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Krimi Doppelband 40

2018 340 Seiten

Leseprobe

Krimi Doppelband 40: Brisante Lieferung / Trevellian und das Washington-Komplott

Horst Friedrichs

Dieses Buch enthält folgende Krimis:


Horst Friedrichs: Brisante Lieferung

Horst Friedrichs: Trevellian und das Washington-Komplott



In Washington soll in Kürze der Kongress für Innere Sicherheit stattfinden, wo alles, was Rang und Namen in der Politik hat, versammelt sein würde. Der Präsident der Vereinigten Staaten. Elliot Payne, Leiter der Abteilung Terrorismusbekämpfung im FBI-Hauptquartier, befürchtet einen Terroranschlag der Al-Qaida. Die Special Agents Trevellian und Tucker vom New Yorker FBI-Büro sollen Paynes Ehefrau Corinna vor einer möglichen Geiselnahme schützen, damit ihr Mann nicht erpressbar ist. Die G-Men können Schlimmeres verhindern, als man tatsächlich versucht, die Frau des Assistant Directors zu entführen – aber kurz darauf verschwindet Corinna Payne plötzlich spurlos ...



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author /COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

Www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Brisante Lieferung

Krimi von Horst Friedrichs


Der Umfang dieses Buchs entspricht 122 Taschenbuchseiten.


Eine halbe Million – soviel hat eine Bande von Ganoven erbeutet. Doch einiges ist schief gegangen, einer der Gangster hat sich mit dem Geld abgesetzt, die übrigen sechs teilen sich in zwei Gruppen und versuchen ihn wieder aufzuspüren. Völlig unbeteiligt wird eine harmlose Familie in den Fall verwickelt, und der FBI-Agent Jesse Trevellian erhält plötzlich per Paketservice eine brisante Lieferung.



1

Milchig-graue Nebelschwaden stiegen aus dem feuchten Gras, waberten der Sonne entgegen, die ihre ersten blassen Strahlen vom östlichen Horizont herüberschickte.

Der Mann zitterte. Die Kälte des Morgens drang ihm bis auf die Knochen. Keuchend verharrte er im schützenden Unterholz am Rand des Wäldchens. Auf seiner Stirn erkalteten die Schweißperlen, sobald sie hervortraten.

Nur das Blut, das aus seiner Wunde sickerte, spendete noch Wärme – eine brennende, unnatürliche Wärme. Der Schmerz strahlte von seiner Brust aus, ließ Arme und Beine mit jedem Atemzug matter werden.

Vorsichtig, um keine Geräusche zu verursachen, setzte er den Koffer ab.

Mit dreckverschmierter Hand wischte er sich über die Augen. Er blinzelte angestrengt, bis das Bild klarer wurde.

Keine Vision, kein Trugschluss durch überforderte Sinne.

Das Mädchen war wirklich da. Nur dreißig Yards entfernt, Im Garten des einsamen Hauses, am Fuß des bewaldeten Hügels.

Ein Grinsen huschte über das schweißnasse Gesicht des Mannes. Seine Rechte fuhr unter die blutverkrustete Jacke und ertastete den kühlen, beruhigenden Pistolengriff.

Pier 99 an der Westside von Manhattan ist kein erhebender Anblick. Ein riesiger Schuppen aus verwitterten Holzplanken; die vom Zahn der Zeit gefressenen Löcher mit rostigem Wellblech geflickt.

Pier 99 nennt sich hochtrabend ›Disposal Station‹ und gehört dem Department of Sanitation, New York City – eine von vielen stinkenden, schmutzstarrenden Verladestellen der New Yorker Müllabfuhr. Großbauchige Schuten transportieren tagtäglich Tonnenladungen jenes Unrats, den das Wegwerfzeitalter in Millionen von New Yorker Haushalten, Restaurants und Betrieben hervorbringt. Auf dem Wasserweg erreicht der nutzlos gewordene Wohlstandsabfall sein Ziel, um letzten Endes doch noch einen Zweck zu erfüllen: An der Atlantikküste von Staten Island wächst neues Land ins Meer hinein. Land aus Müll.

Kreischende Möwenschwärme kreisten über dem Pier, der als großes düsteres Rechteck in den Hudson River ragt. Leere Flaschen, zersplitterte Obstkisten und rostende Spraydosen bewegten sich im schwachen Wellengang des Brackwassers vor der Kaimauer.

Ich stoppte meinen Sportwagen vor einem der Poller, an denen in früheren Jahrzehnten noch Passagierdampfer oder Überseefrachter festgemacht haben. Heute kann man die Seeschiffe, die an Manhattans Westside-Piers liegen, meistens an den Fingern einer Hand abzählen.

Motorengedröhn hüllte meine Gehörgänge ein, als ich den Flitzer verließ.

Schwere Müllfahrzeuge rangierten rückwärts an das Piergebäude heran und entleerten ihre stählernen Behälter in die unergründliche, übelriechende Dunkelheit des Schuppens. Männer in orangefarbenen Overalls stocherten mit Stangen in den herausschwappenden Unrat, damit sich in den Förderbändern nichts festsetzte. Draußen, vor dem Anleger des Piers, lagen die ersten beladenen Schuten, die auf einen Schlepper warteten.

Ich zupfte mein Jackett zurecht und näherte mich dem Motorengedröhn und Möwengekreische. Frühe Sonnenstrahlen brachen sich über der Skyline von Manhattan. Der nahe Westside-Highway und die Piers lagen noch im Schatten. Es war kühl an der Wasserseite.

Ich ging auf einen der orangefarbenen Müllmänner zu und baute mich neben ihm auf, so dass er mich sehen konnte. Nur kurz wandte er den Kopf in meine Richtung, nickte und stocherte dann weiter in dem stinkenden Schwall, der sich aus dem Müll-Truck auf das breite Förderband ergoss. Im inneren Ladebecken des Piergebäudes waren schemenhaft die Umrisse jener Schuten zu erkennen, über deren offenen Bäuchen die Förderbänder endeten.

Ich tippte dem Orangefarbenen auf die Schulter.

»Harry Comden!«, brüllte ich gegen den Lärm an. Im Office des Department of Sanitation an der West 57 th Street hatte ich erfahren, dass Comden an diesem Morgen auf Pier 99 eingesetzt war. Schichtarbeit, gut bezahlt, aber dreckig.

Der Mann im Overall unterbrach sein Stochern für einen Moment und deutete mit ausgestrecktem Arm zum Außenanleger des Piers.

Ich bedankte mich mit einem Handzeichen und stiefelte los. An der linken Seitenwand des Piergebäudes zogen sich die mächtigen Eichenbohlen hin, die hier den Anleger bildeten. Ein schmaler, glitschiger Streifen, auf dem man sich bewegte. Genauso sah es auf der anderen Seite des Piers aus. Hier wurden die beladenen Schuten vertäut, nachdem man sie aus dem inneren Ladebecken gezogen hatte.

Den Motorenlärm hörte ich jetzt nur noch gedämpft. Um so intensiver dafür das Kreischen der ewig hungrigen Möwen, die mit scharfen Augen über dem Müll schwebten und nach Verwertbarem spähten.

Ich entdeckte Harry Comden hinter dem Heckaufbau der zweiten Schute. Er trug einen orangefarbenen Overall, wie die anderen. Seine Tätigkeit verdankte er dem wachsenden Einfluss der Umweltschützer. Müll, der auf dem Rand der Schute liegengeblieben war, beförderte er mit einer Forke hinunter in den Laderaum. Auf dem Weg zur Staten-Island-Küste sollte möglichst wenig in den Bach geweht werden.

Obwohl er mir den Rücken zuwandte, bemerkte er mich, noch bevor ich auf gleicher Höhe mit ihm war. Sein instinktmäßiges Warnsystem funktionierte hervorragend.

Schwungvoll drehte er sich um und stützte sich auf den Forkenstiel. Sein grobporiges Gesicht verfinsterte sich, als er mich erkannte.

Ich lächelte höflich, wie es die Allgemeinheit von einem korrekten G-man im Dienst erwartet. Aber Harry Comden war nicht die Allgemeinheit, und er erwartete von einem G-man nichts Gutes. Vor allem nicht von mir.

Ich flankte hinüber auf das stählerne Achterdeck der Schute, ein Halbrund von höchstens zehn Quadratyard. Die Hälfte dieser Fläche beanspruchte der Aufbau. Ein schwarz gestrichener Holzkasten mit Schiebetür. Gerätschaften wie Harry Comdens Forke wurden darin aufbewahrt.

Er rührte sich nicht, starrte mich über die schwieligen Fäuste hinweg an, die auf dem oberen Ende des Forkenstiels ruhten. Diese Fäuste hatten es in sich. Dampfhämmer, von überdurchschnittlicher menschlicher Muskelkraft betrieben. Vor zehn Jahren hatte Harry Comden mit diesen bloßen Fäusten einen Mann erschlagen. Ohne irgendwelche Tricks wie Karate oder ähnliches. Einfach so, mit der Urgewalt seiner Pranken. Weil der andere ihn angegriffen hatte, war Comden mit einem blauen Augen davongekommen. Vor Gericht, symbolisch gesehen. Zwei Jahre war es jetzt her, dass ihn der Gnadenausschuss aus dem Gefängnis entlassen hatte. Wegen guter Führung. Seitdem stand er unter Bewährung. Er wusste, was das bedeutete. Und er wusste, wie genau ich das wusste. Dabei hatte ich mit seiner Verhaftung und seiner Verurteilung nicht das Geringste zu tun. Nein, hinter unserer Bekanntschaft steckte ein völlig anderer Grund.

Zwei Schritte vor ihm blieb ich stehen, lehnte mich mit der linken Schulter an den Gerätekasten. Zur Rechten kreisten die Möwen über dem Schutenbauch, stießen hin und wieder im Sturzflug hinunter, um verfaultes Fressbares zu bergen.

»Hallo, Harry«, sagte ich.

»Hallo, Bulle«, entgegnete er mürrisch. Zur Demonstration seiner Gelassenheit zupfte er eine zerknautschte Zigarettenpackung aus der Brusttasche seines Overalls und klemmte sich einen Glimmstängel zwischen die schmalen Lippen, um ihn umständlich in Brand zu setzen.

Harry Comdens Körperbau erinnerte frappierend an einen Schrank. Breite, eckige Schultern. Kantiger Schädel auf kurzem, stiernackigem Hals. Sein kurzes Haar war blond, mit einem leichten rötlichen Schimmer.

»Eine Ahnung, weshalb ich hier bin?«, erkundigte ich mich.

Er schüttelte den Kopf. Grinste ein bisschen.

»Nicht die Spur, Bulle.« Sein Tonfall war herausfordernd.

Ich quittierte es mit innerer Ruhe.

»Es geht nicht um dich, Harry«, erklärte ich gedehnt, »dein Bewährungshelfer sagt, dass du ein anständiger Kerl geworden bist. Kein Grund zur Klage.«

»Hört man gern«, feixte er. Er inhalierte durch den rechten Mundwinkel und blies den Tabakrauch in dünnem Strahl aus dem linken Mundwinkel. »Aber ich krieg meine paar Dollars nicht für’s Rumstehen und Quatschen. Also sag deinen Spruch auf, Bulle. Dann sag ich dir, dass mit Aushorchen bei mir nichts drin ist, und du kannst dich schwenken.«

»Ich fürchte, du siehst das zu einfach, Harry«, konterte ich kopfschüttelnd. »Es dreht sich um dein Bruderherz. Wie es aussieht, hat der liebe Joe ein Ding gedreht, kaum dass sie ihn in Sing-Sing vor die Tür gesetzt haben.«

Harrys Augen verengten sich zu Schlitzen. Ich hatte den Grund unserer Bekanntschaft erwähnt. Und ihn damit auf den Nerv getroffen.

»Verschwinde!«, zischte er. »Verschwinde, oder …«

Ich hielt ihm mahnend die flache Hand entgegen.

»Langsam, Harry. Ganz langsam! Denk an deine Bewährungsfrist!«

Er stieß einen verächtlichen Knurrlaut aus.

»Wenn ich dich sehe, Trevellian, hört das Denken bei mir auf!«

Ich hätte entgegnen können, dass es mit dem Denken ohnehin nicht gerade überwältigend bei ihm war. Aber ich schenkte mir diese Bemerkung. Die Informationen, hinter denen ich her war, bekam ich garantiert nicht, wenn ich ihn bis aufs Blut reizte. Deutlich sah ich, wie sich seine Haltung straffte. Ein aggressives Funkeln zeigte sich in seinen graublauen Augen.

»Harry«, sagte ich ruhig, »niemand will dir an den Kragen. Mir hat der Fernschreiber eine Meldung aus Connecticut auf den Tisch geweht. Vor genau drei Tagen ist die Bank of Commerce in New Canaan überfallen worden. Willst du wissen, wie viel Bucks Joe und seine Kumpels an Land gezogen haben? Fünfhunderttausend, Harry! Eine halbe Million Dollar!«

Sein breites Gesicht verzerrte sich jäh.

»Jetzt hör mal zu, Bulle!«, fauchte er wütend. »Woher nimmst du die verdammte Frechheit, einfach zu behaupten, dass Joe es gewesen ist? Woher willst du das wissen, he?«

Ich nickte geduldig.

»Berechtigte Frage, Harry. Die Männer, die die Bank überfielen, waren maskiert. Keiner konnte identifiziert werden. Aber es war Joes Handschrift. Unverkennbar. Formbare Sprengmasse zwischen die Sprechschlitze der Kassenbox. Du kennst die Methode. Joes Spezialität, genau wie damals.«

»Na und? Jeder kann das nachmachen. Und Joe hat dafür den Ärger am Hals. Ist doch ’ne verdammt klare Sache, oder? Irgend so ein verdammter Strolch hat gewartet, bis sie Joe entlassen haben. Okay, und dann hat dieser Strolch sich gesagt, ich mach’s mit Joe Comdens Masche; dann wissen die Bullen, in welcher Richtung sie suchen müssen, und ich kann mich in aller Ruhe absetzen. So einfach ist das, Trevellian!«

»Haargenau deshalb will ich mit dir reden, Harry. Dein Bruderherz ist nämlich verschwunden. Unter der Adresse, die er bei seiner Entlassung angegeben hat, war er nicht zu erreichen. Meine Kollegen in Connecticut würden mächtig gern mit Joe reden, um herauszufinden, ob es tatsächlich einen Nachahmer gegeben hat. Kommt er mit einem handfesten Alibi, ist Joe hundertprozentig aus dem Schneider.«

»Ich weiß von nichts«, knurrte Harry Comden, »du hast deinen Spruch runtergebetet, ich hab zugehört, fertig. Also verschwinde jetzt!«

Ich lächelte kalt.

