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Mörder und Brillanten: N.Y.D. – New York Detectives

2018 140 Seiten

Leseprobe

Mörder und Brillanten: N.Y.D. – New York Detectives

Wolf G. Rahn

Published by BEKKERpublishing, 2018.

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Mörder und Brillanten: N.Y.D. – New York Detectives

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Krimi von Wolf G. Rahn

Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.

Eigentlich sollte es ein schneller und einfacher Auftrag sein: Der Privatdetektiv Bount Reiniger soll auf einer Party die Juwelen am Hals von Farah Connect vor Diebstahl schützen. Doch während eines Feuerwerks ist der Schmuck weg, und der vermeintliche Dieb liegt tot auf dem Rasen. Es gibt mehrere Spuren, doch alle führen irgendwie auf falsche Fährten. Ein harter Brocken für Bount Reiniger.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author /COVER TONY MASERO

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Ringo Gallico verzog sein kantiges Gesicht. Die Lippen waren zusammengepresst, die Augen enge Schlitze. Mit seinen schlanken, blassen Händen strich er liebevoll über die Waffe.

Er war wütend auf den Mann, der ihn zum Narren hielt. Aber das konnte man mit ihm nicht machen.

Das würde er sich nicht länger gefallen lassen.

Langsam, fast genussvoll hob er die Pistole. Sein Arm war gestreckt. Über das Visier peilte er den Mann an, der ihm ahnungslos seinen breiten Rücken zuwandte. Man konnte ihn gar nicht verfehlen. Besonders nicht, wenn man ein so sicherer Schütze wie Gallico war.

Der andere plauderte mit einer rassigen Frau. Auch sie sah den Schützen nicht, denn sie achtete überhaupt nicht auf ihre Umgebung. Sie hatte nur Augen und Ohren für ihren Gesprächspartner.

Ihr dunkles Lachen klang zu Ringo Gallico herüber und fraß sich in ihn hinein. Es bereitete ihm Qualen.

„Ich bringe dich um“, flüsterte er, bleich vor Zorn. „Euch beide werde ich töten. Ihr wollt es nicht anders. Ich lasse mich nicht verspotten.“

Mit dem Daumen zog er den Hahn der reich verzierten Waffe zurück. Der Lauf bewegte sich dabei um keine Haaresbreite. Die Hand des Schützen lag absolut ruhig.

Der Zeigefinger berührte den Stecher. Das Metall strahlte eisige Kälte aus. Doch es kühlte Ringo Gallico nicht ab. Er krümmte den Finger, überwand den Druckpunkt. Der Schuss löste sich belfernd.

Wie eine Steinfigur blieb der Schütze stehen. Er senkte den Arm nicht. Sein Gesicht zeigte keine Gefühlsregung.

Der Breitschultrige zuckte zusammen, als hätte ihn ein mörderischer Schlag getroffen. Er starrte auf die Stelle des Baumstamms, an der kaum zwei Handbreit über seinem Kopf die Rinde weggefetzt worden war und sich die Kugel ins Holz gegraben hatte.

Die Frau schrie entsetzt auf.

Der Mann drehte sich ruckartig um und sah in die Richtung, wo er den Schützen vermutete. Wütend starrte er Gallico an.

„Bist du verrückt geworden? Das sind verdammt alberne Scherze. Du hättest einen von uns treffen können.“

Der Puertoricaner lächelte dünn. „Ich will dir nicht widersprechen. Aber du vergisst, dass ich ein besserer Schütze bin als du. Ich treffe mein Ziel immer. Wenn ich dich verfehlt habe, lag das nur daran, dass ich dich nicht treffen wollte.“ Leise fügte er hinzu: „Noch nicht.“

„Du bist total verrückt, Ringo“, schimpfte nun auch die Frau und ging auf den Schwarzhaarigen zu.

„Verrückt nach dir, Melissa. Vergiss das nie! Hörst du? – Wir wollen gehen. Ich hoffe, du hast dich lange genug von ihm verabschiedet.“

„Deine Eifersucht wird langsam krankhaft, Ringo. Damit machst du dich noch mal unglücklich.“

Ringo Gallico lachte bitter.

„Ob ich unglücklich bin oder nicht, liegt in deiner Hand, Melissa“, erklärte er nun schon etwas sanfter. „Du kennst meine Gefühle und Ansichten genau. Es kann nicht so schwierig sein, sie zu respektieren. Sonst ...“

„Sonst?“ Die Augen der schönen Frau verdunkelten sich. Sie trug ein Kostüm aus feinstem Leder. Die boleroartige Jacke stand offen. Unter der Spitzenbluse hob sich ihr Busen. Sie bebte vor Wut. Melissa Gallico gehörte zu den Leuten, die ihren Zorn nur schwer verbergen können.

„Sonst hast du dir die Folgen selbst zuzuschreiben“, fuhr ihr Mann kalt fort.

Er wandte sich hastig ab und eilte zu seinem Wagen.

Melissa sah ihm beunruhigt nach.

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Toby Rogers, Leiter der Mordkommission Manhattan, strich sich genüsslich über den Bauch. Dann winkte er die Bedienung heran. Er amüsierte sich über ihren wippenden Gang, besonders da noch einiges andere mitwippte.

„Ich habe ein Problem, Sheila“, erklärte er und bemühte sich, einen bekümmerten Eindruck zu machen.

Das Mädchen mit der neckischen Fransenfrisur machte ein mitleidiges Gesicht. „Das kann ich mir gut vorstellen, Mister Rogers. Das bringt Ihr grässlicher Beruf mit sich. Immer nur Mord und Totschlag.“

Sie schüttelte sich, wodurch ihre Proportionen wieder auf erfreulichste Weise in Bewegung gerieten.

Toby Rogers strahlte. „Ich sehe, dass Sie mich verstehen, Sheila.“

„Schade, dass ich Ihnen da nicht helfen kann.“

„Und ob Sie das können“, antwortete Toby und zwinkerte ihr dabei zu. „Um diesen schwierigen Job ausüben zu können, ist es unbedingt nötig, dass ich immer gut gesättigt bin. Und sehen Sie, was sind schon zwei Steaks. Ich ...“

„Wollen Sie damit sagen, dass Sie noch ein drittes wünschen?“, fragte das Mädchen ungläubig.

