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Einsame Mädchen sind eine leichte Beute - Redlight Street 59

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

REDLIGHT STREET #59

von G. S. Friebel

Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.

Karen war dieses Leben leid. Sie lebte in einer wunderschönen Villa und sie konnte alles haben, was man für Geld kaufen konnte, aber auch nicht mehr. Dauernd stellten die Eltern Forderungen an sie. Sie hatten Karens Leben verplant und erwarteten, dass die Tochter funktionierte. Eigentlich war Karen mehr eine Belastung für sie als eine geliebte Tochter oder eine Freude. So lebte sie also vor sich hin bis Michael in ihrem Leben auftauchte. Er war der Sohn einfacher Leute und bei ihm erfuhr sie das erste Mal, wie es ist, wenn man liebt und geliebt wird.

Leseprobe

Einsame Mädchen sind eine leichte Beute

REDLIGHT STREET #59

von G. S. Friebel


Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.


Karen war dieses Leben leid. Sie lebte in einer wunderschönen Villa und sie konnte alles haben, was man für Geld kaufen konnte, aber auch nicht mehr. Dauernd stellten die Eltern Forderungen an sie. Sie hatten Karens Leben verplant und erwarteten, dass die Tochter funktionierte. Eigentlich war Karen mehr eine Belastung für sie als eine geliebte Tochter oder eine Freude. So lebte sie also vor sich hin bis Michael in ihrem Leben auftauchte. Er war der Sohn einfacher Leute und bei ihm erfuhr sie das erste Mal, wie es ist, wenn man liebt und geliebt wird.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Sie lag wach im Bett. Soeben hatte sie die Stimme der Mutter gehört. Und sie hatte geantwortet. Das erwartete man von ihr. Man wollte jeden Morgen wissen, ob sie auch wirklich wach war. Und jetzt überfiel sie die Angst wieder. Ganz plötzlich war sie da und schnürte ihr die Kehle zu. Arme und Beine waren so steif wie ein Brett. Sie lag im Bett und hatte Angst, weil sie nicht wusste, wie es jetzt weitergehen sollte. Was musste man tun? Was verlangte man jetzt weiter von ihr? Vorsichtig wendete sie den Kopf zur Seite. Da sah sie die Büchertasche auf dem Stuhl stehen.

Schule! Leichte Luftblasen stiegen in ihr hoch. Gott sei Dank, sie hatte sich wieder erinnert. Sie wusste, wofür man diese Tasche brauchte. Schule! Jetzt konnte sie auch wieder weiterdenken.

Ich muss aufstehen, ins Bad gehen. Sie schaffte es auf Anhieb und sie war erstaunt, dass sie alles ohne Komplikationen durchstand: Zähne putzen, waschen, kämmen. Sie machte nichts falsch, nichts kaputt. Im Zimmer angekommen, überfiel die Angst sie von neuem. Man erwartete etwas von ihr, einen freien Entschluss. Sie musste jetzt pausenlos selbst entscheiden, was zu tun war.

Sehnsucht nach der Geborgenheit der Klinik erfasste sie. Dort hatte sie nicht denken müssen. Dort war alles geordnet gewesen. Man hatte sie erinnert, ihr gesagt, was zu tun war. Hier nicht! Hier lauerte überall die Angst und die Gefahr. Ständig war es ein Kampf. Sie fühlte den Klumpen Angst im Magen, und ihr war übel.

Das Fenster stand offen; sie fror. Ich muss mir etwas anziehen. Jetzt hatte sie wieder etwas entschieden, ganz allein. Sie lächelte leicht vor sich hin, freute sich wie ein Kind. Ich mache mich langsam, dachte sie.

Aber dann kam der Augenblick, da sie die Geborgenheit des Zimmers verlassen musste. Schleppend war ihr Schritt. Da war die Treppe, die Halle. Jetzt musste sie wohl ein Frühstück zu sich nehmen. Ihre Augen waren weit geöffnet, und sie sah doch nichts. Ihre Hand vorstreckend fand sie die Tür, öffnete sie und sah dann den gedeckten Tisch. Die Eltern waren schon da.

Sie spielten die Muntermacher.

»Na, heute bist du aber wirklich pünktlich! Das ist ja wunderbar! Komm, setz dich.«

Karen schob sich vorsichtig auf einen Stuhl. Sie sah kurz den Vater an, fühlte den Klumpen Angst in sich aufsteigen und dachte: Ich kann nicht essen. Aber man erwartet es von mir. Ich muss essen!

Tapfer kämpfte sie sich durch die Schnitte.

»Hör zu, ich kann dich mitnehmen. Ich brauche heute erst später in der Praxis zu sein. Komm schon.«

Jetzt musste sie etwas antworten. Wieder erwartete man einen Entschluss von ihr. Das alles war so schwer! Warum hatte man sie nicht in der Klinik gelassen? Dort war sie fast ein wenig glücklich gewesen. Warum quälte man sie immerzu.

