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Mordauftrag aus dem Dunkel

2018 0 Seiten

Leseprobe

Mordauftrag aus dem Dunkel

Krimi von Horst Friedrichs


Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.


Ulla Sigurdson muss mit ansehen, wie ihr Freund Rick von zwei Gangstern getötet wird. Um keine Zeugen zu hinterlassen, wird das Mädchen mitgenommen. Damit handelt es sich um Entführung, so dass die FBI-Agents Trevellian und Tucker mit dem Fall beauftragt werden. Als sich herausstellt, dass Sal Tonerre, ein hochrangiger Syndikatsboss, aus dem Hintergrund die Fäden zieht, wissen die Agenten, dass das Leben des Mädchens in höchster Gefahr ist.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author /COVER TONY MASERO

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

Www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




1

Gehetzte Schritte auf dem Korridor. Dann hämmernde Fäuste.

»Ulla! Bitte … schnell, mach auf!«

Das blonde Girl hastete erschrocken zur Tür ihres behaglichen kleinen Zimmers, öffnete und erschrak noch einmal, als der hochgewachsene Junge hereinwankte. Seine Lederjacke war zerrissen, sein Gesicht dreckverschmiert.

»Rick, mein Gott …« Ulla Sigurdson brachte kein Wort mehr hervor.

Mit dem Rücken stieß er die Tür ins Schloss, lehnte sich schwer atmend dagegen. »Keine Angst«, keuchte er, »ich … ich hab’ sie abgehängt, musste nur … verschwinden.«

Das Mädchen nahm seinen Arm, führte ihn besorgt zu der Couch, wo er sich in die Polster fallen ließ. Ulla holte die Whiskyflasche, goss mit bebenden Händen ein Glas halb voll. Es musste ihn beruhigen.

Krachend splitterte die Tür aus dem Schloss, als Rick das Glas an die Lippen setzte.

Ulla erstarrte in Todesangst, wich dann zum Fenster zurück.

Rick schaffte es nicht, das Glas noch abzusetzen.

Die beiden Männer feuerten gleichzeitig. Ricks Blut vermischte sich mit Whisky und Glassplittern. Das dumpfe Plopp der schallgedämpften Schüsse hörte er schon nicht mehr.

Ullas Augen weiteten sich in grenzenlosem Entsetzen. Sie riss den Mund auf, um zu schreien. Doch ihre Stimmbänder waren wie eingetrocknet, wie nicht vorhanden.

Sie sah Rick blutüberströmt in sich zusammensinken, sah, wie die Einschüsse seinen jungenhaften Körper durchschüttelten und alles Leben in ihm mit brutaler Endgültigkeit zerfetzten.

Die Kerle hatten die Tür zugeschlagen, und es hatte sich nicht anders angehört als die Schüsse aus ihren Schalldämpferpistolen.

Erst jetzt würde es Ulla bewusst, dass sie mit den beiden Mördern allein im Zimmer war.

Der Kopf des Mädchens ruckte herum. Ihre Augen lösten sich von dem grauenvollen Anblick.

Einer der Killer kam langsam auf sie zu, die Pistole noch immer schussbereit.

Er sah aus wie einer von zigtausend heruntergekommenen Männern, die sich Nacht für Nacht in den dunkelsten Ecken von New Yorks Straßen herumdrückten.

Schwarze, strähnige Haare, die ihm bis auf die Schultern fielen. Ein sichelförmiger Schnauzbart, der seinem schmalen Gesicht einen gemeinen Zug verlieh. Sein Oberkörper steckte in einer abgewetzten olivgrünen Armee-Feldjacke ohne Rangabzeichen. Dazu trug er verwaschene Jeans, die unten ausgefranst waren.

Der andere war kleiner, untersetzter, hatte kurze dunkelblonde Haare und trug eine schwarze Lederjacke, deren Bund mit dem breiten Gürtel seiner Jeans abschnitt. Beide Männer trugen Tennisschuhe mit dicken Gummisohlen, die die Lautlosigkeit ihrer Schritte erklärten.

Der Untersetzte packte Rick an den Armen, zerrte ihn von der Couch herunter und schleifte ihn in die Küche hinüber, deren Fenster zum Hinterhof führte.

Mit einem letzten, blitzschnellen Schritt war der Schwarzhaarige bei dem Mädchen.

»Nein, nicht …«, hauchte Ulla und staunte über ihre eigene Stimme, die seltsam fremd klang.

Der Killer grinste spöttisch, wobei sich sein Schnauzbart ausdehnte.

Mit einem jähen Ruck hob er die Rechte und schlug zu.

Das Mädchen konnte nicht mehr ausweichen. Sie fühlte sich wie das sichere Opfer eines Raubtieres, in Todesfurcht gelähmt.

Obwohl der Mann nur mit halber Kraft zugeschlagen hatte, brach Ulla Sigurdson wie vom Blitz gefällt zusammen. Der Hieb mit dem Schalldämpfer hatte sie seitlich am Kopf getroffen.

Reaktionsschnell fing der Killer die Bewusstlose auf und warf sie sich über die Schulter. Die Pistole verstaute er in einem selbstgefertigten Holster aus Segeltuch, das er unter der Armeejacke trug.

Die Wohnung lag im Erdgeschoss des Hauses.

Der Untersetzte hatte den Toten bereits durch das offene Küchenfenster gezerrt und hastete zwischen Gerümpel und Mülltonnen auf die Toreinfahrt zu, deren Bogen vom matten Licht einer Straßenlampe zum Teil erhellt wurde.

Mühelos stieg der Schwarzhaarige mit dem bewusstlosen Girl auf der Schulter durch das Fenster. Er folgte seinem Komplizen.

Sie betteten ihre Opfer in den Torweg.

Ohne erkennbare Eile ging der Untersetzte los, um den Wagen zu holen.

Der Schwarzhaarige sah sich um, blickte zu den erhellten Fenstern der Gebäuderückfront und grinste.

Niemand hatte etwas mitgekriegt. Und wenn doch, dann würde es derjenige nicht ums Verrecken riskieren, den Mund aufzumachen. Jeder halbwegs vernünftige Einwohner dieses Drecklochs, das sich New York nannte, hielt sich an die Spielregeln. Wer einigermaßen in Frieden leben wollte, durfte nicht sehen, was um ihn herum vor sich ging. Und er durfte schon gar nicht darüber reden. Die Cops kannten das inzwischen, machten sich meistens schon gar nicht mehr die Mühe, lange nach Zeugen zu suchen. Erfahrungssache. Wenn irgendwo was passierte, waren die Leute in der Umgebung taub und blind.

