stratton dich geschickt?“, knurrte er, wobei er mit dem Colt eine Bewegung nach rechts

machte, die dem Besucher andeutete, sich wieder des Hockers zu bedienen.

„Ja und nein, wie man’s nimmt. Vor allem jedoch schickt mich Couver.“

„Couver?“, schnappte Ruel. „Was will er?“

Der andere griff in die Tasche, zog vorsichtig einen Colt heraus, hielt ihn zwischen den Fingerspitzen und legte ihn sanft auf den Tisch.

Es war der Colt, den Ruel Couver vor die Stiefel geworfen hatte.

Man hatte ihn mit aller Sorgfalt gereinigt und geölt.

„Das soll ich dir überbringen“, knurrte der Schwarzhaarige. „Vielleicht sagt dir das etwas?“

„Couver will wohl damit sagen, dass unsere Rechnung nicht aufgegangen ist, wie? Dass ich ihm sozusagen noch etwas schuldig bin“, grollte Ruel böse hervor.

„Das musst du wissen, Duke, nicht ich.“

„Well, sage Couver, dass ich die Restschuld begleichen werde.“

„Er hat dich anscheinend richtig eingeschätzt, Duke.“

„Mit anderen Worten, er weiß bereits, was ich zu tun habe?“

„Hm, um dir das zu sagen, bin ich hier.“

Ruels Atem stockte. „Er hat es gewagt, dich zu schicken?“

„Yeah, weil wir von nun an zusammenarbeiten werden. Das ist ein Teil seiner Bedingung, Duke!“

„Und der andere Teil?“

„Well, besteht darin, einen Mann zu erledigen, der schneller ist als alle Männer, die Stratton eingestellt hat. Wenn das geschehen ist, kannst du gehen, wohin du willst. Nur dieser eine Mann steht Stratton im Wege, und dieser Mann ist außerdem Couvers persönlicher Feind. Du hast nun die Aufgäbe, ihm vor die Stiefel zu springen. Du kannst es sogar fair austragen, wenn du willst.“

„Ah, dann ist also Couver fest davon überzeugt, dass ich sein Mann bin?“

„Selbstverständlich! Du sollst nur den Colt ansehen, dann wüsstest du, was du ihm schuldig bist. Du siehst doch ein, dass es eine glatte Rechnung ist?“

„Und wozu bist du an meiner Seite?“

„Halte Couver nicht für einen Dummkopf, Duke!“

„Ach so, du sollst mich also überwachen?“

„Man braucht es nicht so hart auszusprechen. Sieh es so an, als wäre ich dein Partner, weiter nichts.“

„Ein verteufelter Partner!“

„Duke, dein Ärger ist begründet, aber du musst verstehen, dass wir dich in der Dämmerung, als wir über dich herfielen, für denjenigen hielten, den du nun aus den Stiefeln holen sollst. Es war ein Irrtum, meine Kugel galt nicht dir!“

„Das kann man jetzt gut sagen.“

„Leider ist es jedoch Tatsache, und wenn unsere Mission erfüllt ist, sind unsere Bindungen gelöst. Vielleicht ist dir das ein Trost. Ich kann dir jedenfalls versichern, dass es für mich einer ist.“

„Ah, geh zum Teufel“, flüsterte Ruel heiser. Er fühlte sich wie erschlagen. „Geh zu Couver und sage ihm, dass ich seinen Plan nicht ausführen kann, er soll sich einen anderen Narren suchen!“

„Duke, ich muss dich darauf aufmerksam machen, dass du in diesem Falle nach deiner Genesung keine drei Yards vor die Tür gehen kannst. Stratton würde es zwar Leid tun, einen so großartigen Schießer zu verlieren, denn er hat komischerweise an dir einen Narren gefressen. Well, wenn ich auch nicht verstehe, wieso und warum, das ist seine Sache! Ich jedenfalls werde als Partner dir gegenüber die Augen offen halten.“

„Ein Kompliment, Freund … und wem verdanke ich es?“

„Ich bin Till Drogert“, grinste der Schwarzhaarige bescheiden. „Auch Black Bill genannt. Du kannst dir einen der beiden Namen aussuchen … Ah, sagt er dir etwas?“, unterbrach er sich selber, als er die plötzliche Veränderung sah, die in Ruel vor sich ging.

„Yeah, dein Name ist mir bekannt. Wahrlich, ein berühmter Name“, flüsterte Ruel heiser. Er glaubte, ersticken zu müssen, glaubte, ein Spuk narre ihn. Denn, by Gosh, vor ihm saß nicht nur der Mann, der ihm eine Kugel serviert hatte, sondern auch der Mann, dessentwegen sein Bruder Ide auf den langen Trail musste.

Till Drogert, der Bankräuber, dem dreißigtausend Dollar in die Hände gefallen waren.

„Well, ich werde mit dir reiten, Drogert. Und wenn es bis in die Hölle ist.“



4.

Er senkte die Waffe, hielt sie mit dem Kolben Drogert entgegen.

Einen Moment zögerte dieser.

Oh, yeah, er brauchte jetzt nur blitzschnell zuzugreifen, das Eisen aus Ruels Hand zu reißen, dann hatte sich die Situation grundlegend geändert.

„All right, Duke … nun sind wir wohl Partner?“

„Nimm es an!“

„O.K.“, grinste Drogert, kniff die Augen schmal zusammen, nahm den Colt vorsichtig entgegen, ließ die Waffe in sein Holster gleiten, sagte: „Erhole dich gründlich, du musst körperlich in Hochform sein, um der Aufgabe gewachsen zu sein.“

Er wollte gehen, doch Ruel hielt ihn zurück. „Gegen wen will mich Couver eigentlich ansetzen?“

„Gegen den Roten Jackson. Hast du seinen Namen jemals gehört?“

„Nein!“

„Um so besser, so gehst du ohne Skrupel gegen ihn“, grinste Drogert, dem zusehends wohler wurde. Ein vergnügtes Lächeln hing in seinen Mundwinkeln.

„Um es ehrlich zu gestehen, Duke, du hast Couver durch dein Dazwischentreten schwer verärgert, und trotzdem wird er dir dein Reittier durch ein besseres ersetzen, wird der Boss deinen Aufenthalt, deine Verpflegung und selbst deine Drinks bezahlen, und du wirst sogar noch einen Sonderlohn bekommen.“

„Und einen Erholungsaufenthalt, wie?“, schnappte Ruel bissig zurück.

„Yeah, man wird dir alle Wünsche erfüllen … und niemand aus dem Verein beneidet dich darum. Denn, yeah, es ist uns inzwischen klar geworden, dass nur du für diese Aufgabe eingesetzt werden kannst.“

„In der Hoffnung, dass ich danach ein toter Mann bin, stimmt’s?“

„Wo denkst du hin, Duke! Wenn es so wäre, würden wir auf deine Mithilfe verzichten. Wir hoffen, dass du schneller sein wirst als Jackson, treffsicherer und kälter!“

„Und wo werde ich diesen Jackson sehen?“

„Endlich eine Frage, die ich dir klar beantworten kann“, erwiderte Drogert, wobei sich das Lächeln in seinen Mundwinkeln verstärkte. „Jackson lebt auf der Gabel-Ranch!“

Diese Enthüllung kam für Ruel unerwartet.

Er trat einen Schritt zurück. Schatten jagten sich in seinen Grauaugen, doch dann lächelte auch er.

„Darum also hat sich die Gabel gegen Stratton durchsetzen können?“

Das Lächeln in Drogerts Mundwinkeln blieb.

„Warum soll man es verschweigen? Der Boss hat gewisse Schwierigkeiten mit ihm, und es ist ihm bis jetzt nicht gelungen, dieses Ass aus der Crew der Gabel zu räumen. Du wirst in zwei Tagen so freundlich sein, zur Gabel aufzubrechen, um dir deinen Gegner anzusehen, und ich werde dich ein Stück des Weges begleiten. Es dürfte für dich nicht schwer sein, dort auf der Gabel Kontakt zu bekommen. Han Cloud ist dir zu Dank verpflichtet.“

„Well, um mit einem besonders schnellen Eisen zusammentreffen zu können, muss meine Schulterwunde völlig verheilt sein, Drogert!“

Der andere hob beschwichtigend beide Hände.

„Keine Sorge, der Boss will dich nicht auf die Schlachtbank führen. Vorerst sollst du nur eines … bis zu deiner völligen Genesung die Gabel beobachten, deine Augen offen halten, und vor allen Dingen den Roten Jackson so studieren, dass du seine Schwächen im Kampf kennst. Das wäre alles, Freund! Du siehst mich übermorgen wieder, lass es dir bis dahin gutgehen.“

Drogert ließ sich nun nicht mehr aufhalten und verschwand. Ruel ging eilig zum Fenster, öffnete es. Er glaubte, dass die frisch eindringende Luft den Wolfsgeruch vertreiben würde, den Drogert im Raum zurückgelassen hatte. Tief sog Ruel die Luft ein.

Noch immer war der Himmel grau und voller Wolken. Unten auf der Straße dösten Pferde vor

den Holmen. Ein Einspänner kam von Osten her, und zwei Cowboys schlenderten, ins Gespräch versunken, über den Bohlensteig.

Später kam der Doc und schaute nach seinem Patienten. Er war zufrieden mit dem Ergebnis seiner Kur und empfahl sich bald wieder.

Mac Parnas sorgte für das Essen, und yeah, bevor er abräumte, fragte er: „Drogert war bei dir, Duke?“

„Yeah!“

„Du lehnst ihn ab?“

Ruel zuckte die Schultern.

„Oh, ich verstehe, wenn du einen Rat annehmen willst … dann nimm dich in Acht vor ihm!“

„Wem sagst du das?“

„Ich will dir nichts vormachen, aber …“

„Ich weiß, jeder will nur mein Heil“, unterbrach ihn Ruel spöttisch. „Alle sind besorgt, behandeln mich wie ein rohes Ei. Sag, für welche Seite willst du mich gewinnen?“

Mac Parnas schaute verlegen zu Boden, schien nach einem Entschluss zu suchen, sagte dann recht heiser: „Ist es ein Wunder, dass du so begehrt bist, nach dem, was du gezeigt hast?“

„Spare dir deinen Song, Parnas. Sage mir lieber, wer der Rote Jackson ist?“

Parnas hob sich vor Überraschung halb vom Stuhl, ließ sich dann mit einem tiefen Atemzug zurücksinken, stemmte die Hände gegen den Tisch.

„Wer Jackson ist, willst du wissen?“

„Yeah!“

„Nun, ein verteufelt harter, wilder Bursche, der beste Mann, der jemals in einer Crew ritt. Ein Mann mit scharfem Verstand, schnellen Händen und der Fähigkeit, seine Gegner mit allerlei Tricks zu erschrecken. Außerdem ist er Han Clouds Verlobter.“

Das gab Ruel einen Stich. Mac Parnas deutete das Erblassen seines Gegenübers jedoch auf seine Art.

„Yeah, dieser Jackson ist eine Wucht, ein Mann von Format, der die Fähigkeit besitzt, eines Tages die Gabel-Ranch in die Tasche zu stecken und die schöne Han als Frau zu bekommen. Du musst wissen, Duke, dass Han die älteste von den drei Mädels ist und somit die Erbin.“

„Drei Mädchen …“

„… gibt es auf der Gabel. Han, Bell und Cecilie. Neal Cloud, der Vater der drei, kam auf verteufelt tragische Art ums Leben. Er starb an einer Kugel, die man ihm in den Rücken servierte. Und, yeah, genau vierundzwanzig Stunden, nachdem die Gabel den Roten Jackson einstellte.“

„Soll das einen Zusammenhang haben?“

„Wer weiß? Aber ich will beileibe nichts gegen den Roten Jackson sagen“, murmelte Mac Parnas mit belegter Stimme.

„Es steht nur fest, dass er, bevor er auf der Gabel anfing, ein Verhältnis mit Han hatte, und dass ihr Vater gegen diese Verbindung war.“

„Und?“

„Nun, man munkelt in der Stadt und allgemein, dass dem Roten Jackson der Rancher im Wege stand. Obwohl sich das Gerücht hartnäckig hielt, blieb er auf der Ranch. Und obwohl man sagt, dass Han in ihrer Liebe zu ihm blind und taub sein müsse, und dass die beiden anderen Mädchen sich gegen ihn stemmen, bleibt er.“

„Die Cowboys jedoch scheinen sich nicht gegen ihn zu stellen, wie?“

„Nein!“

„Seltsam …“

„Warum?“

„Nun, Cowboys haben im Allgemeinen ein Gefühl für Treue und Echtheit.“

„Oh, der Rote Jackson ist nicht irgendeiner, Duke! Vielleicht versteht er es, den Boys Sand in die Augen zu streuen. Vielleicht imponiert er ihnen so tief mit seiner Männlichkeit, dass sie ihm allesamt aus der Hand fressen. Oder aber seine Eisen sind so schnell, dass es keiner wagt, sich gegen ihn zu stellen. Vielleicht auch imponiert er ihnen nur dadurch, dass er gegen Stratton die Stange hält und sich aus ihm nicht die Bohne macht. Eins ist jedenfalls sicher, seitdem er das Ruder auf der Gabel führt, ist es keinem Mann aus Leesville gelungen, sich auf der Ranch aufzuhalten. Jackson sorgt dafür, dass die Weide nicht von Städtern betreten wird. Er ahndet geringfügige Verletzungen des Weide-Betretungsverbotes, das er selbst herausgegeben hat, schwer.“

„Um sich gegen die Spione abzuschirmen, die Stratton ihm auf den Hals hetzt“, nahm Ruel dem Keeper das Wort.

