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Ginas Tanz mit der Bestie

2018 120 Seiten

Leseprobe

Ginas Tanz mit der Bestie

Wolf G. Rahn

Published by BEKKERpublishing, 2018.

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Ginas Tanz mit der Bestie

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GRUSELKRIMI VON WOLF G. Rahn

Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.

Will Davis sieht sich den Film »Tanz mit der Bestie« bereits zum dritten Mal im Kino an und findet ihn immer noch spannend. An diesem Abend spricht ihn eine Frau an, und er stellt überrascht fest, dass es die Schauspielerin Gina Montinaro aus dem Film ist, die dort von einem einäugigen Monster getötet wird. Sie verlangt von Will, dass er ganz genau auf das Monster achten soll. Er tut ihr den Gefallen und erschrickt. Das Ungeheuer hebt den Kopf und sieht genau in den Zuschauerraum. Das rot glimmende Auge sucht etwas...

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Copyright

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EIN CASSIOPEIAPRESS Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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DIE TÜR SCHLUG AUF. Eine elegante Frau stürmte auf die Straße, wobei sie die leichte Pelzjacke noch vollends anzog. Im ersten Stock erschien im offenen Fenster ein junger Mann.

»Sei doch kein Spielverderber!«, lallte er, offenbar nicht mehr ganz nüchtern. »Bleib doch da!« Die junge Frau lief erregt weiter und schüttelte den Kopf.

»Aus ... aus ... Schluss ... aus und vorbei ...«, erwiderte sie atemlos.

»Dann warte doch«, rief der Mann im Fenster. »Ich bring dich zum Bus. Ist doch schon spät.«

Sie schüttelte nur wütend den Kopf und lief unbeirrt weiter.

Die Bushaltestelle war knapp fünfzig Meter entfernt an der nächsten Straßenkreuzung. Dort stand die einzige hellleuchtende Laterne.

Die junge Frau trippelte in kurzen Schritten. Plötzlich riss sie die Augen auf, blieb stehen und wandte lauschend den Kopf zurück. Schritte folgten ihr, breite Füße, die ihren Rhythmus nachäfften.

»Ich will nicht«, fauchte sie. »Aus ... Schluss ... aus.«

Die plumpen Füße machten längere Schritte und traten härter auf. Zornig wandte sich die Frau um und öffnete den Mund, um zu schimpfen. Aber ihr Atem stockte. Die Augen starrten entsetzt. Die Hände spreizten sich abweisend. Ihr näherte sich ein formloses Ungeheuer.

Die Fliehende schrie ... lang und schrill.

Das Monster hatte einen klobigen Kopf, aber kein Gesicht. Nur ein breites Maul mit wulstigen Lippen und darüber ein riesiges, rundes Auge, das rot leuchtete. Das Ungeheuer baute sich breitbeinig vor seinem Opfer auf.

Die junge Frau könnte noch weglaufen. Sie war aber zu keiner Bewegung fähig und starrte die grausige Erscheinung, die ihr den Weg verstellte, entgeistert an.

An der nächsten Straßenecke rollte fast lautlos der letzte Bus an die Haltestelle und stoppte. Die Tür wurde ausgefahren. Das Monstrum ließ sich Zeit. Es fixierte das vor Angst erstarrte Opfer genießerisch, wobei sein Auge in großer Erregung glühte. Dann hob es in Zeitlupe die Arme, die dicht behaart waren.

Die junge Frau wich nicht zurück und schloss auch nicht die Augen. Wie das Kaninchen unter dem Blick der Schlange erwartete sie den würgenden Griff.

Er blieb nicht aus. Das Ungeheuer war zufrieden.

Die riesigen Pranken packten zu. Ein letzter Schrei wimmerte durch die menschenleere Nacht.

Der Körper fiel. Das Ungeheuer verschwand lautlos.

Der Bus gab ein kurzes Signal. Dann wurde die Tür eingezogen. Langsam rollte der Wagen stadteinwärts ...

Mit dem sich entfernenden Motorgeräusch erlosch auch langsam das Licht. Ein Vorhang schloss sich, und im Zuschauerraum wurde die Beleuchtung weich eingeschaltet.

»Eispralinen«, rief eine helle Frauenstimme, »Toffees und saure Drops!« Die Platzanweiserin ging mit ihrem Bauchladen durch die Sitzreihen.

Will Davis lehnte sich behaglich in den Kinosessel zurück. Er sah den Film bereits zum dritten Mal und lächelte, verlegen, weil er nicht begreifen konnte, dass er seiner Spannung wieder erlegen war. Bisher hatte er sich nichts aus Schockerfilmen gemacht. Ed Sampson hatte ihm diesen Streifen empfohlen, und was Ed empfahl, war immer Spitze.

Eigentlich hätte er jetzt nach Hause gehen können. Er wusste ja, was in dem Streifen noch passierte. Bob fand die Leiche seiner Verlobten und veranstaltete wütend eine aufregende Verfolgung des Monsters. Im Endkampf unterlag er natürlich, konnte aber dem Ungeheuer noch eine todbringende Wunde beibringen.

Warum blieb Will Davis also noch?

Er sah sich um. Die Zuschauer blickten stumm. Jeder starrte vor sich hin, die einen entsetzt, die anderen verdutzt. So dumm habe ich auch dagesessen, dachte er, als ich den Film zum ersten Mal sah. Und jetzt sitze ich zum dritten Mal hier. Warum nur?

»Eispralinen, Toffees und saure Drops!« Die Platzanweiserin hatte wenig Erfolg.

Will stand auf. Er wollte ins Foyer und sich ein Bier genehmigen. Er schlenderte langsam über den linken Gang zur Tür. Die Platzanweiserin erreichte gerade den rechten Gang. Plötzlich betrat eine junge Frau den Zuschauerraum und ging auf die Platzanweiserin zu. Will Davis staunte. Sie trug dieselbe Pelzjacke wie eben das Opfer im Film! Aber das Gesicht war anders, blasser, nicht so attraktiv.

Sie sprach auf die dralle Blondine ein, die aufmerksam zuhörte. Danach nickte sie heftig und sah sich suchend um. Sie zeigte auf eine leere Reihe in der Mitte des Saales. Dann suchte sie weiter und zeigte auf einen Fleck, den in diesem Augenblick Will Davis passierte.

