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Sein letzter Fehler

©2018 370 Seiten

Zusammenfassung

Kriminalroman

von Horst Bieber

Der Umfang dieses Buchs entspricht 370 Taschenbuchseiten.

ALTE DEUTSCHE RECHTSCHREIBUNG

Martina ist siebzehn Jahre jung, intelligent, tüchtig, hilfsbereit, zuverlässig - und jetzt liegt sie tot in einem Kleingartenverein, von ihrem Mörder achtlos über eine Hecke geworfen.

Kein leichter Fall für Hauptkommissar Richard Lewohlt, bis er herausfindet, daß die positiven Eigenschaften der Toten von Menschen ihrer Umgebung auch anders interpretiert werden: demnach war Martina berechnend, ehrgeizig, gerissen, aufmerksam für die Fehler und Schwächen anderer. Sie wußte, daß man im Leben etwas leisten mußte, um vorwärts zu kommen. Und Martina wollte raus aus der spießigen Enge ihres Elternhauses.

Nachdem die Polizei im Besitz der Toten wertvollen Schmuck gefunden und festgestellt hat, daß sie im dritten Monat schwanger und kurz vor ihrem Tod mit einem Mann intim gewesen ist, führt das auf neue Spuren.

Aber die Aufklärung des Verbrechens zieht sich hin - zu lange, wie Lewohlts Vorgesetzte finden; ist ihre Dienststelle doch mit Computern und Datenbanken aufgerüstet worden, die eine Fahndung nach neuesten Erkenntnissen ermöglichen. Und die hat bei all den teuren Geräten gefälligst schnell, umfassend und erfolgreich zu sein!

So kommen zu der Tragik der Martina Kleinmann Frust und Verdruß des Hauptkommissars Lewohlt, der als berufserfahrener Praktiker berechtigte Zweifel an dem Wert der neuen Daten- und Papierflut hat. Er führt lieber ein handfestes Verhör auf die bewährte Art vor Ort. In den Augen seiner Vorgesetzten macht er dabei aber Fehler, die mit dem neuen Selbstverständnis der Kriminalpolizei nicht länger zu vereinbaren sind - zu viele Fehler!

Horst Bieber, Dr. phil., Jahrgang 1942, ist im Ruhrgebiet geboren. Seit 1970 ist er Journalist. Dies war sein dritter Roman, der 1987 mit dem „Deutschen Krimipreis“ ausgezeichnet worden ist. Die Edition Bärenklau wird das Gesamtwerk von Horst Bieber publizieren, inklusive aller neuen und bislang unveröffentlichten Kriminalromane.

Leseprobe

Sein letzter Fehler

Kriminalroman

von Horst Bieber


Der Umfang dieses Buchs entspricht 370 Taschenbuchseiten.

ALTE DEUTSCHE RECHTSCHREIBUNG


Martina ist siebzehn Jahre jung, intelligent, tüchtig, hilfsbereit, zuverlässig - und jetzt liegt sie tot in einem Kleingartenverein, von ihrem Mörder achtlos über eine Hecke geworfen.

Kein leichter Fall für Hauptkommissar Richard Lewohlt, bis er herausfindet, daß die positiven Eigenschaften der Toten von Menschen ihrer Umgebung auch anders interpretiert werden: demnach war Martina berechnend, ehrgeizig, gerissen, aufmerksam für die Fehler und Schwächen anderer. Sie wußte, daß man im Leben etwas leisten mußte, um vorwärts zu kommen. Und Martina wollte raus aus der spießigen Enge ihres Elternhauses.

Nachdem die Polizei im Besitz der Toten wertvollen Schmuck gefunden und festgestellt hat, daß sie im dritten Monat schwanger und kurz vor ihrem Tod mit einem Mann intim gewesen ist, führt das auf neue Spuren.

Aber die Aufklärung des Verbrechens zieht sich hin - zu lange, wie Lewohlts Vorgesetzte finden; ist ihre Dienststelle doch mit Computern und Datenbanken aufgerüstet worden, die eine Fahndung nach neuesten Erkenntnissen ermöglichen. Und die hat bei all den teuren Geräten gefälligst schnell, umfassend und erfolgreich zu sein!

So kommen zu der Tragik der Martina Kleinmann Frust und Verdruß des Hauptkommissars Lewohlt, der als berufserfahrener Praktiker berechtigte Zweifel an dem Wert der neuen Daten- und Papierflut hat. Er führt lieber ein handfestes Verhör auf die bewährte Art vor Ort. In den Augen seiner Vorgesetzten macht er dabei aber Fehler, die mit dem neuen Selbstverständnis der Kriminalpolizei nicht länger zu vereinbaren sind - zu viele Fehler!


Horst Bieber, Dr. phil., Jahrgang 1942, ist im Ruhrgebiet geboren. Seit 1970 ist er Journalist. Dies war sein dritter Roman, der 1987 mit dem „Deutschen Krimipreis“ ausgezeichnet worden ist. Die Edition Bärenklau wird das Gesamtwerk von Horst Bieber publizieren, inklusive aller neuen und bislang unveröffentlichten Kriminalromane.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Roman © by Horst Bieber und Edition Bärenklau, 2015

Das Original wurde 1987 nur als Taschenbuch publiziert.

Cover © by Firuz Askin, 2015



Die Hauptpersonen

Martina Kleinmann - erwartet viel vom Leben, nur nicht einen frühen Tod.

Anna und Herbert Kleinmann - verwechseln das Leben mit einer Fassade.

Gerhard Stein versteht es, hinter einer Fassade hemmungslos zu leben.

«Rocko» wird immer ein Verlierer in diesem Leben sein.

Thomas Krüger beschreitet die krummen Pfade des Lebens.

Sylvia Bartoly gann ihr Leben als Helga Mayer, bevor sie es zum Drama machte.

Dr. Georg Wesseling hält viel vom neuem digitalen Leben.


Andy Schätzle und das restliche Team vom Fachreferat 111 der Kriminalpolizei wollen Leben schützen; nur ist es dazu oft schon zu spät.

(Jürgen Fischer

Jens-Peter Peddersen)


Karin Rösch Würde gut in dieses Team passen, aber sie entscheidet sich für ihr Leben.


Richard Lewohlt macht als Kriminalhauptkommissar viele Fehler, weil er als Mensch das Leben richtig einschätzt.


Alle handelnden Personen, die Taten, sogar die Stadt ist frei erfunden. Nur die Verhältnisse sollen an die Bundesrepublik erinnern.



1

«Können wir anfangen, Chef? »

«Nein, noch nicht!» fauchte Lewohlt. Der Mann von der Spurensicherung warf ihm einen bitterbösen Blick zu, wagte aber nicht zu widersprechen, sondern trat betont unauffällig von einem Fuß auf den anderen. Lewohlt beachtete ihn nicht mehr. Diese Minuten gehörten ihm, die ließ er sich nicht nehmen, auch nicht von ungeduldigen Beamten, die heute, am Sonntag, schnell nach Hause wollten. Die Sonne brannte heiß aus einem tiefblauen Himmel. Weit weg läuteten Kirchenglocken, zwölf Uhr Mittag. Kein Lüftchen rührte sich, und Lewohlt spürte, wie ihm die Schweißtropfen in den Nacken rannen. Seit Mitte Juli hielt dieses Sonnenwetter an und jetzt, Ende August, waren Bäume und Sträucher staubbedeckt, Felder und Rasen braun verbrannt. Der Boden schien die Hitze für immer gespeichert zu haben, die Obstbäume ließen die Zweige hängen. Zu Beginn des Sommers hatte es nach einer Rekord-Ernte ausgesehen, doch die Äpfel und Pflaumen waren seitdem nicht mehr gewachsen und schrumpelten schon.

Er stand drei Meter hinter der Gartenpforte auf einem Plattenweg, der zu dem hölzernen Laubenhäuschen führte. Links von ihm, gut fünf Meter vom Tor entfernt, lag die Frauenleiche direkt neben der Hecke, mit den Füßen zum Plattenweg. Sie war halb auf die linke Seite gerollt, so daß der linke Arm unter dem Körper eingeklemmt wurde; mit der rechten Hand berührte sie eben noch die Blätter. Auf den ersten Blick konnte man glauben, sie schliefe, aber dann störte der Kopf, der in einem ganz unnatürlichen Winkel auf die falsche Seite, nach rechts, gefallen war. Und auch die Stellung der ineinander verschlungenen Beine paßte nicht zu einer Schläferin.

Bekleidet war sie mit dunkelroten Jeans, einer weißen, dünnen Bluse mit aufgesetzten Taschen, unter der er den BH erkannte. Sie trug Sandalen, keine Strümpfe oder Söckchen. Um die Taille hatte sie sich eine dünne Strickjacke gebunden. Selbst aus der Entfernung erkannte er, daß sie eine Schönheit gewesen sein mußte, groß, schlank, ein auffallend straffer Busen. Dunkelbraune, leicht rötlich schimmernde Haare, die sich wie ein Schleierkranz um ihren Kopf gelegt hatten. Die kurz geschnittenen Fuß- und Fingernägel waren rosa lackiert.

Gestorben war sie nicht hier, das verrieten die vielen abgerissenen Blätter und Heckenzweige und die Schmutzspuren auf der Bluse. Genau über ihr verwelkte schon das geknickte Grün.

«Sie ist über die Hecke geworfen worden, Richard.» Andy Sehätzle beobachtete seinen Chef, von dem er gelernt hatte, daß kein Bild, keine Skizze den ersten Eindruck von einem Tatort ersetzen konnten.

«Eher gerollt, Andy.» Die Ligusterhecke mochte 1,60 bis 1,70 Meter hoch sein und bestimmt 70 Zentimeter dick. Wer immer sie über die Hecke gerollt hatte, mußte groß und kräftig sein. Wie kräftig, das würde sich herausstellen, wenn die Leiche gewogen worden war. Aus dem Gesicht ließ sich nichts ablesen. Es zeigte den erstaunt-ungläubigen Ausdruck, den sie von vielen Opfern kannten, überlagert von der maskenhaft wirkenden Totenstarre. Sie mochte Anfang oder erste Hälfte Zwanzig sein, und zu ihren Lebzeiten würden sich viele Männer nach ihr umgedreht haben. An der sichtbaren rechten Hand steckte kein Ring; am linken Unterarm bemerkte er eine teuer aussehende goldene Armbanduhr. Sonst trug sie keinen Schmuck.

Lewohlt schwieg immer noch. In seinem Leben hatte er viele Tote gesehen, aber die Trauer um jedes einzelne Opfer hatte er nie verloren. Vielleicht verzichtete er deshalb nicht auf die Minuten am Tatort, um nie zu vergessen, daß er nicht nur für Recht und Gerechtigkeit, sondern auch für Menschen arbeitete. Später, wenn die Akten dicker wurden, würde das Opfer verblassen und der Täter in den Vordergrund treten, und obwohl er es nicht hätte erklären können, empfand er als ungerecht, daß sich dann niemand mehr an den Toten und dessen Ansprüche an das Leben erinnerte. Einen Augenblick lang herrschte Stille. Selbst das Stimmengewirr der aufgeregten Neugierigen, die von den beiden Streifenpolizisten mühsam ferngehalten wurden, war verstummt.

«Okay, fangt an!» sagte Lewohlt leise, und Andy echote vergnügt: «Auf geht’s, meine Herren.»

«Wir sind nicht taub», knurrte der eine bissig, und Lewohlt griente schwach. Andy war ein guter Kriminalist und würde noch besser werden, sobald er mehr Gelassenheit aufbrachte und sich das Vergnügen verkniff, die anderen Menschen zu reizen und anzutreiben. Wahrscheinlich wußte er gar nicht, wie sehr seine «Hoppla-jetzt-komm-ich»-Selbstsicherheit andere verbiestern konnte.

Die beiden Fotografen hatten schon mit dem Knipsen begonnen. Der Ungeduldige neben Lewohlt klappte seinen Zeichenblock auf, befestigte ihn auf dem Klemmbrett und machte sich an die Skizze. Ein anderer steckte Tafeln mit Ziffern in den Rasen und rollte dann, das Maßband aus, um die Entfernungen festzustellen. Es war ein gutes Team, alle schon mehrere Jahre dabei, und Andy hätte wirklich nicht herumzukommandieren brauchen. Draußen, auf dem Weg jenseits der Hecke, reckten die unvermeidlichen Zuschauer die Hälse, um nur ja nichts von den neuen Aktivitäten zu versäumen. Bis sie dann die Köpfe drehten, weil ein neuer Mann von den Polizisten durchgelassen wurde.

«Mein Weib hat gedroht, sie läßt den Braten anbrennen, wenn ich nicht bis eins zurück bin. Tag, Richard.»

«Tag, Hans. Bestell ihr schöne Grüße von mir und rieht ihr aus, sie soll mich zum verkohlten Rest einladen!»

«Nix da, mein Lieber. Such dir eine eigene Frau!»

Seit sie sich kannten, flaxten sie sich an, und Lewohlt flirtete ausgesprochen gern mit Stellings Frau Heike.

«Irgend etwas, das ich wissen müßte?»

«Nein, bis jetzt noch nicht.»

«Hübsche Frau. Ausgesprochen flotter Käfer.» Stelling war nicht so abgebrüht, wie er tat, aber als Arzt hatte er sich den Schutzpanzer erworben, hinter dem auch die Kriminalpolizisten ihre Gefühle verbargen.

«Ja», murmelte Lewohlt; laut sagte er: «Andy, Bilder von der Kleidung. » Andy kniete gerade vor der Leiche und schaute nicht hoch, sondern winkte nur mit einer Hand. Natürlich würden sie auch auf alle Indizien einer Vergewaltigung achten, das war Routine, und Lewohlt ärgerte sich einen Moment über seine überflüssige Anweisung. «Ich red mal mit dem Besitzer.»

Der alte Mann hatte sich auf die winzige Terrasse hinter der Laube verzogen und seinen Stuhl in den Schatten gerückt. Mit beiden Händen umklammerte er die Armlehne. Er sah schlecht aus, immer noch bleich vor Schrecken, und seine Lippen zitterten unkontrolliert. Das dünne graue Haar glänzte feucht vor Schweiß.

Lewohlt setzte sich auf die Bank und lächelte aufmunternd: «Na, Herr Brecker, geht’s besser?»

«Ja ... Ja, es geht wieder. » Seine Stimme schwankte. Bestimmt hatte er die Siebzig überschritten, und die Furchen und Säcke unter seinen Augen deuteten an, daß er nicht gesund war. «Es war nur der Schreck.»

«Natürlich», sagte Lewohlt ruhig, «das verstehe ich gut. Sind Sie wieder so weit, daß wir uns unterhalten können?»

«Ja, ich bin wieder - gefaßt.» Das war er nicht, dachte Lewohlt, aber er hatte sich etwas gefangen. Bevor Lewohlt zu fragen begann, schaute er sich den hinteren Teil des Gartens an. Lange Beete mit Gemüse und Stangenbohnen, wenige Blumen, aber viele kleine Vierecke mit Kräutern. In der äußersten Ecke bemerkte er einen Komposthaufen, der mit Kürbissen bewachsen war. Die Hecke und eine niedrige Bretterwand verbargen ihn zum größten Teil.

«Dann erzählen Sie mal der Reihe nach, Herr Brecker.»

«Ja, Herr Kommissar. Also, ich bin heute morgen in den Garten gekommen, so gegen - elf Uhr vielleicht, ich weiß nicht mehr genau, ich hab nicht auf die Uhr geguckt, weil - ja, so gegen elf Uhr.»

Ohne ein Zeichen von Ungeduld nickte Lewohlt.

«Und da lag sie. Neben der Hecke. Zuerst hab ich gedacht, sie schläft, wissen Sie, sie sah so - na ja, friedlich aus, und ein bißchen wütend war ich schon, weil sie sich so einfach in meinen Garten... - verschwinden Sie -, habe ich gesagt, aber sie hat sich nicht gerührt, und deswegen bin ich hingegangen ...» Er verschluckte sich und rang nach Luft, die Adern an seinem Hals traten dick hervor. «Ihr Kopf war so auf die Seite gerollt, und da wußte ich, daß sie tot war. »

«Woher wußten Sie das, Herr Brecker?»

