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Blutige Schatten über Runberry

2018 120 Seiten

Leseprobe

Blutige Schatten über Runberry

Gruselkrimi von Wolf G. Rahn


Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.


Eigentlich will Bruce Akins eine Stelle als Lehrer in Runberry antreten, doch schon auf dem Weg dorthin stellt er fest, dass es noch jemanden gibt, der eine Zusage bekommen hat. In dem kleinen Ort eingetroffen fällt ihm die düstere Stimmung auf, die über allem liegt. Gleichzeitig untersucht die Polizei eine seltsame Häufung von scheinbaren Selbstmorden in Runberry. Inspektor Foggers ist davon überzeugt, dass es sich bei all diesen Fällen um Mord handelt, und plötzlich wird Bruce verhaftet und des mehrfachen Mordes angeklagt. Sein Alibi, die hübsche, aber etwas seltsame Nicola Allison, behauptet jedoch, ihn nicht zu kennen.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Bruce Akins hastete zum Bahnhof. In zehn Minuten fuhr der Zug nach Runberry.

Die dortige Schule bot ihm eine Stelle an. Achtzig Männer hatten sich beworben, und ihn hatte man ausgewählt.

Er hatte seine Sachen zusammengepackt. Einen großen Koffer ließ er bei der Wirtin stehen. Das Nötigste war in einer kleinen Handtasche verstaut. Und heute morgen alles lief quer.

Er war zu spät aufgewacht. Beim Rasieren schrillte das Telefon. Er hatte sich geschnitten. Es blutete wie verrückt. Er nahm den Hörer ab. Lavinia meldete sich. Gestern hatte sie schon geschimpft. Keine zehn Pferde würden sie in das gottverlassene Nest an der Westküste bringen.

»Warte doch ab, ob die Sache überhaupt klappt«, hatte er geraten. Aber sie machte kurzerhand Schluss. »Ich betrachte mich als entlobt«, verkündete sie heute morgen und warf den Hörer auf.

Mit dieser niederschmetternden Nachricht hastete er los, um in Runberry Lehrer zu werden, ein Vorbild der Jugend.

Darüber musste er fast Tränen lachen. Er sah nicht mehr, was um ihn vorging. Eine wütende Hupe machte ihn darauf aufmerksam, dass er vor ein Auto gelaufen war.

Er biss sich auf die Unterlippe und rannte weiter.

Da gibt es doch so Sprüche, fiel ihm ein. Wenn eine schwarze Katze über den Weg läuft, oder Wenn man unter einer Leiter durchgeht, oder wenn man … Hol’s der Teufel! Sollte er auch noch abergläubisch werden?

Er musste nach Runberry, wo für ihn eine Glückssträhne anfing, redete er sich ein und lief, wie von einem geheimnisvollen Magneten angezogen …



2

Das blonde Mädchen im Kanal konnte noch nicht lange tot sein. Sein Gesicht sah noch so appetitlich aus, als käme es aus einem Schönheitssalon.

Inspektor Claude Foggers schüttelte den Kopf. Es war zum Auswachsen! Das war der vierte Fall innerhalb einer Woche. Sollte in Runberry eine Selbstmord-Epidemie grassieren?

»Da steckt mehr dahinter«, knurrte er.

Sergeant Michael Boone teilte seine Meinung nicht. Der Boss hatte immer die ausgefallensten Ideen. Dabei war alles so einfach … »Das Mädchen hatte Liebeskummer und wollte seine Probleme im eiskalten Kanal lösen. Es hat ja recht gehabt. Seine Probleme sind verschwunden.«

»Ja, für das Mädchen, aber nicht für uns. Wir müssen erst mal seine Identität feststellen. Dann können wir uns auch ein Bild von seinen Motiven machen.«

Boone seufzte.

»Wir kennen die Identität der anderen drei«, meinte er. »Aber es hat uns kein Stück weitergebracht. Der Handelsvertreter aus Liverpool, der kleine Gauner aus Toulouse und vorgestern die fette Mistress McCoin, alles Leute, die sich noch nie im Leben gesehen haben. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen den Fällen.«

»Doch, es gibt einen«, widersprach der Inspektor. »Es sind alles Fremde! Unsere Blondine kommt bestimmt auch aus einer anderen Stadt und wollte bei uns ihren Urlaub verbringen.«

»Kann ja möglich sein. Vielleicht ist ihr das Wetter aufs Gemüt geschlagen. Die ganze Woche keine Sonne, und im Wetterbericht hört man, dass es überall im Umkreis strahlend blauen Himmel gibt. Nur über Runberry hockt die Wolkendecke. Das erzeugt doch Depressionen. Und Depressionen führen zum Selbstmord.«

»Aber nur bei Fremden. Nicht ein Einwohner hat sich in diesen Tagen umgebracht. In den elf Jahren meines Jobs in Runberry hat Jul Landon seine Geliebte umgebracht, und ein Geisteskranker seine ganze Familie, und ein paar Neugierige aus seiner Nachbarschaft. Und jetzt muss sich irgendein infamer Bluthund eingebildet haben, in dem friedlichen Runberry könnte er ungestört ein Blutbad anrichten. Nein, mein Freund, ich falle nicht auf den Selbstmordbluff herein! Der Unbekannte wird Inspektor Foggers kennen lernen.«

»Okay.« Sergeant Boone verdrehte die Augen. »Und was befiehlt Inspektor Foggers, das Sergeant Boone tun soll?«

Claude Foggers sah seinen Untergebenen mit schmalen Augen an.