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FÜNF MINUTEN SPÄTER rief ein Klingelzeichen die Zuschauer wieder in den Vorführraum. Will Davis kehrte erfrischt auf seinen Platz zurück. Er ließ seinen Blick über die nicht voll besetzten Reihen gleiten, da bemerkte er, dass sich auf seinem Platz ein anderer niedergelassen hatte. Das war ja weiter nicht schlimm. Rechts und links davon waren noch Sitze frei. Langsam ging er darauf zu. Als er die Stuhlreihe erreicht hatte, blieb er überrascht stehen. Auf seinem Platz saß doch die junge Dame mit der Pelzjacke ... Und die Platzanweiserin hatte mit der Hand auf seinen Platz gezeigt.

Will wurde neugierig.

Mit gemurmelten Entschuldigungen drängte er sich an behosten, bestrumpften und bloßen Knien vorbei, bis er vor der jungen Dame stand, die seinen Platz eingenommen hatte.

»Entschuldigen Sie ... das ist mein Platz.«

Die Dame sah ihn groß an.

»Gefallen Ihnen die anderen Stühle nicht?«

Will kam die Stimme bekannt vor, ebenso wie die Pelzjacke. Aber das Gesicht ... und die Haare ... weder Farbe noch Frisur hatte er schon mal gesehen.

»Außerdem hat mir die Platzanweiserin gesagt, dass ich hier Platz nehmen könnte.

»Ich hab es gesehen«, bestätigte Will, sah sie darum aber nicht weniger ratlos an.

»Ich habe gehört«, begann die Fremde, unterbrach sich aber: »Wollen Sie sich nicht setzen? Man unterhält sich dann besser.«

Will setzte sich neben sie.

»Ich habe gehört«, fuhr sie ihren unterbrochenen Satz fort, »dass es Leute gibt, die sich diesen Film in diesem Theater mehrfach angesehen haben. Ich habe die Platzanweiserin gefragt, ob das stimmt. Sie bejahte es und zeigte auf Sie. Sie wären einer von denen, die auf diesen Film so versessen sind.«

»Das stimmt.« Mehr wusste Will nicht dazu zu sagen.

Die junge Dame atmete sichtlich auf.

»Ich habe nicht geglaubt, dass ich so bald jemand finden würde. Sie werden mir doch helfen, wenn ich Sie darum bitte.«

»Natürlich. Selbstverständlich«, versicherte er hastig. »Nur ... ich weiß nicht, ob ich das kann. Wollen Sie mir nicht verraten ...«

»Wie oft haben sie den »Tanz mit der Bestie« gesehen?«

»Heute zum dritten Mal.«

»Dann müssen Sie doch ...« Sie sah den jungen Mann unsicher an. »Ich weiß nicht ... vielleicht haben Sie ihn nur flüchtig angesehen ... um die Langeweile zu vertreiben ...«

»Nein, nein«, versicherte Will lebhaft. »Ich kenne ihn ganz genau.«

»Dann müssen Sie mich doch kennen.«

»Sie?« Er wusste wirklich nicht mehr, was los war. »Ich habe Sie noch nie im Leben gesehen.«

»Jetzt müsste ich eigentlich gekränkt sein«, meinte sie lächelnd. »Vielleicht haben Sie aber auch streckenweise geschlafen.«

Will Davis kam sich reichlich dämlich vor. Die junge Dame stellte den Kragen ihrer Pelzjacke hoch wie das Opfer des Monsters im Film.

»Gina Montinaro«, platzte Will heraus.

»Ich bin versöhnt«, seufzte die Diva. »Ich musste schon befürchten, dass mein Gesicht nicht mit der Schminkschönheit im Film konkurrieren könnte.«

»Ganz im Gegenteil«, beeilte er sich zu versichern. »Sie sehen noch viel ... ich meine ... ich habe es nicht für möglich gehalten, dass ich mal Ihre Bekanntschaft machen würde.«

»Und jetzt werden Sie mir wahrscheinlich weismachen wollen, dass ich in Ihren Augen als Künstlerin schlechthin oscarverdächtig bin«, spöttelte die Diva.

Will Davis hatte sich inzwischen gefangen. Mit Erleichterung registrierte er, dass diese Frau nicht die Allüren einer Halbgöttin hatte. Das machte sie ihm noch sympathischer.

»Selbst wenn das sehr ungalant klingt, Miss Montinaro, oder müsste ich richtiger Signorina sagen?«

»Wenn Sie allen Zweifeln aus dem Weg gehen wollen, sagen Sie einfach Gina. So nennen mich alle meine Freunde. Und ich brauche jetzt dringend einen Freund.«

»Ich heiße Will«, sagte er lahm, »Will Davis. Ich kenne längst nicht alle Filme mit Ihnen. Ich kann nur sagen, dass Sie mir in »Tanz mit der Bestie« unwahrscheinlich gut gefallen. Ich sehe heute den Film sicher nicht zum letzten Mal.«

»Sind Sie von dem Ungeheuer so fasziniert? Oder hoffen Sie, dass ich klüger werde und mir ein Taxi nehme, anstatt zum Bus zu laufen?«

Will Davis lachte.

»Das sicher nicht. Dagegen muss ich gestehen, dass mich die Maske des Ungeheuers fesselt. Was muss in einem Schauspieler vorgehen, der so eine Rolle spielen muss?«

»Ich habe Angst, Will«, flüsterte sie und umklammerte mit ihrer Hand seinen Unterarm.

»Angst? Wovor haben Sie Angst?«

»Vor meiner Ermordung!«

Will Davis starrte sie fassungslos an.

»Werden Sie bedroht?«

»Meinen Sie durch Briefe oder Telefonanrufe?«

Will nickte. Gina schüttelte den Kopf. Sie sah den jungen Fremden prüfend an. Konnte sie sich auf ihn verlassen? Sie musste es versuchen.

