Lade Inhalt...

Bolthar, der Wikingerfürst Band 8: Das Geheimnis des Sonnensteins

2018 120 Seiten

Leseprobe

Bolthar, der Wikingerfürst Band 8: Das Geheimnis des Sonnensteins

Tomos Forrest

Published by BEKKERpublishing, 2018.

Bolthar, der Wikingerfürst Band 8: Das Geheimnis des Sonnensteins

––––––––

image

TOMOS FORREST

––––––––

image

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: 123 RF mit Steve Mayer, 2018

Created by Thomas Ostwald mit Jörg Martin Munsonius, 2018

Lektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

image
image
image

Klappentext:

image

Immer wieder erzählen erfahrene Seeleute von einem besonderen Stein, den sie ‚Sonnenstein‘ nennen. Mit seiner Hilfe wäre es möglich, über das große Wasser zu fahren und selbst bei bedecktem Himmel den Kurs zu halten. Bolthar würde gern nach Helluland fahren, wo es sagenhafte Reichtümer geben soll. Vom Erlös könnte er ein großes Heer aufstellen, um sich an König Harald zu rächen. Doch da ist auch der kleinwüchsige Andvardi, Jarle der Beserker, der von einem solchen Stein erfahren hat und ein erneutes feindliches Aufeinandertreffen der beiden Männer, scheint unausweichlich zu sein ...

***

image
image
image

1.

image

Das Steingeschoss hatte die oberen Plankenböden glatt durchschlagen und den untersten Plattengang noch so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass seit dem Gefecht ständig Wasser eindrang und von der erschöpften Mannschaft ausgeschöpft werden musste. Erschwerend kam für sie hinzu, dass fast alle bei dem Gefecht verwundet wurden, denn der Gegner war mächtig und verfügte über zwei große Langboote, die sogenannten þritugsessa, Kriegsschiffe mit jeweils dreißig Ruderern auf jeder Seite.

Der Überfall geschah im frühen Morgengrauen, begünstigt von schlechter Sicht. Auf dem Meer lag grauer Dunst, der sich nur schwer auflöste und dabei die Männer mit einer unangenehmen Nässe überfiel. Ihre Tuniken waren schnell vollgesogen und die wollenen Umhänge hingen ihnen schwer über die Schultern. Manche Ruderer warfen sie deshalb ab, weil sie die Arbeit nicht gerade einfacher machten.

Bolthar hatte zum raschen Aufbruch gedrängt, er wollte am heutigen Tag sein Ziel erreichen. Die beiden þritugsessa hatten ihnen offenbar auf dem Meer aufgelauert und vermutlich dort während der Nacht geankert. Plötzlich schossen die beiden herskip (Kriegsschiffe) aus dem Dunst wie zwei Fabelwesen heraus. Die Drachenköpfe im Bug glänzten vor Nässe, und die Augen, die man aus geschliffenen Muschelschalen eingesetzt hatte, sahen aus, als könnten sie wütend funkeln. Die schnell heraneilenden Langboote brachten aber die Mannschaften in den skútur, (Schute mit dreißig Ruderplätzen) nicht aus der Ruhe. Die Rundschilde an den Bordwänden schützten Bolthars Krieger vor dem ersten Pfeilbeschuss. Die See war heute erstaunlich ruhig – für ein Gefecht wie gemacht.

Bolthar gab nur zwei rasche, laute Befehle, und seine Unterführer Gulkollur, Bjor und vor allem Bent wussten, was zu tun war. Ihre Schiffe hätten sie im Schlaf steuern können, und Situationen wie diese waren einfach zu alltäglich. Doch heute sollte es eine unerwartete Wendung geben.

„Thor stehe uns bei!“, murmelte Bent halblaut, als sein Blick auf die feindlichen Boote fiel. „Das sind Haralds hirð, seine Leibgarde, die uns verfolgt haben muss. Heute werden viele gute Männer in Odins Langhalle versammelt werden und den Met trinken, den es nur in Walhall gibt! So sei es also!“ Damit hatte er seinen Sax gezogen, die Männer holten die Ruder ein und das erste Kriegsschiff kam längsseits. Wurfspieße zischten durch die Luft, bohrten sich in die Bordwand und die Rundschilde, richteten aber keinen weiteren Schaden an. Seine Männer erhoben sich nach dem ersten Speerangriff und schleuderten ihre skotvápn, die Wurfspieße, und nahmen sofort danach die lagvápn, die Langspieße in die Hand. Das feindliche Boot war schon zu nahe für weitere Würfe, jetzt versuchten beide Parteien, zwischen den Rundschilden hindurchzustechen und den Gegner zu treffen.