»Sie werden sich nicht tot arbeiten. Mit Ihrer Einstellung werden Sie ewig Sergeant bleiben.«

»Ist schon gut. Ich mach nur nicht gern etwas gegen meine Überzeugung.«

»Ist es gegen Ihre Überzeugung, einen Mörder zu jagen, Boone?«

»Ich kann mir keinen Mörder vorstellen, der keine Verletzung bei seinen Opfern hinterlässt und ihnen keinen Penny aus der Tasche stiehlt. Nach so einem Unikum zu suchen, halte ich für Zeitverschwendung. Aber schließlich sind Sie der Boss und …«

»In diesem Punkt stimmen wir überein, Boone. Ich tadle Sie nicht wegen Ihrer entgegengesetzten Meinung, wenn Sie zugeben, dass Sie sich geirrt haben.«

»Geben Sie mir den kleinsten Beweis, Sir.«

»Den sollen Sie ja gerade suchen … Stellen Sie fest, wer das Mädchen ist, was er hier wollte, und welchen Kummer es hatte. Wenn wir wissen, warum es in den Kanal ging, werden wir uns den holen, der ihr dabei geholfen hat.«



3

Bruce Akins sprang in den Zug, als er sich schon in Bewegung setzte. In seinem Abteil saß nur noch ein Passagier.

Nachdem der Mann ein wenig verschnauft hatte, fühlte er sich von der Neugier des Fremden belästigt, der ihn unentwegt anstarrte. Er wehrte sich mit der unfreundlichen Frage: »Fahren Sie etwa auch nach Runberry?«

Der Fremde grinste und bejahte.

»Ich trete dort eine Lehrerstelle an.«

Bruce Akins starrte ihn mit offenem Mund an: An der Schule war doch nur eine Stelle frei! Das stand in seinem Brief mit der Mitteilung, dass er diese Stelle einnehmen sollte. Er sagte es dem Fremden.

Der zückte aber einen Brief, in dem stand, dass Mister Robertson aus Swansea diese Stelle angeboten wurde.

»Das muss auf einer Schlamperei in der Verwaltung beruhen«, erregte sich Akins, worauf Robertson kühl entgegnete, dass er nicht auf die Stelle verzichten würde. Danach entfaltete er eine Zeitung und kümmerte sich nicht mehr um den Mitreisenden.

In Runberry waren die beiden Lehrer die einzigen Fahrgäste, die ausstiegen.

Robertson musterte mit hochgezogenen Augenbrauen die Aktenmappe und den Rucksack des Rivalen.

»Wie ich sehe, rechnen Sie nur mit einer Stippvisite«, bemerkte er und ging grußlos davon.

Bruce Akins schlenderte planlos mit seinem leichten Gepäck durch die fremde Stadt. Er hoffte auf etwas, das ihn willkommen hieß. Stattdessen stiegen leichte Zweifel in ihm auf. War das wirklich der Ort, in dem er die nächsten Jahre zufrieden sein konnte?

Er hatte sich das Städtchen am Meer anders vorgestellt. Nicht so düster. Dunkle Wolken hingen tief und streiften die Dächer der Häuser. Hoffentlich regnete es bald, damit die Luft wieder klar wurde.

Der ganze Tag war ein böses Omen. Das finstere Runberry nach der Fahrt unter strahlender Sonne passte zu dem Morgen, an dem alles schiefgegangen war.

In einer engen Nebenstraße hing neben einer Haustür ein Schild. »Zimmer frei«. Akins ging hinein. Er hatte die Wahl zwischen zwei Räumen.

Bruce Akins hätte gern das Zimmer mit dem Blick aufs Meer genommen, doch die zwei Pfund, die es in der Woche mehr kostete, musste er sparen. Also entschied er sich für die Kammer auf der Ostseite, von der er zwar die Brandung hören, jedoch nicht sehen konnte.

Die Vermieterin war eine schwabbelige Person mit strähnigen Haaren. Akins graute schon jetzt vor dem Frühstück, das sie ihm zubereiten würde. Miss Hopkins war unverheiratet. Bruce Akins wunderte sich nicht darüber.

Er packte Mappe und Rucksack aus, machte sich ein wenig frisch und verließ das Zimmer zu einem ersten Erkundungsrundgang.

Der junge Mann sah gut aus, aber er machte zu wenig aus sich. Das Studium hatte ihn ganz in Anspruch genommen. Das war wohl auch der eigentliche Grund, warum Lavinia ihm den Laufpass gegeben hatte.

Bruce schlenderte durch die Straßen, doch er hielt es nicht lange in dieser gedrückten Atmosphäre aus. Er hatte das Gefühl, laut schreien zu müssen. Die Leute, die ihm begegneten, schienen ähnlich zu empfinden. Sie starrten ihn gehetzt an, sprungbereit und doch apathisch.

Akins durchschritt das uralte Stadttor, das aus der Zeit Wilhelms des Eroberers stammte. Endlich konnte er wieder frei atmen. Er spürte die salzige Luft des nahen Ozeans. Hier schien auch die Sonne.

Bruce Akins fuhr sich aufatmend durch das schwarze Haar. Er hatte schon befürchtet, ersticken zu müssen. Jetzt wurde er für den ganzen Tag entschädigt. Er nahm sich vor, jede freie Minute hier zu verbringen.

Ein würziger Wind strich über die Gräser, die eine Höhe von fast einem Meter erreichten. Die Möwen begrüßten ihn mit Gekreische. Er bedauerte, nichts für sie dabei zu haben.

Schimpfend flogen sie zu den Felsen zurück, von denen sie gekommen waren. Dort kreisten sie und stießen herab, um gleich darauf wieder aufzusteigen.

Dieses Spiel wiederholte sich ständig. Bruce Akins erkannte auch bald die Ursache. Auf den ausgewaschenen weißen Felsen hockte ein Mädchen und fütterte die Vögel.

Der junge Mann blieb verzaubert stehen. Er schätzte das Mädchen auf höchstens zwanzig. Der Wind spielte mit seinen braunen Locken. Seine Augen, deren Farbe er auf die Entfernung nicht erkennen konnte, waren groß und traurig. Es trug ein Sommerkleid mit großen, leuchtenden Blumen.

