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Tim und Tasso - zwei Brautwerber für Vati

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Roman von G. S. Friebel

Der Umfang dieses Buchs entspricht 107 Taschenbuchseiten.

Was scheren mich die Sünden von gestern? Johannes ist Schriftsteller und hat jede Menge Zeit sich dem Leben zu widmen. Dass er zwei Frauen geschwängert und sitzen gelassen hat, ist schon einige Jahre her. Er hat es schon so gut wie vergessen. Doch eines Tages sitzt plötzlich ein kleiner Junge vor seiner Wohnungstür und hält ihm einen Brief unter die Nase.

Leseprobe

Tim und Tasso - zwei Brautwerber für Vati

Roman von G. S. Friebel


Der Umfang dieses Buchs entspricht 107 Taschenbuchseiten.


Was scheren mich die Sünden von gestern? Johannes ist Schriftsteller und hat jede Menge Zeit sich dem Leben zu widmen. Dass er zwei Frauen geschwängert und sitzen gelassen hat, ist schon einige Jahre her. Er hat es schon so gut wie vergessen. Doch eines Tages sitzt plötzlich ein kleiner Junge vor seiner Wohnungstür und hält ihm einen Brief unter die Nase.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

w ww.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Tim und Tasso wurden an einem Freitag geboren. Genauer gesagt: am 12. Mai 1970. Sie hatten denselben Vater. Er hieß Johannes Glääser und war Schriftsteller. Und doch waren sie keine Zwillinge, weder eineiige noch zweieiige. Sie waren, wie schon eben erwähnt, überhaupt keine Zwillinge, so lustig das auch klingt. Aber es entspricht der absoluten Wahrheit. Und um die ganze Sache noch komplizierter zu machen, Tim und Tasso lernten sich erst kennen, als sie schon sechs Jahre alt waren.

Jetzt wird mancher Leser denken: Das ist unmöglich, so etwas gibt es nicht im wirklichen Leben. Das merkt sogar ein Blinder! Zweifeln Sie ruhig! Sie werden sich noch mehr wundern, wenn Sie erfahren, dass es zwei Mütter gibt.

Aber erzählen wir mal ganz von vorn, sonst verstehe ich diese verzwickte Geschichte bald auch nicht mehr.

Fangen wir mit Tim an; denn Tim ist schließlich der ältere von beiden. Er wurde um 12.00 Uhr geboren, während Tasso um 12.05 Uhr das Licht der Welt erblickte.

Tims Mutter hieß Ute Ritsch. Eigentlich, um bei der Wahrheit zu bleiben, hatte Johannes Glääser überhaupt nicht vor, Ute Ritsch zu heiraten, was er dann ja auch nicht tat.

Ute wollte es unbedingt, und sie sagte sich: Wenn ich ein Kind von ihm erwarte, wird er mich schon nehmen. Aber da gab es noch im Hintergrund die kleine Freundin Marie Weiner, die ausgerechnet den gleichen Gedanken hatte. Und so blieb es also nicht aus, dass Johannes bald in der Zwickmühle saß.

Zuerst sprach er so: »Also, meine liebe Ute, ich bin kein Mann, den man heiratet. Wirklich nicht! Ich bin ein Luftikus, und du wirst nur Ärger mit mir haben. Und überhaupt, ich bin Schriftsteller, und da kann es mal vorkommen, dass ich für lange Zeit nichts zu beißen habe, vom Geld für Kleider ganz zu schweigen. Und frieren müssen wir vielleicht auch mal.«

Ute hatte ihn mit ihren großen blauen Puppenaugen angehimmelt, sich an seine starke Schulter gelehnt, die in Wirklichkeit ein wenig ausgestopft war, und geseufzt: »Ach Johannes, für dich tu ich ja alles.«

Johannes liebte blaue Augen. Alle seine Heldinnen hatten blaue Augen. Aber im Augenblick hatte er sie über. Das heißt übersetzt, er hätte gerne gesehen, wenn diese blauen Puppenaugen ganz schleunigst aus seinem Leben verschwunden wären.

Er hatte sie an diesem Nachmittag verlassen und war zu Marie gefahren, in dem Glauben, dass sie ihn mit ihren Späßen schon wieder aufmuntern würde.

Marie war heute nicht zu Späßen aufgelegt, sondern fragte ihn unverblümt nach dem Hochzeitstermin. Sie war nicht so poetisch veranlagt wie Ute.

Ihre Worte waren: »Ich will nicht mit einem dicken Bauch vor dem Pfarrer stehen. Was soll er von mir denken? Und außerdem gibt es noch keine Umstandsbrautkleider.«

Johannes saß also sozusagen zwischen zwei Stühlen. Nach einer Weile des intensiven Nachdenkens, was ein Schriftsteller schließlich können muss, sagte er sich: Wenn ich jetzt Marie heirate, ist Ute gekränkt und spricht nie mehr ein Wort mit mir. Wenn ich hingegen Ute heirate, wozu ich auch keine Lust habe, genauso wenig, wie ich Marie heiraten möchte, oder noch besser ausgedrückt, verdammt, ich will überhaupt nicht heiraten, wird Marie gekränkt sein.

