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Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 37: Mörder und Mönch?

2018 120 Seiten

Leseprobe

Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 37: Mörder und Mönch?

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TOMOS FORREST

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ZYKLUS: DIE REBELLEN von Cornwall, Band 24

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Titelbild: nach einem Motiv von N.C. Wyeth mit Steve Mayer, 2018

Mitwirkung: Ines Schweighöfer

Lektorat: Kerstin Peschel

Ceated by Thomas Ostwald, Alfred Bekker und Jörg Martin Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

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Ein junger Priester kehrt in seine alte Heimat zurück und wird nur von seinem greisen Lehrmeister erkannt, was diesem jedoch zum Verhängnis wird. Darauf folgt ein Feldzug von unsagbar grausamer Gewalt und Rache, der seines Gleichen sucht. Der Tag seiner Abrechnung ist endlich gekommen.

Sir Morgan of Launceston, der Löwenritter, gerät auf seiner Reise an die Küste, wo er sich mit seinem Gefährten Sir Baldwin, dem Roten Jäger, treffen will, in einen Hinterhalt und wird auf eine ihm unbekannte Burg verschleppt, wo er eine Überraschung mit weitreichenden Folgen erlebt. Und auch das Leben ihres großen Widersachers Sir Struan of Rosenannon, dem Sheriff of Cornwall, ändert sich von einem Moment auf den anderen. Die Konsequenzen sind nicht einmal im Ansatz zu erahnen ...

***

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1.

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Ob der Ort einst von den Römern oder von den Sachsen gegründet wurde, lässt sich nicht mehr mit Sicherheit sagen. Die wunderschöne Kirche jedenfalls stammte aus normannischer Zeit, und dorthin war der groß gewachsene, breitschultrige Mann unterwegs. Er verschwendete keinen Gedanken an Römer oder Sachsen, als er das kleine Dorf Pawlett, vier Meilen nördlich von Bridgwater, betrat. Zielstrebig ging er auf der Straße direkt auf die Kirche zu, und verwunderte Blicke folgten dem Hünen, der ein bodenlanges Gewand, ähnlich dem Habit der Mönche, trug und die Kapuze so über den Kopf gezogen hatte, dass nur seine langen, schwarzen Haare an den Seiten sowie der dichte, krause Bart zu sehen waren. Der Mann wirkte wie ein Riese aus einem der alten Märchen, die den Kindern in der dunklen Jahreszeit erzählt wurden, um sie davon abzuhalten, allein in den nahe gelegenen Wald zu laufen, um dort zu spielen.

Zwar wirkte sein Äußeres wie das eines Wandermönches, wozu auch der kräftige Knüppel passte, den er wie eine Lanze trug und nur gelegentlich damit heftig auf den Boden schlug. Aber spätestens ein Blick in sein Gesicht hätte diesen Eindruck Lügen gestraft. Unter dicken, schwarzen Brauen funkelte ein Augenpaar so wild und durchdringend denjenigen an, der keck genug war, einen Blick unter die Kapuze zu werfen. Tatsächlich geschah das auch nur sehr selten, aber diejenigen, die es sich trauten, bekreuzigten sich anschließend und murmelten ein Vaterunser, denn bei diesem Blick schien ihnen das Blut in den Adern zu gefrieren.

Seltsam war beim Erscheinen des Fremden auch, dass alle Hunde schwiegen, die doch sonst jeden laut und ausdauernd mit ihrem Gekläffe begleiteten. Sie waren verschwunden, als er seinen Fuß in den Ort setzte, und ließen sich während seiner Anwesenheit auch nicht mehr blicken.

Der Mann richtete sich vor dem Kirchenbau hoch auf, als wollte er seine Körpergröße mit der des Kirchturms messen. Ein paar Männer, die gerade von ihrer Feldarbeit ins Dorf zurückkehrten, die Hacken auf der Schulter, blieben staunend stehen und beobachteten den Fremden vor dem kantigen Kirchenturm, den er kritisch zu mustern schien. Erst als der Mann die Kirche betrat und sich dabei leicht bücken musste, weil die Tür viel zu niedrig war, flüsterten sie sich einige Bemerkungen über ihn zu. Doch sie zögerten nicht länger, sondern gingen mit eiligen Schritten ihren Häusern entgegen, als wollten sie die Rückkehr dieses Hünen unter keinen Umständen erleben.

