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Die Raumflotte von Axarabor #52: Sternennacht

von Wilfried A. Hary (Autor) Marten Munsonius (Autor)

2018 78 Seiten

Leseprobe

Sternennacht

Die Raumflotte von Axarabor - Band 52

von Wilfried A. Hary mit Marten Munsonius


Der Umfang dieses Buchs entspricht 76 Taschenbuchseiten.


Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Vorwort

Die geheimnisumwitterte DANZA, erst noch ein Teenager, befindet sich an Bord eines Siedlerschiffes, das sich nur mit Unterlichtgeschwindigkeit bewegt. Danza hat sich getarnt als eine der neuen Siedlerinnen. Sie soll jedoch in Wahrheit einen Mann finden, der sich im System ECHOSMITH versteckt hält, denn dieser ist offenbar eine Schlüsselfigur bei dem, was ihre Auftraggeber vor haben.

Schon das fünfte Mal ist sie nun im Kälteschlaf in einer der KRYO-KAMMERN des Raumschiffes NACMET auf ihrem langen Weg, um diesen Auftrag für eine Organisation namens TATANTA-SCA auf einer der ersten Siedlerwelten des neuen Sternreichs AXARABOR durchzuführen, eben im System ECHOSMITH.

TATANTA-SCA plant mit einem mächtigen Pulk von mit illegalen Waffen voll aufgerüsteten Raumschiffen nichts Geringeres als den Sturz der Gewählten Regierung von Axarabor und die Machtübernahme im Sternenreich. Das geht natürlich nicht im Handstreich, sondern bedarf der sorgfältigen Vorbereitung und Planung.

Und sie wollen Schritt für Schritt vorgehen, und einer dieser Schritte soll auf der Zielwelt mittels Danza mit der nächsten entscheidenden Phase beginnen.

Niemand ahnt etwas davon auch nur auf Axarabor – und vielleicht muss der gegenwärtige Gewählte Hochadmiral ja am Ende tatsächlich abdanken, um ohne sein weiteres Zutun der Menschheit die Zukunft sichern zu können – eine andere Zukunft als geplant?



1

Gegenwart: DANZA

Danza öffnet stets nur ein Auge. Sie sieht dabei immer schläfrig aus, mitgenommen, als wäre sie nicht so recht bei der Sache. Und dann steckt sie sich eine altertümlich anmutend e Zigarette an, lang, weiß und ohne Filter. Sehr unangenehm für jeden normalen Menschen – und niemand weiß, dass sie das tun muss, weil es sich um ganz spezielle Zigaretten handelt: Sie enthalten ätherische Stoffe, die sie ganz entscheidend beleben, weil sie nur zur Hälfte ein Mensch ist, aber zur anderen Hälfte der Abkömmling eines Außerirdischen, der eine für jeden normalen Menschen auf Dauer tödlich giftige Atmosphäre gewöhnt gewesen war. Danza kann allerdings auch sehr gut in einer normalen Atmosphäre überleben – solange sie ihre speziellen Zigaretten mit dabei hat. Und diese Zigaretten waren auch erst nötig, seit ihre außerirdische Hälfte vollends erwacht war, vor tausenden von Jahren.

M anchmal, aber nur manchmal , öffnet sich für kurze Zeit das zweite Auge.

Blutunterlaufen und an den Rändern g elb!

Wenn man hineinblickt, kommen eine m unwillkürlich die Tränen. Dann schließt sich das Auge wieder – und egal, wie lange s ie an der Zigarette saugt, den beißenden Rauch ausstößt, über den Mund und viel mehr noch über die Nase, ni cht wieder öffnet s ie ihr zweites Auge für einen, wenn auch nur für den Augenblick.

Manche haben das seltene Glück, dabei zusehen zu dürfen, wie etwas Tränenflüssigkeit aus dem geschlossenen Auge läuft. Ganz dünn, ganz langsam, so wie Honig und auch so gelb – fast wie Bernstein.

Und in der Luft hängt der Duft von Anis , stärker sogar als der beißende Rauch dies überdecken könnte .

Jeder Zug lässt die Zigarettenspitze aufglühen. E in kurzzeitiger heißer , orangefarbener Schein , der gleich darauf wieder in Schwärze übergeht.

