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Uksak Top Western-Roman 5 Red River Rebellen

2018 120 Seiten
Reihe: Uksak Top Western, Band 5

Leseprobe

Red River Rebellen

Western von John F. Beck


Der Umfang dieses Buchs entspricht 140 Taschenbuchseiten.


Einst waren Wayne Starbuck, Rhett Jordan und Phil Merrit unzertrennliche Freunde gewesen — ihnen gehörte die Triangle Ranch und gemeinsam waren die drei Texaner in den Krieg gegen die Yankees gezogen. Dann hatte sie einer an die Nordstaaten verraten und Wayne Starbuck geriet in Gefangenschaft! Als ihm die Flucht gelingt, treiben ihn mörderischer Hass auf den Verräter und die Sehnsucht nach Maureen Dale voran. Zurück in Texas sucht der ehemalige Südstaaten-Captain nach El Buscadero, den Boss der Brassada-Rebellen, um sich ihm anzuschließen – aber die Unionisten jagen ihn wie ein wildes Tier ...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Der Mann lief um sein Leben. Zweige peitschten sein schweißnasses hageres Gesicht, in das die Schreckensjahre des Bürgerkriegs dunkle Linien gekerbt hatten. Seine graue Südstaatler-Uniform war vom Stacheldraht des Gefangenenlagers zerfetzt. Das heisere Gekläff der Bluthunde auf seiner Spur rückte immer näher. Jedes Mal wenn er einen gehetzten Blick über die Schulter warf, sah er die blauen Uniformjacken seiner Verfolger zwischen den Sträuchern und Bäumen schimmern. Keuchend und taumelnd brach Wayne Starbuck aus dem verfilzten Waldstreifen. „Ausgespielt, Rebell!“, lachte da eine kalte, höhnische Stimme. „Noch einen Schritt und du landest mitten in der Hölle!“ Ein Karabinerschloss klirrte. Auf dem sanftwelligen Grasland hoben sich drei Reiter gegen den rotflammenden Sonnenuntergang ab. Die Gesichter der beiden Nordstaatensoldaten über den Gewehrläufen waren hart und kantig. In ihren Augen glitzerte der alte Hass. Der Krieg hatte ihnen seinen Stempel aufgebrannt wie allen anderen: Für sie war Wayne nur der Todfeind, der keine Gnade mehr verdiente! Der dritte Mann, ein bärtiger Zivilist in abgewetzter Lederkleidung, saß reglos ein ganzes Stück hinter ihnen auf seinem Pferd und hielt sein Gewehr schräg vor sich auf dem Sattel.

Wayne hatte das Gefühl, unvermittelt am Rand eines Abgrunds zu stehen. Es durfte einfach nicht alles umsonst gewesen sein: die Entbehrungen, die zähe Entschlossenheit, nach Texas heimzukehren und mit dem Verräter abzurechnen, das zermürbende Warten auf den richtigen Augenblick zur Flucht!

„Wirst du endlich die Pfoten hoch strecken, du verdammter Bandit!“ Der eine Uniformierte trieb mit zum Schlag erhobenem Karabiner sein Pferd auf den Texaner zu. Wayne schwankte, rang nach Atem, aber dabei spannte er alle Muskeln. Er hatte nichts mehr zu verlieren. Er musste alles auf eine Karte setzen. Hinten im Dickicht knallte irgendwo ein Schuss. Das Hundegebell wurde schrill und gierig. Jetzt wurden die auf den Mann dressierten Tiere von den Leinen gelassen!

Wayne schnellte wie ein Panther durch die Luft. Niemand hätte in dem abgemagerten Körper des ausgebrochenen Gefangenen noch so viel Kraft und Wildheit vermutet. Wie Schraubzwingen schlossen sich seine Arme um den Körper des Soldaten und rissen ihn vom auskeilenden Pferd. Im nächsten Moment hielt Wayne den Spencerkarabiner in der Rechten und schlug zu. Alles, was sich an Verzweiflung und Verbitterung in ihm angesammelt hatte, entlud sich jetzt.

Das Dröhnen des Schusses drohte Waynes Trommelfelle zu sprengen. Er riss das Gewehr jäh herum — und da sah er die Mündung des zweiten Yankee-Karabiners wie ein schwarzes Todesauge bereits direkt auf seine Brust gerichtet.

Für einen Sekundenbruchteil schien die Zeit stillzustehen. Dann sank die Mündung plötzlich herab. Das Gewehr rutschte am Pferdehals vorbei ins Gras.

Die Augen des Soldaten waren leer. Mit ausgebreiteten Armen stürzte er aus dem Sattel und begrub die Waffe unter sich. Die beiden Kavallerie Pferde stoben erschreckt wiehernd davon. Der Bärtige hebelte mit unbewegter Miene eine neue Patrone in den Gewehrlauf. Ein Rauchfaden kräuselte vor der Mündung.

„Herauf zu mir, Starbuck! Höchste Zeit, dass wir verschwinden!“

Wayne starrte ihn ungläubig an. Er hatte den Mann nie zuvor gesehen. Dann rannte er schon los und schwang sich hinter ihm auf das grobknochige braune Pferd. Vom Waldrand gellte Geschrei. Schüsse blitzten auf. Der Bärtige zielte mit eiskalter Konzentration und drückte ab. Ein riesiger Bluthund wurde mitten im Sprung ins Unterholz zurückgestoßen. Sein schrilles Geheul ging im dumpfen Trommeln der Hufe unter. Wayne sah den Grasboden unter sich dahinrasen. Auf einmal kam es ihm wie eine halbe Ewigkeit vor, seit er zum letzten Mal im Sattel gesessen war. Die Erinnerung an das stinkende, verdreckte Gefangenen-Camp, in dem er mit allem möglichen Gesindel und Kriegsverbrechern zusammengepfercht gewesen war, schnürte ihm die Kehle zu. „Wer sind Sie?“, schrie er dem Bärtigen ins Ohr.