Der Mann betrat den Kirchenraum und schob dabei seine Kapuze in den Nacken. Etwas Weihwasser entnahm er der Schale am Eingang und zeichnete sich mit raschen, geübten Bewegungen damit ein Kreuz auf die Stirn. Seine Augen hatten sich rasch an das herrschende Dämmerlicht gewöhnt, aber noch blieb er im Eingangsbereich stehen, atmete die vom Weihrauch getränkte Luft mehrfach wie eine lang entbehrte Köstlichkeit tief ein, dann erst schritt er zum Altar, fiel davor auf die Knie, verhielt einen Moment in dieser Position und streckte sich schließlich lang auf dem Kirchenboden aus, die Hände wie am Kreuz weit von sich gestreckt. In dieser Position verblieb er lange und schien dabei zu beten.

Ein Beobachter hätte erstaunt bemerkt, wie glücklich sein Gesicht plötzlich aussah, und die sich leise bewegenden Lippen verstärkten den Eindruck eines in sich ruhenden Menschen, der endlich in der Heimat angekommen schien. Als jedoch die Tür zur Sakristei leise klappte, veränderte sich schlagartig dieses Gesicht und nahm wieder seinen vorherigen, grimmigen Ausdruck an. Zugleich war der Hüne federnd aufgesprungen und schien seine Faust um den Wanderknüppel zu ballen. Leise Schritte näherten sich, und dann bog eine schwarz gekleidete, sehr stark gebeugte Gestalt um eine Säule, die beim Erblicken des Hünen kurz zögerte.

„Laudetur Jesus Christus – gelobt sei Jesus Christus“, kam dann der Gruß des Eintretenden in dünner, sehr brüchig klingender Stimme.

„In aeternum. Amen – In Ewigkeit. Amen“, kam es zurück.

„Was hat dich nach  Pawlett geführt, mein Freund?“, erkundigte sich der alte Priester und schlurfte mühsam zum Altar hinüber, um die einzige Kerze zu entzünden. Fast war es, als wäre seit dem Eintreten des Hünen das dämmrige Licht in der Kirche noch um einige Nuancen schwächer geworden. Umständlich kramte der alte Mann nach den Feuersteinen und einem Stahl, dann schlug er mehrfach beides aneinander, ohne Erfolg.

Der Fremde nahm ihm schweigend beides aus der Hand, schlug Feuer, ließ den Funken auf etwas Zunder aus einem getrockneten Pilz fallen, den er aus seinem Habit hervorgeholt hatte, blies darauf und entzündete endlich die Kerze. Bei seinen routiniert wirkenden Bewegungen beobachtete ihn der alte Priester, und plötzlich durchzuckte ihn die Erkenntnis.

Im Licht der neu entzündeten Kerze hatte er den Blick auf das Gesicht des schwarzhaarigen Hünen gerichtet, und nun flüsterte er leise:

„Manius? Bist du das?“

Der Fremde schwieg und bemühte sich, den Priester nicht anzusehen.

„Manius, sag etwas! Nach all diesen Jahren! Wie ist es möglich? Alle haben dich hier vermisst, und es hieß, du wärst mit König Richard und den Kreuzfahrern nach Jerusalem gezogen und wolltest dort ...“

Der Fremde wandte sich langsam zu dem alten Priester, dessen magere Gestalt sich so sehr dem Boden zuneigte, dass er den Kopf schief halten musste, um zu dem Mann aufzusehen.

„Schade, Pater, dass Ihr mich erkannt habt. Ich war mir so sicher, dass sich niemand mehr an mich erinnern würde! Ich komme direkt aus Salisbury und habe den langen Weg auf mich genommen, weil ich meine Vergangenheit sehen wollte.“

Die Stimme des Fremden war fast nur ein Hauch in dem Kirchenraum, aber der alte Mann verstand sie gut.