»Sie haben den Film gesehen und wollen sich an jede Einzelheit erinnern können.«

»Meinen Sie etwas Bestimmtes?«

»Ich meine eine Szene gegen Ende des Films. Das Ungeheuer sitzt in der Falle. Bob stellt sich dem Monstrum und wird von ihm besiegt.«

»Und der Held nimmt seinen Gegner mit in den Tod.«

»Ja, im Film.«

»Ich verstehe nicht.«

»Entsinnen Sie sich, wohin das Ungeheuer blickt, während es Bob erwürgt?«

Will dachte kurz nach.

»Wenn ich mich nicht irre, sieht das glühende Auge sein Opfer an.«

»Sie irren sich nicht. Genauso wurde die Szene gedreht. Ich erinnere mich genau. Erst nach der achten Klappe war die Einstellung im Kasten.«

Will verstand das Fachchinesisch der Filmschauspielerin nicht.

»Und das beunruhigt Sie jetzt noch?«

»Ich kann es Ihnen nicht erklären. Ich muss Sie aber um etwas bitten. Achten Sie heute auf diese Szene!«

»Und worauf besonders?«

»Auf das Monster.«

Der Zuschauerraum wurde wieder verdunkelt. Horrormusik begleitete das Geschehen auf der Leinwand.

Will Davis musterte verstohlen die schöne Frau, die neben ihm saß. Wollte sie etwas für ihre Publicity tun? Was sonst hatte das Gerede von ihrer bevorstehenden Ermordung für einen Sinn? Warum sah sie sich ihren Film in einem kleinen Kino an und suchte Hilfe bei einem Unbekannten? Er war doch kein Polizist.

Dem Geschehen auf der Leinwand konnte er nicht mehr mit der erforderlichen Aufmerksamkeit folgen. Immer wieder ertappte er sich dabei, dass er Gina Montinaro beobachtete. In ihrem Gesicht wurde der Ausdruck von Angst immer stärker. Er erinnerte sich nun wieder an die Bitte der Frau. Er erfüllte sie genau, obwohl er sich beim besten Willen nicht denken konnte, was sie damit bezweckte.

Da war das Ungeheuer, Bob erschien. Er stellte sich mutig dem Scheusal in den Weg. Gleich musste sich das Monstrum mit triumphierendem Geheul auf seinen hilflosen Gegner stürzen.

Will Davis fühlte, wie eine Hand nach der seinen tastete. Sie zitterte. Als er seine freie Hand beruhigend darauflegte, spürte er, dass ihre Angst echt war.

Der Leinwandheld lag am Boden und erwartete den tödlichen Hieb des Monsters. Die Menge im Zuschauerraum hielt den Atem an.

Auch Gina Montinaro.

Auch Will Davis.

Das Ungeheuer heulte, als das silberne Kruzifix eine Spur in seinen Pelz brannte. Es richtete sein glühendes Auge auf den Sterbenden. Natürlich. So war es doch aufgenommen worden.

Will Davis erschrak.

Das Ungeheuer hob den Kopf und sah genau in den Zuschauerraum. Das rot glimmende Auge suchte etwas. Nicht lange. Bald hatte es ihn gefunden, einen Punkt in unmittelbarer Nähe des Mannes, der verständnislos auf seine Nachbarin starrte, die kalkweiß und schluchzend in ihrem Sessel kauerte.

Der merkwürdige Vorgang dauerte höchstens drei Sekunden. Dann beendete das Filmscheusal die Ermordung seines Opfers und verendete schließlich selbst, während die Musikuntermalung das Horrormotiv mit einem lebensbejahenden C-Dur Akkord vergessen machte.

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DER ZUSCHAUERRAUM HATTE sich längst geleert. Die Platzanweiserin bat die beiden letzten Besucher zu gehen. Will Davis fasste die Schauspielerin am Arm und zog sie mit sich fort. Die Platzanweiserin sah ihnen nach. Sie hatte den Star nicht erkannt. Für sie hatten sich da wieder mal zwei gefunden.

»Nun haben Sie es also auch gesehen, Will«, nahm Gina Montinaro das Gespräch auf der Straße wieder auf und hängte sich wie selbstverständlich bei dem Mann ein.

»Ja«, bestätigte er.

»Das Scheusal hat mich angestarrt, als wollte es sagen: Du bist als Nächste dran.«

»Ach, Unsinn! Sie mussten doch bereits in der ersten Hälfte des Films dran glauben.«

»Ja, im Film, aber nicht in Wirklichkeit.«

»Hören Sie, Gina! Es sah in der Tat so aus, als ob das Ungeheuer in unsere Richtung starrte. Es war natürlich nur eine Täuschung. Ich halte jede Wette, dass sich alle anderen Zuschauer in diesem Moment ebenfalls angestarrt gefühlt haben. Das ist ein Trick, der eine Gänsehaut verursacht.«

»Wollen Sie mir Unterricht in filmtechnischen Raffinessen geben? Ich kenne mich aus in der Branche. Es ist lieb, dass Sie mich beruhigen wollen, doch damit ist mir nicht geholfen. Im Übrigen haben Sie behauptet, dass sie den Film genau kennen. Haben Sie sich jedes Mal angestarrt gefühlt?«

»Was haben Sie sonst für eine Erklärung?«, fragte er hilflos und steuerte ein Lokal an, das von Künstlern besucht wurde. Gina Montinaro zog ihn weiter.

»Nicht hier«, bat sie. »Hier könnte ich erkannt werden. Gerade jetzt kann ich keinen Rummel vertragen.«

»Schade. Ich hatte gehofft, dass Sie mir noch eine Stunde schenken würden.«

»Genau das möchte ich. Sie kennen bestimmt ein nettes Lokal.«

Will Davis schwoll die Brust. Die berühmte Montinaro trank mit ihm in seiner Eckkneipe ein Bier und schüttete ausgerechnet ihm ihr Herz aus, nicht irgendeinem Playboy. Er dirigierte die zitternde Schönheit über drei Querstraßen und schob sie durch die Tür, hinter der sie dichter Tabaksqualm und gedämpftes Stimmengewirr empfingen.

»Zufrieden?«, fragte er skeptisch.

»Genauso habe ich es mir vorgestellt.«

Will Davis hätte gern am Tresen Platz genommen, doch die Frau bevorzugte einen Tisch ganz in der Ecke, die von der Bedienung kaum eingesehen werden konnte.