Doch dieser ballte die Hände und schlug sie ungestüm auf den Tisch, sagte: „Man kann es ansehen, wie man will, Duke, jedenfalls hätte Neal Cloud, wenn er noch lebte, Jackson nie und nimmer eingestellt. Die beiden hatten einmal, bevor der große Stratton mit seiner Mannschaft auftauchte, einen Streit vor der Himmelspforte. Eine heftige Auseinandersetzung, die so endete, dass Neal nach seinem Colt griff und zog.“

„Und Jackson?“

„Drehte ihm einfach den Rücken zu.“

„Und was war der Anlass zu dem Streit?“

„Es ging um Han. Der Rancher verbot Jackson, sich um sie zu bemühen.“

„Also eine Meinungsverschiedenheit, weiter nichts. Dies konnte sich schon bald ändern, als Stratton anfing, die Stadt und die Weide zu bedrohen.“

„Duke, so wie du es siehst, haben es der Doc und auch verschiedene andere gesehen. Die Mehrzahl aber verurteilt Jackson.“

„Ohne zu wissen, was wirklich war?“

„Die Menschen urteilen meistens nach dem Schein. Hier und überall, das wird sich wohl nie ändern. Übrigens“, schwenkte er schnell auf ein anderes Thema um, „der Doc kommt nicht mehr, um nach der Wunde zu sehen. Einige Tage Ruhe, und alles wird wieder in Ordnung sein, sagte er. Und noch eins, Duke. Couver hat sich zurückgezogen und die Wachen zurückbeordert, die er um den Saloon postiert hatte. Außerdem hat er dir einen Falben in meinen Stall gestellt.“

„Well, ich werde mir das Tier ansehen.“

„Gut, gehen wir. Doch sag, was hast du mit Jackson?“

„Nun, Drogert hat mir empfohlen, ihn mir genau anzuschauen, das ist alles, Freund“, entgegnete Ruel bitter.

„Alle Wetter, by Gosh, Duke … für mich ist Jackson genauso ein Übel wie Stratton. Aber wenn ich zwei Übel zur Wahl hätte, würde ich immer noch Jackson den Vorzug geben, obwohl er in meinen Augen Neal Cloud aus dem Wege räumte, um Han zu bekommen. Er ist immerhin noch zu ertragen und im persönlichen Umgang nicht so übel. Solange er gegen Stratton steht und eine Art Schwerpunkt bietet, ist er mir sogar sympathisch, und es würde mir Leid tun, so paradox das klingen mag, wenn er in die Grube sauste. Falls aber Stratton vor ihm die Reise zu den Stiefelhügeln antritt, so könnte Jackson von mir aus sofort hinterher sausen. Han wäre frei, und das Land würde aufatmen. Ist es doch ein eigentümliches Gefühl, einen so schnellen Mann vor sich zu haben.“

Er schaute dabei Ruel kritisch von der Seite an, lachte ein wenig gezwungen und unsicher. „Was mir auffällt, ist, dass er in der Gestalt und Bewegung verdammte Ähnlichkeit mit dir hat.“

„Vielleicht ist es mein Bruder“, murmelte Ruel.

„Dein Bruder? Oh, Hölle, wie kommst du nur darauf?“

„Aus dem einfachen Grunde, weil ich ihn suche.“

„Und du nimmst an, dass er sich unter fremdem Namen irgendwo verborgen hält?“, schnappte Parnas.

„Yeah.“

„Wie ist sein wirklicher Name?“

„Ide Duke!“

„Nie gehört. Aber da sei der Teufel vor, als dass ausgerechnet Jackson dein Bruder ist.“

„Ich frage mich, weshalb man ihn gerade den Roten Jackson nennt?“

„Ganz einfach … wegen seiner Haare. Sie sind rot wie Flammen.“

„Ah, dann kann er doch nicht mein Bruder sein“, erwiderte Ruel leise, wie zu sich selbst. „Ide hat blondes, seidiges Haar.“

Parnas atmete erleichtert auf und legte Ruel seine Rechte sanft auf die Schulter.

„Cowboy“, flüsterte er fast heiser. „Du bist in diese Stadt wie ein Wirbelwind eingebrochen. Du hast den Schießer Couver in die Corralecke gejagt und hast Stratton den Mund verteufelt wässrig gemacht. Hast ferner Han Cloud einen Dienst erwiesen und Red, ihren Vormann, dir zum Freunde gemacht. Yeah, du bist jetzt so begehrt, dass dich Stratton sogar mit seiner eigenen Leibwache deckt. Was ich jedoch nicht verstehe, ist, dass Couver dich irgendwie beeinflussen und dich gegen einen Mann wie Jackson bringen kann. By Gosh, ich fühle, dass auch Drogert hier war, um dir das klarzumachen, und dass es diesem Schurken gelungen ist, es dir so beizubringen, dass du darauf hereingefallen bist. Ah, irgend etwas hat Couver als Hebel gegen dich angesetzt. Und es muss ein starker Hebel sein, der dich in seine Mannschaft treibt. Ich will nicht wissen, was es ist, Cowboy … aber eins will ich doch betonen, du sollst ausgenützt und dann beiseite gestellt werden. Du bist den Burschen gerade gut genug, um für sie die Kastanien aus dem Feuer zu holen, dann aber wirst du ihnen zu gefährlich, und sie werden dich auf die Seite bringen. Ah, geh ihnen nicht auf den Leim, Cowboy! Jetzt hast du freie Bahn. Nimm den Falben, steig auf und reite fort.

So, das wär’s, was ich dir sagen wollte. Ich habe eingesehen, dass es zwecklos ist, von einem Fremden mehr zu erwarten, als man selbst für die Stadt getan hat. Du wirst mich nicht verstehen, Cowboy, doch wir Männer aus Leesville sind an unserem Unglück selbst schuld. Wir haben, als es aufs Ganze ging, versagt. Hölle, yeah, die Stadt ist von Stratton verseucht und taugt nichts mehr, Duke! Und darum misch dich lieber nicht in diese Dinge ein, die dich mit Haut und Haaren auffressen werden.“

„Die Warnung kommt zu spät, Parnas.“

„Zu spät?“, murmelte der Keeper überrascht, stieß den Kopf so eilig vor, dass ihm die Hornbrille

auf die Nasenspitze ruckte und er das Aussehen einer großen Eule bekam.

„Ah, gehen wir lieber zum Stall, Parnas“, lenkte Duke ein und ging aus dem Raum.

Sofort erhob sich der Keeper und kam hinter ihm her.

„Duke, ich will meinen Stetson fressen, wenn nur die Suche nach deinem Bruder dich hier in der Gegend zurückhält. Hölle, vielleicht ist es ein Mädchen … vielleicht Han Cloud?“

„Han?“

„Yeah, schon mancher hat einen wirren Kopf bekommen und ist ihretwegen geblieben.“

„Du kannst beruhigt sein, ich …“

„Ich weiß, auf die Worte eines alten Narren legst du keinen Wert, und du wirst genau das Gegenteil von dem tun, was ich dir sage. Du wirst zu diesem Schuft Drogert gehen und vielleicht mit seinen Raureitern reiten, und du wirst Couver nicht noch einmal zurechtstutzen und wirst auch Stratton in Ruhe lassen. Yeah, du wirst dich für die Schufte vor die Colts eines Mannes stellen, der, mit Verlaub zu sagen, vielleicht noch schneller ist als du. Herr im Himmel, warum das alles? Um deinen Bruder zu suchen? Wenn du tot bist, hört die Suche auf. Um Han zu imponieren? Sie ist bereits in festen Händen und wird nur ein trauriges Lächeln für dich übrighaben. Warum das also alles?“

„In meiner Kammer auf dem Tisch liegt die Begründung“, klang es böse zurück.

„Der alte Colt?“

„Yeah!“

„Hölle, beinahe habe ich mir so etwas gedacht. Dieser alte Colt gefiel mir gleich nicht, denn er erinnerte mich an Bell Clouds Waffe.“

„Bell Cloud hat eine ähnliche Waffe?“

„Yeah, ich wollte es dir erst nicht sagen, war der Meinung, dass Unheil damit verbunden wäre. Aber nun …“



5.

Drei ruhige Tage hatte Ruel hinter sich. Täglich war er an der Luft, zweimal am Tage beschäftigte er sich mit dem Falben, der übrigens ein prächtiges Tier war. Er freundete sich mit ihm an, striegelte, kämmte und versorgte ihn.

Und drei Tage lang hatte er das Gefühl, als ob Leesville eine friedliche Insel für Erholungsbedürftige sei. Mit jedem Tag besserte sich seine Wunde, zeigte sich, dass Ruhe und Schlaf seinem Aussehen guttaten. Yeah, er fühlte sich wieder so weit fit, dass er in den Sattel stieg und kleine Ausflüge in die Gegend machte. Oh, yeah, er wusste ganz genau, dass er niemals alleine ritt, dass immer ein Schatten hinter ihm war.

Einmal überraschte er, als er einen Bogen auf der eigenen Fährte machte, Couver, der vornüber geneigt im Sattel hing und seiner Fährte folgte.

Er war so vertieft, dass er Ruel nicht gewahrte und weiter ritt.

Sicherlich hatte er später den Trick durchschaut und sich über seine Schläfrigkeit geärgert.

Doch Ruel machte sich darüber keine Gedanken. Im Moment war es ihm gleichgültig, ob man ihn beschattete oder nicht. Er ritt wieder zur Stadt zurück, und dort erfuhr er, dass Stratton mit seinem Rudel die Stadt verlassen hatte.

Niemand wusste, wohin.

Dass es kein Aufbruch für länger war, konnte man aus verschiedenen Dingen klar erkennen. Wo mochte Stratton sich hingewandt haben?

„Ich schätze, er ist nach Datton geritten“, klärte ihn Parnas auf, als er wieder auf seinem Zimmer war. „Er wird versuchen, dort dasselbe zu erreichen, was ihm hier gelungen ist … Abschneidung der Lebensmittel-, Munitions- und Kleidungslieferung für die Gabel-Ranch.“

„Das wäre eine Schuftigkeit, wie sie größer nicht sein kann“, hetzte Ruel verbissen hervor. „Das Land ist doch wahrlich groß und weit genug! Stratton sollte der Gabel nicht restlos die Gurgel zudrücken.“

„Die Entscheidung wird nicht mehr lange auf sich warten lassen, Freund“, sagte der Keeper nachdenklich.

„Doch wie ich sehe, hast du dir zu dem alten Colt einen neuen Gurt mit zwei 45ern geholt?“

„Yeah“, bestätigte Ruel. „Es sind die Eisen, die meinem Bruder gehörten. Der erste Anhaltspunkt dafür, dass mein Bruder hier gewesen sein muss. Leider wusste der Storehalter nicht mehr, wer sie ihm verkaufte“, schloss er düster.

„Allmächtiger!“

Parnas zwinkerte verwirrt mit den Augen, versuchte, das steinern gewordene Gesicht seines Gegenübers zu ergründen. Vergebens … Ruels Gesicht war undurchdringlich.

„Ide hätte sich niemals freiwillig von diesen Eisen getrennt. Er bekam sie von meinem Vater, und sie bedeuteten ihm mehr als alles andere.“

„Du glaubst also, dass …“

„… dass Ide tot ist“, klang es hart zurück.

„Ah, sieh nicht so schwarz“, stotterte Parnas verwirrt.

„Wie sonst sollte ich mir die Sache erklären?“

„Nimm an, dass dein Bruder, als er den Mann aus deiner Heimat sah, die Waffen verkaufte, in der Hoffnung, dass du sie dann bekommst. Nimm an, dass er noch immer glaubt, ein Geächteter zu sein, und somit deinem Suchen ein Ende bereiten wollte.“

„Ah, das glaube ich nicht, denn Drogert ist hier. Er hat ihn bestimmt erkannt und wird ihm vor die Stiefel gesprungen sein, und Drogert wird der Schnellere gewesen sein.“

„Eine glatte Rechnung, mein Junge“, warf Parnas ein.

„Man kann nicht abstreiten, dass diese Theorie annehmbar ist und so offen und klar zusammenpasst, wie man es sich nur wünschen kann. Aber für meine Begriffe ist das alles zu glatt und geht aus diesem Grunde eben nicht auf. Ich kann dir das alles nicht so erklären, aber ich habe ein verteufeltes Gefühl für solche Sachen. By Gosh, den Namen deines Bruders hat hier niemand gehört … Weiß übrigens Drogert, wie der Mann in Texas hieß, der ihn mit Blei versah?“

„Ich glaube kaum. Das zu erfahren, hatte er keine Zeit, denn es war Nacht, als sie sich gegenüberstanden.“

Sie wurden durch heftiges Klopfen an der Tür in ihrer Unterhaltung gestört.

Ohne das Herein abzuwarten, wurde sie sanft nach innen geschoben.

Drogert stand auf der Schwelle.

Stand unbewegt, abwartend, und sein Blick schweifte von einem zum anderen, blieb schließlich auf Ruels neuem Gurt haften, glitt zu den Kolben hin.