»Harry, Harry«, sagte ich tadelnd, »in all den Jahren hast du noch immer nicht dazugelernt. Glaubst du, ich lasse mich so einfach wegschicken?«

Ein bösartiges Grinsen kerbte sich plötzlich in seine Mundwinkel. Mit Daumen und Zeigefinger der Linken packte er den Zigarettenstummel und schleuderte ihn in den offenen Laderaum. Eine Möwe setzte zum Sturzflug an, ging jedoch sofort wieder zum Steigflug über, als sie den Irrtum erkannte.

Harry Comden packte den Forkenstiel mit beiden Fäusten.

Ein blitzschneller Ruck.

Ich erstarrte.

Vier blankgewetzte Zinken mit messerscharfen Spitzen zeigten auf meine Magengegend.

»Damit du klarsiehst …«, zischte Comden, »wir haben hier keine Zeugen, Trevellian. Erstens gehst du mir mächtig auf den Zeiger. Zweitens kann ich dir endlich die Quittung dafür verpassen, dass du Joe damals ins Jail gebracht hast. So eine Gelegenheit krieg ich doch nie wieder, stimmt’s?«

In seinen Augen glühte es hasserfüllt. Kein Zweifel, dass er es ernst meinte. Tödlich ernst.

»Okay, Harry«, nickte ich, »du willst es also wissen.« Ich deutete auf die Forkenzinken. »Angenommen, du schaffst es, mich damit zu durchlöchern … weißt du, was du dir dafür einhandelst? Deine Kollegen haben mich gesehen, als ich hergekommen bin. Und meine Kollegen im Office wissen, wohin ich wollte. Rechne es dir aus, Harry.«

Er lachte rau. Unvermittelt schleuderte er die Forke beiseite, über den Gerätekasten hinweg auf den rückwärtigen Teil des Achterdecks.

Lauernd beugte er den muskelbepackten Oberkörper vor. Seine Pranken ballten sich zu Dampfhammerfäusten.

»Ich bin nicht so verrückt, dich kaltzumachen. Meine Quittung sieht anders aus, Trevellian. Wenn du diesen Kahn verlässt, dann wirst du froh sein, dass du noch auf allen Vieren kriechen kannst.«

Ich dachte nicht daran, mich eingeschüchtert zu zeigen, obwohl ich wusste, dass ich gegen diese Kampfmaschine nur eine winzige Chance hatte. Wenn er mich voll erwischte, war ich fertig. Es gab eine Menge Leute, die behaupteten, dass Harry einen jungen Stier mit einem einzigen Fausthieb in die Knie zwingen konnte.

Ich wich einen halben Schritt von dem Kastenaufbau weg. Meine Muskeln spannten sich.

Er registrierte es und grinste.

Ich sah seine tückisch funkelnden Augen und die unbezähmbare Angriffslust darin. Nichts hielt ihn mehr davon zurück, seine Bewährungsfrist aufs Spiel zu setzen. Mein Auftauchen hatte die Sicherungen in ihm durchbrennen lassen, ich wusste es. Und ich erinnerte mich daran, wie ich damals im Jail versucht hatte, Harry zu vernehmen. Damals, als ich Joe Comden nach einer Serie von Banküberfällen in den Staaten der Ostküste auf der Spur gewesen war. Kein Sterbenswörtchen hatte ich seinerzeit von Harry erfahren. Aber er hatte sich gehütet, mich zu bedrohen, hatte seinen guten Ruf bei der Gefängnisdirektion und beim Gnadenausschuss nicht gefährden wollen.

Heute interessierte ihn das alles nicht mehr. Der Gedanke mit den fehlenden Zeugen war ihm durch den Kopf geschossen. Das ließ seiner Wut freien Lauf. Ich, der böse FBI-Bulle, sollte endlich den Denkzettel dafür kriegen, dass ich den lieben Bruder Joe hinter Gitter gebracht hatte.

Ohne erkennbaren Ansatz ließ Harry Comden seine Mammutmuskeln explodieren. Er stürmte auf mich los.

Blitzschnell ging ich in Abwehrposition, fintierte, indem ich den Aufbau einer Deckung vortäuschte.

Mit zwei blitzschnell herausgestochenen Geraden versuchte Harry, diese Deckung zu zerschmettern.

Aber sie war nicht mehr vorhanden.

Seine Dampfhammerfäuste zischten über mich hinweg, bohrten riesige Luftlöcher, als ich mich buchstäblich im letzten Moment abduckte.

Ich versuchte, seinen ungehemmten Schwung mit zwei rasant aufeinanderfolgenden Rammstößen gegen sein Zwerchfell abzubremsen. Es war, als ob ich meine Fäuste gegen ein zweizölliges Eichenbrett schmetterte. Harrys vorwärtstreibende Fliehkraft von zwei Zentnern Lebendgewicht konnte ich damit nicht aufhalten. Nur ein kurzer Ruck ging durch seinen Körper, und schon im nächsten Sekundenbruchteil sah es aus, als würden mich seine Massen aus Muskeln und Knochen niederwalzen.

Mit einem rasanten Sidestep brachte ich mich gerade noch rechtzeitig in Sicherheit. Hart prallte ich mit der linken Schulter gegen den Kastenaufbau. Und ich wirbelte sofort herum, gönnte mir nicht die winzigste Verschnaufpause.

Harry Comden geriet in Schwierigkeiten. Für seine Offensive hatte er mich als abbremsenden Faktor einkalkuliert. Eine Rechnung mit vielen Unbekannten, wie er jetzt einsehen musste. Stolpernd schoss er ins Leere. Seine Schritte wurden kürzer, schneller, tapsiger. Mit rudernden Armbewegungen versuchte er, sein Gleichgewicht zu stabilisieren.

Er stolperte dem knapp yardbreiten Spalt entgegen, der zwischen Bordwand und Anleger klaffte.

Ich überlegte nicht lange, setzte nach. Ein morgendliches Bad in der brackigen Hudson-River-Brühe wollte ich ihm ersparen. Mit zwei langen Sätzen war ich bei ihm, packte ihn an der Schulter und riss ihn herum.

Doch er quittierte es keineswegs mit Dankbarkeit. Sekundenlang kam er zur Ruhe, schwankte vor und zurück, bis er sich endgültig gefangen hatte. Aus blutunterlaufenen kleinen Augen stierte er mich an. Seine erneut geballten Dampfhammerfäuste machten deutlich, dass er nicht daran dachte, nach dem kleinen Anfangspatzer schon aufzugeben.

Um die Sache zu verkürzen, knallte ich ihm einen Aufwärtshaken unter das kantige Kinn, wich sofort zurück und erwartete seine Gegenaktion. Meine Handknöchel schmerzten.

Harry schüttelte lediglich den Kopf, wie ein nasser Hund, der gerade aus dem Hudson geklettert war. Ein zorniges Knurren drang tief aus seinem mächtigen Brustkorb.

Und abermals walzte er auf mich los, diesmal aus der entgegengesetzten Richtung.

Ich ließ ihn kommen, erkannte den Ansatz der rechten Geraden, die er auf mich abfeuerte, tauchte weg und spürte den zischenden Luftzug an meinem linken Ohr.

Jäh war seine Linke da, viel schneller als erwartet.

Mein Sidestep kam eine Zehntelsekunde zu spät. Harrys Faust schrammte über mein rechtes Schlüsselbein. Schmerz zuckte durch meinen Oberkörper. Obwohl ich nur einen Bruchteil des Hiebes auffing, reichte das Ding aus, um mich zurückzuschleudern. Diesmal war ich es, der aus dem Gleichgewicht zu geraten drohte. Und ich spürte, dass ich mit meinen unkontrollierten Schritten aus dem Kurs geriet. In spitzem Winkel näherte ich mich bedrohlich rasch der stählernen Kante des offenen Laderaums mit seinen Tonnenlasten von stinkendem Unrat.

Geistesgegenwärtig warf ich mich aus der Bewegung heraus nach rechts, in Richtung Kastenaufbau. Es war meine einzige Chance, dem Sturz in den Laderaum zu entgehen. Der Länge nach schlug ich auf die Stahlplattform des Achterdecks.

Harry Comden stieß einen triumphierenden Grunzlaut aus.

Ich sah seinen mächtigen Schatten auf mich fallen, rollte mich blitzschnell ab.

Und doch nicht schnell genug.

Seine Pranken rammten von oben her auf meine Schultern herab, nagelten mich mit Zwei-Zentner-Last auf dem Achterdeck fest. Ich sah Harrys siegessicheres Grinsen dicht über mir. Seine Atemwolke, die nach Tabakrauch und billigem Schnaps roch, schlug mir entgegen.

Ich versuchte, das rechte Bein hochzureißen, ihm das Knie ins Hinterteil zu rammen. Aber ich schaffte es nur im Ansatz. Mit einem heiseren Lachen schob Harry das eigene Knie quer über meine Oberschenkel und nagelte mich endgültig fest. Platt wie die berühmte Flunder klebte ich auf dem Schiffsstahl.

»Aus der Traum«, knurrte Comden, »jetzt erlebst du dein blaues Wunder, Bulle.«

Mich packte die Wut. Hölle und Teufel, sollte ich mir hier, auf diesem stinkenden Kahn, windelweich schlagen lassen? Noch dazu von einem Kerl, der nichts weiter im Sinn hatte, als seinen Hass auf all das auszutoben, was mit dem Wort Polizei zu tun hatte? Und es konnte glatt passieren, dass er mir in seiner Rage aus purem Versehen den Schädel einschlug.

Jäh zuckte seine Rechte empor, ballte sich zur Faust.

Ich kannte seine Absicht im Bruchteil eines Atemzuges. Wenn ich die Prozedur hinter mir hatte, würde nicht einmal mein Freund Milo mich noch erkennen.

Meine linke Schulter war um einen Teil des Gewichts erleichtert.

Harry Comdens Faust zischte herab, wuchs rasend schnell auf meine Augen zu.

Ich bot blitzartig alle Kraft auf, die ich mobilisieren konnte. Riss den Kopf zur Seite weg und kam gleichzeitig mit der freien Schulter um Handbreite hoch, um die Ausweichbewegung zu unterstützen.

Comden konnte seinen grausamen Rammstoß nicht mehr korrigieren.

Greller Schmerz detonierte an meinem linken Ohr. Es war, als würde es mir abgerissen. Im gleichen Moment gab es neben diesem Ohr einen dumpfen, schmetternden Laut.

Comden brüllte auf.

Die Doppelzentnerlast über mir kam in Bewegung.

Ich unterdrückte den Schmerz, der von meinem anschwellenden Ohr ausstrahlte. Dies war die einzige Chance, die ich hatte.

Noch halb über mir, riss Harry die schlenkernde Pranke hoch, die er auf den Schiffsstahl gedonnert hatte, und mit der gesunden Linken umklammerte er die Knöchel, von denen garantiert einige gebrochen waren. Sein zur Fratze verzerrtes Gesicht spiegelte den ganzen furchtbaren Schmerz wider, den er sich praktisch selbst zugefügt hatte.

Ich wusste, dass in diesem Moment alle Vernunft in ihm ausgelöscht war. Wenn er konnte, würde er tatsächlich versuchen, mir den Schädel einzuschlagen.

Ich kam ihm zuvor, noch bevor sein Schmerzensgebrüll versiegte.

Mit einem blitzschnellen Ruck schob ich die Ellenbogen nach hinten, stützte mich auf. Mein Oberkörper flog buchstäblich empor. Nur ein wenig zog ich den Kopf dabei ein.

Meine Schädeldecke krachte unter sein Kinn.

Er verschluckte sich. Sein Schmerzensgeschrei ging in einem gurgelnden Laut unter.

Und ich bekam Luft. Harry Comden geriet ins Wanken.

Mit erneuter Kraftanstrengung wischte ich unter seinem Gewicht zur Seite, kam frei und war im nächsten Moment mit einem federnden Satz auf den Beinen.

Er erkannte die Gefahr, versuchte ebenfalls, sich aufzurappeln. Die herabbaumelnde, bewegungsunfähige Rechte behinderte ihn dabei.

Ich vereitelte seinen Versuch mit zwei gnadenlosen hochbrisanten Haken. Beide trafen voll auf den Punkt. Hätte Harry die Treffer normalerweise mühelos verdaut, so war er jetzt bereits zu sehr angeknackst, um seine körperliche Härte mit dem nötigen seelischen Rückhalt zu unterstützen.

Meine Schläge ließen seinen Oberkörper vor und zurück pendeln. Er hockte noch auf den Knien, schaffte es nicht mehr, hochzukommen.

Mit beiden Fäusten packte ich ihn am Kragen seines Overalls, riss ihn auf die Beine und gab ihm den Rest. Ein Trommelfeuer von Geraden und Uppercuts schüttelte ihn durch.

Nach einem letzten Haken lief ein Zittern durch seinen Körper. Er versteifte sich, verdrehte die Augen.

Gerade noch rechtzeitig konnte ich ihn festhalten und verhindern, dass er der Länge nach auf Deck schlug. An der Holzwand des Kastenaufbaues ließ ich ihn langsam zu Boden gleiten. Er verlor das Bewusstsein.

Ich richtete mich auf, zupfte meinen Anzug zurecht. Meine Handknöchel waren blutig verschrammt. Das angeschlagene Ohr glühte, schmerzte wie Feuer.

Aber ich verzichtete darauf, Harry die Acht zu verpassen und ihn abtransportieren zu lassen. Hinter Gittern nützte er mir, beziehungsweise den Kollegen in Connecticut, nichts. Wenn Harry Comden uns eine Hilfe sein konnte, so nur dann, solange er herumspazieren und herumhorchen konnte. Denn dass er nichts über seinen Bruder wusste, konnte er jemanden erzählen, der sich die Hosen mit der Kneifzange zuzumachen pflegte. Nicht mir.

Ich nickte ihm noch einmal zu, bevor ich ging.

»Wir sehen uns wieder«, sagte ich, obwohl er mich nicht verstehen konnte, »verlass dich drauf, mein Junge!«

Die orangefarbenen Müllmänner beachteten mich nicht, als ich zu meinem Sportwagen zurückkehrte. In meinem gut ausgestatteten Erste-Hilfe-Kasten fand ich eine schmerzstillende Salbe, mit der ich mein glühendes Ohr und die blutigen Knöchel bestrich.


2

Die Colt Government, Kaliber .45 ACP, wog schwer in seiner Rechten. Er wusste, dass er nicht mehr die Kraft hatte, mit der Kanone einen präzisen Schuss abzufeuern. Außerdem fehlte ihm das Training. Seit sechs Jahren hielt er jetzt zum ersten Mal wieder ein Schießeisen in der Hand. Aber für die einschüchternde Wirkung reichte es. Jemand, der in das .45er Rohr blickte, musste schon verdammt kaltschnäuzig sein, um noch auf dumme Gedanken zu kommen.

Und die Kleine dort unten sah ganz und gar nicht danach aus, als ob sie Nerven aus Drahtseilen hatte. Sie war eher so was wie ein zartes, schutzbedürftiges Reh. Mit ihrem sanften Engelsgesicht hatte sie es leicht, die Beschützerinstinkte eines Mannes zu wecken.

