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Uksak Top Western-Roman 4 Williams der Revolver-Doc

2018 140 Seiten

Leseprobe

Williams der Revolver-Doc

Western von John F. Beck


Der Umfang dieses Buchs entspricht 144 Taschenbuchseiten.


Doc Greg Williams hilft einem verwundeten Banditen, doch wenig später erschießt der Dorothy, die Frau, die der Arzt liebt. Der Doc setzt sich auf seine Fährte, doch Dorothys Bruder hält Greg für mitschuldig und jagt nun seinerseits den Arzt. Ausgerechnet einer aus der Bande rettet ihm das Leben und bringt ihn verletzt nach Nugget Hole, die Stadt der Ausgestoßenen. Doch früher oder später muss es zum Showdown zwischen den einstigen Freunden kommen.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1.

Ein Gewehr wurde durchgeladen, als Greg Williams vor dem jungen Cowboy der Shelby-Ranch aus dem staubigen Buschgürtel herausritt. Im mattgelben Licht, das aus der offenen Tür der aus Stangen und Zweigwerk zusammengeflickten Hütte fiel, stand plötzlich ein gedrungener Mann. Das Gesicht über dem schussbereiten Lauf der Winchester war das hässlichste, das Greg je gesehen hatte. Es war über und über mit einem Netz bläulich schimmernder Narben bedeckt, eckig und brutal.

„Da bist du ja endlich, Doc! Los, ’runter von deinem Gaul! Und nur keine Dummheiten, wenn du nicht auf der Stelle in die Hölle sausen willst! Cowboy, du hast deine Sache gut gemacht!“ Er grinste hämisch und wirkte dabei noch abstoßender.

Der Hufschlag der beiden Pferde war auf dem Sandstreifen vor der Weidehütte verstummt. Greg Williams hängte die schwarze Ledertasche, die alles barg, was er als Arzt in dringenden Notfällen brauchte, ans Sattelhorn. Sein schmales Gesicht war ausdruckslos geworden, als er sich langsam zu dem Cowboy umdrehte. Dessen flackernde Augen wichen seinem durchdringenden Blick aus.

„Ich hatte keine andere Wahl, Doc!“, würgte der Junge heiser hervor. „Diese Leute haben den Boss in ihrer Gewalt. Ich musste tun, was sie verlangten und Sie hierher holen. Es stimmt nicht, dass Mr. Shelby von einem wild gewordenen Longhorn-Bullen verletzt wurde. Tut mir leid, Doc.“

„Schluss mit dem Palaver!“, knurrte der Narbige. „Doc, du sollst endlich absteigen! Da drinnen wirst du gebraucht, los, los!“ Ohne das Gewehr sinken zu lassen, rief er halb über die Schulter zur Hüttentür hin: „Hörst du, Doug? Ich hab den Kerl. Was wird jetzt mit dem Kuhtreiber?“

Aus der Hütte drang Geraschel und schweres Atmen, danach eine verzerrte, mühsame Stimme. „Zum Teufel, Blueface, das ist mir egal! Den Cowboy brauchen wir nicht mehr. Der Doc soll sich beeilen, verflucht nochmal! Diese Schmerzen sind ja kaum noch auszuhalten ...“

Greg hatte sich aus dem Sattel gleiten lassen. Er sah, wie die Winchestermündung des Narbigen von ihm weg zu der Stelle schwenkte, wo der junge Cowboy auf seinem struppigen Rinderpferd saß. In den Augen des Banditen funkelte es teuflisch.

„Weg, Billy! Flieh!“, schrie Greg aus voller Kehle. Zum ersten Mal bereute er es jetzt, keine Waffe zu tragen.

Der junge Weidereiter starrte fassungslos und entsetzt auf das Gewehr des Narbigen. Das Laternenlicht aus der Hütte verstärkte noch seine Blässe. Als er schließlich sein Pferd mit einem verzweifelten Zügelruck herumzerrte, war es schon zu spät. Greg stieß sich noch von seinem Rotfuchs ab und stürzte auf den Banditen zu. Da verschluckte schon der peitschende Knall der Winchester alle anderen Geräusche. Im nächsten Moment blickte Greg schon wieder direkt in die schwarze Gewehrmündung, vor der milchiger Pulverdampf kräuselte. Er stockte. Seine geballten Fäuste sanken herab. Voll unheilvoller Ahnung wanderte sein Blick von der Waffe weg zum Rand der gelben Lichtbahn. Eine Staubwolke löste sich dort träge auf. Neben den nervös scharrenden Hufen des Rinderpferdes lag der Cowboy mit dem Gesicht nach unten reglos im Sand.

Steif und verkrampft setzte sich Greg in Bewegung. Er hörte, wie die Winchester repetiert wurde und der Bandit Blueface etwas rief. Es kümmerte ihn nicht. Neben Billy kniete er nieder und drehte ihn behutsam auf den Rücken. Das Entsetzen war noch wie eingemeißelt in dem jungen, blassen Gesicht. Die Augen starrten blicklos in die Schwärze der Nacht. Gregs Hände glitten von der schlaffen Gestalt. Eine Weile kniete er reglos und gebeugt da. Dumpfe Leere war in seinem Kopf. Dann hörte er hinter sich Bluefaces schwere Tritte.

„Stell meine Geduld nur nicht zu sehr auf die Probe, Doc!“, grollte der Bandit. „Steh endlich auf und komm.“

Greg erhob sich mit bleischweren Gliedern. Seine Augen hingen noch immer wie festgebrannt am Gesicht des Toten. Bluefaces Schritte verstummten nur wenige Yard hinter ihm.

Da wirbelte Greg mit katzenhaft wilder Geschmeidigkeit herum. „Mörder!“, zischte er. Sein Gesicht wirkte verändert; grau, kantig, ein heißes Sprühen in den Augen. Wie hingezaubert lag der Colt in seiner nervigen Faust, der eben noch in dem Holster des Cowboys gesteckt war.

Blueface wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Er hatte den Gewehrlauf gesenkt. Ehe er ihn hochschwingen konnte, knackte der Colthammer metallisch unter Gregs Daumen. „Fallen lassen, du Lump!“

Die dünnen Lippen des Narbigen verzogen sich zu einem halb ungläubigen, halb wütenden Grinsen. „Du bist ja verrückt, Mister! Ein Doc mit ’nem Schießeisen in der Faust, das ist ja ein Witz! Bevor du die Kugel aus dem Rohr hast ...“

Die Feuerlanze schien direkt aus Gregs Faust zu springen. Blueface brüllte auf. Im nächsten Moment schaute er betroffen auf seine leeren Fäuste hinab, aus denen ihm Gregs Kugel die Winchester weggeprellt hatte.

