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Die Raumflotte von Axarabor #53: Kosmisches Dunkel

von Wilfried A. Hary (Autor) Marten Munsonius (Autor)

2018 78 Seiten

Leseprobe

Kosmisches Dunkel

Die Raumflotte von Axarabor - Band 53

von Wilfried A. Hary mit Marten Munsonius


Der Umfang dieses Buchs entspricht 75 Taschenbuchseiten.


Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Im Sternenreich von Axarabor plante das Kartell TATANTA-SCA den Umsturz. Um ihr Ziel zu erreichen, suchten sie neue Waffenbrüder. Und sie schickten ihre Agentin DANZA, um diese zu finden…



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /Cover 3000AD 123rf Steve Mayer

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Danza kam einfach nicht weiter.

Sie lauschte in sich hinein, versuchte selbst das fernste Summen der PSI-Begabung zu interpretieren, doch vor ihr war einfach nur ein Wald. Ein Wald fast ohne Fauna.

Sie war irritiert.

War das einfach nur eine verdammte Falle – oder blieb sie hier als einziges nichtpflanzliches und dazu auch noch vernunftbegabtes Wesen und hatte sich einfach nur an der Nase herumführen lassen? Was bei ihr sicherlich nicht so einfach war, bei ihren Fähigkeiten, die sie inzwischen deutlich besser im Griff hatte als zu Beginn, als diese Fähigkeiten in ihr frisch erwacht waren.

Sie war zwar erst ein Teenager, an der Schwelle zum Twen, doch niemand sollte sie unterschätzen.

Aber was war sonst passiert?

Sie schmiegte sich an die Baumrinde, als bräuchte sie einfach nur den nötigen Halt. Dann schloss sie die Augen und erweiterte ihre PSI-Wahrnehmung. Damit konnte sie weitaus mehr sehen als mit ihren menschlichen Augen. Es war jene Hälfte ihres Wesens, das sie ihrem Vater verdankte, einem Außerirdischen aus dem Volk der LOOKOLAY, bevor dieses Volk die höchste Stufe der Reife erreicht hatte und zu einer gottähnlichen Entität verschmolzen war.

Das wusste sie noch nicht so lang. Und sie wusste auch, dass diese Seite ihres Daseins niemals dominieren durfte, weil sie geeignet gewesen wäre, ihre rein menschliche Seite zu vernichten. Mit anderen Worten: Es hätte ihren Tod bedeuten können!

Deshalb ging sie nur sehr vorsichtig mit ihren PSI-Kräften um, damit diese sich nicht gegen sie selbst wenden konnten. Außer eben in Ausnahmesituationen.

Dies hier war eine solche Ausnahmesituation ihrer Meinung nach, also durfte sie nicht nur, sondern sie musste es riskieren!

Dennoch: Nein, es gab nichts zu entdecken.

Danza riss die Augen wieder auf und sah den Wald fast wieder so, wie er wirklich war – und über ihr ein samtenes Tuch aus Sternen und Nacht.

Friedlich.

Die wenigen niederen Lebewesen, die sie wahrnehmen konnte, schienen zu schlafen.

Keine Gefahr.

Und wo blieb der „Ledernacken“, wie er sich selbst nannte?

Er hatte ihr versprochen, aus der nahe liegenden Kuppel zu ihr zu stoßen. Es würde nicht gefährlich sein um diese Zeit, denn die Bestien mieden die Sternennacht. Sie ruhten dann, ließen das ständige Kämpfen sein und zogen sich in eine Art Unterschlupf zurück, die der Ledernacken so beschrieb:

Achte auf verkrümmte Bäume. Sie neigen sich immer in Richtung eines gemeinsamen zentralen Bereiches. Eine glänzende Flüssigkeit, ähnlich dem Bernstein, sickert schnell zwischen den Ästen hervor und hüllt die grauenvollen Bestien innerhalb kürzester Zeit ein, wie in einen Kokon aus Bernstein. Alles wird dann trüb im Innern, und man kann sie nicht mehr erkennen. Sie schlafen in diesem Zustand, doch bleibt der Baum wachsam. Daher musst du äußerst vorsichtig sein, wenn du einen solchen Wald erreichst: Wenn Du ihnen zu nahe kommst, werden sie vom Baum geweckt und brechen innerhalb von Sekundenbruchteilen wieder hervor, um sich zu wehren.“

