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Der Schaltjahr-Vampir

2018 140 Seiten

Leseprobe

Der Schaltjahr-Vampir

Gruselkrimi von Wolf G. Rahn


Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.


Zwei Jugendbanden, denen das Leben in der Kleinstadt Gaynehead zu langweilig ist, suchen spannende Abenteuer. Bei einer ihrer Mutproben kommt Jack Filgran von den »Superiores« ums Leben. Sogleich wird Rip Davis, ein neues Mitglied der rivalisierenden Bande »Stubborns«, verdächtigt. Da in der Provinzstadt schon lange das Gerücht umgeht, dass der »Schlürfer«, ein Vampir, des Nachts auf dem Friedhof umgeht, beschließen die »Superiores«, dass der vermeintliche Mörder Filgrans dem Vampir geopfert werden soll. Seltsamerweise überlebt Rip den mörderischen Biss! Ist er jetzt dazu verurteilt, sein Dasein als grauenerregender Blutsauger zu fristen …?



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

w ww.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Prolog

Die dunkle Gestalt ging von Grab zu Grab. Sie hatte es nicht eilig und schien etwas zu suchen. Wiederholt beugte sie sich herab und las die Inschrift eines Steins. Sofort richtete sie sich dann wieder auf und setzte ihre nächtliche einsame Tour fort.

Es war nicht möglich, in dem Wesen einen Mann oder eine Frau zu erkennen. Der lange Umhang, der fast bis zum Boden reichte, hüllte die Gestalt ein, die Kapuze verdunkelte das Gesicht völlig.

Dabei war es nicht sonderlich finster auf dem Gelände. Der Mond versteckte sich nur hin und wieder hinter einer Wolke, meistens zeigte er sich in voller Größe.

Die Wege waren mit Kies aufgeschüttet. Dennoch blieben die Schritte unhörbar. Es schien ein Schweben zu sein, zumal der Umhang auch die Bewegungen der Beine verbarg.

Die Gestalt glaubte, allein zu sein. Deshalb erschrak sie, als sie ein Geräusch hörte.

Es drang von dem schmiedeeisernen Tor herüber, das sich quietschend in den Angeln drehte.

Die Gestalt blickte gehetzt in die Richtung, eilte zwischen den Denkmälern hindurch, duckte sich und war plötzlich wie vom Erdboden verschluckt …



1

In Gaynehead erloschen die Lichter. Am Rand der Kleinstadt ging ein gedrungener Mann mit gerötetem Gesicht in seiner Wohnung zum Fernsehapparat und schaltete ihn aus. Dann warf er einen Blick auf die altmodische Uhr, die an der Wand über der Kommode hing, und brummte: »Ist sie immer noch nicht da?«

Sharon Ferrell, seine Frau, knetete nervös die Finger. »Es ist schon nach elf«, sagte sie, ohne die Frage ihres Mannes zu beantworten. »Ich mache mir Sorgen.«

»Sorgen?« Jordan Ferrell griff zur Bierflasche und setzte sie an die Lippen. Dann rülpste er ungeniert und stellte sie wieder zurück. »Sorgen soll sie sich lieber selbst machen. Ich werde ihr anständig die Leviten lesen, wenn sie kommt. Wenn sie sich nachts herumtreiben will, kann sie gleich Geld damit verdienen.«

»Jordan!«

»Ist doch wahr ... Schließlich haben wir das Mädel nicht großgezogen, damit es sich die Nächte um die Ohren schlägt, sondern dass mal was Anständiges aus ihm wird. Lilia soll es mal besser haben als du und ich.«

»Deshalb hat sie ja auch diesen Kurs belegt. Es gefällt mir nur nicht, dass er drüben in Thunderbell abgehalten wird. Es ist gefährlich für ein Mädchen in ihrem Alter, so spät noch auf der Straße zu sein. Es treiben sich genügend Burschen herum, die ihr vielleicht mal am Fluss auflauern. Außerdem muss sie am Friedhof vorbei. Du weißt genau, was ich meine.«

Jordan Ferrell war erregt. »Kommst du mir schon wieder mit deinem blödsinnigen Phantom?«

»Das ist kein Blödsinn«, beharrte die Frau. Sie war klein. Ihre braunen Haare, in die sich schon viel Grau gemischt hatte, trug sie zu einer Knotenfrisur nach hinten gekämmt. Sie machte viel zu wenig aus sich, und es war kein Wunder, dass ihr Mann sich von Zeit zu Zeit, wenn es ihn überkam, wie er am Stammtisch prahlte, etwas Attraktiveres suchte.

»Natürlich ist es Blödsinn«, fauchte Jordan Ferrell. »Und mit deinen Spinnereien steckst du das Mädel auch noch an. Lilia kommt mir manchmal schon seltsam vor.«

»Seltsam?«

»Sie hat oft einen Blick, als befände sie sich ganz weit weg. Sie sieht einfach durch mich hindurch, als wäre ich ein Geist. Dann wieder liegt ein unheimliches Lächeln auf ihren Lippen, dass einem himmelangst werden kann.«

»Sie ist überarbeitet«, erklärte Sharon Ferrell. »Wenn der Lehrgang vorüber ist, muss sie mal richtig Urlaub machen.«

»Sie braucht nur pünktlich nach Hause zu kommen, dann bleibt sie auch bei Kräften. Ich gehe jetzt jedenfalls schlafen. Morgen früh muss ich wieder raus.«

Die Frau druckste herum. »Sollten wir ihr nicht ein Stück entgegengehen?«, meinte sie zaghaft.

Der Mann trank den Rest des Bieres und sah Sharon verwundert an. »Ist sie vielleicht noch ein Kind, das nicht den Weg findet? Lilia ist zweiundzwanzig und damit erwachsen. Ich denke nicht daran, mir ihrer Launen wegen die Nacht um die Ohren zu schlagen.«

Sharon Ferrell sagte nichts mehr und wartete, bis ihr Mann im Schlafzimmer verschwunden war. Dann schlug sie sich ein Tuch um die Schultern und verließ das Haus.

Vom nahen Kirchturm hallten zwei Schläge. Halb zwölf ...



2

Rip Davis bemerkte die unheimliche Gestalt nicht. Sonst hätte er sich nicht mehr so selbstbewusst an die Aufgabe gemacht, die ihm zur Mitgliedschaft bei den »Stubborns« verhalf.