„Ich sehe, du hast dich für den Trail vorbereitet, Duke“, lächelte er. „Ein Mann mit drei Eisen, das ist etwas Neues. Vielleicht imponiert das dem Roten Jackson. Reiten wir?“

Er beachtete Parnas überhaupt nicht.

Ruel strich sich durch das Haar, schaute von dem Besucher fort durch das Fenster. Dort flutete die Sonne über Leesville. Hell und klar wölbte sich der Himmel.

Für einen Augenblick schloss Ruel die Augen, um sich das Bild des Friedens ringsumher deutlicher zu machen.

Und irgendwo in diesem herrlichen Tal musste das Grab Ides liegen. Einsam, verlassen … vom Winde verweht. Der Erdhügel abgetragen, namenlos und vergessen.

Der Mann aber, der Ide getötet haben konnte, stand auf der Schwelle und wartete. Wartete, dass er als sein Begleiter zur Gabel-Ranch hinausreiten konnte. Seltsame Ironie des Schicksals!

„Ich dachte, du wärst mit Stratton nach Datton aufgebrochen?“, sagte Ruel. Es gelang ihm, ruhig und gelassen zu bleiben.

Drogert kam einen Schritt näher.

„Du siehst die Dinge falsch, Duke. Ich arbeite zwar mit Stratton, aber ich bin nicht der Mann, der von ihm Befehle annimmt, wie Couver und die anderen hier. Ich arbeite auf eigene Rechnung, und wenn hin und wieder für Stratton etwas abfällt, nun, so ist das gerade so viel, dass er die Geduld nicht verliert. Meine Männer aber teile ich nicht gern. Sie wissen, dass Stratton sie eines Tages nicht mehr gebrauchen kann, und dass seine Freundschaft zu Ende sein wird, sobald er der König in diesem Lande ist. Aber all das interessiert dich kaum, wie?“

Er lachte scharf und rasselnd.

„Ich weiß, dass du mich nicht ausstehen kannst, Duke. Du kannst nicht vergessen, was in der Death Lano geschah. Nun, ich sagte dir bereits, dass wir dich mit Jackson verwechselten, auf dessen Kopf Stratton ein hohes Kopfgeld setzte.“

„Und ich soll mir nun für deinen Verein das Kopfgeld holen?“

„Yeah, so ist es“, grinste Drogert vergnügt. „Darum gebe ich mir alle Mühe mit dir. Doch brechen wir nun auf?“

„All right, reiten wir!“

„Und du verlangst nichts, falls du …“

„Zum Teufel, nein, nur eine Kugel für dich, Drogert!“

„Oh, dann verstehen wir uns ausgezeichnet. Ich brauche das Geld nämlich, um mein bescheidenes Vermögen zu vergrößern, um irgendwo neu anzufangen. Denn, by Gosh, nach Jacksons Tod dürfte mein Verein hier überflüssig sein, und laut Vertrag, den ich mit Stratton abgeschlossen habe, muss ich die Gegend hier verlassen.“

„Das heißt, wenn du dazu kommst“, unterbrach ihn Ruel böse.

Auch das schluckte Drogert, seufzte nur: „Freund, du bist nicht der erste, der mich halten wollte. Doch warten wir ab, was kommt!“

Er wartete, bis Ruel seine Schlafdecke zusammengerollt hatte, Parnas ihm den Proviantbeutel gefüllt hatte, dann gingen alle drei zum Stall, wo bereits drei übel aussehende Kerle beim Kartenspiel hockten und sich sofort erhoben.

„Duke, eine üble Gesellschaft“, flüsterte Parnas Ruel bei der Box leise zu. „Sie zeigen sich nur äußerst selten hier in der Stadt. Es sind heruntergekommene Burschen, die ihre eigene Großmutter verkaufen würden, falls sie genug dafür bekämen. Nimm dich in Acht, Cowboy!“

Ruel nickte, zog die Bauchgurte straffer, führte den Falben ins Freie.

Die drei Kerle waren bereits aufgesessen, musterten Ruel seltsam spähend, bemerkten nervös die drei Waffen.

Drogert warf ihnen einen scharfen Blick zu, dann warf er sich in den Sattel, wartete, bis Ruel sich in die Steigbügel stemmte und die Zügel vom Sattelhorn nahm, sein Tier in Gang brachte.

„So long, Parnas!“

Ruels Gruß ließ Parnas die Hand heben und leise sagen: „Der Himmel stehe dir bei, Duke!“

„Es wird schon schiefgehen“, lächelte Ruel ihm zu.

„Bestell Couver und Stratton, dass wir uns nun für immer getrennt haben.“

„All right!“

„Du solltest lieber nicht so offen sein, Duke“, warf Drogert die Bemerkung ein. „Du fühlst dich wohl außerordentlich stark, wie?“

„Nein, Freund … nur verteufelt elend in deiner Gesellschaft“, knurrte Ruel. Er hielt an sich, sprach nicht weiter.

Couver hatte ihm das Leben gerettet und verlangte nun seinen Lohn. Ein verteufelt billiger Handel. Leben gegen Leben! Ah, es schmeckte übel auf der Zunge, trieb ihn in einen Strudel hinein, von dem man nicht wusste, ob sein Sog tödlich sein würde.

No, er fühlte sich absolut nicht wohl in seiner Haut, aber dennoch trieb es ihn zur Gabel-Ranch. Nicht wegen Jackson, das gestand er sich ehrlich ein. Nein, er interessierte sich für Han. Ihr Bild war in den vergangenen Tagen immer stärker und mächtiger in ihm geworden, ließ ihn nicht mehr los.

Drogert blieb an seiner Seite, und hinter ihnen ritten die drei Kerle, die den Eindruck machten, als hätten sie wochenlang kein Wasser und kein Bett gesehen.

Ruel betrachtete sie verstohlen, und so oft er sich umwandte, grinsten ihn die drei wie auf ein geheimes Kommando an.

Nein, es war absolut kein schönes Grinsen. Es ließ einem kalte Schauer über den Rücken rieseln.

Ruel unterließ es bald, sich umzuwenden, und weiter ging es aus der Stadt hinaus, nach Norden. Nach einer Meile stießen sie auf den Gabel-River, einen lehmig braunen Fluss, der träge Wassermassen an ausgehöhlten Ufern vorbei nach Süden trug.

Ein abgemagerter Kerl mit schlotternden Kleidern ruderte in einem Kahn auf der Flussmitte, legte sich beim Anblick der Kavalkade in die Riemen, als hätte er den Teufel selbst erblickt.

Drei peitschende Detonationen ließen Ruel herumschnellen.

Wieder grinsten die drei Kerle über ihre rauchenden Winchestermündungen hinweg ihn an.

„Die Kugeln tanzten dem armen Kerl verteufelt dicht um die Ohren herum“, erklärte Drogert neben ihm mit kalter Ruhe. „Das gefällt dir wohl nicht, wie? Aber meinen Männern machen diese Schießübungen einen höllischen Spaß.“

Angewidert verengten sich Ruels Augen. Ohne etwas zu entgegnen, sah er wieder zum Fluss hin, wo der Mann im Boot verzweifelt ruderte, und noch bevor es die drei verdutzten Kerle begriffen, jagten Ruels Eisen aus den Holstern, fegten drei Kugeln in rasender Schnelle aus den hochgerissenen Läufen.

Drei Stetsons flogen von den Köpfen, wie von Geisterhand entführt. Drei Pferde schnaubten unruhig, rissen die Köpfe hoch, und drei Kerlen gefror buchstäblich der Speichel zwischen Zunge und Gaumen.

„Freunde, nun hat euch Duke eine Sondervorstellung gegeben“, hörte Ruel Drogerts heiser klingende Stimme. „Ich denke, Duke, das passt wiederum meinen Leuten nicht, und so seid ihr quitt.“

Als keine Antwort erfolgte, sagte er sanft: „Nehmt es hin, Freunde! Nicht umsonst hat ihn Couver als Vertretung gegen den Roten Jackson gesandt. Unser lieber Partner will nicht, dass harmlos rudernde Fischer als Zielscheibe benutzt werden, merkt euch das und seid vernünftig. Und nun holt euch eure Stetsons wieder.“

Nein, sie schluckten es nicht. Was in ihren Augen stand, konnte Ruel ohne Weiteres deuten.

„Eines Tages wird dich einer in den Rücken schießen“, zischte der Kerl, dem die Vorderzähne fehlten.

„Du scheinst darin Übung zu haben.“

„Ah, zum Teufel mit dir!“

„Du kannst dich sofort auf den Weg dorthin machen, Buddy.“

„Duke, vor dir sind noch Größere aus dem Sattel gefahren!“

„Ich kann mir auch denken, wer. Neal Cloud zum Beispiel“, hetzte Ruel, von einem plötzlichen Grimm ergriffen, heraus. „Oder der Mann, dem diese Eisen hier gehörten. Ihr scheint sie doch zu kennen, wie?“

Er drehte dabei seine Colts leicht in den Handgelenken.

Drogert lachte scharf auf. „Duke, schiebe uns nicht den Mord an Neal in die Schuhe.“

„Du scheinst dich angesprochen zu fühlen, Drogert, hm?“

„Ah, du stellst es zu offensichtlich hin. Frage Jackson, er wird dir diese Frage genau beantworten können. Oder frage Bell und Cecilie. Nur Han darfst du nicht fragen … sie ist Jackson gegenüber mit Blindheit geschlagen. Vielleicht kennt Jackson auch den Mann, den du suchst!“

„Ich denke, dass dein Rudel den Mann besser kennt, dem diese Eisen gehörten, Drogert“, pfiff es böse von Ruels Lippen. „Aber das wird sich noch herausstellen. Reiten wir jetzt weiter!“

Er steckte die Eisen in die Holster zurück, nahm die Zügel wieder auf und ritt mit Drogert weiter, kümmerte sich nicht um die drei üblen Burschen, die absaßen und ihre Kopfbedeckung aufhoben und lange Gesichter bei der Besichtigung der Kugellöcher machten.

Yeah, es war ihm verteufelt egal, was sie von ihm dachten.

Solange er Jackson vor sich hatte, würde keiner es wagen, ihm aus dem Hinterhalt eine Kugel zu servieren. Jetzt begriff er, warum die Menschen in und um Leesville herum scheu und gedrückt lebten, sich lieber vor der reißenden Meute still zurückzogen, als einmal reinen Tisch zu machen.

Und weiter ging der Ritt. Sie hielten sich am rechten Ufer des Gabel-Rivers in der Deckung der Weidenbüsche. Rechts und links der Ufer breitete sich das Weideland aus. Ein gewaltiges Gräsermeer, das sich über sanft gewellte Hügel erstreckte und im Norden gegen die steinernen Giganten der Winnipeg-Mountains anzubranden schien, wie ein grüner, erstarrter Ozean.

Manchmal tauchte eine Weidenhütte auf, sah man in der Ferne ziehende Rinder, begleitet von Cowboys und den Küchenwagen sowie der dazu gehörenden Pferderemuda. Dann sahen sie Parklandschaften. Wunderbare Rotbuchen oder Mischwald, Präriestrecken, auf denen die Natur einen leuchtenden Blumenteppich ausgebreitet hatte.

Oft ritten sie nahe am Fluss, so dass sie das Plätschern hörten. Fischreiher streiften über das Schilf, um nach Beute zu suchen, und ein Ader zog einsame Kreise hoch im Azurblau des Himmels.

Näher rückten die blauen Berge, schärfer enthüllten sie ihre Konturen.

Gegen Mittag legten sie eine Rastpause ein, fütterten und tränkten die Pferde, lagerten eine halbe Stunde im Schatten der Bäume und stillten ihren Hunger und Durst. Kein Wort wurde dabei gesprochen. Die drei Kerle hielten sich im Hintergrund, zeigten mürrische, verdrossene Gesichter und warfen hin und wieder Ruel Blicke zu, in denen Unruhe und Hass brannte. Ein Hass, der ihre dumpfe Wut verriet.

Längst hatte Ruel die abgeschossenen Patronen durch neue ersetzt. Unbemerkt hatte er die leeren Hülsen herausgenommen und verschwinden lassen. Yeah, er war fit und wachsam, obwohl seine Haltung nichts von seiner Gespanntheit verriet.

Als sie wieder in die Sättel stiegen, nahm Drogert seinen Gaul neben Ruels Falben und blieb wieder an seiner Seite.

Sie verließen das Ufer des Gabel-Rivers an einer Krümmung. Das Panorama der Landschaft entfaltete immer neue, wundervolle Perspektiven. Höher und zerklüfteter wurde das Land und an Stelle des Büffelgrases zeigte sich das weiche, wunderbare Blau- und Weißgras.

Auf langgestreckten Hängen leuchteten Sage und Wermut.

„Hier beginnt die Gabel-Weide“, hörte er Drogert plötzlich sagen. „Vor uns liegt die fetteste Weide, die es um Leesville herum gibt. Hier hat sich Neal Cloud breitgemacht und festgebissen. Kein Wunder, dass der mächtige Stratton keine Ruhe haben wird, bis ihm auch dieses Land gehört und er es in sein Königreich mit einbeziehen kann. Nun wirst du auf unsere Begleitung verzichten müssen, Duke!“

„Herzlich gern.“

„Oh, ich weiß, dass es dir eine Erleichterung ist“, grinste Drogert ihm freundlich zu. „Aber du kommst vom Regen in die Traufe. Der Rote Jackson wird es dir bald beweisen.“

„Das lass meine Sache sein“, bleckte Ruel zurück.

