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Chaco 54: Die Geier vom Rio Grande

2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Chaco #54

Western von Carson Thau

Der Umfang dieses Buchs entspricht 111 Taschenbuchseiten.

Auf dem Weg nach El Paso, der Grenzstadt zu Mexiko, begegnet Chaco im Tal des Rio Grande einer ängstlichen Landbevölkerung – eine Horde Banditen treibt in der Gegend ihr Unwesen und erpresst von den Farmern Schutzgeld. Wer nicht zahlen will, wird bedroht und mit grober Gewalt unter Druck gesetzt. Der Sheriff von El Paso ist überfordert und heuert Chaco an, damit dieser die Bande auf frischer Tat ertappt, doch obwohl das Halbblut manchen Überfall verhindern kann, geht ihm der unbekannte Kopf der Bande immer wieder durch die Lappen ...

Leseprobe

Die Geier vom Rio Grande

Chaco #54

Western von Carson Thau


Der Umfang dieses Buchs entspricht 111 Taschenbuchseiten.


Auf dem Weg nach El Paso, der Grenzstadt zu Mexiko, begegnet Chaco im Tal des Rio Grande einer ängstlichen Landbevölkerung eine Horde Banditen treibt in der Gegend ihr Unwesen und erpresst von den Farmern Schutzgeld. Wer nicht zahlen will, wird bedroht und mit grober Gewalt unter Druck gesetzt. Der Sheriff von El Paso ist überfordert und heuert Chaco an, damit dieser die Bande auf frischer Tat ertappt, doch obwohl das Halbblut manchen Überfall verhindern kann, geht ihm der unbekannte Kopf der Bande immer wieder durch die Lappen ...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Tony Masero, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

w ww.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Die Hauptpersonen des Romans:

Chaco — Man erwartet von ihm, dass er die Geier zur Strecke bringt.

Marc Clifford — Er verstrickt sich in Geschäften verschiedener Art.

Sheriff Wesley — Die Probleme in seinem County wachsen ihm über den Kopf.

Wang Yi — Er weiß immer über alles Bescheid und hat Freunde, die ihn beschützen.



1

Die Stadt lag im Schatten eines mächtigen Berges, fächerförmig breitete sie sich um seinen Fuß aus. Im Norden erhob sich die kahle, felsige Kette der Franklin Mountains, nach Osten hin erstreckte sich für Hunderte von Meilen dürres Weideland, hier und da von wüstenartigen Hochebenen durchbrochen herb, öde und abweisend, wenn man es mit der grünen Fülle des Rio Grande Beckens verglich.

Auf der anderen Seite des Rio Grande befand sich Juarez. Die mexikanische Grenzstadt hob sich gegen den fernen Hintergrund der Sierra Madre ab. Träge wälzte sich der Fluss in der flirrenden Mittagshitze.

Chaco zügelte seinen Morgan Hengst. Er befand sich in den letzten Ausläufern der Sierra de Cristo Rey, und unter ihm dehnte sich das Tal des Rio Grande fruchtbar und atemberaubend schön. Die Menschen hatten die Nähe des Wassers gesucht. Überall waren ihre Ansiedlungen zu erkennen. Und dann natürlich die Stadt El Paso. Das spanische Wort für Pass. Man hätte sie stattdessen auch Stadt der Berge nennen können, denn sie lag hoch, und in manchen ihrer Straßen, mussten die Bewohner den Kopf in den Nacken legen, um den stahlblauen Texas-Himmel gegen die felsigen Spitzen sehen zu können.

Von oben besehen wirkte die Stadt friedlich. Doch es war nicht das erste Mal, dass Chaco auf El Paso hinuntergeblickt hatte, und er wusste, welche Gefahren in den breiten Straßen dieser lebhaften Grenzstadt lauerten. Er drehte sich eine Zigarette, zündete sie an und ließ das einmalige Panorama noch eine Weile auf sich wirken.

Er glaubte nicht, El Paso noch heute erreichen zu können. Vor ihm lag ein Dürregürtel aus Mesquitegestrüpp, und es würde einige Zeit dauern, bis er sich durch dieses Hindernis hinuntergekämpft hatte und auf die grüne Talsohle stieß. Bis zum Abendrot hoffte er, auf eine der kleinen Ortschaften zu treffen, die den Weg nach El Paso säumten.

Vorsichtig drückte er die Zigarette auf dem Sattelhorn aus und gab seinem Pferd die Fersen. Der Hengst verfiel in einen leichten, rhythmischen Trab und fand den schmalen Trail wie von selbst. Bald umfing undurchdringliches Buschwerk Pferd und Reiter. Die trotz des späten Nachmittags immer noch drückende Hitze und das ständige Auf und Ab im Sattel ließen Chaco in eine Art Halbdämmer sinken. Doch seine ununterbrochen umhersuchenden Augen signalisierten Wachsamkeit.

Das Krachen eines Schusses ließ ihn hochschrecken. Die Kugel war aus einem Gewehr abgefeuert worden, so viel konnte er im ersten Augenblick feststellen. Zwei weitere Schüsse folgten hart und metallisch, in regelmäßigen Abständen.

Der Hengst schnaubte und richtete die Ohren auf. Chaco wartete auf weitere Schüsse. Aber er vernahm keine mehr. Stattdessen hörte er etwas anderes: das sich ständig nähernde Trommeln von Hufen.