Solly Strong war mit den anderen draußen geblieben. Rip wusste, dass sie außen um den Friedhof herumliefen, um ihn jenseits der Mauer zu erwarten. Von jetzt an hatte er genau zwanzig Minuten Zeit.

Der Junge war zum ersten Mal hier, aber er fürchtete sich nicht. Im Grund wusste er überhaupt nicht, was Angst bedeutete. Er hielt sich für unbezwingbar und träumte davon, mal Rädelsführer zu werden.

Rip Davis hätte sich nicht gescheut, in einem Leichenschauhaus Billard zu spielen, oder unter einem Galgen wenn es die noch gäbe eine ganze Nacht zu schlafen. Den Spaziergang über einen nächtlichen, dazu noch vom Mond beleuchteten Friedhof betrachtete er fast als Kränkung.

Er begriff nicht, dass Jungs solchen Horror davor besaßen, und er verspürte nicht geringe Lust, den Spieß umzudrehen und seinen Aufpassern einen gehörigen Schrecken einzujagen.

Rip Davis lachte bei dem Gedanken in sich hinein. Zu gern hätte er ihre Gesichter gesehen, wenn er plötzlich, mit einem Leintuch bekleidet, über die Mauer stieg. Aber leider hatte er nicht rechtzeitig daran gedacht, und deshalb fehlte ihm jetzt das notwendige Requisit.

Seufzend machte er sich auf den Weg. Das Quietschen des Tores amüsierte ihn. Er bewegte es absichtlich ein paarmal und kicherte. »Jetzt werde ich wohl sämtliche Schlürfer und Schmatzer verjagt haben«, sagte er zu sich selbst und fand diesen Witz großartig.

Der Friedhof von Thunderbell war wie jeder andere. Der Junge konnte beim besten Willen nichts Ungewöhnliches feststellen. Nicht mal die Grabdenkmäler waren überdurchschnittlich hässlich.

Ein Bronzeengel breitete seine mächtigen Schwingen über ein Familiengrab gleich am Anfang des Areals. Rip Davis betrachtete ihn aufmerksam. »Ich glaube, Dracula konnte auch durch die Luft fliegen«, murmelte er. »Schade, dass ich das nicht mehr erlebt habe. Das waren wenigstens noch richtige Abenteuer. Aber jetzt?«

Er marschierte weiter, während er die Höhe der umlaufenden Mauer abschätzte. Nicht mal dafür würde es einer besonderen Anstrengung bedürfen.

Er nahm sich vor, schwierigere Mutproben durchzusetzen, falls wieder mal ein Junge den »Stubborns« beitreten wollte. Zum Beispiel würde er ihn die ganze Nacht neben einer aufgebahrten Leiche in der Kapelle Wache halten lassen, obwohl auch dazu wenig Courage gehörte.

Für kurze Zeit verschwand der Mond wieder hinter einer Wolke. Irgendwo in den Bäumen, die den Friedhof außerhalb der Mauer säumten, schrie eine Eule. Es klang eigenartig lockend. Wie die Werbung für diese letzte Ruhestätte.

Auf der linken Seite zwischen den Gräbern blitzte es kurz auf. Es war wie das Leuchten eines hellen Schleiers.

Rip Davis fuhr herum. Seine Augen hefteten sich auf den leuchtenden Fleck, der sich bewegte. Mit einem Mal fielen die Prognosen der »Stubborns« über ihn her. Er ärgerte sich selbst darüber, aber plötzlich war ihm gar nicht mehr zum Lachen und Spaßmachen zumute. Dort drüben kauerte eine Gestalt!

Rip Davis hielt den Atem an. Sicher hatte sie ihn längst bemerkt und sich nur deshalb nicht gerührt, um ihn näher kommen zu lassen.

Trotz eines flauen Gefühls im Magen weigerte sich Rip, an Gespenster oder Vampire zu glauben. Das hatte er schon als Kind nicht getan, und inzwischen war er immerhin fast zwanzig.

Wie sollte er sich verhalten? Ging er trotzig geradeaus weiter, oder schlich er besser an der Mauer entlang, in der Hoffnung, dass sich die Gestalt nicht weiter um ihn kümmerte? War es vielleicht nur ein Streich, den ihm die Bande spielte? War dies überhaupt der Grund, warum sie ihn ausgerechnet zum Friedhof geschickt hatten?

Ja, so musste es sein ... Unter dem weißen Fetzen verbarg sich Solly Strong oder einer der anderen und amüsierte sich über seine Unentschlossenheit. Er durfte sich jetzt nicht blamieren, sonst hatte er für alle Zeit den Spott am Hals.

Andererseits fiel ihm ein, dass keiner der Jungs gefehlt hatte, als sie ihn zum Tor begleiteten. Es hätte also sehr schnell gehen müssen, wenn einer sich verkleidet, die mannshohe Mauer überwunden und hier versteckt hätte. Und das wäre kaum möglich gewesen, ohne dass er es bemerkt hätte ...

Rip Davis blickte verstohlen auf die Uhr am Handgelenk. Er hatte nur noch eine viertel Stunde. Wenn er hier Wurzeln schlug, konnte er gleich einpacken. Wie würden sie über ihn lachen!

Er atmete tief durch und ging rasch weiter. Dabei bemühte er sich, zur anderen Seite zu sehen. Doch das gelang ihm nicht. Wie magisch wurde sein Blick immer wieder von der Stelle angezogen, an der er die fremde Erscheinung wusste.

Gerade bewegte sie sich wieder, hob wie lauschend ihren Kopf und wandte ihm sogar das Gesicht zu.

Rip Davis erschrak bis auf die Knochen. Der Blick aus tiefschwarzen Augen drang ihm wie eine Nadel durchs Herz. Er begann zu zittern und wünschte sich nichts sehnlicher, als zu Hause im Bett zu liegen und die »Stubborns« mit ihrer verdammten Mutprobe zu vergessen.

Als die Gestalt sich erhob und ihm wie aus weiter Ferne zuwinkte, war es mit seiner Fassung vorbei. Er nahm die Beine in die Hand und rannte so schnell, wie er sich nicht entsinnen konnte, jemals gelaufen zu sein.

