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Uksak Top Western-Roman 6 Lormans Hass

2018 130 Seiten
Reihe: Uksak Top Western, Band 6

Leseprobe

Lormans Hass

Western von John F. Beck


Der Umfang dieses Buchs entspricht 143 Taschenbuchseiten.


Owen Flint hatte einst mit seinem Freund Bill Lorman nach Gold gesucht – auf dem Heimweg durch die Mojave-Wüste mussten sie sich jedoch trennen. Bill kehrte nie nach Hause zurück. Bills Vater, Matt Lorman, glaubt, dass Flint seinen Sohn aus Gier wegen des Goldes tötete. Als er dem vermeintlichen Mörder plötzlich gegenübersteht, ist Lorman blind vor Hass und sinnt auf Rache. Er erkennt nicht, dass er und die Gruppe Siedler, deren Treck er anführt, Flints Hilfe gegen eine wilde Horde Pima-Indianer brauchen, die es auf ihre Skalps abgesehen hat ...


Copyright

COVER FIRUZ ASKIN

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1.

Mitten in der Mojave-Wüste kam der Treck vom Weg ab. Der Scout war einer Kugel aus dem Hinterhalt zum Opfer gefallen. Ringsum gab es nur Hitze, Sand, Felsen und beutegierige Rothäute. Schlimmer noch aber war der quälende Durst. Verzweifelt machte sich Treckboss Matt Lorman auf die Suche nach der nächsten Wasserstelle. Völlig erschöpft wankte er aus dem Gewirr der hitzeumflimmerten Felsen hervor. Die Augen in seinem staubbedeckten Gesicht weiteten sich, als er die blanke Oberfläche der Tinaja in der Sänne glänzen sah. Ein krächzender Laut der Freude entrang sich seiner Kehle.

Die schrecklichen Stunden der Hoffnungslosigkeit, die hinter ihm lagen, waren wie ausgelöscht. Jetzt kümmerte es ihn nicht mehr, dass er nur zwei Meilen östlich von hier sein Pferd hatte erschießen müssen, weil es einfach unter ihm zusammengebrochen war. Wasser bedeutete nicht nur Rettung für ihn, sondern für alle die verzweifelten Menschen beim Wagenzug, die sich mitten in dieser schrecklichen heißen Wildnis verirrt hatten.

Matt Lorman versuchte zu laufen. Die Knie sackten ihm durch. Der große breitschultrige Mann schlug der Länge nach vornüber in den Sand. Er atmete stoßweise. Nichts als die Gier der halb verdursteten Kreatur flackerte in seinen Augen. Sein Blick konnte sich nicht mehr von dem Wasser lösen. Auf Händen und Knien, das Gesicht vor Anstrengung und Ungeduld verzerrt, kroch er darauf zu.

„Halt, Mann!“, schallte plötzlich ein eindringlicher Ruf.

„Halt, zurück! Nicht weiter!“

Stundenlang hatte nur Einsamkeit und Hitze Matt Lorman umgeben. Die Sonnenglut und der peinigende Durst hatten ihn völlig apathisch gemacht. Jetzt dauerte es eine Weile, bis die Stimme in sein Bewusstsein drang und er begriff, dass dies alles keine Halluzination war.

Er hielt inne. Seine Augen wanderten von der spiegelnden Tinaja-Oberfläche fort. Jenseits des Tümpels reckte sich ein fremder Reiter in den Steigbügeln auf einem struppigen braunen Pferd, ein fremder Weißer, ein Mann, der genau wie Lorman über und über mit dem graugelben Staub der Mojave-Wüste bedeckt war.

Lormans Erstarrung währte nur ein paar Sekunden. Er schluckte würgend. Die Gier nach dem kostbaren Nass raste feurig durch seinen ausgedörrten Körper und peitschte ihn förmlich weiter. Das überraschende Auftauchen des Reiters ließ er zunächst gänzlich unbeachtet, denn endlich, endlich konnte er seinen Durst stillen.

Drüben begannen die Hufe des struppigen Braunen einen dumpfen Rhythmus zu hämmern. Wieder schrie der Mann: „Zurück! Weg vom Wasser!“ Aber das ging nun im Rauschen des Blutes in Lormans Ohren unter. Er hinterließ eine tiefe Schleifspur im Sand. Seine krallenden Hände zogen den schweren Körper immer weiter. Endlich war er am Rand des Tümpels. Das Wasser war abgestanden und schmutzig braun. Lorman kümmerte das nicht. Seine Hände stießen hinein, und als er sich in das auf spritzende Wasser mit dem ganzen Oberkörper hineinfallen lassen wollte, legte sich der Schatten des heranjagenden Reiters über ihn. Ehe das Tier noch vollends zum Stehen gekommen war, warf sich der Mann aus dem Sattel zu Lorman herab. Lorman schrie in einer Mischung aus Wut und Enttäuschung auf. Hart riss ihn eine derbe Faust zurück.

„Nicht trinken!“, schnaufte der weiße Fremde warnend. „Die Indianer haben das Wasser vergiftet!“ Seine eine Faust war um Lormans Schulter gekrampft, mit der anderen deutete er auf den dunklen Fleck in der Mitte des Tümpels. Der aufgedunsene Kadaver eines Kojoten trieb dort.

Lorman hörte nur die Stimme, ohne den Sinn der Worte zu erfassen. So dicht am Ziel, sah er jetzt in dem Fremden nur noch ein letztes Hindernis. Verzweifelt begann er um sich zu schlagen und versuchte sich loszureißen.

„Geh weg!“, krächzte er. „Zum Teufel, lass mich in Ruhe, ich will trinken! Durst — ah, dieser höllische Durst — Wasser — ich ...“

Beide Hände des anderen griffen zu und rissen Lorman mit wildem Ruck auf die Füße. Lorman schlug dem Warner die Faust mitten ins Gesicht. Aber dem Hieb fehlte jede Kraft. Der Mann zerrte den Anführer des Siedlertrecks Schritt für Schritt vom Tümpelrand weg.

„Das Wasser ist vergiftet! Begreife endlich!“, schrie er Lorman ins Gesicht.

Lormans Fäuste sanken herab. Das Gesicht des anderen war ihm ganz nahe, und plötzlich erkannte er es. Wildheit und Gier in seinen Augen erloschen.

„Flint!“, flüsterte er halb erstickt. „Großer Lord! Owen Flint!“

Owen Flint war so groß wie Lorman, nur nicht so breit und schwer. In seinem hageren, von dunklen Linien durchfurchten Gesicht ging eine Veränderung vor sich. Er ließ Matt Lorman los und wich einen Schritt von ihm zurück.