Er lenkte sein Pferd vom Trail in das Dickicht. Gespannt hefteten sich seine Augen auf die Kurve, die der Trail in wenigen Yards Entfernung vollführte. Jeden Moment musste der Reiter dort erscheinen.

Das Hämmern der Hufe wurde lauter und lauter. In der nächsten Sekunde jagte ein schweißglänzendes Pferd in Sicht. Der Reiter saß vornübergebeugt und wankend im Sattel, schien sich kaum noch festhalten zu können. Seine frei umherpendelnde Rechte hielt einen Colt umklammert. Chaco ließ sich zur Seite fallen, als er bemerkte, dass der Lauf auf ihn gerichtet war. Die Mündung rauchte. An der rechten Wange verspürte er einen Luftzug, und für Sekunden fühlte es sich an, als kitzele ihn jemand mit einer Feder.

Er stieß einen Fluch aus und senkte die Rechte zum Schaft der Winchester, der neben seinem Schenkel aus dem Sattelschuh ragte. Doch er zögerte, und dann war der Mann schon, um die nächste Kurve verschwunden. Dem äußeren Eindruck nach war er verwundet, und wahrscheinlich hatte er nur deswegen auf Chaco geschossen, weil er in der Hast glaubte, das Halbblut wolle ihn an seiner Flucht hindern.

Erneut hörte Chaco Hufe trommeln. Diesmal stammten sie von mehr als einem Pferd. Chacos Muskeln spannten sich, er war bereit, im nächsten Moment zu reagieren.

Drei Reiter hetzten um die Ecke. Der erste stieß einen spitzen Schrei aus, und sie zügelten ihre Tiere abrupt.

Ohne zu zögern, hechtete Chaco aus dem Sattel. Dort, wo er sich noch vor einer Zehntelsekunde befunden hatte, zerteilte eine Kugel die Luft. Eine zweite schlug vor seinen Stiefeln in die Erde und spritzte Dreck auf.

Chaco ging in die Hocke, zog und schoss in einem. Einer der Reiter ließ seinen Colt fallen und griff japsend nach seinem Arm. Kaum hatten die anderen das Schicksal ihres Kumpans bemerkt, als sie auch schon ihre Pferde herumrissen und davonstoben. Der Angeschossene folgte ihnen fluchend.

Chaco sprang auf.

Für eine Weile lauschte er den Hufen nach, die in der Ferne verklangen. Dann klopfte er sich den Staub von der Kleidung und fluchte auf sein Pferd, das sich vor den Kugeln ins tiefste Dickicht verzogen hatte.

Nach einigen Minuten hatte er den Hengst gefunden, zerrte ihn zurück auf den Trail und stieg auf. Er zögerte einen Moment. Am liebsten wäre er dem bleiverspritzenden Trio gefolgt, aber er dachte auch an den flüchtenden Reiter. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hatte sein Körper als Kugelfang herhalten müssen. Vielleicht war er kurz davor, seine Lebensgeister auszuhauchen. Sein Anblick auf dem Pferd war jedenfalls nicht erbaulich gewesen.

Chaco ritt den Weg zurück, den er gekommen war. Mit gesteigerter Wachsamkeit achtete er auf mögliche Gefahrenzeichen, aber alles blieb ruhig. Schließlich erreichte er einen Punkt, von dem aus man mehr als eine Meile weit sehen konnte. Der verletzte Reiter war nirgendwo auszumachen.

Chaco zügelte den Hengst und zog den Tabaksbeutel hervor. Anscheinend war der Reiter doch nicht so schwer verletzt. Auf jeden Fall war er kräftig genug, um sich ohne Hilfe durch das Dickicht zu schlagen, denn weiter auf dem Trail war er bestimmt nicht geritten Chaco hätte ihn sonst von seinem Standpunkt aus sehen müssen.

Chaco entschloss sich, keine weiteren Gedanken an den Reiter zu verschwenden. Er zog das Pferd herum und ritt zum Ort des Kampfes zurück. Dann folgte er seinem ursprünglichen Trail durch das Dickicht, bis er die ersten grünen Ausläufer des Tals erreichte.



2

Die Sonne verblasste am westlichen Horizont. Chaco ritt über die Hauptstraße von Fifty eine lose Ansammlung von kastenförmigen Adobe-Lehmhäusern, die wie zufällig am Schienenstrang nach El Paso standen. Er hielt auf die Cantina am Ortsende zu. Sie fungierte auch als Hotel, und ein angebauter Holzschuppen war für die Pferde der Gäste, die sich hierher verirrten, vorgesehen.

Vor ungefähr einer Stunde hatte Chaco die Talsohle erreicht. Das Gestrüpp war kultiviertem Land gewichen. Kleine Farmen säumten den Weg, Obst und Weingärten. Die Gegend wirkte auf den ersten Blick friedlich und wohlhabend. Doch die Menschen hatten misstrauisch von der Feldarbeit aufgeblickt und den Fremden gemustert. Chaco hatte gespürt, dass ihr Argwohn weniger ihm selbst galt als der möglichen Gefahr, die er vielleicht verkörperte. Die Leute waren verängstigt.