»Ich möchte zu Fuß gehen«, sagte sie leise und senkte den Kopf tief über ihren Teller.

Die Eltern waren ganz ruhig. Dann sagte der Vater: »Was wirst du heute tun?«

Immer wollten sie wissen, was sie tat. Pausenlos wurde sie danach gefragt. Sie wusste es doch noch nicht. Jetzt noch nicht. Da waren so viele Stunden, der Tag war so schrecklich lang.

»Schularbeiten«, sagte sie tapfer. »Ich muss für die Schule arbeiten, die Zeugnisse.«

»Hör mal, du sollst dich nicht in deine Bücher vergraben. Das hast du früher auch nicht getan, Karen.«

»Kann ich jetzt gehen?«, fragte sie.

Hilflos blieb das letzte Wort des Vaters in der Luft hängen.

»Ja, selbstverständlich«, sagte er dumpf.

Sie stand auf, fand auf Anhieb die Tür und war in der Diele. Weil ihr Blick zufällig auf die Jeansjacke fiel, zog sie die auch an. Oft fror sie am Morgen, wenn sie zur Schule ging und merkte nicht einmal, woran das lag.

Schule, Büchertasche, ich habe alles gelernt. Niemand kann mir etwas anhaben. Ich kann alles. Zur Sicherheit sagte sie es sich immer vor. Ich bin kein Versager, ich kann es, wenn wir die Arbeit schreiben, ich brauche keine Angst zu haben.

Sie ging über den gelben Kiesweg. Er knirschte unter ihren Füßen. Karen Bergheim, deren Vater ein angesehener Rechtsanwalt mit einer großen Praxis war, lebte hier draußen im Villenvorort. Man hatte alles, was man brauchte, um zu zeigen, dass man es im Leben zu etwas gebracht hatte. Großvater war nur ein kleiner Angestellter gewesen, hatte Entbehrungen auf sich genommen, damit der Sohn studieren konnte. Jetzt stand der ganz oben auf der Sprossenleiter des Lebens. Der Großvater hatte es nicht mehr erlebt. Einmal hatte sie den Vater zur Mutter sagen hören: »Es ist gut so. Ich hätte auch gar nicht gewusst, was ich mit dem alten Herrn hätte anfangen sollen.«

Die Mutter, eine schöne Frau, auch jetzt noch, hatte dazu geschwiegen. Sie hatte nie etwas mit dem Großvater anfangen können. Sie kam aus reichem Haus, ihr Vater war Arzt gewesen. Karen musste an den Großvater denken. Sie war neun Jahre alt gewesen, als er starb. Sie hatte ihn geliebt, wirklich geliebt. Er hatte es bedauert, dass er nur ein Enkelkind besaß. Oft hatte er gesagt: »Das Haus ist doch so groß, und du möchtest doch auch bestimmt Geschwister, nicht wahr?« Damals hatte sie noch nicht gewusst, dass es eine Sache der Eltern war, ob man einsam aufwuchs oder nicht.

Sie ging die Birkenallee entlang. Dort stieß sie mit Elke und Kirsten zusammen. Sie waren keine echten Freundinnen. Karen wusste, dass man sie dazu ermuntert hatte, sich freundlich zu geben. Karen mochte sie nicht, konnte ihnen aber nicht ausweichen. Sie war so schutzlos.

Die anderen Mädchen standen jetzt sinnbildlich eine Stufe über ihr. Man hatte den Kontakt verloren. Sie war immer eine gute Schülerin gewesen, aber nach einem halben Jahr in der Nervenklinik musste man zurückgeschult werden.

Karen wusste, dass die Eltern mit der Schulleitung gesprochen hatten, mit den Nachbarn, den Bekannten. Alle wussten Bescheid. Alle waren freundlich, fragten nicht, vermieden, das Gespräch in eine bewusste Richtung zu bringen.

Sie hatte schweißnasse Hände.

Die beiden Mädchen gingen neben ihr, eintöniges Gespräch. Vorhin hatten sie noch miteinander gelacht. Warum lassen sie mich nicht allein?

»Hast du für die Arbeit gelernt?«

»Ja.«

»Gehst du heute Tennis spielen?«

»Weiß nicht.«

»Oder hast du Lust zum Schwimmen?«

Sie zuckte die Schultern.

Sie blieben friedfertig, deshalb hasste sie sie um so mehr. Warum lassen sie mich nicht in Ruhe? Ich kann sie nicht ausstehen!

Endlich, dort ist die Schule. Kinder laufen durcheinander und schreien. Sie tun mir nichts. Keiner tut mir was. Man hat es mir gesagt. Man will mir nur helfen. Helfen!

Die Angst war jetzt greifbar, packte sie, hielt sie fest.

Dann saß sie auf ihrem Platz. Frau Lücke, die Englischlehrerin, war freundlich zu ihr, ermunterte sie; sagte, sie würde es schaffen.

