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HK Greiff: Hereingelegt!

2018 100 Seiten

Leseprobe

HK Greiff: Hereingelegt!

Kriminalerzählungen von Wolf G. Rahn


Der Umfang dieses Buchs entspricht 75 Taschenbuchseiten.


- Albert Winter ist Kenner. Das Collier der Ballschönen ist ein Vermögen wert, und er wird es sich holen. Der Besitzerin näher zu kommen, ist für ihn nicht schwer. Doch als er nach der Beute greifen will, erlebt er eine fürchterliche Überraschung …

- Wulf Jäckel benötigt dringend ein Darlehen, was ihm sein vermögender Schwager Reinhold Renner aber eiskalt verweigert. Als Renner ermordet wird, hält selbst Katrin Jäckel ihren Mann für den Täter. Aber auch die eifersüchtige Frau des Ermordeten hatte ein Motiv …

- Vor Jahren verunglückte Virginias Mann in den Bergen tödlich. Nun steht ein Fremder vor ihrer Tür und behauptet, der angeblich Tote zu sein, dessen Leichnam damals nicht gefunden wurde, für dessen Tod Virginia allerdings eine hohe Versicherungssumme kassiert hat. Ist er ein Betrüger?


Als Hauptkommissar bei der Mordkommission bin ich zwar nur für die Verbrechen gegen das Leben zuständig. Aber von den Kollegen der anderen Ressorts erfahre ich auch von Einbrüchen, Vergewaltigungen oder Drogendelikten. Eins haben alle Verbrechen gemeinsam: Früher oder später werden sie aufgeklärt, auch wenn die Täter es noch so raffiniert anstellen.

Und 10 weitere spannende Kurzkrimis



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Tote tragen keine Diamanten

Silvana Mangold besaß Klasse. Die anwesenden Männer waren sich nicht einig, ob sie ihre aufregend langen Beine, ihre atemberaubende Oberweite oder ihre verheißungsvollen Augen mehr bewundern sollten.

Einer der Ballgäste jedoch war am nachhaltigsten von ihrem Hals fasziniert, denn ihn schmückte ein Diamantcollier, gegen das die funkelnden Kronleuchter des Saales nur müde Funzeln waren.

Wenn das Ding echt ist, dachte Albert Winter für sich, werde ich es mir holen. Koste es, was es wolle.

Um die fachmännische Prüfung vollziehen zu können, musste er sich das Schmuckstück aus größerer Nähe betrachten. Dies ließ sich am besten beim Tanzen bewerkstelligen. Also wartete er voller Ungeduld auf einen günstigen Moment, um sich der Schönen zu nähern.

Sie tanzte hinreißend, und ihr Lächeln weckte schönste Hoffnungen. Kein Wunder, Albert Winter hatte vor Jahren seine Karriere als Heiratsschwindler begonnen und auf Grund seines Aussehens, seiner glänzenden Manieren und seines nahezu unwiderstehlichen Charmes manches willige Opfer gefunden.

Was für ein mühsames Geschäft! Oft monatelang hatte er sein Opfer bearbeiten müssen, ehe es ihm gelungen war, sich dessen Ersparnisse zu bemächtigen.

Wie viel einfacher war es doch, mit einem einzigen Griff ein Vermögen in die Hand zu bekommen. Dieses Collier zum Beispiel, das verriet ihm sein Kennerblick, war kaum unter hunderttausend zu haben. Gediegene Goldschmiedearbeit bot einen dekorativen Rahmen für erlesene, hochkarätige Diamanten und Rubine. Ein tolles Stück!

Seine Behauptung, ihm gehöre in Südamerika eine Rinderfarm, verfehlte nicht den gewünschten Eindruck auf die Schöne, von der Albert Winter inzwischen wusste, dass sie nach einer kurzen Karriere als Model und Filmsternchen es vorgezogen hatte, ihren Produzenten zu heiraten und inzwischen auf drei Ehen und ebenso viele Abfindungen zurückblickte.

Zur Zeit standen einige neue Kandidaten zur engeren Wahl. Mit der Entscheidung ließ sich Silvana Mangold Zeit. Vielleicht bot sich ja noch etwas Besseres. Warum sollte es nicht einmal ein Rinderbaron sein?