Will Davis bestellte im Vorbeigehen bei der rothaarigen Nicole zwei Gin und zwei Bier. Nicole schickte den neuen Gästen einen überraschten Blick nach und flüsterte dem Wirt zu, wen sie erkannt hatte. Wills Prestige kletterte.

Die Getränke kamen entsprechend schnell. Nicole verriet mit keinem Wimpernzucken, dass sie die Diva erkannt hatte.

Gina Montinaro stürzte sich wie eine Verdurstende auf den Schnaps. Will Davis tat es ihr gleich. Dann spülten sie mit Bier nach. Will Davis versuchte, ein unverfängliches Gespräch anzufangen. Doch Gina steuerte direkt auf ihr Ziel los.

»Ich bin so froh, dass ich mit einem Menschen reden kann, der mich nicht gleich für verrückt oder hysterisch hält. Bei einem Kollegen hätte ich da kein Glück.«

»Sprechen Sie unbesorgt, Gina«, half ihr Will Davis. »Wenn ich Ihnen helfen kann, werde ich das selbstverständlich tun.«

»Versprechen Sie nicht zu viel«, warnte sie und nahm einen Schluck, der ihr Bierglas fast leerte.

»Ich würde Ihnen alles versprechen, weil ich diesen Abend mit Ihnen verbringen darf. Es klingt vielleicht albern, aber ich fühle mich wie der Hauptgewinner einer Lotterie.«

»Und der Gewinn, den ich in dieser Lotterie gezogen habe, ist der Tod.«

»So dürfen Sie nicht reden, Gina. Oder sind Sie etwa krank?«

»Nicht dass ich wüsste. Ich bin gesund. Alles könnte in bester Ordnung sein. Nur ... ich werde meinen nächsten Geburtstag nicht mehr feiern.«

»Wann ist der?«

»Am kommenden Sonntag.«

»In drei Tagen?«

»Exakt. Wissen Sie was?«

»Nun?«

»Ich möchte, dass Sie zu meiner Geburtstagsparty kommen.«

»Ich?«

»Ich bitte Sie sehr.«

»Aber was werden Ihre Freunde dazu sagen?«

»An diesem Tag werde ich mit einer einzigen Ausnahme keine Freunde mehr haben. Diese Ausnahme werden Sie sein.«

Will Davis bestellte noch zwei Gin, aber diesmal zweistöckige, und zwei Bier. Nicole beeilte sich. Als die Schnapsgläser leer waren, fuhr Gina Montinaro fort: »Ziehen Sie Ihren schwarzen Anzug an, falls Sie einen besitzen. Wenn Sie mir Blumen mitbringen möchten, schenken Sie mir eine weiße Nelke und sorgen Sie dafür, dass man sie mir in den Sarg legt.«

Will Davis schluckte. Was für ein Gespräch! Da saß er mit einer der anziehendsten Frauen der Gegenwart an einem kleinen Kneipentisch, und sie plauderten über den Tod.

»Warum informieren Sie nicht die Polizei?«

»Was versprechen Sie sich davon? Würde man mir glauben? Man würde mich anhören und höflich verabschieden. Was könnte ich den Beamten denn als Verdacht anbieten? Ein Filmungeheuer wirft mir von der Leinwand aus todverheißende Blicke zu. Das ist alles.«

»Aber es beunruhigt sie doch.«

»Ja, weil ich weiß, dass ich keine Chance habe. Ich möchte noch nicht sterben, aber mir bleiben nur noch wenige Tage.«

»Wenn ich Sie richtig verstanden habe, glauben Sie, dass Ihr Partner, der das Ungeheuer verkörpert, Ihnen auch wirklich die Kehle zudrücken möchte. Um wen handelt es sich. Die Maske ist so großartig, dass ihn beim besten Willen niemand erkannt hat.«

»Ich darf Ihnen den Namen nicht nennen. Ich bin vertraglich zum Schweigen verpflichtet.«

»Aber wenn Ihnen der Bursche an den Kragen will.«

»Sie haben mich falsch verstanden, Will. Ich verdächtige keineswegs meinen Kollegen.«

»Sondern?«

»Das Ungeheuer. Es ist echt.«

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EDWARD SAMPSON SAH seinen Freund gespannt an.

»Wirst du hingehen?«, fragte er.

Will Davis schüttelte den Kopf.

»Natürlich nicht. Es hat lange gedauert, bis ich endlich begriffen hatte, dass sie mich nur auf den Arm nehmen wollte. Schade!«

»Mensch, Will, diese sogenannten Stars halten sich für Halbgötter und nehmen normale Sterbliche nicht für voll. Lass dir das nicht gefallen! Schlag zurück! Sie soll sehen, dass sie vielleicht ihre italienischen Papagallos um den Finger wickeln kann, aber keinen waschechten Briten.«

Will Davis grinste müde. Er ahnte, dass Ed einen verwegenen Gedanken hatte.

»Was schlägst du vor?«

»Selbstverständlich nimmst du die Einladung an und erscheinst, wie die Dame gewünscht hat, im Smoking. Feierlich legst du ihr eine weiße Nelke zu Füßen. Ich will den Rest des Blumenladens zum Lunch verspeisen, wenn du damit die Stimmung der Party nicht auf den Gefrierpunkt bringst.«

»Für einen Augenblick habe ich ihr die panische Angst wirklich geglaubt. Aber als sie mir das Filmmonster als echt aufbinden wollte, kapierte ich, worauf sie hinauswollte. Sie hat ihren Spaß gehabt und wird sich schon längst nicht mehr an mich erinnern.«

»Umso mehr wird es sie umhauen, wenn du plötzlich mit einer Leichenmiene vor ihr stehst und ihr dein Beileid aussprichst. Ich würde zu gern ihr Gesicht sehen.«

»Das ist leider nicht drin, mein Lieber. Die Montinaro empfängt nur den englischen Adel.«

»Und zu dem gehörst du?«

»Zweifelst du daran? Wäre ich sonst eingeladen? Hoffentlich passt mir mein Smoking noch. Schlimmstenfalls müsste ich ...«

Das Telefon unterbrach Will Davis. Er griff zum Hörer und lauschte. Sein Gesicht überzog sich mit einer feinen Röte.

