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Höllenwächter

2018 120 Seiten

Leseprobe

Höllenwächter

Gruselkrimi von Wolf G. Rahn



Der Umfang dieses Buchs entspricht 111 Taschenbuchseiten.


Pernell Begley soll im Auftrag seiner Firma mit Garfield Todd den Verkauf von Diamanten abwickeln. Auf Einladung seines Geschäftspartners übernachtet er im Todd'schen Haus, auf dessen Dach drei riesige Steinkolosse stehen: monströse Dämonenfratzen mit Vampirzähnen, Krallen und Hörnern. Als ihm ein Fremder, Clu Bridges, unterstellt, am Verschwinden seines Bruders Hywell schuld zu sein, beginnt für Begley ein Alptraum. Nicht zuletzt wegen der hübschen Sue Todd muss er aufklären, was aus Hywell Bridges wurde und warum andere Bewohner aus Ronderwall spurlos verschwanden – und zwar immer dann, wenn eines der Gesteinsmonster auf dem Dach fehlte ...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / COVER TONY MASERO

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

w ww.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

»Die Todd and Todd Company«, meldete der Taxifahrer.

Pernell Begley stieg aus und bewunderte den Bau. Als sein Blick das Dach des vierstöckigen Gebäudes erreichte, sperrte er Augen und Mund auf.

»Was ist denn das?«

»Wenn es nach mir ginge«, knurrte der Fahrer, »würde ich den Teufelskram in die Luft sprengen.« Auf dem Dach standen drei Riesen aus Stein. Der eine trug auf breiten Schultern einen Löwenkopf, aus dessen Maul ein Alligator sprang. Kopf und Körper waren von Schlangen umwimmelt.

Aus dem Wolfskopf des Zweiten bleckten Vampirzähne. Der Körper war mit aufgerissenen Vogelschnäbeln bedeckt.

Der Dritte hatte weder ein Gesicht noch eine menschliche oder tierische Gestalt. Er bestand aus einem Wust von Augen, Krallen, Zähnen, Hörnern, Dreiecken und Kreisen, der Alptraum eines modernen Künstlers.

Pernell Begley wagte nicht zu lachen. Dafür wirkten die Figuren in ihren Ausmaßen zu bedrohlich.

»Was ist das?«, fragte er noch mal.

»Fragen Sie Mister Todd«, antwortete der Fahrer und fuhr weg.

Begley ging leicht verstört zur Haustür, neben der auf einem blanken Messingschild »Todd and Todd Limited Company« stand.

Die Haustür stand offen.

Er betrat eine leere Halle von kühler Repräsentanz. Rechts und links gab es weiße Türen mit der Aufschrift »Kein Eintritt«.

In der Mitte führte eine Freitreppe zum ersten Stock. Dort blieb Begley vor einer Tür mit der Aufschrift »Anmeldung« stehen.

Er trat ein. Der Raum war leer. Da stand zwar ein Schreibtisch. Aber von Personal schien man in der Company nichts zu halten.

Eine Stimme erschreckte ihn. Er sah sich um und entdeckte in einer Ecke unter der Decke einen kleinen Lautsprecher.

»Sie wünschen?«

»Ich bin Pernell Begley von der Firma Varter Brothers in Darlington.«

»Oh, ich bin sehr erfreut. Bitte kommen Sie einen Stock höher.«

Begley wäre am liebsten mit seinem wertvollen Koffer wieder nach Hause gefahren. Aber man erwartete von ihm einen Erfolg. Er gab sich einen Ruck und hastete die Treppe hinauf.

Oben wartete ein älterer Herr in tadellosem Anzug auf ihn und streckte ihm liebenswürdig beide Hände entgegen.

»Herzlich willkommen! Treten Sie bitte ein.«

Er schob den jungen Mann in ein behaglich eingerichtetes Chefbüro.

»Legen Sie ab.«

Der Besucher bedeckte einen Stuhl mit Hut und Mantel. Den Koffer behielt er in der Hand.

»Darf ich Sie gleich um etwas bitten?«, begann Pernell. »Wir werden sicher heute nicht fertig werden. Würden Sie mir bitte ein Hotelzimmer bestellen?«

»Aber lieber Mister Begley, Sie sind selbstverständlich mein Gast. Wir haben ein Zimmer für Sie gerichtet.«

»Sehr liebenswürdig«, murmelte Begley. Er hätte es lieber abgelehnt.

Garfield Todd hielt es nicht mehr aus und zeigte lächelnd auf den Koffer in Begleys Hand.

»Ist sie darin?«

Pernell Begley stand auf, legte den Koffer auf einen Stuhl und schloss ihn auf. Dann nahm er ein schwarzes Suitcase heraus und stellte es auf den Schreibtisch, löste das Schloss, hob den Deckel und entfernte eine schwarze Filzdecke. Dann schimmerten Edelsteine in strahlender, blitzender Schönheit.

Todd sah sie ergriffen an. »Phantastisch ...«

»Ich kann Ihnen über jedes Stück erschöpfende Auskunft geben«, erklärte Begley nüchtern.

Todd nickte. »Darüber wird einige Zeit vergehen.«

»Ich stehe zur Verfügung. Sie werden sicher auch Ihren Kompagnon hinzuziehen.«

»Kompagnon?« Todd begriff nicht.

Dann fiel ihm lachend ein: »Sie meinen Todd und Todd. Ich bin der alleinige Inhaber. Der zweite Todd wird mich mal beerben. Morgen Nachmittag erwarten wir sie ... meine Tochter. Sie arbeitet wissenschaftlich in Lancaster. Selbstverständlich muss sie die Steine sehen, bevor wir zu einem Abschluss kommen. Sie können doch ...?«

»Ich habe alle Vollmachten«, warf Begley sofort ein.

»Dann werde ich das Suitcase in meinen Safe einschließen. Hernach werde ich Ihnen Ihr Zimmer zeigen.«

Während Todd sich am Geldschrank zu schaffen machte, brachte der junge Mann die Frage vor, die ihn quälte.

