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ROY MATLOCK Band 15 Verschwundene Beute

2018 120 Seiten

Leseprobe

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2018: Tony Masero

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

​ROY MATLOCK Band 15 Verschwundene Beute

Ein Western von Glenn Stirling













In einer spektakulären Aktion wurde ein Zug der Union Pacific überfallen und ausgeraubt. 102.000 Dollar wurden gestohlen – die größte Summe bisher überhaupt. Kein Wunder, dass die Eisenbahngesellschaft dieses Geld wiederhaben will. Aber bisher war die Suche erfolglos. Bis der Bahnmarshal Roy Matlock den Auftrag bekommt, sich um diesen Fall zu kümmern. Schon bald stößt er auf erste Hinweise, denn einige Geldscheine aus der geraubten Beute sind plötzlich wieder aufgetaucht. Und sie gehören Männern, die bis vor kurzem noch für das Gesetz gearbeitet haben. Jetzt wird Matlock erst recht misstrauisch. Aber auch er weiß nicht, dass seine Suche ihn zunächst in die Irre führen wird, bis er die wirklichen Schuldigen findet ...


*





Ernest Jenkins blickte missbilligend über den Hand seiner Kneifergläser auf den eingetretenen hageren, dunkelhaarigen Mann.

„Gut, dass Sie kommen, Roy. Ihre Spesenrechnung geht diesmal nicht mehr durch. Das sind ja Wahnsinnspreise! Halten Sie sich für einen Maharadscha? Oder glauben Sie, Sie wären der Präsident der Vereinigten Staaten?“

Roy Matlock lehnte sich an den Türrahmen und grinste spöttisch. Der ganze Mann schien nur aus Muskeln und Sehnen zu bestehen. Leicht vorgebeugt stand er da, den Daumen der linken Hand in den Gürtel seiner schwarzen Hose gehakt, in der Rechten hielt er einen Geldschein.

Es war der Geldschein, auf den sich der Blick des grauhaarigen Ernest Jenkins konzentrierte. „Aha!“, rief er. „Sie sehen es selbst ein. Sie wollen es mir zurückzahlen, was Sie letztens zuviel bekommen haben, was?“

Boy Matlock wurde ernst. Er trat einen Schritt auf den Schreibtisch zu, hinter dem der beleibte Sicherheitschef saß,. auf dessen graues Haar die Abendsonne einen kupfernen Schein warf.

Roy Matlock legte den Geldschein auf den Schreibtisch. „Wissen Sie, was das ist?“, fragte er lässig.

„Dumme Frage, ein Zehndollarschein, was soll es sonst sein?“

Roy nahm ihn wieder auf, hielt ihn so, dass das Licht der Abendsonne darauf fiel. „Ein besonderer Schein“, sagte er.

„Gefälscht etwa?“ Jenkins rückte sich den Zwicker gerade und stierte auf den Geldschein.

„Nein“, widersprach Roy. „Sehen Sie sich doch die Nummer an. Es ist einer von deneri, die mit dreihundert anfangen, erinnern Sie sich?“

Jetzt begann es bei Jenkins zu dämmern. Überrascht sah er auf, nahm, sich den Zwicker ab und sagte aufgeregt: „Einer von der 300er Reihe? Wo, zum Teufel, kommt er her?“'

„Marlowe hat ihn gerade für einen Fahrschein bekommen, einen Fahrschein nach San Francisco.“

„Und Sie haben den Burschen, der damit bezahlt hat, nicht gleich verhaftet?“

„Nur ein Narr täte das“, erwiderte Matlock. „Nur ein Narr würde eines Scheines wegen die anderen sausen lassen. Im übrigen ist es kein Kerl gewesen, der damit bezahlt hat, sondern eine recht attraktive Frau.“

