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Die Kanonen von Terra 10

2018 240 Seiten

Zusammenfassung

In einer fernen Zukunft, in der es mehr als 17 Milliarden Menschen gibt, ist die Erde nicht mehr der alleinige Heimatplanet des Menschen; er hat sich längst aufgemacht, den Weltraum zu besiedeln, und nutzt die Erde als riesige Obstplantage. Regiert wird sie von einem riesigen, mächtigen Konsortium, der Solana Corporation. Mittels fortgeschrittener Gentechnologie ist es gelungen, die Unterschiede zwischen den Menschen auf ein Minimum zu reduzieren und bestimmte Individuen für bestimmte Zwecke zu designen, geistige Indoktrinierung eingeschlossen; die Fehlschläge des Klonens nennt man "Reevers".

Für solche bestimmten Zwecke erschaffen ist Zach Whaleman, der Kanonier von Terra 10, dem gewaltigsten Weltraumschlachtschiff, das der Mensch je ersonnen hat. Seine Aufgabe ist es, die Welt der Menschen gegen eine bevorstehende Invasion durch Außerirdische zu verteidigen. Auf Terra 10 abgesehen hat es eine kleine Gruppe der Reevers, die zusammen mit ihrem Anführer Tom Cole das Schiff benutzen will, die Corporation dazu zu bringen, die Reevers als Menschen anzuerkennen und aufzuhören, sie als minderwertig zu behandeln. Zu diesem Zweck entführen die Reevers Whaleman und wollen ihn zwingen, ihnen zu helfen.

In der kleinen Reevers-Gemeinde lernt der Kanonier, was es heißt, ein Mensch zu sein und wie ein Mensch zu denken und zu fühlen, und stellt plötzlich seine Loyalität der Corporation gegenüber in Frage. Mit den Kanonen von Terra 10 hätte Whaleman ein gewaltiges Druckmittel in der Hand gegen Solana. Es wird ein Wettlauf mit der Zeit, denn die Außerirdischen werden nicht warten, bis Whaleman sich entschieden hat, auf wessen Seite er gehört. Die Invasion steht unmittelbar bevor …

Leseprobe

Roman

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/Titelbild: Scott Betts/123RF mit Steve Mayer, 2018

Übersetzung: Dr. Frank Roßnagel

Originaltitel: THE GUNS OF TERRA 10

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

In einer fernen Zukunft, in der es mehr als 17 Milliarden Menschen gibt, ist die Erde nicht mehr der alleinige Heimatplanet des Menschen; er hat sich längst aufgemacht, den Weltraum zu besiedeln, und nutzt die Erde als riesige Obstplantage. Regiert wird sie von einem riesigen, mächtigen Konsortium, der Solana Corporation. Mittels fortgeschrittener Gentechnologie ist es gelungen, die Unterschiede zwischen den Menschen auf ein Minimum zu reduzieren und bestimmte Individuen für bestimmte Zwecke zu designen, geistige Indoktrinierung eingeschlossen; die Fehlschläge des Klonens nennt man „Reevers“.

Für solche bestimmten Zwecke erschaffen ist Zach Whaleman, der Kanonier von Terra 10, dem gewaltigsten Weltraumschlachtschiff, das der Mensch je ersonnen hat. Seine Aufgabe ist es, die Welt der Menschen gegen eine bevorstehende Invasion durch Außerirdische zu verteidigen. Auf Terra 10 abgesehen hat es eine kleine Gruppe der Reevers, die zusammen mit ihrem Anführer Tom Cole das Schiff benutzen will, die Corporation dazu zu bringen, die Reevers als Menschen anzuerkennen und aufzuhören, sie als minderwertig zu behandeln. Zu diesem Zweck entführen die Reevers Whaleman und wollen ihn zwingen, ihnen zu helfen.

In der kleinen Reevers-Gemeinde lernt der Kanonier, was es heißt, ein Mensch zu sein und wie ein Mensch zu denken und zu fühlen, und stellt plötzlich seine Loyalität der Corporation gegenüber in Frage. Mit den Kanonen von Terra 10 hätte Whaleman ein gewaltiges Druckmittel in der Hand gegen Solana. Es wird ein Wettlauf mit der Zeit, denn die Außerirdischen werden nicht warten, bis Whaleman sich entschieden hat, auf wessen Seite er gehört. Die Invasion steht unmittelbar bevor ...

KAPITEL EINS

Das große Spiel

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EINE KRIECHENDE KÄLTE bahnte sich ihren Weg durch seinen sechseinhalb Fuß großen Körper und veranlasste Kanonier Zach Whaleman, kurzzeitig auf der Veranda außerhalb von Board Central anzuhalten. Er schüttelte die merkwürdige Unruhe ab und blickte auf das strahlend beleuchtete Gelände, den Kunstrasen und die Blumen, die den hässlichen schwarzen Sand von Board Island verdeckten. Die vulkanische Insel im Mittelatlantik hätte auf sich jedem der toten Planeten befinden können, dachte er, abgesehen von der dichten Atmosphäre und den angenehmen Umweltbedingungen. Es gab wenig an Board Island, das einen Menschen an seine terranischen Wurzeln  erinnerte. Grimmig und düster, wie an den meisten anderen Orten im Sonnensystem, gab es hier nichts von süßen Gerüchen und aufregenden Landschaften, die die Erde einzigartig im Sonnensystem machten. Whaleman stieg schnell die Stufen hinunter und ging über den Kunstrasen zum Parkplatz.

Eine hübsche GovTech (so wurden die Techniker genannt, die für die Regierung arbeiteten) trat aus einem kreuzenden Fußweg, lächelte zögernd den großen Kanonier an und näherte sich dann schnell. Er erkannte ihre Absicht und verlangsamte sein Tempo.

Das Mädchen war ein kleiner Mensch, zwei Fuß kleiner als Whaleman, aber formschön und ansprechend im GovTech-Grau.

„Gut gemacht, Kanonier“, begrüßte sie ihn. „Ich habe Sie schießen gesehen. Übernachten Sie heute Abend auf Board Island?“

Wieder erschauerte der Kanonier. Wieder unterdrückte er das Schaudern und beugte sich vor, um einen Kuss auf die Wange zu bekommen. Es war eine soziale Geste, der es an erotischen Untertönen völlig fehlte.

„Ich habe mich noch nicht entschieden“, antwortete er kühl.

„Mein Quartier steht für sexuelle Begleitung zur Verfügung“, informierte sie ihn.

Er berührte ihre Hände mit den seinen und sagte: „Entschuldigung, ich habe mich noch nicht entschieden.“

Das Mädchen lächelte das übliche Lächeln der Homaner und verdrehte ihre Lippen. „Unterkunft 7, Koje 64, wenn Sie sich entscheiden.“

Whaleman ruckte seinen Kopf leicht nach links in einem knappen Gruß und machte sich auf den Weg. Er begriff, dass das Mädchen einfach nur gastfreundlich war. Weibchen der Homanen fühlten sich im Allgemeinen nicht von Defense Commandern (so hießen die Kommandeure der Verteidigung) angezogen, und umgekehrt. Whaleman bevorzugte den großzügigeren Charme der Frauen des Verteidigungskommandos. Er vermutete, dass es sich um eine Frage der Gene handelte, entließ das Mädchen aus seinem Kopf und ging in die Parkstation.

Sein Gravcar war einer von nur noch etwa einem Dutzend übrig gebliebenen, und er war mehr als überrascht, als er ihn von einer Gruppe von Defense Commandern umgeben fand. Die Luke stand offen, und ein blonder Riese saß an der Steuerung. Whaleman beschleunigte seinen Schritt, und ein seltsames Gefühl breitete sich in seiner Magengrube aus. Sein erster Gedanke war, dass eine Crew von einem der Kreuzer, die für das Abschleppen von Terra 10 ausgewählt wurde, auf ihn wartete, ihm fiel aber kein Grund ein, warum das so sein sollte. Gab es eine Störung im Zeitplan?

Ein riesiger Kommandant mit weltraumschwarzem Haar trat vor, um Whaleman zu begrüßen. Eine undefinierbare Seltsamkeit der Uniform des Mannes verstärkte das flaue Gefühl im Magen des Kanoniers.

„Ho, Kanonier“, begrüßte ihn der seltsam aussehende Kommandant.

Whaleman berührte ihn mit den Händen und bemerkte sofort eine andere Merkwürdigkeit. Die Hand des Mannes war stahlhart, angespannt und rau bei der Berührung. Die Stimme besaß auch ein Timbre, das den Defense Commandern völlig fremd war. Es war tief, resonant, fast musikalisch. Whaleman versteifte sich.

„Identität“, verlangte er.

Die anderen bildeten einen losen Kreis um sie herum. Der dunkle Mann lachte und sagte: „Ich bin Tom Cole, König der Reevers.“

Whalemans erster Impuls war, über einen offensichtlichen Witz zu lächeln, aber das Lächeln kam als eingefrorene Grimasse zustande. Der Mann scherzte nicht. Der blonde Mann streckte seinen Kopf durch die offene Luke des Gravcars und verkündete: „Hey, Tom, ich habe die Sache geklärt. Ich kann das Ding fliegen.“

Die Worte klangen unmusikalisch für Zach Whaleman. Dennoch bewahrheiteten sich seine schlimmsten Ängste.

„Reevers!“, sagte er angeekelt. „Warum in der Uniform der Defense Commanders? Warum auf dem Gelände unserer Corporation?“ Er schob den dunklen Riesen zur Seite und ging wütend auf das Gravcar zu.

„Schnappt ihn!“, rief Tom Cole, und dann geschah das Unglaubliche. Ein Schütze des Defense Commandos wurde von einer Gruppe von Idioten der Reevers körperlich angegangen.

Eine harte Faust in seinen Bauch ließ Whaleman zusammenklappen, und ein weiterer Schlag auf den Kopf fällte ihn. Er blickte benommen umher und versuchte, den überraschenden Angriff zu verstehen. Dann übernahm ein lang schlummernder Instinkt, den nicht einmal die Genmanipulation vollständig zerstören konnte, den Körper des Kanoniers, und er hob sich mit einem wütenden Brüllen auf die Beine. Dann ging er mit mörderischen Kreisbewegungen seiner großen Arme auf seine Angreifer los. Zwei der Reevers rollten über den Kunstrasen, und ein anderer wurde zu Boden geschlagen, bevor Whaleman überwunden und vom Gewicht der entschlossenen Männer niedergedrückt wurde. Tom Cole trat in den Ring und verpasste dem Kanonier einen gewaltigen Schlag aufs Kinn. Er hörte auf, sich zu wehren, wurde auf die Beine gezogen und in das Gravcar geschleppt.

Der Anführer der Reevers stieß den Kanonier grob auf einen Rücksitz und setzte zwei andere Männer neben ihn. Die anderen stiegen schnell ein, und das Gravcar erhob sich ruckartig in die Luft.

Der große Blonde kicherte, als er sich gespannt über die Bedienelemente beugte. „Nicht schlecht für einen dämlichen Geisteskranken, was?“, rief er triumphierend.

Das Gravcar neigte sich hin und her und begann, sich in einer scharfen Kurve nach Westen zu wenden. Der Fahrer korrigierte die Bewegung, und das Gravcar beschleunigte sanft.

„Mach das noch mal, Hedge, und ich muss mich übergeben“, sagte ein Mann zitternd.

„Lass ihn in Ruhe, er macht das gut“, polterte Tom Cole aus der mittleren Sitzreihe. Er wandte sich um und betrachtete seinen Gefangenen mit einem mitleidlosen Blick. „Du bist ein guter Kämpfer“, sagte er bewundernd.

Whaleman verstand nichts von dem rauschenden Kauderwelsch, den Worten, die verschwommen und bedeutungslos in seinen Verstand eindrangen. Er war benommen und zum ersten Mal, seit er sich erinnern konnte, verängstigt.

„Bitte um langsames Sprechen“, sagte er schwerfällig.