Dann lag das aufgeschlagene Heft vor ihr. Die weißen Seiten starrten sie an. Schrecklich! Karen schluckte, dann sah sie auf das Löschblatt. Irgendwann einmal hatte sie es in ihrer Verzweiflung draufgeschrieben: Schwere Depressionen mit Selbstmordabsichten. Ihre Augen saugten sich daran fest, sie hörte gar nicht, was man sagte. Nur diese Buchstaben tanzten vor ihren Augen: auf und ab, auf und ab.

Sie bekam den Bogen für die Übersetzung. Karen nahm ihn mechanisch.

Selbstmordabsichten!

Warum hat es nicht geklappt? Warum nicht? Oh, mein Gott, dann wäre alles überstanden. Vor über einem halben Jahr wäre schon alles überstanden gewesen. Warum hat man mir nie gesagt, dass man keine Ölsardinen essen darf, wenn man sich mit Tabletten das Leben nehmen will? Warum nicht? Ölsardinen hatten mir das Leben gerettet! Ich wollte nicht gerettet werden. Ich wollte sterben, sterben.

»Fräulein Bergheim, wollen Sie nicht langsam anfangen?«

Angstschauer jagten durch ihren Körper. Wo bin ich, wer ist das? Was soll ich tun?

Die schwarze Tafel an der Wand. Jetzt wusste sie es wieder; sie war in der Schule. Englisch! Sie konnte es wirklich. Dann schrieb sie, vergaß alles um sich herum. Eine Viertelstunde vor dem

Klingeln gab sie ihr Heft ab, verließ die Klasse. Sie war die erste.

Draußen war es jetzt totenstill, keine tobenden Kinder. Sie stand unter den Bäumen, fühlte, wie langsam die Angst abebbte. Der Blick wurde klar.

Wenig später erklang die schrille Klingel. Die Kinder strömten johlend aus dem Haus. Sie fühlte sich wie eine Fremde unter ihnen. Nichts verband sie mit diesen Menschen. Vielleicht kam sie von einem anderen Stern?

Die Freundinnen, jetzt waren auch Sonja und Anne dabei, nahmen sie in die Mitte und ließen sie nicht allein. Karen war allein! Die Schule zog sich dahin, wie Kaugummi. Man ließ sie in Ruhe, fragte sie nur ganz selten. Wenn sie aufstehen sollte, wurde alles verrückt, ihr Gesicht verzerrte sich und sie wusste nichts, gar nichts, und doch waren die Lehrer freundlich zu ihr, sogar richtig nett.

In der vierten Pause verkroch sie sich auf der Toilette.

»Ich weiß, dass man mir helfen will. Alle helfen sie mir. Ich bin kein Versager, ich bin nur krank. Man hilft mir, und bald bin ich wieder gesund.«

Pausenlos sagte sie den Satz vor sich hin. Aber es half nicht. Auch wenn man schon siebzehn ist. Dann erst recht nicht.

Die letzte Stunde! Endlich durfte sie heimgehen. Heim, das hieß: neue Fragen, neue forschende Augen, sich zusammennehmen. Ich darf sie nicht betrüben!

Als sie unter den Birken ging, dachte sie: Wenn Großvater noch leben würde, Großvater hätte mich verstanden, Großvater...

Die Mutter stand unten an der Pforte.

»Jetzt bin ich wieder im Gefängnis«, murmelte sie leise vor sich hin.

Zu zweit nahmen sie das Mittagessen ein.

»Ich habe dich angemeldet. Du hast es doch nicht vergessen, Karen?«

Tote Augen schauten die Mutter an.

»Bei Dr. Westhöfer. Wir haben doch darüber gesprochen, Karen. Du musst hingehen. Er wird dir helfen können.«

Dr. Westhöfer war Psychiater. Ja, man hatte darüber gesprochen.

»In der Klinik waren genug davon da. Ich will nicht mehr!«

»Du musst hingehen. Das wäre unhöflich. Außerdem hat Vater ihn bezahlt.«

Das hätte die Mutter nicht sagen dürfen. Sofort bemerkte sie ihren Fehler und schwieg. Wenn von Geld die Rede war, bäumte sich das Mädchen auf.

Karen dachte: Früher hatte sie nie Geduld mit mir, komisch. Wie oft hab ich sie angebettelt, angefleht, aber sie hatte so viel zu tun. Immer war sie fort und ich allein in diesem Riesenhaus.

Jetzt sieht es so aus, als würde sie alles nur für mich tun. Für mich! Dieses Wissen vertrieb die Angst. Nein, sie taten das auch jetzt noch für sich selbst. Sie denken gar nicht wirklich an mich. Sie schämen sich nur vor den noblen Freunden. Es ist ja so peinlich! Und jetzt wollen sie, dass wieder alles in Ordnung kommt.

Man kann nicht mehr sagen: »Unsere Tochter wird bald studieren, sie ist ja so klug. Sie wird ihren Weg wohl machen.«

Und die Männer, die Mama besuchen kommen, versuchen nicht mehr, mir heimlich in den Po zu kneifen. Wenn sie jetzt kommen, sehen sie wie erschreckte Karnickel aus. Ich bin ein Wundertier. Nein, sie kommen gar nicht mehr gern zu uns. Wie sehr muss Mutter das ärgern! Zu dumm!