Ich bin ein Menschenfreund und möchte, dass alle Leute nett zu mir sind, besonders meine Verleger.

Marie lehnte sich nicht an seine wattierte Schulter, sie sah ihn mit flammenden Augen an. Eine dritte Freundin besaß er im Augenblick nicht, sonst wäre er zu ihr gelaufen und hätte sich bei ihr über die schlechte Welt und die ehefreudigen Mädchen gründlich beklagt. Nein, er wollte nie mehr etwas mit diesen zweibeinigen Geschöpfen zu tun haben. Ab jetzt würde er um die Frauen einen

großen Umweg machen.

Marie wartete noch immer auf eine Antwort.

»Johannes, rede endlich!«

»Ich werde auch pünktlich die Alimente zahlen. Ganz bestimmt werde ich dich in der Klinik besuchen«, versprach er ernsthaft.

Den Kochtopf, den Marie ihm nachwarf, konnte er noch in der letzten Sekunde abfangen.

»Raus«, schrie sie mit überkippender Stimme.

Das ließ sich unser Johannes kein zweites Mal sagen.

»Wenn das so einfach ist«, murmelte er auf der Straße, »dann will ich es mal gleich bei Ute auch versuchen.«

Als er bei ihr wieder klingelte, fiel sie ihm hocherfreut in die Arme und seufzte selig auf.

»Du hast also schon das Aufgebot bestellt, Johannes?«

»Hör zu, Liebling«, sagte er mit sanfter Stimme und schob sie ein wenig von sich. Man konnte ja nie wissen, vielleicht wurde sie wütend und erwürgte ihn. Das war wirklich leicht, wenn man schon die Arme um den Hals des Opfers geschlungen hielt.

Sie blickte ihn immer noch selig lächelnd an.

»Ich habe beschlossen, immer pünktlich meine Verpflichtungen dem Kind gegenüber einzuhalten. Und wenn ich Brotkrusten essen müsste.«

Diesmal war es kein Kochtopf, sondern eine Vase. Er fing sie auch rechtzeitig auf, denn er hatte allmählich schon Übung darin, aber leider konnte er diesmal nicht verhindern, dass er pitschnass

wurde.

So saß er also kurze Zeit später nass wie ein Pudel unten in seinem Wagen und bejammerte sein Los.

Zuerst einmal fuhr er nach Hause und zog sich um. Seitdem hatte er nichts mehr von den beiden süßen Mädchen gehört. Erst als sie sich ins Krankenhaus begeben mussten, riefen sie ihn an. Ute lag im evangelischen Krankenhaus und Marie in der Klinik.

»Ein Glück«, seufzte er vor sich hin, »dass sie nicht in derselben Klinik liegen. Das hätte wirklich ein Drama gegeben.«

So zog er also seinen besten Anzug an, bewaffnete sich mit zwei Sträußen und ging seine ehemaligen Bräute besuchen. Zuerst Ute, da sie die älteren Rechte auf ihn hatte.

Sie empfing ihn mit den Worten: » Er heißt Tim. Ich habe dich als Vater angegeben, damit du dich nicht drücken kannst.«

Johannes seufzte nur.

Bei Marie war es nicht anders, nur dass ihr Söhnchen Tasso hieß.

»Tim und Tasso«, murmelte er vor sich hin. » Die Namen muss ich mir unbedingt merken.«

Die Kinder lebten also bei ihren Müttern, und Johannes war auch immer gewillt, zu zahlen. Natürlich, schließlich hatte er das feierlich versprochen. Nur klappte es nicht immer so, wie er wollte. Bald geriet er in Verzug. Es war ja auch nicht wenig, was er für die beiden Buben zahlen musste. Aber zum Trost sagte er sich, eine Ehe wäre noch viel teurer gewesen.

Dann kamen ein paar goldene Jahre dazwischen, und er kam allen Zahlungen nach und führte selbst ein lustiges Leben. Nur mit den Frauen, obgleich sie ihm im Blut lagen, war er sehr vorsichtig geworden.

Was hatte er davon, wenn er sich totschuftete, und sein ganzes Honorar ging für Alimentezahlungen drauf. Ja, er war manchmal schon so weit, sich sterilisieren zu lassen. Dann hätte er ein fröhliches Leben führen können.

»Donnerwetter«, murmelte er. »Wirklich ein kluger Gedanke von mir. All die hübschen süßen Käfer, die ich kennen lerne, kann ich mir dann zu Gemüte führen.«

Bis jetzt hielt er sich die Frauenwelt mit zwei Bildern vom Halse. Als seine Söhne ein wenig älter waren, erbat er sich von den Müttern ein Bild. Das war schließlich sein Recht. Und dies zeigte er dann jeweils seiner Flamme und sagte dazu mit stolzem Lächeln: »Meine Söhne!«

Auf den Bildern waren sie noch recht klein, in Wirklichkeit aber schon fünf Jahre alt. Das störte ihn keineswegs. Er war Frauenkenner und schätzte sie auch wirklich richtig ein. Diesmal! Sie sagten sich, Vater mit zwei Buben, und so kleine noch! Dankeschön, ich will ihn nicht heiraten, um dann den ganzen Tag Windeln waschen zu müssen und mich mit den fremden Bälgern abzuplagen. Und ich habe gedacht, einen Schriftsteller zu heiraten, das ist lustig, da lernt man eine Menge Leute kennen, und überhaupt wird das Leben an seiner Seite nie langweilig sein.

