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Der Trail des Geächteten

©2018 130 Seiten

Zusammenfassung

Western von John F. Beck

Der Umfang dieses Buchs entspricht 135 Taschenbuchseiten.

Ist Ringo Pearson wirklich ein gewissenloser Bandit? Die schöne Liz glaubt es nicht und hilft dem Mann, der wegen Mord eigentlich auf sein Urteil wartet, aus dem Gefängnis. Er will mit ihr ein neues Leben anfangen. Doch schon bald muss sie erkennen, dass Ringo sich zu leicht von seinen alten Sattelkameraden auf die schiefe Bahn bringen lässt. Kann sie das Schlimmste verhindern? Denn die beiden Männer, die Ringo gnadenlos jagen, sind ihr Vater und Glenn, der Liz bis zur Selbstaufgabe liebt.

Leseprobe

Der Trail des Geächteten

Western von John F. Beck


Der Umfang dieses Buchs entspricht 135 Taschenbuchseiten.


Ist Ringo Pearson wirklich ein gewissenloser Bandit? Die schöne Liz glaubt es nicht und hilft dem Mann, der wegen Mord eigentlich auf sein Urteil wartet, aus dem Gefängnis. Er will mit ihr ein neues Leben anfangen. Doch schon bald muss sie erkennen, dass Ringo sich zu leicht von seinen alten Sattelkameraden auf die schiefe Bahn bringen lässt. Kann sie das Schlimmste verhindern? Denn die beiden Männer, die Ringo gnadenlos jagen, sind ihr Vater und Glenn, der Liz bis zur Selbstaufgabe liebt.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

w ww.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Zwei Revolver zielten auf Glenn Trafford, als er den Paradise Saloon betrat. Der eine Mann, groß und massig, hockte grinsend auf den Treppenstufen, die zum Obergeschoss führten. Der andere, ein sehniger Bursche mit einem schnurrbärtigen Piratengesicht, lehnte an der Theke und hielt ein halbvolles Whiskyglas in der linken Hand. Sie schwiegen. Die Kälte in ihren Augen verriet Glenn, dass bei der geringsten falschen Bewegung ihre Colts aufbrüllen würden. Sally Maine, die Saloonbesitzerin, stand steif wie eine Puppe vor dem gefüllten Flaschenregal. Eine hübsche, blonde Frau mit einem tief ausgeschnittenen Kleid. Der geschminkte Mund wirkte in ihrem kreidebleichen Gesicht doppelt grell.

Eine Weile war nur das Heulen des Windes in der Main Street von Red Hill zu hören. Staubschleier verdunkelten die Saloonfenster. Dann sagte eine lässige Stimme aus der dämmrigsten Ecke: „Hallo, Glenn, suchst du mich?“

Der schlanke junge Mann am runden Tisch hatte sich mit dem Stuhl zurückgelehnt. Seine nervigen Hände waren damit beschäftigt, eine Patience auf der mit grünem Filz bespannten Platte auszulegen. Glenn Traffords Rechte lag auf dem Coltgriff. Ruckartig setzte er sich in Bewegung. Die Revolverhähne der beiden anderen knackten bedrohlich. Glenn ging weiter, ohne den Blick von dem Mann am Ecktisch zu wenden.

„Ringo, dies ist der falsche Ort für dich. Steh auf, steig auf dein Pferd, und verlasse mit deinen Freunden auf der Stelle die Stadt!“

Ringo Pearson schob gemächlich die Spielkarten zusammen. „Eine seltsame Begrüßung für einen alten Freund, den man fast ein Jahr nicht mehr gesehen hat, nicht wahr, Glenn?“

Trafford schlug die Jacke über der Brust zurück. Das Abzeichen schimmerte matt im Halbdunkel des Saloons.

Ringo Pearson lächelte schief. „Hast es weit gebracht, wie? Deputy bei Sheriff Logan Kelly! Trotzdem gibt dir das nicht das Recht, so mit einem ehemaligen Sattelpartner umzuspringen. Komm sei friedlich, Glenn. Setz dich und nimm ’nen Drink mit mir.“

„Ich weiß, warum du hier bist, Ringo!“, sagte Glenn gepresst.

Zum ersten Mal bewegte sich die blonde Frau hinter dem Tresen. Atemlos stieß sie hervor: „Sie wollen Jeff töten! Sie wissen, dass er abends der erste Gast bei mir ist. Sie warten auf ihn. Trafford, Sie müssen ...“

Der Schnurrbärtige stellte mit hartem Ruck das halbvolle Glas auf die Thekenplatte. Sein Revolver zuckte halb herum. Sally Maine verstummte mit schreckgeweiteten Augen. Der massige Mann auf der Holztreppe lachte heiser.

Ringo zog die Augenbrauen hoch. Seine dunklen Augen wichen dem durchdringenden Blick des jungen Deputy nicht aus. „Und wenn es so wäre, Glenn?“

„Ich lasse es nicht zu!“

„Du weißt, wie viel ich Jeff Babcock und seinem Vater heimzuzahlen habe, Glenn. Kein Mensch bringt mich davon ab, kein Mensch. Glenn, du bist allein. Sheriff Kelly ist nicht in der Stadt. Er jagt ein paar Burschen, die die Postkutsche überfallen haben, nicht wahr?“ Seine Augen funkelten spöttisch. Der Mann auf der Treppe lachte erneut.

„Deine Komplicen?“, fragte Glenn.

Ringo schnippte mit Daumen und Mittelfinger. „Vielleicht! Glenn, du solltest dich jetzt aus dem Staub machen. Jeff Babcock wird gleich hier aufkreuzen. Ich habe erfahren, dass er jeden Tag so früh wie möglich zu Sally kommt. Er ist ganz vernarrt in sie. – Geh jetzt! Bob Slaughter und Dick Hadley werden langsam ungeduldig. Sie sind keine Männer, die besonders gut auf ’nen Sternträger zu sprechen sind, Glenn. Und man sagt von ihnen, dass sie immer genau ins Schwarze treffen. Nicht wahr, Amigos?“

Glenn hörte jetzt die schweren Tritte der beiden Banditen quer durch den Saloon von hinten auf sich zutappen. Er beugte sich leicht vor. „Du unterschätzt mich, Ringo. Wenn sie mich auch treffen – ich habe immer noch Zeit, dich zu erwischen. Bestimmt! Auf die Entfernung schießt auch ein todwunder Mann nicht daneben!“

