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Schicksalsroman Doppelband 001

2018 250 Seiten

Leseprobe

Schicksalsroman Doppelband 001

Dieses Buch enthält folgende Romane:


G. S. Friebel: Sie suchte das aufregende Leben

G. S. Friebel: Tränen in den Auen eines Kindes


Dr. Lester Barten hasst die Frauen, denn er wurde von einer schwer enttäuscht und verletzt. Seine äußeren Narben kann er fast verdecken, doch seine inneren nicht. Aus diesem Grund ist er auch nicht für das Werben der Krankenschwestern in der kleinen Privatklinik von Professor Sondberg empfänglich. Seine Liebe und Fürsorge gilt den todkranken Kinder und besonders der kleinen Britta!

Doch dann begegnet er Annelie Bergström, die auch Schweres hat durchmachen müssen.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Sie suchte das aufregende Leben


von G. S. Friebel


Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.


Elvira ist siebzehn und findet das Kleinstadtleben spießig. Heimlich verlässt sie ihr Elternhaus und trampt nach Hamburg in der Hoffnung, dort mehr Spaß zu haben. Kurz nach ihrer Ankunft gerät sie ins Dirnenviertel und in ihrer Naivität begreift sie nicht, warum ihr Albert einen Job in seiner Kneipe anbietet. Viel zu spät erkennt sie, dass er ein brutaler Zuhälter ist und sie nur gefügig machen will, um sie auf den Strich zu schicken. Als Elvira von ihm schwanger wird, setzt sie ihn unter Druck, sie zu heiraten nun nimmt das Unheil seinen Lauf …


1

Elvira Schlieven war siebzehn Jahre alt, als sie von zu Hause wegging. Sie hatte das Leben in einem gutbürgerlichen Haushalt einfach satt. Elvira nannte so etwas »spießig«. Und sie war doch nur einmal jung und schön und lustig. Sie wollte die Welt und das Leben kennenlernen. Es machte ihr nichts aus, dass sie ihre Banklehre unterbrach. Über Nacht verschwand sie aus dem Leben ihrer Familie.

Der Vater war Richter in einer Kleinstadt. Es gab ein ungeheures Aufsehen. Zuerst versuchte man, es zu vertuschen; suchte bei den Freundinnen und Verwandten nach Elvira. Aber sie tauchte nicht auf. Sie hatte auch keinen Brief hinterlassen, sodass man gewusst hätte, wohin sie gegangen war. Elvira hatte auch keinen Freund gehabt, das wussten die Eltern ganz genau. Mit dem wenigen Geld, das sie sich vom Taschengeld abgespart haben musste, war sie auf und davon.

Tagelang weinte die Mutter. Elvira war ja ihre einzige Tochter, und sie kannte das Leben zur Genüge. Vor allem hatte sie Elvira bewahren wollen, aber vielleicht war das gerade falsch gewesen. Junge Menschen lassen sich einfach nicht bevormunden.

Was keiner wissen konnte, war, dass Elvira nach Hamburg gegangen war, per Anhalter. Und man konnte wirklich von Glück sprechen, dass das bezaubernde Mädchen nicht schon im Auto belästigt worden war. Ein älterer Mann hatte sie mitgenommen. Er erfuhr bald ihre ganze, kleine Lebensgeschichte. Und da er selbst eine Tochter zu Hause hatte, versuchte er ihr klarzumachen, dass es besser sei, wieder zurückzukehren.

»Nein«, sagte sie, »Ich will nicht mehr zurück! Daheim verstehen sie mich einfach nicht.«

»Hast du es denn mit ihnen versucht?«

»Das brauche ich gar nicht«, meinte sie schnippisch. »Ich weiß das auch so. Wenn ich nicht alles tue, was Mutti befiehlt, dann sind beide sauer. Ich hasse das Leben in dieser Kleinstadt.«

»So! Und was hast du jetzt vor?«

»Ich will nach Hamburg. Sie fahren doch nach Hamburg?«

»Ja«, knurrte er.

Sie sah ihn groß an. »Sie sagen das so böse! Tut es Ihnen vielleicht leid, dass Sie mich mitgenommen haben?«

Der Mann starrte auf die nasskalte Straße. »Gar nichts hätte ich tun sollen«, fluchte er. »Du bist kindisch und dumm, jawohl! Und das schreib dir mal hinter dein hübsches rosa Öhrchen: Du wirst bald nach Mama und Papa flennen, o ja! Und ob sie dich dann noch haben wollen, das ist dann eine ganz andere Frage.«

»Nein, das werde ich nie!«, antwortete sie hitzig. »Nie!«

»Ich bin froh, dass du nicht meine Tochter bist.«

Dieser Satz kränkte sie doch ein wenig, und sie dachte: Er hat ja überhaupt keine Ahnung. Wie oft habe ich Bekannte sagen hören: Wir beneiden Sie, Frau Schlieven, um ihre hübsche Tochter. Ja, das hatte sie oft genug gehört. Und jetzt sagte dieser dumme Mensch, er wäre froh, sie nicht zur Tochter zu haben.

Eine Weile saß sie stumm in ihrer Ecke und wollte ihn damit strafen, dass sie nicht mehr sprach. Aber der Mann bemerkte es nicht einmal. Er hatte einen anstrengenden Tag hinter sich und war froh, bald zu Hause zu sein. Der Regen gab ihm den Rest. Quietschend zogen die Scheibenwischer ihre Bahn über die Scheibe. Das Fahren wurde noch anstrengender.

»Sind wir bald in Hamburg?«, unterbrach sie das Schweigen.

»Ja, bald. Sei ohne Sorge, du wirst noch alles sehen.«

Elvira war wirklich müde und außerdem wütend auf den Mann. Aber sie war froh gewesen, dass sie zu so später Stunde noch mitgenommen worden war. Ausgerechnet heute musste es regnen. Hätte der Regen nicht bis morgen warten können?

Weiter kam sie nicht mit ihren Gedanken. Denn jetzt tauchten die Millionen Lichter von Hamburg auf. Der ganze Himmel über der Stadt war hell erleuchtet. Ein herrlicher Anblick! Das war doch wirklich etwas anderes als die kleine, triste Stadt, aus der sie kam.

An der Helgoländer Allee endete die Fahrt mit dem Laster.

»Du musst hier aussteigen. Ich muss runter zum Hafen und entladen. Die sollen nicht merken, dass ich jemanden mitgenommen habe. Das sehen sie nicht gern.«

Elvira nahm ihren Rucksack und wollte aussteigen.

»Danke«, quetschte sie noch zwischen den Zähnen hervor. Schließlich entstammte sie einem guten Elternhaus.

Er hielt sie zurück.

»Hör zu, Kleine! Hier in der Nähe befindet sich eine Jugendherberge. Dort kannst du billig übernachten. Jeder kann dir von hier aus den Weg zeigen. Wenn du klug bist, gehst du dort hin. Dort bist du sicher.«

Sie sah ihn mit ihren großen, ausdrucksvollen Augen an.

»Danke«, sagte sie noch einmal. »Ich werde es mir merken, ich bedanke mich.«

»Keine Ursache«, brummte der Mann.

Dann wurde die Tür zugeschlagen und der große Laster schaukelte langsam um die Ecke und war gleich darauf verschwunden. In diesem Augenblick fühlte sich das Mädchen so richtig allein. Sein Herz schlug bis zum Hals. Es hatte einfach Angst!

Da stand Elvira nun auf der Straße; und der Regen drang bald in die Kleidung. Das wurde allmählich sehr unangenehm. Und dann wusste sie auch noch nicht, wo sie diese Nacht verbringen sollte. Zur Jugendherberge würde sie auf alle Fälle nicht gehen, dort gingen nur Kinder hin. Sie war schließlich schon siebzehn Jahre alt.

Mit den Freundinnen hatte sie so oft über Hamburg gesprochen. Hier war alles möglich. Hier sollte man auch sofort Arbeit und ein Zimmer finden. Wenn man fleißig war, dann konnte man sehr schnell aufsteigen, zumindest viel höher als bei einer so langweiligen Arbeit wie auf der Bank.

Aber all ihre Überlegungen brachten sie in diesem Augenblick nicht sehr viel weiter. Sie musste jetzt endlich etwas unternehmen. Mit den hundert Mark in der Tasche würde sie nicht weit kommen.

Vorsichtig ging sie auf der regennassen Straße weiter. An jeder Ecke gähnte ihr eine dunkle Gasse entgegen, und sofort liefen ihr kalte Schauer über den Rücken. Natürlich hatte sie auch schon gehört, dass es hier ein schlechtes Viertel gab. Davon sprach man eben nicht, flüsterte höchstens darüber, wenn sich keine Jugendlichen in der Nähe befanden.



2

Elvira hatte überhaupt keine Ahnung von Hamburg, und so bemerkte sie auch nicht, dass sie genau diesem Viertel zustrebte. Sie wunderte sich darüber, dass sich plötzlich so viele Leute auf der Straße befanden. Dass dies in der Hauptsache junge Mädchen waren, bemerkte sie nicht einmal.

Aber die Dirnen bemerkten sie sofort und musterten sie mit schrägen Augen. An der Kleidung und dem Rucksack erkannten sie sofort, dass sie von auswärts kam. Das Hascherl hatte sich wohl verlaufen, war also keine Konkurrenz.

Tapfer ging Elvira weiter, immer den Rucksack an sich gepresst. Der Regen ließ ihre Haare strähnig herunterhängen, und betrübt dachte sie: Ich sehe bestimmt fürchterlich aus. So bekomme ich nirgends Arbeit.

Elvira befand sich am Hafenstrich, und das war so das Gemeinste und Gewöhnlichste in Hamburg.

Und dann wurde sie angesprochen.

»He, Vogelscheuche, wo willst du denn hin?«

Erschrocken blieb sie stehen und wandte langsam den Kopf zur Seite. Ein junges Mädchen, nicht viel älter als sie selbst, kam mit wiegenden Hüften näher. Wie konnte Elvira auch wissen, dass dieses Mädchen vor gar nicht langer Zeit selbst aus dem Hinterland gekommen war, sich aber jetzt hier ganz heimisch fühlte. Sie gab sich sogar recht wichtig und baute sich vor Elvira auf.

»Ja, dich hab ich gemeint. Was willst du hier? Hau ab, das ist hier keine Gegend für Babys. Geh zu Mama zurück und lass dir die Nuckelflasche wiedergeben. Du flennst ja schon, weil du dich verlaufen hast!«

So eine Rede hatte das junge Mädchen noch nie gehört. Und weil im Augenblick nicht viel los war, kamen die anderen kleinen Dirnen näher, stellten sich um sie herum und grinsten sie an. Das war mal eine kleine Abwechslung bei diesem Hundewetter.

Entgeistert starrte Elvira in jedes der verlebten Gesichter, dazu presste sie ihre Habseligkeiten noch mehr an sich.

»Die glaubt, wir klauen ihr die Sachen«, grölte eine große Dirne los.

Alle lachten und schlugen sich auf Schenkel.