„Das entspricht präzise meiner Vorstellung. Ist was nicht in Ordnung? Muss meinetwegen etwa extra ein Rindvieh geschlachtet werden?“

„Das – nicht, Sir“, stammelte Sheila. „Wir haben selbstverständlich eine genügende Menge gut abgehangenes Fleisch vorrätig. Ich habe nur den Eindruck, dass Ihnen unsere Portionen zu klein sind.“

„So kann man es auch ausdrücken. Aber wenn es Sie beruhigt, ich habe noch kein Steakhouse gefunden, in dem das anders wäre. Außerdem bin ich ganz froh darüber. Auf diese Weise müssen Sie öfter an meinen Tisch kommen, und etwas Erfreulicheres kann ich mir für meinen freien Tag kaum vorstellen.“

Sheila errötete zart und lachte. „Also noch ein Pampas-Steak. Mit Beilagen?“

Der Dicke winkte ab. „Das Gras können Sie weglassen. Geben Sie das lieber den Kühen zu fressen, damit sie schön rund werden.“

Dabei streifte der Blick des Captains Sheilas knappen Pulli, während sie dichter an ihn herantrat, um den leeren Teller wegzuräumen.

„Aber, Sir!“ Ihre Empörung sollte nur den Schein wahren. Sie möchte den gemütlichen Kriminalbeamten. Er durfte ruhig ein bisschen frech sein. Er wurde wenigstens nie handgreiflich wie viele andere Gäste.

Toby Rogers grinste vergnügt und wehrte ab. „Keine Angst, Sheila. Ihre Unschuld ist nicht in Gefahr. – Sehen Sie den Burschen dort drüben, dessen Kopf auf seinem Hals rotiert, als suche er einen freien Tisch?“

„Ist das nicht Mister Reiniger, Ihr Freund?“

Toby schnitt eine Grimasse. „Das behauptet er hin und wieder. In Wirklichkeit lässt er nichts aus, um mich möglichst rasch unter die Erde zu bringen. Wenn es nach ihm ginge, würde ich vor Hunger sterben.“

„Ich sollte vielleicht nichts von den beiden Steaks erwähnen“, schlug Sheila vor. Sie schaltete schnell.

Über Tobys Gesicht lief ein Strahlen. „Sie sind ein Juwel“, stellte er fest. Er hob seinen Arm und winkte dem Privatdetektiv zu. „Hey, Bount!“

Bount hatte ihn bereits entdeckt. Er kam näher und erkundigte sich frotzelnd: „Ist hier noch ein Plätzchen frei, Mister, oder brauchen Sie mit Ihrem fetten Hintern sämtliche Stühle?“

„Da hören Sie’s, Sheila. Dieser Mensch will mich mit aller Gewalt unter die Erde bringen. – Wie sind heute die Steaks?“, fragte er dann scheinheilig.

„Butterzart und saftig, Sir“, versicherte die Bedienung und unterdrückte mühsam ein Lachen. „Darf ich Ihnen eins bringen?“

„Das wäre unvergleichlich zauberhaft. Seit dem Frühstück habe ich noch nichts zwischen die Zähne bekommen.“

Sheila nahm noch Bount Reinigers Bestellung entgegen. Dann wackelte sie ab.

Bount grinste seinen Freund unverschämt an.

„Du wirst auch immer vergesslicher, Alter“, fand er. „Wie kann man nur sein Gebiss zu Hause liegenlassen?“

„Soll das ein Witz sein?“ Toby schaute seinen Freund misstrauisch an. „Sieh dir mal meine Beißerchen an. Da ist noch ’ne Menge Echtes dabei. Von wegen Gebiss! Du hattest wohl heute einen erfolglosen Tag?“

„Erraten, mein Lieber. Meine einzige Tätigkeit bestand darin, einen dicken Scheck einzulösen, den ich für meinen letzten Fall bekommen habe. Ein ganz nettes Sümmchen. Jetzt wird endlich Urlaub gemacht.“

„Du Glücklicher! Und was sollte dann die Anspielung auf meine Zähne?“

„Es war keine Anspielung. Du hast doch selbst versichert, dass du dir seit dem Frühstück nichts mehr zwischen die Zähne geschoben hast. Demnach musst du dein Steak mit den Gaumen zerquetscht haben.“

„Steak? Ich höre immer Steak? Was für ein Steak? Ich habe es ja eben erst bestellt. Du warst doch dabei.“

Bounts Rechte schoss blitzschnell über den Tisch und zog Tobys Krawatte aus der Weste.

„Und was ist das, du Scheinheiliger? Da klebt ja noch das Gemüse dran. Du bist überführt, Vielfraß. Die wievielte Ladung hast du gerade in Auftrag gegeben?“

Der Captain wirkte bärbeißig. „Du hättest Detektiv werden sollen.“

„Gar keine schlechte Idee. Ich lass es mir durch den Kopf gehen.“

Sheila kam mit einem riesigen Tablett. Sie stellte Teller und Gläser vor die Männer und ging wieder.

Bount staunte. „Was denn? Keine Beilagen? Dann hattest du mindestens schon zwei Fuhren. Ich schätze, von dir kann eine ganze Ranch in Texas leben. Hast du keine Angst, dass du dich einmal überhaupt nicht mehr bewegen kannst? Dann müssen dich deine Leute zum Tatort rollen. Junge, die Gangster lachen sich kaputt. Die sind dann nicht mal mehr fähig, ein Schießeisen ruhig zu halten.“

Toby Rogers atmete schnaufend wie eine ganze Walrossfamilie. Er schnitt das Steak an und betrachtete zufrieden das Fleisch. Dann steckte er den Bissen in den Mund und kaute darauf herum.