Sie verschwanden dann immer sehr schnell aus seinem Leben. Nun ja, sagte sich Johannes, Frauen als Freundinnen zu haben, die man nicht lieben darf, wie man möchte, das ist wirklich anstrengend. Aber er war eben vorgewarnt, und sie hatten alle so einen silbrigen Blick. Das hieß, sie wollten ihn zum Altar schleppen, und das mit ihm als Ehefeind. Er kannte mittlerweile die Falschheit der Frauen und wollte nichts mehr riskieren.

Dies war nur ein kleiner Schatten auf seinem Lebensweg, aber ansonsten lebte er prächtig. Sein Ansehen stieg, und sein Konto wuchs auch. Er fuhr einen flotten Wagen, hatte sich eine hübsche Wohnung eingerichtet, war viel auf Reisen. Wirklich, er führte ein prächtiges Junggesellenleben und genoss in vollen Zügen seine Freiheit, während seine sämtlichen Freunde Ehekrüppel waren und mit Frau und Kindern gesegnet waren.

Er hatte stets ein gönnerhaftes Lächeln für sie übrig. Natürlich beneideten sie ihn um dieses unverschämte Glück. Und dann prahlten sie mit ihren Sprösslingen herum, dass man es nicht mehr anhören konnte. Wenn sie endlich mit den Lobreden fertig waren, zog er nur lässig seine Fotografien hervor und ließ sie in die Runde gehen.

»Wo sind sie denn jetzt?«, fragten die meisten ziemlich verdattert.

Er war ganz Weltmann!

»Bei ihren Müttern selbstverständlich. Wenn sie größer sind, werde ich sie dann zu mir nehmen, um ihre Erziehung zu vervollständigen, wisst ihr. Ich werde sie auf meinen Reisen mitnehmen, sie mit Leuten bekanntmachen, die einmal wichtig für sie werden können.«

Da schwiegen sie endgültig. Befriedigt zog er danach ab und lachte innerlich. So einfach war das also! Natürlich hatte er nicht vor, mit seinen Söhnen in näheren Kontakt zu treten. Es war schon schlimm genug, dass er für die beiden Alimente zahlen musste. Weiter wollte er von ihnen überhaupt nichts wissen. Er musste unbedingt einmal Ute und Marie schreiben, ob sie schon eine künstlerische Ader an ihren Sprösslingen entdeckt hätten. Das wäre wirklich grässlich. Johannes wollte sie dann ins Ausland schicken.

Er war wirklich ein Rabenvater.



2

Tim verbrachte die ersten beiden Jahre bei seiner Großmutter mütterlicherseits. Sie lebten außerhalb der Stadt und hatten einen hübschen Garten. Tim entwickelte sich prächtig und war ein Lausbub, wie er im Buche steht.

Dann wurde die Großmutter krank, und Tim musste in ein Kinderheim. Das behagte ihm gar nicht. Aber was sollte er machen? Ihn fragte man ja überhaupt nicht. Die erste Zeit hatte er sehr viel nach der Oma geweint. Sie kam ihn auch wohl besuchen, aber mitnehmen konnte sie ihn nicht.

Als er fünf Jahre alt wurde, fand seine Mutter endlich eine Tagesstätte für ihn und holte ihn zu sich. Am Tage war er also in der Krippe und am Abend und an den Wochenenden daheim.

Bald würde er in die Schule kommen, aber dadurch würde sich sein Leben nicht ändern. Dann hieß es, morgens in die Schule, dann in die Tagesstätte und am Abend wieder zu der Mutter in die kleine Wohnung.

Wenn sie auch seine leibliche Mutter war, so war der seelische Kontakt doch ziemlich lose. Er liebte sie nicht. Und Ute tat es auch nicht. Sie hatte nie das richtige Verhältnis zu ihrem Kind gefunden. Als Tim noch ein Baby gewesen war, hatte die Großmutter ihn versorgt, und sie hatte ihn fast vergessen.

Jetzt war es nur ihr Pflichtgefühl, das sie daran gemahnte, ordentlich für den Jungen zu sorgen. Das tat sie auch. Sie war auch nett zu ihm. So etwas wie eine Freundin war sie ihm, aber nur eine flüchtige, denn man sah sich ja so selten. Außerdem war sie abends nach der vielen Arbeit im Büro so müde und abgespannt, dass sie nicht mehr mit dem Jungen spielen wollte. An den Wochenenden musste sie sich um die Wohnung, die Wäsche und den Einkauf kümmern.