»Ein Gläubiger?«, vermutete Edward Sampson.

»Schlimmer.« Davis hatte den Hörer behutsam zurückgelegt.

»Die Montinaro.«

Sein Freund, ein blonder Wikinger mit stahlblauen Augen, tippte sich an die Stirn.

»Du willst mich wohl verschaukeln.«

»Glaub’s oder glaub’s nicht. Jedenfalls war sie’s.«

»Gina Montinaro?«

»Ich kenne nur die eine.«

»Was wollte sie denn?«

»An ihren Geburtstag erinnern und an die weiße Nelke.«

»Und was wirst du tun?«

»Den genialen Plan von Edward Sampson zur Durchführung bringen. Ich gehe natürlich hin. Komisch! Ihre Stimme hörte sich auch jetzt so an, als säße der Sensenmann auf ihrer Schulter.«

»Vermutlich war es nicht der Sensenmann, sondern ein Haufen guter Freunde, die sich jetzt vor Lachen biegen über den einfältigen Engländer, der den edlen Beschützer spielt.«

»Sie werden nicht lange lachen«, sagte Will Davis verbissen. »Stehst du noch mit Ray in Verbindung?«

»Ray Adam, dem Reporter?«

»Den meine ich.«

»Wir sehen uns manchmal. Er hat nicht viel Zeit für seine alten Freunde. Sein Erfolg macht ihn zu einem überbeschäftigten Mann.«

»Er wird sich Zeit nehmen müssen. Der Bericht über eine prominente Geburtstagsparty fällt schließlich in sein Ressort.«

Edward Sampson zog zweifelnd die Stirn in Falten.

»Aus dem Alter ist Ray heraus. Jetzt musst du ihn schon mit wirklichen Sensationen locken. Mit einem handfesten Skandal zum Beispiel.«

»Wer sagt dir, dass es bei der Party von Gina Montinaro nicht zu einem Skandal kommen wird?«

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DER JOURNALIST RAY Adam war ein quirliger Zwerg, der jedem empfindlich auf den Fuß trat, der ihn nach seiner Körpergröße beurteilte. Zäh hatte er sich hochgearbeitet und war geschätzt und gefürchtet zugleich. Seinem alten Freund Ed Sampson zuliebe hatte er sich bereit gefunden, eine Bildreportage über Gina Montinaro zu schießen. Dass er sich dazu nicht anmeldete, war typisch für ihn. Doch bei dem Trubel der Party fiel ein ungeladener Gast oder ein ungebetener Reporter kaum auf.

Die Diva bewohnte während ihres Aufenthaltes in Brighton eine Zimmerflucht in dem elegantesten Hotel der Stadt, dem »Brightons Star«. Adams Presseausweis verschaffte ihm ohne weiteres Zugang zur sechsten Etage, die an diesem Tag nur Leute mit schriftlicher Einladung betreten durften.

»Da wird Will Davis Pech haben«, vermutete der Reporter für sich, während er sich unter die illustre Menge mischte und nach dem prominenten Geburtstagskind Ausschau hielt.

Natürlich war der italienische Star keine Unbekannte für ihn. Vor fünf oder sechs Jahren hatte er mal ein Interview mit der Diva gemacht. Inzwischen schwammen sie beide im Erfolg. Es versprach ein interessantes Wiedersehen zu werden.

Welcher Art der in Aussicht gestellte Skandal sein würde, hatte Ed nicht verraten. Aber das nahm Ray Adam ihm nicht übel. Er ließ sich gern überraschen und liebte Improvisationen.

Die Hauptperson ließ auf sich warten. Das störte aber die Gäste offensichtlich nicht, denn sie waren bereits jetzt so ausgelassen, als dauerte die Party schon eine Woche.

Ray Adam entdeckte viele bekannte Gesichter. Er war für die meisten der Anwesenden kein Unbekannter, wenn sie ihn auch mit unterschiedlichen Empfindungen begrüßten.

Will Davis war noch nicht da. Hatte man ihn bereits abgewiesen?

Der Reporter wandte sich an eine grelle Blondine, die sich am kalten Buffet über die Tatsache hinwegtröstete, dass sie heute nicht die Hauptperson war.

»Hallo Nelly, bist du auch eingeladen oder interessierst du dich nur für die falschen Diamanten der Gäste?«

Die Blondine nahm diesen Flachs nicht übel. Ein strahlendes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als sie den Reporter erkannte.

»Menschenskind, Ray! Ich wusste gar nicht, dass die Presse heute auch dabei ist. Hast du eine besondere Beziehung zu Gina?« Sie gestattete dem kleinen Mann einen flüchtigen Kuss und korrigierte sofort ihre Kriegsbemalung. Den Drink, den sie Ray Adams anbot, lehnte er ab.

»Im Dienst bleibe ich trocken.«

»Also bist du tatsächlich beruflich hier. Ray, du enttäuschst mich. Ich dachte immer, du wärst jetzt ein großer Fisch im Prominententeich.«

»Na und? Ist die Montinaro kein großer Fisch im Showgeschäft?«

»Stimmt. Aber ohne Skandale. Da gibt es für dich nichts zu holen.«

»Abwarten!«

»Du machst mich neugierig. Weißt du vielleicht mehr als wir alle?«

»Davon lebe ich schließlich.«

»Aber mir wirst du es doch verraten.«

»Kauf dir morgen die Zeitung, Darling! Dann erfährst du alles, was du wissen möchtest.«

»Erscheint auch ein Bild von mir?« Sie setzte ein albernes Cheesecakelächeln auf. Der Reporter winkte erbarmungslos ab.

»Du willst mich wohl ruinieren. Heute sieht meine Linse ausschließlich den Star. Wo ist er denn eigentlich?«

Nelly Fisher zuckte uninteressiert ihre hübschen Schultern.