Jenkins stemmte sich hinter dem Schreibtisch hoch, steckte sich den Zwicker wieder auf die Nase und blickte über die Gläser hinweg auf Matlock. „Verdammt noch mal, Roy, wollen Sie mir nicht endlich reinen Wein einschenken? Was soll diese verfluchte Geheimnistuerei? Sie haben einen Schein der 300er Reihe, reden von einer attraktiven Frau, die nach San Francisco fahren will und ...“

„Sie ist nicht allein“, entgegnete Matlock. „Sie hat noch eine Reihe von Begleitern; für die hat sie gleich mitbezahlt. Zwei von ihnen habe ich schon gesehen, und ich kenne ihre Namen. Es sind Namen, die auch Ihnen ein Begriff sind, Ernest. Der eine ist Max Herold, der andere Steward Crawford.“

„Max Herold, er war doch US Marshal!“

Roy nickte. „Stimmt genau. Seit zwei Jahren ist er es nicht mehr. Vielleicht aus Altersgründen, Max ist immerhin schon Mitte Fünfzig. Crawford hingegen ist jünger, Ende Zwanzig etwa. Zu ihm gehört auch diese Frau.“

„Woher wissen Sie das?“

„So etwas sieht man.“

Jenkins nickte. „Und die anderen? Wie viele sind.es denn im ganzen?“

„Im ganzen sind es sechs mit dieser Frau. Aber ich weiß noch nicht, wer die anderen sind: Und ich weiß auch nicht, ob dieser Schein nicht rein zufällig in die Hände dieser Frau geraten ist.“

„Roy, Sie müssen sofort feststellen, wer die anderen sind und woher die alle kommen.“

„Ich kann überhaupt nichts feststellen. Die laufen in der Stadt herum, und in Cheyenne bin nicht ich zuständig, sondern der Sheriff.“

„Der Sheriff?“ Ernest Jenkins schüttelte den Kopf. „Aber nicht doch! Wenn sie auf dem Bahngelände sind, dann ..

„Sie sind aber nicht auf dem Bahngelände“, widersprach Roy. „Hören Sie zu, Ernest. Ich kann nur zusammen mit John McCrea der Sache nachgehen. Nur mit ihm, nie gegen ihn. Er hat mir manchen Gefallen getan, aber wenn ich in der Stadt herumstöbere und in seinem Garten Blumen pflücke, dann wird er verdammt nervös. Ich weiß nicht, wie oft ich den noch brauche. Außerdem ist er ein alter, mit allen Wassern gewaschener Wolf.“

„Worauf, zum Teufel, warten Sie noch, Roy! Setzen Sie sich mit McCrea in Verbindung.“

Roy war so selbstsicher, dass er auf eine Antwort darauf verzichtete. Er lächelte siegesgewiss und meinte: „Das ist noch nicht alles. Die Frau hat eine Waffe in ihrer Handtasche, aber nicht irgend so einen Derringer oder eine andere Damenwaffe, sondern einen ausgewachsenen Navy Colt.“

„In der Handtasche?“ Ernest Jenkins schüttelte verwundert den Kopf. „Und wer weiß das? Haben Sie das gesehen?“

„Nein, aber der Clerk, bei dem sie das Ticket gekauft hat.“

„Gut, das ist doch schon eine Menge. Da stehen Sie herum und erzählen mir diese lange Story! Sie hätten sie an Ort und Stelle festnehmen und verhören sollen.“

„Um die anderen zu verscheuchen? Hören Sie mal, Ernest. Max Herold war US Marshal, wie Sie vorhin ganz richtig festgestellt haben. Trauen sie dem ohne weiteres zu, dass er sich an einem Überfall beteiligt, der auf einen Geldtransport stattgefunden hat? Glauben Sie das?“

„Man weiß nie, was hinter der Stirn eines anderen Menschen vorgeht“, erklärte Ernest.