Mühsam hielt sich der Treckführer auf den Beinen. Seine Hände ballten sich langsam zu schweren Fäusten.

„Beim Himmel, welch ein Zufall!“, murmelte er gepresst. „Ausgerechnet hier, mitten in der Mojave muss ich dich treffen, Flint.“

Seine Rechte suchte an der Hüfte fahrig nach dem Kolben des alten schwer kalibrigen Armeerevolvers.

Owen Flint starrte ihn betroffen an. „Was soll das? — Wer bist du?“ Lorman lächelte hasserfüllt, während sich seine Finger um die Waffe schlossen.

„Der Mann, der geschworen hat, dich zu töten, Flint, wenn sich unsere Wege einmal kreuzen sollten. Ich hatte jede Hoffnung darauf bereits aufgegeben.“ Er wischte sich mit dem linken Ärmel die dicke Staubschicht vom Gesicht und beugte sich auf unsicheren Beinen ein wenig vor. „Da, erkennst du mich jetzt? Wir haben uns nur einmal kurz gesehen, Flint, aber so schwach sollte dein Gedächtnis nicht sein, wenn es um dein Leben geht.“

Owen Flints Augen weiteten sich für einen Moment. Es sah aus, als wollte er sich unwillkürlich an die Kehle greifen. Aber die Bewegung im Ansatz.

„Lorman!“

„Yeah“ Ein wildes Funkeln lebte in Lormans Augen auf. „Bills Vater, Flint! Der Mann, dessen Sohn du auf dem Gewissen hast.“

Er zog den Revolver und richtete die Mündung auf die Brust des völlig Überraschten. Lorman musste seine letzten Kraftreserven aufbieten, um die schwere Waffe im Anschlag zu halten.

„Keine Voreiligkeit, Lorman! Du irrst dich. Ich habe Bill nie ...“

„Du bist unschuldig, was? Das habe ich nicht anders erwartet. Die Angst hat dich jetzt gepackt. Die Angst, dass du nach zwei langen Jahren nun doch deine Schuld bezahlen musst. Du wärest besser bis hinauf nach Alaska geritten, als dich nochmals ausgerechnet in dieser Gegend blicken zu lassen. Die Mojave ist Bill zum Grab geworden, und sie wird auch dich für immer behalten, Flint!“

„Höre mich erst an, Lorman! Bill und ich waren gute Freunde. Ich ...“

„Gold hat schon mancher Freundschaft ein Ende bereitet“, unterbrach ihn Lorman rau. „Und Bill hatte ’ne Menge Gold bei sich, als ihr von den Goldfeldern in Kalifornien nach New Mexico zurückkehren wolltet. Streite es nur nicht ab, Flint. Ich weiß genau Bescheid. Bill hatte mir geschrieben, dass ihr Erfolg hattet. Aber dir, Flint, genügte dein Anteil nicht. Du wolltest alles haben, alles, du verfluchter Bandit! Gib es zu, los, mach endlich dein Maul auf und gib es zu, dass es so war!

Owen Flints Gesicht wurde grau, die Falten schienen noch tiefer eingeschnitten. Er schüttelte den Kopf.

„No!“, sagte er müde. „No, Lorman, du irrst dich wirklich! Ich hatte es niemals auf Bills Gold abgesehen. Ich habe nicht einmal meinen eigenen Anteil retten können.“

Lorman lachte wild auf.

„Und das soll ich dir glauben? Für wie dumm hältst du mich? Stimmt es oder stimmt es nicht, dass du allein aus der Mojave-Wüste zurückgekommen bist? Ohne Bill, mit dem du dich auf den Weg gemacht hattest. Und statt nach New Mexico heimzukehren, bist du so schnell wie nur möglich untergetaucht. Warum bloß, Flint? Weil dein Gewissen so rein war? Deine Flucht, nachdem mein Junge verschollen war, hat meine letzten Zweifel beseitigt. Wenn du schuldlos an seinem Tod gewesen wärest, hättest du ganz ruhig nach Santa Fe zurückreiten können. Du magst jetzt als Entschuldigung vorbringen, was du nur willst, ich werde es dir nicht glauben.“

„Hass macht Menschen, blind, Lorman, blind und taub!“ Flints leise Stimme klang erschöpft. „Aber zügle deinen Hass wenigstens so weit, dass du keinen Mord begehst und einen Wehrlosen niederschießt.“ Er spreizte betont die waffenlosen Hände vom Körper ab.

„Mord?“, keuchte Lorman. „Würdest du es auch so nennen, wenn ein Richter das Urteil über dich gesprochen hat und dir der Henker das Seil um den Hals legt? Hier gibt es weit und breit weder ein Gericht noch einen Sheriff. Hier nimmt jeder Mann das Gesetz in die eigene Hand, und rechne nur ja nicht damit, dass ich dir noch eine Chance für eine neue Flucht lasse.“

Flints Mund wurde schmal, seine Stimme heftig.

„Dann denke endlich einmal nicht nur an dich, sondern auch an die Leute beim Wagenzug. Die Pima-Indianer sind ganz in der Nähe, Lorman. Und wenn der Anführer nicht zum Treck zurückkehrt, dann ...“

„Du weißt ja verteufelt gut Bescheid!“, entgegnete Lorman misstrauisch.

„Ich habe den Treck heute in der Frühe gesichtet, als du dich von ihm trenntest. Ich wusste, dass die Rothäute die Wasserstelle vergiftet haben, und ritt dir nach, um die deiner Führung anvertrauten Menschen vor dem Allerschlimmsten zu bewahren.“

„Sieh an, ein Menschenfreund!“, knurrte Lorman mit beißendem Hohn. „Dabei kommt mir der Gedanke, dass es vielleicht gar nicht die Pimas waren, die den toten Kojoten da ins Wasser warfen.

„Lorman!“

„Nur keine Bewegung, Flint!“, warnte Lorman wild. „Vielleicht ist es auch so, dass du mit den Pimas zusammenarbeitest. Beutehunger hat schon immer die richtigen Aasgeier zusammengeführt. Die Pimas sind hinter uns her, seit wir den Colorado überschritten haben und in die Wüste eingedrungen sind. Und dass ein weißer Mann allein — wie du — durch die Mojave reiten könnte, ist doch ein bisschen unglaubwürdig, nicht? Flint, vielleicht kannst du mir sagen, wer vor drei Tagen unseren Scout und Wegführer aus dem Hinterhalt abschoss, als er einen Erkundigungsritt unternahm?“

„Es ist leicht, jemand zu beschuldigen, wenn man die Waffe auf ihn gerichtet hält.“

„Du solltest lieber sagen, die Wahrheit hört sich schlecht an, wenn man verloren hat.“

Aber darauf hörte Owen Flint schon nicht mehr. An dem Gegner vorbei starrte er zum gegenüberliegenden Rand der Wasserstelle. In seinen Augen blitzte es auf.