»Was bedeuten eigentlich die furchtbaren Gestalten auf dem Dach Ihres Hauses?«

Garfield Todd ließ sich mit dem Schließen des Safes Zeit. Dann wandte er sich um und fragte verbindlich lächelnd: »Sie finden die guten Drei furchtbar?«

»Verzeihung«, murmelte Begley verlegen, »ich habe sie nur flüchtig angesehen.«

»Na, dann wollen wir sie uns mal gründlich ansehen. Kommen Sie! Lassen Sie Ihre Sachen hier.« Damit wies er mit einladender Geste zur Tür.

Begley gehorchte verdattert.

Auf der Treppe redete Todd weiter.

»Der Erbauer des Hauses war ein skurriler Mann, Sam Gulager hieß er. Die Mitbürger mochten ihn nicht. Er tat, was er wollte, auch wenn es manchen nicht gefiel.«

»Der Taxifahrer wollte mit Dynamit gegen die Figuren vorgehen.«

»Die Leute schaden sich damit nur. Das Gulager-Haus ist die einzige Sehenswürdigkeit der Stadt. Die Omnibusse, die die Seen besuchen, machen fast alle einen Abstecher nach Ronderwall zum Gulager-Haus. Die Bevölkerung hat die Schaulustigen aber so unfreundlich behandelt, dass die Wagen keine Erfrischungspause mehr einlegen und durchfahren. Vor dem Haus halten sie natürlich.«

Sie traten auf die Straße. Todd machte auf die wirklich sehenswerte Fassade aufmerksam.

Begley störten aber nur die drei Monster auf dem Dach. Als Todd eine Pause machte, gestand er: »Diese furchtbaren Kolosse, sie könnten einen in Alpträumen verfolgen.«

»Das beabsichtigte Gulager mit Sicherheit auch. Er hasste die Menschen, die für seine Art von Humor kein Verständnis aufbrachten. Damals wurde gerade in den Kinos und den Wochenblättern der Aberglauben modern. Gulager wollte dabei kräftig mitmachen. Es sind damals wirklich Bürger weggezogen. Andere sind verschwunden, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Sie ließen auch nie wieder von sich hören.«

»Und Gulager?«

Todd lachte amüsiert.

»Dem gefiel das. Ja, er ließ sich sogar noch etwas Neues einfallen. Wenn er hörte, dass wieder ein Mitbürger ausgerissen war, richtete er auf dem Dach einen schlanken Kamin auf. Man kann sie von hier aus nicht sehen. Man muss hinter das Haus gehen. Kommen Sie! Mit der Zeit hat sich eine ganze Menge dieser Röhren auf dem Dach angesammelt. Ich zeige sie Ihnen.«

Garfield Todd führte seinen Gast hinters Haus und deutete nach oben. Dort standen wie eng aneinandergedrängte Soldaten mindestens zwanzig braune Vierkantröhren, die nach oben hin verdickt waren und aus zwei eiförmigen Löchern nach Osten zu blicken schienen.

Pernell Begley schüttelte sich.

»Dieser Gulager muss ausgesprochen ungemütlich gewesen sein. Was ist aus ihm geworden?«

»Sein Abgang war wie sein Leben. Eines Nachts zertrümmerte er die komplette Einrichtung, hinterließ seinem Rechtsanwalt den Auftrag, das Haus zu verkaufen und den Erlös einer Gesellschaft zuzuführen, deren Namen ich nicht mehr weiß, und war von dieser Stunde an nicht mehr gesehen.«

»Vielleicht wurde er ermordet«, erwog Pernell Begley.

Garfield Todd schüttelte lächelnd den Kopf. »Sie haben eine zu lebhafte Phantasie, mein Lieber«, sagte er. »Ronderwall ist eine ungewöhnlich gesetzestreue Stadt. Unsere Polizei hat wenig Arbeit.«

»Nun ... ich hoffe, dass ich Ihre Gastfreundschaft nicht sehr lange in Anspruch nehmen muss, Mister Todd.«

»Wollen Sie damit zum Ausdruck bringen, dass Sie vor den Steinfiguren Angst haben?«

»Angst ist nicht das richtige Wort. Natürlich weiß ich, dass ich von den Kolossen nichts zu befürchten habe. Ich an Ihrer Stelle hätte diese scheußlichen Dinger jedenfalls längst entfernen lassen.«

»Den Gefallen kann ich Ihnen leider nicht tun«, bedauerte der Hausherr. »Beim Hauskauf habe ich mich vertraglich verpflichten müssen, dass ich am Äußeren des Hauses nichts ändern darf. Die Figuren auf dem Dach sind im Vertrag besonders erwähnt. Das soll so eine Art Denkmalschutz oder was weiß ich sein. Aber jetzt kommen Sie. Ich muss Ihnen Ihr Zimmer zeigen.«

Die beiden Herren betraten das Haus. Das Gästezimmer lag im vierten Stock. Begley konnte sehr zufrieden mit ihm sein.

»In einer Stunde dürfen wir Sie zum Abendessen bitten.«

Damit ließ Mister Todd seinen Gast allein.



2

Garfield Todd ging ins Wohnzimmer, wo in einem Lehnstuhl eine weißhaarige, dürre Frau auf ihn wartete. Ihre Hände waren nur noch von Haut überzogene Knochen. Ihr Gesicht glich einer Mumie, wenn ihre schwarzen Augen auch erstaunlich lebendig darin funkelten.

Ihre Stimme klang spröde.

»Wird er bleiben, Garfield?«

»Er zeigt wenig Lust«, antwortete er. »Wenn Sue es nicht schafft, ist unser Plan gefährdet.«

»Unsinn!« Die Alte fauchte böse. »Wenn ihr es nicht zuwege bringt, werde ich mich selbst um ihn kümmern. Dieser Mensch wird sterben.«



3

Nicht nur bei Todd sprach man an diesem Tag in Ronderwall über die drei Gestalten auf dem Gulager-Haus.

Hywell Bridges wollte seinem sieben Jahre jüngeren Bruder Clu zum tausendsten Mal erklären, dass die Figuren keine Steinstatuen wären, sondern Wesen aus einer anderen Welt.

Wie immer hörte Clu geduldig zu. Er war daran gewohnt, dass sein Bruder Bücher las, die Clu nicht verstand, und dass er daraus zahllose Experimente, Berechnungen und kühne Behauptungen zog.