Das Lächeln auf Ringo Pearsons scharf geschnittenem Gesicht gefror. „Hat Logan Kelly, der unerbittliche Banditenjäger, dich angesteckt? Glenn, keinen Bluff! Du würdest doch nicht auf einen Mann schießen, mit dem du so lange Bügel an Bügel geritten bist!“

„Diesen Mann gibt es nicht mehr. Ich sehe hier nur einen Burschen, der einen kaltblütigen Mord plant. Ringo, ich lasse es darauf ankommen!“

„Aus Sorge um Jeff Babcock?“, fragte Pearson gedehnt. „Oder hast du Angst um Liz?“

Glenn wurde fahl. „Nimm ihren Namen nicht in den Mund!“

„Tatsächlich!“ Ringo lachte leise. „Du hast Feuer gefangen. Jetzt verstehe ich auch, warum du diesen Job bei Kelly angenommen hast. Glenn, du armer Narr, du machst dir falsche Hoffnungen. Liz hat mich bestimmt nicht vergessen. Sie wird mir gehören, Muchacho. Lass mich nur erst mit Jeff abrechnen, dann wirst du schon sehen.“

„Ringo, sei still.“ Glenn stieß gegen die Tischkante. Seine Faust schoss über die Platte, packte Pearsons Hemdbrust und riss den Mann mit einem wilden Ruck vom Stuhl hoch. Gleichzeitig zog er mit der Rechten den Colt. Zu einer weiteren Bewegung kam er nicht mehr. Die Revolver von Ringos Begleitern fuhren ihm links und rechts in die Rippen.

Der bullige Bob Slaughter knurrte: „Ringo, ein Wort, und dieser Hombre verwandelt sich in ’ne Leiche!“

Einige Augenblicke war die Szene erstarrt.

Glenn hielt Ringo noch immer fest. Er hatte ihn halb über den Tisch gezogen. Langsam senkte sich Ringos Blick auf die schwerkalibrige Waffe in der verkrampften Faust des Deputy.

Er sagte mühsam: „Wir bleiben beide auf der Strecke, Glenn. Pass auf, ich mache dir einen Vorschlag. Wir spielen es mit den Karten aus. Wenn du gewinnst, verlassen wir die Stadt, ohne Babcock ’n Haar zu krümmen. Mein Wort darauf. Bob, Dick, zurück mit euch!“

Zögernd wichen die Banditen von Glenn zurück, behielten jedoch die Revolver im Anschlag. Glenns Faust löste sich von Ringo. Misstrauen verengte seine Augen. Ringo strich eine dunkle Haarsträhne aus der Stirn und nahm wieder auf dem Stuhl Platz. Stirnrunzelnd betrachtete er Glenn.

„Steck das Eisen weg. Es ist die einzige Chance, die ich dir lasse!“ Er deutete mit dem Kinn auf den Stuhl gegenüber und begann mit flinken, routinierten Fingern die Karten zu mischen, als sei nichts geschehen. Glenn Trafford zögerte. Dann setzte er sich und legte den 45er Frontier Colt vor sich auf den grünen Filz. Ringo hielt beim Mischen inne.

„So nicht. Eine faire Chance für uns beide, damit wir uns recht verstehen!“

„Und deine Freunde?“ Glenn ließ sein Gegenüber nicht aus den Augen. Ringo zuckte unwillig die Achseln.

„Halftert eure Eisen, Jungs. Überlasst das mir!“ Seine dunklen Augen funkelten. Er schien darauf zu warten, dass Glenn den Kopf drehte.

Der junge Deputy fragte: „Sally, alles in Ordnung? Sind ihre Revolver verschwunden?“

„Ja, Trafford!“, kam die tonlose Antwort.

Ringo presste die Lippen zusammen und ließ die Karten zwischen den geschickten Händen fliegen. Langsam schob Glenn seinen Colt in die Halfter.

Ringo legte das Kartenpäckchen vor sich auf den Tisch. „Eine Pokerrunde darum, wer den Saloon verlässt, okay?“

Glenns Gedanken arbeiteten.

Er hatte keine Wahl.

Ringo und seine Kumpane waren voll wilder Entschlossenheit. In einem offenen Revolverkampf konnte er gegen diese drei gefährlichen Burschen nicht bestehen. Doch wenn er verlor? Er hoffte verzweifelt, dass ihm dann noch immer die Möglichkeit blieb, Sam Babcocks Sohn vor der Stadt abzufangen.

Ringo wartete nicht auf die Antwort. Er teilte für jeden fünf Karten aus. Das Päckchen lag zwischen ihnen in der Tischmitte. Glenn nahm sein Blatt auf und fächerte es auseinander. Ein Bube, eine Zehn, zweimal die Acht und eine Sieben.

Ringo lauerte ihn über sein Blatt weg an. In seinem glatten Gesicht konnte Glenn nichts lesen. „Kaufst du?“

„Drei!“, nickte Glenn. Er legte die Achten und die Sieben ab und nahm neue Karten. Zur Zehn und zum Buben bekam er nun noch ein Ass und zwei Damen. Seine Erregung flaute ein wenig ab. Ringo kaufte nur eine Karte. Er lächelte Glenn siegessicher an.

„Decken wir auf!“ Glenn warf sein Blatt auf die Platte. Ringo betrachtete es, nickte anerkennend, sagte aber kein Wort. Schräg hinter Glenn scharrten wieder die Stiefelsohlen von Hadley und Slaughter näher.

Glenn rief scharf: „Bleibt, wo ihr seid!“ Eine raue Verwünschung antwortete, aber die Tritte verstummten.

Ringo warf lässig seine erste Karte auf den Tisch. Eine Zehn. Dann folgten eine Dame und ein Bube. Drei Karten, die gleich mit Glenns Blatt lagen. Glenn spürte das Hämmern seines Herzschlags in der Kehle. Ringos kaltes Lächeln erforderte seine ganze Beherrschung. Die nächste Karte wirbelte zu den anderen: Ein Ass!

Jetzt hing von der letzten Karte alles an. Und da war sie auch schon – noch ein Ass!

„Gewonnen!“, sagte Ringo lächelnd. Er wollte die Karten zusammenschieben. Doch da hatte Glenn schon sein rechtes Handgelenk umklammert.