„Sie leben also in einer Art Symbiose mit diesen Bäumen?“

„So sieht es aus, aber bisher ist es niemand gelungen, herauszufinden, was denn diese speziellen Bäume davon haben. Ich kann also nur dazu raten: Achte darauf und verlasse dich nicht allein auf Deine PSI-Sinne, denn diese sind dort nur eingeschränkt wirksam, weil das Harz des Baumes sie neutralisiert. Ich weiß das, weil ich es immer wieder ausprobiert habe. Einfach nur, weil ich neugierig war und den Bäumen ihr Geheimnis entreißen wollte. Nur äußerste Wachsamkeit kann dir also helfen, und halte immer Ausschau nach diesen Kokons, um sie zu vermeiden.

Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Lass dich niemals von Leichtsinn einlullen - dann bist Du schneller tot, als Dir lieb wäre.“

Vor Danzas geistigem Auge tauchte er auf, Ledernacken, und wie er sich vorgebeugt hatte bei diesen Worten. Sein Mantel, gefertigt aus Leder angeblich uralt, machte knarrende Geräusche.

Plötzlich begehrte sie diesen Mantel, der für sie zum Symbol des Besonderen geworden war. Sie begriff schlagartig, dass es nicht einfach nur ein Ledermantel war. Noch wusste sie nicht, ob sie in ihm nur eine Bedeutung zu erkennen glaubte, die ihrer eigenen Fantasie entsprungen war, aber es galt, dies irgendwann herauszufinden, ob Ledernacken dies nun wollte oder nicht.

Zunächst jedoch musste sie ihn selber finden. Hier und jetzt. Falls er sie nicht hereingelegt hatte, hieß das…



2

Danzas Kenntnisstand vor der Landung:

Das Sonnensystem TRUMAR wurde vor zweihundert Jahren besiedelt, obwohl diese Welt eindeutig nicht zur Besiedlung empfohlen worden war von seinen Entdeckern. Zwar handelte es sich bei TRUMAR 3 um einen Planeten, der vor Leben nur so strotzte, doch es war Leben, das für Menschen wesentlich zu gefährlich erschien. Außerdem hatte sich dieses Leben an die teilweise giftige Atmosphäre angepasst. Menschen konnten dort zwar kurzzeitig überleben, wenn sie nicht gerade Opfer der seltsamerweise nur tagsüber marodierenden Bestien wurden, aber wenn sie zu lange diese Atmosphäre einatmeten, drohten bleibende Schäden bis zum Tod.

Die Regierung von Axarabor hatte sich anders entschieden, zumal dieses System Axarabor relativ nah lag, in kosmischen Maßstäben gemessen. Das wollte man sich als Gelegenheit nicht entgehen lassen. Und so entstand der Plan, auf dieser Welt Kuppelsiedlungen zu errichten. Erst einmal eine, bestehend aus dreißig Einzelkuppeln, die wie Schaumblasen ineinander übergriffen und eine Fläche von ungefähr eintausend Quadratkilometern bedeckten. Außerhalb der Kuppelsiedlung wurde die Natur nach wie vor sich selbst überlassen. Geplant war, erst einmal das System der Kuppelsiedlung erfolgreich zu etablieren, um unter dem Schutz der Kuppeln eine autarke, gereinigte und von allem Gift befreite Atmosphäre zu ermöglichen. Wohnhäuser und Versorgungseinheiten plus entsprechender landwirtschaftlicher Betriebe wurden errichtet und befanden sich unter Dauerschutz.

Wenige Jahre benötigte man für dies alles. Es entstand eine architektonische Meisterleistung. Die Kuppeln reparierten sich selbst, und falls durch eine der vielen Wetterkatastrophen, die sich hier ereigneten, ein Teil beschädigt wurde, konnte man sich gegen einen Übergriff von außerhalb erfolgreich wehren, und alles war wieder wie neu, bevor die eindringende giftige Atmosphäre wirklich gefährlich werden konnte.

Zu dem Zeitpunkt, in dem Danza diesen Planeten anflog, begleitet von dem PSI-Agenten der TATANTA-SCA Romano, gab es bereits dreißig dieser Kuppelsiedlungen, die jeweils aus wiederum dreißig Unterkuppeln bestanden und ebenfalls jeweils eine Fläche von eintausend Quadratkilometern bedeckten. Das waren insgesamt immerhin dreißigtausend Quadratkilometer Besiedlungsfläche.