„Du hast es gerade nötig, über mich zu lästern“, antwortete er. „Als du reinkamst, dachte ich schon, du hättest einen Hexenschuss. Du wirst alt, Bount. Ich kann dir eine ausgezeichnete Klinik empfehlen. Die behandeln auch Gicht und Dachschäden.“

„Kein Wunder, dass du die so gut kennst. Dein Spott perlt an mir ab wie an einer Ölhaut. Du hast ja keine Ahnung, welche Torturen ich hinter mir habe.“

„Du machst mich neugierig.“ Tobys gelangweiltes Gesicht strafte diese Behauptung Lügen. Das einzige, wofür er sich momentan interessierte, war sein Steak. „Musstest du von der Tiefgarage bis zum Lift zu Fuß gehen?“

„Ich war in siebzehn Discos. Und nicht etwa nur auf ein Bier. Getanzt habe ich. Drei Nächte hintereinander. Hast du schon mal mit June einen Rock’n Roll aufs Parkett gelegt?“

Toby schüttelte den Kopf.

„Dann kennst du den Ernstfall noch nicht“, fuhr Bount fort. „Ich sage dir, die schafft dich. Wenn ich jemals einen Urlaub nötig hatte, dann ist es jetzt.“

Toby kaute seelenruhig weiter und spülte das Ganze mit einem großen Schluck Bier die Kehle hinunter.

„Ich verstehe ja, dass man June nur schwer einen Wunsch abschlagen kann“, gab er zu. „Aber drei Disco-Nächte finde ich doch etwas übertrieben. Was gab es denn zu feiern?“

Bount seufzte mitleiderregend. „Von wegen gefeiert. Wir waren im Einsatz, um endlich an den Disco-Killer ranzukommen.“

„Und das ging nur mit Rock’n Roll?“

„Anfangs wollten wir ja nur den Schein wahren, um nicht aufzufallen und den Killer zu warnen. Aber dann hatten wir plötzlich einen dritten Preis gewonnen, und da bildete sich June ein, dass wir auch den ersten schaffen müssten.“

„Und habt ihr?“

„Geschafft hat sie nur mich. Als ich den Disco-Killer endlich geschnappt hatte, wäre ich ihm vor Dankbarkeit am liebsten um den Hals gefallen. Das eine schwöre ich dir: Auf eine Tanzfläche bringt mich so schnell niemand mehr.“

Sheila tänzelte auf den Tisch zu. „Da ist ein Herr, der Sie sprechen möchte, Mister Reiniger.“

Bount sah überrascht auf. „Kennen wir auch Herren, Toby?“

„Ich bestimmt nicht. Ich kenne nur Leute. Dich zum Beispiel.“

„Was ist das für ein Herr?“

„Er wartet drüben am Eingang“, gab das Mädchen Auskunft. „Ich habe ihm gesagt, dass ich Sie unmöglich während des Essens stören dürfe. Aber er behauptete, nicht warten zu können. Es sei sehr wichtig.“

„Nun gut“, meinte Bount. „Bringen Sie ihn her!“

Die Schnuckelige verschwand und kehrte kurz darauf mit einem Mann zurück, der sehr elegant und vornehm aussah.

Er stellte sich als Marc Connect vor und vergewisserte sich, ob er mit Mister Bount Reiniger spräche.

Bount nickte und deutete auf einen der beiden freien Stühle.

Marc Connect blieb stehen und lächelte reserviert. „Ich werde Sie nicht unnötig lange aufhalten. Ich möchte Sie lediglich für heute Abend zu mir einladen. Ich gebe eine Party, und Sie sollen mein Gast sein.“

Bount runzelte die Stirn. „Ihr Gast? Aber wir kennen uns doch gar nicht.“

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Sie kennen mich nicht, Mister Reiniger“, gab Marc Connect zu. „Dafür weiß ich recht gut über Sie Bescheid. Sie haben schon mehr als einmal bewiesen, dass unsere Polizei eine Menge von Ihnen lernen kann. Sie sind der beste Privatdetektiv in unserer Stadt.“

Toby Rogers verzog sein Gesicht, als hätte er in eine Salzgurke gebissen, die mit Pfefferkörnern gefüllt und in Galle eingelegt war.

Bount blieb ruhig. „Habe ich Ihnen eigentlich schon meinen Freund vorgestellt?“, fragte er scheinheilig. „Er ist Testesser bei McDonalds. Was Sie von der Polizei halten, interessiert ihn brennend.“

„Ich habe eine sehr hohe Meinung von ihr“, versicherte Connect. „Für manche Einsätze kommt sie nun aber einmal nicht in Betracht. Da braucht man einen Mann wie Sie, Mister Reiniger. Ich erwarte von Ihnen unbedingt dezentes Auftreten. Sie dürfen keinesfalls auffallen. Meine Gäste sollen nicht ahnen, dass ich einen Detektiv engagiert habe. Sie wären zu Recht unangenehm berührt und könnten mir das übel nehmen.“

„Wollen Sie mir nicht langsam verraten, worum es eigentlich geht?“, bat Bount ungeduldig. „Sie laden mich doch sicher nicht ein, weil Sie fürchten, es könne sonst zu viel vom kalten Buffet übrigbleiben. Da wäre nämlich mein Freund der geeignetere Mann.“

Connect verneigte sich entschuldigend gegen Toby Rogers. „Verzeihen Sie bitte meine Taktlosigkeit, Sir. Nur, wegen meiner Gäste sehe ich mich zu absoluter Diskretion gehalten. Sie werden verstehen, dass ich Mister Reiniger für einige Minuten entführe. Ich nehme ihn nicht lange in Anspruch. Das verspreche ich Ihnen.“

„Lassen Sie sich um Himmels willen Zeit. Dann kann ich wenigstens in Ruhe weiter essen“, winkte Toby ab.

Bount warf seinem Freund einen Blick zu, der nichts Gutes verhieß. Dann erhob er sich und folgte dem Mann, der aus seiner Party ein Geheimnis zu machen gedachte.

Marc Connect kam wirklich gleich zur Sache, sobald er sich unbelauscht fühlte.