„Manius, du bist es wirklich! Das freut mein altes Herz! Du erinnerst dich an deinen alten Lehrer Roderick, nicht wahr? Manius, ich bin so glücklich, dich noch einmal zu sehen! Komm in meine Arme, ich muss dich fühlen und hautnah spüren!“

Der Hüne schien zu zögern, wollte sich schon zum Gehen wenden, als ihm der alte Priester eine knöcherne Hand auf die Schulter legte.

„Was ist mit dir, Manius? Um der alten Zeiten willen, umarme mich und sei willkommen! Ich bin alt, aber mein Gehör ist noch sehr gut! Wenn ich auch deine Gestalt nur schemenhaft sehe, so erkenne ich doch deine Stimme! Und wie wohl mir das tut, Manius! Endlich bist zu zurückgekehrt! Zurück nach Hause!“

Der alte Priester breitete seine Arme aus, und zögernd erwiderte Manius diese Geste, spürte den alten, gebeugten und ausgemergelten Körper dicht an seinem. Einen kurzen Moment spürte er sogar durch seinen Habit das klopfende Herz des alten Priesters. Dann wanderten seine Hände an dem gebogenen Rücken hinauf bis zum Hals. Gleich darauf gab es in der eingetretenen Stille einen seltsamen, trockenen Knacklaut.

Pater Roderick sank in sich zusammen, aber Manius hielt ihn in den Armen, sodass er nicht auf den Boden rutschen konnte. Ein scheuer Blick des Hünen zum Eingang, dann nahm er den zerbrechlichen Körper des Alten auf und trug ihn behutsam in die Sakristei. Mit dem Fuß drückte er die Tür hinter sich zu und ging hinüber in die sich anschließende Behausung des Priesters.

In ihrer Nüchternheit erinnerte die Wohnung eher an eine Klosterzelle. Es gab nur ein einfaches Bett, einen kleinen Tisch und einen Schemel davor. Ein dunkles Habit hing an einem Holzhaken an der Wand, eine Tonschüssel mit Wasser stand auf dem Tisch zum Waschen.

Der Hüne legte den alten Priester so behutsam auf dessen Bett, als fürchte er, dass der Alte jeden Moment wieder erwachen würde. Einen Augenblick stand er vor ihm und betrachtete ihn mit unbewegter Miene, danach ging er hinüber zur Sakristei, drehte den großen Schlüssel in der Tür herum und kehrte in die Wohnung des Priesters zurück. Die Dämmerung hatte eingesetzt und warf ein diffuses Licht in den Raum, und die Strahlen der untergehenden Sonne malten bunte Kringel an die niedrige Zimmerdecke.

Manius ging zu dem winzigen Fenster, öffnete es und zog den Holzladen heran, um ihn von innen zu verriegeln. Danach schloss er das Fenster wieder, zog sich seinen Habit über den Kopf und begann damit, seinen kräftigen, muskulösen Oberkörper mit kreisenden Bewegungen zu waschen. Das Wasser aus der Schale ging dabei vollkommen drauf, lief an dem seltsamen Fremden herunter und bildete auf dem Fußboden kleine Lachen. Manius kümmerte sich nicht darum, nahm die auf der Bettstelle zusammengerollte Decke auf, wickelte sich hinein und legte sich vor dem Bett des Priesters auf den Fußboden.

Bereits nach sehr kurzer Zeit zeugten seine tiefen Atemzüge von seinem tiefen Schlaf. Wohl selten hatte ein Mörder friedlicher direkt neben seinem Opfer geschlafen. Erneut zeigte sein Gesicht anstelle des grimmigen Ausdruckes ein entspanntes Lächeln. Manius schien sich seiner Tat mit keinem Atemzug bewusst zu sein.

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2.

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Acair schob den geleerten Teller mit einem zufriedenen Seufzer etwas von sich weg und lächelte seine Frau an. Calum lächelte zurück, dann stand sie auf und ging hinüber zur Feuerstelle.

„Etwas von dem frischen Brot, Acair?“, erkundigte sie sich und drehte sich lächelnd zu ihrem Mann um. Das Lächeln verschwand schlagartig, als ein riesiger Schatten auf sie fiel. Sie zuckte zusammen, als der Mann einen Schritt durch die Tür machte und nun unmittelbar vor dem kleinen Holztisch stehen blieb, auf dem noch die Reste ihrer Mahlzeit standen.