„Richtig. Aber die meisten kennen ihn als einen unheimlichen Banditenjäger. Crawford ist lange Zeit Deputy Marshal bei ihm gewesen.“

„Da gibt es doch noch einen Bruder; ich erinnere mich genau, Steward Crawford hat doch den Bruder Al, der ist älter als Steward.“

„Ganz recht. Und Al Crawford war ebenfalls Sheriff, lange Zeit. Hat sogar bei uns bei der Bahn gearbeitet, das allerdings nur ein halbes Jahr. Und danach war er genau wie sein Bruder Steward Deputy Marshal bei Max Herold.“

„Vielleicht sind die dieser Sache auf der Spur“, meinte Ernest Jenkins.

„Dann hätte sie den Geldschein nicht weggegeben. Hören Sie, Ernest, der Clerk hat zufällig gestern noch das Rundschreiben gelesen, das wir bekommen haben. Da stand das von diesem Geld aus der 300er Reihe drin. Und es hat auch dabeigestanden, dass derjenige, der dieses Geld entdeckt, zunächst einmal nichts sagen soll. Jedenfalls nichts zu den Betreffenden, die es ihm gegeben haben, sondern dass er es einem Bahn-Marshal zu melden hat. Und das hat der Clerk getän. Zufällig bin ich in derNähe gewesen. Ich habe diese Frau sogar noch gesehen, und ich bin ein Stück hinter ihr her, bis sie sich mit Crawford und Herold getroffen hat.“

„Und dann haben Sie die Spur verloren?“, fragte Ernest Jenkins.

„Unsinn, Ernest. Ihr Zug fährt in einer Stunde. Sie und die beiden sind im Hotel. Ich nehme an, die anderen sind auch dort. Aber bevor ich dahin gehe und herumschnüffle, werde ich McCrea informieren, denn das ist seine Arbeit. Für mich fängt es an, wenn die sechs auf den Zug steigen. Vorausgesetzt es sind sechs und nicht noch mehr.“

„Sie müssen wahnsinnig sein! Wollen Sie alleine auf die los?“

„Wer sagt, dass ich auf die los will? Wir haben den Schein, und mit dem Schein ist eine Durchsuchung des Gepäcks gerechtfertigt. Ich werde John McCrea einschalten. John McCrea hat vier Debuty Sheriffs, dann ist da noch der Town Marshal, und der hat wiederum zwei Mann als Helfer. Wir können das Gepäck durchsuchen. Und vergessen Sie eines nicht, Ernest. Diese Männer um Herold haben möglicherweise alle denselben Ruf Wie er, das heißt, sie sind Sheriffs oder Marshals gewesen, und jedermann kennt sie als tüchtige Banditenjäger. Das wäre so, als wenn mir irgendwo einer unterstellt, dass ich wegen eines zufälligen Geldscheins, der aus einer Beute stammt, festgenommen werden soll. Es ist nichts bewiesen. Und doch habe ich so ein komisches Gefühl.“

„Ich auch“, bestätigte Jenkins. „Ich habe dasselbe Gefühl wie Sie, da stimmt was nicht. Wir müssten noch herausfinden, wer die anderen sind.“

„Das wird McCrea tun; ich gehe jetzt zu ihm.“

„Und unterrichten Sie mich“, rief Jenkins.

Roy Matlock sah auf dem Schreibtisch seine Spesenabrechnung liegen.

Er trat einen Schritt vor, nahm die Spesenabrechnung und schob sie Jenkins hin. „Hier fehlt noch Ihre Unterschrift, Ernest.“

Verwirrt blickte Jenkins auf die Spesenabrechnung, zog. dann die Augenbrauen zusammen und schaute zu Roy auf. „Ich habe Ihnen doch gesagt ...“

„Unterschreiben Sie schon, ich habe es eilig, wie Sie wissen. Soll ich erst noch anfangen, mit Ihnen zu streiten?“

„Also gut“, seufzte Jenkins und nahm den Federhalter. „Dieses Mal noch, aber das nächste Mal bekommen Sie mit mir Ärger, das schwöre ich Ihnen.“

Er tauchte die Feder' in die Tinte, unterschrieb dann und schob Roy der! unterschriebenen Zettel hin. „Holen Sie sichin Gottes Namen das Geld an der Kasse ab. Aber erst nachher, zuvor will ich wissen, was an der Geschichte dran ist. Und hier, stecken Sie den Geldschein gut weg.“

Roy nahm den Zehndollarschein, rollte ihn um seinen Zeigefinger und steckte ihn sich dann hinters Ohr wie eine Zigarette, dann tippte er an die Hutkrempe und ging nach draußen.