Gregs Stimme war kalt und klirrend: „Eine schnelle und sichere Hand gehört zu meinem Beruf. Dein Fehler, mich für ein Greenhorn zu halten! Ich bin im Westen aufgewachsen. Mein Vater war Big Dan Williams. Er hielt nicht viel davon, dass ich im Osten studieren wollte. Er gab keine Ruhe, bis er mir den Umgang mit dem Revolver fast so gut beigebracht hatte, wie die Ärzte im Osten den Gebrauch des Skalpells. Nimm jetzt die Hände hoch und dreh dich um, Bandit!“

Mit angeschlagenem Colt ging er langsam auf Blueface zu. Aus der Hütte war die verzerrte Stimme von vorhin zu vernehmen: „Blueface, zum Henker, was geht da draußen vor?“

Auf dem hässlichen Narbengesicht wich die Verblüffung einem Ausdruck mühsam zurückgedrängter Wut. Zögernd reckte der gedrungene Verbrecher die Arme hoch, drehte sich langsam – und mitten aus dieser Bewegung griff er an. Wild und mit der ganzen geballten Kraft, die in ihm steckte. Sein Anprall schleuderte Greg zurück. Die Coltfaust des Docs beschrieb einen kurzen, blitzschnellen Halbkreis. Blueface stolperte, fiel auf die Knie, versuchte nochmals mit fahrigen Händen nach Greg zu fassen und kippte im nächsten Moment lautlos vornüber. Sekundenlang stand Greg schwer atmend da und schaute auf den Verbrecher hinab. Schweiß sickerte ihm übers Gesicht. Dann drangen die verschwommenen Geräusche aus der Weidehütte in seine wirbelnden Gedanken, Greg rang den Aufruhr seiner Gefühle nieder.


*


Drinnen baumelte eine Sturmlaterne an einem halb verrosteten Draht von der Hüttendecke herab. Grotesk verzerrte Schatten geisterten an den lehmverschmierten Wänden. Auf einem niedrigen Deckenlager hatte sich ein großer, breitschultriger Mann keuchend aufgesetzt. Sein Gesicht sah aus wie aus grauem Fels gemeißelt, mit dunklen Linien darin, die Schmerz und Anstrengung gefurcht hatten. Das Gesicht glänzte ölig. Auf den ersten Blick entdeckte Greg Williams den dicken, blutverschmierten Verband unter dem aufgeschlitzten Hosenbein des Mannes. Der Revolver in der Faust des Fremden zielte in die Hüttendecke neben der Tür. Dort versuchte sich Gregs Freund Stan Shelby auf dem festgestampften Lehmboden aufzusetzen. Er war mit einem Rohlederlasso wie zu einem Bündel verschnürt. Ein blutverkrusteter Riss lief von seiner Schläfe zum Kinn herab.

Der Verwundete stieß heiser hervor: „Eine falsche Bewegung genügt, und ich drücke ab! Shelby ist doch dein Freund, Doc, nicht wahr? Und obendrein der Bruder deiner Verlobten. Du willst doch hoffentlich nicht schuld daran sein, dass er auf dem Boothill landet!“

Greg erstarrte am Eingang. Shelby wälzte sich so weit herum, dass er Greg besser sehen konnte. Er war ein stämmiger, blonder Mann, ungefähr in Gregs Alter. Sein ausgeprägtes Kinn wirkte jetzt noch eckiger und grimmiger als sonst.

„Es ist Doug Jackman, Greg. Dieser Teufel, der mit seiner Bande die Bank in San Juan ausgeraubt hat. Ein Angestellter wurde dabei erschossen. Greg, lass dich nicht bluffen. Ich weiß, wie gut du schießt. Du musst es tun, sonst hat keiner von uns mehr eine Chance!“

„Wenn du auf ihn hörst, Doc, weißt du ja, was hier geschieht!“, keuchte Jackman. Er stützte sich mit einer Hand auf die Decken. Sein großer Körper war wie unter einer schweren Last zusammengekrümmt. Aber die Waffe in seiner Rechten war ganz ruhig. Greg kam es fast wie ein Wunder vor.

„Das ist nicht die richtige Methode, meine Hilfe zu erkaufen!“, erklärte Greg ruhig. „Lassen Sie Stan aus dem Spiel.“

Shelby schnaubte: „Vergebliche Mühe, Greg! Mit Worten ist diesem Kerl nicht beizukommen.“

Greg zuckte die Achseln und schob seinen Colt in den Hosenbund. Sein dunkler Stadtanzug war nach dem langen Ritt von Whitestone an die entfernteste Weidegrenze der Shelby-Ranch zerknittert und staubbedeckt. Sofort ruckte Jackmans Revolver von dem Gefesselten weg zu ihm. Greg schaute dem großen Banditen furchtlos ins Gesicht. „Denken Sie immer dran, dass ein toter Doc Ihnen wenig nützen wird.“

Er ging schnell zu Stan Shelby hinüber, kauerte bei ihm auf die Hacken und begann seine Fesseln zu lösen.

„Doc, du überspannst den Bogen!“, knirschte der Verwundete. „Ich werde nicht zulassen, dass ...“

Mitten im Satz brach er ab. Ein polterndes Geräusch drang herüber. Greg spähte rasch über die Schulter. Jackman war auf sein Deckenlager zurückgesunken und lag da wie tot. Neben seiner schlaff ausgestreckten Rechten schimmerte der schwerkalibrige Revolver auf dem Lehmboden.

Shelby stieß den angehaltenen Atem durch die Nase. „Bewusstlos! Höllenfeuer, das war mehr als knapp, Greg! Dieser Jackman wäre imstande gewesen ...“

„Es war vorauszusehen“, meinte Greg ruhig. „Auch die Energie des zähesten Mannes ist einmal verbraucht.“ Er knotete die letzten Riemen auf und half Shelby auf die Füße. Der Rancher musste sich etliche Sekunden auf den Doc stützen, ehe er alleine stehen konnte. Murrend rieb er seine wundgescheuerten Handgelenke, die verrieten, wie verbissen er die ganze Zeit über gegen die Fesselung angekämpft hatte. „Billy?“, fragte er heiser.

Greg hob die Schultern, ohne ihn anzusehen.

„Diese Mörderbrut!“ knirschte Stan. „Ich hoffe, sie werden noch alle miteinander am Galgen landen. Los, Greg, nichts wie weg hier! Jackman und Blueface wurden nach dem Bankraub von der übrigen Bande getrennt. Sie erwarten ihre Freunde hier in dieser Hütte! Wer weiß, wie nahe diese Teufel schon sind. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren, Amigo!“ Er fasste Greg am Ärmel, um ihn zum Ausgang zu ziehen. Greg schüttelte seine Hand ab. Sein Blick schweifte zur dunklen reglosen Gestalt auf den Decken hinüber.