Der Kies spritzte hinter ihm zur Seite. Er vernahm ein Geräusch neben sich und fühlte, wie ihn die Kälte überfiel.

Um ein Haar wäre er in eine offene Grube gestolpert. Der Totengräber hatte sie für eine Beerdigung hergerichtet und nicht ordnungsgemäß abgedeckt. Rip Davis war, als ob es sich tief unten rührte. Wie ein schwarzes, bösartiges Tier.

Nun fühlte sich der Junge von allen Seiten beobachtet und bedroht. Für einen Moment schaute er sich um. Er zögerte. Sollte er nicht besser umkehren und durch die angelehnte Eisentür das Weite suchen? Er hatte dann die Mutprobe zwar nicht bestanden, aber dafür war er mit heiler Haut davongekommen. Was nützte ihn die Mitgliedschaft bei der Gruppe, wenn Gespenster über ihn herfielen ... Die würden sich von seiner Zugehörigkeit zu den »Stubborns« kaum beeindruckt zeigen.

Er war entschlossen aufzugeben, als er sah, dass die weiße Gestalt unverkennbar weibliche Gesichtszüge trug, ihre Arme hob und ihm entgegenstreckte. Dabei seufzte sie so schaurig, dass es Rip eiskalt durchrieselte. Es klang hohl wie aus einem tiefen Grab.

Der Rückweg war ihm abgeschnitten. Er hatte keine andere Wahl mehr. Er musste vorwärts.

Überall knisterte und knackte es. Eine Wolke schob sich wieder vor den Mond. Unheilvolle Schatten schwebten über die Gräber. Lautloses Ächzen und Stöhnen füllte die Luft.

Panik ergriff den jungen Mann. Er schloss die Augen und lief, als sei der Teufel mit allen höllischen Wesen hinter ihm her. Er wusste, dass es jetzt nur noch auf seine Schnelligkeit ankam. Wenn ihm die Füße den Dienst versagten, war er verloren.

Die weiße Gestalt verfolgte ihn. Hatte es noch einen Zweifel gegeben, so war er endgültig ausgeräumt. Sie wollte zu ihm. Sie trachtete ihm nach dem Leben ...

Rip Davis wusste nicht, ob er geschrien hatte. Den Wunsch dazu konnte er jedenfalls nicht abschütteln.

Den Kopf in hysterischer Angst nach hinten auf seine Verfolgerin gewandt, rannte er voll gegen die grau getünchte Mauer.

Er sah ein Meer von Sternen und knickte in sich zusammen.

Aus der Tiefe klang schauriges Gelächter. Es riss den Jungen augenblicklich in die Höhe. Noch immer benommen, tastete seine Hand an der rauen Mauer entlang und rieb sich blutig.

Rips Finger fassten den obersten Rand. Sie packten entschlossen zu, krallten sich in das Gestein und zogen den entnervten Körper in die Höhe.

Auf der anderen Seite erschien sein Gesicht kalkweiß wie das eines Toten ...

Die Meute begrüßte ihn mit verhaltenem Raunen. Der Mond tauchte wieder auf. Im fahlen Licht erkannten sie die wahre Gesichtsfarbe ihres neuen Mitgliedes nicht.

»Na, wie war’s?«, fragte Solly Strong und verbarg seine Anerkennung nicht.

Rip Davis prüfte rasch, ob alle anwesend waren. Tatsächlich! Keiner fehlte. Niemand von ihnen hatte sich mit ihm innerhalb der Mauer befunden. Und trotzdem war er nicht allein gewesen.

Zwölf Glockenschläge wehten herüber. Es war die Turmuhr der Kirche von Gaynehead. Mitternacht!

Dieser Gedanke öffnete noch mal sämtlich Poren und ließ Rip Davis in Schweiß baden. »Wie soll’s schon gewesen sein«, meinte er leichthin, konnte aber nicht verhindern, dass seine Stimme vibrierte. »Stinklangweilig für einen alten Fuchs.«

Anerkennendes Gemurmel quittierte die Prahlerei.

»Du hast ihn also nicht gesehen?«

»Gesehen? Wen?«

»Na, den Schlürfer.«

Rip Davis lachte gezwungen. Er fühlte, wie sich an seinem Hals, dicht über dem Kragen der Lederjacke, etwas festsaugte. Unwillkürlich strich er mit der Hand darüber. Es war natürlich nur Einbildung gewesen. »Die Geisterstunde fängt ja erst an«, witzelte er krampfhaft. »Aber wenn ihr Lust habt, können wir ja auf den durstigen Vampir warten.«

Sie starrten Rip entgeistert an.

»Bist du verrückt?«, stieß Solly Strong hervor.

Dann beeilten sie sich, von hier wegzukommen, und keiner war froher darüber als Rip Davis.



3

Sharon Ferrell traf ihre Tochter auf der anderen Seite des Echoflusses. Ihr fiel ein Stein vom Herzen.

Sie wartete, bis Lilia sie erreicht hatte, dann sagte sie mahnend: »Du kommst spät, meine Liebe. Vater ist sehr ungehalten. Der Kurs ist doch, soviel ich weiß, schon um zehn zu Ende.«

Lilia Ferrell umarmte ihre Mutter. Sie war um einen guten Kopf größer als die Frau. »Du hast recht, Mam, aber mir geht so viel im Kopf herum. Nach der ganzen Gelehrsamkeit brauche ich einfach Luft, sonst ersticke ich.«

»Du solltest nicht so viel grübeln. Vater sagt das auch. Und wenn du Luft brauchst, kannst du dich in unseren Garten setzen und ein wenig mit uns plaudern. Taflers Jerrine tut das jeden Abend.«

»Jerrine ist ganz anders als ich, Mam.«

»Aber ihr seid doch Freundinnen.«

»Das schon. Trotzdem hat sie in vielen Dingen entgegengesetzte Ansichten. Das spüre ich in letzter Zeit immer deutlicher. Ich kann mich mit ihr fast nicht mehr unterhalten. Wir haben uns einfach nichts zu sagen und reden aneinander vorbei.«