»Nein«, stotterte Elvira hastig. »N…n…nein, das ist es doch nicht.«

»Wo willst du denn hin, Kleine? Wir sind ja nicht so. Hast dich also verlaufen und jetzt weißte nicht mehr, wo der Bus steht, was?«

»Bus?«, echote sie verwundert. »Welcher Bus?«

»Du meine Güte!«, schrie eine Nutte sie an. »Sag mal, hast du vielleicht ein paar Schrauben locker?«

»Vielleicht ist sie mit der Bahn gekommen«, lachten die anderen auf.

Langsam verstand Elvira.

»Nein«, sagte sie und lächelte zaghaft. »Ich bin mit einem Lastauto gekommen.«

»Wie, die ganze Schulklasse?«

»Wie bitte?«

Plötzlich schrie die erste Nutte: »Wir sind auf dem falschen Dampfer. Die ist gar nicht mit ihrer Schulklasse hier. Wette, dass sie von zu Hause fortgelaufen ist?«

»Ach nee, das wird ja immer schöner.«

»Ja«, sagte Elvira hastig. »Ich bin fortgelaufen. Ich suche hier in Hamburg Arbeit. Ich will nicht mehr zurück. Es war fürchterlich.«

»Wie? Hat dich dein Alter so geschlagen?«, fragte eine Dirne. Und eine andere: »Hat er was von dir gewollt? Hat dich die Stiefmutter misshandelt? Los, quatsch doch endlich! Was ist denn losgewesen.«



3

Sie alle, die Elvira umstanden, kamen aus dem tiefsten Milieu. Und oft waren es Grausamkeiten der Eltern, die sie auf diesen Hafenstrich getrieben hatten. Darum empfanden sie im Augenblick so etwas wie Mitleid.

»Ich hielt es zu Hause nicht mehr aus«, stotterte sie. »Aber ich bin nicht geschlagen worden, nein, das nicht.«

»Aber die müssen doch irgendetwas getan haben, verdammt noch mal.«

»Immer haben sie mich bevormundet«, sagte sie kleinlaut und hastig. »Und dann musste ich jeden Tag zur Bank. Das war einfach grässlich.«

»Zur Bank?«, riefen die Mädchen. »Soll das vielleicht heißen, die Alten haben dich angelernt, bei der Bank zu klauen? Mann, den Trick musst du uns verraten! Die passen doch auf wie Schießhunde. An deren Geld kommt man doch nur ran, wenn man nachts einsteigt. Ich glaube, Kleene, du willst uns verulken, wie? Los, jetzt, red mal endlich.«

»Nein!«, rief Elvira. »Doch nicht klauen! Um Gottes willen, das doch nicht! Wo mein Vater doch Richter ist!«

Sofort gingen die Dirnen einen Schritt zurück. »Verflixt, was ist dein Alter?«

»Richter«, stammelte Elvira, die schon ganz durcheinander war. Sie verstand nur noch die Hälfte von dem, was die Mädchen sagten.

Hui, mit einem Richter war nicht gut Kirschen essen, und sie war die Tochter!

»Hör mal, und was war jetzt mit der Bank?«

»Ich war dort angestellt. Aber es hat mir nicht gefallen, ehrlich nicht. Deshalb bin ich fortgelaufen. Ich will jetzt hier in Hamburg eine neue Stelle suchen.«

»Als Bankangestellte?«

»Nein!«, schrie sie ihnen fast ins Gesicht.

Für Minuten war es ganz still geworden. Die Dirnen sahen sich erstaunt an. Das ging einfach über ihre Hutschnur. Sie hatten von zu Hause fortgehen müssen entweder, weil man sie unmenschlich geprügelt hatte, der Alte sich an ihnen vergriffen hatte, oder weil es mit dem Essen eben knapp war. Man musste selbst sehen, wie man zurechtkam, und so ging man denn auf den Hafenstrich. Anderswo durften sie ja nicht stehen.

Doch während sie hier standen und dem ältesten Gewerbe der Welt nachgingen, sehnten sich die Mädchen nach einem gutbürgerlichen Leben, mit allem Drum und Dran. Aber sie wussten auch, dass derjenige nie aufsteigen konnte, der einmal in der Gosse war.

Und jetzt kam dieses Mädchen, hatte all das, wonach sie sich sehnten, und warf das einfach über Bord weil es das Leben zu spießig fand, weil es etwas erleben wollte, sich nicht mehr den Eltern fügen wollte.

Noch immer starrten sie Elvira entgeistert an.

»Du bist verrückt«, keuchte eine. »Du weißt ja nicht, was du sagst. Wenn du nur ein paar Tage hier bist, dann heulste nach Mama und Papa, aber dann wollen deine Alten dich nicht mehr haben. Mensch, verdufte, bevor es zu spät ist.«

»Ich gehe nie mehr zurück« sagte sie trotzig. »Ich bin groß genug, um für mich selbst zu sorgen.«

»So, das kannst du also«, meinten sie zynisch. »Dann haste wohl vorher die Bank ausgeraubt, wie? Dann ist das natürlich etwas anderes, wenn du nicht mehr zurückwillst.«

»Ich habe hundert Mark in der Tasche. Und vorhin habe ich schon mal gesagt, dass ich arbeiten will!«, rief sie hitzig. »Ich habe euch nicht um euren Rat gebeten.«

»Das ist wirklich ein starkes Stück! Mann, wir sollten sie an ihren Hammelbeinen nehmen und in die Elbe werfen«, fluchten sie. »Vielleicht wird sie dann ein wenig kleiner.«

»Bringen wir sie doch zu Albert«, sagte eines der Dirnchen. »Der wird schon wissen, wie man am besten mit ihr verfährt. Ihr habt ja gehört, sie will unbedingt arbeiten. Albert hat gestern noch gesagt, er brauche jemanden.«

»Na klar, hab ich auch gehört! Wenn wir dem einen Gefallen tun, dann haben wir bei ihm wieder einen Stein im Brett. Dann kann er uns nicht einfach rausschmeißen.«

»Los, gehen wir, bevor sie sich’s noch anders überlegt.«

Elvira wurde am Arm gefasst und mitgeschleppt.

»He, was habt ihr vor? Wohin bringt ihr mich?«, protestierte sie laut.

»Wir beschaffen dir Arbeit. Danach schreist du doch die ganze Zeit.«

»Ehrlich?«, rief sie hocherfreut. »Ihr seid wirklich nett.«

Das hatte schon lange keiner mehr zu ihnen gesagt. Die Dirnen fühlten sich ganz hoch oben.



4

Als sie die Tür der Kneipe aufrissen, konnte Elvira im ersten Augenblick nichts sehen. Tabakqualm, so dick wie Nebel, schlug ihr entgegen. Aber an dem Lärm hörte sie, dass sich eine Menge Leute in dem Raum befinden musste: grölende Männerstimmen, kreischende Frauen.

Die Hand vorgestreckt, tastete sie sich hinter den Dirnen her. Als sie endlich das Ende des Raumes erreicht hatten, rief eine harte Stimme auf: »Verdammt, hab ich euch nicht gestern in die Gosse geschmissen? Wenn ihr nicht auf der Stelle kehrtmacht, fliegt ihr wieder! Aber diesmal ist es so, dass ihr euch ein paar Rippen brecht.«

»Mach halblang, Albert«, sagte die Anführerin. »Wir bringen dir etwas. Du solltest uns wirklich dankbar sein.«

»Was ihr mir anschleppt, darauf kann ich wirklich verzichten«, sagte er wütend. »Los, verduftet! Ihr stinkt mir.«

Hastig wurde Elvira nach vorn geschoben.

»Na, ist das etwa nichts?«

Elvira sah jetzt einen Mann vor sich, wie sie noch keinen in ihrer Kleinstadt gesehen hatte. Zuerst einmal sah er wie ein Filmschauspieler aus. Er hatte ein raffiniertes Gesicht mit einem Schnauzbart, dazu trug er ein knallrotes Hemd und schwarze Samthosen. Er war umwerfend, und sie himmelte ihn gleich an.

Albert, der Kneipenbesitzer, sah zornig aus. Als er jetzt aber Elvira gewahrte, meinte er: »Wo habt ihr die denn aufgegabelt?«

»Am Pinnasberg. Dort streunte sie im Regen herum und suchte Arbeit. Sie ist von zu Hause ausgerissen, musst du wissen. Hast du gestern nicht gesagt, dass du eine Hilfe in der Küche brauchtest, Albert?«

»Ja, das habe ich gesagt.«

Er taxierte sie wie ein Pferd. Und erkannte sofort, dass sie aus gutem Hause war, also kein Flittchen. Mit denen zusammenarbeiten zu müssen, war schlimm. Die stahlen, wo sie nur konnten, und waren faul. Außerdem wuschen sie sich nur, wenn sie Geburtstag hatten.

Elviras Herz klopfte bis zum Hals. Sie wagte nicht etwas zu sagen. Alles war so unwirklich. Ihr war, als hätte eine Fee sie hierhin gezaubert. Alles war so aufregend und neu.

»Du gefällst mir«, sagte er und kniff ihr in die Backe.

Sie riss ihre Augen weit auf und errötete sofort. Aber das konnte man wegen des schummrigen Lichtes Gott sei Dank nicht sehen.

»Willst sie also haben?«

»Verstehst du was von der Küche?«

»Ein wenig«, lispelte sie.

»Ich hab einen Koch, dem musst du zur Hand gehen. Ich will es mit dir versuchen.«

Die Dirnen waren furchtbar stolz.

»So sind wir«, sagten sie anzüglich.

»Einen Dreck seid ihr!«, fluchte er, aber dann lenkte er ein und sagte: »Jonny soll euch ein Bier geben. Aber danach verschwindet ihr von der Bildfläche.«

Sie gingen zur Theke.

»Komm mit«, sagte Albert und nahm Elvira mit in die Küche. Zu ihrem Erstaunen sah sie, dass es sich um einen chinesischen Koch handelte.

»Lie-San frisst dich nicht auf«, sagte Albert.

Elvira schluckte. Sie hatte sich eigentlich das Leben in Hamburg ein wenig anders vorgestellt. Und wenn sie ehrlich sein wollte, so hatte es ihr nie Spaß gemacht, der Mutter im Haushalt zu helfen. Aber der bloße Gedanke, dass sie Albert jetzt immerzu sehen würde, machte sie willig.

»Leg deinen Rucksack dort ab, und dann hilf ihm. Später sehen wir weiter.« In dieser Nacht arbeitete Elvira, wie sie es noch nie getan hatte. Gegen Morgen, als der Betrieb endlich nachließ, hatte sie das Gefühl, die Beine würden ihr abfallen.

Lie-San lächelte nur und meinte lispelnd: »Wird schon werden.«

Sie lächelte zurück, ließ sich auf einen Stuhl fallen und war gleich darauf eingeschlafen. Irgendjemand rüttelte sie wach.

»Komm mit, ich zeig dir deine Kammer!«

Blinzelnd öffnete sie die Augen und sah Albert vor sich. Sie nahm ihren Rucksack und stolperte hinter ihm her. Oben unterm Dach wies er ihr eine kleine Mansarde zu.

»Der Koch ist mit dir zufrieden«, sagte Albert.

Elvira sah nur das Bett, ließ sich darauf nieder und fiel gleich in tiefen Schlaf.