«Woher? Früher, bevor ich - also früher war ich Krankenpfleger und bin jahrelang in einem Unfallwagen gefahren, vom Roten Kreuz, und da habe ich viele Unfälle gesehen. Und viele, die dabei umgekommen sind.»

Lewohlt fischte das Zigarettenpäckchen aus der Hemdtasche und bot dem alten Herren an. Brecker dankte automatisch und ließ sich Feuer geben, ohne in die Gegenwart zurückzukehren. Es war ein Unterschied, ob man in einem Unfallwagen fuhr und wußte, daß man gleich Verletzte oder Tote sehen würde, oder unvorbereitet über eine Leiche stolperte.

«Danach bin ich sofort zum Vereinshaus gelaufen.»

«Welches Vereinshaus, Herr Brecker?»

«Na, das vom Kleingartenverein.» Dort traf er auf mehrere Leute, die gerade aufräumten, und zuerst hatten sie ihm nicht glauben wollen. Lewohl hörte unverändert gleichmütig zu, merkte sich aber den bitteren Unterton. Dann war Wolter mit ihm...

«Wolter?»

«Harald Wolter. Der Vereinsvorsitzende.» Wolter war mit ihm zurückgelaufen und hatte beim Anblick der Leiche schwer nach Luft geschnappt, sich aber rasch wieder auf seine Funktion besonnen und das Kommando übernommen. Brecker sollte vor seinem Garten wachen und niemanden hineinlassen; er alarmierte die Polizei. Zuerst kamen zwei uniformierte Polizisten; einer hatte Posten vor der Pforte bezogen, der andere vom Streifenwagen aus die Kripo benachrichtigt.

«Kennen Sie die Tote, Herr Brecker?»

«Nein, nein. »

«Haben Sie sie schon mal hier in der Kleingartenanlage gesehen?»

«Ich glaube - nein, Herr Kommissar.»

Lewohlt musterte ihn unschlüssig, weil er bezweifelte, daß sich der alte Herr die Tote wirklich genau angesehen hatte. Aber Brecker schüttelte heftig den Kopf: «Bestimmt nicht, Herr Kommissar.»

Eigentlich spielte es auch keine Rolle. «Wann haben Sie denn gestern Ihren Garten verlassen?»

«Um sieben Uhr. » Um sieben Uhr abends läutete St. Hubertus, dessen plumpen Turm man von dieser Stelle aus eben noch ausmachen konnte, und während des Läutens hatte Brecker sein Gartentor abgeschlossen. «Sonst wäre ich ja geblieben, hier ist’s nachts kühler als in meiner Wohnung, aber gestern war das Fest, und das wollte ...»

«Welches Fest?»

«Das Sommerfest vom Verein.»

Unwillkürlich mußte Lewohlt schmunzeln: «Sie sind kein Freund des Sommerfestes?»

«Nein, überhaupt nicht! Ein Sommerfest! Ich gehöre noch zur alten Sorte. Man hat einen Garten, um was anzubauen, Gemüse, Obst, Kartoffeln meinetwegen. Aber diese jungen Leute - was verstehen die noch von einem Garten! Rasen und Blumen und nutzlose Zierpflanzen. Terrassen, auf denen die Frauen sich im Bikini sonnen. Können Sie mir verraten, wozu Rasen gut ist? Die Hände wollen sie sich nicht schmutzig machen. Und dann beschweren sie sich, daß mein Komposthaufen stinkt. Stinkt! Aber Feste feiern, das können sie, Tanzen und laute Musik und Herumpoussieren. Nein, das ist nichts für mich, aber wir von der alten Sorte sterben ja sowieso aus.»

«Gut, bis gleich, Herr Brecker.» Lewohlt stand rasch auf und ging um das Gartenhäuschen herum. Die Männer von der Spurensicherung arbeiteten immer noch, von Andy Schätzle kritisch beobachtet. Zum Glück hatte die Hitze selbst ihm den Mund geschlossen. Stelling verglich seine diversen elektronischen Thermometer miteinander und trug die Ergebnisse in ein schwarzes Buch ein. Arme und Beine der Leiche waren jetzt gestreckt, der Kopf zurechtgelegt, so daß sie noch mehr wie eine Schlafende aussah.

«Ich brauche Pola-Bilder», sagte Lewohlt leise zu Andy. «Sieh zu, daß ein paar Mann von den Streife sofort damit losziehen.»

«Wird gemacht!» Andy schlenderte davon, und Lewohlt hockte sich neben Stelling: «Nun, was ist los?»

«Nicht viel. Todesursache ist eindeutig ein Genickbruch.»

«Und wie?»

«Kann ich noch nicht sagen. Quer über den Nacken verläuft eine kaum sichtbare Strieme - übrigens gibt’s auch auf dem Kragen der Bluse solch einen Abdruck - es könnte eine dünne, scharfkantige Eisenlatte gewesen sein. Mit ziemlicher Wucht geschlagen.» Lewohlt nickte. « Aufgetroffen ist das Eisen ziemlich parallel zu den Schultern.» Genaueres würde die Obduktion ergeben. «Und wann? Tja, vor Mitternacht gestern und nach 21 Uhr, ich muß mir noch die Nachttemperaturen vom Wetteramt besorgen, aber so etwa in diesem Zeitraum.»

«Genauer geht’s im Augenblick nicht?»

«Nee, Richard. So von 21.30 Uhr bis 23.30 Uhr.» Er zwinkerte.

«Gut. Noch was?»

«Ja.» Stelling hatte die Bluse ein Stück aus den Jeans gezogen und wies mit dem Kugelschreiber auf dunkle Flecken gerade über dem Hosenbund. «Die Leichenflecken sind eindeutig hier entstanden, nachdem die Leiche über die Hecke befördert worden war. Das muß höchstens eineinhalb Stunden nach Todeseintritt geschehen sein. Die Leichenstarre war voll entwickelt, als ich sie untersuchte.»

«Wegen des warmen Wetters?»

«Sehr wahrscheinlich.» Vorsichtig hob er den Kopf der Toten an. «Siehst du, hier, unter dem linken Auge?»

«Ein Veilchen.»

«Und was für eins! Sie hat’s mit flüssigem Make-up oder so was ganz gut kaschiert, aber es muß trotzdem aufgefallen sein.»

«Sehr schön.» Das war es wirklich; an ein hübsches Mädchen mit einem Bluterguß würden sich die Leute eher erinnern. «Wie alt ist das Hämatom?»

«Über den Daumen gepeilt würde ich sagen, daß es zwölf bis sechzehn Stunden vor ihrem Tod entstanden ist.»

«Mit ihrem Tod hat es also nichts zu tun?»

«Nein.»

«Na dann vielen Dank. Und guten Appetit beim Schmorbraten. »

Nach einem Blick auf die Uhr sprang Stelling auf: «Ich kann’s gerade noch schaffen, Richard.»

Lewohlt grinste ihm nach, richtete sich auf, damit der Fotograf die Sofort-Bilder knipsen konnte, und trat zu Andy: «Wissen wir, wer sie ist?»

«Nicht die Spur.» Auf dem Rasen lagen mehrere durchsichtige Plastiktüten, alle verschlossen und mit weißen, beschrifteten Anhängern versehen. «Die Uhr könnte uns weiterhelfen. Ziemlich teuer, jedenfalls kein Massenartikel. Dann haben wir in der linken Brusttasche eine Eintrittskarte vom Bahnhofskino gefunden. Ist zwar ein Non-Stop-Laden, aber vielleicht hilft die Seriennummer weiter. Sonst ist nämlich Sense, Richard, keine Brieftasche, keine Handtasche, nichts Schriftliches.»

«Die Leute sollen durch die angrenzenden Gärten gehen und nach einer Handtasche suchen. Sie muß doch...»

«Schon angeordnet, verehrter Chef.» Wenn Andy gekränkt war, wurde er besonders höflich, und Lewohlt lachte ihn aus: «Okay, geh nach hinten und laß dir die Anschrift des alten Herren geben. Ich kümmere mich mal um die Vereinsmannschaft.»

«Die Bilder, Herr Hauptkommissar.» Der Fotograf musterte ihn düster und drohend, als wolle er sich jede Kritik verbitten, aber Lewohlt überraschte ihn, indem er lobte: «Sehr gut.» Auch der geschickteste Fotograf konnte das Porträt einer Toten nicht zum Bild einer Schlafenden machen, aber dadurch, daß er sie schräg von der Seite aus aufgenommen hatte, war der Eindruck der unnatürlichen Starre ab gemildert. «Sehr schön, Herr Grill.» Geschmeichelt und zugleich enttäuscht, daß er um einen Anlaß zu gerechtfertigter Empörung gebracht worden war, schnaufte der Fotograf. Als Andy ihm die restlichen Fotos aus der Hand riß, zuckte er nur resigniert die Achseln.

Draußen wichen die Neugierigen zurück und bildeten für Lewohlt eine Gasse. Das Gemurmel erstarb. Er schaute sie unfreundlich an: «Wenn Sie jetzt schon einmal hier sind, bleiben Sie auch noch. Meine Kollegen werden Ihnen gleich Bilder von der Toten zeigen. Wir müssen wissen, wie sie heißt und ob sie hier in der Anlage schon einmal gesehen worden ist.» Zögernd und sichtlich unwillig nickten sie. Niemand sagte etwas, aber alle sahen ihm nach. Er kannte diese mit Furcht gemischte Abneigung und wußte, daß sie nicht ihm galt, sondern dem Einbruch von Gewalt in eine geschlossene Gruppe.



2

Das Vereinshaus lag mitten in der Anlage. Der Hauptweg verbreiterte sich zu einem kleinen Platz, der ringsum von Hecken eingefaßt war. In der Mitte, unter alten Bäumen, waren mehrere Menschen beschäftigt. Auf der einen Seite gab es eine glatte Fläche, die sicherlich zum Tanzen gedient hatte. Der Rest des Schattenrunds war mit Tischen und Stühlen vollgestellt. Eine junge Frau in Jeans und Bikini-Oberteil räumte Gläser und Aschenbecher zusammen, hielt aber inne, als sie Lewohlt bemerkte. Die Tür und alle Fenster des grau verwitterten Holzhauses standen weit offen. Neben der Tür stapelten sich Bier- und Sprudelkästen; im Haus spülte eine Grauhaarige. Zwei Männer packten Plastikteller und -bestecke in blaue Müllsäcke; ein dritter verstaute leere Weinflaschen in bereitstehende Kartons. Einen Moment glaubte Lewohlt, den fettigen Duft von Bratwürstchen zu riechen. Jemand hatte angefangen, den gemauerten Grill rechts neben dem Haus zu reinigen und die Asche zusammenzukratzen. Zwei vom Ruß schwarze Wischtücher trockneten in der Sonne.

Ein breitschultriger Mann trat ihm entgegen, das Gesicht grau vor Müdigkeit.

«Guten Tag», grüßte Lewohlt höflich. «Mein Name ist Lewohlt, Kriminalpolizei. Ich suche Herrn Harald Wolter.»

«Der bin ich», antwortete der Mann bedrückt. «Guten Tag, Herr Kommissar.»

«Sie wissen, weshalb ich komme?»

«Ja, wir haben’s schon gehört. Wegen der Lei... der Toten in Breckers Garten. Schreckliche Geschichte. Wie konnte das nur geschehen?»

«Das versuche ich gerade herauszufinden», gab er freundlich zurück. «Können wir uns einen Moment unterhalten?»

«Natürlich, bitte, nehmen Sie doch Platz. Etwas zu trinken?»

«Einen Sprudel würde ich gerne nehmen.»

«Ja, sicher. Martha!» rief er ins Haus hinein, und die Grauhaarige, die wie alle zugehört hatte, nickte. «Wir bleiben besser draußen, im Haus ist es entsetzlich stickig. Stört es, wenn wir...»

«Nein. » Er schüttelte zwei Ehepaaren die Hände. Ratjens hieß das ältere Paar, Grimm das jüngere; Ratjens führte die Kasse des Vereins, Grimm bezeichnete sich als Schriftführer. Lewohlt notierte sich ihre Namen und Anschriften und registrierte, daß alle unwillkürlich ernster wurden. Seine Sprudelflasche war vor Kälte beschlagen. Die Männer tranken Bier und sahen auch so aus, als hätten sie es nötig. Die beiden Frauen teilten sich eine Flasche Wein, und er beobachtete schmunzelnd, daß die Grauhaarige erst kleine Zettel für die Kasse schrieb, bevor sie Getränke und Gläser holte.

«Wir hatten unser Sommerfest», entschuldigte sich Wolter. «Es ist sehr spät geworden.»

«Und feucht», ergänzte Helga Grimm. Trotz ihrer luftigen Bekleidung glänzten Schweißperlen auf Schultern und Ausschnitt.

«Das hab ich schon gehört», sagte Lewohlt geduldig. «War’s voll?»

«Und wie. Bestimmt 300 Leute.»

«Alles Mitglieder dieses Kleingarten-Vereins?»

«O nein. Jeder durfte Freunde und Bekannte mitbringen. Oder auch -» er grinste breit - «Freundinnen und Bräute.»

«So können Sie mir gar nicht sagen, wer alles gestern hier gefeiert hat?»

«Nein, leider nein. Zumindest nicht auf Anhieb», verbesserte er schnell. «Wir müßten herumfragen, wer wen mitgebracht hat.»

«Hm. Aber es wäre auch möglich, daß später Wildfremde mitgefeiert haben?»

«Sicher, später schon. Gegen Mitternacht, da hätte dazukommen können, wer wollte.»

«Haben Sie denn fremde Gesichter gesehen?» Alle nickten, und Helga Grimm lachte plötzlich auf, wobei sie Lewohlt zuzwinkerte: «Nicht nur gesehen, auch betanzt.»

«Wann ging’s gestern los?»

«Offiziell um 20 Uhr, aber ich würd' denken, der Hauptschwung kam zwischen neun und halb zehn.»

«Und wie lange hat es gedauert?»

« Also, die Musik hat um drei Uhr aufgehört.» Zwei Mitglieder, so erfuhr Lewohlt, hatten ihre Stereo-Anlagen aufgebaut. Nach drei Uhr bauten sie die Geräte wieder ab und packten sie in einen Lieferwagen.

«Konnten Sie die Anlage nicht über Nacht stehen lassen? Oder in das Haus bringen?»

Ohne zu zögern widersprach Wolter: «Ausgeschlossen, Herr Kommissar. Verstehen Sie, wir können das Gelände ja nicht abschließen, wir haben immer wieder Fremde hier, und das Haus ist schon mehrmals aufgebrochen worden. Wir raten allen unseren Mitgliedern, keine Wertsachen in den Lauben zu lassen. Wir haben auch das eingenommene Geld nicht hier gelassen, nichts von Wert.»

«Sie waren also die letzten?»

«Ja, wir fünf.»

«Und wann sind Sie gegangen?»

«Kurz nach vier Uhr, würde ich meinen.»

Die anderen stimmten zu.

«Um Viertel nach vier waren die Gärten also leer?»

«Nein, gar nicht», meinte Wolter überrascht. «Bei diesem schönen Wetter übernachten viele in den Lauben. Hier ist es angenehmer und vor allem kühler als in dem Backofen von Innenstadt.»

«Ich verstehe», murmelte er und trank den Sprudel aus. «Herr Wolter, wie kommt man eigentlich in die Anlage? Wie viele Eingänge hat sie?»

«Es gibt zwei Haupteingänge, im Westen an der Armhäuserstraße und im Osten an der Walddorfallee. An den beiden Eingängen laufen die beiden Hauptwege zusammen - Sie müssen sich die Anlage wie ein langgestrecktes Rechteck vorstellen, die Schmalseiten im Osten und Westen.»

«Wer dort die Eingänge benutzt, wird nicht kontrolliert?»

«Nein, Sie wissen vielleicht, daß wir nach dem Gesetz die Anlagen öffnen mußten.» Einen Moment funkelte er Lewohlt aufgebracht an, als sei der dafür verantwortlich. «Seitdem treiben sich hier - nun ja, nein, es gibt keine Kontrolle.»

«Andere Aus- und Eingänge gibt es also nicht?»

«Doch, doch. Im Norden können Sie einen Gehweg benutzen, der am Rand der Anlage vorbeiführt. Hinter den Gärten der Häuser an der Nockenstraße vorbei. Den kennen aber die wenigsten.»

«Und im Süden?»