Der Mann in der Feldjacke lachte leise vor sich hin.

Die Zeiten waren gut für riskante Jobs. Bessere Voraussetzungen hatte es in New York noch nie gegeben.

Der Wagen, ein dunkelgrüner Dodge Challenger, rollte im Schritttempo vorbei, stoppte und rangierte rückwärts an den Torweg heran.

Der Schwarzhaarige öffnete die Heckklappe, packte den Toten und warf ihn in den Kofferraum.

Mit spielerischer Leichtigkeit hob er das bewusstlose Girl auf. Der andere hatte die rechte Fondtür geöffnet. Er ließ seinen Komplizen mit dem blonden Mädchen einsteigen und gab Gas. Durch die Fliehkraft beim Anfahren klappte die Tür von selbst zu.

Auf der Park Avenue fuhren sie nach Manhattan-Uptown.

Keine halbe Stunde war seit dem Mord vergangen, als sie die Auffahrt zur George-Washington-Bridge erreichten, Richtung New Jersey.



2

Es stank nach kaltem Rauch und vermodernden Essensresten. Irgendwo in einer der Ruinenhöhlen hatten sie Konserven über einem offenen Feuer angewärmt. Penner, Tramps, Namenlose. Schimmelnde Reste in leeren Schnapsflaschen gaben dem Gestank etwas Beißendes.

Ich würgte, bekämpfte den Brechreiz, der in mir aufstieg. Und ich hielt mich an den kalten Stahl meines 38ers, der das einzig Solide in dieser Szenerie hoffnungslosen Verfalls darstellte.

Dunkelheit umgab mich.

Vorsichtig tastete ich mich weiter voran, glitt mit der Linken über nackte Wände mit zerbröckelndem Putz und herabhängenden Tapetenresten.

Meine rechte Schuhspitze stieß gegen eine leere Konservendose.

Das Scheppern hallte weit durch die Ruine.

Reflexartig wich ich beiseite, fand Deckung hinter einem Mauervorsprung.

Keinen Atemzug zu spät.

Dem Scheppern der Dose folgte ein helles, bösartiges Bellen.

Das Bleiprojektil fauchte an meinem Mauervorsprung vorbei und wölbte sich irgendwo weiter hinten mit vernehmlichem Klatschen an einer Wand auf.

Er schoss mit einer 22er Automatik-Pistole. Eine Sportwaffe vermutlich. Pusteröhrchen im Vergleich zu den bei uns gebräuchlichen Kalibern. Trotzdem hatte ich kein Verlangen, eine dieser Kugeln aus reinem Blei aufzufangen. Die Dinger ergaben mit Sicherheit keinen Durchschuss, verformten sich auf garantiert hässliche Weise im Körper.

Ich tat ihm nicht den Gefallen, zurückzufeuern.

Er hatte mir verraten, dass er noch in der Nähe war. Das genügte vorerst. Eine sinnlose Schießerei brachte mir nichts ein. Präzise Schüsse waren in dieser Finsternis nicht möglich. Und ich wollte ihn nicht durch einen unbeabsichtigten Treffer töten. Denn ich brauchte ihn lebend.

Nicht nur aus reiner Menschenfreundlichkeit.

Wenn wir ihn zum Singen brachten, konnte er uns wertvolle Dienste leisten. Wir wussten, dass er für ein Syndikat arbeitete, das seine schmutzigen Geschäfte in New York City, wie in den größeren Städten der Bundesstaaten New York und New Jersey abwickelte. Möglicherweise auch noch in einigen anderen benachbarten Bundesstaaten. Das Rauschgiftdezernat der City Police hatte uns um Amtshilfe gebeten. Denn die Geschäfte des Syndikats drehten sich um nichts anderes als um harte Drogen.

Lenny Addams, hieß der Bursche, der vor mir durch die Häuserruinen der South-Bronx floh.

Vor zehn Minuten war Addams auf ein Scheingeschäft hereingefallen, das mein Freund und Kollege Milo Tucker ihm angeboten hatte. Das Ganze hatte sich in einem Kneipen-Hinterhof an der 149. Straße abgespielt. In letzter Minute hatte Addams den Braten gerochen und war losgehetzt, auf die Ruinen zu. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ich den Vorfall aus einem Hauseingang in der Nähe des Hinterhofes beobachtet hatte.

Jetzt versuchte Addams vergeblich, mich abzuhängen.

Allmählich musste ihm höllisch heiß unter der Jacke werden. Denn erstens ahnte er, dass wir ihn schon seit Tagen beschatteten und bei echten Jobs beobachtet hatten. Zweitens wusste er, dass wir ihn langsam aber sicher in die Enge trieben. Weil Milo keineswegs auf der Straße stand und Däumchen drehte.

Ich verließ meine Deckung, tastete mich weiter voran durch den kahlen Gang, der einmal ein Korridor gewesen war.

Ich hatte mich nicht verrechnet.

Addams ließ es vorläufig bei dem einen Schuss bewenden. Er hoffte, Vorsprung zu gewinnen, wollte im Labyrinth der stockfinsteren Ruinenhöhlen auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

Nach drei, vier Schritten verharrte ich erneut.

Ich hörte ein leises Scharren, das im nächsten Augenblick abbrach.

Es war ein gegenseitiges Belauern.

Er wusste, dass er sich verraten würde, wenn er losrannte und seine Schritte durch das leere Gebäude hallten. Also suchte er nach einer Möglichkeit, leise atmend aus meiner Reichweite zu schleichen. Bislang war ihm das nicht geglückt. Aber jeden Moment konnte er auf einen Seitenkorridor oder einen Hinterausgang stoßen. Dann war ich klar im Nachteil. Aber soweit wollte ich es nicht kommen lassen.

Behutsam setzte ich einen Fuß vor den anderen, achtete sorgfältig darauf, nicht wieder gegen ein unsichtbares Hindernis zu stoßen.

Plötzlich glaubte ich, seinen Atem zu hören.

Ich blieb stehen, versuchte, die verdammte Dunkelheit mit meinen Augen zu durchdringen.

Zwecklos. Die Finsternis war absolut. Nirgendwo in der Nähe gab es Straßenlampen, die noch intakt waren. Nicht der Hauch eines Lichtscheins fiel in die Ruinen.