Der Fremde schien den gesamten Raum auszufüllen, und das lag nicht nur an seiner ungewöhnlichen Körpergröße. Etwas, das eine unglaublich starke Präsenz bildete und die anderen Menschen förmlich von ihm zurückweichen ließ, ging von ihm aus.

„Dydh da – guten Tag!“, grüßte der Fremde in cornischer Sprache und fast grollend klingendem Tonfall.

„Dydh da! Fatla genes? – Guten Tag! Wie geht es dir?“, antwortete die Frau mit kaum hörbarer Stimme.

Der Hüne zog ihren niedrigen Hocker, den sie gerade verlassen hatte, mit dem Fuß zu sich heran, lehnte seinen gewaltigen Holzknüppel gegen den Tisch und setzte sich.

„Yn poynt da, meur ras – na gut, danke schön!“, lautete die Antwort des Fremden , und die beiden Hausbewohner wagten kaum, sich zu rühren, als ihr unheimlicher Gast die irdene Schüssel mit dem Gerstenbrei zu sich heranzog, mit dem Zeigefinger hineinfuhr und ihn dann anschließend genüsslich ableckte.

„Ja, ich wünsche guten Appetit!“, ließ sich Acair schließlich vernehmen. Seine Stimme war auf seltsame Weise heiser geworden. Zögernd erhob er sich und warf seiner Frau einen Blick zu. „Du bist uns natürlich willkommen, Mönch, iss und trink so viel du willst. Wir müssen aber zu unserer Arbeit zurück. Calum, kümmerst du dich bitte noch um unsere Kuh, bevor du auf das Feld kommst? Ich denke aber, das Kalb wird nicht vor morgen geboren werden.“

Die beiden verständigten sich über Augenkontakt und gingen fast gleichzeitig los. Calum machte ein paar vorsichtige Schritte vom Herd am Tisch mit dem Fremden vorüber zur Tür, ihr Mann versuchte es gleichzeitig auf der anderen Seite. Doch kaum hatten sie den Tisch passiert, fuhren die Arme des riesigen Mönches aus und krallten sich um ihre Handgelenke. Gleichzeitig zog er die beiden Verblüfften zu sich heran.

„Ihr bleibt hier!“, sagte er leise, aber mit drohendem Unterton. „Wir sind noch nicht fertig miteinander.“

„Lass uns los, wir müssen unsere Arbeit erledigen! Du kannst hier in Ruhe essen, wir haben noch nie einen Fremden abgewiesen!“, antwortete Acair ihm trotzig.

Doch der Griff lockerte sich nicht, als der Fremde nun seine unheimlich glühenden Augen auf den Bauern richtete.

„Ihr geht heute nirgendwo mehr hin, Acair, hast du mich verstanden?“

„Du kennst meinen Namen? Wer bist du?“

Der Mönch löste den Griff um sein Handgelenk, schlug die Kapuze zurück und starrte sein Gegenüber finster an.

„Habe ich mich so verändert, Acair, in den wenigen Jahren meiner Abwesenheit? Oder blendet dich deine Schuld, und du hast alles längst vergessen und verdrängt?“

Der Mann machte unwillkürlich einen Schritt zurück und starrte den Mönch mit angstvoll aufgerissenen Augen an. Langsam kam die Erinnerung zurück. Unwillkürlich fuhr seine Hand zu dem kleinen, dünnen Messer an seinem Gürtel, das er stets bei sich trug.

„Manius? Aber ... das ist doch ... unmöglich!“, stammelte er dabei.

„Warum? Hast du geglaubt, dass mich die Sarazenen töten würden? Es ist ihnen nicht gelungen, wie du siehst!“, antwortete der Fremde mit grollender Stimme.

Kaum hatte er ausgesprochen, als Acair einen Schrei ausstieß, sein Messer zog und damit auf Manius zusprang. Dessen Reaktion kam jedoch so schnell und hart, dass Calum noch nicht einmal sagen konnte, was eigentlich genau passiert war. Jedenfalls flog ihr Mann plötzlich nach hinten, schlug mit dem Körper gegen die Rückwand ihres Hauses und rutschte daran herunter, um dann regungslos und zusammengesunken dort halb aufgerichtet liegen zu bleiben.