Zartes Reh …

Joe Comden grinste, trotz seiner Schmerzen. Der Vergleich gefiel ihm.

Im Jail hatte er viel Zeit gehabt zu lesen. Früher waren solche Worte, solche Vergleiche wie eine Fremdsprache für ihn gewesen. Aber in der Zelle hatte er Gefallen daran gefunden, sich mit Büchern zu beschäftigen. Und er hatte angefangen, die anderen zu verachten, die Tag für Tag nichts anderes zu tun wussten, als in die Bildröhren der gefängniseigenen TV-Sets zu starren.

Das Mädchen war jung, sehr jung. Höchstens achtzehn, eher noch ein oder zwei Jahre drunter.

Es gefiel dem schwer angeschlagenen Mann, ihr zuzuschauen. Ihre Bewegungen spiegelten die Elastizität ihres schlanken jugendlichen Körpers, während sie sich immer wieder bückte, um die feuchten Wäschestücke aus dem Plastikkorb zu zupfen und mit neonfarbenen Klammern an der Leine zu befestigen.

Sie hatte schulterlanges blondes Haar, das im Licht der Morgensonne seidig schimmerte. Unter dem weißen T-Shirt des Mädchens zeichneten sich ihre straffen, nicht zu großen Brüste deutlich ab. Über ihren wohlgeformten Oberschenkeln dehnte sich der verwaschene Stoff von Jeans, die in Kniehöhe abgeschnitten und ausgefranst waren.

Das Haus stand einsam in der Hügellandschaft – zweigeschossig, aus Holz gebaut, weiß gestrichen. Eine unbefestigte Straße führte vorbei, nur wenig breiter als ein Feldweg. Die tiefen Dellen im festgefahrenen Boden waren notdürftig mit Schotter aufgefüllt.

Als Einfriedung des Grundstücks diente ein hüfthoher Zaun aus engmaschigem Draht. Schutz für den Gemüsegarten vor fresswütigen Kaninchen vermutlich. Unter einem Schutzdach hinter dem Haus stand ein klappriger dunkelgrüner Station Wagon, Fabrikat Ford-V-8. Auf der offenen Ladefläche lagen Gerätschaften, deren Zweck Joe Comden nicht kannte.

Er richtete sich vollends auf, nahm den flachen Handkoffer in die Linke und verließ sein Versteck im Unterholz.

Die Schmerzen in seiner Brust begannen heftiger zu pochen. Schleier wallten vor seinen Augen auf, doch es waren nicht die Nebelschwaden, die sich wabernd vom Erdboden lösten.

Der frische Geruch des feuchten Grases hatte etwas Wohltuendes. Joe Comden fühlte sich seltsam erleichtert, als er sich mit unsicheren Schritten der rückwärtigen Grundstückseinfriedung näherte. Dennoch wusste er, dass es keine Erleichterung, keine Sicherheit für ihn geben würde. Höchstens einen zeitlichen Aufschub.

Und daran klammerte er sich, wie der Ertrinkende an den sprichwörtlichen Strohhalm. Vielleicht, wenn sich die Dinge positiv entwickelten, gab es noch eine winzige Hoffnung für ihn.

Er war sich darüber im klaren, dass er die dreißig Yard bis zum Gartenzaun nicht ungesehen hinter sich bringen konnte. Denn es war anzunehmen, dass das Mädchen auf dem Anwesen nicht allein war.

Zehn Schritte schaffte Joe Comden unbehelligt.

Doch nicht das Mädchen bemerkte ihn zuerst.

Wütendes Gebell ließ ihn zusammenzucken. Er erstarrte vor Schreck, ließ reflexartig den Koffer fallen.

Das blonde Mädchen fuhr herum, ein tropfnasses Wäschestück in den Händen.

Das Gebell riss nicht ab. Unter dem Schutzdach hinter dem Haus schnellte ein brauner Schatten hervor. Blitzende, gefletschte Fangzähne, die sich rasend schnell näherten.

Joe Comden sah, dass das Mädchen offenbar durch den Schreck wie gelähmt war. Er kam nicht darauf, dass sein Anblick ihr selbst unter normalen Umständen Furcht eingeflößt hätte – bunt und dreckverschmiert, wie er war.

Sekundenlang traf sein Blick ihre weit aufgerissenen Augen.

Rehaugen, dachte er, sie hat Augen wie ein zartes Reh!

Der Hund, der neben dem Station Wagon gelegen haben musste, sprang mit einem Riesensatz über den niedrigen Zaun. Das Bellen des muskulösen Tiers ging Comden durch Mark und Bein. Er spürte, wie sich seine Nackenhaare sträubten.

Im oberen Stockwerk des Hauses wurde ein Fenster aufgestoßen.

Geifernd raste der Hund heran.

Joe Comden begriff plötzlich, dass er handeln musste, dass er schon viel zu lange gezögert hatte. Die Gefahr, die sich vor ihm zusammenballte, spürte er geradezu körperlich.

Er brachte die schwere Automatik in Anschlag, legten den Sicherungsflügel herum und schob die Linke unterstützend unter die Schießhand.

Das Gebell des Hundes zerrte an seinen Nerven.

Erschreckend schwankten Kimme und Korn vor Comdens visierendem Auge. Das Bild der blitzenden Fangzähne schob sich mit grausamer Intensität in sein Bewusstsein, drohte alle anderen Wahrnehmungen auszulöschen.

»Reiß dich zusammen!«, schrie seine innere Stimme.

Und er drückte ab.

Der Rückstoß der großkalibrigen Pistole warf ihn fast um. Aber er schaffte es, in der Senkrechten zu bleiben. Fast ungläubig registrierte er, dass das Gebell abbrach.

Keine fünf Schritte vor ihm fiel der erschlaffende Tierkörper zu Boden. Die Läufe des sterbenden Hundes zuckten unter Krämpfen. Blut und Schaum traten aus dem geöffneten Maul. Das rechte Auge des Tiers richtete sich groß und anklagend auf den Mann.

Joe Comden zwang sich, nicht hinzusehen.

Das Girl stand noch immer an der gleichen Stelle. Ihr Mund war weit aufgerissen. Doch erst jetzt, nachdem das Krachen des Schusses verhallt war, brachte sie ihren Entsetzensschrei hervor.

Joe Comdens nervliches Warnsystem funktionierte noch. Er sah die Bewegung, oben in dem Fenster, das vor wenigen Sekunden aufgestoßen worden war.

Der Schrei des Mädchens wollte nicht enden.

Comden hob die Automatik erneut in Beidhandanschlag, zielte auf die Kleine mit den Rehaugen, so gut er konnte.

»Keine Dummheiten!«, überbrüllte er ihren Schrei. »Eine falsche Bewegung, und das Girl fängt die nächste Kugel!« Wer auch immer sich da oben hinter dem offenen Fenster befand – dieser Jemand musste nach dem Todesschuss auf den Hund annehmen, dass Comden auch das Mädchen treffen würde. Keiner konnte wissen, dass er in seinem jetzigen Zustand auf die zwanzig Yards Distanz nicht mal einen Elefanten erwischt hätte.

Das Mädchen verstummte schlagartig. Sie schien zu begreifen, in welcher neuen, drohenden Gefahr sie jetzt schwebte.

Im offenen Fenster rührte sich nichts.

»Kommen Sie raus!«, schrie Comden. »Raus mit euch! Alle, die im Haus sind! Und falls ihr ein Schießeisen habt … aus dem Fenster damit!«

In dem halbdunklen Quadrat wurde matt schimmernder Waffenstahl sichtbar. Es war der Doppellauf einer Schrotflinte, der sich langsam, zögernd senkte.

Beginnendes Triumphgefühl packte Comden.

»Los, los, Beeilung!«, brüllte er, obwohl ihm bei jedem Wort eine wachsende Woge des Schmerzes durch den Oberkörper zuckte. »Wenn ihr nicht pariert, blase ich ihr die erste Kugel ins Bein! Dann bleibt noch genug übrig, bis …«

Er brauchte es nicht zu Ende zu brüllen. Die Schrotflinte fiel aus dem Fenster, überschlug sich einmal und landete mit dumpfen Aufschlug in einem Blumenbeet.

»In Ordnung«, rief Comden, »wenn das alles ist … dann dürft ihr draußen antreten! Aber ich warne euch! Ich hab die Kleine noch immer vor der Kanone!«

Er hielt die Colt Government in der Rechten, als er siegesgewiss den Koffer aufnahm und auf den Gartenzaun zuging. Irgendwie tat es ihm weh, das kreidebleiche, zitternde Mädchen zu sehen. Er war kein Killer, hatte nie einen Menschen umgebracht oder auch nur mit einer Kugel angekratzt. Aber wie sollte er es der Kleinen erklären? Er konnte jetzt nur an sich selbst denken, an nichts anderes. Ob es ihm überhaupt noch etwas nützte, war eine andere Frage.

Möglich, dass es der Selbsterhaltungstrieb war, der ihn diesen ganzen Zirkus noch veranstalten ließ. In den letzten Stunden hatte er mehrmals mit dem Gedanken gespielt, einfach draußen in der Einöde hocken zu bleiben und zu warten, bis sie kamen, um ihn mit tödlichem Blei zu spicken und die Dollars an sich zu reißen. Aber er war trotzdem weiter geflohen. Zu Fuß. Weil er den Benzintank des elenden Schlittens bis auf den letzten Tropfen leer gefahren hatte.

Diese Rehaugen …

Er begann zu schwitzen, als er mühsam über den Zaun stieg und sich dabei höllisch anstrengte, dass die Pistole nicht aus der Visierlinie geriet. Die Erinnerung an die Zeit vor Sing-Sing durchzuckte ihn. Damals hatte er viel Erfolg bei den Frauen gehabt, war bewundernde weibliche Blicke gewöhnt gewesen. Schlank, dunkelhaarig, mit markant geschnittenen Gesichtszügen, war er das gewesen, was man einen Frauentyp nennt. Vielleicht auch heute noch.

Aber in den Rehaugen des Mädchens lag nichts als Furcht und Grauen.

Joe Comden wurde es in diesen Minuten bewusst, wie abstoßend er aussehen musste. Er schwankte leicht, als er drei Schritte vor dem Mädchen auf dem Weg zwischen den Gemüsebeeten stehenblieb. Wieder wallten die Schleier vor seinen Augen auf. Schleier, die sich blutig färbten. Er blinzelte heftig, bis sein Blick klarer wurde. Mit dem Pistolenlauf deutete er auf das feuchte Wäschestück, das die Kleine noch immer in den Händen hielt.

»Lass es fallen, Mädchen. Weg damit!« Er wunderte sich über seine eigene Stimme, die einen merkwürdig fremden, heiseren Klang bekommen hatte.

Erst jetzt sah er, dass ihre Augen blau waren, nicht braun. Trotzdem erinnerten sie ihn an ein Reh. Er wollte es so. Er begriff nicht, welche verrückte Regung seine Gefühle bestimmte. Dieses Mädchen, das er mit einer tödlichen Waffe bedrohte, war für ihn schutzbedürftig. Ja, vielleicht rührte es daher, dass er ihr irgendwann zeigen wollte, wie verteufelt männlich und beschützend er sein konnte.

Dann, wenn die anderen kamen, um ihn über den Haufen zu knallen wie einen tollen Hund.

Das Mädchen gehorchte. Ihre Augen waren unverwandt starr auf den schwerverwundeten Mann gerichtet. Mit einem leisen, klatschenden Laut fiel das Wäschestück zu den anderen, die noch im Korb lagen.

Joe Comden nickte zufrieden. Er wollte lächeln, aber der Schmerz verhinderte es. Sein schweißüberströmtes Gesicht verzerrte sich zu einem Ausdruck, der sich nicht deuten ließ.

Die Hintertür des Hauses wurde geöffnet – fast behutsam, wie, um den Eindringling nicht durch eine zu hastige Bewegung herauszufordern.

Ein Mann und eine Frau traten ins Freie. Ihre Schritte waren zögernd. Der Mann nahm die Frau bei der Hand, nickte ihr beruhigend zu und führte sie auf das kleine Rasenstück vor dem Schutzdach, unter dem der Station Wagon stand.

Sechs Augenpaare waren es jetzt, die sich angstvoll und anklagend zugleich auf Joe Comden richteten. Der Gedanke löste körperliches Unbehagen in ihm aus. Er brauchte die Hilfe dieser Leute. Aber er konnte sich ihre Hilfe nicht anders verschaffen als durch brutale Gewalt.

»Stehenbleiben!«, kommandierte er, als der Mann und die Frau drei Yard von der Hintertür entfernt waren.

Der Anblick der klobigen Automatikpistole reichte aus, um sie wie Marionetten parieren zu lassen.

Dennoch schmerzte es Joe Comden, die angstvolle Bereitwilligkeit dieser Leute sehen zu müssen. Er war versucht, einen Fluch auszustoßen, doch er ließ es. Der innere Zwiespalt, der ihn gepackt hatte, ließ sich nicht verdrängen. Hölle und Teufel, er kannte sich selbst nicht mehr. Früher war er nie zimperlich gewesen, hatte nicht die geringsten Skrupel gekannt. Aber jetzt …

Lag es daran, dass er so verdammt schwer angeschlagen war? Dass für ihn kein Land mehr in Sicht war? Er wusste es nicht, und das war es, was ihn fast verrückt machte.

Die Frau war klein, hager, grauhaarig; ihre Hände rissig von scharfem Waschwasser. Sie trug einen hellblauen Kittel, an dem ein Knopf fehlte. Darunter die üblichen Jeans und verblichene Segeltuchschuhe.

Der Mann wirkte neben ihr kraftvoll und stämmig. Rötliche, leicht gekrauste Haare, kantiger Schädel, das Gesicht von Wind und Wetter gegerbt. In diesem Gesicht stand es geschrieben, dass er seine Arbeit überwiegend im Freien verrichtete. Er trug eine olivgrüne Latzhose und ein weißes T-Shirt, dazu schwarze Gummistiefel. Seine Fäuste, breit und nervig, konnten zupacken.

Joe Comdens Blick wanderte zu der Schrotflinte, die auf dem Blumenbeet vor der Hauswand lag. Er begriff, dass der Mann nicht gezögert hätte, ihn über den Haufen zu knallen. Aber diese breite, kraftvolle Faust, mit der er die schmale Hand seiner Frau hielt, sagte es deutlich genug: Niemals würde er es fertigbringen, die Frau und das Mädchen durch unbedachte Handlungen zu gefährden.

Joe Comden beschloss, diese Feststellung gründlich einzukalkulieren.

Mühsam, wie in Zeitlupe, hob er die Linke und warf den Koffer zu der feuchten Wäsche in den Plastikkorb.

Das Mädchen zuckte zusammen.