Drogert zog die Schultern hoch. Seine eng beieinanderstehenden Augen glitzerten in der Sonne. Mit dem Daumen schnippte er die Stetsonkrempe hoch.

„Viel Glück, Duke!“, sagte er hämisch, wobei er die Zügel straff hielt, sein Pferd zwang, stehenzubleiben.

„Vielleicht begreifst du nun, weshalb Stratton nach dem kleinen Rindernest Datton aufgebrochen ist? Es hängt mit deiner Reise zusammen, Duke, denn wenn die Gabel-Crew auch in Datton keine Munition und keinen Proviant erhält, ist ihnen der Lebensfaden abgeschnitten, und sie müssen kämpfen. Du wirst bald schon dem Roten Jackson gegenübertreten müssen. Wenn er aus den Stiefeln fällt, bricht die Abwehr der Gabel in sich zusammen … denke daran!“

„All right!“

„Und vergiss nicht, dass du beschattest wirst!“

Ruel glaubte, ersticken zu müssen, sog schwer die Luft ein. By Gosh, yeah, er war mitten in einem Hexenkessel, wurde von allen Seiten bedroht.

Das konnte selbst einem Mann mit stählernen Nerven zu schaffen machen. Ruels Nerven aber hatten nach dem Überfall in der Death Lano besonders stark gelitten.

Er wandte sich im Sattel um, schaute an Drogert vorbei zu den drei Kerlen hin, die ebenfalls ihre Pferde angehalten hatten und vornüber geneigt im Sattel saßen.

Und diesmal grinsten sie nicht. Die Lektion, die er ihnen erteilt hatte, wirkte nachhaltig.

„So long, Freunde“, rief er ihnen spöttisch zu. „Vielleicht sehen wir uns wieder!“

„Lieber nicht, Duke“, schnappte der Kerl ohne Vorderzähne. „Wir werden nie Freunde, nie!“

„Well, dann haltet eure Eisen bereit!“

„Worauf du dich verlassen kannst, Duke“, grollte es heiser zurück.

„Wozu streiten, Duke“, mischte sich Drogert in das Gespräch ein. „Jackson ist Sonderklasse … vielleicht denkst du lieber an dein Testament?“

„Oh, zur Hölle mit dir, Drogert“, fauchte Ruel, und dann ritt er weiter, drehte sich nicht im Sattel um, bot den vier Kerlen seinen Rücken und fühlte, wie ihre Blicke ihm im Rücken brannten.

Er atmete erleichtert auf, als der Hufschlag ihrer Pferde sich hinter einem Hügelkamm verlor.

Jetzt war er allein. Allein mit der Natur, mit seinen Gedanken. Die Schläfen hämmerten. Das Blut rauschte ihm in den Ohren.

Unwillkürlich fasste er nach der Schulterwunde. Noch trug er den Verband. Ab und zu spürte er bei einer heftigen Bewegung Stiche. Aber das hinderte ihn nicht mehr. Morgen oder übermorgen würde er den Verband entfernen können und bald schon würde nur noch eine Narbe an das Erlebnis in der Death Lano erinnern.

Er fragte sich, warum man ihn jetzt alleine ziehen ließ. Konnte sich die Frage nicht beantworten, so sehr er auch nachgrübelte.

Weiter ritt er. Meile um Meile. Einsam, mit einer nagenden Unruhe im Herzen. Mit Zweifeln, die ihn durchrüttelten. Denn, yeah, er zog gegen einen Mann, von dem er nur einiges wusste, und das von zwei Parteien, wenn man so sagen wollte. Und beide Meinungen vereint ergaben ein trübes Bild von Jackson.

Wer war dieser Mann wirklich?

Ohne Zweifel ein harter Brocken.

Ein Mann, der sich nicht scheute, Stratton und der wilden Bande die Stirn zu bieten.

Yeah, noch konnte man nichts von ihm sagen.

„Vorwärts“, riss es Ruel von den Lippen. Willig verstärkte der Falbe seinen Trab, zog in lang ausgreifender Gangart einen sanft gestreckten Hang hinauf, und noch bevor die Hufe des Tieres die Kuppe erreichten, donnerte aus dem Tal die vereinte Detonation mehrerer Schüsse, und gleich darauf erklang das schrille, lähmende Wiehern eines zu Tode getroffenen Pferdes, jagte der nervenzerfetzende schrille Schrei einer Frau dazwischen herüber, aus dem ein jammerndes Schluchzen wurde, dem eine unheimliche Stille folgte.

Yeah, eine grausige Stille, denn selbst der Hufschlag des Falben verstummte. Ruels Reittier stieg, vom ungeheuren Schenkeldruck hochgerissen, mit der Vorderhand in die Luft, als wollten seine Hufe das Blau des Himmels zertrümmern.

Ruel aber bäumte sich in den Steigbügeln auf, erfasste die Situation mit einem Blick.

Ein gellendes „Jippieeh“ brach ihm aus der Kehle.

Ungewollt kam dieser Schrei, gellend, wie ein schmetternder Fanfarenstoß, wie losgelöst aus der Urtiefe seines Ichs, das bisher unter Druck gestanden hatte und nur auf diese explosive Entladung wartete.

Pferd und Reiter schienen sich vom Erdboden zu lösen. Und nur einen Herzschlag lang sahen die Kerle unten im Tal das grandiose, erregende Bild von Pferd und Reiter, das die Erde selbst ausspie. Im gleichen Atemzug aber donnerten die Vorderhufe des Falben wieder den Boden.

Weit legte sich Ruel zurück, stemmte sich fester in die Steigbügel, erleichterte so dem Tier den Höllentrab bergab. Steine spritzten, Staub wirbelte unter den Hufen auf. Und Feuerzungen rasten an ihm vorbei, gruben sich mit hellem Patschen in den Hang ein oder schlugen vor Steine und jaulten als Querschläger weiter. Irgendwohin!

Und weiter stürmte der Falbe, als hätte der dynamische, übermächtige Wille seines Reiters ihn zum geflügelten Ungeheuer gemacht. Raste auf jene Reiter zu, die im Ansturm auf einen Einspänner waren, dessen Zugtier ihre Waffen bereits niedergestreckt hatten und das verendet am Boden lag.

Der Falbe sauste wie ein Katapultgeschoss auf der Talsohle entlang, durch dorniges Gebüsch hindurch, und Ruels Eisen brüllten auf, hoben den vordersten Reiter aus dem Sattel.

Gespenstisch weit öffneten sich ihm die Arme, dann rollte er in den Staub, und das reiterlose Pferd jagte mit flatterndem Mähnen- und Schweifhaar in die Schusslinie hinein, verhinderte, dass die drei dicht aufgeschlossenen Reiter den Todesgruß Ruels erwidern konnten.

Für einen Augenblick nur verlor Ruel die Meute aus dem Sichtwinkel, und als er sie wieder sah, bogen ihre schweißbedeckten Pferde im weiten Bogen zur Seite aus. Blei hieb an dem Falben vorbei, heißes, höllisches Blei, das in wilder Panik verschossen wurde.

Es konnte ihn nicht aufhalten.

Wieder brüllten seine Eisen.

Sie trafen nicht. By Gosh, vielleicht wollte er auch nicht mehr treffen, weder ein Tier noch einen Menschen … wollte den drei fliehenden Kerlen eine Chance lassen.

Mit den Schenkeln dirigierte er den Falben so, dass er an Tempo verlor und der Abstand zwischen ihm und den Fliehenden sich vergrößerte.

Das Blei, das die Reiter schickten, schlug weitab in Gras und Büsche.

Und dann waren die Kerle aus dem Schussbereich. Die Eisen schwiegen, und wie ein Spuk verschwanden sie zwischen den Hügeln und zurück blieb … der Tote, der Einspänner mit dem erschossenen Pferd … und ein Mädel.

Er sah sie, wie sie sich gerade aus dem umgekippten Wagen befreien wollte. Ihr staubverschmiertes Gesicht mit den großen grünen Augen wirkte verzerrt, wandte sich ihm zu, als er vom Falben glitt und ihr zur Hilfe eilte.

Er stemmte sich gegen den Einspänner, so dass ihm schier die Muskeln zu reißen drohten, achtete jetzt nicht mehr darauf, ob ihm von irgendeiner Seite Gefahr drohte. Die Befreiung des Mädels aus der Klemme war wichtiger als seine eigene Sicherheit.

Die Kerle hatten eine Frau, nein, ein Mädel angefallen … das konnte er einfach nicht schlucken.

Zoll um Zoll hob sich seine Last. Vorsichtig half er dem Mädel aus der Klemme.

Sie kroch heraus, wollte sich aufrichten, doch sie sackte im selben Moment schluchzend zusammen.

Er ließ den Wagen los, neigte sich über sie.

„Madam, behalten Sie die Nerven“, kam es leise von seinen Lippen. „Sie sind nun so gut wie in Sicherheit.“

„Sicherheit?“

Wie ein Schrei kam dieses Wort von ihren Lippen. Sie hob den Kopf und ihre Augen sahen ihn wild flackernd an.

Er hielt diesem prüfenden Blick stand, zwang sich zur Ruhe, um diese Ruhe auch auf sie zu übertragen.

Und seltsam, in diesem Augenblick, als er in ihr verschmutztes Gesicht sah, hatte er das sonderbare Gefühl, es schon einmal gesehen zu haben.

Es wurde ihm seltsam vertraut, als wäre es ihm schon oft begegnet.

„Yeah, Sie sind in Sicherheit, Madam“, murmelte er abgerissen. „Versuchen Sie bitte, aufzustehen. Ich will feststellen, ob Sie verletzt sind!“

Es stellte sich heraus, dass sie es nicht war. Sie konnte gehen, sich bewegen, drehte sich vor ihm und plötzlich versteifte sie sich, lehnte sich so heftig gegen ihn, dass er sie unwillkürlich in die Arme nahm und dorthin schaute, wo ihr Blick sich festgesaugt hatte.

„Mein Gott!“

Yeah, dort wo er den Mann glaubte, den seine Kugel aus dem Sattel gefegt hatte, regte es sich im Grase, heiser klang die dunkle Stimme eines Mannes: „Wasser!“

„Er lebt!“

„Yeah, wir müssen ihm helfen, Madam“, schnitt er ihr das Wort ab.

Sie ließ sich willig von ihm führen. An dem Falben vorbei, der mit hochgestellten Lauschern den Kopf hob, als wittere er eine neue Gefahr.

Sie blieb stehen, als Ruel sich über den Schwerverletzten neigte, dessen Anblick wie ein Peitschenschlag auf Ruel wirkte.

„Couver?“

Yeah, der Mann im Grase war niemand anderes als Strattons rechte Hand. Sein vernarbtes Gesicht wirkte eingefallen, war vom Tode gezeichnet. In tiefen Höhlen lagen die bernsteinfarbenen Augen, und dort, wo die Kugel ihm das Hemd auf gerissen hatte, zeigte sich kein Blut. Es gab keinen Zweifel, Couver verblutete innerlich. Kein Doc konnte hier mehr helfen.

Hinter sich hörte Ruel den abgerissenen Atemzug des Mädels, ihre leise, verzweifelte Stimme.

„Schicke Bell fort“, quälte es sich von Couvers Lippen.

„Bell?“, entfuhr es Ruel überrascht.

Couvers Mundwinkel zuckten. Noch im Tode schien ein eisiges Lächeln sich in den Mundwinkeln festzusetzen.

„Ist dir das unangenehm, Duke? Yeah, hinter dir steht niemand anderes als Bell Cloud. Sie war mit einer Munitionsladung von Datton zur Ranch unterwegs. Eine verteufelt schwere Aufgabe für eine Frau. Aber man sagte sich wohl auf der Ranch, dass sie weniger auffallen würde als ein Mann. Doch der Storebesitzer in Datton konnte nicht allzu lange in Strattons Revolverlauf sehen und verriet sie. By Jove, wir wollten nur den Einspänner anhalten, sie aber versuchte zu entkommen.“

„Glaubst du, dass das eine Entschuldigung für euer Verhalten ist, Couver?“

„Es geht hart auf hart, Duke“, entgegnete Couver.

„Doch jetzt schick sie zum Wagen und gib mir Wasser!“

„Ich gehe schon“, sagte Bell, und noch bevor Ruel etwas entgegnen konnte, machte sie kehrt und ging mit schlurfenden Schritten zurück zum Wagen, wo sie sich auf die Deichsel setzte.

Ruel aber beugte sich tiefer, öffnete seine Feldflasche, gab Couver zu trinken.

„Unsere Rechnung ist jetzt glatt, Duke. Du wirst nun den Munitionswagen zur Gabel-Ranch bringen und dadurch das Vertrauen festigen. Yeah, dann wirst du mir Jackson zum Stiefelputzen hinterher senden.“

Das spöttische Lächeln in seinen Mundwinkeln verstärkte sich.

„Deine Kugel hat mich erwischt, Freund. Es musste wohl so sein!“

Er schwieg und starrte in den hellen Sommerhimmel hinein. Und nun erlosch das Lächeln. Schauer schüttelten ihn, leise schlugen seine Zähne aufeinander.

„Nur noch wenige Minuten, dann ist es vorbei“, hörte Ruel ihn sagen.