5

Als sie erwachte, war es schon heller Tag. Sie sah aus dem Fensterchen. Vor ihr lag die Nordelbe. Schiffe tuckerten vorüber. Möwen kreischten und flogen hinterher, in der Hoffnung etwas Essbares zu erwischen.

Elvira sagte sich: »Ich bin jetzt in Hamburg.« Und ein tiefes Glückgefühl durchpulste sie.

Sie fühlte sich hungrig, aber zuerst wusch sie sich gründlich, zog ein frisches Kleid an und ging dann nach unten. Lie-San gab ihr etwas zu essen.

»Arbeit fängt erst um fünf Uhr an«, sagte er und nickte freundlich. »Ich kann dich gebrauchen, du bist schlau.«

Albert kam durch die Pendeltür und blieb erstaunt stehen. Nun erst, bei Tageslicht, sah er, wie hübsch und grazil sie war. Seine Augen blitzten unwillkürlich auf.

»Ich habe dich für eine Küchenschabe gehalten, aber jetzt sehe ich, dass du ein Goldkäferchen bist.«

Elvira lächelte ihn strahlend an.



6

Albert Lanner stammte aus dem tiefsten Milieu. Schon als Junge hatte er oft mit der Polizei zu tun gehabt: Erziehungsanstalt und so weiter. Doch als er volljährig geworden war, sagte er sich: Für so kleine Delikte sitzen zu müssen, das ist wirklich dumm. Albert war kalt und berechnend; und mit zwanzig hatte er sich geschworen, einmal im Geld zu schwimmen. Dann würden sich alle vor ihm verbeugen. Das konnte er aber nicht werden, wenn er fleißig arbeitete, sondern nur, wenn er andere für sich arbeiten ließ. Er wollte sich hier ein Imperium aufbauen wie es kein zweites gab. Später würde er dann auf andere Städte übergreifen und auch dort alles an sich reißen. Aber zuerst musste er sich hier Wurzeln holen, sozusagen fest verankern.

Vor gut einem halben Jahr hatte er diese Kneipe für wenig Geld erstanden. Noch drei, vier Monate, und sie gehörte ihm ganz. Es war ein stinkendes Loch, und er musste mit dem Abschaum der Menschheit vorliebnehmen. Aber er legte jeden Pfennig zur Seite. Wenn er genügend hatte, wollte er diese Bude renovieren. Nur noch die ganz großen Fische sollten dann bei ihm verkehren. Ein Netz würde er über diese Stadt legen, und überall würde er Lokale nach seinem Geschmack eröffnen.

Gestern Nacht hatte er mit Anke und Lola ein langes Gespräch gehabt. Sie standen bei ihm hoch in der Kreide, konnten ohne Alkohol nicht mehr auskommen. Er würde nie das Geld von ihnen bekommen. Aber Albert ließ sich so etwas nicht bieten. Er hatte sie vor die Wahl gestellt:

»Entweder ihr bezahlt heute alles, oder ihr geht für mich auf den Strich. Eure Einnahmen krieg ich ungeteilt, fünfhundert pro Nase und Nacht. Dafür bekommt ihr Essen und Trinken so viel ihr wollt. Und auch ein Zimmer zum Pennen.«

Sie hatten sich erst furchtbar aufgeregt. Die kleinen »Strichmiezen« wollten keinen Zuhälter haben. Albert beschwatzte sie, dass er ja gar keiner sei, er dächte nur an ihr Wohl. Die anderen würden sie doch nur ausnehmen.

Das stimmte, denn sobald sie ein wenig Geld in der Tasche hatten, waren sie spendabel. Alles trank mit, aber wenn sie dann blank waren, warf man sie hinaus.

Anke und Lola waren die ersten Mädchen, die für ihn standen. Das waren also pro Nacht tausend Mark. Essen und Trinken für die beiden fiel so nebenbei ab. Und das Zimmer oben unter dem Dach stand ohnehin leer. Heute Morgen hatte er zwei Feldbetten, einen Schrank und zwei Stühle hinaufgeschafft. Dabei hatte er festgestellt, dass noch Platz für zwei Betten vorhanden war. Er würde also neben der Kneipe ein sehr lukratives Geschäft aufziehen. Sein Traum waren Bars mit viel Plüsch, und darin durften nur die Stardirnen arbeiten. Natürlich mussten sie für ihn anschaffen. Oder zumindest behielt er einen beträchtlichen Teil ihrer Einnahmen einfach ein.

Der Krieg war schon lange vergessen. An allen Ecken und Enden wurde wieder aufgebaut, und bald würde der Augenblick kommen, wo die Männer wieder so viel verdienten, dass sie sich ihre Späßchen leisten konnten. Und dann musste er, Albert, da sein. Er würde diese Marktlücke schließen und dabei steinreich werden.



7

An all das musste er jetzt denken, während er Elvira betrachtete. Sollte er sie vielleicht aus der Küche nach oben in Feldbett Nummer drei verlegen? Aber im gleichen Augenblick erkannte er, dass das ein Fehler wäre, Elvira war eben etwas Besseres. Aber wenn er sie auf den gemeinen Strich schickte, würde es nicht sehr lange dauern, bis sie genauso verkommen war wie ihre Mitschwestern. Außerdem war sie von zu Hause ausgerückt, und bestimmt wurde schon nach ihr gesucht. Die Polizei machte ständig in dieser Gegend Streifen, besonders nachts. Hier in der Küche hatte sie nichts zu suchen.

Angelernt war sie auch nicht. Sie würde sich also übers Ohr hauen lassen. Und wer weiß, dachte er bei sich, wenn sie draußen herumtippelt, haut sie mir vielleicht ab. Und dann krieg ich wieder Ärger mit den Bullen. Den kann ich im Augenblick wirklich nicht vertragen. Nein, ich muss warten, bis ich mich verändert habe. Wenn ich erst einmal meine erste Bar besitze und das wird bestimmt schon in einem halben Jahr der Fall sein dann muss sie dort auf Männerfang gehen.

Lie-San, der Koch, durchschaute seine Gedanken. Er sagte nur: »Ich brauche diese Hilfe. Sonst ich nicht mehr so gut arbeiten wie früher.«

»Habe ich denn etwas gesagt?«, entgegnete Albert wütend.

»Schon gut, wollte nur noch mal erinnern«, sagte der Chinese.

Elvira verstand nichts mehr.

Albert wandte sich an das Mädchen. »Vorläufig gehst du nicht raus. Ist das klar?«

»Aber warum denn nicht«, stotterte sie verlegen.

»Weil dich die Bullen bestimmt suchen werden.«

Sie biss sich auf die Lippen. Inzwischen mussten die Eltern schon ihren Brief gefunden haben. Und wie sie ihren Vater kannte, würde er wirklich sofort zur Polizei gehen. Elvira wusste auch: Wenn man sie fand und zurückbrachte denn sie war ja noch nicht mündig dann würde sie bis zu ihrer Volljährigkeit nicht mehr allein ausgehen dürfen. Man würde sie wie ein Hündchen an die Kette legen, mit anderen Worten, man wollte sie vor Unheil bewahren und schützen. Die Welt war ja so grausam für kleine Mädchen. Wie oft hatte sie diesen Satz schon zu hören bekommen.

»Und wie lange muss ich mich versteckt halten?«

»Das weiß ich noch nicht«, sagte Albert und erhob sich.

Elvira und der Koch blieben allein zurück. Und jetzt fing auch Lie-San noch an.

»Nicht gut gewesen, dass du fortlaufen, wirklich nicht.«

»Aber ich arbeite doch für Sie. Sie sind doch mit mir zufrieden«, sagte Elvira.

»Ja, ja, aber dieses sein ein verrufenes Haus. Nicht gut für anständiges Mädchen. Wird noch unglücklich werden. Sehr unklug, wenn fortlaufen. Mädchen gehören zu Hause, zu Vater und Mutter.«

Elvira wurde zornig.

»In China mag das der Fall sein, hier aber nicht«, sagte sie hochmütig.

Der Koch sah sie nur mitleidig an, dann sagte er: »Ich muss jetzt einkaufen gehen.«



8

Dann war sie ganz allein in der großen Küche. Sie dachte an Albert. Er gefiel ihr immer mehr. Und sie fühlte, wie ihr Herz raste. Sie war noch nie verliebt gewesen. Vielleicht würde Albert sie auch lieben und heiraten; und dann konnte sie ihre Eltern besuchen und ihnen stolz ihren Mann vorführen.

Alle Freundinnen würden sie beneiden um einen so wundervollen Mann, zudem war er kein grüner Junge mehr. Pah, dachte sie, Mama mit ihren Reden! Die weiß ja gar nichts, aber bestimmen, das wollen sie, als wenn wir aus Holz wären und nicht aus Fleisch und Blut.

Um siebzehn Uhr begannen die ersten Vorbereitungen. Am Morgen hatten die Putzfrauen das Lokal gesäubert. Angeekelt schaute Albert auf den Haufen Scherben am Boden. Seine Gäste stapften wie eine Herde Rinder durch die Gegend und wenn es ihnen passte, schlugen sie alles kurz und klein.

Bald würde er dies alles hinter sich lassen. Das war so gewiss wie das Amen in der Kirche. Kaum hatte er das gedacht, da kamen schon die Brüder und Schwestern von der Heilsarmee und postierten sich vor seiner Kneipe auf. Und er durfte sie nicht mal vertreiben.

In der Küche arbeiteten Lie-San und Elvira. Immer wieder tauchte Albert auf. Aber bald merkte das Mädchen, dass dieses Arbeiten schrecklich anstrengend war. Wie gern wäre sie jetzt in ihr Zimmer gegangen und hätte sich ausgeruht. Und dabei war noch nicht einmal Mitternacht vorüber. Der ganze Budenzauber zog sich bis drei, vier Uhr hin.

Der Koch munterte sie immer wieder auf.

»Alles Gewöhnung, bald nix mehr merken.«

»Dann bin ich schon gestorben«, stöhnte sie.

»So schnell nicht«, lachte er sie an. »Ich mache das schon viel Jahre und auch noch nicht tot.«

Elvira dachte: Ich will nicht den Rest meines Lebens in dieser Küche verbringen. Wenn ich doch vorn bedienen dürfte, das wäre wenigstens lustig. Sie lachen dort drin so viel, und alle haben ihren Spaß. Warum lässt mich Albert das nicht tun? Wenn die Polizei kommt, dann kann ich mich ja schnell verstecken. Morgen werde ich mit ihm darüber reden, ganz bestimmt.



9

Dann war der Augenblick gekommen, wo sie Schluss machen durfte. Mit letzter Kraft zog sie sich am Geländer treppauf. Mehr tot als lebendig warf sie sich auf das Bett. Vielleicht hatte sie ein paar Minuten so apathisch gelegen, vielleicht auch länger; sie konnte es nicht mehr sagen. Und überhaupt spielte das gar keine Rolle. Plötzlich wurde ihre Tür aufgestoßen, und Albert stand im Morgenmantel neben ihrem Bett.

Verblüfft sah sie ihn an.

»Los, mach Platz!«

»Wie?«

»Du sollst zur Seite rücken!«

»Aber warum denn?«, stotterte sie.

»Weil ich mit dir schlafen will, darum.«

Ihre Kehle war im ersten Augenblick wie zugeschnürt. Sie konnte ihn nur anstarren.