»Nimm den Koffer, Kleines«, sagte Comden rau, »und halt ihn gut fest, ja?«

Ein rätselnder Ausdruck trat in ihre Augen, verdrängte ein wenig von dem angstvollen Flackern. Aber sie tat, was der furchtbar zugerichtete Fremde verlangte, hob den Koffer auf, umklammerte ihn mit beiden Armen und presste ihn gegen den Oberkörper.

Joe Comden schaffte es zum ersten Mal, zu lächeln. Es gefiel ihm, wie behutsam das Mädchen mit seinem Koffer umging. Als ob sie wusste, welche Bedeutung es damit hatte.

Er nickte, versuchte, seiner Miene etwas Beruhigendes zu geben.

»Gut so. Geh jetzt rüber zu deinen Eltern. Das sind doch deine Eltern, oder?«

»Ja«, hauchte das Mädchen.

Ihre Stimme war so weich, dass Joe Comden spürte, wie ihm ein Schauer über den Rücken lief. Er beobachtete die geschmeidigen Bewegungen ihres Körpers, während sie zu ihren Eltern ging – mit anfangs stockenden Schritten, doch dann rascher, hastiger.

»Ganz ruhig, Glenda«, murmelte ihr Vater, als sie sich zitternd an ihn schmiegte.

Comden bemühte sich, seinen Schritten Festigkeit zu verleihen, als er den Weg zwischen den Gemüsebeeten entlangschlurfte. Aber er wurde das elende Gefühl nicht los, dass sie genau erkannten, wie hundsmiserabel es um ihn bestellt war.

Er blieb bei der Schrotflinte stehen, wandte sich den Bewohnern des Hauses zu und bewegte den Lauf der Colt Government drohend hin und her.

»Keine Dummheiten! Einen von euch erwische ich immer!«

Der rothaarige Mann presste die Lippen aufeinander. Und er drückte die Hand seiner Frau fester. Das Mädchen hielt den Koffer unverändert vor der Brust.

Joe Comden bückte sich. Sekundenlang wurde ihm schwarz vor Augen. Seine Knie waren wie Butter. Die Schmerzen, die er schon nahezu aus seinem Bewusstsein verdrängt hatte, meldeten sich mit neuer, grausamer Intensität. Er biss die Zähne zusammen, bot alle Willenskraft auf, zu der er noch fähig war.

Er schaffte es, die Schrotflinte mit der Linken aufzuheben. Schwankend richtete er sich auf, behielt das Gleichgewicht nur mit Mühe.

»Soweit wären wir«, nickte er grimmig, »sind noch mehr Leute im Haus?«

»Nein«, entgegnete der Mann gepresst, »nur wir drei wohnen hier.«

»Sehr gut«, sagte Comden. Es gelang ihm nicht, ein Ächzen zu unterdrücken. »Kreuzt sonst jemand hier auf? Besuch? Postbote? Zeitungsjunge?«

Der Mann schüttelte den Kopf.

»Wir erwarten keinen Besuch, Mister. Und Post und Zeitungen hole ich jeden Morgen selbst in der Stadt ab. Wir wohnen sehr einsam, wie Sie sehen.«

»Allerdings. Warum?«

»Das Haus ist eine Dienstwohnung. Ich arbeite als Gewässerwart hier im südwestlichen Teil des Fairfield-County. Mein Arbeitgeber ist der Wasserwirtschaftsverband in Danbury.«

»Ist das die nächste Stadt?«

»Nein. Danbury ist der Countysitz. Die nächste Stadt heißt Branchville.«

»Wie weit?«

»Drei Meilen nach Norden.«

»Okay. Habt ihr Nachbarn, die irgendwo in der Nähe wohnen?«

Der Rothaarige zögerte mit der Antwort.

»Ein paar Farmer«, erklärte er dann, »aber die Gehöfte liegen weit auseinander. Die, die uns am nächsten wohnen, sind die Frazers … eine Dreiviertelmeile nach Osten.«

Comden schaffte es, zufrieden zu grinsen.

»Gut, dass du ehrlich bist, Partner. Ich will euch dreien genau sagen, woran ihr seid: Wenn ihr mitspielt, wenn ihr nicht versucht, mich hereinzulegen, dann kommen wir gut zurecht. Ich denke, ich brauche das nicht dreimal zu sagen. Wie ist euer Name? Wenn ich mit Leuten zu tun habe, weiß ich gern, wie sie heißen.«

»McArthur«, sagte der Rothaarige, »ich bin Dave McArthur. Meine Frau Anne … und meine Tochter Glenda.« Er deutete mit knappen Kopfbewegungen erst nach links und dann nach rechts.

»Ihr könnt Joe zu mir sagen«, entgegnete Comden und war im nächsten Moment versucht, sich selbst für verrückt zu erklären. Hatte er den Verstand verloren?

Nein.

Nur – es war eine idiotische Reaktion, dass er den McArthurs seinen Vornamen nannte. Aber niemals zuvor in seinem Leben hatte er so sehr das Bedürfnis gehabt, Freunde zu finden. Denn wirkliche Freunde hatte es nie für ihn gegeben. Nur Kumpels, Geschäftspartner sozusagen.

Er ertappte sich bei dem Gedanken, warum er nicht einfach an die Haustür geklopft und die Leute um Hilfe gebeten hatte. Ohne sie mit der Waffe zu bedrohen.

Unsinn.

Dave McArthur hätte ihm die Schrotflinte vor den Bauch gehalten und seine Frau beim nächsten Sheriff anrufen lassen. Denn wahrscheinlich hatten sie längst in der Zeitung gelesen, was vor zwei Tagen in New Canaan passiert war. Und dann wussten sie auch, woran sie waren. Mit Freundlichkeit brauchte er also von ihnen nicht zu rechnen.

Dave McArthur gab sich einen Ruck. »Hören Sie, Joe«, sagte er leise, »wenn ich Ihnen verspreche, dass wir alles tun, was Sie von uns verlangen … soweit es in unseren Kräften steht … werden Sie dann aufhören, uns mit Ihrer Waffe in Schach zu halten? Meine Frau ist herzkrank. Sie kann nicht …«

»Vergiss es«, knurrte Comden, »ich habe euch gesagt, wie es aussieht. Sorry, aber ich muss auf Nummer Sicher gehen. Es läuft folgendermaßen: Die kleine Glenda bleibt von jetzt ab dauernd bei mir. Wir gehen alle zusammen ins Haus. Ich brauche ein Zimmer. Oben. Damit ich möglichst viel von dem Gelände übersehen kann.«

Dave McArthur wechselte einen Blick mit seiner Frau, die sich sichtlich Mühe gab, beherrscht zu bleiben. Glenda war bleich wie zuvor, ihre Augen immer noch weit aufgerissen vor Furcht.

»Am besten wäre Glendas Zimmer«, sagte McArthur, »aber Sie können die Straße dann nur nach Süden einsehen.«

»Unwichtig«, entgegnete Comden, »wenn die Hundesöhne aufkreuzen, dann von da hinten.« Er deutete mit einer schwachen Kopfbewegung in die Richtung, aus der er selbst sich dem Haus genähert hatte. »Vorwärts jetzt! Wenn wir oben sind, will ich, dass deine Frau sich um meine Wunde kümmert, McArthur.«

Anne McArthur sprach zum ersten Mal, seit Comden auf das Anwesen vorgedrungen war. Und ihre Stimme klang unerwartet energisch.

»Sie brauchen einen Arzt, Mister … Joe …«

Er wollte den Kopf schütteln, ließ es jedoch nach dem ersten Versuch sofort sein, denn durch die heftige Bewegung wallten neue Schleier vor seinen Augen auf.

»Kommt nicht in Frage«, ächzte er, »ihr haltet euch an das, was ich sage, verstanden! Wenn ihr auf die Idee kommt, zu telefonieren, geht es ihr verdammt dreckig!« Er deutete mit dem Pistolenlauf auf Glenda.

Die McArthurs versuchten keinen Einwand mehr. Auf Comdens Befehl gingen sie voran, durch den Hintereingang ins Haus. Eine knarrende Holztreppe führte ins Obergeschoss, wo sich die Schlafräume und ein Gästezimmer befanden.

Dave McArthur hatte nichts Falsches versprochen. Joe Comden überzeugte sich, dass Glendas Zimmer tatsächlich den besten Ausblick auf das Grundstück und das angrenzende Gelände bot.

In der Ecke neben dem Fenster ließ Comden sich auf einem hochlehnigen gepolsterten Stuhl nieder. Er stellte die Schrotflinte an die Wand, legte die Colt Government auf seine Knie. Das Sitzen brachte nicht die Erleichterung, auf die er gehofft hatte. Es schien, als fingen die Schmerzen erst jetzt richtig an zu toben – jetzt, wo er zur Ruhe gekommen war.

Er winkte dem Mädchen zu.

»Komm her, Glenda! Leg den Koffer da hin …« Er deutete auf die mit rotem Stoff bespannte Bettcouch. »Nimm dir ’nen Stuhl und setz dich mir gegenüber, auf die andere Seite vom Fenster.«

Das Mädchen zögerte.

»Tu, was er sagt«, murmelte Dave McArthur, der mit seiner Frau neben der Tür stehengeblieben war.

Glenda gehorchte. Behutsam ließ sie den Koffer auf die Bettcouch sinken, zog den zweiten Stuhl vom Tisch weg und setzte sich dem Schwerverwundeten gegenüber.

Joe Comdens Atem ging rasselnd. Der Schmerz verursachte eine wachsende Benommenheit, ließ seine Glieder bleischwer werden. Es war, als würde er von diesem Stuhl niemals wieder aufstehen können. Und in Glendas Rehaugen glaubte er so etwas wie Mitgefühl zu lesen. Oder Mitleid? Sah man es ihm etwa schon an, dass er draufgehen würde?

Da waren keine Illusionen mehr für Joe Comden. Wenn er nicht an der Wunde krepierte, würden es diese Hundesöhne besorgen, sobald sie seine Fährte wiedergefunden hatten und zum Sturmangriff auf das Haus ansetzten.

Aber er musste wissen, woran er war.

»Holen Sie, was Sie brauchen«, wandte er sich an die Frau, »heißes Wasser, Tücher, und so weiter …«

Dave McArthur öffnete den Mund, um etwas zu sagen.

»Du bleibst, wo du bist«, fuhr Comden ihn an und zuckte im nächsten Moment zusammen, weil eine neue Schmerzwoge seinen Leib durchflutete.

Anne McArthur wandte sich wortlos ab und verließ den Raum. Ihre Schritte hallten durch den Korridor. Dann waren die knarrenden Treppenstufen zu hören und danach wieder ihre Schritte, als sie den unteren Korridor erreichte.

Keuchend begann Joe Comden, sich die blutverkrustete Jacke vom Oberkörper zu zerren. Der Schweiß rann in Strömen über sein schmerzverzerrtes Gesicht. Er kämpfte gegen die Vorboten der Bewusstlosigkeit an, die wie mit an- und abschwellenden Wogen einer Springflut gegen sein Sinneszentrum brandeten.

Dave McArthur beobachtete sein verzweifeltes Bemühen mit schmalen Augen.

Comden hielt sekundenlang inne, als er die Jacke schon halb herunter hatte.

»Ich weiß, was du denkst«, knurrte er, »du wartest darauf, dass ich zusammenklappe, damit du mir eins über den Schädel geben kannst. Aber daraus wird nichts, Partner. Ich bin ein verdammt zäher Hund. Du wirst es noch merken.«

Dave McArthur antwortete nicht.

»Soll ich … soll ich Ihnen helfen, Joe?«, fragte das Mädchen zaghaft und flüsternd.

Er wandte den Kopf zu ihr, fing ihren Blick aus fürsorglichen Rehaugen auf. Und von ihrem Vater kam kein Einwand.

»Gut, einverstanden«, krächzte Comden, »aber denk an mein Schießeisen! Und versperr mir nicht den Ausblick auf deinen Daddy!«

»Nein, nein, ganz bestimmt nicht«, antwortete Glenda leise. Sie stand auf, kam zu ihm, und er spürte ihre sanften Finger auf seinen Schultern. Ein Schauer des Wohlbehagens lief über seinen Rücken.

Der Hemdstoff war an den Wundrändern festgeklebt, verkrustet.

Joe Comden bemerkte Glendas fragenden Blick.

»Abreißen«, befahl er schroff, »los, mach schnell, Kleines! Einen Ruck, und weg damit!«

Sie tat es. Mit zusammengebissenen Zähnen.

Der plötzliche neue Schmerz durchstieß Comdens Oberkörper mit der Grausamkeit eines Lanzenstiches. Er konnte den Schrei, der sich seiner Kehle entrang, nicht unterdrücken. Sekundenlang schloss er die Augen, bot mit verzweifelter Anstrengung alle Willenskraft auf, um nicht das Bewusstsein zu verlieren.

Er schaffte es. Als er den erstickten Entsetzenslaut des Mädchens hörte, riss er die Augen wieder auf.

Glenda hatte die flache Hand vor den Mund geschlagen, drehte den Kopf zur Seite, um nicht die furchtbare Wunde ansehen zu müssen.

»Wissen Sie, was Sie da haben, Joe?«, fragte Dave McArthur ruhig.

»Klar, Mann«, entgegnete Comden gepresst, »das ist ’n astreiner Steckschuss. Damals, in Vietnam, hat’s mich dreimal erwischt, insgesamt. Ich bin nicht von gestern.«

»Okay«, nickte McArthur, »aber in Vietnam haben sie keine Magnum-Geschosse verwendet. Solche Munition und solche Waffen sind für den Krieg zu teuer. Der, der Ihnen dieses Ding verpasst hat, hat es entweder mit einem .357er oder einem .44er Magnum-Revolver getan. Teilmantelgeschoss, Semi-Wadcutter wahrscheinlich. Die Bleispitze hat ein hübsches Einschussloch gerissen und sich dann irgendwo unter Ihren Rippen plattgepilzt. Da dürfte einiges zerfetzt sein.«

»Dad! Bitte hör auf!«, schrie das Mädchen. »Ich kann es nicht hören!«

Joe Comden rang sich ein unbeeindrucktes Grinsen ab.

»Du kennst dich ziemlich gut aus, wie?«

»Ich gehe zur Jagd«, antwortete McArthur trocken.

»Schön, dass ich jetzt Bescheid weiß, wie’s in mir aussieht.« Comden wandte sich Glenda zu, deutete mit einer Kopfbewegung auf den Stuhl. »Setz dich wieder, Kleines.«

Sie folgte seiner Aufforderung, bemühte sich krampfhaft, nicht auf seinen blutverschmierten Oberkörper zu blicken.

Wieder knarrten die Treppenstufen. Anne McArthur kehrte mit heißem Wasser, Tüchern und Verbandszeug zurück.

Joe Comden atmete tief durch. Seit Dave McArthurs Worten hatte er das Gefühl, genau zu spüren, an welcher Stelle dieser elende Bleiklumpen in seiner Brust steckte. Und der Verband, den ihm die Frau anlegte, konnte nicht viel helfen. Er wusste es. Wenn er überhaupt hoffen wollte, zu überleben, musste er auf den Operationstisch.