„Achtung, Lorman, die Rothäute sind da!“

Er machte eine Bewegung, und da stieß Lormans Rechte vor und drückte ihm die Revolvermündung in die Magengrube.

„Um dein Leben zu retten, musst du dir schon ’nen besseren Trick ausdenken, du Mordbandit!“

„Zum Geier! Lorman, die Pimas ...“

Ein scharfes Sirren schwang in der Luft. Für einen Moment war Matt Lorman abgelenkt. Owen Flint handelte blitzschnell. Mit der linken Faust schlug er Lormans Revolverhand zur Seite. Die Rechte krallte er in dessen wildlederne Jacke und riss den schweren Mann heftig zu sich heran. Der Revolver entlud sich mit lautem Knall. Eine Staubfontäne spritzte in die Luft. Neben den beiden Männern steckte plötzlich ein gefiederter Pfeil im Boden. Flint ließ sich seitlich in den Sand fallen und zerrte seinen Widersacher mit. Der Treckführer war zu kraftlos, um sich dagegen zu wehren. Er verlor den Revolver. Owen Flint packte seinen eigenen Colt und rief:

„Zu den Felsen, los!“

Wieder schwirrte ein Pfeil. Mündungsfeuer flammten jenseits der Tinaja im Schatten rundgeschliffener Sandsteinklippen auf. Das Echo der Schüsse hallte schauerlich über die zuvor noch so stille und reglose Wildnis.

Lorman hörte Flints Colt peitschen und starrte den hageren Mann einen Augenblick verständnislos an.

„Los, vorwärts!“, zischte Flint abermals, und eine grelle Mündungsflamme erhellte sein Gesicht unter dem breitkronigen Stetson. Er sprang hoch, um in die Felsen zu rennen. Lorman wollte ihm folgen, aber jetzt machte sich all das bemerkbar, was an diesem Tag bereits an seinen körperlichen und nervlichen Kräften gezehrt hatte: Hitze, Durst und Meilen beschwerlichen Marsches durch die Einsamkeit der Wüste. Die Begegnung mit dem Mann, den er für den Mörder seines Sohnes Bill hielt, hatte seine letzten Energien verbraucht. Im Hochtaumeln hieb die Kugel aus einem Indianergewehr gegen sein leeres Revolverholster. Der Schlag genügte, um den großen Mann rücklings in den Staub zu schleudern. Er wälzte sich herum und sah durch wogende Nebel, der jäh vor seinen Augen hing, dass Flint schon dicht an die Felsen herangekommen war. Im Laufen schoss er noch immer auf die huschenden Gestalten jenseits der Tinaja.

Lorman stemmte sich auf die Ellenbogen und versuchte, weiterzukriechen, nur weg von der offenen Fläche, auf der ihn jeden Moment der Tod ereilen konnte. Da verdichteten sich die nebligen Schleier vor seinem Blick zu pechiger Schwärze, die alles verschluckte. Das Geknatter der Schüsse verlor sich im Nichts.


*


Totenstille herrschte, als Matt Lorman die Augen aufschlug. Im Schatten der Felsen lehnte er sitzend an glattem Gestein. Das Erste, was er sah, war Owen Flints sonnengebräuntes hageres Gesicht, das langsam näher kam. Dann entdeckte er die schwarze Coltmündung. Zuerst empfand er nur maßlose Enttäuschung, daraus aber wurde heißes zorniges Aufbegehren.

„Gewonnen, Flint, wie? Das Glück ist wieder mal auf deiner Seite. Na, los doch, du Lump, drück ab! Bring es hinter dich und sei verdammt dafür! Eines Tages wirst du trotzdem für alles bezahlen, davon bin ich felsenfest überzeugt.“

„Höre endlich auf, Unsinn zu reden!“, fuhr Owen Flint ihn barsch an. „Die Pimas lauern noch immer auf unsere Skalps. Wir haben wirklich Besseres zu tun, als gegenseitig auf uns rumzuhacken. Da, trink!“

Jetzt merkte Lorman, dass Flints Colt nicht auf ihn zielte. Mit der Linken warf ihm der Verhasste sogar die lederne Wasserflasche zu, und mechanisch fing er sie auf. Brennend wurde ihm wieder der Durst bewusst. Seine Kehle war wie zugeschnürt, seine Schläfen glühten. Er bezwang sich mit äußerster Willenskraft.

„Versuche nur nicht, meine Dankbarkeit zu erkaufen, Flint!“

„Du sollst trinken, zum Kuckuck noch mal! Wenn ich dich töten wollte, hätte ich dich auch den Rothäuten überlassen können.“

Lorman fiel ein, dass er draußen auf der offenen Fläche die Besinnung verloren hatte. Flint musste umgekehrt sein und ihn unter Einsatz seines eigenen Lebens hierhergeschleppt haben. Das verwirrte jetzt den Geretteten. Unschlüssig starrte er vor sich hin. Sein Retter wandte sich einfach von ihm ab und spähte vorsichtig hinter ihrer Deckung hervor. Irgendwo rieselte Sand, Steine klirrten, dann war alles wieder ruhig, wie ausgestorben. Der Platz um die Wasserstelle lag leer. Flints Brauner stand dicht bei ihnen, seine Ohren spielten nervös, eine fremde, drohende Witterung blähte seine Nüstern. Sein Herr tätschelte dem Tier den Hals.

„Nur ruhig Blut, mein Alter! Ich weiß schon, dass sie da sind. Aber noch haben sie uns lange nicht.“

Lorman schraubte die Flasche auf und trank so hastig, dass ihm Wasser übers Kinn perlte. Schnaufend setzte er die Flasche ab und wischte sich den Mund mit dem Handrücken. Er seufzte.

„Himmel, tut das gut! Ich habe nie was Besseres getrunken.“

„Sei sparsam damit! Es ist alles, was wir haben. Aus der Tinaja können wir nicht nachfüllen.“

Lormans Miene verfinsterte sich.