„Sie sollen natürlich die Rolle des harmlosen Gastes lediglich spielen. In Wirklichkeit erwarte ich von Ihnen, dass Sie während des ganzen Abends Augen und Ohren offen halten. Und zwar unentwegt.“

„Weiter?“

„Meine Frau wird einen wertvollen Halsschmuck tragen. Sie besteht darauf, obwohl ich es gar nicht gern sehe. Ich habe ihn ihr zu unserer Hochzeit geschenkt. Er hat mich schon damals fast hunderttausend Dollar gekostet. Sie können sich denken, was er heute nach genau fünf Jahren wert ist.“

„Aha, demnach geben Sie die Party anlässlich Ihres Hochzeitstages.“

„Sie haben es erraten. Das ist auch der Grund, warum Farah unbedingt den Schmuck tragen möchte, der in einem Safe natürlich besser aufgehoben wäre.“

„Nun gut“, meinte Bount.

Die Sache interessierte ihn nicht besonders. Eine Party mit lauter fremden Leuten war in der Regel stinklangweilig. Aber er würde zweihundert Dollar dafür bekommen und konnte dabei in Ruhe überlegen, welches Urlaubsziel ins Auge zu fassen war.

„Ihre Gattin wird den Schmuck selbstverständlich lieber an ihrem Hals als hinter einer Stahltür sehen. Aber vermutlich kommen doch zu dieser familiären Feier nur Leute, die Sie gut kennen und denen Sie vertrauen.“

Marc Connect nickte heftig. „Deshalb sollen Sie ja auch im Hintergrund bleiben. Ich stelle Sie einfach als einen Geschäftsfreund vor. Das ist unverdächtig.“

„Sie haben mir noch nicht alles gesagt“, vermutete der Detektiv.

Connect seufzte. Es fiel ihm sichtlich schwer, darüber zu reden.

„Leider“, bekannte er. „Es gibt da einen Mann, den ich schon seit Langem kenne. Er gehört zu meinen treuesten Kunden. Ich produziere Hochleistungsmikroskope, müssen Sie wissen. In diesem Bereich ist der Markt schwierig. Es gibt viele Newcomer, die die Entwicklungskosten sparen, indem sie unsere Geräte einfach nachbauen und die Preise unterbieten. Ich kann es mir deshalb nicht leisten, langjährige Abnehmer vor den Kopf zu stoßen.“

„Sie fürchten, dieser Mann könnte sich nicht damit zufriedengeben, den Schmuck lediglich an Ihrer Gattin zu bewundern?“

„Ich sage es nicht gern, Mister Reiniger. Und wenn sich meine Sorge als unbegründet erweisen sollte, bin ich am frohesten darüber. Doch es ist nun einmal so, dass sich Mister Blush in ernsten finanziellen Schwierigkeiten befindet. Er ist wahrscheinlich gezwungen, jede sich bietende Gelegenheit zu ergreifen. Und das Collier ist so eine Gelegenheit. Hardy Blush ist ein Kenner. Er war früher in der Schmuckbranche tätig, bevor er sich auf die Industriediamanten verlegt hat. Hier hat er aber keine so glückliche Hand bewiesen. Jedenfalls steht ihm das Wasser bis zum Hals.“

„Und deshalb befürchten Sie, er könnte an anderen Hälsen herumfingern.“

Diese lockere Ausdrucksweise schockierte Marc Connect offensichtlich. Er hatte Mühe, die Fassung zu bewahren, die durch seine Erregung ohnehin in Mitleidenschaft gezogen wurde.

„Wenn Sie so wollen, ja. Ich möchte Sie bitten, eine eventuelle peinliche Angelegenheit zu verhindern. Ich will auf alle Fälle einen Skandal vermeiden. Das bin ich Mister Blush schuldig, der hoffentlich auch durch korrekte Methoden wieder aus seinem Tief herausfinden wird.“

„Vorläufig ist es aber lediglich ein Verdacht“, schränkte Bount ein.

„Selbstverständlich. Aber Sie wissen ja, Gelegenheit macht Diebe. Ich darf mit Ihrer Mitarbeit rechnen?“

Am liebsten hätte Bount abgelehnt. Aber er konnte keinen triftigen Grund dafür nennen. Es widersprach seinen Prinzipien, einen Klienten im Stich zu lassen. Es handelte sich ja nur um ein paar Stunden, und ein Schmuck für hunderttausend Dollar war schließlich kein Pappenstiel.

„Wann beginnt die Party?“, erkundigte er sich.

Marc Connect atmete hörbar auf. „Um neun. Es wäre mir aber lieb, wenn Sie schon ein paar Minuten früher kämen. Ich könnte Sie dann problemlos auf Blush aufmerksam machen.“

Sie vereinbarten, dass Bount eine Viertelstunde vor dem offiziellen Beginn eintreffen würde, und trennten sich, nachdem Marc Connect seine Adresse hinterlassen hatte.

Bount ging zu seinem Tisch zurück. Er sah aber keinen Grund, seinem Freund nicht die Wahrheit zu sagen. Toby war verschwiegen. Das musste er sein.

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Bount war pünktlich.

Die Villa des Fabrikanten wurde von versteckten Scheinwerfern angestrahlt. Neben der Auffahrt plätscherten zwei Springbrunnen, die die Hand eines italienischen Künstlers verrieten. Bedienstete huschten lautlos hin und her und ordneten die letzten Kleinigkeiten. Die Fahrzeuge der Musiker standen abseits vor einem Nebengebäude. Durch offene Fenster drangen die Laute eines Saxophons.

Bount kurvte mit seinem silbergrauen Mercedes 450 SEL bis fast zum Portal. Er setzte zurück und stellte den Wagen so ab, dass er im Bedarfsfall sofort losfahren konnte, wenn er den Dieb verfolgen musste. Sicher war sicher.

Marc Connect erschien auf den breiten Steinstufen, die zum zweiflügeligen Portal führten. Er trug einen weißen Smoking. Sein Gesicht zeigte ein strahlendes Lächeln, als ob er einen besonders lieben Gast begrüßen würde.

An seinem Arm hing eine außergewöhnlich schöne Frau in einem eleganten Abendkleid. Das Auffallendste an Farah Connect waren ihre großen, ausdrucksstarken Augen. Gegen diese beiden Juwele verblasste sogar das Collier, das an ihrem Hals glitzerte.