Bruce fiel unwillkürlich Lavinia Lambert ein und erschrak. Sie war anders als dieses Mädchen, und er hatte sie trotzdem geliebt. Hatte er das wirklich? Hatte sie ihm jemals die Entscheidung überlassen? Lavinia wusste, was sie wollte. Sich mit einem Studierten zu zeigen, hatte sie schick gefunden. Inzwischen musste die Mode gewechselt haben, sie hatte ihn abgelegt wie einen Mantel vom vergangenen Jahr.

Der junge Lehrer wunderte sich, dass er so kühl darüber nachdenken konnte. War das fremde Mädchen schuld daran? Hatte er den Anruf Lavinias schon verschmerzt?

Bruce Akins ging auf die Fremde zu. Sie bemerkte ihn nicht gleich. Erst als die Möwen kreischend aufstiegen, hob sie den Blick und starrte ihn an.

Die Augen waren braun und schauten ernst.

»Hallo!«, grüßte Bruce Akins und strahlte das Mädchen an.

Es schwieg noch. Seine Augen begannen zu flattern. Unruhig blickte es sich nach allen Seiten um, als suche es einen Ausweg. Der Ernst in den Augen machte einer unverständlichen Angst Platz.

Der junge Mann versuchte es erneut. »Ich hoffe, ich habe Sie nicht erschreckt. Ich bin fremd hier und kenne keinen Menschen. Die Stadt hätte mich beinahe erdrückt. Ich musste einfach raus. Geht es Ihnen auch so? Das Meer ist herrlich.«

Verwundert sah er, dass die Fremde sich hastig umdrehte und mit einigen Sprüngen über die Felsen davonhetzte. Sie schrie auf. Anscheinend hatte sie sich an den scharfen Kanten verletzt. Doch sie blieb nicht stehen. Sie lief, als wäre ihr etwas Fürchterliches begegnet.

Bruce Akins sah ihr kopfschüttelnd nach. Irgend etwas kam ihm seltsam an ihr vor, doch er hätte nicht sagen können, was es war. Er starrte hinter ihr her, bis sie nicht mehr zu sehen war. Ihn graute, und er wusste nicht warum.

»Sie ist vor mir davongelaufen, Lavinia«, murmelte er freudlos. »Wahrscheinlich hat es schon einen Grund, warum du mir einen Tritt gegeben hast.«

Ihm war die Freude am Meer und der klaren Luft verdorben. Er schlich zurück. Als er das alte Stadttor passierte, fröstelte ihn.

Jenseits des Tores empfing ihn die gedrückte Stimmung der lichtlosen Stadt.

Wie bei uns daheim, dachte er. Nur ist es hier kein Smog, hier gibt es keine Eisenhütten. Aber vielleicht sind diese Wolken mörderischer als der Smog.



4

Der Wind war stärker geworden. Der Ozean warf die Brandung gegen die weißen Felsen. Die Möwen schliefen.

Draußen kämpfte ein Boot gegen die Wellen an. Es hatte kein Licht. Tom Pate, der die Ruder bediente, verfluchte sogar den unschuldigen Mond, statt dankbar zu sein, dass er ihm die gefährlich aus dem Wasser ragenden Felsen zeigte.

Tom Pate brauchte kein Licht. Er scheute es, denn es konnte ihn verraten. Inspektor Foggers war ein scharfer Bursche. Er brauchte nicht zu wissen, was Pate hier mitten in der Nacht an Land zu bringen versuchte.

Der Fischer wusste ja selbst nicht, was sich in den Kanistern befand. Er wusste nur, dass sie Geld brachten, und das brauchte er.

Das Schiff, von dem er weit draußen die Ladung übernommen hatte, war aus Frankreich gekommen. Er machte das heute nicht zum ersten Mal. Es hatte immer geklappt. Allerdings war es noch nie so stürmisch und so hell gewesen.

Tom Pate legte sich in die Riemen. Er musste die richtige Bucht erwischen. Dort wartete Milos auf ihn. Milos hatte das Geld. Dafür bekam er die Kanister. Wo er die hinbrachte, wusste Tom nicht. Das war ihm auch egal.

Eine Welle erfasste das Boot, hob es empor und trug es auf die Felsen zu. Tom Pate registrierte ein leises Knirschen.

»Glück gehabt«, murmelte er grinsend. »Ein Zoll weiter nach rechts, und die alte Nussschale wäre auseinandergebrochen. Aber warum soll der alte Tom nicht auch mal Glück haben? Schließlich hat er lange genug darauf gewartet.«

Er brachte das Fahrzeug wieder in seine Gewalt und gab ihm die neue Richtung. Er manövrierte es in eine Bucht, in der der Sturm schlief. Es machte ihm keine Mühe, das Boot an Land zu bringen.

Schwer atmend sprang er auf die glatten Felsen und befestigte das Seil. Misstrauisch blickte er sich um. Dem Inspektor traute er nicht. Unlängst hatte er eine zweideutige Bemerkung fallen lassen. Er war nicht sicher, ob der Bursche nicht Verdacht geschöpft hatte.

Tom Pate holte die Kanister aus dem Boot. Es waren sechs Stück. Eine kleine Ladung nur für den Riesenaufwand. Um so gewichtiger war vermutlich der Inhalt.

Er versteckte die ersten beiden Behälter in einer Spalte zwischen zwei Felsen. Dann ging er zurück, um die nächsten zu holen.

Zum Teufel, was war heute mit ihm los? Schon wieder glaubte er, eine Bewegung wahrgenommen zu haben. War Milos schon da? Das wäre ungewöhnlich. Normalerweise musste er mindestens eine Stunde auf ihn warten. Allerdings war er wegen des Sturmes heute selbst ziemlich spät dran.

Oder war es etwa der Bulle? Dann wurde es ungemütlich. Foggers würde keine Rücksicht auf seine Familie nehmen. Der ließ ihn hochgehen, wenn sich Tom Pate das gefallen ließ. Er hatte nicht dafür geschuftet, dass ein ehrgeiziger Greifer ihm alles kaputt machte. Er wollte weg von diesem elenden Ort, an dem man kaum noch atmen konnte.