Die letzten Meilen durch das Dickicht hatte Chaco mit gesteigerter Aufmerksamkeit zurückgelegt, vorsichtig die Bewegungen der Vögel und der kleinen Tiere im Unterholz beobachtend. Doch die drei flüchtigen Revolverschwinger hatten ihm nicht aufgelauert. Zumindest einer von ihnen wäre dazu auch nicht in der Lage gewesen. Vielleicht erwarteten sie ihn irgendwo in Fifty.

Chaco stieg ab und schlang die Zügel des Hengstes um den Haltebalken vor der Cantina. Er wollte soeben auf den Eingangsvorhang zusteuern, als derselbe von einem leutseligen kleinen Mexikaner zurückgeschlagen wurde. Der Mann trat ihm entgegen, reichte ihm die Hand und gab sich als Bürgermeister von Fifty zu erkennen. Gleichzeitig war er der Besitzer der Cantina.

„Garcia ist mein Name, Fremder, Alfonso Garcia. Willkommen in Fifty.“

Das Halbblut griff nach der ausgestreckten Hand. „Chaco. Seid ihr immer so freundlich zu Fremden, die ihr nicht kennt hier in Fifty?“ Garcia musterte ihn kritisch.

„Die meisten Leute hier haben Angst“, sagte er. Und dann mit einer wegwerfenden Handbewegung: „Aber ihre Probleme haben sie damit nicht gelöst. Sterben müssen wir alle. Warum sollen wir es schlotternd vor Angst tun? So haben wir nichts vom Leben, und andern tun wir auch nichts. Ich bin lieber fröhlich.“ Er lächelte Chaco von unten an. „Gefällt dir das nicht?“

Das Halbblut schwieg.

„Und außerdem“, Garcias Hände zuckten unter seinen Poncho, „weiß man sich besser zu helfen, wenn man keine Angst hat.“ Er hielt zwei kleine Colts in seinen Händen.

Chaco wollte gerade zur Seite springen, als Garcia die Colts lachend senkte. „Ganz ruhig Amigo. Ich werde doch nicht meine Gäste erschießen.“

Chaco entspannte sich.

„Komm jetzt rein“, sagte der Mexikaner. „Mein Essen und mein Wein sind die besten in der ganzen Gegend.“

„Wie sieht’s mit deinem Heu aus?“, fragte Chaco und wies auf sein Pferd.

Garcia schob seine Colts zurück unter seinen Poncho.

„Ich weiß jetzt, wo du sie hast“, sagte Chaco spaßhaft.

„Umso besser“, erwiderte der Mexikaner. „Ich hoffe, dass dieses kleine Geheimnis ein Grund für uns ist, immer freundlich miteinander umzugehen.“

„An mir soll’s nicht liegen. Für mein Pferd kann ich allerdings nicht garantieren ...“

„Schon gut ich habe verstanden.“ Der kleine Mexikaner sprang vom Stepwalk zu dem Hengst hinab, band ihn los und führte ihn zum Stall. Chaco folgte den beiden.

Nachdem er das Pferd gut versorgt sah, trat er hinter Garcia in die Cantina. Sie war nur spärlich besetzt, und die anwesenden Gäste die meisten von ihnen Cowboys schenkten dem eintretenden Halbblut kaum Beachtung. Der Raum war angenehm matt erleuchtet, ohne finster zu wirken.

Garcia wies Chaco einen Platz zu und eilte dann zur Küchenluke, durch die er die Essensbestellung rief. Mit einer Flasche Rotwein und zwei Gläsern kehrte er zurück. Ohne zu fragen, nahm er Platz.

„Ich habe dich beobachtet, wie du auf meine Colts reagiert hast, Chaco“, sagte er und schenkte die Gläser voll. „Du hast keine Angst, Amigo. Du gefällst mir.“ Er prostete Chaco zu.

Chaco griff nach seinem Glas und trank. Er fragte sich, was Garcia im Schilde führte.

„Du redest viel von Angst“, sagte er. „Was ist es, das den Leuten Angst einjagt?“

Der Mexikaner zögerte. Um abzulenken, befeuchtete er den linken Mittelfinger in seinem Wein und rieb damit über die Glaskante, was einen hohen Summton erzeugte. Der Finger kreiste immer schneller, und der Ton wurde immer höher.

Schließlich, legte Chaco seine Hand langsam, aber bestimmt auf Garcias linken Arm. Der Summton erstarb, und der Mexikaner blickte verwirrt auf.

„Was?“, fragte Chaco.

„Die Geier“, sagte Garcia eher gelangweilt. „Die Leute nennen sie die Geier.“

„Wie poetisch.“

„Poetisch weiß Gott!“, sagte Garcia grimmig. „Poetisch, aber zutreffend. Sie fordern Tribut von den Farmern und Fruchtpflanzern hier im Tal. Wer nicht zahlt, den betrachten sie als tot, und fallen über ihn her wie die Geier.“

„Und wie sieht es mit den Saloon und Ladenbesitzern aus?“, fragte Chaco. „Von denen fordern sie keinen Tribut?“

Garcias Oberlippe zuckte. „Bis jetzt noch nicht, Amigo. Warte, ich hole dir dein Essen.“

Er kehrte mit einem dampfenden Riesenteller voll mexikanischer Köstlichkeiten zurück. „Lass es dir schmecken.“ Er reichte Chaco Messer und Gabel.

Chaco fing an zu essen.