„Darf ich dir Bount Reiniger vorstellen, Liebes?“, tönte der Hausherr so laut, als sollte es auch die Kapelle im Saal hören. „Bount und ich kennen uns aus New Orleans. Seither haben wir geschäftlich miteinander zu tun. Aber das wird dich sicher nicht interessieren.“

Farah Connect reichte Bount die Hand und sah ihn aufmerksam an. Es war, als versuchte sie sich zu erinnern, woher sie ihn kannte. Ihre Augen waren wirklich wunderschön.

„Ich freue mich, Bount“, behauptete sie mit leicht rauchiger Stimme. Es hörte sich an, als meinte sie es ehrlich. „New Orleans? Dann haben Sie bestimmt Musik im Blut. Ich kann schon jetzt den Tanz mit Ihnen kaum noch erwarten.“

Farah Connect besaß zweifellos Temperament. Das war ihr deutlich anzusehen. Zum Glück trug sie dieses superenge, korallenrote Kleid, das zwar auf einer Seite riskant geschlitzt war, aber Rock’n Roll-Verrenkungen schier unmöglich machte. Hoffentlich blieb es bei einem Tango.

„Ich hoffe, Sie werden sich meiner auch noch entsinnen, wenn Sie von Ihren anderen männlichen Gästen umringt sind“, schmeichelte er und war dankbar, als Marc Connect ihn zu einem Drink animierte.

„Haben Sie es gesehen? Das Collier, meine ich“, murmelte der Mann im weißen Smoking. „Hunderttausend Dollar. Ich habe nichts dagegen, wenn Sie die ganze Zeit mit Farah tanzen. Dann ist der Schmuck wenigstens sicher.“

„Aber vielleicht Ihre Frau nicht“, meinte Bount schmunzelnd.

Connect lachte etwas zu laut. Das passte nicht zu seinem vornehmen Getue.

„Prächtiger Witz, Bount. Ich darf doch Bount sagen? Das macht das Ganze glaubwürdiger. Bei Farah würden Sie sich die Zähen ausbeißen. Sie ist, wie Sie wissen, seit fünf Jahren mit mir verheiratet. So etwas setzt Maßstäbe, mein Lieber. Könnten Sie ihr einen solchen Schmuck schenken?“

Bount grinste unverschämt. „Muss ich nicht. Den hat sie ja schon. Aber keine Angst, Marc. Ich habe nicht die Absicht, in Ihr Gehege einzudringen. Ich glaube, die ersten Gäste kommen. Geben Sie mir einen Wink, sobald Hardy Blush auftaucht. Mehr ist nicht nötig.“

Die Gastgeber hatten während der folgenden Stunde kaum Zeit, sich um Bount zu kümmern. Im Eilzugtempo lernte er eine Unzahl aufgeputzter Menschen kennen. Die Männer verwickelten ihn in Gespräche über Ölpreise, die Absatzchancen für Silicium in der Dritten Welt oder die jüngste Rede von Senator Hollister. Die Frauen taxierten ihn mit unterschiedlicher Motivation. Die flotten Kaliber zwinkerten ihm stumme, aber unmissverständliche Angebote zu. Die seriöseren Damen schätzten eher sein Bankkonto ab, und die älteren Semester fassten die Frage ins Auge, was ihr Ehemann wohl zu einem erwachsenen Adoptivsohn sagen würde.

Alles in allem versprach die Party genauso zu werden, wie Bount es von Anfang an befürchtet hatte. Langweilig bis zum Umfallen.

Hardy Blush kam als einer der letzten. Dafür nahm er unverzüglich die Gastgeberin in Beschlag und eröffnete mit ihr den Tanz.

Marc Connect warf Bount einen bezeichnenden Blick zu und forderte eine weißhaarige Dame auf, die vermutlich für seine Firma von Bedeutung war.

Bount ließ Blush und seine Tänzerin nicht aus den Augen. Er spürte ein Kribbeln. Vielleicht war es klüger, sich in der Nähe des Einganges zu postieren.

Er wollte sich gerade in Bewegung setzen, als er von einem Mann aufgehalten wurde, den ihm Marc Connect als Bob Müller vorgestellt hatte. Die beiden verband eine alte Freundschaft, die sich über lange Jahre hinweg gehalten hatte.

„Sie tanzen wohl nicht gerne, Bount? Es sind doch so viele atemberaubende Frauen hier. Wollen Sie sie kränken?“

„Wenn man mit keiner tanzt, kann man keine beleidigen“, entgegnete Bount diplomatisch. „Sie halten es ja anscheinend ebenso.“

Bob Müller machte das Gesicht eines Verschwörers, als er fragte: „Können Sie schweigen?“

„Wie ein Megaphon. Haben Sie Hühneraugen, Mister Müller?“

„Eine Kriegsverletzung. Vietnam. Nichts Gefährliches. Splitter im Unterschenkel. Ich bin topfit, aber wenn ich das Tanzen vermeiden kann, tue ich’s. Und Sie?“

„Discogeschädigt.“

„Sie Ärmster! Kleiner Tipp von mir: Marcs Bar ist erstklassig sortiert. Da kann man schon ein paar Stunden totschlagen.“

„In meinem Haus wird nichts und niemand totgeschlagen, Bob.“ Farah Connect war mit Hardy Blush zu den Männern getanzt und löste sich nun von ihm. „Willst du Bount etwa mit deiner Langeweile anstecken? Er hat mir einen Calypso versprochen. Ich habe ihn gerade bei der Band bestellt. Kommen Sie, Bount! Zeigen Sie mir, wie man in der Heimat des Jazz einer Frau beim Tanz den Atem nimmt.“

Ausgerechnet Calypso! Das war so ziemlich das Gegenteil von Tango. Bount ärgerte sich, dass er Marc Connects Auftrag überhaupt angenommen hatte, zumal Farah nicht die Absicht hatte, ihn so bald wieder zu entlassen.