Tom Pate tastete zu seinem Gürtel. Mit dem Messer tötete er normalerweise Fische.

»Du bist kein Fisch, Claude Foggers«, knurrte er. »Zwing mich nicht, das Messer zu benutzen.«

Er bückte sich, um zwei Kanister aus dem Boot zu holen. Mitten in der Bewegung hielt er inne. Jetzt war jeder Irrtum ausgeschlossen. Er war nicht allein in der Bucht.

Er ließ die Kanister fahren und zuckte herum.

»Milos?«

Seine Augen suchten die Felsen ab. Sie konnten den Weißhaarigen nicht entdecken.

Dafür nahm er etwas anderes wahr, das ihm nicht gefiel.

Über die weißen Steine kroch etwas Graues. Es sah aus wie eine Wasserpfütze. Sie bewegte sich direkt auf ihn zu.

Tom Pate griff zum Gürtel. Der Griff des Messers fühlte sich kühl an und beruhigte ihn. Das hatte er verdammt nötig. Seine Nerven waren überreizt. Das hier war nicht sein Geschäft. Er beteiligte sich nur an dem Schmuggel, weil er dringend Geld brauchte. Wenn alles vorbei war, würde er wieder der brave Fischer sein. Allerdings nicht in Runberry. Hier hielten ihn keine zehn Pferde.

Das Graue kroch weiter. Tom Pate rieb sich die Augen. Er war doch nicht betrunken. Was konnte das sein? Wahrscheinlich der Schatten einer Wolke.

Aber der Schatten hatte Arme und Beine. Irgendwo erkannte er einen Kopf.

Unsinn! So etwas gab es immer am Meer zu sehen. Als Kind hatte er in den Wolken zahllose Märchen und Sagengestalten gesehen. Das hatte Spaß gemacht … war doch kein Grund, sich zu fürchten.

Außerdem hatte er gar keine Zeit dazu.

Er wollte sich abwenden, um seine Arbeit fortzusetzen, doch seine Arme versagten ihm den Dienst. Das graue Etwas löste sich von dem Felsen, richtete sich auf und stand aufrecht wie ein Mensch. Oder wie der Schemen eines Menschen. Er hatte kein Gesicht. Seine Kleidung war ein ineinanderfließendes Grau ohne Details. Undurchsichtig und hauchdünn wie feiner Rauch. Doch wo sollte hier Rauch herkommen?

Tom Pate räusperte sich laut. Nur um etwas zu tun. Ein Geräusch müsste diese eingebildete Erscheinung vertreiben.

Hoffentlich beobachtete ihn Milos nicht. Der würde sich über ihn lustig machen, weil er mit schreckgeweiteten Augen in die Luft starrte.

Der graue Schleier war näher gekommen. Höchstens drei Schritte trennten ihn noch von Tom Pate. Der schwor sich, nie wieder einen Tropfen Alkohol anzufassen. Dabei hatte er höchstens drei Gläschen getrunken. Vielleicht auch vier, mehr auf keinen Fall.

Die schlanken Arme waren nun deutlich zu erkennen. Sie hoben sich langsam und streckten sich dem Mann entgegen.

Tom Pate wich zurück. Er dachte nicht mehr an die Kanister, die er an Land schaffen musste. Er dachte auch nicht mehr an seinen Kumpel Milos oder an Foggers, den Inspektor. Er dachte nur daran, dass er keine Gelegenheit mehr haben würde, von Runberry fortzugehen. Das Spiel mit der Gefahr hatte ihm kein Glück gebracht. Vielleicht hatte sein schlechtes Gewissen Gestalt angenommen. Vielleicht sah jeder Mensch, der sich vergangen hatte, diese graue Wolke. Bedeutete sie den Tod?

Die grauen Hände berührten ihn. Er fühlte den Druck an seinen Schultern. Das bildete er sich nicht ein. Er wich zurück. Er wurde dazu gezwungen.

Er riss das Messer aus dem Gürtel und stach wie ein Besessener zu. Er wollte nicht sterben.

Milos würde ihm Geld bringen. Noch ein paar Fahrten, dann würde es zum guten Leben reichen. Mit dem Tod hatte er noch nichts im Sinn.

Seine Hand mit der Klinge wütete in dem grauen Schleier und fand keinen Widerstand. Das Messer stieß ins Leere.

Tom Pate war froh, dass kein Blut floss. Den Gedanken, einen Menschen umgebracht zu haben, würde er nicht ertragen.

Aber warum ließ ihn der Schleier nicht in Ruhe? Was wollte er von ihm?

Er war doch nicht wahnsinnig. Sein Gehirn hatte immer funktioniert. Ein bisschen langsam vielleicht, aber es hatte funktioniert.

Der Druck an seinen Schultern wurde stärker. Unerbittlich drängte er ihn rückwärts. Tom Pate wich einen Schritt nach dem anderen zurück, bis es nicht mehr weiterging. Bis er gegen den Felsen stieß.

Hier war der Weg zu Ende. Tom Pate saß in der Falle. Sein Gegner war ein Hauch des Todes, dem mit dem Messer nicht beizukommen war. Der Fels hinter ihm gab auch nicht nach. Nur einer musste nachgeben, er selbst.

Die grauen Hände lösten sich von seinen Schultern und krochen an seinem Hals entlang. Sie umfassten seinen Kopf.

Es klang dumpf. Nur ein einziges Mal. Das genügte. Der Seufzer erstarb auf Tom Pates Lippen. Das Messer entglitt seinen Fingern, als er schon tot war.



5

Hinter den weißen Felsen kauerte eine Gestalt. Sie rührte sich nicht. Sie wagte es nicht mal zu atmen.

Dabei hätte sie schreien mögen. Der weißhaarige Mann hatte noch nie ein ähnlich grässliches Erlebnis gehabt. Nicht mal im Krieg.