„Drüben in El Paso allerdings“, sagte Garcia, nachdem er ihm eine Weile zugesehen hatte, „da sieht es anders aus. Da soll es schon Ärger mit einigen Saloonbesitzern gegeben haben.“

„Und wann ist es in Fifty so weit?“, fragte Chaco ohne von seinem Teller aufzublicken.

„Bis jetzt haben nur die Farmer dran glauben müssen. Man hat auf die Arbeiter in den Feldern geschossen, Scheunen und Heuschober gingen in Flammen auf. Eine kleine Farm brannte ab. Man fand die Familie in den Trümmern. Jeder weiß, dass die 'Geier' dafür verantwortlich sind, aber keiner wagt es, den Mund aufzutun aus Angst.“

Chaco nickte nur. Die Situation war eindeutig, und er wusste nicht, was er dazu hätte sagen sollen. Zufrieden rülpsend schob er den leeren Teller von sich.

„Freut mich zu hören, dass es dir geschmeckt hat“, sagte Garcia. „Hier, trink noch einen Schluck.“ Er schenkte Chaco nach und wartete, bis das Halbblut sein Glas geleert hatte.

„Wir haben hier noch nicht mal einen Marshall“, sagte er dann. „Fifty ist zu klein, um sich einen leisten zu können. County-Sheriff Wesley schaut ab und zu mal von El Paso aus rüber wenn er gerade Zeit hat, was selten vorkommt , und auch dann nur, wenn wirklich Not am Mann ist. Was soll er auch hier, wenn niemand bereit ist, auszusagen? Also, wenn du mich fragst, Amigo: Wesley könnte Hilfe gebrauchen.“

Langsam merkte Chaco, wo der Hase langlief. Er warf Garcia einen kurzen Blick zu. Der kleine Mann hatte Mut, darüber konnte kein Zweifel bestehen. Es hätte Chaco nicht verwundert, wenn die „Geier“ auf Garcia deswegen aufmerksam geworden wären. Vielleicht waren sie deswegen bereits mit ihm „in Kontakt getreten“, um es vorsichtig auszudrücken. Auf jeden Fall schien der Mexikaner besorgt. Würde er sonst zu einem Wildfremden über seine Probleme reden?

Chacos Gedanken kreisten erneut um den Zwischenfall im Mesquite-Dickicht. Er erzählte Garcia davon.

„Ich glaube, die drei gehörten zu der Bande“, sagte der Mexikaner, der ihm aufmerksam zugehört hatte. „Der andere wird eins von ihren Opfern gewesen sein jemand, der nicht zahlen wollte, oder jemand, von dem sie herausgefunden haben, dass er plante, gegen sie auszusagen. Und sie sind in diese Richtung geflohen?“

„Nach Fifty“, sagte Chaco zustimmend. „Zumindest einer von ihnen braucht ärztliche Versorgung. Wenn ich sie wäre, würde ich jetzt langsam auftauchen. Es ist dunkel geworden.“ Garcia dachte einen Moment nach. „Und wenn wir mal kurz beim Doc vorbeischauen?“, sagte er dann. „Vielleicht hat er heute Abend jemand mit einer Schusswunde behandelt.“

„Keine schlechte Idee“, sagte Chaco. Garcia räumte den Teller und die Gläser vom Tisch und brachte sie in die Küche. Dann begaben sich beide zur Praxis des Arztes.

Das Haus des Doktors lag nur wenige Yards entfernt. Sie gingen schräg über die Main Street. Garcia zeigte auf ein erleuchtetes Fenster.

„Das ist die Praxis von Doc Kleespie“, sagte er. „Er ist drin. Wir brauchen nicht anzuklopfen.“

Chaco, der vorausging, drückte die angelehnte Tür nach innen und was er sah, überraschte ihn im ersten Moment, obwohl er irgendwie damit gerechnet hatte.

Ein Mann rollte gerade sein Hemd über den verbundenen Unterarm zurück. Im Hintergrund stand Doc Kleespie. In der Rechten hielt er eine Schere, in seiner Linken eine Rolle Mull. Nichts Ungewöhnliches für ein Sprechzimmer nur dass der Patient schwarz maskiert war und dass er einen Freund mitgebracht hatte, der den Arzt mit gezücktem Colt in Schach hielt.

Blitzartig sprang Chaco zurück, stieß Garcia seitwärts in Deckung und zog den Army Colt. Doc Kleespie warf sich zu Boden, als die Colts in seinem Sprechzimmer aufbellten.

Auf beiden Seiten blitzten orangene Feuerlanzen auf. Beißender Pulverrauch hing im Raum. Irgendwo schrie jemand laut auf. Eine Kugel zupfte Chaco am Ärmel. Er spürte die brennende Spur einer zweiten, die ihn am Hals gestreift hatte. Er schwankte leicht, richtete sich wieder auf und feuerte.

Durch die Pulverschwaden sah er die zwei am Boden liegen, bewegungslos wie schwarze Schatten. Er ließ den Colt sinken und lud nach.

Garcia tauchte in der Tür auf, das Gesicht weiß wie ein Laken. Ächzend erhob sich Doc Kleespie vom Boden.