«Da gibt’s einen Ausgang direkt in den Rothenbruch.»

«Haben Sie einen Plan der Anlage? Und eine Liste der Mitglieder, aus der hervorgeht, wer welchen Garten gepachtet hat?»

«Schon, aber nicht hier.» Wolter schien ärgerlich. «In dieser Bruchbude kann ich ja nichts aufheben. Aber in meinem Büro hab ich alles.»

«Gut, das erledigen wir dann morgen.» Leise stöhnend holte er die beiden Bilder aus der Tasche. «Kennt jemand von Ihnen diese junge Frau? War sie gestern auf dem Fest?»

Die Bilder machten die Runde, zögernd nahm sie jeder entgegen, und keiner konnte ein leichtes Erschrecken unterdrücken, obwohl das Gesicht wenig verriet - eine schlafende Frau mit einer Platzwunde unter dem linken Auge, einer kleinen Wunde, die nicht nach Gewalttätigkeit aussah. Als erster schüttelte Wolter den Kopf; die anderen schlossen sich irgendwie erleichtert an, und Frau Ratjens urteilte schließlich: «Ich kann’s natürlich nicht beschwören, aber ich würde sagen, sie war gestern nicht auf dem Fest. Oder was meinst du, Heinz?»

Ihr Mann stimmte zu: «Nein, Herr Kommissar, gefeiert hat sie nicht mit uns. Und sonst ...» Hilflos brach er ab. Auch Helga Grimm verneinte: «Sie wäre aufgefallen.»

Lewohlt sammelte die Bilder ein. «Wenn sie hier nicht gefeiert und sich nicht zufällig in die Anlage verirrt hat, bleibt noch eine dritte Möglichkeit.»

Wolter nickte widerwillig: «Die Freundin eines Mitglieds, nicht?»

«Sie haben selber gesagt, daß bei diesem schönen Wetter viele hier übernachten.»

«Ja.» Ärgerlich hob er die Bierflasche, aber die war leer. «Ja. Wir sehen das nicht gerne, aber verhindern können wir das nicht.»

«Na schön.» Lewohlt klappte sein Notizbuch zu. «Von Ihnen bekommen wir eine Liste der Mitglieder. Unser Fotograf wird bessere Abzüge machen, die wir herumzeigen können.»

«Wenn Sie wollen, hängen wir sie ans schwarze Brett», bot Wolter an. «Wenn sie wirklich häufiger hier war...»

«Danke», murmelte Lewohlt. Es war wirklich unerträglich heiß, selbst im Schatten. Unvermittelt sagte Helga Grimm leise: «Dabei war es so ein schönes Fest.»

«Auf Wiedersehen», grüßte er alle. Was sollte er der jungen Frau schon sagen? Sie zupfte wieder an ihrem Träger und schaute an ihm vorbei. Daß sie um die unbekannte Tote trauern würde, hatte er nicht erwartet. Gewalt verbreitete Unbehagen, selten Mitleid.

Die Neugierigen harrten noch immer aus. Der junge Polizist grüßte übertrieben höflich und schwitzte, nicht nur wegen der Hitze.

Andy stand auf dem Plattenweg und beobachtete stumm die beiden Männer, die gerade die Leiche in die Wanne legten. Zwei Leute von der Spurensicherung maßen noch den Garten aus, die anderen hatten schon eingepackt, die Nummerschilder waren herausgezogen.

Lewohlt stellte sich neben Andy. «Was Neues erfahren?»

«Nichts.» An ihren knappen Sätzen nahmen sie keinen Anstoß, dazu kannten sie sich zu gut. Jenseits der Hecke entstand Bewegung, als die beiden Träger auf dem Weg erschienen; laute Stimmen erhoben sich, der junge Beamte polterte los, bis sich seine Stimme überschlug. Protest, dann herrschte plötzlich Ruhe. Lewohlt träumte vor sich hin; Andy trat vor Ungeduld von einem Fuß auf den anderen, aber wagte nicht, die Techniker anzutreiben, die in aller Gemütsruhe ihr Werkzeug zusammenpackten. Im ganzen Präsidium war Andy bekannt wie ein bunter Hund und in den meisten Abteilungen unbeliebt, weil er ohne Hemmungen herumschimpfte und in Ehren grau und langsam gewordene Kollegen beleidigte.

«So, wir sind fertig», rief der eine herüber; Andy wollte etwas Bissiges antworten, aber Lewohlt räusperte sich rechtzeitig, und deswegen zogen sie ohne Streit ab.

«Was ist mit der Handtasche?»

«Nichts gefunden.»

«Und die Bilder?»

«Keiner kennt sie. Oder will sie kennen. Komischer Verein, diese Wühlmäuse.» Andy rümpfte die Nase.

«Laß das bloß keinen von den Gärtnern hören! Die vergraben dich glatt im Komposthaufen.»

«Damit meine verrottete Seele den schönen Kompost verdirbt?» Andy kicherte und stieß Lewohlt in die Seite. «Komm, gehen wir, bevor wir Wurzeln schlagen und geerntet werden.»

Lewohlt seufzte. «Aus welchem Bett haben wir dich denn geholt?»

«Du kennst sie noch nicht, Chef. Süßer Käfer. War sehr beeindruckt, als ich ihr erklärte, ich müßte eben mal dafür sorgen, daß der Laden läuft und die Leiche richtig verpackt wird.»

«Aha!» Lewohlt hatte sich längst abgewöhnt, die starken Sprüche seines Adlatus ernst zu nehmen. «Ist sie wenigstens volljährig?»

«Will ich doch stark hoffen. Aber sehr geduldig ist sie nicht.»

«Schon gut, ich hab die Glocke läuten hören. Hau ab, du Unverbesserlicher! Aber morgen früh pünktlich!»

«Das hängt nicht nur von mir ab!» Andy konnte noch aus ganzem Herzen lachen, und Lewohlt grinste unwillkürlich. So unbekümmert war er auch einmal gewesen.

Er hatte noch eine gute Stunde zu tun, Namen und Anschriften zu notieren, mit den Polizisten zu sprechen, die sich in der Anlage umgesehen hatten - nichts Auffälliges, kein Hinweis -, und sich selbst einen Eindruck zu verschaffen. Der Fundort der Leiche war nicht der Tatort, aber weit konnte sie nicht getragen worden sein: Bei den vielen Menschen, die sich gestern abend hier herumgetrieben hatten, wäre das für den Täter ein unvertretbares Risiko gewesen. Sie war auch nicht mit einem Auto transportiert worden. Die beiden Hauptwege, die an den Haupteingängen Ost und West zusammenliefen, waren wohl breit genug für einen Personenwagen, aber an der Armhäuserstraße wie an der Walddorfallee durch je drei umlegbare Pfosten gesperrt.

Für alle Fälle ging er noch einmal zum Vereinshaus zurück; die fünf arbeiteten immer noch und richteten sich halb dankbar für die Unterbrechung, halb besorgt auf. Nein, Wolter war sich seiner Sache sicher: Die Pfosten hatten gestanden, fest verschlossen, «den einzigen Schlüssel habe ich in der Tasche», und waren nur ganz kurz umgelegt worden, damit die Lieferwagen hinein- und herausfahren konnten. Ja, weil er seine Pappenheimer kannte, hatte er an der Armhäuserstraße selbst aufgeschlossen und sogar für die kurze Zeit, in der die Autos entladen wurden, den Mittelpfosten aufgerichtet.

«Sehr schön, vielen Dank, Herr Wolter.»

Der Rothenbruch war ein feuchtes, stellenweise sumpfiges Tal, durch das sich der Rothenbach schlängelte. Von den deutlich höher gelegenen Gälten sah er auf Weiden, krumme Birken und graubraunes Schilf; das Tor in den Bruch war verrostet und klemmte.

Im Norden fand er den Ausgang erst nach einigem Suchen. Einen Weg konnte man das kaum nennen, eher eine Lücke zwischen Zäunen und Hecken, höchstens einen Meter breit und stellenweise noch enger. In der Nockenstraße herrschte um diese Tageszeit kein Verkehr. Zwei- und dreistöckige Villen aus den zwanziger Jahren, nicht gerade ärmlich, aber auch nicht glanzvoll, dafür alle auf heute unbezahlbar großen Grundstücken. Von hier bis zu Breckers Garten waren es wenigstens vierhundert Meter. Und wenn er die Leiche nur loswerden wollte, hätte der Täter sie viel früher in einen Garten werfen können. Im Moment sah es so aus, als liege der Tatort innerhalb der Anlage.

Lewohlt gähnte und rieb sich das schlecht rasierte Kinn. Gestern nacht hatte er zu lange gelesen; ausgehen konnte er nicht, weil er freiwillig die Bereitschaft übernommen hatte. Sechs seiner Leute, Familienväter mit schulpflichtigen Kindern, hatten Urlaub. Die Schule begann am Montag wieder, wenn es nicht gleich hitzefrei gab. Für die Rückkehrer hatten sich am Freitag drei andere in den Urlaub verabschiedet. Eigentlich waren nie alle Leute an Deck, aber mehr Planstellen wurden ihm nicht zugebilligt. Zwar jammerte er darüber wie alle Referatsleiter, aber so ganz ehrlich war er nicht dabei: Personalmangel war eine feine Ausrede dafür, dem Schreibtisch zu entfliehen und draußen zu recherchieren. Das gefiel ihm ohnehin besser, und für richtiger hielt er es auch. Manche Hauptkommissare leiteten ihre Referate nur noch vom Schreibtisch aus und hatten seit Monaten keinen Tatort mehr gesehen.

Nachdenklich schaute er sich um. Es mußte unbedingt bald regnen.

Über das Polizeipräsidium ärgerte sich Lewohlt jedesmal, wenn er in die Tiefgarage fuhr: ein moderner Hochbau, gerade sechs Jahre alt, viel Glas und noch mehr Beton, im Sommer heiß und im Winter kalt. An der Fassade bröckelte es bereits sichtbar. Aufgeteilt war dieses Prachtwerk, an dessen Entwurf kein Polizist mitgearbeitet haben konnte, in winzige Zimmerchen nach dem Fenster-Achsen-Prinzip. Eine Sekretärin hatte zum Beispiel Anspruch auf eine Achse, ein Sachbearbeiter (Gruppe IV, vorwiegend selbständig arbeitend) auf zwei, er als «Referatsleiter» auf vier. So oder so blieben es entsetzliche Schläuche mit grau gestrichenen Betonwänden (Bilder mußten geklebt werden), Einbauschränken mit scharfen Kanten neben den Türen und Neonleuchten. Natürlich gab es keine Verbindungstüren, nach dem Motto: Jeder für sich in seiner Klause, und der zu schmale Flur für uns alle. Der allgemeine Protest hatte wenigstens in diesem Punkt gefruchtet: Noch während des Baus begann der Umbau, wurden einige Verbindungstüren durchgestemmt. Nicht ändern ließ sich freilich der Geburtsfehler dieses Bastards, die vielen Innenräume ohne Tageslicht, in denen die Klimaanlage pausenlos rauschte. In einem ebenso hartnäckigen wie beschimpfungsreichen Streit mit der Belegabteilung hatte Lewohlt durchgesetzt, daß seine Mitarbeiter alle Zimmer mit Fenstern bekamen und daß sich diese Fenster tatsächlich auch öffnen ließen. Dafür wurden die Vernehmungszimmer nach innen verlegt, und das Gefühl des Eingeschlossenseins hatte manchen hartnäckigen Kunden zermürbt. Die mit mattweißen Blechen verkleideten Innenwände züchteten Klaustrophobien. Optimal untergebracht waren von Anfang an nur die Computer und Terminals; das ganze Haus steckte voller Elektronik, und nach deren Bedürfnissen hatten sich alle zu richten.

Einige wenige - unter ihnen Lewohlt - taten es nicht.

Im Präsidium hielt sich hartnäckig das Gerücht, eine Schweizer Firma, spezialisiert auf Management-Consulting, habe nicht nur den Bau entworfen, sondern auch das Organisationsschema der Polizei. Daran glaubte Lewohlt nicht: Die Organisation mußte von der Firma stammen, die den gesamten elektronischen Schmutz geliefert hatte. Ihre Monteure waren mittlerweile ein fester Bestandteil des Hauses geworden. Die Systeme stürzten immer noch ab oder produzierten Blödsinn, was auch daran liegen mochte, daß ständig Neues eingebaut und erprobt wurde.

Vom zehnten Stock aus hatte man einen ungestörten Blick auf die ganze Innenstadt, über deren Dächern nun schon seit Wochen die Hitze flimmerte. Wenn er nichts zu tun hatte, stand er oft am Fenster und träumte vor sich hin; das lebhafte Gewimmel war dann weit weg, das ununterbrochene Rauschen des Verkehrs sank herab, bis er es nicht mehr vernahm, und in diesen Minuten gehörte er nicht mehr dazu.

Ein Kaffee wäre gut. Er brauchte jetzt unbedingt einen Kaffee!

Jürgen Fischer kam eine halbe Stunde später in das Zimmer gehinkt. Er sah älter aus als fünfundvierzig. Vor sieben Jahren war er bei einer irrsinnigen Verfolgungsfahrt schwer verunglückt; die Ärzte amputierten ihm das linke Bein unterhalb des Knies und die linke Hand. Sein immer noch volles Haar war restlos ergraut, sein Gesicht zerfurcht. Personalabteilung, Vertrauensärztlicher Dienst und die allmächtige PK, die sich überall einmischende Personalkommission, wollten ihn vorzeitig pensionieren. Mehrere Wochen mußte Lewohlt kämpfen, um ihn zu seinem Stellvertreter zu machen. Sie verstanden sich seitdem ohne viele Worte. Fischers einzige Tochter war wenige Monate nach seinem Unfall tot in einer Bahnhofstoilette aufgefunden worden, neben ihr das zerbrochene Spritzbesteck, mit dem sie sich den goldenen Schuß verpaßt hatte. Der schweigsame Fischer wurde wortkarg. Er war ein gläubiger Katholik, der sich in seiner knappen Freitzeit um straffällige Jugendliche kümmerte. Seine Frau mochte Lewohlt nicht leiden und haßte die ganze Polizei.

«Was ist los, Richard?»

Er berichtete kurz, und Fischer stellte keine Fragen.

«Wer kommt noch?»

«Pedder und Heppel.»

«Gut, dann koche ich mal Kaffee.» Fischer lächelte nur kurz. Überall wurde Personal eingespart, die Kaffee-Küche blieb über das Wochenende geschlossen, und eine Sekretärin für den Sonntagsdienst stand jenseits aller Möglichkeiten.

Jens Peter Peddersen war eine Marke für sich. Bis heute blieb es Lewohlt ein Rätsel, wie Pedder die diversen Prüfungen geschafft hatte, wie er überhaupt zum Polizeidienst angenommen worden war. Die Natur hatte ihn mit 1,95 Meter Körperlänge und jackensprengenden Schultern gesegnet, außerdem mit einer weizenblonden Lockentolle, vor der jeder Friseur kapitulierte, dunkelblauen Augen und einem länglichen, kräftigen Gesicht. Wenn man ihn ansprach, zwinkerte er überrascht, weil man ihn aus anderen Sphären auf die Erde zurückholte. Zehn Sekunden schien er richtig zuzuhören, dann begann er wieder zu träumen. Noch nie hatte es ein Vorgesetzter fertiggebracht, Pedder zur Eile anzutreiben. Auf der Straße war er so unauffällig wie eine Giraffe mit zwei Köpfen, und wenn er dann seine langen Beine vorsichtig, wie auf einem schwankenden Boot, bewegte, drehten sich die Passanten nach ihm um. Nur seine friedlich-verträumte Miene hinderten die Leute daran, ihn nach dem ersten Blick für dumm zu halten, obwohl Pedder alles tat, diesen Eindruck hervorzurufen.

Andy hatte das lange Ende angestaunt: «Mein Gott, ein echter Ostfriese!» worauf Pedder verträumt lächelte. «Willst du etwa bei uns arbeiten?»

«Ich weiß nicht...»

«So, du weißt nicht.» Andy stemmte die Fäuste in die Seite und mußte den Kopf in den Nacken legen. «Du weißt nicht. Is ja prächtig! Wir werden wunderbar Zusammenarbeiten.»

«Meinst du?» Pedder sprach bedächtig und laut, als reiße ihm der Wind die Silben von den Lippen.

