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Finale für Trevellian

2018 130 Seiten

Leseprobe

Finale für Trevellian

Krimi von Horst Friedrichs


Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.


Jesse Trevellian ist ein Ermittler in New York. Er kämpft unbeirrt gegen das Verbrechen und die organisierte Kriminalität. Auch wenn er von einem Sumpf aus Korruption und Lüge umgeben ist, versucht er einen geraden Weg zu gehen. Denn die Schicksale der Opfer lassen ihn nicht los... Trevellian lässt nicht locker. So lange es auch dauern mag, am Ende findet er die Mörder...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author / COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




1

Sie arbeiteten in Gruppen. Schleppten Kisten und Zinksärge. Auch versiegelte Plastikbeutel mit dem Aufdruck New Yorker Hospitäler. Und sie stapelten den Tod am Rand der Gruben. Pete Warden trug den letzten Armvoll Plastikbeutel aus der Baracke herüber. Überbleibsel von Operationen, Amputationen.

Die drei anderen aus der Gruppe C hatten begonnen, Kisten und Särge in die Grube zu kippen. Jock Fuller. Percy Rodriguez. Cal Mitchum.

Der Uniformierte schlenderte von ihnen weg, Hände auf dem Rücken. Der Hartholzknüppel pendelte an der Lederschlaufe am Mittelfinger seiner rechten Hand. Im offenen Holster wippte der schwere Smith&Wesson bei jedem Schritt.

»Gleich rein mit dem Zeug«, sagte Percy Rodriguez, als Warden herankam.

Pete Warden nickte, beugte sich vor, um die Beutel hinabzuschleudern. Dabei achtete er nicht auf Cal Mitchum, der hinter ihm war.

Und Warden begriff nicht den Ursprung des jähen stechenden Schmerzes in seinem Rücken. Ihm blieb keine Zeit mehr, zu begreifen. Denn der Schmerz währte nur einen Atemzug — den letzten Atemzug in Wardens Leben.

Zusammen mit den Plastikbeuteln stürzte er vornüber in das Massengrab.

Fuller, Rodríguez und Mitchum griffen nach den Schaufeln, warfen frische Erde nach, wie es die Vorschrift verlangte.


2

Die Gürtelreifen meines Sportwagens zermalmten einen Pappkarton, drückten ihr Profil in einen Packen aufgeweichte Illustrierte und ließen eine leere Plastikflasche zerplatzen, deren Etikett von flauschig-weicher Wäsche schwärmte.

An der Bordsteinkante fand mein roter Flitzer Ruhe.

Ich stieg aus.

Die Quelle des Unrats befand sich zwei Fahrzeuglängen weiter. Ein rostiger Großcontainer, für den Sperrmüll aus dem Viertel um die East Tremont Avenue bestimmt. Eine Horde Halbwüchsiger turnte durch den Behälter, johlend vor Vergnügen. Konservendosen und leere Milchtüten schwirrten als Wurfgeschosse durch die Gegend. Einer hatte die Fragmente eines Fahrrads entdeckt und versuchte, das Stahlgerippe zwischen zerfledderten Matratzen und geborstenen Sprungfederrahmen hervorzuzerren.

Ich schloß den Sportwagen sorgfältig ab.

Ein sommersprossiger Jeans-Schlaks ließ den Müllcontainer im Stich, schlenderte heran und baute sich mit Kennermiene vor der langen Motorhaube auf. Ich schätzte ihn auf fünfzehn Jahre, wenn sein Gesichtsausdruck auch eher der eines Dreißigjährigen war.

»Bin Parkwächter, Sir«, sagte er und deutete mit einer lässigen Handbewegung auf das Areal zwischen Bürgersteig und Fahrbahnmitte.

Ich grinste ein bißchen.

»Wie ist dein Stundenlohn, Partner?«

»Einen Grünen im voraus, Sir.«

»Erst die Arbeit, dann der Zaster«, konterte ich und trat an ihm vorbei. »Ist der Wagen noch heil, wenn ich zurückkomme, können wir das Geschäft noch mal durchsprechen.«

Er zog ein langes Gesicht, fand aber keine Widerworte.

Ich ging an dem Container-Spielplatz vorbei, wich einer sirrenden Blechdose aus und entdeckte im schmutziggrauen Einerlei der Häuserfront das Gebäude mit der Nummer 828. Im Erdgeschoß befand sich ein Radiogeschäft, dessen verstaubte Schaufensterauslage noch die vorletzte Modellreihe aus der Funk- und Fernsehbranche anpries. Wie in New York üblich, war das Schaufenster durch Stahlgitter gesichert. Überhaupt gelten Erdgeschoßfenster ohne Gitter bei uns geradezu als Einladung für Langfinger.

Neben der Eingangstür des Radioladens war die Haustür, die zu den Wohnungen führte. Auf das verwitterte Türholz hatte ein künstlerisch Angehauchter per Lacksprühdose die Ziffern 828 gemalt, knallgelb, verschnörkelt und einen Yard hoch.

Ich betrat den Hausflur, ohne die Klingelschilder zu studieren. Ich wußte, daß Heather Williams im dritten Stock wohnte. Wir hatten telefoniert. Das Girl erwartete mich.

Ich kniff die Augen zusammen, um mich an das Halbdunkel zu gewöhnen. Irgendwo im Haus kochte jemand eine Suppe, deren Hauptbestandteile Zwiebeln, Knoblauch und Chili sein mußten. Nicht mal unangenehm, der Geruch. Nur der jahrzehntealte Mief, der im Flur lastete, paßte nicht dazu.

Es gab einen Lift, der aus den Anfängen der Fahrstuhltechnik stammen mußte. Ich mochte mich dem altersschwachen Ding nicht anvertrauen und steuerte auf die Treppe zu. Ein halbwüchsiger Boy und ein noch jüngeres Girl, die verschlungen und schmatzend auf den untersten Stufen hockten, wichen nur widerwillig beiseite.