„Warum konntet ihr nicht früher auftauchen“, fluchte der Alte. „Dann hätte ich zumindest das Verbandszeug einsparen können.“ Er steuerte auf Chaco zu. „Zeigen Sie mir mal ihren Hals, mein junger Freund. Sie scheinen verwundet zu sein.“

Der Doktor untersuchte die Schramme an Chacos Hals, in der sich ein wenig Blut gesammelt hatte. „Nichts Ernstes. Ein bisschen Salbe, und die Sache ist in Ordnung.“ Er durchsuchte seinen Arzneischrank und kehrte mit einem kleinen Fläschchen zurück. Vorsichtig schmierte er etwas von dem Inhalt auf die Wunde.

Garcia hatte sich nach den beiden Banditen gebückt und sie umgedreht. „Die hat’s erwischt, Amigo“, sagte er zu Chaco. „Jetzt, wo sie so daliegen, tun sie mir richtig leid. Aber vorhin hätte ich so gehandelt wie du.“

„Er hatte keine andere Wahl“, sagte Doc Kleespie und stellte das Salbentöpfchen zurück. „Gucken Sie sich die Schramme an seinem Hals an, Garcia. Er kann froh sein, dass er noch einmal davongekommen ist.“

Garcia hatte den Männern die Masken vom Gesicht genommen.

„Ich kenne die beiden“, sagte er. „Gestern Abend tauchten sie in meinem Restaurant auf und fragten die Bedienung aus. Sie schienen mächtig interessiert zu sein, wie mein Laden so lief.“ Er zeigte auf den Banditen mit dem verbundenen Arm. „Ist das derjenige, den du im Dickicht verwundet hast, Amigo?“

Chaco nickte.

„Was machen wir jetzt mit den beiden?“, fragte Doc Kleespie.

„Ich werde sofort an Sheriff Wesley telegraphieren“, sagte Garcia. „Inzwischen können wir sie in meinem Stall unterbringen.“

Draußen wurden Stimmen laut. Die Schießerei hatte die Bürger aus ihren Häusern gelockt.

„Ich werde ihnen erklären, was vorgefallen ist“, sagte Garcia. „Sie können uns helfen, die beiden in meinen Stall zu verfrachten.“

In diesem Moment platzte ein halbes Dutzend Männer in den Raum, gefolgt von einer drängenden Menge. Gierig sahen sie sich um und stellten alle nur erdenklichen Fragen. Garcia antwortete so gut er konnte.

„Das sind sie!“, rief plötzlich einer der Männer. „Sie gehören zu den 'Geiern'! Neulich waren sie auf meiner Farm!“

Ein aufgeregtes Raunen durchlief die Menge. Zwei oder drei Männer verließen angstvoll den Raum. Weitere folgten ihnen. Garcia konnte gerade noch drei seiner Mitbürger überreden, mit ihm die Körper der Banditen in den Stall zu tragen. Danach begab er sich mit Chaco zur Telegraphenstation und benachrichtigte Sheriff Wesley.

„Hast du noch Zimmer frei?“, fragte Chaco ihn auf dem Rückweg.

„Wenn dir die Küchenschaben nichts ausmachen, Amigo. Sie werden dir den Weg zeigen. Kostet runde zwei Dollar.“

„Ich hoffe, du übertreibst mit Küchenschaben wie mit dem Preis.“ Garcia äußerte einen unbestimmten Laut. „Ein bisschen. Ich frage mich, was aus dem Burschen geworden ist, den sie dort oben im Dickicht verwundet haben. Du hast nichts mehr von ihm gesehen?“

„Keine Spur. Wenn er durchkommt, werden wir vielleicht früher oder später von ihm hören. Von den Banditen ist auch noch einer am Leben. Bei Doc Kleespie hat es nur zwei erwischt.“

„Selbst wenn er hier in Fifty gewesen wäre nach dem, was seinen Kumpanen zugestoßen ist, wird er sich schnellstens aus dem Staub gemacht haben. Natürlich werden die anderen der Bande nicht gerade entzückt von seinen Neuigkeiten sein. Probleme haben wir genug, Amigo. Wir wollen nicht weiter darüber reden. Gute Nacht.“



3

Das Zimmer war gar nicht so schlecht, wie man nach Garcias Worten hätte vermuten müssen. In einem relativ komfortablen Bett verbrachte Chaco eine ruhige Nacht. Am späten Vormittag weckte ihn Garcias Barkeeper, der den Raum mit einem Frühstückstablett betrat. Chaco richtete sich im Bett auf.

„Entschuldigen Sie, wenn ich störe“, sagte der Keeper und blies sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Se ñor Garcia schickt mich. Der Sheriff wird jede Minute mit dem Zug eintreffen.“

Er stellte das Tablett vor Chaco ab und goss Kaffee ein.

Nachdem Chaco ausgiebig gefrühstückt und sich angezogen hatte, stieg er in den Schankraum von Garcias Cantina hinab, um die Ankunft von Sheriff Wesley zu erwarten. Seine Gedanken kreisten um einen möglichen Job als Hilfssheriff. Er versuchte, sich mit der Idee anzufreunden. Sicherlich würde Garcia versuchen Wesley dahingehend zu beeinflussen. Chaco konnte Geld gebrauchen. Bis auf ein paar Dollar war er völlig abgebrannt.

Kurz nachdem Chaco das Pfeifen des Mittagszugs vernommen hatte, trat der Sheriff in die Cantina. Er war ein schlanker, hoch aufgeschossener Mann mit einem wettergegerbten Gesicht, in dem sich kein Muskel bewegte. Garcia folgte ihm und führte ihn an Chacos Tisch. Dann holte er Wein.