Im täglichen Leben hatte der zweiunddreißigjährige Hywell kaum Erfolg. Aber das kam ihm nicht zu Bewusstsein, weil sein jüngerer Bruder das nötige Geld zum Leben beischaffte und den Haushalt versorgte. Clu liebte seinen Bruder. Er hielt ihn für das, was man ein Genie nannte. Man wusste ja, dass man mit auserwählten Menschen Geduld haben musste. Es konnte ein ganzes Leben dauern, bis sie etwas Großes zustande brachten.

Clus gläubige Geduld fiel dem älteren Hywell aber manchmal doch auf die Nerven. Dann rannte er aus dem Haus und sprach in den Anlagen mit sich selbst, bis er wieder mit sich im Reinen war.

Zufällig traf er heute den Nachbar Hawks, der vom Taxidienst nach Hause kam. Da er wusste, dass sich Hywell den Kopf zerbrach über die Gulager-Figuren, erzählte er ihm, dass er einen jungen Mann zu Todd gefahren hätte.

»Dem ist die Spucke weggeblieben, als er die Klötze auf dem Dach gesehen hat. Er wollte wissen, was das wäre. Ich hab ihm gesagt, man sollte sie mit Dynamit in die Luft jagen.«

Lachend ging Hawks nach Hause.

Besuch bei Todd?, ging es Hywell durch den Kopf. Er hatte schon oft Kontakt mit dem Haus gesucht. Ohne Erfolg. Aber wenn da ein Besucher ...?

Unwillkürlich ging er zum Gulager-Haus. Da sah er, wie Todd in Begleitung eines jungen Herrn aus dem Haus trat. Sie sprachen offensichtlich über die Figuren auf dem Dach.

Da gab es also jemand, der Näheres über die Monster wissen musste. Hywell lief nach Hause und schrieb einen Brief.

Er gab ihn im Todd-Haus ab. Auf zehn Uhr hatte er in den Park zum Shelly Denkmal gebeten.

Hywell war pünktlich.

Aber der Fremde kam nicht. Vielleicht hatte er seine Nachricht sofort in den Papierkorb geworfen. Ein Geschäftsmann hatte andere Sorgen, als am späten Abend einem Unbekannten zuzuhören, wenn dessen Andeutungen auch noch so geheimnisvoll waren.

Hywell Bridges ging langsam auf und ab. Es standen genügend Bänke im Park, doch er war zu unruhig, als dass er sich hätte hinsetzen können. Etwas lag in der Luft. Etwas Furchtbares. Er hoffte, es verhindern zu können.

Es war noch warm. Die hereinbrechende Nacht würde kaum Abkühlung bringen.

Die meisten Bürger von Ronderwall saßen sorglos vor ihren Fernsehapparaten, diskutierten die anstehenden Wahlen, die letzten Fußballergebnisse oder ähnliche Ereignisse und ahnten nicht, welche Gefahr ihnen drohte.

Warum erschien der Fremde nicht? Warum hatte er es nicht mal für nötig gehalten, ihm eine Nachricht zu schicken, wenn er verhindert oder nicht interessiert war?

Nahm auch er ihn nicht ernst? Glaubte er, was alle glaubten? Dass er ein Verrückter war, der mal ein schlimmes Ende nahm?

Es war schon eine halbe Stunde über die Zeit. Bis Mitternacht würde er ausharren, dann musste er seine Hoffnung für heute begraben.

Der Brunnen in der Mitte des Parks zog Hywell Bridges an. Er wirkte beruhigend mit seinem Wasserbecken, das von einer Laubschicht nahezu bedeckt war, und den dünnen Wasserstrahlen, die auch um diese Zeit noch flössen und für ein monotones Geräusch in der Stille sorgten.

Von der Bank gegenüber lösten sich zwei Schatten. Sie sahen wie einer aus, aber der Mann wusste, dass es sich um zwei handelte: um Lorisa Beck und Marvin Potter.

Lorisa war erst sechzehn und Marvin nicht viel älter. Zu Hause würde es bei dem Mädchen vermutlich wieder Krach geben, aber das störte die beiden jungen Menschen nicht. Sie waren voller Hoffnung und voller Liebe.

Hywell Bridges lachte kurz auf. Hoffnung? Konnte es die noch geben? War es nicht ziemlich sicher, dass in einer der nächsten Nächte der eine vergeblich auf den anderen warten würde? Hoffnung?

Er wandte sich abrupt ab. Was ging es ihn an?

Hywell Bridges wählte einen anderen Weg, der ebenfalls sternförmig zu den Brunnen führte. Er wollte fort von hier. Plötzlich hatte er das Gefühl, dass sein Gesprächspartner nicht mehr erscheinen konnte.

Eine unerklärliche Angst um den fremden Mann lähmte ihn.

Er beschleunigte seine Schritte.

Er wusste nicht, wohin er eigentlich lief. Er wollte nur fort.

In der Nähe einer der wenigen Laternen fiel ein breiter Schatten vor seine Füße.

Hywell Bridges erstarrte. Er wagte kaum, seinen Blick zu heben. Er ahnte, dass er etwas Entsetzliches sehen würde.

Der Schatten füllte die ganze Breite des Weges wie eine unüberwindbare Barriere.

Ohne aufzublicken, machte der Mann kehrt und lief in die Richtung, aus der er gekommen war.

Er erreichte den Brunnen, sah die Bank, die nun leer war, und wandte sich dem gegenüberliegenden Weg zu. Von da aus konnte er außen um den halben Park herumlaufen und wieder nach Hause gelangen.

Er hastete über den Kies und keuchte wie ein alter Asthmatiker.

Aber er kam auch hier nicht weit. Die Laterne, die aufgestellt war, narrte ihn auch mit einem Schatten, der ihn in Panik versetzte.

Gefangen! Sie ließen ihn nicht mehr hinaus. Er befand sich in ihrer Gewalt. Sie mussten erfahren haben, dass er sein Wissen preisgeben wollte. Nun waren sie hier, um das zu verhindern.

Trotz der schwülen Luft überlief es ihn eiskalt. Er fühlte sich hundeelend.

Voller Angst drehte er sich in eine neue Richtung.

Aber es nützte nichts.

Hywell Bridges hob den Kopf und erstarrte. Was er befürchtet hatte, fand seine grausige Bestätigung.

Instinktiv hob er die Arme zur ohnmächtigen Abwehr. Sein Mund öffnete sich zu einem Schrei.