Wie oft hatte sie schon Johannes Glääser verflucht. Aber was konnte sie dagegen tun? Sie konnte noch froh sein, wenn sie regelmäßig das Geld bekam. Einmal hatte sie sogar deswegen das Jugendamt einschalten müssen.

Und dann ärgerte sie sich auch, dass sie nicht mehr so leben konnte wie vorher. Mit siebzehn hatte sie diesen dummen Fehler begangen, und jetzt war sie zweiundzwanzig. Sollte sie tatsächlich als alte Jungfer versauern? Was sollte sie denn machen? Ausgehen konnte sie nicht, weil sie den Jungen hatte, und wenn sie ihn zum Rendezvouz mitnähme, fände das bei den Männern kaum Anklang.

Aber eines Tages lernte sie wirklich einen jungen Mann kennen. Und sie verliebte sich bis über beide Ohren in Otto. Er war längst nicht so schön und charmant wie Johannes Glääser. Aber dafür treu wie Gold. Und sie liebten sich.

Otto machte ihr nach sechs Wochen einen Heiratsantrag.

»Aber da ist noch das Kind«, hatte sie in seinen Armen gemurmelt.

Bis jetzt hatten sie sich nur in den Pausen während der Arbeitszeit getroffen und abends, aber nicht lange, denn Tim wartete auf sie in der Krippe.

»Welches Kind?«

»Mein Kind, ich habe einen Sohn. Er wird bald sechs Jahre alt. Ein süßer Bengel, wirklich.« Sie musste ihn schon loben, denn Otto sollte ihn schließlich akzeptieren.

Otto sah sie erst einmal sprachlos an. Wer hätte das nicht getan? Schließlich wollte er ein Mädchen heiraten, aber nicht gleich eine ganze Familie bei sich aufnehmen.

Ute lächelte gequält. »Ich habe mir schon gedacht, dass du jetzt nicht mehr willst. Darum habe ich auch so lange geschwiegen, Otto.«

»Moment mal, du musst mich mal erst zu Atem kommen lassen. Also, du hast ein Kind?«

»Ja einen Jungen.«

»Und der Vater?«

»Natürlich zahlt er, das heißt, fast immer«, sagte sie etwas kleinlaut.

»Willst du mir die ganze Sache nicht erklären?«

»Ja pass mal auf, die Geschichte begann so . . .« Und sie erzählte ihm lang und breit, welch ein Schuft Johannes Glääser mit zwei ä sei, und dass er sie mit einem Kind unter dem Herzen habe sitzenlassen.

»Hat er sich nie um das Kind gekümmert?«

Ute runzelte die Stirn und dachte lange nach.

»Einmal hat er mir geschrieben und mich um ein Bild von Tim gebeten. Und ich blöde Gans habe geheult vor Glück und hab mir gesagt: Jetzt wird er endlich Vatergefühle in sich entdecken und wird kommen, und dann wird alles gut.«

»Und ist er gekommen?«

»Natürlich nicht!«, schnaufte sie wütend.

Otto dachte nach. Lange und gründlich, obgleich das nicht seine Stärke war.

»Er ist also einwandfrei der Vater deines Kindes?«

»Ja, das steht sogar in der Geburtsurkunde vermerkt.«

Otto lächelte sie an.

»Warum bringst du ihm denn nicht das Kind?«

Ute starrte ihn an.

»Wie bitte?«

»Du bist die Mutter, er ist der Vater. Du hast dich jetzt sechs Jahre um das Kind gekümmert. Jetzt soll er sich gefälligst um seinen Sohn kümmern. Babyjahre werden doppelt gerechnet, also müsste er ihn mindestens zehn Jahre behalten, dann nehmen wir ihn wieder zurück.«

Ute blickte noch immer etwas verständnislos drein.

»Aber«, lispelte sie.

»Kein aber, Ute. Nur wenn du das tust, bin ich bereit, dich zu heiraten. Hör mal, Süße, wenn wir Kinder haben wollen, dann können wir die selbst fabrizieren, was?«

Sie begann zu kichern.

»Darf man das denn?«

»Was heißt dürfen! Er ist doch sein Vater. Und da er Schriftsteller ist, kann er recht gut auf den Jungen aufpassen. Ich habe mal gelesen, die faulenzen den ganzen Tag herum, und die Sekretärin schreibt für sie die Romane.«

Ute sah Otto ehrfürchtig an.

»Meinst du? Aber wenn das wirklich stimmt, warum schreibt die Sekretärin dann nicht unter eigenem Namen?«

Otto merkte, dass das nicht zog, und außerdem stimmte es auch nicht.

Laut sagte er: »Das soll uns doch nicht kümmern. Ich will dir nur damit sagen, er braucht in kein Büro, in kein Geschäft zu gehen, ist den ganzen Tag daheim, da kann er doch wohl auf seinen Sohn aufpassen. Und überhaupt, was heißt hier denn noch viel aufpassen? Du hast doch gesagt, dass er groß genug ist, um für sich selbst zu sorgen. Und dann kommt er ja auch bald in die Schule.«

Ute erhob sich.