Ich murmelte einen flüchtigen Dank und nahm zwei Stufen auf einmal. Altes Holz knarrte protestierend unter meinen Ledersohlen. Im ersten Stock liefen sämtliche Fernsehgeräte mit mehr als Zimmerlautstärke. Ich hörte die knallharten Dialoge der neuen Krimiserie, die CBS-TV jeden Mittwoch um sechs ausstrahlt. Im zweiten Stock krachten Schüsse, und Querschläger heulten so schön schrill, wie man es in der Wirklichkeit nie erlebt. Dann war ich rechtzeitig im dritten Stock, um noch mitzubekommen, wie ein weibliches Wesen dem Krimihelden mit rauchiger Stimme verlockende Angebote ins Ohr flüsterte.

Heather Williams hatte den Fernseher nicht eingeschaltet. Und sie öffnete nicht selbst, nachdem ich zweimal anhaltend geklingelt hatte.

Weil ich ihren Freund kannte, und weil sie sich garantiert keinen Butler leisten konnte, witterte ich Unangenehmes.

Denn der Drahtige, der mich durch den Türspalt anlinste, war nicht Heathers Freund. Und ihr Butler schon gar nicht.

»Verschwinde, Mann!« bat er unhöflich, ohne die Sicherungskette zu lösen.

Ich stellte meine linke Ledersohle in den Türspalt.

»Deshalb habe ich mich nicht herbemüht, Bruder«, sagte ich lächelnd, zupfte das handtellergroße Lederding aus der Tasche, klappte es auf und hielt es ihm hin.

Ich brauchte ihm nicht zu erklären, was der metallene Adler bedeutete. Seine dunklen Knopfaugen wischten unstet vom FBI-Emblem zu meinem Gesicht und zurück. Dann drehte er den Kopf halb nach rechts.

»Hier ist einer vom FBI!« rief er so betont beiläufig, als sei ich der Milchmann mit der Monatsabrechnung.

Von drinnen brummte eine Baßstimme Unverständliches.

Ich war im Begriff, die Geduld zu verlieren.

»Sorry, Sir«, schnarrte der drahtige. Türöffner jedoch in plötzlichem Stimmungsumschwung. Beinahe dienstbeflissen löste er die Sicherungskette und ließ mich eintreten. Dann wollte er die Tür wieder schließen.

Ich nahm ihm diese Arbeit ab.

»Vorwärts«, befahl ich unmißverständlich.

Er schluckte, denn er begriff, daß ich ihn nicht im Rücken haben wollte. Aber er gehorchte, marschierte bereitwillig in Richtung Wohnzimmer.

Ich kannte die Wohnung, war schon mal hiergewesen. Alles andere als ein Palast. Aber Sauberkeit und Ordnung zeigten, daß Heather Williams selbst dieser primitiven-Altbau-Bleibe noch etwas Positives abzuringen vermochte.

Heather saß in einem der alten Ohrensessel, die sie erst vor wenigen Wochen mit neuem Möbelcord hatte bespannen lassen. Das Girl begrüßte mich mit einem Lächeln, das unecht wirkte. Vielleicht weil ich es so empfinden wollte.

Denn der Typ, der sich ihr gegenüber auf dem Sofa breitgemacht hatte, paßte ebensowenig zu ihrem Bekanntenkreis wie der Drahtige, der sich jetzt schnurstracks in den noch freien Sessel begab. Der Bursche auf dem Sofa war absolut keine Schönheit. Über seinem gedrungenen Oberkörper thronte ein breites Teiggesicht, dessen Blässe noch von strähnigem fahlblondem Haar und grauen Fischaugen betont wurde.

»Hallo, G-man«, sagte Teiggesicht mit seiner Baßstimme, »hoffe, das Auge des Gesetzes stört sich nicht an unserer kleinen Wiedersehensfeier.« Er deutete auf Flaschen und Gläser, die auf dem Tisch standen. Dann sah er mich aus kalten Augen an und grinste herausfordernd. »Trinken Sie einen mit?«

Ich antwortete nicht darauf.

»Was ist los, Heather?« fragte ich knapp.

Sie lächelte erneut. Wieder gekünstelt, wie mir schien. Ihr langes dunkles Haar, das bis auf die Schultern fiel, wirkte unordentlich an diesem Tag. Und ich hatte das komische Gefühl, daß sie sich in dem engsitzenden Jeansanzug nicht sehr wohl fühlte.

Heather hob in einer verlegenen Gebärde die Schultern und ließ die Hände auf die wohlgeformten Oberschenkel fallen.

»Ja, wissen Sie, Mr. Trevellian… es kam ganz unverhofft…«

»Wir sind einfach so reingeplatzt«, fiel ihr Teiggesicht ins Wort, »hatten geschäftlich in der Bronx zu tun und dachten, sehen wir mal nach, ob die Adresse von der guten alten Heather noch stimmt! Wir hatten Glück, wie Sie sehen, G-man. Heather war total aus dem Häuschen, als wir plötzlich vor der Tür standen. Stimmt’s?«

Er beugte sich vor und blickte das Girl eindringlich an.

»Ja, ja…«, erwiderte Heather mit dünnem Lachen.

»Alte Freunde?« fragte ich. »Schulfreunde«, verbesserte Teiggesicht, »muß an die fünfzehn Jahre her sein, daß wir uns zuletzt gesehen haben.«

»Er auch?« Ich deutete auf den Drahtigen, der unwillkürlich den Kopf zwischen die Schultern zog, dann aber sofort ein maskenhaftes Grinsen aufsetzte.

»Klar, Mann«, antwortete Teiggesicht stellvertretend für seinen Komplizen.

»Okay«, entgegnete ich breit, »das reicht jetzt, Freunde. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder ihr verschwindet, oder Heather geht mit mir. Überlegt’s euch schnell. Ich verplempere meinen Tag nicht mit Sprücheklopfen.«

Die beiden starrten mich an. Teiggesichts Fischaugen wurden noch kälter. Deutlich, wie es hinter seiner Stirn arbeitete.

»He, G-man«, protestierte er dann, »ist mir zwar schleierhaft, was Heather mit Ihnen zu tun hat. Aber so einfach seh’ ich die Sache denn doch nicht. Mit welchem Recht wollen Sie uns rausschmeißen? Los, Heather, sag’ was dazu!«

Sie faltete verkrampft die Hände, als sie mich ansah.