„Falschspieler!“ Mit der Linken fasste er blitzschnell in Ringos Ärmel. Die heimlich abgelegte Karte rutschte über die Tischkante auf den Fußboden, eine wertlose Karo-Sieben.

Ringo warf sich mit einem Fluch vorwärts und stieß dabei den runden Tisch schräg nach oben. Im Aufspringen wurde der Deputy getroffen. Sein Stuhl kippte um, er stolperte darüber. Bevor er hart auf den Rücken krachte, bekam er seinen Fünfundvierziger aus dem Halfter. Da schleuderte sich Ringo mit einem Panthersatz auf ihn und hieb ihm die Faust mitten ins Gesicht.

Einen Moment konnte Glenn nichts sehen. Wieder erwischte es ihn. Die Zähne zusammengepresst stieß er blindlings mit dem Coltlauf zu. Er hörte Ringos Schmerzenslaut, und dann war das Gesicht über Glenn plötzlich weg. Er wälzte sich herum und stemmte sich auf die Knie. Stühle polterten, Stiefel dröhnten heran.

Ringo keuchte: „Drauf auf ihn. Macht ihn fertig!“

Das neblige Gewoge vor Glenns Augen zerriss. Er kam vollends hoch, und da waren Hadley und Slaughter bereits zur Stelle. Ein Stiefeltritt prellte dem Deputy den Colt aus der Faust. Eine Faust schmetterte ihm ins Genick. Er stürzte vornüber, klammerte sich an einem Mann fest und riss ihn mit sich zu Boden. Der andere zerrte ihn zurück und schlug keuchend und fluchend auf ihn ein. Glenn wehrte sich verbissen. Dann griff auch Ringo ein, kaltäugig, wild und gnadenlos. Glenn merkte, wie Benommenheit und Schwäche bleiern in ihm hochkrochen.

„Sally!“, krächzte er. „Laufen Sie …“ Ein Stiefel traf ihn brutal vor die Brust und warf ihn auf den Rücken. Die Gesichter über ihm verschwammen. Wie aus weiter Ferne hörte er jemand rufen: „Vorsicht, Babcock kommt!“

Die blonde Frau hetzte in panischer Furcht hinter dem Tresen hervor und versuchte die Tür zu erreichen. Der stämmige Bob Slaughter bekam sie am Arm zu fassen. Sally Maine schrie halb erstickt. Slaughters rücksichtsloser Schwung schleuderte sie gegen den langgestreckten Tresen. Der schnurrbärtige Hadley grinste verschlagen.

„Du solltest den guten Bob nicht reizen, wenn du dein hübsches Lächeln behalten willst, Süße. Er war noch nie ein besonders großartiger Gentleman.“

Die Frau brachte keinen Ton mehr hervor, atmete stoßweise und verkrampfte die Hände vor der wogenden Brust. Slaughter zerrte sie ungeduldig an das Tresenende.

Hufschlag verstummte jäh vor der Saloonveranda. Ein Pferd wieherte leise, Sattelleder knarrte. Dann stampften schnelle Stiefeltritte die Stufen herauf. Auf Ringo Pearsons Wink verteilten sich die Desperados wortlos im dämmrigen Raum.

Glenn Trafford kämpfte verzweifelt gegen Übelkeit und Schwäche an. Mit einer Hand hatte er die Tischkante zu fassen bekommen. Er wollte sich schwitzend in die Höhe ziehen. Aber seine Hand rutschte ab. Er fiel auf den Rücken. Schwärze senkte sich über seine Augen. Der dumpfe Fall ging im Aufheulen des Windes und dem Quietschen der Pendeltür unter.

Jeff Babcock kam in den Saloon.

Ein Staubschwall begleitete ihn. Er schlug den Stetson gegen die mit silbernen Zierknöpfen gesäumten Chaps. „Hallo, Sally. So ein verteufeltes Wetter. Ich hatte nie einen Drink nötiger als ...“

Sporenklirrend war er zwischen den Tischreihen zu dem Tresen geeilt. Plötzlich stockte er. Der Stetson landete achtlos neben ihn auf den mit Sägemehl bestreuten Bodenbrettern. Die Augen in Jeff Babcocks jungem, etwas arrogantem Gesicht wurden groß und erschreckt.

„Ringo!“, flüsterte er tonlos. Die blonde Frau am Thekenende existierte für ihn nicht mehr.

Ringo Pearson lachte klirrend. „Welche Ehre. Der Sohn des großen, reichen Sam Babcock hat den Namen eines windigen, hergelaufenen Satteltramps nicht vergessen. Nicht wahr, Jeff, so hast du mich doch damals genannt!“ Er ging ein paar Schritte auf den Ranchersohn zu. Seine Hand krümmte sich über dem Kolben des tief gehalfterten Revolvers.

Jeff Babcock schluckte würgend. „Um Himmels willen, Ringo, sei vernünftig! Was damals geschah ...“

„Ist nicht vergessen!“, vollendete Pearson eisig. Tödlicher Hass glitzerte jetzt in seinen dunklen Augen, und sein kantiges Gesicht war beinahe so fahl wie das seines Gegenübers. „Ein Jahr lang habe ich mir diese Stunde ausgemalt, Jeff. Ich konnte es kaum erwarten ins Red Hill County zurückzukehren und dich wiederzusehen, Hombre!“

Schweiß perlte auf Jeff Babcocks Stirn. Unter seinem rechten Auge zuckte ein Nerv. „Was willst du? Geld? Ich habe nicht mehr als dreißig Bucks bei mir. Nein, nein, Ringo, bleib stehen. Du sollst erhalten, soviel du nur willst. Ich brauche nur zur Bank zu gehen. Dad hat dort jeden Kredit. Fünfhundert Dollar, Ringo, nicht wahr, fünfhundert Dollar, das ist …“

„He!“, sagte Bob Slaughter rau. „Will dich der Boy auf den Arm nehmen, Ringo? Lässt du dir das bieten?“

Rechts zischte Dick Hadley verächtlich: „Fünfhundert Bucks! Dass ich nicht lache!“

Babcock hatte im Zwielicht des Saloon die beiden anderen Banditen erst jetzt bemerkt. Das Zucken unter seinem Auge verstärkte sich. Er atmete abgerissen, während sein Blick mühsam zu Ringos wildem Gesicht zurückkehrte.

„Tausend! Ist das genug? Tausend Dollar bar auf die Hand. Ringo, Himmel, mach endlich den Mund auf. Sag mir den Preis, und ich werde ihn …“

„Dein Leben!“, erklärte Pearson kalt.

