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Trauben aus Grönland

2018 250 Seiten

Zusammenfassung

Utopischer Roman von Freder van Holk

Der Umfang dieses Buchs entspricht 247 Taschenbuchseiten.

Maurice Lachaine, vor drei Jahren noch Kapitän bei den Raumjägern und gestern noch in einem Gefängnis in Alaska — heute entsprungener Zuchthäusler in einem fremden Land. Er und Commodore John Tyler waren schuldlos zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden, weil sie am 2. Juli 1987 die Nicolo-Rakete mit drei Mann Besatzung vernichtet haben sollen. Um ihre Unschuld zu beweisen, war Lachaine geflohen, wird aber in Neapel von dem mächtigen Abe Gulyat gestellt, dessen Sohn sich in besagter Rakete befand. Doch statt ihn zu töten, bietet dieser dem Flüchtenden an, die verschollene Nicolo-Rakete im ewigen Eis Grönlands zu suchen …

Leseprobe

Trauben aus Grönland

Utopischer Roman von Freder van Holk


Der Umfang dieses Buchs entspricht 247 Taschenbuchseiten.


Maurice Lachaine, vor drei Jahren noch Kapitän bei den Raumjägern und gestern noch in einem Gefängnis in Alaska — heute entsprungener Zuchthäusler in einem fremden Land. Er und Commodore John Tyler waren schuldlos zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden, weil sie am 2. Juli 1987 die Nicolo-Rakete mit drei Mann Besatzung vernichtet haben sollen. Um ihre Unschuld zu beweisen, war Lachaine geflohen, wird aber in Neapel von dem mächtigen Abe Gulyat gestellt, dessen Sohn sich in besagter Rakete befand. Doch statt ihn zu töten, bietet dieser dem Flüchtenden an, die verschollene Nicolo-Rakete im ewigen Eis Grönlands zu suchen …



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: nach Motiven von Pixabay, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

w ww.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1.

„Scusi“, murmelte Maurice Lachaine. Er hatte nichts von einem Zusammenstoß gespürt, aber das Mädchen an seiner rechten Schulter stand plötzlich steif im Gedränge und starrte ihn an, als wollte es im nächsten Augenblick schreien. Er verhielt unwillkürlich den Schritt und drehte den Kopf. Augen wie die Dämmerung kurz vor der Nacht, grau mit Schwarz unterlegt, bräunliche Haut wie altes Elfenbein und blauschwarze Locken. Er öffnete den Mund zu einer zusätzlichen Entschuldigung, schloss ihn aber wieder, da ihm einfiel, dass seine italienischen Sprachkenntnisse nicht ausreichten. Ein bedauerndes Achselzucken musste genügen.

Sein Blick glitt ab. Er verfing sich an zwei Männern, die drei Meter vor ihm ebenfalls stehen geblieben waren und wie Prellböcke die quirlende Menge aufspalteten. Ihre Augen fixierten ihn, helle harte Augen, die ihn testeten. Der Typ war unverkennbar. Ein Bulle und ein langbeiniger, magerer Terrier, rechte Hand in der Jackentasche, made in USA. Hatten sie ihn schon?

Über seinen Rücken rieselte Kälte, während das Geschrei ringsum stumpf wurde und die Umgebung zurückglitt, als fiele er in eine Narkose hinein. Wie durch Watte hindurch kam alles an ihn heran, zeitlupenhaft und unwirklich. Maurice Lachaine, bestes Pferd im Rocketstall, erster Mensch auf tausend Kilometer Höhe, gestern noch Zuchthäusler in Alaska, heute Neapel, Via Chaia, Gasse in Gold und Spitzen gefasst, angerissen von den dunklen Schlitzen der Slums. Gewimmel von braunhäutigen Burschen, die gestikulierten und schrien, dicke Frauen auf überlasteten Stöckeln, melodisch schreitende Mädchen mit fremdartig stolzen Gesichtern und schweren Kuhaugen, Kinder über Kinder, Säuglinge auf dem Arm, Kinder wie junge Götter, Krausköpfe aus Schmutz und Lumpen und halbwüchsige Schlepperinnen, Fremde aus aller Welt, verfolgt von brüchigen Pferdedroschken, flüsternden Uhrenhändlern und Zuhältern, armseligen Künstlerinnen der wehmütig bettelnden Geste und Bauchläden mit Schildpatt und Korallen — Gelati, Lotterielose, Fische, Obst, Schutzbrillen, Nespoli und Muscheln — gurrendes Kreischen der Zeitungshändler, Lautsprecher, kühler Modergeruch, der aus den Slums gegen Espresso, Parfüm und eine handvoll Meer fällt ...

Eine Sekunde, dann klebte die Stadt wieder dicht an der Haut. Maurice Lachaine zog den Kopf ein und setzte die Füße voran. Die Szenerie verschob sich. Die beiden Männer passierten seine rechte Visierlinie, abgeriegelt durch einen eindrängenden schreienden Familienknäuel. Der lebende Strudel verwischte die flüchtige Stockung. Vorbei! Maurice Lachaine entspannte sich und atmete auf. Nerven, mein Junge!

Er blickte zurück. Fünfzig Meter weiter hinten standen sie zu dritt beieinander. Sie beobachteten ihn. Das Mädchen sprach auf die Männer ein. Der Terrier nickte und hastete weg. Die beiden anderen nahmen Richtung. Zufall?

Er glitt durch die Lücken und wechselte zur Via Roma hinüber. Raubtier am Rande des Dschungels. Der Vergleich überfiel ihn, während er durch die Gassenschlitze in das dunkle Viertel hineinspähte. Er wurde wütend. Das war kein Spiel, das er spielen wollte. Mit zwei Tagen Luft hatte er mindestens gerechnet. Er besaß nur wenig Möglichkeiten, falls die Kalkulation nicht stimmte. Hoffentlich ein harmloser Zufall.

Seine Erregung klang ab. Er hielt sich selbst zum Narren. Eine Frau war zu unwahrscheinlich. Sie gehörte überhaupt nicht hinein. Das Mädchen hatte nicht wie die Freundin oder die Schwester eines Fischers ausgesehen. Napolitanische Fischerbräute verloren auch wohl kaum die Sprache, wenn sie die Kleidungsstücke ihres Freundes an einem Fremden entdeckten. Gestohlen nicht, nur mitgenommen! Er konnte ja schließlich nicht im gestreiften Kittel herumlaufen. Diese Tracht genügte schon. Rotes Banditenhemd und gelbe Samthose, trotz Salz und Schmutz und Öl immer noch knallig wie ein Papagei, wenn auch nicht ganz so auffällig, wie er befürchtet hatte. Diese Italiener schienen so etwas gewöhnt zu sein, und die Fremden hielten ihn vermutlich für ein nationales Spektakelstück. Jedenfalls hatte er sich mit seinem Seeräuberkostüm abgefunden, inbegriffen die schmierige Leinenkappe auf seinem rasierten Schädel und die zerweichten Bastschuhe an seinen nackten Füßen. Niemand konnte vom Schicksal verlangen, dass er eine feinbürgerliche Ausstattung vorfand, wenn er in eine windschiefe Fischerhütte einbrach. Der zerknüllte Hundert-Lire-Schein in der Hosentasche war schon ein zusätzliches Gottesgeschenk gewesen. Maurice Lachaine hatte allerdings einen Teil der Dankeshymnen, die er in Unkenntnis der Währungsverhältnisse angestimmt hatte, wieder zurückgenommen, als er feststellen musste, dass der Schein nur zur Bezahlung einiger trockener Semmeln reichte.

Er grinste schwach, als er seinen Magen knurren hörte. Freiheit ist nicht billig, mein Lieber. Nicht so einfach wie in Fort Robbins, wo die Mahlzeiten nach der Uhr eintrafen. Man muss sich die Freiheit etwas kosten lassen, und es wird eine alberne Sache werden, zu einer Handvoll Geld zu kommen. Wenig Chancen für einen entsprungenen Zuchthäusler in einem fremden Land, dessen Sprache er nicht kennt, überhaupt keine, falls ...

Er stellte sich vor ein Schaufenster und suchte die Straße ab. Verdammt, das Mädchen folgte ihm tatsächlich. Ihre Kopfhaltung verriet, dass sie nach ihm suchte. Einige Meter hinter ihr ragte der Bulle aus den Passanten heraus, Assistent oder Leibwächter? Jetzt schnappte der Kontakt. Sie entdeckte ihn. Rätselhaft!

Natürlich, sie konnten ihm bereits auf der Spur sein. Wenn die Rakete gerollt war — wenn sie vielleicht nicht einmal die Bucht verlassen hatte — wenn hier Agenten saßen, denen das Bild zugefunkt werden konnte — wenn sie gar schon eine Wagenladung Agenten herübergeschossen hatten, wenn, wenn? Der ganze Ärger kam von der Rakete. Klar, dass sie ihn verraten musste. Es war nicht schwer gewesen, sie zu stehlen, aber umso schwerer, sie wieder loszuwerden. Eine zehn Meter lange Ionorocket ist kein Fahrrad, das man am nächsten Baum stehen lassen kann, und in dieser Gegend um Neapel herum gab es keine Einöden, in denen sich gebrauchte Gegenstände dieser Art ablegen ließen. Das Meer! Jawohl, das Meer, aber schließlich hatte er ja auch an Land kommen müssen. Diese Schwimmtour bis zum Ufer der lichtglitzernden Muschel war anstrengender gewesen, als er geschätzt hatte. Nein, zu mehr hätte es nicht gereicht. Steuerdüse zünden, aussteigen, Verschluss ansaugen lassen und ab ins Wasser. Sein Pech, wenn die Rakete abgefangen worden war, statt brav bis Sizilien oder Spanien zu zischen. Weiß der Teufel, was sie alles angestellt hatten, um ihren kostbaren Höhenjäger wieder in die Finger zu bekommen.

Stures Ding, dieses Mädchen. Es spielte die Harmlose, kam aber wie an der Schnur heran.

Er ging in die enge Gasse hinein. Zahlreiche Wäschestücke, die quer über der Gasse von Fenster zu Fenster gespannt waren, verhängten den schmalen Streifen des blassen Abendhimmels. Die dunkle Schlucht mit ihren stumpfen ausdruckslosen Wänden lag still neben der lärmerfüllten Geschäftsstraße. Die Stille fiel wie ein Sack über die Ohren, obgleich irgendwo hoch oben zwei Frauenstimmen gellten, Kinder lärmten, ein blauer Schweißstrahl in einer Kellerwerkstatt knatterte und ein melancholischer Tango aus einer leeren Trattoria herausdrang. Auf dem höckrigen Kopfsteinpflaster lagen Fisch und Gemüseabfälle und verbreiteten fauligen Geruch. In den Türwinkeln krabbelten schmutzige Kleinkinder um gesprächige fette Frauen herum, die bleich und krank aussahen. Ein Schneider hockte vor einer winzigen Werkstatt, ein junger Mensch strich schlendernd zur Via Roma hinunter, und ein Buckliger ließ reglos seine Zigarette im Mundwinkel verschwelen. Die Gasse war fast still und fast leer — und doch nur so, als hielte sie den Atem an und belauerte den Fremden mit zahlreichen Augen.

Maurice Lachaine spürte es und fand es gut so. Slums sind in aller Welt wachsam und besitzen einen scharfen Instinkt. Diese unbekannte Dschungel würde sich entscheiden müssen, wenn es hart auf hart ging. Sie sollten ihn sehen. Ein geschorener Schädel konnte alles bedeuten, sobald Polizei auftauchte.