Als er die Strecke überquerte, schaute ihm Jenkins durchs Fenster nach. Matlock sah aus wie ein Cowboy, und tatsächlich war er früher auch als Cowboy geritten. Aber er trug keine Sporen.

„Er ist mein bester Mann“, murmelte Jenkins. „Hoffentlich hat er Glück. Das war der größte Bahnraub seit Bestehen der Union Pacific ...“


*


John McCrea hatte ein Gesicht, so ledern wie ein altes Revolverholster. Ein Paar hellgraue Augen blitzten in diesem zerfurchten Anlitz. An den Schläfen wuchs graues Haar. John McCrea galt als einer von denen, die es geschafft hätten, eine wilde Stadt zu zähmen. Und Cheyenne war früher eine sehr wilde Stadt gewesen. Der harte Ruf von früher haftete ihm noch an, der Ruf eipes Revolver-Sheriffs. Dass McCrea trotzdem fast fünfzig Jahre alt geworden war, lag auch daran, dass er noch immer nicht nachgelassen hatte. Er, der alte erfahrene Wolf wusste, wie er seine Gegner nehmen musste.

Im Augenblick wippte McCrea auf seinem Stuhl, kaute auf einem Streichholz herum, das er dann wie eine Zigarette zwischen den Lippen hielt. Ihm gegenüber saß Roy Matlock.

„Will der Kerl Wurzeln schlagen, oder wie lange wird es dauern, bis er wieder hier auftaucht?“, knurrte Matlock ungeduldig.

„Alles braucht seine Zeit, Roy. Spring doch nicht immer gleich herum wie ein aufgeregter Handfeger. Der Junge muss sich schließlich durchfragen. Er wird ...“

Da wurde von außen die Tür aufgestoßen und McCreas Satz dämit unterbrochen. Ein junger Mann mit strohblondem Haar und einem blitzblanken Sheriffstern auf der linken Seite stürzte herein, schlug die Tür hinter sich zu, lehnte sich mit dem Rücken dagegen und sagte ein wenig atemlos: „Ich weiß alles, ich weiß, wer dabei ist. Ich hab’ die ganzen Namen!“ In seinen blauen Augen leuchtete der Stolz.

„Dann schieß los“, forderte ihn McCrea auf.

„Die Frau heißt Linda Lassing, dann sind da die Brüder Crawford, der jüngere heißt Steward, der andere, der zehn Jahre älter ist, heißt Al. Dann ist da noch ein Joel Anderson, ein Rory O’Hagan; ja und schließlich Max Herold.“

„Von Max Herold wissen wir, dass er US Marshal war“, erklärte McCrea und sah dabei Roy Matlock ah. „Bei den Crawford-Brüdern ist es ähnlich; Anderson ist zuletzt Sheriff gewesen, das ist noch kein Jahr her. Ich erinnere mich sehr gut an die Sache.Er war Sheriff in Rawlins. Die Stadt wollte ihm eine Belohnung nicht zahlen, da hat er die Brocken hingeschmissen und ist gegangen. Was er seitdem gemacht hat, weiß ich nicht. Rory O’Hagan, den kenne ich ebenfalls. Der hat lange für die Armee als Scout gearbeitet. Nur von der Frau weiß ich nichts.“

„Die Frau“, sagte Roy Matlock, „scheint zu Steward Crawford zu gehören. Jedenfalls hat man den beiden angesehen, dass sie sich nicht nur vom Hörensagen kennen.“

„Wunderbar. Und was weißt du noch?“, wandte sich McCrea wieder an seinen Deputy.