„Es scheint ihn schlimm erwischt zu haben. Wir können ihn nicht einfach so liegen lassen.“

Shelby hieb mit der Faust durch die Luft. „Er wird uns früh genug wiedersehen. Aber dann werde ich mit meiner Crew zur Stelle sein.“

Greg war schon zu Jackman hinübergeeilt und bei ihm niedergekniet. Das Gesicht des Bewusstlosen war eingefallen, seine Lippen blutleer. Mit einigen schnellen, geübten Griffen löste Greg den Verband an seinem linken Oberschenkel. Eine steile Falte grub sich zwischen seine Brauen, als das trübe Laternenlicht auf die hässlich verfärbte und geschwollene Wunde traf. „Die Kugel steckt anscheinend noch. Allerhöchste Zeit, dass sie rauskommt, sonst wird er den Brand bekommen.“

Stan Shelby war ihm gefolgt und packte ihn an der Schulter. „Hast du mich vorhin nicht verstanden, Greg? Jackman ist der Anführer einer Horde skrupelloser Verbrecher, die jeden Augenblick da draußen auftauchen kann.“ Unwillkürlich lauschte er mit schräg gehaltenem Kopf in die Nacht hinaus. Ein sachter Wind raschelte in den hohen Kreosotbüschen, die die Hütte wie ein schwarzer undurchdringlicher Wall umschlossen. Pferde schnaubten neben der Hütte, sonst war nichts zu hören.

Greg schaute entschlossen in das eckige Gesicht seines Freundes. „Ich bin Arzt, Stan. Ich kann ihn nicht so einfach liegenlassen. Entweder es wird ihm gleich geholfen, oder er wird den nächsten Tag nicht mehr überstehen.“

Shelby starrte ihn an wie einen Fremden.

„Es gibt Ausnahmen, Greg, und das hier ist eine. Mann, denk doch nur an Billy. Hier hast du es mit rücksichtslosen Mördern zu tun.“

„Darüber werde ich später nachdenken. Jetzt ist Jackman zuerst ein Mensch, der auf meine Hilfe angewiesen ist. Stan, gib dir keine Mühe. Reite allein.“

Shelby schüttelte heftig den Kopf.

„Und an Dorothy denkst du nicht? Du wolltest doch heute zu uns auf Besuch kommen. Sie wird sich Sorgen um unser Ausbleiben machen. Du kennst sie doch. Wahrscheinlich ist sie jetzt schon irgendwo unterwegs, um uns zu suchen. Sie weiß, dass ich mit Billy zu diesem Weidecamp unterwegs war. Nicht auszudenken, was geschieht, wenn sie hier auftaucht und ...“

„Ich sagte, du sollst reiten, Stan. Du kannst sie abfangen. Wegen mir soll sie sich keine Sorgen machen. Jackman braucht mich. Mir wird hier nichts geschehen.“

„Greg, ich fürchte, du begehst den größten Fehler deines Lebens“, murrte Shelby.

Greg besah sich bereits die Schussverletzung an Jackmans Oberschenkel. „Du verlierst nur Zeit, Amigo“, murmelte er dabei.

Shelby sah aus, als wolle er den jungen Doc gewaltsam hochreißen. Dann sank seine bereits ausgestreckte Hand wieder herab. Seufzend bückte er sich nach Jackmans Revolver und ging steifbeinig zur offenen Tür. Dort stockte er jäh. Aus der mondlosen, finsteren Nacht sickerten dumpfe, grollende Geräusche. Die Farbe wich aus Shelbys Gesicht. Sein Blick flammte in die Hütte zurück. „Greg, da kommen sie schon! Um Himmels willen, überleg’ dir gut, was du jetzt tust.“

„Ich habe mich bereits entschieden. Reite nur, Stan. Kümmere du dich um Dorothy.“

Aus dem matten fernen Grollen, das wie ein heraufziehendes Gewitter klang, wurde unverkennbar das Gehämmer vieler Pferdehufe.

„Greg!“, keuchte der Rancher. Doch der Doc schaute nicht mehr auf. Shelby biss die Zähne zusammen, dass die Kinnladen noch wuchtiger hervortraten, machte kehrt und war im nächsten Moment aus der Hütte verschwunden. Ein Pferd wieherte leise. Sattelleder knarrte, dann stampften schon die Hufe los.

Durch die Büsche ringsum brach, rauschte und stampfte es, als dröhne da eine Lokomotive heran. Im nächsten Augenblick gellte eine Stimme über das Durcheinanderwogen der Geräusche: „Achtung, da ist einer! Doug, Blueface, was ist da los?“

Greg schnellte neben dem bewusstlosen Bandenboss in die Höhe, als er Stan Shelby brüllen hörte: „Da habt ihr die richtige Begrüßung, ihr Hundesöhne!“

Schüsse krachten. In den Sträuchern schallte ein wütender Überraschungsschrei. Auf dem Sandstreifen vor der Hütte begannen die Hufe eines Pferdes ein wildes Stakkato. Dann gab es für zwei, drei Sekunden nur noch ein ohrenbetäubendes Dröhnen und Schmettern. Die Hütte schien in allen Fugen zu erbeben. Greg wollte zur Tür. Da merkte er, wie sich Doug Jackman auf seinem Lager wieder zu regen begann. Greg wandte sich ihm schnell wieder zu. Der verwundete Desperado hatte sich auf beide Ellenbogen gestemmt und starrte ihn aus fiebrig glühenden Augen an. Der Schmerz zerrte an seinen Mundwinkeln.

Draußen kreischte jemand: „Da drüben, da reitet der Dreckskerl! Verflucht, schießt ihn in Fetzen!“

Allmählich schien sich Jackman wieder zu erinnern. „Da hat er dich ja fein im Stich gelassen, dein prächtiger Freund Shelby, Doc!“ Er versuchte zu grinsen. Es wurde eine gespenstische Grimasse daraus. Dann konnte er den Oberkörper nicht mehr in der Schräge halten. Mit einem unterdrückten Stöhnen fiel er auf den Rücken. „Verdammtes Bein!“, ächzte er.

„Für mein Bleiben gibt es nur einen Grund“, erklärte Greg sachlich. „Ich werde die Kugel herausholen. Es waren genug Pferde draußen, dass auch ich hätte verschwinden können.“

Jackmans kantige, graue Miene veränderte sich. Aus spaltengen Augen schien er erst jetzt den jungen Arzt aus der Stadt Whitestone genauer zu mustern. „Teufel! Du scheinst es ja wirklich ernst zu meinen!“, murmelte er schließlich gepresst.