»Ich muss jetzt wieder gehen. Sonst krieg ich Ärger im Betrieb, weißt du.«

»Ich hole dich nachher ab, und dann reden wir noch darüber.«

»Jetzt, wo du von Tim weißt, kann ich dich ja auch zu mir einladen«, sagt Ute.

»Fein, ich freue mich schon darauf.«

Ute Kitsch war an diesem Nachmittag sehr nachdenklich und war mit ihren Gedanken überhaupt nicht bei der Arbeit. So musste man sie immer dreimal anreden, ehe sie eine richtige Antwort gab.

Aber dann war endlich Feierabend, und sie beeilte sich, das Büro zu verlassen.

Otto stand schon unten auf der Straße. Er fuhr einen Kleinwagen. Nun ja, als Verkäufer verdient man eben nicht sehr viel. Aber sie als Büroangestellte hatte ein gutes Einkommen, und wenn sie das in Zukunft in einen gemeinsamen Topf warfen, würden sie sich vielleicht einen schicken Sportwagen kaufen können. Sie musste nur aufpassen und immer pünktlich die Pille nehmen.



3

Tim blickte mit einem Auge auf die Straße, und mit dem anderen verfolgte er die herumwandernde Leiterin. Er merkte ganz deutlich, dass sie langsam missmutig wurde. So hatten sich auch immer die Lernschwestern im Heim aufgeführt, wenn sie am Sonntag keinen Ausgang bekamen.

Jetzt war die Krippe gähnend leer. Alle Kinder außer Tim waren abgeholt worden. Warum kam seine Mutter heute so spät? Tim regte sich nicht darüber auf. Sie wird schon kommen, dachte er. Aber das Fräulein wird mich gleich ausschelten, und ich kann doch nix dafür.

Tim war es ziemlich gleichgültig, ob seine Mutter früher oder später kam. Wenn sie nach Hause gingen, würde es auch langweilig sein. Zuerst hatte er gedacht, es würde lustiger sein als im Heim. Aber im Gegenteil, dort hatte er noch eine Menge Kinder gehabt, mit denen er sich zanken konnte. Die hier in der Krippe waren alle so blöd. Und immer prahlten sie herum, was sie am Sonntag mit ihren Vätern unternahmen.

Ute kam den Weg entlanggerannt und entschuldigte sich bei der Leiterin.

»Es wird nicht mehr vorkommen«, stieß sie hervor, noch ganz außer Atem. »Los, komm, Tim.«

Er trottete neben ihr her. Auf der Straße blieb sie vor einem kleinen Auto stehen. Darin saß ein Mann. Tim musterte ihn schweigend. Seine Mutter sagte: »Das ist er. Das ist Tim.«

»Aha«, sagte der fremde Mann. »Nimm Platz, mein Junge.«

Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Für sein Leben gern fuhr er Auto. Leider hatte er selten Gelegenheit dazu. Sie fuhren zu ihrer Wohnung. Seine Mutter war richtig aufgekratzt und lachte sehr viel. Auch der Mann lachte sehr viel und strich ihm gönnerhaft über die Haare.

Tim kannte sich mit den Großen aus. Irgend etwas war los. Aber er war ein Bub, der das Schweigen gelernt hatte. Das Abendbrot war besonders reichhaltig und der Tisch fein gedeckt, und dann kam es.

»Hör mal, Tim«, fing seine Mutter an. »Ich habe dich jetzt fast sechs Jahre erzogen und versorgt und viel Geld für dich ausgegeben. Jetzt wirst du für eine Weile zu deinem Vater ziehen, und er wird für dich sorgen. Du bist ja schließlich sein Sohn. Er freut sich mächtig auf dich.«

Tim kaute mit vollen Backen. Seine Augen wanderten zu Otto.

»Ist das mein Vater?«

Ute und Otto lachten herzlich.

»Aber nein, Tim, der doch nicht.«

»Wo ist denn mein Vater?«

»Er lebt in dieser Stadt. Ich werde dich zu ihm hinbringen. Du wirst es bei ihm sehr gut haben, Tim. Und wenn du willst, dann kannst du mich ja auch mal besuchen.«

Tim kaute zu Ende, sah nachdenklich auf seinen leeren Teller.

»Warum ist denn heute der Mann bei uns?«

»Das ist Otto, mein Verlobter. Wir werden bald heiraten.«

»Aha«, sagte Tim.

»Ist er nicht ein verständiger Junge?«, säuselte die Mutter.

»Ja, sehr verständig«, sagte Otto und grinste ihn an. »Aber keine Sorge, Häschen, vielleicht werden wir auch bald so einen eigenen verständigen Jungen haben.«

»Hast du denn auch einen Buben zu Hause?«, fragte Tim unschuldig.

»Tim, wo denkst du hin«, sagte die Mutter streng. »Aber geh jetzt zu Bett. Du bist schon viel zu lange auf.«

»Ja«, sagte Tim, erhob sich und trollte sich davon.