Sie stieß einen Schrei aus, aber nun erhob sich der Mann im Habit der Mönche, zog sie mit unwiderstehlicher Gewalt an sich und sah ihr in die Augen. Calum ertrug diesen Blick nicht, sondern musste ihr Gesicht abwenden. Der Fremde griff mit der Linken in den Halsausschnitt ihres einfachen Gewandes und riss daran. Mit einem unangenehmen Geräusch zerriss der Wollstoff in seiner prankenähnlichen Hand. Anschließend fasste der Fremde sie mit beiden Händen um die Hüften, hob sie ein Stück hoch und setzte sie auf der Tischplatte ab.

Calum war kurz vor einer Ohnmacht, versuchte, sich aus dem Griff des Hünen zu befreien, zerrte vergeblich ihre Hände aus seinem eisernen Halt und schrie laut auf, als er gleich darauf in sie eindrang und begann, sie mit heftigen Stößen zu bearbeiten.

Ein heftiger Schmerz zog durch ihr Inneres und sie hatte das Gefühl, auseinandergeschnitten zu werden. Dunkelheit legte sich auf ihre Augen, sie sank in bodenlose Schwärze und spürte nichts mehr von dem Unhold, der sich an ihr verging. Aber ihr Erwachen wurde schrecklicher als der Moment ihrer Ohnmacht.

Stimmen drangen an ihr Ohr, und sie erkannte schließlich die wütende Stimme ihres Mannes.

„Du verfluchtes Schwein!“, schrie Acair. „Ich bringe dich um!“

Er zerrte an seinen Fesseln und musste feststellen, dass er hilflos an Händen und Füßen gefesselt auf dem Fußboden seines Hauses lag. Zum Greifen nahe steckte zwischen den groben Holzdielen seines Hauses sein kleines, aber sehr scharfes Messer. Doch es war für ihn unerreichbar, denn der Fremde hatte seine Hände auf den Rücken gefesselt und mit einem zusätzlichen Strick die Armen mit den Beinen verbunden, sodass der Bauer sich kaum bewegen konnte.

Neben ihm lag seine Frau auf dem Fußboden, offenbar nicht gefesselt, aber vollständig unbekleidet. Und als er den Kopf hob, musste er erkennen, dass der vorgeblich Mönch auf ihr lag und ihre Hände auf den Boden presste.

„Acair – hilf mir!“, flüsterte sie ihm zu, als sie erkannte, dass er die Augen geöffnet hatte.

„Ja, Acair, komm und hilf Calum! Versuch es, so wie ich es damals versucht habe, Acair! Du erinnerst dich doch hoffentlich?“

Bei diesen Worten schrie Calum auf, denn der Fremde hatte ihre Beine erneut auseinandergerissen und bewegte sich gleich drauf rhythmisch auf und ab.

„Nein, lass sie in Ruhe, sie hat damit nichts zu tun!“, schrie Acair und versuchte, sich trotz seiner Fesseln aufzubäumen.

„Du hast die gleiche Chance, die ich damals hatte, als du das Glenn angetan hast! Bemühe dich ein wenig, du hast genügend Zeit, Acair! Niemand wird uns stören, und ich verspreche dir, so lange zu bleiben, bis zu das Messer erreicht und dich von den Fesseln befreit hast!“

Calum schrie erneut auf, und Acair bewegte seinen Körper in kurzen Windungen, die ihm seine Fesselung ermöglichte. Während der Fremde noch immer in seinen Bewegungen fortfuhr und das Schreien seiner Frau langsam in Schluchzen und Weinen überging, hatte er es geschafft, griff mit den Zähnen das Messer und zog es aus dem Holz. Das war keineswegs leicht, denn der Hüne hatte es tief hineingerammt. Doch Acair hielt es in den Zähnen und beugte sich nun etwas vor, um damit an seine Fußfesseln zu gelangen.