Ja, ursprünglich war geplant gewesen, aus der ersten Kuppelsiedlung heraus den ganzen Planeten bewohnbarer zu machen. Ein Terraforming besonderer Art, wenn man so wollte. Dies war in der Folgezeit jedoch nicht geschehen. Dafür waren eben diese zusätzlichen neunundzwanzig Kuppelsiedlungen entstanden, jeweils voneinander getrennt auf der ganzen Welt verteilt. Es war auf Grund der planetaren Entfernungen sehr schwer, von einer Kuppelsiedlung zur anderen zu gelangen. Immerhin teilweise tausende von Kilometer. Dafür benötigte man besonders gepanzerte Fahrzeuge. Auch durch die Luft war es gefährlich, weil einige der Bestien fliegen konnten und alles angriffen, was sich in ihren Lebensraum wagte.

Wenn man sich hier sogar außerhalb einer der Kuppelsiedlungen zu Fuß bewegen wollte, musste man sich entweder extrem gut auskennen, um keinen Fehler zu machen, weil die geringste Unaufmerksamkeit den Tod bedeutete – oder aber man war Selbstmörder.

Es gab auch noch eine dritte Möglichkeit, wie Danza jetzt herausfinden musste: Es blieb einem nichts anderes übrig!



3

Alle Informationen der TATANTA-SCA, wie sie Danza und Romano auf den Weg gegeben worden waren, hatten eigentlich ein Bild dieser Welt ergeben, das durchaus geeignet war, schleunigst wieder das Weite zu suchen, ohne überhaupt auch nur den Versuch zu unternehmen, hier zu landen. Denn nicht nur außerhalb der Kuppelsiedlungen lauerte der sichere Tod, sondern auch… innerhalb: Hier regierten nämlich die gefürchteten Krieger aus der Kaste der Narbenmänner!

In jeder dieser dreißig Kuppelsiedlungen gab es eine Variante der Kaste. So hatte sich das im Laufe der Zeit etabliert. Und nur die besten aller Kämpfer hatten das Privileg, führen zu dürfen. Und nur diejenigen, die in den Kuppelsiedlungen führten, bestimmten, wer den Kontakt mit den anderen Siedlungen oder sogar mit dem Sternenreich halten durfte.

Es hatte in der Gewählten Regierung von Axarabor dem Vernehmen nach bereits Bestrebungen gegeben, TRUMAR 3 aus dem Sternenreich auszuschließen und gesondert unter Beobachtung zu stellen, weil nicht wenige im Parlament darin eine potenzielle Gefahr sahen, aber bisher hatte sich diese Meinung nicht durchsetzen können.

Höchste Zeit, dass TATANTA-SCA dieses Potenzial zu nutzen begann, bevor es vom Sternenreich abgeschottet wurde und man dafür erst einmal an der Raumflotte von Axarabor vorbei musste.

Aus dem Orbit heraus meldete sich Romano mit ihrem Raumschiff. Es wurde keine Landefreigabe gewährt. Es durfte nur einer von ihnen beiden mit einem Beiboot hinab auf die Planetenoberfläche. Und nur eine der Kuppelsiedlungen hatte so etwas wie einen provisorischen Raumhafen, der ganz besonders gesichert werden musste, um die schrecklichen Bestien dieser Welt fern zu halten. Eine Kuppel gab es dort nicht, um die Landung eines Beibootes nicht zu erschweren.

Danza war die Beauftragte des Kartells, also oblag es ihr, hierher zu kommen.

Die Landung wurde von der KI vorgenommen. Danza griff bewusst nicht ein, sondern schon unterwegs versuchte sie, auf PSI-Ebene Kontakt aufzunehmen zu diesem Mann, der sich selber Ledernacken nannte. Diesen sollte sie treffen. Ledernacken sollte ihre wichtigste Kontaktperson überhaupt sein. Weil er als der Einzige galt mit PSI-Fähigkeiten. Gemeinsam mit ihm sollte Danza dann erörtern, ob es sinnvoll wäre, Narbenmänner für die gemeinsame Sache zu rekrutieren. Immerhin galten sie ja innerhalb des Sternenreiches als die grausamsten und zugleich schier unbesiegbaren Kämpfer, die nicht nur untereinander um die Vorherrschaft kämpften, sondern sich auch immer wieder außerhalb der Kuppelsiedlungen bewiesen: Sie galten inzwischen als immun gegen die giftigen Bestandteile in der Atmosphäre und waren sogar in der Lage, sich gegen die planetaren Bestien zu behaupten. Allein von daher gesehen hatten sie nicht das geringste Interesse daran, die hier vorherrschende Natur zu verändern, um sie für Menschen friedlicher zu machen.