Ernesto Cascine, der ihn beobachtete, sah mehr als einen geschorenen Schädel, kam aber trotzdem nicht mit ihm zurecht. Der Fremde gehörte nicht zu den Touristen, die neugierig und schaudernd ihre Nasen in die Gasse steckten, um zu Hause berichten zu können, dass sie Neapel gesehen haben und doch nicht daran gestorben sind. Aber er war ein Fremder. Das Hemd spannte sich über seinen breiten Schultern, er ging jedoch nicht wie ein Schwergewichtler, sondern bewegte sich leicht und geschmeidig. Die Kopfschur sah nach Zuchthaus aus, dagegen sprach aber die braunverwetterte Haut. Er konnte jung sein, vielleicht um die dreißig herum, doch einige Falten um den Mund und auf der Stirn gaben ihm zehn Jahre mehr. Eishelle Augen und sehr dunkles Haar, alte Lappen auf dem Leib, aber sicher Besseres gewöhnt, Feuer an den Fersen, aber entschlossen, sich herumzuwerfen und zu kämpfen. Was wollte der Mann? Er sah gefährlich genug aus, um Ungelegenheiten zu bringen. Ernesto Cascine hielt nichts vom Lärm und liebte die leisen Geschäfte. Andererseits verstand er, dass der Fremde nicht zufällig durch die Gasse ging, und es passte ihm nicht, in diesem Viertel Handschellen schnappen zu hören.

Maurice Lachaine wandte sich flüchtig um. Das Mädchen befand sich schon ein Stück in der Gasse. Der Bulle stand hinter ihr am Eingang, offenbar unschlüssig, ob er folgen sollte.

Maurice Lachaine kreuzte eine Quergasse und blieb in der ersten Türnische stehen, nachdem er festgestellt hatte, dass der Bulle tatsächlich zurückblieb. Das Mädchen allein war ungefährlich. Besser, die Sache auszutragen, als sich ins Bockshorn jagen zu lassen. Wahrscheinlich handelte es sich um ein Missverständnis.

Das Mädchen kam heran, nicht hastig, aber stetig, ohne besorgt nach rechts und links zu blicken. Es schien in seiner Umgebung nichts Ungewöhnliches zu finden und sich sehr sicher zu fühlen. Maurice Lachaine wunderte sich nicht mehr darüber, als er ihr Gesicht erkennen konnte. Es hatte jenen unverkennbaren Ausdruck, den man leicht mit Hochmut verwechselt und der doch nur Selbstbewusstsein und Sicherheit eines Menschen ausdrückt, der es von Kind auf gewöhnt ist, zu befehlen und seine Wünsche erfüllt zu sehen. Die Unbekannte hielt sich für vollkommen beschützt und schloss mit Selbstverständlichkeit jede Bedrohung aus ihrem Leben aus. Darin lag etwas Aufreizendes. Im Übrigen war sie eine Dame, obgleich Maurice Lachaine im Einzelnen nicht sagen konnte, warum er sich berichtigte. Sie trug ein schlichtes, sehr helles Kleid und absatzlose weiche Schuhe an nackten Füßen, dazu ein breites goldenes Armband. Ihr blauschwarzes Haar rahmte ein schmales Gesicht. Es hatte nicht die strenge klassische Schönheit, die Maurice Lachaine an manchen Frauen aufgefallen war, aber es war regelmäßig und charaktervoll. Der Mund wirkte gegen die wachen Augen unglaublich jung und kindlich.

Maurice Lachaine lehnte sich gegen die Haustür, kreuzte die Arme über der Brust und wartete ab. Er sorgte sich nicht mehr. Das Mädchen musste ihn mit irgendwem verwechselt haben oder hatte etwas Ausgefallenes auf dem Herzen.

Sie blieb zwei Meter vor ihm stehen und betrachtete ihn aufmerksam und sachlich, doch mit einer gewissen Abneigung, als mustere sie einen angefaulten Pfirsich. Er lächelte dazu und zahlte mit gleicher Münze. Als sie seine Augen sah, schreckte sie zurück. Der Anstoß genügte. „Sie sind Kapitän Maurice Lachaine.“

Sie sprach englisch, und was sie sagte, war keine Frage sondern eine Feststellung. Sie beraubte Maurice Lachaine schlagartig aller Illusionen. Er nahm unwillkürlich die Arme herunter und spannte sich.

Sein Mund war plötzlich so trocken, dass seine Stimme rau klang:

„Maurice Lachaine? Kein schlechter Name.“

„Streiten Sie es nicht ab“, sagte sie heftig. „Ich kenne Sie ganz genau. Ich besitze seit Jahren Bilder von Ihnen, Bilder und Vergrößerungen, und ich habe sie mir genau angesehen.“

Er starrte sie an. War sie verrückt oder litt er unter einem Hörfehler? Er wusste genau, dass er niemals irgendwelche Beziehungen zu Italien besessen hatte. Wie kam dieses Mädchen, das offenbar keine Agentin sondern eine gebildete junge Dame war, dazu, Bilder von ihm zu besitzen — seit Jahren — mit Vergrößerungen — und sie sich so genau anzusehen, dass ...?

„Das ist eine Art Tiefschlag“, brachte er mit einiger Mühe heraus. „Wahrscheinlich schmeichelhaft für mich. Junge Mädchen wollen ihre Helden haben. Ich verstehe schon — Sie haben sich damals die Bilder aus der Zeitung geschnitten, als ich den Querschuss bis auf tausend Kilometer riskierte.“

Sie verzog die Lippen und antwortete kühl:

„Die Bilder, die ich von Ihnen besitze, stammen aus dem Verbrecheralbum und aus dem Zuchthaus. Ich wollte wissen, wen ich hasse, und ich glaubte immer daran, dass ich Sie eines Tages treffen würde. Junge Mädchen wollen nicht ihren Helden haben, sondern ihre Rache, Kapitän Maurice Lachaine.“

Er kam sich verblödet vor, und er konnte weiter nichts tun, als sie anzustarren. Sie hätte ebenso gut chinesisch sprechen können. Es ärgerte ihn, dass sie von Zuchthausaufnahmen sprach, aber für den Rest fehlte ihm jeder Kontakt.

„Aber — aber ...?“, würgte er. „Ich verstehe nicht? Warum ...?“

Er brach ab. Ein schriller Pfiff gellte durch die Gasse. Sein Kopf ruckte vor. Ein Blick genügte. Von der Via Roma her stürmte Polizei heran, vorweg der Bulle. Am oberen Ende der Gasse tauchte Polizei auf, vor ihr der Terrier. Den Blick in die Seitengassen konnte er sich ersparen.

Sie hatten ihn eingekreist. Deshalb war der Terrier weggelaufen. Er hatte das Aufgebot bestellt, und das Mädchen hatte inzwischen die Spur gesichert. Verflucht!

Das Mädchen beobachtete ihn. Sie schien ihn für ein Kaninchen zu halten.

„Bestie!“, sagte er wild. „Dafür werde ich Bilder von Ihnen sammeln und beten, dass ich Sie eines Tages wiedertreffe. Ich kenne Sie nicht und habe Ihnen nie etwas zuleide getan.“

„Sie werden mich nicht wiedersehen“, erwiderte sie flach und weniger sicher als bisher. „Sie befinden sich in Europa, und ich werde Sie hier anklagen. Man wird Sie zum Tode verurteilen.“

„Aber warum?“, schrie er sie an.

Ihre Stimme wurde fast von den Geräuschen der heranlaufenden Polizisten übertönt, als sie sagte:

„Sie haben meinen Bruder ermordet, Maurice Lachaine.“


*


Die leerlaufenden Förderbänder schwappten leise gegen die Rollen. Die stählerne Drehscheibe zwischen ihnen, die den rechten Winkel überbrückte, summte geschäftig weiter. Der Berg wurde still. Der feine Steinstaub sank zögernd herab, gab die nackten Glühbirnen frei und legte die schweren unregelmäßigen Felsblöcke bloß, die drohend über dem Stollen lasteten. An der Drehscheibe lagen die zersprengten Brocken, die heruntergefallen waren. Die zusammenstoßenden Gänge verloren sich in der Ferne. Hoch über ihnen stemmte sich der Berg gegen eine glühende Sonne.

Die beiden Sträflinge hockten dicht beieinander in der Nische, von der sie die Lichterschnüre verfolgen konnten.

Ihre groben Anzüge waren grau, grau ihre Schuhe, grau ihre Gesichter, ihre Haare und ihre Kappen, grau die Blechtöpfe, aus denen sie ihr Essen herauslöffelten. Der Steinstaub tarnte sie gegen die Felsen. Nur ihre Augen, ihre Zähne und Hände hoben sie aus dem Hintergrund heraus. Blaue harte Augen, über denen jedoch die trüben Schleier von Staubschichten zu liegen schienen, blickten in braune lebhafte Augen hinein.

„Meinetwegen?“

„Deinetwegen“, bestätigte Wasil zwischen zwei Bissen Essen. „Wir müssen die Sache bereden. Ich habe ein paar Wochen gewartet, um dich kennenzulernen, aber allmählich wird es Zeit, dass ich mich wieder auf den Weg mache. Dieser verdammte Staub zerreibt die Lunge. Ich habe keine Lust, bei dieser Geschichte draufzugehen.“

„Schließlich ist das der Zweck der Übung“, murmelte John Tyler melancholisch. „Zwangsarbeit war schon immer ein bequemes Mittel, um lästige Leute abzuschieben. Wenn ich nicht irre, stammt die Methode von euch Russen.“

Wasil Bogorow grinste breit.

„Wenn ich nicht irre, gab es schon vor zweitausend Jahren Galeerensklaven. Saures Brot hier.“

„Wieso meinetwegen?“

„Ich habe mich freiwillig schnappen lassen, um mit dir reden zu können. War nicht ganz leicht, so genau zu zielen, dass ich auch an dich herankam, aber unsere Leute haben es geschafft. Voilà! Der Rest liegt bei dir.“

John Tyler schüttelte den Kopf.

„Sonst siehst du ganz vernünftig aus. Ich kann mir nicht vorstellen, was du von mir willst, und auf jeden Fall kommst du hier nicht wieder heraus, bevor deine fünf Jahre herum sind.“

„Bin ich verrückt? Ein paar Monate nehme ich in Kauf, denn dafür werde ich bezahlt, aber fünf Jahre? So ist das nicht. Ich komme schneller hinaus als herein. Sie halten drüben schon einen Mann zum Austausch bereit, auf den eure Leute großen Wert legen. Sobald ich das Stichwort gebe, rollt die Sache. Sie werden mich mit einem Blumenstrauß entlassen.“

John Tyler löffelte stumm den Rest aus seinem Topf heraus. Wasil Bogorow warf ihm dann und wann einen Blick zu, aß aber ebenfalls schweigend weiter. Erst, nachdem beide die Deckel übergestülpt hatten, setzte er gutmütig wieder an.

„Tut mir leid, John. Reichlich roh von mir, dir meine besseren Aussichten unter die Nase zu reiben, aber ich dachte, du gehörst zu den Leuten, denen man besser nichts vormacht.“

Das graue Gesicht des anderen blieb zu Boden gerichtet. Seine Stimme kam brüchig.

„Ich bin nicht neidisch. Ich werde meine zwanzig Jahre auch nicht absitzen, wenn es zum Schluss auch kaum zu einem Blumenstrauß reichen wird. Ich bin jetzt fünfundvierzig, und jeder Monat hier unten zählt für ein Jahr, soweit es die Lunge angeht. Sieh zu, dass du so schnell wie möglich hinauskommst. Was willst du von mir wissen?“

„Nur den genauen Standort, von dem aus du die Sonde der Expedition Nicolo heruntergeholt hast.“

John Tyler ruckte auf. Sein Blick heftete sich ungläubig und verwirrt auf das Gesicht Bogorows.