»Und wir? Reden wir auch aneinander vorbei?«

Lilia Ferrell schlang stürmisch die Arme um den Hals ihrer Mutter. »Du weißt, dass das nicht so ist. Aber mit manchen Problemen muss man einfach allein fertigwerden. Da kann einem niemand helfen. Nicht mal die eigene Mutter, verstehst du das?«

»Ich weiß nicht. Ich glaube nicht, dass ich das verstehe.«

Sie schritten nebeneinander her und schwiegen. Erst als ihr Haus in Sicht kam, ergriff das Mädchen noch mal das Wort. »Glaubst du an ein Leben nach dem Tod, Mam?«

Sharon Ferrell sah ihre Tochter überrascht an. »Aber Liebes, haben wir dich nicht stets im Glauben an Gott erzogen?«

Lilia schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Das meine ich nicht. Ich will sagen, hältst du es für möglich, dass ein Mensch, der schon lange tot ist, plötzlich auf die Erde zurückkommt, sich dort genauso bewegt, wie er es früher getan hat, vielleicht sogar mit dir spricht oder doch zumindest deine Gedanken für sich in Anspruch nimmt?«

»Mein Gott, Kind«, stöhnte die Mutter, »jetzt weiß ich, wovon du redest. Du meinst den Schlürfer.«

»Ja, Mam, den meine ich. Ist es nicht denkbar, dass dieser angebliche Blutsauger nur eine bedauernswerte Seele ist, die um ihre Erlösung ringt?«

Sharon Ferrell stampfte heftig mit dem Fuß auf. »Ich will davon nichts hören«, sagte sie. »Und sprich auch nicht mit Vater darüber. Er könnte sonst böse werden. Dieser Vampir ist etwas Entsetzliches ... Bete zu deinem Schöpfer, dass er uns dieses Jahr heil überstehen lässt.«

»Soll ich auch für den Vampir beten?«

»Versündige dich nicht! Geh jetzt zu Bett ... Morgen gehst du zu Doc Medley. Er wird dir eine Medizin verschreiben, die deine angespannten Nerven etwas beruhigt.«

»Siehst du«, flüsterte das Mädchen, »das hatte ich damit sagen wollen. Mit manchen Problemen muss man allein fertigwerden. Da kann einem niemand helfen.«



4

Die »Superiores« war eine der beiden Banden von Gaynehead, denen das Leben in der Provinzstadt zu langweilig war und die aus diesem Grund prickelnde Abwechslung suchten.

Von den »Stubborns« unterschieden sie sich durch zwei Merkmale. Erstens trugen sie keine Lederkleidung mit Glitzerzeug, sondern hautenge Anzüge aus Latex, die sie sich selbst geschneidert hatten, und zweitens befand sich in ihren Reihen ein Mädchen.

Conchata Syle war häufig der Anlass zu Schmähungen seitens der »Stubborns«, denn für diese Gruppe, war ein Weiberrock als aktives Mitglied eine Unmöglichkeit. Laut hatten sie sich allerdings nur ein einziges Mal darüber abfällig geäußert, dann hatten sie erfahren, dass die »Superiores« in dieser Beziehung wenig Spaß verstanden.

Conchata Syle war zwar nicht der Boss, aber sie kam gleich nach Avery Graham, der diesen Posten innehatte. Sie war ein bildhübsches Geschöpf mit schwarzen Haaren, bei denen sie wahrscheinlich etwas nachgeholfen hatte, einer Figur wie ein Mannequin und einem Gesicht wie ein Engel.

Das war aber auch das einzige Engelhafte an ihr. Innerlich glich sie eher einem Kobold, und was den Jungen an Unfug nicht einfiel, kam bestimmt ihr in den Sinn.

Auch der Einfall, die Kirchturmuhr um eine Stunde zurückzustellen, stammte von ihr, und die Boys spendeten ihr begeistert Beifall.

»Das wird ein Spaß«, meinte Jack Filgran mit seinem schwammigen Gesicht und den roten Haaren, auf die er wie auf ein Markenzeichen stolz war.

»Conchata, du bist die Größte«, erklärte Avery Graham anerkennend. »Nach mir natürlich, versteht sich.«

»Das weiß ich«, konterte das Mädchen. Ihre Figur zeigte in dem knappen Latexanzug besonders gute Konturen. Die Burschen kamen dabei auf alle möglichen Gedanken, die in die gleiche Richtung zielten. Allerdings wussten sie, dass es wohl immer bei den bloßen Gedanken blieb, denn Conchata verstand es handfest, sich gegen Zudringlichkeiten zu wehren.

»Und wer soll es machen?«, fragte einer.

»Natürlich der, der am besten klettern kann«, sagte der Boss. »Ich schlage vor, Duggie übernimmt das.«

Brausendes Gelächter ertönte. Sogar Duggie machte herzhaft mit. Er wog gut zwei Zentner und war dabei so knorrig wie ein Pudding, solange er noch warm ist. Wenn er sich anstrengte, gelang es ihm, eine Bordsteinkante zu erklimmen. Zu viel mehr reichte es nicht.

Dafür verfügte er über Fähigkeiten, die die Kerle schätzten. In seinem Latexanzug wirkte er abenteuerlich, und sein etwas zu klein geratener Kopf sah aus wie der Zipfel einer prall gestopften Blutwurst.

»Wenn du mich da raufträgst, mache ich es glatt«, sagte er ungerührt.

Avery Graham wehrte entsetzt ab. »Ich bin doch kein Schwerathlet«, sagte er. »Also wie ist es? Freiwillige vor!«

Niemand drückte sich. Alle trauten es sich zu, von außen den Turm zu erklettern und die Manipulation an den Zeigern vorzunehmen.

Die Wahl fiel schließlich auf Jack Filgran, der ohne mit der Wimper zu zucken akzeptierte. »Soll ich gleich rauf?«, fragte er nur.

»Dachtest du vielleicht, nächstes Jahr? Oder wolltest du vorher noch deine Hose waschen?«

»Du brauchst keine Angst haben, Avery. So schnell schlottern mir nicht die Knie. Kommt ihr mit, oder soll ich es allein machen?«

»Besser ist, du gehst allein«, meinte der Boss. »Es ist nicht nötig, dass man zu früh aufmerksam wird.«

»Okay«, sagte der Rothaarige. »In einer Stunde bin ich wieder zurück.«

»Das schaffst du nie in so kurzer Zeit«, behauptete Conchata zweifelnd.