Der große Reever explodierte vor Lachen. „Ihr müsst wie Roboter reden, Jungs, wenn ihr zu diesem Superhelden durchdringen wollt. Um Mars' willen, redet nicht wie Menschen!“

Seine Gefährten machten ein paar witzige Kommentare, und der Mann, der zu Whalemans Rechter saß, schlug dem Kanonier spielerisch auf das Knie und schenkte ihm ein beruhigendes Lächeln. Aber keiner von ihnen wandte sich während der restlichen Zeit der Reise nach Nordamerika nochmals an Whaleman. Sie flogen knapp über dem wogenden Atlantik, und Whaleman versuchte, sich zu entspannen, als das rasende Gravcar wild um schwebende Meereserntefahrzeuge und automatisierte Meeresstationen herum manövrierte. Gelegentlich sah er schimmernde Flecken unter der Wasseroberfläche, die nur die riesigen Bodenläufer sein konnten. Dann huschten sie über grüne Felder und majestätische Obstgärten, und der ungeschulte Pilot stieg vorsichtig höher hinauf.

Eine Streifenstadt erschien kurzzeitig als eine ununterbrochene Linie leuchtender Strukturen von Horizont zu Horizont, verschwand dann sofort aus dem Blickfeld, als sie vorbeiflogen und auf Baumhöhe sanken. Whaleman hielt den Atem an und hoffte, dass der Fahrer das Gelände gut kannte, als sie mit vierfacher Schallgeschwindigkeit direkt über den Baumkronen weiterflogen.

Einen Moment später verlangsamte das Gravcar ruckartig und drehte sich seitlich. Einer der Reevers schrie etwas Unverständliches, und der blonde Mann riss am Stabilisator herum.

Whaleman holte tief Luft und blickte auf den Boden hinunter. Sie sanken nun langsam und kontrolliert und setzten sanft auf einer kleinen Lichtung zwischen den Bäumen auf. Kunststoffhütten mit Kuppeldächern umsäumten die Lichtung, aus denen fast nackte Menschen hervorkamen und aufgeregt im offenen Gelände herumliefen.

Der dunkle Riese mit den schwarzen Haaren lehnte sich über seinen Sitz und berührte Whaleman leicht am Kinn.

„Wir wollen dir nichts tun“, sagte er dem Kanonier in präzise formulierten Worten. „Du bist Ehrengast der Reevers.“

Whaleman begegnete dem wilden Blick und nickte verstehend mit dem Kopf. Er war natürlich bezüglich der erbärmlichen Reevers völlig indoktriniert gewesen. Sie waren wie Kinder – emotional, undiszipliniert, instabil. Er konnte sie für eine Weile bei Laune halten.

„Ich habe drei Tage“, antwortete er steif. „Dann muss ich zu Terra 10 zurückkehren. Es ist wichtig.“

„Du wirst schon wieder zurückkehren“, versicherte Tom Cole lächelnd. „Sogar ein Reever versteht die Bedeutung von Terra 10.“ Dann lachte er leise und bewegte sich auf die Luke zu, als das Gravcar landete.

Whaleman war nicht besonders beruhigt. Er blickte aus dem Fenster und seufzte resigniert. Die Reevers draußen benahmen sich wie Verrückte, tanzten herum, schlugen Räder, klatschten in die Hände und stießen emotionale Schreie aus verschwommenen Wörtern aus. Abgesehen von den seltenen Besuchen auf Board Island, war dies der erste Kontakt des Kanoniers mit Erwachsenen auf dem Mutterplaneten. Er war als Fünfjähriger einmal hier unten gewesen, kurz vor seiner Immatrikulation an der Verteidigungsakademie in Moonport. Dennoch wünschte er sich, er wäre mit der homanischen GovTech gegangen, die ihm ihr Bett und ihren Körper für die Nacht angeboten hatte. Ob weiblich oder nicht, es wäre besser gewesen, als seinen ersten Erwachsenenurlaub auf Erden in einem Irrenhaus zu verbringen.

Whaleman nahm seine ganze Kraft zusammen, als er durch die Luke in den tumultartigen Empfang hinaustrat. Wie tragisch, dachte er. Wie schrecklich, schrecklich tragisch.

Es schien, als wurde er wie eine Art Gottheit zu Besuch willkommen geheißen. In der Tat, das war er. Er war für die Reevers das letzte, verzweifelte Spiel des Menschen in einer Welt der Maschinen. Aber keiner, außer vielleicht Tom Cole, war sich im Mindesten der Hindernisse bewusst, die vor diesem Spiel lagen.

Cole zog den großen Kanonier in einer rauen Umarmung an sich und sagte: „Willkommen zuhause, Zach Whaleman.“

„Zuhause?“, wiederholte Whaleman schwach, seine Augen auf die Menge frohlockender Reevers gerichtet.

Der Reever-Chef nickte feierlich und antwortete: „Ja, die einzige Heimat des Menschen im Universum. Du bist doch ein Mensch, nicht wahr, Zach Whaleman?“

Wie taub bewegte sich der Kanonier von Terra 10 in die tanzende Menge, ohne zu antworten. Natürlich, dachte er, bin ich ein Mensch. Aber was sind die hier?

KAPITEL ZWEI

Ein unmöglicher Traum

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EINIGE STUNDEN VOR seiner Entführung durch die Leute von Tom Cole hatte Zach Whaleman bei einem Ereignis mitgewirkt, das ganz Solana ungeduldig erwartete, da die ersten zaghaften Beweise für außerirdisches Leben im galaktischen Korridor entdeckt worden waren. Für eine Welt, die lange Zeit frei von aggressiver Gewalt war, war das Problem der Verteidigung des Sonnensystems nicht einfach zu lösen. Die um die Sonne kreisenden Schlachtschiffe der Terra-Klasse waren einhundert Jahre zuvor konzipiert worden. Neun Generationen der Weltraum-Super-Schlachtschiffe waren in den Design-Computern gestorben. Der Bau der zehnten Generation war eigentlich schon seit zwei Jahrzehnten im Gange. Nach einer scheinbar endlosen Abfolge von Störungen, Umgestaltungen und Modifikationen war Terra 10 Realität geworden. Eine glänzende Tifusionskugel, eine halbe Meile im Durchmesser, deren Primärbatterien große Planeten vernichten konnten. Sie war vollautomatisch, praktisch selbstversorgend und absolut unempfindlich gegen jede bekannte Kraft des Menschen oder der Natur. Es hatte lange gedauert bis zu ihrer Fertigstellung.

Kanonier Zach Whaleman wurde buchstäblich mit dem Problem geboren, nachdem er bei der Konzeption für seine zukünftige Rolle als Technologe und Taktiker des Defense Commandos genetisch programmiert worden war. Die ganzen fünfundzwanzig Jahre seines Lebens standen im Zeichen des Ereignisses, das bald stattfinden sollte – die Demonstrations- und Bereitschaftsübungen für das großartigste Waffensystem, das aus der Technologie des Menschen hervorgegangen war. Passend dazu wurden die Übungen vom inneren Kreis der Regierung inszeniert und in ganz Solana im Fernsehen übertragen.

Der junge Kanonier, der makellos in die himmelblaue Tunika und die weltraumschwarze Strumpfhose des Defense Commandos gekleidet war, zeigte keine Spur von Nervosität oder Unbehagen, als er sich den versammelten Vorständen von Solana stellte. Die Gene Zach Whalemans waren nicht auf Nervosität ausgelegt. Kein Lebewesen kannte Terra 10, wie Zach sie kannte. Sie waren zusammen aufgewachsen.

Die zwölf Direktoren der Solana Corporation, der Präsident und die sechzehn Vizepräsidenten nahmen ihre Positionen auf einem halbmondförmigen Podium hinter dem Bedienpult der Kanonen ein. Der für den Vorsitzenden des Verwaltungsrates vorgesehene Sitz war frei. Eine Tradition, von der niemand wusste, wie alt sie war, verbot öffentliche Auftritte des höchsten Offiziers der Corporation. Oberhalb des Podiums und dahinter wurde die Kammer mit niederen Verwaltungsbeamten aus den Satellitengemeinden gefüllt.

Automatisierte Bildschirme schwebten unauffällig hin und her, um die Szene für die Zuschauer rund um das Sonnensystem zu übertragen.

Whaleman war sich sehr wohl bewusst, dass er im Moment von vielleicht neunundneunzig Prozent der Menschheit beobachtet wurde. Er verbeugte sich in einer fast unmerklichen Bewegung der Taille und stellte sich in der präzisen monotonen Sprache vor, die für die Defense Commanders typisch war.

„Kanonier Zachary Whaleman, technischer Kommandant von Solanas Schlachtschiff Terra 10“, sagte er. Er hielt kurz inne und fuhr dann mit der gleichen knappen und präzisen Ausdrucksweise fort. „Erste Schießübung ist Sekundärbatterie der Anti-Gravitations-Diffusionsmaschinen, abgekürzt AGRAD. Reichweite beträgt null bis 3.000 Nautmeilen. Ziel wird Geschützradius bei 2,87 Tausend Nautmeilen durchqueren. Zweite Zündung ist Primärbatterie der Materie-/Anti-Materie-Emitter, kurz MAME. Reichweite beträgt 2.000 bis 0,9 Millionen Nautmeilen. Ziel wird bei 0,85 Millionen Nautmeilen in Geschützradius eindringen.“

Der große Kanonier, ein prächtiges Exemplar disziplinierter Männlichkeit, sechseinhalb Fuß groß, bewegte sich ruhig zur Konsole und ließ sich in den Kommandosessel gleiten.

Das Bedienpult der Kanonen, das speziell für die Übungen installiert wurde, war ein Duplikat des regulären Pults auf der Mondbasis. Ein großer Bildschirm oben links zeigte verschiedene Außenansichten des Schlachtschiffs, während es in einer tausend Meilen langen Umlaufbahn um die Erde trieb. Ein angrenzender Bildschirm lieferte die Zielanzeige und konnte gleichzeitig ein Ziel für jedes der vierzig Geschütze von Terra 10 anvisieren.

Whaleman aktivierte einen Regelkreislauf, und sofort erschien eine Zieldrohne im rechten Display. Das Bild war so perfekt, dass man sogar die Markierungen auf dem 40-Fuß-Zylinder lesen konnte.  Der andere Bildschirm zeigte Terra 10 aus acht Perspektiven, als sie eine automatische Vier-Grad-Rolle um ihre Achse ausführte. Ein Schießstand mit einem Durchmesser von zwölf Fuß öffnete sich, und das Fokusraster einer AGRAD-Batterie begann seinen pulsierenden Tanz.

Für die Zuschauer erklärte Whaleman: „AGRAD-Zielaufnahme erfolgt automatisch. Anpassung wird für nächste geeignete Waffe vorgenommen.“ Er zeigte auf eine Anzeige an der Konsole. „Zielsuchlauf nimmt jetzt Feineinstellung vor.“

Ein gelbes Licht begann, im oberen rechten Quadranten des Weltraumscanners zu pulsieren, und gleichzeitig wurde die Drohne auf dem Zielbildschirm in einem deutlich sichtbaren Lichthof dargestellt.

Sofort ertönte eine Roboterstimme von dem unbemannten Kampfschiff aus einen Lautsprecher in der Konsole: „Terra 10 meldet Zielerfassung, AGRAD Sechs.“

Der Kanonier betätigte mit dem Knie eine Kommunikator-Steuerung und antwortete: „Bestätigt, Akquisition positiv, Ziel positiv. Beibehalten.“ Er wandte dem Publikum sein halbes Profil zu und erklärte: „Derzeit werden alle Zündungen von Mondbasis initiiert. Schließlich wird Terra 10 so programmiert sein, dass es automatisch auf jedes definierte Ziel schießt, das in Verteidigungshülle eindringt. Wir demonstrieren jetzt Freigabe durch Mondbasis und automatische Zündfolge von Terra 10.“ Whaleman wandte seine Aufmerksamkeit der Konsole zu. Seine Finger tanzten über eine Reihe von versetzten Knöpfen und richteten den automatischen Zündmechanismus ein. Ein Licht, das „Pfadsteuerung positiv“ anzeigte, begann, auf der Konsole zu blinken. Er legte den „Angriff-Aufzeichnen“-Schalter auf „AGRAD Auto“ und zog die „Zeit positiv“-Linie unter Batterie Nummer sechs hindurch.

„AGRAD Sechs auf Automatik. Bereit!“, kam der Roboterbericht vom Kampfschiff.