„Deshalb ...“

Er sprach den Gedanken, der ihn bewegte, nicht aus. Seine Lippen schlossen sich wieder. Seine Augen verengten sich. Das Misstrauen machte ihn verschlossen.

„Weiter nichts“, nickte Wasil Bogorow. „Den genauen Standort und die Uhrzeit. Aber bevor du den Mund auftust, hör genau zu. Es gibt ungefähr ein Dutzend Methoden, um einen Mann unauffällig auszuhorchen. Ich hatte mir diese und jene vorgenommen, als ich hier herkam. Damals rechnete ich noch nicht damit, dass du ein anständiger Kerl sein könntest. Ich habe meine Meinung geändert. Weiß der Teufel, was dich dazu gebracht hat, im Falle Nicolo so zu handeln. Mir würde es jedenfalls nicht leichtfallen zu vergessen, dass du hier unten steckst. Ich will dir deshalb einen Tipp geben. Sie legen viel Wert auf den Standort. Wenn du dich mir gegenüber ausschweigst, wird ihnen nichts übrig bleiben, als dich irgendwie herauszuholen. Verstanden?“ John Tyler schüttelte grübelnd den Kopf.

„Ich glaube nicht, Wasil. Das klingt, als ob du es gut mit mir meinst, und ich will dir das gern abnehmen, aber es ist zu viel dabei, was ich nicht begreife. Ich dachte früher auch einmal, dass Männer wie ich immer noch zu selten sind, um sie lange im Zuchthaus zu lassen, und dass deine Leute scharf hinter mir her sein würden. Wenn du mir jetzt erzählen willst, dass alle ihre Anstrengungen nur dem albernen Standort gelten ...?“

„Du bringst die Dinge durcheinander“, griff Wasil Bogorow vorsichtig ein. „Das eine ist die Position, die vor drei Jahren noch unwichtig war, aber heute ihre Bedeutung hat. Das andere ist deine Person. Sie haben natürlich immer gewusst, was du als Commodore wert bist, aber sie rechneten sich aus, dass sie dich praktisch doch nicht wieder einsetzen können. Die Raumjäger sind keine Fliegertruppe, aus der ein Mann unauffällig verschwinden kann. Diese paar Dutzend Leute würden einfach streiken.“

„Was ... was heißt das?“

„Muss ich das noch sagen? Es gibt eben noch Fälle, in denen die Moral stärker als alles andere ist. Sie wollen nichts mit einem Mann zu tun haben, der heimtückisch eine Forschungsrakete abschießt und die Kameraden im anderen Boot in den Tod jagt.“

John Tyler beugte sich vor und stierte ihn fassungslos an. Über seine Lippen kam ein gequältes Flüstern.

„Der heimtückisch eine ... bist du wahnsinnig? Haben sie dir das erzählt?“

„Sicher. Als der Auftrag kam, lag es auf der Hand, zu fragen, warum sie dich nicht herausholen. Sie haben es mir gesagt. Sie wollen mit dir nichts zu tun haben. Trotzdem ...“

„Aber das ist doch gar nicht wahr?“, keuchte John Tyler. „Das war doch alles anders? Deine Leute müssen doch die Prozessakten kennen?“

„Leise“, mahnte Wasil Bogorow. „Die Gänge tragen wie Sprachrohre. Warum regst du dich auf? In den Prozessakten steht selbstverständlich kein Wort davon. Ich habe die Abschriften selbst gelesen, weil ich mich immer erst informiere, bevor ich an einen Mann herangehe. Dürr wie Heu! Commodore John Tyler, zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt wegen schwerer Insubordination, tätlicher Angriffe auf einen Vorgesetzten, Gefährdung von militärischem Geheimmaterial und so weiter. Verhandlungsprotokolle, Zeugenaussagen und Geständnisse sind vorhanden.“

„Schwindel!“, stöhnte John Tyler.

„Natürlich Schwindel. Alles gestellt und gefälscht. Kein Wort davon, dass Commodore John Tyler die Forschungsrakete G1 der Expedition Nicolo auf achthundert Kilometer Höhe angriff und durch Raketenbeschuss vernichtete. Aber man weiß es trotzdem — und vergisst es dir nicht.“

„Schwindel!“, stöhnte John Tyler abermals. Dann griff er mit beiden Händen nach dem Arm seines Gefährten und rüttelte ihn. „Das ist nicht wahr, hörst du. Sie haben mich doppelt hineingelegt. Das hat sich alles ganz anders abgespielt. Ich bin kein Pirat. Ich — diese Schufte ...!“ Seine Stimme versagte. Nur seine Hände rüttelten weiter. Wasil Bogorow nahm sie behutsam von seinem Arm herunter.

„Hm, du musst es wissen, John. Ich habe keine schlechte Meinung von dir, und es wäre immerhin möglich, dass sie eine Schweinerei mit dir angestellt haben. Ich frage mich nur, warum sie dich dann eingesperrt haben. Du bist natürlich einem Befehl gefolgt, und der Befehl ist nicht von uns sondern von deinen Leuten gekommen. Das ist klar. Ebenso klar ist, dass ein Mann am wenigsten schwatzt, wenn er tot ist oder im Zuchthaus steckt. Sicher, sie haben dich hineingelegt, aber darum geht es nicht. Ein anderer hätte sich geweigert, seine Kameraden abzuschießen.“

John Tyler zitterte, wurde dann aber ruhig. Nachdem er eine Weile vor sich hingestarrt hatte, sagte er leise, aber sehr beherrscht:

„Wir kommen so nicht weiter. Ich muss dir erzählen, was geschehen ist, und ich hoffe, dass du mir glauben wirst. Hier unten ist man an der Grenze. Ich stehe nackt vor mir und vor meinem Gott. Ich denke nicht an mich sondern an Maurice Lachaine. Er ist fünfzehn Jahre jünger als ich und könnte es gebrauchen, dass irgendwer etwas für ihn unternimmt. Seinetwegen sollst du die Geschichte hören. Aber zunächst einige Fragen. In den Prozessakten steht nichts von dem Angriff auf Nicolos Gl?“

„Kein Wort.“

„Nichts vom Standort der Sonde?“

„Wäre ich sonst hier?“

„Nichts von dem, was nach dem Rammen geschah?“

„Von Rammen ist überhaupt keine Rede sondern von Raketenbeschuss.“

John Tyler atmete auf, bevor er noch kühler und schärfer als bisher weitersprach.

„Gut, das genügt. Ich weiß nicht, welche Bedeutung die Position für euch besitzt, aber ich will sie dir geben, wenn du mir versprichst, die Wahrheit weiterzuerzählen. Das ist die einzige Bedingung. Ist euch der Standort so viel wert?“

„Das sind wieder zwei verschiedene Dinge“, murmelte Wasil Bogorow. „Du kannst dich darauf verlassen, dass ich deine Lesart weitergeben werde. Die Position ist ein Geschäft für sich, falls es nötig ist. Ich bin kein Fachmann für diesen Fall, aber ich besitze immerhin einige Erfahrung und einigen Instinkt. Meiner Schätzung nach ist die genaue Standortangabe der Nicolosonde augenblicklich mehrere Provinzen und einige Milliarden wert. Danach solltest du dich richten.“

John Tyler nickte ihm zu.

„Nett von dir, Wasil. Also 2. Juli 1987, morgens fünf Uhr zweiunddreißig amerikanische Zeit, 75 Grad 15 Minuten Nord und 42 Grad 4 Minuten West. Höhe 816 Kilometer.“

„Idiot!“, knurrte Wasil Bogorow freundschaftlich. „Immerhin ...“


*


Die Polizisten stürmten heran und zerrten im Laufen an ihren Pistolenholstern. Zwanzig Meter noch. Maurice Lachaine sah sie wie im Film. Er rührte sich nicht, sondern starrte auf das Mädchen, das ihn bezichtigte, gemordet zu haben. Er kam sich leer wie die Wüste vor. Die Worte klangen nach und fanden nirgends Halt. Er sah das Mädchen zum ersten Male, er wusste nichts von einem Bruder, er hatte nie einen Menschen ermordet — und trotzdem zweifelte er keinen Augenblick daran, dass sie zwingende Gründe für ihre Anklage besaß. Das lähmte ihn.

Zehn Meter noch.

Das Mädchen stand reglos wie er, nur blasser als bisher. Ihre Augen wurden unruhig. Nicht fein, einen Hasen so zu jagen.

„Spring zurück!“, zischte eine Stimme hinter ihm. „Die Tür ist offen. Schnell!“

Die Lähmung wich. Maurice Lachaine begriff plötzlich wieder, dass diese heranlaufenden Polizisten ihn fangen wollten und dass es für ihn nur Rettung gab, wenn ihn die Slums aufnahmen. Er warf sich herum und verschwand im dunklen Hauseingang. Die Tür schlug zu, ein Schlüssel wirbelte herum, eine Hand riss an seinem Arm.

„Lauf!“

Die Augen hatten sich noch nicht umgestellt. Er sah einen zierlichen Mann, unbestimmt wie einen weghuschen den Schatten, vor sich. Er lief hinterher. Eine Tür sprang auf. Ein dämmeriger Raum mit einigen halbwüchsigen Kindern. Der Italiener zischelte einige Worte, während er das Zimmer querte. Die Kinder quirlten durch die Eingangstür. Draußen knallten Schüsse, zwei, drei, dann rammte es dumpf. Sie liefen schon durch den nächsten Raum. Zwei Frauen fuhren auf ein Wort hin hoch. Si, Si. Ein anderes Zimmer mit einem auf dem Fußboden krabbelnden Säugling. Ein alter, mächtiger Schrank. Dunkle Höhle, in der der Atem der beiden Männer gegeneinander stieß. Attenzione! Der Boden wich. Schräge Rutschbahn gegen Steinstufen, die steil in die Tiefe führten. Ein Kellergang. Stockdunkler Keller. Die fremde Hand führt. Ein Regal knarrt. Geduckt durch einen Durchbruch in neue Dunkelheit hinein. Wieder ein Kellergang. Treppen aufwärts und weiter durch Zimmer, manche schmutzstarrend und mit Gerümpel gefüllt, manche mit altersdunklen Möbeln und stehender Luft, manche blitzend sauber und modern. Keines ist ohne Bewohner — Männer mit verschlagenen Gesichtern, schmutzige Kinder, saubere Kinder, junge, hübsche Frauen, hässliche Zottelweiber — niemand erschreckt, niemand hält auf, wie Visionen gleiten sie vorbei. Wieder durch Keller und durch getarnte Türen, eine verborgene Stiege aufwärts, ein handtuchschmaler Raum zwischen zwei Wänden, eine niedrige Tapetentür, dann ein netter, heller Wohnraum, in den das letzte Licht des Tages einfällt.

„Schluss!“, sagte Ernesto Cascine mit einer dramatischen Geste und wandte sich seinem Schützling zu. „Wir sind einige hundert Meter vom Schuss. Sie werden das Viertel nicht durchsuchen. Sie haben ihre Erfahrungen. Ich wundere mich, dass sie es überhaupt versucht haben. Wahrscheinlich rechneten sie nicht mit uns. Zigarette?“ Er griff in die Tasche und schnippte eine Zigarette aus der Packung.