Hufgetrappel erreichte jetzt wieder den Platz vor der Hütte. Stimmen schwirrten durcheinander. Unwillkürlich tastete Greg zu dem Colt, den er im Hosenbund trug. Da verdunkelte schon eine klotzige Gestalt den Eingang. Wie anfangs zielte ein Winchesterlauf genau auf Gregs Brust, und darüber wurde Bluefaces Narbengesicht vom gelben Licht übergossen.

„Du hättest härter zuschlagen müssen, Revolver-Doc! Diesmal bist du nicht mehr schnell genug! Diesmal wirst du bezahlen.“ Nichts als Hass und Wildheit funkelte in seinen Augen.

Greg schaute auf Jackman hinab. „Sagen Sie ihm, er soll meine Tasche hereinholen. Mit leeren Händen richtet auch ein Arzt nichts aus.“

„Doug, lass dich von dieser Ratte nicht einwickeln!“, schnaufte Blueface. „Er ist Big Dan Williams’ Sohn! Du weißt doch, Williams, der sich in Kansas und Texas ’nen Ruf als Revolvermarshal gemacht hat. Er ist bei seinem Vater in die Lehre gegangen, was den Umgang mit ’nem Schießeisen betrifft. Ich sage dir, Doug, auf diese Sorte von Doc sollten wir lieber verzichten. Ich werde ...“

„Tu, was er verlangt!“, unterbrach Jackman. Trotz seines Zustandes war seine Stimme scharf und herrisch. „Los, bring seine Tasche ’rein.“

„Trau’ ihm nicht, Doug!“

„Zum Geier! Wer gibt hier die Befehle? Wenn du meinst, die Kugel in meinem Bein macht ’nen neuen Boss für die Mannschaft nötig, dann irrst du dich gewaltig. Blueface, ich sage nicht noch einmal, dass ich die Tasche sehen will!“

Der Narbige schoss Greg einen gehässigen Blick zu, senkte jedoch sein Gewehr und stampfte mit eingezogenem Kopf ins Freie.

An ihm vorbei drängten die übrigen Mitglieder der Jackman-Bande herein. Vier staubbedeckte Gestalten in derber Weidetracht, die Wildheit und Härte ausstrahlten. Im Nu hatten sie eine revolverstarrende Front gegen den Doc gebildet. Ein baumlanger Kerl, dessen Gesichtshaut wie zerknittertes Pergament wirkte, grollte: „Boss, sag ganz schnell, wer das ist, sonst gehen unsere Eisen los.“

„Kein Grund zur Aufregung, Long Joe!“ Jackman hob beschwichtigend eine Hand. „Das ist Doc Williams aus Whitestone, der scharf darauf ist, mir das Leben zu retten. Nicht wahr, Doc?“ Er lachte gepresst. Zögernd sanken die Waffen herab. Jackman meinte spöttisch: „Besser, du legst deinen Sechsschüssigen weg, Doc! Wie ich meine Jungs kenne, macht sie das Ding sonst nur unnötig nervös.“

Greg hatte das beklemmende Gefühl, mitten in ein Rudel hungriger Wölfe geraten zu sein. Auf den kantigen Gesichtern las er nichts als Feindseligkeit und Argwohn. Außer Long Joe waren da noch ein drahtiger, dunkelhäutiger Mexikaner, ein strohblonder, falkenäugiger Bursche, der zwei Fünfundvierziger am Kreuzgurt trug, und ein junger, verkommen wirkender Boy mit gierigen Zügen im mageren Gesicht. Sie standen leicht geduckt und reglos da und belauerten ihn wie sprungbereite Raubtiere. Greg zog Billys Colt aus dem Hosenbund und warf ihn zur Tischplatte unter der trübe brennenden Laterne.

Bevor das Eisen dort landete, hatte die Faust des jüngsten Banditen wie eine zustoßende Schlange blitzartig zugeschnappt. Der Junge verstaute die Waffe in seinem Gürtel und grinste Greg höhnisch an. Jetzt erst schoben die anderen ihre Colts in die Holster zurück, die ausnahmslos auffallend tief geschnallt waren. Der strohblonde Kerl marschierte an Greg vorbei, als existiere der nicht mehr für ihn. Seine hellen Falkenaugen richteten sich auf Jackman.

„Der Coyote auf dem Pferd vorhin ist uns entkommen, Boss. Gehört er zu ihm?“ Mit einer Kopfbewegung wies er auf Greg.

Jackmans Atem ging stoßweise. Seiner Stimme war nun die Anstrengung deutlich anzumerken. „Das war Shelby, dem das Land hier gehört. Verflucht, warum jagt ihr ihm nicht nach? Er wird jetzt

wie ’n Verrückter seine Kuhtreiber zusammentrommeln und uns auf den Pelz rücken.“

„Zu dunkel, um seine Fährte auch nur über eine halbe Meile zu verfolgen“, erwiderte der Blonde achselzuckend. „Es bleibt nur eine Möglichkeit: Wir müssen weg, so schnell es nur geht.“

„Doc!“, keuchte Jackman. „Da hast du’s gehört! Du wirst verflixt gute und schnelle Arbeit leisten müssen!“

Blueface kam schwergewichtig in die Hütte zurückgestapft. Er baute sich breitbeinig neben Greg auf und bedachte ihn wieder mit einem wütenden Blick. „Die Tasche ist weg, Doug! Ich sagte doch, diesem gerissenen Fuchs ist nicht zu trauen. Ich wette ...“

„Stan muss mein Pferd genommen haben!“, unterbrach ihn Greg heiser. „Die Tasche hing noch am Sattel.“

Er merkte, wie jedes Geräusch in der niedrigen, kleinen Hütte erstarb. Die Welle aus Misstrauen und Feindschaft war beinahe körperlich zu spüren. Jackman murmelte gepresst: „Wenn ich auf der Strecke bleibe, wirst du mir Gesellschaft leisten! Dass das nur klar ist, Doc!“

„Das bringt weder Sie noch mich weiter!“, gab Greg kalt zurück. Zum ersten Mal konnte er in Jackman nicht nur mehr den Verwundeten sehen, der seine Hilfe brauchte. Ätzender Groll regte sich in ihm. Jackman schien alle Maßstäbe verloren zu haben. Für ihn existierte nur noch Gewalttat, Drohung, Argwohn und gewiss auch die unstillbare Gier nach Beute.