Aber irgendetwas tat sich.

Es schien, als keuchte Addams vor Aufregung. Oder packte ihn die Angst, weil er womöglich nicht mehr weiter konnte?

Ich brauchte nicht mehr darüber herumzurätseln.

Jäh hörte ich seine hastig tapsenden Schritte. Dann vernehmliches Knarren. Altersschwache hölzerne Treppenstufen, die unter plötzlicher Last durchdringend protestierten.

Ich zögerte keine Sekunde lang, ließ meine Beinmuskeln explodieren und stürmte vorwärts. Irgendwo stieß ich mit der linken Schulter gegen eine Mauerkante. Ich verkniff mir den Schmerz, fing mein Stolpern ab, und rannte weiter.

Meine ausgestreckte Linke stieß gegen eine Querwand. Ich bremste meinen Schwung ab.

Über mir endete schlagartig das Knarren der Treppenstufen.

Und im nächsten Atemzug spielte Addams einen Trumpf aus, mit dem ich nicht im entferntesten gerechnet hatte.

Grelles Licht flammte auf, blendete mich sekundenlang, als ich nach oben spähte.

Reflexartig warf ich mich zur Seite.

Die 22er Pistole bellte heiser.

Im Sprung spürte ich, wie ein harter Ruck durch mein linkes Hosenbein ging. Glühender Schmerz schrammte über meine Wade.

Ich rollte mich dennoch ab, kam federnd auf die Beine, ohne einzuknicken.

Blitzartig wirbelte ich herum, sah schräg über mir die Fragmente eines Treppengeländers im erlöschenden Lichtkegel der Taschenlampe.

Abermals bellte die Pistole auf.

Ich konnte nicht mehr ausweichen, sah den dünnen Mündungsblitz. Doch Addams’ Nerven waren nicht mehr die besten. Der Schuss lag viel zu weit seitlich.

Ich hatte keine andere Wahl, als kurzen Prozess zu machen.

Ruckartig brachte ich den 38er hoch, visierte auf einen imaginären Punkt an, zwei Fuß unterhalb des versiegenden Mündungsblitzes.

Zweimal hintereinander zog ich durch. Der Smith & Wesson krachte. Für einen Moment blendete mich das eigene Mündungsfeuer.

Ein markerschütternder Schrei gellte durch die Ruine. Etwas polterte die Treppe herab. Dann ein dumpfer Aufprall. Der Schrei endete, und die Holzstufen ächzten unter der Last eines herunterrollenden menschlichen Körpers.

Mir stockte der Atem, als es um mich herum still wurde. Hatte ich nicht haargenau das getan, was ich ursprünglich vermeiden wollte? Ich machte mir Vorwürfe, fluchte auf mich selbst.

»He, Jesse!«, erscholl eine Stimme, irgendwo in der Nähe.

Milo.

»Kommt schon!«, rief ich gepresst. Dann fischte ich mein Feuerzeug mit der Linken aus der Tasche und knipste es an.

Im flackernden Lichtschein sah ich ihn vor mir liegen.

Und ich atmete auf.

Nur eine meiner Kugeln hatte ihn getroffen. In den rechten Oberschenkel. Erst durch den Sturz vom Treppenabsatz musste er das Bewusstsein verloren haben.

Die Pistole hielt er noch in der verkrampften Rechten. Eine Colt Woodsman Match Target, Kaliber 22, Lauflänge 6 Inch.

Die Stablampe lag vor seinem Kopf. Ich hob sie auf, schaltete sie ein, steckte das Feuerzeug weg.

Milo orientierte sich am Lichtschein. Ich hörte seine Schritte. Dann tauchte er durch das gähnende Rechteck auf, das einmal der Hauseingang gewesen war.

Mein Freund verstaute seinen 38er in der Schulterhalfter und blickte auf den Verwundeten hinab.

»Nach seinem Schrei hätte man meinen können, dass es ihn erwischt hat.«

Ich nickte.

»Rauschgift-Dealer gehören selten zur härtesten Sorte.«

Milo wandte sich ab und lief los, um einen Ambulanzwagen zu rufen. Mein Sportwagen parkte nur zwei Straßenzüge weiter. Das Funkgerät war unsere einzige Verbindung zu den Kollegen. Telefone gab es in dieser Ruinenlandschaft der verfallenden alten Mietskasernen nicht.

Erst jetzt spürte ich wieder den Schmerz im linken Bein. Ich schwenkte den Lichtkegel nach unten und sah, dass das Hosenbein aufgerissen war. Ich zog es hoch. Eine blutige Furche verlief waagerecht über die Wade. Streifschuss. Nichts Tragisches.

Lenny Addams stöhnte leise, fing an, sich zu bewegen.

Ich nahm ihm die Colt-Pistole ab und schob sie unter meinen Hosenbund.

Addams war etwa 25 Jahre alt, mittelgroß und etwas mehr als vollschlank. Er steckte wie eine zu fest gestopfte Wurst in seinem grauen Anzug. Die etlichen Pfunde Übergewicht, die er mit sich herumschleppte, hatten ihn schnell außer Atem gebracht. Deshalb sein Keuchen, das ich so deutlich gehört hatte.

Ich durchsuchte ihn mit wenigen Handgriffen. Papiere hatte er nicht bei sich. Nur den üblichen Kleinkram: Zigaretten, Feuerzeug, Geldscheine und Münzen lose in der Hosentasche.

Die Kugel aus meinem 38er hatte seinen Oberschenkel glatt durchschlagen. Die Wunde blutete nicht einmal übermäßig. Aber die Schmerzen waren offenbar mehr als er verkraften konnte. Ich sah es an seinem kalkweißen Gesicht und seinen zuckenden Mundwinkeln. Trotzdem empfand ich kein Mitleid mit ihm, der er Menschenleben skrupellos zugrunde richtete, indem er seine harten Drogen auf den Markt brachte.

Addams schlug die Augen auf, als ich das vertraute Brummen des Sportwagenmotors herannahen hörte.

Ich verpasste dem Dealer die stählerne Acht, obwohl er zu schwach war, um auch nur einen Finger krummzumachen. Aber Vorschrift ist Vorschrift. Ebenso wie die Verhaftungsformel, die ich ihm klar und deutlich aufsagte.

»Geh zur Hölle, Bulle!«, keuchte er gequält.