„Lieber nicht“, entschloss sich Maurice Lachaine nach kurzem Zögern. „Sie könnte mich umwerfen. Es wäre seit drei Jahren die erste. Im Übrigen — nun, es hat wohl keinen Sinn, einen Dankvers loszulassen.“

Ernesto Cascine, von seinen Freunden Ecco genannt, zündete sich die Zigarette selbst an. Er war einen guten Kopf kleiner als Maurice Lachaine, schwarzhaarig und mit tiefbraunen, ausdruckslosen Augen. Dafür wechselte der Gesichtsausdruck häufig, aber Maurice Lachaine wusste auch eine Stunde später noch nicht, ob sein Retter ein verschlagener Bursche, ein vergnügter Kamerad oder ein hoffnungsloser Melancholiker war. Er schätzte ihn auf Mitte dreißig. Nach seiner Kleidung musste er ein armseliger kleiner Gauner sein, der in diesen Wohnraum überhaupt nicht hineinpasste. Er trug eine alte Hose, ein schmutziges, ärmelloses Ringelhemd und dünne Leinenschuhe.

„Setz dich“, sagte er, nachdem er Maurice gemustert hatte. „Du wirst ein bisschen erzählen müssen. Amerikaner?“

„Ja. Französischer Kanadier.“

„Wer war die Frau?“

„Keine Ahnung.“

„Warum sind sie hinter dir her?“

„Keine Ahnung.“

Ecco blies heftig den Rauch aus dem Munde.

„So kommen wir nicht weiter.“

Maurice Lachaine setzte sich erst jetzt in den Sessel hinein. Er fühlte plötzlich, dass er seit vierzig Stunden nicht geschlafen und kaum etwas gegessen hatte. Der Magen wurde flau und das Gehirn neblig.

„Mag sein“, gab er matt zu. „Tatsache ist, dass ich die Frau nicht kenne, ebenso wenig wie ihren Bruder, den ich ermordet haben soll. Ich habe noch keinen Menschen getötet.“

Ecco schielte ihn über die Zigarette hinweg an.

„Du wirst mir noch erzählen, dass du ein harmloser Tourist bist, der sich zum Vergnügen ein bisschen verkleidet hat.“

„Das — ist eine ganz andere Geschichte. Hast du zufällig ein Stück trockenes Brot an der Hand?“

Der Italiener zog die Brauen hoch und ging stumm hinaus. Er stellte wenig später einige Teller mit Brot, Butter und Käse auf den Tisch, dazu eine Flasche Wein und ein Glas. „Greif zu. Ich sehe mich inzwischen um.“

Er verschwand für längere Zeit. Als er zurückkam, waren die Teller leer. Maurice Lachaine schlief. Er kam aber schnell wieder zur Besinnung.

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen“, wehrte Ecco leichthin ab. „Ich hätte dich schlafen lassen, wenn ich nicht inzwischen eine Neuigkeit gehört hätte. Nein, keine Angst, sie sind abgezogen. Von denen ist im Augenblick nichts zu befürchten. Aber etwas anderes: Sie haben heute eine amerikanische Jagdrakete treibend aufgefunden und eingebracht. Hast du damit zu tun?“

„Ja. Sie haben mich zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt — nicht wegen Mord, sondern wegen einer militärischen Angelegenheit — von denen ich drei hinter mich gebracht habe. Gestern erwischte ich in Fort Robbins die Rakete. Ich bin damit getürmt.“

„Ausgerechnet nach Neapel?“

„Dafür gab es Gründe.“

Ecco musterte ihn mit verkniffenen Augen, dann zuckte er mit den Achseln und sagte höflich:

„Schade. Wahrscheinlich wirst du nicht einmal begreifen, wie dumm du dich benommen hast. Ein Geschäftsmann hätte anders gehandelt. Wir hätten dir für die Rakete einige Millionen Lire gezahlt. Sie wäre genau das, was wir brauchen, um verschiedene Dinge zollfrei von einer Stelle zur anderen zu bringen.“

„Dein Fehler“, grinste Maurice Lachaine. „Wenn du zur Stelle gewesen wärst, als ich ausstieg, hätte ich sie mit Kusshand kostenlos abgegeben. Mir hätte nichts Besseres passieren können, als sie gründlich verschwinden zu sehen.“

„Warum hast du sie nicht versenkt?“

„Der Typ schwimmt noch, wenn er vollgelaufen ist. Ich hielt es für besser, sie gut sichtbar zu lassen. Sie trägt zwei Bugraketen.“

Ecco dachte nach. Als er wieder zu sprechen begann, hatte er etwas von einem Rattenfänger an sich.

„Hm, es kommt darauf an, ob du mitmachst. Ohne Piloten nützt sie nichts. Wir könnten sie holen. Ich weiß, wo sie liegt, und wie wir herankommen. Ich glaube nicht, dass sie die Rakete sicherstellen, solange deine Landsleute nicht hier sind. Du könntest glänzend leben.“

„Na, na“, bezweifelte Maurice Lachaine und blickte vielsagend auf die Hosen Eccos. „Und wenn — deswegen bin ich nicht geflohen. In welcher Zeit leben wir eigentlich?“

„Halb neun.“

„Dann muss ich gehen. Ich habe um neun Uhr eine Verabredung.“

Er stand auf und reckte sich. Ecco blieb sitzen. Er sprach auffallend träge.

„Es wird dunkel, aber sie greifen dich trotzdem, sobald du das Viertel verlässt. Das wäre schade um die Mühe. Warum willst du nicht mit uns arbeiten?“

Der mitschwingende Unterton war leicht herauszuhören. Er enthielt keine Drohung, aber eine Entscheidung. Die Slums hatten ihn gedeckt und verlangten eine Gegenleistung, sonst ließen sie ihn fallen. Kein Grund zum Vorwurf.

„Ich verstehe. Entweder — oder. Nun, das ist wohl nicht mehr als gerecht. Trotzdem müsste ich es riskieren. Es hat nichts mit bürgerlichen Hemmungen zu tun. Die haben sie mir in diesen Jahren ausgetrieben. Ich würde den Schmugglerkapitän für euch machen, wenn nicht das andere wäre. Vielleicht schlage ich in drei Stunden sogar ein, aber jetzt nicht. Mit einem billigen Bluff will ich deine Hilfe nicht vergelten. Gib mir ein paar Stunden Zeit.“

„Wäre es nicht besser, du würdest deine Karten aufdecken?“

„Wahrscheinlich, aber ich muss bald fort. Ich kann dir nur das Notwendigste sagen. Leg deine Uhr auf den Tisch.“

Ecco nahm ohne Widerspruch seine Armbanduhr ab und legte sie auf den Tisch. Maurice Lachaine setzte sich auf die Sesselkante.

„Ich heiße Maurice Lachaine. Vor drei Jahren war ich noch Kapitän bei den Raumjägern. Mein Commodore hieß John Tyler, ein Mann, dem ich viel verdanke. Sie schoben uns eine Sache in die Schuhe, an der wir schuldlos waren, und verurteilten uns zu zwanzig Jahren. Das bedeutet Zwangsarbeit, die jeden fertig macht. John Tyler ist Mitte vierzig und schleppt unterirdisch Steine. Das hält er nicht aus. Ich muss versuchen, ihn herauszuholen. Dafür gibt es nur einen Weg, nämlich seine Unschuld nachzuweisen. Klar so weit?“

„Weiter. Ich begreife schnell.“

„Sie verurteilten uns unter Scheinbegründungen, um nicht offiziell die Verantwortung übernehmen zu müssen, aber in Wirklichkeit ging es um eine Forschungsrakete, die zur Grönland-Expedition eines Professor Nicolo gehörte. Diese Rakete wurde infolge bestimmter Umstände, die jetzt nicht wichtig sind, von uns gerammt. Wir brachten sie aber zur Erde herunter, und als wir sie verließen, war alles in Ordnung. Trotzdem ist die Rakete von jenem Zeitpunkt an spurlos verschwunden, wie es hieß — mit anderen Worten, sie soll von uns vernichtet worden sein. Der Widerspruch ist aufzuklären. Ich muss feststellen, was aus der Rakete geworden ist. Dieser Professor Nicolo, für den die Expedition arbeitete, wohnt in Neapel. Das ist mein einziger Anhaltspunkt, und deshalb kam ich hierher. Er war heute Morgen unterwegs, soll aber jetzt zurück sein. Ich habe mich für neun Uhr bei ihm angesagt. Das ist alles. Nichts gegen dein gutes Leben als Schmugglerkapitän, aber solange ich eine Chance für Tyler sehe, ist alles Reden zwecklos. Ich muss zu Nicolo, und dann werden wir weitersehen.“

Ecco nahm die Uhr weg und band sie sich wieder um. Dann stand er auf. Er lächelte melancholisch.

„Zwecklos, mit einem Mann vernünftig zu reden, der drei Jahre Zwangsarbeit hinter sich hat. Vielleicht später. Komm mit, ich bringe dich zu Nicolo.“

Maurice Lachaine atmete auf.

„Danke. Hast du etwas dagegen, wenn ich dir die Hand drücke?“

Ecco hatte nichts dagegen, aber er seufzte dabei.

„Die Rakete wäre mir lieber. Und den Rest von der Geschichte wirst du mir auch noch erzählen müssen. Also los. Nur eins noch — du kennst Nicolo nicht?“

„Nein.“

„Hm, ich kenne ihn ungefähr. Sie haben vor Jahren viel über ihn geschrieben. Er ist — hm, ein bisschen komisch. Es gibt Leute, die auf ihn schwören, und andere, die ihm nachsagen, dass er für tausend Lire Aktienschwindlern die großartigsten Gutachten schreibt. Er ist nämlich Geologe, falls du das nicht wissen solltest. Ich persönlich halte ihn für ziemlich verrückt. Du musst sehen, wie du mit ihm zurechtkommst. Wenn er die Laune danach hat, setzt er dich an die Luft, bevor du deinen Spruch hergesagt hast.“

„Du scheinst ihn aber recht gut zu kennen?“

Ecco lächelte wieder sein melancholisches Lächeln.

„Wir haben einmal ein Gutachten von ihm anfertigen lassen. Er hat einen Aufwand von zehn Millionen verursacht und uns außerdem eine saftige Rechnung bezahlen lassen. Dafür war es ein herrliches Gutachten. Auf den Witz kamen wir erst später. Das Material, das er uns bescheinigte, lag auf der anderen Seite der Erde in hundert Kilometer Tiefe. Das hatte er schön wissenschaftlich verklausuliert. Und wir konnten ihn nicht einmal greifen.“

„Pech.“

„Eben“, seufzte Ecco.


*


Wasil Bogorow drückte den Hinterkopf gegen den Felsen und schloss die Augen.

„75 Grad 15 und 42 Grad 4 — mnemotechnisch fünf mal 15 ist 75 und zweimal vier in der Länge, zugleich gibt vier mal zwei achthundert und vier mal vier die sechzehn dazu, multipliziert mit dem Datum gibt die Uhrzeit — ich denke, das sitzt. Und jetzt bin ich neugierig, was damals gespielt wurde.“

John Tyler schlang die Hände um seine Knie und blickte gegen die summende Drehscheibe. Er bemühte sich, ausdruckslos zu sprechen.