Wenn Danza sich nach vorn beugt, dann knirschen die Gelenke. Oder ist es eher ihre Kleidung? Sie trägt nämlich immer und überall so etwas wie eine lange Lederjacke, eigentlich schon eher ein Mantel, angeblich aus Leder - sehr selten und fast unbezahlbar - so alt, da s s nur wenige Personen sich so etwas überhaupt noch leisten können.

Woher sie diese Jacke – oder besser gesagt dreiviertellangen Mantel? – letztlich her hat: Weiß sie das überhaupt noch selber nach so langer Zeit?

Danza ist spindeldürr. Ihr Haar liegt aalglatt an den Schläfen Ihres Gesicht e s an , sieht auch am Hinterkopf wie angeklebt aus, bewegt sich kaum, selbst wenn Sie eine schnelle Kopfbewegung macht

Ihre Finger sind lang. Noch l änger als man erwarten würde bei ihrer sowieso schon imposanten Körpergröße . Manchmal reibt sie den Zeigefinger und den Mittelfinger aneinander. Das macht sie gern dann, wenn Sie die „Bernsteinflüssigkeit“ aus ihrem Auge weg wischt und dann beide Finger in den Mund steckt, während s ie die Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger der anderen Hand nach oben streckt und mit den restlichen Fingern eine Faust bildet .

Der Körper sieht eher wie der Torso eines Toten aus . Deshalb hat wahrscheinlich noch niemals jemand Danza nackt gesehen. Der Mantel verdeckt fast alles dieser Mantel aus Leder, der flatter nd den spindeldürren Körper umhüllt .

Nur falls er sich dann wirklich einmal in einem unbedachten Augenblick etwas öffnet und den Blick für ganz kurze Zeit frei gibt auf das, was sich darunter befindet, kann man es sehen: D er Oberkörper leuchtet regelrecht – und inmitten der sich undeutlich abzeichnenden Rippen pulsiert etwas in samtene m Dunkel bernsteinfarben : D as Herz!

Doch dann zieht sie die Luft ein – und in ihre m Auge ist so etwas wie Entsetzen!

Dann öffnet sie den Mund , und wie aus einer Wolke aus Rauch bestehend, kann man ein Wort hören – zwischen Zahnstummeln hervorquellend , die ebenfalls leicht bernsteinfarben l euchten:

LOOKOLAY !

Man kann sehen, wie Sie sich an der altertümlichen Zigarette regelrecht fest klammert . Sie saugt und saugt

WAS FÜR EIN WESEN!, möge man denken – und sich nicht mehr über das hartnäckige Gerücht wundern, das man über sie erzählt:

Es gibt nämlich schon seit der ersten Siedlungswelle die Legende, das s es auf den ersten Siedlungsschiffen der Menschen auf extrasolaren Planeten auch Kontakt mit einer hoch entwickelten Alienrasse gegeben haben soll. Bewiesen ist das zwar nicht , d och wer weiß, was einem im tiefen Raum wirklich erwartet , in d er unheimlichen Leere zwischen den Sternen ? Und demnach soll es einst eine Liaison gegeben haben zwischen einer Menschenfrau und einem männlichen Alien, bevor dieses mitsamt seinem Volk schließlich die höchste Stufe erreicht hat, die ein Volk jemals erreichen kann, indem es zu einer gottähnlichen Entität wird.

Dieses Volk: Meint Danza genau das, wenn sie das Wort LOOKOLAY von sich gibt?



2

Ferne Vergangenheit: DANZA

Die zukünftigen Siedler in ihren Kryotanks befanden sich im Kälteschlaf. Sie bekamen nichts mit von ihrer Reise. Falls diese Reise viele Jahre überdauerte, wurden sie zwischendurch mehrmals geweckt, um ihre Lebensfunktionen überprüfen zu können. Aus reinen Sicherheitsgründen, nicht weil es häufiger zu Ausfällen gekommen wäre. Während der ersten Siedlungswellen war das jedenfalls noch üblich gewesen. Später hatte man sich dies dann mehr und mehr gespart, bis das zwischenzeitliche Aufwecken ganz und gar weggefallen war.