»Was weiß ich? Wahrscheinlich hat sie wieder eine ihrer Launen. In letzter Zeit ist sie richtig fad.«

»Liebeskummer?«

»Gina?« Die Blondine lachte. »Die stürzt doch ihre Verehrer reihenweise ins Unglück und spült sie mit einem Glas Champagner hinunter. Schau dir den an! Der hat sich wohl verirrt.«

Sie zeigte mit ihrer beringten Rechten auf einen jungen Mann, der eben den Saal betrat und in seinem Smoking inmitten der bunten Gesellschaft fehl am Platz wirkte. Die weiße Nelke, die er in der Hand hielt, gab ihm den Anstrich eines schüchternen Primaners. Er erregte nicht nur bei Nelly Fisher Aufmerksamkeit. Fast alle Köpfe wandten sich ihm zu. Die Gespräche verstummten für einen Augenblick. Doch nicht für lange. In diesem Kreis war man an alles gewöhnt. Sicher versuchte hier nur jemand, einen Filmgewaltigen auf sich aufmerksam zu machen.

Will Davis spürte das Aufsehen, das er erregte. Er hatte es erwartet.

Aber wo war Gina? Sein Auftritt verlor an Wirkung, wenn er die weiße Nelke nicht ihr zu Füßen legen konnte.

Wie bei einer gut einstudierten Szene erschien die Diva genau in diesem Moment. Sie sah prächtig aus. Mit ihrer natürlichen Schönheit, bei der die Kosmetik kaum nachhelfen musste, stellte sie sämtliche weiblichen Gäste in den Schatten. Trotzdem würde keine mit Gina Montinaro tauschen wollen. Sie wankte auf ihre Gäste zu. Ihr angstvoller Blick suchte einen Mann. Mitten im Gewühl entdeckte sie ihn.

»Will!« Der Name klang matt und flehend.

Will Davis eilte auf sie zu. Widerspruchslos öffnete sich ihm eine Gasse. Als er Gina erreicht hatte, lächelte sie ihm schmerzlich zu, griff nach der weißen Nelke und drückte sie an ihre Lippen.

»Du kommst zu spät«, hauchte sie.

Dann stürzte sie zu Boden und war tot.

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DIE FOTOBLITZE ADAMS erinnerten die Damen daran, dass Presse im Hause war. Einzeln und in Gruppen fielen sie wirkungsvoll in Ohnmacht. Ray Adam befasste sich aber ausschließlich mit Gina Montinaro. Er schoss sie aus allen erdenklichen Bildwinkeln.

Will Davis kniete neben der Toten und hielt alles noch für einen dummen Scherz.

»Nein«, stammelte er. »Stehen Sie auf, Gina! Damit scherzt man nicht.«

Ray Adam stieß ihn brutal in die Wirklichkeit.

»Die Dame markiert nicht. Sie ist tot. So tot, wie jeder nur einmal in seinem Leben sein kann. Wie es aussieht, hat ein Verehrer sie zu fest in den Arm genommen.«

Tatsächlich waren am Hals der Leiche Würgemale zu erkennen, die ein natürliches Ableben ausschlossen.

»Mord!«, kreischte eine weibliche Stimme.

Einige der männlichen Gäste hatten es plötzlich eilig, sich zu verabschieden. Sie ahnten, was Will Davis aussprach.

»Das ist ein Fall für die Polizei. Miss Montinaro ist ermordet worden. Der Mörder befindet sich wahrscheinlich noch im Hotel.«

Die Begeisterung von Mister Blake, dem Besitzer des »Brightons Star«, hielt sich in Grenzen, während er die Anordnung traf, sämtliche Türen des Hotels zu verschließen und die Polizei zu informieren. Die Mordkommission von Brighton ließ nicht lange auf sich warten. Inspektor Gallinger leitete die Untersuchungen mit pedantischer Gründlichkeit.

Der Arzt hatte keinen schweren Job. Über die Todesursache gab es keinen Zweifel. Die Todeszeit konnte durch fast zweihundert Zeugen bezeugt werden. Gina Montinaro war erwürgt worden. Jedoch konnte sie noch vom Tatort fliehen, bis sie im Saal zusammenbrach.

Die Spurensicherer waren daher schlechter dran. Zwar fanden sie haufenweise Fingerabdrücke im Ankleidezimmer der Diva. Doch was besagt das schon in einem Hotel?

Keiner der Gäste hatte den Mörder gesehen. Ankleidezimmer, Bad und Schlafzimmer waren durch Türen miteinander verbunden. Vom Schlafzimmer führte eine weitere Tür ins Wohnzimmer. Und von dort aus konnte man durch eine Tür in den Saal gelangen, in dem die Party stattfand. Durch diese Tür kam man aber auch auf den Korridor, durch den man sich unbemerkt unter die sechshundert Gäste des Hotels mischen konnte.

Inspektor Gallinger ließ die Personalien aller Partybesucher feststellen. Dann begannen er und seine Männer mit den Verhören, die bis in die späte Nacht dauerten. Nur bei wenigen der Betroffenen stießen sie auf Verständnis.

Ray Adam ärgerte sich, dass auch er festgehalten wurde und seinen Bericht nicht mehr rechtzeitig für die Morgenausgabe zur Redaktion bringen durfte. Natürlich machte er sich seine Gedanken über den Mord. Er stolperte über die Tatsache, dass er mit der Ankündigung einer Sensation hierher gelockt worden war. Dass Ed Sampson hinter der Sache stecken könnte, wies er weit zurück. Vielleicht war er getäuscht worden. Von Will Davis? Was hätte das für einen Sinn gehabt? Der Mörder würde kaum so dumm sein, sein Verbrechen anzukündigen und neben der Presse auch noch zweihundert Zeugen zu bestellen. Es sei denn, er litt unter krankhaftem Geltungsbedürfnis. Besonders in diesen Kreisen war das denkbar. Irgendein erfolgloser Künstler, ein verschmähter Verehrer der Diva.

Ray Adam wusste, dass Will Davis kein Künstler, sondern ein Handelsvertreter war. Aber das mit dem Verehrer konnte zutreffen. Wie war er zu der Einladung gekommen?

Auch Inspektor Gallinger beschäftigte sich intensiv mit Will Davis. Nicht, weil er ihm von Anfang an besonders verdächtig vorgekommen wäre. Erst seine absurden Aussagen machten ihn interessant.

Während jene durch die Bank versicherten, nichts mit dem Mörder zu tun zu haben, beschrieb Davis den Täter bis in alle Einzelheiten und traute sich sogar zu, ihn jederzeit zu identifizieren.