Gellende Schreie wurden laut, in das Kriegsgeschrei mischten sich die ersten Schreie der Verwundeten, und Bolthars Männer hieben und stachen nach ihren Feinden, wo sich nur eine Gelegenheit dazu bot. Inzwischen war auch Gulkollurs Boot im Nahkampf mit dem anderen Langboot, und Bolthar musste den ersten schweren Angriff mit seiner Breitaxt abwehren. Eine Zeit lang sah es gar nicht schlecht für seine zahlenmäßig weit unterlegene Mannschaft aus, aber dann drangen die hirð-Krieger immer stürmischer vor, die ersten sprangen in Bolthars Boot über und schlugen und hackten auf seine Krieger ein.

Mit einem Brüllen, das an ein wildes Tier erinnerte, sahen sich diese hirð jedoch plötzlich einem hünenhaften Krieger gegenüber, der wie ein Eisriese zwischen ihnen auftauchte. Über den Kopf schwang er seine Breiðöx, die mächtige Breitaxt, und ließ sie dem nächsten Mann auf die Schulter niedergehen. Der Angriff galt dem Kopf des Kriegers, aber der hatte eine instinktive Drehung gemacht, die ihn nun den rechten Arm kostete. Bolthars Axt fuhr mühelos durch Fleisch und Knochen und trennte den Arm dicht neben dem Hals ab.

Ein zweiter Mann glaubte, seine Chance zu erkennen und stieß mit seinem Sax nach der Brust Bolthars. Doch der hatte seine Axt in einer raschen Aufwärtsbewegung nach oben gerissen, rammte die breite Klinge in den Kiefer des Mannes und spaltete ihm zur Hälfte den Kopf. Der Angriff der hirð-Krieger geriet ins Stocken, weitere konnten von ihrem Boot nicht mehr herüberspringen, denn die Mannschaft verteidigte sich jetzt in einer geschlossenen Reihe mit dem Schildwall wie auf dem Land. Jeder hatte erkannt, dass ihnen Jarle Bolthar den Rücken freihielt. Ein Angreifer nach dem anderen fiel unter ihren Streichen, und als sie ihr Boot wieder befreit hatten, waren die Planken glitschig vom Blut der Getöteten.

Das stachelte Bolthars Krieger an, keiner sah sich nach den eigenen Toten um, als sie schreiend nun ihrerseits auf das große þritugsessa sprangen und dort ihre tödlichen Streiche nach allen Seiten verteilten. Auch hier war es Bolthar, der von seinem Steuerruder aus hinüber zu dem Anführer des Langbootes gesprungen war und ihn schon im Sprung mit seiner Axt erschlug, geschickt abfederte und sich auf die nächsten Krieger warf.

Doch hier war die Übermacht zu groß, zwar kämpften Bolthars Männer geschickt und ohne zurückzuweichen. Plötzlich war das halffertugt skip aufgetaucht und schoss schon während des raschen Herangleitens zwei schwere Steingeschosse ab. Das Katapult stand auf einem hohen Kastell, und zähneknirschend erkannte Bolthar, was sich die Götter erneut wieder erdacht hatten. Doch jetzt war es zu spät, Thor um Hilfe anzurufen. Bolthar hatte ihm kein neues Menschenopfer bringen können, er besaß keine Sklaven mehr.

Einen Moment lang glaubte er fast, das Lachen Lokis im Schreien der Männer zu hören, als das zweite Geschoss in sein skútur einschlug. Mit dem Beschuss schienen die Krieger in dem Langboot ihre Anstrengungen zu verdoppeln, und mit einem Warnschrei rief der Jarle seine Krieger zurück auf das eigene Schiff. Hier gab es nur noch die Rettung in der Flucht, denn Bolthar sah keinen Grund, bis zum letzten Mann zu kämpfen, bevor er nicht sein Ziel erreicht hatte: Die Bestrafung des lügenhaften Königs Harald (vgl. Bolthar der Wikingerfürst Band 7, König Haralds Verrat).

Der Letzte, der sich zum Rückzug entschloss, war Bent, und Bolthar musste ihm zurufen, dass die Walküren heute genügend Männer finden würden und sein Metbecher noch auf ihn warten müsse!

Mit einem letzten, gewaltigen Hieb streckte Bent seinen Gegner nieder und war neben Bolthar, als die Boote ihren Abstand vergrößerten, die Männer ihre Ruder gegen das Langboot stemmten und sie anschließend ins Wasser tauchten, um rasch Fahrt aufzunehmen. Erneut zischte ein Steingeschoss herüber, verfehlte die Mitte der skútur, traf aber das Dollbord und riss ein Stück der Planke dort heraus.