»Ja, also… Mr. Trevellian, ich weiß auch nicht recht…«

»Sehen Sie!« rief Teiggesicht eifrig. »Heather würde es ganz und gar nicht passen, gute alte Freunde vor die Tür zu setzen. Oder gibt es einen besonderen Grund, weshalb Sie mit ihr reden wollen? Läßt sich das nicht verschieben?«

Mir wurde es zu bunt.

Ich durchschaute die Kerle bis auf die Knochen. Genaugenommen war ich gerade im richtigen Moment gekommen. Möglich, daß ich das Schlimmste verhütet hatte. Die Kerle hatten nicht mit mir gerechnet. Und sie hatten offensichtlich keine Order, die ganz harte Tour abzuziehen. Deshalb versuchten sie, sich leise weinend zu verdrücken. Aber die Masche mit der alten Freundschaft war so billig, daß ich es fast für Hohn halten mußte.

Ich wollte von der Tür weg, um die Typen hinauszuscheuchen.

Plötzlich war die Bewegung hinter mir. Ich hörte es nicht, spürte es nur.

Blitzartig reagierte ich, warf mich zur Seite. Trotzdem um eine Zehntelsekunde zu spät.

Ein scharfes Zischen. Dann ein dumpfer Schlag, der auf meiner rechten Schulter detonierte. Der Schmerz durchzuckte mich bis in die Kniekehlen. Und durch die Wucht des Hiebes geriet ich ins Stolpern.

Dennoch versuchte ich, herumzuwirbeln, in die Defensive zu gehen.

Aber der bis eben noch unsichtbare Dritte nutzte seinen Vorteil rasant und unübertrefflich.

Noch mitten in der Bewegung traf mich der zweite Hieb. Es war ein greller Schmerz, der vom Hinterkopf ausging und meinen Schädel zu sprengen schien.

»Verdammter Idiot!« hörte ich Teiggesicht noch fauchen.

Dann spürte ich nichts mehr, wurde von watteweicher Schwärze aufgenommen.


3

Der Feuerball, der dem westlichen Horizont entgegensank, warf einen dunkelroten Schimmer auf die leicht gekräuselte Wasserfläche des Long Island Sound.

Die Brise war frischer geworden, verwehte nun auch den Geruch, der in der Sonnenglut schwer und drückend über der Insel gelastet hatte.

Verwesungsgeruch!

Eine Trillerpfeife gellte von den Baracken her.

Die Männer im grauen Drillichzeug richteten sich auf, stützten sich auf die Griffe der Schaufeln, an deren blankem Stahl noch Reste von feuchter Erde klebten.

»Gruppe C abmarschbereit«, meldete Jock Fuller, der älteste der vier.

Der uniformierte Aufseher baute sich breitbeinig vor ihnen auf, die Hände mit dem Hartholzknüppel auf dem Rücken. Der Schirm seiner Dienstmütze ruhte auf der Nasenwurzel, und die harten, unbestechlich wirkenden Augen lagen im Schatten. Sein Blick glitt über die Gesichter der Sträflinge.

Jock Fuller — groß, breitschultrig, Einheits-Stoppelschnitt. Zwölf bis 15 Jahre wegen bewaffneten Raubüberfalls und Mordversuchs; zehn Jahre abgesessen.

Percy Rodriguez — Puertoricaner, schlank, zäh wie eine Raubkatze. Die kurzgeschorenen schwarzen Haare paßten schlecht zu seinem schmalen, gebräunten Gesicht. Seit sechs Jahren hatte er sich an den Gefängnis-Standardputz gewöhnt; noch mindestens vier Jahre mußte er wegen räuberischer Erpressung absitzen.

Cal Mitchum — Texaner, schlaksig, einsneunzig groß, strohblond, Vietnam-Veteran. In New York City hatten ihn die Cops erwischt, als er »Gras« im Wert von 500 000 Dollar an den Mann zu bringen versuchte. Fünf von acht Jahren hatte Mitchum hinter sich. Wie Fuller und Rodriguez könnte auch er nicht auf vorzeitige Entlassung wegen guter Führung hoffen. Im Stadtgefängnis von New York gehörten die drei zum harten Kern jener Schwerverbrecher, denen die Polizei selbst dann noch nicht traute, wenn sie in sicheren vier Zellenwänden hockten.

Und Pete Warden.

Der Aufseher kniff für einen Moment die Augen zusammen, als er Warden musterte.

Der athletische, dunkelhaarige Mann wirkte an diesem Feierabend nervöser als sonst. Seine Miene war verkniffen, und in seiner Körperhaltung lag etwas Gespanntes, Aggressives.

Der Aufseher schrieb das den besonderen Umständen zu. Er kannte die Gründe nicht, weshalb Warden schon vor drei oder vier Tagen versucht hatte, sich in eine andere Gruppe versetzen zu lassen. Tatsache war, daß er sich in der Nähe von Fuller, Rodriguez und Mitchum unwohl fühlte. Was vorher völlig anders gewesen war. Die vier hatten sich bestens verstanden. Immerhin paßte Warden mit seinen zwölf bis 15 Jahren wegen Erpressung und Mordversuchs hundertprozentig in das Quartett. Der Aufseher beschloß, zukünftig das Verhalten der Burschen genauer zu beobachten.

Er konnte nicht ahnen, daß dieser Entschluß verspätet war und deshalb wirkungslos bleiben würde.

Er bemerkte auch nicht, daß Warden erleichtert auf atmete, als er den Blick von ihm wandte.

»Abmarsch!« kommandierte der Uniformierte und deutete mit dem Schlagstock auf die Baracke, in der die Gerätschaften untergebracht wurden.

Minuten später versammelten sich die fünf Gruppen auf dem Platz zwischen den im Karree aufgebauten Baracken.

Zehn bewaffnete Aufseher standen zwanzig Sträflingen gegenüber.

Noch einmal wurde die Vollzähligkeit überprüft.

Alles stimmte.

Kein Grund, den Dienstschluß zu verschieben.

Pünktlich um 18.30 Uhr rollte der dunkelgrüne Bus mit Sträflingen und Aufsehern zum Fähr-Anleger von Hart Island. Der Gefängnis-Bus war die einzige Fracht des Fährschiffes, das ebenfalls genau nach Zeitplan lostuckerte. Nichts war anders als an jedem Werktag.