„Warum setzt du dich so sehr für Stratton ein?“

„Weil er mein Halbbruder ist, Sonny!“

„Und warum hasst du Jackson?“

„Warum? Oh, er ist mir zuvorgekommen und Han …“

Er brach ab. Die kaum ertragbaren Schmerzen ließen in seinen Augen einen Schimmer unheimlichen Entsetzens aufkommen. Gleich dunklen Gründen vertieften sich seine Augen. Blut rann aus seinen Mundwinkeln.

By Gosh, noch nie hatte Ruel sich einem Manne so genähert, der von seiner Kugel getroffen war. Couvers Anblick grub sich tief in seinem Inneren ein. Kalte Schauer rieselten über seinen Rücken. Oh, Hölle, als er seine Eisen abfeuerte, hatte er nicht gewusst, wen das Blei aus dem Sattel holen würde.

Bei seinem Ansturm hatte er weder Couver noch sonst einen erkannt, hatte aus einem innerlichen Zwang heraus gehandelt.

„Schick mir Jackson nach“, hörte er den Sterbenden heiser flüstern. „Ich werde auf ihn warten, das ist sicher. Und du, Duke, mach, dass du von hier fortkommst.“

„Ich werde bleiben!“

„Bis ich auf dem langen Trail bin?“

„Bis du unter der Erde bist, Couver!“

„Verteufelt freundlich von dir, Duke. Sei so nett und zieh mir die Stiefel aus.“

Ruel erfüllte ihm die Bitte. Und jetzt war Couver friedlicher.

„Komischerweise hatte ich immer Angst davor, in den Stiefeln den letzten Weg anzutreten“, gestand er, wobei er nach Ruels Waffen blickte und plötzlich starr wurde, hervorstieß: „Wo hast du sie her?“

„Von einem Storehalter in Leesville. Er konnte mir aber nicht sagen, wer der letzte Eigentümer war.“

„Ah, er konnte es nicht“, presste Couver zwischen den Zähnen hervor. „Aus einem ganz einfachen Grunde … weil er ihn nicht verpfeifen wollte, verstehst du? Soll ich dir sagen, wessen Eisen es sind, hm?“

„Yeah, ich suche den Mann, er hat eine besondere Bedeutung für mich!“

„Ich habe keine Zeit mehr, danach zu fragen, Duke. Doch ich kann dir sagen, dass die Eisen noch vor kurzer Zeit dem Roten Jackson gehörten.“

Ruel zuckte wie unter einem Peitschenschlag zusammen, stammelte: „Bist du sicher?“

„Ganz sicher. Mit diesen Eisen jagte er mir zweimal einen Todesschrecken ein.“

„Und du bist wirklich sicher, dass du dich nicht irrst?“

„Yeah, ich frage mich nur, warum er sich von ihnen getrennt hat. Nun, vielleicht waren sie ihm zu schwer geworden. By Gosh, es stirbt sich leichter, wenn man weiß, dass dieselben Eisen nun Jackson von der Welt fegen werden. Ah, warte nicht auf meinen Tod, Duke. Brich auf, bevor meine Reiter Verstärkung geholt haben.“

Couver versuchte, sich aufzurichten, stemmte sich ohne Hilfe hoch. Weit und starr wurden seine Augen, alles Leben erlosch darin. Sein Mund öffnete sich, als wolle er etwas sagen, doch es wurde nur ein Gurgeln daraus.

Dann sackte er zurück.

Ruel beugte sich über ihn, schloss ihm die gebrochenen Augen. Couver war tot … was war es wohl, was er noch sagen wollte?

Nachdenklich starrte Ruel in das Gesicht des Killers. Hatte er sagen wollen, dass Jackson die Waffen einem Mann nach dessen Tode abgenommen hatte? Einem Manne, der Ide Duke hieß und unter einem anderen Namen gelebt hatte?

Nun, Couver würde sein Geheimnis mit ins Grab nehmen, konnte ihm keinen Aufschluss mehr geben.

Ruels Hände bebten leicht, als er sie auf die Kolben legte. Schwerfällig drehte er sich herum, dem Mädchen zu.

Bell Cloud sah ihn kommen und erhob sich von der Deichsel.

„Ist er tot?“

„Yeah!“

„Und nun?“

„Ich habe ihm versprochen, dass er unter die Erde kommt, Madam.“

Sie entgegnete nichts, sondern half ihm dabei, einen Steinhügel über dem Toten zu errichten.

Als diese Arbeit beendet war, versuchten sie, mit Hilfe des Falben, den Einspänner aufzurichten. Nach drei Versuchen gelang es ihnen. Und dann war es ein Geringes, die verstreut herumliegende aus den zerborstenen Kisten herausgefallene Munition aufzuladen und den Falben ins Geschirr zu bringen.

Ruel übernahm die Zügel und Bell Cloud setzte sich neben ihn.

„Es ist ein Glück, dass der Wagen nicht zerborsten ist“, sagte er, als der Falbe anzog. „Die Munition wird wohl dringend auf der Ranch benötigt?“

Sie nickte nur und sah ihn gleichzeitig prüfend von der Seite an. Er tat so, als bemerke er ihre Blicke nicht, sah weit in die Ferne.

Nach einer Weile musterte er sie verstohlen. Sie musste noch sehr jung sein, wenngleich ihr Gesicht unter der Schmutzschicht kaum zu erkennen war. Nach all dem, was hinter ihr lag, zeigte sie eine bewundernswerte Haltung, nahm es als gegeben hin, dass er sich für sie einsetzte.

Nur einmal schaute sie nach dem Hügel zurück, so, als wolle sie sich dieses Bild einprägen für alle Zeiten.

Dann fragte sie plötzlich: „Wer sind Sie eigentlich, Stranger?“

Überrascht schaute er sie an, und sie begegnete seinem Blick, ohne mit der Wimper zu zucken.

„Ich bin ein Mann, den man in einen Hexenkessel trieb“, wich er ihrer direkten Frage aus. „Was bedeutet außerdem schon ein Name!“

Er lenkte bei diesen Worten den Falben in ein seichtes Bachbett hinein, ließ das Tier den Einspänner bachaufwärts ziehen, um auf diese Weise die Spuren zu verwischen.

„Ich bin nicht neugierig, Mister, aber sie scheinen Couver gut gekannt zu haben?“

„Yeah, wir standen uns schon einmal gegenüber“, sagte er heiser. „Aber das interessiert wohl kaum, Madam.“

Seine Kehle war ihm wie zugeschnürt. Der Tote hinter ihm unter dem Erdhügel machte ihm mehr zu schaffen, als er sich selbst eingestehen wollte.

„Ich habe Couver davon abgehalten, über Ihre Schwester und Red herzufallen.“

„Oh, dann sind Sie Mister Duke?“

„Yeah, so nennt man mich allgemein.“

„Han hat mir von Ihnen erzählt“, platzte sie erregt heraus. „Sie wird sich freuen …“

Ihre Hand krallte sich an seinem Arm fest. Der Wagen rüttelte so stark auf dem kiesigen Bachgrund, dass sie an seiner Schulter Halt suchte. Ihr warmer Atem streifte seine Wange.

Er entgegnete nichts, hatte alle Hände voll zu tun, um das Gefährt sicher durch die Ufersteine hindurch wieder auf das Festland zu führen.

„Was haben Sie jetzt vor, Mister Duke?“

„Anhalten und kampieren, Madam. Wir sollten bis zur Dämmerung warten und erst im Schutze der Nacht weiterfahren. Das Weidendickicht dort drüben wird uns eine gute Versteckmöglichkeit bieten.“

Er lenkte auf das Gebüsch zu.

„Sie wollen wirklich mit zur Ranch kommen, Mister?“

„Yeah, das habe ich vor, Madam.“

Er sah sie bei diesen Worten nicht an, starrte geradeaus.

„Cowboy, Sie haben mir das Leben gerettet und …“

Sie brach ab, und bevor er recht begriff, schlang sie ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn.

Das ging so wahnsinnig schnell, dass er nachher nicht mehr sagen konnte, ob es wirklich so gewesen war. Sie wich sofort zurück, sprang vom Einspänner, noch bevor er den Wagen angehalten hatte und vom Bock geklettert war.

Verwirrt sog er den Atem ein, strich sich über die Stirn, so, als habe ihn eine Halluzination genarrt.

„By Gosh, wie war es nur möglich“, flüsterte er, indem er den Falben tiefer ins Gebüsch zog. So weit, bis er glaubte, den Wagen aller Sicht entzogen zu haben.

An einem starken Ast band er die Zügel fest und kletterte in den Einspänner zurück, betrachtete die Munitionskisten und den Proviantbeutel, sprang dann über die Radnabe zu Boden, entfernte die leeren Patronenhülsen aus seinem Colt und lud die Magazine neu auf. Dann machte er sich auf, um Bell zu suchen und um festzustellen, ob Feinde in der Nähe waren.

Seine Vorsichtsmaßnahme war jedoch unbegründet. Nirgendwo weit und breit war ein fremder Reiter zu sehen. Befriedigt über diese Lage suchte er Bell. Warum nur mochte sie davongerannt sein?

Eins wusste er jedoch nun … warum Drogert und seine Meute seine Waffen so eigenartig gemustert hatten. Sie hatten Jacksons Kaliber erkannt. Wo aber mochte er sie her gehabt haben? Ah, eine höllische Frage, die nur Jackson selbst beantworten konnte.

Hatte er etwa Neal Cloud mit diesen Eisen aus den Stiefeln geholt und wollte darum die Waffen nicht mehr sehen, hatte sie deshalb verkauft?

Kalt und heiß wurde es ihm bei diesem Gedanken. Nach allem, was er jetzt erfahren hatte, würde er Jackson entgegentreten müssen.

Vorher aber wollte er noch von Bell herausbringen, ob sie Parnas Vermutung in Bezug auf Jackson bestätigte.

By Gosh, wo mochte sie nur sein?

Er suchte im Dickicht, fand ihre Fährte und folgte ihr zurück zum Bach.

„Bleiben Sie, wo Sie sind, Duke“, hielt ihn ihre Stimme auf.

Er stand still, hörte es vom Bach her plätschern und begriff, dass sie in echt weiblicher Eitelkeit dabei war, sich den Schmutz und den Staub abzuwaschen.

„Lassen Sie sich ruhig Zeit, Madam, ich werde inzwischen etwas zu essen besorgen.“

„Well, tun Sie das, und lassen Sie mich allein.“

„Sie scheinen die Einsamkeit zu lieben, Madam!“

„Yeah, manchmal.“

„Kennen Sie eigentlich die Gegend hier herum genauer, Madam?“

„Worauf wollen Sie hinaus, Duke?“

„Das will ich ja gerade von Ihnen erfahren, Bell.“

„Von mir?“

„Yeah“, stieß er hervor. „Man hört in Leesville, dass Sie und Ihre Schwester Cecilie Jackson hassen.“

„So, sagt man das?“

„Yeah, man sagt sogar, dass Jackson, nur um die Ranch und Han zu bekommen, Ihren Vater …“

„Das ist gemein“, unterbrach sie ihn aufgebracht. „Wer hat Ihnen diesen schmutzigen Song erzählt, Duke?“

Das Plätschern des Wassers verstummte. Ruel versuchte, durch die Büsche zu spähen, aber das Laubwerk war so dicht, dass er Bell nicht sehen konnte.

„Die Wahrheit ist ganz anders“, hörte er sie hinter sich sagen. „Aber es hat keinen Sinn, es Ihnen jetzt klar zu machen. Sie werden es auf der Ranch erfahren, Mister Duke. Offensichtlich weiß man in der Stadt nicht, dass nur ein Mann stark genug ist, Stratton aufzuhalten … Jackson! Und allem Anschein nach lassen sich die Menschen von Strattons Gerüchten beeinflussen. Oh, Sie sind nicht lange genug im Lande, Duke, sonst wüssten Sie, dass Strattons Strategie sich nicht allein auf den Kampf beschränkt, sondern in erster Linie immer darauf bedacht ist, durch Misstrauen, List und Tücke die Leute gegeneinander zu bringen. Yeah, und dabei stand ihm Couver redlich zur Seite.

Ich weiß nicht, weshalb Couver Sie beim Sterben allein bei sich haben wollte, aber ich bin sicher, dass ein Mann wie er noch vorm Angesicht der Ewigkeit Lügen spricht, um den Vorteil zu wahren. Vor einer Woche noch war Couver der Anführer einer Rustlerbande, die unser Vieh von den Weiden holte, unser Vorwerk verbrannte und dabei drei Cowboys tötete.“

„Warum sagen Sie mir das, Madam?“

„Weil ich nicht will, dass Sie sich Gedanken über seinen Tod machen. Yeah, ich habe Sie beobachtet, Cowboy. Couvers Tod hat Ihnen zu schaffen gemacht, und es scheint, als ob Sie nicht darüber hinwegkommen. Nehmen Sie es nicht so tragisch, er hat den Tod mehrfach verdient. Oder waren Sie etwa sein Freund?“

„Ich weiß nicht recht, Bell. Er hat mir einmal das Leben gerettet in der Death Lano.“

„In der Death Lano?“, klang es aufgeregt und überrascht. „Das ist doch nicht möglich!“

Nun war er es, der überrascht den Kopf hob.