„Terra 10 bereit zum Angriff“, gab Whaleman zurück, aber seine Stimme klang nicht viel anders als die des Roboters.

Die FEUER-Taste leuchtete sofort auf der Geschützkonsole auf. Der bernsteinfarbene Impulsgeber des Weltraumscanners wurde zu einem gleichmäßigen Licht, das in seiner Helligkeit zunahm, sich schnell in ein helles Rosa verwandelte und durch alle Rottönungen weiterging, bis er aus dem elektronischen Display verschwand. In genau diesem Moment verschwand die Zieldrohne vom Zielbildschirm.

„Ziel verschwunden“, verkündete der Roboter.

„Bestätigt“, antwortete Whaleman. „Schalte AGRAD Sechs in Standby-Modus. Zurück von  automatischer Bereitschaft.“

Ein Raunen erklang hinter Whaleman. Ein Beamter rief: „Sofortige Vernichtung! Aus dreitausend Meilen!“

Ein anderer freute sich: „Warten Sie, bis Sie die MAMEs in Aktion sehen. Du wirst jeden im Universum dazu bringen, uns anzugreifen!”

Whalemans Gesicht war eine emotionslose Maske. Er war damit beschäftigt, die nächste Übung vorzubereiten. Innerlich war er begeistert von den Reaktionen seines Publikums. Ein lang ersehnter, schier unmöglicher Traum war Wirklichkeit geworden, und Kanonier Whaleman hatte bei diesem Projekt eine wichtige Rolle gespielt. Selbst mit seinen nervenlosen Genen hatte er reichlich Grund zur Freude.

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TAUSEND MEILEN VON Board Island entfernt, dem Schauplatz der Demonstration, zeigte ein etwas anderes Publikum in einer landwirtschaftlichen Station auf dem nordamerikanischen Kontinent eine Reaktion, die Kanonier Whaleman als äußerst beunruhigend empfunden hätte.

„Das ist unsere Antwort“, erklärte Tom Cole, der selbsternannte König der Reevers. „Wir müssen das Schlachtschiff kriegen.“

George (Hedge) Hedges/Bolsom, ein Sechsfuß mit blonden Haaren und blasser Haut, riss seine blauen Reever-Augen lange genug vom Fernseher los, um die Bemerkung seines Chefs zu bestätigen.

„Wie sollen wir das Schlachtschiff bekommen, Tom?“ knurrte er. „Es ist gerade tausend Meilen in der Luft und fliegt in wenigen Tagen zum Jupiter.“

Der Anführer der Reevers hatte grüblerisch den Kreislauf der MAME-Batterien beobachtet, wie sie von Board Island aus im Fernsehen übertragen wurden.

„Wir bekommen den Kanonier, Hedge“, antwortete er gespannt. „Er ist der Schlüssel zum ganzen Problem.“ Er wandte sich an den kräftigen Mann auf seiner anderen Seite, John (Blue) Fontainbleu Oraskny, einen Homanen von viereinhalb Fuß Größe. „Blue, du gehst und holst Stel. Und geh schnell, beim Mars. Ich will, dass sie sich die Uniform genau ansieht.“

Blue war nicht damit einverstanden, den Bildschirm zu verlassen, aber er eilte zu der Reihe von Plastikkuppeln, die die Lichtung flankierten. Alle Männer der Reever-Gemeinde, etwa achtzig an der Zahl, waren anwesend, um die lang erwarteten Übungen von Terra 10 zu sehen. Die Reevers, die durch ein unanfechtbares Gesetz für immer an den Gartenplaneten gebunden waren, verpassten nie eine Übertragung von Weltraumereignissen. Sie hatten sich in ruhigen Scharen vor dem Bildschirm versammelt, alle identisch gekleidet in den vorgeschriebenen transparenten Westen und schwarzem Tiefschutz, und beobachteten das Geschehen mit großem Interesse.

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EIN LEISES RAUSCHEN ertönte, als Zach Whaleman den Knopf einer MAME-Batterie drückte, um einen Meteoriten mit einem Durchmesser von zehn Meilen explodieren zu lassen, der fast eine Million Meilen von der Erde entfernt durch den Weltraum zog.

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BEIM MARS, WAR DAS ein Schuss“, flüsterte Tom Cole.

„Ich glaube, der Typ ist ein Reever, Tom“, sagte Hedge.

Cole kicherte. „Welcher Typ? Der Kanonier? Nur weil er groß ist und rote Haare hat?“

„Ich habe noch nie einen Normalen gesehen, der so aussieht“, beharrte Hedge.

„Defense Commanders sind besondere Typen“, erklärte der Anführer der Reevers. „Sie sind genetisch designt für diese Extragröße.“ Er lachte. „Verwette, deine Apfelsamen, Hedge, die vielen Tests haben den Jungen gründlich durchgeschüttelt, bevor er jemals diese Uniform anzog.“

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WHALEMAN WAR DABEI, die MAME-Batterien wieder aufzuladen, als Blue mit einer großen, blonden Schönheit im Schlepptau zurückkam. Das Mädchen trug nichts als einen Tiefschutz. Schwere,  wohlgeformte Brüste wogten auf und ab, als sie zu Cole und Hedge hinüberging. Tom Cole schenkte ihr ein einladendes Lächeln und zeigte auf den Bildschirm.

„Sieh ihn dir genau an“, verlangte er.

Das Mädchen richtete interessierte Augen auf den Bildschirm. „Er ist wunderschön“, murmelte sie. „Wer ist das?“

„Der Kanonier von Terra 10“, antwortete Cole. „Denkst du, deine Frauen können ein paar Outfits wie das hier zusammenstellen?“

Sie runzelte nachdenklich die Stirn und konzentrierte sich auf die Uniform des Defense Commanders. „Es ist kein Plastik.“

Hedge schnaubte: „Das ist es bestimmt nicht!“

„Wir haben vielleicht ein Synfab, das echt genug aussieht“, sagte das Mädchen. „Aber ich weiß nichts über die Insignien.“ Sie fasste sich nervös an eine sanft aufsteigende Hüfte und fügte an: „Ich denke, wir können uns etwas Passendes einfallen lassen.“

„Dann tu es“, sagte Cole. „Für mich und für alle von Team Eins. Du hast unsere Größen.“

Das Mädchen nickte. „Wie schnell?“

„Zwei Stunden.“

Sie blinzelte schnell mit den Augen und sagte dann: „In Ordnung. Zwei Stunden.“ Ihre Augen wandten noch einmal prüfend dem Fernseher zu. „Also ... das ist also ein Kanonier“, sagte sie leise und ging schnell weg.

Hedge beobachtete den wiegenden Abgang des Mädchens und fragte: „Was ist der Plan, Tom?“

„Ich habe darüber nachgedacht, seit sie diese Übungen angekündigt haben. Ich schätze, wir müssen nach Board Island.“

Hedge und Blue tauschten nervöse Blicke aus. Hedge sagte: „Uh-huh. Wie zur Corporation kommen wir dorthin, Tom?“

„Wir fahren mit dem Shuttle des Bevollmächtigten des Komitees.“

Blue rieb sich die Stirn und schaute starr auf den Boden. „Das bedeutet, dass wir Boobs bekämpfen müssen“, murmelte er.

Tom Cole nickte und massierte sich abwesend den Kopf. „Es tut mir weh, darüber nachzudenken, aber das werden wir tun müssen.“

Wütend sagte Hedge: „Ich dachte, du arbeitest daran, das Monster zu neutralisieren.“

„Das tue ich“, antwortete Cole. „Aber es ist noch nicht fertig. Und Terra 10 schon. Also ...“ Er wandte sich langsam um und blickte auf das Verteilzentrum, das über den Baumkronen kaum sichtbar war.

„Also gehen wir ohne Neutralisator“, sagte Hedge unglücklich.

„Das ist die Idee“, murmelte Cole. „Blue, du verbreitest die Nachricht. Ich brauche Freiwillige. Wir müssen Team Eins an Bord dieses Shuttles bringen. Das bedeutet, ein Ablenkungsteam. Ich brauche etwa zwanzig Männer, um Boob so lange abzulenken, dass wir an Bord gehen können.“ Er blickte in den Himmel, runzelte die Stirn und fügte hinzu: „Die Sonne geht unter. Es wird dunkel sein, wenn Stel die Uniformen fertig hat. Beim Mars! Ich wünschte, wir könnten nur einmal das Glück auf unserer Seite haben!“

„Wir haben die Chance, Tom“, versicherte Blue seinem Anführer und grinste. „Wir haben dich.“ Er schlug Cole leicht auf den Arm und bewegte sich auf  eine Gruppe junger Männer zu, die noch immer von der Übung der Geschütze von Terra 10 fasziniert waren. „Hey!“, rief er eindringlich. „Tom wird Terra 10 stehlen! Wir brauchen einen Köder für Boob.“

Sekunden später hatte sich die aufregende Nachricht in der kleinen Gemeinde der Reevers verbreitet. Tom Cole wollte Terra 10 stehlen! Und die erste Szene eines weiteren unmöglichen Traums rückte in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

KAPITEL DREI

Der Ausbruch

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TOM COLE, ODER TOM Coleman/Sevilla, wie er in den offiziellen Aufzeichnungen identifiziert wurde, war ein geborener Revolutionär. So wie Zach Whaleman für seine Lebensaufgabe als Kanonier der Corporation gentechnisch verändert worden war, war Tom Coles genetischer Code auf eine bestimmte Funktion ausgerichtet – er hätte ein Manager der Corporation oder zumindest ein GovTech werden sollen. Etwas in Toms genetischer Struktur hatte sich jedoch hartnäckig gegen diese programmierte Manipulation gewehrt, und schon kurz nach seiner Geburt war klar, dass das Kind dazu verdammt war, als kleiner Prozentsatz genetischer Fehler klassifiziert zu werden. Er war ein „evolutionärer Revert“, ein Rückschritt, den man „Reever“ nannte, mit Anomalien an Geist und Körper.

Viele Generationen zuvor war die menschliche Rasse optimiert und zu einer „wirklich demokratischen“ Gesellschaft homogenisiert worden, in der alle Mitglieder in Bezug auf Größe, Farbe, Intelligenz und emotionale Stabilität gleich waren. Homane war der Identifikationsbegriff für diese optimierten Menschen, die etwa fünfundneunzig Prozent der Bevölkerung von Solana ausmachten, eine pygmäische Rasse von neunzig Pfund schweren körperlichen Schwächlingen, 4,5 Fuß groß, charakteristisch dünn, mit brauner Haut, braunen Haaren und braunen Augen. Nur die  Kandidaten des Defense Commandos und einige zusätzliche, streng ausgewählte Berufsgruppen entkamen dem Optimierungsprogramm. Die Homaner betrachteten diese Ausnahmen im Allgemeinen als körperliche Freaks – was sie in der Tat waren, in einer Welt von 95 Prozent Konformität – und siedelten sie nur eine Stufe über den erbärmlichen Reevers an. Die Reevers selbst wurden gemeinhin für geistig inkompetent und als emotionale Außenseiter angesehen, die nicht mit den Rechten und Privilegien einer freien Gesellschaft betraut werden konnten.

Tom Cole war ein Paradebeispiel für die letztgenannte Behauptung. Konzipiert in einer genetischen Revolte und geboren in einer Welt, die schon lange von „ID“-Syndromen befreit war, war es unvermeidlich, dass das heftige und unabhängige Wesen dieses „evolutionären Rückschlags“ ihn in einen ständigen Konflikt mit seiner sozialen Umgebung bringen würde. Er war systematisch von einer terranischen Gemeinde in die andere verlegt worden und erreichte schließlich den Tiefpunkt in dem winzigen, als Maximum-Dependenz eingestuften Dorf an der AgSta 23, in der Nähe der nordamerikanischen Streifenstadt Yorkport.

AS-23 war eine Obststation, die fast 10 Prozent der Äpfel und Birnen von Solana produzierte. Die alleinige Verantwortung der Reevers dort lag in der Pflege der Obstplantagen, die nur minimale Fähigkeiten verlangten. Ein kleines Kontingent von Homanen, die in einem anderen Sektor der Obstgärten untergebracht waren, kümmerte sich um die technischen Anforderungen an die Ernte, Verarbeitung, Verpackung und den Versand des reichhaltigen Ertrags der Station.