„Nein, nein, nein!“, schrie Calum in diesem Augenblick, und fassungslos musste Acair erleben, wie sich ihr Körper unter dem Riesen aufbäumte, ihr Kopf hochschnellte und wieder zurückfiel. Und noch immer hörte der Mann nicht auf. Seine rhythmischen Stöße schienen eher noch schneller zu werden, und das Schluchzen der Frau ging in ein auf- und abschwellendes Stöhnen über, schließlich in ein Keuchen, das immer heftiger wurde und dann wieder in ein langgezogenes Stöhnen überging.

Der Bauer bog sich mit dem Messer im Mund vor und begann, die Stricke an seinen Füßen damit zu erreichen, aber seine Bemühungen waren vergeblich, es gelang ihm nicht, auch nur einen kleinen Einschnitt zu machen. Und als seine Frau erneut zu schreien begann, öffnete er in einem Würgreiz seine Zähne und ließ dabei das Messer fallen.

Plötzlich war alles still.

Acair traute sich kaum, den Kopf zu heben, als er erkannte, dass der Fremde vor ihm stand.

„Wie fühlt sich das an, Acair? Du hast jetzt eine Ahnung, wie ich mich gefühlt habe, als du mir meine Glenn genommen hast.“

„Aber, Manius, das war ... etwas vollkommen anderes ... deine Mutter und deine ... ihr alle ...“

„Sprich es ruhig aus, Acair, aber bekenne dich zu deiner Schuld! Heute ist der Tag der Abrechnung gekommen, und du wirst für alles bezahlen!“

„Nein, nicht, Manius, ich habe ... ich habe schwere Schuld auf mich geladen, das stimmt ... aber die Zeiten damals ... und die Anklage ...“

„Wer hatte denn alles in Bewegung gesetzt, damit es zur Anklage kam, Acair?“, kam die grollende, tiefe Stimme des Hünen.

„Ich nicht, ich ganz bestimmt nicht! Das war ... das war Girogair, du musst mir glauben ... er allein ...“, stammelte der Bauer, als Manius vor ihm in die Knie ging und ihn mit seinen glühenden Augen musterte.

„Du bist ein erbärmlicher Feigling, Acair, aber das ist jetzt auch egal!“

Mit diesen Worten beugte sich der Mann im Habit eines Mönches über den Gefesselten, der erst jetzt das große Messer in dessen Händen erkannte. Ein doppelter Schrei klang in dem kleinen Haus auf, Calum hatte den Kopf gehoben, um zu sehen, was mit ihrem Mann geschah.

Acair stieß einen grässlichen Schmerzensschrei aus, als das Messer herunterfuhr und ihm glühendheiß in das Fleisch schnitt.

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3.

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Am späten Nachmittag dieses Tages ging Girogair von der Feldarbeit nach Hause. Er hatte ein tüchtiges Stück von dem neuen Land bearbeitet, und der Ochse hatte sich als wahres Muster eines Arbeitstieres erwiesen. Schon mit dem ersten grauen Streifen am Horizont hatte er das Tier vor den Pflug gespannt, und jetzt, als die Sonne schon ziemlich tief stand, spürte Girogair zwar jeden einzelnen Knochen im Leib, aber er war mit der Tagesleistung überaus zufrieden.

Als er den Ochsen über die schmale Dorfstraße trieb, warf er unwillkürlich einen Blick zum Haus seines Bruders. Doch Acair und Calum schienen noch nicht zurück zu sein, was nicht weiter verwunderlich war. Sein Bruder wollte heute den vollkommen zugewachsenen Graben neu ausheben, damit das Wasser wieder bis zu den weiter entfernten Feldern fließen konnte. Es war ein Glücksfall, dass sie damals diese Felder zugesprochen bekamen, und für einen flüchtigen Moment dachte er an das damalige Geschehen. Doch sofort beanspruchte der Ochse erneut seine ganze Aufmerksamkeit, denn das Tier wollte zum Dorfbrunnen, um dort seinen Durst zu stillen.

„Nein, Dummkopf, wir gehen nach Hause, dort hast du Wasser, Futter und deinen Stall!“, sprach er zu dem Tier und bog in den kleinen Pfad ab, der zu seinem Anwesen führte. Girogair war unverheiratet geblieben, was er ebenfalls auf den damaligen Hexenprozess zurückführte. Ja, das war nicht ganz in seinem Sinne verlaufen, denn die schöne Glenn hätte er zu gern vor dem Scheiterhaufen gerettet. Aber das war nicht möglich, denn schließlich beruhte der gesamte Prozess auf seinen und Acairs Aussagen.