„Der Mann, der einen der Posten bestochen hat, damit Sie überhaupt aus diesem Drecksloch ’rauskamen, Captain! Mehr ist jetzt nicht wichtig! Die Blauröcke waren so hirnverbrannt, mich mit auf die Hetzjagd zu nehmen! Die hatten keine Ahnung! Der Teufel soll sie alle holen, diese Yankees! Ich führe nur einen Auftrag aus!“

„Von wem?“

„Später! Erst müssen wir ...“ Hinter ihnen fielen wieder Schüsse. Es hörte sich an, als knackten dürre Äste unter stampfenden Pferdehufen. Der Braune zuckte heftig zusammen, röchelte, und Wayne fühlte den schweren Körper unter sich wegsacken. Er hörte den Bärtigen verzweifelt fluchen, stieß sich selber ab und überschlug sich auf der Erde. Im Hochtaumeln sah er die Verfolger vor der dunklen Mauer des Gehölzes zu einer Kette ausschwärmen. Mündungsfeuer blitzten über den flatternden Mähnen ihrer Pferde auf. Ein lautes Stöhnen ließ Wayne den Kopf herumreißen. Er musste die Zähne zusammenbeißen, als er seinen fremden Helfer von der Hüfte an unter dem massigen Braunen begraben sah. Das Gesicht über dem wirren schwarzen Bartgestrüpp war fahl und fleckig, vom Schmerz verzerrt. Wayne rannte zu ihm und packte das am Boden liegende Gewehr.

Der Bärtige schüttelte heftig den Kopf. „Fort mit Ihnen, Captain! Dort hinter der Bodenwelle habe ich ein Pferd für Sie bereitgestellt mit neuer Kleidung und Waffen! Sehen Sie zu, dass Sie nach Texas durchkommen! Männer wie Sie werden jetzt dort gebraucht! Das ganze Land erstickt in Armut und Elend und unter dem Terror dieser verdammten Yankee-Besatzer! Sie müssen ...“ Die Stimme versagte ihm. Der Schweiß lief ihm in Strömen über die fahlen Wangen.

Es war überhaupt nicht daran zu denken, den Mann allein unter dem toten Pferd hervorzubringen. Wayne duckte sich neben ihn. Die Kugeleinschläge der herandonnernden Verfolger warfen nur wenige Yards entfernt Fontänen aus Erdbrocken und Grashalmen empor. Wayne feuerte. Ein Pferd bäumte sich auf und warf seinen Reiter ab. Die anderen rissen ihre Gäule zurück, schwärmten weiter aus, um Wayne von den Flanken zu fassen. Jetzt, da sie den Flüchtenden gestellt hatten, wollten sie nichts mehr riskieren.

„Wer hat Sie geschickt?“, fragte Wayne, während er das Gewehr durchlud.

„El Buscadero! Ich gehöre zu seiner Mannschaft. Wir sind alles Texaner, die sich nicht damit abfinden, dass der Krieg verloren ist und die Blauröcke uns ihren Willen aufzwingen! Wir halten uns in der Red River Brasada versteckt! Von dort aus ...“

Wayne musste wieder schießen. Eine Meute kläffender Bluthunde hetzte durch das hohe Gras heran. Waynes Gewehr hämmerte mit einer Schnelligkeit, dass die einzelnen Detonationen nicht mehr voneinander zu unterscheiden waren. Das Rudel zähnefletschender Tiere verwandelte sich in einen Knäuel winselnder, durcheinanderquirlender und nach allen Seiten davonstiebender Tiere.

„Starbuck!“, keuchte der Verletzte. „Verlieren Sie keine Zeit mehr! Sie können sie nicht aufhalten! Verdammt, wollen Sie denn wieder bei Wasser und verschimmeltem Brot hinter Stacheldraht hocken und darauf warten, als Kriegsverbrecher an die Wand gestellt zu werden?“ Wayne kramte in den Satteltaschen nach neuer Munition.

„Starbuck! Mir ist nicht mehr zu helfen! Ah, diese verfluchten Schmerzen! Die Beine sind hin. Lassen Sie mir das Gewehr da und laufen Sie! Ich halte diese Burschen auf, bis Sie beim Pferd sind! Los doch! Soll denn alles umsonst gewesen sein? Denken Sie an Maureen Dale ...“

Wayne fuhr zusammen. Er spürte das wilde Pochen seines Herzens plötzlich bis in die Kehle. „Maureen? Was ist mit ihr? Heraus mit der Sprache!“

„Gehen Sie!“, stöhnte der Bärtige, dessen Blick sich mehr und mehr verschleierte. „Um Himmels willen! Ich halte nicht mehr lange durch ...“ Mit letzter Kraft streckte er seine Hand nach der Waffe aus. Wayne überließ sie ihm wie in Trance. Maureen! Der Name hämmerte immerzu in seinem Kopf. Die Flut der Erinnerungen stürmte auf ihn ein und trieb ihn hoch. Der heiße Luftzug einer Gewehrkugel wischte an seinem Kopf vorbei. „Starbuck, du verrückter Texaner, gib auf!“, brüllte eine wütende Stimme.

„Fort!“, keuchte der Südstaatler, von dem Wayne nicht einmal den Namen wusste. „Grüßen Sie El Buscadero von mir — und Texas!“ Dann schob er mit nahezu übermenschlicher Anstrengung das Gewehr über den reglosen Pferdeleib und begann zu feuern. Fluchend spornten die Blauuniformierten ihre Pferde zum Ansturm. Wayne blieb keine Zeit mehr für Dank oder Abschied. Geduckt, in einer Zickzacklinie, lief er los. Kugeln schwirrten ihm nach. Dann wölbte sich der niedrige Hügelrücken zwischen ihm und dem Krachen der Gewehre. Ein grauer hochbeiniger Wallach war an einem Strauch angeleint. Ein patronenschwerer Revolvergurt baumelte am Sattelknauf. Hinter der Sattelpausche war ein Kleiderbündel festgeschnallt.