Die ersten vier Mal war alles ganz normal verlaufen mit dem Teenager namens Danza. Sie war eine Vollwaise, wusste nicht wirklich etwas von ihren Eltern, hatte keine Ahnung wo und wann sie geboren war. Man hatte sie in einem Elendsviertel aufgegriffen, als kleines Kind, das sich von Abfällen ernährt hatte und kaum sprechen konnte. Kaum mehr als zwei Worte, nämlich ihren Namen Danza und ein weiteres Wort: LOOKOLAY! Aber Danza hatte sich in der Folgezeit als äußerst lernfähig erwiesen und war deshalb in dem Waisenhaus gefördert worden, in das man sie gesteckt hatte.

Bis sie im beginnenden Teenageralter bereits ihren akademischen Abschluss erlangen konnte. Ihre besondere Lernbegabung und natürlich auch ihr Ehrgeiz hatten das Interesse einer Untergrundgruppe erregt, die sich TATANTA-SCA nannte. Anfangs hatte Danza nicht einmal geahnt, worum es sich dabei handelte. Vielleicht, wenn sie gewusst hätte, dass diese Gruppe bereits machtvolle Positionen innerhalb der Führungsriege des Sternenreiches besetzte, wäre sie keine Anhängerin geworden. Aber das hatte man ihr gegenüber natürlich verschwiegen, um sie damit zu ködern, ihr weitere Förderungen zukommen zu lassen.

Ihre Wissbegierde wurde in einem Maße belohnt, wie sie es sich niemals auch nur hätte erträumen können. Und sie war immer noch im Teenageralter, jetzt, da ihre Ausbildung zu einer Art Superagentin abgeschlossen war, um den derzeitig wichtigsten Auftrag durchzuführen, den diese Gruppe – ja wohl eher so eine Art Kartell? – parat hatte. Um ihr einzureden, dass sie die einzige Person war, die das überhaupt jemals schaffen konnte.

Ja, die ersten viermal war der Kryoschlaf auch bei ihr ganz normal verlaufen. Und dann war das fünfte Mal gekommen – und sie war nicht eingeschlafen!

Sie war bei wachem Bewusstsein geblieben!

Ein Fehler im System? Aber dies war ein Fehler, der jeden normalen Menschen wahnsinnig werden ließ. Denn das war wie Wachkoma, ohne jeglichen Kontakt mit der Außenwelt, nur in sich selbst, im eigenen Körper gefangen, der sich in einer totenähnlichen Kältestarre befand.

Sie fühlte sich… tot und konnte dennoch nicht aufhören zu denken.

Sie wollte schreien, auf sich aufmerksam machen, doch kein Laut verließ die gefrorenen Lippen.

Es war eine Hölle ganz besonderer Art, die sie durchlebte – und das nicht nur für Minuten oder gar nur Sekunden, was schon schlimm genug gewesen wäre, sondern… für lange, unendlich qualvolle Jahre!

Dabei gingen Stationen ihres bisherigen Lebens immer und immer wieder durch ihren Kopf. Und sie fragte sich, wieso sie überhaupt zu Erinnerungen fähig war, wenn ihr Gehirn sich in einem tiefgefrorenen Zustand befand. Wo kamen die Gedanken her?

Sie wollte es wissen, aber dieses Wissen war ihr nicht zugänglich. Und so verwirrten sich diese Gedanken zusehends. Sie wusste, das würde auch sie letztlich in den Wahnsinn treiben. Irgendwann, wenn man sie das nächste Mal aufweckte, würde sie nicht mehr unterscheiden können zwischen reinen Wahnvorstellungen und der Wirklichkeit. Sie würde für jeden auf dem Schiff zu einer tödlichen Gefahr werden – bei ihrer Kampfausbildung. Man würde sie nur stoppen können, indem man sie tötete. Was von vornherein ihre Mission zum Scheitern verurteilte. Immerhin eine Mission, die zur Vorbereitung der Machtübernahme innerhalb des Sternenreichs führen sollte.

Und dann rettete sie ausgerechnet ein ganz bestimmter Traum vor dem endgültigen und unheilbaren Wahnsinn. Oder war das eher so eine Art Vision? Woher kam sie? Aus ihr selbst heraus, produziert von ihrem eigenen beginnenden Wahn, ihrer eigenen Fantasie, die sich nicht mehr an der Wirklichkeit messen musste, um so immer mehr zu entarten?



3

Die Vision

Der PSI-AGENT hatte sie überrumpelt.