Allerdings hatte die Sache einen Haken. Die Beschreibung hätte auf einen Gorilla gepasst, niemals aber auf einen Menschen. Ganz offensichtlich wollte der Mörder eine falsche Spur legen.

War er selbst der Mörder? Oder versuchte er, einen anderen zu decken, von dem er wusste, dass er die Schauspielerin erwürgt hatte? Will Davis gab sich keiner Illusion hin.

»Sie glauben mir nicht, Inspektor«, stellte er fest.

»Sie muten mir ein bisschen viel zu, Mister Davis. Nach Ihrer Beschreibung müssten wir nach einem Phantom suchen, mit nur einem Auge mitten im Gesicht und einem Mund so groß wie ein Krater. Und mit Pranken, die selbst bei einem Versuch, zärtlich zu sein, alles zerquetschen müssten. Bei Ihrer Fantasie scheinen Sie Ihren Beruf verfehlt zu haben.«

»Ich bin zufrieden mit meinem Job«, sagte Will Davis, »und habe keine Ambitionen für Film noch für Polizei. Was die einen zu viel an Fantasie besitzen, haben die anderen zu wenig. Muss denn jeder Mörder ein Gangster sein? Warum soll nicht auch mal ein Ungeheuer zuschlagen, von dessen Existenz wir alle uns nichts träumen lassen?«

»Weil es solche Ungeheuer nicht gibt. Solange ich in Brighton meinen Dienst tue, wird es auch keines geben.«

»Na schön! Und was halten Sie von einer Maskierung? Wie könnte sich ein Mörder besser unkenntlich machen als durch eine Maskerade?«

»Und wie könnte er mehr auffallen? In diesem Hotel wohnen zur Zeit rund sechshundert Menschen. Zusammen mit den zweihundert Gästen der Geburtstagsparty und dem Hotelpersonal kommen wir auf annähernd tausend Leute, von denen nicht einer das Scheusal gesehen hat. Auf keiner Toilette oder in keinem Winkel wurde das Kostüm gefunden. Wozu erzählen Sie mir eine solche Geschichte? Was bezwecken Sie damit?«

»Ich will Ihnen helfen, den Mörder zu finden, Inspektor. Ich sagte Ihnen bereits, dass Miss Montinaro ihren Tod vorhergesagt hat. Sie wusste, dass sie ihren Geburtstag nicht mehr feiern würde. Hätte ich sie ernstgenommen, könnte sie vielleicht noch leben. Ich mache mir Vorwürfe.«

»Sie behaupten, die Künstlerin in einem Filmtheater kennengelernt zu haben.«

»Ja. Ganz zufällig. Falls Sie mich für den Mörder halten, Inspektor, muss ich Sie enttäuschen. Es gibt kein Motiv, dafür aber ein Alibi. Als Gina ermordet wurde, befand ich mich hier unter den anderen Gästen.«

»Sie nennen die Tote Gina?«

»Sie hat es mir erlaubt.«

»Also handelt es sich doch nicht nur um eine flüchtige Bekanntschaft. Sie kannten sie schon länger.«

»Nein. Sie schenkte mir ihr Vertrauen, weil sie sich bedroht fühlte.«

»Von wem?«

»Von dem Ungeheuer aus dem Film ,Tanz mit der Bestie‘.«

»Wer war das?«

»Das wollte sie mir nicht sagen. Aber von der Filmgesellschaft können Sie sicher die gewünschte Auskunft erhalten.«

»Vielen Dank für diesen Hinweis. Darauf wäre ich von selbst nie gekommen. Übrigens habe ich erfahren, dass Sie zur gleichen Zeit wie die Montinaro im Saal erschienen. Sie können sie erwürgt haben und danach durch Schlafzimmer und Wohnzimmer in den Saal gelaufen sein, um sich hier ein Alibi zu verschaffen. Einigen Zeugenaussagen zufolge soll die Sterbende ausgerechnet Sie gesucht haben. An wen wird sie in diesem Moment wohl gedacht haben, wenn nicht an ihren Mörder?«

»Ich muss mich korrigieren, Inspektor«, presste Will Davis hervor. »Sie haben ja doch Fantasie. Und dazu noch eine blühende. Wollen Sie mich etwa verhaften?«

»Keineswegs. Ich wollte Ihnen nur deutlich machen, dass so ziemlich jeder die Möglichkeit hatte, den Mord auszuführen. Auch Sie. Aus diesem Grund fällt es mir nicht ein, nach einem Monster zu fahnden.«

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7

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LUCIANO LUCENTINI HATTE sich in ein Hotel an der Esplanade zurückgezogen. Vor 24 Stunden war Gina Montinaro getötet worden. Er saß auf seinem Bettrand mit einer Whiskyflasche. Auf dem Bett lagen zwei Zeitungen. Die eine zeigte auf der ersten Seite ein großes Bild der Diva aus ihrer besten Zeit. Die andere brachte ein ebenso großes Foto von der toten Gina, das Ray Adams geschossen hatte. Lucianos Blick wanderte hin und her, von Bild zu Bild. Gina hatte geschwiegen und musste trotzdem sterben. Nun war sie tot und konnte nicht mehr reden. Wer war das nächste Opfer?