»Ich werde gehen!«

Karen sah, wie erleichtert die Mutter war.

»Um fünfzehn Uhr. Wenn du willst, fahre ich dich hin.«

Sie will nur wissen, ob ich wirklich hingehe, dachte das Mädchen. Wie ein Bewacher.

»Ich nehme den Bus!«

Sofortiges Nachgeben. Karen konnte sagen, was sie wollte, man gab ihr sofort nach. Das machte sie wieder wütend. Aber dann dachte sie: Was hat das alles für einen Zweck? Warum schleppe ich mich nur so durch das Leben?

»Kann ich jetzt auf mein Zimmer gehen?«

Sie hatte kaum etwas gegessen. Das junge Mädchen sah schon dürr und klapperig aus. Die Backenknochen stachen kantig hervor. Die Arme, Beine, alles war nur Haut und Knochen. In dem winzigen Gesicht standen übergroße Augen.

»Ja bitte!«

Oben war es besser. Hier brauchte sie nicht pausenlos auf der Hut zu sein. Die Büchertasche wurde achtlos in eine Ecke geworfen. Dann stand sie lange am Fenster und schaute nach draußen. Von hier aus konnte sie ein kleines Stück von der Birkenallee sehen und das breite Tor. Und dann sah sie ein Gesicht! Schmal, mit Grübchen im Kinn, blonde, wuschelige Haare und blaue, lustige Augen. Er kletterte auf das Tor und winkte, ruderte mit den Armen durch die Luft.

In ihr wurde es ganz leicht und licht, sie schien auf einer Wolke zu schweben. Karen hob die Arme und flüsterte: »Ich komme. Warte, ich komme.«

Ein Auto fuhr vorbei.

Die Gestalt löste sich in Luft auf.

Die grausame Wirklichkeit hatte sie wieder eingeholt. So legte sie ihr heißes Gesicht an die kalte Scheibe.

»Ich darf nicht mehr zurückdenken, ich darf es nicht.«

Sie klappte wie ein Taschenmesser zusammen. Zu einem kleinen Bündel Mensch zusammengerollt, lag sie da und weinte.

Früher hatten die Tränen ein wenig Erleichterung gebracht, jetzt nicht mehr.



2

»In zehn Minuten fährt der Bus, Karen!«

Als sie das Zimmer verließ, war ihr Gesicht zu einer starren Maske geworden.

Als sie über den Kiesweg fortging, stand die Mutter hinter der Gardine, neben ihr die alte Frau Schratt. Seit über fünfzehn Jahren waren sie zusammen, jene die Dienende und sie die gnädige Frau.

»Es wird nicht besser«, murmelte sie.

»Man muss ihr Zeit lassen.«

»Zeit, Zeit! Wir tun doch schon alles! Wenn sie so weitermacht, verpasst sie noch den Anschluss. Sie zerstört sich selbst, und was ist dann?«

Frau Schratt sah sie von der Seite an. Sie hat Angst um sich, dachte sie. Sie hat Angst, dass ihre Tochter nicht so werden könnte, wie es in ihr Bild passte. Deshalb ja auch, deshalb . . .

Karen wusste nicht, dass man über sie sprach. Aber sie konnte es sich denken.

Sie erreichte noch den Bus, saß zwischen fremden Menschen und fühlte sich irgendwie wohl. Komisch, dachte sie, bekannte Gesichter machen mir Angst. Aber hier?

In zehn Minuten waren sie in der Stadtmitte. Obwohl sie noch nie in diesem Hochhaus gewesen war, bei diesem Arzt, so wusste sie, dass es der beste in der Stadt war. Vater musste immer das Beste haben.

»Ich darf sie nicht enttäuschen.«

Während sie mit dem Fahrstuhl hinauffuhr, sagte sie es sich immer wieder vor. Oben stand der Mann in der Tür. Er schien auf sie gewartet zu haben. Sie schätzte ihn auf neununddreißig Jahre und hatte sogar recht damit.

»Guten Tag, Fräulein Bergheim. Kommen Sie!«

Bei ihm war alles anders, nicht so steril. Es stand auch keine Liege da, zumindest sah sie keine. Vielleicht im Nebenraum?

»Möchten Sie einen Kaffee? Ich bin gerade dabei, mir einen aufzubrühen.«

Schon wieder verlangte man eine Entscheidung von ihr. »Ja«, sagte sie hastig.

Er warf ihr einen Seitenblick zu.

»Zucker, Milch?«

Sie geriet langsam in Panik.

Er stellte Zucker und Milchkännchen vor sie hin. »Sie können sich ja selbst bedienen«, sagte er ruhig.

Die Angst ebbte ab.