„Glauben Sie mir nicht?“

„Nein!“

„Aber, Bell, ich …“

„Ich weiß, dass Sie nicht lügen, Duke. Ich weiß es aus einem bestimmten Grunde.“

Er gab keine Antwort. Seine Stirn zog sich in Falten, düster wurde sein Blick.

„Was können Sie schon wissen, Madam“, stieß er heraus. Dann drehte er sich schwerfällig um, schritt durch das Dickicht zurück zu dem Einspänner hin. Er nahm zwei Decken aus dem Wagen, breitete sie auf der Erde aus, packte den Proviant aus und machte ein kleines Feuer aus trockenem Holz.

Über die Flamme hielt er eine kleine Pfanne, in der er einige Eier und Speck briet. Er war mit den Vorbereitungen noch nicht ganz fertig, als Bell auftauchte.

Er hob den Kopf, zuckte angenehm berührt zusammen, und seine Augen weiteten sich.

Vor ihm stand ein Mädel, das aus Licht und Traum geboren, von faszinierender Schönheit war. Ihre rosig durchblutete Haut glich einem Pfirsich. Rot und sanft geschwungen waren seine Lippen, dazu angetan, einen Mann zu verwirren.

Und wieder hatte er das Gefühl, ihr schon einmal begegnet zu sein, irgendwo und irgendwann! Der Gedanke ließ ihn nicht mehr los.

„Bell“, kam es heiser von seinen Lippen.

Ihre hellen, grünen Augen sahen ihn offen an, und dabei kam ein kleines Lächeln um ihren Mund. Es erhellte ihr Gesicht von innen heraus.

Nur Sekunden dauerte die Verzauberung zwischen beiden, dann war sie es, die daraus entfloh und laut sagte: „Ich habe Hunger, Cowboy!“

„Gut, essen wir“, murmelte er.

Sie half ihm ein wenig, und später saßen sie beim Mahl zusammen. Als sie fertig gespeist hatten, sagte Bell: „Erinnern Sie sich an den alten Colt?“

Alles hatte er erwartet, nur eine solche Frage nicht.

„Nur zu gut“, entgegnete er. „Ohne ihn hätte ich nicht aus der Lano herausgekonnt.“

„Am Lauf waren drei lange Kerben.“

„Allmächtiger, yeah“, sprudelte er heraus, wobei seine Hände zur Tasche fuhren, die Waffe herausangelten.

„Woher wissen Sie das?“

Er brach ab, dachte daran, was ihm Parnas gesagt hatte.

Yeah, Parnas hatte behauptet, dass Bell Cloud ebenfalls eine solche Waffe besitzen würde.

Heiß und kalt lief es Ruel über den Rücken.

Für einen Augenblick wogten Feuerräder vor seinen Augen, machte ihm die Ungeheuerlichkeit des Gedankens zu schaffen, dass Couver ihn betrogen hatte.

Betrogen?

Wie von selbst zog das Erlebte an seinem geistigen Auge vorüber. By Gosh, hatte er durch sein Benehmen nicht Couver geradezu herausgefordert?

Yeah, er musste sich eingestehen, dass er Couver selbst eine Waffe gegen ihn in die Hand gegeben hatte.

„Sie kennen den Colt?“, bebte es von seinen Lippen. Sein Blick verdunkelte sich. Und noch bevor sie sprach, verdichtete sich seine Ahnung zur Gewissheit.

„Ich selbst habe Ihnen den Colt gelassen, Cowboy“, flüsterte sie weich.

„Dann waren Sie es, die mich in der Lano fand und gesund pflegte?“, sagte er.

Sie nickte, ohne ihren Blick von ihm zu nehmen.

„Yeah, ich war es, Cowboy! Ich nahm Ihnen Ihren Gurt mit den zwei Eisen fort, weil ich Couver und Stratton kannte, weil ich nicht wollte, dass Ihnen in Leesville Schwierigkeiten begegnen sollten. Ich habe Ihren Waffengurt mit den zwei Eisen zur Gabel-Ranch mitgenommen, wo Sie ihn jederzeit abholen können, Cowboy.“

„Mein Gott, ich kann das nicht fassen“, brach es verwirrt aus Ruel heraus. „Sie waren in der Lano?“

„Warum sollte ich nicht?“

Ungläubig sah er sie an, konnte es nicht verdauen.

„Ich will Ihnen erklären, Cowboy, weshalb ich in der Death Lano war“, sagte sie leise.

„Jackson wollte nach Datton. Es ist unwichtig, zu erwähnen, dass er für die Ranch ritt, wichtig ist indes die Tatsache, dass ich ihm nicht traute. Yeah, es stimmt schon, dass ich, genau wie alle anderen, außer meiner Schwester Han, zu Beginn glaubte, dass Jackson mit der Ermordung meines Vaters etwas zu tun haben könnte. Ich war misstrauisch gegen ihn und glaubte, dass Drogerts Meute mit ihm Hand in Hand arbeitet, und darum ritt ich ihm nach. Ich wollte herausbringen, ob er ein Verräter und ein Mörder ist. Nun, ich verlor bald seine Fährte in der Nacht. Trotzdem ritt ich weiter, denn ich kannte sein Ziel, Datton, die Stadt, in der die Gabel-Ranch einkaufen muss, weil Stratton Leesville in seiner Hand hat. Ich glaubte, dass Jackson gar nicht nach Datton wollte, glaubte, dass er sich mit Drogerts Meute treffen und einen neuen Plan besprechen wollte. Es war für mich klar, dass, wenn Jackson nicht in Datton war, er ein Verräter sein musste. Mit schlagkräftigen Argumenten wollte ich Han überzeugen, dass sie sich an einen Mann hielt, der unser aller Misstrauen verdiente.

Es kam jedoch anders. In dieser Nacht wurde ich davon überzeugt, dass Jackson wirklich zu Unrecht von uns verdächtigt wurde, dass er in Wirklichkeit nur ein Ziel kannte … die Ranch zu halten, sie gegen jeden Angriff zu verteidigen, und dass er den Groll gegen Vater längst begraben hatte.

Wie schon gesagt, ich verlor seine Fährte und ritt einsam durch die Breaks, bis plötzlich vor mir in der Nacht Schüsse peitschten. Ich konnte gerade noch in ein Versteck verschwinden, als die wilde Jagd an mir vorbeidonnerte und in den Hügeln verschwand. Vier Kerle verfolgten einen Reiter, der, über den Pferdehals gebeugt, sich kaum noch im Sattel halten konnte. Im ersten Augenblick glaubte ich, Jackson sei der Reiter, und war vor Erregung so starr, dass einige Minuten vergingen, bis ich mich von meinem Schreck erholt hatte und mein Tier in die Nacht treiben wollte. Yeah, wollte, denn in diesem Moment kamen zwei Nachzügler. Der Hufschlag ihrer Pferde warnte mich noch rechtzeitig, so dass ich ihre geführte Unterhaltung vom Versteck aus hören konnte.

Bist du sicher, Couver, dass es Jackson ist?

Warum glaubst du, dass er es nicht sein könnte?, hörte ich Drogerts Stimme. Wir wissen doch, dass er heute nach Datton aufgebrochen ist.

Yeah, aber dieser Jackson schoss ein wenig zu langsam, Freund, klang es rau zurück. Aber wir werden bald alle Zweifel beheben, denn er wird sich nicht mehr lange im Sattel halten können.

Hoffen wir, dass es ihn richtig erwischt hat, knurrte Couver verbissen. Jackson ist der größte Narr aller Zeiten! By Gosh, er bleibt auf der Gabel, obwohl ihn das Misstrauen der Menschen dort förmlich erdrücken muss.

Yeah, Strattons üble Saat ist aufgegangen, Couver, gab Drogert belustigt zu verstehen. Man hält ihn jetzt wirklich für Neal Clouds Mörder.

Wenn er jetzt aus dem Sattel fällt, wird die Gabel sturmreif sein, Freund, hetzte Couver grimmig hervor. Und damit wäre dann die letzte Festung gefallen, und mein Halbbruder in der Tat der größte Mann auf der Weide und in der Stadt. Stratton ist ein Genie! Als Neal Cloud noch lebte, verstand er es, ihn gegen Jackson zu hetzen … übrigens, du kennst ihn doch von Texas her?

Wir hatten eine flüchtige Begegnung, hörte ich Drogert sagen, und einen Kugelwechsel. Meine blecherne Tabaksdose rettete mir das Leben. Yeah, er war verteufelt schnell, dieser Bursche! Genauso schnell, wie er dich aus Hans Herzen vertrieben hat. Du hast sie verloren, Couver!

Wir sind noch nicht am Ende!

Wenn man dich so sprechen hört, glaubt man, dass du den Mut haben könntest, Jackson vor die Stiefel zu springen. Dein Aussehen lässt auf einen prächtigen Tiger schließen, und in Wirklichkeit bist du nur eine Ratte, Couver. Ein Mann, der andere die Drecksarbeit machen lässt und sich nur verteufelt gefährlich aufspielen kann. Ah, lass die Hand vom Eisen. Glaubst du, ich würde dich und deinen Bruder nicht durchschauen? Ihr wisst beide, dass ich eine Menge Geld versteckt habe, Geld, auf das ihr scharf seid.

Er lachte rau auf, schwenkte seine Eisen und grinste Couver eigenartig an. Aber ich weiß auch, dass Stratton mich noch braucht. Eines Tages jedoch wird er sich gegen mich stellen, genauso, wie er es mit allen anderen tat, die ihm im Wege waren. Doch eines kann ich dir jetzt schon sagen, mit mir wird er kein leichtes Spiel haben, das kannst du ihm ruhig unterbreiten.

Steck den Colt ein, Drogert, grollte Couver mit vor Wut schwingender Stimme. Warum, zum Teufel, gehst du nicht jetzt mit deiner Meute?

Weil in diesem Reigen noch allerlei zu holen ist, und es noch nicht feststeht, ob dein Bruder wirklich so fest im Sattel sitzt.

Soll das eine Drohung sein?

Nimm es, wie du willst, Freund! So lange Jackson lebt, tragen wir gleiche Kappen und reiten Bügel an Bügel.

Ihre Worte gingen im Hufschlag unter, und ich wusste nicht, wir mir geschehen war. Ich war wie betäubt von dem Gehörten. Sie müssen verstehen, Cowboy, dass auch ich von dem Gift, das Stratton ausgestreut hatte, genossen hatte und verseucht war, dass auch ich daran glaubte, dass Jackson meinen Vater um der Ranch willen ermordet hatte. Nun war ich wie erschlagen und hockte lange bewegungslos im Sattel, bis eine aufsteigende Wut mich wieder lebendig machte. So ritt ich denn in die Nacht hinein, um Jackson zu helfen. War entschlossen, wenn er noch leben würde, an seiner Seite zu kämpfen und, yeah, zu sterben. Erst durch das Gespräch der Schurken war mir klar geworden, in welch höllischer Lage Jackson sich befunden hatte, und was er Han bedeutete, dass sie trotzdem zu ihm gehalten hatte. Ich wollte ein wenig von dem gutmachen, was er für uns alle getan hatte.

Yeah, so ritt ich denn dorthin, wo die Verfolger mit ihren Pferden verschwunden waren. Um mich herum war die Wildnis und dunkle Nacht, die mit Krallenhänden nach mir griff. Manchmal konnte ich mich nach den Trittsiegeln der Pferde richten, wenn sie über den Sand führten. Beim Suchen auf dem Granitboden jedoch verlor ich viel Zeit. Und je weiter ich kam, um so wahnwitziger wurde meine Angst, dass Jackson etwas geschehen sein konnte. Diese Angst trieb mich unaufhaltsam weiter, ließ mich die eigene Angst vergessen, und meine Nerven reagierten nicht mehr auf das Heulen der Wölfe. Ich ritt, so schnell ich konnte, bis ich an den kärglichen Spuren feststellte, dass Jackson blutete, und ich herausfand, dass er trotz seiner Verwundung so viel Verstand hatte, die Verfolgermeute in die Irre zu führen. Ich sah die Fährten sich teilen und überlegte, welcher ich folgen sollte. Ein Instinkt trieb mich dazu, aufs Geratewohl durch das Felslabyrinth zu reiten. Eine halbe Stunde später schnaubte mein Pferd und hielt an, wollte nicht weiter. Ich glitt aus dem Sattel, zog das widerstrebende Tier hinter mir her und sah einen Mann und ein Pferd … einen Blauschimmel!

Der Mann lag am Boden, sein Reittier stand mit gespreizten Vorderhufen über ihm, rieb seine Nüstern über den Leblosen, schnaubte böse, als ich mich näherte und versuchte, nach meiner Hand zu schnappen, als ich es wegziehen wollte. Ich wusste beim Anblick des Tieres sofort, dass ich nicht Jackson vor mir hatte, wusste, dass der Fremde von Drogerts Meute mit ihm verwechselt worden war, und es gelang mir, das Tier so weit zu beruhigen, dass ich es zur Seite ziehen konnte, um mich mit dem Mann zu beschäftigen. Yeah, und dieser Fremde waren Sie! Eine Woche lang waren Sie ohnmächtig und riefen in Ihren Phantasien nach Ide, erzählten von Texas, von gewaltigen Herden und von den Eltern. Ich erfuhr den Namen und lernte den Fremden besser kennen, als es sonst einem Menschen möglich ist.“

„Allmächtiger, Bell!“

Sie hörte nicht auf seinen Einwurf, sondern fuhr unbeirrt fort: „Und, yeah, nur aus diesem Grunde habe ich dich vorhin geküsst, Ruel Duke.“

„Bell …“

„Ich bin noch nicht zu Ende, Ruel“, murmelte sie leise. „Während dieser Tage in der Einsamkeit, in denen ich darum bangte, dass dieser Mann wieder leben und gesund werden würde, habe ich mein Herz entdeckt.“

„Warum bist du dann nicht geblieben, Bell?“

„Warum? Weil ich Angst hatte, dass die Wirklichkeit alles zerstören würde. Ich wollte es Erinnerung werden lassen. Ich weiß nicht, Ruel, ob du mich verstehst? Du warst so hilflos, auf mich angewiesen, ich musste für dich sorgen, wie die Mutter für ihr Kind, und ich sah, dass die Pflege von Erfolg gekrönt war. Und ich nahm die Strapazen, die das Letzte von mir abverlangten, auf mich, weil ich dich liebte, Ruel.“

Er schluckte schwer.