Im Nu saß Wayne im Sattel. Hinter ihm krachten noch zwei, drei Schüsse, dann herrschte beklemmende Stille. Dann setzte das Prasseln der Hufe wieder ein. Wayne duckte sich und jagte los. So weit das Auge reichte — überall dehnte sich Land, das jetzt von den Yankees beherrscht wurde. Für ihn zählte nicht, dass der Krieg seit Monaten zu Ende war. Von jetzt an war er nur noch der Mann, der um sein Leben reiten musste. Die Erinnerung an seinen Abschied von Maureen damals in Willow Creek schien aus einer anderen Welt zu stammen.

Damals waren er und seine Partner noch voller Zuversicht und Ideale gewesen — drei unzertrennliche Freunde, die gemeinsam in den Krieg geritten waren: Wayne Starbuck, Rhett Jordan und Phil Merrit. Bis dann in jener Nacht dicht hinter der Frontlinie der Nordstaatler alles zu Ende ging. Ihr Spähtrupp, der tief im Feindgebiet Sabotage betrieben hatte, war in die Klemme geraten. Wayne sah wieder alles, deutlich vor sich, während er Meile um Meile nach Süden sprengte. Das Grollen der Hufe wurde in seinen Ohren wieder zum fernen Donnern der Geschütze, das drohend zur Senke mit der zerstörten Farm herüberdrang ...



2

Die Männer kauerten reglos zwischen den bizarr verkohlten Trümmern. Im Granatfeuer gesplitterte Baumstümpfe ragten gespenstisch in den fahlen Sternenhimmel. Der Krieg war auch über diesen Fleck Erde als mörderische Feuersbrunst weggebraust, hatte die Ernte auf den Feldern vernichtet und nichts als Schutt und Asche zurückgelassen. Jenseits der kahlen Höhen, die die Senke umschlossen, wummerten die Kanonen der Unionstruppen. Brandrotes Wetterleuchten flackerte da und dort über den Kuppen. Von Osten näherte sich das Knattern von Gewehrsalven.

„Merrit müsste längst zurück sein!“, flüsterte Billy-Joe Stanton, der jüngste Soldat in Wayne Starbucks Kommando, beklommen. „Wenn sie ihn erwischt haben, sitzen wir hier endgültig fest! Vielleicht sind wir längst umzingelt ...“

„Still, zum Henker! Musst du denn immer den Teufel an die Wand malen! Captain, Sie hätten dieses verflixte Greenhorn zu Hause lassen sollen!“

Wayne schwieg. Sein Gesicht war hohlwangig, unrasiert und von den Strapazen eines gefährlichen, mühsamen Trails durch Feindesland ebenso gezeichnet wie die Gesichter der Gefährten. Mit ihren schmutzstarrenden, schweißdurchdrängten Uniformen glichen sie einer Horde Buschräuber. Nur ihre Waffen waren blitzblank und gepflegt wie eh und je. Die Sekunden rannen dahin wie flüssiges Blei. Dann sahen alle den Schatten, der sich lautlos auf sie zubewegte. Mit schussbereiten Gewehren in den Fäusten zuckten sie hoch — lauernd, sprungbereit, jeden Moment dazu entschlossen, ihr Leben bis zum letzten Atemzug zu verteidigen.

Der hohle klagende Ruf eines Käuzchens trieb zu ihnen herüber. Rhett Jordan, der große dunkelhaarige Mann neben Wayne entspannte sich. „Phil, dieser schleichende Comanche, hat es wieder mal geschafft! — He, Phil, du Teufelsbraten, das nächste Mal meldest du dich früher! Beinahe hätten wir dich voll Blei gepumpt!“

Merrit glitt geschmeidig heran. Sein Lachen klang gezwungen. „Ausgerechnet euren Schutzengel, der euch hier rausführen wird! Wayne, Amigo, ich kenne den Weg! Wenn wir gleich aufbrechen, sind wir in zwei Stunden auf unserer Seite, ohne dass die Yankees auch nur den Zipfel einer Uniform von uns zu sehen bekommen!“ Wayne drückte ihm nur stumm die Hand. Dann erteilte er mit gedämpfter Stimme seine Kommandos. Die Pferdehufe und alle Metallteile der Ausrüstung wurden mit Stofflappen umwickelt. Die Männer mussten ihre Gesichter mit Ruß beschmieren, damit sie nicht in der Dunkelheit zu erkennen waren. Dann übertrug Wayne Phil Merrit die Führung. Sie brachen auf, einer hinter dem anderen. Wayne ritt dicht hinter Phil, Rhett Jordan bildete die Nachhut. Von jetzt an wurde kein Wort mehr gesprochen. Sie verließen die Senke, und Merrit, der blonde drahtige Mann vom Red River, führte sie geradewegs dem Donnern der Nordstaaten-Geschütze entgegen. Ein sanft ansteigender Hohlweg nahm sie auf. Die Hänge standen wie schwarze Mauern zu beiden Seiten der Reitergruppe. Es war hier so dunkel, dass keiner mehr richtig die Hand vor den Augen sehen konnte.

Wayne drängte sein Pferd neben das Tier von Merrit. Der Hohlweg war gerade breit genug für zwei Reiter. „Wie weit noch, Phil?“

In diesem Augenblick drang das Wiehern eines Pferdes rechts vom Hang herab. Aus der Reihe hinter dem Captain antwortete eines der Tiere der Konföderierten. „Yankees!“, zischte Wayne. „Zurück!“ Er wollte seinen Gaul an Merrit vorbeitreiben, um Raum zum Wenden zu haben. Gleichzeitig packte er den aus dem Scabbard ragenden Karabinerkolben. Da spürte er den harten unmissverständlichen Druck einer Revolvermündung in der Seite.

„Zu spät, Wayne! Mach keine Dummheiten!“ Er konnte es nicht fassen, dass das wirklich Phil war, der da den Finger am Drücker hielt und ihn bedrohte. Merrit war nur ein steifer, regloser Schatten neben ihm, von seinem Gesichtsausdruck war nichts zu erkennen. Wayne starrte ihn wie gelähmt an.

Zu beiden Seiten der Hohlwegränder spalteten plötzlich feurige Keile die Nachtschwärze. Pechfackeln wurden auf hochgeschichtete, Reisigstöße geworfen. Im Nu loderten die Flammen auf und tauchten die Szene in blutrotes Licht.