Ein Phantom hatte sich aus der Dunkelheit in das Mondlicht geschoben. Es hatte nichts gesprochen, nicht mal geächzt oder mit einer rostigen Kette gerasselt, wie das Geister zu tun pflegen.

Tom Pate hatte sich wehren wollen, aber sein Messer hatte den Spuk wirkungslos durchdrungen.

Jetzt lag er am Fuß des Felsens, sein Schädel war zertrümmert. Der graue Mörder hatte sich verflüchtigt.

Der alte Milos wagte sich nicht aus seinem Versteck hervor. Er zitterte, am ganzen Körper. Mit allem hätte er gerechnet. Dass sie ihn mal erwischten. Oder dass Tom mit der Ware und dem ganzen Gewinn abhaute. Auch dass der Sturm einmal Sieger geblieben wäre und den Kumpel mitsamt dem Boot und den Kanistern in die Tiefe gerissen hätte.

Aber das, was geschehen war, war nicht zu begreifen.

Einen Moment lang dachte Milos an die Polizei. Zweifellos war hier ein Mord geschehen. Er konnte den Täter sogar beschreiben. Aber gerade diese Beschreibung würde Inspektor Foggers veranlassen, an seinem Verstand zu zweifeln.

Vielleicht wurde er für unzurechnungsfähig erklärt, oder der Mord blieb an ihm hängen. Und eine Gummizelle war nicht verlockender als das Gefängnis.

Nein, er musste den Mund halten. Er wollte froh sein, wenn das Phantom ihn in Ruhe ließ. Die Ware war da. Er konnte sie ordnungsgemäß abliefern und sogar Toms Anteil einstreichen.

Doch was war, wenn man seine Leiche fand? Die Kerle, denen er das Zeug brachte, wussten, dass er sich mit Tom getroffen hatte. Sie würden selbstverständlich annehmen, dass er ihn wegen ein paar Pfund beseitigt hatte. Sie würden ihn deshalb kaum loben, denn Tom war ein wichtiges Glied in der Kette gewesen, die nun unterbrochen war. Sie würden nicht zögern, ein weiteres Glied zu zerstören.

Milos wusste nicht, was er mehr fürchten musste: das Phantom oder die Rache der Gangster. Im Augenblick dachte er mehr an die menschlichen Feinde und entschloss sich zu handeln.

Vorsichtig verließ er sein Versteck und sah sich misstrauisch nach allen Seiten um. Ihm war nicht wohl in seiner Haut. Er hatte keine Lust, das gleiche Schicksal zu erleiden wie Tom Pate.

Der Weißhaarige holte zunächst die restlichen vier Kanister aus dem Boot und trug sie zu den anderen beiden. Dann näherte er sich der Leiche des ehemaligen Kumpels.

Er würgte den Kloß in der Kehle hinunter und schloss Toms offene Augen, in denen das Grauen stand.

Er hob die Leiche auf und schleppte sie ins Boot. Er machte den Strick los und sprang hinterher.

Mit leichten Schlägen trieb er den Kahn aus der Bucht. Draußen wütete der Sturm noch immer. Die Wellen mit ihren glitzernden Schaumkronen rasten vorbei.

Milos lenkte das Boot dicht an die Felsen heran, nahm den Strick zwischen die Zähne und kletterte hinaus.

Die Felsen waren glatt und schlüpfrig. Er hatte Mühe, einen sicheren Halt zu finden. Er nahm den Strick nun in die Hände und zerrte das Boot ins offene Wasser.

Die nächste Welle riss ihm das Seil aus der Hand. Das hölzerne Fahrzeug krachte gegen die Felsen und schlug um. Die Brandung spülte die Blutspur sofort weg.

Der alte Milos turnte zurück. Er hatte erreicht, was er wollte. Das tobende Meer hatte Tom Pate verschlungen. Ein tragischer Unfall. Man konnte ihn nicht dafür verantwortlich machen. Natürlich war auch die Ware dabei draufgegangen. Aber dieses Risiko mussten seine Auftraggeber einkalkulieren.

Er tarnte die sechs Kanister sorgfältig. Er würde sie später holen. Heute war es zu gefährlich. Vielleicht wurde er beobachtet, wenn er nach Hause kam. Niemand würde auf die Idee kommen, hier zu suchen. Und das graue Phantom hatte wohl kaum Interesse an sechs Blechbehältern mit unbekanntem Inhalt.


6

»Es tut mir wirklich außerordentlich Leid, meine Herren«, sagte der Glatzköpfige und blinzelte die beiden Männer über den Rand seiner Brille an. »Es muss ein Versehen der Verwaltung sein. Natürlich können wir nur einen von Ihnen einstellen. Wenn Mister Lundin nicht pensioniert worden wäre, hätten wir überhaupt keinen Bedarf gehabt.«

»Ich besitze eine feste Zusage, Mister Fudge«, beharrte Ralph Robertson steif.

Akins zog einen Brief aus der Tasche und reichte ihn dem Direktor.

»Eine solche Zusage habe ich auch«, sagte er kühl. »Ich habe daraufhin bei mir zu Hause sämtliche Zelte abgebrochen. Ich kann nicht mehr zurück. Es tut mir Leid.«

»Das ist Ihr Problem, Mister Akins«, meinte der Rivale mit den mausgrauen Augen spöttisch. »Selbst wenn die Verwaltung einen Fehler gemacht hat, ich war vor Ihnen hier, also gehört der Job mir.«

»Das ist doch geradezu lächerlich«, empörte sich Bruce Akins. »Ich denke nicht daran, zu verzichten.«

»Meine Herren, meine Herren!«, fuhr Direktor Fudge bekümmert dazwischen. »Sie sind doch erwachsene Männer. Sie werden sich hoffentlich einigen können. Falls das nicht der Fall ist, müsste ich auf Sie beide verzichten, und ein anderer wäre der sogenannte lachende Dritte.«

»Unerhört!«, fauchte Ralph Robertson.