Ich überhörte es.

»Du kriegst von uns ein einmaliges Angebot, Addams«, sagte ich, »wir machen dich zum Kronzeugen.«

»Kronzeuge? Gegen wen, Mann?«

»Gegen deine Auftraggeber.«

»Hab’ ich nicht, so was. Bin total selbständig.« Er stöhnte, umklammerte das verwundete Bein mit den gefesselten Händen.

»Addams«, sagte ich warnend, »wir sind weiter, als du denkst. Du hast Glück gehabt, dass wir dich als ersten erwischten. In vierundzwanzig Stunden gilt unser Angebot wahrscheinlich nicht mehr.«

Er verzog das Gesicht, nicht nur vor Schmerzen.

»Ich will einen Anwalt. Vorher sag ich kein Wort mehr.«

»Das verlangt auch keiner von dir«, konterte ich, »du sollst nur wissen, woran du bist. Überleg’s dir gut.«

Er presste die Lippen aufeinander. Schmerz und Wut flackerten in seinen farblosen Augen.

Ich wusste, dass er noch nicht reden würde. Noch fühlte er sich nicht genug in die Enge getrieben. Typen wie ihn kannte ich zur Genüge.

Das Motorengeräusch meines Sportflitzers endete vor der Ruine. Milo kam herein, hatte die Taschenlampe aus dem Handschuhfach eingeschaltet. Ich gab meinem Freund mit einem kaum merklichen Kopfschütteln zu verstehen, wie die Situation aussah.

Wir hoben Addams auf und trugen ihn behutsam bis in den Hauseingang.

Sirenengeheul hallte durch die Häuserschluchten der South-Bronx, an- und abschwellend. Für die wenigen Menschen, die noch in dieser finstersten Ecke New Yorks lebten, nichts Ungewöhnliches. Sirenen gehörten hier zur gewohnten Geräuschkulisse, jeden Tag, alle paar Minuten. Die Ruinen versinnbildlichten den Sumpf, in dem das Verbrechen blühte.

Wer noch in der Bronx leben musste, hatte sich mit dieser Tatsache abgefunden. Es gab wenig Hoffnung auf bessere Zeiten. Ja, die Zukunftsaussichten waren sogar düsterer als die Gegenwart. Mietshäuser wurden von ihren Eigentümern einfach aufgegeben, weil die Unterhaltungskosten und städtischen Gebühren nicht mehr zu bezahlen waren. Das städtische Sanierungsprogramm ruhte in den Schubladen der Behörden. Es fehlte das Geld, solche Programme zu verwirklichen.

Schlagzeilen schreien es in allen Teilen der Welt: Der Gigant New York City liegt im Sterben. Die Acht-Millionen-Stadt am Hudson River steht mit beiden Beinen im Ruin. Banken sperren die Kredite, und der Präsident der Vereinigten Staaten hat weitere Unterstützungen verweigert. Unser Bürgermeister Abe Beame versucht, mit drastischen Sparmaßnahmen zu retten, was noch zu retten ist.

Hier, im erbärmlichen Sumpf der South-Bronx, konnte man den Glauben daran verlieren, dass es noch einen Aufschwung für New York geben würde.

Die trüben Gedanken wurden verscheucht, als der Ambulanzwagen mit ausklingender Sirene hinter meinem Sportwagen ausrollte.

Fahrer und Beifahrer betteten Addams auf eine Trage und verfrachteten ihn in den weißen Kastenwagen. Ich kletterte zu dem Notarzt auf die Sitzbank. Milo übernahm es, meinen Wagen hinterher zu kutschieren.

Wir durften Lenny Addams nicht aus den Augen lassen, ehe wir ihn hundertprozentig auf Nummer Sicher wussten. Noch hatten wir nur vage Ahnungen über Macht und Einfluss des Syndikats, für das er arbeitete. Wir mussten dafür sorgen, dass es dem Syndikat auf keinen Fall gelang, Addams herauszupauken.

Auf dem Weg zum Gefängnishospital ließ ich mir vom Notarzt den Streifschuss verpflastern, nachdem Addams einen ersten Verband erhalten hatte.

Nach einer halben Stunde Fahrtzeit trafen wir auf Rikers Island ein. Milo hatte unterwegs per Funk veranlasst, dass die notwendigen Vorkehrungen im Hospital der städtischen Strafanstalt getroffen wurden. Wir erledigten die Formalitäten, überzeugten uns davon, dass Addams ein sicheres Einzelzimmer erhielt, und dass die Sicherungsbeamten für eine Bewachung rund um die Uhr abkommandiert worden waren.

Der Haftbefehl gegen Lenny Addams würde nachträglich ausgestellt werden.

Müde traten wir den Rückweg nach Manhattan an. Wieder war es eine Nacht, in der an Schlaf kaum noch zu denken war.

Wir hatten einen Teilerfolg errungen, mehr nicht.

Ob Addams’ Festnahme ausreichen würde, um das Syndikat zu zerschlagen, stand noch in den Sternen.


3

Auf dem State Highway rollte der Dodge Challenger mit der vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit nach Westen. Die kleinen Städte am westlichen Ufer des Hudson River huschten vorüber. Nur vereinzelt waren noch Lichter von Straßenlampen und erhellten Wohnungsfenstern in der Dunkelheit zu erkennen.

Ulla Sigurdson erwachte.

Ihre erste Wahrnehmung war ein stetes Brummen, das rasend schnell anschwoll und ihren Kopf zu sprengen schien. Sie begriff nicht sofort, dass es vom Motorgeräusch des Wagens und von den Schmerzen herrührte, die nun schlagartig einsetzten.

Ulla stöhnte gequält.

Mühsam gelang es ihr, die Augen zu öffnen. Doch um sie herum war nur Dunkelheit. Erst allmählich begannen ihre Sinne wieder zu arbeiten.

Dann traf sie die jähe Erinnerung wie ein Schock. Vor ihrem geistigen Auge rollte noch einmal das blutige Geschehen ab, das sie miterlebt hatte, ohne es begreifen zu können. Die Visionen wechselten rasch, doch immer wieder sah Ulla den blutüberströmten Körper des Jungen, wie er unter den Einschüssen zuckte und sich aufbäumte.

Ein Schrei entrang sich ihrer Kehle.

Plötzlich hörte sie die Stimme neben sich.