„Bei den Wagen reicht das Wasser höchstens noch heute, und auch dann bekommt jeder nur ’nen winzigen Schluck. — Mein Gott! Wie weit ist die nächste Quelle entfernt?“

„Sehen wir lieber zu, dass wir erst einmal mit heiler Haut von hier verschwinden. Über alles andere können wir uns später den Kopf zerbrechen.“ Gegen den glatten Felsblock gestemmt, richtete sich Matt Lorman langsam auf. Der wache Glanz kehrte in seine Augen zurück. Seine hohe, breite Gestalt schien sich zu straffen.

„Deswegen also!“, brummte er rau. „Wovon redest du?“

„Mir waren schon Zweifel gekommen“, erwiderte Lorman grimmig. „Jetzt bin ich beruhigt. Du hast mich nur gerettet, weil sich damit deine eigenen Chancen gegen die Rothäute verdoppeln.“

„Geht es schon wieder los?“ Flint ruckte zornig herum. „Dass du mich vor Kurzem noch verdächtigtest, mit den Pimas unter einer Decke zu stecken, gilt wohl auf einmal nicht mehr?“

„No! Im Grunde zählt nur die Sache mit Bill, und das ist nicht bloß eine Verdächtigung. — Well, Flint, der Pakt gilt. Kämpfen wir gemeinsam gegen die Rothäute. Die Abrechnung heben wir uns für danach auf. Bezahlen wirst du so oder so!“

Ein Schuss fiel. Die Kugel fetzte einen Wirbel Steinsplitter vom Felsblock. Der Braune schnaubte erschreckt und wollte ausbrechen. Flint hielt ihn am Halfter fest. Über den Sattel weg feuerte eisernen langläufigen Colt ab. Hinter einem Geröllhaufen wuchs eine halbnackte. bronzehäutige Gestalt hoch. Strähniges pechschwarzes Haar fiel über ein verzerrtes Gesicht, als der Indianer langsam nach vorne kippte. Wutgeschrei gellte, und dann raste eine ganze Serie von Mündungsflammen im Halbkreis um die Deckung der beiden Weißen auf.

Lorman warf sich auf die Knie. Owen Flint zog den Sharps-Karabiner aus dem Sattelfutteral und reichte ihn wortlos dem Treckboss.

Das Feuern ringsum dauerte an. Indianer huschten von Deckung zu Deckung, kamen näher. Ein Krieger, den Flint in die Schulter traf, fiel mitten in einen verdorrten Kreosotbusch. Dann raunte Flint: „Es sind zu viele! Wir können sie nicht aufhalten. Wir müssen weg!“

Lorman lud gerade wieder den Sharps-Karabiner durch. Ein Steinsplitter hatte ihm die linke Wange aufgeritzt, ein dünner Blutfaden sickerte herab.

Er feuerte wieder auf eine der schleichenden Gestalten. Ein wahrer Kugelhagel prasselte zur Antwort gegen den Felsen. Eine Weile war Flint nur damit beschäftigt, den erschreckten Braunen festzuhalten. Dann erklärte er scharf: „Ich sagte, wir müssen weg! Das Pferd ist stark, zäh und ausgeruht. Eine Weile kann es uns beide tragen!“

Flüchtiges Staunen blinkte in Lormans Augen, verächtlich verzog er die Mundwinkel.

„Angst, eine Kugel in den Rücken zu bekommen? Dir ist es also klar geworden, wie ernst es mir mit der Abrechnung ist.“

„Denk von mir aus, was du willst. Komm endlich!“

Lorman erhob sich geduckt und glitt zu ihm.

„Die werden uns zielsicher aus dem Sattel knallen!“

„Die Überraschung ist unser einziger Vorteil. Aber wenn wir bleiben, haben wir todsicher keine zehn Minuten mehr zu leben.“

Owen Flint saß auf. Im selben Moment erschien auf der oberen Kante eines zerklüfteten Felsens ein Feind. Scharf umrissen zeichnete sich die stämmige Gestalt des Indianers vor dem lichtüberfluteten Wüstenhimmel ab. Die Waffe gleißte wie versilbert.

Bevor jedoch Flint seinen Colt hochschwingen und abdrücken konnte, zuckte der Feuerstrahl aus dem Gewehr des Indianers. Flint ließ sich vornüber auf den Pferdehals fallen. Dicht neben ihm fauchte das Geschoss, und die Kugel schlug an einem Felsen platt. Oben pendelte der Pima plötzlich wie ein Betrunkener hin und her und hielt beide Hände gegen die Brust gedrückt. Schließlich verlor er das Gleichgewicht und wirbelte wie ein Stoffbündel in die Tiefe.

Flint blickte erstaunt zu Lorman hin. Vor dessen Gewehrlauf kräuselte Pulverrauch.

„Ich denke, er hätte dich direkt in den Kopf getroffen, Owen. Damit sind wir fürs Erste quitt“, erklärte Lorman wie selbstverständlich. „Willst du mich jetzt noch immer mitnehmen?“

„Herauf zu mir!“

Der breitschultrige Treckboss schwang sich hinter dem Reiter auf den Braunen. Owen Flint straffte die Zügel.

„Los, Brauner, jetzt zeige mal, was du kannst!“

Das Pferd trabte hurtig davon.

„Mensch!“, keuchte Lorman. „Die falsche Richtung! Wir müssen nach Osten!“

„Später! Wenn wir direkt auf ihre Linien zujagen, ist die Überraschung der Rothäute größer. Erstens können wir sie dann sehen und bekommen keine in den Rücken, zweitens werden sie sich durch ihre ersten Schüsse selber gegenseitig gefährden.“

Der Braune wurde unter den ungeduldigen Hackenschlägen des Reiters noch schneller.

„Ein gerissener Kerl warst du wohl schon immer, Flint“, murmelte Lorman anerkennend.

Im Galopp preschten sie aus der Deckung hervor. Vor ihnen schallte ein gutturaler Überraschungsschrei. Drei Gestalten schnellten hinter Geröll und trockenen Sträuchern hoch. Schnurgerade, weit nach vorne gebeugt, sprengte Flint direkt auf die Feinde zu. Sein Colt knallte in rasender Geschwindigkeit. Der eine Indianer kippte aufschreiend hintenüber. Der zweite taumelte gegen seinen Gefährten, der gerade einen Pfeil abschoss, und brach zusammen, dann war Flints Colttrommel leer. Das Hufgedröhne klang wie dumpfer Trommelwirbel. Links und rechts tauchten die Rothäute auf und versuchten den Fliehenden den Weg abzuschneiden. Geheul, Schüsse und Hufgetrappel schallten wirr durcheinander.