»Albert«, flüsterte sie dann erschrocken, »Ich ...«

Er hatte schon den Bademantel ausgezogen, und jetzt sah sie, dass er vollkommen nackt war. Sie hatte in ihrem Leben noch nie einen nackten Mann gesehen, und daher erschrak sie ziemlich heftig. Aber er kümmerte sich nicht darum, riss ihr die Bettdecke weg und bevor sie überhaupt an Abwehr denken konnte, hatte er ihr auch schon das Nachthemd abgestreift.

Befriedigt sah er sie an.

»Das hab ich mir gedacht«, murmelte er. »Du bist wirklich ein Goldkäfer. Und ganz freiwillig zu mir ins Haus geflogen! Jetzt werden wir ein sehr hübsches Stündchen miteinander verbringen, Kleine. Ich bin ein toller Liebhaber, musst du wissen.«

»Nein«, gurgelte sie und wich bis zur Wand zurück. Zugleich versuchte sie, mit den Händen ihre Blöße zu bedecken.

»Was denn?« Er runzelte die Stirn.

»Bin ich dir vielleicht widerlich?« Er knurrte wie ein böser, gereizter Bernhardiner.

»Nein, nein«, stammelte sie.

»Was ist es denn? Los, sag’s schon.«

»Ich habe das noch nie getan.«

Jetzt war das Starren auf seiner Seite. Albert wollte seinen Ohren nicht trauen.

»Du bist verrückt!«, sagte er lachend. »Auf die Masche fall ich nun wirklich nicht rein. Du bist ein lecker Püppchen und bevor dich die anderen vernaschen, will ich mein Vergnügen mit dir haben.«

Ehe Elvira sich’s versah, hatte er sie schon gefasst und warf sie aufs Bett. In den Liebesbeziehungen war Albert ziemlich rasch. Hauptsache, ihm machte es Spaß, ob die Frauen Spaß hatten, kümmerte ihn überhaupt nicht. Außerdem hatte er bis jetzt ausschließlich mit Dirnen verkehrt, und die kannten es nicht anders und muckten auch nicht auf.

Gegen seine Bärenkräfte kam Elvira nicht an. Und als er sie nahm, tat es so schrecklich weh, dass sie laut aufschrie und fast ohnmächtig wurde. Abrupt hörte Albert auf und schaute sie sprachlos an. Dann murmelte er verwirrt:

»Es stimmt ja tatsächlich. Du bist ja wirklich noch eine Jungfrau!«

Elvira hatte das Gesicht ins Kissen gedrückt und wimmerte leise vor sich hin.

»Hör endlich auf! Das legt sich bald«, sagte er barsch. Aber irgendwie tat ihm die Kleine dann doch leid. »Morgen kaufe ich dir ein neues Kleid, ehrlich.«

So freigiebig war er noch nie zu einem Mädchen gewesen. Aber schließlich war sie auch keine Dirne. Und plötzlich war er mächtig stolz darauf, dass er auch mal der Erste gewesen war.

Er gab ihr einen gutmütigen Klatsch auf ihr rundes, nacktes Hinterteil.

»So, jetzt schlaf mal. Das nächste Mal, das verspreche ich dir, da wird es nicht mehr weh tun. Bald wirst du jauchzen vor Spaß. Ich bin nämlich ein toller Liebhaber, musst du wissen.«

Bevor das Mädchen überhaupt etwas darauf antworten konnte, ging die Tür hinter ihm zu. Verwirrt und geschockt lag sie da und wusste nicht, was sie denken sollte. Aber dann überfiel sie die Müdigkeit und sie schlief apathisch ein.



10

Es war wieder später Mittag, als sie endlich in die Küche kam. Ihre Gefühle waren seltsam. Stumm hockte sie am Tisch und dachte nach. Liebte Albert sie nun wirklich oder nicht?

Kaum hatte der Koch ihr das Essen vorgesetzt, da erschien der Wirt. Er trug ein längliches Paket unter dem Arm, sah Elvira kurz an und sagte: »Hier ist das versprochene Kleid.«

Atemlos sah sie zu, wie er es auspackte. So etwas Duftiges und Gewagtes hatte sie im Leben noch nicht getragen.

»O Albert!«, rief sie und flog ihm um den Hals. »Ich liebe dich ja so sehr!«

»He, nicht so stürmisch«, brummte er.

»Du liebst mich doch auch, nicht wahr?«

Er machte ein erstauntes Gesicht. Liebe, das Wort kannte er nun wirklich nicht. Die Kleine hatte ihm nur irgendwie leidgetan.

»Ich tu ja alles, was du willst«, hauchte sie hingegeben. So schnell hatte Elvira nicht damit gerechnet, dass Albert sie lieben würde.

»Na, das ist ja prächtig«, sagte er rasch. »Dann arbeite du man schön weiter.«

»Waaas?«, rief sie enttäuscht. »Hier in der Küche willst du mich lassen? Aber, Albert, ich möchte in deiner Nähe bleiben, immer. Kannst du das nicht begreifen?«

Albert war dreißig Jahre alt und kannte das Leben nur von der hässlichen Seite. Die Anbetung des Mädchens kam ein wenig überraschend. Oberhaupt, was hatte er sich da nur eingebrockt? Aber dann sagte sein Instinkt: Es ist ein hübscher Käfer und der wird umsonst für mich schuften. Musst nur ein wenig nett zu ihm sein. Und wenn du seiner überdrüssig bist, dann lässt du ihn als Biene laufen. Auf alle Fälle hast du sie dann angelernt und sie wird kuschen.

So war er jetzt mit seinen Antworten etwas vorsichtig und sagte nur: »Die Bullen sind im Augenblick sehr scharf. Ich kann das nicht riskieren. Später.«

Elvira machte einen Schmollmund. Als Einzelkind hatte sie bisher auf diese Art immer ihren Willen durchsetzen können, das heißt, wenn der Wunsch nicht zu unsinnig war.

»Was heißt später?«, fragte sie gedehnt.

»Ich bleibe nicht immer in dieser mistigen Bude hängen«, sagte er. »Bald werde ich die beste Bar haben, und man wird sich um einen Platz reißen. Du wirst schon sehen. Alles wird schick sein, mit Plüsch und Polster, Kristalllüstern und feinem Geschirr. An nichts wird es fehlen, und dann kannst du an der Bar bedienen, Elvira. Du wirst schon sehen, das ist der richtige Platz für dich. Ich werde dir tolle Abendkleider kaufen, und die Männer werden in Scharen kommen, nur um dich zu sehen.«

Sie sah ihn mit ihren großen Kulleraugen an.

»Aber Albert, ich liebe dich ich will keine anderen Männer.«

»Närrchen!«, sagte er verächtlich. »Natürlich sollst du nicht mit ihnen schlafen, sie nur anlocken. Es sei denn, sie bieten einen hohen Preis.«

Elvira verstand nur, dass ihr Albert ganz hoch hinauswollte. Und bestimmt würde er sich dann auch einen todschicken Wagen zulegen. Mit dem würden sie dann nach Hause fahren. Instinktiv sehnte sie sich, genau wie es damals ihre Mutter getan hatte, nach einer guten Existenz und nach Geborgenheit.

»Dann sind wir also jetzt so gut wie verlobt?«, jubelte sie.

»Nenn es, wie du willst«, sagte er lachend und verließ die Küche.

Die ganze Zeit hatte Lie-San im Hintergrund gearbeitet. Er hatte alles mitbekommen. Jetzt kam er näher, sein Gesicht war wie immer ausdruckslos.

»Geh zurück nach Hause«, sagte er jetzt. »Du rennst in dein Unglück.«

Lachend um wirbelte Elvira ihn. »Jetzt soll ich zurückgehen? Bist du verrückt! Wo ich jetzt mit Albert verlobt bin?«



11

Sie hätte noch vieles zu diesem Thema gesagt, wenn in diesem Augenblick nicht die Pendeltür aufgestoßen worden wäre und zwei Mädchen die Küche betreten hätten.

Elvira hörte mit dem Tanzen auf und starrte die beiden an. Sie sahen alt und verlebt aus.

»Was wollt ihr denn?«, fragte sie hochmütig, denn jetzt hatte sie ein Recht, so zu reden. Sie war ja Alberts Verlobte!

»Die wollen nur ihr Essen«, sagte Lie-San ruhig. Damit schob er ihnen einen randvoll gefüllten Teller zu. Schweigend saßen sie an der Ecke des großen Tisches und schaufelten das Essen in sich hinein. Ihre zotteligen Haare hingen ihnen ins Gesicht, aber sie schienen sich nicht darum zu kümmern. Elvira hätte sich am liebsten die Nase zugehalten. Sie begriff Lie-San nicht, der doch sonst so für Sauberkeit war. Wahrscheinlich hatte er mit den Bettlerinnen Mitleid, etwas anderes konnten die beiden unmöglich sein.

Anke sah Elvira kurz an, dann wandte sie den Kopf und rief nach dem Koch. »Albert hat uns auch Schnaps versprochen! Ich seh ihn nicht!«

»Nur, wenn ihr alles aufgegessen habt«, sagte er streng.

Sie schimpften. Aber Lie-San wusste ganz genau, echte Säuferinnen wollten nur was zu trinken haben, nichts zu essen. Und so würde es nicht lange dauern, bis sie endgültig am Boden zerstört waren. Solange sie in seiner Küche zu essen bekamen, würde er dafür sorgen, dass sie eine anständige Unterlage hatten. Obwohl Albert ihm gesagt hatte, den beiden genügten auch Abfälle. Die wären wie Tiere und würden alles essen.

Sie knurrten und nuschelten ein wenig herum, aßen aber dann alles auf und bekamen dann jede ihre Flasche. Sofort erhoben sie sich und gingen.

»Wer waren die beiden?«, fragte Elvira.

»Das waren zwei Dirnen.«

»Waaas? So alt, und dann wollen die Männer sie noch?«

»Für wie alt hältst du sie denn?«

»Die sind bestimmt schon vierzig, wenn nicht noch mehr«, sagte sie.

»Die sind beide noch keine zwanzig Jahre alt«, entgegnete Lie-San.

»Du lügst!«

Lie-San sah sie ernst an. »Wenn du nicht bald fortgehst, dann wirst du auch so aussehen.«

»Niemals!«

»Die Dirnen arbeiten für Albert, Elvira. Und es wird nicht lange dauern, dann wird er dich auch auf den Strich schicken, wie diese Mädchen. Dann musst du jede Nacht dein Soll erfüllen. Tust du es nicht, dann kannst du was erleben.«

»Du bist verrückt!«, schrie sie ihm ins Gesicht. »Hast du vergessen, was Albert soeben zu mir gesagt hat?«

Lie-San wusste ganz genau, dass Albert ihr nichts gesagt hatte. Er war gerissen. Aber Elvira würde ihm nichts, aber auch gar nichts glauben; deshalb ließ er es.

Elvira ging nervös auf und ab. »Du gönnst mir mein Glück nicht, das ist es. Du bist wütend, dass du nicht mehr allein hier regieren kannst.«

Der Chinese schaute sie nur ausdrucklos an, und von Stund an ließ er dieses Thema fallen.