Aber diese Dreckskerle, die hinter ihm her waren, würden ihn erwischen. So oder so.

Eine halbe Million Dollar waren Grund genug, einen Mann notfalls bis ans Ende der Welt zu jagen.


3

Ich wusste, was mich erwartete, als ich unser gemeinsames Office im FBI-Distriktgebäude an der East 69 th Street betrat.

Mein Freund und Kollege verlor prompt die Kontrolle über seine Kinnlade. Letztere klappte bei meinem Anblick kraftlos herunter. Und seine Augen standen wie blanke, blaue staunende Murmeln zwischen weit aufgesperrten Lidern.

»Du lieber Himmel! Sonnengereifte Tomaten sehen nicht besser aus. Wer, in aller Welt, hat dir das Ohr langgezogen?«

Ich kickte die Tür mit dem Absatz ins Schloss und ließ mich auf dem Platz nieder, an dem ich regelmäßig mit dem Papierkrieg kämpfe.

»Dein Mitgefühl ist mal wieder überwältigend«, brummte ich und fischte aus dem schon wieder wachsenden Aktenstapel einen dünnen roten Schnellhefter, der nur wenige Blätter enthielt.

Milo stützte seinen linken Ellenbogen auf die Schreibtischplatte, legte das Kinn in die Handmulde und blickte sinnierend herüber.

»Dich darf man auch nicht allein losziehen lassen«, überlegte er laut.

»Ja, Mami«, nickte ich, rieb mir das knallrote, geschwollene Ohr und klappte den Schnellhefter auf. Ich klopfte eine Camel aus meiner zerknautschten Packung und rauchte.

Milo registrierte die Tatsache, dass ich ihm keinen Glimmstängel anbot.

»Kaffee?«, fragte er versöhnlich, stand auf und bewegte sich in Richtung Tür.

Ich grinste.

»Sehr gern, Mami«, sagte ich folgsam.

Er verzog das Gesicht, erwiderte nichts, ließ mich allein.

Obenauf im Schnellhefter befand sich das Fernschreiben vom FBI-Distrikt Connecticut aus Hartford, der Hauptstadt des benachbarten Bundesstaates.

Prägnante Fakten. Überfall auf die Filiale der Bank of Commerce in New Canaan, Connecticut. Tatzeit 16.55 Uhr, kurz vor Schalterschluss also. Täter: Fünf Männer, maskiert mit schwarzen Wollstrümpfen mit Augenschlitzen. Bewaffnung: Revolver und Pistolen, nicht identifizierte Fabrikate. Außerdem der springende Punkt: Sprengmasse formbar, drei faustgroße Pakete, fertig vorbereitet mit Sprengkapseln und Abreißzündern.

Ich kannte Joe Comdens bewährte Methode. Er und seine Männer stürmen den Schalterraum, bedrohen die Angestellten hinter dem Tresen, und ehe der Kassierer in seiner Panzerglas-Box den Mund zukriegt, pappt Joe das explosive Knetgummi zwischen die Sprechschlitze. Das hatte immer gereicht, um alle Alarm-Gedanken auszuschalten. Fast immer.

Nur ein einziges Mal in Joes Bankräuber-Karriere hatte sich ein Kassierer von dem schmutzig-gelben Knetgummi nicht beeindrucken lassen. Vielleicht aus Unwissenheit, vielleicht aus falsch verstandenem Mut. Wir haben es nie mehr herausgefunden. Die langwierigste Arbeit hatten damals die Männer vom Leichenschauhaus. Als sie den Zinksarg mit den sterblichen Überresten des forschen Kassierers endlich dichtmachen konnten, waren sämtliche Spurensicherer der Mordkommission mit ihrem zeitraubenden Job längst fertig gewesen.

Joe hatte für den Coup ein ziemlich genaues Drehbuch gehabt. Alles lief stets programmgemäß, auch in dem Fall des waghalsigen Kassierers. Bevor dieser den Alarmknopf treten konnte, hatte Joe die Zünder gerissen, war mit seinen Komplizen hinter die andere Seite des U-förmigen Tresens gehechtet und hatte die Detonation in aller Ruhe abgewartet. Der Kassierer musste zu spät begriffen haben, wie das gelbe Knetgummi wirkte. Jedenfalls hatte er es nicht mehr geschafft, aus seiner Kassenbox zu fliehen. Das TNT hatte ihn in Stücke gerissen. Die übrigen Bankangestellten waren von herumfliegenden Teilen mehr oder weniger schwer verletzt worden. Nur die Banknoten und Münzen in den rolladenverschlossenen Fächern der Kassenbox hatten das Ganze unbeschadet überstanden. Der Rest war für Joe und seine Helfer ein blitzschnelles Absahnen gewesen – schnell genug, bevor die Cops zur Stelle waren.

Aber, wie gesagt, den Ernstfall hatte Joe Comden nur einmal inszenieren müssen. In allen anderen Fällen hatte der Anblick des TNT in Knetgummi-Form genügt. Auch jetzt wieder, in New Canaan. Die Tatsache, dass er sich das explosive Zeug wenige Tage nach seiner Entlassung aus Sing-Sing schon beschafft hatte, deutete für mich darauf hin, dass er bereits während seines Aufenthaltes hinter Gittern Kontakte nach draußen gehabt haben musste. Denn formbare Sprengmasse kann man nicht im Laden an der Ecke kaufen.

Damals hatte ich den Hebel an diesem Punkt angesetzt, hatte herausgefunden, dass Joe einen Komplizen bei einer Pionier-Einheit der US-Army gehabt hatte. Über diesen Umweg hatte ich Joes Spur aufgenommen und ihn vor seinem letzten großen Coup erwischt.

Für den Überfall in New Canaan mussten seine Komplizen das Knetgummi besorgt haben. Vielleicht auf dem schwarzen Markt der Unterwelt. Dass sie es noch einmal bei der US-Army versuchen würden, konnte ich mir nicht vorstellen. Vielleicht hatte sogar Harry Comden bei der Sprengstoffbeschaffung mitgeholfen.

Genau 498 260 US-Dollar hatten Joe und seine Partner jetzt in New Canaan erbeutet. Die paar Scheine, die an der halben Million fehlten, hatten sie in der Eile liegenlassen. Auf jeden Fall hatten sie sich eine sehr ergiebige Quelle ausgesucht. In der 25 000-Einwohner-Stadt New Canaan befand sich ein großes Zementwerk, in dem fast die Hälfte der männlichen Einwohner arbeitete. Und der Lohn wurde noch immer in bar ausgezahlt.

Außer den fünf Maskierten im Schalterraum waren zwei weitere Gangster an dem Überfall beteiligt gewesen; die Fahrer der beiden Limousinen, die draußen gewartet hatten. Am Stadtrand von New Canaan hatten sie dann die Fahrzeuge gewechselt. Und weiter hatten die Kollegen von der State Police die Spur nicht verfolgen können. FBI war hinzugezogen worden, nachdem feststand, dass es sich bei dem Überfall um Joe Comdens Handschrift handelte. Und die G-men in Hartford hatten sich mit mir in Verbindung gesetzt, weil sie erstens wussten, dass ich damals Joe geschnappt hatte und zweitens, dass Harry Comden seine Bewährungsfrist in New York City verbrachte.

Milo kehrte mit zwei Pappbechern zurück, in denen brühend-heißer Automatenkaffee aus unserer Kantine dampfte. Einen Becher stellte er neben meinen Joe-Comden-Schnellhefter.

»Bin ich nicht wirklich wie eine Mutter zu dir?«

»Ich zerfließe vor Rührung«, feixte ich.

Milo brummte, ließ sich auf seinem Drehstuhl nieder, nippte am Pappbecher und fluchte, weil er sich prompt die Lippen verbrannte. In all den Dienstjahren hat er es noch nicht gelernt, mit der Tücke dieser heißen Objekte fertigzuwerden.

»Was hast du für die Jungens in Hartford?«, fragte er, bevor ich mich für seinen Spott revanchieren konnte.

»Nichts«, sagte ich.

»Wie bitte?«

»Nichts.«

»Jetzt sag bloß noch, dass Harry Comden frei herumläuft, ohne den Mund aufgemacht zu haben.«

»Auch das. Allerdings dürfte er sich im Moment eher auf allen Vieren bewegen. Die gewohnte Gangart macht ihm garantiert noch Schwierigkeiten.«

»Himmel! Und das reicht dir?«

»Fürs Erste, ja.«

»Und weiter?«

»Harry wird sich selbst weichkochen«, prophezeite ich, »er wird ganz von allein gar, ohne dass wir uns noch anstrengen müssen.«


4

Ein leuchtend weißer Verband zierte seinen Oberkörper, straff und fachmännisch angelegt von Anne McArthur, die resolut zu Werke gegangen war.

Aber unter den weißen Windungen brodelte die Hölle. Es pochte und stach, als wäre das aufgeplatzte Magnum-Geschoss zu einem bösartigen Eigenleben erwacht.

Draußen schien die Sonne. Doch Joe Comden nahm seine Umgebung nur noch neblig trüb wahr. Am deutlichsten sah er die drei Augenpaare, die ihn musterten – abwartend, prüfend, berechnend. So glaubte er. Dass sie noch immer Angst empfanden, vermochte er nicht mehr zu erfassen. Seine furchtbaren Schmerzen, seine schwindenden Kräfte ließen solche Gedanken nicht mehr zu.

»Sie schaffen es nicht, Joe«, klang Dave McArthurs Stimme in die Stille, »Sie werden das niemals überleben, wenn Sie sich weiter so bockbeinig anstellen. Ich weiß nicht mal, ob Sie eine Chance hätten, wenn wir Sie jetzt sofort ins Hospital schaffen würden.«

»Halt den Mund!«, keuchte Comden. »Kein Wort mehr!« Er zitterte unter der Anstrengung, als er die Pistole mit beiden Händen hob und erneut auf das Mädchen richtete.

Glenda schluchzte leise.

Schweigen.

Joe Comden ließ sich zurücksinken. Keine Linderung. Die Schmerzen tobten wütender als zuvor. Er wusste nicht mehr, in welchem verdammten Buch er es gelesen hatte. Wusste nur noch, dass der Autor vier oder fünf Seiten lang den Tod eines Menschen beschrieben hatte, wie mit jedem Atemzug ein Hauch von Leben entwichen war – so lange, bis nichts mehr übriggeblieben war.

Joe Comden konnte jede einzelne Zeile, die er gelesen hatte, nachempfinden.

Es gab nichts mehr, was er tun konnte.

Nichts mehr?

Sein Blick fiel auf den Lederkoffer, der noch immer so dort lag, wie Glenda ihn hingelegt hatte.

Eine halbe Million Dollar. Schon vor dem Job in New Canaan hatte er gewusst, dass die anderen vorhatten, ihn nach dem Coup hereinzulegen. Sie hatten ihn nur gebraucht, weil kein anderer die Sache so hundertprozentig geplant und durchgeführt hätte wie er. In der Beziehung war er eben noch immer unübertroffen, trotz der sechs Jahre Bau.

Und er war ihnen zuvorgekommen, hatte sich den Zaster geschnappt und war abgedampft. Nur hatten die Hundesöhne es ein paar Minuten zu früh spitzgekriegt. Das Blei, das sie ihm hinterhergejagt hatten, war schlecht gezielt gewesen, hatte den Wagen nicht mal lahmgelegt. Carey Link, dieses Dreckstück, war ihm in den Weg gesprungen und hatte die ganze Trommel leer gefeuert. Fünf Kugeln hatten die Windschutzscheibe und die Heckscheibe zerbröselt. Ausgerechnet die sechste Kugel hatte treffen müssen, bevor er es geschafft hatte, Link über den Haufen zu fahren.

Immerhin, sie hatten nicht schnell genug die Verfolgung auf genommen, kannten lediglich die grobe Richtung, in die er geflohen war. Aber sie würden seine Fährte finden. Garantiert. Als erstes den Schlitten mit dem leer gefahrenen Tank. Dann die Blutspuren. Und dann …

Joe Comden verscheuchte die Gedanken aus seinem verschleierten Bewusstsein.

Sein Blick konzentrierte sich wieder auf den Koffer.

Sie waren dahinter her wie der Teufel hinter der Seele.

Wenn er noch einen Triumph erleben wollte, bevor er verreckte, dann den, dass sie den Zaster nicht in die Finger kriegten. Sie sollten sich vor Wut in den Hintern beißen, wenn sie ihre Schießeisen auf ihn richteten und die Dollars nicht fanden.

Aber wie, verdammt nochmal, sollte er das anstellen?

Das Geld musste weg. Weg aus diesem Haus. Weit weg. Nur – er selbst konnte das nicht mehr besorgen. Sein Blick wanderte umher.

Das Mädchen … Die Eltern …

Okay. Einer von ihnen würde es erledigen. Damit dieser eine parierte, behielt er die beiden anderen Familienmitglieder vor der Kanone.

Ein Hauch von Genugtuung keimte in Joe Comden auf. Sein Grips funktionierte noch klar genug, um solche Überlegungen anzustellen. Und in diesem Punkt war er den Hundesöhnen, die ihn verfolgten, noch immer überlegen. So weit, so gut.

Er selbst konnte mit den Dollars nichts mehr anfangen.

Seinen gottverdammten Partnern wollte er den Mammon nicht in den Rachen schmeißen.

Er hatte eine Möglichkeit gefunden, den Koffer beiseite schaffen zu lassen.

Aber wohin?

Harry?

Einen Moment lang gefiel ihm diese Idee. Ja, Harry, sein Bruder, hatte es verdient. Harry hatte immer zu ihm gehalten. Ein prachtvoller Bursche, mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Sein persönliches Pech war, dass er zu schnell aufbrauste, zu hart hinlangte, wenn er Streit bekam. Ja, für Harry würden die Dollars gerade richtig kommen.

Aber …

Nein, das lief nicht. Die Dreckskerle kannten Harry, kannten seine Adresse in New York, wussten, was er trieb. Sie würden die McArthurs ausquetschen, würden herauskriegen, wohin der Koffer mit den Dollars verschwunden war.

Und dann hatte Harry eine Meute blutgieriger, geldgieriger Wölfe im Nacken. Eine ganze verdammte Meute auf einmal. Hölle und Teufel, es würde sein sicheres Todesurteil sein.

O verdammt, Harry würde keine Chance haben, sich selbst und den Zaster schnell genug in Sicherheit zu bringen. Sie würden ihn eiskalt umlegen, bevor er auch nur anfangen konnte, seinen Grips anzustrengen.

Nein. Ausgeschlossen. Nicht so.

Joe Comdens Überlegungen kehrten zu dem Punkt zurück, das Geld wegzuschicken.

Per Post. Natürlich per Post. Das war primitiv. Aber die simpelsten Ideen klappten meistens hundertprozentig. Erfahrungsgrundsatz.

