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Tödliche Bruderschaft

2018 140 Seiten

Leseprobe

Tödliche Bruderschaft

Krimi von Horst Friedrichs


Der Umfang dieses Buchs entspricht 127 Taschenbuchseiten.


Ein Geheimbund, der das Recht in die eigenen Hände nehmen will? Auf diese merkwürdige Bruderschaft treffen die FBI-Agents Trevellian und Tucker bei einem eigentlich ganz anderen Einsatz. Eines der Mitglieder will ein Syndikat in New York auffliegen lassen, doch seine Schwester wird entführt, und plötzlich läuft alles aus dem Ruder. Trevellian will sich undercover einschleusen, und so macht er eine Ausbildung zum Henker, außerhalb von Recht und Gesetz.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

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© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Er musste sich mit seinem ganzen Körpergewicht gegen die schwere Tür stemmen, ehe sie nachgab.

Eisige Kälte schlug dem hochgewachsenen Mann entgegen. Er fröstelte trotz des dichten schwarzen Mantels, des schwarzen Hutes und der Handschuhe, die er trug. Mit der Linken tastete er nach einem Lichtschalter. Er wusste, dass der Raum fensterlos war, dass sich zur Zeit niemand in dem riesigen Fabrikgebäude aufhielt. Ja, er wusste sehr viel über diesen Ort – nur den Grund, weshalb man ihn durch einen anonymen Anruf hierher gelockt hatte, kannte er nicht.

Seine Nerven vibrierten, als er den Schalter fand.

Eine einsame nackte Leuchtstoffröhre flammte auf.

Sekundenlang blinzelte der Mann unter den Augenschlitzen seiner Maske. Dann erfasste er seine Umgebung innerhalb eines Atemzuges.

Rinderhälften, mit blauen Stempeln auf der wächsernen Haut, hingen aufgereiht an Stahlschienen, die in der Decke verankert waren. Es roch durchdringend nach rohem Fleisch. Irgendwo summte ein Kühlaggregat.

Der Maskierte glitt an der vorderen Reihe der Rinderhälften vorbei. Seine Rechte klammerte sich um den Revolver, den er unter dem Mantel trug.

Und plötzlich traf es ihn wie ein Stromstoß.

Es war ein menschlicher Körper, der auf der freien Fläche zwischen den Vorräten lag.

Ein menschlicher Körper, auf weiße Laken gebettet, in ein weißes Tuch gehüllt, mit Stricken verschnürt.

Doch das war es nicht allein.

Mit grausamer Deutlichkeit zeichneten sich die Konturen unter dem Tuch ab.

Weibliche Konturen.

Die Augen des Maskierten drohten aus den Höhlen zu quellen. Seine Arme sanken schlaff herab. Wie gelähmt stand er da, hilflos, unfähig, die furchtbare Ahnung zu unterdrücken.

Taumelnd, wie in Trance, bewegte er sich auf die Leiche zu. Er kniete nieder, beugte sich über den Körper und zupfte mit zitternden Fingern das Tuch am oberen Ende hoch.

Blondes, gelocktes Haar wurde sichtbar. Dann das bleiche, zarte Gesicht eines Mädchens. Es lag ein friedlicher, ruhevoller Ausdruck in diesem hübschen Gesicht, das stets unbeschwerte Lebensfreude gespiegelt hatte. Die Augen, die ihn strahlend und schwärmerisch angeblickt hatten, waren geschlossen.

Ein erstickter Schmerzensschrei entrang sich der Kehle des Mannes. Seine Schultern zuckten krampfartig. Er verlor die Beherrschung, vermochte die Tränen nicht zu unterdrücken …

»Gillian! Gillian, oh mein Gott!« Er schrie es hinaus, und all seine seelische Qual lag in diesem Aufschrei.

Schluchzend warf er sich über den leblosen Körper des Mädchens, das er geliebt hatte. Er schloss ihr Gesicht in seine Hände, als könnte er ihr neues Leben einhauchen.

Dann erst wurde ihm die Kälte bewusst, die von der Toten ausging.

Er zuckte zurück, richtete sich abrupt auf. Der Schleier vor seinen Augen verlor sich, wich einer unbeugsamen, wild entschlossenen Härte.

Einen Moment lang drängte alles in ihm danach, die Tote mitzunehmen, ihr ein anständiges, ehrenvolles Begräbnis zu verschaffen. Aber seine Vernunft siegte. In diesen Minuten, in denen sein Verlangen nach Rache aufloderte, kehrte seine gewohnte gedankliche Präzision zurück. Trotz des Schmerzes, den er noch immer empfand, war er wieder fähig, logische und folgerichtige Überlegungen anzustellen.

Nein, er durfte Gillian nicht mitnehmen. Wie sollte er die Formalitäten erledigen, ohne Verdacht zu erwecken? Er würde einen Arzt brauchen, der den Totenschein ausstellte. Er würde unangenehme Fragen des Bestattungsunternehmers beantworten müssen. Dann die Antragsformulare der städtischen Friedhofsbehörden …

Sinnlos.

Er zwang sich zu dem Schluss, dass seine Rache wichtiger war. Denn er würde es für Gillian tun. Dieser letzte Dienst sollte es sein, den er ihr erwies. Das andere war nicht möglich. Er musste sich zwingen, nicht daran zu denken, was mit ihren sterblichen Überresten geschehen würde.

»Ich weiß, du hast Verständnis dafür«, murmelte er tonlos, mit einem letzten Blick auf das wächserne Gesicht.

Dann machte er kehrt, ging mit seltsam mechanisch wirkenden Schritten hinaus. Er schloss die mächtige Tür des Kühlraumes, wie, um Gillian dadurch wenigstens noch für eine Weile vor neugierigen, sensationslüsternen Blicken zu bewahren.

Den Rückweg durch die Fabrikkorridore fand er im Dunkeln. Er öffnete die Seitentür, deren Schloss er zuvor geknackt hatte, und sah sich um, ehe er ins Freie trat. Die Ladestraße an der Längswand der Fabrikhalle wurde von einer einzelnen Peitschenlampe nur schwach erhellt.