Und doch.

Zurück blieb die öde, unbewohnte Insel, die in ihrer kühlen Erde das tödliche Geheimnis barg.

Mit der beginnenden. Abenddämmerung fielen graue Nebelschleier über Hart Island, die Toteninsel.

Leute, die vorzugsweise in Superlativen zu denken pflegten, bezeichneten Hart Island als das größte Massengrab der Welt. Namenlos und vergessen waren die Toten, die dort, vor der Mündung des East River in den Long Island Sound, ruhten.

Tramps, die ihr Leben in dreckigen Häuserruinen ausgehaucht hatten.

Arme, die in erbärmlichen Buden gestorben waren und keine Angehörigen hatten, die für ein ordentliches Begräbnis zahlen konnten.

Verbrecher, von der Unterwelt hingerichtet oder in Feuergefechten mit der Polizei unterlegen, aus stillen Hafenbecken gefischt oder aus düsteren Hinterhöfen weggekarrt.

Dann noch die makabren Überbleibsel aus dem Tagewerk der New Yorker Hospitäler: amputierte menschliche Glieder und sonstige Operationsreste, säuberlich verpackt in Holzkisten oder Plastikbeuteln.

Mehr als 650 000 Tote, so hieß es, waren in den vergangenen hundert Jahren auf Hart Island begraben worden — mit dem amtlichen Bestätigungsschein der New Yorker Stadtverwaltung.

Und seit hundert Jahren waren es Sträflinge, die die Arbeit auf Hart Island verrichteten.

Segeljachten und Motorkreuzer, die von den vielen Bootshäfen der Nachbarinsel City Island ausliefen, zogen stets einen weiten Bogen um Hart Island.

Die vegetationsarmen grauen Erdhügel der Insel waren wie ein häßlicher Fremdkörper im Long Island Sound.


4

Vier oder fünf Schmiedegesellen wuchteten in dröhnendem Stakkato ihre Vorschlaghämmer auf ein glühendes Stück Eisen.

Das glühende Stück war mein Kopf.

So kam es mir jedenfalls vor.

Dann hörte ich einen gellenden Schrei, der die Vorschlaghämmer übertönte.

Ich riß die Augen auf und begriff.

Meine Bewußtlosigkeit konnte nur wenige Sekunden gedauert haben — viel weniger, als die Kerle einkalkuliert hatten.

Der Drahtige zerrte Heather aus dem Sessel hoch.

Teiggesicht versetzte ihr eine brutale Ohrfeige.

Der Schrei des Girls erstarb.

Der dritte Kerl, der mir das Ding mit dem Pistolenknauf verpaßt hatte, war nicht zu sehen.

Ich schüttelte Schmerzen und Benommenheit ab wie ein Hund die nasse Dusche.

Mit einem Satz war ich auf den Beinen.

Teiggesicht und sein Kompagnon registrierten meine Rückkehr aus der Schwärze erst jetzt.

Der Drahtige ließ das Girl los, wich beiseite und wollte unter die Jacke langen.

Ich ließ meine Beinmuskeln explodieren.

Noch im Sprung feuerte ich die Handkante ab, traf auf den Punkt und schaffte blitzschnell Klarheit.

Der Drahtige sackte klaglos zusammen, gab mir Platz, um meinen Sprung abzufangen und federnd hochzukommen.

Teiggesicht wollte Heather packen, sie an sich reißen.

Ich vereitelte ihm die niederträchtige Geiseltaktik.

Gnadenlos setzte ich abermals meine Handkante ein, schmetterte sie dem Burschen auf den Unterarm.

Er brüllte vor Schmerzen wie ein angestochener Stier. Sein rechter Arm hing kraftlos herab, als er rückwärts gegen den Tisch wankte. Flaschen und Gläser klirrten zu Boden. Aromatischer Bourbon-Whisky feuchtete die Scherben an.

Heather reagierte prächtig. Sofort nachdem Teiggesicht zwangsweise seinen Griff gelöst hatte, hastete sie aus meiner Reichweite, floh über den Bewußtlosen hinweg ins Nebenzimmer.

Ich wirbelte herum, als Teiggesicht sein Gleichgewicht wiederfand. Er brüllte nicht mehr, stieß sich statt dessen mit schmerzverzerrtem Gesicht von der Wand neben dem Sofa ab. Weil seine Rechte nutzlos geworden war, versuchte er, mit der Linken unter die linke Achselhöhle zu greifen. Ein mühseliges Unterfangen.

Ich zerstörte ihm die letzte Illusion innerhalb von einem Atemzug.

Er gab den verschraubten Griff nach der Waffe auf, riß abwehrend den linken Arm hoch. Eine klägliche Deckung.

Ich durchbrach sie mit einem Aufwärtshaken, der mit ungebremster Gewalt auf den Punkt traf.

Teiggesicht wuchs ein paar Inches an der Wand hoch. Sein breites Gesicht wurde erschreckend weiß, und da war etwas, das seine Augäpfel von innen nach außen drücken wollte.

Aber er schien ungeahnte Nehmerqualitäten zu besitzen. Jäh stieß er einen heiseren Wutschrei aus, schüttelte sich und holte mit der gesunden Linken aus.

Ich unterlief den wilden Schwinger mühelos und kam zum zweitenmal mit einem Uppercut durch. Sofort danach schlug ich ihm meine Linke aufs Zwerchfell.

Es gab ihm den Rest. Seine Reserven waren schlagartig erschöpft. Mit weit aufgerissenem Mund kippte er auf mich zu. Nur Hoch ein Gurgeln drang aus seiner Kehle. Dann verdrehte er die Augen, und ich wußte, daß er Zuflucht im Traumland gesucht hatte.

Rechtzeitig fing ich ihn auf und bettete ihn rücklings auf den Fußboden. Im Handumdrehen hatte ich ihn und den Drahtigen von ihrer stählernen Last gesäubert. Eine schwere Beretta und eine handlichere Bernardelli kamen zum Vorschein. Die Beretta schob ich in den Hosenbund, die Bernardelli legte ich auf den Tisch. Dann löste ich die Handschellen vom Gürtel und verpaßte sie Teiggesicht.