„Sie sind allesamt im Hotel. Die Frau war vorhin unten in der Bar und hat eine Flasche Whisky geholt. Dann ist sie wieder hinauf zu den Zimmern. Drei Zimmer haben sie belegt; es sihd überhaupt nur noch zwei frei im Hotel.“

„Gepäck?“, fragte McCrea. „Was weißt du vom Gepäck?“

„Quinton sagt, dass sie nur Satteltaschen hatten. Die Pferde sind verkauft worden, gestern war das. Der Schmied hat sie genommen, er handelt ja mit Pferden.“

„Und die Sättel?“, erkundigte sich Roy.

„Der junge Mann sah Roy an. „Die Sättel auch, nur die Satteltaschen haben sie. Die Frau allerdings, die hat so etwas wie eine Umhängetasche.“

„Keine Kisten oder Seesäcke oder dergleichen?“, fragte McCrea. '*

„Quinton weiß nichts davon“, antwortete der junge Mann.

„Steht Mathew noch auf der anderen Seite?“

„Ja, er passt auf, und Jimmy steht hinten“, sagte der Blonde. „Es kommt niemand aus dem Haus, den sie nicht sehen.“

„Es wird langsam dunkel“, bemerkte McCrea. „Ich nehme an, eine Viertelstunde bevor der Zug fährt, werden wir sie sehen.“

„Auf dem Bahnhof ist genug Licht“, meinte Roy. „Wollen wir sie nun durchsuchen oder nicht?“

„Der Schein ist eine Möglichkeit. Aber wir sollten es noch im Hotel tun.“

„Ich bin Bahn-Marshal, im Hotel habe ich nichts zu melden“, bemerkte Roy.

„Du bist für diese Sache von mir vereidigt, also halten wir uns nicht mit langen Sprüchen auf. Tom, nimm die Schrotflinte, es geht los“, wandte sich McCrea an den jungen Blonden, der sofort zum Gewehrrechen ging und eine Greener-Doppellaufflinte nahm, den Lauf knickte und Patronen hineinschob.

Auch McCrea nahm sich ein Gewehr aus dem Rechen, aber seins war eine Winchester. Er sah. Roy an. „Willst du auch etwas?“

„Das hab’ ich immer bei mir“, erklärte Roy und schlug mit der flachen Hand auf seinen Revolver, der an seiner rechten Seite hing/

„Dann geht es auf zum fröhlichen Jagen. Am Ende ist es eine Riesenblamage. Aber egal, wir wollen es genau wissen.“

„Ich habe kein gutes Gefühl in der Magengegend, und auf so etwas gebe ich eine Menge“, meinte Roy.„Und wenn sie zehnmal US Marshals, Deputy Sheriffs und sonst etwas gewesen sind, irgendwas ist mit denen faul. Fünf Männer und eine Frau fahren nach San Francisco, einfach so. Zumindest ist die Sache komisch.“

„Mir geht es wie dir. Seit ich davon weiß, zwickt es mich in der Magengegend. Irgend etwas scheint wirklich faul zu sein. Aber immerhin haben wir genug Leute. Tom kommt mit hinein, wenn wir sie filzen, und die anderen passen draußen auf; es kann nichts schiefgehen.“

Roy zuckte nur die Schultern, aber er dachte: Eine Menge könnte schiefgehen.


*


Sie marschierten nebeneinander vom Sheriff Office her die Straße entlang bis zum Hotel, das ziemlich in der Mitte von Cheyenne stand, dort, wo früher einmal die Züge mitten in der Stadt gehalten hatten. Aber seit Cheyenne größer geworden was, gab es einen richtigen Bahnhof, und der lag nicht mehr auf der Hauptstraße wie dereinst, als die Stadt Cheyenne beim Bau dieser Schienen entstanden war.