Bolthar hatte das Steuerruder wieder übernommen und musste erleben, dass ihm dabei Pfeile nachgeschickt wurden, die ihn nur um Haaresbreite verfehlten. Einer traf seine flatternde Tunica, zerrte wütend daran herum und blieb kraftlos stecken. Ein Blick hinüber zu dem zweiten Boot, das sich ebenfalls von dem Langboot freimachen konnte, und erleichtert berührte Bolthar den silbernen Anhänger an seinem Hals mit dem Mjölnir-Hammer.

Die nächsten Augenblicke waren entscheidend.

Nur, wenn es den beiden fliehenden Booten gelang, rechtzeitig die schützenden Untiefen und Felsenriffe vor der Küste zu erreichen, konnte Bolthars Vorhaben gelingen. Dabei fluchte und schimpfte der Jarle ununterbrochen über König Haralds Männer, die ihre beiden Langboote so schnell es ging, an den Rudern besetzten und wendeten. Das war jedoch nicht ohne Weiteres möglich, denn die Krieger Bolthars hatten fürchterlich unter ihnen gewütet. Von den sechzig Kriegern auf den Ruderbänken fehlte gut die Hälfte, und das wirkte sich natürlich auf die Schnelligkeit des Kriegsschiffes aus. Doch der besorgte Blick Bolthars zu seinem zweiten Boot zeigte, dass auch seine Kriegerschar stark reduziert war, wenn auch eine skútur mit wenigen Männern noch gut zu manövrieren war.

Eine große Gefahr bot allerdings noch immer das halffertugt skip mit seinem Katapult. Die Männer waren noch nicht durch einen Nahkampf geschwächt, und das große Kriegsschiff schoss jetzt mit schäumender Bugwelle heran. Ein erneuter Beschuss konnte in jedem Augenblick erfolgen, und Bolthar behielt deshalb das Kastell scharf im Auge. Als er erkannte, dass die Mannschaft am Katapult das Seil ergriff, mit dem die Sperre gelöst wurde, riss er das Steuerruder herum, sodass sein Schiff in einem steilen Bogen eine Halse ausführte, bei der er auch ein Kentern riskierte. Das auch von der Nebelfeuchtigkeit schwere Wollsegel schwang an dem Baum herum und hätte um ein Haar zwei Ruderer von den Bänken gefegt. Im letzten Moment erkannten sie die Gefahr und duckten sich tief hinunter.

Durch dieses waghalsige Manöver entging Bolthars Schiff dem Steingeschoss, das unschädlich seitlich von ihnen ins Wasser schlug. Schon hatten sie die ersten schroffen Felsen passiert, und mit scharfem Auge steuerte Bolthar sein leckendes Boot hindurch. Niemand hatte bislang Zeit gehabt, sich um das eindringende Wasser zu kümmern. Jetzt ließen die Männer die Riemen fahren und begannen hastig, mit allen Gefäßen das Boot auszuschöpfen.

Gleich darauf kam das zweite Boot herein, schrammte etwas an einem der Felsen vorüber, ohne jedoch ernsthaften Schaden zu nehmen, und ein jubelnder Schrei drang an Bolthars Ohren.

„Diese verfluchten Níð des lügnerischen Harald! Diese elenden Schwanzlutscher eines lügenhaften Rig!“, fluchte Bolthar, musste dann aber doch grinsen, als er sah, wie seine Verfolger abdrehten und zunächst ihre Kriegsschiffe vor die Zufahrt legten. Doch es gab keinen Grund für gute Laune. Sein skútur war nicht mehr seetüchtig, wenn überhaupt, wäre nur eine Flussfahrt noch denkbar, bevor man die Schäden umständlich an Land beheben konnte.

Dazu kam der Zustand seiner wenigen, noch verbliebenen Männer.

Schnittwunden, Abschürfungen, schwere Prellungen waren die leichteren Verletzungen, die für die Krieger als unerheblich galten. Doch plötzlich brach Gulkollur lautlos zusammen, und als man seine blutdurchtränkte Tunica öffnete, wurde eine stark blutende Brustverletzung erkennbar, die offenbar von einem Schwertstreich herrührte.

Mit Hede und Werg gelang es, die Blutung zu stoppen, und dabei kam der Gelbkopf wieder zu sich, wollte sich aufrichten und sank mit einem Stöhnen zurück.

„Wir müssen hier verschwinden, Jarle!“, mahnte Bjor. „Ich kenne die Küste gut, etwas weiter hinunter gibt es einen Strand, der den Langbooten das Landen leicht macht. Dann kommen sie hierher, um das zu vollenden, was ihnen beim ersten Mal nicht gelungen ist.“

Bolthar musterte ihn schweigend mit finsterem Blick, dann nickte er langsam.