Der Schrei endete jäh wie sein Leben.



4

Das Abendessen war üppig gewesen. Vielleicht lag es daran, dass Pernell Begley keinen Schlaf fand. Er stand wieder auf, öffnete das Fenster und trank einen Schluck Wasser. Aber alles wurde nur noch schlimmer. Ohne Grund.

Die Geschäfte ließen sich ausgezeichnet an. Garfield Todd bot einen anständigen Preis für die Steine. Seine Frau zeigte sich freundlich. Und die in Aussicht gestellte Tochter würde bestimmt auch kein Drachen sein.

Trotzdem fühlte Begley eine ungewohnte Beklemmung. Er war nicht depressiv veranlagt, aber es beschlich ihn so etwas wie Todesahnung, und er wurde den Gedanken nicht los, dass er das den albernen Skulpturen auf dem Dach zu verdanken hatte.

Er sah sie direkt vor sich, die klotzigen Steinmonster und die Unzahl der dürren, großäugigen Kamine.

Immer wieder waren während der letzten Stunden seine Gedanken um jene Figuren gekreist. Er hatte sich sogar bei Tisch dabei ertappt, dass er unaufmerksam war.

Pernell Begley sah aus dem Fenster.

Draußen war alles still und absolut unverdächtig. Nichts regte sich. Die Kneipe, die sich zwei Straßen entfernt befand und von der er bis vor Kurzem gedämpften Stimmenlärm gehört hatte, hatte ihre Pforten geschlossen.

Von der Straße her roch es nach Lindenblüten. Es war ein betäubender Duft. Aber auch ihm gab der Mann nicht die Schuld an seiner hartnäckigen Schlaflosigkeit.

Seufzend schlüpfte er aus dem Schlafanzug und kroch in seine Unterwäsche. Er machte kein Licht, während er einen Kampf mit den Hosenbeinen ausfocht.

Er hatte sich zu einem Spaziergang entschlossen. Die Nachtluft und etwas Bewegung würden für Müdigkeit sorgen.

Großzügig hatte Todd seinem Gast einen Hausschlüssel gegeben mit einem Lächeln: »Für alle Fälle.«

Pernell Begley öffnete leise die Tür und schlich lautlos die Treppe hinunter. Er wollte seine Gastgeber nicht stören. Er sah nicht, dass sich drei Türen fast gleichzeitig um einen schmalen Spalt öffneten und ebenso viele Augenpaare ihn beobachteten, bis sich die Haustür geräuschlos hinter ihm geschlossen hatte.

Pernell Begley glaubte alle im Schlaf. Er atmete befreit auf, als er auf der menschenleeren Straße stand.

Er kannte sich in Ronderwall nicht aus. Es war gleichgültig, ob er sich nach rechts oder links wandte. Er wollte sich nur ablenken. Um diese Zeit traf er ohnehin niemanden mehr.

Er ging unter den Lindenbäumen entlang. Sie erinnerten ihn an seine Kinderzeit, in der er die Blüten jedes Jahr sammeln musste, damit seine Mutter daraus einen Tee kochen konnte, bei dessen Geruch sich ihm stets der Magen umdrehte.

Die Gedanken gingen nun spazieren. Sie schlugen erfreuliche Richtungen ein. Als Pernell Begley nach zwanzig Minuten umkehrte, fühlte er sich rechtschaffen müde.

Er freute sich auf das Bett und auf den nächsten Tag.

Kurz bevor er die Haustür erreichte, stockte sein Schritt.

Irgendetwas kam ihm merkwürdig vor. Er konnte nicht sagen, was es war.

Pernell Begley gehörte nicht zu den Supermännern.

Als Junge hatte es ihm aber nichts ausgemacht, in der Nacht ohne Licht auf den Speicher zu gehen, wo Fledermäuse und Ratten lauerten.

Inzwischen war er sechsundzwanzig und nicht furchtsamer geworden. Diesmal signalisierten seine Sinne Gefahr.

Vorsichtig ließ er seine Blicke wandern. Zu dieser Stunde war er natürlich ein willkommenes Opfer für lichtscheues Gesindel, das nicht wissen konnte, dass er keinen einzigen Penny und nicht mal seine Armbanduhr bei sich trug.

Mister Todd hatte von der Gesetzestreue der Bürger von Ronderwall geprahlt. Aber auf dieses Lob wollte er sich nicht verlassen.

Er entdeckte nichts. Keinen Schatten, keine Bewegung.

War er vielleicht nur müde und aus diesem Grunde überempfindlich?

Pernell Begley ging ein paar Schritte weiter. Ein innerer Zwang ließ ihn erneut innehalten und die Umgebung misstrauisch mustern.

Wenn ihn jetzt jemand beobachtete, musste er ihn für einen Zeitgenossen halten, der sich mehr als verdächtig verhielt.

Verdächtig oder nicht, es lag etwas in der Luft.

Als sei dies sein Stichwort gewesen, hob Pernell Begley den Kopf und sah nach oben.

Da standen die hässlichen Monster, die im fahlen Mondlicht nicht heiterer aussahen.

Er wollte schon seinen Weg fortsetzen, als er seinen Kopf mit einem heftigen Ruck erneut nach hinten riss. Er starrte in die Höhe. Sein Atem setzte aus.

Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und schüttelte den Kopf, als wollte er sich selbst etwas ausreden.

Aber die Tatsache war offensichtlich und nicht zu leugnen. Dort oben standen nur noch zwei dieser Scheusale. Das mittlere war verschwunden.

Pernell Begley atmete tief durch. Er durfte nicht den Kopf verlieren und musste in aller Ruhe nachdenken.

Er war ganz sicher, dass Mister Todd ihm drei monströse Gestalten gezeigt hatte.

Jetzt fehlte eine, ein Brocken von fünfzehn Fuß Höhe und zwanzig Fuß Umfang. Einen solchen Koloss trug man nicht an der Uhrkette fort.

Er konnte auch nicht heruntergestürzt sein. Er hätte einen tiefen Krater in das Pflaster geschlagen.

Nichts war geschehen, der gespenstische Bursche war nur nicht mehr da.

Begley entfernte sich ein Stückchen und hoffte, den vermissten Steinbrocken zu entdecken.