Dass sie überhaupt noch innerhalb der Kuppelsiedlungen residierten, war lediglich den Siedlern geschuldet, die für ihre Versorgung zuständig waren, als Leibeigene wohlgemerkt, Menschen ohne eigenen Willen. Diese waren natürlich in keiner Weise an draußen angepasst.

Und tatsächlich: Ledernacken meldete sich. Er erschien ziemlich überrascht. Anscheinend war er PSI-Kontakt nicht gerade gewöhnt, weil es außer ihm auf der ganzen Welt keinen PSI-Fähigen gab.

Und dann erfuhr Danza von ihm, dass alles doch ein wenig komplizierter noch war als sie anzutreffen gehofft hatte: Ausgerechnet Ledernacken hatte es gewagt, sich gegen das etablierte System zu stellen, um den ausgebeuteten und gequälten Siedlern mehr Rechte einzuräumen. Und wer so etwas wagte, stellte sich außerhalb der herrschenden Gesellschaft und wurde von dieser ausgeschlossen.

Mit anderen Worten: Ledernacken war inzwischen ein Ausgestoßener und war untergetaucht. Nur seinen PSI-Fähigkeiten verdankte er es, dass die Narbenmänner ihn noch nicht geschnappt und umgebracht hatten!

Danza landete trotzdem. Das Erste, was ihr auffiel: Die eigentlich vergiftete Atmosphäre tat ihr ausgesprochen gut! Aber von Romano, der die LOOKOLAY noch gekannt hatte, bevor diese als Entität verschwunden waren, wusste Danza bereits, dass der Alienanteil ihrer Existenz genau solche ätherischen Bestandteile benötigte. Sie belebten sie, während normale Menschen davon schon nach kurzer Zeit getötet wurden. Also etwas, was sie irgendwie mit den Narbenmännern gemeinsam hatte.

Sie brachte die ziemlich strenge und noch umfangreichere Einreiseprozedur hinter sich, sprach auf der örtlichen Kommandantur vor, die ihre lückenlose Überwachung anordnete, und traf sich danach dennoch mit Ledernacken, nachdem dieser ihr mit seinen eigenen PSI-Fähigkeiten geholfen hatte, ihre Verfolger abzuhängen.

Doch sie hatten nur wenig Zeit füreinander gehabt, denn Danza durfte nicht zu lange aus dem Blickfeld ihrer Verfolger bleiben. Sonst wurde sie planetenweit zur Fahndung ausgeschrieben und zum Tode verurteilt. Die Narbenmänner würden das nämlich als klaren Regelverstoß ansehen.

Also ging Danza anschließend wieder zur Kommandantur und beschwerte sich darüber, dass sie ohne Schutz war, weil ihre Verfolger sie aus den Augen verloren hatten. Gleichzeitig beantragte sie, die Kuppelsiedlung ohne Schutzanzug und Atemmaske für die Nacht verlassen zu dürfen.

Sie erinnerte sich jetzt, wo sie hier draußen beim Treffpunkt am Waldrand war, noch gut an das breite Grinsen des Kommandanten, für den Danza in diesem Augenblick bereits so gut wie tot gewesen war. Großzügig hatte er eingewilligt.



4

Ledernacken! Er lächelte verächtlich. In Wahrheit hieß er ja Branompur, nach seinem Vater. Doch um damals schon der wahre Branompur werden zu können, hätte er seinen Vater im Kampf besiegen müssen. In einem Kampf auf Leben und Tod wohlgemerkt. Ansonsten hatte er eben so lange warten müssen, bis sein Vater einem anderen Krieger unterlegen war oder eines natürlichen Todes starb. Etwas, was bei den Narbenmännern letztlich so gut wie nie vorkam. Nicht im Kampf zu sterben galt als eine Art Schande.