„Die Waffen weg, Rebellenpack!“, drang eine klirrende Stimme zu ihnen herab. „Ergebt euch, ihr Lumpen, oder ich lasse euch in Fetzen schießen!“ Wie aus dem Boden gewachsen tauchten die blau uniformierten Gestalten oben auf; einer neben dem anderen, jeder ein Gewehr im Anschlag. Der gespenstische Feuerschein brach sich an den Waffen, Messingschnallen und Uniformknöpfen. Wayne brach von einem Moment zum anderen der Schweiß aus allen Poren. „Phil, um Himmels willen ...“

„Los, befiehl ihnen, sie sollen aufgeben!“, zischte Merrit. Die Flammen zauberten ein irres Sprühen in seine Augen. Sein Gesicht war schmal und verkniffen. Er kam Wayne wie ein Fremder vor. Das war nicht mehr der Mann, mit dem er und Rhett Jordan zusammen die Triangle Ranch im Willow Creek County aufgebaut hatten. „Los, verdammt noch mal! Major Rutledge ist genau der Mann, der seine Drohung wahrmacht, wenn ihr nicht spurt!“

Die Sekunden, in der die Südstaatler vor Schreck und Überraschung wie versteinert in den Sätteln hockten, waren zu Ende. „Verrat!“, kreischte Billy-Joe Stanton mit überkippender Stimme und riss das Gewehr an die Schulter. Er war der Erste, den eine Kugel vom Pferderücken schmetterte. Der peitschende Knall füllte den Hohlweg. Kein Schuss hatte Wayne Starbuck jemals zuvor so erschüttert. Er sah den jungen Stanton wie eine Stoffpuppe aus dem Sattel kippen. Und da tobte auch schon entlang der Hohlwegkanten ein Blitzen und Krachen los, als sei ein Vulkan aufgebrochen. Pulverdampf lagerte in einer brodelnden Wolke über der Geländekerbe und dämpfte den rot zuckenden Flammenschein. Für Wayne stürzte eine Welt zusammen.

„Phil, du verdammter Verräter!“ Seine eigene Sicherheit war ihm jetzt egal. Das Brüllen der Waffen hatte die Pferde erschreckt. Merrits Tier steilte vorne hoch. Der Druck des Revolvers schwand von Waynes Seite. Er schleuderte sich mit krallenartig vorgereckten Händen zu dem drahtigen Mann hinüber, den er einmal für seinen besten Freund gehalten hatte. Jetzt, da ihm die Todesschreie seiner Gefährten in den Ohren gellten, wünschte er nur noch den Tod des Verräters.

Waynes Aufprall war so wild, dass Phil auf der anderen Seite vom Pferd stürzte. Wayne begrub ihn unter sich. Seine Fäuste schlossen sich um Phils Kehle. Er, der sonst so eiskalte, beherrschte Texaner-Offizier, hatte sich jetzt in einen rasenden Tiger verwandelt. Stampfende Hufe überschütteten ihn mit Sand und Steinen. Pferde rannten vorbei, stießen zusammen, stürzten.

Nochmals dröhnte eine Salve. Merrit schlug mit dem Revolverlauf nach Wayne, aber der Hieb streifte nur dessen Stirn. Wayne spürte in diesem Augenblick keinen Schmerz.

Männer rutschten, stolperten und sprangen die steilen Hänge herab. Kräftige Fäuste packten zu und rissen Wayne von Merrit weg. Mit zusammengebissenen Zähnen, stumm und verzweifelt wehrte er sich noch immer. „Wayne!“, hallte ein markdurchdringgender Schrei von der Einmüdung des Hohlweges her.

Der dunkelhaarige Rhett Jordan schlug dort mit wilden Kolbenhieben auf zwei Nordstaatler ein, die ihn vom Pferd zerren wollten. Er allein war von dem Trupp übrig geblieben, und jetzt versuchte er, wild und verzweifelt bis zum Captain vorzudringen. Ein Wirrwarr aus erschossenen und verwundeten Pferden und schlaffen Männergestalten füllte den Hohlweg dazwischen.

Fäuste trafen Wayne Starbuck in Gesicht, Leib und Genick. Er sah, wie die beiden Unionisten unter den wirbelnden Vorderhufen von Jordans Rappen zusammenbrachen. „Rhett, flieh!“, schrie er mit einer Stimme, die ihm nicht mehr zu gehorchen schien. „Es ist alles verloren! Versuch dich nach Texas durchzuschlagen, Rhett! Der Krieg wird bald zu Ende sein, der Süden hat keine Chance mehr! Dann muss sich jemand um Maureen kümmern! Reite, Rhett, ehe es zu spät ist!“

Jordan fluchte und schrie und feuerte seinen Karabiner auf die Nordstaatler ab. Dann blitzte es wieder aus den abziehenden Pulverdampfschwaden heraus. Lehmbrocken stoben neben den Hufen von Jordans Rappwallach empor. Sein Gewehr war leer geschossen. Auf der Hinterhand trieb er sein Pferd herum, legte sich fast auf den Pferdehals, und im nächsten Moment hatte ihn schon die Finsternis am Ende des Hohlweges verschluckt. Die Salve der Yankees prasselte ins Leere. Wayne hing schlaff, mit zerschlagenem, blutverschmiertem Gesicht zwischen bulligen Soldaten. Die schneidende Stimme von vorhin teilte die Männer ein, die die Jagd nach dem Geflohenen aufnehmen sollten.

Dann tauchte wie aus wogenden Nebelschleiern Phil Merrits kreidebleiches Gesicht vor Wayne auf. „Du hast es richtig erkannt, Wayne: mit dem Süden ist es aus und vorbei! Noch ein paar Monate, und die Unionstruppen werden über den Red River nach Texas einrücken! Zum Teufel noch mal, ich bin nicht der Mann, der zu den im Dreck liegenden Verlierern gehören will! Verstehst du das denn nicht? Hätten sich diese Narren nur ergeben, dann ...“

Wayne konnte nicht anders: Er spuckte Phil ins Gesicht. Da traf ihn ein Schlag am Hinterkopf, der einen furchtbaren Schmerz in seinem Gehirn explodieren ließ. Gleich darauf versank alles in Schwärze. Als er wieder erwachte, lag er gefesselt auf einem rumpelnden Trosswagen. Phil Merrit schien für immer aus seinem Leben verschwunden zu sein. Nur die Erinnerung verfolgte ihn all die demütigenden, quälenden Monate der Gefangenschaft hindurch — bis hierher auf seinen Fluchtweg zurück nach Texas ...