Schließlich lief er um das Haus herum. Aber der Koloss tat ihm nicht den Gefallen, wieder zu erscheinen. Sein Platz zwischen seinen beiden unbeweglichen Kollegen blieb leer.

Er musste Garfield Todd informieren.

Das Ereignis war so unerhört, dass er unmöglich bis zum Morgen warten konnte. Hier waren Dinge im Gang, für die es keine Erklärung gab.

Pernell Begley schlich sich mit dem Gefühl, dass jeden Augenblick einer der beiden anderen Steinriesen auf ihn herabstürzen könnte, zur Haustür und war froh, als er sie hinter sich geschlossen hatte.

Hier innen war alles unverändert und ahnungslos.

Er hetzte die Treppen hinauf.

Er bemühte sich, Lärm zu vermeiden, denn er wollte Mrs. Todd nicht aufwecken.

Es blieb auch alles ruhig. Hinter der Schlafzimmertür des Hausherrn vernahm er friedliche Schnarchtöne. Sie waren der Grund, warum Mrs. Todd auf getrennten Schlafzimmern bestanden hatte. Pernell Begley bereitete es einige Mühe, den Schläfer wach zu bekommen. Er musste schließlich so stark gegen die Tür hämmern, dass er fürchtete, das ganze Haus könnte aufwachen.

Das Schnarchen brach unvermittelt ab, unter der Tür erschien ein Lichtschimmer. Schlurfende Schritte näherten sich zögernd.

Die Tür wurde geöffnet, Garfield Todd sah den nächtlichen Störenfried verwundert an. »Sie, Mister Begley? Was gibt es denn?»

Pernell Begley wusste nicht, wie er anfangen sollte. »Etwas ... etwas Merkwürdiges ist passiert.«

»Mitten in der Nacht? Was denn?«

»Ihre Figuren auf dem Dach.«

»Die Figuren?« Garfield Todd kniff die Augen zusammen und musterte seinen Besucher beunruhigt. »Wollen Sie sagen, dass Sie ihretwegen nicht schlafen können?«

»Sie werden mich für verrückt halten. Aber ich muss Sie bitten, für einen Moment mit mir vors Haus zu kommen.«

Der Ältere wiederholte nachdenklich: »Vors Haus? Mitten in der Nacht?«

»Ich weiß, es hört sich verdreht an. Aber wenn Sie erst gesehen haben, was ich gesehen habe, werden Sie mich begreifen.«

»Hören Sie, junger Freund, Sie sind ja ganz durcheinander. Soll ich nicht besser einen Arzt herbitten? Doc Whitehead ist ein ausgezeichneter Mediziner. Er hat meiner Frau sehr geholfen, als sie ... ich meine, als ich mir keinen Rat mehr wusste.«

Langsam wurde Pernell Begley ungeduldig. »Ich fühle mich durchaus gesund. Ich will Ihnen sagen, was Sie dort unten erwartet. Einer von Ihren drei Kerlen auf dem Dach ist verschwunden.«

Jetzt sah Garfield Todd so aus, als brauchte er einen Arzt. Sein Gesicht sah alles andere als intelligent aus. Ängstlich sah er zu der schräg gegenüberliegenden Tür. Anscheinend befürchtete er, seine Frau könnte diesen Unsinn gehört haben und daraus zu absurdesten Vermutungen kommen.

»Sie meinen die Skulpturen, die wir uns gestern Abend angesehen haben?«

Pernell Begley nickte.

Da wurde heftig gegen die Tür, auf die Todd besorgte Seitenblicke geworfen hatte, mit einem Stock gehämmert.

Todd erblasste.

»Da haben wir es. Meine Frau. Ich muss sie beruhigen. Gehen Sie schon hinunter. Ich komme gleich nach.«

Damit eilte er auf die Tür zu, öffnete sie vorsichtig und schlich in das Zimmer.

Er wurde von einer schrillen Frauenstimme empfangen. Worte waren nicht zu verstehen.

Begley staunte. Er hatte die Stimme von Mrs. Todd ganz anders in Erinnerung. Freilich hatten sie beim Abendessen nur höfliche Konversation gemacht.

Begley wandte sich schon zur Treppe. Plötzlich blieb er wieder stehen. Er sah zurück auf die Tür, hinter der Todd verschwunden war.

Lag das Zimmer der Lady nicht gegenüber?

Du wirst langsam verrückt, alter Junge, rief er sich zur Ordnung. Du weißt doch gar nicht, wie die Zimmer verteilt sind und welche Verbindungen es zwischen ihnen gibt.

Und die Stimme?

Da habe ich mir was eingehandelt, machte er sich Vorwürfe. Mit meiner Neugier habe ich die alte Lady um die Nachtruhe gebracht. Kein Wunder, dass sie keift. Ich werde mich morgen früh mit ein paar Blumen entschuldigen müssen.

Todd erschien wieder im Korridor und säuselte noch ein paar besänftigende Worte in das Zimmer.

Er schloss die Tür und wandte sich um.

»Was? Sie sind noch hier? Ich habe Sie doch gebeten, schon hinunter zu gehen.«

Begley wollte sich entschuldigen.

Todd winkte gönnerhaft ab.

»Warten Sie. Ich ziehe mir nur rasch etwas über. Ich möchte nicht, dass man mich im Nachthemd für ein Gespenst hält.«

Pernell Begley wartete an der Treppe. Als der Ältere im Morgenmantel erschien, beeilte er sich, die Stufen hinunterzuhetzen, bevor der andere weitere Einwände vorbringen konnte.

Am untersten Podest hielt er an.

Garfield Todd hatte Mühe, ihm zu folgen. Nun stand er neben ihm und sah ihn aufmunternd an. Ungefähr so, wie man ein schüchternes Kind dazu bringen, will, seinen Wunsch auszusprechen.

Er durchquerte die Halle und stieß die Haustür auf. »Kommen Sie!« Seine Stimme klang belegt.

Er lief auf die andere Straßenseite hinüber und wartete auf Todd. Dann deutete er mit heimlichem Grauen zum Dach.

Garfield Todds Blick folgte seiner ausgestreckten Hand.

Einen Augenblick war alles totenstill. Pernell Begley hörte Todd neben sich schnaufen. Er konnte sich vorstellen, was jetzt in ihm vorging. Dieser Eindruck wollte erst mal verarbeitet werden.