„Gut, gibt es ein Dorf in der Nähe, Bjor?“

„Ungefähr ein halbes Dutzend tylft (=10 Kilometer) von hier aus, Jarle!“

„Nehmt keine Rücksicht auf mich, ich bleibe hier!“, warf Gulkollur ein.

„Wir stützen dich, Gelbkopf!“

„Dann seid ihr zu langsam!“

„Bent, was meinst du, wenn wir ihn auf zwei Ruder legen?“, wollte Bjor wissen.

„Kaum geeignet, aber ich habe eine andere Idee, vertraut mir!“, antwortete Bent und lief nach vorn zu dem einen der beiden Boote, die sie auf den Strand gesetzt hatten. Dort kramte er eine Weile herum und kehrte mit mehreren Decken auf der Schulter zurück. „Helft mir, die Decken mit drei Rudern und Stricken zu verbinden. Dadurch haben wir eine Unterlage, auf die wir Gulkollur legen können!“

Der antwortete mit einem langen Stöhnen, aber die anderen setzten die Idee sofort um. Nach einer Zeit, die ein Mann benötigt, um sein Messer zu schärfen, war die Unterlage fertig, der Verwundete wurde daraufgelegt, zwei Mann schulterten die Ruder und man begab sich auf den Weg ins Landesinnere.

image
image
image

2.

image

Bedstemor (Großmutter), kannst du mir noch einmal die Saga von Groa, der Zauberin, erzählen?“

Die alte Frau saß auf einem niedrigen Schemel am Lager ihres Enkelkindes und strich ihm über die heiße Stirn. Der Junge hatte schon den zweiten Tag Fieber, und die alte Eyverska befand sich in großer Sorge um den kleinen Fram. Sie hatte für ihn eines ihrer uralten Rezepte herausgekramt und von den getrockneten Kräutern einen Tee bereitet, der das Fieber senken sollte.

Schwer aufseufzend antwortete ihm Eyverska:

„Das ist nicht der richtige Stoff für einen kleinen Jungen, der schlafen sollte!“

Doch Fram ließ nicht locker. Er richtete sich auf seine Ellbogen auf, warf einen raschen Blick hinüber zu den anderen Bewohnern des großen Hauses, die eben dabei waren, ihre Lagerstätten auf den umlaufenden Erdbänken zu richten. Nur in der Herdstelle gab es noch ein kleines Feuer, das neben seiner Wärme auch für die Beleuchtung sorgte. So konnte man sich wenigstens in der früh hereingebrochenen Dunkelheit ein wenig orientieren.

„Bitte, Bedstemor, du kennst alle Geschichten, und mag nun einmal die von Groa so gern!“

Noch ein tiefer Seufzer, dann konnte die Großmutter nicht länger widerstehen. Der Junge hatte in seinem kurzen Leben schon sehr viel mitgemacht und lebte erst ein knappes Jahr in diesem Dorf unter dem Schutz der alten Frau. Fremde Krieger hatten das Dorf überfallen, in das ihre Tochter nach der Hochzeit zog, und in der langen Zwischenzeit hatte sie Fram nur selten gesehen. Bei einem Streifzug durch die Nachbarschaft trafen Jäger auf den völlig verstörten Jungen, der verschmutzt und voller angetrocknetem Blut war, und in dessen Gesicht noch deutlich die Schrecken zu erkennen waren, die das Kind erlebt hatte.

Ein Teil der Jäger eilte in das Dorf, von dem sich nur noch die niedergebrannten Häuser fanden. Einige der zusammengebrochenen Stützbalken qualmten noch, aber nirgendwo gab es Überlebende.

So kam Fram zu seiner Großmutter und fasste langsam wieder Vertrauen zu seiner Umgebung. Aber es dauerte noch Monate, bis er eines Tages plötzlich sprach. Da war es so, als hätte sich ein Damm geöffnet, und während ihm die Tränen aus den Augen schossen, berichtete Fram von den schrecklichen Bildern, die er seit dem Überfall und der Ermordung seiner Eltern nicht mehr vergessen konnte.

Doch von diesem Tag an ging es ihm besser, er war ein Teil der Gemeinschaft und fand neue Freunde. Erleichtert stellte die alte Eyverska fest, dass die furchtbaren Erlebnisse in Frams Erinnerung immer weiter verdrängt wurden. Alles schien für sie nun wieder ein normales Leben zu werden, als der Junge plötzlich das starke Fieber bekam, ohne dass seine Großmutter eine Ursache dafür fand.