»Schrei ruhig, Baby. Das erleichtert.«

Ullas Kopf ruckte herum. Fast nahm sie den Schmerz nicht wahr, der sie wie eine glühende Lanze durchzuckte.

Und erst jetzt spürte sie, dass der Mann seinen Arm um ihre Schulter gelegt hatte und sie festhielt. Ein harter, muskulöser Arm, der wie eine eiserne Klammer war.

Im schwachen Licht, das von der Armaturenbrettbeleuchtung herüberfiel, sah Ulla sein Profil, die langen schwarzen Haare. Sie spürte seinen Atem, der nach Zigaretten und Kaugummi roch.

»Nein!«, hauchte sie. »Nein, ich will nicht …«

Verzweifelt versuchte sie, sich aus dem Griff zu befreien.

Doch die eiserne Klammer schloss sich nur noch fester um ihre Schultern.

Und der anschwellende hämmernde Kopfschmerz ließ die schwachen Kräfte des Mädchens rasch erlahmen.

Der Mann am Lenkrad lachte leise, ohne sich umzudrehen.

»Schwierigkeiten, Russo?«

»Nicht die Spur«, entgegnete der Schwarzhaarige, »du weißt doch … wenn eine Puppe sagt, dass sie nicht will, meint sie genau das Gegenteil.«

Beide Männer lachten grölend.

Ulla erschauerte. Die körperliche Nähe des Schwarzhaarigen ließ Übelkeit in ihr aufsteigen. Denn trotz ihrer Schmerzen und trotz der Seelenqualen, die sie durchstand, ahnte sie, was ihr noch bevorstand. Sie war diesen brutalen Mördern ausgeliefert, befand sich in ihrer Gewalt wie ein willenloses Werkzeug. Noch war sie am Leben. Verdankte sie dies nicht nur der Tatsache, dass sie eine Frau war?

Ja, so musste es sein.

Ulla war nicht fähig, klare Gedanken zu fassen. Sie kam nicht darauf, dass es noch eine andere Erklärung dafür geben konnte, dass die Killer sie mitgeschleift hatten.

Russo Kawasak, der Mann mit den langen schwarzen Haaren und den indianerhaften Gesichtszügen, lockerte seinen Griff nicht. Er musterte das zitternde Girl mit spöttisch herabgezogenen Mundwinkeln. Solange sie noch bewusstlos gewesen war, hatte sich nichts in ihm gerührt. Aber jetzt, wo sie Widerstand leistete und voller Verzweiflung resignierte, jetzt erweckte sie sein Interesse. Es reizte ihn, ihre letzte Willenskraft zu brechen, sie gefügig zu machen.

Aber dafür blieb noch viel Zeit.

Sein Blick glitt über ihr matt schimmerndes blondes Haar, das in sanften Wellenlinien auf ihre Schultern fiel. Ihre Brüste wölbten sich unter einem hellblauen T-Shirt, das ihren Oberkörper eng wie eine zweite Haut umgab.

Kawasak streckte die Rechte aus, tastete über die knappsitzenden Jeans, die ihre vollendet geformten Oberschenkel umspannten.

Ulla bäumte sich vergeblich in seinem Griff auf.

Der Atem des Schwarzhaarigen ging keuchend.

»Reiß dich zusammen«, knurrte Melvin Prock, der Mann am Lenkrad, »wie soll ich mich noch aufs Fahren konzentrieren, eh!«

»Schon gut«, brummte Kawasak und zügelte sich.

Das Mädchen wusste, dass es nur eine kurze Schonzeit sein würde, die ihr blieb.

Die Killer schwiegen jetzt.

Ulla bewegte sich nicht mehr. Sie gab es auf, sinnlosen Widerstand zu leisten. Stattdessen versuchte sie, die Schmerzen zu unterdrücken, die unablässig in ihrem Kopf tobten.

Prock verlangsamte das Tempo, als sie Teaneck erreichten. Er zog den Dodge auf die Abbiegespur und fädelte die Limousine über das Verteiler kreuz auf die State Route 39 ein, die nach Norden führt. Eineinhalb Meilen weiter bog er nach Westen auf die Englewood Avenue ab. Nach zwei Meilen erreichten sie die River Road in Hackensack.

Prock kannte sich aus, schlug wieder nördliche Richtung ein und scheuchte den Dodge über die nächtlich leergefegte Straße in Richtung Newbridge.

Eine halbe Meile vor dem Stadtrand nahm der Untersetzte Gas weg. Zu beiden Seiten der Fahrbahn erstreckte sich düsteres Gelände, das von keiner Straßenlampe erhellt wurde. Nur voraus in der Dunkelheit war die matte Lichtglocke von Newbridge zu erkennen.

Prock beugte sich vor, spähte angestrengt in die Lichtkegel der Scheinwerfer hinaus.

Sekunden später tauchte eine schmale Abzweigung auf, die von Unkraut überwuchert war. Eine rot-weiße Barriere, die auf gespreizten hölzernen Stelzen ruhte, versperrte die Einfahrt.

Gelassen zog Prock die Handbremse an und schaltete die Beleuchtung aus. Kawasak blieb bei dem Girl, als der Untersetzte ausstieg und die Barriere beiseiteschob.

Prock kehrte zurück, schwang sich hinter das Lenkrad und rangierte den Dodge ohne Scheinwerferlicht in die Abzweigung, die durch das mannshoch wuchernde Unkraut wie ein Hohlweg wirkte. Noch einmal stoppte Prock, um die Barriere wieder an ihren ursprünglichen Platz zu räumen. Im Schritttempo ließ er die Limousine anschließend weiterrollen. Erst nach etwa fünfzig Yard schaltete er Standlicht ein. Es reichte zur Orientierung aus.

Der schmale Asphaltweg führte schnurgerade in das düstere Gelände. Außer dem Unkrautwald war nichts zu erkennen.

Minuten später verbreiterte sich der Weg, mündete in einen betonierten Hof, der von kantigen Umrissen hoher Gebäude begrenzt wurde.

Prock lenkte den Dodge in eine Durchfahrt zwischen zwei Hallen. Das matte Standlicht der Limousine fiel auf Fensterquadrate mit den bizarren Linien zersplitterter Glasscheiben. Stellenweise war der Beton der Durchfahrt aufgeplatzt. Unkraut wuchs aus den Rissen.

»Endstation«, sagte Russo Kawasak, als sein Komplize den Zündschlüssel drehte und das Motorgeräusch mit einem Blubbern erstarb.