„Lorman, du bist dran!“, schrie Flint und packte die Zügel mit beiden Fäusten, nachdem er die leer geschossene Waffe in das Holster gesteckt hatte.

Lorman hielt den Karabinerkolben gegen die Hüfte gepresst. Obwohl auf dem schwingenden Pferderücken kein Zielen möglich war, jagte er Feuerstrahl um Feuerstrahl hinaus. Dann hatten sie die Linie der Indianer schon durchbrochen. Beiden kam es wie ein Wunder vor, dass sie unverletzt geblieben waren. Der Braune wollte unter der doppelten Last langsamer werden, aber Flint spornte ihn fortgesetzt an, und das kräftige Tier rannte unermüdlich weiter. Eine Salve viel zu hastig und wütend abgefeuerter Schüsse folgte ihnen. Dann rannten die Pimas zu ihren Mustangs, um die Verfolgung aufzunehmen.

Die Felsen wurden spärlicher, das Land flach und sandig. Vereinzelte dürre Grasbüschel oder Fettholzstauden ragten aus der Ebene. Im Westen und Norden schlossen blau schimmernde Gebirgsketten den Horizont ab. Das Firmament war wie eine gläserne Kuppel über das trostlose Land gestülpt, unter der sich kein Lufthauch regte. Die Hitze war so schwer und drückend, dass das Atmen schwerfiel. Innerhalb kurzer Zeit begann der Braune rasselnd zu schnaufen. Schaumflocken bildeten sich vor seinen Nüstern. Jetzt ließ Flint ihn langsamer ausgreifen. Lorman spähte aus zusammengekniffenen Augen hinter sich. Die Verfolger gaben nicht auf.

„Die Rothäute bleiben uns auf den Fersen, Flint. Nicht nur dein Pferd war ausgeruht. Außerdem müssen die Mustangs nur einen Reiter tragen. Sie werden uns einholen.“

Owen Flint ließ den Braunen jetzt in einem weiten Bogen nach Süden abschwenken.

„Wie viele Meilen sind’s bis zu deinem Treck, Lorman?“

„Zehn, vielleicht auch mehr. Jedenfalls zu viele, um sie schaffen zu können.“

Flint biss die Zähne zusammen und schwieg.

„Es sind mindestens zehn Rothäute“, sagte Lorman hinter ihm. „Im offenen Kampf sind wir erledigt. Und nachdem wir ein paar von diesen Halunken erwischt haben, werden sie alles daransetzen, an unsere Skalps zu kommen. Ich wüsste nichts, was sie hindern könnte, das zu schaffen, Halt an, Flint!“

„Was soll das? Noch sind sie nicht auf Schussweite heran.“

„Halt an, sage ich!“

Plötzlich spürte Owen Flint den harten Druck seines eigenen Karabiners zwischen den Schulterblättern. Er fiel dem Braunen in die Zügel. Während sie noch von einer dichten gelben Staubwolke eingehüllt wurden, rutschte Lorman vom Pferderücken, wich schnell drei Schritte von dem Braunen zurück und hielt das Gewehr auf den Reiter angeschlagen. Der fanatische Hass auf den vermeintlichen Mörder seines Sohnes loderte wieder aus seinen grauen Augen.

„Komm schon, Flint!, runter mit dir!“

„Lorman, du hast jetzt wirklich den Verstand verloren. Denk doch bloß an deine eigene Lage und an die Menschen deines Trecks.“

„Ich denke immer nur daran, was mit Bill vor zwei Jahren geschah.“ Kopfschüttelnd stieg der Bedrohte ab. Die Staubwolke auf ihrer Fährte wurde größer. Vereinzelte dunkle Gestalten schälten sich daraus hervor, und nach kurzer Zeit waren die Umrisse der vordersten Verfolger zu erkennen. Gewehrläufe reflektierten blitzend das grelle Sonnenlicht.

„Vielleicht bist du endlich so freundlich, Lorman, und gibst mir eine Erklärung für dein irrsinniges Verhalten“, sagte Flint erbost.

„Dein Pferd kann nur einen von uns in Sicherheit bringen, und auch das steht nicht fest. Jedenfalls werden wir beide jetzt um das Tier kämpfen, und das ist mehr, als du eigentlich verdienst. Owen Flint.“

Owens Miene wurde ausdruckslos.

„Du bist verrückt, Lorman! In dir ist nichts als Hass und das wird ...“

„Zum Teufel!“, schrie ihn Lorman in jäh ausbrechender Wildheit an. „Kannst du mir das verdenken? Zwei Jahre habe ich immer nur darauf gewartet, Bills Mörder gegenüberzustehen. Und jetzt soll ich in dir meinen Partner sehen?

Jede Minute, die du seit unserer Begegnung am Tümpel noch lebst, ist nur ein Aufschub. Wenn wir nicht Seite an Seite gekämpft hätten, würde ich jetzt kein Wort mehr verlieren und einfach abdrücken. Los, nimm deinen Colt und wehr dich! Dein Leben und das Pferd, das ist der Preis. Rasch, ehe die Rothäute heran sind!“

„Auch wenn du gewinnst, du Narr, werden dich die Indianer schnappen. Mein Brauner duldet keinen Fremden im Sattel. Allein wirst du nicht mit ihm fertig, Lorman.“

„Und wenn schon! Mir geht’s in erster Linie darum, dass du bezahlst für das, was du Bill angetan hast. Und das sollst du, bevor die Rothäute zur Stelle sind. Ich nehme alles andere in Kauf, nur nicht, dass du wieder der Vergeltung entrinnst.“ Besessenheit glühte in seinen Augen.

Owen Flint schnallte langsam den Revolvergurt auf.

„Ich tue dir den Gefallen nicht. Ich kämpfe nicht.“

Gurt und Colt klatschten in den Sand. Matt Lormans Kinnladen mahlten. „Verdammter Feigling!“

Lorman feuerte. Die Kugel grub sich dicht neben Flints Stiefeln in den Boden. Ohne auch nur mit den Wimpern zu zucken, groß, aufrecht und völlig reglos stand er da.