„Bitte, Bedstemor, erzähle!“

„Nun, die alte Sage um die Zauberin beginnt mit den Worten: Og hina þriðju nótt áður Þorsteinn skyldi heiman  und erzählt von Thorstein, dem die Zauberin erschien und ihn davor warnte, seinen geplanten Ritt zu unternehmen.“

„Ja, so ist es richtig, und er sah sie in seinen Träumen noch zweimal, nicht wahr, Großmutter?“, warf Fram eifrig ein, und erneut wischte ihm die alte Frau über die Stirn.

„So ist es wohl gewesen, Fram, aber höre weiter. Die anderen Männer aus der Nachbarschaft kamen, um Thorstein abzuholen. Sie wollten zu Odins Tempel reiten, aber er sagte ihnen, dass er krank wäre und nicht mitkommen könne.“

„Ja, Großmutter, und das war sein Fehler! Er hätte mit ihnen reiten sollen, dann wäre das Unglück verhindert worden!“

„Das wissen nur die Götter, Fram!“, antwortete die alte Frau leise, denn sie wollte die Geschichte, in der Thorsteins Familie ums Leben kam, als eine Steinlawine auf ihr Haus niederging, nicht weitererzählen. Die Verbindungen zu dem Schicksal ihres Enkels waren ihr zu deutlich. Aber der Kleine schien plötzlich ganz munter zu sein und sagte fröhlich:

„Wenn wir auf die Götter vertrauen, werden sie uns beschützen, nicht wahr? Ich jedenfalls bin schon wieder stark und kräftig, Großmutter, und kann morgen wieder mit den anderen spielen!“

Die alte Frau griff nach seiner Stirn und fühlte anschließend an der Hand nach seinem Puls. Offenbar war das keine Übertreibung des Jungen, er fühlte sich nicht mehr so warm an und hatte wohl die Krise überstanden.

„So, dann ist es ja gut, Fram. Jetzt schläfst du und bist nach dem Schlaf noch schneller gesund!“

„Bedstemor? Würden meine Eltern noch leben, wenn sie den Göttern vertraut hätten? Man darf doch nicht auf die Worte einer Zauberin hören, stimmt es?“

Ein leiser Schauer lief der alten Frau über den Rücken, und sie strich zart über die Wangen ihres Enkels.

„Wir Menschen wissen nicht, was die Götter beschließen. Aber schlaf jetzt gut, Fram, wenn morgen das Wetter es zulässt, erlaube ich dir, das Langhaus zu verlassen und mit den anderen nach Reisigholz zu suchen. Ich brauche davon noch viele, viele Bündel, um das Herdfeuer leichter zu entzünden.“

„Das mache ich und bringe dir ganz viel Reisig, versprochen!“

Der Junge zog an dem schmalen Lederband, das er bei Tag und Nacht um den Hals trug. Ein seltsamer, flacher Stein hing daran. Wer die Gelegenheit bekam, einmal einen Blick darauf zu werfen, hätte trotzdem die Bedeutung nicht erkannt. Es war der einzige Gegenstand, den er von seinem Vater noch besaß. Ein kleines, geschliffenes, flaches Mineral, höchstens drei mal drei Zentimeter. Kalzit. Die Benutzung dieses Steines war seinem Vater vertraut, aber er hatte nicht mehr die Gelegenheit, seinen einzigen Sohn einzuweihen.

Fram steckte den Stein wieder zurück und hatte sich unter ein Fell gekuschelt. Während die alte Frau noch an seinem Lager sitzen blieb, verkündeten bald seine tiefen, gleichmäßigen Atemzüge, dass er eingeschlafen war.

Erst nach einer ganzen Weile erhob sie sich, um ihr eigenes Lager aufzusuchen, das sich unmittelbar vor dem ihres Enkels an der Wand des Langhauses befand. Sie stutzte, als draußen ein Hund anschlug und gleich darauf sich auch die anderen meldeten.

Laute Rufe waren im Dorf zu hören, Schritte von vorüberlaufenden Männern, und die alte Eyverska griff nach ihrem scharfen Messer, das immer in der Unterlage aus weichem Moos steckte, auf der sie ein paar Decken und ein Fell ausgebreitet hatte. Sie wollte nie wieder Eindringlingen, die ihre Unterkunft oder ihr Dorf zerstörten, als wehrloses Opfer hilflos gegenübertreten müssen. Mit der Kraft einer Mutter würde sie ihr Enkelkind verteidigen und so viele Feinde verwunden oder töten, wie es ihr möglich war.