Branompur war eigentlich schon immer der Meinung gewesen, dass die Schande des natürlichen Todes völlig irreal war, denn wenn jemand sowieso tot war, wie sollte ihn das dann noch kümmern?

Aber laut oberster Direktive, die wiederum dem unerschütterlichen Glauben an den einzig wahren Narbengott entsprang, der diese Direktive angeblich persönlich herausgebracht hatte, gab es ein Leben nach dem Tode. Allerdings nur für diejenigen, die im Kampf starben, nicht für solche, die auf den Tod warteten. Insofern war das durchaus ein Unterschied für die Narbenmänner. Sofern sie daran glauben mochten zumindest. Branompur hatte jedoch noch nie zu den Gläubigen gehört, und sein Vater eigentlich auch nicht. Er war trotzdem eines Tages in der Arena gestorben, und sein Sohn hatte zusehen müssen. Zu dieser Zeit hatte er sich bereits seit Jahren Ledernacken genannt und war auch unter dieser Bezeichnung bekannt geworden. Der Name Branompur hatte für ihn keine Bedeutung mehr gehabt – und das hatte sich bis heute nicht geändert.

Er dachte an diese Danza. Eine blutjunge Frau mit ungewöhnlichen Fähigkeiten, wie er sogleich erkannt hatte. Sie hatte darauf bestanden, ihm persönlich zu begegnen, und als dies dann geschehen war, hatte er sofort gewusst mit welchem Motiv: Danza konnte bei einem PSI-Fähigen nur Auge in Auge sicher sein, ob er sie belog oder nicht. Und dafür benötigte sie zusätzlich auch noch eine gewisse Zeit. Er hatte allerdings dafür gesorgt, dass die Zeit begrenzt blieb, ja, er hatte regelrecht darauf gedrängt, ihre Begegnung möglichst kurz zu halten, indem er ihr klar gemacht hatte, dass sie ihre Verfolger nicht für zu lange abschütteln durfte, denn das würde zu Misstrauen und als Folge davon für ihre Ausschreibung zur Fahndung führen.

Ziemlich übertrieben zwar von ihm, aber nicht ganz von der Hand zu weisen, und sie hatte reagiert, wie er es erwartet hatte, indem sie zur Selbstanzeige geschritten war, um jeglichen Verdacht von sich abzulenken.

Und jetzt machte er sich tatsächlich auf, um ihr draußen zu begegnen. Er war einer der Narbenmänner. Wäre er nicht in Misskredit gefallen, hätte er die Chance gehabt, der oberste Führer dieser Siedlung zu werden. Wenn ihm nur nicht die Siedler so leid getan hätten.

Es galt unter Narbenmännern als unwürdig, so etwas wie Mitgefühl zu haben, vor allem, wenn es die Siedler betraf. Das waren für die Narbenmänner lediglich Werkzeuge ohne freien Willen. Sie hatten zu gehorchen, und wenn sie hübsche Töchter hatten, waren diese den Narbenmännern uneingeschränkt zur Verfügung zu stellen. In den Reihen der Narbenmänner gab es keine Frauen. Da waren echte Männer, wie sie sich selbst sahen, ganz unter sich. Also nur wenn eine von einem Narbenmann geschwängerte Frau einen Knaben gebar, wurde er automatisch in die Reihen der Narbenmänner aufgenommen und dort erst einmal von alten Weibern groß genug gezogen, bis er endlich in ein kampffähiges Alter kam und mit der Ausbildung zum Superkämpfer beginnen konnte.

Falls sich herausstellte, dass dieses besondere Gen, das jeder Narbenmann in sich trug und ihn zu etwas Besonderem machte, fehlte, wurde der Knabe sogleich ausgesondert und musste Siedler werden. Das war wie für die Betroffenen wie eine Höchststrafe.

Das besondere Gen!, dachte Ledernacken und schüttelte den Kopf. Bei ihm hatte man es gefunden. Er war jedoch lange Zeit überzeugt davon gewesen, dass es sich genauso um einen Mythos handelte wie der Mythos vom Narbengott. Das hatten seiner ursprünglichen Meinung nach die ersten Siedler damals erfunden, als ein paar von ihnen immer aggressiver geworden waren, um schließlich den Kampf als ihren Lebenszweck zu entdecken. Der Anfang der Geschichte der Narbenmänner war geboren gewesen, und kein angeblicher Narbengott hatte sie erschaffen, um zu kämpfen und die Siedler zu kasteien.