Jeff Babcock fuhr zusammen, prallte einen Schritt zurück. Einen Augenblick sah es aus, als würde er sich herumwerfen und die Flucht versuchen.

Ringos Hand klatschte auf den Revolverkolben. Babcock erstarrte. Der Schweiß lief ihm jetzt über Wangen, Kinn und Hals hinab in den offenen Kragen seines teuren Seidenhemdes.

Er schüttelte den Kopf. „Nein, Ringo, nein, das ist nicht dein Ernst. Nicht wahr? Sag, dass es nicht dein Ernst ist. Ich werde zur Bank gehen. Ich werde dir das Geld holen. Tausend, zweitausend, noch mehr, wenn du willst!“

„Spar dir das Geschwätz!“, herrschte ihn Pearson an. „Wenn du ein Mann bist, dann greifst du jetzt zum Eisen und kämpfst. Oder bist du nur mutig, wenn es darum geht, einen Wehrlosen die Peitsche schmecken zu lassen? Du hast einen Fehler gemacht, Jeff, mein Junge. Du hättest damals noch viel länger und härter zuschlagen müssen. Ihr hättet euch nicht mit einem halbtoten Ringo Pearson zufrieden geben dürfen.“

„Ringo, um Himmels willen, hör auf damit!“

„Angst, mein Junge? Schwache Nerven? Ein Jahr lang schleppe ich die Zeichen deiner Peitsche mit mir herum. Vielleicht brennen mich die Narben weniger stark, wenn das hier vorüber ist. Na, zeig endlich, dass du ein echter, großer Babcock bist. Ein würdiger Erbe deines Vaters. Als wenn es euch auf die paar Rinder angekommen wäre, die ich zur Seite schaffen wollte. Aber nein. Wie einen Banditen habt ihr mich behandelt. Und nur weil ich ein Jahr lang als braver Cowboy für euch geritten war, habt ihr auf den Strick verzichtet. Großzügig, was? Ihr habt mich zu dem gemacht, was ich heute bin, und das ist vielleicht noch schlimmer als die Peitsche. Was stehst du da und glotzt mich an wie ein Kaninchen die Schlange? Trägst du dein Schießeisen zur Zierde?“

„Ringo, ich – ihr seid zu dritt, ich habe keine Chance, wenn ...“

„Ein schlauer Junge, was?“, lachte Slaughter heiser. „Ringo, sag ihm doch, dass es für uns gar keine große Rolle spielt, ob er nun zieht oder nicht!“

Jeffs Kopf ruckte zu ihm herum, und Slaughter lachte noch lauter. Sein breitflächiges, unrasiertes Gesicht war abstoßend. In dieser Sekunde war Jeff Babcocks Begreifen endgültig.

Mit einem Schluchzen griff er zum Revolver. Ringos Rechte bewegte sich so schnell, dass man nicht mit den Augen folgen konnte. Gleichzeitig rissen Bob Slaughter und Dick Hadley ihre Waffen heraus. Ringo gab den ersten Schuss ab. Er feuerte von der Hüfte aus, als Jeff den Revolver noch nicht ganz aus der Halfter hatte. Der junge Babcock schrie auf und taumelte rückwärts. Dann zerrissen von zwei Seiten die Mündungsblitze Slaughters und Hadleys das Halbdunkel. Jeff wurde förmlich zu Boden geschmettert. Das Sägemehl unter ihm färbte sich rot. Mit einer zähen Bewegung wollte er noch die Faust mit dem Revolver heben, doch jäh erschlaffend fiel sie herab. Die Finger lösten sich vom Kolben.

Jeff Babcock lag still.

Pulverqualm stieg zur Decke. Slaughter grinste zu Hadley hinüber. Sie halfterten achselzuckend die Colts. Ringo ging steifbeinig zu Jeff und schaute ungerührt auf ihn herab. Sally Maine stürzte an ihm vorbei und warf sich neben dem jungen Babcock auf die Knie.

„Jeff!“, schluchzte sie. „Großer Himmel. Jeff, lieber Jeff …“

Babcocks weit aufgerissene Augen starrten blicklos in ihr verzerrtes Gesicht. Sally hatte ihn an den Schultern gepackt. Jetzt wichen ihre schmalen, weißen Hände zitternd von ihm zurück. Tränen liefen ihr über die Wangen, als sie zu Ringo aufblickte.

„Mörder! Verfluchter Mörder!“ Plötzlich war sie auf den Beinen. Mit vorgereckten Händen ging sie ihn an, schluchzend, in ohnmächtiger, verzweifelter Wildheit. Ringo trat blitzschnell zurück. Ihre krallenden Finger stießen ins Leere. Dann hatte er schon ihre Handgelenke umklammert.

„Bob, bring sie zur Vernunft!“

Slaughter stapfte grinsend heran und zog die Frau von Ringo weg. Sie wirbelte herum und schlug nach seinem Gesicht.

Der breitschultrige Bandit lachte nur höhnisch.

„Schade, dass ich nicht mehr Zeit für dich habe, mein Täubchen. Du machst mir Spaß. Wetten, dass wir beide uns ganz prächtig verstehen würden!“

Sein Griff wurde so roh, dass die Saloonbesitzerin jede Gegenwehr aufgab und sich stöhnend zusammenkrümmte. Slaughter stieß sie so wuchtig hinter den Tresen, dass Sally das Gleichgewicht verlor und vor das Flaschenregal stürzte. Das hochgesteckte Blondhaar hatte sich gelöst und hing ihr zerzaust auf die verkrampften Schultern.

Ringo stieg über den Toten und ging zur Tür.

„Zeit zu reiten, Amigos. Tate und Hush warten. He, Bob, willst du hier Wurzeln schlagen?“

Erst als die Pendeltür hinter den Desperados zuschwang, erhob sich die Frau und lief zu Glenn Trafford hinüber. Glenn hatte die Augen aufgeschlagen und starrte sie benommen an. Sie half ihm, sich aufzusetzen.

„Trafford, hoch mit Ihnen. Sie müssen hinter diesen Schurken her. Mein Gott, Trafford, hören Sie nicht? Ringo hat Jeff umgebracht!“

Glenn kam keuchend auf die Füße und musste sich gleich an einem Tisch festhalten, um nicht zu stürzen. Sally lief zum Tresen und kehrte mit einer entkorkten Brandyflasche zurück. Glenn nahm einen kräftigen Schluck.