„Phantastisch, Bount!“, schwärmte sie. „Wenn es nicht gegen den guten Ton verstoßen würde, könnte ich die ganze Nacht nur noch mit Ihnen tanzen.“

„Vor allem würde es Marc nicht recht sein“, pflichtete er ihr bei. „Er hat Anspruch darauf, dass seine Frau an seinem Hochzeitstag hauptsächlich mit ihm tanzt. Zumal, wenn es sich dabei um eine so bezaubernde Frau handelt.“

„Sie sind ein Schmeichler, aber ein sehr liebenswerter. Guten Tänzern verzeihe ich fast jede Lüge.“

Er wechselte schleunigst das Thema, während die Band ein Einsehen hatte und einen Blues spielte. Dabei mäßigte er das Tempo und hielt Farah Connect so fest, dass auch ihre Bewegungen zwangsweise fließender wurden. Sie ließ sich das gerne gefallen und lächelte versonnen.

Bount spürte, wie sich ihr Busen unter dem roten Kleid hob.

„Sie tragen einen wunderschönen Schmuck“, sagte er.

„Verstehen Sie etwas von Diamanten?“

„Überhaupt nichts. Wenn Sie mir einreden würden, die Steinchen seien alle echt, würde ich das glatt schlucken.“

„Sie sind echt, Bount“, versicherte die Frau fast beleidigt.

„Nicht möglich! Das Zeug muss ja ein Vermögen gekostet haben.“

„Bin ich das nicht wert?“

„Marc wird es wissen“, antwortete Bount hinterlistig. „Passen Sie nur gut darauf auf! Mir ist schon nicht wohl, wenn ich meine Zweihundert-Dollar-Uhr trage.“

Farah Connect lachte belustigt. Sie glaubte nicht, dass Bount so arm war, wie er tat. Schließlich hatte sie seinen Wagen gesehen. Außerdem machte Marc mit ihm Geschäfte. Das allein sprach für sich.

Hardy Blush ließ nicht mehr als drei Tänze zu. Dann stand er schon wieder bereit und wirbelte die schöne Frau von Bount weg.

Bount griff automatisch nach einem der Gläser, die ihm auf einem Tablett gereicht wurden, wobei er Farah und ihren stürmischen Tänzer keinen Augenblick aus den Augen ließ.

„Ich hoffe, Sie sterben nicht vor Langweile bei uns, Bount?“

Er drehte sich herum.

Marc Connect zeigte ein schuldbewusstes Gesicht. „Sieht so aus, als hätte ich mich doch geirrt. Aber warten wir’s ab! Der kritische Moment kommt erst noch.“

„Wie meinen Sie das?“

„Um Mitternacht biete ich meinen Gästen ein kleines Feuerwerk. Wenn er es dann nicht versucht, habe ich ihm Unrecht getan.“

Die Zeit bis Mitternacht verging mit nichtssagenden Gesprächen, einigen Sandwiches mit exquisiten Belägen und wenigen Drinks. Bount wollte seinen klaren Blick nicht verlieren. Dafür wurde er schließlich bezahlt.

Zum Feuerwerk, das für die meisten eine Riesenüberraschung war, wurden die Anwesenden ins Freie gebeten. Hier war alles vorbereitet.

Bount stellte sich so, dass er Hardy Blush beobachten konnte. Wie schon fast den ganzen Abend hielt sich der Mann in der Nähe von Farah Connect auf, deren Collier mit den ersten Raketen um die Wette funkelte.

Von Zeit zu Zeit wurde Bount die Sicht durch Leute behindert, die sich dazwischen stellten. Er musste immer wieder seinen Standort wechseln.

Auch Farah Connect blieb nicht an einem Platz stehen und erschwerte ahnungslos dadurch seine Aufgabe.

Das einfachste würde sein, wenn er sich neben sie stellte. Dann konnte nichts schiefgehen.

Lichterkaskaden sprühten vom nachtschwarzen Himmel. Dumpf hallten die Abschüsse und ließen die schreckhaften Gemüter jedes Mal zusammenzucken.

Bount zuckte ebenfalls zusammen. Allerdings nicht wegen des Feuerwerks. Er starrte Farahs Hals an. Er war makellos schön – aber leer. Das Collier war verschwunden.

Er rannte zu der Frau hinüber.

„Haben Sie den Schmuck abgenommen?“, fragte er streng. Dabei suchte er mit den Augen nach Hardy Blush, konnte ihn aber nirgends entdecken.

Sie sah ihn irritiert an. „Welchen Schmuck?“ Automatisch ging ihre Hand zum Hals. Sie stieß einen schrillen Schrei aus. „Marc!!!“ Schluchzend lief sie davon.

Bount jagte zum Parkplatz. Er hatte sich gemerkt, mit welchem Wagen Blush gekommen war. Der metallic blaue Mercury stand noch an seinem Platz. Aber das hatte nichts zu bedeuten. Natürlich würde der Halunke nicht durch eine überstürzte Flucht die Tat eingestehen. Im Dunkeln konnte er die Beute mühelos verstecken, um sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder an sich zu nehmen.

Verdammtes Feuerwerk! Warum hatte Connect ihm das nicht vorher gesagt? Er hätte June mitgenommen. Dann wäre es leichter gewesen.

Der Hausherr kam verstört auf ihn zu.

„Wieso haben Sie nicht aufgepasst, Bount?“

„Wieso mussten Sie dieses lächerliche Feuerwerk veranstalten? Das hätte ich vorher wissen müssen. Ich bin keine Katze, die auch im Dunkeln sehen kann.“

Das sah Marc Connect ein. „Entschuldigen Sie! Ich bin so durcheinander.“

Farah hing an seiner Brust und schluchzte.

„Ich hätte es nicht tragen dürfen“, jammerte sie. „Du hattest recht. Aber wer konnte denn damit rechnen? Ich kenne doch alle Gäste.“

Ihr Blick blieb an Bount hängen. Ihre Augen wurden noch größer und fassungsloser.

„Unsinn, Liebes“, erklärte ihr Mann, der bemerkte, wo sie hinstarrte. „Bount ist in meinem Auftrag hier. Er ist in Wirklichkeit Detektiv, aber das sollte keiner wissen. Ich hatte gehofft, er könnte Hardy daran hindern ...“

„Hardy Blush?“ Farah Connect sah ihren Mann ungläubig an. „Aber warum hätte Hardy das tun sollen? Ausgerechnet er?“

„Das erkläre ich dir später. Jetzt müssen wir ihn suchen. Weit kann er schließlich nicht sein. Sein Wagen steht noch hier.“

„Ich nehme an, Sie wünschen noch immer nicht, dass die Polizei eingeschaltet wird, Marc“, vermutete Bount.