Wesley wartete bis Garcia zurückkehrte.

„Ich habe ihm alles erzählt“, sagte der Mexikaner zu Chaco. „Auch davon, dass du keine Angst hast.“ Er blickte das Halbblut gespannt an, wie wenn er etwas von ihm erwartete.

Chaco wusste, was es war.

„Was wissen Sie über die 'Geier'?“, fragte er den Sheriff.

„Nicht viel“, erwiderte Wesley. „Ein ziemlich wilder Haufen, aber irgendjemand muss die Fäden im Hintergrund ziehen. Die Operationsweise der Bande zeigt deutlich, dass sie einem ausgeklügelten Plan folgt.“

„Erzählen Sie ihm, wie sie vorgehen, Sheriff“, sagte Garcia.

„Was gibt es da viel zu erzählen? Eines Tages taucht ein fremder Reiter auf einer Farm auf und unterhält sich mit irgendjemandem, der gerade in den Feldern arbeitet bevorzugt natürlich mit dem Besitzer. Er schlägt vor, dass die betreffende Farm einem 'Interessenverband zum Schutz des Eigentums' beitritt, um sich dadurch gegen 'eventuelle Überfälle' zu schützen. Das ganze koste natürlich eine gewisse Summe, dafür sei die Farm dann aber auch geschützt. Wenn das Angebot nicht verfängt, sagen sie gar nichts, stoßen keine Drohungen aus, sondern reiten einfach weg. Einige Nächte später steht denn die Scheune der betreffenden Farm in Flammen, oder ein paar Pferde liegen erschossen im Stall. Oder wenn der Besitzer auf dem Feld arbeitet, kann es passieren, dass aus dem Nichts auf ihn geschossen wird und die Kugeln ihn nur um Haaresbreite verfehlen. Die meisten Farmer verlieren natürlich sofort die Nerven und lassen sich auf alles ein. Und die, die es nicht tun, müssen dafür einen hohen Preis bezahlen. Deswegen wagt es auch niemand zu reden. Doch nun zu Ihnen.“ Wesley blickte Chaco in die Augen. „Garcia sagte mir, Sie wären unter Umständen bereit, für mich zu arbeiten. Ist das richtig?“

Chaco warf Garcia einen kurzen Blick zu. Der Mexikaner spürte, dass er voreilig gehandelt hatte, und wurde merklich kleiner auf seinem Stuhl.

„Ich würde Ihnen tausend Dollar zahlen können“, hakte der Sheriff nach.

„Für wie lange?“, fragte Chaco.

„Bis die Sache erledigt ist“, sagte Sheriff Wesley. „Wenn wir die Bande bis morgen zur Strecke gebracht haben, sind Sie in kurzer Zeit ein reicher Mann geworden. Akzeptieren Sie?“ Er reichte Chaco die Hand.

Chaco schlug ein, und Garcia atmete auf.

„Ich habe gehört, dass inzwischen auch einige Saloons aufgefordert wurden, der 'Interessengemeinschaft' beizutreten“, sagte Chaco zu Wesley.

„Gehört habe ich auch davon“, erwiderte der Sheriff. „Nur hat sich bis jetzt noch kein Saloonbesitzer bei mir gemeldet. Als Gesetzesvertreter sind mir die Hände gebunden. Sie hingegen könnten da etwas weiter gehen, Mister Chaco.“

„Sie wollen also nicht, dass ich als Hilfssheriff für Sie arbeite.“

„Auf keinen Fall. Betrachten Sie sich als eine Art 'freien Mitarbeiter für außergewöhnliche Fälle'. Einen offiziellen Status kann ich Ihnen natürlich nicht geben. Sonst wären ja auch Ihnen die Hände gebunden.“ Chaco verstand, worauf Wesley hinauswollte, und plötzlich spürte er, dass irgendein Haken bei der Sache war.

„Unten beim Fluss hat es einen Überfall auf einen Saloon gegeben. Die Einrichtung wurde kurz und klein geschlagen, der Barkeeper erschossen. Der Besitzer soll sich geweigert haben, Tribut zu zahlen.“

„Wie heißt er?“, fragte Chaco.

„Den Namen habe ich im Moment vergessen“, sagte Wesley. „Er hätte mich am liebsten sofort wieder aus seiner Wohnung geworfen, als ich ihn besuchte. Es war kaum ein Wort aus ihm herauszubekommen.“

„Haben Sie irgendwelche Vermutungen, wo sich das Hauptquartier der Bande befindet?“, fragte Chaco Wesley.

„Vermutungen schon vage Gefühle.“ Der Sheriff zögerte. „Es spricht nichts dagegen, dass es nicht in El Paso ist. Mit Sicherheit kann ich das natürlich nicht sagen. Aber unsere Stadt ist ziemlich groß. Die Leute kommen und gehen. Niemand achtet da auf ein neues Gesicht. Die 'Geier' könnten ihre Kommandozentrale direkt neben meinem Büro aufschlagen, und ich würde es nicht bemerken. Wahrscheinlich werden sie auch ein Versteck in den Bergen haben, aber meine Nase sagt mir, dass die Fäden von El Paso aus gezogen werden.“

Chaco schwieg.