Die Benommenheit zerstob, und nun kam die Erinnerung wie ein eisiger Wasserschwall und brachte ihn endgültig zu sich. Sein Blick traf Jeff Babcocks reglos ausgestreckten Körper. Er drückte der Frau wortlos die Flasche in die Hand, bückte sich nach seinem Frontier Colt und rannte zur Tür.

Staub wehte ihm entgegen und biss ihm in die Augen. Hinter den wallenden Schleiern verschwammen die Konturen der Hausfassaden. Der Haltebalken vor dem Saloon war leer. Die Banditen ritten ohne besondere Eile über die Main Street dem offenen Land zu. Pearsons schlanke Gestalt zwischen den beiden anderen war deutlich auszumachen.

„Ringo!“, brüllte Glenn.

„Halt, Ringo! Zurück mit dir, oder ich schieße!“

Die Banditen drehten sich halb in den Sätteln. Glenn glaubte wieder Slaughters bissiges Gelächter zu hören, dann fielen die drei Pferde in Galopp. Glenn begann zu rennen.

„Ringo, halt!“, schrie er wieder.

Dann begann er zu feuern.

Pferde wieherten erschreckt, ein Fluch schallte, Mündungsblitze zuckten zurück. Kugeln pflügten neben Glenn die Erde. Er kümmerte sich nicht darum, hatte nur das Bild des toten Ranchersohnes vor Augen und hetzte schießend weiter. Dann war der Fünfundvierziger leergeschossen. Der Staub stellte sich wie ein Vorhang zwischen Glenn und die Reiter. Sie verschwanden in dem wabernden Staubschleier. Jetzt fühlte Glenn Trafford wieder Schmerzen und Müdigkeit. Einsam stand er mitten auf der Straße und lud den Colt nach.

Türen klappten entlang der Häuserfronten, zögernde Schritte schlurften auf Veranden und Gehsteigplanken. Sally Maines hell gekleidete Gestalt erschien schwankend auf der Saloonveranda.

„Jeff ist tot! Ringo Pearson und seine Freunde haben Jeff Babcock ermordet. Holt sie zurück!“ Ihre Stimme erstarb in einem gebrochenen Schluchzen.

Glenn zog wenig später seinen gesattelten Braunen aus dem Mietstall. Aus dem Durcheinander auf der Straße schälte sich eine schmale Mädchengestalt. Glenn krampfte die Faust härter um die Zügel, als das blasse, schöne Gesicht mit den dunklen Augen direkt vor ihm auftauchte. Die roten feingeschwungenen Lippen zuckten, ehe sie tonlos fragten: „Ringo? Ist er wirklich zurückgekommen?“

„Ja! Er hat Jeff erschossen.“

„Glenn!“ Das Mädchen trat ganz dicht an ihn heran und legte ihm impulsiv eine Hand auf den Arm. „Tu’s nicht, Glenn, ich bitte dich!“ Unverhohlene Sorge flackerte in ihren Augen. Glenn fühlte quälende Eifersucht.

„Er hatte also recht. Du hast ihn nicht vergessen!“

„Er hat von mir gesprochen?“, stieß sie atemlos hervor.

„Liz!“, sagte er rau. „Du verschwendest deine Sorge an einen Mann, der das nicht verdient!“

„Er war dein Freund, Glenn.“

„Das liegt ein Jahr zurück. Jetzt ist er ein Mörder und Bandit, den ich ...“

„Nein, Glenn, sag das nicht!“ Ihre helle melodische Stimme war verzweifelt. „Hast du vergessen, was ihm die Babcocks angetan haben? Wenn Ringo vom richtigen Weg abwich, dann ist es Babcocks Schuld. Warum willst du Ringo um die Chance für einen neuen Anfang bringen?“

„Neuer Anfang?“, wiederholte er bitter. „Das klingt gut. Aber ich fürchte, du täuschst dich in Ringo. Du hättest ihn im Saloon sehen sollen. Liz, es hat keinen Zweck. Dein Vater hat mich auf den Stern vereidigt.“

Ihre Hand glitt von ihm. Sie senkte den Kopf. „Sprichst du wirklich nur wegen des Sterns so? Oder meinetwegen?“

Eine Blutwelle schoss dem jungen Deputy ins Gesicht. Liz Kelly sagte hastig: „Es tut mir Leid, Glenn, ich wollte dich nicht verletzen. Aber ich ... ich kann nicht dagegen an, ich liebe Ringo noch immer. Die ganze Zeit habe ich nur darauf gewartet, dass er wieder in Red Hill auftaucht. Glenn, ich weiß, was du für mich empfindest, aber ich ...“

„Es geht nicht nur um mich!“, unterbrach er sie heiser. „Vergiss deinen Vater nicht, Liz. Logan Kelly, den sie Sheriff Eisenfaust nennen, ist bekannt dafür, dass er niemals Kompromisse mit Gesetzlosen schließt!“

„Ist das alles, was du mir zu sagen hast?“

„Yeah, Liz!“ Mit einem geschmeidigen Schwung zog sich Glenn Trafford in den Sattel. Das Tier stampfte unruhig.

Liz schaute zu dem Reiter auf. Einen Augenblick lang schien es, als wollte sie nochmals versuchen, ihn aufzuhalten. Aber die Entschlossenheit in seinem von Schlägen gezeichneten Gesicht war unverkennbar. Aufseufzend trat Liz zurück und lief schnell in Richtung Sheriff-Office davon.

Glenn starrte ihr nach. Sekundenlang stand das hagere, wettergegerbte Ledergesicht ihres Vaters vor seinen Augen.

Logan Kelly, der eisenharte Banditenjäger! Der Mann, der unter dem Namen Sheriff Eisenfaust bei den Gesetzlosen in Arizona gehasst und gefürchtet war. Die Pflicht, die der Stern ihm auferlegte, war ihm oberstes Gesetz. Er würde keinen Unterschied machen zwischen Ringo Pearson, dem ehemaligen Cowboy der Babcock Ranch, oder irgendeinem anderen Desperado.

Glenn Trafford presste die Lippen zusammen und jagte in die Staubschleier hinein.