„Er hieß Herbert Oyster. Er war kaum dreißig, aber schon Oberst, und besaß Vollmachten wie ein Marschall. Er machte einen guten Eindruck. Scharf wie ein Rasiermesser, kalt wie Eis und sehr ansehnlich, genau der Typ, der heute seine Chancen hat. Geheimauftrag — das war an dem Abend, an dem ich ihn kennenlernte, alles, was ich erfuhr. Wir starteten am nächsten Morgen vier Uhr mit der ,Suntear‘. Du kennst wahrscheinlich den Typ. Damals gab es nur zwei davon in den Staaten, und es waren die einzigen Höhenraketen, die wirklich etwas taugten und an der Grenze durchhielten. Sie besaßen schon einige Ähnlichkeit mit Tränen, aber noch mehr mit Birnen. Vorn setzten sie ziemlich stumpf an, kamen dann schnell auf Breite und verjüngten sich allmählich zum Heck hin. Gegenüber den schlanken Modellen von einst besaßen sie nicht nur wirklich durchschlagssichere Steuerräume — wenigstens bis auf ungefähr achthundertfünfzig Höhe hinauf —, sondern auch einen Kranz von Steuerdüsen, mit denen sie sich manövrieren ließen. Außerdem waren sie mit Atom-Heizaggregaten ausgestattet, sodass wir die Beschleunigung in der Hand hatten. Sie wurden nicht mehr geschossen, sondern wirklich geflogen. Worauf es ankommt — sie reagierten zuverlässig.“

„Du solltest dich bei uns umsehen“, warf Wasil Bogorow ein. „Bei uns haben sie noch andere Typen entwickelt.“

„Wir starteten zu dritt“, fuhr John Tyler fort, als hätte er es überhört. „Ich, Maurice Lachaine und Oyster. Wenige Minuten nach dem Start packte Oyster aus. 75 Grad Nord, 55 Grad West und 800 Höhe — das war zunächst sein Kurs. Dann setzten wir uns auseinander. Unser Auftrag lautete, einen Raketenkopf, der als wissenschaftliche Sonde mit den üblichen Instrumenten über Grönland stand, entweder unbeschädigt nach Hause zu bringen oder abzuschießen. Daran gefiel mir einiges nicht. Ich war zwar Soldat und gewöhnt, Befehlen zu gehorchen, aber ich fühlte mich nicht wohl bei der Vorstellung, eine wissenschaftliche Sonde zu stehlen. So gerieten wir aneinander.

„Ihre Bedenken sind überflüssig“, ging er mich kalt an. „Wir handeln im höheren Interesse. Sie wissen, dass durch internationale Vereinbarungen die Errichtung von festen Raumstationen verboten ist, um einen Missbrauch für militärische Zwecke zu verhüten. Die Sonde gehört zu einer Expedition Nicolo. Dieser Nicolo sitzt jedoch in Neapel und kümmert sich überhaupt nicht um seine angebliche Expedition. Wir haben festgestellt, dass es sich um ein Tarnunternehmen von Machtgruppen handelt, die über Grönland eine militärische Raumstation schaffen wollen. Man versteckt sich hinter ein privates Unternehmen. Wenn die Station einmal steht, ist es natürlich eine Kleinigkeit, sie an den passenden Platz zu bringen. Die Sonde dient also einem international verbotenen Zweck, und ihre Beseitigung unterbindet für die Zukunft erhebliches Unheil, vor allem natürlich eine schwere Bedrohung der Staaten. Das genügt wohl, Commodore.“

Nun, es genügte tatsächlich. Wenn die Leute auf Grönland solche Absichten besaßen, geschah es ihnen recht, dass man ihnen einen Streich spielte. Im Übrigen war es schließlich nicht meine Sache, über solche Dinge zu entscheiden. So machte ich die Lippen dicht. Maurice fand sich aber noch nicht ab. Wahrscheinlich lag das nur daran, dass er Oyster nicht leiden konnte. Du weißt ja, wie das ist. Man sieht sich und hat im Handumdrehen seine Sympathien oder Antipathien.

„Das genügt nicht“, mischte er sich ein. „Wenn die Dinge so liegen, wäre eine diplomatische Regelung richtig. Wir sind keine Strauchdiebe.“

„Er hätte ebenso gut dem lieben Gott erzählen können, dass er die Bienen nicht richtig konstruiert hat. Oyster war es nicht gewöhnt, dass ein Untergebener widersprach. Er wurde rot wie eine Tomate und dann bleich wie ein Knochen. Immerhin behielt er sich in der Gewalt und meinte etwas später zu mir hin:

„Kapitän Lachaine ist offenbar klüger als seine Vorgesetzten. Wir sollten ihn nicht in Ihrer Abteilung festhalten, sondern ihm eine Chance geben, seine diplomatischen Talente zu entwickeln. Vielleicht lernt er zunächst, seine privaten Meinungen in Gegenwart seiner Vorgesetzten zu unterdrücken.“

Das war blanker, tiefgekühlter Hohn, und Maurice sah ganz danach aus, als wollte er Oyster auf die Zehen treten. So griff ich lieber ein und beschwichtigte:

„Wir haben dort oben zu viel zusammen riskiert, Oberst, um nicht auch jederzeit eine Lippe zu riskieren. Das dürfen Sie nicht so genau nehmen. Halt den Mund, Maurice.“

„Wie Strauchdiebe!“, knurrte der Junge trotzdem, aber Oyster war glücklicherweise vernünftiger. Er kümmerte sich nicht darum. Er hielt sich an mich, und das genügte ja auch. Er hatte seine Vollmachten, und ich bekam meine Befehle. Damit beruhigte ich mich.

Wir erreichten unsere Ausgangsposition schnell, aber dann begannen die Schwierigkeiten. Die Sonde sollte sich auf 75 Grad befinden, doch musste mit Abweichungen gerechnet werden. Die genaue Höhe war nicht bekannt, nur ungefähr achthundert. Die Länge konnte zwischen 55 und 30 Grad West schwanken. Praktisch lief das darauf hinaus, dass wir eine Stecknadel in einem Heuhaufen zu suchen hatten. Du musst wissen, dass es dort oben nicht genügt, die Augen aufzumachen. Man sieht nichts mehr, weil es kein Licht gibt. Die Strahlung ist schon zu kurzwellig. Die Strahlenwandler arbeiten nicht schlecht, aber doch nicht viel mehr als ein guter Radarschirm in Grün, und auf jeden Fall sieht man nicht mehr, als die Schirme anzeigen. Dazu kommt, dass diese Grenzschicht, in der die Hölle auf die Watte der Elektronen prallt, zum Narren hält, so gut sie kann. Einmal saugt sie dir alles weg, und im nächsten Augenblick spiegelt sie dir eine Wand vor, dass du denkst, das letzte Gebet ist fällig. Jedenfalls gehört viel Erfahrung dazu, um dort oben ein Objekt von wenigen Metern anzupeilen, und wenn es gelingt, dann war es keine Erfahrung, sondern Glück, denn dann hängt es dir schon dicht vor der Nase. Genau so erging es uns an diesem Tage. Ich erwischte einen Schatten, der ein Echo sein konnte, änderte Kurs und Höhe um Kleinigkeiten, und plötzlich sahen wir sie dicht vor uns — nicht nur die kegelförmige Sonde, sondern zugleich auch eine fremde Rakete, an die sich die Sonde eben ansetzte.“

„Peinlich!“, bemerkte Wasil Bogorow lässig, als der Erzähler eine Pause einlegte.

„Peinlich auch“, bestätigte John Tyler gleichmütig. „Ich kam allerdings nicht dazu, mir Gedanken darüber zu machen. In diesen Sekunden drängte sich eine Menge zusammen. Wir standen nur wenige hundert Meter von der fremden Rakete entfernt und hatten noch einige Fahrt genau auf sie zu. Ich will versuchen, dir die Einzelheiten zu schildern, aber vergiss nicht, dass alles gewissermaßen in ein paar Atemzügen abrollte. Die Nicolo-Rakete stand also mit dem Heck genau vor uns in Fahrtrichtung, nur um wenige Grad aus unserer Achse ausfallend, und oben klebte an ihr die Sonde. Wir sahen sie wohl alle gleichzeitig auf dem Schirm. Ich schaltete sofort die Konterdüsen. Wahrscheinlich fluchte ich dabei, aber ich will es nicht beschwören. Maurice äußerte jedenfalls auch etwas von Schweinerei und riss den Hebel auf den Gegenmagneten herunter, dass ich dachte, der Strom würde ihn gegen die Wand werfen. Dann knallte Oyster wie eine Peitsche dazwischen, anstatt sich bei dem Ruck das Genick zu brechen.“

„Die Nicolo-Rakete. Schießen, Commodore! Die Bugraketen!“

Das riss uns beide herum. Oh, er war nicht verrückt geworden. Er war klarer bei Verstand als wir, und er befahl mit vollem Bewusstsein. Was er wollte, war klar. Wir sollten die Bugraketen abschießen, genau in das Heck und in die Düsen der Nicolo-Rakete hinein. Dann würde nichts von ihr übrig bleiben — und von der Sonde auch nicht.

Kann sein, dass ich in diesem Augenblick gelacht habe. Eine fremde Sonde stehlen — na, meinetwegen, wenn es verlangt wird — aber eine fremde Rakete von hinten abschießen — nein. Dort drüben befanden sich Männer, und wer sie auch immer sein mochten, es waren Männer wie ich oder Maurice, Männer, die sich in diese Höhe hinaufgewagt hatten, in der die geringste Kleinigkeit das Ende bringen konnte, Männer mit Herz und Nerven, Kameraden, die mir tausendmal näherstanden als dieser Bursche, der mir zu schießen befahl.

„Nein!“, sagte ich.

„Ich befehle es Ihnen!“, schrie er mich an. „Sie kennen meine Vollmachten!“

„Nein!“, schrie ich zurück und knallte Fahrt auf die obere Steuerdüse, denn wir waren schon scharf herangekommen und ich hatte instinktiv das Gefühl, dass es gut wäre, die Rakete aus der Richtung herauszuwerfen. Oyster stand dicht bei den roten Knöpfen.

Da geschah es schon. Er kannte sich einigermaßen aus und wusste wohl, was er von meiner Weigerung zu halten hatte. Er ruckte vor und drückte auf den Knopf.

Maurice hatte wohl das Gleiche erfasst wie ich. Als Oyster in Bewegung kam, sprang er auf ihn zu.

„Konterdüsen weg, John!“, brüllte er mich dabei an, und wenn über Maurice überhaupt noch etwas zu sagen wäre, dann das. Er hatte die Rakete im Gefühl, während er einen Mann auf Tod und Leben ansprang. Ich Esel hatte versäumt, die oberen Konterdüsen wegzunehmen, als ich die oberen Steuerdüsen anwarf. Ich holte es nach, aber es wäre schon zu spät gewesen, wenn nicht das Abkippen schon ausgereicht hätte. Die Bugrakete zischte hinaus und sauste haarscharf unter der Nicolo-Rakete durch, ohne Schaden anzurichten. Versteh mich recht — sie traf nicht, streifte nicht und verschwand ins Leere. Wir haben die Rakete nicht abgeschossen, weder nach der einen noch nach der anderen Lesart. Sie blieb zunächst völlig unbeschädigt.“

„Lass Maurice nicht so lange in der Luft hängen“, knurrte Wasil Bogorow.

„Bin schon dabei. Maurice ging also auf ihn los. Er kam nicht mehr rechtzeitig heran, um den Schuss zu verhüten, aber unmittelbar darauf riss er ihn weg und warf ihn gegen das Schott — die einzige Stelle, wo keine Instrumente zu Bruch gehen. Was er dabei sagte, war nicht gerade christlich, stimmte aber aufs Haar. Das Gesicht Oysters war wie ein Kalkfleck, aber anstatt aufzugeben, brachte er eine Pistole heraus, eine von diesen neuen Atompistolen, das gemeinste Zeug, das es je gegeben hat. Für Maurice war er nicht schnell genug. Maurice sprang ihn wieder an und knallte ihm die Faust ins Gesicht, als wollte er bis zum Schott durchstoßen. Dann schlug er noch einige Male nach. Oyster hatte damit genug. Als wir ihn später im Lazarett ablieferten, hatte er einen Schädelbruch, eine zerdrückte Nase und kaum mehr Zähne. Ich habe Maurice natürlich gesagt, dass sich ein Mann mit seiner Statur keinen Wutausbruch leisten sollte, aber hinterher dachte ich, dass es gescheiter gewesen wäre, er hätte ihn totgeschlagen.“

„Jetzt hängt nun wieder die Nicolo-Rakete“, drängte Wasil.