Stille. Nur das stete Hintergrundrauschen des nächtlichen Verkehrslärms von New York. Nirgendwo eine verdächtige Bewegung.

Der Maskierte huschte im Schatten an der Hallenwand entlang und erreichte zwei Minuten später seinen Wagen, den er einen Gebäudeblock entfernt abgestellt hatte.


2

Diffuses Licht fiel aus den Wohnungsfenstern, durch Vorhänge und Gardinen gefiltert. Doch die matte Helligkeit reichte nicht bis in die Tiefe des Hinterhofes. Es war eine trügerische Lichtglocke, die Über dem Gestank der Müllkübel und der verstreut herumliegenden faulenden Abfälle hing. Trügerisch, weil es schwerfiel, die Augen an die Dunkelheit zwischen den Backsteinmauern der betagten Wohnhäuser zu gewöhnen.

Vorsichtig trat Medina aus dem Hinterausgang des Hauses, dessen Korridor er unbemerkt durchquert hatte. Auf der obersten Steinstufe blieb er stehen, horchte atemlos.

Die Vielfalt der gedämpften Geräusche wurde von den unterschiedlichen Fernsehprogrammen bestimmt, die in den Wohnungen liefen. Dazu vereinzeltes Gelächter und grölende Stimmen. Die Show-Moderatoren brachten es immer noch fertig, mit ihren platten Witzen die Leute zu erheitern.

Angestrengt spähte Medina zur Rückfront des gegenüberliegenden Hauses. Die Fassade dieses Gebäudes befand sich an der Kent Avenue, die zu den übelsten Gegenden von Greenpoint in Brooklyn gehörte. Aushängeschild war dort vorn eine öffentliche Billardstube, die vorwiegend von Jugendlichen besucht wurde.

Seit Tagen hatte Orry die Örtlichkeiten observiert, wie es in der Amtssprache heißt. Und er war hundertprozentig sicher, dass sich jetzt, in dieser Minute, die maßgeblichen Leute aus der Spitze des Syndikats in den hinteren Gemächern aufhielten. Tageseinnahmen aus den verschiedenen Rackets wurden gezählt, sortiert, verteilt. Die Billardstube war keine umwerfend neue Art der Tarnung für solche Zwecke. Doch wie so häufig hatte das Alte, Bewährte den Vorteil, überraschend gut zu funktionieren.

Vergeblich versuchte Orry, hinter den rückwärtigen Fenstern des Hauses an der Kent Avenue Lichtschein auszumachen. Die Räume waren hervorragend verdunkelt.

Aber die Typen hatten den Laden vor eineinhalb Stunden betreten. Und sie waren bislang nicht wieder aufgetaucht. Sie konnten sich nicht in Luft aufgelöst haben.

Medina zog das Walkie-Talkie aus der Jackentasche, ließ die Antenne ausfahren und schaltete auf Senden. Er hob die Sprechmuschel dicht an die Lippen.

»Morning Dew an Skylight! Morning Dew an Skylight! Over.«

Er schaltete auf Empfang.

»Hier Skylight, hier Skylight«, tönte es blechern aus der Membran, »reden Sie, Morning Dew. Over.«

»Zeitplan bleibt unverändert«, sagte Orry leise, »keine neuen Beobachtungen. Geben Sie mir die X-Zeit durch, damit …«

Die Worte blieben ihm im Hals stecken.

Ein Schatten schnellte aus der Dunkelheit heraus auf ihn zu – kaum als Silhouette erkennbar.

Reflexartig ließ Orry das Walkie-Talkie fallen. Seine Rechte zuckte unter das Jackett. Er packte den Griff des 38ers, versuchte gleichzeitig, mit einem Satz zur Seite auszuweichen.

Ein brutaler Stoß nagelte ihn gegen die Kante der gemauerten Türeinfassung. Er spürte den Atem des Mannes, von dem er nicht einmal das Gesicht erkennen konnte.

Er bekam den Kurzläufigen heraus, riss den Arm hoch, um sich Bewegungsfreiheit zu schaffen. Doch der Hieb mit dem Waffenstahl zischte ins Leere.

Im nächsten Sekundenbruchteil explodierte ein greller Schmerz auf Orrys rechtem Unterarm. Die Waffe entfiel seinen kraftlosen Fingern, schepperte über die Steinstufen. Er begriff, dass er es mit einem ebenbürtigen Gegner zu tun hatte. Und dieser Gegner bedeutete eine tödliche Gefahr, denn er hatte sich bereits die ersten wichtigen Vorteile verschafft.

Der indianische G-man setzte alles auf eine Karte. Seine Entschlossenheit flammte von einem Atemzug zum anderen auf.

Er stieß sich blitzartig ab, feuerte die gesunde Linke von unten herauf in die Richtung ab, aus der der Handkantenhieb gekommen war.

Ein gellender Schmerzensschrei hallte durch den Hinterhof.

Orry sah den Schatten zurückweichen.

Mülltonnen kippten polternd um. Die Blechdeckel rollten über den Steinboden. Irgendwo in dem Wirrwarr rappelte sich der fast unsichtbare Fremde stöhnend auf.

Der G-man setzte nach, hastete die drei Stufen hinunter und flankte über einen Müllkübel hinweg auf die Stelle zu, an der er den Burschen vermutete.

»Medina!«, tönte es kratzend aus dem winzigen Lautsprecher des am Boden liegenden Walkie-Talkie. »Orry, was ist los? Melde dich!«

Haargenau im gleichen Moment rannte der G-man in eine betonharte Faust, die seinen Ansturm wie aus dem Nichts heraus bremste. Lodernder Schmerz durchflutete seine Magengegend. Er klappte zusammen, konnte nicht mehr verhindern, dass ein zweiter Hieb seinen Nacken traf.

Fassungslosigkeit breitete sich in seinem schwindenden Bewusstsein aus. Schwarze Ringe tanzten vor einem feurigen Hintergrund. Verzweifelt versuchte er, seine Sinne zu mobilisieren.