„Um Himmels willen, nein! Ich habe Hardy gegenüber fast ein schlechtes Gewissen. Immerhin wurde er zu der Tat beinahe herausgefordert. Wenn er das Collier wieder zurückgibt, bin ich bereit, darüber zu schweigen. Mir liegt nichts daran, ihn restlos zu ruinieren.“

„Dann wollen wir ihn suchen, bevor die anderen aufmerksam werden.“

Das Feuerwerk war noch in vollem Gange. Nur wenige hatten Farahs Schrei zur Kenntnis genommen und ihn dann wahrscheinlich einem Schrecken über eine besonders laute Detonation zugesprochen.

Bount sah Hardy Blush als erster.

Der vermeintliche Dieb starrte ihn an, als wollte er seine Unschuld beteuern. Er lag auf dem Boden und brachte kein Wort zu seiner Verteidigung heraus. Das war auch nicht möglich, denn als Bount ihn umdrehte, entdeckte er das Einschussloch zwischen den Schulterblättern. Es war ein riesiger Krater. Blush musste auf der Stelle tot gewesen sein.

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Hier konnte kein Arzt mehr helfen. Trotzdem erkundigte sich Bount sofort bei seinem Auftraggeber, ob sich ein Mediziner unter den Gästen befand.

Marc Connect stand wie vom Donner gerührt, als er von dem Mord erfuhr.

Farah fiel in Ohnmacht. Erst der Verlust des wertvollen Schmucks, und nun auch noch ein Toter im Haus. Das war zu viel für ihre Nerven.

Gleich zwei Ärzte kümmerten sich um den Ermordeten. Sie kamen zu demselben Ergebnis.

„Der Ärmste war augenblicklich tot. Eine grässliche Wunde. Er muss aus nächster Nähe erschossen worden sein. Eine derartige Verletzung bei einem Revolver habe ich noch nie gesehen.“

Bount Reiniger hatte den Eindruck, als sei ein außerordentlich großes Kaliber verwendet worden. Aber selbst für einen 58er kam ihm die Rückenverletzung noch zu gewaltig vor.

Jetzt konnte sich Marc Connect nicht mehr gegen die Polizei wehren. Die Party hatte einen unerwarteten Verlauf genommen. Bount rief selbst an. Er informierte seinen Freund Toby Rogers, trotz dessen freien Tages. Mit drei Steaks im Bauch musste dieser für etwas Bewegung direkt dankbar sein.

Dann sorgte er dafür, dass sämtliche Gäste und Bedienstete im Haus blieben. Das Feuerwerk war unverzüglich abgebrochen worden. Die Menschen waren blass und belauerten sich misstrauisch. Keiner sprach es laut aus, aber allen war klar: Einer unter ihnen musste der Mörder sein. Kein Fremder hätte sich Blush so weit nähern können, ohne bemerkt zu werden.

Bount Reiniger veranlasste vor allem, dass die Umgebung des Toten von Neugierigen freigehalten wurde. Nach Fußspuren des Mörders zu suchen, würde für die Polizisten zwar ein aussichtsloses Unterfangen sein, weil wegen des Feuerwerks der ganze Rasen zertrampelt worden war. Aber vielleicht fand sich etwas anderes, was einen Rückschluss auf den geheimnisvollen Täter zuließ.

„Ich fasse es nicht“, murmelte Marc Connect immer wieder, während sich einer der Ärzte um seine Frau kümmerte. „Meines Wissens besaß Hardy keine Feinde. Sicher hat es Gläubiger gegeben, die vielleicht ungeduldig wurden. Aber den Gläubiger möchte ich sehen, der seinen Schuldner umbringt und sich damit der letzten Möglichkeit beraubt, jemals an sein Geld zu gelangen.“

Bount dachte in eine andere Richtung.

Er hatte die Taschen des Erschossenen flüchtig durchsucht. Den gestohlenen Halsschmuck hatte er nicht gefunden. Zwischen dem Diebstahl und Blushs Verschwinden war nicht viel Zeit vergangen. Während dieser Frist hätte er die Beute kaum beiseite schaffen können. Es wäre allenfalls möglich gewesen, sie einem Komplizen zuzuspielen. Doch wer kam für diese Rolle in Frage?

Da bot sich schon eher der Verdacht an, dass jemand den Schmuckdiebstahl beobachtet und den Spieß umgedreht hatte. Eine einmalige Gelegenheit, an die Kostbarkeit heranzukommen. Während Bount und Marc Connect den Verschwundenen suchten, hatte der Mörder reichlich Gelegenheit, das Collier zu verstecken.

Toby Rogers fuhr an der Spitze eines Dreier-Konvois. Er sah aus, als hätte Bounts Anruf ihn aus dem Schlaf geschreckt.

Schnaufend näherte er sich seinem Freund und schimpfte: „Ich frage mich, warum wir dich noch frei herumlaufen lassen. Du ziehst die Killer an wie ein Misthaufen die Fliegen. Konntest du es nicht mit einem gemütlichen Diebstahl der Klunker bewenden lassen? Nein, ein Mord muss es sein! Nur, damit ein armer, geplagter Captain um seine wohlverdiente Freischicht gebracht wird. Sadismus nennt man das. Wo liegt der Tote?“

Bount zeigte ihm die Stelle.

Auch Toby Rogers stutzte, als er den gewaltigen Einschuss sah.

„Das war ja wohl ’ne mittlere Schiffskanone. Schätze, das bricht dem Killer das Genick. Solche Kugeln fliegen nicht jede Nacht durch die Luft von New York City. Der Bursche hat einen schweren Fehler begangen. Wir müssen nur erst genau wissen, um was für ein Kaliber es sich bei dem Geschoss handelt.“

Doch der Polizeiarzt bedauerte: „Wenn ich die Leiche nicht an Ort und Stelle sezieren soll, müssen Sie sich noch ein Weilchen gedulden, Captain. Sobald Sie den Toten hier nicht mehr benötigen, nehme ich ihn mit. In zwei Stunden könnte ich Ihnen Bescheid geben.“

Toby Rogers trieb die Spurensicherer jetzt zu größerer Eile an und begann mit den Befragungen. Dabei ließ er sich von seinen Männern helfen. Immerhin handelte es sich, einschließlich des Personals, der Feuerwerker und der Kapelle, um einhundertvierundzwanzig Personen, die alle etwas wahrgenommen haben konnten, von denen aber auch fast jeder als der Mörder in Frage kam.