„So skrupellos, einen Waffenlosen einfach niederzuschießen, bist du auch in deinem Hass nicht!“, sagte er ernst. „Lorman, wenn du mir nur endlich einmal zuhören würdest. Ich habe deinen Sohn nicht ...“

Mit drei schnellen Schritten stand Matt Lorman dicht vor ihm und schlug ihm die flache Hand ins Gesicht. Eine Sekunde blitzte es in Flints Augen wild auf. Er beherrschte sich jedoch und stieß rau hervor:

„Du reißt nicht nur dich und mich ins Verderben, du sturschädeliger Narr, sondern auch deine Freunde beim Treck. Ich bin der einzige Mensch, der die nächste Wasserstelle kennt, und der euch alle auf die richtige Trailroute zurückführen kann.“

„Rede mir nicht ein, dass du das für uns tun würdest.“

„Doch! Ich bin nicht ein solcher Mensch, wie du mich einschätzt. Und tief in deinem Innern setzen dir die Zweifel zu, auch wenn du’s nicht zugibst. Well, du kannst jetzt schießen und deine vermeintliche Vergeltung üben, doch wenn danach der ganze Treck zugrunde geht, trifft dich die Schuld daran. Dein Gewissen wird dir dann bis an dein Lebensende keine ruhige Minute mehr lassen.“

„Sei still, Flint, sei endlich still!“, fauchte Lorman und hob das Gewehr. Der Gehasste schaute ihm furchtlos in die Augen. Verbitterung, Enttäuschung und Wut, die sich in ihm gestaut hatten, brachen durch.

„Den Teufel werde ich, Lorman! Solange ich noch atme, wirst du von mir nichts anderes als die Wahrheit hören. Du mit deiner Verbohrtheit bist schlimmer als irgendein Buschräuber, der einen Mann für fünf Dollar umbringt. Für deine Rache opferst du bedenkenlos auch andere Menschen, was? Sind nicht auch Frauen beim Treck? Hast du dort keinen Freund? Das ist dir egal,was? Du willst tödliche Rache — und für dich spielt es keine Rolle, dass euch dann niemand mehr führen kann.“

Die Pimas waren in dicht geschlossener Kavalkade jetzt so nahe, dass das eilige Trommeln der Mustanghufe wie Gewittergrollen in den Ohren der beiden Weißen lag. Unsicherheit zerwühlte plötzlich Lormans Gesicht. Der Schweiß zog dunkle Rinnen in die Staubschicht auf seiner Haut. Es war ihm anzusehen, welcher Kampf in ihm tobte. Unschlüssig ließ er das schussbereite Gewehr sinken.

Der vorderste Pima-Reiter schwenkte grölend seine Rifle über dem flatternden Haar. Der schrille anfeuernde Ruf an seine Gefährten drang durch das Hufgetrappel. Dann krachten die ersten Schüsse. Die Einschläge lagen noch zu weit, aber mit jeder Sekunde rückten die Indianer wie eine unaufhaltsame wilde Jagd näher.

Ein Zucken lief jäh über Lormans Miene. Er war entschlossen, sich das Pferd anzueignen und allein weiterzufliehen.

Blitzschnell drückte Flint ihm jedoch den Karabinerlauf in die Höhe. Die Mündungsflamme fauchte an seiner Schläfe vorbei. Brust an Brust rangen beide erbittert und stumm um das Gewehr. Die Indianer schrien und schlugen anfeuernd auf ihre Mustangs ein. Plötzlich ließ Flint den Karabiner los. Nach dem jähen Fehlen des Widerstands drohte Lorman das Gleichgewicht zu verlieren, fing sich jedoch im letzten Moment und schlug mit dem Gewehrlauf zu. Owen Flint war schon so dicht neben ihm, dass der Hieb ins Leere sauste. Blitzschnell rammte er dem Treckboss die Faust in den Leib. Lorman krümmte sich, nach Atem ringend, zusammen. Direkt vor ihm richtete sich Flint steil auf und zog aus dieser Bewegung die andere Faust kurz und wuchtig in die Höhe. Das alles ging so schnell, dass Lorman überhaupt zu keiner Reaktion kam. Der Haken traf genau den Punkt. Lorman erschlaffte sofort.

Owen Flint fing den Zusammenbrechenden auf, packte ihn unter der Achsel und griff sich mit der anderen Hand das Gewehr. So schleifte er den Bewusstlosen zu seinem Braunen, der nervös einige Schritte zurückgewichen war. Die Pimas waren jetzt auf Schussweite heran. Kugeln und Pfeile umpfiffen den einsamen Wüstenreiter, während er seinen bewusstlosen Todfeind aufs Pferd lud.



2.

Die verwaschenen Planendächer der schweren Conestoga-Wagen gleißten im grellen Schein der Wüstensonne. Von ferne sahen die Fahrzeuge wie leckgeschlagene Schiffe in einem erstarrten graugelben Meer aus. In ungeordneter Formation hielten sie am Fuß einer gewaltigen Sanddüne, die sich wie der Rücken eines schlafenden Urwelttiers vor dem dunstigen Himmel abzeichnete. Erschöpft, mit hängenden Köpfen, dösten die abgemagerten Maultiere im Geschirr. Die wenigen Pferde, die sich beim Treck befanden, rupften ausgepumpt an den spärlichen Beifußstauden.

Die Menschen boten einen geradezu gespenstischen Anblick, wie sie so stumm, apathisch und am Ende ihrer Kräfte zwischen den Wagen kauerten oder standen. Alle waren von Kopf bis Fuß mit Wüstenstaub überzogen, abgemagert, ausgebrannt von der schrecklichen Sonne, hohlwangig und bleich. Bartstoppeln umrahmten die Gesichter der Männer, die Augen waren tief eingesunken, umschattet und glänzten fiebrig.

Der rothaarige und schlanke Ire Patrick O’Connor spähte seit Minuten in die hitzeflimmernde Ebene hinaus, bis sein Blick sich trübte und Firmament und Wüste zu einer schleierhaften Masse verschwammen. Wie alle anderen wartete auch er verzweifelt auf Lormans Rückkehr. Ein Geräusch bei seinem Wagen ließ ihn herumfahren. Eine junge blonde Frau war auf dem Bock aufgetaucht. Ihre Wangen waren kreidebleich, die Augen wirkten im abgemagerten Gesicht unnatürlich groß. Sie streckte O’Connor eine zitternde Hand entgegen.

„Pat, oh Pat, ich ertrage es nicht mehr“, flüsterte sie tonlos. „Hole mir Wasser, Pat, bitte, gib mir zu trinken.“

Bei dem Versuch, vom Wagenbock zu steigen, verlor sie das Gleichgewicht. O’Connor bewegte sich viel zu zäh und langsam, um sie noch rechtzeitig auffangen zu können. Seine Mundwinkel zuckten, als er sich neben seiner jungen Frau auf die Knie ließ.