Albert tat fast gar nichts. Er besuchte sie nur jede Nacht, und als sie sich erst einmal daran gewöhnt hatte, machte es ihm und ihr großen Spaß. Aber ansonsten verhielt er sich wie immer. Doch das hielt Elvira nicht davon ab, im siebten Himmel zu schweben. Nur tat es ihr leid, dass sie sich noch immer verborgen halten musste. Einmal hatte sie eine kleine Andeutung darüber gemacht, dass Albert mit ihr zu den Eltern fahren sollte, aber da hatte er sie nur angebrummt und gemeint: »Das ist deine Sache. Die geht mich nichts an.«

Da hatte sie wieder einen Schmollmund gezogen und gemeint: »Aber es dauert ja noch bald vier Jahre, bis ich volljährig bin.«

»Und?«, hatte er geantwortet. »Je jünger du bist, umso besser fürs Geschäft. Diesen naiven Blick musst du behalten, darauf fallen sie alle herein. Wirst schon sehen.«



12

Elvira arbeitete weiter in der Küche. Und bald waren nicht nur zwei Nutten zu füttern, sondern vier. Das regte sie dann doch ziemlich auf, und sie fragte ihn. Albert verstand zwar nicht, was sie das anging, aber er musste sich das Mädchen warmhalten, und so sagte er nur: »Sie bringen mir das Geld für die Nachtbar. Der Schuppen hier allein wirft es nicht ab. Und wenn ich noch mehr kriegen kann, nehme ich noch mehr. Dann bau ich noch ein Stück an. Damit kann man wirklich sein ganz großes Geld machen.«

»Aber du hast doch nichts mit ihnen?«, fragte sie angstvoll. Er tätschelte ihr die Wange und meinte: »Mit diesen verlausten Weibern? Nee, ich hab ja dich.«

Da glühten ihre Backen auf, und sie war wieder selig. So verging die Zeit, und nun war sie schon zwei Monate in Hamburg und hatte von der Stadt noch nicht viel gesehen. Wenn sie etwas brauchte dann besorgte Albert das.

Aber seit ein paar Tagen waren ihre Wangen nicht mehr so rosig und das Arbeiten fiel ihr furchtbar schwer. Es kam jetzt immer häufiger vor, dass sie wenn sie die Speisen zubereiten musste, fluchtartig die Küche verließ und sich erbrach. Natürlich bemerkte Lie-San das, sagte aber zunächst nichts. Doch sie sah immer elender aus und mochte auch nichts mehr zu sich nehmen. Alles, was mit Essen zusammenhing, war ihr ein Gräuel geworden.

»Du musst zum Arzt, du bist schwanger. Ich kenne das!«

Elvira starrte ihn entgeistert an.

»Nein!«

»Doch, er wird es dir auch sagen.«

»Du glaubst, ich bekomme ein Kind?«, lispelte sie.

»Ja!«

Sie saß da und blickte auf den Hinterhof. Ein Kind! Jetzt musste Albert sie sofort heiraten. In der Kleinstadt war das auch schon vorgekommen. Dann heiratete man eben sehr schnell, und später hatte man dann angeblich eine Frühgeburt.

Wenig später kam Albert herein. Sie flog ihm entgegen und rief freudig: »Ich bekomme ein Kind, Albert? Jetzt müssen wir sofort heiraten!«

Wie vom Donner gerührt, stand er da und starrte sie entgeistert an.

»Waaas?«, schrie er los.

»Ja, Lie-San sagte es. Ich muss zum Arzt. O Albert, ist das nicht wundervoll.«

Er lief rot an.

»Bist du denn total verrückt geworden!«, keuchte er. »Ein Kind, das fehlte mir noch. Außerdem verpfuscht es deine Figur, und Ärger und Dreck gibt es auch. Warte, ich kenne da eine Adresse. Wenn das wirklich stimmt, dann bringe ich dich morgen hin, und du hast den ganzen Ärger los. Und das sage ich dir: Wenn du in Zukunft nicht dafür sorgst, dass so etwas nicht wieder passiert, dann werf ich dich auf die Straße.«

Entgeistert sah das junge Mädchen den Mann an.

»Aber das ist nicht dein Ernst! Du machst nur Spaß, Albert. Sag, dass du nur Spaß machst. Ich flehe dich an. Du ängstigst mich.«

»Ich und Spaß machen? Du gehst morgen zu der Engelmacherin, und dann bist du das Kind los. Das wird mich bestimmt einen Tausender kosten.«

»Nein!«, schrie sie ihn an. »Ich lass mein Kind nicht abtreiben! Niemals! Es ist mein Kind, und du bist der Vater! Und du wirst mich heiraten wie versprochen. Wir werden eine Familie sein, Albert.«

»Heiraten?«, höhnte er. »Ich habe dir nichts versprochen! Gar nichts. Ich denke nicht daran. Und wenn du nicht tust, was ich dir sage, kriegst du gleich einen Tritt und fliegst auf der Stelle. Solche dummen Puten wie dich, die krieg ich alle Tage.«

Sie musste sich an der Tischkante festhalten, sonst wäre sie umgesunken. Nun zeigte er sein wahres Gesicht. Und in dieser Sekunde verstand Elvira Lie-San endlich. Damals hatte sie ihn ausgeschimpft. Alles war Lüge gewesen. Albert hatte mit ihren Gefühlen gespielt, und sie hatte sich eine herrliche Zukunft vorgegaukelt Und jetzt wusste sie auch, wofür er sie in der Bar haben wollte. Als Stardirne! Oft genug hatte er von diesen teuren Mädchen gesprochen. Darum hatte er alles mit ihr geübt! Hatte er nicht immer dabei gesagt: So machen es die Hochbezahlten. Die haben Tricks, die du dir merken musst. Noch gestern hatte sie darüber gelacht. Und jetzt?

»Ich werde mein Kind behalten«, sagte sie, und ihre Augen wurden plötzlich eiskalt. »Du kannst mich nicht dazu zwingen. Ich werde mein Kind austragen, o ja. Und du wirst sein rechtmäßiger Vater sein.«

Er lachte nur hämisch und wollte wieder fortgehen.

»Bleib hier«, schrie sie ihn an.

Er drehte sich herum. Grausamkeit spiegelte sich in seinen Augen.

»Mach mich nicht ärgerlich«, sagte er leise. »Du kannst dann was erleben.«

»Du hast mich verführt«, sagte sie kalt. »Das hast du getan, damals in der ersten Nacht. Du hast mir die Unschuld geraubt, und dafür wirst du mich jetzt wieder ehrbar machen. Bilde dir nur nicht ein, ich wäre ein Kind, ein Nichts, mit dem du umspringen kannst wie mit einer gemeinen Dirne. Das wirst du unterlassen, hast du mich verstanden?«

»Was willst du? Geld? Kriegst du noch!«

»Geld will ich nicht. Du wirst mich heiraten.«

»Nein, verflucht noch mal! Bist du schwerhörig? Ich werde niemals heiraten! Die Weiber machen einen verrückt, saugen einem das Blut aus den Adern. Ich will reich werden, und daran wird mich keiner hindern.«

»Ich habe dich geliebt, o ja«, schluchzte sie auf. »Ich habe dich wirklich geliebt und gedacht, ich könnte dich ändern. Aber jetzt weiß ich, dass du ein gemeiner Hund bist. Aber ich will nicht in der Gosse landen. Du wirst mich heiraten, so wahr ich Elvira Schlieven heiße.«

Er lachte wieder hämisch auf. »Noch bin ich Mann genug, dich rauszuwerfen. Und dann kannst du sehen, wo du was zu essen kriegst. Mit einem dicken Bauch will dich keiner haben keiner, verstehst du!«

»Überleg es dir gut: Entweder du heiratest mich, oder du wirst wegen Verjährung Minderjähriger sitzen.«

Für Sekunden war es ganz still in der Küche.

»Was?«, keuchte er und wurde fast blaurot im Gesicht. »Du willst mir drohen? Hüte dich, oder du landest als Fischfraß in der Elbe!«

»Du wirst sitzen«, sagte sie ruhig.

»Ich habe meine Rechtsanwälte, die holen mich raus«, höhnte er. »Dich kleines Würmchen hört man ja nicht mal an bei den Bullen!«

»Mich vielleicht nicht, aber meinen Vater«, sagte sie ruhig. »Hast du vergessen, dass er Richter ist? Er wird schon dafür sorgen, dass der Verführer seiner Tochter eine gerechte Strafe erhält. Da halten die Kollegen zusammen, darauf kannst du Gift nehmen.!«

Zum ersten Mal im Leben ging nicht alles so, wie es sich Albert ausgedacht hatte. Unwillkürlich lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Das hatte er tatsächlich vergessen. Sie war ja nicht irgendwer. Und er wusste ganz genau: Wurde er jetzt verurteilt, dann würde er nicht so leicht wieder Fuß fassen können. In der Zeit, die er im Gefängnis saß, würden andere seinen Platz einnehmen. Kam er endlich wieder heraus, dann würde er die Stadt verlassen müssen. Ade, du reiche Welt. Seine Pferdchen ... Wo er doch heute die fünfte aufgerissen hatte! Wo ihm ein Projekt angeboten worden war, das genau seinen Wünschen entsprach. Und das alles sollte zum Teufel gehen? Sein ganzes Erspartes für einen Anwalt ausgeben und dann doch noch sitzen müssen?

»Du gemeine, hinterhältige Schlange!«, schrie er und wollte sich auf sie stürzen.

»Wenn du mich umbringst, wirst du lebenslänglich bekommen«, sagte sie ruhig.

Er bremste sich.

»Ich werde dich umbringen lassen, das schwör ich dir. Das hat noch keiner gewagt, so mit mir zu sprechen. Das wirst du mir büßen, das schwör ich dir!«

»Ich habe meinem Vater geschrieben«, log sie. »Er weiß jetzt alles. Und sollte ich irgendwie ums Leben kommen, dann weiß er, dass du deine Finger in der Sache gehabt hast.«

Albert saß ganz tief im Schlamassel. Zum ersten Mal war ein kleines Mädchen stärker; und das auch nur, weil sie einen Vater zum Richter hatte.

In diesem Augenblick sah er rot. Und weil er keine Dummheit begehen wollte, die ihn später vielleicht furchtbar reute, stürzte er davon. Irgendwie musste er versuchen, einen klaren Kopf zu bekommen. Es musste doch ein Hintertürchen geben!



13

Elvira ließ sich erschöpft auf den Stuhl fallen. Sie zitterte an allen Gliedern. So hatte sie ihn noch nie gesehen, aber so jung und naiv sie war, glaubte sie, es würde sich legen. Er wäre nur im Augenblick so wütend. Später würden sie dann wieder so glücklich sein wie zuvor.

Er musste sie wieder ehrbar machen, sonst würde sie sich nie mehr bei den Eltern sehen lassen dürfen. Jetzt in dieser Sekunde spürte sie, wie sehr sie eigentlich Heimweh hatte. Die ganze Zeit schon hatte es in ihr genagt. Sie hatte es sich nur nicht bewusst werden lassen.

Lie-San stand vor ihr und hielt ihr eine Tasse heißen Tee entgegen. »Trink, das tut gut.«

Tränen liefen ihr übers Gesicht. »Danke, Lie-San.«

Er lächelte.