Jack Filgran grinste. »Ich meine natürlich nach der neuen Zeitrechnung«, sagte er und machte mit dem ausgestreckten Zeigefinger eine Bewegung, als drehte er einen Uhrenzeiger zurück.

Alle johlten.

Dann ging der Bursche von den »Superiores« auf die. Kirche von Gaynehead zu. Dass er bei dem nächtlichen Abenteuer nicht allein sein würde, ahnte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Sonst hätte er sich das Ganze wahrscheinlich noch mal überlegt.



5

Die Gestalt erhob sich wieder, leises, amüsiertes Lachen drang über das Gräberfeld.

Ihre Bewegungen waren vorsichtiger. Sie hatte anscheinend etwas dagegen, entdeckt zu werden. Zum Beispiel von jener weißen Frau, die ihr vorher entgangen war und die sie auch jetzt nicht mehr sehen konnte.

Aber sie hatte sich die Stelle gemerkt, wo sie kauerte. Dorthin schritt sie nun, wobei sie jedes Geräusch vermied.

Sie verharrte vor einem Grab, das völlig verwahrlost war. Keine einzige Blume wuchs auf dem Erdhügel, der mit Moos und Unkraut bedeckt war. Von dem billigen Holzkreuz war nur noch das unterste Stück erhalten. Der Querbalken, der vermutlich Namen und Sterbedaten des Toten getragen hatte, war längst verwittert.

Die Gestalt bückte sich. Eine bleiche Hand kroch unter dem schwarzen Umhang hervor und glitt über die feuchte, muffige Erde.

Die Turmuhr von Gaynehead schlug. Die Geisterstunde begann. Ob sich die Gespenster daran hielten?

Die Unheimliche wandte ihr Gesicht nicht dem Mondlicht zu. Fast ängstlich verbarg sie es unter der Kapuze. Sie lauschte. Hatte sie nicht eben seltsame Geräusche vernommen?

Nein, es war nichts. Nur Täuschung. Wie immer. Und wie lange noch? War vielleicht alles vergebens? Fiel alles wie ein Kartenhaus in sich zusammen?

Die Gestalt verharrte bewegungslos. Nichts rührte sich mehr. Es war nicht mal zu hören, ob der Gespenstische atmete.

Nach einer Stunde, die Kirchturmuhr hatte sich wieder gemeldet, erhob er sich feierlich. Der Nachtwind bauschte seinen Umhang, er blähte sich mächtig auf, und es sah aus, als flöge ein riesiger schwarzer Vogel auf den Ausgang zu. Oder eine Fledermaus ...



6

Jack Filgran kletterte wie eine Katze, obwohl er gerade diese Tiere nicht ausstehen konnte. Sie flößten ihm Unbehagen ein. Seiner Meinung nach waren sie falsch und tückisch.

Die Kirche von Gaynehead war kein großes Gotteshaus. Es bot nur knapp dreihundert Gläubigen Platz, und trotzdem war sie zu den Festtagen gefüllt.

Der Turm besaß eine Höhe von knapp vierzig Metern. Darauf thronte dann noch das goldene Kreuz. Die Uhr befand sich gleich unterhalb des Glockengehänges. Sie war höchstens fünfunddreißig Meter vom Erdboden entfernt.

Für Jack Filgran war das ein Kinderspiel. Seine Hauptsorge war, dass er durch einen dummen Zufall vorzeitig entdeckt wurde. Deshalb blickte er häufig nach allen Seiten und war erst wieder beruhigt, wenn er den Marktplatz und die auf ihn zulaufenden Straßen menschenleer fand.

Er ging um das majestätische Gebäude herum und begann schließlich mit dem Aufstieg.

Jack Filgran trug Tennisschuhe. Er klebte damit an dem rauen Putz wie eine Klette. Seine geschickten Finger fanden jeden Vorsprung, der ihm als Halt dienen konnte, und er kam zügig voran.

Von Zeit zu Zeit bückte er hinauf, wo das große Rund der Uhr mit dem römischen Zifferblatt schwebte. Ein Heidenspaß, wenn er daran dachte, wie morgen die Bürger die Welt nicht mehr verstanden, wenn der gewohnte Ton der Glocke sie eine Stunde zu spät weckte.

Natürlich würde man schnell herausfinden, auf wessen Konto dieser Streich ging. Aber das machte nichts. Die Hauptsache war, dass sie sich eine Zeit lang ärgerten und vor allem die »Stubborns« vor Wut platzten, weil ihnen das nicht eingefallen war.

Er erreichte die Uhr ohne den geringsten Zwischenfall und genoss für einen Moment die Höhenluft. Schade, dass die anderen ihn nicht sahen, vor allem Conchata. Vielleicht wäre sie dann nicht mehr ganz so unnahbar ihm gegenüber. Das Mädchen war Klasse.

Um den Minutenzeiger eine Umdrehung zurückzustellen, musste sich Jack Filgran auf die Mittelachse hocken, die nur wenig herausstand. Das war eine knifflige Angelegenheit, aber sie erfüllte ihn keineswegs mit Angst. Die Sache war es wert, dass er ein bisschen was riskierte.

Er zog sich hoch, packte den Minutenzeiger, der gerade schräg nach unten wies, und klammerte sich wie ein Affe daran. Mit dem nächsten Schwung hievte er sich auf den Achsstummel und triumphierte. Es war geschafft.

Mit der linken Hand klammerte er sich an den Stundenzeiger, der zwischen der eins und der zwei nur scheinbar bewegungslos verharrte. Mit der Rechten drehte er den Minutenzeiger, wobei er sich weit nach unten beugen musste und mehrmals seine Stellung wechselte.

Als sich die beiden Zeiger deckten, ruhte er einen Moment aus. Die Aktion hatte Kraft gekostet.

Drüben von Thunderbell grüßte die kleine Friedhofskapelle herüber. Ihre Silhouette hob sich vor den dahinziehenden Wolken nahezu gespenstisch ab. Die zerrissenen Fetzen jagten um den niedrigen Turm, obwohl kein Wind zu spüren war. Der Mond schickte sein bleiches Licht zu den Gräbern hinab und tauchte die ganze Szenerie in ein milchiges Glimmen.