„Rachel, Rachel!“ Er fasste ihre Schulter und rüttelte sie behutsam. „Mein Gott, Rachel!“ Sie lag schlaff und still da. die Flut ihres blonden Haares ruhte zerzaust und staubgepudert auf der Erde. Vorsichtig wälzte O’Connor die Frau herum. Ihre Augen waren geschlossen, sie atmete nur ganz flach. Furcht loderte in den Augen des Mannes auf. „Rachel!“

Taumelnd kam er hoch. Schritte knirschten näher. O’Connor starrte wie gehetzt in eine Reihe unrasierter, fahler Gesichter. Er keuchte: „Himmel! Worauf wartet ihr noch? Seht ihr nicht, dass sie verdurstet? Wasser, ich brauche Wasser für sie!“

Einer der Siedler, ein gedrungener, bärtiger Mann mit einem Holzbein, wandte sich ab, verschwand humpelnd zwischen den Fahrzeugen und kehrte mit einer filzüberzogenen Wasserflasche zurück. Ein Mädchen, schlank, biegsam und schwarzhaarig, eilte ihm nach. Der Invalide reichte dem Mädchen die Wasserflasche.

„Jeder Tropfen ist kostbar, Maudi. Sei sparsam und vorsichtig damit.“ Maudi Cantox nickte ihrem Vater zu und kniete hastig bei der Ohnmächtigen nieder. Kaum hatte sie den Flaschenverschluss geöffnet, da riss ihr der Ire das Gefäß aus der Hand. Er hob Rachels Kopf mit einer Hand und hielt ihr mit der anderen den Flaschenhals, an dir guttun.“

„Trink, Rachel, trink! Liebes, es wird dir gut tun.“

Sie schluckte mechanisch. O’Connors Hand zitterte so stark, dass ein Teil der so kostbaren Flüssigkeit den schlanken Hals seiner Frau hinablief. Maudi Cantox blickte ihren Vater fragend an. Der hob stirnrunzelnd die Schultern, Maudi erhob sich und ließ Patrick O’Connor allein. Die anderen standen wie versteinert da und starrten ihn finster an. Beim Anblick der trinkenden Frau und des perlenden Wassers schluckten ein paar unwillkürlich. Hände öffneten und schlossen sich in unbewusster Erregung. Der Durst setzte ihnen ausnahmslos allen zu. Rachel O’Connor schlug die Augen auf. Ihr Blick war verschwommen.

„Durst, Pat!“, seufzte sie wieder. „Gib mir zu trinken!“

Da erst merkte er, dass die Flasche bereits leer war.

„Pat“, flehte die Durstende, „Pat, hörst du nicht?“

Er schleuderte mit einer wilden Bewegung die Flasche zu Boden und erhob sich. Sein Blick tastete stechend die einzelnen Gesichter in der starren Front ab. Dann schritt er einen grimmig entschlossenen Zug um die zusammengepressten Lippen, wortlos davon.

„O’Connor!“, rief Eimer Cantox mit einer Stimme, der Staub, Hitze und Strapazen anzumerken waren. „Wohin?“

Der Ire schockte. Die wilde Entschlossenheit in seinem Gesicht war jetzt fast unheimlich. Die rechte Hand hatte er an den Revolvergriff gelegt. „Rachel hat Durst, und ich will endlich auch einmal trinken. Richtig trinken, versteht ihr? Nicht ein paar armselige Tropfen, nach denen alles noch schlimmer ist!“ Seine Worte jagten sich. „Zum Teufel, starrt mich nicht so an! Versucht ja nicht, mich aufzuhalten!“

Er stolperte weiter auf den vordersten Planwagen zu.

Eimer Cantox humpelte so schnell los, wie man es diesem ältesten Mann unter den Siedlern nicht zugetraut hätte. Sein hölzerner Beinstumpf zog eine Schleifspur im knöcheltiefen Sand. Cantox holte O’Connor vor dem Wagen ein und packte ihn hart am Oberarm.

„Sei vernünftig, Pat! Ich weiß, wie schlimm es ist, aber reiß dich um Himmels willen zusammen! Wir alle dursten nicht weniger als du. Aber das Wasser auf Lormans Wagen ist das letzte, das wir haben. Wenn wir jemals von hier wegkommen wollen, müssen wir es für die Maultiere aufsparen.“

„Soll ich zusehen, wie Rachel umkommt, nur weil ...“

„Sie hat getrunken und wird durchhalten, bis Lorman zurückkommt.“

„Weißt du das genau? Du mit deiner verfluchten Gescheitheit. Cantox, lass mich in Ruhe! Geh weg, sonst ...“ Er hob drohend eine Faust.

„Dad!“, schrie Maudi erschrocken auf und wollte zu ihm laufen.

„Bleib, wo du bist, Mädel!“, befahl Cantox, ohne O’Connor aus den Augen zu lassen. „Pat, ich warne dich! Dieses Wasser gehört uns allen zusammen. Du hast kein Recht ...“

Da schlug O’Connor zu. Besessenheit war in seinem Blick. Cantox fiel auf den Rücken; seine Tochter stieß einen spitzen Schrei aus. In die Schar der bisher reglos verharrenden Treckmänner kam Bewegung. Der junge Ire zerrte seinen Revolver heraus.

„Kommt mir nicht zu nahe!“, keuchte er. „Die Hände von den Schießeisen, sonst drücke ich ab!“

Maudi half ihrem Vater hoch. Cantox klopfte sich den Staub von der Kleidung und sagte:

„Pat, du weißt nicht, was du da tust. Du stürzt uns alle ins Unglück.“

„Kein Wort mehr!“, zischte O’Connor. Der Schweiß lief ihm in Bächen übers hohlwangige Gesicht. Seine Wangenmuskeln zuckten. „Big Bob Simpson, her zu mir! Ihr anderen rührt euch nicht von der Stelle!“

Es war ihm anzusehen, dass er es ernst meinte. Er schien zu keinem vernünftigen Gedanken mehr fähig zu sein. Ein hünenhafter Bursche löste sich aus den Reihen der Siedler. Er trug derbe Reiterkleidung, große Radsporen an den Stiefeln und außer dem Revolver hing noch ein schweres Bowiemesser in einer Lederscheide am Gürtel. Dass er kein Mann war, der seinen Lebensunterhalt mit Farmarbeit verdiente, war ihm auf den ersten Blick anzusehen. Big Bob Simpson hatte sich nur mit einem Pferd dem Wagenzug angeschlossen. Obwohl der große Goldrausch, in Kalifornien schon längst zu Ende war, wurde in den Bergen jenseits der Mojave-Wüste immer noch vereinzelt nach dem Metall geschürft. Diesen Prospektoren wollte sich Simpson anschließen. Die anderen dagegen hatten ihre ärmlichen Farmen in New Mexico aufgegeben, um im San Bernardino Valley in Kalifornien neue Siedlerstellen zu gründen.