«Das meine ich! Weißt du, früher hatte ein ordentlicher Mann seinen Sklaven. Dann seinen Neger. Heute seinen Türken. Ich werde der erste sein, der seinen Ostfriesen hat.»

«Ja?» Pedder war im Ruhrgebiet geboren und aufgewachsen, hatte die See im Alter von achtzehn Jahren zum erstenmal gesehen und wußte nicht einmal genau, wie Lewohlt später herausfand, wo Ostfriesland liegt. Aber er schmunzelte breit und musterte von oben herunter den vorlauten Andy mit sichtlichem Wohlwollen. Und die beiden verstanden sich. Wann immer sie vor Zeugen zusammentrafen, hackte Andy auf ihm herum, kommandierte, schimpfte oder klagte lautstark über die Langsamkeit seines Kollegen. Pedder zwinkerte fröhlich und hob manchmal ehrlich erstaunt die Augenbrauen, wenn sich Andy eine neue Beschimpfung ausgedacht hatte. Er redete nicht gerne und selten in vollständigen Sätzen. Alles in allem schien er das Musterbeispiel dafür abzugeben, wie ein Kriminalbeamter nicht beschaffen sein sollte, doch hinter dieser Teddybären-Gemütlichkeit verbarg sich etwas, das vielen fehlte, nämlich die Fähigkeit, sich in die Gedanken anderer Menschen hineinzu versetzen. Schon mancher ihrer Kunden hatte geglaubt, das todsichere Versteck oder die unschlagbare Masche gefunden zu haben, bis Pedder nachzusinnen begann.

Kriminaloberinspektor Heppel meldete sich zum Dienst, ein unauffälliger, etwas dicklicher Enddreißiger, der sich gerne in seinem Zimmer mit den Terminals, Bildschirmen und sonstigen Geräten vergrub.

Lewohlt brummte: «Wollen Sie einen Kaffee?» und schob ihm seine Notizen hin.

Eine halbe Stunde geschah gar nichts. Die Routine war angelaufen, und zur Routine gehörten auch die langen Pausen. Dann steckte Pedder den Kopf ins Zimmer und gab in seiner silbensparenden Art bekannt: «Alles eingegeben - gleich.»

Widerwillig stand Lewohlt auf, nahm seinen Kaffeetopf mit und schlich in Heppels Zimmer, der sofort murmelte: «Es dauert noch.»

Lewohlt blies geistesabwesend auf seinen heißen Kaffee und döste vor sich hin. So viel friedliche Ruhe gab es selten, und mit jeder Minute kroch die Müdigkeit höher. Dann blinkte ein hellgrünes Viereck auf dem Bildschirm. Heppel tippte eine Zahlenkombination, drückte eine Taste und sagte halblaut: «Es kommt.» Sekunden später erschienen die Daten auf dem Bildschirm, und in solchen seltenen Momenten war auch Lewohlt bereit, die Elektronik gut zu finden.

«Größe 171 cm - Gewicht 58 Kilogramm - geschätztes Alter: 18-20. Blut gr. o pos. - Obdkt. Term. Mont., io.3oUhr, Raum 1, Staatsanw. benachricht. - rieht. Erlbns. beantr.»

«Sieh mal an», brummte Lewohlt, «sie sah älter aus.»

Heppel nickte stumm, hielt mit einer neuen Zahlenkombination die von der Medizinischen Aufnahme übermittelten Daten fest, tippte erneut und fugte damit die Liste der äußeren Merkmale hinzu, die er nach Lewohlts Notizen bereits in den Computer eingegeben hatte, drückte neue Tasten, die Angaben verschwanden, eine Zieladresse tauchte auf, blinkte kurz, bevor sie sich auflöste, ein winziges «wait» erschien links oben, und dann starrten sie auf das dunkle Glas. Im Moment verglich der zentrale Rechner ihre Angaben mit den gespeicherten Daten der als vermißt gemeldeten Personen - zuerst aus der Stadt, dann aus dem Land, zuletzt bundesweit.

«Wir haben sie, Chef.» In Lewohlts Gegenwart sprach Heppel immer leise, aber das war keine Schüchternheit, sondern gegenseitige Abneigung, und weil sie beide darum wußten, behandelten sie sich höflicher als sonst unter Kollegen üblich. Neue Reihen wurden blitzschnell von links nach rechts geschrieben: «Kleinmann, Martina. Hessenstraße 13...» Der Drucker begann zu rasseln, und Lewohlt lehnte sich wieder an die Fensterbank. Der Kaffee vertrieb die Müdigkeit nicht.

Ein anderer Bildschirm wurde hell. Mit Elektronik waren sie phantastisch ausgerüstet, konnten Bilder digital abspeichern und jederzeit abrufen, seit einigen Monaten sogar in Farbe, konnten elektronisch Ausschnitte vergrößern und über einen Apparat, dessen Technik Lewohlt nie kapiert hatte, in Sekundenschnelle als fertige Bilder auf den Tisch zaubern. Neugierig schaute er hin. Ja, das war die junge Frau aus der Kleingartenanlage Rothenbruch.

«Brauchen Sie Positive?»

«Nein, danke.»

Das Drucker-Protokoll beschäftigte ihn. Martina Kleinmann, siebzehn Jahre alt - verblüfft rieb er sich über das Kinn -, kaufmännischer Lehrling. Am Samstag, also gestern, von den Eltern Herbert und Anna Kleinmann als vermißt gemeldet, weil sie in der Nacht von Freitag auf Samstag nicht nach Hause gekommen war. Abgezeichnet vom Revier 18, um 17.15 Uhr. Unterwegs mit einem weißen Damenfahrrad, Marke Ferrier, Gestellnummer 16 A 534. Bekleidet mit weinroten Jeans, einer weißen Bluse und hellbeiger Strickjacke. Hellbraune Lederhandtasche mit langem Tragriemen. Zuletzt gesehen am Freitag gegen 19.10 Uhr, als sie die elterliche Wohnung verließ, um zu einer Freundin zu fahren, Roswitha Zoller, Hohe Fuhre 26. Dort laut Aussage der Eltern, die sich erkundigt hatten, gegen 19.35 Uhr eingetroffen und kurz nach 20 Uhr wieder abgefahren. Seitdem vermißt.

Er nahm das Protokoll und ging quer durch das Sekretariatszimmer in Fischers Raum. «Wir haben sie», knurrte er verlegen, und Fischer warf ihm ein schräges Lächeln zu, während er mühsam aufstand. «Danke, Jürgen. »

Das war etwas, was er nie gelernt hatte: Angehörigen eine Todesnachricht zu überbringen. Keiner tat das gern, auch Fischer nicht, aber Fischer wußte aus leidvoller Erfahrung, was Eltern empfanden, und konnte die richtigen Worte finden. Er und Pedder, der über seine seltsame Hellsichtigkeit für die Gedanken und Gefühle anderer Menschen verfügte.

Lustlos bummelte er nach Hause. In seine Zwei-Zimmer-Wohnung zog ihn nichts, aber er hatte auch keine Lust, sich allein in eine Kneipe zu hocken. Vor neun Wochen war er umgezogen, in ein Hochhaus, und die meisten Kisten standen noch immer unausgepackt in der Wohnung. Die Spedition schrie inzwischen Zeter und Mordio und drohte mit Säumnisgebühren. Zwei-, dreimal die Woche nahm er sich vor, endlich seinen Kram auszuräumen, aber jedesmal packte ihn ein lähmender Ekel vor dieser Aufgabe. Dann schob er die Kisten wieder zur Seite, ließ sich in den zart quietschenden Ohrensessel fallen und begann zu lesen. Das Fernsehgerät war immer noch nicht angeschlossen, das zweite Telefon stand auf einem Kistenstapel; das erste war schon am dritten Tag heruntergefallen und zersplittert. Einen Teil der Diele bedeckte ein Haufen schmutziger Wäsche; wenn sich die Tür des Geraderobenschrankes nicht mehr aufziehen ließ, brachte er alles zur Wäscherei. Wer die Wohnung hätte sehen können, würde sofort die Diagnose stellen: Richard Lewohlt, 46 Jahre alt, geschieden, Kriminalhauptkommissar und Leiter des Fachreferats (FR) in, verkam. Aber bis jetzt hatte noch kein Fremder die Wohnung betreten, selbst Andy nicht, der geduldig unten auf der Straße wartete, wenn er seinen Freund und Chef abholte.

Aber «verkommen» war der falsche Ausdruck. Er verkam nicht, obwohl ersieh mit dem Junggesellenleben immer noch schwertat. Er hatte einfach keine Lust mehr, zu nichts, und flüchtete sich in die Welt von Biographien und Romanen. In der Filiale der Stadtbücherei gleich um die Ecke kannte man ihn mittlerweile gut, und die Große .mit den aschblonden Haaren und dem korrekten Mittelscheitel störte sich wenig an seinem mürrischen Ton.

Er schaffte einen ganzen Band der «Memoiren des Herzogs von Saint-Simon» und lebte einige Stunden in der Welt des französischen Hofes. Seit er sich zufällig in einem historischen Roman festgelesen hatte, war er fast süchtig nach dieser Art Lektüre geworden.


Die Woche begann mit einem Treffen aller Referats-Mitarbeiter, offiziell «Konferenz» genannt, in Wahrheit eher ein letzter Versuch, sich bei Kaffee und Klatsch vor der anstehenden Arbeit zu drücken. Die zurückgekehrten Urlauber zeigten demonstrativ ihre Bräune und bewiesen mit Farbfotos, wo sie gewesen waren und was sie gesehen hatten. Es wurde viel herumgealbert und geflaxt, bevor die laufenden Fälle besprochen wurden, Urlaubspläne, Termine für Lehrgänge, Probleme, Schwierigkeiten. Lewohlt schwieg meistens und achtete höchstens darauf, daß auch die Sachbearbeiter zu Wort kamen. In diesen dreißig oder vierzig Minuten durfte und mußte jeder offen reden. Über das, was tagsüber passiert war, verständigten sich die Chefs der Gruppen am späten Nachmittag, kurz vor dem offiziellen Dienstschluß. Aber im FR m gab es keine festen Dienstzeiten, und keiner, der darauf bestanden hätte, wäre länger als einen Monat in diesem Haufen geblieben.

Ruhender Pol dieser Runde war Jürgen Fischer, dem nach einem ungeschriebenen Gesetz Lewohlts Schreibtisch-Sessel zustand. Lewohlt saß auf der Fensterbank und war mehr Zuhörer als Chef. Jeder wußte, daß Fischer - wegen seiner Behinderung fast immer an seinem Schreibtisch zu finden - die wichtigen Entscheidungen traf und daß Lewohlt seinem Stellvertreter unbesehen vertraute, daß Fischer auf der anderen Seite nie etwas tun würde, dem Lewohlt nicht zustimmen konnte. Aber wer Ärger mit Lewohlt hatte, was nicht selten vorkam, weil Lewohlt viel zu mürrisch und ungeduldig war, um immer gerecht zu sein, wandte sich an Fischer. Und Fischer, unbestechlich, geduldig und gerecht, kümmerte sich darum. Seit er Lewohlt dazu gebracht hatte, sich öffentlich in dieser Montagsrunde bei Mitgliedern des FR 111 zu entschuldigen, herrschte Vertrauen. Und seit sich herumgesprochen hatte, daß Lewohlt nach außen diejenigen seiner Leute kompromißlos verteidigte, die er intern gerüffelt hatte, gab es über das gegenseitige Vertrauen hinaus so etwas wie ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. «Lewohlts Bande», wie sie im Präsidium durchaus nicht wohlwollend bezeichnet wurde, hielt durch Dick und Dünn zusammen.

Lewohlt gähnte verstohlen und betrachtete Karin Rösch, die wie immer in der entferntesten Ecke saß. «Assistentin zur Anstellung» war ihre Dienstbezeichnung, richtiger wäre gewesen: Lehrling. Persönlich hatte er nichts gegen sie, ihn störte nur, daß seinem Referat eine solche Stelle zudiktiert worden war. Ausgerechnet in der Mordkommission sollte ein Anfänger ausgebildet werden, in einer Kommission, die früher stolz darauf gewesen war, die besten Kriminalisten zu versammeln. Wer dorthin berufen wurde, hatte sich anderswo schon ausgezeichnet und besaß das, was er nun blutigen Anfängern beibringen sollte: Menschenkenntnis, Erfahrung, Zähigkeit, Geduld und die Fähigkeit zu kombinieren. Mit ihr kam er noch halbwegs aus, weil sie ein wenig schüchtern war - oder farblos, wie er oft fand dagegen hatte es mit anderen z. A.’s schon einigen Zirkus gegeben.

In einer melancholischen Stunde hatte er sich gestanden, daß ihn am meisten ärgerte, wie wenig sie aus sich machte, äußerlich und im Umgang mit ihm. Denn sie war weder unansehnlich noch dumm, mit 28 Jahren auch zu alt, ihre Fähigkeiten falsch einzuschätzen.

Über den Fall Kleinmann wurden nicht viele Worte verloren. Alle Fälle begannen schwierig, und die Bande war stolz darauf, daß ihre Aufklärungsquote weit über 90 Prozent lag.

Jeden Montag um neun Uhr versammelten sich die Referatsleiter der Fachdirektion I (Kriminalpolizei), der Direktor und die Abteilungsleiter im Großen Sitzungssaal. Ständige Gäste waren die Vertreter der FD ü (Schutzpolizei) und FD üI (Besondere Kriminalität), der Leiter der Abteilung S0K0 (Sonderkommissionen, von denen es nach Lewohlts Geschmack viel zu viele gab), ein Vertreter des Polizeipräsidenten, des Vizepräsidenten, dem dienstrechtlich die «Kriminaltechnische Untersuchung» und der Fachbereich «Elektronik und Dokumentationen» unterstanden, und ein Mitglied der dem Präsidenten direkt zugeordneten Abteilung «Presse und Information» . Wenn Lewohlt diese Menge sah, erfüllte ihn regelmäßige kalte Wut: Offiziere gab’s weiß Gott genug, und von ihren Gehältern hätten die Truppen bezahlt werden können, die ihnen fehlten.

Unter der doppelflügeligen Tür hielt ihn der Krimirat am Ärmel fest: «Gibt’s was Neues, Herr Lewohlt?»

Lewohlt schluckte seinen Ärger hinunter. Mit Dr. Georg Wesseling, Kriminalrat und Leiter der Abteilung «Gewaltkriminalität», verband ihn eine innige Abneigung. Das hatte etwas mit dem Altersunterschied zu tun; der Krimirat - wie sein im ganzen Haus bekannter Spitzname lautete - war zehn Jahre jünger als Lewohlt. Das hatte schon mehr damit zu tun, daß Wesseling äußerlich das genaue Gegenteil seines Untergebenen darstellte - sportlich, muskulös, immer makellos angezogen, lebhaft, energisch und von jener nichtssagenden Freundlichkeit, die Lewohlt völlig abging. Das hing aber vor allem damit zusammen, daß Wesseling hundertprozentig hinter der modernen Organisation, der Elektronik und dem neuen Stil stand, während Lewohlt das alles verabscheute.

«Nein», knurrte er endlich, «nur ein Todesfall gestern. »

«Sehr schön», freute sich der Krimirat. Opfer interessierten ihn nicht, nur der gute Ruf seiner Abteilung, womit in erster Linie sein eigener Ruf gemeint war. In seiner Gegenwart mußte Lewohlt immer die Zähne fest zusammenbeißen.

Wie in neun von zehn Fällen hätte man sich auch diese Konferenz schenken können. Eines der höheren Tiere bedauerte, sie hätten jetzt wohl doch organisierte Schutzgeld-Erpressung im westlichen Teil der Innenstadt. Das hätte Lewohlt ihm schon vor Monaten verraten können, aber auch er huldigte insoweit dem neuen Stil, als er sich nur noch um seine Sachen kümmerte und nichts tat, diese nutzlosen Sitzungen durch Beiträge zu verlängern. Als sich die Runde auflöste, hatte er kein Wort gesprochen.

Fischer hatte eine gute Nachricht fur ihn: «Das Fahrrad ist gefunden worden. Auch über eine Hecke in einen Garten geworfen. Andy und Pedder sind rausgefahren. »

Der Täter besaß anscheinend wenig Phantasie. «Die Handtasche ist noch nicht aufgetaucht?»