„Sie hing eben nicht“, seufzte John Tyler. „Alles spielte sich zu schnell ab. Die Bugrakete war vorbei, aber wir selbst waren herangekommen, schlingerten durch das Steuern und Kontern um die Vertikale und stießen mit der Nicolo-Rakete zusammen. Sie war noch nicht ausbalanciert und die Insassen hatten uns bis zu diesem Augenblick überhaupt noch nicht bemerkt. Beide Raketen waren zwar praktisch gewichtslos, doch gerade deshalb genügte wohl der Ruck. Jedenfalls hatten wir alle Hände voll zu tun, um uns zu fangen, während die Nicolo-Rakete wie ein Blatt im Sturm herumwirbelte. Sie rollte nicht, sondern taumelte mit ihrem Sondenhöcker über ihre Vertikale. Sie hatten die Rakete nicht mehr in der Gewalt. Einer der Männer war bei dem Anprall an einige Instrumente geraten. Und das auf achthundert Kilometer Höhe. Mir ist noch nie in meinem Leben so kalt gewesen wie damals.“

Bogorow erhob sich und zog ihn an der Schulter hoch. „Ich kann es dir nachfühlen“, murrte er. „Mir ist jetzt genau so zumute. Immer, wenn es am spannendsten ist! Los, die Aufseher sind schon fast heran.“

Die beiden Männer traten zur Drehscheibe. Das Förderband schleifte schon große Bruchsteine über ächzende Rollen. Der Steinstaub stieg wieder aufwärts. Aus dem Dunkel des Gangs schoben sich Uniformen heraus.


2.

Die Häuser der Stadt verschmolzen unter den zahllosen Lichtern zu einem samtenen Untergrund, der sich gegen die Nacht lehnte, abgegrenzt durch die dünne weiße Brandungslinie, hinter der das Meer wie eine schwach erhellte Stahlplatte stand. Die Lichter von Santa Lucia fingen sich an den düsteren Mauern des Castell d’oro, gegen die zugleich unaufhörlich die Lichtketten der Fahrzeuge anliefen, die über die breite Via Parthenope glitten. Hinter dem Park glühte der Rummelplatz farbig auf, während auf der anderen Seite die weiße Lichtscheibe des Hafens lag und gegen die Dampfer blendete, über ihr schattenhaft der Vesuv und die verlaufende Zunge von Sorrent. Über dem zurückfallenden Land stand die schmale hohe Abgasfackel und meldete das andere Neapel.

Professor Emile Nicolo hatte sich auf der Höhe von St. Elmo keinen schlechten Platz für sein Haus ausgesucht. Maurice Lachaine stellte es noch einmal fest, nachdem er den Blick über die Stadt schon bei Tage genossen hatte. Gleich darauf verabschiedete er Ecco mit einem freundschaftlichen Schlag auf die Schulter und ging durch den Vorgarten mit den üblichen Palmen auf das Haus zu. Die Haushälterin, die sich seiner erinnerte und offensichtlich, wenn auch aus unbekannten Gründen, einiges Wohlwollen für ihn empfand, ließ ihn ein, lächelte ihn in Ermangelung anderer Verständigungsmöglichkeiten mütterlich an und führte ihn ohne Anmeldung in das Arbeitszimmer Nicolos. Der Professor schien davon nicht sehr erbaut zu sein, denn er sprang auf, als der Besucher hereingeschoben wurde, und ließ eine heftige Tirade los, die gefährlich klang. Vermutlich war sie es aber nicht, denn die Haushälterin gab ziemlich gleichmütig einige hundert Worte in rasantem Tempo von sich, zuckte die Achseln und verschwand. Nicolo schien ihr das übel zu nehmen, denn er schimpfte und gestikulierte hinter ihr her, obgleich sich die Tür schon geschlossen hatte.

Er war ein zierlicher weißhaariger Mann von etwa siebzig Jahren, der gepflegt und vornehm aussah. Der Temperamentsausbruch nahm ihm manches von seiner Würde. Das zerknitterte Gesicht ließ einen eigenwilligen Charakter vermuten. Bei aller Intelligenz war es mehr das Gesicht eines wendigen, verschlagenen Händlers als das eines Gelehrten. Der Mund stand schief unter einer kräftig angeknickten Nase, als hätten ihn boshafte und zynische Bemerkungen allmählich so geformt. Ein kleines graues Bärtchen sträubte sich kriegerisch. Unter wirren, kräftigen Augenbrauen funkelten dunkle Augen scharf und jugendlich.

Maurice Lachaine wartete, bis der Professor ausgewettert hatte. Der Abschluss kam überraschend schnell. Nicolo brach seine Tirade ab, grinste plötzlich und rieb sich befriedigt die Hände.

„Ah, ich habe es ihr gegeben“, sagte er auf Englisch. „Sie sahen, wie sie abging. Sie hat kein Recht, fremde Leute ins Haus zu lassen und einfach zu mir hineinzuschicken. Ich bin nicht unhöflich, aber — hm. Darf ich fragen ....?“

„Ich heiße Maurice Lachaine“, stellte sich Lachaine vor. „Entschuldigen Sie, dass ich Sie ...“

„Und so weiter“, schnitt Nicolo scharf ab und kam um seinen Schreibtisch herum. „Ich habe so etwas Ähnliches schon einmal gehört. Was wünschen Sie noch?“

„Einige Fragen über Ihre Grönland-Expedition. Vor allem — was wurde aus der Rakete, die am 2. Juli 1987 verschwand?“

Nicolo blieb stehen, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. Sein Kinn klappte herab.

„Ach?“

Das Gesicht straffte sich wieder, ein misstrauischer Blick ging über den Besucher, dann bellte er:

„Sie kommen von einer Zeitung?“

Die Vermutung besaß ihre Reize, aber Maurice Lachaine bekam noch rechtzeitig das gelbe Leuchten der Schifferhose in die Augen und überlegte sich, dass ihm Nicolo den Zeitungsauftrag doch nicht abnehmen würde. So romantisch waren Reporter wohl doch nicht.

„Nein. Das ist eine private Angelegenheit.“

„Interessant!“, dehnte Nicolo, wobei es sichtlich hinter seiner Stirn rumorte. „Private Angelegenheiten sind immer interessant, sofern sie genügend privat sind. Wie war gleich der Name?“

„Maurice Lachaine.“

„Lachaine — Lachaine — ah, richtig, Lachaine. Sie sind einer von diesen Leuten, die — hm, wollen Sie nicht Platz nehmen? Interessant! Ich bin neugierig — ich muss nur noch ...“

Er wies auf die Sesselgruppe, lief zu seinem Schreibtisch zurück und begann zu telefonieren. Maurice Lachaine horchte misstrauisch in den sprudelnden Schwall hinein, aber er fand nichts dabei, was nach seinem Namen klang. Dann kam Nicolo zurück und setzte sich ebenfalls. Er hatte inzwischen einiges an Höflichkeit und Heiterkeit gewonnen.

„Also bitte“, ermunterte er. „Ich stehe zu Ihrer Verfügung. Erzählen Sie.“

„Ich wollte Sie bitten, mir einige Fragen zu beantworten“, berichtigte Maurice Lachaine trocken die Situation. „Da Ihnen mein Name etwas sagt, brauche ich Ihnen mein Interesse nicht zu begründen. Ich wurde zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt, weil ich die Rakete Ihrer Expedition abgeschossen haben soll. Das genügt wohl.“

„Zwanzig Jahre — sicher, das genügt“, missverstand Nicolo. „Wieso sind Sie dann hier?“

„Ich bin geflohen!“

„Ah, interessant. Erzählen Sie.“

„Später“, lehnte Maurice Lachaine kurz ab. „Was ist mit Ihrer Rakete geschehen, Herr Professor?“

„Sie wurde von Amerikanern abgeschossen und zerstört.“

„Das ist nicht wahr.“

„Ah, wofür bekamen Sie dann zwanzig Jahre Zuchthaus?“

„Das steht auf einem anderen Blatt. Die Rakete kam unbeschädigt herunter.“

„Sie kam eben nicht wieder herunter.“

„Unmöglich! Haben Sie Trümmer gefunden?“

„Nichts hat man gefunden. Kein Atömchen! Spurlos verschwunden.“

Maurice Lachaine trommelte mit den Fingerspitzen auf die Sessellehne und musterte den Italiener. Seine Gedanken waren so wenig freundlich wie sein Gesicht. Wollte ihn Nicolo zum Narren halten? Der fremde Typ war für ihn schwer durchschaubar, aber er hielt es für sicher, dass Nicolo die Angelegenheit reichlich leicht nahm.

„Das verstehe ich nicht“, fuhr er nach einer Pause fort. „Wir haben die Rakete heruntergebracht. Stand sie nicht in Funkverbindung mit Ihnen?“

„Mit mir? Ah, Sie meinen mit dem Lager? Gewiss — das heißt — nein, wahrscheinlich nicht. Dieser Mallinson soll sehr misstrauisch gewesen sein. Wahrscheinlich hatte er Grund dazu. Hähä. Wenn ich nicht irre, wurde das Lager von zwei feindlichen Mächten bestochen. Und Mallinson steckte mit Wurzberger unter einer Decke. Wie ich ihn kenne, war ihm der Wurzberger-Plan wichtiger als das Gold. Narren, alles Narren! Ich bin froh, dass ich mit der Sache nichts zu tun hatte.“

Maurice Lachaine schob den Wust, der sich da heranwälzte, beiseite und hielt sich an das, was ihn am stärksten traf.

„Befanden Sie sich nicht selbst in Grönland?“

Nicolo zog den Mund noch schiefer als er ohnehin war. „Ich? Bin ich verrückt? Ich sage Ihnen doch, dass ich nichts damit zu tun hatte. Meinen Namen — schön, man tut seinen Freunden einen Gefallen. Mehr nicht, verstehen Sie?“

„Kein Wort“, erwiderte Maurice Lachaine finster. „Entschuldigen Sie bitte, aber die Zusammenhänge sind mir völlig unklar. Sie wollen sagen, dass Sie sich nicht in Grönland befanden und mit der Expedition in keiner Verbindung standen, obwohl sie vor aller Welt unter Ihrem Namen lief?“

„Genau das“, nickte Nicolo. Dann fuhr er freundlicher fort: „Ich will Ihnen das erklären. Ich bin Geologe. Man hat mich vor Jahren beauftragt, Grönland zu testen. Grönland ist nun einmal Land, wenn auch unter zweitausend Meter Eis, und es geht eine alte Sage, dass es einige Bodenschätze enthalten soll. Nun, heutzutage ist es kein Kunststück, mit Radioloten einige tausend Meter in die Tiefe zu fühlen, auch wenn starke Eisschichten darüber liegen. Ich habe im Laufe von zwei Jahren bestimmte Gebiete aufgenommen. Die fürchterlichste Zeit meines Lebens — monatelang nichts als Flugzeug, Eis, Kälte und Einsamkeit. Natürlich hat es sich gelohnt. Ich will Ihnen keinen Appetit machen, aber dort gibt es meterbreite Goldadern, die blank liegen, weil das Eis den Felsen heruntergescheuert hat, Unmengen von Platin, hochprozentige Uranlager und was noch alles. Das Geld liegt milliardenweise auf der Erde. Man muss es eben nur unter dem Eis hervorholen.“

„Zweitausend Meter Eis.“

„Eben“, grinste Nicolo, „aber das ging mich nichts an. Meine Aufgabe war damit erledigt, dass ich die wichtigsten Fundgebiete ermittelte und meine Gutachten schrieb. Andererseits konnte ich nichts dagegen tun, dass sie sich an meinen Namen hielten, als die Expedition losgeschickt wurde. Schließlich ging es ja darum, an die Bodenschätze heranzukommen, die ich festgestellt hatte.“

„Ich begreife. Die Expedition sollte gewisse Plätze auf Grönland erschließen. Hm, wozu dann aber die Raumrakete und die Sonde? Das Gold lag doch unter dem Eis?“

„Na und?“, fragte Nicolo spöttisch. „Sind Sie der Meinung, dass es genügt, ein paar Tauchsieder in Grönland hineinzustecken, um zweitausend Meter Eisdecke zu beseitigen?“

„Dazu habe ich überhaupt keine Meinung. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man eine derartige Eisdecke beseitigen könnte.“

„Mallinson konnte es. Humphrey Mallinson — einer von den drei Männern, die Sie abgeschossen haben. Er hat lange genug in der englischen Raumforschung gearbeitet und dabei genug für seinen Freund Wurzberger herausspekuliert.“

„Wer ist Wurzberger?“

„Ein Verrückter“, antwortete Nicolo mit Schärfe. „Adolf Wurzberger aus München, falls er noch nicht gestorben ist. Wichtigkeit! Mallinson war jedenfalls kein Phantast, und ich denke, er hätte es geschafft, wenn Sie ihm nicht dazwischengekommen wären. Seine Sache ging in Ordnung. Soweit ich unterrichtet bin, sind in den letzten Jahren Milliarden in die Mallinson-Sonnen gesteckt worden und verschiedene sind betriebsbereit. Man weiß nur nicht, wie sie einzusetzen sind, hähä.“

Maurice ließ ihn kichern und versuchte, aus den Andeutungen ein Bild zu gewinnen. Da es ihm nicht gelang, bohrte er weiter.