Dann löste sich die Spannung.

»Sie sind ein Witzbold«, sagte Todd mit erzwungener Heiterkeit. »Aber jetzt gehen wir wieder brav ins Bett, okay? Und morgen nach dem Frühstück unterhalten wir uns weiter darüber, wenn Sie Lust haben.«

Pernell Begley klappte seinen Kiefer nach unten. »Aber Sir!«, protestierte er heftig. »Ist das alles, was Sie dazu zu sagen haben?«

»Hatten Sie mehr erwartet?« Der Ton war jetzt eine Nuance schärfer.

Darauf sah auch der Jüngere nach oben. Er schwankte.

Garfield Todd hielt ihn fest. »Ist Ihnen nicht gut?«

Pernell Begley machte sich los, »Danke«, flüsterte er. »Es geht schon wieder.«

Er riss die Augen so weit auf, wie es nur ging. Aber es änderte sich nichts.

Drei Steinmonster sahen auf ihn herab. Ihre wuchtigen Körper und die maskenhaften Gesichter wirkten unheimlich.

Aber das Unheimlichste daran war die Tatsache, dass sie zu dritt waren. Der Platz, der eben leer gewesen war, war wieder besetzt!



5

Beim Frühstück wurde verlegen über das unerfreuliche Thema geschwiegen. Maggie Todd hatte keine Ahnung von der nächtlichen Begebenheit, und die beiden Männer taten so, als wäre nichts vorgefallen.

Erst nach dem Essen erkundigte sich Garfield Todd nach dem Befinden seines Gastes und fragte, ob er mit dem Besuch von Doc Whitehead einverstanden sei.

»Der Doc?«, kreischte seine Frau schrill. »Was soll er hier? Ich will ihn nicht sehen. Er soll bleiben, wo er ist. Ich weiß schon, was ihr wieder vorhabt. Ihr bildet euch ein, dass ...«

»Aber beruhige dich doch, Liebes«, besänftigte Garfield Todd sie. »Wir wissen doch, dass du gesund bist. Unser junger Freund leidet an einer kleinen Magenverstimmung. Er hat eine unruhige Nacht hinter sich. Ich schlug ihm vor, Doc Whitehead zu konsultieren.«

»Er taugt nichts«, beharrte die Frau störrisch. »Er hat keine Ahnung. Keine Ahnung. Lassen Sie sich nicht darauf ein, Mister Begley. Ehe Sie es sich versehen, sind Sie nicht mehr Herr über sich selbst. Dieser Whitehead ist ein Halunke. Glauben Sie mir ...«

»Er glaubt dir ja, Liebes. Nicht wahr, Begley, Sie glauben ihr auch.«

Die Frage klang wie ein Befehl.

Gehorsam bestätigte der Jüngere verwirrt: »Gewiss, Madam. Es fällt mir nicht ein, diesen Doc um Rat zu fragen. Mein Magen ist auch schon wieder viel besser. Machen Sie sich bitte keine Sorgen.«

Maggie Todd verließ abrupt das Zimmer. Draußen war noch einige Zeit ihr Schimpfen zu hören.

Ihr Mann, überspielte die peinliche Szene, indem er Pernell Begley an etwas viel Peinlicheres erinnerte. »Ich hoffe wirklich, dass Sie wieder ganz in Ordnung sind, mein Freund.«

»Nein, das bin ich nicht, Sir«, gab dieser unumwunden zu.

»Nicht?«

»Nein. Ein paar Minuten, bevor ich mit Ihnen in der Nacht auf die Straße trat, war die mittlere der drei Skulpturen vom Dach verschwunden.«

»Die Skulptur?«

»Ich kann das auf jeden Eid nehmen.«

Todd lächelte. »Das wird nicht nötig sein, denn niemand wird Sie dazu auffordern. Natürlich werden Sie es vergessen. Sie würden sich nur in ein schiefes Licht bringen. Das Essen gestern Abend war vielleicht wirklich etwas schwer. Das verträgt nicht jeder. Dazu noch die ungewohnte Umgebung, die verständliche Erregung kurz vor einem Geschäftsabschluss. Mit meinen drei Dachwärtern standen Sie ja von Anfang an auf dem Kriegsfuß. Dabei sind sie so harmlos wie ich selbst. Ich kann Ihnen versichern, dass sich noch keiner von ihnen auch nur um den Bruchteil eines Zolls bewegt hat. Wenn irgendwann das Dach einstürzt, werden sie das auch nicht tun.«

Garfield Todd sah ihn lange und nachdenklich an. »Also passen Sie auf«, sagte er. »Ich werde Ihnen etwas zeigen, was Sie überzeugen und beruhigen wird.«

Er ging voraus, und Begley folgte ihm gespannt.

Die breite Treppe endete in der vierten Etage. Aber auf der Nordseite gab es eine schmale Stiege, die für den Kaminkehrer vorgesehen war. Sie endete vor einer unscheinbaren Tür.

Garfield Todd drückte die Klinke, aber die Tür bewegte sich nicht. »Verschlossen.« Er zog einen Schlüsselbund aus der Hosentasche, probierte, bis er den passenden Schlüssel fand und aufsperrte.

Ein Windstoß trieb ihnen eine Ladung Sand in die Augen.

Todd fluchte. »Hier oben wird nie sauber gemacht. Ich gehe selten hier rauf, und meine Frau ist nicht schwindelfrei.«

Sie erklommen die letzten Stufen und traten ins Freie.

Der Ausstieg befand sich genau hinter einem der rätselhaften Klötze. Von hinten sahen sie kaum freundlicher aus.

»Schauen Sie her!«, forderte der Hausbesitzer. »Die Figuren sind innig mit dem Dach verschmolzen. Nun versuchen Sie, eine davon wegzuschieben. Vielleicht glauben Sie, dass sie hohl sind.«

Trotz aller Anstrengung bewegte sich der Koloss um keinen Millimeter. Schnaufend gab Begley es auf.

Das hatte er sich auch alles in der Nacht schon selbst gesagt. Sein gesunder Verstand sagte ihm, dass dieser Brocken nicht von einer Minute auf die andere verschwinden und wieder auftauchen konnte, ohne die geringste Spur zu hinterlassen.