Etwa zwanzig Schritt vor dem Hotel blieb McCrea stehen und sah sich prüfend um. Drüben auf der anderen Seite der Straße stand die Kirche der Presbyterianer. Der Gottesdienst war gerade zu Ende, und eine Gruppe Leute verließ die Kirche.

Einige entdeckten trotz der dämmerigen Beleuchtung den Sheriff, dessen große Gestalt nicht zu verkennen war. Sie winkten grüßend herüber und gingen dann weiter.

Neben der Kirchentür lehnte ein untersetzter kräftiger Mann mit Schnurrbart. Das Licht der Lampe über der Kirchentür fiel auf sein Gesicht, als er aufschaute. Seine Arme bedeckten den Sheriffstern, den er ebenso wie Tom trug.

„Mathew steht auf seinem Posten“, sagte McCrea und blickte kurz zu seinem Deputy hinüber, dann schwenkte er nach rechts auf die Tür des Hotels zu.

„Tom, du bleibst an der Tür“, befahl er seinem Deputy, und der hellblonde junge Mann nickte nur und blieb an der Tür stehen, als McCrea und Roy Matlock eintraten.

Im Erdgeschoss des Hotels befand sich ein Saloon. Im Augenblick war es da still, der Hauptbetrieb begann erst in einer Stunde. Die Tür rechts führte in den Saloon, geradeaus ging es direkt ins Hotel. Eine. Rezeption gab es nicht, man konnte die Treppe hinauf zu den Zimmern gehen.

In dem Moment, als sich McCrea gerade nach Matlock umwandte, um ihm etwas zu sagen, ertönten oben aus dem Obergeschoss Stimmen. Erst die einer Frau, die sagte:

„Aber warum soll ich denn das schleppen? Mir reicht meine Tasche, die ist schwer genug.“

Einer Männerstimme antwortete; „Nun hab dich doch nicht so! Ich hatte dir doch erklärt, dass du das tun sollst, was ich dir sage und sonst gar nichts. Also nimm die Satteltasche auch noch. Du wirst nicht gleich zerbrechen.“

Matlock stieß McCrea mit dem Ellenbogen an und machte eine Kopfbewegung auf die Nische linker Hand zu, die ganz im Dunkeln lag. Sie beide traten zur Seite, lehnten sich in diese Nische und konnten nun von oben nicht mehr gesehen werden. Aber sie hörten die Unterhaltung; es waren belanglose Worte. Jemand kam die Treppe herunter, dann folgten noch mehr.

Durch das Geländer hindurch konnte Roy sehen, wer zuerst herunter kam: Ein Mann über fünfzig, elegant dunkel gekleidet mit einem hellgrauen breitrandigen Hut, die Krempe, und den Kniff, wie man das in Texas kennt. Das hagere bartlose Gesicht hatte Roy schon einmal gesehen, und er wusste sogleich, dass dort der einstige US Marshal Max Herold die Treppe herunterkam. Ihm folgte dichtauf jene blonde Frau, die er ebenfalls schon gesehen hatte. Sie war hübsch, und sie wusste es. Roys Schätzung nach konnte sie nicht älter als zwanzig oder zweiundzwanzig sein. Das Kleid, das sie trug, lag straff an ihrem Körper, verbarg alles und nichts. Ein aufreizender Anblick, von dem sich Roy regelrecht losreißen musste. Der hellblonden Frau folgte ein Mann Mitte Dreißig, rotblond, hager und groß. Wer es war wusste Roy nicht. Aber in diesem Augenblick blieb die Hellblonde auf der Treppe stehen und sagte:

„Musst du nun immer an meine Tasche stoßen, Al? Ich habe so schon schwer genug. Mich wie einen Packesel zu beladen, bloß weil Max sich das so einbildet.“

„Halte hier keine großen Reden, geh weiter!“, raunzte sie Al an.

Al Crawford also, dachte Roy sofort. Aber zu weiteren Gedanken in dieser Richtung kam er nicht, denn jetzt befand sich Max Herold in Höhe von ihm, und McCrea hielt überrascht irine und starrte aus schmalen Augen auf den Sheriff.