Noch einmal gelang es ihm, sich buchstäblich im letzten Moment aus der Reichweite seines Gegners zu bringen, indem er sich mit letzter Kraft zur Seite warf. Hart schlug er auf den feuchten Steinboden des Hinterhofes. Die Erkenntnis, einen Fehler begangen zu haben, brannte schmerzlich in ihm.


3

»Orry!«, brüllte ich noch einmal in die Membran meines brieftaschengroßen Walkie-Talkie. Funkdisziplin war überflüssig.

Keine Antwort.

Ich schaltete um.

»Skylight an alle! Skylight an alle! Einsatz abbrechen! Medina in Schwierigkeiten …«

Den Rest schenkte ich mir. Spurtete los, das Walkie-Talkie noch in der Linken. Die Kollegen würden sofort Bescheid wissen. Langatmige Erklärungen waren nicht nötig.

Ich war am dichtesten dran.

Mit wehendem Jackett verließ ich den Hauseingang, schlüpfte zwischen zwei parkenden Limousinen hindurch und rannte mit langen Sätzen auf das Gebäude zu, durch das unser indianischer Kollege auf den Hinterhof vorgedrungen war. Im Laufen verstaute ich das Walkie-Talkie in der Jackentasche, tauschte es gegen den 38er aus, den ich mit geübtem Griff aus der Halfter befreite.

Ich stürmte in einen muffigen, düsteren Korridor, in dem nicht mal eine Notbeleuchtung brannte. Aber dafür zeichnete sich das etwas hellere Rechteck der offenen Hintertür deutlich ab.

Ich brauchte noch zwei Sekunden, um den Ausgang zum Hinterhof zu erreichen, stoppte meine Schritte rechtzeitig vor den Steinstufen.

Unverkennbare Geräusche. Gequältes Stöhnen. Unterdrückte Schmerzenslaute. Dumpfe Schläge.

Ich sah Schatten, die sich etwa im Zentrum des Hinterhofes bewegten. In den Wohnungen plärrten nach wie vor die Fernseher. Nichts hören, nichts sehen – die bewährte Devise der an wachsende Kriminalität gewohnten New Yorker Bürger. Und anschließend natürlich: keinen Ton sagen. Wir kennen das zur Genüge.

Ich fackelte nicht lange. Feuerte einen Warnschuss in den Nachthimmel über Brooklyn. Donnernd brach sich der Nachhall zwischen den Hauswänden.

»FBI!«, brüllte ich. »Keine Bewegung!« Ich stürmte vorwärts, den Revolver zum gezielten Schuss bereit. Meine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit.

Gut genug, dass ich nach zwei Schritten gegen eine unsichtbare Wand prallte.

Gleißendes Licht einer Stablampe blendete mich.

»Keinen Schritt weiter, Mann!«, ertönte eine schneidende Stimme. »Oder …« Statt einer Erklärung schwenkte der Lichtkegel zur Seite.

Mir stockte der Atem.

Orry lag am Boden, ziemlich zerschunden, aber immer noch bereit, Widerstand zu leisten. Was ihn daran hinderte, war der Lauf einer großkalibrigen Automatik, die auf seine Brust gerichtet war.

Ich erkannte lediglich die Konturen des Fremden. Sah, dass er ganz in Schwarz gekleidet war.

»Die Waffe weg!«, befahl er. »Oder dein Partner ist in der nächsten Sekunde tot, Mann! Und falls noch mehr von eurem Verein da sind, rate ich dir, sie schleunigst zurückzupfeifen!«

Ich zwang mich, die Nerven zu behalten. Es war keine Zeit für Überlegungen, für taktische Konzeptionen. Orry war noch nicht völlig am Ende. Wenn er den richtigen Moment erfasste, konnte er auf meinen eiskalten Bluff eingehen. Es gab keine andere Chance. Es war ein teuflisches, mörderisches Spiel.

»Sie begehen einen Fehler«, sagte ich so ruhig wie möglich, »es ist ein entscheidender Denkfehler. Ich werde den Revolver nicht fallenlassen. Denn Sie können nicht zwei Mann gleichzeitig im Auge behalten. Und mein Partner ist noch in der Lage, sich aus dem Schussfeld zu bringen. Schnell genug. Sie haben zwei Möglichkeiten: Entweder Sie konzentrieren sich darauf, ihn zu treffen. Dann erwischt Sie gleich nach dem Schuss meine Kugel. Oder Sie versuchen, mich außer Gefecht zu setzen. Dann hat mein Partner erst recht die Chance, sich in Sicherheit zu bringen.«

Ich sagte es so temperamentlos, wie der NBC-Nachrichtensprecher den Wetterbericht herunterleiert.

Gleichzeitig hob ich den 38er ein Stück höher, legte die linke Hand unter das Griffstück und visierte mit ausgestreckten Armen an.

Distanz vier Yard. Auf die Entfernung hat der Wesson mit dem Zwei-Zoll-Lauf einen minimalen Streukreis von weniger als einem Viertel-Inch. Vorausgesetzt, man beherrscht den Revolver.

Ich beherrsche ihn.

Ich sah sein Gesicht nicht. Aber ich spürte, dass der Fremde unsicher wurde.

»Das riskierst du nicht!«, zischte er. »Bist du ein solches Schwein, dass du das Leben eines Kollegen aufs Spiel setzt?«

Ich trieb meinen Bluff auf die Spitze. Und ich war sicher, dass Orry längst begriffen hatte.

»Kennen Sie die Geschichten, die über das FBI verbreitet werden?«, fragte ich. »Nun, jedes Wort daran ist wahr. Bei uns weiß jeder, wie es um ihn steht, wenn er in die Klemme gerät. Wir machen uns gegenseitig nichts vor. Das ist unser Erfolgsrezept gegen Geiselnahmen. Sie wissen, dass es schon des öfteren funktioniert hat.«

Es stimmte. Nur waren bei solchen FBI-Einsätzen die Geiseln am Leben geblieben. Und die Legenden, die in der Unterwelt über die angeblich völlig skrupellosen FBI-Agenten kursieren, sind wirklich Legenden.