Sie hatten berichtet, wie Glenn, von ihrer Schwiegermutter angelernt, mehrfach das kranke Vieh geheilt hatte und dabei seltsame Rituale vollführte. So verbrannte sie eines der kranken Schafe völlig zu Asche und mischte diese unter das Futter für die anderen Tiere. Sie hatte damit sogar Erfolg, jedenfalls erkrankte keines der anderen Tiere mehr. Aber dafür wurde eine Milchkuh krank und starb bereits nach zwei Tagen unter erbärmlichem Blöken. Glenn war damals mit ihrer ebenfalls erkrankten Schwiegermutter beschäftigt und konnte nicht kommen.

Glenn! Bei dem Gedanken an die blonde, schlanke Frau und ihre wohlgeformten Glieder seufzte Girogair tief auf. Es war eine Schande, eine so schöne Frau auf dem Scheiterhaufen verbrennen zu sehen. Aber warum hatte sie ihn auch so brüsk abgewiesen? Was wäre denn dabei gewesen, ihn gewähren zu lassen, als er mit der Hand unter ihren Rock fuhr, als die junge Frau gerade dabei war, den Stall der toten Kuh auszumisten und mit Räucherwerk alle schlechten Gerüche zu beseitigen? Sie war vielleicht zu heftig in ihrer Abwehr, als sie ihm einen Tritt zwischen die Beine versetzte und aus dem Stall floh. Dafür wollte sich Girogair nur rächen, als er sie in der Nacht darauf überfiel und alles nachholte, was sie ihm im Stall verweigert hatte.

Er musste auflachen. Wie hatte sich die schöne Glenn unter ihm gewunden und gesträubt, aber es hatte alles nichts genutzt.

Und als Manius von seiner Reise nach Plymouth zurückkehrte und alles erfuhr – da war es bereits zu spät. Er hatte sich mit dem Priester besprochen und ihm von den Hexenkünsten Glenns berichtet und dabei auch gebeichtet, dass er seine Lust an ihr gestillt hatte. Aber das war nicht seine Schuld! Die Hexe hatte ihn geblendet und er war ihr willenlos ausgeliefert.

Dann kam alles in Gang, der Büttel wurde gerufen, die Zeugen gehört, und als die Beweise zusammengetragen waren ...

Girogair zuckte zusammen. Eben hatte er den Ochsen in den Stall geführt und dort angebunden, ihm Wasser und Futter gegeben und war zu seinem Haus gegangen, als ein großer Schatten ihn aufschrecken ließ. Ungläubig riss er seine Augen auf. Das war doch gar nicht möglich! Gerade noch hatte er das Gesicht von Manius vor sich gehabt, der mit einem Aufschrei nach der Urteilsverkündung zusammengebrochen war. Und jetzt ...

„Nein, das ist nicht möglich!“, sagte er mit heiserer Stimme und streckte die Hände abwehrend aus.

Doch der schwarzhaarige Riese griff ihn an beiden Händen und zog ihn in das Innere des Hauses.

„Du hast mich also erkannt, Girogair, das freut mich!“, sprach er mit seiner tiefen, grollenden Stimme, die dem Bauern einen kalten Schauer über den Rücken laufen ließ.

„Manius! Du bist zurück aus dem Morgenland? Komm, setz dich zu mir, leiste mir Gesellschaft und erzähle mir ...“, plauderte Girogair rasch drauf los. Es war fast, als würden die Worte aus seinem Mund nur so herausplätschern, um den unheimlichen Gast zu beschwichtigen.

„Judas Ischariot, deine Stunde ist gekommen!“, grollte der Riese und schob den Bauern auf einen der lehnenlosen Stühle.

„Manius, du tust mir Unrecht, warum nennst du mich Judas?“, keuchte der Bauer unter dem schmerzhaften Griff des Riesen.