Ulla gehorchte, als die Killer ihr befahlen, auszusteigen. Angst und die Kälte der Nacht ließen das Mädchen zittern. Sie sehnte sich nach Wärme, Geborgenheit und Sicherheit. Eine Stimme regte sich in ihr, die ihr vorzugaukeln versuchte, dass sie jetzt einen Fluchtversuch wagen musste. Ulla bezwang diese wahnwitzige Regung mit aller Vernunft, zu der sie trotz ihrer panischen Angst noch fähig war. Vielleicht war es auch einfach der instinktive Überlebenswille, der ihr dabei half, stumm das Unvermeidliche zu ertragen. Sie zwang sich, sich mit dem Gedanken abzufinden, dass es keine Chance für sie gab.

Prock holte ein Abschleppseil aus geflochtenen dünnen Nylonsträngen aus dem Kofferraum.

Kawasak fesselte dem Mädchen die Arme auf den Rücken und verknotete den Rest des Seils an ihren Fußgelenken, so dass sie nur kurze, trippelnde Schritte machen konnte.

»Schreien kannst du, soviel du willst«, grinste der Schwarzhaarige, »höchstens die Ratten hören dich hier. Dies ist eine stillgelegte Fabrik, Baby. Und ringsherum gibt’s nichts als Ödland. Zwei, drei Meilen weit. Das Ganze sollte mal ’n Industriegebiet werden. Hat aber nicht geklappt.«

»Spar’ dir die Sprüche«, knurrte Prock, »mir reicht’s, dass wir die Puppe am Hals haben.«

»Und mir gefällt’s«, fauchte Kawasak, »außerdem will ich ihr klarmachen, dass sie gar nicht erst abzuhauen braucht. Wir fangen sie doch wieder ein.« Er wandte sich dem Mädchen zu. »Hast du das kapiert, Baby?«

»Ja«, antwortete Ulla Sigurdson kaum hörbar. Sie begriff noch viel weniger als zu Anfang. Nach den Worten des Untersetzten zu urteilen, schienen die Mörder es nicht beabsichtigt zu haben, sie zu verschleppen. Weshalb hatten sie es trotzdem getan? Weshalb hatten die Killer sie nicht ebenfalls getötet, da sie doch eine lästige Zeugin für sie war?

Ulla wusste nicht, dass Männer wie Kawasak und Prock niemals aus eigenem Entschluss handelten – nicht, was grundsätzliche Probleme betraf. In der Beziehung waren die Killer reine Befehlsempfänger, seelenlose Mordmaschinen.

Kawasak trieb das Mädchen durch ein offenstehendes verrostetes Stahltor in die Halle zur Linken. Drinnen knipste er eine flache Akku-Taschenlampe an und leuchtete den Boden ab – mehr für sich selbst, als für die Gefangene.

Die Halle war leer. Fingerdicke Bolzen, auf denen einmal Maschinen geruht hatten, ragten aus dem Betonboden. Gerümpel lag herum. Verkohlte Holzreste, Dosen, Schachteln und Flaschen. Anzeichen dafür, dass das Fabrikgelände in eingeweihten zwielichtigen Kreisen als Unterschlupf bekannt war.

Irgendwo raschelte es. Dann ein durchdringendes, für das menschliche Ohr gerade noch wahrnehmbares Pfeifen.

Ratten nahmen vor den Eindringlingen Reißaus.

Ulla erschauerte, zitterte noch heftiger.

Kawasak dirigierte sie zur jenseitigen Stirnwand der Halle. Dort gab es einen leeren Türrahmen, der in einen flachen Anbau führte. Auch hier gähnende Leere. An den Wänden hingen Kabelreste und verwitterte Schalttafeln ohne Schalter. Rohrstümpfe, die nicht entfernt worden waren, ragten in Hüfthöhe aus den Wänden. In der Mitte des Raumes gab es weitere solcher Rohrstümpfe, die aus dem Boden hochragten.

Der Schwarzhaarige stieß das Mädchen auf die Wand gegenüber dem Eingang zu.

»Rühr’ dich nicht«, kommandierte er, »sonst …« Er ließ den Rest unausgesprochen, weil er wusste, dass keine massiven Drohungen notwendig waren.

Erst jetzt hörte Ulla das schleifende Geräusch, das bis eben durch ihre eigenen Schritte übertönt worden war.

Im Schein von Kawasaks Taschenlampe sah sie den Untersetzten hereinkommen.

Ullas Blick erfasste das dunkle Bündel, das er hinter sich her zerrte. Ihre Augen weiteten sich, drohten aus den Höhlen zu quellen.

»Rick!«, schrie sie mit sich überschlagender Stimme. »Rick!«

Schlagartig wurde ihr klar, dass der Tote sich während der ganzen Fahrt in ihrer unmittelbaren Nähe befunden hatte. Der Gedanke traf sie mit der Wucht eines imaginären Hiebes. Ulla hatte plötzlich das Gefühl, in einen bodenlosen Abgrund zu versinken.

Es war die Ohnmacht, die sie von den seelischen Qualen erlöste.

»Umso besser«, brummte Kawasak, als das Mädchen zusammenbrach.

»Fass mit an!«, forderte Prock barsch. »Langsam kommt’s mir vor, als ob ich die ganze Schufterei erledigen muss, und du …«

»Du kannst die Puppe gern zuerst kriegen«, feixte Kawasak, »wenn’s nur das ist, was dich ärgert.«

Prock wischte mit einer wütenden Handbewegung durch die Luft. Er wusste nur zu gut, dass Kawasak seinen schwachen Punkt genau kannte. Bei Frauen kam er nur mit mäßigem Erfolg zum Zug. Und Prock versuchte diese Tatsache dadurch zu verschleiern, dass er weibliche Reize mit Nichtbeachten strafte. Nur, ein gerissener Hund wie Kawasak durchschaute so was natürlich sofort.

Sie schleppten den Toten zu einer rostroten Stahlplatte, die in den Betonboden eingelassen war. Achtlos ließen sie die Leiche zu Boden fallen, packten gemeinsam den Griff und zogen die Platte beiseite.

Fauliger Fäkaliengestank wehte ihnen aus der quadratischen Öffnung entgegen. Tief unten gurgelte und rauschte es. Schmatzend leckten die Abwässer an den glitschigen Wänden ihres steinernen Kanalbetts.