Es gelang Albert Winter bereits nach kurzem Flirt, ein paar ihrer hartnäckigsten Verehrer an diesem Abend aus dem Feld zu schlagen.

Als er sie erneut um den nächsten Tanz bat, plauderte sie gerade mit einem ein wenig beleibten Mann, dessen auffälligstes Merkmal seine Glatze war. Er sah Silvana Mangold, die an Albert Winters Arm zur Tanzfläche schwebte, mit einem Seufzen nach.

„Kennen Sie Felix Uhlig?“, erkundigte sich die Heiratswütige geheimnisvoll? „Er ist Juwelier und unglaublich naiv. Aber sein Handwerk versteht er. Findet man in Ihrer Gegend nicht viele Smaragde? Vielleicht können Sie mit ihm ins Geschäft kommen.“

Das gab Albert Winter die Gelegenheit, sich mit seiner Partnerin ausgiebig über Edelsteine zu unterhalten und auch ihr Collier gebührend zu bewundern. Strahlend verriet sie ihm den tatsächlichen Wert, der noch weit über dem von ihm geschätzten lag.

Nun gut, er würde nur einen Bruchteil dafür bekommen. Die Hehler waren Halsabschneider. Trotzdem lohnte sich der Coup, zumal er mit keiner nennenswerten Anstrengung verbunden war.

Was Komplimente und Schmeicheleien betraf, legte sich Albert Winter keinerlei Zurückhaltung auf. Ebenso berichtete er bereitwillig über seine angeblichen Einkünfte in Brasilien und seine Zukunftspläne.

Sein Hinweis, dass er verwitwet und kinderlos sei, ließ Silvana Mangolds Busen gewaltig schwellen. Ganz klar, auch sie glaubte, ein einträgliches Opfer gefunden zu haben, das bei bester Laune zu halten, sie wild entschlossen war.

Der Ball diente einem wohltätigen Zweck. Solche Veranstaltungen schätzte Albert Winter, lernte man doch dort Leute kennen, in deren Villa eines Nachts einzusteigen sich zweifellos lohnte.

Gelegentlich ergab sich auch die Möglichkeit zu einer kleinen Erpressung. Man musste nur Augen und Ohren offenhalten.

Im Augenblick interessierten ihn die übrigen Gäste höchst wenig. Er konzentrierte sich auf das eine Ziel, das glitzernd auf duftender Frauenhaut ruhte.

Natürlich widmete Silvana Mangold ihm nicht den ganzen Abend. Ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen geboten ihr, auch mit anderen zu tanzen und sich von ihnen bewundern zu lassen. Egal! Hauptsache, das Collier gehörte noch in dieser Nacht ihm.

Ob sie sich von ihm nach Hause bringen ließ? Während einer heißen Umarmung zum Abschied ließ sich der Schmuck am leichtesten in seinen Besitz bringen. Beim Tanzen war das Risiko einer Entdeckung zu groß.

Albert Winter beobachtete von der Bar aus Silvana Mangolds wirkungsvolle Bewegungen. Damit brachte sie den Burschen mit dem rötlich-blonden Haar, mit dem sie gerade tanzte, schier um den Verstand. Ein noch ziemlich junger Kerl. Albert Winter schätzte ihn auf Mitte zwanzig. Wahrscheinlich ermutigte ihn das Geld seines Vaters, sich Hoffnungen auf eine Frau wie Silvana Mangold zu machen.

Jetzt redete er temperamentvoll auf seine Tänzerin ein. Sie lachte mit dunkler Stimme und schenkte ihm einen Blick, der Diamanten hätte schmelzen lassen.

Du kannst sie haben, dachte Albert Winter spöttisch, aber von dem Collier lässt du gefälligst die Finger. Das gehört mir.

Stirnrunzelnd musste er mitansehen, wie die beiden zu tanzen aufhörten und zur gläsernen Flügeltür gingen, die in den gepflegten Garten des Gastgebers führte.

Er trank sein Glas leer und schlenderte gemächlich in die gleiche Richtung. Es war nicht einfach, sich einen Weg durch die Tanzenden zu bahnen, aber er hatte es auch nicht eilig. Silvana Mangold lief ihm nicht davon. Diese milchbärtige Konkurrenz brauchte er wohl kaum zu fürchten.