2

Ausgepumpt langten die drei Reiter bei der Felsformation an, die sich aus dem sandigen, hitzeflimmernden Land erhob. Der Wind war abgeflaut. Die vereinzelten Wolken wirkten wie verlorene Tupfen am bleigrauen Himmel. Männer und Pferde waren von einer klebrigen Schicht aus Staub und Schweiß bedeckt. Vor ihnen lösten sich drei andere Reiter aus dem Schatten zwischen hohen Saguaro-Kakteen.

„Hallo, Jungs, da seid ihr ja endlich. Wird auch Zeit. Dieser verdammte Sheriff ist uns mit seinem Rudel dicht auf den Fersen!“

Tate Rancon, der Anführer der Desperados, war ein großer hagerer Mann, dem das strohgelbe Haar bis auf die knochigen Schultern reichte. Seine Augen waren graugrün, eiskalt und berechnend. Er trug zwei Colts an den Hüften, beide ziemlich hoch geschnallt und mit den Kolben nach vorne. Hush Webster und Mac Drovis hielten links und rechts von ihm. Webster war ein kleiner, drahtiger Bursche mit brandrotem Haar. Drovis, gedrungen, klotzig, hatte einen schwarzen struppigen Bart, der seine untere Gesichtshälfte fast vollständig verbarg. Hadley beugte sich im Sattel vor, während Slaughter aus seiner filzüberzogenen Wasserflasche trank.

„Habt ihr das Geld?“

Tate Rancon klopfte grinsend auf die prallgefüllten Satteltaschen. „Hast du was anderes erwartet? Die Kutsche ist leer. Warum, glaubst du, ist Sheriff Eisenfaust so wild auf uns, he?“

Slaughter ließ sein heiseres Lachen hören. Rancon zog bereits seinen hochbeinigen grauen Hengst herum.

„Und ihr? Alles erledigt, Ringo?“

Pearson nahm Slaughter die Wasserflasche ab, trank ebenfalls und reichte sie wieder zurück. „Jeff Babcock hat bekommen, was ihm zusteht. Aber Glenn Trafford, dieser verrückte Deputy, hat wie wild hinter uns hergeballert. Mein Pferd ist getroffen. Ich kann keine halbe Meile mehr auf dem Klepper zurücklegen, Tate!“

Rancon hob die knochigen Schultern. „Dein Problem!“, äußerte er kalt.

Ein Zucken lief über Ringos schweißverklebtes Gesicht. „Was willst du damit sagen, Tate?“

Der Bandenführer knurrte: „Hörst du schlecht? Ich sagte, dein Problem! Was willst du eigentlich? Es war deine private Angelegenheit nach Red Hill zu reiten und mit diesem Babcock abzurechnen. Zieh uns da nur nicht hinein!“

„Verdammt, Tate, was sagst du da! Du kannst nicht einfach so tun, als gehörte ich plötzlich nicht mehr zu euch. Nicht mit mir, Tate!“ Ringos nervige Rechte näherte sich unauffällig dem Revolvergriff.

Rancons Augen glichen Eissplittern. Er saß völlig reglos im Sattel, und Ringo konnte seine rechte Hand nicht sehen. Die Linke ruhte mit den Zügeln locker auf dem steilen Sattelhorn.

Rancon sagte: „Du bist doch kein Dummkopf, Ringo, oder? Du kannst doch zwei und zwei zusammenzählen. Hier gibt es kein überzähliges Pferd, und der Sternträger ist mit mindestens einem Dutzend rauer Burschen auf unserer Fährte. Wenn dich einer von uns auf den Gaul nimmt, wird er zurückfallen und riskiert dabei Kopf und Kragen. Du bist hier nicht in einem Wohltätigkeitsverein, Ringo. Was erwartest du eigentlich, he?“

Während Rancon sprach, zogen sich die anderen mehr und mehr von Ringo zurück. Ringo hatte die Zähne zusammengebissen, die Wangenmuskeln traten knotig hervor.

Rancon murmelte: „Pech für dich, Amigo. Ich habe dich immer als tüchtigen Mann in meiner Crew geschätzt, das weißt du doch. Aber das Hemd sitzt einem nun mal näher als die Jacke, nicht?“

„Streng dich nur nicht länger an, Tate!“, knirschte Pearson. „Ich habe schon begriffen!“

Slaughter stellte sich in den Steigbügeln auf und deutete mit ausgestrecktem Arm nach Süden. „Da sind sie schon. Jungs, jetzt wird es brenzlig!“

Eine Staubwolke bewegte sich über die Ebene heran. Manchmal schimmerten dunkle Reitergestalten durch den rötlichen Staub.

Ringos Hand hatte den Revolverkolben erreicht. „Tate“, fragte er fast flüsternd, „und wenn ein anderer Mann an meiner Stelle zurückbleibt?“

Rancon begriff sofort und lächelte wölfisch. „Keine schlechte Idee. Nur, wenn du das erreichen willst, musst du deine Trümpfe selbst ausspielen. Und noch eines, Amigo: Such dir nur nicht ausgerechnet mich aus. Das würdest du nicht schaffen!“ Noch während Rancon sprach, zog er den Colt.

Ringo kauerte geduckt auf seinem Pferd. Sein lauernder Blick jagte über den Halskreis der anderen vier Männer. Ihre Haltung hatte sich ebenfalls verändert. Hadley kaute auf seinen buschigen Schnurrbartenden. Der bullige Slaughter atmete aus halboffenem Mund. Drovis, der Schwarzbärtige, kaute nervös auf der Unterlippe, und der kleine Hush Webster rutschte unbehaglich auf dem Sattelleder hin und her. Jeder hielt die Hand in Revolvernähe. Keiner ließ Ringo jetzt noch aus den Augen.

„Freie Hand für mich, Tate?“, fragte Ringo zischend.

„Freie Hand!“, bestätigte Rancon trocken. „Beeile dich, es bleibt nicht viel Zeit!“

Webster leckte sich die spröden Lippen. „Übernimm dich nur nicht, Ringo-Boy.“

Pearsons Gesicht war jetzt so kantig und ausdruckslos wie beim Pokerspiel im Paradise Saloon in Red Hill. Sein bohrender Blick blieb an Bob Slaughters grobschlächtiger Figur haften. Langsam trieb er sein lahmendes Pferd mit den Stiefelabsätzen auf ihn zu.