Jack Filgran hatte für romantische Bilder nichts übrig, sonst hätte er dem Schauspiel stundenlang zugesehen. So erinnerte er sich, dass er mit seiner Aufgabe erst zur Hälfte fertig war, und riss sich von dem Anblick los, um den Zeiger in die geplante Stellung zu bringen.

Aber unwillkürlich schaute er doch wieder zu der Kapelle hinüber. Etwas schien ihm dort merkwürdig zu sein, und er wollte feststellen, was ...

Sollte es sich um den Vogel gehandelt haben, der erst um den Turm kreiste, bevor er den Weg über den Fluss einschlug?

Das war unwahrscheinlich. An einem Vogel war nichts Außergewöhnliches. In dieser Gegend wimmelte es von Krähen, Lerchen und nachts von Eulen.

Manchmal hatte er auch schon einen Habicht gesichtet.

Aber es handelte sich immerhin um die Entfernung von einer Meile. Obwohl Jacks Augen ausgezeichnet funktionierten, traute er sich doch nicht zu, aus diesem Abstand einen einzelnen Vogel zu erkennen.

Und doch war es so! Es musste sich um ein ungewöhnlich großes Tier handeln.

Jack Filgran richtete sich auf und rieb die Augen aus. Vom Klettern hatte er etwas Ziegelstaub abbekommen.

Aber das Reiben half nichts. Der Vogel blieb und flog in direkter Linie zum Marktplatz von Gaynehead.

Der Junge schüttelte den Kopf. Selbst für einen Habicht war das Biest viel zu groß, und an den Klapperstorch glaubte er schon lange nicht mehr. Nicht mal echte gab es in dieser Gegend. Vor Jahren hatten Naturschützer vergeblich versucht, die majestätischen Vögel wieder anzusiedeln.

Das Tier kam näher. Mit weit ausladenden Schwingen, die sich kaum bewegten, glitt es heran.

Zum ersten Mal, seit Jack Filgran den Fuß zu dieser Expedition von der Erde gehoben hatte, beschlich ihn ein Frösteln.

Er scheute nicht die Gefahr. Er hatte nur etwas gegen das Unbekannte, das er nicht sofort erklären konnte. Der Vogel gehörte dazu, aber es reizte ihn, sein Geheimnis zu ergründen.

Dass die schwindelnde Höhe dafür nicht der geeignete Ort war, wurde ihm schnell klar. Also musste er seine Mission beenden und auf dem schnellsten Weg wieder absteigen. Vielleicht gelang es ihm, den Horst des Riesenvogels auszukundschaften. Wenn er ganz nebenbei als Trophäe ein Ei von ihm mitbrachte, war er fortan der King bei den »Superiores«.

In Eile drehte Jack den Zeiger das letzte Stück und atmete auf. Es war geschafft!

Mit sicheren Griffen begann er den Abstieg. Diesmal drehte er den Kopf in die Richtung, in der er den Vogel wusste.

Schon bald erkannte er, dass es sich um keinen Vogel handelte. Ein menschliches Gesicht starrte ihn an! Es waren tiefliegende, brennende Augen mit steil aufragenden Brauen. Der Schnabel war ein zusammengekniffener Mund, hinter dem das Grauen lauerte, und die Schwingen waren nichts anderes als ein weiter Mantel, der die furchterregende Erscheinung durch die Luft zu tragen schien.

Mit Jack Filgrans Fassung war es vorbei. »Mein Gott!«, keuchte er. »Es gibt ihn wirklich ...«

Seine Hände zitterten, griffen häufig daneben, und auch die Füße rutschten ab. Er musste sich zusammennehmen, wollte er nicht ein gebrochenes Rückgrat riskieren.

Das Phantom war heran. Die Augen glühten in der Dunkelheit rot. Der Mund öffnete sich leicht, und dahinter kamen mörderische Zähne zum Vorschein.

Jack Filgran am Turm war nicht mehr fähig, auch nur eine Bewegung zu machen. Krampfhaft krallte er sich in das Gemäuer, bis die Finger bluteten.

Gerade das schien den Unheimlichen magisch anzuziehen. Wie ein Raubvogel stieß er auf Filgran herab. Der zog den Kopf tief ein und schloss die Augen. Nichts war mehr an ihm, was ihn als unerschrockenes Mitglied der »Superiores« ausgewiesen hätte. Er hatte nur noch Angst. Ganz simple, hundsgemeine Angst.

Das Phantom fing geschickt seinen Sturz auf und kreiste lautlos um den Kirchturm, wobei er sorgfältig vermied, dem goldenen Kreuz auf der Spitze zu nahe zu kommen. Dann hing es plötzlich genau neben dem Jungen an der Mauer und riss seinen Rachen weit auf ...

Jack Filgran schrie. Laut tönte sein Schrei über den Marktplatz. Putz bröckelte ab und rieselte nieder. Ein großer Schatten segelte zur Erde und klatschte unten mit hässlichem Geräusch auf.

Dann herrschte einen Moment Stille, gespenstische Stille ...

Das Phantom löste sich von der Mauer und schwebte zu dem Schatten am Fuß der Kirche. Zielsicher setzte es neben dem Jungen auf und beugte sich lechzend über ihn.

Angeekelt fuhr es zurück. »Schon tot!«, stieß es enttäuscht hervor.

Dann erhob es sich lautlos in die Luft und verschwand in der Dunkelheit der Nacht ...



7

Sie hockten stumm im Kreis und starrten vor sich hin. Man spürte fast ihre Gedanken. Sie kreisten um einen Namen: Jack Filgran.

Er war nicht zurückgekommen. Nicht nach einer Stunde und auch nicht nach zwei. Sie hatten bis vier Uhr gewartet, dann waren sie gegangen, um ihn zu suchen.

Sie hatten ihn gefunden. Er lag mit verrenkten Gliedern vor dem Portal der Kirche, die Augen offen, die noch im Tod namenloses Grauen ausdrückten.

Fast gleichzeitig wanderten die Blicke nach oben. Die Zeiger der Uhr zeigten auf kurz nach drei. Jack hatte seine Aufgabe also tatsächlich erfüllt, aber sie nicht überlebt. Seine Knochen waren zerschmettert. Er musste abgestürzt sein, das war klar.