„Na ja“, sagte der Sheriff, „wir werden ja sehen. Jetzt lass mir erst mal was Schönes zum Essen kommen, Alfonso, und dann werden wir uns um die zwei im Stall kümmern.“

Chaco sah dem Sheriff beim Essen zu und trank von dem Kaffee, den Garcia zusätzlich gebracht hatte. Als Wesley fertig war, begaben sie sich zum Stall.

Wesleys Untersuchung der Körper brachte keine neuen Resultate. Er konnte sich nicht daran erinnern, die zwei jemals in seinem Leben gesehen zu haben, was allerdings nichts zu besagen hatte. Chaco wiederholte Garcias Behauptung, dass die beiden Banditen vor zwei Tagen in seiner Cantina gewesen wären.

„Sieht ganz so aus, als ob die 'Geier' ihre Saloon-Operation ausweiten wollen“, brummte der Sheriff. „El Paso ist wohl zu klein für sie geworden.“

„Etwas anderes war doch nicht zu erwarten“, sagte Chaco, „solange sie keiner stoppt. Sie suchen ihre Grenzen.“

„Wie Sie es sagen, hört es sich recht harmlos an“, sagte Wesley und ließ die Decke zurück über die beiden leblosen Körper sinken. Dann blickte er auf seine Uhr. „Gegen fünf Uhr abends kommt hier ein Zug aus dem Osten an. Er führt einen Gepäckwagen. Darin können wir die zwei verfrachten. Vermutlich wird der Leichenbeschauer einen Report anfertigen wollen. Ihre und Garcias Aussage werden vonnöten sein. Werde ich Sie morgen in El Paso sehen?“

„Warum komme ich nicht gleich mit?“, fragte Chaco. „Für mein Pferd wird im Gepäckwagen Platz sein, und wenn mich nicht alles täuscht, wird auch Garcia nicht allein in Fifty ausharren wollen.“

„Das wäre mir am liebsten“, sagte Wesley. „Lassen Sie uns zum Bahnhof gehen und mit dem Stationsvorsteher sprechen. Ich bin mir nicht sicher, ob man ein Pferd in einem Gepäckwagen befördern kann.“

Am Bahnhof lief alles glatt. Der Stationsvorsteher hatte keine Bedenken. Sie kehrten zurück in die Cantina. Wesley erzählte Garcia, worüber er mit Chaco gesprochen hatte.

„Ich komme am besten gleich mit“, sagte der Mexikaner. „Ich habe schon lange mal wieder die Nacht in einer großen Stadt verbringen wollen. Wann sagten Sie, fährt der Zug? Gegen fünf? Ich bin gleich fertig. Muss noch schnell ein paar Dinge mit meinem Barkeeper besprechen. Setzen Sie sich so lange. Ich lass Ihnen was zu trinken bringen.“

Wesley nahm Platz. „Eins muss man Alfonso lassen“, sagte er. „Sein Wein und sein Whisky sind die besten in der ganzen Gegend.“

„Sein Kaffee ist auch nicht schlecht“, sagte Chaco.



4

Der Zug traf fahrplanmäßig ein. Es brauchte einen Fuder Hafer, um den Morgan Hengst in den Gepäckwagen zu locken, doch einmal drin verhielt sich das Tier friedlich. Chaco, Wesley und Garcia nahmen in dem Waggon gleich hinter dem Pullmanwagen, der direkt an die Lokomotive gekoppelt war, Platz. Die Glocke läutete, Dampf zischte, und der Zug setzte sich in Richtung El Paso in Bewegung.

Die drei Männer rauchten und unterhielten sich miteinander. Der Zug war nicht gerade schnell, und sie rechneten damit, für die etwa zwanzig Meilen nach El Paso eine gute Stunde zu brauchen.

Kurz vor Sonnenuntergang durchfuhren sie Ysleta, das zwölf Meilen von El Paso entfernt lag. Die Schatten der Häuser waren lang, als sie die Stadt verließen.

Sie waren nur wenige Meilen gefahren, als plötzlich zischende Dampfwolken von der Lok aufstiegen. Abrupt fassten die Bremsschuhe, und ein grelles Quietschen drang durch die Fenster ins Wageninnere. Der Waggon schüttelte hin und her.

„Aufpassen!“, schrie Chaco. „Gleich werden wir auf etwas prallen!“ Mit beiden Händen stützte er sich an der Lehne des Sitzes vor ihm ab.

Da war der Aufprall!

Der Waggon sprang in die Luft, seine Vorderräder schlugen neben den Schienen auf die splitternden Schwellen, er wankte bedrohlich und kam knirschend zum Stillstand. Der Pullmanwagen war in der Mitte auseinandergebrochen.

Chaco hatte mit seinen Händen das Schlimmste abfangen können. Leicht stöhnend richtete er sich auf. Der Waggon hallte wider von den Schreien der Verletzten und Verängstigten, die von dem Sturz auf den Mittelgang gerissen worden waren. Garcia und Wesley hatten Chacos Warnung beherzigt und richteten sich unverletzt aus ihren Sitzen auf.

Vor den Fenstern zogen Dampfwolken vorbei, die aus den gebrochenen Leitungen der Lokomotive drangen. Die Luft zitterte unter dem krachenden Donner einer Explosion. Dann folgten Revolverschüsse. Durch die zertrümmerten Fenster jaulten mehrere Querschläger.

„Es ist ein Überfall!“, brüllte Chaco.