Aber mein Gegenüber glaubte an diese Storys. Die augenblickliche Situation war geeignet, ihn in diesem Glauben zu bestärken. Ich erkannte es daran, dass der Lauf seiner großkalibrigen Colt Government zu zittern begann.

»Du legst mich nicht herein«, schrie er mit sich überschlagender Stimme. »Das Schießeisen weg, sonst …«

Sein Zeigefinger krümmte sich.

Er warf den Kopf herum, in Orrys Richtung.

Die entscheidende Hundertstelsekunde!

»Orry!«, brüllte ich.

Und zog durch. Meine Visierlinie stimmte haargenau.

Zwei Schüsse vereinten sich zu einem ohrenbetäubenden Krachen.

Ein Schmerzensschrei gellte durch den Hinterhof. Noch einen Atemzug lang sah ich meinen Kollegen im Lichtkegel der Stablampe über den Boden rollen. Er hatte alle Kraft in diese Drehbewegung gelegt.

Dann fing der Lichtkegel an zu tanzen. Zweimal kurz hintereinander polterte etwas zu Boden. Der Schrei erstarb.

Neues Licht flammte auf. Mehr Stablampen. Die von meinen Kollegen, die hinter mir den Hausflur verließen und blitzschnell ausschwärmten.

Im Zentrum des gebündelten Lichts war die Lage deutlich und übersichtlich wie auf einem Präsentierteller.

Medina rappelte sich stöhnend auf. Seine Miene spiegelte Niedergeschlagenheit und Erleichterung gleichermaßen.

Der Fremde krümmte sich vor Schmerz, hielt seine blutende Rechte gegen den Leib gepresst. Seine Lampe und die Colt Government lagen außer Reichweite.

Ich ging auf ihn zu. Er trug einen schwarzen Mantel, schwarze Handschuhe. Der schwarze Hut hing verrutscht über seinen dunklen Haaren.

Erst als ich ihn auf den Rücken drehte, um ihn zu durchsuchen, sah ich auch den Rest.

Er trug eine schwarze Gesichtsmaske.


4

Long Island City, Brooklyn.

Steinway Street.

Ein Lächeln huschte Über John Danvers’ Lippen, als er das Straßenbild im Schein einer der Bogenlampen erblickte. Er stoppte seinen aschgrauen Pontiac kurz vor der Einmündung in einer freien Parkbucht, löschte die Scheinwerfer und drehte den Zündschlüssel nach links.

Er trug die Maske nicht mehr. Überflüssig. Gillians Tod bewies, dass sie ihn kannten. Sie hatten Gillian umgebracht, um ihn in seine Schranken zu weisen.

Aber das Gegenteil würde die Folge sein. Sie sollten zu spüren bekommen, dass ihre Kalkulation einen tödlichen Fehler aufwies.

Nur kurz sah sich Danvers um. Seinen eisgrauen Augen entging kein Detail der Umgebung. Er hatte ein schmales, markant geschnittenes Gesicht, das sorgfältig glattrasiert war. Sein blonder Haaransatz, der unter dem Hut hervorlugte, war kurzgeschoren. Die leicht gebogene Nase verlieh ihm gemeinsam mit den meist zusammengekniffenen Lidern einen seltsamen Ausdruck hellwacher Aggressivität.

Nirgendwo war eine Menschenseele zu sehen. Wie erwartet. Long Island City gehörte zu Brooklyns besten Wohngegenden. Hier trieb sich nachts niemand mehr herum. Die Bewohner der modernen Apartmentgebäude und der Villen hatten genügend finanziellen Rückhalt, um sich alle Spielarten nächtlichen Vergnügens in den eigenen vier Wänden leisten zu können. Hier gab es keinen, der es nötig hatte, die exquisiten Nachtbars in Manhattan aufzusuchen.

Brook B. Crane am allerwenigsten.

Crane!

Danvers’ Gesicht verzerrte sich voller Hass.

Äußerlich völlig ruhig öffnete er das Handschuhfach und nahm die Einzelteile der zerlegten Maschinenpistole heraus. Es war ein handliches Modell, von einem Waffentechniker namens Atchisson konstruiert. Die Atchisson-MP bestand aus verkürzten Teilen des Colt-Schnellfeuergewehres AR-15. Mit wenigen Handgriffen setzte Danvers die Waffe zusammen: Mittelstück, Schulterstütze, Schalldämpfer, Stangenmagazin. Letzteres war mit 25 Patronen des Kalibers 9 Millimeter Parabellum gefüllt. Ein Reservemagazin schob Danvers in die Manteltasche. Er schaltete die MP auf Dauerfeuer, sicherte sie und hängte sie unter dem Mantel an einen Ledergurt, den er über der linken Schulter trug. Unmittelbar dahinter, unter der Achselhöhle, befand sich die Halfter mit dem stupsnasigen Colt Cobra.

Danvers ließ den Zündschlüssel stecken. Er stieg aus und ging auf die Einmündung der Steinway Street zu. Nicht nötig, die Wagentür abzuschließen. Und Voraussetzung für seinen Rückzug. In dieser Gegend gab es ohnehin keine Autodiebe. Zu viele private Wachmänner schwirrten mit ihren unauffälligen Limousinen herum.

Danvers hatte Glück. Kein Fahrzeug begegnete ihm, als er den Bürgersteig der Steinway Street entlangmarschierte. Um so besser, wenn ihn niemand beobachtete. Andererseits wusste er, dass es keine große Rolle gespielt hätte. Bei seinem Vorhaben gab es kein Wenn und Aber, keine Nebensächlichkeiten, die Bedeutung gewinnen konnten.

Die Nummer zwölf war das sechste Gebäude auf der rechten Straßenseite – in Richtung East River gesehen. In der Ferne spannte sich der tiefblaue Nachthimmel hoch über dem Lichterglanz von Manhattan.