Jetzt bemerkte sie eine graue Akte auf seinem Tisch. Er sah ihren Blick und sagte: »Ihr Vater hat mir das gebracht. Aber ich habe sie noch nicht gelesen.«

»Ich weiß nicht, was ich hier soll.«

»Vielleicht brauchen Sie jemanden, mit dem Sie über alles reden können?«

Ihre Nerven krampften sich zusammen. Reden!

»Ich soll nicht darüber reden.«

»Finden Sie das gut?«

Tränen steigen hoch. Sie wollte nicht weinen, nicht vor diesem fremden Mann. Es war schon schlimm genug, dass sie sich jeden Abend in den Schlaf weinen wusste.

»Wir können es ja mal versuchen. Wenn wir merken, dass es nichts hilft, dann brechen wir einfach ab, ja? Außerdem ersparen Sie mir, dass ich erst die ganze Akte lesen muss.«

»Ich weiß gar nichts mehr.«

»Ich habe mir gedacht, dass wir von ganz vorn anfangen. Was meinen Sie?«

Sie hatte den Kaffee getrunken und fühlte sich nicht mehr so verloren. Irgendwie fand sie jetzt Zutrauen zu diesem fremden Mann.

»Wo habt ihr euch kennengelernt?«

Karens Augenlider begannen zu flattern. In diesem Augenblick wurde ihr bewusst, dass man ihr bisher nicht gestattet hatte, darüber zu sprechen. Peinlich vermied man das, immerzu. Und das war vielleicht das schrecklichste.

Und jetzt saß sie hier, vor einem fremden Mann, und dieser sagte nun ganz einfach: »Sprechen wir einmal darüber.«

Sie wusste nicht, ob er log, ob er ihre Geschichte wirklich nicht kannte. Vielleicht war das nur ein Trick, mit dem er sie aus der schrecklichen Verwirrung ihrer Gefühle herauslocken wollte.

Aber dann war da noch etwas: ein Verlangen, einmal darüber zu reden. Einmal! Nicht einmal in der Klinik hatte man es getan. Nur über den Selbstmord hatte man gesprochen. Einige nannten es Mord; aber das war es nicht, nein.

»Kennengelernt?«

»Ja, irgendwann kennt man sich, irgendwann geht eine Geschichte immer los. Haben Sie das nicht gewusst?«

Sie krampfte die Hände um die Tasse. Das schien ihr ein wenig Halt zu geben.

Kennengelernt!

Wie genau sie sich noch daran erinnern konnte! Es war im Frühling gewesen. Und dann dachte sie: Nur einen Sommer lang! Komisch, mir kommt das so abgedroschen vor. Entweder gibt es einen Schlager der so anfängt, oder einen Buchtitel. Irgendwie kommt es mir so schal vor. Aber es war ja nur ein Sommer!

Doch es war Frühling gewesen, als sie sich kennengelernt hatten.



3

Nachdem sie dazu gezwungen worden war, über alles gründlich nachzudenken, um es richtig formulieren zu können; spürte sie auf einmal, dass es wohl die große Einsamkeit, ihr liebeleeres Herz gewesen waren, die sie kopfüber in diese Liebe stürzen ließen. Wie sehr hatte sie geliebt, damals!

»Er hieß Michael Montag! Wir gingen zusammen in eine Schule. Er war eine Klasse über mir. Wir müssen uns schon oft gesehen haben, aber nie wirklich. Ich war gestürzt, auf dem Nachhauseweg. Eine scheußliche Sache. Über eine Bananenschale. Ich habe mich furchtbar aufgeregt und geärgert. Und dann kam Michael und besah sich den Schaden. Mein Knie war richtig zerschunden, und geblutet hatte es auch ein wenig.

>Nicht so schlimm. Du musst es sauber halten. Geht es?<

Er nahm meine Büchertasche und ging wie selbstverständlich neben mir her. Er wusste, wo ich wohnte. Später hat er mir dann gestanden, dass er schon einmal versucht habe, mich näher kennenzulernen. Aber ich wäre so abweisend gewesen.

Ich hatte nie einen richtigen Freund, ich meine, jemanden, der zu mir gehörte. Wir waren immer eine ganze Gruppe zusammen. Aber ich fühlte mich schon damals irgendwie verloren.

Und jetzt war Michael da: groß, schlaksig, blonde Strubbelhaare, lachende blaue Augen, Sommersprossen auf der etwas zu kurz geratenen Nase.

Es war alles so einfach bei ihm, wirklich, so nett und unbekümmert. Ich glaube, zuerst war ich ziemlich schüchtern und sagte nicht viel.

Als wir vor unserem Tor standen, war ich so schüchtern, dass ich nicht einmal den Mut hatte, ihn einzuladen. Und dann, na ja, als ich daran dachte, musste ich zugleich auch an Frau Schratt, unsere Haushälterin, denken. Sicher bekäme sie Bauchschmerzen, wenn ich einen Jungen mit nach Hause brächte.

Michael, glaube ich, war ein wenig traurig. Ich weiß es nicht genau. Er ging dann fort. Wir hatten uns für den nächsten Tag verabredet. Unten an der Straße.