«Nein. Andy und Pedder sehen sich noch einmal in den benachbarten Gärten um. »

Karin Rösch las das Protokoll der Vermißtenmeldung, als er zu ihr ins Zimmer polterte. «Interessant, was?» schnappte er in dem mißglückten Versuch, mit ihr einmal freundlich zu reden. Gleichmütig antwortete sie: «Sehr sogar. Die Eltern wissen ungewöhnlich gut Bescheid über den Inhalt der Handtasche. Für eine Siebzehnjährige eigentlich zu gut. »

Das war ihm noch nicht aufgefallen. «Was schließen Sie daraus?»

«Daß sie ihre Tochter scharf kontrolliert haben. Außerdem trauen sie ihr nicht ganz.»

«Wie kommen Sie denn darauf?»

«Sie haben, bevor sie zum Revier 18 fuhren, festgestellt, daß Martina ihren Paß, ihr Postsparbuch und ihre Sparbüchse nicht mitgenommen hatte.»

«Gut», lobte er ehrlich. «Dann mal auf!»

Die Hessenstraße war lang und gesichtslos, weder häßlich noch schön, weder laut noch leise. Die winzigen Bäumchen zwischen den Parkbuchten schienen zu verdursten. Endlose Reihen von vierstöckigen Rotziegel-Häusern erschlugen mit ihrer Monotonie. Die eng beieinander liegenden Haustüren verrieten, daß es sich um winzige Wohnungen handeln mußte.

Herbert Kleinmann öffnete die Tür. Er war ein auffallend großer, hagerer Mann mit einem länglichen Gesicht, in das sich Mutlosigkeit und Verbitterung eingegraben hatten. Seine Mundwinkel hingen nach unten, als habe er das Lachen verlernt. Der überkorrekte dunkle Anzug mit dem weißen Hemd und der schwarzen Krawatte unterstrich seltsamerweise den Eindruck eines unzufriedenen, gescheiterten Mannes.

Lewohlt stellte Karin und sich vor. Sie kondolierten, und Kleinmann schien erleichtert, daß sie gekommen waren. Seine Stimme klang tief und heiser.

Die Wohnung war so klein, wie Lewohlt vermutet hatte, eine winzige Diele, eine noch kleinere Küche, ein Wohnzimmer, in das gerade ein Tisch mit drei Stühlen, eine cordbezogene Couch und ein Sessel paßten. Ein großer, wuchtiger Schrank mit vielen Türen und Glasscheiben nahm die ganze Querwand ein.

Anna Kleinmann hob mühsam den Kopf. Sie hatte das rotbraune Haar und die dunklen Augen ihrer Tochter; unter anderen Umständen wäre sie eine attraktive Frau gewesen, und auch j etzt noch war Lewohlt von ihrer Schönheit angerührt. Sie trug einen dicken, weißen Bademantel und schien zu frieren, obwohl es heiß und stickig war. Ihre Augen blickten durch sie hindurch, und Lewohlt fragte sich einen Moment beunruhigt, ob sie ihren Schock überwunden hatte. «Sollen wir später noch einmal wiederkommen?» erkundigte er sich leise bei Kleinmann.

«Nein, wir sind ... wir können reden.»

Das Zimmer irritierte ihn. Zuerst dachte er, es sei die Enge, aber dann bemerkte er, daß ihn die peinliche Ordnung störte. Es war so aufgeräumt, daß er sich schwer vorstellen konnte, wie Menschen in dieser steifen Nüchternheit lachten. Ärgerlich riß er sich zusammen: «Es tut mir leid, aber wir müssen leider ein paar Fragen stellen.»

Nach einer langen Pause flüsterte sie: «Ja.»

«Erzählen Sie uns bitte, was am Freitag passiert ist.»

Sie sprach wie ein Automat, langsam, jedes Wort wohl verständlich, aber ohne jede Betonung, so, als liefe eine schlechte Bandaufnahme ab. Ihr Blick hatte sich zu Anfang des Gesprächs auf einen Fleck an der Wand gerichtet, an dem sie die ganze Zeit über festhielt, und je länger, desto mehr beschlich ihn der Gedanke, es gebe zwei Anna Kleinmanns - eine, die auf Fragen antworten konnte, und eine andere, die nicht im Zimmer war.

Martina war am Freitag Abend wie immer aus der Firma gekommen. Nein, sie fuhr mit dem Bus, und wenn sie pünktlich aus dem Geschäft kam, erreichte sie den Bus um 18.07 Uhr an der Weigandstraße, der um zwanzig nach sechs hier in der Hessenstraße, vier Häuser weiter, eintraf: Kurz vor halb sieben hatte sie aufgeschlossen, ja, sie besaß eigene Schlüssel. Mit der Mutter unterhielt sie sich nur kurz, das Übliche, ein ganz normaler Tag im Geschäft, nichts Besonderes. Sie ging in ihr Zimmer, dann ins Bad, zog sich um, nein, im Geschäft trug sie selten Hosen, und dann aßen sie gemeinsam zu Abend, bis gegen sieben Uhr.

«Ich war nicht da», sagte Kleinmann dumpf. «Ich habe freitags meinen Kegelabend von der Firma aus, und der dauert immer bis gegen elf Uhr.»

Kurz nach sieben Uhr packte Martina Platten zusammen. Sie wollte ihre Freundin Roswitha besuchen und bei ihr Musik hören. Nein, das war gar nicht ungewöhnlich, sie traf sich oft mit Roswitha, die manchmal auch zu ihnen kam, aber selten. Das Fahrrad, ja. Martina sparte gerne das Fahrgeld für den Bus, außerdem fuhr sie gerne Rad, schon lange, seit ihrem zwölften Lebensjahr. Sie war sehr vorsichtig, noch nie hatte sie einen Unfall gehabt. Wann sie zurückkommen werde, hatten sie nicht besprochen. An Werktagen, das war seit langem ausgemacht, mußte sie um zehn Uhr abends wieder zu Hause sein, und wenn es aus irgendeinem Grunde später werden würde, hatte sie immer angerufen. Elf Uhr war die äußerste Grenze, sie war sehr zuverlässig.

Sie hatte aufgeräumt, abgewaschen, etwas Zeitung gelesen, gestopft, ab und zu auf den laufenden Fernseher geschaut. Herbert Kleinmann kam gegen 23.15 Uhr zurück, da war sie allerdings schon unruhig, ja, und dann ... Sie hatten fast die ganze Nacht aufgesessen.

Kleinmann schüttelte unmerklich den Kopf, und Lewohlt schwieg. Karin Rösch konnte den Blick nicht von Anna Kleinmann wenden.

Ja, gegen 19.10 Uhr hatte sie Martina zum letztenmal gesehen und gesprochen. Ihre Stimme brach nicht, aber sie schien zu ersticken.

Am Samstag morgen hatten sie dann das Revier angerufen. Der Mann hatte versprochen, sich bei den Krankenhäusern umzuhören. Gegen Mittag meldete er sich wieder: Martina sei nirgendwo eingeliefert worden. Lewohlt merkte sich das Wort «einliefern»; der Wachhabende hatte sich also nicht nur auf die Krankenhäuser beschränkt, sondern auch die Wachen und Reviere abgefragt. In der Zwischenzeit hatten die Kleinmanns angefangen, Bekannte und Freunde von Martina anzurufen, bis sie sich am Nachmittag entschlossen, Martina offiziell als vermißt zu melden.

Lewohlt wandte sich Kleinmann zu, der steif neben seiner Frau auf der Couch saß. Er hatte an alles gedacht: Bilder, Fahrradausweis, Inhalt von Martinas Handtasche. Gegen 18 Uhr waren sie in die Wohnung zurückgekommen. Das wußte er alles schon aus dem Protokoll, aber verstörte Zeugen mußte man erst einmal reden lassen.

Martina lernte bei der Firma Eibern & Winkler. Nein, sie war noch nie über Nacht weggeblieben. Nein, sie hatte keinen festen Freund. Nein, sie hatte sich die Woche über normal benommen. Auch am letzten Tag war nichts passiert - jedenfalls hatte sie nichts erwähnt. Wie und warum sie in die Kleingarten-Anlage Rothenbruch gelangt war, konnten sich die Eltern nicht erklären. Sie kannten niemanden, der dort einen Garten besaß. Bis jetzt hatte Martina ihnen nie Kummer gemacht. Anna Kleinmann begann zu weinen.

Lewohlt stand auf. Für Fragen war es noch zu früh, schade, aber nicht zu ändern. In der Diele fragte er Kleinmann halblaut: «Darf ich mal einen Blick in Martinas Zimmer werfen?»

«Bitte, ja.» Das Zimmerchen hatte höchstens zehn Quadratmeter. Ein Bett mit einer bunten Tagesdecke, ein Kleiderschrank, ein winziger Schreibtisch, davor ein Polsterstuhl. Auf dem Boden lag ein weißer Zottelteppich, sonst erinnerte es in seiner nüchternen Ordentlichkeit an den Wohnraum. Keine Poster an den Wänden. Auf dem Kopfbrett des Bettes stand ein Radio mit Cassettenteil; einen Plattenspieler entdeckte er auf dem Boden, unter dem Schreibtisch. Eine persönliche Note verrieten nur die kleinen Kakteen-Töpfchen auf dem Fensterbrett.

Kleinmann beobachtete sie düster, und Lewohlt hätte viel für seine Gedanken gegeben. «Ihre Tochter wirkte sehr erwachsen», begann Lewohlt beiläufig.

«Sie war nicht meine Tochter, Herr Kommissar. Anna - meine Frau, hat sie mit in die Ehe gebracht. Ich habe sie später adoptiert.»

«Wußte Martina das?»

«Natürlich.»

Er lauschte dem Tonfall nach. Rechthaberisch und - was? Nörgelnd? «Wohin könnte sie gefahren sein, am Freitag Abend?»

«Wir wissen es nicht. Wir zerbrechen uns schon die ganze Zeit den Kopf, aber wir wissen es einfach nicht.»

«Hatte Ihre Tochter Geheimnisse vor Ihnen?»

«Muß sie ja wohl, nicht wahr?» Jetzt hörte er sich verbittert an, mehr noch, beleidigt. «Aber bis zum Freitag hätte ich geschworen, daß Martina ehrlich und aufrichtig war.»

«Wie hielt Ihre Tochter es mit dem Geld? Gab sie viel aus? Oder sparte sie?»

« Sie war sehr sparsam. Was sie verdiente, durfte sie behalten, und das meiste hat sie gespart.»

«Eine häßliche Frage, Herr Kleinmann, die ich aber leider stellen muß: Ist Martina jemals mit Rauschgift in Berührung gekommen?»

«Nein, nie. Sie rauchte nicht, sie trank nicht. Sie war ein ordentliches Mädchen.»

Bei diesem Ton fröstelte es ihn, aber er ließ sich nichts anmerken. «Wir müssen leider noch einmal wiederkommen, Herr Kleinmann. Aber im Moment wäre es für Ihre Frau zuviel.»

«Ja, ich verstehe.»

Vor der Haustür sagte Karin erleichtert: «Uff.» Weil er sie neugierig anschaute, setzte sie hinzu: «Ich habe da oben keine Luft mehr bekommen.»

«Komisch, dasselbe Gefühl hatte ich auch.»

«Diese Enge. Und alles aufgeräumt, richtig steril. »

«Das hat mich auch gestört. Aber wenn sie sich wohl darin fühlen ... Glauben Sie, daß die Eltern noch mehr wissen?»

Unschlüssig wiegte sie den Kopf: «Er war sehr entschieden.»

«Etwas zu sehr für meinen Geschmack. Ein ordentliches Mädchen.»

Schweigend fuhren sie zum Hauptbahnhof.

Das Non-Stop-Kino lag auf einer Galerie in halber Höhe der Halle, und hinter der Kasse buchstabierte ein alter Mann, der sich dringend hätte rasieren müssen, Zeile für Zeile seine Zeitung. Ohne hochzuschauen schob er zwei Eintrittskarten durch den Ausschnitt der Glasscheibe. «He, Sie», klopfte Lewohlt hart gegen das Fenster. Der Alte drehte widerwillig den Kopf und bleckte eine Reihe schwarz-gelber Zähne. «Wat soll...»

Lewohlt hielt ihm den Ausweis hin: «Kriminalpolizei. Wir brauchen eine Auskunft.»

«Häh? Wat denn?»

«Wann ist diese Eintrittskarte verkauft worden? Und an wen?» «Weiß nicht», schnaubte der Alte, ohne einen Blick auf die Karte zu werfen, die Martina in der Brusttasche ihrer Bluse gehabt hatte. Lewohlt holt tief Luft: «Okay, machen Sie sich fertig, jawohl, sofort, Sie müssen mit aufs Präsidium.»

«Häh, dat geht nicht. Und wer kassiert hier?»

«Machen Sie die Bude dicht. Los, beeilen Sie sich, ich habe nicht ewig Zeit.»

«Moment, Moment!» Jetzt wurde der Alte richtig lebhaft. «Nu meckern Sie nich rum, ich guck ja schon.» Dabei hielt er sich die Karte so dicht vor die Augen, daß Lewohlt seufzte. Bei dieser Kurzsichtigkeit hätte er ein Mädchen mit zwei Köpfen nicht wahrgenommen. Mürrisch vor sich hinblubbernd holte er ein schwarzes Buch unter dem Kassenbrett hervor, schlug es ächzend auf und suchte mit dem Finger in einer Spalte. Endlich sagte er, immer noch empört über die Zumutung: «Muß am Samstag gewesen sein. Am Vormittag. So zwischen acht und zehn etwa.»

«Können Sie sich an dieses Mädchen erinnern?» Er schob ein Bild von Martina hin, aber der Alte winkte sofort ab: «Schaue nie nach den Kunden. Geld - Karte - mehr nicht. Weiß nicht mehr.»

«Trotzdem danke!» blaffte Lewohlt ihn an, doch der Alte schlug schon wieder seine Zeitung auf.

«Lassen Sie ihn kein Protokoll unterschreiben?» fragte sie neugierig und wurde verlegen, als er die Stirn runzelte. «In der Ausbildung hieß es, es müsse alles schriftlich ...»

«Lassen Sie mich bloß mit diesem Schwachsinn in Ruhe!» fauchte er. «Papier, Papier, Papier. Was wollen Sie mit so einem Zeugen?»J

Eingeschüchtert zuckte sie die Schultern.

Für junge Frauen wie Roswitha Zöller benutzte Lewohlt gerne das Wort «Brechmittel», aber weil Karin Rösch, Assistentin z. A., stumm neben ihm stand, benahm er sich anständig. Roswitha Zöller, 19 Jahre alt, wie sie mit einem schelmisch-verlegenen Augenaufschlag gestand, flötete. Irgendwie, dachte er grimmig, war sie so sehr auf den Mann dressiert, daß sie in Gegenwart eines männlichen Wesens automatisch neckisch wurde. Jedes Löckchen der blond gefärbten Haare lag so akkurat an seiner Stelle, als sei es nicht gesprayt, sondern geklebt, und das ganze, hübsch-nichtssagende Gesicht pries die Vorzüge der Kosmetik-Produkte, die sie in der Parfümerie Linglau verkaufte. Der dünne, hellblaue Kittel reichte gerade bis über die Knie, und er hatte den schweren Verdacht, daß Roswitha für ihre Figur hungerte.

Sie unterhielten sich in einem kleinen Büro mit ihr. Martina und sie hatten sich am Donnerstag abend telefonisch verabredet - nein, Martina und sie kannten sich von der Schule. Ja, und weil sie doch mit Personalrabatt einkaufen konnte, hatte sie für Martina Parfüm und Lippenstift und andere Kosmetika besorgt. Am Freitag abend wollten sie Platten hören; Martina war auch pünktlich gekommen, so kurz nach halb acht, aber noch bevor die erste Platte beendet war, verabschiedete sie sich schon; die Mutter schaute im Wohnzimmer noch die Tagesschau.

«Hat sie etwas gesagt, wohin sie noch wollte?»

«Nein.» Roswitha errötete gekonnt. «Aber ich vermute, sie wollte sich mit j emand treffen.»

«Haben Sie eine Ahnung, mit wem?»