Und jeder von ihnen hatte echte Narben, nämlich von den überstandenen Kämpfen. Diese gingen ja nicht immer auf Leben und Tod. Sie waren überhaupt die Hauptbeschäftigung der Narbenmänner – und somit die einzige Beschäftigung, die überhaupt auf TRUMAR 3 eine Bedeutung hatte.

Ledernacken kannte inzwischen alles anders als es gelehrt wurde – und sogar anders, als er es fast sein Leben lang gesehen hatte. Er hatte nämlich die Wahrheit entdeckt – die Wahrheit der Kuppelsiedlungen, ja, ihm war es als einzigem gelungen, das fundamentale Geheimnis des ganzen Planeten zu ergründen, von dem außer ihm niemand auch nur etwas ahnte.

Vielleicht würde er dieses Geheimnis mit Danza teilen?

Er wusste ja schon, wozu sie hier war: Sie war gekommen, um ihn zu rekrutieren für die TATANTA-SCA. Das hatte sie ihm telepathisch mitgeteilt. Zwar wusste er nicht, wie das Kartell auf ihn aufmerksam geworden war, aber anscheinend hatten die da so ihre Möglichkeiten.

Und dann schickten sie ausgerechnet so eine junge, hoch aufgeschossene und irgendwie zu dürr wirkende Frau, um ihn zu überzeugen?

Ja, hätte er nicht das enorme PSI-Potenzial in ihr gespürt, bei der persönlichen Begegnung, hätte er sie nicht ernst nehmen können. So jedoch erschien sie ihm wie der berüchtigte Strohhalm, nach dem ein Ertrinkender griff: Wenn sie es schaffte, ihn hier herauszuholen, war schon viel gewonnen für ihn. Allerdings würde er nichts weiter dazu beitragen können, zusätzlich Narbenmänner für die Sache des Kartells als Krieger zu gewinnen. Sie würden dann wohl mit ihm allein Vorlieb nehmen müssen.



5

Ledernacken verließ die Kuppelsiedlung auf einem Schleichweg. Wie beinahe jeder Narbenmann, wenn er nach draußen ging, um sich mit den Bestien dieser Welt zu messen. Da ja nur die Privilegierten innerhalb der Reihen der Narbenmänner offiziell nach draußen gehen durften, waren eben diese Schleichwege geschaffen worden, von denen die Privilegierten zwar wussten, aber die sie nicht beseitigten. Sie empfanden im Gegenteil jedes Mal, wenn ein Narbenmann nicht mehr zurückkehrte von der Bestienjagd, so etwas wie Genugtuung, denn jeder Verlierer zeigte ihnen, wie stark sie selbst waren, und was gab es im Leben denn Wichtigeres, als zu den Stärksten zu gehören?

So jedenfalls dachten Narbenmänner. Nicht alle, denn ausgerechnet Ledernacken dachte nicht so. Er hatte zwar auch unzählige Kämpfe hinter sich gebracht, aber nur, weil es dazu gehörte. Um nicht aufzufallen. Vor allem hatte er alles tun müssen, dass niemand etwas von seinen PSI-Fähigkeiten mitbekam. Auch jetzt wusste niemand davon, zumal die Narbenmänner gar nicht ahnten, dass es so etwas wie PSI überhaupt gab.

Er musste lachen, wenn er nur daran dachte. Denn er wusste als Einziger, dass die übermenschlichen Kampfeigenschaften der Narbenmänner keineswegs normal zu nennen waren, egal unter welchen Bedingungen. Genetische Veranlagung und Training allein machten sie nicht zu diesen Kampfmonstern in Menschengestalt, sondern da waren andere Dinge im Spiel, von denen die Narbenmänner selber gar nichts wussten. Und das war eigentlich gut so. Obwohl dies Ledernacken nichts mehr nutzte, weil sie ihn ausgestoßen hatten und er alles tun musste, um von dieser Welt zu fliehen.

Er lenkte seine Schritte zum verabredeten Punkt am Waldrand. Hoffentlich blieb Danza so umsichtig und betrat den Wald nicht. Er hatte sie ja eigentlich eindringlich genug davor gewarnt.