Den Reevers stand es frei, die Obstgärten nach Belieben zu durchstreifen. Sie etablierten ihre eigenen Arbeitsabläufe und regierten sich in der Regel selbst. Es gab keine Zäune und keine menschlichen Wachen, aber verbotene Bereiche wurden von automatisierten Wächtern überwacht, die die Reevers „Boob“ nannten und die Übertritte durch die Reevers schwer bestraften.

Tom Coles Verstand war an diesem Abend der Übungen von Terra 10 mit dem Problem der Boobs beschäftigt, als er seine dreißigköpfige Gruppe in das Herz von AS-23, dem Distributionszentrum, führte. Der Bodenkomplex von Lebensmittelverarbeitungs- und Lagergebäuden nahm eine Fläche von fünf Hektar kostbarer terranischer Erde ein und erhob sich um 100 Fuß zu einer fünfeckigen Anordnung von Laderampen. Die vollautomatische 24-Stunden-Anlage brauchte keine künstliche Beleuchtung, deshalb gab es keine. Die Angreifer drängten sich am Rande der Lichtung ins Freie und starrten stumm auf die Gruppe von Gebäuden, die sich vom Nachthimmel abhoben. Die dunkle Masse eines Ag-Zuges von zwanzig miteinander verbundenen Wagen schwebte an dem Fünfeck in der Luft, während Ladeautomaten emsig Massen von Früchten in die geräumigen Laderäume luden.

Tom Cole balancierte seinen sieben Fuß großen, 300 Pfund schweren Körper auf den Ballen seiner Füße, streckte sich bis zu den Zehen, seufzte und drückte nervös seine Stirn. „Sie beladen den Merkur-Versorger“, bemerkte er.

„Ich frage mich, wo Boob ist“, kommentierte Blue und leckte seine Lippen.

„Zweifellos am Bodendock“, antwortete Cole. „Er ist immer da drüben, wenn das Shuttle des Komitees die Leckereien plündert.“

Er beugte sich vor, um seine Gruppe in Augenschein zu nehmen. Zehn, darunter Cole und Hedge, trugen die blauen und schwarzen Uniformen des Verteidigungskommandos. Die anderen zwanzig, die Ablenkungsteams, waren nur mit Tiefschutz und Fußbändern bekleidet.

Blue war für die Ablenkungsteams verantwortlich. Er sagte: „Nun, ich schätze, es gibt nur einen Weg, es sicher herauszufinden. Ich schicke ...“

„Nein, warte!“, unterbrach ihn Cole. „Wir lassen dich hier zurück. Gebt uns Zeit, dorthin zu kommen, gegenüber den Bodendocks, und fangt dann an. Sobald ihr sicher seid, dass ihr Boobs Aufmerksamkeit habt, bleibt eine ganze Minute lang so. Besser eineinhalb Minuten, wenn das nicht zu schwierig wird. Zu diesem Zeitpunkt wird Team Eins im Shuttle fest angeschnallt sein und ihr könnt abbrechen. Sag deinen Jungs, sie sollen schnell und wendig sein und an der 50-Yard-Linie spielen, so viel sie wollen.“

Blue nickte verstehend. „Soll ich nicht ein paar Leute mit dir rüberschicken, nur für alle Fälle?“

„Für den Fall, was?“

„Für den Fall, dass Boob weniger als eine Minute braucht, um uns alle zu kriegen.“

„In diesem Fall, Kumpel, vergiss es einfach“, sagte Cole zu seinem Lieutenant. „Wenn ihr ihn nicht aufhalten könnt, können wir die ganze Sache einfach vergessen und den Rest unseres Lebens Apfelbäume schneiden. Du musst ihn festhalten, Blue.“

„Okay“, antwortete der kleine Reever. „Wir halten durch.“

„Wenn du es richtig machst, braucht keiner von euch getroffen zu werden. Achte einfach auf die 50-Yard-Linie.“

Blue holte Luft. „Diese Linie kann sehr schnell verschwinden, Tom, wenn der Käfer verärgert ist.“

„Du musst nur schneller sein“, antwortete Cole schroff. Er tätschelte Blue leicht die Wange und fuhr durch sein Haar. Dann grinste er und winkte Team Eins auf die mondhelle Lichtung. „Bleibt jetzt in der Nähe der Bäume“, befahl er in einem lauten Flüstern. „Und denk dran, Boobs haben auch Ohren, also seid leise. Hedge, was machst du da? Lass deine Leute in einer Reihe gehen.“

Der riesige Mann hatte aufmerksam die Schatten der Gebäude beobachtet, die weniger als hundert Meter entfernt waren. „Wenn Boob dich einmal erwischt, das vergisst du nicht so einfach“, sagte er und lächelte traurig. „Mein Kopf tut schon beim Gedanken daran weh.“

„Meiner auch“, murmelte Blue und folgte seinen davonschleichenden Kameraden ein paar Yards. „Alles, was ich sagen kann, ist, dass es sich lohnt, oder? Wenn wir diese Kanonen haben, werde ich als Erstes ein paar Boobs sprengen.“

Tom Coles Zähne schimmerten kurz, als er sich umwandte und den anderen zum Abschied zuwinkte, dann waren er und seine Männer in den Schatten außer Sichtweite. Blue wandte seine Aufmerksamkeit der geschäftigen Aktivität direkt vor ihm zu. Nur das mechanische Surren der Automaten durchbrach die nächtliche Stille.

Blue zog seine kräftigen Schultern unfreiwillig zitternd zusammen und begann, schweigend die Sekunden zu zählen. Seine Leute nahmen ihre einstudierten Positionen ein und bereiteten sich auf den Ansturm vor. Blue war stolz auf sie – verdammt stolz. Jeder von ihnen war mindestens einmal von Boob gezingt worden – sie alle wussten, was sie da draußen erwartete. Aber es waren Männer – Menschen – keine Maschinen. Keine Menschenähnlichen. Keine menschlichen Karikaturen. Menschen. Und sie wollten da draußen den Job eines Menschen erledigen.

Blue hatte den Angriff als fünf Vier-Mann-Teams angelegt. Ein Team würde da rausgehen und Boobs Aufmerksamkeit erregen. Das war die gefährlichste Phase, denn man wusste nie, woher das Monster kommen würde. Manchmal kam der erste Hinweis auf seine Anwesenheit mit dieser Ultraschallwelle, die einem in das Gehirn fuhr und dich wie eine Stoffpuppe herumschleuderte. Danach wusste man nicht mehr allzu viel, manchmal tagelang, abgesehen von den unerbittlichen Schmerzen und der Übelkeit.

Hundertzwanzig Sekunden waren vergangen, seit er begonnen hatte, zu zählen. Blue ging leise zum Team, das anfangen sollte, und sagte: „Okay, macht euch bereit.“

Angst blickte ihn von allen vier Seiten an – aber auch Entschlossenheit.

„Wir sind bereit“, murmelte ein rotwangiger Junge.

Blue hielt für einen Moment den Atem an, seine Blicke wandten sich den Schatten der Gebäude zu und befahlen dann: „Los!“.

Zwei der Männer drangen laufend in den verbotenen Bereich ein, teilten sich mehrere Meter entfernt in ein Y auf und verfolgten verschiedene Laufwege. Sobald die ersten beiden in der Mitte des Bereichs angelangt waren, folgten zwei andere in einem identischen Muster nach. Blue hielt seinen Arm hoch und wartete auf den richtigen Moment, um den Start des nächsten Teams zu signalisieren.

Auf der anderen Seite des Komplexes warteten Tom Cole und das Team von Board Island in angespannter Wachsamkeit, etwa siebzig Meter von den ebenerdigen Docks entfernt.

Das Shuttle des Bevollmächtigten von Board Island, ein eher kleines, wagenähnliches Dichte-Atmosphäre-Fahrzeug, besetzte einen Ladestand im Bereich der Lebensmittelverpackung. Direkt gegenüber dem Shuttle stand der gefürchtete und immer wachsame Maschinenwächter Boob.

Wie ein riesiger Käfer, komplett mit zuckenden Antennen und nicht blinzelnden Augen, stand er fünfzehn Fuß hoch auf sechs trügerisch zerbrechlich aussehenden Beinen. Der rundliche Körper maß zehn mal fünfzehn Fuß und war mit sechs Ultraschallgeschützen bestückt, die gleichzeitig auf sechs verschiedene Ziele feuern konnten. Boob feuerte zuerst, stellte nie Fragen und griff jeden Angehörigen der menschlichen Rasse an, der sich in die fünfzig Meter Reichweite seiner Waffensensoren wagte. Irgendwie jedoch – Tom Cole versuchte immer noch, es zu verstehen –  waren nur Reevers von diesen Ultraschallwellen der Kanonen der Boobs betroffen. Die Homan-Techniker konnten in einer wahren Flut von Ultraschallwellen ruhig ihren Aufgaben nachgehen, während schon ein Fasttreffer ausreichte, um einem Reever stundenlang das Gehirn durcheinanderzuschütteln.

Hedge flüsterte, „Tom, ich denke nicht ...“, dann hörte er abrupt auf, zu reden, erstarrt durch eine plötzliche Bewegung des Maschinenwächters.

„Hmm, er riecht den Köder“, grunzte Cole.

Die Antennen des Wächters hatten begonnen, herumzutasten, die Augen glühten mit einem rötlichen Licht, und er bewegte sich seitwärts. Cole lächelte grimmig, als ferne Schreie von „Hey, Boob!“ über die Lichtung hallten. Der Maschinenwächter bewegte sich dann mit unglaublicher Geschwindigkeit, die sechs Beine griffen ineinander in wütender Bewegung, als die hässliche Maschine in der Dunkelheit zwischen den Gebäuden verschwand.

„Das ist es ... los geht's!“, befahl Cole in einem entschlossenen Flüstern. Er warf sich aus seiner Deckung und sprintete zu dem Kommandowagen, seine langen Beine verkürzten schnell den Abstand, die anderen folgten im Abstand von zehn Yards und stürzten sich in einem disziplinierten Ansturm hinter ihm her, der Würde, Freiheit und Menschlichkeit zum Ziel hatte.

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BLUE HÖRTE, WIE SEINE Männer „Hey, Boob!“ schrien, und gab mit seinem Arm das Zeichen für sein Team, ins Niemandsland vorzustoßen. Sie schwärmten in einer losen X-Formation aus und schrien ihrerseits „Hey, Boob!“, während sie rannten. Ein Schrei kam aus der Dunkelheit im Bereich des ersten Teams, und Blue wusste, dass der Kontakt mit Boob hergestellt war.

„Kontakt“, schrie er und führte die Teams zu einem sorgfältig geplanten Manöver, das dazu bestimmt war, das letzte und einzige Wort der Corporation von Solana zur Unterdrückung der Reevers zu verwirren und zu frustrieren.

Die letzten acht Männer des Teams, das Boob reizen sollte, rückten vorsichtig vor, in einem präzisen Halbkreis, der im Abstand von zehn Yards angeordnet war. Ein weiterer Schrei aus dem Schattenbereich in der Nähe der Gebäude machte klar, wo der Maschinenwächters sich aufhielt. Zwei keuchende Mitglieder des ersten Teams waren zu sehen.

Als Blue ihnen anzeigte, sich dem Halbkreis anzuschließen, keuchte einer: „Das zweite Team lockt ihn rüber!“

„Tom braucht noch eine Minute“, knurrte Blue und setzte den präzisen Angriff fort. Einen Moment später krabbelte Boob ins Mondlicht, seine Fühler peitschen bedrohlich, die großen Kristallaugen loderten in kreisförmigen Schwingungen.