„Ich wollte zu Ihnen, lieber Freund!“, rief John McCrea.

„Zu mir? Wer sind Sie denn?“, fragte Max Herold, entdeckte aber dann, als McCrea den linken Arm sinken ließ, das Abzeichen auf dessen Jacke. „Aha, ein Sheriff! Doch nicht etwa der berühmte McCrea, von dem man sagt, dass er kleine Kinder frisst?“

„Sie brauchen sich deshalb nicht in die Hose zu machen“, erwiderte McCrea trocken. „Sie sind ja kein kleines Kind mehr.“

Die anderen waren alle auf der Treppe stehengeblieben, beugten sich übers Geländer, um etwas von dem zu sehen, was da unten vorging, Roy, der die Nische verlassen hatte, schaute nach oben und versuchte, sich in diesem dämmrigen Licht, das die Petroleumlampe verbreitete, die Gesichter dieser Menschen zu merken, soweit er sie überhaupt richtig erkennen konnte.

Hinter jenem Al war ein Mann, den er als Steward Crawford erkannt hatte und von dem er glaubte, dass er in einer besonderen Beziehung zu dem Mädchen Linda stand. Weiter oben befand sich ein blasser, knochiger Mensch mit eingefallenen Wangen, schmalen bläulich wirkenden Lippen und unruhigem Blick. Der Beschreibung nach konnte das nur Joel Anderson sein. Hinter ihm, schwarzhaarig, jung und sehnig, vermutlich Rory O’Hagan.

„Ich wollte einmal einen Blick in Ihr Gepäck werfen“, sagte der Sheriff.

„In mein Gepäck?“ Max Herold begann zu lachen, als habe er eben einen hervorragenden Witz gehört. Als er damit fertig war, fuhr McCrea gelassen fort;

„Einer von Ihnen hat heute Fahrkarten gekauft und mit Geld bezahlt, von dem wir annehmen, dass wir bei euch noch mehr davon finden.“

Max Herold machte noch schmalere Augen als eben. „Was soll mit dem Geld los sein? Haben Sie eine Blüte erwischt, Sheriff?“

„Man könnte es fast so nennen, wenn es auch nicht genau zutrifft.“

„Zeigen Sie mir den Schein.“

McCrea machte eine Kopfbewegung zu Roy Matlock. „Er hat ihn.“

Roy nahm ihn hinter dem Ohr hervor, rollte ihn auf und tippte auf die Nummer. „Schon mal von der 300er Serie gehört? Ein ehemaliger US Marshal wie Sie wird wissen, was damit gemeint ist.“

„Nichts weiß ich“, behauptete Herold. „Nicht das mindeste, was soll ich dabei wissen? Was für eine verdammte 300er Serie meint ihr?“

„Wir meinen“, erwiderte Matlock, „den Bahnüberfall, den Raub von 102.000 Dollar, den größten Geldraub, seit die Union Pacific quer durch Amerika fährt.“

„Wer sind Sie überhaupt?“, fragte Herold.

„Im Augenblick ist er mein Deputy“, erklärte McCrea für Matlock, „aber wenn wir auf die Bahn kommen, ist er Bahn-Marshal. Sein Name ist Roy Matlock.“

In Herolds Augen erkannte Roy Zeichen des Erinnerns. Dennoch sagte Herold: „Den Namen habe ich im Leben nicht gehört.“

„Lügen kann man lernen“, erwiderte Roy trockep. „Aber es gehört auch Talent dazu. Sie haben es weder gelernt, noch haben Sie Talent, Herold“, sagte Roy. „Wenden wir uns also wieder dem Geld zu. Wie ist es, Madam und Gentlemen, können wir uns mal den Inhalt der Taschen ansehen?“ '

Max Herold lächelte zuversichtlich. „Warum nicht? Selbstverständlich, zu verbergen gibt es nichts. Wer von uns hat denn den Schein zum Bezahlen benutzt?“

„Derjenige, der die Fahrkarten gekauft hat. Ich glaube, er ist es gewesen.“ Roy zeigte auf Steward Crawford.