Zu spät, um sich darüber noch Sorgen zu machen.

Doch um sie zu töten, reichten seine PSI-Kräfte nicht, bei weitem nicht!

Danza jedoch gab nicht auf. Sie stemmte sich gegen das eigentlich Unvermeidliche. An ihren Schläfen traten die Adern vor Anstrengung hervor. Sie fletschte die Zähne.

Der PSI-Agent, der sich noch immer hinter einer Rauchwolke versteckte, die nicht nur aus ihm zu dringen schien, sondern aus der unmittelbaren Umgebung auf ihn einströmte, allem das Leben entzog, wagte sich einen, dann zwei Schritte vor, in Danzas Richtung.

Er hatte keine Waffe höherer Ordnung bei sich. Das hätte Danza längst gespürt, weil nur eine solche Waffe ihr tödlich gefährlich werden konnte - und der namenlose Mann wusste dies ebenso.

Die Rauchwolke um den PSI-Agenten wurde immer dichter. Er fühlte sich sicher und fühlte sich stark, Danza haushoch überlegen, die ihm in diesem Augenblick hilflos ausgeliefert zu sein schien. Irgendwo blitzten aus dem Rauchnebel zwei höllisch glühende Augen. Aber nur für einen Moment, dann hatte der Mann sich wieder besser unter Kontrolle.

Bevor Danza sich auch nur halb aufrichten konnte, kam ein Bein aus dem Rauchnebel und trat sie wieder zu Boden. Der PSI-Agent bewegte sich dabei unglaublich schnell. Und er machte dabei Geräusche, die man zwar nicht hören sollte, weil die Rauchwolke sie normalerweise in ihrem Inneren behielt, aber dies galt nur für normale Ohren, nicht für die Ohren Danzas.

Für diese knackte und knisterte es. Die Echos umkreisten Danza und zermürbten sie irgendwie nur noch mehr.

Der PSI-Agent hielt einen Moment inne. Er war sich jetzt siegessicher und wollte augenscheinlich den Moment des größten Triumphes noch genießen. Aus dem Rauchnebel schossen sein Gesicht, seine rechte Schulter und der gepanzerte Brustkorb.

Eigentlich war er nun endlich verwundbar, des Nebelschutzes beraubt. Doch Danzas blutende Wunde im Bauchraum machte ihr schwer zu schaffen und schränkte ihre eigenen PSI-Fähigkeiten entscheidend ein.

Sie konnte sich angesichts des enormen Blutverlustes, der allein schon jeden normalen Menschen getötet hätte, kaum noch konzentrieren.

Der PSI-Agent warf seinen Kopf in den Nacken und stieß ein höhnisches Gelächter aus, wie ein Wahnsinniger. Dann schnellte ein urtümlicher Holzknüppel aus dem Nebel. Er traf Danza an der Schulter.

Es gab für sie kein Ausweichen, denn ohne PSI kam der Angriff völlig überraschend. Sie hatte fest mit einem PSI-Angriff gerechnet und sich gegen diesen gewappnet, soweit es ihr überhaupt noch möglich war. Das hatte sie praktisch unbesiegbar gemacht, obwohl sie sich nicht mehr aktiv wehren konnte. Und jetzt dies. Völlig überraschend und doch so einfach. Und effektiv!

Danza spürte, wie das Schlüsselbein zersplitterte und wohl auch das Schultergelenk. Der Schmerz war sengend heiß und glockenhell und durchschoss ihren Körper buchstäblich bis in die letzte Zelle.

Sie konnte nicht mehr schreien, weil Blut ihre Atemwege zu verstopfen begann, aber der Mund stand offen, und zusätzlich zum Blut ergoss sich ein Schwall von Speichel und Galle auf den dunklen Boden in einer Umgebung, die seltsam unsichtbar blieb. Oder war sie nur von tiefster Finsternis verhüllt?

Danza sah den Knüppel, der wieder niedersauste, während sie spürte, wie sich ihre eigenen Eingeweide verselbstständigen wollten, weil sie aus der klaffenden Wunde gepresst wurden. Sie konnte sie nicht mehr ausreichend zudrücken seit der Verletzung an der Schulter.

Der Knüppel traf voll ihren Kopf, mit aller Wucht, die hinter dem Schlag steckte.

Das war das Ende!