Zu Hause habe ich mich dann mächtig geärgert. Jetzt lag wieder ein langweiliger Nachmittag vor mir.

Sie können nicht ermessen, wie das ist, einziges Kind angesehener Eltern zu sein. Eltern, die so sehr wert darauf legen, dass man nicht aus der Reihe tanzt; Eltern, die alles vorher beschließen und dann wütend werden, wenn man sich nicht einmal richtig freuen kann. Eltern, die einem Geschenke machen und dann erwarten: So, jetzt sei froh und glücklich. Was willst du denn noch, denk doch mal an die anderen Kinder. Die haben es längst nicht so gut wie du. Du kannst einem wirklich auf die Nerven gehen, und langweilig bist du auch.

Eltern, die einigermaßen froh sind, dass man nicht hässlich ist, dass man die Tochter wohl vorzeigen kann, aber dann wütend werden, wenn man sich so anzieht, wie alle Jugendlichen in der Schule. Ich will nicht auffallen. Ich will nicht, dass man sofort sieht: mein Vater hat Geld, er kann es sich leisten. Ich will ich sein, verstehen Sie!

Ja, ich habe wirklich alles gehabt, alles, nur ihre Liebe nicht. Dafür haben sie nie Zeit gehabt. Und ich glaube, sie lieben nicht einmal einander. Jeder lebt neben dem anderen einher. Sie denken nur an Geld, an teure Kleidung, Reisen und ich weiß nicht was.

Ach, ich war immer allein, immer. Frau Schratt sah es nicht gern, wenn mich Freundinnen besuchten. Sie benahmen sich nicht anständig, sagte sie hinterher, und dann schaute sie immer so komisch. Na ja, dann sind sie von selbst schon nicht mehr gekommen.

Ich war viel zu schüchtern, um dagegen Einspruch zu erheben. Ja, und ich habe gedacht: Vielleicht bin ich so komisch, ja, ich habe das wirklich gedacht. Ich empfand mich als undankbar, herzlos und kalt. All das, was man mir vorwarf, war ich wirklich so? Ich war einfach nicht in der Lage, etwas zu empfinden.

Und dann lernte ich Michael kennen. Er war fröhlich, unkompliziert. Er hat mich geliebt, und ich habe ihn geliebt. Vom ersten Augenblick an habe ich ihn geliebt. Mein Herz hat gezittert, wenn ich nur an ihn dachte. Wenn ich seine Schritte hörte, wurde mir ganz schwach.

Michael war für mich alles, einfach alles!

Und plötzlich wusste ich: Ich war nicht so, wie man von mir sagte. Ich konnte lieben, leiden, glücklich und unglücklich sein. Plötzlich schien auch für mich die Sonne.

Nachts lag ich oft lange wach und hatte dann manchmal schreckliche Angst, es könnte nicht so sein. Michael wäre nicht mehr da, ich hätte alles nur geträumt.

Diese Ängste!

Aber am Morgen stand er unten am Tor, zwinkerte mir zu und kniff mir in die Backen.

»Hallo, Kleines!«

Ich war jedes mal schwindelig vor Glück. Und jetzt war ich auch gegen den Spott der anderen gefeit. Sie haben sich immer über mich lustig gemacht. Ich war nun mal so eine komische, langweilige Type. Und man braucht ja immer jemanden, über den man sich lustig machen kann. Es hat mir nichts ausgemacht, ich meine, zumindest nicht viel.

Aber jetzt, mit Michael war alles anders. Und das wunderbare daran war: So viele Mädchen aus meiner Klasse waren hinter ihm her, hätten viel darum gegeben, dass Michael mit ihnen gegangen wäre. Aber er hielt zu mir.

Manchmal habe ich ihn gefragt: Warum gerade ich? Und dann hat er gelacht und nur gesagt: »Mach dir nicht so viel Gedanken, Kleines. Nimm’s, wie es kommt.«

»Warum?«, bohrte ich weiter.

»Herrje, das weiß ich auch nicht! Du bist eben anders, und das mag ich so sehr.

Zu Anfang waren wir uns nur freundschaftlich zugetan. Ich meine, ich habe ihn immer geliebt, aber wir haben uns noch nicht sofort geküsst und so . . . Nein, das haben wir erst viel später. Wir haben uns nur unterhalten, über so viele Dinge.

In der Schule wurde ich jetzt noch viel besser. Michael half mir oft, wenn ich etwas nicht wusste. Er war ein fabelhafter Schüler und stand an der Spitze. Ihm flog das Lernen nur so zu. Er brauchte sich gar nicht sehr anzustrengen. Er würde es schaffen, sagten die Anderen.

»Der hat es nicht nötig, hinter den Noten herzujagen; dem fallen sie einfach in den Schoß. Der kann mal alles studieren, mit seinen Traumnoten.«

Michael lachte nur und war kein bisschen eingebildet. Und ich wusste, dass er Medizin studieren wollte, mit Stipendium und so. Ich wünschte mir brennend, es auch zu können. Aber würde ich es schaffen?