Im Bett dachte er lange über sein zukünftiges Zuhause nach. Die Kinder in der Krippe erzählten sich ja Wunderdinge von ihren Vätern. Im Heim hatte er gar nichts gehabt, dann hatte er eine Mutter gehabt, und jetzt sollte er zur Abwechslung einen Vater bekommen. Vielleicht kam jetzt endlich ein wenig Leben in die Bude.

Tim schlief ein.

Die beiden Liebenden saßen noch lange im Wohnzimmer und sprachen über die Zukunft.

»Weißt du was«, sagte Ute plötzlich zu Otto. »Das Beste wird sein, wenn wir gleich auf Reisen gehen. Ich meine, ich liefere den Jungen mit einem Brief und seinen Unterlagen ab, und dann verduften wir. Ich möchte einen gewissen Herrn, der sich mit zwei ä schreibt, nicht wiedersehen. Und schon gar nicht mit ihm sprechen, denn da ziehe ich ganz bestimmt den Kürzeren. Der wird sich das nicht so einfach gefallen lassen, wenn ich ihm Tim schicke. Sind wir aber erst mal über alle Berge und machen irgendwo Urlaub, dann kann er uns nicht erreichen und muss notgedrungen den Jungen behalten. Später können wir uns ja mal wieder nach ihm erkundigen.«

»Und wenn er ihn ins Heim steckt?«

»Das ist mir egal. Aber ich glaube nicht, denn er ist geizig. Und das kostet ganz hübsch viel Geld, das wird er sich nicht leisten können. Ich werde beim Jugendamt anrufen und denen dort sagen, dass er ab . . . sagen wir mal übermorgen, denn so viel Zeit brauchen wir schließlich um die Vorbereitungen zu treffen, bei seinem Vater wohnen wird. Dann ist alles ganz legal.«

»Du bist wirklich eine sehr kluge Frau«, lobte Otto sie.

Ute kicherte.

»Ich möchte dabei sein. Du, sein blödes Gesicht möchte ich sehen, wenn er begreift, dass er jetzt Tim auf dem Hals hat. Aber das gönne ich ihm! O ja!«

Ute hatte sich Urlaub genommen und kümmerte sich um die Wäsche des Kindes. Sie packte seinen kleinen Koffer. Viel war es ja nicht, was er hatte. Dann holte sie seinen Taufschein und seine Geburtsurkunde hervor, schrieb einen Brief und steckte alles in einem Umschlag.

Anschließend packte sie ihren eigenen Koffer. Und ehe sie sich versah, war auch schon der Augenblick gekommen, als Otto vor der Tür stand und sie beide abholte.

Johannes Glääser bewohnte noch immer seine alte Wohnung. Zur Sicherheit blickte sie noch einmal auf das Namensschild neben dem Klingelknopf. Der Lackaffe hatte sogar seinen Beruf darauf verzeichnet. Ute machte nur: »Püh!«

»Los Tim, steig aus. Hier also wohnt jetzt dein Vater, und du wirst auch hier wohnen. Demnächst kommen wir dich besuchen, ja. Aber im Augenblick fahre ich mit Otto in Urlaub und dann kommen wir als Mann und Frau zurück.«

»Ja«, sagte Tim gleichgültig.

»Pass jetzt gut auf. Du bist schon ein großer Junge, ja!«

Komisch, dachte Tim. Immer wenn ich etwas tun soll, bin ich schon groß. Will ich mal was, dann heißt es, das kannst du noch nicht, du bist noch ein kleiner Junge. Und dabei wurde er doch schon bald sechs Jahre.

»Hier hast du einen Brief. Und das ist dein Koffer mit deinen Sachen. Wenn wir fort sind, klingelst du hier an dem Knopf. Und wenn du vor deinem Vater stehst, dann gibst du ihm diesen Brief. Lass dich bloß nicht fortschicken, ehe er nicht den Brief gelesen hat, kapiert?

So, und jetzt halt dich tapfer und gerade. Mach mir keinen Ärger, verstanden.«

»Wird gemacht«, sagte Tim mit männlich dunkler Stimme.

Seine Mutter stieg wieder in das kleine Auto, und wenige Augenblicke später waren sie um die Ecke verschwunden. Sie hatte ihm zwar den Klingelknopf gezeigt, aber nicht gemerkt, dass er ihn gar nicht erreichen konnte. Doch zum Glück kam in diesem Augenblick eine Bewohnerin des Hauses und fragte ihn, wohin er denn wolle.

»Zu Herrn Glääser«, sagte er höflich und verbeugte sich.

»Na, Bübchen, dann komm mal mit. Er wohnt zweite Treppe links.«

»Dankeschön«, sagte Tim und stapfte die Treppe nach oben.

Und dann stand er vor der Tür seines Vaters und klingelte. Aber niemand machte auf. Denn Johannes war nicht zu Hause. Tim klingelte, bis ihm der Finger weh tat. Immer wieder hob der den Briefkastenschlitz hoch und spähte in die Wohnung. Was er dort erblickte, erschien ihm verheißungsvoll. Herrlich unaufgeräumt schien das Wohnzimmer zu sein.