3

Nur ein flüchtiges Aufblitzen hinter einem der grauen glatten Felsblöcke warnte Wayne. Ein Gewehrlauf zielte auf ihn und folgte jeder seiner Bewegungen! Nur ein leichter Fingerdruck, und das tödliche heiße Blei würde ihn aus. dem Sattel werfen! Sein hartliniges, sonnenverbranntes Gesicht versteinerte im Schatten des breitkrempigen Stetsons. Es war zu spät, den hochbeinigen Grauen herumzuwerfen. Er befand sich mitten in der seichten Furt des Red River, genau auf der Grenzlinie zwischen Texas und der leeren Weite des Indianerterritoriums, und vor der Mündung des verborgenen Schützen wie auf einem Präsentierteller!

Wayne ließ sich nichts anmerken und ritt geradeaus weiter dem Südufer zu. Schläfrig und müde zusammengesunken wie zuvor kauerte er im Sattel. Ein großer, knochiger Mann in staubbedeckter, vom Rauch vieler Lagerfeuer geschwärzter Kleidung. Auf den ersten Blick war er einer der namenlosen, streunenden Satteltramps, von denen es nach dem Krieg so viele gab. Nur der schwerkalibrige Colt an seiner rechten Seite hing tiefer als bei den meisten anderen Reitern, die der Bruderkrieg um ihre Existenz und ein geordnetes Leben gebracht hatte.

Auf der Kiesbank zwischen den hohen Felsblöcken glomm ein niedriges Feuer. Ein kräftig gebauter, stoppelbärtiger Bursche hockte dort auf den Absätzen und hielt die an einem Messer aufgespießten Fleischstücke über die Glut. Ein Pferd war nicht zu sehen. Auf einer Steinplatte neben dem Feuer lagen ein gut geöltes Spencergewehr und ein prallvoller Lederbeutel. Der Mann tat ganz so, als gäbe es außer ihm auf dieser Seite des Flusses weit und breit keine Menschenseele mehr. Er blickte dem großen Reiter gleichmütig entgegen. Silbriger Gischt sprühte um die Hufe des grauen Wallachs. Dann stampften sie aus dem Wasser auf den Kiesstreifen. Nach Jahren, die kein Ende hatten nehmen wollen, war Wayne Starbuck wieder daheim in Texas — und mitten in einer eigens für ihn aufgebauten Falle! Für die Länge eines Herzschlages hörte er ein Schaben links zwischen den Felsen. Demnach mussten sie mindestens zu zweit sein. Der mit dem Gewehr rechts, dieser andere hier auf der linken Seite. Und der dritte Mann am Feuer!

Er stand jetzt schwerfällig auf, grinste Wayne breit an, brummte „Hallo“ und schob sich einen der frisch gebratenen Fleischbrocken in den Mund. Er kaute ausgiebig.

„Hallo!“, erwiderte Wayne ruhig. Mann und Pferd waren wie zu einer Statue erstarrt. In den gelblichen Augen des Stoppelbärtigen flimmerte es verschlagen. Er grinste immer noch.

„Wayne Starbuck, ehemaliger Captain der Texas-Brigade, nicht wahr?“, sagte er. Grinsend wartete er auf ein Zeichen der Verblüffung in Waynes Gesicht. Jedoch Wayne verzog keine Miene.

„Natürlich! Wenn Phil Merrit die Beschreibung eines Mannes gibt, dann stimmt sie auch!“

Das Grinsen erlosch. Der Stoppelbärtige hörte auf zu kauen und ließ das Messer mit den Fleischstücken sinken. Seine Rechte, näherte sich dem Revolverholster. „Wie kommst du auf Merrit?“

Wayne zuckte die Achseln. „Seine Yankeefreunde werden ihn doch davon verständigt haben, dass nicht alles so lief, wie er es sich vorstellte! Nach seiner Rechnung sollte ich nie mehr den Boden von Texas betreten, sondern als Kriegsverbrecher abgeurteilt werden. Darum wurde ich auch nicht wie die meisten anderen Südstaatler nach Lees Kapitulation nach Hause entlassen. Der gute Phil hat Angst vor meiner Rache, das ist es!“

„Angst! Dass ich nicht lache!“ Der Cowboy würgte an den letzten Bissen. Das Messer ließ er jetzt fallen. Seine Augen wurden spalteng, als er Wayne mit schief gelegtem Kopf durchdringend musterte. „Angst muss nur einer haben, und das bist du, Starbuck! Wenn du schon so prächtig Bescheid weißt, wie konntest du dann nur so verrückt sein, trotzdem hierherzukommen! Seit die Unionstruppen Texas besetzt haben, gehört Merrit zu den mächtigsten Hombres südlich des Red River!“

„Bezahlt er dich so gut?“, fragte Wayne spöttisch.

„Zum Teufel! Der US-Kommissar für den Willow-Creek-Bezirk ist sein bester Freund! Hinter Merrit steht die ganze Macht des Nordens! Du bist ein Nichts, Starbuck!“

„Hat er dich nur hergeschickt, um mir Drohungen an den Kopf zu werfen? Er hätte dir lieber ein paar tüchtige Burschen mitgeben sollen, die mit den Schießeisen umgehen können! Er sollte sich eigentlich daran erinnert haben, dass ein Mann nicht genügt, um mich von dem einmal eingeschlagenen Weg abzubringen!“ Wayne wusste, dass er — falls überhaupt — nur eine Chance besaß, wenn er sich ahnungslos stellte. Der andere grinste auch sofort wieder. Aus den Augenwinkeln glaubte Wayne für einen Moment einen huschenden Schatten zwischen den Felsen zu erkennen. Er blieb aber nach wie vor reglos im Sattel, die Hände lässig über dem steilen Horn verschränkt.