«Nein, sie ist - sie war sehr - also, sie erzählte nie sehr viel.» Weil er sie ungläubig anstarrte, vertiefte sich ihre Röte. «Ihre Eltern sind - sehr streng. Wenn sie mal - also, sie sagte dann immer, sie führe zu mir.»

«Dann ist sie kurz nach acht Uhr wieder gegangen.»

«Ja, etwa viertel nach acht. Mutter - im Fernsehen lief gerade die Wetterkarte.»

«Hat sie sich noch einmal bei Ihnen gemeldet? Telefoniert?»

Roswitha schüttelte den Kopf, und kein Löckchen bewegte sich.

«Hat Sie nicht verwundert, daß Martina die Nacht über weggeblieben ist?»

«Doch, sehr sogar.» Sie war wirklich erstaunt, vielleicht sogar etwas verwirrt. «Das sah Tina gar nicht ähnlich. Sie war - also, mit Männern - das hätte ich ...»

«Was heißt das: mit Männern?» unterbrach er sie rüde.

«Wie bitte?»

«Wie kommen Sie auf einen Mann?»

«Ja, warum sonst sollte sie die Nacht über weggeblieben sein?»

Etwas gefiel ihm nicht an ihrem Ton, aber ihre Gegenfrage war logisch. «Hatte Martina denn einen Freund?» fragte er barsch.

«Einen Freund? - Nein, ich glaube nicht.» Weil sie wieder sittsam die Augen niederschlug, verstand er sie, und sein Schnaufen verkündete, daß ihm gleich der Kragen platzen würde. Unvermittelt griff Karin freundlich ein: «Fräulein Zöller, könnten Sie uns einmal aufschreiben, welches Parfüm und welche Kosmetika Martina benutzte?»

«Ja, gerne.»

Aus einer Brusttasche ihres Kittels nahm sie einen winzigen Block und einen noch winzigeren, goldfarbenen Kugelschreiber und begann zu schreiben; jeder Buchstabe wie gemalt, und unwillkürlich fuhr ihre Zungenspitze über die perfekt roten Lippen hin und her. Karin sah ihr ernsthaft zu, bedankte sich für den Zettel und beugte sich vertraulich vor, ganz von Frau zu Frau: «Wie war das eigentlich mit Martina? Nahm sie die Pille?»

Roswitha schnappte nach Luft: «Nein ... nein ... ich glaube nicht.»

Vor der Parfümerie knurrte er sie an: «Was soll dieser Quatsch mit den Kosmetika?»

Sie zögerte, streckte dann den Kopf kampflustig vor und gab im gleichen Ton zurück: «Haben Sie Kinder?»

«Nein. Aber was ...»

«Das merkt man. Sonst würden Sie nämlich wissen, daß eine Siebzehnjährige nicht soviel Geld für so viele Sachen ausgibt. Das ist nicht nur das Beste vom Besten, sondern auch so ziemlich das Teuerste, das leiste ich mir nur zu Weihnachten.» Wütend knüllte sie den Zettel zusammen und feuerte ihn in den nächsten Gully.

«Na fein», beschwichtigte er sie, «ich hab was dazugelernt, und Sie dürfen mit dieser Lockenpuppe ein formgerechtes Protokoll aufnehmen.» Das heimliche Schmunzeln unterdrückte er lieber, sie schnaufte ohnehin schon wütend.

Gegen fünf Uhr rief Herbert Kleinmann im Präsidium an: «Herr Kommissar, ich muß ... es ist mir schrecklich peinlich ... könnten Sie noch einmal zu uns kommen? Wir haben etwas von Martina gehört.»

Im Berufsverkehr brauchten sie 45 Minuten, und Kleinmann empfing sie an der Wohnungstür mit einer Mischung aus Ungeduld und Zerknirschung. Noch in der Diele begann er nervös: «Eine Nachbarin hat mich auf der Treppe angehalten, um ihr Beileid - und dabei fragte sie, was Martina am Nachmittag hier gesucht habe, und zuerst dachte ich, es sei ein Mißverständnis, aber dann stellte sich heraus, daß sie den Samstag meinte, an dem .., an dem....»

«Vielen Dank, Herr Kleinmann. Wie heißt Ihre Nachbarin?»

«Frau Doleff, im Parterre. Da ist... da ist aber noch etwas?»

Fragend schaute er den Hageren an, dem das Sprechen sichtlich schwer fiel: «Das muß - Martina muß hier gewesen sein, als wir zur Polizei gefahren waren.»

«Ja? Was meinen Sie mit: hier?»

«Sie ist in der Wohnung gewesen, sie hatte ja Schlüssel.»

«Woher wollen Sie das wissen?»

«Es fehlt etwas, was vorher noch da war.» Er schluckte, um die Kehle freizubekommen. «Ihr Postsparbuch, ihr Paß und ihre Sparbüchse.»

Anna Kleinmann saß nicht mehr im Wohnzimmer. Kleinmann bemerkte Lewohlts Blick und erklärte halblaut: «Ich habe ihr zwei von meinen Schlaftabletten gegeben. Sie mußte einfach schlafen.»

«Stören wir?»

«Nein, sie schläft schon seit Stunden sehr fest.»

Weil Karin Rösch ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, fiel ihm jetzt auf, wie genau der Vater Bescheid wußte. Der Paß war 17 Monate alt. Auf dem Postsparbuch befanden sich mindestens 7800 Mark. Die Spardose, ein kleiner blauer Plastiktresor, enthielt schätzungsweise 480 Mark.

«Haben Sie eine Vorstellung, warum Martina sich diese Sachen nachträglich geholt hat?»

Statt einer Antwort biß Kleinmann die Zähne fest zusammen und schwieg.

Inge Doleff stellte sich als eine muntere Enddreißigerin heraus, robust und energisch. Am Samstag Nachmittag war das gewesen, doch, da war sie ganz sicher. Vom Küchenfenster aus hatte sie gesehen, wie die Kleinmanns ins Auto stiegen und wegfuhren. Natürlich hatte sie sich nichts dabei gedacht. Vielleicht zwei Minuten später wollte sie in den Keller gehen, da öffnete sich die Haustür, und Martina kam herein, grüßte, «und da hab ich ihr gesagt: «Deine Eltern sind eben weggefahren. Und sie sagt: «Ja, ich weiß, ich hab nur was vergessen.) Na schön, etwas kurz angebunden war sie ja immer, ich bin also in den Keller, hab die Kartoffeln geholt, und dann seh ich vom Küchenfenster aus, wie sie wieder wegradelt.»

«Wie lange war Martina oben in der Wohnung?»

«Na, drei Minuten? Oder vier? Wirklich nur ganz kurz.»

«Und wann war das am Samstagnachmittag?»

«Also, das dürfen Sie mich nicht fragen. Bestimmt nach drei Uhr Kann aber auch nach vier Uhr gewesen sein.»

«Ist Ihnen etwas an Martina aufgefallen?»

«Nei... nein. Eigentlich war sie wie immer.»

Lewohlt bestellte sie ins Präsidium, um dort ihre Aussage zu unterschreiben, was ihr nicht paßte. Bevor er losbollerte, ging Karin dazwischen, und er gestand sich widerwillig ein, daß sie über mehr diplomatisches Geschick verfugte als er.

Martina hatte also ihre Eltern wegfahren sehen. Hieß das: Sie hatte so lange gewartet, um ihnen nicht zu begegnen? Denn Krach hätte es bestimmt wegen der aushäusigen Nacht gegeben. Und wie genau Kleinmann wußte, was seine Tochter aus der Wohnung mitgenommen hatte!

Karin Rösch stimmte zu: «Verflixt viel Kontrolle, Chef.»

Andy und Pedder hatten nichts erreicht. Das Fahrrad war in der KTU, die Handtasche bisher nicht aufgetaucht. Die Fundstellen der Leiche und des Fahrrads lagen über i io Meter Luftlinie auseinander, fast 200 Meter, wenn man den kürzesten Weg einschlug. Im Kleingarten-Verein hatte sich der Fall wie ein Lauffeuer herumgesprochen, aber zur Aufklärung konnte keiner etwas beitragen.

«Für euch beide habe ich eine wunderschöne Aufgabe, die so rechten Spürsinn erfordert», befahl er heimtückisch. «Ihr nehmt Bilder von Martina, fahrt jetzt zu dem Vorsitzendendes Vereins, holt euch die Liste der Gartenpächter und klappert die alle ab. Ob sie ...»

«... beim Fest waren, und wenn ja, wen sie mitgebracht haben.

Ob sie einen Fremden gesehen haben außerhalb des Festes, und wenn ja, wie er aussah. Ob sie Martina gesehen haben. Und so weiter. Wir gehen schon, Chef, aber daß du ein Ekel bist, kann man dir nicht häufig genug unter die Nase reiben. » Andy schnaubte und funkelte den unschuldigen Pedder an, der ihn von oben herab betrachtete. «Komm, du Ostfriese, leisten wir unsere Beinarbeit.»

«Nicht Bein», murmelte Pedder, «Auto.»

«Ach du meine Güte, noch ein Besserwisser. Also gut, Auto!»

Als die meisten Mitarbeiter des m schon gegangen waren, studierte Lewohlt den Stadtplan. Martina war lange Strecken geradelt, aber einen Sinn konnte er dahinter nicht entdecken. Noch nicht.



3

Der Dienstag begann mit zwei umfangreichen Hilfsersuchen der Münchner Kollegen. Fischer hielt ihn mit Papierkrieg fest, und bis Lewohlt sich endlich loseisen konnte, war es Mittag geworden. Wegen des schönen Wetters lief er die paar Minuten zu Fuß.

Der Obduktionsbericht war umfangreich; Lewohlt seufzte und steckte ihn in den Aktendeckel zurück. Mit dem Mediziner-Jargon hatte er sich nie anfreunden können, und Wentzlaff wußte das, auch wenn er breit grinsend fragte: «Na, alles klar, Richard?»

«Immer. Nun übersetz den Quatsch mal ins Deutsche.»

«Na schön. Gestorben ist sie an einem Genickbruch. Die Waffe war ein harter, schmaler Gegenstand mit einer scharfen Kante. Ganz gerade übrigens.»

«Zum Beispiel?»

«Am besten stellst du sie dir wie ein langes, hartes Lineal vor. Erstaunlich ist allerdings der Auftreff-Winkel. Absolut parallel zu den Schultern, genau im rechten Winkel zur Wirbelsäule. Und dann noch genau zwischen dem dritten und vierten Wirbel. Entweder ein saublöder Zufall oder Henkerarbeit.»

«Genau senkrecht...?»

«Ja.» Wentzlaff gluckste und stand auf. «Stell dich mal hin und versuche, mir das Lineal genau parallel zu den Schultern hinten aufs Genick zu schlagen. Aber wehe, du machst ernst!»

«Ich hätt nicht übel Lust dazu», brummte Lewohlt, nahm das Lineal und zielte, zielte noch einmal und grinste dann ziemlich blöde. «Siehst du? Der Täter müßte ein Riese gewesen sein, wenn das Mädchen gestanden hat. Entweder bückte sie sich gerade, kniete o der...»

«Oder was?»

« Sie ist nach rückwärts gefallen und mit dem Genick auf etwas Langes, Hartes, Kantiges geschlagen.»

«Hm.» Mehr sagte er nicht, und Wentzlaff blinzelte: «Und dafür spricht einiges. Oberhalb des Genicks gibt es eine breite, keilförmige Schürfwunde bis zur Wölbung des Hinterkopfs. Die hat stark geblutet. Die Kante der Waffe - wenn’s denn eine war - hat ihre Haare ausgerissen. Wegen der Haare ist nicht sehr viel Haut abgeschürft worden, aber es reichte. So, und in dieser Wunde haben wir winzige Schmutzpartikel gefunden ... nein, ich weiß nicht, was, das Labor kümmert sich noch drum.»

«Und was bedeutet das alles?»

«Sie könnte - könnte, lieber Richard! - nach rückwärts gegen etwas Scharfes gefallen sein, die harte Kante brach ihr das Genick, so daß sie weiter nach unten rutschte, wobei ihr Hals bis zum Hinterkopf aufgerissen wurde.»

Er pfiff leise vor sich hin. Also nicht unbedingt ein Mord, vielleicht ein Unglücksfall. Aber warum hatte der Täter - der Zeuge dieses Unglücks das Mädchen dann über die Hecke in einen Garten geworfen? Das sprach eigentlich doch für ein Verbrechen, und Martina hatte im Moment des tödlichen Schlages gekniet oder sich gebückt.

«Ihr solltet an der Waffe nach Haaren suchen.»

«Machen wir.»

«So, und jetzt der Hammer: Die Kleine war im dritten Monat schwanger.»

Damit hatte er Lewohlt wirklich überrascht: «Schwanger? Sie war doch erst siebzehn?»

«Mein Lieber, bist du nun Kriminalbeamter oder weltfremd?»

«Manchmal beides», schnappte er.

«Das glaube ich dir aufs Wort. Kein Zweifel, im dritten Monat schwanger. Und außerdem hatte sie höchstens 24 und mindestens zwölf Stunden vor ihrem Tod Geschlechts verkehr.»

«Au weia. Vergewaltigung?»

«Nein. Dafür gibt’s nicht die geringsten Spuren.»

«Bis auf das blaue Auge.»

«Schon. Es kann sein, daß er ihr eins aufs Auge gebummert hat und sie danach ganz brav alles hat über sich ergehen lassen. Kann sein. Aber alle anderen Hinweise darauf, daß sie sich gewehrt hat oder daß ihr Gewalt angetan wurde, fehlen.»

Zweifelnd kratzte er sich den Kopf. Wentzlaff hatte viel Erfahrung, und wenn ein erfahrener Pathologe sagte, daß es keine Zeichen für eine Vergewaltigung gebe, konnte man das nicht beiseiteschieben. Aber es war auch schon vorgekommen, daß Sexualtäter ihrem Opfer ein Messer an die Kehle hielten. Das Fehlen von Kampfspuren konnte etwas bedeuten, mußte es aber nicht.

«Und das Veilchen, Richard. Es ist schwierig zu bestimmen, wann sie es sich eingefangen hat. Es kann mit dem Geschlechtsverkehr Zusammenhängen, aber ich würde doch eher darauf tippen, daß es Stunden später entstanden ist.»

Auch das wollte bedacht sein. Er stöhnte leicht: «Hast du noch andere Überraschungen für mich?»

«Überraschungen nicht. Nur noch einen Hinweis: Sie hatte mehr als zwölf Stunden vor ihrem Tod zum letztenmal etwas gegessen. Aber viel getrunken - nein, keinen Alkohol.»

Die Kriminal technische Untersuchung (KTU) war in den Nebengebäuden des Präsidiums untergebracht, und Lewohlt ging die fünf Minuten zu Fuß. Es war wieder heiß und staubig, überall stank es nach Autoabgasen. Die jungen Bäumchen schienen zu verdursten.

Duncker saß in einem kleinen, mit Bücherregalen vollgestellten Zimmer. Das Fenster ging auf den Hof, der um diese Tageszeit mit Autos vollgeparkt war. Auf der anderen Seite standen die Hallentore weit offen; ein völlig zerbeulter Wagen wurde gerade vorsichtig auf eine Hebebühne geschoben, und als dann in der grellen Helligkeit zusätzlich noch die Scheinwerfer aufflammten, kniff Lewohlt unwillkürlich die Augen zusammen.

«Die reinste Energie Verschwendung, was?» Duncker hatte eine dunkle Stimme. Er war jung, tüchtig und zuverlässig. Hinter einer randlosen Brille zwinkerten seine fast schwarzen Augen vergnügt, seine schwarzen Haare waren wieder völlig zerrauft. Er konnte sehr zerstreut wirken, aber bei Lewohlt hatte er sich das Theaterspielen längst abgewöhnt. «Also alles über Martin Kleinmann.» Er schlug die Akte auf und nahm eine Zigarette. «Fangen wir oben an?»

«Oben heißt - mit dem Kopf?»

«In der Regel, Herr Hauptkommissar.» Beide verschluckten ein schwaches Grinsen. Die KTU war wohl eine Abteilung für sich, die nach ihren Regeln arbeitete, aber natürlich wußte man auch hier genau, was im Hochhaus nebenan passierte. «Wentzlaff hat uns ein paar Partikel geschickt, die er in der Nackenwunde gefunden hat.