Kawasak und Prock stießen die Leiche des Jungen in den Kontrollschacht, der gut fünf Fuß tief war.

Die Kleidung des Toten verfing sich an den im Mauerwerk eingelassenen Steigeisen, riss dann aber ab und gab den leblosen Körper frei.

Ein klatschender Aufprall folgte. Der Gestank verdichtete sich zu einer stärkeren Schwade, die den Mördern in die Nase stieg.

Sie beeilten sich, die Stahlplatte wieder über die Öffnung zu ziehen. Wegen der Leiche brauchten sie sich keine Sorgen mehr zu machen. Der Abwasserkanal führte vom Sammelbecken in Newburgh durch das früher als Industriegebiet vorgesehene Gelände und mündete weiter südlich in den Hackensack River. Eine Kläranlage gab es nicht. Wie in so vielen Städten der USA wurde auch hier die stinkende Brühe noch immer ungeklärt in den nächstbesten Fluss geleitet.

Punkt eins war für Kawasak und Prock erledigt.

Sie würden sich nun ohne Umschweife dem zweiten Problem zuwenden.

Ulla Sigurdson.


4

Mitternacht war längst vergessen, als Milo und ich die Eingangshalle des FBI-Distriktgebäudes betraten.

Ich blickte nicht mehr auf die Armbanduhr. Zwecklos. Bestenfalls mit einer Mütze voll Schlaf konnten wir noch rechnen. Denn der notwendige Papierkrieg bezüglich Lenny Addams’ Verhaftung musste sofort erledigt werden.

Wegen der Gedanken, die wir wälzten, achteten wir nicht sofort auf den Mann.

Ich sah ihn, als wir unserem diensthabenden Kollegen Hyram Wolf in seiner Glaskabine zunickten.

Der Mann war groß und blond, breitschultrig wie ein Schrank. Händeringend redete er auf Hyram ein, der eine zerknirschte und hilflose Miene aufgesetzt hatte.

Ich verstand nur Wortfetzen wie »Verbrecher«, »Mörder« und »etwas unternehmen«. Der Mann redete Englisch mit einem komischen Akzent. Nichts Ungewöhnliches für New York, wo sich alle Nationalitäten des Erdballs versammeln.

Hyram zuckte die Achseln, schüttelte immer wieder bedauernd den Kopf.

»Moment mal«, sagte ich zu meinem Freund.

Milo hatte bereits den Fahrstuhlknopf betätigt. Unwillig runzelte er die Stirn.

»Okay, Alter«, murmelte er, »halse du dir neue Schwierigkeiten auf. Ich werde oben die Formulare wälzen.«

Ich klopfte ihm auf die Schulter und stiefelte zu Hyram Wolf und seinem hartnäckigen Gesprächspartner hinüber.

»Probleme?«, fragte ich.

Der Blonde wandte sich zu mir um, schwieg einen Moment und musterte mich aus klaren blauen Augen.

Hyram war dankbar für die Unterstützung. Ich las es in seinem Blick.

»Es handelt sich um …« setzte er an. Der Blonde übertönte ihn, packte meine Unterarme, sah mich flehentlich an.

»Sir, werden Sie mir helfen? Ich bitte Sie … es ist … es muss doch jemanden in diesem Haus geben, der mir helfen kann! Sie sind doch Beamter des FBI, des Federal Bureau of Investigation?«

»Ja«, antwortete ich, »hat mein Kollege Ihnen nicht …?«

»Ich lasse mich nicht einfach wegschicken!«, schrie er. »Ich weiß doch nicht, was ich tun soll! Ich kann doch nicht einfach nach Hause gehen und …«

Diesmal war ich es, der ihn unterbrach.

»Langsam, Mister«, sagte ich ruhig, »keiner schickt Sie weg. Beruhigen Sie sich. Wir werden über alles reden und dann entscheiden, was wir für Sie tun können. Einverstanden?«

»Reden! Entscheiden!«, entgegnete er aufgebracht. »Es muss etwas unternommen werden, Sir. Verstehen Sie doch … meine Tochter … sie ist …« Schwer atmend hielt er inne, als brächte er das Wesentliche nicht über die Lippen.

»Hyram«, wandte ich mich an meinen Kollegen, »was ist passiert?«

»Folgendes, Jesse. Mr. Sigurdson kam vor zehn Minuten. Er hat ein Hotel an der Siebzigsten Straße. Seine Tochter wohnt in einem Mietshaus in der Fünfundachtzigsten. Er hatte Feierabend gemacht, an den Nachtportier übergeben und wollte seine Tochter wie üblich noch für eine halbe Stunde aufsuchen, weil sie sich tagsüber nicht sehen. Er fand die Wohnung leer. Blutspuren und ein offenes Fenster.«

Sigurdson stöhnte auf, schlug sich die Hände vor das Gesicht. Es schmerzte, diesen großen Mann weinen zu sehen.

»Hast du Hewitt verständigt?«, fragte ich meinen Kollegen.

»Selbstverständlich, Jesse.« Hyram war feinfühlig genug, um das Wort Mordkommission jetzt nicht auszusprechen. »Sie sind bereits an Ort und Stelle. Außerdem habe ich mir die Beschreibung des Mädchens geben lassen und eine Fahndung veranlasst. Ich konnte Mr. Sigurdson nicht begreiflich machen, dass wir uns nicht selbst einschalten können.«

Ich winkte ab.

»Schon gut, Hyram.« Ich zog Sigurdson mit mir und drückte ihn in einen der Polstersessel, die in der Halle für wartende Besucher bereitstehen.

Er wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht und blickte mich an.

»Entschuldigen Sie, Sir. Ich … ich versuche, mich zu beruhigen. – Es ist so, wissen Sie … Ich habe nur meine Tochter und … wenn ihr etwas zugestoßen ist …« Wieder versagte seine Stimme.

Ich erklärte ihm behutsam, dass alle erforderlichen Maßnahmen in die Wege geleitet worden waren, dass wirklich etwas unternommen wurde. Dann brachte ich ihn zum Reden. Und es verschaffte ihm Erleichterung, seine Geschichte loszuwerden.