„Ringo!“, keuchte Slaughter. „Bist du verrückt? Du wirst doch nicht ausgerechnet …“

Ringo verzog die Mundwinkel. „Verübelst du es mir, dass ich nicht am Galgen landen will? Bob, du hast nur die eine Chance, dein Eisen wegzuwerfen und mir freiwillig deinen Gaul zu überlassen!“

„Du gemeiner Dreckskerl! Ich bin mit dir mach Red Hill geritten, weil ich dich für einen Freund hielt. Und du verdammter …“

„Du bist ganz einfach das geringste Risiko, Bob! Du hast eine Menge Muskeln, bist stark wie ein Bär, aber mit dem Colt kann ich dich leicht schlagen. Und das weißt du!“ Er war jetzt nur noch eine Pferdelänge von Slaughter entfernt.

Der Hüne schnaufte: „Du verdammter Aasgeier, wenn du dich nur nicht täuscht. Du hast mich noch nicht ziehen sehen!“

Ringo riss, für alle völlig überraschend, plötzlich das erschöpfte Pferd so hart herum, dass es beinahe das Gleichgewicht verlor. Das gequälte Wiehern überdeckte das Geräusch, als Ringos Revolver aus der tiefhängenden Halfter wischte. Mac Drovis war nicht mehr als drei Armlängen von Ringo entfernt. Als der Schwarzbärtige den hochzuckenden Revolverlauf entdeckte, sperrte er erschrocken den Mund auf. Der Schraubgriff um den Coltknauf war nur noch eine Reflexbewegung. Ringos Mündungsfeuer schlug ihm gegen die Brust. Drovis stürzte mit einem krächzenden Laut hintenüber vom Pferd in den knöcheltiefen Sand. Das Tier machte einen erschreckten Satz vorwärts, aber Ringo hatte schon blitzschnell die Leine gepackt und zerrte es zu sich heran.

Er blinzelte gegen das grelle Licht zu Slaughter hinüber. „Nichts für ungut, Bob!“

Die anderen starrten noch betroffen auf Drovis. Mühsam wandte Slaughter Ringo das unrasierte Gesicht zu. Er griff sich fahrig an die Kehle, schluckte schwer und murmelte heiser: „Du bist aber ein verdammt gerissener Hund. Höllenfeuer, das war ein starkes Stück!“

„Vergesst das Aufgebot nicht!“, mahnte Rancon ungeduldig. Der Ausdruck seiner kalten Augen hatte sich nicht geändert. Ringo saß ab, und sofort legte sich sein abgekämpftes Pferd in den Staub. Ringo drückte ihm die Revolvermündung hinters Ohr, zog durch und sprang zur Seite, um den wild schlagenden Hufen zu entgehen. Dann lag das Tier still. Die anderen ritten an.

Ringo packte das Sattelhorn von Drovis’ Pferd. Ehe er sich hinaufschwingen konnte, sagte Mac Drovis mit abgehackter, verzerrter Stimme von der Seite her: „Nein, du verdammter Lump. Wir werden beide auf der Strecke bleiben.“ Der Schwarzbärtige hatte sich auf die Seite gerollt, einen Ellenbogen aufgestützt und den Colt erhoben. Schmerzen und Anstrengung furchten sein Gesicht. Die Faust mit der Waffe zitterte. Drovis’ Hemd war blutverschmiert.

Mit einem Fluch ließ Ringo das Sattelhorn los, duckte sich und zog erneut. Drovis feuerte. Das Pferd wieherte und machte einen Satz vorwärts. Ehe Ringo abdrücken konnte, lag Drovis wieder schlaff im Sand. Ringo lief zu ihm und wälzte ihn mit der Stiefelspitze auf den Rücken. Mac Drovis war tot.

Das Hufgetrappel des Aufgebots drang wie Donnergrollen zu Ringo. Er wandte sich nach dem Pferd um und erstarrte. Das Tier war vorne eingeknickt und versuchte vergeblich, wieder in die Höhe zu kommen. Es schnaubte und wieherte gequält. Blut sickerte über sein staubverkrustetes Fell. Drovis’ letzte Kugel hatte es getroffen. Im nächsten Moment kippte es kraftlos auf die Seite und blieb röchelnd im Staub liegen.

Ringo stieß wilde Verwünschungen aus. Rancon und die anderen hatten angehalten und spähten zurück. Ringo winkte ihnen drängend zu. Tate Rancon sagte etwas zu seinen Gefährten. Sie trieben die Gäule zum Galopp.

Das Aufgebot war schon so nahe, dass Ringo den Mann an der Spitze erkannte. Hager, hoch aufgerichtet, so saß er auf dem galoppierenden Pferd. Die Schöße seiner langen Cordjacke flatterten. Am Aufschlag blinkte der Sheriffstern.

Logan Kelly!

Zum ersten Mal loderte Panik in Ringo Pearsons dunklen Augen auf. Er warf sich herum und begann zu laufen.



3

Schweiß und Staub brannten in Ringos Augen. Seine Beine waren schwer wie Blei, und er hatte das schreckliche Gefühl, nicht mehr vom Fleck zu kommen. Gnadenlos sengte die Arizonasonne auf ihn herab. Durch das Rauschen des Blutes in seinen Ohren schwollen die Hufschläge der Verfolger immer mehr an. Der Atem kam stoßweise über seine rissigen Lippen. Seine Lungen schmerzten. Er stolperte immer häufiger. Halb benommen, nur noch automatisch, setzte er Fuß vor Fuß.

Ein Blick über die Schulter zeigte ihm Logan Kellys Gestalt dunkel, ins Riesenhafte verzerrt vor dem Hintergrund des blass-blauen Firmaments. Kellys hochbeiniger Falbe war den anderen weit voraus. In Kellys Ledergesicht bewegte sich kein Muskel. Die Augen waren hell und ausdruckslos wie Kieselsteine. Ringo schrie vor Wut und Verzweiflung, packte seinen Revolver und feuerte im Weiterlaufen zurück. Seine Hand war längst nicht mehr sicher. Die Kugel schlug seitlich neben dem Sheriff in den Sand. Wieder und wieder drückte Ringo ab. Logan Kelly holte unbeirrt auf. Sein Mund war ein dunkler messerscharfer Strich im sonnengebräunten Gesicht. Ringo wandte sich wieder nach vorne und versuchte seine Anstrengungen zu verdoppeln.

Umsonst!