Zwei Männer des zweiten Teams rückten gegen seine rechte Flanke vor. Ein Fühler zitterte, rollte sich ein und erstarrte dann kurzzeitig, als ein Sensor den Messwert aufnahm. Die Männer stürmten vor, kehrten um und übersprangen sich gegenseitig. Eine Ultraschallkanone surrte, verfehlte die Männer und justierte sich erneut, als einer der Männer, ein drahtiger Junge mit wehenden Haaren, erkannte, dass er die unsichtbare Sicherheitslinie überschritten hatte und verzweifelt versuchte, sich zurückzuziehen. Die Waffe surrte wieder. Der Junge schrie und sprang in die Luft, als ein plötzlicher Gewittersturm in seinem Gehirn ausbrach und seine gesamte neuromuskuläre Struktur erschütterte. Er stürzte zu Boden und krümmte sich wie in einem epileptischen Anfall. Sein Partner rief, „Hey Boob!“ und lief eine liegende Acht direkt vor Boobs lodernden Augen. Inzwischen hatten Blues Männer einen Kreis um Boob gezogen, und der Wächter war umgeben von provozierenden, herumtanzenden und sich krümmenden Reevers. Sie hatten ihre Lektionen gut gelernt und führten sie mit Präzision aus.

Boobs Kanonen surrten unaufhörlich; die große Maschine krabbelte und stürzte, kniete sich hin und sprang, feuerte und verfehlte und feuerte und feuerte immer wieder auf die reichhaltige Fülle von Zielen. Hier und da schrie ein Mann und zuckte krampfend zu Boden.

Blue stand ruhig am Rande der Feuerzone, registrierte Randbereiche der zischenden Ultraschallstöße, blieb aber, wo er war, beide Hände auf seinem Kopf und rief die Kommandos. Die Hälfte seiner Männer lag nun zitternd und zuckend auf dem Boden. Dennoch wurde der Maschinenwächter von seinen eigenen Sensoren gefangen gehalten, da er blind auf jede Parade der Reevers reagierte, hin und her pendelte, in unregelmäßigen Kreisen sich bewegte und auf jede Bewegung in seinen Wahrnehmungssensoren schoss.

Blue schaffte die eineinhalb Minuten, als er auf die Knie fiel und sich übergeben musste. Durch das Würgen schrie er: „Ende ... Ende ... lauft!“ und rannte zu den Bäumen.

Der Befehl kam den Bruchteil einer Sekunde zu spät. Boobs Sensoren hatte das Muster des Angriffs der Reevers bereits erkannt. Eine sensorische Datenbank fiel plötzlich aus, und der monströse Automat machte einen Ausfallschritt in die andere Richtung und betäubte die drei Männer auf seiner aktiven Seite sofort.

Bevor die anderen Männer auf die plötzliche Angriffstaktik reagieren konnten, waren Boobs Sensoren auf seine Seite geschwenkt. Blue wurde weniger als zehn Meter von den Bäumen entfernt getroffen und in einen zitternden, fötusähnlich zusammengekrümmten Ball verwandelt. Der Rest der Reevers fiel schnell zu Boden.

Die Fühler des Käfers waren sich sofort der schnell sinkenden Vitalzeichen auf dem Schlachtfeld bewusst. Die Fühler zitterten und zuckten in Richtung der ebenerdigen Docks, und Boob huschte sanft und leise über den offenen Boden hin zum Puls der schlagenden Herzen.

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TOM COLE, DER SICH weit aus der offenen Luke des Board Island Shuttles lehnte, zerrte den zehnten Mann hinein, gerade als der Maschinenwächter wieder erschien. Er schob den Mann auf den Boden, flüsterte, „Jetzt ruhig, ruhig“, und machte sich vorsichtig auf den Weg zum Aussichtsfenster, als der große Käfer wütend um den Dockbereich herumschwang. „Haltet die Luft an“, riet er seinem Team leise. „Verlangsamt euren Herzschlag, so weit ihr könnt. Entspannt euch, bewegt euch nicht, macht kein Geräusch.“

Boob kreiste zweimal ganz um das Shuttle herum, Fühler bewegten sich in einer wütenden Suche, dann stoppte er, wandte sich langsam um, krabbelte zu seiner vorigen Wachstation zurück. Dort faltete er seine Beine ein und ließe sich ruhig auf den Boden nieder.

„Gut“, flüsterte Cole. „Er lädt sich wieder auf. Alle bleiben hier und denken süße Gedanken.“

Ein Mann musste einige Minuten später Platz für den Ladeautomaten machen. Er tat dies langsam und leise.

Nach weiteren zehn Minuten angespannter Stille fuhr der Lader los, und die Luke schloss sich sanft. Sekunden später erhob sich das automatisierte Schiff senkrecht vom Dock und glitt in den Abflugkorridor und kreiste langsam über die Lichtung. Hedge rückte neben Tom Cole am Aussichtsfenster nach oben.

„Ganz knapp“, sagte Hedge leise. „Zu knapp, verdammt!“

„Ja“, antwortete Cole. „Aber sieh dir das da unten an.“ Das Shuttle fuhr direkt über die Stelle, wo ihre Männer Boob geködert hatten.

„Sieht so aus, als hätte er alle gezingt.“

„Da liegt Blue, bei den Äpfeln“, murmelte Hedge. „Verdammt, Tom. Das sind richtig gute Jungs. Sie verdienen eine Medaille.“

Das Antigravitationsshuttle hatte den Auslösepunkt erreicht und gewann nun in einem sanften Anstieg Höhe. Tom Cole beobachtete das mondbeschienene Gelände, als sie sich schnell davon entfernten. Er seufzte, wandte sich Hedge zu und lächelte.

„Ich werde ihnen die Waffen von Terra 10 geben, Hedge“, sagte er leise, wandte sich mit einem Lächeln vom Aussichtsfenster weg und fügte hinzu, „und dann werde ich ihnen Mutter Erde schenken.“

„Denkst du, du kannst das wirklich, Tom?“, murmelte Hedge.

„Dachtest du, wir würden wirklich aus 23 ausbrechen?“, antwortete Cole.

Hedge grinste. „Das haben wir, nicht wahr?“

„Wette darauf deine Apfelkerne“, sagte Cole. „Besser noch, wirf sie weg. Aber noch nicht ... noch nicht. Die ganze Sache hängt davon ab, dass wir diesen Kanonier kriegen. Irgendwie müssen wir diesen Kanonier finden.“

Und natürlich bekamen sie diesen Kanonier.

KAPITEL VIER

Zitternde Gene

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ZACH WHALEMANS GENETISCHES Größenpotential war für einen mittleren bis schweren Skelettwert von etwas mehr als zwei Yards ausgelegt worden. Diese physischen Attribute, die typisch für die Defense Commander der Eliteklasse waren, hatte er in seinem fünfzehnten Wachstumsjahr erreicht und sie hätten alleine ausgereicht, um ihn in jeder Menschenmenge zu erkennen. Hinzu kamen die Anomalie seiner flammend roten Haare und verblüffend blauen Augen, und Zach Whaleman war bei den Reevers körperlich mehr zu Hause als bei anderen Teilen der Menschheit. Allerdings wurde jeder Hinweis oder jede Vermutung, dass Whaleman mit einem Rückschritt kritischer Gene geboren wurde, bereits zu Beginn seines Lebens systematisch analysiert und ausgeschlossen.

Als Konzeption der siebten Generation desselben genetischen Musters war Whaleman als Kind zudem offiziell als „überlegenes“ Material für die Defense Command Academy eingestuft worden. Die Anomalien waren anscheinend auf seine Haare und Augen beschränkt. Alle anderen Ergebnisse des präkonzeptionellen Genmanipulation waren ideal gewesen. Seine physische Erscheinung war perfekt. Er war geistig brillant und hatte eine hohe Begabung für Spitzentechnologie. Er war ein natürlicher Einzelgänger, geeignet zum Dienst an der Gemeinschaft, nach innen gekehrt, mit einer inneren Stärke und einem Drang zur Selbstverwirklichung. Er war entschlossen und selbstständig. Diese Eigenschaften machten Whaleman zu einer Selbstverständlichkeit für das Defense Commando und würden ihn auch zu einem hoffnungslosen Außenseiter bei den meisten menschlichen Aufgaben machen.

Diejenigen, die für die Arbeit in Satelliten-Gemeinden programmiert waren, hingen beispielsweise fast ausschließlich davon ab, dass kommunale Teams für ihre Zufriedenheit im Leben sorgten. Bergbau- und Materialtechniker dagegen, die wie die Defense Commanders personalisiert waren, hatten sich als effizienter erwiesen, wenn sie durchdrungen waren von einem egoistischen Gespür für die Findung des eigenen Ichs und nach den Auszeichnungen, die sie nach der Entdeckung neuer Materialien oder Prozesse erhielten,. Die GovTechs, die wie Whaleman über die gleichen Gene für den Dienst an der Gemeinschaft verfügten, fanden ihre effektivste Modifizierung in einem unpersönlichen Streben nach universeller Gerechtigkeit und Wohlwollen, mit stark gebremster Eigenständigkeit und zu viel unabhängigem Handeln.

Zach Whaleman und seine „überlegenen“ Gene hatten in seinem dritten und vierten Lebensjahr die übliche soziale Indoktrinationsphase durchlaufen. Das fünfte Jahr an der Defense Academy schloss er im Alter von zwanzig Jahren mit Auszeichnung ab und erhielt den Rang eines Kanoniers. Danach wurde er sofort der Postgraduiertenarbeit auf Merkur Vier zugewiesen, wo Terra 10 seine endgültige Ausstattung erhielt.

Fünf Jahre lang lebte Whaleman praktisch an Bord des großen Schlachtschiffs, beaufsichtigte die Installation seiner und anderer Betriebssysteme, machte sich mit seinen Kraftwerken und Hilfssystemen vertraut und arbeitete verschiedene technische Änderungen aus.

Bei der kurzen Inbetriebnahme auf Merkur Vier war ihm das offizielle Schreiben vom TechCom (so nannte man die Technischen Kommandanten) überreicht worden, in dem er ihm seine persönliche Verantwortung für das großartige Waffensystem übertrug. Terra 10 gehörte ihm. Er würde in der Regel nicht an Bord des großen Schiffes wohnen. Es war für den Roboter-Fernbetrieb ausgelegt, und Whalemans Aufenthalte an Bord der glänzenden Kugel würden sich auf seltene Wartungs- und Änderungsaufträge beschränken. Er würde es jedoch in den ursprünglichen Sonnenorbit führen, letzte Checkout- und Ausrichtungsroutinen durchführen und das Weltraumschlachtschiff für seine Verteidigungsaufgaben im Sonnenzugangskorridor vorbereiten. Damit beschäftigte sich Whaleman, als er sich durch diese erste Nacht in Ag-Sta 23 beunruhigte. Er würde die Reevers in dem Maße humorvoll stimmen, wie es sein Zeitplan zuließ, wenn nötig, aber er würde auf strenge Maßnahmen zurückgreifen, um rechtzeitig an Bord von Terra 10 zurückzukehren, um die Fährstaffel in Empfang zu nehmen.

Eigentlich hatte sich Whaleman zu einer Akzeptanz der Situation überredet. Er hatte wirklich keine Pläne gemacht, um diese dreitägige Zeitspanne zu füllen, bevor die Fährstaffel bereit sein würde, Terra 10 einzusetzen. Nachdem der anfängliche Schock der Entführung nachgelassen hatte, empfand der Defense Commander seinen erzwungenen Besuch als recht angenehm. Das Essen war gut, sein Quartier angemessen, und die schwere Atmosphäre des Kontinents war süß von den natürlichen Düften der wachsenden Dinge.

Fast nostalgisch stand er am offenen Fenster und blickte in den Himmel vor dem Morgengrauen und dachte an den ersten Besuch auf diesem Juwel des Sonnensystems, des Gartenplaneten Erde, vor langer Zeit. Er war erst fünf Jahre alt, ein vorzeitiger Kandidat für das Defense Commando und genoss seinen letzten Urlaub im Zusammenleben mit seinen Eltern, den DefTechs (das waren die Namen für die Verteidigungsetchniker) Paul Whaler und Joan Mannson. Whaleman erinnerte sich wenig an diesen ersten Ausflug zur Erde – nur an ein vages Gefühl von unglaublichen Landschaftsfärbungen und fast überwältigenden Gerüchen – und an wenig mehr von seinen Eltern. Er drängte bewusst hinein in die Grenzen der Erinnerung und fand nicht die Erinnerung eines Fünfjährigen an einen fremden Planeten, sondern die durch die Zeit verringerte Wertschätzung eines kleinen Jungen für die beiden Fremden, die er „Mutter“ und „Vater“ genannt hatte.