»Hör zu, Kleines, wenn du dich auf den Hosenboden setzt, wird es gehen. Alles kann man erreichen, wenn man nur will. Alles. Ich helfe dir, wenn du willst.«

Karen stockte. Sie hatte schon seit einer Ewigkeit nicht mehr so viel gesprochen wie in dieser Stunde. Deshalb brach sie plötzlich ab.

Dr. Westhöfer verharrte schweigend und schenkte ihr frischen Kaffee ein. Ihr Gesichtchen wirkte kantig und hart, ihre Augen schienen erloschen zu sein.

»Sind Sie jetzt eine gute Schülerin?«

»Ich glaube schon. Es ist mir egal. Sie sagen, ich müsse es tun.«

»Wer? «

»Die Eltern.«

»Warum?«

»Sie sagen, ich hätte schon zu viel Zeit verloren.«

»Werden Sie Medizin studieren?«

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie zerknüllte das kleine Taschentuch in der Hand zu einem Ball.

»Und wann merkten Sie, dass Sie sich liebten?«

Sie sah aus dem Fenster.

Sie hatten unten am Fluss gesessen. Alles stand wieder so deutlich vor ihren Augen. Michael und sie saßen im Gras. Sie hatten sich unterhalten, und dann waren sie ganz stumm geworden und hatten sich nur angesehen. Da hatte er den Arm um sie gelegt und sie geküsst. Sie hatte sich ziemlich dumm dabei angestellt. Und er hatte lachend gefragt: »Sag’ mal, verstehst du das nicht?«

Sie war blutrot geworden, hatte sich abgewendet.

»Karen, Kleines, hast du wirklich noch nie geküsst?«

»Ist das so schlimm?«, hatte sie ihn angefaucht.

Er hatte sie in den Arm gezogen, sein Gesicht auf ihr braunes Haar gelegt und gemurmelt: »Du weißt ja gar nicht, wie wundervoll das ist. Die Anderen sind alle so verdorben. Karen, ich kann es noch immer nicht glauben.«

»Du machst dich lustig über mich?«

»Nein, Liebes!«

Sie hatten sich an diesem Nachmittag noch sehr oft geküsst, leidenschaftlich und lustig zugleich. Ihr Herz hatte sich ihm spontan geöffnet. Und er hatte es mit beiden Händen genommen und hielt es fest.

»Ich muss jetzt heim.«

»Sehen wir uns morgen wieder?«

»Glaubst du, ich schwänze die Schule?«

Am nächsten Tag hatte sie Angst, die Anderen würden etwas bemerken. Aber sie hatten ihre eigenen Probleme und dachten gar nicht daran. In den Pausen sahen sie sich und unterhielten sich. Ihre Augen streichelten sich gegenseitig, und sie zitterte vor Glück.

So war das also, wenn man liebte und geliebt wurde. Seit sie ihn kannte, war das Leben nicht mehr grau und traurig. Jetzt hielt sie sich kaum noch zu Hause auf.

Anfangs hatte sie den Eltern erzählt, sie würde mit einer Freundin zusammen Schularbeiten machen. Aber eines Tages sagte sie sich: Warum soll ich denn immerzu lügen? Das ist ja Unsinn.

Michael hatte sie schon ein paarmal mit heim genommen. Sie bewohnten eine Etagenwohnung. Wohnzimmer, Küche, Schlafzimmer und die beiden Bubenzimmer. Michael hatte noch einen Bruder. Der war zwölf Jahre alt und ging zur Hauptschule. Der Vater war Arbeiter und nur weil Michael ein so hervorragender Schüler war, ging er aufs Gymnasium. Später würde der Staat ihn unterstützen. Und doch fiel es dem Vater nicht leicht; denn er musste ja auch gekleidet werden und essen.

Es waren einfache, bescheidene und sehr herzliche Leute. Sie war sehr gern bei ihnen und fühlte sich wohl in ihrer Mitte. Ganz zwanglos hatte man sie aufgenommen. Und so kam es, dass sie häufig bei ihnen war. Sie erledigten erst die Schularbeiten, und dann saßen sie im Wohnzimmer.

Ihre Schüchternheit hatte sie noch immer nicht abgelegt. Sie hatte immer Angst vor fremden Menschen gehabt.. Die Mutter dagegen mochte Besucher recht gern und sagte jedes mal: »Kommen Sie ruhig mal wieder, es würde mich freuen.«

Michael erwartete wohl, dass sie ihn auch mit zu sich nach Hause nahm. Sie hatte sich zu keiner Sekunde seinetwegen geschämt, nein, das war es wirklich nicht. Und sie hatte auch nicht eine Sekunde lang gedacht: Was wird er denken, wenn er mein Zuhause sieht? Bei uns ist alles anders. Vielleicht wird er dann neidisch oder wütend und lässt mich im Stich? Nein, sie verstand ihn viel zu sehr und wusste, dass er über diesen Dingen stand. Geld, sicher Geld spielte eine wichtige Rolle. Wenn man es nicht hatte, dann musste man eben improvisieren. Irgendwie ging das immer. Nur durfte man den Humor nicht dabei vergessen.