»Einer muss es seinen Eltern sagen«, murmelte Avery Graham, und alle sahen ihn an. Er verstand, er war schließlich der Boss, und diese Aufgabe war nicht immer nur Anlass zur Selbstherrlichkeit.

»Wir sollten ihn liegen lassen«, meinte Duggie. »Bei Unfällen gibt es meistens eine Untersuchung.«

»Bei Mord auch«, ergänzte Conchata, und niemand fragte, warum sie das erwähnte.

Avery Graham ging notgedrungen zu den Filgrans. Man sah ihm an, dass er sich zum Heulen fühlte. Doch Avery Graham heulte nie.

Das Mädchen brach als Erste das unerträgliche Schweigen. »Jack bleibt ein >Superior<, jetzt erst recht.«

»Er konnte wie eine Gemse klettern«, meinte Duggie. Alles an ihm schwabbelte. Er war erregt und konnte es nicht so gut verbergen wie die anderen. »Vielleicht hat ihn das Schlagen der Glocke erschreckt.«

Da meldete sich Avery Graham zu Wort. Er war schlank, fast schon mager, aber in seinen Fäusten steckte enorme Kraft, und sein Kopf, den er mit einer Bürstenfrisur verunstaltete, wie sie vor dreißig Jahren modern war, brütete für gewöhnlich intelligente Gedanken aus. »Jack wäre nicht erschrocken, wenn du neben ihm eine Kanone abgefeuert hättest«, behauptete er. »Jack besaß keine Nerven. Er war so cool, dass ein Eiszapfen in seinem Mund gefroren wäre.«

»Aber er ist abgestürzt«, erinnerte der Dicke beharrlich.

»Er wurde hinuntergestoßen!« Conchata Syle sagte dies scharf und mit erschreckender Kälte in der Stimme.

»Ermordet?«

»Und ich weiß auch, wer dahintersteckt.«

»Du weißt es?«

Conchatas Augen funkelten. »Wer anders als die »Stubborns«? Sie sind uns schon lange nicht grün. Aber diesmal sind sie einen Schritt zu weit gegangen.«

Sogar Avery Graham war von diesem Verdacht überrascht. »Die >Stubborns<?«, meinte er ungläubig. »Die sind doch zu feige, auch nur eine Leiter hinaufzusteigen. Und die sollen auf den Turm geklettert sein, um Jack hinunterzustoßen? Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ich kenne sie alle. Es sind Hasenfüße durch und durch. Solly Strong eingeschlossen. Außerdem traue ich ihnen keinen Mord zu.«

»Du vergisst, dass sie ein neues Mitglied haben.« Um Conchatas Mundwinkel spielte ein zorniges Lächeln. Bei den Burschen ist eine sogenannte Mutprobe üblich, wenn jemand bei ihnen mitmachen will. Auf den Kirchturm von Gaynehead zu klettern, ist eine Mutprobe. Und wir wissen nicht, wie der Neue reagiert hat, als Jack ihm die Show stahl.«

Die Jungen redeten aufgeregt durcheinander. Das war ein Gesichtspunkt, den sie nicht außer acht lassen konnten. Conchata wusste meistens, wovon sie sprach. So sicher auch diesmal.

»Also Rip Davis!«, zischte Avery Graham drohend.

»Da kannst du Gift drauf nehmen«, erwiderte das Mädchen. Der Boss lachte grimmig. »Gift? Ich? Nein, Darling. Diesem Schuft, der Jack auf dem Gewissen hat, werde ich einen Denkzettel verpassen.«

»Willst du ihn etwa ... umbringen?«, fragte Duggie mit Unbehagen?

»Umbringen? Was redest du? Nur eine kleine Mutprobe, verstehst du?« Er grinste vieldeutig.

»Tut mir leid, Avery«, erklärte der Dicke aufgeregt. »Aber bei Gemeinheiten mache ich nicht mit. Wenn dieser Rip Davis Jack umgebracht hat, wird sich die Polizei um ihn kümmern. Wir können den Bullen ja einen Tipp geben.«

Avery Graham sah den Sprecher scharf an. »Zu wem gehörst du eigentlich, Duggie?«, fragte er leise. »Zu den >Stubborns< oder zu den >Superiores<?«

»Was für eine Frage, Boss! Ich gehöre zu den >Superiores<. Zu den Besseren also: Und die laden keinen Mord auf ihr Gewissen.«

Das Mädchen meldete sich und warb um den Zweizentnerjungen. »Du siehst das falsch, Duggie«, meinte sie behutsam. »Avery hat gesagt, es handelt sich um eine Mutprobe. Von Mord kann keine Rede sein. Die >Stubborns< haben angefangen. Sie werden auf dieser Linie weitermachen.«

»Eine Mutprobe?«

»Eine Mutprobe«, bestätigte Avery Graham. »Nichts weiter.« Er hatte in der Tat nicht die Absicht, Rip Davis zu töten. Dieser war vielleicht auch nicht aus dem Grund auf den Turm gestiegen, um Jack umzubringen. Aber es war nun mal geschehen ... Und etwas musste deshalb passieren. Kein Mord. Eher eine Art Gottesurteil. Rip Davis sollte seine Chance erhalten, wenn sie auch nur winzig klein war.

Duggie senkte den Kopf. Conchata und Avery hatten wohl recht. Eine Strafe hatte der Mörder jedenfalls verdient. Und zur Polizei konnte man immer noch gehen ...



8

Auch die gegnerische Bande beschäftigte der Tod Jack Filgrans, sobald er bekannt wurde.

Andy, der Kleinste unter ihnen, sprach die Vermutung aus, die sie alle hatten: »Der Schlürfer!«

Die übrigen Mitglieder der »Stubborns«, zuckten bei dem Namen unwillkürlich zusammen. Das Grauen breitete sich aus.

Sogar Rip Davis, der am Vortag noch über eine solche Behauptung gelacht hätte, blieb stumm. Die vergangene Nacht hatte ihn gewandelt. Zwar genoss er die Anerkennung, die ihm seit dem Friedhofsspaziergang gezollt wurde, doch er zeigte nicht, wie es seitdem in seinem Innern aussah.