Der, der die Dollars kriegte, hatte mit tödlicher Sicherheit die Killermeute im Nacken. Und sie machten ihn fertig, bevor er überhaupt kapierte, was es mit dem Geldsegen auf sich hatte.

Eine halbe Million Bucks als Todesurteil!

Der Gedanke durchzuckte Joe Comden so plötzlich, dass er fast einen Triumphschrei ausgestoßen hätte.

Es war der Gedanke überhaupt. So was wie ein Vermächtnis. Rache für die elend langen Jahre, die er in Sing-Sing zugebracht hatte. Rache, für die er selbst nichts zu tun brauchte. Andere erledigten es, ohne selbst zu wissen, dass sie von Joe Comden zum Mordwerkzeug gemacht wurden. Wenn er schon krepiert war, würde der Stein erst ins Rollen kommen. Unaufhaltsam …

Teufel, ja, es war die beste Idee seines Lebens! Die letzte Idee seines Lebens – und die beste, die er je gehabt hatte!

Seine Stimme klang auf einmal wieder erstaunlich fest, ließ nichts mehr von den Schmerzen ahnen, die in ihm tobten.

»Holt Packpapier!«, befahl er. »Und was zu schreiben! Ihr packt ein nettes Paket für mich. Die Adresse ist Jesse Trevellian, New York City, Manhattan.«


5

Am späten Vormittag fuhr ich los, um Routinekram zu erledigen. Letztere Vernehmungen in einem Fall von Erpressung, der bereits aufgeklärt war. Papierkrieg, wie ihn der Federal Attorney zwecks vollständiger Akten verlangte.

Den Kollegen in Hartford, Connecticut hatte ich per Fernschreiben einen Zwischenbescheid geschickt. Und ich hatte erfahren, dass die Fahndung nach den Bankräubern von New Canaan bislang noch immer ergebnislos war.

Auf dem Hof unserer Fahrbereitschaft klemmte ich mich hinter das Lenkrad meines Sportwagens, rangierte rückwärts aus der Parkbucht und ließ den roten Flitzer langsam in Richtung Ausfahrt 69. Straße rollen.

Meine erste Zeugenadresse befand sich in Manhattan-Downtown. Dreißig Minuten Fahrzeit, bei dem gewohnten morgendlichen Verkehrsgewühl. Ich zündete mir eine Zigarette an, bevor ich die Hofausfahrt erreichte.

Auf dem Bürgersteig stieg ich in die Bremse, um nach Passanten und vorbeifließendem Verkehr Ausschau zu halten.

Er stand rechts neben der Ausfahrt, unter der schattenspendenden Krone eines der wenigen Bäume, die bei uns in Manhattan noch an den Fahrbahnrändern stehen.

Verblüfft kniff ich die Augen zu und öffnete sie wieder. Es war keine Halluzination.

Harry Comden.

Sein rechter Unterarm ruhte in einem dicken weißen Verband. Gips, wie ich bei näherem Hinsehen feststellte. Das Gewicht wurde von einer schwarzen Stoffschlinge getragen, die hinter seinem Nacken verknotet war.

Er blickte zu mir herüber – zaghaft, zerknirscht, fast unterwürfig. Der bullige, schrankförmige Harry Comden erinnerte frappierend an das sprichwörtliche Häufchen Elend.

Okay, ich hatte darauf gewartet, dass er sich selbst weichkochen würde – nur nicht mit einer so atemberaubenden Geschwindigkeit. Seit unserer wenig amüsanten Besprechung auf der Müllschute waren immerhin erst drei Stunden vergangen.

Mit hängenden Schultern setzte er sich in Bewegung, trabte auf die Beifahrerseite meines Flitzers zu.

Ich zeigte ein Herz, kuppelte aus, zog die Handbremse an, beugte mich nach rechts und öffnete ihm den Schlag.

» … bisschen spazierenfahren«, nuschelte er von oben her ins Cockpit.

»Sei mein Gast, Harry«, entgegnete ich freundlich. Mein derangiertes Ohr leuchtete inzwischen nur noch matt-rosa.

Harry ließ einen erfreuten Grunzlaut hören. Dann bemühte er sich nach Kräften, sein kantiges Körpervolumen hinreichend zusammenzufalten, damit er auf dem engen Schalensitz neben mir Platz fand. Er musste sich drehen, um mit der gesunden Linken die Tür zuzuziehen.

Ich ließ den Sportwagen anrollen, fädelte ihn in den Verkehrsfluss ein und ließ meinen Fahrgast nicht merken, wie sehr mich sein Erscheinen beglückte.

»In unserer Kantine hätten wir’s gemütlicher gehabt«, eröffnete ich unser Gespräch, »warum bist du nicht raufgekommen, Harry?«

Er vermied es, mich anzusehen, starrte stattdessen betont angestrengt durch die Windschutzscheibe.

»Wollte nicht«, brummte er, »fühl mich nicht wohl in so ’nem ganzen Bau voll Bullen. Hab deinen Schlitten auf dem Hof gesehen und hab mir gedacht, irgendwann würdest du schon aufkreuzen.«

»Gut gedacht, Harry«, lobte ich ihn und bog nach Norden in die Frist Avenue ab. Mehr sagte ich vorläufig nicht, ließ ihm Zeit, seine Worte zu sortieren.

»Hast du ’ne Lulle für mich?«, erkundigte er eich nach minutenlangem Schweigen.

Ich zuckelte die Avenue auf der äußersten rechten Fahrspur hinauf. Nickte. Zupfte Zigarettenschachtel und Feuerzeug aus der Jackentasche und gab ihm beides.

Er quetschte ein »Danke« zwischen den Zähnen hervor.

Während ich meine Kippe im Aschenbecher zermalmte, inhalierte Harry die ersten Züge.

»Haben sie dich gut verarztet?«, fragte ich.

»Hm. Hast mich ganz schön ausgetrickst, Mann.« Es klang eher anerkennend als vorwurfsvoll.

»Ich konnt’s selber kaum glauben«, entgegnete ich beschwichtigend. Aus den Augenwinkeln heraus sah ich, dass er grinste.

»Okay, vergiss es. Ich … ich …« Mit der Linken kratzte er seinen Hinterkopf. »Tja … ich hab mir die Sache nochmal überlegt.«

»Und?«

»Kommt drauf an. Angenommen, ich weiß über Joe Bescheid … wie sieht das dann mit meiner Bewährung aus?«

»Mittäterschaft?«

Im juristischen Sprachgebrauch kannte Harry sich aus.

»Quatsch, Mann! Hab meine Finger nirgendwo drin. Nur mal angenommen, ich wüsste ’n bisschen was …« Zum ersten Mal sah er mich an. Von der Seite. Abwartend.

»Wenn niemand was davon erfährt, kann dir niemand einen Strick daraus drehen.«

»Hört sich gut an. Heißt das, ich bleib aus allem raus?«

»Mein Wort darauf, Harry.«

»Okay. Hör mal, wenn du denkst, ich will Joe ans Messer liefern oder so was, dann bist du auf dem falschen Dampfer! Die Sache sieht ganz anders aus, als du denkst.«

»Ich lasse mich gern überzeugen«, sagte ich, »bedeutet das, dass Joe mit dem Ding in New Canaan nichts zu tun hat?«

»Davon hab ich keine Ahnung, Mann. Wirklich nicht. Ich weiß nur eines: Seit Joe aus dem Bau ist, hat er sich bei mir nicht gemeldet. Das letzte Mal hab ich ihn bei der Besuchszeit in Sing-Sing gesehen. Und das war vor drei Wochen. Aber da hat er mir was gesagt, was mich jetzt stutzig macht. Vor allem, weil du heute morgen mit deiner dämlichen Fragerei aufgekreuzt bist.«

Ich nahm Harrys Formulierung gelassen hin. Es war nicht so böse gemeint wie es klang.

»Hattet ihr euch verabredet? Nach seiner Entlassung, meine ich.«

»Nein. Joe sagte, er würde sich so bald wie möglich bei mir blicken lassen, wenn …« Harry druckste herum.

»Wenn er den Job in New Canaan erledigt hatte?«

»Davon hat er nichts gesagt, Mann!«

»Was hat dich stutzig gemacht, Harry?«

»Tja … das war so: Joe sagte, dass sich Typen an ihn rangemacht hätten, die ihn haben wollten, wenn er aus Sing-Sing raus wäre.«

»Wofür wollten sie ihn haben?«

»Keine Ahnung, Mann.«

»Und weiter?«

»Er sagte, dass er den Typen nicht ganz traut. Dass er irgendwie ’nen Riecher hätte, sie würden ihn reinlegen, wenn’s drauf ankommt. Und dann hat er noch gesagt, wenn mir was spanisch vorkommen würde, sollte ich ’n bisschen rumhorchen und ihm aus der Klemme helfen.«

»Haben sie ihn unter Druck gesetzt?«

»Weiß nicht.«

»Aber er hat dir gesagt, wer diese Typen sind.«

»Bist n kluges Kerlchen, Trevellian. Machen wir ’n kleines Geschäft? Ich sag’ dir die Namen, und du vergisst, dass wir beide uns heute gesehen haben?«

Ich nahm Gas weg, rangierte den Wagen in eine Parklücke am Fahrbahnrand, zog die Handbremse an, und drehte den Zündschlüssel nach links.

»Harry«, sagte ich gedehnt, »es kann jetzt passieren, dass einer von uns beiden den anderen für den größten Schweinehund aller Zeiten hält. Ist dir klar, dass du Joe in die Pfanne haust … wenn er in New Canaan dabei war?«

»Hölle und Teufel«, knurrte Harry, »als mir der Doc den Gips verpasst hat, hab ich drüber nachgedacht. Lange genug. Und es sieht so aus: Joe steckt in irgend ’ner Klemme. Hundertprozentig. Aber ich weiß nicht wo, und ich weiß nicht, wie. Ich weiß nur, dass er den größten Blödsinn seines Lebens gemacht hat, wenn er tatsächlich mit diesen Typen in New Canaan den großen Hieb veranstaltet hat. Ist doch klar, dass ihn deine Bullenkumpels irgendwann erwischen, oder?«

Ich nickte nur.

»Siehst du!«, fuhr Harry fort. »Ich bin da schlauer geworden. Und ich hab Joe zigmal gesagt, dass er nicht gleich wieder mit dem Blödsinn anfangen soll, wenn er aus dem Jail raus ist. Aber der Junge hat nicht auf mich gehört. Soviel ist mir jetzt klar. Also: Die Bullen schnappen ihn garantiert, wenn er in New Canaan mitgemischt hat. Und seine Partner legen ihn rein, weil sie die Bucks für sich allein haben wollen. Vielleicht liefern sie Joe ans Messer und machen sich selbst leise weinend aus dem Staub. Also … wie kann ich Joe noch in die Pfanne hauen, wenn er sowieso schon bis zum Hals im Dreck steckt?«

Ich nickte abermals.

»Du hast recht, Harry. Und falls er in New Canaan wirklich nicht dabei war, könnten wir verhindern, dass er größere Dummheiten macht.«

Harry Comden grinste breit.

»Ich sehe, wir verstehen uns, Trevellian. Wie ist es jetzt? Läuft unser kleines Geschäft?«

»Es läuft«, antwortete ich. Der Dienst, den er uns erwies, war wertvoll genug, um das gewalttätige Intermezzo vor Pier 99 zu vergessen.

»Okay! Ich hab die Namen im Kopf. Willst du mitschreiben?«

»Moment«, sagte ich, klinkte das Funkmikro aus der Halterung, drückte die Sendetaste und wartete zwei Sekunden, bis sich unsere Zentrale meldete. Ich ließ mich mit Milo verbinden.

»Schon wieder Schwierigkeiten?«, fragte mein Freund und Kollege mit blecherner Funkstimme.

Ich überhörte es.

»In Sachen Joe Comden«, erklärte ich, »ich liefere dir jetzt ein paar Namen. Die Leute sind zu überprüfen. Archivauskunft von NCIC in Washington und Aufenthaltsfeststellung. Mehr nicht. Ist dein Bleistift gespitzt?«

»Kann losgehen.«

Ich forderte Harry Comden mit einem Handzeichen auf, sein Namensregister abzuspulen, Und ich wiederholte jeden einzelnen Namen für Milo, zum Mitschreiben:

»Carey Link … Edward Valentine … Ron Hardin … Hamilton ›Ham‹ Newburg … Merryl Payne … Slim Hubbard … Sechs Namen. Sieben Mann hatten die Bank of Commerce in New Canaan überfallen. Lautete der siebente Name Joe Comden?

Ich ließ Harry aussteigen und schenkte ihm meine Packung Zigaretten. Er war überzeugt davon, für seinen Bruder das Richtige getan zu haben. Ich hatte trotzdem ein ungutes Gefühl im Magen.


6

Strahlender Sonnenschein tauchte das Hügelland des südwestlichen Connecticut in ein freundliches Licht. Die Nebelschwaden waren verflogen, die beginnende Mittagshitze kündigte sich an.

Glenda McArthur zwang sich, nicht zu der Stelle jenseits des Gartenzauns zu blicken, wo der leblose Körper des Hundes im Gras lag. Ihre Nerven vibrierten, und sie schaffte es nicht, das Zittern ihrer Finger zu unterdrücken.

Ihre Gedanken waren bei ihren Eltern, als sie in den Station Wagon stieg und das Paket neben sich auf die Sitzbank legte. Mam und Dad waren mit dem Fremden allein, der sich Joe nannte, der mit seiner Waffe etwas erzwang, was völlig unbegreiflich war, und der wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte.

Glenda schob den Zündschlüssel ins Schloss und ließ den Anlasser orgeln. Nach etlichen Umdrehungen kam der Achtzylinder spuckend und blubbernd. Nervös spielte Glenda mit dem Gaspedal, bis der Motor rund lief. Dann legte sie den Rückwärtsgang ein und rangierte das klapprige Fahrzeug durch das geöffnete Tor auf die Straße hinaus.

Schottersteine spritzten unter den Hinterreifen weg, als sie anfuhr. Zwei, drei von den Steinen knallten wie Geschosse unter das Bodenblech. Glenda zuckte zusammen. Vor ihrem geistigen Auge erschien ihre Mutter, wie sie mit angstbleichem Gesicht vor dem Pistolenlauf des todgeweihten Mannes saß. Und ihr Vater stand dabei, musste zusehen, konnte nichts tun – nicht das Geringste.

Mit hoher Geschwindigkeit jagte das Mädchen nach Norden. In den engen Kurven der unbefestigten Straße wedelte das Heck des schweren Station Wagon bedrohlich. Aber sie hatte das Fahrzeug in der Gewalt.

Mit jeder Faser ihrer Stimme fieberte sie darauf, den Befehl des Eindringlings so schnell wie möglich auszuführen, damit sie zu ihren Eltern zurückkehren konnte. Der Gedanke, die beiden auch nur eine Minute zu lange mit dem Mann alleinzulassen, war ihr unerträglich – obwohl sie selbst am allerwenigsten tun konnte, um die bedrohliche Situation abzuwenden.