»Er ist ein böser, böser Mensch. Geh fort.«

»Ich kann doch jetzt nicht«, stöhnte sie.

»Für Kind nur schreckliches Leben. Nicht gut!«

»Ach Lie-San, ich muss bleiben. Eine uneheliche Mutter mit ihrem Kind, die wird verachtet. Und dann, wie soll ich denn Geld verdienen? Ich hab die Lehre abgebrochen, ich kann doch nichts.«

»Zu Vater und Mutter zurückgehen, werden schon helfen.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Jetzt werden sie mich verstoßen. Ein Richter in der Familie und die Tochter mit einem unehelichen Kind. Meine Eltern würden fortziehen müssen. Und das kann ich nicht zulassen. Nein, das muss ich allein ausbaden. Albert ist jetzt nur so wütend, aber später wird es ihn sicherlich reuen.«

Lie-San schüttelte nur traurig den Kopf. »Hatte schon mal ein Mädchen, bekam auch ein kleines Baby, musste zu einer Frau und die machte das Baby weg. Fünf Tage später war das Mädchen auch tot.«

Sie erschauerte.

»Albert hat sie bestimmt nicht geliebt«, stammelte sie. »Bestimmt war sie nur eine Dirne.«

Lie-San schüttelte wieder den Kopf.

Die ganze Nacht sah sie Albert nicht. Sie musste arbeiten. Lie-San versuchte ihr zwar vieles abzunehmen, aber der Betrieb war gerade heute so hektisch, dass er mit dem Kochen kaum nachkam. Er kochte vorzüglich, und das hatte sich herumgesprochen. Wegen Lie-San kamen sie in Alberts Kneipe. Der wusste das sehr wohl. Er hatte schon mit ihm gesprochen und erklärt, dass er auch in die neue Nachtbar übersiedeln müsste. Dort würde er die modernste Küche von Hamburg bekommen.

Gegen Morgen sagte Lie-San, als Elvira mehr tot als lebendig war: »Geh schlafen, ich werde mit Albert Lanner reden.«

Mit letzter Kraft schleppte sie sich die Treppe hinauf.

Kurz vor der Morgendämmerung tauchte Albert auf. Er war halb betrunken. Am Küchentisch saß Lie-San.

»Du schläfst noch nicht?«, knurrte er.

Der Chinese sagte: »Ich muss mit dir reden.«

»Herrje, was ist denn jetzt schon wieder? Du willst mir doch nicht sagen, dass sie nicht gearbeitet hat?«

»Elvira hat die ganze Nacht gearbeitet, aber das will ich nicht mit dir reden. Ich will nur sagen, wenn du Mädchen nicht heiratest, dann bleibe ich auch nicht bei dir!«

Albert stützte sich auf den Holztisch und starrte ihn an.

»Was soll das heißen?«, röchelte er.

»Genau was ich sagen. Sie ist gutes Mädchen, wenn du sie rauswerfen, gehe ich auch.«

»Ich will sie nur nicht heiraten!«, brüllte er los.

»Sie liebt dich und bekommt ein Kind.«

»Das ist ein Komplott.«

Der Chinese erhob sich.

»Du weißt jetzt Bescheid.«

Am liebsten hätte ihm Albert ins Gesicht gespien und ihn vor die Tür gesetzt. Aber er wusste ganz genau, dass der Chinese überall Arbeit bekam. Und wenn er nicht mehr bei ihm kochte, dann würde der Zustrom aufhören. Er hatte den besten Koch in Hamburg und konnte es sich demzufolge nicht leisten, ihn laufen zu lassen.

Alles schien schiefzulaufen.

»Du willst mich also auch erpressen?«, würgte er hervor.

»Ich habe von dir gelernt!«

»Wir reden morgen miteinander«, sagte er. »Jetzt kann ich nicht klar denken.«

»Dann gehe ich jetzt schlafen.«

Zum ersten Mal in seinem Leben saß er richtiggehend in der Falle. Er konnte sich die Sache überlegen, wie er wollte. Für ihn gab es kein Zurück mehr. Das machte ihn wütender denn je. Diese kleine Schlampe hatte ihn übers Ohr gehauen, und er sollte jetzt kuschen?

Der Zuhälter dachte nicht einen Augenblick daran, dass er es ja gewesen war, der sich an Elvira herangemacht und schamlos ihr Liebe ausgenutzt hatte. Hinzu kam, dass er ihr bis jetzt noch keinen Pfennig Geld ausgezahlt hatte. Und sie arbeitete wirklich hart. Aber das alles hatte er als selbstverständlich angenommen. Wer bei ihm nicht parierte, der bekam einen Tritt und flog hinaus.

Warf er Elvira vor die Tür, dann würde auch sein Koch gehen. Verflixt, alles ging schief! Und dann noch immer die Angst, ins Gefängnis zu müssen. Bestimmt würde sie sofort zu ihren Eltern fahren und denen alles erzählen. In Lie-San hatte sie einen guten Zeugen.

Am nächsten Tag sah er übernächtigt aus. Als er Elvira in der Küche traf, sah sie auch nicht besser aus. Die Schwangerschaft machte ihr zu schaffen, und außerdem hatte sie viel geweint. Sie hatte jetzt wirklich große Angst vor der Zukunft. Der Mann durfte sie nicht verlassen. Hatte er denn überhaupt kein Herz?

Böse blickte er sie an. Sie lächelte schwach. Sein Hass auf Frauen verstärkte sich in diesem Augenblick noch mehr.

»Gut«, sagte er nach einer Weile, »ich werde dich heiraten.«

»O Albert, wirklich?«

Sie blühte sichtlich auf.

»Ich tu es nur, weil du mich dazu zwingst. Aber das schwöre ich dir hier und jetzt: Das wirst du mir noch büßen.«

Elvira hörte gar nicht richtig hin. Sie war froh, so schnell bekommen zu haben, was sie wollte.

»Fahren wir am Sonntag zu meinen Eltern?«

Er sah sie entgeistert an. »Was soll ich?«

»Na ja«, sagte sie ein wenig ängstlich, »ich bin doch noch nicht volljährig, weißt du. Ich brauche die Genehmigung meiner Eltern.«

Er fluchte vor sich hin. Aber zugleich dachte er: Dem Herrn Richter wird ein Zacken aus der Krone fallen, wenn er eines Tages erfährt, dass sein ehrenwerter Schwiegersohn ein Zuhälter ist. Und wenn er erst einmal sieht, wo seine liebliche Tochter arbeitet, dann wird er umfallen. Aber ich werde ihm gleich sagen, dass sie sich mir an den Hals geworfen hat. Wenn sie denkt, ich spiele jetzt den großen Verführer, dann irrt sie sich gründlich. Überhaupt wird sie diesen Tag noch verfluchen.

»Gut«, knirschte er zwischen den Zähnen hervor. »Aber ich fahre nur dies eine Mal mit. Hast du mich verstanden?«

»Ja, Albert«, sagte sie eingeschüchtert.

Elvira wollte den Hass einfach nicht wahrhaben. Und sie ließ sich auch nicht anmerken, dass sie bekümmert war; denn Albert kam jetzt nachts nicht mehr zu ihr. Überhaupt sah sie ihn jetzt sehr selten.

Als der Sonntag herannahte, hatte sie doch ein klein wenig Angst. Zum Glück hatte sie den Mut aufgebracht, den Eltern einen langen Brief zu schreiben. Sie hatte sich sogar bei ihnen entschuldigt. Jetzt konnte sie ja alles tun, denn man würde sie nicht wieder daheim festhalten.

Inbrünstig hatte sie auf eine Antwort gewartet, aber kein Brief traf ein. Das schmerzte sie sehr. Und als sie jetzt zu Albert in den Wagen stieg, klein, demütig und ein wenig zerknittert, fühlte sie nur ihr Herz, das angstvoll schlug.

Und der Zuhälter dachte: Wie konnte ich nur auf so ein mickeriges Hühnchen reinfallen. Nein, wenn sie einen dicken Bauch hat, dann kann sie noch nicht einmal in der Bar helfen. Es ist scheußlich, dass sie mich so in der Hand hat. Aber es wird noch der Augenblick kommen, wo ich ihr alle Schlechtigkeiten heimzahlen werde.

Als sie die Kleinstadt erreicht hatten, und Elvira ihn dirigierte, saß er mit zusammengekniffenen Lippen hinter dem Lenkrad. Dann endlich standen sie vor ihrem Elternhaus, einem roten Backsteinbau mit einem überaus gepflegten Garten. Alles roch hier nach Sauberkeit und Anständigkeit.

Albert dachte: Wenn meine versoffenen Eltern hier gelebt hätten, von allen geachtet, du mein Gott, dann wäre auch etwas aus mir geworden. Die, die es haben, wollen es nicht, werfen es sogar fort, und andere, die sich ihr ganzes Leben danach verzehren, bekommen es vielleicht nie.

Elvira schaute Albert von der Seite an. Merkwürdigerweise passte er so gar nicht in diese kleine Villengegend. Jetzt kam er ihr richtig schäbig und verlebt vor, war gar nicht mehr der große Held, den sie angehimmelt hatte. Sie sah jetzt zum ersten Mal bei Tageslicht seine harten, verlebten Züge und die eiskalten Augen. An den Seiten ergrauten schon die Schläfen. Außerdem hatte er sich viel zu auffällig gekleidet.

Das junge Mädchen schämte sich entsetzlich.

»Komm«, sagte sie zaghaft.

Sie stiegen aus. Und sie erinnerte sich an den Abend, da sie hastig über diese Stufen gelaufen war, nicht mehr zurückgeschaut hatte. Als junges, unfertiges Mädchen hatte sie das Elternhaus verlassen. Inzwischen war sie innerlich um so vieles reifer geworden. Der Schmelz der Jugend war verbraucht.

Mit zittrigen Fingern klingelte sie.

»Papa«, würgte sie hervor, als sie ihn in der Tür stehen sah.

Sein Gesicht war sehr weiß und gefasst.

»Kommt herein«, sagte er mit ruhiger Stimme und trat zur Seite. Keine nette, liebevolle Begrüßung wie früher. Ihr war, als wäre er ein Fremder.

Beklommen betrat sie das Haus. Dem Zuhälter war auch nicht ganz wohl in seiner Haut. Im Salon saß die Mutter. Sie war in den letzten Wochen über den Kummer der Tochter sehr gealtert. Viele weiße Fäden durchzogen ihr schönes Haar.

»Mutti!«, rief sie laut und wollte sich an ihren Hals stürzen und ein wenig dort ihren Kummer ausweinen. Sie war gar nicht mehr glücklich. Um des Kindes willen musste sie diesen Mann heiraten und so alles »ungeschehen machen«. Aber ihr Herz würde dabei leer ausgehen. All das wollte sie ihr beichten, aber auch hier begegnete ihr nur frostige Kälte.

Die Mutter streckte ihre Hand aus. Sie wirkte so zerbrechlich und durchsichtig.

»Elvira«, sagte nur leise, und dann brach ihre Stimme.