Wie zur Bestätigung kehrte der Verehrer bereits nach kurzer Zeit in den Saal zurück. Allein und mit hochrotem Kopf. Er hatte sich wohl bei seiner Angebeteten zu stürmisch ins Zeug gelegt.

Albert Winter schmunzelte zufrieden und wartete auf Silvana Mangolds Erscheinen. Allerdings nicht lange. Er erkannte seine Chance. Dort draußen wollte er die Entscheidung herbeiführen. Die Mangold brauchte nach der plumpen Attacke dieses Anfängers jetzt Zuspruch und würde sich hoffentlich bereitwillig in seine verständnisvollen Arme flüchten.

Unglücklicherweise lief ihm ein Mann über den Weg, mit dem seine Eroberung ihn vorhin bekannt gemacht hatte. Der Typ interessierte sich für die Vermarktung von Rindfleisch und bot ihm ein Geschäft an. Es kostete Albert Winter einige Mühe, ihn wieder abzuschütteln, ohne unhöflich zu werden.

Suchend blickte er sich um. Silvana Mangold konnte er noch immer nirgends entdecken, zumal er die Terrassentür auch die ganze Zeit im Auge behalten hatte. Ob sie etwa auf ihn wartete? Natürlich! Ein eindeutigeres Zeichen konnte er sich nicht vorstellen.

In froher Erwartung ging er in den Garten und hielt nach dem attraktiven Huhn Ausschau, das ihm ein diamantenes Ei legen sollte...

Einige Zeit später verließ er in erzwungener Hast den Ball. Er ließ sich seinen Mantel aushändigen und strebte dem Parkplatz zu.

Als er die Tür seiner Limousine öffnete, vernahm er sich rasch näherndes Sirenengeheul. Er stockte. Polizei? Für die war er ein alter Bekannter. Besser, er verschwand schleunigst von hier.

Zwei Fahrzeuge rasten heran. Ein dritter folgte in einigem Abstand. Beamte sprangen heraus. Zwei postierten sich an dem schmiedeeisernen Tor. Die anderen stürmten weiter. Sie entdeckten Albert Winter.

„Wir müssen Sie bitten, uns zur Verfügung zu stehen. Uns wurde ein Mord gemeldet. Niemand darf dieses Grundstück verlassen, bevor wir mit unseren Vernehmungen fertig sind.“

„Ein Mord?“ Albert Winters Stimme überschlug sich.

„Eine gewisse Frau Silvana Mangold soll das Opfer sein. Sie wurde im Garten erdrosselt. Folgen Sie uns bitte ins Haus!“

Widerstand war sinnlos. Er gehorchte, und schnell fand Kommissar Korte heraus, dass er nicht nur auffallend häufig mit dem Opfer getanzt hatte, sondern auch, kurz bevor das Opfer von einem Pärchen unter Sträuchern entdeckt worden war, in den Garten gegangen war.

„Ja, ich wollte zu ihr“, gab Albert Winter zu, „aber da war sie bereits tot. Sie können sich mein Entsetzen sicher vorstellen, Herr Kommissar. Immerhin bin ich kein unbeschriebenes Blatt. Aber mit einem Mord wollte ich nichts zu tun haben.“

„Das wollte Silvana Mangold wahrscheinlich auch nicht“, gab Korte kalt zurück, während er der Toten seine Aufmerksamkeit widmete. Er stutzte. „Sie soll einen kostbaren Halsschmuck getragen haben. Jetzt ist er weg.“ Er sah Albert Winter auffordernd an.

Dieser hob abwehrend die Hände. „Glauben Sie etwa, ich hätte ihn gestohlen?“

„Durchsuchen!“, kam der knappe Befehl an zwei Mitarbeiter.

Aus der Manteltasche kam das Collier zum Vorschein. Die Neugierigen konnten nur mühsam zurückgehalten werden. Drohungen wurden gegen den überführten Mörder ausgestoßen.

„Ich war es nicht“, beteuerte dieser. „Als ich sie fand, trug sie die Diamanten schon nicht mehr. Ich weiß auch, wer sie umgebracht und beraubt hat.“ Er beschrieb den Rotblonden, der mit Silvana Mangold im Garten verschwunden und allein zurückgekehrt war.