„Dieser Mallinson befand sich also bei der Expedition. Wie wollte er die Eisdecke aufschmelzen?“

„Durch die Sonne natürlich. Eine andere Möglichkeit gibt es überhaupt nicht. Kennen Sie Grönland? Ein mörderisches Viertel. Da ist mit irgendwelchen Mätzchen nichts auszurichten. Die Hauptfunde liegen um den 75. Breitengrad herum, und dort ist jedes Jahr sechs Monate lang Nacht. Hübsche Zustände! Ich weiß Bescheid, wenn ich auch nicht so verrückt war, mein Lager unter 75 Grad aufzuschlagen. Da ist nur mit der Sonne ...“

„Das Lager befand sich ja sogar noch viel weiter im Norden“, unterbrach Maurice Lachaine mechanisch und horchte in sich hinein, weil ihn plötzlich etwas stutzig machte.

„75 Grad Nord und 30 West, wenn ich nicht irre. Wie gesagt, Mallinson wusste schon, was er wollte. Damals war es nicht sicher ...“

„Aber ...?“

„Was ist denn?“, fragte Nicolo neugierig.

„Ach — nichts“, murmelte Maurice Lachaine. Da war irgendetwas, das Bedeutung besaß. Er sah das Gyro, er sah einen dunklen Punkt nach Nordnordost schießen, aber er wagte nicht, die Kette zu schließen. Er musste erst darüber nachdenken. Da waren Dinge, die ihn unmittelbarer angingen. „Nichts. Mir fiel nur eben etwas ein. Wieso kann die Sonne die Eisdecke aufschmelzen, wenn ein halbes Jahr Nacht ist?“

„Eine künstliche Sonne natürlich“, nahm Nicolo das Thema wieder auf. „Ein Sonnenspiegel. Nicht schwer, wenn man einmal darauf gekommen ist. Die technische Durchführung wird durch die Gewichtslosigkeit in achthundert Kilometer Höhe ein Kinderspiel. Man schickt einen Steuerkern hinauf und legt um diesen einen Schirm aus dünnster Folie. Natürlich kommt es auf Dicke und Innenbelag an, damit die Höhenstrahlung passieren kann und trotzdem die Wellen reflektiert werden. Aber auf solche Dinge verstand sich Mallinson, ganz abgesehen davon, dass ihm die Grenzschicht selbst in die Hände arbeitete. Es wäre mit Molekularstärke zu schaffen, wenn sich das technisch machen ließe. Jedenfalls fängt der Schirm die Sonnen-Energie auf und wirft sie je nach Standort und Berechnung auf einen bestimmten Punkt der Erde, der sonst von der Sonne nicht erreicht wird. Ein Quadratkilometer Schirm genügt für tausend Quadratkilometer Erde. Die Progression steigt mit wachsendem Durchmesser riesig an. Mallinson hätte aber wohl lieber ein paar Schirme nebeneinander gesetzt. Jedenfalls war das sein Trick — Sonnen-Energie im Raum auf fangen und auf den gewünschten Punkt spiegeln. Damit hätte er es geschafft.“

„Hm, aber in achthundert Kilometer Höhe haben wir doch überhaupt kein Licht! Der Raum ist dunkel, und ...“

„Quak, quak. Eben deshalb, Sie Raumjäger. Sie kennen doch die Strahlung. Alles kurzwelliger als das Licht, deshalb sehen Sie nichts. Aber gerade das ist der Vorteil. Wenn man dort oben Licht fangen würde, wäre es höchstens noch für den Rundfunk zu gebrauchen, wenn man es endlich unten hätte. Diese Sonnenspiegel reflektieren natürlich die ultrakurzen Wellenzüge, die sich erst an der Atmosphäre und an der Erdoberfläche umwandeln, sodass wir dann unten Licht und Wärme haben, als ob sie direkt von der Sonne kämen. Soweit ich unterrichtet bin, erfolgt allerdings eine gewisse Verschiebung nach Infrarot hin, sodass praktisch mehr Wärme als sonst entsteht, da bekanntlich die Infrarotwellen die Moleküle besonders gut ansprechen und sie in entsprechende Aufregung bringen. Das ist aber nur ein Vorteil. Ich habe mir erzählen lassen — von einem Mann, der es wissen muss — dass diese Spiegel trotz der Streuung ungefähr so wirken, als scheine Tropensonne in ein glasbedecktes Treibhaus hinein. Das hätte sogar für Grönland genügt. Mallinson hätte ein Riesenloch in das Grönlandeis geschmolzen und den Goldgräbern gründlich den Buckel gewärmt, wenn Sie nicht dazwischengekommen wären.“

„Ich sehe“, murmelte Maurice Lachaine leicht benommen. „Ein toller Plan! Erschließung Grönlands unter künstlicher Sonne. Wenn sich das wirklich durchführen lässt, wie Sie sagen — warum halten Sie dann diesen Wurzberger für verrückt?“

„Wurzberger?“, zuckte Nicolo nervös auf. „Was wollen Sie mit dem? Er hat damit überhaupt nichts zu tun. Das ist etwas ganz anderes, und es wäre schon längst geglückt, wenn Sie nicht Mallinson — hm, das sagte ich wohl schon — warum haben Sie ihn eigentlich abgeschossen?“ Er sprach fahrig, und Maurice Lachaine hatte den Eindruck, dass er nach draußen horchte. Er hielt es jedoch nicht für wichtig.

„Wir haben die Rakete nicht abgeschossen“, betonte er mit Nachdruck. „Ich sagte Ihnen schon, dass wir sie wohlbehalten herunterbrachten. Ich begreife nicht, wie sie verschwinden konnte. Das ist das Rätsel, und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir irgendwelche Hinweise geben könnten, um es zu lösen. Wer hat die Expedition finanziert?“ Nicolo riss sich merklich zusammen.

„Wie bitte? Ah, richtig. Gulyat — Abe Gulyat. Kennen Sie ihn?“

„Nie gehört. Wer ist das? Wo kann ich ihn finden?“ Nicolo lauschte wieder nach draußen. Die Haushälterin schimpfte jenseits der Tür.

„Oh, ich glaube nicht, dass Sie sich bemühen müssen. Wenn ich nicht irre ...?“

Maurice Lachaine hörte die Tür hinter sich hart aufknallen. Er ruckte herum und sprang auf. Im Türrahmen standen vier Männer. Die beiden vordersten waren der Bulle und der Terrier. Sie trugen alle Pistolen in den Händen und meinten damit zweifellos Maurice Lachaine.

„Keine Dummheiten!“, warnte der Bulle. „Wir haben Auftrag, Sie unbeschädigt abzuliefern, aber wenn es sein muss ...?“

Maurice Lachaine ließ seine Augen nach rechts und links gehen. Keine Chance. Männer dieses Schlages waren keine Anfänger. Sie konnten ihn durchsieben, bevor er an eine Wand kam.

Professor Nicolo duckte sich. Seine Augen schielten besorgt nach oben. „Gehen Sie nur mit“, zischelte er. „Sie wollten ja ohnehin zu ihm. Die Leute kommen von Abe Gulyat.“

„Ich komme wieder, um die Telefonrechnung zu bezahlen“, kündigte Maurice Lachaine verächtlich an und steckte die Hände in die Hosentaschen.


*


Die beiden Sträflinge hockten nebeneinander auf der unteren Pritsche. Die Zelle war dunkel, aber der Mond stand schräg gegen das kleine Fenster und legte die Schatten der Gitterstäbe über die grauen Gestalten. Eine Uhr schlug dünn die Stunde.

„Jetzt kannst du reden“, murmelte Wasil Bogorow. „Jeff hat die Wache übernommen und unsere Zelle abgeschaltet. Aber leise. Und Schluss, sobald das Mikrophon schnarrt. Was wurde also aus der Nicolo-Rakete?“

„Sie wirbelte herum“, nahm John Tyler den Faden wieder auf. „Zunächst war nicht klar zu sehen, ob sie in die Höhe treiben — das wäre das Ende gewesen — oder ob sie fallen würde. Dort oben ist der Andruck sehr gering. Sie kam, und wir konnten uns überlegen, was zu tun war. Durch den langsamen Fall hatten wir viel Zeit. Aber es war klar, dass sie wie ein Blitz in die Erde hineinschlagen würde, wenn sie einmal auf Tempo kam. Kurz und gut, wir beobachteten eine Weile, ohne mit den Insassen Verbindung zu bekommen, dann wussten wir, wie wir helfen konnten. Wir gingen seitlich heran, drehten ein bisschen mit und ließen den Magneten arbeiten. Ein bisschen riskant war das schon, weil jeder Stoß die entgegengesetzte Wirkung gehabt hätte, aber es gelang. Sie kam zur Ruhe. Wir konnten uns unterschieben und durch den Magneten wenigstens leidlich sichern. Dann spielten wir Fahrstuhl.“

„Ihr habt sie heruntergebracht?“

„Natürlich, wenn es auch langsam ging. Bei uns war ja alles in Ordnung — bis auf Oyster, der bewusstlos am Boden lag. Auf fünfhundert Kilometer Höhe ungefähr bekamen wir endlich Verbindung mit den Insassen. Einer von ihnen war wieder bei Besinnung, und die beiden anderen erlangten das Bewusstsein etwas später. Die Rakete hatte drei Mann an Bord. Will Ohlsen, einen alten Raumfahrer, hatte ich sogar schon einmal kennengelernt. Sein zweiter Mann hieß Francesco Gulyat. Außerdem befand sich der wissenschaftliche Leiter der Expedition, ein Professor Mallinson, in der Rakete.“

„Ich weiß. Er muss ein Genie gewesen sein.“

„Ein Schimpfgenie“, lächelte John Tyler schwach. „Er bombardierte uns mit Flüchen, dass kein Auge trocken blieb. Sie hatten tatsächlich nichts von uns bemerkt und waren durcheinandergepurzelt, sehr zum Schaden verschiedener Apparate. Aber es war doch nicht so schlimm, dass sie sich nicht hätten helfen können. Wir trugen sie bis auf fünf Kilometer Höhe, dann lösten sie sich. Uns hätte es nicht das Geringste ausgemacht, sie bis zu ihrem Lager zu bringen, aber sie wollten davon nichts wissen und versicherten nachdrücklich, dass alles wieder in Ordnung sei. Sie waren auch voll manövrierfähig, als sie uns verließen. Natürlich folgten wir nicht. Für uns wurde es Zeit, umzukehren und Oyster ins Lazarett zu bringen.“

„Trotzdem ist sie nicht wieder aufgetaucht.“

John Tyler hob die Schultern und ließ sie resigniert wieder sinken.