Die Umfriedungsmauer des Anwesens war etwa zwei Yard hoch. Keine Drähte oder Glasscherben auf der Mauerkrone. Crane verwendete moderne Mittel, um sich zu schützen. Infrarotschranken. Oder Radarbewegungsmelder. Egal. Der technische Klimbim sollte ihm nichts nützen.

Ein frostiges Grinsen spielte um Danvers’ dünne Lippen, als er sich dem schmiedeeisernen Tor näherte und einen Blick in den Villenpark warf. Es war ein eingeschossiges Gebäude mit Flachdach, schätzungsweise 70 Yard von der Straßenfront entfernt. Dazwischen Buschgruppen, Bäume, Blumenrabatten, künstliche Teiche, Rasenflächen. Die Villa war weiß getüncht und hatte etwa die vierfache Größe eines normalen Einfamilien-Bungalows.

Danvers griff in die Verstrebungen im rechten Teil des Gittertores und hangelte sich empor. Behände schwang er sich über die angrenzende Mauerkrone. Auf der anderen Seite landete er federnd auf dem weichen Grasboden neben der asphaltierten Zufahrt.

Noch während er sich aufrichtete, heulten die Sirenen los. Gedämpft zwar, innerhalb des Hauses, aber dennoch unüberhörbar.

Cranes Alarmanlage funktionierte. Prächtig sogar.

John Danvers ließ seine Beinmuskeln explodieren und rannte auf der Asphaltfahrbahn entlang in Richtung Villa.

Scheinwerfer flammten an allen Seiten des Gebäudes auf, tauchten den Park in gleißende Helligkeit.

Danvers löste die MP vom Riemen, ohne seine Schritte zu stoppen. Er legte den Sicherungsflügel herum, rannte weiter.

Drei Limousinen parkten auf der freien Fläche vor der Fensterfront der Villa. Cranes späte Gäste? Unterführer vermutlich, Leiter der einzelnen Rackets, aus denen Crane seine illegalen Einnahmen bezog.

Danvers erreichte den ersten Wagen, einen taubenblauen Mercedes 280, als das Hundegebell erscholl. Heiseres, wütendes, blutgieriges Kläffen. Eben Bluthunde.

Hinter dem linken Heckkotflügel des Mercedes warf sich Danvers in Deckung. Die Blendwirkung der Außenscheinwerfer ließ nach. Die Dinger waren an der Vorderkante des Dachüberhanges angebracht, und Danvers war nahe genug am Gebäude, jetzt fast unterhalb der Scheinwerfer.

Das Gebell kam rasend schnell näher.

Danvers huschte zur Motorhaube des Wagens und spähte an der Fensterfront entlang. Der Hauseingang war zehn Yard entfernt. Noch rührte sich nichts. Vermutlich warteten sie darauf, was die Hunde zutage förderten.

Langsam drehte sich Danvers um, blieb in der Hocke, zog die MP fest an die Schulter. Sein Zeigefinger legte sich um den Abzug.

Das Gebell schwoll zu furchterregenden Dissonanzen an. Im nächsten Moment fegten sie um das Heck des Mercedes. Ihre Spürnasen waren hervorragend.

Geifernde, klaffende Mäuler mit funkelnden Reißzähnen. Blutunterlaufene Augen in faltigem grauem Fell.

Danvers zog durch. Ein Feuerstoß von sechs, sieben Geschossen verließ den kurzen Lauf der Atchisson. Die Schüsse waren nicht mehr als ein dumpfes, hohles Blubbern, das im Kläffen der Hunde noch unterging.

Das Gebell versiegte beinahe schlagartig. Zum Greifen nahe vor Danvers sanken die muskulösen Leiber der Bluthunde zuckend in sich zusammen. Drei Tiere waren es insgesamt. Und er brauchte kein zweites Mal abzudrücken.

John Danvers verharrte regungslos. Er glaubte, Stimmen aus der Villa zu hören. Mit Sicherheit hatten sie die Schüsse nicht gehört. Wenn das so war …

Er kam nicht dazu, es zu Ende zu denken. Seine Vermutung realisierte sich rascher als erwartet.

Die verglaste Eingangstür der Villa flog auf. Zwei Männer tauchten auf, blickten sich suchend nach allen Seiten um. Beide trugen schwere Automatikpistolen in den Fäusten.

»Hier!«, rief Danvers und stand auf.

Die beiden ruckten herum. Sie schafften es noch, Mund und Augen aufzureißen. Mehr nicht.

Danvers’ Atchisson-MP spie eine Serie von grellroten Blitzen aus, die wieder vom tiefen Blubbern des Schalldämpfers begleitet wurden. Er schwenkte den Lauf nur kurz hin und her. Dann ließ er die Waffe sinken.

Die beiden Gorillas sackten in sich zusammen. Der Tod hatte sie geholt, noch ehe sie ihre Automatics in Aktion setzen konnten.

Danvers spurtete los, jagte vor den Motorhauben der Limousinen entlang, auf den Villeneingang zu. Mit einem Satz sprang er über die leblosen Gestalten hinweg auf die beiden flachen Marmortreppenstufen. Die Tür stand noch halb offen, gab den Blick frei in eine luxuriös eingerichtete Halle im Western-Stil.

Danvers platzte hinein wie das personifizierte Ungewitter aus Feuer und Blei.

Zwei elegant gekleidete Männer liefen ihm buchstäblich in die Arme, zuckten bei seinem Anblick erschrocken zurück. Sie versuchten noch, die Pistolen in Anschlag zu bringen, die sie bereits in den Händen hielten.

Danvers fegte sie mit einem gnadenlosen Feuerstoß aus dem Weg.

Er stoppte seine Schritte, wirbelte nach links. Aus den Augenwinkeln heraus hatte er eine Bewegung in der Nähe des Kamins wahrgenommen. Nur noch die Jackettaufschläge eines Mannes waren zu erkennen, als er hinter einem Sessel Deckung suchte.