„Interessant!“, spottete Korte. „Ein Mann begeht einen Raubmord, um Ihnen seine Beute anschließend heimlich zuzustecken. Das wird Ihnen kein Richter glauben.“

„Sie haben sie völlig sinnlos ermordet“, ächzte der Glatzköpfige, der erschüttert die Tote betrachtete. „Bei Anlässen wie diesem trug Silvana Mangold stets Imitationen ohne großen Wert. Ich bin ihr Juwelier und riet ihr dazu. Für manche Menschen ist die Versuchung leider zu groß. Wie leicht verschwindet ein kostbarer Schmuck im Gedränge.“

Kommissar Korte runzelte die Stirn. „Sie meinen, das Collier ist nicht echt? Ich bin kein Fachmann in diesen Dingen.“

„Natürlich ist es echt“, begehrte Albert Winter auf. „Dafür habe ich einen Blick. Aber ich schwöre Ihnen ...“

Der Polizist winkte ab. „Geschenkt.“ Er wurde abgeführt.

Bereits am folgenden Tag setzte man ihn auf freien Fuß. „Es sprach eine Menge gegen Sie“, entschuldigte sich Korte. „Inzwischen haben wir in den Akten aber einen ähnlichen Fall gefunden, der schon zwei Jahre zurückliegt. Eine Baronesse fand damals den Tod. Ihr wurde ein kostbares Diadem geraubt, das sich später bei dem Hauptverdächtigen fand und sich als Fälschung erwies. Der Mann nahm sich die besten Anwälte, die es schafften, den Prozess bis heute hinauszuzögern. Zum Glück, denn man würde ihn wohl trotz allem verurteilt haben.“

„Und Sie wissen jetzt, dass er unschuldig ist?“, fragte Albert Winter erregt. „Genau wie ich?

Der Kommissar nickte. „Beim Überprüfen der Gästeliste fand ich einen Namen wieder, der mir auch gestern begegnet war.“

„Der Rotblonde“, war Albert Winter sicher.

„Nein, Felix Uhlig, der Juwelier der Ermordeten. Er hat bereits gestanden, von besonders wertvollen Schmuckstücken Doubletten hergestellt zu haben, um später die Originale wieder an sich zu bringen und einen Unschuldigen zu belasten. Ihm als Fachmann fiel es nicht schwer, die Juwelen auf eine Weise neu zu verarbeiten, dass ihr Verbleib nicht mehr nachzuvollziehen war. Diesmal glaubte er, in Ihnen einen geeigneten Sündenbock gefunden zu haben. Tut mir leid, Herr Winter.“

„Mir auch“, murmelte der Geprellte, „mir auch.“



Der Tod tanzt auf der Party mit

„Du solltest ihn fragen“, ermunterte Katrin Jäckel ihren Mann.

Wulf zögerte. „Ich bin fast sicher, dass er mir das Darlehen verweigert“, seufzte er. „Reinhold kann eiskalt sein, wenn es um Geld geht.“

„Aber er ist unser Schwager“, erinnerte die 35-jährige. „Er kann nicht wollen, dass du in Konkurs gehst.“

„Da bin ich leider anderer Ansicht. Er wartet doch nur darauf, den Betrieb für ein Butterbrot zu übernehmen. So ist Reinhold nun einmal. Ein Schuft durch und durch. Ich habe nie begriffen, wie sich deine Schwester für einen solchen Mann entscheiden konnte.“

„Sigrid zu verstehen fiel auch mir schon immer ziemlich schwer“, pflichtete Katrin ihm bei, schränkte aber ein, dass die um sechs Jahre Ältere durch ihre Verbindung mit dem erfolgreichen Industriellen zumindest finanziell ausgesorgt hatte.

„Geh zu ihm!“, forderte sie Wulf erneut energisch auf. „Reinhold geht gerade ins Haus. Da seid ihr ungestört. Inmitten des Partytrubels lassen sich solche Probleme schlecht besprechen.“

Der Mann gab sich einen Ruck und marschierte los. Katrin folgte ihm in einigem Abstand. Sie suchte jedoch eines der Badezimmer auf, um sich ein wenig frisch zu machen. Es war ein heißer Tag, und Reinhold Renners Partys waren dafür bekannt, bis spät in die Nacht hinein zu dauern.