Der Stoppelbärtige ging langsam zu der Steinplatte hinüber und hob den prallen Lederbeutel neben dem Gewehr auf. Mit ihm kam er schwergewichtig zu Wayne zurückgestapft. „Da!“, murrte er. „Tausend Dollar! Kein Konföderiertendreck, sondern gute harte US-Dollars! Merrit zahlt dir deinen Anteil an der Triangle Ranch aus. Verschwinde damit!“

Waynes Finger krampften sich um den Beutel, in dem es leise klimperte. „Er hat die Ranch übernommen?“

Der Revolverschwinger lachte hämisch. „Nicht nur das! Er hat sie zu einem Imperium gemacht! Der US-Kommissar geht bei ihm ein und aus! Es halten sich manchmal mehr Blauröcke auf der Triangle Ranch auf als Kuhtreiber!“ Seine Worte versetzten Wayne einen Stich, aber er ließ sich nichts anmerken. Er dachte wieder an den Schweiß, die Plackerei und Sorgen, die es ihn zusammen mit seinen ehemaligen Partnern gekostet hatte, die Triangle Ranch in die Höhe zu bringen. Er wog den Beutel in der Hand.

„Phil muss wirklich große Angst haben. Aber was er mir schuldet, ist nicht mit Geld aufzuwiegen!“

„Verdammter Narr! Ist dir eine Kugel in den Köpf lieber?“ Der Stoppelbärtige warf einen raschen Blick zu den Felsen hinüber. „Darauf läuft es nämlich hinaus, Starbuck! Entscheide dich gefälligst! Das Geld — oder Kampf!“

Er wich mehrere Schritte von Wayne zurück, duckte sich und senkte die Hand auf den Revolverkolben. Waynes Blick ging ins Leere. Aber jede Faser in ihm war zum Zerreißen gespannt. Der Stoppelbärtige sah jetzt aus wie eine bissige Bulldogge, die sich auf ihren Feind stürzen will. „Nun, Starbuck?“

„Kampf!“, sagte Wayne. Der Lederbeutel mit dem Hartgeld traf den Stoppelbärtigen mit voller Wucht gegen die Brust, sodass er zurücktaumelte und den Revolver nicht schnell genug aus dem Holster bekam.

Zwischen den Felsen brüllten die Detonationen auf. Waynes grauer Wallach fegte mit einem mächtigen Satz über das halb erloschene Feuer. Da war der Sattel bereits leer. Wayne wirbelte wie ein blitzschleuderndes Bündel über die flach gescheuerten, handtellergroßen Kiesel. Bei jeder Drehung wischte seine Linke über den Colthammer. Eine Flamme nach der anderen fuhr aus dem Qualm, der ihn einhüllte. Rechts wankte ein hagerer Mann zwischen den Steinblöcken hervor, sank langsam auf die Knie und krümmte den Oberkörper zusammen. Mit der gegen den Boden gepressten Stirn erstarrte er in dieser Haltung.

Auf der anderen Seite des Uferstreifens war ein stämmiger, verwildert wirkender Mann auf einen runden Felsen gesprungen. Seine Kugel pfiff über Wayne hinweg. Dann stürzte er mit einer halben Drehung wie ein Lumpenbündel vom Felsen. Nur der Stoppelbärtige stand noch. Er schwankte wie ein Betrunkener. Sein rechter Arm hing merkwürdig verdreht herab. Blut tropfte von seinen Fingern auf die hellen Steine.

Wayne sprang auf. In seinem Colt befand sich nur noch eine Patrone. Aber da war schon alles vorbei. Zwischen den Felsen gab es niemand mehr, der ihm noch ans Leben wollte. Nur das nervöse Schnauben von Pferden drang bis zu ihm. Wayne richtete sich aus seiner geduckten Haltung auf. „Reicht das für den Anfang?“

Hass und Furcht vermischten sich in den aufgerissenen Augen des Revolverschwingers. Seine Zähne knirschten aufeinander. Aber kein Ton kam aus seiner Kehle. Starr beobachtete er, wie Wayne erst seinen Fünfundvierziger nachlud und dann sein Pferd zurückholte. Ehe Wayne aufstieg, bückte er sich nach dem Beutel mit den tausend Dollar. „Ich werde das Geld selbst zu Phil zurückbringen! Richte ihm das aus, Muchacho!“



4

Der Wind sang in dunklen Tönen um die massiven Adobe-Lehmgebäude der Triangle Ranch. Er trug den dumpfen Knall einer Explosion aus der wolkenverhangenen Nacht heran. Phil Merrit fuhr so heftig vom Tisch hoch, dass sein Stuhl umkippte und ein Glas zerschellte. Blutroter mexikanischer Wein ergoss sich über die blütenweiße Damasttischdecke. Merrit stürzte zum Fenster. Draußen breiteten schwankende Laternen fahlgelbes Licht über den großräumigen Ranchhof. Staubwirbel tanzten an den Korrals vorbei. Merrit presste sein Gesicht gegen die Fensterscheibe und blickte starr auf den Widerschein des Feuers über dem Hügel im Westen. „Jetzt ist es so weit!“, murmelte er gepresst. „Das ist er!“

Ein paar Schüsse peitschten dünn und weit entfernt. Dann blieb nur noch das an und abschwellende Raunen des Windes. Der zweite Mann im luxuriös eingerichteten Wohnraum lehnte sich auf dem Stuhl zurück, schlug die Beine übereinander und brannte sich eine Zigarre an. Er trug einen maßgeschneiderten, dunklen Tuchanzug. Sein straff gekämmtes Haar war in der Mitte gescheitelt. Eine blaue Rauchwolke verhüllte sein kantiges Gesicht. „Lass dich nicht verrückt machen, Phil“, sagte er mit einer unangenehm kalten Stimme. „Seit der Schießerei am Red River sind zwei Tage vergangen. So übergeschnappt ist dieser Bursche nun auch wieder nicht, sich Hals über Kopf ins Verderben zu stürzen. Der ist mit den tausend Bucks längst auf und davon. Den sieht Texas nicht wieder, verlass dich drauf!“