Er sprang in den Mittelgang und hüpfte über die am Boden liegenden Fahrgäste. Im nächsten Moment stand er auf der Außenplattform. Er spürte den Luftzug einer Kugel in seinem Gesicht. Schon hatte er sich zu Boden geworfen und feuerte. Garcia und Wesley befanden sich hinter ihm und schossen ebenfalls.

Ein halbes Dutzend maskierter Männer, die aus dem Chaparral am Bahndamm hervorgebrochen waren, wichen wild um sich feuernd wieder zurück. Chaco schoss, bis der Hammer seines Army Colts auf leere Hülsen klickte.

Er sprang von der Plattform, lud im Rennen nach und feuerte in das Dickicht. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Garcia und Wesley ihm folgten.

Er hatte gerade den Rand des Chaparrals erreicht, als er Hufe davontrommeln hörte. Er zwang sich in das Gebüsch, erreichte eine kleine Lichtung und blickte sich um.

Von den Banditen war nichts mehr zu sehen. Auf dem Boden entdeckte er die Spuren ihrer Pferde.

„Feige Ratten!“, keuchte Wesley, der hinter ihm auf getaucht war. „Ob jemand bei dem Überfall umgekommen ist?“

„Gut möglich“, sagte Chaco und ging voraus in Richtung Zug. „Die Lok ist umgekippt. Sie haben Sprengstoff unter den Pullman geworfen, um den Zug aufzuhalten. Der Waggon ist völlig hin.“

Ein Bild des totalen Chaos bot sich ihren Augen, als sie das Dickicht verließen und auf den Zug zugingen. Garcia, der Wesley nicht in den Chaparral gefolgt war, kam ihnen verwirrt entgegen. Seine Colts hatte er irgendwo abgelegt.

Schreiende und fluchende Menschen kletterten aus den umgestürzten Wagen. Hier und da kreischte eine Frau, und die Rufe der Hilfesuchenden vermischten sich mit dem Fauchen des entweichenden Dampfes.

Hinter der umgekippten Lok stauten sich die Trümmer des Pullmans. Überall lagen Steinbrocken verstreut, die kurz hinter dem Scheitelpunkt einer Kurve auf die Schienen gehäuft waren, um die Lok zu stoppen. Lokführer und Heizer kletterten gerade aus dem Führerstand. Der Heizer blutete aus einer kleinen Kopfwunde.

„Gott sei Dank!“, sagte Wesley. „Ihnen ist nicht passiert. Aber der Pullman sieht ja entsetzlich aus.“

„Keine Sorge, da war niemand drin“, sagte der Lokführer. „Außer, glaube ich ...“

„Haben Sie diese verdammten Hundesöhne erwischt?“, röhrte der Heizer in Richtung Chaco und wischte sich mit der flachen Hand über seine Kopfwunde. „Wir haben noch Glück gehabt, dass wir so langsam gefahren sind. Ich möchte nicht wissen, wie das hier jetzt aussehen würde, wenn wir Höchstgeschwindigkeit draufgehabt hätten. Komm, Rudy.“ Er fasste den Lokführer am Arm. „Lass uns die Kohlen löschen. Sonst fliegt uns gleich noch der ganze verdammte Kessel um die Ohren.“

Die verwundeten Passagiere waren in Wirklichkeit mehr verängstigt als verletzt, wie sich jetzt langsam herausstellte. Diejenigen, die besser beieinander waren, kümmerten sich um den Rest.

„Gibt es irgendwo eine Telegrafeneinrichtung im Zug?“, rief Wesley dem zu seiner Maschine zurückeilenden Lokführer nach.

„Hinten! Im Bremswagen!“, rief der Mann zurück.

Wesley lief am Zug entlang auf den Bremswagen zu. Chaco folgte ihm.

„Wir werden El Paso benachrichtigen“, sagte Wesley über die Schulter. ;,Die sollen sich um den entgleisten Zug kümmern und einige leere Wagen herschicken, die die Passagiere aufnehmen können. Außerdem muss die Strecke gesperrt werden. Ich will nicht, dass ein anderer Zug in dieses Chaos prallt.“

Chaco blieb für einige Sekunden vor dem Gepäckwagen stehen, um sich vom guten Zustand seines Pferdes zu überzeugen. Der Morgan Hengst schien wohlauf, und es sprach nichts dagegen, dass Chaco die restlichen Meilen nach El Paso auf seinem Rücken zurücklegte. Zufrieden ging Chaco weiter.

Vor dem letzten Wagen des Zuges nahm Wesley gerade den kastenförmigen Telegrafenapparat, aus dem zwei Anschlussdrähte baumelten, vom Bremser in Empfang. Zweifelhaft blickte er den riesigen Telegrafenmast vor sich empor.

„Kommen Sie da hoch?“, fragte er Chaco. „Ich weiß nicht, ob ich ...“

„Geben Sie schon her“, sagte Chaco und griff nach den Anschlussdrähten. Er steckte die Enden in seinen Hosenbund und kletterte dann, Hand über Hand, den Telegrafenmast hinauf. Oben angelangt, befestigte er die Drähte an der Überlandleitung.

„Fertig!“, rief er zu Wesley hinunter.

Der Sheriff gab seine Meldung durch. Als er damit am Ende war, löste Chaco die Drähte wieder und stieg zu ihm hinab.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738925036
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
chaco geier grande

Autor

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Titel: Chaco 54: Die Geier vom Rio Grande