Greg schaute kalt in die Runde. „Rechnet nur nicht damit, dass ihr mit ihm fliehen könnt, solange die Kugel in seinem Bein steckt. Das würde ihn innerhalb weniger Stunden umbringen.“

„Sie werden nicht ohne mich fliehen!“, knirschte Jackman. „Wir haben dreißigtausend Dollar aus der Bank in San Juan geholt, und der Sack mit dem ganzen Geld dient mir hier als Kopfkissen. Keiner kommt hier dran, ohne dass ihn meine Kugel erwischt. So erledigt bin ich noch lange nicht.“

Greg wusste genau, dass Jackman bluffte. Shelby hatte Jackmans Waffe an sich genommen, der Bandenboss war absolut wehrlos. Aber Greg schwieg.

Long Joe brummte: „Niemand denkt daran, dich im Stich zu lassen, Boss.“ Er griff in seinen rechten Stiefelschaft und brachte ein schweres Bowiemesser zum Vorschein. „Wenn der Doc sein Handwerk gut genug versteht, wird er’s auch damit schaffen. Einverstanden, Boss?“

Greg und Jackman blickten gleichermaßen gebannt auf die im Laternenschein blitzende Klinge.

„Schon mal gemacht, Doc?“, fragte Jackman schließlich mit einem heiseren Unterton. Greg schüttelte nur den Kopf.

Der Strohblonde hakte die Daumen in den patronengespickten Kreuzgurt. „Haben wir denn eine andere Wahl, Doug?“

Jackman legte den Kopf auf die Decke, wo sie sich über einem prallgefüllten Sack wölbte. „Fang an, Doc! Fünfhundert Dollar für dich, wenn du’s schaffst.“

„Ich werde keinen Cent von euer Beute anrühren!“, stieß Greg scharf hervor.

Für eine Sekunde zeigte Jackmans schweißbedecktes Gesicht einen verschlagenen, lauernden Ausdruck. „Nein? Mir auch recht! Dem Geschäft können wir auch ’ne andere Richtung geben! Setzen wir doch dein Leben zum Preis aus. Das wird genügen, um ...“ Er verstummte, weil ihm wieder die Schmerzen wie Feuer zusetzen, und er die Zähne zusammenbeißen musste.

Greg schaute kühl in die finsteren, staubgepuderten Gesichter der Banditen. Long Joe zündete sich gerade umständlich eine kurzstielige Maiskolbenpfeife an. Das Messer hatte er auf den Tisch gelegt. Greg nahm es und prüfte die Klinge. Sie war so scharf, dass man sich damit rasieren konnte. „Ich brauche heißes Wasser, möglichst viele saubere Tücher und eine Flasche Schnaps. Wenn ich beginne, werden zwei von euch Jackman festhalten müssen.“

Jackman lag mit geschlossenen Augen da. „Macht schon voran, Jungs! Tut, was er verlangt!“

In das Rudel geriet Bewegung. Der Junge heizte den gusseisernen Kanonenofen an und setzte einen wassergefüllten Topf auf. Long Joe, immer heftiger an seiner Pfeife paffend, befestigte die Sturmlaterne direkt über Jackmans Lager an der Decke. Der Mexikaner verschwand draußen bei den Pferden und kehrte mit Verbandszeug und einer Flasche hochprozentigem Kentucky-Whisky zurück. Aus den Worten, die die Banditen miteinander wechselten, entnahm Greg, dass der Mexikaner Socorro und der ungepflegte Junge nur Kid genannt wurden. Der Blonde hörte auf den Namen Rio-Jim. Greg erinnerte sich daran, seinen Steckbrief irgendwann schon in Whitestone gesehen zu haben.

Schließlich kam Kid mit dem brodelnden Wasser zu Jackman herüber. Schnell und geschickt begann Greg Jackmans Bein zu reinigen. Als er fertig war, hielt er dem Bandenboss die entkorkte Whiskyflasche hin.

„Trinken Sie! Ein anderes Betäubungsmittel habe ich nicht. Aber nicht mehr als die Hälfte. Den Rest brauche ich zur Desinfizierung der Wunde.“

Von Long Joe und Rio-Jim gestützt, richtete sich Jackman halb auf. Er packte die Flasche mit hartem Griff. Ehe er sie an die Lippen setzte, hielt er nochmals inne. Er schaute seine Bandenmitglieder der Reihe nach an. Schließlich kehrte sein fiebriger Blick flackernd zu Greg zurück. „Wenn ich nicht mehr auf wache, wisst ihr ja, was ihr mit ihm zu tun habt!“ Seine mühsam gekrächzten Worte waren eine einzige, tödliche Drohung.

Greg hielt mit unbewegter Miene seinem Blick stand und sagte kein Wort. Doug Jackman legte den Kopf in den Nacken und trank so gierig, dass ihm die goldfarbene Flüssigkeit übers kantige Kinn perlte. Ohne einmal abzusetzen leerte er die Flasche bis zur Hälfte. Danach sank er schlaff und wie ohnmächtig auf die Decken zurück. Aber seine Augen standen noch immer offen, und seine Mundwinkel waren hart verkniffen.

Greg wusch das Bowiemesser im heißen, mit Schnaps vermischten Wasser. Er nickte Long Joe und Rio-Jim zu, und sie hielten Jackman an Armen und Beinen. Socorro, der Mexikaner, und Kid standen wie gelähmt daneben. Genau hinter Greg lud Blueface wieder seine Winchester durch, aber der junge, schlanke Doc schaute nicht einmal über die Schulter. Mit der silbern glänzenden Klinge neigte er sich tief über Jackmans Wunde.

„Bereit, Jackman?“

Der Bandenboss antwortete mit einem undeutlichen Knurrlaut.

„Festhalten!“, rief Greg Joe und Jim zu. Seine nervigen Hände bewegten sich mit dem Messer sicher und schnell. Doug Jackmans heiserer Aufschrei schallte aus der einsamen Hütte weit in die samtschwarze Nacht hinaus.



2.

Die Talgkerze in der Laterne war längst herabgebrannt. Mit dem grau heraufdämmernden neuen Tag sickerte merkliche Kühle durch die scheibenlosen Fensterluken in die Hütte. Die Köpfe der Männer zuckten herum, als Socorro sporenrasselnd hereinstiefelte. Unter dem wagenradgroßen Sombrero war sein Gesicht nur ein schmaler, dunkler Fleck, in dem die Augen wie Kohlenstücke glänzten. „Die Pferde sind gesattelt, Muchachos. Wir können aufbrechen.“

Er blieb in der offenen Tür stehen. Draußen auf dem Sandplatz scharrten Hufe und klirrten Gebissketten. Kein weiteres Wort fiel. Wie auf ein geheimes Kommando wanderten die Blicke der Banditen jetzt zu der großen, dunklen Gestalt auf dem Deckenlager. Die ganze Nacht hatte sich Doug Jackman nicht gerührt, während die anderen kein Auge zugetan und mit wachsender Nervosität dauernd auf sein Erwachen gewartet hatten. Ihre Spannung hatte sich auch auf Greg übertragen. Er schwankte zwischen Hoffnung für den Verwundeten und Feindseligkeit. Eines war ihm glasklar: Es würde nicht mehr lange dauern, bis Stan Shelby mit seiner Cowboycrew anrückte. Dann würden sich die Banditen in dieser Hütte wieder in eine Meute bösartiger, gefährlicher Raubwölfe verwandeln, denen er wehrlos ausgeliefert war. Trotz der Morgenkühle schmeckte Greg salzigen Schweiß auf den Lippen. Long Joe ließ die erkaltete Maiskolbenpfeife von einem Mundwinkel in den anderen wandern. Er war der erste, der einen Schritt auf Jackman zu machte.