»Hoch mit dir!«, sagte Danvers in die Stille. »Ich weiß, wo du steckst, Freundchen. Und der Sessel schützt dich nicht. Für Neun-Millimeter-Parabellum ist so ein bisschen Polsterung nicht mehr als Pappe. Du hast drei Sekunden Zeit. Einundzwanzig … zweiundzwanzig …« Während er sprach, sah er sich um.

Die Halle war übersichtlich, alle Türen zu den angrenzenden Räumen geschlossen, außer dem Burschen hinter dem Sessel niemand zu sehen.

Bei Anbruch der dritten Sekunde gab er auf. Mit hochgereckten Armen schraubte er sich empor. Sein Pferdegesicht, das entfernt an den französischen Komiker Fernandel erinnerte, war grau.

»Bancroft, mein Freund!«, rief Danvers in höhnisch gespielter Freude. »Wie schön, dass ich nicht versehentlich durchgezogen habe. Es wäre zu schade um dich gewesen.«

»We … wer si… sind Sie? W … as wollen Sie?«, stotterte Bancroft wenig geistreich.

Danvers ging auf ihn zu und ließ ihn in die vom Schalldämpfer umrahmte Mündung der Atchisson blicken.

»Vergiss es, Bancroft! Du brauchst nicht erst anzufangen, mir was vorzuspielen. Du weißt, wer ich bin, und ich weiß, wer du bist. Cranes Berater in allen Lebenslagen, außerdem persönlicher Bewacher bei besonderen Anlässen außerhalb der sicheren Mauern. Richtig?«

Gordon Bancroft schwieg. Er wusste, dass er es nur einem unbegreiflichen Zufall verdankte, dass er noch am Leben war. Das Glimmen in den stahlharten Augen des schwarzgekleideten Mannes sprach eine überdeutliche Sprache.

»Na also«, sagte Danvers grinsend, »du hast noch mal drei Sekunden Zeit, um mich zu Crane zu führen. Tust du es nicht, werde ich ihn selbst suchen. Nur muss ich dann vorher dafür sorgen, dass du deine beiden Beine und deine Arme nicht mehr bewegen kannst. Mit anderen Worten …«

»Nein, nein!«, rief Bancroft hastig. Seine schlaffen, faltigen Wangen zuckten unkontrolliert. »Ich bringe Sie hin, Danvers.«

»Ah, auf einmal erinnerst du dich an meinen Namen!«

Bancroft presste die Lippen aufeinander, trat um den Sessel herum und steuerte auf eine der weißlackierten Türen zu. Die zweite, rechts vom Kamin. Er baute sich neben dem Messingknauf auf, klopfte zögernd und zog die Hand sofort wieder zurück.

»Sir, ich … es … da ist … es handelt sich um …« Er blickte sich verzweifelt um.

Danvers, der unmittelbar hinter ihm stand, grinste kalt. Dann rammte er ihm die MP-Mündung in den Rücken.

»Er will mit Ihnen reden!«, schrie Bancroft.

»Wer?«, scholl es dumpf zurück.

»Danvers!«

Stille.

Der Schwarzgekleidete griff mit einer beiläufigen Bewegung unter Bancrofts Jackett, zog ihm die Beretta aus der Halfter und schob die Pistole unter seinen eigenen Hosenbund.

»Es hat keinen Sinn, Sir!«, rief Bancroft flehentlich. »Er hat … er hat sie alle umgebracht!«

»Dann kommen Sie herein!« Die Stimme klang resignierend.

Abermals blickte Bancroft sich um. Fragend diesmal.

»Natürlich«, sagte Danvers sarkastisch, »du gehst vor, mein Freund.« Zur Betonung stieß er ihm den MP-Lauf in den Rücken.

Bancroft stolperte auf die Tür zu und riss sie auf. Danvers folgte in seinem Kielwasser.

Es war eine Bibliothek. Doch die Bücher in den Regalen sahen nicht danach aus, als ob sie jemals gelesen worden waren. Im Zentrum des Raumes befand sich eine Sitzgruppe. Flacher Eichentisch. Vier lederbespannte Sessel.

Vor Brook B. Crane auf dem Tisch lag eine Beretta, Modell 951. Der gleiche Waffentyp, den auch sein engster Vertrauter benutzte. Crane saß angespannt in seinem Sessel, rührte die Pistole jedoch nicht an.

Bancroft wich beiseite.

Danvers richtete die Atchisson auf den Syndikatsboss.

»Unser Gespräch wird nur kurz sein, Crane«, sagte Danvers klirrend, »praktisch nur eine Klärung der Fronten.« Blitzschnell trat er zwei Schritte vor, packte die Beretta mit der freien Linken und schleuderte sie gegen das gardinenlose Fenster. Berstend zersprang die Scheibe. Während die Scherben zu Boden rieselten, landete die Pistole irgendwo weit draußen im Licht der Scheinwerfer.

Crane war zusammengezuckt. Er sah nicht so aus, wie die Syndikatsbosse in den Filmen auszusehen pflegten. Er war eine eher durchschnittliche Erscheinung – erinnerte ein wenig an die unauffälligen Geschäftsleute, die tagtäglich zu Hunderten in der Wall Street oder im Rockefeller Center herumliefen. Grauer Anzug, Weste, weißes Hemd. Nur die Krawatte fehlte. Crane war schlank und dunkelhaarig, an den Schläfen graumeliert. Außer einem leichten Doppelkinn und einem kaum erkennbaren Bauchansatz waren die lukullischen Seiten des Wohlstandes nahezu spurlos an ihm vorübergegangen.