Gerade wollte sie das Bad verlassen, als ein Wutschrei sie zusammenfahren ließ.

„Das zahle ich dir heim, du Lump“, kreischte eine Frauenstimme, in der Katrin ihre Schwester Sigrid erkannte. „Ich lasse mich nicht länger von dir demütigen. Wer ist es diesmal? Die blonde Roswitha, mit der du an der Bar so schamlos geflirtet hast? Oder deine neue Sekretärin?“

„Du irrst dich, Liebling“, verteidigte sich Reinhold Renner und beschwor seine Frau, doch ein wenig leiser zu sein. „Was sollen die Gäste von uns denken?“

„Dass du ein unverbesserlicher Schürzenjäger bist, der mir immer wieder Besserung geschworen, sein Versprechen aber stets gebrochen hat. Die Beweise sind eindeutig. Ich habe in unserem Ferienhaus am See ein Dessous deines Flittchens gefunden. Den Namen will ich wissen, hörst du?“ Ihre Stimme überschlug sich.

Katrin zog es vor, die Auseinandersetzung nicht länger zu belauschen, doch stellte sie draußen im Garten fest, dass auch hier fast jedes Wort zu verstehen war.

Sie hielt nach Wulf Ausschau, konnte ihn aber nirgends entdecken. Deshalb schlenderte sie zum Swimmingpool und von dort aus weiter zum Pavillon und dem kleinen Weiher, dessen Ursprünglichkeit in krassem Gegensatz zu der ausgeflippten Gesellschaft stand, die ihr Schwager an diesem Wochenende eingeladen hatte.

Erst nach geraumer Zeit kehrte sie zurück. Wulf suchte sie bereits. „Wo warst du denn?“

„Am See“, gab Katrin Auskunft. „Der Trubel ging mir auf die Nerven. Habt ihr euch geeinigt?“

Ihr Mann schüttelte den Kopf. „Ich hielt den Zeitpunkt nicht für günstig. Sigrid und Reinhold lagen sich wieder einmal in den Haaren. Das sind keine günstigen Voraussetzungen für einen Bittsteller.“

„Er soll dir das Geld ja nicht schenken“, wandte Katrin verärgert ein. Nicht zum ersten Mal musste sie feststellen, dass Wulf für einen Geschäftsmann einfach zu zimperlich war. Deshalb ließ ihn auch der Erfolg im Stich. „Ich werde mit ihm reden“, entschied sie.

Wulf wollte sie zurückhalten, aber Katrin hielt bereits auf den breitschultrigen Mann zu, der sich seinen Gästen widmete, als wäre nichts geschehen.

Er lächelte jovial, als er sie kommen sah, und hob ihr sein Glas entgegen. „Sitzt du etwa auf dem Trockenen, liebe Schwägerin?“, befürchtete er und ließ den Champagner in ein weiteres Glas perlen, das er ihr reichte. „Irre Fete heute, nicht wahr?“

Katrin nahm einen kleinen Schluck, bevor sie das Glas abstellte. „Hast du einen Moment Zeit?“

Er grinste leutselig. „Für meine Familie doch immer. Was hast du denn auf dem Herzen?“

Bevor sie ihr Anliegen vorbringen konnte, erschienen neue Gäste. „Wir sprechen später darüber“, versprach er und wandte sich den Neuankömmlingen zu.

Resignierend entfernte sich Katrin. Sie sah Wulfs triumphierenden Blick. „Da hast du es“, empfing er sie. „Er lässt dich nicht einmal zu Worte kommen. Für Reinhold sind wir doch nur die arme angeheiratete Verwandtschaft, die er zu seinen Partys laden muss, um seine Frau nicht zu brüskieren. Ich bin gespannt, wie lange diese Ehe noch hält. Sigrid scheint allmählich die Geduld mit seinen Eskapaden zu verlieren. Aber das geht uns nichts an“, fand Wulf.

„Das geht uns sehr wohl etwas an“, brauste Katrin auf. „Im Falle einer Scheidung sind wir für Reinhold fremde Leute, denen er bestimmt nicht mehr finanziell unter die Arme greifen wird. Deshalb musst du auch unbedingt noch heute ...“

Ein vielstimmiger Schrei unterbrach sie. Dort, wo der Gastgeber seine neuen Gäste in Empfang genommen hatte, bildete sich ein wirres Knäuel von aufgeregten Menschen. Jemand rief nach einem Arzt.