Doug Jackman setzte sich so unvermittelt auf, dass Long Joe zusammenzuckte und beinahe die Pfeife aus dem Mund fallen ließ. „Steht hier nicht ’rum wie Ölgötzen!“, schnitt Jackmans Stimme durch Stille und Reglosigkeit. „Höchste Zeit zum Verduften, schätze ich! Helft mir gefälligst auf die Beine!“

Joe riss sich die Pfeife heraus und schien mit ihr groteske Muster in die Luft zu zeichnen. Die vielen Falten wirkten wie tausend zuckende Risse in seinem hageren Gesicht. „Schade, dass kein Tropfen Whisky übrig ist. Jetzt hätten wir uns alle wahrhaftig ’nen Drink verdient. Kid, Socorro, packt mit an! Helft dem Boss in die Höhe!“

Greg erhob sich von seinem Holzschemel. „Übernehmen Sie sich nur nicht, Jackman. Ihr Bein braucht jetzt viel Ruhe und Pflege. Im Sattel halten Sie nicht lange durch.“

Jackman grinste ihn schmallippig an. „Du hast deinen Teil geleistet, Doc – ich werde meinen hinter mich bringen! Überlass das jetzt nur mir!“ Sein Gesicht war knochig und noch immer aschgrau, das fiebrige Flackern jedoch aus seinen Augen geschwunden. Irgendwie wirkte er jetzt straff und unbezwingbar, obwohl ihn Kid und der Mexikaner links und rechts stützen mussten. Greg gestand sich, dass er noch bei keinem Mann so viel Energie erlebt hatte. Gerade das machte Doug Jackman so gefährlich.

Blueface deutete mit seiner unvermeidlichen Winchester auf Greg. „Was wird aus ihm, Doug?“

Jackmans Grinsen erlosch. Kid und Socorro blieben mit ihm auf halbem Weg zur Tür stehen. Das alte wölfische Lauern erschien in Jackmans Augen.

Blueface hetzte: „Ich wette, in ein paar Stunden reitet er zusammen mit diesem Stan Shelby auf unserer Fährte, Boss. Meiner Meinung nach ist er nicht nur überflüssig, sondern auch zu ’nem Risiko geworden.“

Der blonde Rio-Jim lächelte kalt. „Der gute alte Blueface ist wieder mal auf ’nen Skalp verrückt! Doug, mach’ ihm doch die Freude!“

Gregs Hände verkrampften sich zu Fäusten, an denen die Knöchel weiß schimmerten. „Mein Leben war der Preis, Jackman. Ich hoffe, Sie vergessen das nicht.“

Während er es noch sagte, wurde ihm klar, dass Worte an Jackman wie an einer Mauer abprallen würden. Ein Mann wie Jackman kannte keine Dankbarkeit und Fairness. Eiskalt und sachlich würde er das Für und Wider abwägen und sich demnach entscheiden. In dieser einen Sekunde hing Gregs Leben an einem seidenen Faden. Es entging ihm nicht, wie sich Bluefaces Fäuste beinahe gierig fester um den Gewehrschaft spannten. Unwillkürlich musste der Doc an Stans Schwester Dorothy denken, und alles in ihm sträubte sich gegen die eigene Machtlosigkeit. Dorothys hübsches, ausdrucksvolles Gesicht mit den meergrünen Augen stand wie eine Vision vor ihm. Vielleicht hatte sie von Stan längst erfahren, was geschehen war. Dann würde sie voller Sorge um ihn sein und verzweifelt auf seine Rückkehr auf die Shelby-Ranch warten.

Nach einer Zeitspanne, die Greg endlos vorkam, hörte er Jackmans kalte Stimme. „Nein, Blueface! Williams ist zu schade für deine Kugel!“ Auf einmal grinste er wieder. Seine Augen blieben kalt und lauernd dabei. „Ein Mann, der fix mit dem Colt ist und obendrein eine Menge von Wunden versteht – so einer fehlt noch in unserer Crew. Doc, was meinst du? In diesem Nest Whitestone versauerst du ja nur. Dort wirst du nie das große Geld machen, immer nur der armselige Knochenflicker bleiben, der mal da, mal dort für einige lumpige Dollars ein paar Wehwehchen kuriert. Das ist doch keine Zukunft, die ...“

„Besser bestimmt als Ihre, Jackman! Und dabei bleibt es!“

„Ist das nicht ein bisschen voreilig, Doc?“

„Sie vergeuden nur Zeit, Jackman. Die Shelby-Cowboys werden bald hier sein. Da draußen liegt ein toter Gefährte von ihnen. Sie werden sich gewiss nicht mit langen Reden aufhalten, wenn sie erst da sind.“

„Und du? Was wirst du dann tun?“

Greg ließ sich durch Jackmans spöttisches Grinsen nicht irritieren. „Sie brauchen mir nur ’ne Waffe in die Hand zu drücken, und Sie werden es herausfinden, Jackman.“

„So ein Narr!“, brummte Long Joe und biss wütend auf seiner Pfeife herum. „Da redet er sich um Kopf und Kragen, und es scheint ihm auch noch Spaß zu machen! Hör nicht auf ihn, Boss. Da haben wir’s mit einem Verrückten zu tun.“

„Ganz und gar nicht!“, meinte Jackman und blickte Greg unverwandt durchbohrend an. Plötzlich gab er sich einen Ruck. „Weiter, Jungs! Wir brechen auf! Und Williams nehmen wir mit, ob es ihm nun passt oder nicht! Als Geisel!“ Er gab Blueface und Rio-Jim mit den Augen ein Zeichen. Gleich darauf hatten sie Greg schon in die Mitte genommen und stießen ihn mit ihren Waffen hinter den anderen her ins Freie.