4

Ein fürchterlicher Blitz jedes Mal – und sie war wieder da, gefangen in ihren eigenen Gedanken. Und ihren Zweifeln. Und ihren bohrenden Fragen: Was war das für eine Vision? Woher ist sie gekommen?

Wirklich eine Vision von etwas, was ihr noch bevorstand, oder doch nur ein idiotischer Albtraum, der sie zusätzlich quälen wollte?

Seltsam, aber eben genau diese Vision verhinderte letztlich, dass sie endgültig wahnsinnig wurde in dieser gefühlten Ewigkeit, verstrickt in ihren eigenen Gedanken und Träumen, immer wieder heimgesucht von dieser in unregelmäßigen Abständen wiederkehrenden Vision, die sie jedes Mal aufs Neue grübeln ließ, um den Wahnsinn zu überwinden.

Bis irgendwann ein Gedanke sich fest setzte, der sie nicht mehr los lassen wollte: Was ist PSI? Wieso zeigt die Vision ihr diese tödliche Niederlage – und dabei ist die Rede von PSI?

Sie lauschte in sich hinein, aber da war nichts als Schweigen. Ein gefrorener Körper, eigentlich so etwas wie scheintot. Ein besonderer Triumph der Wissenschaft, der diesen Kryoschlaf ermöglichte, ohne dass die Schlafenden Schäden davon trugen.

Aber normalerwiese konnte man während eines solchen Tiefschlafes auch nicht denken!

War sie die absolute Ausnahme?

Wenn nicht: Wieso hatte man noch niemals davon gehört?

Und außerdem: Die ersten vier Mal war es bei ihr doch völlig normal abgelaufen. Nur jetzt, beim fünften Mal, nach dem letzten Weckvorgang, um ihre Vitalfunktionen zu überprüfen, war sie in diese persönliche Hölle geraten.

PSI? Nein, das gibt es doch überhaupt nicht.

Oder?



5

Der Auftrag, die Mission

„Finde den Mann mit dem Tarnnamen Romano Steen! Auf dem dritten Planeten des Sonnensystems ECHOSMITH. Mische dich unter Siedler, um dorthin zu gelangen, getarnt als besonders begabter Teenager, ideal geeignet, um die Siedlung auf der Zielwelt zu unterstützen. Er wird dich erkennen.“

Als sie sich für den nächsten Siedlertransport zum Zielplaneten beworben hatte, war sie sofort angenommen worden. Bei ihren Referenzen als junges Genie… Alles war also zunächst planmäßig verlaufen. Bei jedem Weckvorgang hatte sich nur bestätigen lassen, dass sie körperlich weit überdurchschnittlich fit war, Kräfte hatte wie nur wenige Männer, trotz ihrer eher spindeldürren Erscheinung, was sich eigentlich niemand erklären konnte, eine Vitalität eben besaß, wie sie einer echten Kriegerin angemessen war.

Sie als Agentin der TATANTA-SCA. Im Spezialeinsatz. Man hatte ihr gesagt, nur sie allein würde dafür in Frage kommen, ohne zu sagen wieso. Sie hatte es einfach als gegeben hingenommen, denn die Ausbildung, die sie innerhalb der Organisation erhalten hatte, beinhaltete auch blinden Gehorsam. Zwar hatte sie sich dennoch einen letzten Rest selbständigen Willens bewahrt, doch dieser Rest hatte bei weitem nicht ausgereicht, etwa nachzuhaken, wie das überhaupt gemeint war: Sie als einzige, die in Frage kam?

Es gab kein Bild der Kontaktperson mit dem Tarnnamen Romano Steen, das sich in ihr Gedächtnis eingebrannt hätte, weil diese Kontaktperson eben angeblich sie erkennen und finden würde, sobald sie am Ziel angelangt war. Über kurz oder lang. Aber wie sah eigentlich ihr Gegner in dieser Vision aus? Wieso konnte sie sich nicht an dessen Gesicht erinnern, obwohl es doch kurzzeitig deutlich genug zu sehen war? Nach keiner erfolgten Vision?