„Abschnallen, Big Bob!“, befahl, O’Connor dem riesigen Mann heiser. Simpson kaute unschlüssig auf der wulstigen Unterlippe und warf einen Blick über die Schulter zu den Siedlern. Die rührten sich nicht. Da zuckte er nur mit den Schultern und gehorchte.

„Damned, O’Connor, was willst du von mir?“

„Steig auf den Wagen und hole das Wasser herab! Mache keinen Trick dabei; denn du und die anderen, ihr hättet es alle zu büßen!“

O’Connor winkte drohend mit dem Revolver.

Bob Simpson furchte die buschigen Brauen.

„Höre zu, ich bin nicht gewöhnt, dass man in diesem Ton mit mir redet. Du hast gehört, was Cantox sagte. Das Wasser ...“

„Du bist nicht gefragt!“, schrie O’Connor schrill vor Ungeduld. „Tu endlich, was ich dir sage, Mann!“

„Das wird dir noch leidtun“, knurrte Simpson leise vor sich hin, schob sich in einem Bogen an O’Connor vorbei und kletterte hinten auf Lormans Conestoga-Wagen. Gleich darauf tauchte er mit einem runden Fässchen auf den muskulösen Armen wieder unter dem dämmrigen Wagendach auf. Das Gluckern der Flüssigkeit in dem Gefäß brachte O’Connors Augen zum Glänzen.

Seine Frau hatte sich mittlerweile am Vorderrad des Planwagens aufgesetzt. Mit einer Hand klammerte sie sich krampfhaft an einer Speiche fest.

„Pat!“, rief sie tonlos. „Das sollst du nicht tun! Nicht meinetwegen!“

Einen Moment war O’Connor abgelenkt. Big Bob Simpson stieß einen heiseren Schrei aus und schleuderte das Wasserfässchen gegen ihn. Er selber, sprang mit hochgereckten Armen vom Wagen aus hinterher. O’Connors Revolver entlud sich, die Kugel schlug in die Erde. Unter dem Anprall des Fässchens taumelte der Ire rückwärts, und im nächsten Augenblick stand der Hüne direkt vor ihm.

„Jetzt bekommst du deinen Lohn, Rotschopf!“

Der Faustschlag hob den Iren förmlich von den Füßen und warf ihn in den Staub. Er keuchte vor Zorn und Verzweiflung und wollte, am Boden liegend, den Revolver herumschwenken. Big Bobs Fußtritt schleuderte die Waffe in hohem Bogen davon. Der Hüne bückte sich und riss O’Connor ganz ohne Mühe zu sich hoch. Cantox und die anderen Männer stürzten vorwärts. Rachel O’Connors Augen weiteten sich vor Entsetzen.

„Pat!“, rief sie erschrocken. „Pat ...“

Sie wollte sich am Rad emporziehen, aber die Kraft fehlte ihr dazu. Maudi Cantox lief zu ihr, um sie zu beruhigen. Simpson traf O’Connor schon wieder mit einem neuen Schwinger. O’Connor krachte gegen die Bordwand von Lormans Wagen und rutschte an ihr abwärts. Blut sickerte von seiner Unterlippe.

Schwer atmend, die Fäuste hochgeblockt, starrte ihn Simpson an. „Na, du Held, wo bleibt jetzt deine ganze Großmäuligkeit, he?“ Er wollte wieder auf ihn losgehen.

„Simpson, genug!“

Eimer Cantox hielt ihn am Ärmel fest.

Da begann Patrick O’Connor schnell auf das Fass loszurobben. Der Atem pfiff zwischen seinen Zähnen. Sein Gesicht war in einer Mischung aus Gier, Wildheit und Verzweiflung verzerrt.

„Wasser!“, keuchte er. „Wasser!“

Wütend sprang Simpson hinter ihm her und wollte sich auf ihn stürzen. O’Connor warf sich auf den Rücken und stieß mit beiden Füßen nach dem Hünen. Aufbrüllend verlor Simpson den Halt und krachte auf den Rücken. Der Ire erreichte atemlos das Wasserfässchen, presste es wie einen kostbaren Schatz eng an sich und stemmte sich auf die Knie.

„Weg mit euch!“, schrie er die Männer, die einen Halbkreis um ihn gebildet hatten, mit überkippender Stimme an. „Das Wasser gehört mir und Rachel.“

Das Haar hing ihm wirr und verklebt in die Stirn. Ein irres Funkeln sprühte in seinen aufgerissenen Augen.

Mehrere Siedler wollten sich wütend auf ihn werfen. Cantox winkte hastig ab. Rachel O’Connor schwankte, von Maudi gestützt, auf ihren Mann zu.

„Pat, bitte, gib das Wasser zurück. Diese Leute sind unsere Freunde, wir wollen nicht alle um die letzte Chance bringen. Siehst du, ich fühle mich schon wieder viel besser. Wir brauchen nicht mehr als die anderen, nicht wahr?“

O’Connor schaute sie groß an. Es dauerte eine Weile, bis er den Sinn ihrer Worte völlig erfasste.

„Pat!“, sagte seine tapfere Frau zärtlich und legte einen Arm um ihn.

Da ließ er das gluckernde Fässchen in den Sand rollen. Das Kinn sank ihm auf die Brust, und ein heiserer schluchzender Laut rang sich aus seiner Kehle. Auf den Wink des invaliden Treckältesten wichen die Männer von den O’Connors zurück. Simpson starrte gehässig zu dem Iren, dann merkte er, dass das Fass bis dicht vor seine Füße gekollert war. Sein breitflächiges Gesicht veränderte sich. Er bückte sich rasch.

„Denke, ich habe mir einen Schluck redlich verdient.“

„Nicht jetzt! Für keinen gibt es eine Ausnahme“, sagte Cantox rau. Simpson machte eine Handbewegung zur Hüfte. Doch sein Gurt mit Colt und Messer lag einige Schritte entfernt am Boden. Plötzlich hielt Cantox seinen Revolver in der Faust. Er sagte nichts mehr, schaute den Hünen nur entschlossen an. Simpson hob die ausladenden Schultern.

Details

Seiten
130
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925302
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
uksak western-roman lormans hass

Autor

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Titel: Uksak Top Western-Roman 6 Lormans Hass