Sie stellte ihnen Albert vor. Kälte war mit ins Zimmer gekommen. Und der Zuhälter dachte: Hier hat sie gelebt, umgeben von Luxus und Liebe. Und das hat sie aufgegeben, um in so einer schäbigen Bude unter dem Dach zu leben und gemeine Küchenarbeit zu verrichten. Wer sollte sie noch begreifen? War sie vielleicht nicht ganz normal?

»Setzt euch«, sagte der Vater.

Gehorsam setzten sie sich.

»Elvira«, sagte er ruhig, »ich sage nichts, mache dir keinen Vorwurf, nichts. Du hast es gewollt. Wir haben alles für dich getan, was in unserer Macht lag. Wir haben dich großgezogen und immer liebgehabt. Aber das war anscheinend nicht genug. Du bist fortgelaufen, ohne daran zu denken, wie sehr du Mutter damit treffen musstest. Wochenlang hast du dich nicht gemeldet, und wir lebten in tausend Ängsten, bis dein Brief kam. Die ganze Zeit hast du nur an dich gedacht, immerzu an dich. Und bestimmt wärst du auch heute nicht zu uns gekommen, wenn du uns nicht brauchtest, in einer gewissen Sache ...« Er machte eine Pause. Dann sagte er leise: »Kinder können so grausam sein. In einer Nacht können sie alles zerstören, wofür man jahrelang gelebt und sich aufgeopfert hat. Du hättest es einmal guthaben sollen und ein besseres Leben leben, als wir es seinerzeit mussten, im Krieg und danach.

Du hast es nicht gewollt, Elvira. Wenn wir jetzt nicht glücklicher über deinen Besuch sind, dann hast du dir es selbst zuzuschreiben. Weißt du, wir sind am Ende. Du hast uns so tief getroffen. Und es gibt einen Augenblick, in dem auch Eltern nicht mehr können.

Du hast deinen Weg gewählt. Nun denn. Wenn du glaubst, wir wären dumm und altmodisch und verstünden die Welt nicht, dann musst du deinen Weg gehen. Wir halten dich nicht mehr zurück, Elvira. Mutter und ich haben auch noch ein Recht auf ein Leben, weißt du! Wir lassen uns nicht ganz zerstören.

Alles, was dir einmal lieb und teuer war, hast du dem ersten besten Mann geschenkt. Du bist schwanger, du musst jetzt heiraten. Nun, Elvira, wir versagen es dir nicht. Ich gebe dir meine Einwilligung. Damit bist du dann erwachsen und auch volljährig und du hast jetzt endgültig dein Leben in der Hand. Du kannst tun und lassen, was du willst. Das hast du doch immer gewollt, nicht wahr?«

Elvira hatte die ganze Zeit stumm dagesessen und nicht gewagt, die Augen zu heben. Sie war nicht nur wegen der Bescheinigung heimgekommen, sie hatte sich nach zu Hause gesehnt. Aus vollem Herzen hatte sie gehofft, die Eltern würden sagen: Bleib bei uns, wir sorgen für dich und das Kind. Es wird schon alles gut werden. Sie sehnte sich nach deren Trost und Liebe, und jetzt begriff sie den Fernfahrer und den Chinesen. So viele hatten es gut gemeint, aber sie hatte nur schnippisch geantwortet und sich noch sehr wichtig genommen.

Das war hart, das war unendlich hart. Elvira spürte sehr wohl, dass die Eltern Albert durchschauten. Sie fragten gar nichts. War sie ihnen so gleichgültig geworden? Aber dann erinnerte sie sich daran, dass die Mutter ein schwaches Herz hatte. All die Wochen des schrecklichen Wartens! In Elviras Ohren begann es zu dröhnen. Du bist egoistisch, egoistisch!

Albert saß nur daneben und schwieg. Ihm war gar nicht wohl unter den stechenden Augen des Richters. Dieser verabscheute ihn, das spürte er ganz deutlich. Große Töne hatte er spucken wollen, ihnen sagen, welch ein Flittchen ihre Tochter sei, aber er brachte es nicht über die Lippen.

Nachdem der Vater gesprochen hatte, stand die Mutter auf und deckte den Tisch. Wie reglose Holzpuppen saßen sie sich gegenüber und sprachen kein Wort. Man nahm den Kuchen zu sich und trank den Kaffee.

»Wo wollt ihr heiraten?«, fragte der Vater höflich.

»In Hamburg«, sagte Albert. Das war sein erstes Wort.

»Wahrscheinlich nur standesamtlich, wie ich mir denken kann?«

«Ja«, würgte Elvira hervor.

Die Mutter sagte leise: »Ich habe noch Großmutters Schleier. Ich habe ihn auch getragen. Aber den brauchst du ja jetzt wohl nicht.«

Jedes Wort war wie ein Keulenschlag. Elvira musste daran denken, mit wieviel Aufregung und Lustigkeit die Hochzeiten von Freunden und Bekannten verbunden waren. Wie festlich wurde der große Tag begangen, wie stolz waren die Eltern. Mit wie viel Liebe suchte das Brautpaar die Möbel aus. So viele schöne Erinnerungen waren damit verbunden. Und jetzt würde sie selbst heiraten. Kalt und fremd würde alles sein.

»Ich werde alles regeln«, hörte sie den Vater sagen. »Schickt mir die Formulare zu, und ich werde sie unterzeichnen. Aber wegen Mutters Gesundheitszustand können wir nicht zur Hochzeit kommen. Das könnt ihr doch verstehen.«

Und Albert dachte: Ein Richter geht nicht auf die Hochzeit eines Zuhälters. Aber er sagte es natürlich nicht. Wenig später brachen sie auf.

Sie standen an der Tür, gaben sich die Hand. Kein Lächeln war in den Gesichtern. Nur in den Augen der Mutter schimmerten Tränen. Schließlich war es ja ihr einziges Kind. Aber sie wollte es ja doch.

Erst als sie wieder im Auto saßen und ein ganzes Stück fort waren, brach sie in Tränen aus. Albert sagte mit kalter Stimme: »Du bist ein dummes Luder. Damals hättest du auf Knien liegen sollen und dankbar sein müssen für all das hier. Und was hast du blöde Gans getan? Und jetzt hast du mich auch noch reingerissen, du verdammte Schlampe!«

»O Albert, sei nicht so hart zu mir. Es bricht mir fast das Herz.«

»Soll es doch!«, sagte er wütend. »Dann brauch ich dich nicht zu heiraten. Aber das schwöre ich dir: Wenn du dich je bei deinem Alten über mich beschwerst, dann kriegst du eine Tracht Prügel, dass du acht Tage nicht mehr sitzen noch stehen kannst. Wenn wir verheiratet sind, dann können sie mir nämlich nichts mehr antun. Dann gehörst du mir, und dann mach ich mit dir, was ich will. Aber ich will deinen Alten nie bei mir sehen, hast du mich verstanden?«

Elvira legte die Hände vor das Gesicht und stöhnte auf. Sie dachte: Wäre es nicht für mich besser, ich wäre gleich tot? Dann brauchten sich meine Eltern nicht mehr zu schämen, und alles Schreckliche hätte dann auch ein Ende für mich. Aber da ist das Kind, das in mir wächst. Es hat ein Recht auf sein Leben. Ich muss durchhalten. Ich muss es einfach.

An die Heirat mochte sie nie mehr zurückdenken. Der Tag war so qualvoll für sie gewesen, Hastig, nervös, schlecht gelaunt und immer noch furchtbar wütend, so waren sie zum Standesamt gefahren. Zwei zufällig anwesende Gäste wurden gegen Entgelt zu Trauzeugen. Sie machten wirklich keinen vertrauenerweckenden Eindruck. Schon allein die Straße, in der sie wohnten, sagte dem Beamten alles, wenn er sich auch nichts anmerken ließ. Nur, als er vorlas, woher sie kam und wer ihre Eltern waren, da sah er überrascht auf und sagte: »Ihren Herrn Vater kenne ich sehr gut.« Sie wäre vor Scham fast in den Boden versunken. Albert zeigte nur seine Zähne und machte eine höhnische Grimasse.

Dann war alles vorbei, und sie hieß Elvira Lanner. Nun hatte sie die letzten Brücken hinter sich abgebrochen. Wie der Vater gesagt hatte, war sie mit der Heirat auch volljährig geworden.

Nur Lie-San versuchte, den Tag ein wenig hübscher zu gestalten. Er hatte einen besonders hübschen Tischschmuck gewählt, ein ausgezeichnetes Essen zubereitet. Albert betrank sich und brauste wenig später mit seinem Wagen davon. Er hatte eine Verabredung mit dem Mann, der ihm das Haus für seine erste Nachtbar überlassen wollte. Natürlich musste er noch einige Umbauten vornehmen.

Inzwischen saß seine junge Frau in der Küche und musste sich die Anzüglichkeiten der Dirnen anhören. Später, als Albert endlich wieder auftauchte und sie dort sitzen sah, schnauzte er sie an: »Bilde dir bloß nicht ein, du könntest jetzt eine ruhige Kugel schieben! Das schlag dir gleich aus dem Kopf! Du hast jetzt noch mehr zu arbeiten, denn für den Balg wirst du ja in Zukunft auch sorgen müssen. Ich kümmere mich um nichts, kapiert!«

»Wo werde ich denn jetzt wohnen?«, fragte sie leise.

Er sah sie an.

»Natürlich in deiner Bude, wo denn sonst?«

Albert hatte den ersten Stock für sich allein. Einmal war sie schon in seiner Wohnung gewesen. Er hatte vier große Zimmer, Bad und auch eine Küche, die aber nie benutzt wurde. Sie aber sollte in dem schäbigen Dachzimmer wohnen bleiben. Er nahm es einfach nicht zur Kenntnis, dass sie nun auch auf dem Papier zusammengehörten.

Und seit jenem Tage, an dem sie ihm gesagt hatte, sie erwarte ein Kind von ihm, rührte er sie nie mehr an.

Das war wohl die tiefste Demütigung. Wie konnte sie ihm näherkommen, ihn umstimmen, wenn sie nicht zusammenlebten? Und sie hatte schon mit ein klein wenig Freude darüber nachgedacht, wie hübsch es sein musste, jetzt selbst einem Haushalt vorzustehen. Aber er dachte gar nicht daran, sein Leben zu ändern. Sie hatte bekommen worum sie gebeten hatte mit Zwang, wohlverstanden , und jetzt sollte sie ihn in Ruhe lassen.

Die Dirnen im Hintergrund begannen zu kichern. »Kannst ja mit uns auf den Strich gehen. Dann Verdienste ein paar Flöhe und kannst auch mal zum Friseur gehen und dir einen neuen Fetzen kaufen.«

Elvira biss die Zähne zusammen.

Lola kicherte: »Bald hat sie einen dicken Bauch, und dann kippt sie vornüber, wenn einer sie von hinten ...«

Wieherndes Gelächter. Elvira aber biss die Zähne zusammen. Sie wusste ganz genau: Wenn sie jetzt weinte, würde man sich noch mehr über sie lustig machen. Und sie konnte nirgendwo hingehen. Sie war hier angekettet. Wenn der Koch nicht gewesen wäre, vielleicht hätte sie sich dann das Leben genommen. Aber er versuchte, sie in Schutz zu nehmen, wo er nur konnte.