Ich richtete mich auf, sah mich um.

Heather Williams tauchte in! der Tür vom Nebenraum auf.

»Der andere ist nicht mehr in der Wohnung«, sagte sie rasch. Sie hatte sich halbwegs von dem Schock erholt.

»Eine Wäscheleine«, forderte ich, »oder ein Stück Schnur.«

Heather nickte, rannte in die Küche auf der anderen Seite des Flurs und kehrte nach drei Sekunden mit einer grünen Plastikleine zurück.

Ich verschnürte die Handgelenke des Drahtigen damit.

Heather starrte mit zornblitzenden Augen auf die beiden Bewußtlosen.

Ich drückte ihr die Bernardelli in die Hand und deutete auf das Telefon.

»Rufen Sie das nächste Revier der City Police an! Ich bin so schnell wie möglich zurück. Wie sieht der Kerl aus?«

»Er trägt einen cremefarbenen Nesselanzug mit aufgesetzten Taschen«, antwortete Heather typisch weiblich. Und dann ging sie rückwärts zum Telefon, ohne die Gangster aus den Augen zu lassen.

Ich hastete hinaus, kickte die Wohnungstür mit dem Absatz ins Schloß und nahm drei Treppenstufen auf einmal. Unten flankte ich mit einem letzten Satz auf den Boden des Korridors. Der Jüngling und sein anschmiegsames Girl zogen erschrocken die Köpfe ein.

Langsamer schob ich mich auf den Hauseingang zu. Mechanisch griff ich unter das Jackett, zog die Dienstwaffe.

Mit einem Ruck riß ich die Tür auf.

Und wir blickten uns haargenau in die Augen.

Er wartete am Bordstein, hockte hinter dem Lenkrad eines hellblauen Dodge Challenger, dessen Motor lief.

Ich sprintete los, als der Typ im Nesselanzug die Schrecksekunde überwand.

Die Maschine des Dodge brüllte auf; kreischend protestierten die Hinterreifen gegen den jähen Kraftaufwand.

Ich kam um einen Sekundenbruchteil zu spät. Vor mir wischte das Heck des Wagens davon, als ich den Bordstein erreichte.

Ich ruckte herum, wollte die Dienstwaffe in Anschlag bringen.

Der Dodge fegte mit einem Affenzahn die East Tremont Avenue hinunter.

Kinder flohen schreiend auf den Bürgersteig. Nur zehn, zwanzig Yard entfernt kletterte eine Schar Halbwüchsiger erschrocken aus einem Autowrack am Fahrbahnrand.

Ich ließ den Revolver sinken. Ich durfte keine Unbeteiligten gefährden. Jeden Atemzug mußte ich damit rechnen, daß mir eines der Kinder in die Schußlinie lief.

Resignierend schob ich den Kurzläufigen zurück ins Schulterholster.

Irgendwo in der Nähe heulten Sirenen durch die Straßenschluchten. Heather hatte die Cops alarmiert.

Der sommersprossige Schlaks schlenderte auf mich zu, hielt mir einen zerknitterten Zettel hin, auf den er etwas mit Bleistift gekritzelt hatte.

»Das Kennzeichen, Sir.« Er deutete mit einer Kopfbewegung in die Richtung, in die der Dodge verschwunden war. »Verwendung dafür?«

Ich mußte lächeln, nahm den Zettel und zupfte eine Ein-Dollar-Note aus der Tasche.

Der Junge verstaute den Schein mit einem geschickten Griff unter seinem zerschlissenen Polohemd.

»Ihr Sportwagen bleibt okay«, sagte er grinsend und lief zurück in Richtung Müllcontainer.

Nur wenige Blicke folgten mir, als ich wieder das Haus betrat. Jedes Kind in New York City kennt heute den Anblick von Polizeibeamten mit gezogenen Revolvern.

Das Sirenengeheul nahte heran, als ich zum drittenmal an dem Pärchen auf den Treppenstufen vorbeimußte. Die beiden schickten mir mißbilligende Blicke nach, ließen sich dann aber nicht mehr stören.

Teiggesicht war noch bewußtlos, als ich oben ankam. Nur der Drahtige war inzwischen erwacht. Mit flackernden Augen starrte er auf die eigene Bernardelli, die Heather auf ihn gerichtet hielt.

Erleichtert gab das dunkelhaarige Girl mir die Waffe zurück. Heather wich beiseite, ließ sich in den Ohrensessel sinken. Ich konnte es ihr nachempfinden, daß sie jetzt weiche Knie verspürte.

Unten auf der Straße erstarb das Sirenengeheul. Autotüren klappten zu. Dann eilige Schritte.

»Von mir hörst du kein Wort, Bulle!« zischte der Gangster zähneknirschend.

»Habe ich dich irgend etwas gefragt?« entgegnete ich höflich.

Er preßte wütend die Lippen aufeinander und schwieg.

Ich wußte von vornherein, daß es sinnlos war, die Kerle jetzt auszuhorchen. Unsere Vernehmungsspezialisten im FBI-Distriktgebäude würden sich mit ihnen beschäftigen. Aber ich rechnete von vornherein nicht damit, daß viel dabei herauskam. Die Burschen waren geimpft, würden ihren Anwalt verlangen und nur noch dann den Mund aufmachen, wenn es ihnen erlaubt wurde. Ihre Identität würden wir feststellen; und über unsere V-Leute fanden wir vielleicht auch heraus, für wen sie arbeiteten. Mehr war nicht zu erwarten.

Und was den Auftraggeber der Gangster betraf, hatte ich ohnehin meine düsteren Ahnungen.

Die Cops stürmten in die Wohnung. Ein Sergeant und ein junger Patrolman.

Ich zeigte meine ID-Card und bat die uniformierten Kollegen, die Gangster vorerst in Gewahrsam zu nehmen, bis sie von einem Fahrzeug des FBI-Distrikts abgeholt wurden. Dem Sergeant übergab ich den Zettel mit dem Autokennzeichen. Er versprach, die Fahndung nach dem Dodge sofort in die Wege zu leiten. Auch davon war nicht viel zu erhoffen. Wir wußten, daß der Wagen vermutlich in den nächsten Stunden irgendwo auf einem Parkplatz gefunden wurde, um dann von der Liste der gestohlenen Fahrzeuge gestrichen zu werden.