Paul Whaler, an den er sich erinnerte, war hoch aufragend, kräftig und hatte ein donnerndes Lachen. Er erinnerte sich besonders an dieses Lachen. Es war immer seiner Mutter immer peinlich gewesen. Paul hatte ihm von der menschlichen Rasse erzählt, wie sie sich von der Erde entfernt und andere Orte bevölkert hatte, und hatte ihn in einem Himmelsschlitten mitgenommen, um Zach zu zeigen, wie der gesamte Planet in einen riesigen Garten verwandelt worden war, um die explodierende und jetzt im Exil lebende Bevölkerung von Solana, die von der Erde vertrieben worden war, zu versorgen. Es war kein Platz mehr für die Menschen auf dem Mutterplaneten, hatte Paul erklärt. Jeder wertvolle Quadratzentimeter Ackerland auf diesem einzigen lebensspendenden Planeten im bekannten Universum wurde kultiviert, und schon damals wurde der Großteil der Ernährung der Menschheit synthetisiert.

Ja, Zach Whaleman erinnerte sich an Paul Whaler, obwohl er weniger als dreißig Tage zusammen mit seinem Vater verbracht hatte. Und er erinnerte sich an Joan Mannson. Es gab Zeiten, vor vielen Jahren, in denen er fast jede Nacht von Joan Mannson geträumt hatte. Sie war auch groß, wie er sich erinnerte, sehr schön, sie kümmerte sich um ihren Fremden-Sohn, wenn sie zusammen waren, und spielte immer mit Zachs flammendem Haarschopf – als ob sie vielleicht ein wenig verunsichert oder sogar verlegen war angesichts der erschreckenden Anomalie. Er erinnerte sich an wenig in Bezug auf seine Eltern und fühlte keinen besonderen Verlust, außer nach einem gelegentlichen Traum, an Joan Mannsons Brust gekuschelt zu liegen, oder nach den Geschichten eines erfahrenen Defense Commanders über Mutter Erde. Gelegentlich stand er als Kind auf der Aussichtsplattform der Akademie und blickte auf den glühenden Ball am Himmel und versuchte, sich an die Gerüche und lebhaften Farben zu erinnern, und fragte sich, ob er das alles auch geträumt hatte.

Sogar die Träume von Joan Mannson waren nach seinem vierten Jahr an der Akademie verloren gegangen, die Entwicklung eines Kanoniers war in vollem Gange, und es gab wenig Fremdeinflüsse, die diese Entwicklung beeinträchtigten.

An ungefähr diesem Punkt im Leben, als seine Stimmbänder anfingen, Tricks mit ihm zu spielen und sein Penis zu einem Objekt von mehr als nur beiläufigem Interesse wurde, wurde Whalemans Schlafkojenzuweisung abrupt verändert, und er teilte sich eine Unterkunft mit Laney Furr-Roberts, einer dreißigjährigen weiblichen EdTech (einer Bildungstechnikerin), die die unscharfen Erinnerungen an die Brust der Joan Mannson wieder aufleben ließ.

Die Erinnerungen gingen jedoch wieder verloren, diesmal wegen der engagierten Dienste der EdTech, die ihn in einem Kurs mit dem Titel „Erotische Indoktrination“ über die kleinen sozialen Belohnungen des Lebens informierte. Ein Jahr später, auf den Tag genau, wurde Zachs Quartier wieder in ein gemischtes Wohnheim umgewandelt, und er sah Laney Furr-Roberts nicht mehr außer in seltenen und beunruhigenden Träumen, die ein verschwommenes Gemisch aus Laney und Joan Mannson zu sein schienen.

Die Art der Unterkünfte hatte sich danach mit fast monotoner Regelmäßigkeit verändert, von gemischter Unterbringung, über privat, von rein männlich zu Roboterbegleitern, und dann wieder gemischt, wobei Zach immer wieder erfuhr, dass der Geschlechtsausdruck viele Facetten hatte, die einem anderen nicht zwingend überlegen waren.

Im Alter von achtzehn Jahren wurde er in die Isolation der intensiven Schützenausbildung versetzt und lernte, mit der auferlegten Askese umzugehen. Das war, so erkannte er schnell, die schwierigste Phase seines Sexualtrainings. Er weigerte sich, die angebotenen chemischen Beruhigungsmittel zu verwenden, und entwickelte stattdessen seine eigenen mentalen Techniken, um die natürlichen Hungergefühle der pulsierenden Jugend zu unterdrücken. Dies erfreute seine Prüfer und trug zu den Gesamtehren bei, mit denen er zwei Jahre später seinen Abschluss erhielt.

Die fünf Jahre auf Terra 10 waren natürlich alles andere als erhaben gewesen. Sie waren, für Zach Whaleman, die Verwirklichung eines lebenslangen Ziels. Der menschliche Ausdruck trat zurück, und der junge Kanonier war von den Robotern, mit denen er arbeitete, fast nicht mehr zu unterscheiden.

Dieses Zwischenspiel auf der Erde hätte, unter etwas anderen Umständen, für Whaleman geradezu angenehm sein können – so dachte er, als er am offenen Fenster der Reever-Hütte stand und dieses atemberaubende Wunder des terranischen Sonnenaufgangs sah. Und als die steigenden Strahlen die grauen Schatten der Morgendämmerung teilten, sah Zach einen weiteren atemberaubenden Anblick.

Sie war fast so groß wie Whaleman und stand direkt vor seinem Fenster, hatte langes gelbes Haar, das in schweren Wellen über ihren Rücken fiel – eine goldene Riesin, nackt, bis auf ein schwarzes Dreieck aus glänzendem Plastik an der Basis ihres Bauches, das ihn mit einem ebenen und lidlosen Blick aus leuchtenden Augen ansah, tiefblau, groß, weit auseinander stehend, seltsam. Ihre ganze Haut schien mit einem inneren Licht zu leuchten – Zach vermutete, dass es der terranische Sonnenaufgang der Grund für diese Illusion war. Massive Hüften explodierten von der geschwungenen Taille und dem ovalen Bauch nach außen .

Am interessantesten für Whaleman waren jedoch die fantastischen Brüste, riesige pralle Kugeln aus glänzendem Fleisch auf ihrer Brust, gekrönt von zartrosa Brustwarzen – zweifellos, vermutete der Kanonier – der fleischgewordene Beweis für einen mütterlichen genetischen Code. Er bemerkte, dass er sie mit übermäßigem Interesse inspizierte, konnte sich aber nicht dagegen wehren. Die Brüste waren exquisit geformt, seltsam hart und zugleich weich im Aussehen, und sie ragten aus dem Brustkorb heraus, in einer Weise, die Whalemans Neugierde auf Technik weckte.

Er wandte seine Augen von den provokanten rötlichen Brustspitzen ab und begegnete dem stetigen Blick des Mädchens. Er fühlte sich seltsam scheu und allzu förmlich, als er sich vorstellte.

„Kanonier Zach Whaleman“, sagte er mit sanfter Präzision.

Das Mädchen bestätigte mit einem kurzen Nicken. „Ich weiß. Ich bin Stel Rogers/Brandt.“

Die Worte gelangten als schwer verständliche, musikalische Unschärfe an Whalemans Ohren. Er sagte: „Bitte um langsames Sprechen, nicht skronk.“

Sie wiederholte ihren Satz langsam und sorgfältig, ihr Gesichtsausdruck blieb dabei unverändert. Whaleman nickte und kehrte erneut zu seiner Inspektion ihrer Brust zurück. Der Kanonier hatte natürlich eine Grundausbildung in solchen Anomalien erhalten, aber dies war die erste Frau mit Brüsten, die er leibhaftig gesehen hatte. Er griff durch das Fenster und berührte vorsichtig eine der interessanten Projektionen, dann untersuchte er nachdenklich die Brustspitze zwischen Daumen und Finger. Das Mädchen versteifte sich leicht, erlaubte ihm aber, die Untersuchung fortzusetzen, und lächelte ihn sanft an.

„Brüste erstes Mal sehen“, informierte er sie feierlich, als ob er sein Interesse erklären wollte.

Ihr Lächeln wurde breiter. Sie sagte: „Sei nett zu den Reevers.“

Die Hand des Kanoniers löste sich schnell. „Entschuldigung“, murmelte er. Er berührte seinen Kopf und zeigte auf sein eigenes Haar. „Anomalie“, betonte er. „ Wie meins.“

Das Mädchen lachte und streckte die Hand aus, um mit den Fingern die Insignien des Verteidigungskommandos auf seiner Tunika zu berühren. Ein fließender Strom von Worten vermischte sich mit dem musikalischen Gelächter. Er hob den Kopf und konzentrierte sich auf ihre sich schnell bewegenden Lippen, verstand aber nur Kauderwelsch. Sie las die Bestürzung auf seinem Gesicht und stoppte abrupt.

„Tut mir leid“, sagte sie nüchtern. „Ich vergaß. Langsam sprechen. Ich habe dir gerade von der schrecklichen Zeit erzählt, in der ich dieses Abzeichen dupliziert habe. Du hast einen gefädelten Stoff. Ich musste Synfab benutzen, und das verflixte Zeug teilt sich, geht auf und arbeitet einfach nicht mit.“

Whaleman hörte die Worte dieses Mal, aber zusammen ergaben sie überhaupt keinen Sinn, und die Nichtkommunikation störte ihn. Der lebhafte Ausdruck auf dem Gesicht des Mädchens störte ihn. Die aufgerichteten Schwellungen ihrer Brust störten ihn. Ihre Größe und ansonsten eckige Geschmeidigkeit fand er völlig angenehm und vergleichbar mit den Frauen des Defense Commandos in ihrer eigenen natürlichen Umgebung. Aber diese Brüste! Und diese Sprache!

Er zwang sich zu einem Lächeln und sagte: „Du denkst in Sprache. Ich nicht. Bedauern, wir haben keine Kommunikation – Bedauern.“

Er wandte sich vom Fenster ab, entließ das Mädchen und erwartete, dass sie wegging.

Sie ging nicht weg. Sie ging zur Tür und betrat die Hütte, betrachtete das Innere an und sagte: „Du hast nicht geschlafen.“

„Ich werde bei Jupiter schlafen“, antwortete er knapp, als würde er mit einem ungezogenen Kind sprechen. „Skronk?“

„Nein“, antwortete das Mädchen und bewegte sich direkt vor ihm. „Ich skronke nicht, Maschinenmann.“

„Ich bin ein Mensch“, sagte Whaleman.

„Menschen schlafen jede Nacht“, informierte sie ihn.

„Vielleicht Reevers. Homaner, ja.“ Der Kanonier lächelte. „Nicht Kommandanten. Schlafzyklus, drei Tage. Skronk? Bewusster Zyklus, zehn Tage. Skronk?“

Das Mädchen runzelte die Stirn. „Ich habe das gehört“, sagte sie leise. „Ich glaubte es nicht. Es ist also wahr? Du kannst zehn ganze Tage lang wach sein, ohne zu schlafen?“

Der Kanonier nickte feierlich. „Ist effizienter. Im Weltraum ist Nacht Tag und Tag Nacht, ist selbes.“

Das Mädchen war ihm sehr nahe gekommen. Ihre Nähe störte ihn unerklärlicherweise. Er hielt eine Hand in das lange goldene Haar und streichelte es nachdenklich.

„Haar ist schön ...“ sagte er, „aber ineffizient.“

Das musikalische Lachen des Mädchens füllte die Hütte, die schweren Brüste wogten und wackelten auf beunruhigende Weise. Der Schütze ließ die goldenen Haare los und trat schnell zurück. Ein seltsames, traumhaftes Gefühl umgab ihn.

Das Lachen hatte Visionen von Paul Whaler hervorgerufen, dem längst vergessenen Fremden-und-Vater, und Whaleman starrte wieder auf die Spitzen der riesigen Brüste und fragte sich, was aus Joan Mannson geworden war. Er fragte sich, ob diese fantastischen Brüste für das Mädchen so unbequem waren, wie sie zu sein schienen, und er fragte sich, wie sich diese Brustwarzen zwischen den Lippen eines Babys fühlen würden ...