Die Mutter hatte ihm gesagt: »Du darfst nicht fortlaufen, dich auch nicht fortschicken lassen.« Aber sie hatte ihm nicht gesagt, was er tun sollte, wenn sein Vater nicht da war. Zuerst setzte er sich auf den obersten Treppenabsatz und dachte angestrengt nach.

Vielleicht war sein Vater auch in Urlaub gefahren? Bei dem schönen Wetter draußen! Tim seufzte schwer. Sollte er etwa so lange hier oben sitzen, bis er heimkam? Eventuell eine ganze Woche? Aber dann war er bestimmt schon in der Zwischenzeit verhungert.



4

Johannes hatte einen sehr angenehmen Nachmittag verbracht. Er hatte eine neue Flamme. Evelyn hieß sie und hatte rote Haare. Ihre Liebe hatte noch nicht den Zeitpunkt erreicht, zu dem er die Bilder seiner Söhne zückte. Überhaupt wollte er es vielleicht auch gar nicht. Denn ein Wunder war geschehen. Er hatte ein Mädchen kennengelernt, das nicht nur rassig aussah, sondern auch über ein beträchtliches Vermögen verfügte. Das heißt, wenn ihr noch quicklebendiger Vater einmal das Zeitliche segnen sollte. Evelyn war ein Supergeschöpf und wirklich süß. Ach, und wie sie ihn anhimmelte. Johannes fühlte sich gleich zehn Jahre jünger.

Auf rosa Wolken schwebend, fuhr er nach Hause. Er wollte sich nur schnell umziehen, und danach wollten Evelyn und er die Stadt unsicher machen, ein paar Bars aufsuchen, und vielleicht konnte er sie dazu überreden, anschließend einen kleinen Besuch in seiner Wohnung zu machen. Und dann würde man halt weitersehen.

Johannes war herrlich glücklich aufgelegt, fühlte sich einfach pudelwohl. Als er nun mit großen Sätzen die Treppe hinaufrannte, wäre er bald über Tim gestolpert.

»Hallo, Kleiner, kannst du dich nicht woanders hinsetzen?«

»Nein, denn ich warte.«

»Ach so«, sagte er freundlich und fuhr ihm einmal über die zerzausten Haare. Mit den Gedanken war er schon wieder bei Evelyn. Und außerdem glaubte er, dass der Junge auf die Nachbarin wartete. Bestimmt war es ihr Enkelkind. Wäre es statt des Jungen ein hübsches junges Mädchen gewesen, dann hätte er ihr selbstverständlich galant seine Wohnung zum Warten angeboten.

Halt, Johannes, sagte er streng. So darfst du nicht mehr denken. Du hast jetzt Evelyn.

Er kramte seinen Hausschlüssel aus der Tasche, und als er diesen ins Schloss steckte, da wusste Tim, das war also sein Vater. Johannes schloss die Tür auf. Und dann ging alles sehr schnell. Der Bub schlüpfte durch den Spalt und war eher in der Diele als Johannes. Nun stand er da und sah ihn erwartungsvoll an.

»He, das geht aber nicht, Kleiner. Komm, komm, der Onkel ist heute nicht zu Späßen aufgelegt. Ein andermal, ja?«

»Heißt du denn nicht Johannes Glääser mit zwei ä?«, fragte Tim erschrocken.

»Natürlich heiße ich so«, sagte Johannes, der sich immer ein wenig brüstete, wenn man ihn nach dem Namen fragte.

»Dann ist ja alles in Ordnung«, sagte Tim und setzte sich auf seinen Koffer.

»Nichts ist in Ordnung, du frecher Bengel. Sofort verlässt du meine Wohnung, verstanden!«

»Nee«, sagte Tim. »Mama hat gesagt, ich solle mich nicht wegschicken lassen, bevor du nicht diesen Brief gelesen hast.«

Johannes blickte ihn perplex an.

»Ich kenne deine Mutter nicht.«

»Das weiß ich nicht«, sagte Tim ungerührt. »Aber sie hat mir gesagt, wenn du Johannes Glääser mit zwei ä heißt, dann bist du mein Vater, und ich bin dein Sohn. Und das andere steht in dem Brief.«

Johannes taumelte.

»Das ist nicht wahr!«, keuchte er.

»Hier ist der Brief.«

Er riss ihn auf und las ihn, und dann brüllte er wie ein Stier los.

»Das gibt es nicht. Das lass ich mir nicht gefallen. Auf der Stelle bringe ich dich wieder nach Hause, Tim.«

»Das kannst du nicht«, sagte Tim und grinste ihn auch noch an. »Meine Mutter ist nämlich mit Otto verreist.«

»Das werden wir ja sehen, na, das werden wir ja sehen«, schrie er wild auf und stürzte zum Telefon. Aber dann fiel ihm ein, dass Ute nie ein Telefon besessen hatte.