„Und jetzt?“, murmelte er abgerissen.

„Habe ich eingesehen, dass ich nicht hätte davonlaufen müssen“, erwiderte sie leise, wobei sie ihm einen leuchtenden Blick ihrer wunderbaren Augen zuwarf. „Ich bin vor mir selbst geflohen, und der Zufall hat uns wieder zusammengebracht, Ruel.“

Sie brach ab, strich sich über die Augen und beugte sich näher zu ihm hin.

„Han hat mir von dir erzählt, von der Art, wie du Red aus der verzweifelten Situation befreitest, und sie hat jeden Tag auf dein Erscheinen gewartet. Und sie wusste nicht, wie sehr ich jeden Tag

wartete, wie ich vor Unruhe verging und mit jedem Tag trauriger und trostloser wurde. Nur Cecilie, meine jüngste Schwester, wurde kritisch und fragte, was mit mir los sei. Was hat dich in der Stadt aufgehalten?“

„Du wirst es nicht glauben, Bell, aber es war dein Colt, derselbe Colt, den du mir gelassen hattest“, entgegnete er aufgeregt.

„Wieso?“

Nun erzählte er ihr, wie sich alles zugetragen hatte, und sie lauschte, unterbrach ihn mit keinem Wort. Erst als er erschöpft schwieg, sagte sie: „Man hat dich zum Narren gemacht, Ruel!“

„Yeah, ich bin auf Couvers Leim geflogen.“

„Mein Gott, du hättest eine Verpflichtung auf dich genommen, die verderblich für uns alle gewesen wäre.“

„Es ist nicht so sicher, Bell“, wehrte er ab. „Ich wäre Jackson nur vor die Stiefel gesprungen, wenn er wirklich der gewesen wäre, den man mir schilderte. Parnas sagte mir sogar, dass ich bei dir und Cecilie Erkundigungen einziehen sollte.“

„Ausgerechnet Parnas sagte dir das?“, unterbrach sie ihn heftig. „Parnas weiß nicht, ob er warm oder kalt ist! Er hängt zwischen den Parteien und wird es eines Tages bitter bereuen. Nein, Parnas ist kein Mann, mit dem man rechnen kann, er ist zu wechselhaft.“

„Vielleicht besinnt er sich eines Tages darauf, dass er noch nicht alt genug ist, um abzuwarten. Er hat alle Leute in Leesville hinter sich, die nicht mit Strattons Gewaltherrschaft einverstanden sind. Ein Mann wie er kann eines Tages erwachen und kämpfen.“

„Glaubst du wirklich daran, Ruel?“, fragte sie voller Zweifel. „Er wird sich an John Hardys Schicksal erinnern und der alte bleiben. Doch, wohin führt unser Gespräch, Ruel? Du wirst selbst sehen, wie Stratton auf der Weide gewütet hat. Wir werden über das Dreiweideeck fahren, dort, wo die Ländereien der Kleinrancher gegen die Bezirke der Gabel stoßen, und du wirst dich mit eigenen Augen überzeugen können, was Stratton ausführt, um groß und mächtig zu werden.“

„Bell, nur noch eine einzige Frage … Warum hat Jackson diese beiden Eisen an einen Storehalter verkauft?“

Er beobachtete sie scharf. Sie schaute interessiert auf die beiden Eisen.

„Ruel, du hast es anscheinend besonders mit Revolvern zu tun“, lächelte sie. „Um ganz ehrlich zu sein, diese Eisen habe ich niemals bei Jackson gesehen.“

„Nie?“

„Nein, und ich wüsste auch nicht, weshalb er so gute Eisen verkaufen sollte, nur, um andere neue zu erstehen. Es wäre paradox und ist nicht seine Art. Ich schätze, dass es sehr gute Eisen sind.“

„Yeah, es sind die Waffen, die mein Vater meinem Bruder Ide schenkte.“

„Großer Gott, weißt du das sicher?“

„Yeah, ich täusche mich nicht, Bell“, murmelte er bitter. „Ich war noch ein Junge, als Ide die Waffen von meinem Vater zum Geburtstag bekam.“

Sie schaute ihn lange an, dann erhob sie sich, trat nahe an ihn heran, legte ihm sanft die Hand auf die Schulter. Genau dorthin, wo seine Wunde war.

„Das schmerzt dich mehr, als die Wunde von Drogerts Kugel, wie?“

„Bell, wenn ich vor dem Grabe meines Bruders stehen würde, könnte ich den Stetson abnehmen, die Hände falten und beten. So aber erdrückt mich die Ungewissheit. Ich fühle, dass Ide in dem Spiel hier mitgemacht hat. Vielleicht ritt er für einen der Rancher, die Stratton bereits von der Bildfläche radierte, war irgendein namenloser Cowboy, der unterging.“

„Es gingen viele gute Leute in den letzten Jahren unter“, murmelte sie sanft. „Ruel, Stratton wird schon bald erfahren, was geschehen ist, und dann wird er seine Killer gegen dich in Bewegung setzen.“

„Ich habe sie zu sehen bekommen, Bell. Ich fürchte sie nicht.“

„Yeah, du bist ein Mann, aber täusche dich nicht, wenn auch Stratton dich für gut genug hielt, um gegen Jackson zu ziehen, so hat er dennoch vier Burschen in seinem Verein, die höllisch schnell sind. Außerdem ist Drogert mit bei der Meute.“

„Nun, ich denke, dass die Gabel einen guten Reiter brauchen kann“, lächelte er ihr zu, wobei er den Kopf hob und ihr tief in die Augen sah.

„Wenn dieser Wunsch aus deinem Herzen kommt, Ruel, wirst du uns jederzeit willkommen sein. Man hat einen Narren an dir gefressen, man könnte direkt neidisch sein, Ruel.“

„Dazu ist wahrscheinlich keine Veranlassung da, Bell“, gab er zu verstehen.

„Oh, ich werde mich überraschen lassen, Ruel Duke. Außer Han ist noch meine Schwester Cecilie auf der Ranch, und man sagt von ihr, dass wir in ihrem Schatten stehen. Nimm nur dein Herz fest in die Hände, Cecilie hat das Temperament ihrer Mutter.“

„Ihrer Mutter?“

„Oh, hat man dir nicht erzählt, dass Dad zweimal verheiratet war, und dass seine zweite Frau eine Mexikanerin war? Yeah, Cecilie ist ein wenig eigenartig. Sie reitet viel allein aus, obwohl es ihr Han und auch Jackson verboten haben. Sie war schon als Kind recht aufsässig und manchmal wild und ungebärdig.“

„Well, ich werde mich vor ihr in Acht nehmen.“

„Hoffentlich bist du ihr gegenüber so stark wie Jackson. Alle anderen Boys liegen ihr buchstäblich zu Füßen. Sie lacht und scherzt mit jedem, verschenkt ihr Lächeln, und betört alle Männer. Wohin sie auch kommt, erobert sie die Herzen im Flug.“

„Hm, ein beachtliches Mädchen!“

„Und Vaters ganzer Stolz“, sagte sie leise.

„Vielleicht sah er in ihr etwas, was ihn an das Schöne im Leben erinnerte?“

„Mag schon sein. Nun, du wirst sie ja kennenlernen.


6.

In drei, vier Stunden würde die Dämmerung einsetzen. Für Ruel und Bell eine lange Zeit des Wartens und Harrens. Die Ungewissheit nagte, zerrte an ihnen. Drei Kerle waren davon gekommen. Waren sie wirklich alle drei ausgerissen, um Verstärkung zu holen?

„Ruel, woran denkst du?“, fragte sie ihn plötzlich, störte ihn aus seinen Gedanken auf. Er lächelte gezwungen, wollte ihr nicht sagen, was für Vermutungen er hatte. Sie aber schaute durch ihn hindurch.

„Wenn du fort willst, Ruel, ich habe keine Angst“, hörte er ihre leise, entschlossene Stimme. „Es muss wohl so sein, unsere Fährte ist zu deutlich. Selbst ein Kind würde sie finden, und noch ist es nicht Nacht. Ich habe einen Colt, ich bleibe und werde auf mich achtgeben, aber gib auch du auf dich Acht, Ruel.“

Sie sah zu, wie er seinen Falben aus dem Geschirr des Einspänners nahm. Angst und Sorge schwang in ihrer Stimme. Ihm wurde es seltsam warm ums Herz. Er wollte etwas sagen, aber er vermochte kein Wort herauszubringen. Sie stand vor ihm, aufrecht, stolz … entschlossen, die Munition auf keinen Fall preiszugeben.

Ihre Haltung nötigte ihm Achtung und Bewunderung ab. Er gab ihr die Hand. „Ich muss Gewissheit haben, ich will die Fährte der drei Reiter prüfen“, murmelte er, ohne in ihre Augen zu schauen. Dann legte er den Sattel auf, den er im Wagen verstaut hatte, zäumte auf, zog die Bauchgurte straff. Sie stand neben ihm, mit hellen, lodernden Augen, die nicht von ihm ließen.

Es fiel ihm verteufelt schwer, sie allein zu lassen. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Sein Herz schlug dumpf. Jetzt, nachdem er erfahren hatte, wer sein wirklicher Retter war, jetzt, da er wusste, dass sie es war, die ihn geküsst hatte, war etwas in ihm, was schier zerreißen wollte. Ihr offenes, freimütiges Bekenntnis hatte ihn verwirrt, ihn aber auch gleichzeitig in eine Welt sehen lassen, die von wundersamer Schönheit war. Krass wirkte der Unterschied gegen die Wirklichkeit, heiß brannten ihm die Augen.

„So long“, flüsterte er ihr heiser zu. Ihr Mund hauchte den Gruß zurück. Wenig später ritt er aus dem Weidengebüsch heraus, zurück auf der Spur, die die Räder tief in den Boden gegraben hatten.

Yeah, jeder konnte das Ende der Spur im Weidendickicht leicht erraten. War es nicht besser, umzukehren, Bell zu bewegen, alles im Stich zu lassen, schnell aufzubrechen und zur Ranch zu kommen? Aber was dann? Eine Crew ohne Munition war verloren. Die Crew brauchte das Blei für ihren Kampf, für die Selbsterhaltung.

Gewiss würde Bell niemals seinen Vorschlag annehmen. Sie sah wohl ein, dass sie am Tage nicht weiterkommen konnten, und sie hoffte auf die Nacht.

Drei Stunden aber waren eine lange Zeit. Jede konnte die Entscheidung und das Ende bedeuten. Was aber würde mit ihr geschehen? Er verwarf die grässlichen Gedanken, wollte nicht daran denken.

Wachsam ritt er weiter.

Dorthin, wo ein frischer Hügel sich wölbte. Für ihn ein Zeichen, dass einige der Reiter zurückgekommen waren, um Couver zu begraben. By Gosh, der Sterbende hatte ihm zwar gesagt, dass er den Munitionswagen weiter zur Gabel-Ranch führen sollte. Gewiss war das ein Teil von Strattons Plan, damit er, Ruel, sich auf der Ranch ins Vertrauen setzen konnte.

Aber hatte nicht Couvers Tod alles geändert? Er schauerte zusammen, blickte unwillkürlich über das Land. Drei Kerle waren entwischt. Wie viele waren zurückgekommen, um Couver unter die Erde zu bringen? Sorgfältig untersuchte er die Spuren, fand bald heraus, dass nur zwei Reiter zurückgekommen waren, der dritte aber fehlte.

Wo war er?

Zur Stadt, um Stratton den Tod des Stiefbruders mitzuteilen? By Jove, Stratton würde den Namen erfahren und dann gegen sie schlagen. Sicherlich würden seine Rachegefühle und sein Zorn größer sein als das Vertrauen, das er in ihn gesetzt hatte.

Vielleicht ließ er auch zuerst seinen Plan durchführen, um dann hinterher ihn, Ruel, um so sicherer in die Grube zu bringen, oder … yeah, war niemand der drei Reiter auf und davon, waren sie alle drei noch in der Nähe?

Diese Frage musste er beantwortet haben. Die Sicherheit Bells war vorerst wichtiger als alles andere, denn er hatte seine Liebe zu ihr entdeckt, wusste plötzlich, dass er alles für sie tun würde, was auch immer geschehen mochte.

Sicher, sie war tapfer, aber sie war ein Mädchen, und jetzt, da er sie allein gelassen hatte, verging sie wohl vor Angst. Ihre Lage war nicht mehr die, die am Anfang ihres Trails sie schützte. Jetzt waren sie und die Munition in Gefahr, oder?