Leider hatte er sich verspätet, also musste er mit allem rechnen. Was, wenn sie nicht mehr da war?

Er widerstand dem Impuls, sich telepathisch mit ihr zu verbinden. Er hatte sie auch davor gewarnt, an ihrem Treffpunkt Telepathie anzuwenden. Es war nämlich nicht ausgeschlossen, dass dies den verkrümmten Bäumen auffiel und sie die behüteten Bestien weckten. Sie konnten nämlich nicht nur PSI dämpfen, sondern auch wahrnehmen und sogar orten. Ganz so deutlich hatte er dies zwar Danza nicht klar gemacht, aber sie musste sich ja eigentlich nur an seine grundsätzlichen Warnungen halten.

Da war sie. Er konnte sie mit bloßen Augen sehen. Eine einsame Gestalt am Waldrand. Sie sah nicht in seine Richtung, sondern in den Wald hinein und schien auf etwas zu lauschen.

Natürlich, sie versuchte, mit ihren PSI-Sinnen mehr zu erfahren, trotz der Warnung. Andererseits, so lange sie weit genug weg blieb von den gekrümmten Bäumen, konnte das noch gut ausgehen.

Ledernacken beschleunigte seine Schritte.

In diesem Moment fiel etwas vom Himmel. Es war kaum zu sehen, weil sogar die Sterne hindurch schimmerten, und es war bereits zu spät für Ledernacken, als er endlich erkannte, worum es sich handelte: Ein riesiges Netz, mindestens einhundert Quadratmeter. Selbst wenn er jetzt versuchte, sich mit einem gewaltigen Hechtsprung in Sicherheit zu bringen, würde ihm das nichts nutzen.

Das Ganze war für ihn eine Falle gewesen!

Wie hatte Danza ihn denn dermaßen verraten können? Und warum?



6

Kommandant Tobinala wusste auf Anhieb, dass mit dieser Fremden, die unter einem in seinen Augen eher fadenscheinigen Vorwand auf dieser Welt gelandet war, irgendetwas nicht stimmte. Zumal eine noch ziemlich junge Frau, noch keine zwanzig Jahre alt. Das Misstrauen flammte in ihm hell auf, wurde jedoch von ihm gekonnt unterdrückt.

Narbenmänner lernten schon sehr früh, ihre Gefühle und Gedanken zu verbergen. Sie lernten, dass der geringste Gedanke eine körperliche Reaktion verursachte, die der Gegner entdecken konnte, zumindest, wenn er gut war. Und man musste eigentlich bei jedem Kampf davon ausgehen, dass der Gegner gut war, sonst wäre es schon gar nicht erst zum Kampf gekommen.

Jede auch noch so geringe Nuance zählte.

Also obwohl der Kommandant keine Ahnung hatte von den telepathischen Fähigkeiten Danzas, blockierte er seine Gedanken. Nur als Danza den Antrag stellte, ohne Schutzanzug und auch noch ohne Atemmaske die Kuppelsiedlung verlassen zu dürfen, konnte er sich der Schadenfreude nicht länger erwehren. Ihre Reaktion darauf zeigte ihm, dass sie es ihm zumindest ansah.

In diesem Fall empfand er es nicht als schlimm, denn diese Danza war ja keine Gegnerin in der Arena. Vielleicht würde sie noch eine werden – und da sicherlich außerhalb jeder Arena -, aber noch war es nicht so weit. Sie hatte sich noch nichts zuschulden kommen lassen. Dass es ihr gelungen war, ihre Verfolger abzuschütteln, sprach eigentlich für sie und nicht gegen sie. Und dann hatte sie sich auch noch selber gestellt, weil sie ihre Bewacher vermisste?

Eine Ironie besonderer Art, die ihm immerhin mächtig imponierte.

Sobald jedoch Danza sein Büro verlassen hatte, wurde er ohne Zögern tätig: Er rief seine engsten Vertrauen zusammen und informierte das Sonderkommando, das auf die Suche nach Ledernacken spezialisiert war.

Seine Vertrauen staunten nicht schlecht, als er ihnen eröffnete, was er von dieser Danza hielt: „Sie ist wegen Ledernacken hier!“

Details

Seiten
78
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925197
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v454105
Schlagworte
raumflotte axarabor kosmisches dunkel

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor #53: Kosmisches Dunkel