Es gab nur zwei Erklärungen. Entweder war sein Verstand nicht mehr gesund, oder es geschahen hier Dinge, über die er gern mit jemand diskutiert hätte. Doch wer würde ihm schon zuhören?

»Wahrscheinlich habe ich mich geirrt«, sagte er lahm.

Tief im Innern nahm er sich jedoch vor, der Sache auf den Grund zu gehen. Er wusste genau, dass er vorher keine Ruhe finden würde.

Er warf noch einen hastigen Blick auf die braunen Röhren, die ihn mit ihren glotzenden Öffnungen höhnisch ansahen. Es war eine ungeordnete Gruppe, die mit Sicherheit keine Funktion hatte.

Es gab kleine und große. Manche überragten Begley um Haupteslänge. Zwei besonders lange, die dicht nebeneinander standen, sahen aus wie Fühler, die ihre Umwelt abtasteten.

Er wandte sich schaudernd ab und vermied es, Todd anzusehen. Er kam sich außerordentlich dämlich vor. Wenn er behauptet hätte, das Ungeheuer von Loch Ness gesichtet zu haben, hätte er sicherlich Hunderte von gläubigen Zuhörern gefunden, keiner aber würde ihm abnehmen, dass sich ein tonnenschwerer Gesteinsbrocken in Luft aufgelöst hatte, um Minuten später wieder aufzutauchen.

Die Männer verließen das Dach wieder, nachdem Garfield Todd noch auf die eindrucksvolle Aussicht über die Stadt aufmerksam gemacht hatte.



6

Den ganzen Vormittag wurde nur über Geschäfte geredet, und es gelang Pernell Begley tatsächlich, sich zu konzentrieren und für einige Stunden die Gedanken an das Unerklärbare zu verdrängen.

Nach dem Essen, bei dem sich Maggie Todd sehr still, fast feindselig den Männern gegenüber verhielt, gönnte sich Pernell Begley einen Spaziergang.

Er brauchte dringend Luft, denn wenn nicht über Geschäfte gesprochen wurde, stürzten die unerfreulichen Gedanken auf ihn ein.

Mit schnellen Schritten entfernte er sich von dem Haus. Er warf einen scheuen Blick zurück. Es hatte sich seit der Nacht nichts verändert. Die drei Kerle starrten ihn an, als wollten sie sich über ihn lustig machen.

Vielleicht war Todds Gedanke gar nicht so abwegig. Warum sollte er nicht mit einem Arzt darüber sprechen? In Darlington hatte er keinen Hausarzt. Es war also durchaus gleichgültig, ob er hier zu diesem Doc Whitehead ging. Er hätte sich die Adresse geben lassen sollen.

Sicher fand er sie im Telefonbuch.

Er sah sich nach einer Telefonzelle um, fand aber keine.

Plötzlich hatte er das Gefühl, beobachtet zu werden. Er ließ unauffällig seine Augen wandern, aber er bildete sich das wohl auch nur wieder ein.

Eben wollte er weitergehen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte.

Er fuhr herum und sah einen Mann in seinem Alter. Er war wachsblond und hatte Augen von einem Blau, wie es Pernell Begley noch nie zuvor gesehen hatte.

Sie sahen sich an, ohne dass einer ein Wort sagte.

Der andere nahm die Hand von der Schulter und durchbohrte Pernell Begley mit seinem Blick.

»Wo ist er?«, fragte er. »Was haben Sie mit ihm gemacht?«

Pernell Begley überlegte angestrengt, wen oder was der Bursche meinen könnte, doch es fiel ihm nichts ein. Der Mann war ihm völlig unbekannt. Wahrscheinlich verwechselte er ihn.

Genau das sagte er ihm auch, doch der Blonde schüttelte energisch den Kopf. »Sie sind doch Mister Begley. Oder?«, erkundigte er sich.

»Allerdings«, entgegnete der Gefragte überrascht. »Aber ich habe keine Ahnung, wer Sie sein könnten.«

»Bridges«, half der Blonde nach. »Clu Bridges.«

Der Name sagte ihm nichts. »Tut mir leid. Ich kenne Sie nicht.«

»Mich nicht, aber meinen Bruder. Hywell Bridges.«

Langsam wurde der Mensch lästig. Wie sollte er ihm klarmachen, dass er weder ihn noch seinen Bruder oder sonst irgendjemanden aus seiner Familie kannte?

»Sie waren gestern Abend mit ihm verabredet.«

»Mit Ihrem Bruder? Keineswegs. Ich schwöre Ihnen, dass ich ihn nie gesehen habe.«

»Das werden Sie auch schwören müssen.«

»Bitte?«

»Ich sagte, dass die Polizei eine glaubwürdige Erklärung von Ihnen verlangen wird.«

Jetzt wurde Pernell Begley die Sache zu dumm. Er hatte in seinem ganzen Leben noch nichts mit der Polizei zu tun gehabt. Da kam dieser nachgemachte Wikinger und wollte ihn ins Bockshorn jagen.

»Wenn Sie sich nicht auf der Stelle deutlicher erklären, werde ich es sein, der die Polizei ruft«, sagte er scharf.

Er hoffte, dass die Angelegenheit damit erledigt sein würde, doch da täuschte er sich.

Clu Bridges packte ihn am Kragen und schüttelte ihn. Der Kerl hatte erstaunliche Kräfte. Da er offensichtlich nicht ganz bei Trost war, musste man mit dem Schlimmsten rechnen.

Pernell Begley schlug zu. Er hämmerte seine Faust in die Magengrube des Blonden und schickte, als das nichts half, gleich noch einen Haken hinterher, der das Kinn traf.

Der andere ließ ihn los. Doch nur, um eine Pistole aus der Jackentasche zu ziehen.

»So einfach kommst du mir nicht davon«, keuchte er. »Ich erledige dich hier auf der Stelle, wenn du nicht deine verdammten Zähne auseinandernimmst.«

Er musste verrückt sein. Eine andere Erklärung gab es für dieses Benehmen nicht. Begley kannte sich in Schusswaffen nicht besonders gut aus. Vielleicht handelte es sich nur um eine Imitation. Bei diesem Kerl konnte man allerdings nicht ausschließen, dass er im Besitz einer echten Pistole war. Und wenn das zutraf, dann würde er auch von ihr Gebrauch machen, musste den Burschen besänftigen.