Es handelt sich eindeutig um Rost, Eisenrost. Dieselben Rostspuren haben wir auf dem Kragen der Bluse gefunden, und zwar genau über dem Nacken.»

«Wie verlief die Rostspur auf dem Blusenkragen?»

«Genau parallel zu den Schultern. Ich zeig Ihnen nachher die Puppe.» Zur Untersuchung von Kleidern zog man die Sachen einer in der Größe passenden Puppe an, die es sich gefallen ließ, gepiekt, gedreht, geklopft und geschwenkt zu werden. «Die Bluse ist Leinen, nicht billig. Die Risse und Flecken stammen von der Hecke, über die sie gerollt worden ist, und vom Rasen. Reste von Ligusterblättern, geknickten Grashalmen und Erde. Außerdem Staub wie von einem harten, mit Asche befestigten Gehweg. Auf der Vorderseite gibt es einen gelblich verfärbten Fleck. Zucker, genauer: ein Likör oder süßer Schnaps, von dem sie sich etwas auf die Bluse gekleckert hat.»

«Die Blutuntersuchung hat aber nichts ergeben?»

«Nein, laut Probe war sie zum Zeitpunkt ihres Todes nüchtern. Die Bluse ist übrigens zwei Tage oder länger getragen worden. Unter den Achseln gibt es starke Schweißspuren.»

«Ja, sie hatte wohl kaum Gelegenheit, sich umzuziehen.»

«Der BH ist Dutzendware. Nicht beschädigt.»

Lewohlt nickte und zog an seiner Zigarette.

«Das gilt auch für den Slip. Wentzlaff hat Ihnen wohl schon ... Eindeutig Vaginalsekret und Sperma. Und zwar soviel, daß sie sich kurz nach dem Geschlechtsverkehr wieder angezogen haben muß.»

«Irgendwelche Hinweise darauf, daß der Verkehr erzwungen wurde?»

«Keine.»

«Können Sie mir etwas über den Mann sagen?»

«Blutgruppe Null positiv. Also sehr selten.» Wenn Duncker grinste, erinnerte er an einen Cockerspaniel, der um Zucker bettelte. «Die Jeans geben auch nicht viel her. Zwei winzige Ölflecke an der Innenseite der Beine, kurz unter den Knien, ziemlich frisch. Vom Popo haben wir zwei Fasern abgebürstet, Farbe rot, Material laienhaft - Plüsch mit textilem Kunststoff.»

«Sie war in einem Kino.»

«Ja, das kommt hin. Material von dem Kinosessel. Die Sandalen sind ziemlich abgelaufen, nichts Auffälliges. An den Sohlen haben wir zwei Pflanzenreste gefunden, wahrscheinlich Teile eines Rosenblatts.»

«Fast jeder Gärtner hat Rosen angepflanzt.»

«Eben. Es gibt übrigens an der ganzen Kleidung keinen Hinweis darauf, daß sie eine längere Strecke gezerrt oder geschleift worden ist. Wentzlaff hat auch nichts in der Richtung entdeckt.»

Das war eine hilfreiche Auskunft. Martina war also nicht allzu weit von der Fundstelle getötet worden. Vor allem hätte der Täter bei den vielen Besuchern des Vereinsfestes bestimmt nicht gewagt, die Leiche über eine größere Strecke zu tragen.

«So, nun die Strickjacke. Nichts Besonderes, mehr Kunststoff als Wolle, Preis so um die 80Mark, hier in der Stadt gekauft.» Dann griente er plötzlich übers ganze Gesicht: «Und nun der Clou.» Dabei blätterte er in der Akte, holte eine Klarsichthülle heraus, kippte den Inhalt auf die Hand und hielt Lewohlt ein grünes Halbkügelchen hin: «Viola!»

«Was ist das? Glas?»

«Was das ist?» Duncker schien ehrlich entgeistert. «Das ist ein Smaragd, Herr Lewohlt, kolumbianisch, Farbqualität fein, Cabochonschliff, zweieinhalb Karat.»

«Wie bitte?»

«Wir haben ihn in der linken unteren Jeanstasche gefunden. Zusammen mit einem gebrauchten Taschentuch, in das er eingerollt war.»

«Mich laust der Affe!»

Sie starrten sich an. Ein siebzehnjähriger Lehrling trug in der Jeanstasche einen wertvollen Stein mit sich herum, einen Smaragd, der wenigstens ... «Was kostet der Stein?»

«Da kann, ich Ihnen nur einen Schätzwert sagen. Der Schliff ist nicht fehlerfrei, die Farbqualität nicht überragend - etwa zehntausend Obergrenze. Acht- bis zehntausend, in dem Rahmen.»

«Wie schön!» schnaubte Lewohlt sarkastisch. Solche Überraschungen liebte er. Duncker schmunzelte, weil er Lewohlts Gedanken erriet: «Paßt nicht zusammen, was, Lehrling und Smaragd? Halten Sie sich fest, es kommt noch was in der Preisklasse.»

«Himmel!»

«Nein, der hat die 4000 Mark für Martinas Armbanduhr bestimmt nicht geblecht.»

«Vier ... Sie spinnen.»

«Schön wär’s. Eine Schweizer Markenuhr, Gold.»

«Prächtig.» Das war das Schöne an der Arbeit - es gab immer Überraschungen, es wurde nie langweilig, aber manchmal wünschte er sich, einen ganz einfachen, simplen Mord aufzuklären: hier das Opfer, daneben der Täter mit der Waffe in der Hand, und drei zuverlässige, nicht vorbestrafte Augenzeugen. «Läßt sich der Stein identifizieren?»

«Schwer. Der Schliff verrät keine Handschrift. Unser Schmuckspezialist ist sicher, daß er ursprünglich zu einem Ring gehörte.»

« Aber wo ist die Fassung?»

Etwas ungeduldig schüttelte Duncker den Kopf: «Wir wollen die Kripo nicht arbeitslos machen.»

« Herzlichen Dank! Erzählen Sie mir noch etwas über das Fahrrad? »

«Gerne. Gut erhalten, bis auf leichte Beschädigungen, die wir nicht erklären können. Auf der rechten Seite gibt es am Rahmen und direkt neben dem rechten Griff des Lenkers Abschabungen. So als sei sie mal mit dem Rad nach rechts gestürzt. Der Lack ist beschädigt, an drei Stellen auch abgesplittert, aber das sieht man nur unter der Lupe.»

«Kann das passiert sein, als das Rad über die Hecke geworfen wurde?» wollte Lewohlt wissen, aber Duncker widersprach sofort: «Kaum, dazu ist die Hecke nicht hart genug. Und der Gartenboden auch nicht. Auffallend ist, daß die Schadstellen ganz frisch sind. Das Metall darunter hatte noch keinen Rost angesetzt. Sie hat ihr Rad regelmäßig gepflegt, geputzt und gewachst, aber die Schadstellen lagen noch frei.»

«Dann ist theoretisch denkbar, daß der Genickbruch und die Beschädigung des Rades gleichzeitig passierten?»

«Ja. Durchaus. Auf der anderen Seite fehlt jede Spur dafür, daß sie mit einem Auto zusammengestoßen oder gegen eine Mauer gefahren ist.»

«Na schön, dann wollen wir der Puppe mal guten Tag sagen.»

Der fensterlose Raum war weiß gestrichen, und in dem Licht der Strahler sah die Puppe gespenstisch aus. Sie hatte kein Gesicht, aber irgendein Witzbold hatte eine rote Perücke auf das eiförmige Gebilde gestülpt, das den Schädel darstellte. Sie war mit Martinas Sachen vollständig angezogen und streckte die Arme nach vorne. Eine junge Frau kniete vor ihr und strich mit einer Art Bürste über die Knie. Als sie die beiden Männer hereinkommen hörte, richtete sie sich mit ärgerlicher Miene auf, sagte aber nichts, sondern trat schweigend zur Seite.

«Kennen Sie sich schon?» fragte Duncker amüsiert. «Nein? - Frau Schober, eine neue Mitarbeiterin. Hauptkommissar Lewohlt, vom i. K.»

Sie gaben sich die Hände, und Lewohlt sah sie so neugierig an, daß sie die Augen niederschlug.

«Frau Schober untersucht die Kleidung.»

«Ja», sagte Lewohlt ausdruckslos. «Erstes K. war mal. Sagen Sie mir etwas über Martinas Kleidung, Frau Schober?»

Bevor sie antwortete, warf sie einen nervösen Blick auf Duncker. «Wie fange ... also, auf den ersten Blick ist sie nicht ungewöhnlich gekleidet. Weinrote Jeans mit weißen Steppnähten sind nicht selten, die weiße Bluse paßt dazu. Auch zum Wetter. Die Sandalen ebenfalls. Also keine auffällige Kleidung, bis auf die Qualität. Selbst wenn sie die Bluse im Schlußverkauf erstanden hat, dürfte sie zwischen achtzig und hundert Mark gekostet haben. Etwas viel für einen Lehrling.» Weil sie abbrach, bemerkte Lewohlt ruhig: «Sie war schwanger, und es soll Vorkommen, daß Freunde für die Kleidung ihrer Geliebten zahlen.»

«Ja, ja, das kann sein. Die Bluse war übrigens etwas eng. Ich meine, sie hatte einen großen Busen.»

«Mit anderen Worten: Sie zeigte, was sie hatte.»

Widerstrebend nickte sie, obwohl Lewohlts Formulierung sie ärgerte. «So kann man es aus drücken. Die Jeans saßen auch recht stramm. Mit ihrer Frisur - also, alles in allem eine ungewöhnliche Erscheinung.»

«Eine Schönheit», versetzte Lewohlt trocken. «Ich hab Bilder von ihr gesehen.»

Erstaunt musterte sie ihn, und als er ihr zuzwinkerte, errötete sie: «Ja, sie war - auffällig.»

«Auffällig ist gut, sehr gut, Frau Schober. Nichts ist schwerer aufzuspüren als eine graue Maus.»

Weil sie den Tadel hinter seinen Worten spürte, blieb die Röte auf ihrem Gesicht. «Sie hat ein teures Parfüm benutzt. Es war immer noch an der Bluse zu riechen, obwohl sie ja einige Stunden im Freien gelegen hatte.»

« Wir haben ihre Handtasche noch nicht gefunden.»

«Lippenstift hat sie benutzt-ja, und Nagellack.»

«Ist das nicht ungewöhnlich für eine Siebzehnjährige?»

Sie zögerte, bevor sie sich einen Ruck gab: «Sie sah wesentlich älter aus, und nach der Kleidung und der Aufmachung zu schließen, benahm sie sich auch nicht wie eine Siebzehnjährige. Sie war - wie sage ich es? - sie war gepflegt.»

Das überlegte er einen Moment. Gepflegt - keine verwaschenen Jeans und T-Shirts und selbstgestrickten Pullover. Kein Kind mehr. Im Breckerschen Garten hatte er sie auch für älter gehalten. «Vielen Dank», verabschiedete er sich freundlich.

Die Akten ließ er liegen. Dank der allumfassenden Organisation des Hauses würden sie auf Pedders Schreibtisch landen, gleich mit der richtigen Fallnummer versehen. Papier gab’s im Präsidium reichlich, Papier wurde schnell befördert, das klappte.

Auf dem Weg in sein Zimmer schaute er bei Karin Rösch herein: «Kommen Sie mit!» Sie sprang eilig auf, schon wieder durch seinen barschen Ton eingeschüchtert.

Andy hockte auf der Schreibtischkante und beglückte den leise schmunzelnden Fischer mit einer detailreichen Schilderung seiner neuesten Flamme, ungestört von dem Maschinengewehr-Geklapper, das Maria Wünsche im Nebenraum ihrer Schreibmaschine entlockte. Wie immer standen die Türen weit offen, und sie würde trotz der Arbeit kein Wort versäumen. «Jürgen, du glaubst es einfach nicht. Ideal! Sanft und zärtlich und ...»

«... und saublöd, daß sie auf dich hereinfällt.» Lewohlt schnaubte. «Hast du eigentlich nichts zu tun?»

«Nein, verehrter Meister, nichts.» Pedder kam hinter Karin Rösch ins Zimmer getappt, und Andys Miene wechselte von strahlender Heiterkeit blitzschnell zu tiefster Empörung. «Abgesehen davon, daß ich diesem ostfriesischen Bären noch die Anfangsgründe der...»

«Maria, Kaffee für uns alle! » unterbrach ihn Lewohlt ungerührt. Andy mußte man brutal unterdrücken, sonst redete er einem die Haare vom Kopf, und Andy war der letzte, der diese Form von Notwehr krummnahm. Aus dem Nebenzimmer ertönte etwas Unartikuliertes und vorwiegend Unfreundliches. Bis Maria Wünsche mit einem großen Tablett erschien, auf dem für alle, sie eingeschlossen, gefüllte Henkelbecher standen, schwieg die Mannschaft, zündete sich Zigaretten an und wartete gelassen. In diesen Minuten entspannte er sich. Bis auf Karin Rösch, die nicht richtig dazugehörte, waren sie ein gutes Team, mehr noch, Freunde, die sich aufeinander verlassen konnten, der ruhige, unerschütterliche Jürgen Fischer, Andy Schätzle, laut und lebhaft, der schweigsame, zähe Pedder, Maria Wünsche mit ihrem Kommandoton, den niemand beachtete, was sie auch gar nicht erwartete. Vielleicht könnte Karin Rösch eines Tages auch dazu gehören, aber wahrscheinlich hatte sich die Personalabteilung schon einen anderen Job für sie aus gedacht, und für die Mörderbande war sie immer noch zu schüchtern.

Lewohlt berichtete, was er erfahren hatte. Die beste Elektronik konnte diese Kaffeerunden nicht ersetzen, bei denen jeder über alles informiert wurde. «Okay, noch Fragen?»

Natürlich bekam er keine Antwort. Jeder wußte, was er zu tun hatte; nur Karin Rösch zuckte überrascht zusammen, als er ihr winkte.

Anna und Herbert Kleinmann saßen auf ihren Plätzen, als hätten sie sich seit gestern morgen nicht bewegt. Sie trug Hosen und einen dicken Pullover, dessen Kragen sie hochgerollt hatte, als fröre sie. Inzwischen war der kleine Raum wirklich kühl geworden, trotz der Hitze draußen. Aber ihr Gesicht zeigte nicht mehr den geistesabwesenden Ausdruck. Dagegen sah Kleinmann ausgesprochen schlecht aus, bleich, übermüdet und erschöpft.

Lewohlt wollte nicht lange darumherumreden: «Ich muß Ihnen zu meinem Bedauern einige unerfreuliche Tatsachen mitteilen. Fühlen Sie sich kräftig genug?» Beide nickten, und ihm entging nicht, daß sie auseinanderrückten. «Martina war im dritten Monat schwanger.»

Die Gesichter vor ihm erstarrten. Keiner sagte etwas, keiner bewegte auch nur einen Muskel, aber sie schauten auf Lewohlt, als habe er sie zum Tode verurteilt. Und wieder fiel ihm auf, daß Mann und Frau vermieden, sich anzusehen. Dann seufzte Anna Kleinmanndünn: «Nein.»

«Doch, Frau Kleinmann. Ein Irrtum ist ausgeschlossen/Wissen Sie, wer der Vater ist?»

Nach einer langen Minute hilflosen Schweigens flüsterten beide gleichzeitig: «Nein.»

«Kein Verdacht? Keine Vermutung?»

«Nein.» Wieder dieses gleichzeitige Antworten, und noch immer schauten sich die Eheleute nicht an. Waren sie zu erschüttert? Oder hatten sie es noch nicht richtig begriffen?

«Schade. Denken Sie bitte nach, es würde uns sehr helfen.»

Diesmal dauerte es noch länger, bis Kleinmann murmelte: «Nein.»

«Martina hat einige Stunden vor ihrem Tod mit einem Mann geschlafen. Wir wissen nicht, mit wem. Kennen Sie einen Freund, mit dem Ihre Tochter so intime Beziehungen hatte?»

«Ist das der Vater?» Anna Kleinmann war kaum zu verstehen.