Als plötzlich die Tür aufgerissen wurde und der folgende Windstoß das Feuer in der offenen Herdstelle erneut anfachte, erkannte sie ihre eigenen Krieger, die offenbar späte Gäste empfangen hatten und sie nun in das Langhaus baten.

Eyverskas Griff lockerte sich, und nachdem sie nur zwei Fremde zwischen ihren Leuten erkannte, steckte sie es schließlich wieder zwischen das Moos, setzte sich auf die Erdbank und versuchte, etwas von dem mit gedämpften Stimmen geführten Gespräch zu verstehen.

Aber das war nicht ganz einfach, und hätte der hünenhafte Fremde nicht eine so tiefe, durchdringende Stimme gehabt, hätte sie wohl auch kaum verstanden, was diese Männer in ihr Dorf brachte. Soviel sie hören konnte, ging es um einen Schwerverletzten, den man vor dem Haus abgelegt hatte und der nun hier versorgt werden sollte.

Der Dorfälteste, ein ferner Verwandter von ihr, versprach Hilfe und lud die Fremden ein, die Nacht in ihrem Haus zu verbringen.

„Das ist zwar gut gemeint, aber dazu sind wir zu viele. Mit deiner freundlichen Erlaubnis möchte ich die Wunde meines Unterführers hier am Feuer versorgen und dann schlafen wir draußen. Morgen früh ziehen wir weiter, wenn wir von euch nur etwas zu Essen bekommen können?“, lautete die Antwort des Anführers, die Eyverska gut verstand.

Inzwischen waren auch andere Erwachsene aufgestanden und kümmerten sich gemeinsam mit dem großen Fremden um den Verwundeten, den man nun auf langen Ruderstangen liegend hereingebracht hatte.

Die alte Frau wandte sich ab, denn sie war nicht die Einzige, die sich in der Versorgung solcher Wunden auskannte – die jüngeren Frauen hatten schon begonnen, den notdürftigen Verband zu öffnen. Mit einem einzigen Blick ihrer noch recht guten Augen hatte Eyverska trotz der schlechten Beleuchtung erkannt, dass der Mann einen dunklen, verkrusteten Streifen quer über der Brust hatte. Mit einem Murmeln, das sowohl Verwünschungen wie auch freundliche Worte sein konnte, suchte sie ihr Lager auf und drehte das Gesicht zur Wand.

Eine Weile lauschte sie noch auf die Geräusche und die halblauten Wortfetzen, die zu ihr herüberdrangen, dann war sie eingeschlafen und erwachte erst, als ein fahler Lichtstrahl durch die geöffnete Tür in das Haus fiel.

Ein rascher Blick hinüber zu Fram und freudig überrascht sah sie, dass ihr Enkel schon wach war, mit dem Rücken an der Wand lehnte und das geschäftige Treiben der anderen im Langhaus verfolgte.

„Guten Morgen, Fram, wie geht es dir?“

„Ich bin gesund, Bedstemor, und kann wieder aufstehen. Aber ich habe heute Nacht von Groa geträumt!“

So schnell es ihre alten Knochen zuließen, erhob sich die alte Eyverska und schlurfte zu ihrem Enkel.

„Ich wusste, es war ein Fehler, diese Sage zu erwähnen, Fram. Schon glaubst du, du hast die Zauberin gesehen! Aber ich kann dir sagen, Fram, dass das nur ein Traum war, der keine weitere Bedeutung hat!“

„So wie bei Thorstein, der dann aber ihren Rat befolgt hat?“

„Weil er zu Hause geblieben ist? Das weiß man nicht, Fram. Vielleicht haben die Leute diese Sage daraus gemacht. Thorstein blieb in seinem Haus, weil er krank war. Und dann kam die Steinlawine und hat alle getötet. Hier gibt es aber keine Steinlawinen, und du bist nicht mehr krank!“

Die alte Frau rang verzweifelt nach einer Ausflucht, um ihrem Enkel den Traum auszureden. Aber der war ganz munter, sprang von seinem Lager, zog eine dicke Wolljacke über und war schon unterwegs zur Tür, bevor seine Großmutter ihn aufhalten konnte.

„Wohin willst du, Fram? Lauf nicht fort, du bist immer noch nicht ganz gesund!“

Fram drehte sich in der Tür um.

„Gerade ist Olav hinaus und holt Wasser, Großmutter. Ich helfe ihm nur dabei! Und ich gehe aus dem Haus trotz der Warnung der alten Zauberin!“

Damit war er draußen, noch ehe die alte Eyverska hinterherlaufen konnte.