Kid und Socorro halfen Jackman in den Sattel. Er unterdrückte ein Stöhnen. Der Schweiß trat ihm wieder auf die Stirn. Greg erwartete, ihn im nächsten Moment herabfallen zu sehen. Aber Doug Jackman hielt sich auf seinem Gaul, nahm die Zügel auf, und dabei schien auch schon wieder die alte Kraft und Festigkeit in ihn zurückzukehren. Auf seinem hochbeinigen Gaul wirkte er noch größer und breitschultriger, als er ohnehin war. „Beeilt euch, Boys!“

Auf einmal glitt der blonde Rio-Jim von Greg Williams weg. Geduckt lauerte er zu den Sträuchern hinüber, deren Blätter schwer und dunkel vom Tau waren. Nebelfahnen trübten die zunehmende Helligkeit des Tages. „Achtung, da ist jemand!“

Die Büsche schwankten. Jetzt, da bei der Hütte alle Geräusche verstummten, waren die näherstampfenden Hufe zu hören. Greg schlug das Herz plötzlich bis in die Kehle. Auf seinem Pferd zog Doug Jackman mit einer altgewohnten flüssigen Bewegung seinen Karabiner aus dem Scabbard. Das metallene Geräusch des Durchladens stand deutlich in der Stille. Einen Sekundenbruchteil schimmerten zwischen Kreosotsträuchern und Nebelbänken die Umrisse einer schmalen Reitergestalt hervor.

Blueface zischte neben Greg: „Nur ein Ton, Doc, und du fällst tot um!“

Die anderen Banditen hatten sich hinter ihre Pferde gedrängt. Nur Jackman blieb aufrecht und grimmig im Sattel und zog ohne Eile den Karabinerkolben an die Schulter. Das Geraschel und Hufgetrappel verstummte plötzlich. Eine gedämpfte helle Stimme wehte aus dem Buschgürtel: „Greg! Bist du dort in der Hütte, Greg? Hörst du mich?“

Den jungen Doc traf es wie mit einem Keulenhieb. Die Winchester in Bluefaces Fäusten hatte alle Bedeutung für ihn verloren. „Dorothy!“, schrie er und wollte vorwärts.

Blueface fluchte und schlug zu. Mit ausgebreiteten Armen flog Greg vornüber in den Staub. Die starre, von Dämmergrau umhüllte Gruppe vor der Hütte schien sich in wischende Bewegungen aufzulösen. Männer rannten los, Pferde tänzelten. Drüben begannen sich die Sträucher zu teilen.

„Nicht, Doug! Es ist ’ne Frau!“, hörte Greg am Boden den baumlangen Joe wie aus weiter Ferne brüllen. Mit zusammengebissenen Zähnen kämpfte Greg gegen Schmerzen und Benommenheit an. Er wollte wieder eine Warnung hinausschreien. Da entlud sich bereits Jackmans Karabiner mit donnerndem Knall.

„Dorothy!“, stöhnte Greg und kam endlich schwankend und staubverschmiert in die Höhe. Zuerst sah er nur ein Durcheinander von Pferden, Männern und Staub.

„Doug, um Himmels willen, du hast sie getroffen!“, schrie Long Joe ganz in der Nähe.

„Verdammt, keine Gerede! Weg hier!“, fauchte Jackman. „Das Ganze hätte auch ein Trick sein können! Shelby ist bestimmt gleich hier!“

Während die Banditen aufsaßen, ihre Pferde beruhigten und herumlenkten, stolperte Greg mit aufgerissenen Augen aus dem Gewoge heraus. Vorn bei den Sträuchern stand Dorothy Shelbys Fuchsstute mit schleifenden Zügeln. Daneben lag die junge Frau still und reglos auf dem Rücken. Ihre Bluse war ein heller Fleck vor dem dunklen Grau der Buschmauer. Die Flut ihres langen Haares hatte sich geöffnet und ergoss sich matt schimmernd über ihre weich gerundeten Schultern. Greg griff sich an die Kehle, als bekomme er keine Luft mehr. Einen Moment drohte er zu stürzen, aber wie mit unwiderstehlicher Gewalt trieb es ihn weiter.

Der Platz dröhnte von Hufschlägen. Heisere Rufe flogen durcheinander. Für Greg aber schien die Welt ringsum wie ausgelöscht. Jetzt gab es nur noch ihn und die junge Frau da vorn, die er liebte, und die von Doug Jackmans Kugel getroffen worden war. Unfähig, noch einen Ton über die Lippen zu bringen, sank er bei ihr auf die Knie. Ihre Augen standen offen, die Lider flatterten. Sie atmete flach. Als sich sein kreidebleiches Gesicht über sie schob, versuchte sie sich aufzurichten. Ihre Lippen bewegten sich stumm.

„Ruhig, Dorothy, ganz ruhig, mein Liebes!“, murmelte er rau. „Nicht bewegen!“

Hufe kamen auf ihn zu. Mechanisch hob Greg den Kopf. Er erkannte Bluefaces hässliche Visage über einem Pferdehals. Der Bandit schrie ihm etwas zu. Greg starrte ihn nur leer an, ohne die Frau loszulassen. Die übrige Kavalkade hatte links bereits den Rand des Sandstreifens erreicht. Die Reiter waren nur noch graue Schemen hinter dem wehenden Staub. Blueface schwang seine Winchester an die Schulter.

Da blitzte es neben Greg aus den Kreosots heraus. Bluefaces Gaul wurde von einem Sandschwall überschüttet. Er machte einen erschreckten Satz zur Seite. Die Mündungsflamme schlug aus Bluefaces Gewehr, doch die Kugel pfiff weit an Greg vorbei. Blueface nahm sich keine Zeit für einen zweiten Schuss. In breiter Front war Bewegung und Geschrei in den Sträuchern. Vor dem heller werdenden Himmel im Osten hoben sich die Silhouetten mehrerer Reiter ab. Da und dort flackerte wieder weißgelbes Mündungsfeuer auf. Blueface hatte seinen Braunen schon herumgerissen. Tief über die zottige Mähne geduckt, fegte er in halsbrecherischem Tempo hinter seinen Kumpanen her. Dichtes Unterholz schloss sich rauschend hinter ihm.

Ein Pferd kam direkt neben Greg zum Stehen. Der Schatten eines stämmigen Mannes fiel über den Doc. „Dorothy! Großer Gott, was ist mit ihr?“

Gregs Blick traf in Stans von Entsetzen aufgewühltes Gesicht. „Jackmans Kugel!“, brachte er nur tonlos hervor.