Teiggesicht erwachte und verdrehte niedergeschmettert die Augen, als er die dunkelblauen Uniformen der Cops erblickte. Die beiden Beamten stellten die Gangster auf die Beine und bugsierten sie fachmännisch hinaus.

Ich hatte Zeit, die Beule auf meinem Hinterkopf zu betasten. Erst jetzt wurde mir bewußt, daß mein Schädel noch immer dröhnte. Die Anspannung der letzten Minuten hatten mich die Schmerzen vergessen lassen.

Heather wollte aufspringen.

»Ich werde Ihnen kalte Umschläge machen!« rief sie bestürzt.

Ich wehrte mit einer Handbewegung ab.

»Bleiben Sie, wo Sie sind. Die Beule sieht schlimmer aus als sie ist.« In der Tat hatte ich Glück gehabt. Wahrscheinlich war ich der vollen Wucht des Hiebes doch noch entgangen. Deshalb auch nur die kurze Bewußtlosigkeit.

Ich nahm den Telefonhörer von der Gabel, wählte die Nummer des FBI-Distrikts und ließ mich mit dem Chef verbinden. Im Telegrammstil informierte ich ihn.

»Es wird nicht bei diesem einen Versuch bleiben«, sagte Jonathan D. McKee, nachdem ich geendet hatte, »wir müssen die Verantwortung für Heather Williams übernehmen. Reden Sie mit ihr darüber und fahren Sie los! Ich rufe Sie per Funk.«

»Sie denken an Paula, Sir?«

»Allerdings, Jesse. Nur die Einzelheiten muß ich noch klären.«

Den Hörer am Ohr, warf ich einen Blick zu Heather.

»Wichtig ist der Termin im Stadtgefängnis, Sir. Die Zeit wird knapp, fürchte ich.«

Heather erwiderte meinen Blick und nickte langsam, kaum merklich.

»Ich rufe bei der Gefängnisverwaltung an«, sagte der Chef, »Sie brauchen sich nicht darum zu kümmern. Konzentrieren Sie sich darauf, Miss Williams sicher aus der Bronx wegzubringen.«

Ich legte auf.

Heather blickte mich noch immer an. Ihre Augen waren groß und voller Angst.

»Diese gemeinen Kerle…« murmelte sie tonlos, »sie hätten mich verschleppt, um… um Pete unter Druck zu setzen.« Ich nickte, tastete noch einmal über meine schwellende Beule.

»Warum sind Sie auf den Blödsinn mit der Wiedersehensfeier eingegangen, Heather?«

Sie hob mit einer hilflosen Gebärde die Hände.

»Was sollte ich tun? Es war so, Mr. Trevellian: Die Männer klingelten an der Tür und benahmen sich ziemlich höflich. Sie behaupteten, eine Nachricht von Pete aus dem Gefängnis zu bringen. Ich bin darauf hereingefallen — wahrscheinlich, weil ich mir soviel Gedanken um Pete mache. Als sie dann erst mal in der Wohnung waren, legten sie die Karten auf den Tisch. Sie sagten mir klipp und klar, daß sie mich brauchten, um Pete zur Vernunft zu bringen. Ein paar Minuten später klingelte es wieder. Sie waren an der Tür, Mr. Trevellian. Ich sagte nichts davon, daß wir verabredet waren.«

»Und?« '

»Der, der bei mir im Wohnzimmer geblieben war, kam auf die Idee mit dem Freundschaftsbesuch. Ich weiß nicht, was er sich davon versprach. Aber er sagte, daß es Mittel und Wege gäbe, Pete fertigzumachen. Da würden ihm selbst die dicksten Zellenwände im Gefängnis nichts nützen. Also sollte ich gefälligst parieren oder das Syndikat würde andere Seiten aufziehen.«

Ich zupfte meine Zigarettenschachtel aus der Tasche, bot Heather eine Camel an, gab ihr Feuer und versorgte mich selbst.

»Pech«, sagte ich, »wir hätten eher reden sollen.«

Heather senkte den Kopf.

»Ich weiß. Ich hätte mich nicht so lange sträuben dürfen. Aber Sie müssen das verstehen. Ich wollte Pete nicht in Konflikte bringen. Ich dachte einfach, es wäre besser, wenn ich mich aus allem heraushalte.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Heather, Sie sind der einzige Mensch, zu dem Pete Warden Vertrauen hat. Weil er sie liebt. Und das Syndikat weiß das.« Sie hob den Kopf.

»Aber was kann ich denn jetzt noch tun? Ich fürchte, jetzt kann ich weder Ihnen noch Pete helfen…«

»Darum geht es vorläufig nicht, Heather. Ich muß Sie in Sicherheit bringen. Sie dürfen nicht hierbleiben.«

»Wie stellen Sie sich das vor? Wollen Sie mich in einen Bunker stecken? Selbst das würde wohl nicht viel nützen. Es gibt keinen Ort, an dem man vor dem Syndikat sicher ist.«

»Wollen Sie sich gleich eine Kugel durch den Kopf jagen?« fragte ich rauh.

Heather blickte mich erschrocken an. Ihre Mundwinkel zuckten.

»Wie reden Sie mit mir? Was habe ich Ihnen getan?«

»Nichts. Ich wehre mich mir dagegen, daß Sie sich selbst in Panik bringen. Wir werden nämlich alles für Sie tun, was in unseren Kräften steht. Und das ist verdammt keine Phrase.«

»Entschuldigen Sie«, murmelte Heather, »meine Nerven… aber es geht schon wieder. Ich stehe zu meinem Entschluß.«

Ich bat sie, die notwendigsten Sachen zu packen.

Zehn Minuten später verließen wir die Wohnung in der östlichen Bronx.

Ich konnte Heather nicht sagen, wann sie hierher zurückkehren würde. Praktisch konnte ich ihr nicht einmal versprechen, daß sie überhaupt jemals zurückkommen würde.

Eine Tatsache, die wie bittere Galle in mir hochstieg.

Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen.

Auf geheimen Kanälen — von der Gefängnisverwaltung zum FBI — war durchgesickert, daß Pete Warden sich mit dem Gedanken trug, auszupacken. Seine Aussage als Kronzeuge hätte den entscheidenden Schlag gegen das Syndikat bedeutet, für das er früher gearbeitet hatte.

Wir hatten nachgehakt — ebenfalls unter strengster Geheimhaltung. Aber Warden war.wankelmütig geworden, hatte seine Entscheidung widerrufen. Offenbar wußte er nicht, ob er den Schutzmaßnahmen vertrauen sollte, die wir für Kronzeugen ergreifen. Und er hatte Angst um Heather, das Girl, mit dem er sich damals verlobt hätte, wenn das FBI ihn nicht geschnappt hätte.

In einem Gefängnis läßt sich nichts verheimlichen. Das ist eine saure Pille, die wir mit unserer Berufserfahrung immer wieder schlucken müssen.

Daß die Gangster bei Heather Williams aufgekreuzt waren, machte es erschreckend deutlich:

Das Syndikat wußte von Pete Wardens Plänen.

Nach langem Zögern hatte sich Heather bereiterklärt, uns zu helfen. Sie wollte Pete Zureden, wollte ihn gemeinsam mit mir davon überzeugen, daß eine Aussage für ihn das Beste sein würde.

Und ich dachte nicht daran, vorzeitig aufzugeben.


5

Das Zwielicht der Abenddämmerung fiel durch vergitterte Fenster, vereinigte sich mit dem schon eingeschalteten kalten Neonlicht und bewirkte eine deprimierend düstere Atmosphäre, Die wandhohen Bücherregale breiteten einen Geruch von Papier und Staub aus. Insgesamt gab es vier Regale: zwei an den Längswänden, zwei freistehende in der Mitte. Dazwischen schmale Gänge, erhellt von schattenlosem Neonlicht. In jedem Gang eine simple Trittleiter, mit deren Hilfe man die oberen Buchreihen erreichen konnte.

Greg Lytton fühlte sich albern in dieser Umgebung. Teufel, wann hatte er das letzte Mal ein Buch gelesen! Damals, in der Schulzeit noch. Und das war ein Buch über Footballtechniken gewesen. Anschließend nur noch Comics, Illustrierte, Magazine.

Lytton war der einzige in der Bibliothek des Stadtgefängnisses von New York. Der Bücherwurm — so nannten die Sträflinge den Verwalter — saß vorn in seiner Kabine aus schlag- und schußfestem Sicherheitsglas. Von dort überblickte er alle drei Gänge zwischen den Regalen.

Zielstrebig steuerte Greg Lytton auf die äußerste rechte Regalreihe zu, wo sich die Literatur über die Geschichte des amerikanischen Bürgerkrieges befand.

Idiotenkram, dachte Lytton, sich mit so einem Gemetzel abzugeben, das mehr als hundert Jahre zurückliegt!

Aber er hatte seine Instruktionen erhalten, hatte wochenlang die Lagepläne studiert und kannte praktisch jeden Quadratmeter im Stadtgefängnis. Auch die Bibliothek. Jeden Abend ein Buch über den verdammten Bürgerkrieg. Zehn Minuten vor dem Abendessen. Danach Lesen bis um Mitternacht. Lytton fluchte innerlich, wünschte sich einen Portable-Fernseher oder einen Packen Sexmagazine. Aber nichts dergleichen gab es in seiner Einzelzelle.

Er stieg auf die Trittleiter, konzentrierte sich krampfhaft auf die Buchtitel, die er nicht mehr auswählen durfte. Sie hatten ihm eine Fotokopie der Bibliotheks-Karteikarte besorgt. Die hatte er auswendig gelernt. Mordsarbeit, das.

Lytton entschied sich nach minutenlangem Suchen für ein blau eingebundenes Buch mit dem Titel »Best Photos of the Civil War«. Er blätterte es kurz durch, sah, daß es zu 90 Prozent aus Reproduktionen alter Fotos bestand. Immerhin. Viel Bilder, wenig Text. Das war gerade noch annehmbar.

Lytton klemmte sich das Buch unter den Arm, stieg die Leiter hinunter und marschierte auf die Glaskabine zu. Es wurde Zeit. In fünf Minuten würde die Klingel zum Abendessen schrillen.

Er schob das Buch in eine Schiebemulde, ähnlich wie bei der Kassenbox einer Bank.

Der Bücherwurm war ein grauhaariger Mann, der die Uniform der Aufseher trug. Er zupfte eine Karteikarte aus einem länglichen Holzkasten, zückte einen Kugelschreiber und trug den Buchtitel ein.

Lytton linste durch das Sicherheitsglas und stellte fest, daß es sich tatsächlich um die Karte handelte, deren Kopie er auswendig gelernt hatte. Hatten prächtige Arbeit geleistet, die Verbindungsleute.

Der Bücherwurm hob den Kopf und lächelte matt, als er den Fotoband zurückschob. Seine Stimme klang gedämpft durch den Sprechschlitz.

»Vertrauliche Mitteilung von der Direktion, Warden… Morgen nach Dienstschluß kriegen Sie Besuch. Ihr Girl mit Begleitung. Sie wissen schon.«

Ja, er wußte.

Trotzdem traf es Lytton wie ein Schock. Geradezu noch rechtzeitig riß er sich zusammen, um seinen Schreck nicht zu zeigen. O verdammt, morgen schon! Und überhaupt… irgendwas könnte da nicht stimmen. Lytton zwang sich, die Gedanken zu verscheuchen.

»Ja, gut«, krächzte er so beiläufig wie möglich.

»Der Besuch findet wie üblich nach Dienstschluß statt«, sagte der Bücherwurm noch, »damit es nicht auffällt. Die Direktion will Sie unter keinen Umständen aus dem Arbeitseinsatz herausnehmen, Warden. Alle anderen würden wittern, daß etwas im Busch ist.«

»In Ordnung«, nickte Lytton, schnappte sich das Buch und verließ die Bibliothek.