«Es kann, aber es muß nicht der Vater des Kindes gewesen sein», erklärte er bedächtig, und mit einer plötzlichen Wut, die alle erschreckte, platzte Kleinmann heraus: «Meine Tochter unterhält keine intimen Beziehungen, nein.» Sein bleiches Gesicht hatte mit sich mit einer ungesunden Röte überzogen; Er blieb geduldig: «Ihre Tochter war im dritten Monat schwanger. Sie hat wenige Stunden vor ihrem Tod intime Beziehungen mit einem Mann gehabt.».

«Meine Tochter schläft nicht mit Männern.»

In solchen Situationen hatte es keinen Zweck zu widersprechen, deswegen nickte er nur: «Ich muß Sie noch etwas fragen. Ihre Tochter trug, als wir sie fanden, eine goldene Armbanduhr, die um die viertausend Mark gekostet hat. Wissen Sie etwas davon?»

«Ausgeschlossen. Sie irren sich!» Kleinmann igelte sich ein, er wollte es nicht akzeptieren, er würde jetzt alles leugnen und abstreiten, was nicht in das Bild paßte, das er von seiner Tochter hatte. Lewohlt kannte solche Reaktionen nur zu gut von Angehörigen, die sich weigerten, in ihrer Trauer das Andenken des Opfers zu verdunkeln. Anna Kleinmann wiederholte tonlos: «Viertausend Mark?»

«Ja.»

«Martina hatte keine so wertvolle Uhr.»

«Sie trug sie am linken Arm.»

«Nein.» Sie lächelte beinahe, und er wußte, daß sie jetzt an einen Irrtum der Polizei glaubte, fest davon überzeugt, daß alles nur ein schrecklicher Irrtum war, ein böser Traum, aus dem sie gleich erwachen würde.

«Es tut mir leid, aber ich habe noch eine unangenehme Frage. Martina besaß einen wertvollen Edelstein, einen Smaragd, von dem unsere Fachleute meinen, er könne um die 8000 Mark gekostet haben.»

«Nein.» - «Nein!» Wieder wehrten sie sich gleichzeitig, und zum erstenmal sahen sie sich an, halb ungläubig, halb verbunden in der gemeinsamen Entrüstung über die alberne Polizei. Er seufzte leise; damit kam er jetzt also nicht weiter. Aber morgen war auch noch ein Tag. «Frau Kleinmann, wir benötigen eine Liste mit den Namen von Martinas Freunden und Freundinnen.»

In ihren Augen las er, daß sie ihn nicht verstand. «Meine Tochter hatte keine Freunde, die mit ihr schliefen.»

«Darum geht es auch nicht. Mit wem war Martina bekannt? In welchen Verein ging sie? Mit wem traf sie sich zum Kino oder zum Eis oder zur Disco?» Sie verstand immer noch nicht. «Sie haben doch telefoniert, um Martina zu finden. Mit wem?»

Kleinmann stand auf. Die Röte war verschwunden, nun wirkte er verkniffen. Er holte ein Blatt, das neben dem Telefon gelegen hatte, und versetzte scharf: «Daran haben wir auch schon gedacht. Hier stehen alle Namen, die uns eingefallen sind.»

«Vielen Dank.» Lang war die Liste nicht, elf Namen, alle korrekt mit voller Anschrift und Telefonnummern, in einer peniblen, kleinen Handschrift. Nachdenklich sah er zu Kleinmann hoch: «Gesetzt den Fall, Martina hatte Kummer oder Sorgen, die sie nicht mit Ihnen besprechen wollte. An wen würde sie sich gewandt haben?»

«Roswitha», sagte er ohne Nachdenken; «Brummi», sagte sie gleichzeitig.

«Wer ist Brummi?»

«Klaus Brummer.» Ihre Stimme war völlig ausdruckslos. «Sie sind zusammen in die Grundschule gegangen. Er wohnt nicht weit von uns.»

«Gut. War Martina Mitglied in einem Club oder Verein oder einer Partei? Hat sie für irgendeine Organisation gearbeitet?»

«Nein.» Kleinmann schien entrüstet, und Lewohlt überlegte, warum der Vater - der Adoptivvater - so reagierte. Anna Kleinmann achtete nicht darauf: «Als sie noch zur Schule ging, war sie in einem Schwimmverein, Blau-Weiß 07, aber den hat sie aufgegeben, als sie zu tanzen anfing.»

«Tanzen?»

«Ja, sie war in der Tanzstunde, und das hat ihr soviel Spaß gemacht, daß sie dabeiblieb. Sie hat richtig trainiert, jedes Wochenende. » Einen Moment lächelte sie glücklich. «Sie hatte sogar angefangen, nähen zu lernen. Um sich die Tanzkleider selber zu nähen. Das machen viele Turniertänzerinnen.» Den Tod ihrer Tochter hatte sie vergessen. «Ich habe früher auch getanzt.»

«Hatte Ihre Tochter einen festen Partner?»

«Ja, Karsten Allardt heißt er. Ein Student, viel älter als sie. In der Tanzschule Remke, in der Petersenstraße.» Kleinmann sprach wie ein Automat, und Lewohlt kontrollierte unauffälig die Liste. Weder die Tanzschule noch der Name Allardt war verzeichnet. Ein Hinweis darauf, daß die Eltern nicht wahrhaben wollten, wie ihre Tochter sich entfernte? Hinter ihm räusperte sich Karin, und er brach die Grübelei ab: «Ist Ihnen in der Zwischenzeit noch etwas eingefallen, was sich in Martinas Handtasche befunden haben könnte?»

Beide schüttelten langsam den Kopf. Überraschend stand Karin auf: «Frau Kleinmann, wer hat eigentlich Martinas Kleidung ausgesucht?»

«Martina.» Anna Kleinmann schien sich zu freuen, mit einer Frau reden zu können. «Seit sie ihr eigenes Geld verdiente, wollte sie sich ihre Sachen selbst aussuchen.»

«Sie hatte einen guten Geschmack.»

Kleinmann setzte sich schwerfällig und starrte auf seine gefalteten Hände. Noch waren beide aus dem Schock nicht aufgewacht, aber als sie sich verabschiedeten, brachte Lewohlt nicht die Frage über die Lippen, ob sie für die Nacht Hilfe brauchten.

Auf der Fahrt zur Tanzschule saß Karin schweigend neben ihm. Dann mußte er hart bremsen, weil ihm ein Wagen die Vorfahrt nahm; sie ruckte nach vorn in den Gurt, stieß ein ärgerliches «Aua» aus und sagte unvermittelt: «In der Ehe kriselt es. Er kann oder will nicht gutheißen, was seine Frau tut, und sie lehnt ihn ab.» Lewohlt warf ihr wohl einen kurzen Blick zu, hielt aber den Mund.

Die Tanzschule Remke war in einer alten Villa untergebracht. Sie hörten die Musik bis auf die Straße, immer wieder unterbrochen von lauten Kommandos: «Vier und eins, zwei, drei. Cha-Cha-Cha, zwo, drei!»

Er grinste: «Können Sie tanzen?»

«Ja, gut sogar.»

«Komisch, dazu hat’s bei mir nie gelangt. Ich hatte immer ein Bein zuviel.»

Eva Remke, groß und für eine Frau ungewöhnlich breitschultrig, führte sie in das Büro. Die dicke Tür ließ kein Geräusch durch. «Ist das nicht schrecklich? Ausgerechnet Martina! Ich bin ganz durcheinander. » Lewohlt ließ sie reden, steuerte nur ab und zu kurze Kommentare bei. Ja, Martina hatte hier ihre erste Tanzstunde gehabt. Ein großes, auffällig hübsches Mädchen. Viel älter aussehend als ihre fünfzehn Jahre. Lange Beine und viel, viel Körperbeherrschung. Ganz ungewöhnlich für so ein junges Ding. Und musikalisch, Gespür für Takt und Rhythmus. Keine Scheu, das durch ihren Körper auszudrücken, ganz anders als diese jungen Bohnenstangen, die mit ihren Armen und Beinen herumfuchteln, als gehörten sie nicht dazu. Nein, Martina war die geborene Turniertänzerin, und den nötigen Fleiß zum Üben besaß sie auch. Ganz ungewöhnlich. Als Karsten eine neue Partnerin brauchte, hatte sie sofort die beiden zusammengespannt.

«Sie kennen Karsten Allardt?»

«Natürlich, ich trainiere ihn.»

«Dann wissen Sie, wo er wohnt?»

«Aber ja. Er ist übrigens hier.»

«Na, wunderbar. Ob wir ihn mal sprechen können?»

«Sicher, ich hole ihn!» Sie sauste aus dem Zimmer, und ihm blieb der Mund offenstehen: Soviel Beweglichkeit hatte er der Walküre nicht zugetraut. Karin schmunzelte.

Gegen tanzende Männer besaß er ein tiefsitzendes Vorurteil, und der sehr schlanke und geschmeidige junge Mann mit den glatt anliegenden, glänzend schwarzen Haaren war nicht dazu angetan, seine Meinung zu korrigieren. Da gefiel ihm die kleine Blondine schon besser, die hinter Allardt ins Zimmer kam, etwas puppenhaft, aber sehr ansehnlich. Und ziemlich selbstbewußt. Als Lewohlt sie halb erfreut, halb ungnädig musterte, blitzte sie ihn an: «Ich bin Kirsten Runge, die Freundin von Karsten.»

«Aha», machte er trocken.

Karsten Allardt, 22 Jahre alt, Jura-Student, konnte reden wie ein Buch, was Lewohlts Abneigung nicht milderte. Vor gut einemjahr hatte er begonnen, mit Martina zu trainieren, normalerweise nur am Wochenende, meist samstags um 15 Uhr.

«Dann waren Sie auch am vergangenen Wochenende mit Martina verabredet?» Unter einem Tanztraining konnte er sich zwar nichts vorstellen, aber wenn das nun mal so hieß, wollte er dabei bleiben.

«Nein. Kirsten hatte Geburtstag, und wir sind zusammen an die Mosel gefahren. Zum Feiern», setzte er überflüssigerweise hinzu, und Lewohlt schluckte heftig, um auf diesen arrogant-selbstzufriedenen Ton nicht heftig zu reagieren. «Warum tanzen Sie beide eigentlich nicht zusammen?» fragte er statt dessen heimtückisch.

Erstaunt über soviel Unkenntnis entgegnete Allardt: «Aber das geht doch nicht.»

«Wieso nicht?»

«Ja, haben Sie denn den Größenunterschied nicht gesehen? Kirsten ist zwanzig Zentimeter kleiner als ich. Da kann man doch nicht zusammen tanzen!»

Verärgert über diesen belehrenden Ton schaute er die Blondine an, die breit lächelte und in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete, erklärte: «Herr Kommissar, ich fürchte, Sie vermuten etwas Falsches. Karsten hat sich Martina ausgesucht, weil sie die richtige Größe hatte, die richtige Beinlänge und dasselbe Rhythmus-Gefühl. Nur deswegen. Die Freundin bin ich, Martina war die Partnerin, und eifersüchtig bin ich keine Sekunde gewesen. Ist damit Ihr schwarzer Verdacht zerstreut?»

Unwillkürlich schmunzelte er: «Ich versteh eben nichts vom Tanzen.»

Trotzdem, so fand er, hätte Allardt etwas mehr Trauer oder auch nur Bestürzung über den Tod seiner Partnerin zeigen dürfen. So wie er sich benahm, schien er sich allein darüber zu ärgern, daß er ein Jahr vergeblich trainiert hatte und nun wieder eine neue Partnerin suchen mußte. Doch viel seelischen Tiefgang schien dieser glatte, alerte Jüngling ohnehin nicht zu besitzen.

Nein, die Kleinmanns hatte er nie kennengelernt. Martina hatte ganz selten einmal etwas Privates erzählt, und das Höchste an privaten Kontakten, das zwischen ihnen bestand, war nach dem Training ein Cafe-Besuch zu dritt gewesen. Lewohlt drehte den Kopf zu Kirsten, sie nickte gleichmütig: «Sie rauchte nicht, sie trank nicht, sie hatte keine Freunde. Aber sie wollte es so.»

«Und warum, Fräulein Runge?»

«Ich glaube, sie wahr ehrgeizig. » Einen Moment überlegte sie, dann schloß sie hart: «Sie wollte es zu etwas bringen.»

«Im Beruf?»

«Da auch, überall. Beim Tanzen, privat, im Beruf. Ich mochte sie nicht sehr - und manchmal tat sie mir leid.»

«War sie geldgierig?»

«Ja und nein. Ich denke schon, daß sie gern viel Geld haben wollte - oder verdienen wollte aber sie hätte nicht alles dafür getan.»

«Hm. Würden Sie sie für ehrlich halten? Oder trauen Sie ihr zu, daß sie in - na, sagen wir - in krumme Geschäfte verwickelt war?»

«Nein, nein. Sie war absolut ehrlich und viel zu vorsichtig, etwas Unerlaubtes zu tun.»

«Sie sind eine gute Beobachterin», lobte er nachdenklich. Sollten Karsten und Kirsten einmal heiraten, dann stand schon heute fest, wer das Kommando haben würde. Sie wohnten beide in der Waldparkallee, und schon die Anschriften belegten, daß sie die Enge einer Dreieinhalb-Zimmer-Sozialwohnung allenfalls aus der Zeitung kannten. Was mochte Martina über Karsten und Kirsten gedacht haben?

Sie trennten sich vor dem Polizeipräsidium. Die Liste mit den Namen hatte er ihr überlassen und sich nur Brummis Anschrift notiert.

Die Firma Eibern & Winkler war am Rande der Innenstadt in einem vierstöckigen, gelbgeklinkerten Neubau untergebracht, der hell und freundlich aussah. Lewohlt erkundigte sich bei dem einarmigen Pförtner nach der Personalabteilung.

«Wen darf ich anmelden?»

«Mein Name ist Lewohlt, Kriminalpolizei.»

«Oh, Sie kommen - wegen Martina? Dann sprechen Sie am besten mit Frau Kilian.»

Marianne Kilian bot ihm einen Kaffee an, den er dankend akzeptierte. Sie hatte die Fünfzig überschritten, und die scharfen Kinnfalten rührten eher von einer Krankheit als von unfreundlicher Strenge.

«Wir brauchen alle Angaben über Martina Kleinmann. Alles kann uns helfen, wir tappen nämlich ziemlich im Dunkeln.»

«Natürlich, ich verstehe.» Sie schlug die dünne Akte auf, aber er hatte den Eindruck, daß sie' sich den Inhalt vorher schon gründlich angeschaut hatte. «Mittlere Reife, am Carl-Schurz-Gymnasium, mit 16 Jahren. Ein sehr gutes Abschlußzeugnis, die schlechteste Note ist ein Befriedigend, in Kunst.»

«Womit man als Kaufmann/Kauffrau leben kann.»

«Gut sogar.» Ihr Lachen verriet Nervosität. «Englisch sehr gut. Mathematik gut, Deutsch gut.» Sie blätterte weiter. «Französisch sehr gut. Neben der Schule hatte sie schon Schreibmaschine und Stenografie gelernt.»

«Ein tüchtiges Mädchen.»

«Ja», stimmte sie zu, und der gedehnte Ton verwunderte ihn: «Oder ist tüchtig nicht der richtige Ausdruck?»

«Nein.» Sie zögerte, seinem Blick ausweichend, und meinte endlich unschlüssig: «Ich glaube, ehrgeizig wäre besser.»

«Ist das so ein Unterschied?»

«Doch, ja.» Jetzt seufzte sie, schaute ihn aber wenigstens voll an. «Herr Kommissar, wir bilden seit Jahren Lehrlinge aus. Oder Azubis, wie dieser neue schwachsinnige... Tüchtige und fleißige Lehrlinge hat’s immer gegeben, aber Martina war etwas anderes. Kein Kind mehr wie unsere anderen. Überhaupt nicht verspielt oder albern oder ungeschickt - ja, wie soll - ach, ganz einfach, sie war viel zu alt für ihre 17 Jahre. Ehrgeizig, sie wollte es schaffen.»

«Hat sie Ihnen das mal anvertraut?»

«Nein, nein, das war nur mein Eindruck. Martina hat sich niemandem anvertraut - hier in der Firma, meine ich. Immer höflich und willig, fleißig, das ja, aber dahinter verschlossen. Man wußte nie, was sie wirklich dachte ... aber alle waren des Lobes voll!» setzte sie etwas bitter hinzu.

Details

Seiten
370
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738924916
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
sein fehler

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Titel: Sein letzter Fehler