Oder?

Ihr Blick streifte das Paket.

Wer war dieser Jesse Trevellian in New York City? Ein Komplize von Joe? Einer, der den geheimnisvollen Inhalt des Koffers erhalten sollte, bevor er Joes Verfolgern in die Hände fiel?

Glenda fand keine andere Erklärung. Obwohl sie mit ihren Eltern nicht darüber hatte sprechen können, vermutete sie doch, dass sich in dem jetzt mit Packpapier umwickelten Koffer die Beute des Bankraubs von New Canaan befand. Die lokale Fernsehstation hatte darüber berichtet, hatte die Bevölkerung gewarnt, weil die Täter noch immer nicht verhaftet worden waren.

Knapp eine Meile vom Haus ihrer Eltern entfernt, fasste Glenda einen Blitzentschluss. Sie brachte den Station Wagon zum Stehen, durchstöberte das Handschuhfach und fand einen Kugelschreiber und eine Tankstellenquittung.

Auf die Rückseite der Quittung schrieb sie mit zittrigen Fingern ihren Namen und ihre Adresse. Und darunter, in Großbuchstaben HILFE! WERDEN BEDROHT!

Auf der Rückseite des mit Bindfaden verschnürten Pakets war das Packpapier umgeschlagen. Glenda schob den Zettel um Handbreite unter das Papier. Wenn mit dem Paket geworfen und hantiert wurde, musste der Zettel eigentlich herausfallen – vielleicht schon beim Postamt in Branchville, vielleicht unterwegs, vielleicht auch erst in New York City.

Glenda warf den Kugelschreiber zurück ins Handschuhfach und jagte weiter. Noch zwei Meilen bis Branchville. Sie war fest entschlossen, sich an die Bedingungen des mutmaßlichen Bankräubers zu halten.

Kein Wort über das, was im Haus ihrer Eltern vorgefallen war. Falls es sich nicht vermeiden ließ, dass sie mit jemanden in der Stadt sprach, dann nur belangloses Zeug. Und auf keinen Fall durfte sie sich dazu hinreißen lassen, ins Office des County Sheriffs zu laufen.

Glenda McArthur wusste, dass Joe ernst machen würde. Wenn er Verdruss witterte, würde er nicht zögern, eine seiner Geiseln umzubringen. Denn er hatte nichts mehr zu verlieren, und nicht einmal mehr sein Leben war noch etwas wert für ihn.

Mit röhrendem Motor raste der Station Wagon über die unebene Schotterfahrbahn der Landstraße. Krampfhaft hielt Glenda das Lenkrad umklammert. Die Knöchel ihrer schmalen Hände traten weiß hervor.


7

»He, Joe!«

Comden schrak zusammen, fuhr aus dem Dämmerzustand hoch, der seine Sinne umnebelt hatte. Jäh begriff er, dass seine Wachsamkeit nachließ, dass nicht mehr viel daran fehlte, bis ihn die Bewusstlosigkeit endgültig überwältigte.

Er sah die grauhaarige Frau, die ihm gegenübersaß, auf dem Platz, den vorher das Mädchen eingenommen hatte.

»He, Joe!«, wiederholte Dave McArthur leise. Er stand noch immer bei der Tür.

»Was ist los?«, krächzte Comden. Im nächsten Moment stöhnte er schmerzerfüllt auf.

»Da waren Geräusche … draußen«, sagte McArthur, »gerade eben.«

Comden erstarrte. Er fühlte eine eisige Faust, die nach seinem Herzen griff und es mit grausamer Gewalt umklammerte. Angestrengt spähte er durch das Fenster, auf den Gemüsegarten und den abgrenzenden grasbewachsenen Hang vor der bewaldeten Hügelkuppe. Er kniff die Augen zusammen. Das Bild, das er wahrnahm, begann zu verschwimmen.

War da nicht eine Bewegung im Unterholz? Eine Silhouette, die sich aufrichtete?

Hölle und Teufel, er konnte es nicht mehr genau erkennen! Die bittere Erkenntnis seiner eigenen Unzulänglichkeit brachte ihn fast um den Verstand.

»Joe«, sagt McArthur wieder, »wer auch immer hinter Ihnen her ist … würden Sie meine Frau aus dem Spiel lassen, wenn es hart auf hart geht? Ich bleibe als Geisel bei Ihnen. Wenn nur Anne in Sicherheit ist …« Er konnte nicht weitersprechen. Seine Stimme versiegte.

Joe Comden sah die angsterfüllten Augen der Frau so deutlich vor sich, dass es ihm die Kehle zuschnürte. Er räusperte sich mühsam.

»Okay, einverstanden. Wenn die Dreckskerle kommen, ist sie sowieso nur im Weg.«

Dave McArthur atmete auf.

Vergeblich blinzelte Joe Comden in das Sonnenlicht hinaus. Die Kraft seiner Augen reichte nicht mehr, um auf größere Entfernung Einzelheiten zu erkennen. Er murmelte einen Fluch durch zusammengepresste Zähne, legte die Automatikpistole auf die Fensterbank und griff nach der Schrotflinte.


8

»Sieht schön aus«, stellte Ed Valentine kaugummikauend fest, »schönes Plätzchen hat er sich da ausgesucht. Wie nennt man so was?«

»Idyllisch«, antwortete Ron Hardin.

»Richtig, idyllisch«, wiederholte Valentine gedehnt, »er hockt noch da unten in der Bude. Ich rieche das. Weil sich nichts rührt. Keine Menschenseele zu sehen. Nichts zu hören. Normalerweise sind Hausfrauen um diese Zeit eifrig am werkeln.«

»Hm«, brummte Hardin.

Sinnierend blickten die beiden Männer auf das Haus hinab, auf die fast eingetrockneten Blutspuren im Gras, auf den Hundekadaver in der Nähe des Zauns.

»Dann wollen wir mal«, sagte Valentine und gab sich einen Ruck, »wir machen es wie besprochen. Klar?«

»Klar«, nickte Hardin, »wenn er wirklich da unten festsitzt, kann er nicht mehr viel Schwierigkeiten machen. Carey hat ihn voll erwischt, als er getürmt ist.«

»Pass trotzdem auf, Ron. Comden ist gefährlicher als er aussieht. Man soll einen Gegner nie unterschätzen. Klar?«

»Klar, Mann«, knurrte Hardin ungehalten, »sieh zu, dass du in Gang kommst!«

Valentine wandte sich wortlos um und tauchte im Halbdunkel des Waldstücks unter.

Hardin gab ihm zwei Minuten Vorsprung. Dann zog er seinen Colt Python aus dem Gürtelholster, überzeugte sich, dass alle sechs Trommelkammern geladen waren, und rannte los.

Geduckt. Hakenschlagend. Fünf, sechs Yard weit den Hang hinunter.

Nach bester Infanteristenart ging er zu Boden, verschwand im kniehohen Gras, rollte sich ab und verharrte auf der Gürtelschnalle.

Keine Reaktion.

Hardin grinste.

Wieder schnellte er hoch, setzte seinen Ansturm auf die gleiche Weise fort und begab sich kurz vor dem Gartenzaun erneut in die Horizontale. Obwohl die Sonne bereits kraftvoll vom Himmel brannte, war das Gras noch feucht und kühl.

Wieder nichts.

Hardin wartete dennoch. Geringschätzig zog er die Mundwinkel nach unten. Joe Comden verstand zwar eine Menge davon, wie man im Handumdrehen eine Bank ausräumte. Aber wenn er sich wirklich in dieser Bude verschanzt hatte, war es reine Stümperei, was er machte. Hardin sagte sich, dass er selbst an Comdens Stelle niemals einen anderen so nahe herankommen lassen hätte.

Schwaches Motorengeräusch war jetzt zu hören.

Hardin nickte zufrieden. Es klappte, wie besprochen. Er spähte zu den Fenstern des Hauses. Aber keine verdächtige Bewegung war zu sehen, kein huschender Schatten hinter nachschwingenden Vorhängen, nichts.

Das Motorengeräusch schwoll an, als die Limousine hinter dem Fuß des nahegelegenen Hügels auftauchte. Jetzt war sogar das Knirschen der Reifen auf dem Schotter zu hören. Hardin sah den hellblauen Karosserielack des Dodge Challenger, mit dem sie Comden verfolgt hatten.

Die Limousine erreichte die vordere Grundstücksseite.

Noch immer rührte sich im Haus nichts.

Ron Hardin spannte die Muskeln, zog die Beine an, bereitete sich auf den Sprung vor.

Der Dodge verschwand aus seinem Blickfeld, als er vorn am Haus vorbeifuhr.

Plötzlich brüllte der Motor auf.

Hardin schnellte hoch, katapultierte sich selbst mit einen gewaltigen Satz über den Gartenzaun. Nach zwei Schritten gab er das Hakenschlagen auf, weil er bis zu den Knöcheln in der weichen Erde der Gemüsebeete versank. Er rannte auf dem Weg zwischen den Beeten entlang, vorbei an den Wäschepfählen.

Rechts raste der Dodge Challenger in die Grundstückseinfahrt, fegte bremsend, mit nach unten tauchender Motorhaube unter das Schutzdach.

Die Türen flogen auf. Valentine, der auf dem Beifahrersitz gesessen hatte, sprang als erster heraus.

Hardin hastete weiter, wollte zur Seitenwand des Hauses, um den Vordereingang zu erreichen. Valentine und Link würden durch die Hintertür vordringen.

Jäh flog im Obergeschoss das Fenster auf.

Ron Hardin war noch fünf Yard von der Gebäudeecke entfernt. Keine Deckung. Er reagierte instinktiv, blitzschnell, nach dem Grundsatz, dass ein bewegliches Ziel ein schlechtes Ziel ist. Er warf sich nach links, zog den Kopf ein, um sich behände abrollen zu können.

Ein urwelthaftes Wummern zerriss die morgendliche Stille.

Es erwischte Hardin im Sprung – wie eine Riesenfaust, die ihn packte, empor riss und mit Macht zu Boden schmetterte. Er begriff seinen Denkfehler nicht mehr. Die Bleigarbe erreichte ihn mit tödlicher Streuung, zerfetzte seinen Oberkörper und tötete ihn, noch bevor er den Erdboden erreichte. Sein Blut tränkte die weiche schwarze Erde zwischen jungen Kohlköpfen.

Valentine unterdrückte einen Wutschrei. Er bremste seinen Ansturm, gab Link ein Handzeichen und deutete auf die Hintertür.

Link, dessen rundes Gesicht von mehreren Heftpflastern verziert war, knurrte zustimmend, riss die Tür auf und stürmte mit schussbereiter Pistole in den hinteren Korridor des Hauses.

Das Wummern der Schrotflinte war verhallt.

Valentine musste sich zur Ruhe zwingen, als er auf die Gebäudeecke zupirschte. Er durfte keinen so idiotischen Fehler begehen wie Hardin. Immerhin, er hatte Ron gewarnt. Sein persönliches Pech, dass er zu leichtsinnig gewesen war.

Aber … je weniger Leute, desto größer die Anteile an der halben Million!

Valentine verscheuchte die Gedanken aus seinem Bewusstsein. Es war nicht der richtige Moment. Noch schien Comden entschlossen, die Beute, mit der er sich abgesetzt hatte, zu verteidigen. Aber wenigstens hatten sie ihn jetzt in der Zange. Und es war nur noch eine Frage der Zeit, wann er aufgab.

Valentine schob seine FN-Highpower mit ausgestrecktem Schießarm der Gebäudeecke entgegen. Er spannte die Beinmuskeln, atmete tief durch, um sich zu konzentrieren. Dann schnellte er nach vorn, über die Hausecke hinaus.

Aus der Bewegung heraus wirbelte er herum, ging breitbeinig in Schussposition, riss die Neun-Millimeter-Pistole im Beihandanschlag hoch.

Oben stand das Fenster noch offen. Der Doppellauf der Schrotflinte schwenkte mit gähnenden Mündungen in Valentines Richtung.

Er erfasste es innerhalb von einer Zehntelsekunde, sah den Schatten hinter der Fensterbrüstung, auf der die schwere Waffe ruhte.

Valentines Zeigefinger krümmte sich in dieser Zehntelsekunde seiner Wahrnehmung.

Das scharfe Bellen der FN-Highpower wirkte wie ein auslösendes Moment, denn es wurde um den Bruchteil eines Atemzuges später vom Wummern der Schrotflinte überlagert.

Reaktionsschnell war Valentin nach dem eigenen Schuss auf die Hauswand zugerannt, in den schützenden toten Winkel, und die Bleigarbe fauchte wirkungslos in den Morgenhimmel.

Die Schrotflinte fiel Valentine zum Greifen nahe vor die Füße. Erst jetzt, im verebbenden Nachhall der Schüsse, war der gellende, nicht enden wollende Schrei aus dem Zimmer im Obergeschoss zu hören.

Ed Valentines schmales Gesicht verzerrte sich zu einer triumphierenden Grimasse. Er stieß sich von der Wand ab, vergeudete keinen Blick auf die blutüberströmte Leiche seines Komplizen Hardin, stürmte zum Hintereingang des Hauses.

Im Korridor kam ihm Carey Link entgegen, der demonstrativ die Tür zur Küche aufstieß. Ein Mann und eine Frau saßen stocksteif auf Holzstühlen. Gefesselt, die Arme über die Rückenlehnen der Stühle. Link hatte rasche Arbeit geleistet.

»Die Frau hab ich hier unter erwischt«, erklärte er hastig, »der Typ kam mir auf der Treppe entgegen. Muss sich abgesetzt haben, als Comden dein Blei eingefangen hat.«

Valentin nickte, horchte sekundenlang, lief dann auf die Treppe zu.

Der gellende Schmerzensschrei war versiegt.

Carey Link folgte seinem Komplizen ins Obergeschoss des Hauses. Das Zimmer, in dem Joe Comden sich verschanzt hatte, brauchten sie nicht erst zu suchen. Die Tür stand weit offen.

Mit schussbereiten Waffen drangen Valentine und Link in den Raum vor. Doch dann zeigte es sich, dass ihre Vorsicht nicht mehr begründet war.

Comden lag in verkrampfter Haltung neben seinem umgekippten Stuhl. Eine Blutlache sickerte unter seinen Schultern hervor und vergrößerte sich zusehends. Auf der Brust war der leuchtend weiße Verband dunkelrot gefärbt.

Das Neun-Millimeter-Vollmantelgeschoss hatte Comdens Oberkörper nur um Handbreite neben der alten Wunde durchschlagen. Sein Atem ging noch schwach, das eingefallene Gesicht zeigte die Blässe des Todes.