„Das ist bestimmt Hallweg“, vermutete Katrin geringschätzig. „Der weiß nie, wann er genug getrunken hat. Dabei ist die Party noch nicht einmal richtig in Schwung gekommen.“

Schnell stellte sich jedoch heraus, dass Reinhold Renner selbst auf dem Boden lag. Ein anwesender Medizinstudent kümmerte sich um ihn, richtete sich aber mit ernster Miene auf. „Wenn ich die Professoren auf der Uni nicht völlig missverstanden habe, dann ist dieser Mann tot.“

Diese Behauptung löste allgemeines Entsetzen aus. Sigrid warf sich über den reglosen Körper ihres Mannes und forderte ihn durch leichte Schläge auf die Wangen immerzu auf, doch endlich etwas zu sagen.

Aber die Diagnose des Studenten war korrekt. Der Hausarzt, der zu den geladenen Gästen zählte und in diesem Augenblick vorfuhr, bestätigte sie. „Man sollte die Polizei verständigen“, fand er bestürzt. „Das sieht mir verdächtig nach Gift aus.“

Die Anwesenden, die sich um den Unglücklichen gedrängt hatten, wichen konsterniert zurück. Gift? Das konnte doch nur bedeuten, dass Reinhold Renner ermordet worden war.

Wenig später traf Kommissar Strasser mit seiner Mannschaft ein. Der Polizeiarzt nickte düster seinem Kollegen zu. „Ich will mich noch nicht festlegen, aber es könnte sich um ein Pflanzenschutzmittel gehandelt haben.“

Die Polizei stand vor der Aufgabe, über sechzig Gäste und Angestellte zu vernehmen. Jeder einzelne kam vorläufig als Täter in Betracht, denn dass das Gift, falls der Mörder es nicht ohnehin mitgebracht hatte, im unverschlossenen Geräteschuppen für jeden leicht zugänglich gewesen wäre, bestätigte der Gärtner. Auch war es in dem allgemeinen Trubel nicht schwierig, dem Opfer das Mittel ins Glas zu schütten. Wann dies allerdings geschehen war, würde sich nicht mehr ohne Weiteres feststellen lassen, denn Reinhold Renner hatte ständig sein Glas auffüllen lassen und auch nicht immer das gleiche benutzt.

Kommissar Strasser merkte schnell, dass die Leute zwar scheinbar bereitwillig seine Fragen beantworteten, ihm aber offensichtlich etwas verschwiegen. Dies fand er erst heraus, als er zufällig das Gespräch zweier Angestellter mitanhörte. Danach war es kurz vor dem Tod des Hausherrn zu einem heftigen Streit zwischen ihm und seiner Frau gekommen.

Sigrid gab dies unter Tränen zu, verwahrte sich aber empört gegen jeden Verdacht. „Glauben Sie etwa, ich hätte Reinhold vergiftet? Ich habe ihn geliebt. Nur deshalb war ich ja so eifersüchtig auf seine ständigen Affären.“

Trotzdem stand sie von nun an ganz oben auf der Liste der Tatverdächtigen. Wer sonst könnte ein Motiv gehabt haben?

„Fragen Sie doch einmal Herrn Jäckel“, riet der Medizinstudent. „Ich wurde zufällig Zeuge, wie er sich mit seinem Schwager in die Haare geriet. Soweit ich das verstand, ging es um ein Darlehen, das ihm Herr Renner verweigerte. Daraufhin stieß Herr Jäckel wüste Beschimpfungen und gar Drohungen aus.“

Katrin sah ihren Mann betroffen an. „Ich denke, du hast nicht mit ihm gesprochen.“

Wulf druckste herum. „Sollte ich etwa zugeben, wie er mich abgefertigt hat?“

„Aber dem Kommissar gegenüber hast du diesen Wortwechsel ebenfalls nicht erwähnt.“

Details

Seiten
100
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738925005
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v453670
Schlagworte
greiff hereingelegt

Autor

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Titel: HK Greiff: Hereingelegt!