Wie oft hatte er das lachend gesagt.

Sie hatte sich eigentlich schon geschämt, aber wegen der Menschen ihrer Umgebung; denn wer würde ihn empfangen, wer ihn herzlich begrüßen? Vater war immer im Büro, Mutter nur selten daheim. Und Frau Schratt? Wenn es irgendwie ging, wollte sie vermeiden, dass die beiden zusammentrafen.

Aber sie wusste auch: Ich muss es tun. Eine Weile war sie ziemlich still gewesen, und er hatte es gemerkt.

»Was ist denn los?«

»Na ja, ich kann es dir ja sagen. Also, so eine Familie wie du eine hast, habe ich leider nicht. Tut mir leid.«

»Wieso?«

»Das ist schwer zu erklären.«

»Finde ich nicht. Man kann alles erklären.«

»Hmhm, nein, ich glaube nicht. Ich . . .«

»Du quälst dich rum. Was ist denn jetzt los?«

»Hör zu«, sagte sie hastig, »du kannst dir ja selbst ein Bild davon machen. Komm gehen wir also zu mir. Ich habe den Schlüssel ja dabei.«

Wortlos gingen sie nebeneinander her durch die Straße, dann befanden sie sich im Garten, sahen das Schwimmbecken. Um diese Jahreszeit befand sich kein Wasser darin. Es war noch zu kühl.

»Hui, da sparst du ja im Sommer eine Menge Eintrittsgeld! Die eigene Badeanstalt am Hause, das lass ich mir gefallen.«

»Schwimm du mal ganz allein in so einem Pott, dann merkst du, wie langweilig das ist.«

Sie hatte das mit einer seltsamen Stimme gesagt und er hatte sie erstaunt angeblickt. »Was hast du?«

Sie war schnell weitergegangen.

»Mutter wird reiten, Vater ist auch nicht da. Wenn wir Glück haben, sehen wir Frau Schratt nicht. Aber, da ist sie schon.«

»Karen, du bist es! Schleichst hier herum?«

Michael wollte ihr die Hand geben, aber sie übersah es einfach. Rasch sagte Karen: »Komm, gehen wir auf mein Zimmer. Dort können wir lernen.«

So lernte er also ihr Zuhause kennen, die komfortablen, großen Zimmer. Aber er spürte selbst, dass es hier nicht gemütlich war. Komisch, wenn man an solchen Klötzen vorbeikommt, dann denkt man immer: Mensch, die haben es aber gut! So müsste man leben, und Geld haben!

Sie hatten oben im Zimmer gesessen, und Karen hatte etwas gequält gelächelt.

»Kannst du das in Worte fassen?«

»Hmhm. Bist du immer allein? Ich meine, wenn du heimkommst?«

»Meistens. Weißt du, wir kümmern uns nicht viel um den anderen. Außerdem bin ich ja auch erwachsen. Wenn ich achtzehn bin, krieg ich einen Wagen.«

»Toll!«

»Das machen sie doch nur, damit ich ihnen nicht auf der Pelle hänge, ihnen nicht lästig werde, weißt du? Sie fahren auch immer allein in Urlaub. Ich wäre sauertöpfisch, sagen sie, verderbe ihnen alles.«

»Sag’ mal, wenn das so ist, was macht ihr denn mit dem großen Haus? Ist das dann nicht überflüssig?«

»Hast du eine Ahnung! Wie anders soll man denn sonst zeigen, dass man es zu etwas gebracht hat. Und dann die Partys, die meine Eltern geben . . .

Ach lass doch Michael, reden wir nicht mehr darüber.«

Er nahm ihr kleines Gesicht, hielt es ganz fest und lächelte ihr in die Augen.

»Ich verstehe dich jetzt erst richtig, Karen.«

Sie hätte heulen können, aber sie tat es nicht.

»Und ich dachte schon .. .«

»Was?«

Er küsste sie.

»Lassen wir uns nicht verrückt machen, Kleines. Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich liebe?«

Sie hatte sich an ihn geklammert, und dann waren doch die Tränen gekommen.

»Michael, verlass mich nicht, verlass mich nicht.«

»Das hab ich auch nicht vor.«

»Ich liebe dich, ich liebe dich«, hatte sie unter Tränen geflüstert. »Ohne dich will ich nicht mehr leben, Michael.«

»Ich rate dir, es auch nicht zu versuchen, Kleines.«

Langsam beruhigte sie sich wieder. Und dann erfasste sie ein tiefes Gefühl der Zärtlichkeit füreinander, und sie vergaßen alles um sich herum.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738924831
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
einsame mädchen beute redlight street
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Titel: Einsame Mädchen sind eine leichte Beute - Redlight Street 59