Er hatte während jener Minuten etwas kennengelernt, was ihm zuvor fremd war: Angst. Er wusste nicht, dass das Gerede von dem Vampir kein leeres Geschwätz war, und der Gedanke, dass er vielleicht selbst das Opfer des Blutsaugers hätte werden sollen, raubte ihm fast den Verstand.

Die weiße Gestalt mit den brennenden Augen und den lockenden Armen war davon war er jetzt überzeugt niemand anderes als jener Schlürfer in einer harmlosen Maske.

Rip Davis hatte sich in aller Eile Bücher beschafft, in denen das Problem der Vampire diskutiert wurde. Zwar fand er dort nur Vermutungen und fadenscheinige Theorien, aber wenn er sein eigenes Erlebnis damit verglich und auch noch den Tod Jack Filgrans heranzog, rundete sich das Bild. Und bis zum endgültigen Beweis konnte es nur noch ein winziger Schritt sein.

Wenn er daran dachte, dass heute die Beerdigung Miss Mughans, der unerwartet verstorbenen Lehrerin, und übermorgen die von Jack Filgran war, und dass er beide Male teilnehmen, also die unheimliche Stätte erneut betreten musste, wurde ihm weich in den Knien. Er sehnte eine fiebrige Erkrankung herbei, die ihm als Entschuldigung dienen könnte, aber abgesehen von seiner erbärmlichen Angst fühlte er sich leider absolut gesund.

Das Schlimmste war, er durfte sich seinen Sinneswandel den Kumpels gegenüber nicht merken lassen. Er musste auch jetzt noch so tun, als hielte er die Geschichte von dem Schlürfer für ein Märchen.

»Der Schlürfer?«, sagte er deshalb mit erzwungener Heiterkeit. »Soviel ich gehört habe, hat sich Jack Filgran das Genick gebrochen. Die berüchtigte Bissstelle hat niemand entdecken können. Glaubst du wirklich noch immer an diesen Unfug, Andy?«

Solly Strong antwortete für ihn: »Du kannst sagen, was du willst, Rip, aber den Vampir redest du uns nicht aus. Du kennst Jack nicht so, wie wir ihn kannten. Der war absolut schwindelfrei. Der Kirchturm war für den ein Kinderspiel. Schon in der Schule war er im Turnen mit Abstand der Beste, und das hat sich nicht geändert. Den musste schon einer von der Mauer reißen, sonst wäre er nie gestürzt.«

»Und das war nach deiner Meinung der kleine Nimmersatt, der sich auf Menschenblut spezialisiert hat?«

»Nicht nur nach meiner Meinung, Rip. Auch Jacks Eltern sind davon überzeugt. Und wenn du zehn Leute in Gaynehead oder Thunderbell fragst, werden dir neun das Gleiche sagen. Hast du denn gestern Nacht auf dem Friedhof nichts Ungewöhnliches bemerkt?«

»Auf dem Friedhof? Wieso?«

»Weil dort das Grab des Schlürfers sein soll. Niemand weiß, um welches es sich handelt. Vielleicht liegt er sogar abwechselnd mal hier mal dort. Das kann alles möglich sein. Aber wenn er gestern Jack Filgran getötet hat, muss er zuvor seine Ruhestätte verlassen haben. Es wäre nicht ausgeschlossen, dass du ihn gesehen hast. Vielleicht sah er wie ein harmloser Mann aus, und du hast ihn, ohne Verdacht zu schöpfen, gegrüßt.«

Rip Davis wehrte ab. »Nun hör aber mal auf! Es war fast Mitternacht ... Wer geht denn um diese Zeit auf den Friedhof, um seine Toten zu besuchen? Außerdem hätte der Schlürfer sich so einen appetitlichen Happen wie mich bestimmt nicht entgehen lassen.« Im Stillen dachte er: Nein, den hätte er sich bestimmt nicht entgehen lassen. Zum Glück erreichte ich die Mauer, bevor er mich einholte.

»Da hast du natürlich recht«, räumte Solly Strong ein. »Aber vielleicht musste er die Geisterstunde abwarten. Was wissen denn wir über die Möglichkeiten und Zwänge von Vampiren?«

»Viel zu viel jedenfalls«, entgegnete das neue Mitglied der »Stubborns«, sonst könnte man mit euch wenigstens vernünftig reden. Ich bleibe dabei, dass Jack Filgran einem Unfall zum Opfer fiel. Vielleicht wurde ihm plötzlich schlecht. Oder es ist eingeschlafen. Bei den »Superiores« muss man mit allem rechnen.

Leider rechnete Rip Davis nicht mit allem. Sonst hätte er besonders gut auf sich aufgepasst. Avery Graham hatte ihn im Visier. Und während er über die gespenstische weiße Erscheinung vom Friedhof nachgrübelte, näherte sich ihm der Tod von einer Seite, von der er es nicht erwartete ...



9

Verwaltungsmäßig gehörte Thunderbell zu Gaynehead. Beide Ortschaften wurden lediglich durch den Echofluss getrennt. In Gaynehead war die Industrie ansässig, während Thunderbell für die landwirtschaftliche Nutzung sorgte. Die Gemeindeteile hatten eine gemeinsame Schule, gemeinsame Wirtshäuser, eine gemeinsame Kirche und auch einen gemeinsamen Friedhof. Dass die Kirche in Gaynehead stand, während sich der Friedhof in dem viel kleineren Thunderbell befand, hatte eine einfache Ursache. Die Kirche von Thunderbell war vor annähernd zweihundert Jahren einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen, und man hatte sie nicht wieder aufgebaut, da das Gotteshaus von Gaynehead genügend leere Plätze bot.

Bei der Beerdigung von Annie Mughan war die Bevölkerung beider Ortsteile auf den Beinen. Die Lehrerin war beliebt gewesen, und ihr plötzlicher Tod, der mit einem beängstigenden Blutverlust einhergegangen war, hatte die Bürger erschüttert.

So trafen sich am Nachmittag viele Leute, die sich sonst das ganze Jahr über kaum sahen, und angesichts des offenen Grabes wurde so mancher schwelende Streit beigelegt. Wie meistens die Vergänglichkeit des Menschen mahnte zur Einsicht und Friedensbereitschaft.

Details

Seiten
140
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925289
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v454646
Schlagworte
schaltjahr-vampir

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Titel: Der Schaltjahr-Vampir