Bruce Akins war die ganze Sache ziemlich peinlich. Er brauchte den Job, er brauchte das Geld. Er besaß keinen reichen Vater, der sein Studium finanziert hätte. Er war restlos pleite.

Andererseits lastete die drückende Atmosphäre von Runberry auf ihm. Er kam sich wie im Gefängnis vor, obwohl er noch nicht mal einen Tag in dieser Stadt weilte. Ob es nicht wirklich was zu bedeuten hatte, dass seine Abreise unter einem ungünstigen Stern stand? Vielleicht war es ein Wink des Schicksals, dem er nur deshalb keine Bedeutung beigemessen hatte, weil er nichts von derlei Zeichen hielt.

Vielleicht war es besser, vorübergehend einen anderen Job anzunehmen, bis sich wieder ein Lehrerposten anbot. Zur Not musste er sich mit Nachhilfestunden durchschlagen.

»Also gut«, hörte er sich sagen. Er wollte auf den Posten in Runberry verzichten, obwohl er dem unsympathischen Ralph Robertson den Triumph nicht gönnte. »Von mir aus können Sie …«

Die Tür zum Direktorzimmer ging auf. Eine junge Frau trat ein. Sie hatte braune Locken und gleichfarbige, traurige Augen.

Ralph Robertson machte sofort eine überschwängliche Verbeugung. Die Frau beachtete ihn überhaupt nicht. Sie starrte nur auf den Mann, der neben ihm stand und ihren überraschten Blick erwiderte, ohne das passende Wort zu finden.

Direktor Fudge war über die Störung nicht erfreut.

»Was gibt es denn, Miss Allison?«

Die Frau riss sich von Bruce Akins los.

»Es ist … die Jungs … sie sind … ich kann sie nicht mehr bändigen. Sie sind heute noch schlimmer als sonst.«

Der Glatzköpfige starrte sie an, als hätte sie ihm gerade von einem Vulkanausbruch am Nordkap berichtet.

»Gut, gut«, raunzte er. »Gehen Sie wieder in Ihre Klasse. Ich bin hier gleich soweit. Mister Akins möchte nicht mehr …«

»Ich wollte sagen«, fiel ihm der Genannte schnell ins Wort. »Geben Sie doch demjenigen die Stelle, der am besten dafür geeignet ist.«

»Ein Probeunterricht?«

Bruce Akins nickte heftig. Erst jetzt begriff er, dass das unerwartete Auftauchen des Mädchens vom Strand seinen plötzlichen Sinneswandel bewirkt hatte.

»Das ist gar keine so schlechte Idee«, fand der Direktor. »Was sagen Sie dazu, Mister Robertson?«

Der Aalglatte verzog seine Mundwinkel.

»Den Vorschlag wollte ich eben auch machen«, behauptete er. »Bald wird sich zeigen, wer hier falsch am Platz ist.«

Sein Blick, mit dem er seinen Rivalen maß, ließ erkennen, dass für ihn das Ergebnis des Probeunterrichts von vornherein feststand.

»Mister Robertson war vor Ihnen da, Mister Akins«, stellte Direktor Fudge erleichtert fest. »Er wird daher die ersten beiden Stunden übernehmen. Aber ich muss Sie beide warnen. Sie werden es nicht leicht haben. In diesen Jungen steckt der Teufel.«



7

Inspektor Claude Foggers starrte auf die Karte an der Wand. Sie zeigte das Küstengebiet um Runberry. Vier bunte Fähnchen hatte er hineingesteckt.

Jonas Bridges, ein korrekt gekleideter Vertreter aus Liverpool, hatte noch gelebt, als er am Bahnhof von Runberry in den Zug stieg. Zehn Minuten später war er tot. Herzinfarkt, hatte der Arzt in den Totenschein geschrieben, und keiner hatte sich daran gestört. Ein Vertreter war viel unterwegs. Der Stress hatte ihn zur Strecke gebracht. Der Inspektor hatte den Fall überhaupt nur auf den Tisch bekommen, um die Angehörigen des Toten ausfindig zu machen.

Auch als spielende Kinder Jacques Guillet im Wald an einem Baum hängend fanden, war der Fall schnell geklärt, da sich herausstellte, dass er in Toulouse wegen mehrerer Einbrüche gesucht wurde. Der Gauner hatte seinem Leben ein Ende gesetzt.

Erst die Tablettenüberdosis von Yvonne McCoin weckte Misstrauen. Die lebenslustige Witwe hatte das Geld ihres verstorbenen Mannes noch längst nicht ausgegeben. Und als man die kleine Blonde aus dem Kanal zog, war Foggers endgültig überzeugt, dass hier ein Verbrechen vorlag.

Nun ließ er sich auch den Herzinfarkt von Jonas Bridges und den Freitod des Franzosen nicht mehr einreden. Er suchte nur noch den Faden, der die drei Morde miteinander verband.

Damit hatte er sich ein großes Stück Arbeit vorgenommen. Das Schlimmste war, dass Sergeant Boone ihn nicht mit der erforderlichen Begeisterung unterstützte. Der glaubte nicht an ein Verbrechen und hielt seinen Vorgesetzten für überspannt.

Claude Foggers studierte die Lebensläufe der ersten drei Toten. Er blätterte die Akten mehrmals durch. Aber er stieß auf keinen Punkt, an dem sich wenigstens zwei der Personen getroffen hätten. Kein gemeinsamer Bekannter, völlig unterschiedliche Lebensbereiche. Erst das Städtchen Runberry führte sie flüchtig zusammen, wenn sie sich auch hier kaum getroffen hatten. Sie waren nur alle hier gestorben.

Hatte sich das vielleicht ein Geisteskranker ausgedacht? »Ich locke die Leute nach Runberry und bringe sie da alle um, jeden auf eine andere Weise …«

Inspektor Foggers musste zugeben, dass so ein Unternehmen selbst für einen Geisteskranken zu albern wäre. Irre pflegten meist gerade übertrieben logisch zu handeln. Und die vorliegenden Fälle bewiesen doch eine raffinierte Methode. Es waren Fremde nach Runberry gebracht worden, die alle in einer Zwangslage steckten und ein Ende aus einer hoffnungslosen Situation suchten. Und jeder Person wurde zu einem Ende verholfen.