„Stuart, zum Henker, da drüben brennt Vorwerk 3!“

„El Buscaderos Leute!“, meinte der im dunklen Anzug achselzuckend. Er klatschte laut in die Hände. „Sergeant!“

Die Tür sprang auf. Einstämmiger Mann mit drei gelben Winkeln auf den blauen Uniformärmeln salutierte zackig auf der Schwelle. „Zu Befehl, Sir!“

„Nehmen Sie ein halbes Dutzend Leute, Sergeant, und reiten Sie zum Vorwerk 3. Sehen Sie zu, dass Sie von diesen verdammten Rebellen aus der Brasada ein paar lebend erwischen. Einer wird schon einmal reden und uns verraten, wo ihr Räubernest liegt. Dann werden wir sie mit Feuer und heißem Blei von der Erdoberfläche vertilgen, diese sturen Narren! Los, Sergeant, worauf warten Sie denn noch?“

„Jawohl, Sir!“ Die Hacken knallten wieder zusammen. Merrit zuckte am Fenster zusammen. Die Falten zu beiden Seiten seines Mundes traten deutlicher denn je hervor. Sie ließen ihn älter wirken, als er tatsächlich war. „Nein, nein, Stuart! Ich will nicht, dass einer von deinen Leuten die Ranch verlässt. Wenn es Wayne ist, dann wartet er ja bloß darauf.“

„Es sind deine Rinder, um die es geht!“, lächelte der Militärkommissar kopfschüttelnd. „Du tust ja gerade so, als sei dieser Starbuck ein Dämon, der plötzlich vom Himmel fallen könnte! Na schön, Phil, meine Soldaten bleiben auf ihren Posten. Kommando zurück, Sergeant, klar? Kontrollieren Sie, ob da draußen alles in Ordnung ist! Ab mit Ihnen!“ Schon sein Ton verriet, dass er in seinen Untergebenen nur Marionetten sah, die er bewegte, wie es ihm in den Sinn kam. Die Tür schloss sich hinter dem Sergeant. Über den Hof schallte ein heiserer Ruf. Der Wind verzerrte die Worte. Merrit riss das Fenster auf. „Was gibt’s?“

Da hörte er schon selbst den rasenden Hufschlag, der von Westen herantrommelte. Zwischen Schuppen und Korrals tauchten Soldaten auf, die ihre Karabiner drohend in diese Richtung reckten. Merrit schlug unwillkürlich seine Kordjacke zurück und packte den Revolverknauf. „Halt!“, schrie drüben ein Mann. „Parole |— oder es wird geschossen!“

Der Reiter preschte in einer der breiten Lichtbahnen. Der tief in die Stirn gezogene Hut wurde von einem straff gezurrten Kinnriemen festgehalten. Sein langer Kavallerie-Umhang flatterte. „Aus dem Weg, verdammt noch mal!“, schrie er mit krächzender Stimme. „Ich muss zu Merrit! Es ist brandeilig!“ Er kümmerte sich nicht um die angeschlagenen Gewehre, sondern trieb sein großes dunkles Pferd einfach weiter, sodass die Nordstaatler fluchend zur Seite springen mussten. „Lasst ihn durch!“, brüllte Merrit.

Der Reiter schoss bereits aus einer quirlenden Staubwolke heraus und parierte sein Pferd erst vor der Ranchhausveranda. Mit einem Satz war er aus dem Sattel, und Merrit sah nur noch den wogenden Umhang vorbeiwischen.

Er rannte zur Tür, die ein Fußtritt aufschleuderte. Von einem Staubwirbel umfaucht, kam der Bote herein. „Starbuck ist gekommen, nicht wahr?“, keuchte Merrit und streckte erregt die Hand nach dem Arm des Mannes aus.

„Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen, Phil!“, sagte eine harte Stimme, die alle Farbe aus Merrits Gesicht trieb. Ein Tritt mit dem Stiefelabsatz schlug die Tür zu. Der Umhang glitt von den breiten Schultern des Mannes, und die Faust mit dem bläulich schimmernden 45er Colt tauchte vor Merrit auf.

„Wayne!“, ächzte der blonde Rancher und taumelte in den Raum zurück. Der kostbare Teppich dämpfte Waynes Stiefeltritte. Früher hatte hier alles derb, sachlich und schmucklos ausgesehen. Jetzt glich die Wohnhalle einem Salon auf einem Mississippi-Steamer. Auch Phil war nicht mehr der Mann, der in staubbedeckter Cowboytracht über sein Weideland ritt und die Texassonne auf sich herabbrennen ließ. Auf seinem braunen Kordanzug war kein Stäubchen. Seine Stiefel waren mit Stickereien verziert, und an jeder Hand glitzerten Ringe.

Waynes Colt ruckte, als der Dunkelgekleidete am Tisch eine Bewegung machte. „Die ganze Nordstaaten-Armee könnte euch nicht mehr helfen, wenn jetzt einer von euch einen Fehler begeht! Rutledge, ich habe nicht vergessen, dass Sie es waren, der damals meine Boys zusammenschießen ließ!“ Wayne hatte den ehemaligen Major, an den Phil sie verraten hatte, sofort wiedererkannt. Dieses glatte Gesicht mit den dünnen, grausamen Lippen war ihm unauslöschlich ins Gedächtnis eingebrannt. Er konnte sich Stuart Rutledge genau als den Mann vorstellen, der bequem hinter dem Schreibtisch sitzend ein Todesurteil nach dem anderen unterschrieb.