Der lange von der Erde entfernte Terraner war voller Verwunderung. In kurzer Zeit würde er sich über die Verbindung wundern, die sich über tausend Jahre menschlicher Evolution hinweg entwickeln konnte. Im Moment wunderte er sich über den unerklärlichen Magnetismus, der ihn zwingend zu diesem einfachen Reever zu ziehen schien. Sexuelle Anziehungskraft konnte Whaleman verstehen, aber dieses gegenwärtige Gefühl ging weit über solche elementaren biologischen Mechanismen hinaus.

Das Mädchen hatte seine Hand genommen und zog ihn durch die Tür. „Komm schon“, sagte sie und sprach sorgfältig. „Ich werde dir etwas schrecklich Ineffizientes zeigen. Ich möchte, dass du unseren Wasserfall siehst.“

Whaleman versuchte, sich das fallende Wasser vorzustellen. Er vermutete, dass das Mädchen ihm ein Bad anbot. Er bemerkte, dass sich seine Lippen zu seltsam breiten Lächeln der Reevers verformten, und beschloss, dass er lernen konnte, diese einfachen Menschen zu mögen. „Ja“, sagte er und ging ihr einfach hinterher, „Wasserfall ist gut.“

„Zach, du bist ein komischer Kerl“, erklärte sie, kicherte und drückte seine Hand. Sie führte ihn über das Gelände in den Obstgarten.

Das fast überwältigende Aroma von Apfelblüten füllte seine Nase und verstärkte das seltsame Zerren an seiner Psyche. Er blieb plötzlich stehen, um eine Blüte von einem niedrigen Ast zu zupfen, rieb sie zwischen seinen Finger und hielt sie dann an seine Nase, um einen intensiveren Geruch zu erzeugen.

Als Stel ihn beobachtete, schob sich ein zärtlicher Ausdruck in ihr Gesicht. Zach blickte sie fast schuldbewusst an, dann kniete er plötzlich nieder, um seine Finger in den weichen Boden der Erde an der Basis des Baumes zu graben. Der Kanonier zitterte innerlich auf seltsame Weise, die er als Emotion zu identifizieren begann, und rieb sich den Schmutz in die Handflächen, schmeckte ihn, spuckte ihn hastig aus und grinste schuldbewusst seine Begleiterin an.

„Komm schon“, sagte sie und zog ihn mit einem fast mitleidigen Lächeln hoch.

„Mutter Erde“, sagte er und erhob sich hastig. „Erster genauer Blick. Schoß des Lebens, Heimat des Menschen.“

Stel Rogers/Brandt war offensichtlich berührt von der Zurschaustellung peinlicher Emotionen. Sie sagte leise „Ja“ und zog ihn auf einen kleinen Steg, der einen Bewässerungskanal überspannte.

Sie gingen hinüber und bogen abrupt in eine flache Schlucht ein und begannen einen sanften Anstieg um die Seite eines Hügels. Ein zunehmendes Brüllen in der Luft ließ kein Gespräch zustandekommen, für das ohnehin keine Stimmung zu sein schien. Ihr Weg führte sie an einen rauschenden Bach. Das Mädchen zog Whaleman in das kalte und knöcheltiefe Wasser und führte ihn auf das verwinkelte Bett des felsigen Baches.

Die Füße des Kanoniers quietschten in seinem weichen Schuhwerk und fingen an, von der Kälte zu schmerzen. Er fragte sich, ob man von ihm erwartete, dass er tatsächlich im kalten Wasser baden würde, und dann machten sie einen weiteren scharfen Bogen und kamen auf einen breiten Felsvorsprung unter der großartigsten Aussicht im jungen Leben des Kanoniers.

Ein endloser Strom von kristallklarem Wasser ergoss in einem fast senkrechten Fall über eine hundert Yards lange Strecke und toste mit unveränderlicher Intensität. Whaleman erstarrte, atmete für einen langen Moment aus, sein Kopf neigte sich in einem entzückten Blick auf das fallende Wasser, dann holte er wieder Luft, und eine Vielzahl von Emotionen spiegelten sich auf seinem nach oben gewandten Gesicht.

Stel bewegte ihre Lippen nahe an sein Ohr, um sich über dem Getöse der Wasserfälle verständlich zu machen und sagte: „Schön, nicht wahr?“

„Ist mehr ... Gefühl“, antwortete Whaleman und tastete nach Worten, die außerhalb seiner Reichweite lagen.

„Ein religiöses Gefühl“, stimmte Stel zu.

Whaleman nickte feierlich und sagte: „Religiös, ja. Gefühl ist religiös.“

Sie standen dort lange Minuten, während der Raumfahrer das „religiöse Gefühl“ aufsaugte, dann zog Stel ihn aus dem Bach und führte ihn auf einem Rundweg zu einer kleinen Lichtung am Hang. Das Sonnenlicht strömte durch die Bäume und beleuchtete die pastorale Szenerie mit einem schimmernden, lichthofartigen Effekt. Stel blickte zurück auf den Wasserfall und zeigte auf einen Regenbogen, der im Nebel schwebte.

„Ich wette, du hast noch nie so einen gesehen“, sagte sie zu ihm.

„Mutterplanet hat viele Schönheiten“, antwortete Whaleman ehrfürchtig.

Stel ließ sich auf die Knie sinken, dann legte sie sich auf den Rücken und drehte sich von den Hüften abwärts zur Seite. Der Kanonier starrte sie an, seine Augen wanderten schnell von ihren schwingenden Brüsten zu ihrer hochgeschobenen Hüfte. „Ja, viele Schönheiten“, sagte er.

Sie berührte einladend den weichen Rasen. Whaleman kniete nieder, nahm sie in seine Arme, küsste sie und erkundete die weichen Linien des prächtigen weiblichen Körpers. Sie schob seine Hand weg und unterbrach den Kuss.

„Pass auf“, sagte sie etwas verwirrt. „Ich bin kein sozialer Roboter.“

Das Gesicht des Kanoniers spiegelte verwirrte Emotionen wider. „Gefährten“, sagte er mit erstickter Stimme. „Du, ich, sexuelle Gefährten.“

Stel schüttelte den Kopf und antwortete: „So funktioniert das hier nicht.“ Sie löste sich aus seiner Umarmung, stützte sich auf einen Ellbogen und starrte unverwandt auf den Raumfahrer. „Man muss verliebt sein.“

Whaleman machte es sich neben ihr bequem, betrachtete ihr Gesicht eindringlich und sagte bald: „Nicht skronk“.

„Das ist dein Problem“, antwortete sie und seufzte. „Du skronkst nichts außer Maschinen.“

„Skronke Liebe“, argumentierte Whaleman. „Liebe Solana. Liebe Terra. Liebe ganze Menschheit. Sogar Reevers. Liebe Stel Rogers/Brandt.“

„Das ist nicht die Art von Liebe, die ich meine“, sagte das Mädchen zu ihm. Sie zeigte auf den Wasserfall. „Du skronkst das religiöse Gefühl?“

„Religiös anders anfühlt“, sagte er.

„Sexliebe sich auch anders anfühlt“, antwortete Stel. „Du musst mich so lieben, so wie religiöse Gefühle. Dann können wir vielleicht Sexgefährten sein.“

Whalemans Augen bewegten sich langsam über ihren Körper. „Skronk, wie Joan Mannson.”

„Wer ist Joan Mannson?“

„Joan Mannson ist weiblicher Elternteil. Meine Mutter.“ Er hatte noch nie zuvor vor anderen auf Joan Mannson mit diesem spezifischen Begriff hingewiesen. Seine Stimme war deutlich leiser, als er hinzufügte: „Ist religiös wie Gefühl der Liebe?“

Stel sagte zögernd: „Nein, nicht ganz.“

Der Schütze nickte entschlossen. „Ist wie Joan Mannsons Gefühl. Plus Sexgefühl.“ Er streichelte zärtlich ihre Brust und beugte sich über sie, um die Erhebungen sanft zu küssen.

Das Mädchen holte tief Luft ein, fuhr mit ihren Fingern in seinen roten Haarschopf und zog seinen Kopf zurück. „Du wirst mich nicht verführen, Zach“, sagte sie fest. „Du musst es verstehen. Du musst mich lieben wie ... wie ...“

Whaleman legte sie hin und streichelte ihren Hals, dann lehnte er sich zurück und schaute ihr in die Augen. „Das ist Unterschied“, sagte er feierlich. „Erster Blick, Reevers. Erster Blick, Stel Rogers/Brandt. Erster Blick, Mutter Erde. Religiös, ja. Wie Wasserfall. Wie Joan Mannson und Laney Furr-Roberts zusammen. Ja. Gleiches, wie Träumen, wie Seltsamkeit im Inneren.“

„Verdammt, das ist wunderschön, Zach“, flüsterte Stel.

„Ja, auch. Schön. Zach liebt Stel Rogers/Brandt wie religiösen Wasserfall. Wie Joan Mannson plus Sex. Nicht wie Indoktrinator. Nicht wie Mitstudentin. Nicht wie Roboterbegleiter. Zach liebt Stel wie Terra, wie Obstgärten, wie Erde, wie Wasserfall. Plus Sex.“

Das Mädchen legte eine Hand über ihre Augen und vergaß zu „langsam sprechen“ und murmelte: „Du großer Roboter, geh zurück zu deinem Mond und deinen Maschinen. Sie werden dich hier unten zerquetschen.“

Die Worte kamen bei Whaleman nur verschwommen an. Er verstand nur, dass er sie irgendwie betrübt hatte. Er hatte bereits begonnen, seine Meinung über den Reever-Verstand zu ändern. Es war mehr da, erkannte er jetzt, als ein zufälliger Kontakt verraten würde. Er schämte sich ein wenig für sich selbst, ohne die Ursache seines Unbehagens überhaupt zu verstehen. Er erhob sich auf die Knie, die Verblüffung stand deutlich in seinen Augen. Mit großer Mühe trug er eine stockende Entschuldigung vor.

„Nicht skronk Terra. Nicht skronk Reevers. Entschuldigung, Entschuldigung, Nicht skronk Reever-Sex.“

Stel nahm die Hand von ihren Augen. Sie waren feucht und verstärkten das Unbehagen des Kanoniers. Sie sagte langsam: „Zach, du bist nicht wirklich ein Mensch – das weißt du. Du magst ein König des Himmels sein, aber du bist ein hilfloses Kind hier unten im Wald. Im Gegensatz zu dem, was dir beigebracht wurde, sind Reevers keine Idioten. Sicherlich nicht Tom Cole, und er ...“

Whaleman unterbrach sie: „Ich bin Mensch. Nicht Roboter. Unterhaltung ist schwierig ... Sprache ist ... nicht gewohnt – skronk? Ich lerne, sozial für Stel zu sprechen, wir skronken zusammen – einander.“

„Ich will nur, dass du verstehst, womit du es zu tun hast“, erklärte sie leidenschaftlich. „Das ist alles. Du hast es hier mit Menschen zu tun, nicht mit Maschinen, nicht mit Homanern, sondern mit der absoluten Spitze der Menschheit.“

„Nicht skronk“, antwortete Whaleman lächelnd.

„Die Dinge sind nicht so, wie du denkst“, beharrte sie. „Kenne deinen Feind! Die Reevers sind keine emotionalen Kinder. Versuch, das zu verstehen!“

Der Kanonier dachte darüber nach. Er lächelte plötzlich und sagte: „Stel ist emotionales Kind. Das ist Unterschied. Das ist religiöses Gefühl.“

Sie kam auf die Beine. „Vergiss nicht, später, dass ich dich gewarnt habe!“

Whaleman grinste und verstand nur, dass sie nicht mehr traurig war.

„Gefährten später“, sagte er, „nach-skronk. Du hilfst, sozial zu denken. Ich helfe, Schönheiten skronken.“

Er beschrieb mit der Hand den Kreis des Himmels. „... da draußen. Wo Mensch ist, ist Schönheit, sogar Weltraum.“

„Du verstehst überhaupt nichts von dem, was ich dir gesagt habe“, sagte sie.