Als sie wieder allein waren, machte sie sich an die Arbeit. Noch sah man ja nicht, dass sie schwanger war. Aber mit der Zeit würde ihr Leib schwerer werden, und wie sollte sie dann alles bewältigen?

Zwei Tage später sprach sie mit Albert und verlangte ihren Lohn.

»Bist du verrückt!«, höhnte er. »Du bist meine Frau, du kriegst nicht einen Heller.«

»Wie soll ich für das Kind sorgen, wenn ich kein Geld von dir bekomme? Ich arbeite für zwei, das weißt du ganz genau.«

»Sie braucht wirklich Geld«, mischte sich der Koch ein.

»Steckst du mit ihr unter einer Decke?«

»Ich bin nur für Gerechtigkeit«, sagte er ruhig. »Hier gibt es keine Sklaven mehr.«

Er warf ihr verächtlich einen Schein zu. »Fürs Erste genügt das«, sagte er wütend.

Elvira hob den Hundertmarkschein auf.

Dieses Leben war die Hölle, und sie konnte nicht einmal ihrer Mutter schreiben. Niemanden konnte sie ihr Herz ausschütten, und so fraß sie alles in sich hinein. Und sie war noch keine achtzehn Jahre alt.



14

Und dann wurde das Kind geboren. Elvira hatte fast bis zum letzten Augenblick in der Kneipenküche arbeiten müssen. Von den wenigen Almosen, die Albert ihr stets verächtlich zugeworfen hatte, erstand sie ein Bettchen und all die Dinge, die man für einen Säugling braucht. Manchmal zerbrach sie sich den Kopf und fragte sich, wie es weitergehen sollte, wenn das Kind da war. Sie musste doch arbeiten. Die erste Zeit ging es ja noch, da würde es viel schlafen. Aber später?

Die junge Frau hatte längst aufgegeben, an eine gute Zukunft zu denken. Ihr Mann war kein Mensch, sondern ein Teufel. Sie sprach kaum mehr ein Wort mit ihm. Jetzt war er übrigens fast nie mehr in der Kneipe. Lie-San und sie mussten alles allein bewältigen.

Er hatte seine erste Bar eröffnet. Und die war pompös und enorm. Dort gab es Aufführungen von gewagtem Strip und so weiter. Sie hatte gehört, dass sich die Männer abends auf dieser Lokalität drängten. Es sollte eine wahre Goldgrube sein. Woher Albert die Mädchen hatte, konnte sie nicht sagen. Bedrückt fragte sie sich oft, warum die Polizei nicht mehr auf ihn aufpasste.

Aber Albert war gerissen genug, nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Die kleinen Animiermädchen, die für ihn herumliefen und hin wieder auch sich selbst anboten, hatten sich selbst angeboten. Ja, er konnte regelrecht unter ihnen wählen. Er beteiligte sie am Umsatz. Kein Wunder, dass sie versuchten, möglichst viel an den Mann zu bringen. Was sie in den kleinen Hinterräumen trieben, das ging ihn einfach nichts an. Später würde er hier seine eigenen Pferdchen laufen lassen. Aber für dieses Unternehmen musste er erst die richtigen Mädchen finden.

In einer Regennacht wurde sein Sohn geboren. Als die Wehen einsetzten, schleppte sich Elvira mit letzter Kraft zum Koch und klopfte an seine Tür.

»Würden Sie mir ein Taxi besorgen?«, flüsterte sie und klammerte sich ans Treppengeländer.

»Ja, ja, sicher!«, rief er. »Ich ziehe mich nur rasch an. Ich bin gleich so weit.«

Wenige Augenblicke später stürzte er aus dem Haus. Elvira hatte die Tasche schon vor Wochen gepackt. So brauchte sie jetzt nichts zusammenzusuchen.

Lie-San begleitete sie zur Klinik.

»Das brauchst du nicht«, sagte sie mit schwacher Stimme. »Du bist doch auch müde.«

»Jetzt spreche nicht, sei ganz still.«

Sie waren schon ein seltsames Paar, und in der Klinik hielt man den Chinesen für ihren Mann. Aber sie schüttelte nur den Kopf.

Die Wehen waren schrecklich. Der Arzt betrachtete ihren Körper. Sie sah mager und erschöpft aus, am Ende ihrer Kräfte. Er verstand einfach nicht, wie sie so lange hatte schaffen können. Und dazu ihre Jugendlichkeit.

Das Kind musste dann mit Kaiserschnitt geholt werden. Gegen Morgen endlich erhielt Lie-San Bescheid. Und er machte sich auf den Weg nach Hause. Er war todmüde und stolperte vor sich hin. Jetzt wollte er sich erst einmal eine starke Tasse Kaffee bereiten.

Als er die Küchentür aufstieß, sah er Albert. Er stand ans Fenster gelehnt. Als er jetzt den Chinesen kommen hörte, drehte er sich um.

»Ich suche dich schon die ganze Zeit. Wo warst du?«

Die schwarzen Augen des Asiaten sahen ihn ausdruckslos an.

»Bin ich dein Sklave?«, erwiderte er kalt.

Albert ballte die Hände. Es ärgerte ihn, dass der Chinese ihm immer überlegen sein würde. Er besaß Haltung und so etwas wie eine gute Bildung. Immer würde er ihn spüren lassen, dass sie nicht auf derselben Stufe standen. War er denn nicht ein Chinese und er ein Weißer?

»Ich muss mit dir sprechen«, sagte Albert hastig. »Du kannst das hier jetzt Elvira allein überlassen. Ab heute wirst du im Nachtclub für mich kochen.«

»Ich bleibe vorläufig noch hier«, sagte der Chinese.

»Aber die Küche ist fertig. Modern, leicht zu arbeiten. Du wirst deine Freude haben.«

»Trotzdem bleibe ich hier, oder du überlässt jemand anderem die Küche.«

»Du hast sie angelernt. Sie wird es doch wohl endlich können! Zu irgendetwas wird sie mir wohl nütze sein, verdammt noch mal!«

»Sie hat dir diese Nacht einen Sohn geboren. Sie muss sich jetzt um das Kind kümmern.«

Der Zuhälter starrte ihn an. »Das habe ich ganz vergessen.«

»Es ist so.«

Die beiden Männer maßen sich gegenseitig mit einem langen Blick. Albert war es, der die Augen niederschlug.

»So werde ich einen anderen suchen müssen«, murmelte er »Du wirst dann mitkommen?«

»Nur, wenn Elvira hier nicht mehr arbeiten muss.«

»Ich habe dir doch gesagt, dass ich mich dämm kümmern werde«, sagte er grantig.

Lie-San lächelte leicht. Nun hatte er endlich erreicht, dass die junge Frau nicht mehr so schwer arbeiten musste. Jetzt würde sie nur noch Zeit für ihren kleinen Sohn haben und sich selbst pflegen können, würde wieder lachen und heiter werden. Bei so einem kleinen Kind musste das Herz doch groß und weit werden. Hätte der Chinese nur Alberts Gedanken erraten können, hätte er sich anders verhalten.

»Sie liegt in der Klinik«, sagte Lie-San. »Du wirst hingehen! Die Formalitäten müssen erledigt werden.«

Albert vergaß zuerst, dass er einen Sohn hatte. Aber gegen Mittag erinnerte ihn Lie-San wieder daran. Und so fuhr er zur Klinik.

Elvira hatte nicht damit gerechnet, dass Albert sie besuchen würde. Umso erstaunter war sie dann, als sie ihn in der Tür stehen sah. Er hatte ihr nichts mitgebracht. Fast böse sagte er: »Nun hast du es ja erreicht! Das Kind ist also ehelich geboren. Du hast also alles bekommen, was du wolltest. In Zukunft wirst du also tun, was ich dir befehle.«

Sie duckte sich ins Bett hinein. Wahnsinnige Angst überfiel sie. Den ganzen Morgen hatte sie gegrübelt. Aber fortgehen, das konnte sie nicht. Der Krieg war noch nicht lange zu Ende, und Kinderkrippen gab es damals nicht. Entweder musste sie das Kind in ein Waisenhaus geben und arbeiten gehen, oder es behalten und Albert untertan sein. Nein, ihr Kind sollte keine freudlose Jugend erleben. Sie würde immer vor ihm stehen, es so vor Albert schützen.

So lag sie nur da mit zitternden Lippen und schaute ihn an, sagte aber kein Wort.

»Ich werde es anmelden. Wie soll es heißen?«

»Patrick«, stammelte sie.

»Gut, dann wäre also alles erledigt.«

»Du wirst das Krankenhaus bezahlen müssen. Ich habe nicht so viel Geld.«

Er fluchte wild vor sich hin.

»Bis jetzt habe ich für dich nur immer bezahlt, bezahlt und nochmals bezahlt. Du wirst mir alles zurückerstatten, das schwöre ich dir.«



15

Uber vierzehn Tage blieb sie in der Klinik. Und diese Zeit war die schönste für sie, seitdem sie von zu Hause fortgelaufen war, obwohl sie viele Schmerzen erdulden musste. Aber sie war glücklich. Hier waren nette Menschen, hier hatte sie ihren Sohn ganz für sich. Man wunderte sich darüber, dass sie nie Besuch bekam. Nur einmal tauchte Lie-San auf.

»Du wirst nicht mehr in der Küche arbeiten müssen. Ich gehe in die Nachtbar. Aber das habe ich für dich durchgedrückt, Elvira.«

Tränen liefen ihr übers Gesicht.

»O Lie-San, du bist so gut zu mir. Einmal war ich so böse und habe dir nicht geglaubt, und du bist nur gut zu mir.«

»Jemand muss ein wenig Licht in dein Leben bringen«, sagte er ruhig. »Ohne Licht ein Mensch nicht leben, verkümmert.«

»Ich habe Angst vor der Zukunft. Und wenn ich jetzt nach Hause komme, dann bist du auch nicht mehr da, Lie-San. Ich werde sehr einsam sein.«

»Wenn es meine Zeit erlaubt, werde ich euch besuchen kommen und nachschauen, was der Kleine macht.«

Als er fort war, packte sie sein Geschenk aus. Es war eine kleine blaue Rassel für Patrick. Darüber musste sie so schrecklich weinen, dass die Schwestern sie kaum beruhigen konnten.

Aber dann war die schöne Zeit vorbei, und sie musste das Krankenhaus verlassen. Leer und traurig wirkte das Hinterzimmer, als sie mit Patrick einzog.

Zu später Stunde tauchte Albert auf, blieb breitbeinig in der Tür stehen, dann kam er langsam näher und sah mit gerunzelter Stirn auf das Kind.

»Wenn es Ärger macht, werfe ich es hinaus. Ich habe dir immer gesagt, dass ich es nicht haben will. Hast du mich verstanden?«

Sie erwiderte nichts.

»Du brauchst nicht mehr in der Küche zu arbeiten. Ich musste es dem verdammten Chinesen versprechen, sonst wäre er nicht mit in die Nachtbar gekommen.«

»Er hat es mir gesagt.«

Er schaute sie höhnisch an.

Details

Seiten
250
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924848
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v453263
Schlagworte
schicksalsroman doppelband

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Titel: Schicksalsroman Doppelband 001