„Ich kann es nicht erklären. Wenn du mir nicht glaubst?“

„Davon ist keine Rede. Berichte nur weiter.“

„Tja, wir lieferten Oyster ab und ich erstattete meinen Bericht. Ein paar Tage lief alles glatt weiter, wahrscheinlich, weil Oyster noch nicht sprechen konnte. Dann setzten sie uns in Untersuchungshaft. Sie verhörten uns in allen Tonarten und wollten mehr aus uns herausholen, als wir wussten, und dann erhoben sie Anklage. Ich wusste bald, was die Glocke geschlagen hatte. Sie wollten vertuschen, dass wir mit dem Verschwinden der Nicolo-Rakete zu tun hatten, und außerdem sollte nichts davon laut werden, dass Oyster beauftragt gewesen war, die Sonde zu beseitigen und versucht hatte, die Rakete zu zerstören. Er hatte es natürlich leicht bei seinen Verbindungen. Nach seiner Aussage hatte sich alles umgekehrt abgespielt. Was aus unseren Aussagen wurde und wie sie die Akten frisierten, erfuhren wir nicht. Sie verurteilten uns zu zwanzig Jahren Zuchthaus und Zwangsarbeit.“

„Hm? Habt ihr ihnen die Position angegeben?“

„Selbstverständlich.“

Wasil Bogorow dachte eine Weile nach.

„Du sagtest, ihr seid auf die Nicolo-Rakete gestoßen, als sie die Sonde herunterholte. Woher weißt du das — ich meine, woher weißt du, dass die Sonde tatsächlich dort gestanden hatte? Wäre es nicht auch möglich, dass sich die Sonde ursprünglich an einem anderen Platz befand und von der Nicolo-Rakete schon zu einem anderen Standort gebracht worden war?“

„Schwer zu sagen. Als wir sie zu sehen bekamen, waren Sonde und Rakete miteinander verbunden. Die Rakete hatte aber keine Fahrt. Wir haben darüber nicht gesprochen, deshalb möchte ich nichts beschwören, aber mir schien es selbstverständlich, dass sie eben ihre Sonde eingeholt hatten.“

„Hm, möglich, aber du kannst auch nicht ausschließen, dass sie die Sonde schon einige hundert Kilometer oder mehr verschleppt hatten und aus ganz anderen Gründen ohne Fahrt trieben?“

John Tyler drehte sich herum und blickte in das Gesicht Bogorows.

„Nein, das kann ich nicht ausschließen. Warum interessierst du dich dafür? Was hängt von der genauen Position ab?“

„Frag mich was und ich lüge dich an“, grinste Wasil Bogorow. „Ich bin selbst ziemlich neugierig und würde ganz gern genau wissen, was gespielt wird. Du darfst dir keine falschen Vorstellungen von unserer Arbeit machen. Das ist nicht so, dass sie uns an ihren Busen legen und ihr Herzklopfen hören lassen. Sie sagen einem haargenau, was man wissen muss, um die Sache richtig nach Hause zu bringen, aber kein Wort mehr. Was dahinter steckt, muss man sich aus dem zusammenreimen, was man sonst noch hört — und dabei haut man gelegentlich kräftig daneben. Aber schön — du sollst dich nicht beschweren. Sie sagten mir, die Nicolo-Sonde sei am 1. Juli zwanzig Uhr amerikanischer Zeit über 75 Nord und 30 West gesetzt worden. Es sei zu ermitteln, wo ihr sie fandet. Notfalls genüge die Feststellung, ob die Sonde noch über ihrer Ausgangsposition stand oder überhaupt eine Westdrift erlitten habe.“

„Na und?“

„Na und?“, wiederholte Bogorow achselzuckend. „Damit haben wir eben das ganze Drama in einer Nussschale. Angenommen, diese Sonden dienten einem bestimmten Zweck, falls man ihre Konstruktion ein wenig verändert. Angenommen, bei uns und bei euch sind schon eine ganze Reihe von diesen — sagen wir Sonden — startbereit für die Höhenfahrt. Angenommen, man kann sie nicht von der Erde aus dirigieren, sondern muss sie sich selbst überlassen. Angenommen, sie bleiben nicht auf ihrer Position, sondern treiben stetig nach Westen ab. Was dann?“

„Hm, dann würden die amerikanischen Sonden bald über Sibirien treiben und die sibirischen früher oder später über Amerika.“

„Das ist es. Den Rest zähle ich mir an den Fingern ab. Was sie auch immer vorhaben — sie können das Unternehmen nur starten, wenn sie sicher sind, dass die Ausgangspositionen gehalten werden, also keine Drift angreift. Sonst ist alles sinnlos, weil die Amerikaner unsere Sonden abfangen würden und wir die amerikanischen, sobald sie das jeweilige Hoheitsgebiet verlassen. Wahrscheinlich nehmen sie an, dass Mallinson schon weiter war als alle anderen heute. Deshalb ist es wichtig, zu wissen, ob seine Sonde in der Ausgangsposition stand oder abgetrieben wurde. Ich denke, sie werden eine saure Miene ziehen, wenn ich nach Haus komme.“

„Aber ich habe dir doch ...“

„Du hast mir die Position der Nicolo-Rakete angegeben. Es bleibt offen, ob das auch der Standort der Sonde war. Es ist ebenso gut möglich, dass die Sonde schon viel weiter nach Westen getrieben, aber inzwischen von Mallinson zurückgeholt wurde, oder dass sie überhaupt keine Drift besaß und durch Mallinson eben von ihrer Ausgangsposition nach Westen geschleppt wurde, um sie dort für einen neuen Test zu lösen. So liegen die Dinge, wenn man sie nüchtern betrachtet. Nichts Genaues.“

„Tut mir leid“, murmelte John Tyler. „Hm, aber eigentlich sollte es nicht viel ausmachen. Was du da von Abfangen gesagt hast, ist Unsinn. Die Hoheitsgrenze liegt bei dreihundert Kilometer Höhe. Darüber hinaus ist freier Raum.“

„Das war einmal. Die internationalen Bestimmungen sind inzwischen geändert worden. Die Hoheitsgrenze liegt jetzt bei tausend Kilometer.“


*


Der Raum wirkte trotz seiner Größe wie eine Klosterzelle. Auf dem bunten Mosaik des Steinfußbodens lag ein mächtiger Teppich in gedämpften Farben. Die hellen Wände trugen kein Bild, eingebaute Schränke fügten sich in die Flächen ein, die tief reichenden Vorhänge hoben sich nur durch eine schwache Farbnuance ab. Kein Ruch und kein Telefon, keine Blume und kein Apparat. Das Licht kam aus unsichtbaren Lampen. Im hinteren Drittel des Raumes stand ein schwärzlicher, offenbar sehr alter Eichentisch, den vielleicht einmal ein Mönch kunstlos zusammengezimmert hatte, hinter ihm ein zugehöriger, harter Sessel. Im vorderen Drittel bildete ein langer, weniger wurmstichig aussehender Klostertisch das Pendant. Nur zwei harte Stühle standen an ihm, an jeder Schmalseite einer. Der Raum war praktisch leer. Trotzdem lag eine schwer greifbare Gewalt in ihm, die wohl von seinen Proportionen herrührte.

Abe Gulyat saß reglos in seinem Sessel. Seine Hände lagen auf der Tischkante. Die raue Tischplatte war leer. Nur eine Pistole, die sich über dem Griff zu einer plumpen Kugel ausweitete, lag auf ihr. Maurice Lachaine erriet mühelos, welche Bewandtnis es mit ihr hatte. Er blieb stehen, wo ihn der Bulle und der Terrier stehen ließen, dicht neben dem langen Tisch und mindestens sechs Meter von Gulyat entfernt. Er hörte, wie die beiden Männer zurücktraten und die Tür hinter sich schlossen. Es wurde sehr still — so still, dass er meinte, das Rauschen seines Blutes zu hören.

Abe Gulyat konnte ein Mann zwischen fünfzig und sechzig sein. Sein schwarzes Haar hob sich scharf von dem bleichen Gesicht ab. Dieses Gesicht wirkte eigenartig schief, als sei es irgendwann einmal verdrückt worden. Es beunruhigte wie ein schönes Porträt, dessen Leinwand sich verschoben hatte. Trotzdem empfand Maurice Lachaine, dass von Gulyat Ruhe ausging. Er passte in diesen mönchischen Raum hinein. Eine Kutte hätte besser zu ihm gepasst als der farblose Straßenanzug. Die Ruhe kam von den Augen und von den Lippen, während die etwas zu schmale und zu steile Stirn störte.

Maurice Lachaine hatte noch nie von Abe Gulyat gehört. Hunderte von Millionen Menschen hätten das Gleiche sagen können. Abe Gulyat wurde nicht in den Zeitungen erwähnt und von keiner Illustrierten abgebildet. Es gab nicht viel Leute, die ihn persönlich kannten. Trotzdem gehörte er zu den Männern, die das Schicksal der Völker beeinflussten. Er war ein Zaharoff seiner Zeit, ein verborgener Regent riesiger Kapitalien, die aus Öl, Uran und zahlreichen Großunternehmen erwuchsen und neue Unternehmen zeugten, ein merkantiles Genie mit der Bedürfnislosigkeit eines Eremiten, ein stiller Schachspieler mit den Interessen der Welt, den nicht der persönliche Nutzeffekt, sondern das Spiel faszinierte.

Abe Gulyat nahm sich Zeit. Er musterte sorgfältig das düstere, trotzige Gesicht unter dem geschorenen Kopf. Die harten Falten verschlossen es für ihn nicht. Wild und verbissen — dachte er —, aber man muss wohl drei Jahre Zuchthaus abziehen. Kein Mörder, aber der geborene Totschläger, falls jemand das Eis in ihm zerbricht. Das Eis macht ihn stark. Man müsste ihn lächeln sehen, aber vielleicht würde er an seinem eigenen Lächeln zerbrechen. Er wird in die Hölle gehen, wenn das Motiv stark genug ist.

„Ich freue mich, dass Sie mich aufsuchten, Mr. Lachaine“, sagte Abe Gulyat endlich, ohne eine Andeutung von Gefühl. „Bitte setzen Sie sich auf den Stuhl, der Ihnen am nächsten steht. Wir sind völlig allein. Ich brauche Sie wohl nicht zu warnen?“

Maurice Lachaine schob den Stuhl mit dem Fuß beiseite und lehnte sich gegen die Tischkante.

„Ich freue mich, dass Sie um meinen Besuch so besorgt waren, Mr. Gulyat. Ich wollte Sie ohnehin sprechen.“

„Sie haben die Gelegenheit“, antwortete Gulyat flach und leise wie vorher. „Ich gebe Ihnen die Vorhand.“ Maurice Lachaine fühlte sich flüchtig verwirrt, griff dann aber zu.

„Ist es richtig, dass Sie die sogenannte Nicolo-Expedition finanzierten?“

”Ja.“

„Sie diente dazu, eine Art Sonnenspiegel zu errichten, mit dessen Hilfe das Grönlandeis aufgeschmolzen werden sollte?“

Details

Seiten
250
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738924923
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
trauben grönland

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Titel: Trauben aus Grönland