Ein Zittern durchlief die kräftige Gestalt des jungen Ranchers. Er wischte sich über die Augen als wolle er ein Trugbild verscheuchen. Sekundenlang stand er wie gelähmt da. Alle Farbe wich aus seinem Gesicht. Währenddessen schwärmten die anderen Reiter, alles Cowboys der Shelby-Ranch, ringsum aus. Einige saßen ab und stürmten mit schussbereiten Revolvern in die Hütte. Ein paar andere fanden Billys Leiche, die noch dort lag, wo Blueface ihn niedergeschossen hatte, und trugen sie herüber. Stan Shelby streckte schließlich eine zitternde Hand nach dem Sattelhorn aus, um sich dort festzuhalten.

„Sie war so voller Angst um dich, Greg“, flüsterte er benommen. „Sie ließ sich einfach nicht mehr halten. Sie wollte zu dir und ...“ Die Stimme versagte ihm. Auf einmal veränderte sich seine Miene. Er stieß sich vom staubbedeckten Pferd ab. „Greg, warum tust du nichts? Du bist Arzt, du musst ihr helfen! Bei Jackman, diesem Teufel, hast du’s auch getan!“

Greg fuhr leicht zusammen. Er hatte bereits nach Dorothys Puls getastet, er hatte die Stelle gesehen, wo sich ihre Bluse dunkel vom Blut färbte. Von Sekunde zu Sekunde schien ihr Gesicht schmaler zu werden. Schatten lagen unter ihren Augen. Greg kannte die Zeichen. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Gerade weil er Arzt war, weil er schon viele Leben gerettet hatte, kam er sich jetzt unendlich machtlos und besiegt vor. Er fühlte Stans harte Faust an der Schulter. Stans Finger krallten durch den Stoff seiner dunklen Anzugjacke.

„Greg! So unternimm doch etwas!“ Er riss die schwarze Ledertasche vom Sattelknauf, wo sie seit seiner Flucht aus Jackmans Gewalt noch immer hing. „Da hast du alles, was du brauchst! Greg, wenn du mein Freund bist, wenn du meine Schwester liebst, dann reiß dich jetzt zusammen und ...“

Greg hatte ihm wieder das Gesicht zugewandt, und Shelby verstummte erschrocken, weil er sofort den Ausdruck in Gregs Augen zu deuten wusste. Er schluckte würgend. Im nächsten Augenblick packte ihn wieder das heiße, wilde Aufbegehren. Er zerrte Greg mit einem einzigen Ruck in die Höhe.

„Du wirst ihr helfen! Du wirst sie retten, Greg! Jackman hätte nie schießen können, wenn du nicht bei ihm geblieben wärst. Wenn Dorothy stirbt, ist es deine Schuld, hörst du?“

„Greg!“, erreichte sie da beide die matte Stimme der Verwundeten. „Bist du hier, Greg?“

Von einem Moment zum anderen schien alle Kraft aus Stan zu weichen. Er ließ Greg los. Beide kauerten bei der jungen Frau nieder. Ihre schmale Hand tastete wie suchend über den feinkörnigen Sand. Ihr Blick war verschleiert und schien nichts mehr von der Umwelt zu erkennen.

„Dorothy, wir sind bei dir!“, ächzte Stan erschüttert und nahm ihre Hand in seine schwieligen, von Lassonarben gezeichneten Fäuste.

„Greg? Ist ihm ... nichts geschehen?“

Gregs Stimme schwankte unmerklich. „Ich bin ganz in Ordnung.“

„Dann ist es ...“ Ringsum war es still geworden. Dorothys leise Worte schienen in der kühlen Morgenluft hängen zu bleiben. Greg und Stan starrten sie an, als erwarteten sie, dass sie gleich weitersprechen würde. Dann ließ Greg das Kinn auf die Brust sinken und legte eine Hand über die Augen, als könne er den Anblick dieses erstarrten, hübschen Frauengesichts nicht länger ertragen.

Ein trockenes Schluchzen rang sich aus Stans Kehle. „Dorothy!“ Er fasste sie an beiden Schultern und rüttelte sie sachte. „Dorothy!“ Immerzu, ohne dass es ihm bewusst wurde, wiederholte er ihren Namen. Seine Augen schimmerten feucht.

Greg erhob sich langsam. Seine Miene war vollkommen leer, als sei das Leben auch aus ihm gewichen. Wie in Trance ging er über den fahl erhellten Platz zur Hütte, wo Billys gesatteltes Cowboypferd stand. Die Weidereiter der Shelby-Ranch standen wie erstarrt da. Kraftlos, betroffen und erschüttert. Ihre Blicke schweiften zwischen Greg und dem Rancher hin und her. Stan hatte noch kein einziges Mal aufgeschaut. Er schien den Tod seiner jungen Schwester nicht fassen zu können. Greg nahm die schleifenden Zügel, und das struppige braune Pferd folgte ihm willig. Vor dem nächsten Cowboy blieb Greg stehen. Der Mann ließ es stumm und reglos geschehen, dass Greg ihm den Revolvergurt samt Colt abnahm und sich selber umschnallte. Dieser abwesende Ausdruck

von Gregs Augen, der so gar nicht zu seinem zielstrebigen Handeln zu passen schien, bannte ihn geradezu.

Greg rückte das schwere Holster mechanisch zurecht und band sie mit den dünnen Bodenriemen am Oberschenkel fest. Er bewegte sich so, als habe er bereits sein halbes Leben lang eine Waffe an der Seite getragen. Gleich darauf saß er im Sattel und trieb den Braunen mit knappen Hackenschlägen in die Richtung, in der die Jackman-Bande davongesprengt war. Vor seinen Augen sah er immerzu das steinerne Gesicht des Bandenführers mit den kalten, gefühllosen Augen. Alles, was sich Greg bisher errungen hatte – seinen Beruf, seine Stellung in der Stadt Whitestone, seine Freundschaften – besaß keine Bedeutung mehr. Jetzt zählte für ihn nur noch die Fährte, die durch die verfilzten Sträucher zum offenen Grasland hinauslief.

Als er die Büsche erreichte, brach hinter ihm Stan Shelbys heiserer Schrei durch das bedrückende Schweigen: „Halt, Greg! Bleib, wo du bist! Jetzt werden wir abrechnen. Dorothys Tod geht genauso auf dein Konto, wie auf das von Jackman.“

Greg drehte sich halb im Sattel, ohne den Braunen zu zügeln. Stan war aufgesprungen und zerrte gerade seinen Revolver aus dem Leder. Nie zuvor hatte Greg sein Gesicht so verzerrt vor Hass und Schmerz gesehen, ein Gesicht, das ihm fremd und unheimlich vorkam. Dass sie einmal Freunde gewesen waren, schien weit, weit zurückzuliegen.

Details

Seiten
140
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925111
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
uksak western-roman williams revolver-doc

Autor

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Titel: Uksak Top Western-Roman 4 Williams der Revolver-Doc