Ganz unvermittelt fiel der Boden vor ihm zu einem steilen Hang ab. Unten schimmerte zwischen halb verdorrten Mesquite- und Kreosotsträuchern die Sohle eines ausgetrockneten Bachbettes hell im gleißenden Licht. Ringo trat mit einem Fuß ins Leere, konnte das Gleichgewicht nicht mehr halten und stürzte vornüber. Er überschlug sich einmal und rutschte dann auf der nachgebenden Sand- und Geröllschicht in die Tiefe. Unten blieb er zunächst benommen und erschöpft liegen. Als er dann schließlich schwankend auf die Füße kam, hatte er den Revolver verloren. Der Himmel über den Arroyorändern war leer. Aber da waren wieder die Hufschläge! Dumpf drohend und ganz nah!

„Ringo!“ Der helle, aufgeregte Ruf trieb die Windung des Arroyos entlang. Ein Schatten fiel zuerst hinter der nächsten Biegung hervor, dann tauchte ein nickender Pferdekopf auf. Ringo bückte sich und packte den nächstbesten faustgroßen Stein. Die Wildheit eines in die Falle gegangenen Raubtiers sprühte aus seinen Augen. Zwei Pferde tauchten im trockenen Creekbett auf. Im Sattel des einen saß eine schmale, hell gekleidete Gestalt. Ein Aufleuchten huschte über das Gesicht des Banditen. „Liz!“

„Ringo, schnell. Hier ist ein Pferd für dich!“ Liz Kellys seidiges, dunkles Haar war staubgepudert. Der Gewaltritt von Red Hill aus hatte ihre Wangen gerötet. Die helle Sommerbluse, die sie zu dem geteilten Reitrock trug, war durchgeschwitzt. Keuchend stolperte Ringo auf die näherkommende Reiterin zu. Liz warf ihm die Zügel des zweiten Pferdes zu.

„Ich bin so froh, dass ich nicht zu spät komme!“

„Liz!“, krächzte er. „Das werde ich dir nie vergessen!“

In dem Augenblick, da er sich aufs Pferd zog, tauchte Logan Kellys hagere Gestalt schräg über ihnen an der Arroyokante auf.

„Pearson, gib auf!“ Ein Warnschuss peitschte über den Hang. Ringos Gaul scheute. Ringo verfehlte die Steigbügel. Nach der Anstrengung der Flucht gehorchten seine Muskeln nicht mehr. Rücklings stürzte er vom Pferd in den Sand. Mit ungeduldigen Hackenschlägen trieb der Sheriff seinen Falben den steilen Hand herab. Der langläufige Colt ruhte wie festgeschmiedet in seiner Rechten.

„Aufstehen, Pearson! Die Hände hoch!“

Liz lenkte schreckensbleich ihr Pferd zwischen die Männer.

„Nein, Vater. Bitte, lass ihn. Gib ihm eine Chance!“

Ringo stemmte sich abermals hoch und tastete wieder nach dem leeren Sattel. Er war zu ausgebrannt, um auch nur ein einziges Wort hervorzubringen. Wie Fieber glühte es in seinen Augen, als er wieder versuchte, auf das Pferd zu kommen. Vor Anstrengung traten die Adern an seiner Stirn hervor. Kelly hatte die Arroyosohle erreicht.

„Aus dem Weg, Liz! Du weißt ja nicht, was du von mir verlangst!“ Er wollte seinen Falben an ihr vorbeitreiben. Liz klammerte sich an seiner schenkellangen Cordjacke fest. Ihre Stimme zitterte.

„Dad, sie werden ihn hängen. Das hat er nicht verdient. Denk an die Zeit, in der er einer von Babcocks tüchtigsten Cowboys war. Du selbst hast damals gesagt …“

„Die Vergangenheit interessiert mich nicht. Liz, was fällt dir ein. Für einen Verbrecher Partei zu ergreifen. Du solltest schleunigst in die Stadt zurückreiten!“

„Dad, du weißt doch, was ich stets für Ringo empfunden habe. Nichts hat sich daran geändert!“

Mit einem Ruck hatte sich Logan Kelly von seiner Tochter losgerissen. Jetzt starrte er reglos in das schmale, blasse Gesicht. Die Worte kamen mühsam über seine dünnen Lippen.

„Was sagst du da? Liz, mein Kind, ich will das nicht gehört haben. Meine Tochter und ein Mann wie Ringo Pearson? Das wird es niemals geben, nie!“

Staubwolken schoben sich oben über den Arroyorand. Sheriff Kellys Aufgebot donnerte heran. Liz riss den Kopf zu Ringo herum. Der Bandit saß endlich im Sattel. „Fort mit dir, Ringo!“

Ringo wendete, und da war Liz‘ Vater auf gleicher Höhe mit ihm. „Mach dir keine falschen Hoffnungen, Junge. Du bekommst genau das, was du verdienst!“ Er griff Ringo in die Zügel.

Ringo schlug keuchend die Faust nach Kellys Kopf. Der Sheriff wich gewandt aus. Dann traf er mit dem Coltlauf den Desperado quer über die Stirn. Ringo flog auf der anderen Seite aus dem Sattel. Der Gaul rannte los, und Kelly machte sich nicht die Mühe, ihn aufzuhalten.

Liz’ entsetzter Aufschrei ging im Dröhnen der vielen Hufe unter, die beim Arroyo anlangten. Ein Durcheinander erregter, heiserer Stimmen wehte den steilen Hang herab. Logan Kelly war mit einem Satz von seinem Falben. Der Stetson glitt ihm an der Windschnur auf den Rücken. Sein eisgraues Haar glänzte in der Sonne. Trotz seines Alters bewegte sich der lederhäutige Mann schnell und geschmeidig. Ringo kniete im Sand. Blut sickerte über seine Stirn. Der Sheriff von Red Hill hielt ihm die Coltmündung vor das Gesicht.

„Du bist verhaftet, Pearson. Gib endlich auf!“

Ringo krächzte: „Verdammter Menschenjäger. Schieß doch. Damit du dir keine Sorgen um Liz zu machen brauchst!“ Seine Hände schossen vor, krallten sich in Kellys Jacke fest und wollten Kelly umreißen. Die Augen des Sheriffs waren kalt und ausdruckslos wie zuvor, als er den Coltlauf erneut niedersausen ließ. Ohne einen Laut sank Ringo in den Sand zurück.

Details

Seiten
130
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738925043
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
trail geächteten
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Titel: Der Trail des Geächteten