Er war Schwede, hieß mit vollem Namen Sven Sigurdson und lebte seit zwei Jahren in New York. Seine Frau war drüben in der Heimat auf tragische Weise an Krebs gestorben. Kurz darauf hatte Sigurdson von seinem Onkel in New York das Angebot erhalten, auf Leibrentenbasis das »Lincoln Hotel« an der 70. Straße Ost in Manhattan zu übernehmen. Sigurdson, der in Stockholm als Hotelkaufmann gearbeitet hatte, war nach kurzem Zögern einverstanden gewesen. Gemeinsam mit seiner Tochter Ulla hatte er alle Brücken hinter sich abgebrochen und war in die Staaten eingewandert. Vater und Tochter hofften, auf diese Weise den schmerzlichen Verlust der Frau und Mutter zu überwinden.

Ulla Sigurdson hatte einen Studienplatz an der Rockefeller University erhalten und setzte dort ihr Studium der Pädagogik fort, das sie in Stockholm begonnen hatte. Im Einverständnis mit ihrem Vater hatte sie sich eine eigene kleine Wohnung in der Nähe des Hotels gemietet, um für ihre Arbeit die nötige Ruhe zu haben.

Ich bot Sven Sigurdson eine Camel an. Er akzeptierte sie dankend, ließ sich von mir Feuer geben und inhalierte die ersten Züge tief.

»Meine Kollegen von der City Police werden sofort alles Erforderliche in die Wege leiten«, sagte ich, »darauf können Sie sich absolut verlassen.«

»Mr. Trevellian …«, seufzte er und holte tief Luft. Er kannte inzwischen meinen Namen. »Schon in Schweden habe ich viel über das amerikanische FBI gelesen. Und jetzt, wo ich hier das Hotel übernommen habe, wohne ich praktisch in Ihrer Nachbarschaft. Deshalb war mein erster Gedanke … ich meine, als ich sah, was passiert war … ich habe einfach nicht nachgedacht, bin losgerannt und …«

»Ich verstehe das«, nickte ich, »und Sie können sicher sein, Mr. Sigurdson: Wir vom FBI helfen jedem Bürger, der uns braucht. Nur sind wir dabei an unsere Gesetze gebunden. Wir sind eine Bundespolizei und können nur dann eingreifen, wenn die Ermittlungen in einem Fall über die Grenzen von zwei oder mehreren Bundesstaaten hinausreichen. Eine Ausnahmeregelung gilt für Kidnapping. In einem solchen Fall sind wir sofort zuständig. Mit dem Einverständnis der Betroffenen können wir dann sogar schon vor Ablauf der gesetzlich vorgesehenen Vierundzwanzig-Stunden-Frist eingreifen.«

Er schüttelte müde den Kopf.

»Weshalb erzählen Sie mir das alles, Mr. Trevellian? Ich will doch nur, dass für Ulla alles Menschenmögliche getan wird. Ist das nicht mein gutes Recht, auch wenn ich die amerikanische Staatsbürgerschaft noch nicht besitze?«

»Keine Frage, Mr. Sigurdson.«

»Sehen Sie. Vielleicht ist Ulla noch nicht …« Er stockte, schluckte heftig und atmete schwer. »Vielleicht wurde sie entführt und … und ist schwer verletzt. Dann ist das doch Kidnapping, nicht wahr? Dann müssen Sie doch etwas für mich tun! Warum verschanzen Sie sich hinter Gesetzen und Paragraphen, Mr. Trevellian? Ich kenne Sie erst seit ein paar Minuten, aber ich glaube, das ist nicht Ihre wahre Überzeugung. Ich habe gelesen, dass das FBI die beste und schlagkräftigste Polizei der Welt ist. Weshalb habe ich nicht das Recht, Sie um Hilfe zu bitten? Kann dieser Staat so rücksichtslos sein, mich mit Dienstvorschriften abzuspeisen?«

»Mr. Sigurdson«, erwiderte ich mit belegter Stimme, »Sie erhalten jede Unterstützung, die möglich ist. Und es steht nirgendwo geschrieben, dass die New Yorker City Police schlechtere Beamten hat als das FBI. Ich persönlich würde Ihnen gern helfen, aber …«

»Danke«, unterbrach er mich, »ich wusste es. Meine Menschenkenntnis hat mich nicht betrogen. Also nehmen Sie meine Anzeige entgegen, ja? Ich melde Ihnen die Entführung meiner Tochter. Genügt das?«

Ich wich seinem bittenden Blick aus, wusste nicht, was ich antworten sollte. Konnte ich ihm sagen, dass es keinen Anhaltspunkt gab, der auf eine Entführung schließen ließ? Konnte ich ihm sagen, dass in New York jeden Tag Menschen auf mysteriöse Weise verschwinden, ohne dass es sich dabei um Kidnapping handelt? Nein, ich brachte es einfach nicht fertig, diesen Mann jetzt zu enttäuschen.

Sven Sigurdson vertraute auf Recht und Ordnung in den Vereinigten Staaten. In seiner Not war er zu uns geeilt, hatte flehentlich um Hilfe gebeten. Wie konnte ich diesen von Schicksalsschlägen hart geprüften Mann einfach wegschicken? Er klammerte sich an das, was er über das FBI wusste. Ich konnte es vor mir selbst nicht verantworten, ihn mit seinen quälenden Sorgen alleinzulassen.

Und Lieutenant Harry Hewitt, der Leiter der Mordkommission Manhattan East, war ein prächtiger Kollege. Für ihn hatte das Wort Zusammenarbeit noch die wahre Bedeutung. Er kannte nicht die Abneigung, die andere empfanden, wenn sie glaubten, dass ihnen vom FBI ins Handwerk gepfuscht wurde.

Harry Hewitt würde Verständnis dafür haben, wenn ich dem Vater des verschwundenen Mädchens wenigstens das Gefühl gab, dass das FBI sich um seinen Fall kümmerte.

Ich stand auf.

»Kommen Sie, Mr. Sigurdson. Ich möchte mich an Ort und Stelle informieren.«

Ein glückliches Leuchten glitt über sein Gesicht. Dann sprang er mit einem Satz aus seinem Sessel hoch und drückte die Zigarette im Aschenbecher aus.

Ich bat Hyram Wolf, Milo zu verständigen. Dem Chef gegenüber musste ich die Eigenmächtigkeit irgendwie vertreten.

Ich ließ Sigurdson in meinen Sportwagen klettern und fuhr mit ihm die Second Avenue hinauf.

Details

Seiten
0
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924909
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v453275
Schlagworte
mordauftrag dunkel

Autor

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Titel: Mordauftrag aus dem Dunkel