»Ich schlage vor, dass wir den Irrtum ein für allemal aus der Welt schaffen«, sagte er so ruhig, wie ihm dies angesichts der Pistolenmündung möglich war.

»Und ich schlage vor, dass ich dir ein Loch in deine Figur bohre. Wo ist Hywell? Wo hast du ihn verscharrt?«

»Würden Sie mir Ihren Bruder mal beschreiben? Vielleicht kenne ich ihn unter einem anderen Namen.«

Clu Bridges bohrte ihm den Pistolenlauf wütend zwischen die Rippen. »Einem anderen Namen? Ich habe die Nachricht unter seinem und keinem anderen Namen abgegeben. Hywell Bridges, verstanden? Hywell Bridges. So hieß er schon immer.«

»Und von welcher Nachricht reden Sie?«

»Von der Nachricht, die ich dir gestern ins Haus gebracht habe.«

»Aber das ist doch lächerlich«, empörte sich Pernell Begley. »Ich wohne überhaupt nicht in dieser Stadt. Ich halte mich nur für ein paar Tage hier auf.«

»Das weiß ich. Ich habe den Brief der Haushälterin gegeben.«

»Welcher Haushälterin?«

»Der Haushälterin von Todd.«

»Aber guter Mann, die Todds beschäftigen keine Haushälterin. Mister Garfield Todd bewohnt das große Haus nur mit seiner Gattin, die man unmöglich für eine Bedienstete halten kann.«

»Sie war groß und klapperdürr, als wäre sie schon ein paar Jahre tot. Ich gab ihr den Brief mit dem Auftrag, ihn dringend weiterzuleiten, was sie auch versprach.«

»Trotzdem habe ich ihn nicht erhalten. Sie werden sich im Haus geirrt haben.«

Der Blonde wurde immer wütender. »Das Haus mit den unheimlichen Figuren auf dem Dach kennt jeder. Deretwegen wollte Hywell auch mit dir sprechen. Raus mit der Sprache! Wo ist Hywell?«

Pernell Begley ließ sich auf keine Diskussion mehr ein.

Er donnerte dem anderen die Waffe aus der Hand. Als sich ein Schuss löste, beförderte er mit dem Fuß die Pistole weiter weg. Dann lief er, so schnell er konnte, die Straße hinunter und hielt erst an, als er wieder vor dem Todd-Haus stand.



7

Garfield Todd merkte sofort, dass sich der Seelenzustand seines Gastes verschlechtert hatte. »Sie waren nicht lange aus«, stellte er fest.

Pernell Begley wollte es wissen. »Wurde gestern ein Brief für mich abgegeben?«, fragte er.

Der Mann mit dem schütteren grauen Haar sah ihn vorsichtig an, als erwarte er eine neue Verrücktheit. »Ich weiß nichts davon«, sagte er. »Ich werde meine Frau fragen.«

»Fragen Sie auch Ihre Haushälterin.«

»Meine was?«

»Ihre Haushälterin. Die große, knochige Dame ist doch Ihre Haushälterin. Oder nicht?«

Pernell Begley hatte den Eindruck, als wolle sich der andere auf ihn stürzen. Doch so sah es nur eine Sekunde aus. Dann bot Todd wieder sein gewohnt freundliches Gesicht. Bedauernd erklärte er: »Manchmal wäre es wirklich gut, wenn meine Frau eine Hilfe hätte, aber sie weigert sich energisch. Sie wissen ja, wie Frauen sein können. Aber wie kommen Sie nur darauf? Wir haben kein Personal.«

Maggie Todd wusste ebenfalls nichts von einem Brief. »Da hat sich jemand einen Spaß gemacht«, vermutete sie.

Erschrocken sah Pernell Begley, dass ihr Tränen in die Augen schossen und sie eilig das Zimmer verließ.

Garfield Todd räusperte sich. »Ich fahre jetzt zum Bahnhof. Sue kommt mit dem Zug um siebzehn Uhr sechsundzwanzig. Ruhen Sie sich etwas aus. Heute Abend wird es sicher spät. Wir wollen ihre Ankunft ein bisschen feiern.«

Pernell Begley war nicht zum Feiern zumute, aber er widersprach nicht.

Als Garfield Todd losgefahren war, war es in dem großen Haus noch stiller als sonst.

Maggie Todd war nirgends zu sehen, und Pernell Begley fühlte auch kein Verlangen, sich mit der schwierigen Frau zu unterhalten.

Er hatte die Erlaubnis, die Bibliothek zu benutzen und sich frei in allen Räumen zu bewegen, wovon die Geschäftsräume selbstverständlich ausgenommen waren.

Er wollte versuchen, mit einem Buch auf andere Gedanken zu kommen. Doch er hatte die Bibliothek noch nicht erreicht, als ihm ein anderer Gedanke durch den Kopf schoss. Er wollte noch mal aufs Dach.

Garfield Todd hatte die kleine Tür wieder zugeschlossen, doch das simple Schloss getraute sich Pernell Begley mit einem starken Draht zu öffnen.

Er wusste, wo er ein solches Werkzeug finden würde. Nicht weit von dem Todd'schen Haus entfernt befand sich eine Baustelle. Dort hatte er Drahtrollen gesehen.

Wie ein Dieb schlich er sich aus dem Haus und kehrte mit einem Stück Draht zurück, das er bereits unterwegs zurechtbog.

Garfield Todd hätte sicher nichts dagegen, wenn er aufs Dach stieg. Trotzdem hatte er das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Mehrfach drehte er sich um und lauschte, ob Maggie Todd vielleicht aufmerksam geworden war, aber die Frau ließ sich nicht blicken.

Wie er bereits vermutet hatte, brachte das einfache Türschloss keine Probleme. Schon nach dem zweiten Versuch glitt der Riegel zurück. Begley konnte die Tür öffnen.

Hier oben schien ständig Wind zu wehen, denn wieder bekam der Mann eine Handvoll Sand ins Gesicht. Er wischte mit einem Taschentuch das Gesicht und sah sich um.

Da standen sie. Drei mächtige Figuren, starr und völlig unbeweglich. Er konnte selbst nicht mehr begreifen, wie er dieser eigenartigen Täuschung zum Opfer gefallen war.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925319
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v454697
Schlagworte
wolf rahn

Autor

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Titel: Höllenwächter