»Wohin ist sie gefahren?«

»Ich glaube, sie wollten mit einem Flugzeug fort.«

Gebrochen ließ er sich auf das Sofa fallen. Er zerwühlte sich die Haare. Das war ja eine schöne Bescherung. Und ausgerechnet heute! Wie kam dieses kleine Luder überhaupt dazu, ihm den Jungen zu schicken.

Tim stand vor ihm und sah ihn mit schiefgelegtem Kopf an.

»Du bist jetzt wohl sauer, weil ich bei dir bleiben muss, wie?«

Johannes starrte ihn an. Das also war sein Sohn. Sah gar nicht mal so schlecht aus. Und wie groß er schon war.

»Machst du noch in die Hosen?«

Tim schnaufte verächtlich. »Mann, bist du doof! Ich gehe doch schon bald in die Schule.«

Johannes nickte schwer.

»Warum glaubst du, dass ich sauer bin? «

»Mensch Vater, Luftsprünge vor Freude machst du wirklich nicht. Das sieht doch jeder.«

Er musste unwillkürlich lachen. Aber dann stieg der Zorn wieder in ihm hoch. Vater! Mann, das klang ja wie Opa.

»Nenn mich Johannes, kapiert! Oder ich dreh dir den Hals um.«

»O.k.«, sagte Tim und sah sich um. »Mann, ist das toll unordentlich bei dir.«

Er brauchte gar nicht zu ihrer Wohnung zu fahren. Diese Schlange hatte das ganz schön eingefädelt. Aber wenn sie glaubte, ihn aufs Kreuz legen zu können, dann hatte sie sich gewaltig geirrt. Wozu gab es denn die Heime in der Stadt? Dorthin würde er den Jungen so lange bringen. Und von dort konnte Ute ihn dann bei Gelegenheit wieder abholen.

»Hör zu, Tim, ich kann dich unmöglich bei mir behalten. Deine Mutter hat wohl ein Loch im Kopf. Ich werde jetzt ein wunderschönes Heim anrufen. Und dort wirst du mit ganz vielen Kindern zusammen spielen und schlafen können. Dort wird es richtig lustig sein.«

»Ich hab bald drei Jahre in so einem blöden Heim gelebt«, sagte Tim ärgerlich.

Aber Johannes dachte nur an seine rothaarige Flamme, und er wollte das Kind loswerden. Doch als er in einem Heim anrief, erklärte man ihm unmissverständlich, dass er sich in eine Warteliste eintragen müsse.

»Und wie lange dauert die Wartezeit? «

»Oh, wenn Sie Glück haben, vielleicht nur ein halbes Jahr«, sagte die Stimme fröhlich.

Wo er auch anrief, er bekam die gleiche Antwort. Es war einfach zum Verrücktwerden. Nur ein privates Kinderheim hatte gerade zufällig noch ein Bett frei. Doch als er den Preis erfuhr, und man musste sogar drei Monate im voraus bezahlen, da wusste er auch, warum sie noch Betten frei hatten. Das konnten sich ja nur Millionäre leisten.

Tim war indessen durch die große Wohnung spaziert. Da gab es eine Küche, ein Bad, eine große Diele, ein Schlafzimmer, ein Gästezimmer und das riesige Wohnzimmer. Das war wirklich eine dufte Wohnung. Und einen Balkon hatten sie auch. Er blickte alles schon mit Besitzeraugen an.

Johannes saß noch immer an seinem Schreibtisch und knurrte wie ein hungriger Wolf, dem man eben den Knochen geklaut hatte. Er konnte sich von dem Jungen nur wieder lösen, wenn er diesem einen Stein um den Hals hängte und ihn in den tiefsten Fluss oder See warf. Zwischen seinen Fingern schielte er zu dem Knaben hinüber.

»Ich hab Hunger«, sagte Tim laut.

»Ich kann keinen Brei kochen.«

»Ich bin kein Baby«, sagte Tim wütend.

»Ja, richtig, hab ich schon wieder vergessen. Aber du bist verdammt winzig, wirklich. Konntest du nicht schneller wachsen?«

»Ich bin noch keine sechs. Aber Ma hat gesagt, ich bin sehr groß für mein Alter. Und die muss es ja wissen, denn sie musste immer meine Hosen länger machen.«

»Je nun, das ist nicht mein Problem. Sag mal, hast du wirklich Hunger?«

»Was glaubst du denn?«, schnaufte Tim. »Von Luftholen werde ich nicht satt.«

Johannes kratzte sich am Kopf.

»Jetzt sag bloß, du kannst nicht kochen.«

»Natürlich«, sagte Johannes gekränkt. »Natürlich kann ich kochen. Ich mache dir Spiegeleier, Rühreier, gekochte Eier.«

»Immer nur Eier?«, jammerte Tim.

»Lass mich gefälligst ausreden«, sagte Johannes.

»Schön.«

»Also, ich kann auch noch Frikadellen machen und Steaks braten, und, und, und. . .«

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738925166
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
tasso brautwerber vati

Autor

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Titel: Tim und Tasso - zwei Brautwerber für Vati