Rutledges Augen glitzerten ihn durch den Tabaksqualm an. „Sie müssen wirklich den Verstand verloren haben, Starbuck! Auf Merrits Ranch ist eine halbe Schwadron US-Kavallerie stationiert. Sie kommen hier nicht mehr lebend weg. Das können Sie drehen und wenden wie Sie wollen!“

„Es ist nicht allein Phils Ranch! Ein Drittel gehört noch immer mir!“

Rutledge lachte kalt. Er war der Mann, dessen Wort im ganzen Militärbezirk um Willow Creek Gesetz war. Das verlieh ihm auch jetzt noch ein Gefühl von Macht und Überlegenheit. „Das sagt ausgerechnet ein Mann, von dem bald in jeder texanischen Stadt ein Steckbrief hängen wird! Leute, die nach der Kapitulation von Appomatox auch nur noch eine Hand gegen die Union rühren, werden als gemeine Verbrecher behandelt, wissen Sie das denn nicht? Sie haben sich selbst Ihr Grab geschaufelt!“

„Wayne, du jagst einem Schatten nach!“, keuchte Merrit, dem Schweißperlen auf der Stirn glitzerten. „Zum letzten Mal: Gib dich mit deinem Anteil zufrieden und verschwinde!“

„Die Rechnung ist viel höher!“, sagte Wayne kalt. „Niemand weiß das besser als du!“

„Wayne, du bist verrückt! Du ...“ Mit einem dumpfen Klatschen landete der Lederbeutel mit dem Hartgeld vor seinen Stiefeln.

„Tausend Dollar, um acht Menschenleben zu bezahlen, Phil? — Hast du Billy-Joe Stanton schon vergessen, wie er am Lagerfeuer seine Cowboylieder sang und von einem blonden Girl namens Nelly schwärmte? Erinnerst du dich nicht mehr an Buck Webster, an Mike Lawford und ...“

„Hör auf, Wayne!“

Wayne Starbucks hageres Gesicht war eine starre Maske, in der nur die Augen wild funkelten. Rutledge schob langsam seinen Stuhl vom Tisch zurück. „Starbuck! Ich brauche nur zu rufen, dann ...“

„Dann sterben wir hier alle zusammen! Wenn Ihnen das ein Trost ist — nur zu!“ Der Metallhahn knackte unter seinem Daumen. „Phil, was ist aus Maureen und Rhett geworden?“ Das war die Frage, die ihn bis in seine unruhigen Träume hinein verfolgt hatte. „Rede, Phil! Damit handelst du dir eine letzte Chance ein!“

Zuerst zuckte Merrit zusammen. Dann erlosch plötzlich das unstete Flackern in seinen aufgerissenen Augen. Sein Gesicht wurde hartlinig und kalt. „Wenn du jetzt abdrückst, Wayne, wirst du es nie erfahren! Wo bleiben jetzt deine Trümpfe?“

„Phil, wenn Maureen von dir oder deinen Yankeefreunden auch nur ein Haar gekrümmt worden ist, dann sei dir der Himmel gnädig! Dasselbe gilt für Rhett! Heraus mit der Sprache!“

„Du verdammter Narr!“, stieß Merrit in jäh auf flammender Wildheit hervor. „Du solltest dir lieber den Kopf darüber zerbrechen, wie du jetzt noch deinen Skalp rettest!“ Jetzt, da er erkannt hatte, dass die Sorge um seine Verlobte und seinen Freund Wayne wichtiger war als die Vergeltung, war er nicht mehr zu halten. Er stürzte zum Fenster. „Alaarm! Starbuck ist hier drinnen! Er ...“

Wayne riss ihn hart zurück. Rutledge fuhr am Tisch in die Höhe. Seine Hand verschwand unter dem schwarzen Tuchrock. Er zog sie aber leer wieder zurück, als Wayne seinen Fünfundvierziger Merrit zwischen die Schulterblätter presste. Draußen setzte aufgeregtes Stimmengewirr ein. Tritte strebten eilig dem Haupthaus zu. Wayne rief schneidend: „Bleibt ja, wo ihr seid, sonst gibt es zwei Tote hier drinnen!“

Er zog Merrit den Revolver aus dem Holster und schleuderte ihn quer durchs Zimmer. Merrit atmete schwer. „So oder so, Wayne, es ist aus mit dir! Du hättest nie mehr über den Red River zurückkommen dürfen! Nur einen Schritt vor die Tür, und sie werden dich wie ein Sieb durchlöchern!“+

„Nicht, wenn du vor mir her marschierst, Phil! Und genau das wirst du tun! Adelante!“

Er verstärkte den Druck der Waffe in Merrits Rücken. Der Rancher biss sich auf die Unterlippe und blickte zu Rutledge hinüber. „Geh nur, Phil!“, sagte dieser ruhig. „Er wird nicht weit kommen, das verspreche ich dir!“

„Mr. Rutledge, Sir!“, meldete sich draußen die raue Stimme des Sergeanten. „Was ist los? Wie lauten ihre Befehle?“

„Kein Schuss ohne mein Kommando! Was auch passiert! Nur nicht die Nerven verlieren!“ Wenn Rutledge auch wie irgendein gewöhnlicher Geschäftsmann aussah — er war ein durch und durch skrupelloser Mann, der die Fäden fest in der Hand hielt. Das wurde Wayne jetzt klar, während er Merrit, seinen ehemaligen Partner, mit dem Fünfundvierziger quer durch den Raum zur Tür dirigierte. Im nächsten Moment war es auch schon so weit.

Zusammenfassung

Western von John F. Beck

Der Umfang dieses Buchs entspricht 140 Taschenbuchseiten.

Einst waren Wayne Starbuck, Rhett Jordan und Phil Merrit unzertrennliche Freunde gewesen — ihnen gehörte die Triangle Ranch und gemeinsam waren die drei Texaner in den Krieg gegen die Yankees gezogen. Dann hatte sie einer an die Nordstaaten verraten und Wayne Starbuck geriet in Gefangenschaft! Als ihm die Flucht gelingt, treiben ihn mörderischer Hass auf den Verräter und die Sehnsucht nach Maureen Dale voran. Zurück in Texas sucht der ehemalige Südstaaten-Captain nach El Buscadero, den Boss der Brassada-Rebellen, um sich ihm anzuschließen – aber die Unionisten jagen ihn wie ein wildes Tier ...

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738925210
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
uksak western-roman river rebellen

Autor

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Titel: Uksak Top Western-Roman 5 Red River Rebellen