„Wie nennst du denn einen Verräter, der Menschen aus seiner Nachbarschaft der Hexerei bezichtigt, der Frau seines Nachbarn und Freundes Gewalt antut und schließlich die Geschändete und die Mutter des Freundes der Hexerei bezichtigt und dem Büttel ausliefert?“

Die Augen unter der Kapuze des Mannes funkelten auf geradezu irre Weise und schienen den jungen Bauern förmlich zu durchbohren.

Girogair drehte und wand sich unter dem schmerzhaften Griff, erreichte damit aber nichts. Eher im Gegenteil, denn Manius verstärkte seinen Druck noch.

„Was willst du von mir?“, keuchte der Bauer und machte noch einen kläglichen Versuch, sich zu befreien.

Doch Manius antwortete nicht. Vielmehr riss er die Arme seines Gegners nach hinten, schlug einen Strick um dessen Gelenke und fesselte ihn gleich darauf so stark, dass die Haut aufplatzte und die Stellen bluteten.

„Weißt du, wie Judas Ischariot gestorben ist?“, dröhnte die Stimme des Riesen dicht an seinem Ohr.

„Er ... er hat sich im Tempel aufgehängt!“, antwortete der Bauer mit brüchiger Stimme.

„Richtig. Und das wird auch dein Ende sein, allerdings nicht in einem Tempel und schon gar nicht in der Kirche. Dort befindet sich schon Roderick, der alte Priester. Du weißt schon, wie er damals auf deine Anklage und deine angebliche Beichte reagiert hat. Spätestens beim Eintreffen des Büttels hättest du widerrufen sollen.“

„Nein, du irrst dich, Manius! Ich ... ich habe nur ...“

„Was?“, schrie ihn der Riese mit Donnerstimme an, während er gleichzeitig ein großes Messer unter seinem Habit hervorzog. „Was hast du nur?“

„Ich bitte dich, Manius, ich werde ... ich werde alles bekennen ... und was von eurem Eigentum noch vorhanden ist, sollst du alles zurückerhalten! Ich ... werde alles bekennen! Am Sonntag, morgen, in der Kirche, wenn du es verlangst, Manius!“

„In der Kirche? Nein, Girogair, dort ist gerade Pater Roderick dabei, alles zu bekennen. Du bleibst in deinem Haus. Jetzt mach dich bereit, vor deinen Schöpfer zu treten!“

Ein lang gezogener und abrupt endender Schrei gellte durch das kleine Haus.

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4.

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Morgan zügelte seinen Rappen Blane und drehte sich im Sattel zu Boyd und Shawn um, die gleich darauf an seiner Seite hielten. Beide zeigten von der Anstrengung des Rittes ein gerötetes Gesicht und sprangen aus dem Sattel, als ihnen Morgan ein Zeichen gab.

„Seltsam ruhig hier für einen Montagmorgen“, bemerkte Shawn und führte seinen Esel am Strick zu dem Dorfbrunnen.

„Wie wir unschwer an den wenigen Häusern abzählen können, ist Pawlett nur ein sehr kleiner Ort. Aber mit einer großen Vergangenheit“, erklärte Morgan, während sein Knappe schon bemüht war, an der Kurbel einen Holzeimer mit Wasser heraufzuziehen und ihn gleich darauf in die Tränke neben dem Brunnen zu schütten. Während er ihn wieder herunterließ, waren die Reittiere bereits dabei, gierig zu saufen.

„Den halben Vormittag sind wir von Dartmoor geritten“, antwortete Morgan und warf einen prüfenden Blick auf die Umgebung. „Aber heute brennt die Sonne doch kräftig herunter und laugt einen schnell aus. Leider gibt es hier keine Schenke, wo wir ein angenehm kühles Bier erhalten können.“

„Dafür aber eine prächtige Kirche!“, antwortete Boyd mit leichtem Sarkasmus. Morgan kannte seinen Knappen gut genug, um ihn ob dieser Bemerkung nicht zurechtzuweisen. Er hatte ja auch recht, für die Größe des Ortes war es eine geradezu gigantische Kirche, die man hier aus den grauen Feldsteinen der Umgebung errichtet hatte.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924879
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
schwert schild morgan löwenritter band mörder mönch

Autor

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Titel: Schwert und Schild – Sir Morgan, der Löwenritter Band 37: Mörder und Mönch?