„Olav, warte auf mich, ich helfe dir!“

Fram sah den Freund gerade mit den beiden Holzeimern am Joch um die Ecke biegen und lief rasch hinter ihm her. Gerade hatte er die Ecke des langen Hauses umrundet, als ihm von der anderen Seite ein Mann entgegenkam, mit dem er zusammenstieß.

„Hey!“, rief der laut und griff rasch Frams rechten Arm. Damit verhinderte er, dass der Junge in den Dreck fiel. „Du hast es wohl sehr eilig?“

Fram starrte in das sonnenverbrannte, bärtige Gesicht und erschrak zu Tode. Er wollte etwas sagen, konnte aber nur stammeln, und schließlich gelang es ihm, sich mit einer hastigen Bewegung von dem Fremden loszureißen.

Während der Krieger ihm verblüfft nachsah, raste Fram zurück ins Langhaus, ohne sich noch einmal umzudrehen. Dort angekommen, hätte sich der Vorfall beinahe wiederholt, diesmal jedoch mit seiner Großmutter, die gerade aus der Tür trat, um nach ihm zu sehen.

„Bei Odins Raben, Fram, du läufst ja, als wäre der Fenrir-Wolf hinter dir her!“

„Ich ... ich ... er ist da ... ich ...“

Mehr konnte Fram nicht herausbringen, sah dabei immer wieder über seine Schulter zurück, und als jetzt der Fremde in Sichtweite kam, drückte er sich an seiner Großmutter vorbei und lief zu seinem Lager zurück, wo er sich die Decke über den Kopf zog und sich zur Wand gedreht hatte.

Eyverska stand kopfschüttelnd vor ihm und sprach mit sanfter Stimme auf ihn ein.

„Fram, niemand kann dir in diesem Haus etwas tun. Die Männer sind alle im Dorf, und kein Mensch wird es wagen, sich an einem Kind zu vergreifen. Wen hast du gesehen?“

Als die alte Frau ihre Hand auf den Kopf des Jungen legte, spürte sie sein Zittern. Er sprach etwas leise vor sich hin, und sie konnte nur Wortfetzen verstehen, als sie sich dicht über ihn beugte. Dann aber bestand kein Zweifel mehr, Fram wiederholte immer wieder die gleichen Worte.

„Odin, hilf mir, Allvater! Lass es nicht zu, dass dieser Mann auch meine Bedstemor und mich tötet. Ich will ein großer und starker Krieger werden und meine Familie gegen solche Männer schützen!“

Sie streichelte seinen Kopf und langsam schien er sich etwas zu beruhigen.

Schließlich hielt sie die Ungewissheit nicht länger aus und stellte die verhängnisvolle Frage.

„Du hast einen ... einen der Männer erkannt, die euer Dorf überfallen haben?“

„Ja, Bedstemor, er ist da draußen. Ich bin mit ihm zusammengestoßen, aber er hat mich nicht erkannt. Hast du dein großes Messer?“

„Keine Sorge, Fram, das Messer habe ich dabei. Aber noch einmal: Hier wird dir niemand etwas tun! Die Fremden wollen heute weiterziehen. Bleib auf deinem Lager, tu einfach so, als wärest du noch immer zu schwach zum Aufstehen, und niemand wird dich belästigen!“

„Ich habe unter meiner Decke mein knifr (Messer) bereit, Bedstemor, wenn der Mann zu mir kommt, werde ich ihn damit töten!“, kam leise die Stimme des Jungen zurück. Noch einmal strich die alte Eyverska über den Kopf ihres Enkels, schließlich erhob sie sich und sah nach dem Dorfältesten, der eben die beiden Männer des gestrigen Abends begrüßte.

Es war zu spät, um ihm etwas von der Begegnung ihres Enkels zu erzählen, und mit ihrem unter dem Gewand verborgenen gehaltenen Dolch, dem brynkníf góðan, setzte sich die Großmutter dicht neben ihren Enkel.

image
image
image

3.

image

Gelbkopf geht es besser, Bolthar. Er hat die Nacht ruhig geschlafen, das Mittel scheint gewirkt zu haben. Aber er muss hierbleiben, wir können ihn nicht transportieren!“, berichtete Bent.

Tjodolf, der Dorfälteste, nickte zu seinen Worten.