»Sie müssen wahnsinnig sein«, flüsterte Crane entgeistert, »es ist glatter Selbstmord, was Sie machen …«

»Für einen Selbstmörder bin ich noch ganz schön lebendig, oder?«

Der Syndikatsboss schüttelte den Kopf. »Auch wenn Sie mich jetzt umlegen, Danvers – es wird Ihnen nichts nützen. Sie haben keine Chance gegen meine Organisation, denn sie ist noch immer viel zu stark für einen Einzelgänger wie Sie.«

»Eben drum«, entgegnete der Schwarzgekleidete, »ich tue Ihnen den Gefallen nicht, Crane. Sie bleiben am Leben. Und Sie werden es mitkriegen, wie ich Ihre mächtige Organisation nach und nach auseinandernehme. Sie irren sich, wenn Sie mich für einen Einzelgänger halten. Den Beweis für Ihren Irrtum werde ich Ihnen in Kürze liefern.«

Crane beugte sich vor. Er wurde sicherer, weil er begriff, dass dieser Mann, den er für wahnsinnig hielt, ihn tatsächlich nicht über den Haufen schießen wollte.

»Danvers! Welchen Sinn hat denn das alles? Was hat es Ihnen bisher eingebracht, sich mit mir anzulegen? Warum tun Sie es? Was nützt es Ihnen?«

Danvers’ Augen verengten sich zu Schlitzen.

»Mir persönlich nützt es wenig«, zischte er, »aber es hilft diesem Land, in dem wir leben, wenn solche Pestbeulen wie Ihresgleichen ausgerottet werden! Und seit heute habe ich noch einen anderen Grund: Sie haben Gillian Count umbringen lassen und mich in diese elende Fleischfabrik geschickt. Dafür, Crane, werden Sie sterben. Das schwöre ich Ihnen. Aber ich beherzige Ihre Warnung. Solange Ihr verdammtes Syndikat noch funktioniert, bleiben Sie am Leben. Wenn Ihr Laden anfängt, auseinanderzubröckeln, werden Sie wissen, dass Ihr persönliches Ende näher kommt.«

Brook B. Crane erbleichte. Es lag etwas Unerklärliches im Tonfall dieses Mannes, das seinen Worten einen tödlichen Ernst verlieh.

»Danvers!«, sagte der Syndikatsboss beschwörend. »Es ist noch nicht zu spät! Bevor Sie in Ihr Verderben laufen, sollten Sie es sich überlegen. Wir könnten uns arrangieren. Ich kann Männer von Ihrem Format gebrauchen.«

Danvers lachte höhnisch, brach aber sofort wieder ab. Sein Kopf ruckte vor.

»Weshalb haben Sie Gillian töten lassen, Crane?«

Der Syndikatsboss zog den Kopf zwischen die Schultern, wertete die Frage aber als ein Zeichen dafür, dass Danvers verständigungsbereit wurde.

»Sehen Sie«, sagte Crane gedehnt, »es tut mir wirklich Leid. Aber ich hatte keine andere Wahl. Ich musste etwas tun, um Sie zur Vernunft zu bringen. Meine Leute hatten einige Mühe herauszufinden, dass Sie es waren, der in den letzten Wochen ständig unsere geschäftlichen Angelegenheiten störte. In solchen Fällen war es schon immer mein Prinzip, sofort hart durchzugreifen. Eigentlich müssten Sie das besonders gut verstehen. Weil Sie doch nach dem gleichen Grundsatz …«

»Danke«, unterbrach ihn Danvers, »es reicht. Ich habe die Bestätigung dafür, dass Sie den Mord an Gillian befohlen haben. Wir waren so gut wie verlobt. Vielleicht wissen Sie das noch nicht, Crane. Denken Sie über alles nach, was ich Ihnen gesagt habe. Und noch eines: Setzen Sie sich zur Wehr! Bieten Sie alles auf, was Sie haben! Ich brauche das. Ich kann keinen Gegner leiden, der sich feige ins Mauseloch verkriecht.«

Brook B. Crane starrte den Schwarzgekleideten an und war nun doch überzeugt, einen Wahnsinnigen vor sich zu haben.

John Danvers wandte sich ab, ohne noch ein Wort zu verlieren. Er verließ den Raum und schloss die Tür von außen ab.

Auf dem gleichen Weg, auf dem er gekommen war, kehrte er zu seinem Pontiac zurück.


*

Er war ambulant behandelt und in unsere Obhut entlassen worden. Meine Kugel hatte eine etwa fingertiefe Furche in sein rechtes Handgelenk gezogen. Trotzdem machte ihm die Wunde mehr zu schaffen, als es nach Meinung der Ärzte der Fall sein durfte.

Wahrscheinlich spielte er uns Theater vor. Es war seine einzige Reaktion. Denn geredet hatte er nicht mehr, seit wir ihn in eins unserer Vernehmungszimmer gebracht hatten.

Milo schaltete das Spotlight wieder an. Im kalten Licht wirkte die gebräunte Gesichtshaut des Mannes fahl. Er trug einen Schnauzbart nach Bronson-Art.

»Versuchen wir es noch einmal«, sagte mein Freund und Kollege geduldig, »Sie sind über Ihre Rechte belehrt worden. Wollen Sie einen Anwalt oder nicht?«

Der Mann starrte durch uns hindurch. Kein Muskel regte sich in seiner Miene.

»Tätlicher Angriff auf FBI-Beamte«, betete ich ihm zum wiederholten Male vor, »und Mordversuch! Das reicht für den Haftrichter. Und später in der Hauptverhandlung haben Sie kaum eine Chance, unter zwanzig Jahren davonzukommen.«

Er starrte durch uns hindurch.

»Sie hoffen vergeblich, wenn Sie annehmen, dass wir Sie nicht identifizieren können«, erklärte Milo.

Keine Reaktion.

Milo und ich wechselten einen Blick. Ich zuckte die Achseln. Es schien sinnlos. Seit zwei Stunden versuchten wir, den Burschen zum Reden zu bringen. Aber alles, was dabei herauskam, war offensichtlich, dass wir uns die Nacht um die Ohren schlagen würden.