Inspektor Foggers suchte den schier genialen Irren, der seine Opfer unaufhaltsam in den Tod schickte, den sie sich uneingestanden wünschten.

Foggers glaubte, das bei den vorliegenden Fällen beweisen zu können, nur die überzeugenden Belege fehlten noch.

Vielleicht brachte Boone etwas Neues. Der Inspektor hörte auf dem Flur die unverkennbaren Schritte des Sergeanten.

Boone öffnete die Tür und trat aufgeregt ein.

Foggers begrüßte ihn erwartungsvoll. »Sie haben etwas Wichtiges … Ich sehe es Ihnen an. Wie heißt das Mädchen?«

Boone starrte den Vorgesetzten verständnislos an.

»Was für ein Mädchen?«

»Aber Boone«, regte sich Foggers auf, »die letzte Leiche, die wir gefunden haben …«

»Die letzte Leiche?« Boone leuchtete auf. »Ja, die kenne ich genau. Und Sie kennen sie auch.«

»Ach was«, wehrte der Inspektor verärgert ab. »Alle Leichen, die man uns aufgetischt hat, sind uns unbekannt. Wieso soll ich das Mädchen kennen?«

»Wer spricht denn von einem Mädchen?«, verstand Boone nicht. »Ich komme zu Ihnen, um Ihnen zu melden, dass wir eine neue Leiche gefunden haben! Hat Sullivan Ihnen denn nichts gesagt?«

»Sullivan?«, versuchte der Inspektor zu verstehen. »Okay, Sullivan hat mir gesagt, Sie hätten etwas Neues gefunden. Ich dachte natürlich, dass Sie die Identität des Mädchens festgestellt hätten.«

»Ach, das Mädchen«, fiel Boone ein, »die vorletzte Leiche. Sie ist von der letzten Leiche verdrängt worden.«

»Was?«, entsetzte sich Foggers. »Noch eine Leiche? Und ich soll sie kennen, behaupten Sie?«

»Allerdings.« Michael Boone genoss das Gefühl, mehr zu wissen als sein Chef. »Sie kennen doch Tom Pate.«

»Tom Pate ist tot?« Der Inspektor wollte es nicht glauben. »Sagen Sie jetzt nur nicht, dass er sich das Leben genommen hat.«

»Das wohl nicht«, räumte der Sergeant ein. »Obwohl man es schon selbstmörderisch nennen muss, bei solch einem Sturm mit dem Boot hinauszufahren. Das konnte ja nicht gut gehen.«

Claude Foggers kniff die Augen zusammen.

»Ein Unfall also?«

»Ja. Das Boot wurde gegen die Felsen geworfen. Er muss sofort tot gewesen sein. Mag der Teufel wissen, was er mitten in der Nacht da draußen wollte.«

»Der Teufel wird es uns nicht verraten, Boone, aber wir kriegen das schon raus. Ich habe das unbestimmte Gefühl, als ob Tom Pate wunderbar in unsere Sammlung passte.«

»Sie meinen doch nicht etwa …«

»… dass er ermordet wurde? Sie werden lachen, genau das wollte ich damit sagen. Tom Pate war ein Artist mit seinem Kahn. Der hat schon ganz anderen Stürmen getrotzt. Wenn er es sich nicht zugetraut hätte, wäre er nicht hinausgerudert.«

»Schon manch einer hat sich zu viel zugemutet, und kam mit zerschmettertem Schädel nach Hause«, philosophierte Michael Boone. »Wasser und Wind sind unberechenbar.«

»Unser Mörder vorläufig auch. Trotzdem gibt es für ihn eine Formel. Wir müssen sie nur finden.«

»Wissen Sie was, Sir?«

»Nun?«

»Wenn Tom Pate ermordet wurde, zahle ich Ihnen einen Kasten Ginger Ale.«

Ein Lächeln huschte über Claude Foggers Gesicht. Er kannte den Geiz des Sergeanten.

»Einen ganzen Kasten?«, vergewisserte er sich.

»Von mir aus auch zwei. Ich brauche sowieso nicht zu zahlen.«

»Bleiben wir bei einem, Boone. Aber ich trinke ihn allein. Sie bekommen keine Flasche ab.«

»Top!«

»Top! Und nun wollen wir uns die Geschichte näher anschauen.«



8

Tom Pates Leichnam lag in der Bucht. Neugierige hatten sich eingefunden. Die Polizisten hatten Mühe, sie auf Distanz zu halten.

»Dort an dem Vorsprung haben die Fischer ihn gefunden.« Sergeant Boone wies auf die Stelle, an der sich die Bucht zum offenen Meer öffnete. »Sie hing halb über dem Felsen, auf den ihn die Brandung geschleudert hatte.«

»Und das Boot?«

»Ein paar Planken wurden schon gefunden. Es ist völlig zerstört. Ein Wunder, dass der Mann nicht schlimmer aussieht.«

Inspektor Foggers antwortete nicht. Er hatte sich die Leiche nur flüchtig angesehen. Die Felsen hatten ganze Arbeit geleistet. Wenn hier ein Verbrechen vorlag, würde es schwer nachzuweisen sein.

Er ließ seinen Blick über die Bucht schweifen. Sie bildete einen Hafen, der selbst bei wilder See noch anzufahren war. Ringsum türmten sich die Klippen, in die das Meer im Lauf der Jahrhunderte zum Teil tiefe Einschnitte gewaschen hatte. Der ideale Platz für Gesindel, das sich nicht sehen lassen wollte.

Claude Foggers betrachtete die Felsen. Eine Stelle interessierte ihn besonders. Er beeilte sich hinzuzukommen und winkte dem Sergeanten, ihm zu folgen.