Hölle, er begriff nicht, warum Couver ihm den Rat gegeben hatte, die Munition fortzuschaffen. Hatte er etwa seinen Stiefbruder gehasst, in dessen gewaltigem Schatten er eine untergeordnete Rolle gespielt hatte? Ruel hatte von Männern gehört, die so etwas nicht vertragen konnten. Sicherlich hatte Couver zu jener Sorte gehört, und sein Hass ging über seinen Tod hinaus. Ein Hass, den niemand begreifen konnte.

Er, Ruel, würde fest neben Bell stehen. Hatte sie nicht alles für ihn, als er hilflos war, eingesetzt, um ihn zu retten, selbst ihr Leben?

Er schluckte schwer, kniff leicht die Augen zusammen, schaute vom Grabhügel fort in die Runde. Das Land war wellig, und die Pferdetrittsiegel zeigten nach Südost. Eine Tatsache, die ihn veranlasste, seinem Falben die Sporen leicht über die Flanken zu ziehen. Er war so entschlossen, die Verfolgung aufzunehmen, dass er seinen Fehler erst bemerkte, als vor ihm im Hang eine Feuerblume aufsprang und die Kugel mit schrillem Pfeifen über seinen Stetson hinwegfegte.

Sein Reittier bog sich wie eine Stahlsehne unter seinen Schenkeln, ließ sich mit einem Zügelruck nach rechts in die Büsche bringen.

Gesträuch fetzte ihm entgegen, Zweige peitschten wild sein Gesicht. Er warf sich vom Pferderücken, als eine zweite Kugel dort vorbeisurrte, wo er gerade noch saß. By Jove, sie hätte ihn fast aus dem Sattel gefegt. Das Blei schlug irgendwo auf und schrillte als Querschläger mit einem jaulenden Laut durch die Luft.

Es war zu weit, um das Feuer mit den Eisen zu erwidern, zu weit, um den anderen die Feuertaufe zurückzugeben.

„Duke, gib auf!“, kreischte die Stimme eines Kerls, noch bevor sein Falbe im Gebüsch zum Stehen kam und er selbst sich beruhigt hatte. „Du kommst sonst nicht lebend heraus.“

Er wusste nun, dass die anderen ihn nicht für tot hielten. Wusste, dass sie mit ihm sprechen wollten.

„Kommt aus euren Deckungen“, forderte er. Drüben ertönte ein scharfes, beißendes Lachen. Eine krächzende Stimme sagte: „Hör nur, Tim, wie er sich aufbläht, der Bursche! Er weiß nicht einmal, dass wir es sind, die hier den Ton angeben. Er weiß nicht, dass Fred die Kleine bewacht und sie in die Enge treiben wird, wenn wir vor Anbeginn der Nacht nicht bei ihm sind. Das alles weiß der Kerl nicht. Nein, Duke, wir bleiben in Deckung. Wir haben gesehen, wie du den guten Couver aus dem Sattel geholt hast. Das genügt uns fürs Erste.“

„Wem gehorcht ihr, und von wem nehmt ihr Befehle an?“

„Was soll die Frage, komm erst heraus!“

„Ich ziehe es vor, hier zu bleiben, bis sich diese Sache geklärt hat, Gents.“

Eine Pause folgte. Drüben auf dem Kamm knackte in den Büschen ein Zweig. Ruel wischte

einige Mücken aus dem Gesicht, die sein Blut kosten wollten. Es war ihm heiß geworden. Dort drüben die beiden auf dem Höhenrücken konnten mit ihren Winchestern das Gebüsch durchsieben, wann immer es ihnen einfiel. Ein Zufallstreffer konnte ihn aus den Stiefeln heben, konnte den Falben fällen. Sie schienen sich ihrer Überlegenheit sicher, wollten nur keine Kugeln verschwenden.

„Wir arbeiten für Stratton“, klang es nach einer Weile. „Alle Welt arbeitet für Stratton.“

„Dann wisst ihr um die Hassliebe, die zwischen ihm und seinem Stiefbruder bestand?“, klopfte Ruel auf den Busch. Er war einen Schritt weiter gekommen, musste versuchen, die Kerle zu übertölpeln. Die Angst um Bell würgte ihn.

„Wir wissen nur, dass Couver ein schneller Mann war, Duke. Was hätten wir für einen Grund, uns um die Familiengeschichte unserer Anführer zu kümmern, he?“

Dass sie auswichen, verrieten sie … Oh, sie wussten es, und sie bestätigten durch diese Antwort seine Beobachtung und Vermutung. Weil es so war, waren sie alle drei geblieben, um erst ihrerseits herauszubekommen, warum er, der Vertrauensmann von Stratton, Couver erledigte.

„Couver war Stratton im Wege“, sagte Ruel. Er wusste nicht, wie diese Lüge aufgenommen würde, wie jene es schluckten. Zu seiner Überraschung aber zeigte sich oben auf dem Kamm ein Kerl, stellte sich frei und offen außerhalb der Deckung auf. „Well, es geht mich nichts an, Sonny, komm heraus. Wenn Stratton seinen eigenen Halbbruder leid wurde, so muss er es wissen.“

„Solange der zweite Mann in Deckung bleibt, werde ich mir keine Blöße geben“, wich Ruel aus, überrascht über die Wirkung seiner Worte.

Es war sicher, dass die Schurken im Falle von Strattons Tod behauptet hätten, nur für Couver gearbeitet zu haben. Kerle dieser Art wussten sich stets so zu drehen, wie der Wind wehte.

Der Kerl grinste stärker.

„All right. Tim, er gehört zu den ganz Vorsichtigen. Mit ihm scheint Stratton den besten Griff getan zu haben.“ Es war ein plumpes Lob, aber noch war Ruel nicht sicher. Noch dünkte es ihm, als ob sich eine Falle dort aufbaute. Er wartete, bis der zweite Kerl aus der Deckung kam. Jetzt hatte er sie beide in der Hand, so dachte er, aber im gleichen Augenblick verschwand der zweite wieder, indem er sich einfach fallen ließ und einen Feuergruß hinunterschickte.

Weitab streute die Kugel das Gras auf.

Ruel ließ sich nicht verleiten, den Schuss zu erwidern. Die Entfernung war für einen Colt zu groß.

Nur ein Zufallstreffer hätte etwas ausrichten können.

„All right, jetzt komm!“, murrte es vom Kamm her. Beide standen nun aufgerichtet mit angeschlagenen Winchestern, wachsam und bereit. Sie vergaben sich nichts, diese Burschen. Die harte Schulung in Strattons Crew hatte sie mit allen Wassern gewaschen.

Und Ruel wusste, dass, wenn er jetzt zögerte, alles, was er auf gebaut hatte, in Trümmer gehen würde. Nein, er musste aus der Deckung. Vielleicht ließen sie ihn wirklich auf Revolverschussnähe heran … und dann?

Das wusste nur Gott allein!

Er nahm seinen Falben am Zügel, führte das nervöse Tier, das ständig zur Seite ausbrechen wollte, aus dem Busch und verstand es dabei so einzurichten, dass der Körper des Falben ihn schützte.

„Sieh dir das an, ein ganz großer Mann kommt“, schrillte die Stimme eines Kerls höhnisch zu ihm hin. „Stratton hat sich einen Allroundmann geangelt, den er selbst gegen seine Großmutter ansetzen kann, der es hinterher mit dem Teufel selbst aufnimmt. Alle Achtung, Tim, nimm deinen verbeulten, schäbigen Stetson vor dem großen Mann dort ab.“

Das war offener, bösartiger Hohn. Noch war Ruel außer Schussweite, und Tim konnte es sich erlauben, seinen dreckigen Stetson in verzerrter Grandezza zu lüften und eine ironische Verbeugung zu machen, ohne dass ihm das Blei aufgebrannt wurde, die Rache treffen konnte.

Beide hielten die Eisen auf Ruel gerichtet. Beide grinsten. Yeah, sie grinsten noch, als er langsam in Revolverschussweite kam, dann löschte ihr Grinsen plötzlich aus.

Tim kreischte: „Stopp!“

Im gleichen Augenblick schoss Ruel unter dem Kopf seines Pferdes hinweg. Seine Kugel schmetterte Tim die Waffe aus der Hand. Trotzdem ging der Schuss aus der Winchester los. Eine Feuerzunge raste in die Luft.

Niemals sollte Ruel erfahren, weshalb der zweite Mann wie erstarrt stand, im nächsten Augenblick seine Waffe fallen ließ und seinem Partner nach seitwärts in die Büsche sprang. Die Winchester musste versagt haben. Vielleicht hatte er das Knacken im Kettendonner der Detonation überhört, war auch zu aufgeregt, um auf solche Kleinigkeit zu achten, die jedoch genügt hatte, in dem Manne die Panik hochzutreiben. Er war so verblüfft von den plötzlichen Aufdonnern der Schüsse, dass er einen Moment lang weit die Augen aufriss.

Ruel nahm seinen rauchenden Colt hoch, pustete den Rauch aus dem Lauf. By Gosh, er durfte sie nicht entkommen lassen, musste sie jagen, musste verhindern, dass sie zu dem dritten Mann stießen.

Ruel sprang in den Sattel, ließ den Falben hochsteigen. Dann jagte er, als ob hundert Teufel hinter ihm her wären, den Hang hinan.

Jagender Hufschlag war vor ihm. Zwei Schatten wischten durch die Büsche. Er schoss und wusste gleich, dass er sich das Blei hätte sparen können.

„Go on!“, fetzte es über seine Lippen. „Los denn!“ Tief gruben sich die Sporen ein. Der Falbe stöhnte vor Schmerz, jagte zwischen den Baumstämmen hindurch den Schatten nach, die plötzlich entwischt waren.

Ruel musste anhalten. Der Hufschlag vor ihm war jetzt unterhalb des Hanges. Er reckte sich im Sattel. Seine Hände rissen beide Eisen heraus, jagten eine Schusskanonade heraus.

Aber es tönte kein Schrei, kein Ruf zurück. Nur die Hufe dort unten trommelten einen rasenden Takt, entfernten sich rasch. Er jagte seinen Falben weiter und wusste bald, dass er die Burschen aus der gefährlichen Richtung abgedrängt, dass sie sich in einer Panikstimmung befanden, in der sie nicht nach dem dritten Mann fragten.

Hölle, die Panik der Männer drängte ihm den Gedanken auf, dass eine solche Stimmung gleichermaßen beim Tier wie beim Menschen von verheerender Wirkung war. Sie würden also reiten, bis die Pferde wankten, schaumbedeckt nicht mehr weiter konnten.

Ruel kehrte um. Er schonte sein Reittier nicht. Jetzt wusste er, dass Stratton einige Nachrichten serviert bekommen würde, die ihn und Bell zum schleunigen Aufbruch bringen mussten. Es war ein Glück, dass die Kerle die Zeit vertrödelt und herumgelungert hatten, ein Glück, dass sie nicht von sich aus die Initiative ergriffen hatten.

Er konnte ihr Zögern nur so deuten, dass sie ihn erst in die Enge drücken und aushorchen wollten. Das alles war fehlgeschlagen.

Ah, mochten sie entkommen sein, seine Hände hatte er nicht beschmutzen brauchen.

„Lauf zu!“, hetzte er seinem Reittier zu. „Bell wartet, wir dürfen sie nicht allein lassen. Vorwärts, mein Kerlchen!“

Der Falbe schien die Unruhe zu fühlen, die ihn ausfüllte. Er strengte sich an, ließ die Hufe über den Boden trommeln, so dass der Hufschlag zu einer rhythmischen Melodie anschwoll, die ins Blut hieb.

Und das war sein zweiter Fehler in diesen turbulenten Stunden. Der Hufschlag warnte den dritten Mann, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, das Versteck in den Weidenbüschen zu überwachen.

Der Bursche hatte sich mit unendlicher Mühe nahe an das Weidengebüsch herangepirscht. Der Hufschlag machte ihn nervös. Er hob sich aus der Deckung, um nach dem Reiter zu sehen. In diesem Augenblick bellte ein Colt von dort her, wo das Mädchen beim Munitionswagen stand. Kugeln umfächerten ihn, streuten klatschend ringsum ins Gebüsch.

Er schoss zurück, rannte schießend zu seinem Pferd, schoss noch, als er im Sattel war und davonjagte, schoss wie irre nach dem Munitionswagen hin.

Dieser Trick rettete ihm wahrscheinlich das Leben, denn Ruel ließ ihn reiten, kümmerte sich nicht mehr um den Fliehenden. Die Angst um Bell ließ ihn nicht an die Verfolgung denken.

Ein heiserer Schrei kam von seinen Lippen. Er klatschte dem Falben die Zügel um die Ohren. Etwas, was er sonst nie bei einem Pferd getan hatte. Aber die Angst um Bell machte ihn wie toll, die Angst, sie tot auf dem Boden liegen zu sehen.

Details

Seiten
680
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925388
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v454976
Schlagworte
montana western großband dezember

Autoren

  • Alfred Bekker (Autor)

    934 Titel veröffentlicht

  • Pete Hackett (Autor)

  • Glenn Stirling (Autor)

  • Larry Lash (Autor)

  • Wolf G. Rahn (Autor)

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Titel: Montana Western Großband Dezember 2018