„Wir haben zwei Tage“, sagte Whaleman zu ihr. „Dann kehre ich zu Terra 10 zurück.“

„Das ist es, was ich dir sage“, antwortete Stel traurig. „Wenn du zu Terra 10 zurückkehrst, wirst du mit einer vollen Eskorte zurückkehren.“

„Eskorte, ja. Fährstaffel, Weltraumkreuzer, Schlachtschiff in Atmosphäre von Jupiter schleppen.“

„Ich spreche nicht von der Fährstaffel. Ich meine die Reevers.“

Whaleman sah sie ausdruckslos an. „Reevers können Terra nicht verlassen.“

„Das ist es, was du denkst.“

„Nicht skronk“, antwortete Whaleman mit einem beunruhigten Stirnrunzeln.

„Du fängst besser an, zu skronken“, sagte Stel. „Tom Cole will Terra 10, und wenn du ihm nicht hilfst, wird er dich zerquetschen ...“

„Langsam sprechen“, unterbrach sie Whaleman und grinste.

„Es gibt nichts, was du tun kannst, um es aufzuhalten“, antwortete das Mädchen und sprach sorgfältig, „aber ich möchte, dass du weißt, was dich erwartet. Tom Cole wird Terra 10 stehlen, und du wirst ihm helfen – ob lebendig oder tot. Hast du das verstanden? Lebendig oder tot!“

Whaleman starrte sie einen Moment in nachdenklicher Stille an. Dann fing er an, zu lachen, die Laute dröhnten wie ein musikalisches Klatschen, und tief in seinem Kopf war eine überlappende Vision von Paul Whaler, der ebenfalls lachte, und ein unscharfes Bild von Tom Cole, der am Bedienpult von Terra 10 saß. Es war für Whaleman das erste echte Lachen eines Lebens ohne Lachen.

„Was ist so lustig?“ fragte das Mädchen und runzelte die Stirn.

„Ja, lustig, ist lustig“, antwortete der Kanonier und tupfte überrascht in die Feuchtigkeit, die über seine Wangen rollte. „Ist komisch, Tom Cole in Terra 10. Ist lustig, lustig!“

„Pass auf“, sagte Stel kühl. „Du könntest lachend sterben.“

KAPITEL FÜNF

Ein genetischer Unterschied

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IM LAUFE DER JAHRHUNDERTE hatte sich die Gentechnik zu einer sehr präzisen Wissenschaft entwickelt. Lange vor der Geburt von Zach Whaleman waren die medizinischen Verwalter der Solana Corporation davon überzeugt, dass alle Ziele des genetisch programmierten Konzeptplans vollständig erreicht wurden. Der geringe Prozentsatz der Ausfälle, verkörpert von den Reevers, wurde als unvermeidliche Häufigkeit und statistisch unbedeutend angesehen. Immerhin gab es weniger als zehntausend lebende Reevers in einer Gesamtbevölkerung von 17,3 Milliarden Solanern.

Ein Minderheitenbericht zu Beginn des Programms hatte Befürchtungen geäußert, dass viel mehr versteckte Reevers die freie Gesellschaft von Solana genossen, aber es wurden nie Beweise vorgelegt, die diese Annahme bestätigten. Was die Erfolge betraf, so sprachen diese für sich selbst. In der Normalbevölkerung gab es keine Kriminalität mehr. Verschwunden war auch die Aggressivität, außer in bestimmten und sorgfältig ausgerichteten Bereichen menschlicher Aktivität. Praktisch alle beunruhigenden und zerstörerischen Aspekte der Menschheit waren beseitigt worden – Gier, Geiz, Hass – alle waren Relikte der Vergangenheit.

Zach Whaleman begann an diesem ersten Tag seines erzwungenen Besuchs bei AS 23 etwas von dem ganzen Preis zu erkennen, den die menschliche Rasse für diese „Fortschritte“ bezahlt hatte.

Ein Tag mit den Reevers reichte aus, um dem jungen Kanonier beunruhigende Fragen in den Kopf zu setzen, die von seinem Gastgeber gewaltsam in das Licht offener Diskussion gerückt wurden.

„Seit unzähligen Generationen“, sagte Tom Cole am ersten Abend zu Whaleman, „hat die Corporation die menschliche Rasse systematisch entmenschlicht. Was sie „Fortschritt“ nennen, ist eigentlich ein programmiertes Aussterben von allen Menschen.“

Kanonier Whaleman wollte nicht ablehnend sein, noch wollte er in die unangenehme Lage versetzt werden, mit einem unentwickelten Mitglied seiner Rasse über Fragen der Hochpolitik zu diskutieren. Er lernte außerdem, dass der Verstand der Reevers enorm unterschätzt worden war – zumindest in seinem eigenen Denken – und er war daran interessiert, den Grad der Reever-Logik zu bestimmen. Er dachte sorgfältig über Coleman/Sevilles Aussage nach und formulierte eine nicht zu aggressive Antwort.

„Könnte wahr sein“, sagte er nüchtern. „Schwerpunkt der Evolution war Ausrottung des Tierverhaltens. Ziel ist, mehr Menschen zu schaffen, weniger Wilde. Vernunft, nicht Emotion. Hingabe, nicht Gier. Liebe, nicht Hass.“

Sie saßen auf Stühlen aus Plastikblasen im Gemeindepavillon. Ungefähr ein Dutzend Paare tanzten im Mondlicht zu Musikaufzeichnungen. Stel Rogers/Brandt und eine Schönheit ohne Brüste, die ihm als Sofia Scala/Lowen vorgestellt wurde, komplettierten das Spiel zu viert am Tisch des Anführers. Sofia sah aus wie jede normale Frau, bis auf lange schwarze Haare und extrem breite Hüften. Außerdem trug sie Apfelblüten im Haar. Whaleman fand diese Zierde äußerst reizvoll.

„Da ist der Haken“, sagte Tom Cole zu Whaleman. „Was passiert mit Liebe, wenn man alle Emotionen getötet hat? Wenn man all die Emotionen aus Liebe verdrängt, was bleibt noch übrig? Bei Mars, auch Automat kann hingebungsvoll und loyal sein.“

„Warum reden sie wie Maschinen?“ sagte das dunkelhaarige Mädchen undeutlich.

„Zach hat nicht viel Erfahrung mit der Sprache“, erklärte Stel.

„Auch nicht mit Gärprozessen der Äpfel, wette ich“, fügte Tom Cole hinzu und lachte. Er füllte das Glas des Kanoniers wieder auf. „Wenn das seine Zunge nicht löst, wird es nichts. Ich lasse ihn wie einen Redner aus den Genlaboren sprechen, bevor die Nacht zu Ende geht.“

Whaleman erfasste den Kern des Austausches. Er lächelte Stel an und sagte: „Sprache ist eins von Dingen, die durch Fortschritt Solanas verloren gehen. Sprache lässt langsam nachdenken, verändert sich von Ding zu Symbol und zurück zu Ding, bevor Gedanke ist vollständig.“

„Was meint er damit?“, sagte Sofia undeutlich.

„Er meint, er denkt in Bildern, nicht in Worten“, übersetzte Cole.

„Nun, meine Güte, woher weißt du, was der andere will, ich meine, kannst du Gedanken lesen oder so?“, bemerkte Sofia, die Worte flossen in einem ununterbrochenen Strom aus ihrem Mund.

Whaleman starrte auf ihre Lippen, ein Stirnrunzeln der Konzentration verzerrte seine glatten Gesichtszüge.

Stel übersetzte: „Sie will wissen, wie man ohne Sprache kommuniziert.“

Whaleman nickte verstehend mit dem Kopf. „Ich beginne skronken deine Rede“, kündigte er an. „Worte beginnen und enden nicht, laufen im Strom, viele Worte sind übertrieben. Das ist wahr?“

Tom Cole kicherte. „Du hast es getroffen, Zach. Wir mögen den Klang der Sprache. Vielleicht füllen wir sie ein wenig aus.“

Der Kanonier nickte und wandte sich wieder an Sofia. „An Verteidigungsakademie“, erklärte er mühsam, „wird uns in ersten Jahren Sprache beigebracht, aber Schwerpunkt liegt auf Kommunikation des Denkens – der Gedanken – nicht verborgen durch gepolsterte Worte. Arbeit im Verteidigungskommando ist mehr Zeit allein – skronk? – oder mit Automaten. Schwerpunkt liegt darin, schnell zu denken und später zu kommunizieren. Sprechen mit Automaten ist mit Codesprache – skronk? – kurz, phonetische Präzision, Transfergedanke ohne Fehler.“

„Skronk ist eines dieser Codewörter“, fügte Stel hinzu. „Es ist sogar in unsere Sprache eingedrungen. Es bedeutet „empfangen und verstanden“. Richtig, Zach?“

Der Blick des Raumfahrers trübten sich kurzzeitig, dann fragte er: „Richtig bedeutet korrekt?“

„Richtig!“, sagte Stel und kicherte. „Siehst du“, sagte sie und wandte sich an das andere Mädchen, „es gibt eine Sprachbarriere, auch wenn wir langsam sprechen. Also rede mit Zach, als wäre er ein Roboter, wenn du sichergehen willst, dass er dich versteht.“

„Ich bin Mensch“, erklärte Whaleman.

Stels Blick fiel auf Tom Cole. Sie sagte: „Er begreift jetzt schnell.“

„Und er hat auch Recht“, sagte der Anführer der Reevers. „Lasst uns keine Vergleiche mehr von unserem Freund mit einem Roboter anstellen. Du bist unser Freund, nicht wahr, Zach?“

Whaleman berührte seine Brust und antwortete: „Ja – Freunde. Kein Sprechen vergleicht auch Reevers und Normale. Skronk, kein Unterschied, gleich, wie alle.“

Tom und Stel tauschten wieder Blicke. Der große Reever sagte: „Es gibt jedoch einen Unterschied, Zach. Oh, du hast Recht – wir sind alle eine große menschliche Familie – aber es gibt einen Unterschied. Leute wie ich, Stel und Sofia – Board Island sagt, dass wir weniger sind als Menschen. Das ist nicht wahr. Es ist andersherum. Nichts für ungut, Zach, aber es ist genau umgekehrt. Hast du das verstanden?“

Der Kanonier starrte Cole mit einem nachdenklichen Ausdruck an. Er lächelte plötzlich und antwortete: „Ist ein Unterschied in dem, was du nennst: „entmenschlichen“. Jetzt sprichst du, Reevers ist weniger entmenschlicht als Normale.“

„Genau!“, rief Tom Cole aus. „Bei der Liebe zum Mars, Zach, wir kommunizieren! Wir sind keine Reverts, das ist es, was ich sage. Wir sind nur störrische Menschen. Wir widersetzen uns diesem Prozess des Entmenschlichens. Es ist Mutter Natur, die sich wehrt – verstehst du das?“

Whaleman wandte den Kopf in einem kurzen Nicken. „Wie in frühen Tagen der Zivilisation. Natürlicher Überfluss an unzivilisierten Rassen, die von entwickelteren nicht verstanden werden, ist Rassenkriege und Hass und Kommunikation null.“

Tom Cole starrte nachdenklich auf seinen Besucher. „Nun, ich weiß nicht, ob das genau dasselbe ist“, murmelte er.

„Ist wie immer“, erklärte Whaleman. Sein Blick schweifte zu Stel, dann zu dem anderen Mädchen und kehrte schließlich zu Tom Cole zurück. „Wie ist Leben für Reevers?“, fragte er leise.

„Bei Mars, Mann, du kannst es selbst sehen!“ Der Reever explodierte. „Wir haben keine Rechte, keine Anteile an der Corporation. Wir werden isoliert gehalten wie verrückte wilde Tiere. Wir können unsere Art nicht reproduzieren, was bedeutet, dass es für einen Reever keine Schwangerschaftserlaubnis gibt. Wir werden versorgt und herablassend behandelt, wie Geisteskranke; wir sind gebunden an das Leben auf Terra und dieser Gemeinde. Absolut keine Stimme in unserem eigenen Schicksal. Tu nicht so, als hättest du das nie gewusst!“

Whaleman lächelte schwach. „Ich bin auf Luna geboren. An meisten Orten von Solana sind Reevers kaum mehr als Mythen.“

„Etwas mehr als was?“

„Mythen, fantasievolle Geschichten. Viele Solaner bezweifeln, dass ihr seid.“

Details

Seiten
240
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738925029
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
kanonen terra

Autor

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Titel: Die Kanonen von Terra 10