»Nicht, dass der Anblick des armen Tom Pate mich besonders durstig gemacht hätte«, meinte er, als Michael Boone neben ihm stand, »aber den Kasten Bier werden Sie wohl kaufen müssen.«

»Da bin ich aber gespannt.« Man hörte der Stimme an, dass er den Inspektor noch nicht ernst nahm.

»Was sehen Sie hier?«, fragte Foggers.

Der Sergeant schaute flüchtig auf die Stelle, auf die Foggers wies. Doch dann riss es ihn herum. Seine Augen wurden kugelrund. Seine Mundwinkel fielen nach unten.

»Sieht aus wie Blut.«

»Es ist Blut, Boone! Und was sehen Sie noch?«

»Haare?«

»Sie haben schon wieder recht. Mann, ich habe zwar nur einen Sergeant, aber von dem sind Sie zweifellos der beste. Wenn Sie nun noch zu einem logischen Schluss kommen, sehe ich nicht mehr so schwarz für Ihre Zukunft.«

Michael Boone wurmte es, dass der Inspektor diesmal recht zu haben schien.

»Ein behaarter Körperteil, möglicherweise ein Kopf – ob von einem Menschen, müsste untersucht werden – stieß mit diesem Felsen so heftig zusammen, dass er blutete«, dozierte der Sergeant.

»Dass wir das noch untersuchen, Boone, darauf können Sie sich verlassen«, schloss Claude Foggers. »Ich möchte aber das Ergebnis der Untersuchung vorwegnehmen. An dem Stein ist Tom Pates Blut, und die Haare sind Haare von seinem Kopf. Der Mann wurde hier ermordet, bevor ihn der Täter ins Meer warf, um einen Unfall vorzutäuschen.«

Michael Boone lächelte zufrieden.

»Ein raffinierter Mord«, meinte er, »aber der Mörder war so dumm, die Spuren nicht zu beseitigen. Wie passt das zusammen?«

»Erwarten Sie nicht, dass ich Ihnen alle Fragen in dieser Minute beantworte. Entscheidend ist, dass hier ein Mord vorliegt, der wie ein Unfall aussieht. Wir haben vier weitere Tode, bei denen es ebenso aussieht. Wir müssen uns bemühen, um das teuflische Verbrechen zu erkennen.«

»Bin gespannt, wie Sie das anstellen wollen.«

»Da haben Sie ausnahmsweise mal recht, Boone. Darauf bin ich selbst gespannt.«



9

»Wollen Sie wirklich noch hineingehen, Akins?«, fragte Ralph Robertson herablassend, als er dem anderen die Klassentür in die Hand gab. »Ich habe die Jungs gewonnen. Prächtige Kerle. Vielleicht ist der eine oder andere ein bisschen merkwürdig, aber das sind Erwachsene ja auch.«

Bruce Akins wusste, gegen wen dieser Hieb zielte. Dem Aalglatten war nicht entgangen, wie er das braunhaarige Mädchen angestarrt hatte, als hätte er einen Geist vor sich. So etwas Ähnliches hatte er wohl auch gedacht, als er plötzlich die Kleine vom Strand hier wiedertraf.

Nicole Allison war also Lehrerin. Diese Erkenntnis war ausschlaggebend für ihn gewesen, nicht kampflos auf den Posten an dieser Schule zu verzichten.

Bruce Akins dachte an das Mädchen mit den traurigen Augen, als er vor die Schüler der Klasse trat.

Es empfing ihn geballtes Gelächter.

Nachdem er sich kurz vorgestellt hatte, begann er mit dem Unterricht. Er merkte sofort, dass die Burschen ihm nicht zuhörten, sondern ganz andere Dinge im Kopf hatten. Direktor Fudge hatte behauptet, ihn ihnen stecke der Teufel.

Akins hielt ihr Verhalten eher für die gewöhnliche Reaktion einer Klasse auf einen neuen Lehrer, dem sie ihre Macht beweisen wollten. Er durfte sich nicht provozieren lassen.

Robertson hatte einen siegessicheren Eindruck gemacht.

Oder hatte er nur geblufft?

»Glauben Sie an Geister, Mister Akins?«

Die Frage kam so überraschend, dass er einige Sekunden zögerte, bevor er antwortete.

»Natürlich nicht. Jedes Geschehen hat eine natürliche Erklärung und einen realen Hintergrund. Gespenster sind Fabelwesen, für deren Existenz die Wissenschaft jeden Beweis schuldig ist und auch bleiben wird. Fliegende Unterrassen und ähnliche Erscheinungen existieren nur in Science Fiction Büchern und in der überspannten Phantasie gewisser Leute, die sich wichtig machen wollen. Ich halte euch nicht für solche Leute.«

»Mister Robertson auch nicht?«

»Was meinst du damit?«

»Er glaubt an Geister. Er hat auch schon welche gesehen. Er hat versprochen, uns einen zu zeigen. Aber das ist nicht nötig. In Runberry bestimmt nicht.«

Die übrige Klasse kicherte.

Bruce Akins wusste, womit Robertson die Sympathie der Schüler gewonnen hatte. Er hielt seine Methode für unverantwortlich und nahm sich vor, Direktor Fudge darüber aufzuklären.

»Mister Robertson ist nicht der einzige, der sich mit Geistern auskennt«, nahm ein anderer das Thema auf.

»Ja, fragen Sie mal Miss Allison«, schrie ein dritter dazwischen.

»Miss Allison?«

»Kennen Sie sie nicht? Das ist so eine Dürre. Ich glaube, der ist der Liebste weggelaufen. Die kann überhaupt nicht lachen. Wenn man sie ansieht, denkt man, sie ist schon tot.«

Betroffen stellte Bruce Akins fest, wie gut der Junge die Lehrerin gezeichnet hatte.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925234
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v454203
Schlagworte
blutige schatten runberry

Autor

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Titel: Blutige Schatten über Runberry