„Das ist für uns selbstverständlich, Bolthar. Ihr könnt euren Mann ohne Weiteres bei uns lassen, wir kümmern uns um ihn. Wenn er wieder gesundet ist, wird er euch nachfolgen können. Was ist euer Ziel?“

Bolthar wechselte einen raschen Blick mit seinem Unterführer, bevor er antwortete: „Wir wollen eigentlich noch hinüber nach Björkör, wurden aber vom Wetter abgehalten, bevor wir auf die Vikinger trafen.“ Damit meinte der Jarle im allgemein üblichen Sprachgebrauch, dass sie von Küstenpiraten angegriffen wurden. Keiner der Anwesenden sprach aus, was alle dachten: Das waren keine Vikinger, sondern die Krieger König Haralds. Wie ein Lauffeuer hatte es sich an der gesamten Küste herumgesprochen, dass Bolthar beim neuen König in Ungnade gefallen war und deshalb von dessen Männern gejagt wurde (vgl. Bolthar der Wikingerfürst Band 7, König Haralds Verrat).

Für Tjodolfs Dorf konnte es heikel werden, wenn man erfuhr, dass einer der Unterführer Bolthars verwundet zurückgeblieben war. Aber auch hier schwiegen alle zu der heiklen Situation, denn mit diesem im Norden gefürchteten Jarle wollte es sich niemand verderben. Zu viele von ihnen wussten, was er in den letzten Jahren angerichtet hatte. Schweigen und zustimmen war hier die beste Lösung.

Bolthar und Bent verließen das Langhaus und befahlen ihren Leuten den Aufbruch. Als sie das Dorf verließen und eine falsche Richtung einschlugen, solange sie noch in Sichtweite waren, erhob sich mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung die alte Eyverska von ihrem Lager und eilte zu Tjodolf.

„Fram hat einen der Mörder seiner Eltern erkannt!“, stieß sie hastig heraus. „Wir können diesen verletzten Mann nicht im Dorf behalten, Tjodolf!“

Der alte Mann schaute sie mit weit aufgerissenen Augen einen Moment lang nachdenklich an, bevor er schließlich die Schultern hob und antwortete: „Wie stellst du dir das vor, Eyverska? Wir können den Mann nicht einfach auf seinem Lager liegen lassen. Und gehen kann er auch nicht, das wäre sein sicherer Tod. Ist er ... der Mörder?“

Die alte Frau schüttelte heftig ihren Kopf.

„Nicht er. Der andere, der bei dem Hünen stand, dieser Bent!“

„Eyverska, ich kann da nichts tun. Bolthar ist ein mächtiger Jarle, und wenn ihn auch der König nicht mehr als seinen húskarlar schützt, sondern ihn überall verfolgen lässt, können wir ihn uns nicht zum Feind machen!“

„Er ist unser Feind, Tjodolf, unser aller Feind hier, und wenn wir einen seiner Krieger bei uns behalten und die Männer König Haralds erfahren davon, leben wir keinen einzigen Tag länger als sie benötigen, um in unser Dorf zu gelangen!“

„Ich werde Bolthars Leuten einen guten Mann nachsenden, um ihn im Auge zu behalten. Mehr können wir nicht tun, glaube es mir, Eyverska. Zum Wohle unseres Dorfes wollen wir den Verwundeten pflegen, damit er so schnell wie möglich von hier verschwindet! Ich bin gleich zurück, wenn ich den richtigen Mann gefunden habe, den ich dem Jarle nachsenden kann!“ Damit war er aus dem Haus und suchte einen der erfahrenen Männer auf, der schon früher im Dienste von König Gorm in manchem Schildwall gestanden und sich bewährt hatte.

Bolthar und seine Männer hatten inzwischen eine kleine Hügelreihe überwunden, das Dorf lag weit entfernt von ihnen, und nun schlug er eine neue Richtung ein. Hätte der Wikingerfürst allerdings geahnt, wie nahe er einem der wertvollen Steine schon war, wäre er auf der Stelle umgekehrt und hätte ihn dem Jungen abgenommen. So aber würde es noch ein weiter Weg werden bis zu dem Mann, der nicht nur einen Sonnenstein besaß, sondern auch wusste, wie er anzuwenden war.

„Wohin wollen wir, Jarle?“, erkundigte sich Bent, und Bolthar erklärte es ihm in wenigen Worten.

„Wir suchen den alten Navigator auf, Bent. Es wird in diesem Land für uns und den Lügen-König zu eng.“

„Navigator? Und wenn wir ihn gefunden haben, was dann, Jarle?“

Bent sah erstaunt in das finstere Gesicht Bolthars, der jedoch stur nach vorn blickte.

„Ich weiß es noch nicht, Bent. Vielleicht segeln wir nach Helluland und schauen uns die Quellen an, mit denen Ohthere einst reich geworden ist.“

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925128
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v453948
Schlagworte
bolthar wikingerfürst band geheimnis sonnensteins

Autor

Zurück

Titel: Bolthar, der Wikingerfürst Band 8: Das Geheimnis des Sonnensteins