Geistesabwesend passierte er die beiden Sicherheitsschleusen, die von Aufsehern betätigt wurden, die mit Maschinenpistolen bewaffnet waren.

Immerhin, eine erste Information konnte er ganz nebenbei liefern. Der Bücherwurm war die geheime Verbindung zwischen Pete Warden und der Gefängnisverwaltung.

Aber das erschien jetzt mehr als nebensächlich.

Je weiter sich Lytton ins Nachdenken über die Nachricht steigerte, desto mehr gerieten seine Sinne in Alarmstimmung.

Dann wurde er abgelenkt. Er hatte eben noch Zeit, das Buch in seine Zelle zu werfen, als die Klingel zum Essen durch die Blocks schrillte.

Mit den anderen baute sich Lytton auf dem Gang vor den Zellentüren auf, wartete geduldig auf das Zeichen zum Abmarsch und setzte sich im Speisesaal auf den Platz, der für Pete Warden vorgesehen war. Links und rechts neben ihm die anderen: Fuller, Rodriguez, Mitchum.

Lytton wußte, daß er sich im Ernstfall auf die drei verlassen konnte. Aber er mußte sich hüten, ein unbedachtes Wort mit ihnen zu wechseln. Eigentlich durfte er nur so wenig wie möglich mit ihnen reden. Es erübrigte sich ohnehin. Sie hatten ihre Instruktionen, wußten über jede Einzelheit Bescheid.

Während des Essens hielten Fuller, Rodriguez und Mitchum mit den übrigen Männern am Tisch eine angeregte Unterhaltung über das bevorstehende Baseball-Spiel im Madison Square Garden in Gang. Auf diese Weise vermieden sie es, daß Lytton direkt angesprochen wurde. Nur ab und an brauchte er beiläufige Bemerkungen vom Stapel zu lassen.

Eine halbe Stunde später folgte der Rückmarsch in die Zellen.

Als die Tür zuklappte und die automatische Verriegelung einrastete, war Lytton froh, endlich allein zu sein — allein mit sich und den bohrenden Gedanken.

Den Anweisungen entsprechend, schaltete er die Leselampe ein, klappte das Buch auf, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und legte das Kinn in die Hände. Er sah die altertümlichen Schwarz-weiß-Fotos und sah sie doch nicht.

Nach einer Weile gelang es Lytton endlich, seine Überlegungen zu sortieren. Er gewann einen klaren Kopf, und das erfüllte ihn mit neuem Selbstvertrauen.

Der Zeitplan war hinfällig,Völlig klar. Daran gab es nichts mehr zu rütteln.

Fest stand außerdem, daß der Besuch des Girls platzen mußte. Lytton wußte, daß ihm wahrscheinlich alle die Rolle abkaufen würden. Nur die Puppe nicht. Sie kannte die Feinheiten. Da nützte es nichts, daß er Warden wie ein Zwillingsbruder ähnlich sah.

Okay, sie hatten ihm gesagt, daß das Girl auf jeden Fall aus dem Verkehr gezogen werden sollte. In der Beziehung sollte es keine Schwierigkeiten geben. Aber damit war wohl nichts.

Lytton lachte leise und verbittert vor sich hin.

Nein, er konnte nicht Däumchen drehen und darauf hoffen, daß sich die geheime Mitteilung des Bücherwurms als ein Windei erweisen würde. Wenn die Puppe morgen abend hier im Jail antanzte, durfte Pete Warden nicht mehr da sein.

Etwas war schiefgegangen.

Greg Lytton dachte nicht daran, das auszubaden. Er wollte es nicht darauf ankommen lassen, daß seinetwegen noch mehr schiefging. Da mußte er eben einen eigenen Entschluß fassen, auch wenn das nicht vorgesehen war. Auf keinen Fall konnte er sich an den Zeitplan halten und erst nach zehn Tagen untertauchen.

Die Sache mußte schon morgen steigen.

Fuller, Rodríguez und Mitchum waren dann ganz einfach gezwungen, mitzuspielen.


6

Die Dunkelheit hatte die Straßen der Bronx leergefegt.

Die wenigen Gestalten, die sich noch auf den Bürgersteigen bewegten, beherrschten die Szene. Lederjacken, Pelzjacken, Jeans-Streetgangs, die ihre Reviere kontrollierten: Automatenspielbuden, Kneipen, Kinos. Leute, die um diese Zeit noch in der Bronx unterwegs sein mußten, nahmen ihr eigenes Auto oder ein Taxi. Wer sich zu Fuß ins Freie wagte, riskierte sein Portemonnaie. Oder mehr.

Unsere Abfahrt war problemlos verlaufen.

Ich warf einen Blick in den Rückspiegel und bog von der East Tremont Avenue in die Westchester Avenue ab. Da waren keine Scheinwerfer, die uns folgten. Noch nicht.

Heather saß schweigend neben mir auf dem Beifahrersitz. Sie hatte die Arme verschränkt, schien zu frieren. Ihr kleiner Kunstlederkoffer lag auf dem Rücksitz.

Der Verkehrsfluß auf der Westchester Avenue war mäßig. Ich änderte in Minutenabständen das Tempo, nahm Gas weg, zog den Sportwagen nach rechts, als wollte ich eine Parklücke ansteuern. Dann beschleunigte ich wieder. Das Spiel wiederholte ich ein paarmal und spähte dabei laufend in den Spiegel.

Aber nichts deutete darauf hin, daß die Gangster schnell genug reagiert hatten, um das Girl nicht aus den Augen zu verlieren. So sehr ich mich auch anstrengte, konnte ich doch keine Lichtpunkte von Scheinwerfern entdecken, die beharrlich hinter uns blieben.

In Höhe der 169. Straße gab ich die Zuckelei auf und fuhr zügig weiter in Richtung Harlem River.

Noch ehe wir Manhattan erreichten, flackerte das Lämpchen meines Sprechfunkgeräts auf.

Mit der Rechten langte ich an Heathers Knien vorbei, klinkte das Mikro aus und meldete mich. Der Kollege in der Funkzentrale des FBI-Distriktgebäudes verband mich mit dem Chef.

Details

Seiten
130
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924862
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v453268
Schlagworte
finale trevellian

Autor

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Titel: Finale für Trevellian