Sie hatte keine Ahnung und brachte auch das eine nicht mit dem anderen zusammen. Wieso auch? Ihr Kontaktmann auf ECHOSMITH 3 war schließlich ein wichtiger Verbündeter, wie man ihr eingehämmert hatte. Sie sollte ihm nichts mitteilen, sondern ihn einfach nur kontaktieren. Wenn er selbstständig auf sie zu kam. Offenbar wusste er dann schon selber, was zu tun war? Vielleicht sollte sie ihn bei irgendetwas unterstützen, was zur Vorbereitung für den Sieg über das Sternenreich gehörte?

Wieso hatte man sie darüber eigentlich im Unklaren gelassen? Und hatte das wirklich überhaupt nichts zu tun damit, dass sie beim fünften Kälteschlaf genau eines überhaupt nicht finden konnte, nämlich… Schlaf?



6

Das neue Erwachen

Der Weckvorgang verlief immer sehr behutsam. Für den Körper. Aber was, wenn der Geist bereits seit einer höllischen Ewigkeit hellwach war und es endgültig nicht mehr erwarten wollte, wieder den Körper zu spüren, um nicht länger in diesem unerträglichen Gefängnis aus eigenen Gedanken gefangen zu bleiben?

Sie tobte im Innern, unmerklich für das medizinische Personal, das für den Aufweckvorgang aus dem Kryoschlaf verantwortlich war.

Und dann war sie wieder da, in der Realität. Obwohl sie sich noch nicht sofort bewegen konnte, weil immer noch vor Kälte starr, spürte sie jedoch ihren eigenen Körper wieder. Ein mehr als überwältigendes Erlebnis, das sich wohl niemand vorstellen kann, der noch niemals während des langen Kryoschlafes bei vollem Bewusstsein geblieben war.

Und dann konnte sie sogar die Augen öffnen.

Das blendende Licht tat weh, doch das war nichts gegenüber der bisherigen Blindheit. Und wenn es noch so sehr in ihre Augen stach: Das war allemal besser, als überhaupt nichts wahrnehmen zu können.

Die Helligkeit reduzierte sich scheinbar. In Wirklichkeit verengten sich wohl nur ihre Pupillen.

Äußerst mühsam drehte sie den Kopf. Das Bild war ziemlich verschwommen, aber auch das war nur eine vorübergehende Erscheinung. Neue Wärme pulsierte bereits durch ihren Körper.

Wenn während des Kryozustandes nichts Unvorhergesehenes passiert war, befand sich die NACMET jetzt bereits im Orbit von ECHOSMITH 3. Ihre Zielwelt. Wo sie ihre Arbeit aufnehmen konnte, im Auftrag derer, denen sie alles verdankte: TATANTA-SCA. Jedenfalls hatte man ihr das erfolgreich so eingeimpft.

Das medizinische Personal, natürlich von der neuesten Technik unterstützt, wartete nicht nur einfach ab, bis sich Danza völlig erholt hatte, sondern führte routinegemäß alle notwendigen Überprüfungen und Untersuchungen durch.

„Gesund!“, war das Urteil am Ende.

Danza konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Wenn sie jetzt erzählt hätte, dass sie die ganze Zeit über bei vollem Bewusstsein geblieben war… Sicherlich hätte ihr danach niemand mehr geglaubt, dass sie dabei keinen seelischen Schaden erlitten hatte.

Sie behielt es wohlweislich für sich und konnte sich endlich aufrichten.

Ein Blick auf die Bildschirmanzeige: Tatsächlich, sie befanden sich im Orbit um ECHOSMITH 3.

Wie lange werde ich wohl brauchen, um diesen Romano Steen zu finden – oder dieser vielmehr mich?, sinnierte sie, ohne es sich anmerken zu lassen.



7

Die Ankunft

Diese Welt war ja bereits besiedelt. Die Neuankömmlinge mussten also erst noch integriert werden. Dafür wurden sie zunächst einmal per Shuttles zum Raumhafen hinunter gebracht, denn die NACMET konnte nicht auf einem Planeten landen. Das schiere Eigengewicht hätte sie zerstört.

Danza war erst bei der zehnten Landungswelle mit dabei, nach beinahe vier Tagen seit ihrer Befreiung aus dem Kryoschlaf. Erwachen konnte man ja bei ihr nicht sagen. Das war tatsächlich vielmehr eine echte Befreiung gewesen…

Details

Seiten
78
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925180
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v454101
Schlagworte
raumflotte axarabor sternennacht

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor #52: Sternennacht