Orry traf die Pleite am schlimmsten. Er hatte den Einsatz bis ins Kleinste vorbereitet. Alles war minutiös geplant gewesen. Und nur durch diesen merkwürdigen Maskierten mit den erstaunlichen kämpferischen Fähigkeiten war alles geplatzt. Natürlich hatten die Syndikatsleute beim ersten Lärm auf dem Hinterhof sofort das Weite gesucht. Nachdem wir den Maskierten verfrachten lassen hatten, war uns eine Billardstube voll von Lederjacken und Jeans und eine Reihe von leeren Hinterzimmern geblieben.

Ich wollte das Spotlight ausschalten.

Medina trat ein. Bis auf zwei Heftpflaster im Gesicht erinnerte nichts mehr an seine Auseinandersetzung mit unserem Schweigsamen. Orry trug einen frischen dunklen Anzug, ein frisches Hemd und eine seiner kostbaren seidenen Krawatten. Dunkelrot diesmal. Unser indianischer Kollege hatte sich zu sehr an den Schlipszwang zu Hoovers Zeiten gewöhnt. Aber schon damals hatte er die Vorliebe für diese Seidendinger gehabt.

Auf den Schnellhefter wurden wir erst aufmerksam, als er ihn hochhielt und vor unseren Augen aufklappte. Es befand sich nur einzelnes Blatt darin. Ein Fernschreiben aus Washington. FBI-Hauptquartier.

Der Demaskierte bekam es nicht recht mit, weil ihn das Spotlight blendete.

»Jeffrey Carson«, las Orry nicht ohne Genugtuung vor, »Geburtsdatum 11.9.43… Geburtsort Birmingham, Alabama …« Er legte eine Pause ein, um die Wandlung zu betrachten, die plötzlich mit unserem Gefangenen vor sich ging.

Seine verkrampften Gesichtszüge erschlafften. Seine Mundwinkel zuckten, und ein ängstliches Flackern trat in seine Augen. Es wirkte komisch, an diesem hartgesottenen Burschen auf einmal eine solche Regung wie ausgerechnet Angst zu beobachten.

»Armee-Akte?«, fragte ich.

Orry nickte.

»Er war bei den Marines. Die Entlassung liegt zehn Jahre zurück. Aber die Fingerprintcodes stimmen hundertprozentig überein.«

»Carson«, wandte ich mich an unseren geheimnisvollen Burschen, »wir werden Ihren Lebenslauf lückenlos rekonstruieren. Von Ihrer Wiege in Birmingham bis zu diesem Vernehmungszimmer. Es wird einige Zeit kosten, das steht fest. Aber Sie können sicher sein, dass wir auf die Beweggründe kommen werden, die Sie in den Hinterhof an der Kent Avenue getrieben haben. Wenn Sie nichts mit dem Syndikat zu tun haben, werden wir Ihre sonstigen Motive herausfinden.«

Sein Gesicht wurde noch fahler. Er sah mich an. Nichts Halsstarriges lag mehr in seinem Blick.

»Werden die …Zeitungen …über den Fall berichten?«, fragte er stockend.

Ich nickte.

»Und … mein Name? Wird der auch in den Berichten erwähnt?«

»Das lässt sich kaum vermeiden«, antwortete ich wahrheitsgemäß.

Milo und Orry verfolgten unseren Wortwechsel mit wachsender Spannung. Sie spürten wie ich, dass sich etwas Entscheidendes anbahnte.

»Dann bin ich erledigt«, murmelte Carson bitter. Er senkte den Kopf. »Es ist aus. Sie werden mich erwischen. So oder so.«

»Cranes Syndikatsleute?«, fragte mein Freund.

Carson hob erstaunt den Kopf. »Crane? Der weiß überhaupt nichts von mir.«

»Wer dann?«, fragte Orry.

Carson ließ die Schultern hängen.

»Es spielt alles keine Rolle mehr. Ich habe die Prüfung nicht bestanden. Das reicht für mein Todesurteil.«

Ich glaubte, mich verhört zu haben. »Würde es Ihnen etwas ausmachen, das zu erklären?«, erkundigte ich mich.

Er blickte mich offen an.

»Nein, G-man. Es macht mir nichts aus. Für mich ändert es nichts, ob ich rede oder nicht. Und fangen Sie nicht an, mir zu erzählen, dass Sie mir helfen können. Ich habe zwar die Story mit den Kronzeugen selbst noch nie gehört, weil ich noch nie mit der Polizei zu tun hatte. Aber ich weiß, dass es kalter Kaffee ist. Es gibt kein Gefängnis in den Staaten, wo ich vor dem Urteil sicher wäre.«

»Nicht vorbestraft?«, fragte ich unseren indianischen Kollegen erstaunt.

»Stimmt«, sagte Orry, »nicht mal eine Disziplinarstrafe bei der Army. Im Jail würde unser Freund wegen guter Führung glatt etliche Jahre herausschinden.«

Ich wandte mich wieder Carson zu. »Erzählen Sie«, forderte ich ihn auf, »was hat es mit diesem obskuren Urteil auf sich?«

Er schüttelte energisch den Kopf.

»Das ist nichts Verrücktes, G-man. Das ist blutiger Ernst. Wer die Prüfung nicht besteht, wird umgebracht! Eine eiserne Regel …«

»Von vorne«, bat Milo sanft, »wer stellt solche Regeln auf? Wer beschließt diese Morde? Und was ist das für eine Prüfung, von der Sie reden?«

Jeffrey Carson schluckte. Er gab sich sichtliche Mühe, seine Gedanken zu ordnen.

»Vielleicht ist es auch ein Dienst, den ich der Allgemeinheit erweise«, murmelte er, »vielleicht ist es meine Pflicht auszupacken. Irgendwie habe ich geahnt, dass es nicht gutgehen kann. Möglich, dass das mein Fehler war … ich habe nicht bedingungslos daran geglaubt. Ich wusste von Anfang an, dass es gegen das Gesetz ist, obwohl …« Er stockte von Neuem.

Ich spendierte ihm eine Zigarette und gab ihm Feuer.

»Obwohl was?«

Er atmete tief durch.

Details

Seiten
140
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925326
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v454708
Schlagworte
tödliche bruderschaft

Autor

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Titel: Tödliche Bruderschaft