Das Telefon klingelte. Luciano beachtete es nicht. Als der Wecker aber nach Minuten nicht verstummen wollte, riss er den Hörer ans Ohr und brüllte: »Ich will nicht gestört werden.« Dem folgte ein langer italienischer Fluch. Eine nüchterne Stimme bohrte sich langsam in sein Ohr: »Wer hat Gina Montinaro umgebracht?«

Nach einer Schockpause keuchte der Italiener: »Wer sind Sie?«

»Ein Freund Ginas.«

»Wie heißen Sie?«

Statt einer Antwort kam die Frage: »Wo ist das Kostüm des Monsters? Wo waren Sie gestern Abend?«

»Was soll das? Mit welchem Recht ...«

»Die Polizei sucht das Kostüm und sucht Sie. Gina wusste, dass das Monster sie töten würde. Und Sie haben in dem Kostüm des Monsters ...«

»Nein. Ich steckte nicht in dem Kostüm«, schrie er. »Ich war Ginas Freund. Eine Reihe von Filmen haben wir zusammen gedreht. Wir waren lange Zeit das ideale Liebespaar. Wir liebten uns. Als sie einen neuen Partner für Gina gefunden hatten ...«

»Sie haben das Monster gespielt. Das hat der Regisseur des Films gestanden, ebenso der Produzent.«

»Ja, ja, ja - ich hab mich überreden lassen. Es musste ein Schauspieler in dem Monsterkostüm stecken, wenn die Szenen wirken sollten. Ich habe mich breittreten lassen. Dafür hat man versprochen, meinen Namen zu verschweigen und mir im nächsten Film eine tragende Rolle zu geben. Ich habe die ersten Szenen gespielt. Dann wollte ich nicht mehr. Ich weiß nicht, wer das Ungeheuer weitergespielt hat. Ich will es gar nicht wissen. Lassen Sie mich in Ruhe!« Er warf den Hörer auf die Gabel und nahm einen großen Schluck aus der Whiskyflasche.

Wer war das? Was wollte er? Die Polizei suchte ihn. Wollte man ihm den Mord anhängen und an den Galgen bringen?

Er wollte nicht sterben. Und schon gar nicht so.

Er hätte sich niemals auf diese Geschichte einlassen dürfen. Doch für diese Einsicht war es jetzt zu spät.

Flucht! Das war das Einzige, was ihn retten konnte. Er durfte keine Zeit verlieren.

Der Italiener riss einen Lederkoffer aus dem Schrank. Hastig warf er Hemden, Krawatten, Schuhe und Toilettenartikel hinein. Dann schlug er den Deckel zu, kniete darauf und verriegelte die beiden Schlösser, wobei es ihm egal war, dass ein Hemdsärmel zur Hälfte heraushing. Er warf sich sein Sakko über, in dem Brieftasche und Scheckbuch steckten, warf noch einen letzten Blick in den Spiegel und stellte fest, dass er aussah wie sein eigener Großvater. Dann stürzte er zur Tür, riss sie mit einem Ruck auf und prallte zurück. Vor ihm stand einer, der ihn finster anstarrte.

Seine Überraschung dauerte nur zwei Sekunden, dann hatte er sich wieder in der Gewalt.

Bevor sein Gegenüber handeln konnte, ergriff Luciano Lucentini die Initiative. Sein Koffer polterte auf den Boden. Seine Gerade zuckte wie ein Pfeil vor und traf ihr Ziel genau.

Es war wie im Film. Der Gegner riss die Augen erstaunt auf und riss die Fäuste hoch. Doch die Linke des Italieners hob ihn aus den Schuhen. Der Fremde drehte sich ganz langsam um seine eigene Achse. Einen Augenblick lang sah es so aus, als würde er sich wieder fangen. Doch dann stürzte er steif auf den Fußboden.

Luciano Lucentini hatte sein berühmtes Filmlächeln im Gesicht. Aber nicht lange.

Das hier war keine Show. Die andere Seite war schneller gewesen, als er befürchtet hatte. Sie fackelten nicht lange. dass sie ihm einen geschickt hatten, der sich so leicht überrumpeln ließ, passierte ihnen bestimmt kein zweites Mal.

Hastig hob er seinen Koffer auf und stieg über den am Boden Liegenden hinweg.

Am Lift überlegte er es sich anders und vertraute sich lieber der Treppe an.

Drei Stufen auf einmal nehmend, erreichte er die Empfangshalle. Er hinterließ seine Karte und bat, ihm die Rechnung nachzuschicken, da er in größter Eile sei und seine Maschine keinesfalls verpassen dürfe. Ein rasch hingeworfenes fürstliches Trinkgeld wischte alle Bedenken beiseite. Der Filmschauspieler fand sogar ein wartendes Taxi vor dem Portal des Hotels.

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8

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WILL DAVIS HATTE EIN schlechtes Gewissen. Gina hatte ihn um seine Hilfe gebeten. Er aber hatte sich von Ed verrückt machen lassen und war zu der Geburtstagsparty gegangen, um Gina zu blamieren. Sie hatte ihn sicher früher in ihrem Zimmer erwartet. Hätte er ihr gefolgt, würde er den Mord verhindert haben.

Die Grübelei machte Will krank. Er musste etwas tun. Die Polizei war auf seine Aussage über Ginas Angst nicht eingegangen. Der Inspektor hatte aber wenigstens den Verdacht fallen lassen, dass er, Will Davis, der Mörder sein könnte.

Will schlich um das alte Hotel herum, in dem sich die Hersteller des Film etabliert hatten. An die Spitze war natürlich nicht heranzukommen. Aber in einer Kneipe, aus der das »Bodenpersonal« - Bühnenarbeiter, Beleuchter, Kabelträger, Komparsen, Kamerahelfer, Garderobiers, Skriptgirl's - eine Kantine gemacht hatten, kam Will nach vielen Fehlversuchen mit einem Aufnahmeleiter ins Gespräch. Er stellte sich als intimer Freund Ginas vor und machte aus dem einzigen Gespräch, das er mit der Diva gehabt hatte, einen intimen Roman. Aber erst, als er fragte, warum sie überhaupt in Brighton gedreht hätten, wurde sein Partner mobil.

»Ich hab gleich gesagt, das geht schief«, regte er sich auf. »In Brighton sind in der Urzeit ein paar berühmte Filme gemacht worden. Der Produzent, der den Monsterfilm gemacht hat, wollte hier so etwas wie eine Wiederauferstehung einstmals großer Zeiten in Gang bringen. In der Londoner Filmstadt wäre er nur einer von vielen gewesen. Hier aber ... Pustekuchen.«

»Warum seid ihr denn überhaupt noch hier?«, fragte Will neugierig.

»In einer Woche sollen hier die ersten Außenaufnahmen für den zweiten Film des Produzenten gedreht werden. Darin sollten Gina und Ettore als neues Liebespaar von den Toten auferstehen.«

»Wer ist Ettore?«

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925296
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v454647
Schlagworte
ginas tanz bestie

Autor

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Titel: Ginas Tanz mit der Bestie