„Die Fahrkarten habe ich gekauft“, bestätigte der von der Treppe herunter.

„Komische Geschichte“, meinte Max Herold.

Das sollte sehr gleichgültig klingen, unbeteiligt, aber Roy hörte die Unruhe von Herold heraus. Und sein Verdacht zementierte sich dadurch noch mehr.

„Also, Jungs, dann wollen wir mal dem Sheriff und seinem Freund zeigen, was wir in den Taschen haben. Du, Linda, kannst schon mal gehen.“

„O nein“, widersprach McCrea. „Die Lady bleibt hier. Wir wollen sehen, was sie mit hat, so schwer bepackt, wie sie dahergeht.“ Er griff nach der Tasche, die sie trug.

Ihre Finger verkrampften sich in den Riemen der Satteltasche, und sie fauchte McCrea an: „Das sind persönliche Sachen, das geht Sie nichts an!“

McCrea schüttelte den Kopf. „Irrtum, es geht uns eine Menge an. Eigentlich interessieren uns Ihre Taschen noch mehr als die der Männer.“

„Was soll das denn heißen?“, rief Herold erbost.

„Das heißt, dass ich einen bestimmten Verdacht habe“, erklärte McCrea.

„O Gott!“, seufzte Al Crawford. „Ich habe es vermeiden wollen, aber es scheint nicht anders zu gehen. Jungs, es ist soweit.“

Roy warf einen kurzen Blick nach oben, und dann sah er die heftige Bewegung.

Geistesgegenwärtig packte er McCrea am Arm, sprang zurück und riss McCrea mit. Im selben Augenblick fiel der Schuss.

Mit einem Hechtsprung warf sich Steward Crawford von oben herunter direkt auf McCrea, riss den völlig überraschten Mann um, und beide flogen bis an die Wand.

McCrea wollte sich herumwerfen, aber jetzt behinderte ihn seine Winchester.

Wieder fiel ein Schuss, aber auch der ging fehl.

Roy Matlock hatte den Revolver heraus, sah aus den Augenwinkeln, wie Linda Lassing und Max Herold versuchten, aus dem Haus zu kommen. Max Herold riss die Tür auf, stieß die Frau nach draußen, drehte sich noch einmal herum und wollte mit dem Revolver schießen. Aber diesmal war Roy Matlock schneller. Er schoss, ging sofort in die Hocke, feuerte ein zweites Mal, war aber geblendet vom eigenen Mündungsblitz.

Max Herold stolperte rücklings ins Freie. Doch plötzlich ertönte draußen ein donnernder Schlag, als sei eine Kanone abgeschossen worden. Wie von einer riesigen Fäust gepackt und nach vorn geschleudert, flog Max Herold wieder in den Raum hinein. Sein Gesicht war verzerrt, soviel konnte Roy Matlock im Schein der Petroleumfunzel erkennen, und dann brach Max Herold vor Roys Füßen zusammen.

Aber Roy hatte keine Zeit, auf ihn zu achten. Rory O’Hagan war die Treppe wieder hinaufgestürmt, schoss, und Roy, der ihn noch gar nicht richtig ausgemacht hatte, feuerte mehr oder weniger blindlings zurück, sprang nach vorn in die Nische, um Deckung zu haben, und das nutzte Steward Crawfords Bruder Al. Während sich Steward Crawford noch mit John McCrea am Boden wälzte, stürmte Al Crawford an Roy mit einem riesigen Satz vorbei, sprang über den am Boden liegenden Max Herold hinweg und flog förmlich durch die Türöffnung.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924954
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
matlock band verschwundene beute

Autor

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Titel: ROY MATLOCK Band 15 Verschwundene Beute