Der Captain sah sich vor allem den Vorrat an Feuerwerkskörpern und speziell die Abschusseinrichtungen an. Ein geschickter Bastler, und dazu durfte man die Feuerwerker wohl alle zählen, brachte es bestimmt fertig, eine ursprünglich harmlose Apparatur für das Abfeuern gleißender Raketen in ein Mordwerkzeug zu verwandeln.

Sämtliche Gäste mussten sich gefallen lassen, nach dem verschwundenen Schmuck durchsucht zu werden, was bei vielen erregte Empörung hervorrief. Marc Connect hatte zu tun, die Betroffenen zu beschwichtigen.

„Es handelt sich um reine Routine“, versicherte er. „Niemand verdächtigt Sie ernsthaft. Das ist nun mal Polizeiarbeit. Mir wäre es auch lieber, wenn ich sie vermeiden könnte. Aber bedenken Sie bitte, dass ein Mann getötet wurde. Viele von Ihnen haben Hardy gut gekannt. Ich bin es ihm schuldig, alles zu tun, was zur Aufklärung dieses abscheulichen Verbrechens erforderlich ist.“

Farah Connect war inzwischen wieder zu sich gekommen. Sie sah blass aus und verlangte nach einem Cognac.

„Ist es wirklich wahr?“, hauchte sie. „Ich kann es noch immer nicht glauben. Hardy stand doch die ganze Zeit neben mir.“

„Das ist der springende Punkt“, meldete sich Bount und sah die schöne Frau prüfend an. „Sie müssten uns am ehesten weiterhelfen können. Haben Sie überhaupt nichts bemerkt? Vielleicht eine Person, die sich an Blush heranschob?“

Die Frau überlegte angestrengt. Dann schüttelte sie den Kopf. „Ich muss zugeben, dass ich alles versucht habe, um Hardy Blush draußen im Dunkeln abzuschütteln. Ich bin ihn ja schon während des Tanzes nicht losgeworden. Aber im Garten wollte er sogar aufdringlich werden. Da habe ich die erste Gelegenheit ergriffen und mich davongestohlen. Wie konnte ich auch den Grund für seine versuchten Zärtlichkeiten ahnen? Er muss mir dabei das Collier entwendet haben.“

„Sie haben also nichts bemerkt?“, forschte Bount weiter.

„Nicht das Geringste. Auch von dem Schuss hörte ich nichts. Bei dem Lärm, den das Feuerwerk verursachte, war das auch kein Wunder.“

Ähnlich unergiebig waren auch die Aussagen der übrigen Leute.

Zwar gab es den einen oder anderen, der einen huschenden Schatten gesehen und auch den Schuss ganz deutlich gehört haben wollte. Aber diese Angaben widersprachen sich zum großen Teil. Außerdem kam keine einzige halbwegs brauchbare Personenbeschreibung zustande. Es war wie verhext.

Toby Rogers versteifte sich ganz auf die Mordwaffe. Er förderte bei den Gästen einige Pistolen zutage, von denen aber keine für die Tat in Betracht kam.

Bob Müller gesellte sich zu seinem Freund. Auch er konnte das Verbrechen nicht fassen. Er machte sich Vorwürfe, seine Augen nicht besser offen gehalten zu haben.

„Aber wer konnte denn so etwas ahnen, Marc“, sagte er nachdenklich. „Wenn du mir wenigstens etwas von deinem Verdacht gegen Blush gesagt hättest. Ich hätte selbstverständlich ein Auge auf ihn und Farah gehalten. Vielleicht würde er dann noch leben. Und Farahs Schmuck wäre auch noch da.“

„Dafür hatte ich ja einen Spezialisten beauftragt“, antwortete Marc Connect. Der Vorwurf ging deutlich an Bounts Adresse. Er schränkte aber immerhin ein, dass die Voraussetzungen für eine einwandfreie Beobachtung denkbar ungünstig gewesen waren.

Das Collier blieb unauffindbar, obwohl Toby Rogers noch zwei weitere Einsatzwagen angefordert hatte, damit die Suche schneller vorangetrieben werden konnte.

„Ich nehme doch an, dass der Schmuck versichert war“, meinte Bount Reiniger interessiert.

Marc Connect bestätigte es. Aber es lag keine Befriedigung in seiner Stimme.

„Ein materieller Schaden ist uns wahrscheinlich nicht entstanden, obwohl man nie genau sagen kann, wie die Versicherungen reagieren. Es werden da Sicherheitsvorkehrungen gefordert, die sich kaum erfüllen lassen, sobald man die Steine aus dem Tresor genommen hat. Irgendeine Lücke finden die Halsabschneider doch meistens. Sie können mir auch einen Strick aus der Tatsache drehen, dass ich trotz meiner Befürchtung nicht die Polizei verständigt habe. Aber darum geht es in erster Linie auch gar nicht. Das Collier stellt für Farah und mich vor allem einen ideellen Wert dar. Es ist das Symbol für unser gemeinsames Leben.“

Farah Connect schluchzte auf und ließ sich von ihrem Mann wieder beruhigen.

Bob Müller wurde von Captain Rogers in Beschlag genommen und musste die üblichen Fragen über sich ergehen lassen.

Die Party war zu Ende.

Der Leichnam Hardy Blushs wurde in einen Zinksarg gelegt und in einen Wagen geschoben. Der Polizeiarzt nahm neben dem Fahrer Platz. Für ihn hatte diese Nacht noch Arbeit parat.

Bount Reiniger wendete sich an seinen Freund Toby Rogers.

Details

Seiten
140
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924947
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v453490
Schlagworte
mörder brillanten york detectives

Autor

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Titel: Mörder und Brillanten: N.Y.D. – New York Detectives