Als Joe Comden die Schritte hörte, gelang es ihm, noch einmal die Augen zu öffnen. Die beiden Männer, die vor ihm stehenblieben, erkannte er nur an ihrer Statur. Valentine – groß, schlank, schwarzhaarig. Link – untersetzt, stiernackig, dunkelblond, eine späte Genugtuung überkam Joe Comden, als er verschwommen die Heftpflaster in Links rundem Gesicht sah. In letzter Sekunde hatte er sich wahrscheinlich vor dem heranrasenden Wagen in Sicherheit gebracht. Doch durch den unvermeidlichen Sturz musste er sich ein paar hässliche Schrammen zugezogen haben.

»Aus der Traum, Joe«, sagte Ed Valentine schnarrend.

Comden hörte die Stimme wie durch einen Wattebausch. Seine eigenen Worte waren nur noch wie ein Hauch.

»Habe ich … Hardin … erwischt?«

»Voll«, grunzte Carey Link, »hast uns ’nen Gefallen getan, Kumpel. Jetzt brauchen wir nur noch durch zwei zu teilen.«

»D …urch … zw …ei?«

»Dein Beispiel hat uns gefallen, Joe«, sagte Valentin sarkastisch, »wir haben die anderen abgehängt. Und wir hatten Glück, dass wir dich als erste aufstöberten. Jetzt tu uns den letzten Gefallen und sag uns, wo der Zaster ist. Du hast sowieso nichts mehr davon, und wir wollen nicht lange suchen.«

»Du hast den Koffer im Haus versteckt«, vermutete Link mit gierig funkelnden Augen, »stimmt’s?«

Ein letztes mattes Lächeln trat in Joe Comdens brechende Augen.

»Ich … ich … hab … ’ne Überraschung …«

»Was?«, fauchte Valentine.

Comden hustete. Sein Oberkörper bäumte sich auf. Ein Blutfaden rann aus seinem Mundwinkel.

Valentine und Link mussten sich herabbeugen, um ihn noch verstehen zu können.

» …Geld ist … weg … Paket … per Post … an Jesse Trevellian …«

Die beiden Männer erbleichten, starrten sich fassungslos an. Ruckartig packte Valentine Comdens Kinn, schüttelte seinen Kopf hin und her.

»Sag das nochmal!«, schrie der hochgewachsene Gangster. »Bist du verrückt geworden? Willst du uns jetzt noch für dumm verkaufen?«

In den letzten Minuten seines Lebens gelang es Joe Comden, zu lächeln. Und noch einmal wurde seine Stimme erstaunlich klar.

»Es ist so, wie … ich es sage. Fragt die McArthurs, die hier im Haus … wohnen. Ihre Tochter ist noch unterwegs, zur Post in … Branchville. Und Trevellian kriegt die … Dollars! Habt ihr geglaubt, ich … würde es euch so … leicht machen?«

»Elender Hundesohn!«, brüllte Carey Link und rannte hinaus.

Valentine stieß Comdens Kopf wutentbrannt zur Seite. Das Gesicht des hochgewachsenen Mannes verzerrte sich zur Fratze. Mit einem Satz sprang er auf, streckte den Arm mit der FN-Highpower aus.

Und Joe Comden lächelte noch immer, während seine Augen schon den letzten Glanz verloren.

Valentine feuerte. Donnernd brach sich das Krachen der Schüsse in dem kleinen Raum.

Er leerte das gesamte Magazin der Pistole, um dieses Lächeln in Comdens Gesicht zu zerstören.

Was blieb war Blut, nichts als Blut.

Link kehrte zurück.

»Es stimmt tatsächlich, Ed! Hab die Frau ausgequetscht. Das Girl kann jeden Moment zurückkommen!«

Ed Valentine hatte das Gefühl, aus einem Rausch zu erwachen. Müde wandte er sich von Joe Comdens grauenvoll zugerichteter Leiche ab. Doch neue Energie erwachte in Valentine. Noch war es nicht aussichtslos. Es galt jetzt nur, den Stand der Dinge richtig zu nutzen.


9

Der Achtzylinder röhrte monoton, wurde begleitet vom vielfältigen Klappern der Karosserie und von den harten Stößen der Federung.

Glenda McArthur nahm dies alles kaum noch wahr. Ihre Gedanken fieberten dem Moment entgegen, in dem sie ins Haus eilen und die Paketeinlieferungs-Quittung des Post Office präsentieren würde. Vielleicht ließ sich der Fremde dadurch besänftigen; vielleicht ließ er sich überreden, dass sie ihn doch noch ins Hospital brachten.

Die Tachonadel des Station Wagon zitterte auf der 60-Meilen-Marke. Ein Höllentempo für das schwerfällige Fahrzeug auf der schmalen Schotterfahrbahn. Aber Glenda kannte den Wagen, kannte die Straße. Sie traute sich zu, die Strecke selbst im Halbschlaf zu fahren.

Noch fünf Minuten, dann war es geschafft. Glenda schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass ihr Dad vernünftig geblieben sein möge. In seiner verzweifelten Lage war dieser Joe bestimmt unberechenbar, zu allem fähig. Aber Glenda hatte sich an seine Bedingungen gehalten, hatte mit niemandem in Branchville auch nur ein Wort gewechselt.

In einer weit geschwungenen Kurve umrundete die Landstraße den Fuß eines Hügels. Rechts erstreckte sich Weideland, durchzogen von einem begradigten Bachlauf. Rot-bunte Rinder weideten in Sichtweite am Rand des Creeks.

Glenda durchfuhr die Kurve, ohne Gas wegzunehmen. Als sie den Scheitelpunkt hinter sich hatte, tauchte die hellblaue Limousine so plötzlich vor ihr auf, dass das Mädchen erschrocken zusammenzuckte. Reaktionsschnell rammte sie den Fuß auf die Bremse. Der Station Wagon begann zu schlingern, drohte auszubrechen.

Auch der Fahrer des Dodge Challenger war überrascht, hatte Mühe, seine Limousine in der Spur zu halten.

Doch unvermittelt, nur noch dreißig Yard entfernt, tat er etwas, womit Glenda nicht im entferntesten gerechnet hätte.

Der Doge stellte sich quer, blockierte die unbefestigte Fahrbahn in voller Breite.

Viel zu langsam, trotz Vollbremsung, sank die Tachonadel des Station Wagon abwärts. Glenda reagierte auf die einzig mögliche Weise, zog das schwere Fahrzeug nach rechts und hielt das Lenkrad mit aller Kraft. Der Wagen holperte über den mit hohem Gras bewachsenen Seitenstreifen.

Es gab ein knirschendes, berstendes Geräusch, als Stoßstange und Kühlergrill den Weidezaun erfassten. Zwei Zaunpfähle wurden herausgerissen; Stacheldraht wickelte sich um die Frontpartie des Station Wagon, der nun endlich zum Stehen kam.

Glenda kuppelte aus, ließ sich schwer atmend zurücksinken.

Erst jetzt sah sie, dass zwei Männer aus dem Dodge gesprungen waren und auf sie zugelaufen kamen.

Glendas Augen weiteten sich, als sie die Pistolen in den Fäusten der Männer sah. Wollten die Schrecken dieses Tages denn überhaupt kein Ende nehmen?

Bevor sie ihren Schock überwinden konnte, war der erste heran – groß, schwarzhaarig, mit vor Entschlossenheit verkniffenem Gesicht. Er riss die Tür an der Fahrerseite des Station Wagon auf.

Glenda blickte in die schwarze Mündung des Pistolenlaufes, und ihr Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen. Einen Moment lang wurde sie von Schwindelgefühlen gepackt. Aber es kam keine Ohnmacht, die sie in ihrer Angst erlöste.

»Aussteigen, Baby!«, zischte der Schwarzhaarige drohend, »los, los, Tempo, Tempo!« Er packte ihren Unterarm, um seiner Aufforderung nachzuhelfen.

Während Glenda hinter ihm herstolperte, auf den Dodge zu, schwang sich der andere hinter das Lenkrad des Station Wagon und rangierte rückwärts auf die Straße zurück. Das Karosserieblech hatte nur unbedeutende Schrammen und Dellen davongetragen. Der zerrissene Stacheldraht und die flachliegenden Zaunpfähle blieben zurück.

Ed Valentine stieß das Mädchen auf den Beifahrersitz des Dodge, schlug die Tür hinter ihr zu und richtete die FN-Highpower durch das offene Seitenfenster auf ihr Gesicht.

»Du hast Joes Paket zur Post gebracht?«

Glenda begriff schlagartig. Dies waren die Männer, auf die der Eindringling in ihrem Haus gewartet hatte.

»Ja«, hauchte sie.

»An wen war das Paket adressiert?«

»Ich … ich weiß es nicht«, stammelte sie, »ich habe … nicht hingesehen …«

»Du lügst!«, zischte Valentine. »Einer von euch muss die Adresse geschrieben haben, weil Joe es nicht mehr konnte. Also?«

»Ich habe die Einlieferungsquittung«, sagte Glenda mit gesenktem Kopf.

»Her damit!«

Zitternd zog sie den Zettel aus der rechten vorderen Tasche ihrer knielangen Jeans. Valentine fetzte ihr die Quittung aus der Hand. Sein eiliger Blick überflog den Text. Im nächsten Moment verzerrte sich sein Gesicht zu einer Fratze ohnmächtiger Wut.

»Der Teufel soll diesen Hurensohn holen!«, fluchte er. »Er hat die Bucks tatsächlich an Trevellian geschickt! Warum, verdammt nochmal?«

Carey Link beugte sich auf dem offenen Fenster des Station Wagon, dessen Achtzylinder im Leerlauf brummte.

»Garantiert nur, um uns zu ärgern, Ed. Ist doch ganz einfach: Joe wusste, dass er draufgeht. Für ihn waren die Bucks nichts mehr wert. Aber wir sollten sie nicht kriegen. Also …«

Valentine unterbrach ihn mit einer Handbewegung. Er wandte sich wieder dem Mädchen zu.

»Wie lange braucht so ein Paket von Branchville nach New York City?«

»Ich glaube, einen Tag«, antwortete Glenda leise.

»Okay«, nickte Valentine grimmig, »und wir drei brauchen nicht mal eine Nacht bis nach New York.«

Glendas Gesichtshaut wurde kalkweiß.

»Sie wollen … Sie wollen mich …?«

»Genau, Baby! Du wirst uns begleiten. Kleine Sicherheitsgarantie, verstehst du?«

Glenda McArthur hatte das Gefühl, in einen bodenlosen Abgrund zu versinken. Sie erlebte das Geschehen nur noch wie in Trance.

Valentine und Link ließen den Station Wagon an seinem angestammten Platz bei den McArthurs zurück. Gönnerhaft lösten die Gangster die Fesseln des Ehepaares, doch nur, um Anne und Dave McArthur mit den neuen, schlimmeren Tatsachen zu konfrontieren. Glendas Mutter erlitt einen Schwächeanfall, als sie hören musste, dass die beiden Männer das Mädchen als Geisel mitnehmen würden.

In ohnmächtiger Hilflosigkeit musste Dave McArthur die Anweisungen hinnehmen, die Valentine ihm erteilte.

»Du vergräbst die Leichen! Auch den toten Köter! Und dann beseitigst du alle Spuren, die an Joe Comden und an uns erinnern könnten. Falls du auf krause Ideen kommen solltest, denk immer daran, dass wir deine Tochter bei uns haben. Wenn wir irgendwann spitzkriegen sollten, dass die Bullen hinter uns her sind, geht es ihr schlecht. Klar?«

Dave McArthur konnte nur stumm nicken. Er bekam keine Gelegenheit mehr, mit Glenda zu reden, sah nur noch ihr blondes Haar durch die getönten Scheiben des Dodge Challenger, als die Gangster in Richtung Interstate Highway 7 losjagten.


10

Wäre ich Armeeangehöriger, hätte ich meine letzten fünf Dienststunden an diesem Tag mit dem Vermerk »ohne besondere Vorkommnisse« versehen. Vernehmungen, die nichts Neues ergaben, lediglich die Akten vervollständigten. Kurverei durch das Verkehrsgewühl von Manhattan.

Mir fehlte das Feierabendgefühl, als ich Milo an der gewohnten Ecke absetzte und meine heimischen vier Wände aufsuchte. Meine frühmorgendliche Auseinandersetzung mit Harry Comden war fast vergessen. Die Erinnerung daran schwand im gleichen Maße, wie die Schwellung meines linken Ohres abnahm.

Ich stieg unter die Dusche und versuchte, einen Plan für den freien Abend aufzustellen. Immerhin eine Seltenheit im Leben eines FBI-Agenten, der laut Dienstvorschrift 24 Stunden pro Tag einsatzbereit zu sein hat. Ich drehte das Wasser abwechselnd heiß und kalt und rekapitulierte die Adressen aus meinem Notizbuch – Namen mit weiblichen Vornamen …

Das Schrillen meines Telefons riss mich aus den schönsten Planungen.

Fluchend schraubte ich die Hähne der Dusche zu, warf meinen Bademantel über und hinterließ eine tropfnasse Spur, als ich in den Livingroom eilte, um die Nervensäge zum Verstummen zu bringen.

Ich riss den Hörer von der Gabel, meldete mich ziemlich barsch und ließ mich in meinen Telefoniersessel sinken.

»He, Mann, schlechte Laune?«, kicherte die Männerstimme am anderen Ende. »Wobei habe ich Sie gestört? Doch nicht etwa …«

»Josh!«, unterbrach ich ihn. »Wenn wir uns das nächste Mal sehen, klinke ich dir das Rückgrat aus!«

»Zwecklos. Ist bei mir nicht mehr vorhanden. Fragen Sie meine Frau.«

»Seit wann hast du eine?«

»Nicht im Ehevertrag, Mann. Aber es kommt aufs Gleiche raus.«

»Ist es das, was du mir sagen wolltest?«

»Oh, zu dem Thema hätte ich noch ’ne Menge auf Lager. Aber ich denke, Sie interessieren sich mehr für die Story über Link, Valentine, Hardin und Konsorten …«

Ich vergaß meine gestörten Freizeitplanungen und wurde schlagartig munter. Josh ist einer der verlässlichsten V-Männer, die für FBI und City Police in der New Yorker Unterwelt das wachsende Gras abhorchen. Verlässlich bedeutet, dass seine Informationen bislang noch jedes Mal gestimmt haben. Und das Honorar, das er dafür laut Spesenbudget der FBI-Kasse einstreichen darf, hat er sich mindestens dreimal verdient – wenn man ihn mit den durchtriebenen Ganoven vergleicht, die uns fadenscheinige Tipps wie Sauerbier anbieten, nur um unsere Informationsdollar zu kassieren.

»Schieß los«, forderte ich gespannt.

»Eine Frage vorweg«, entgegnete Josh, »ihr habt die Jungs im Visier?«

»Mehrstaatenfahndung. Seit heute Mittag. Personenbeschreibungen und Funkfotos bei allen Polizeidienststellen. Bislang keine Erfolgsmeldungen.«

»Gewitzte Burschen, diese fünf. Wer mal so richtig absahnen will, macht es draußen in der Provinz. Und Joe Comden gibt die Regieanweisungen dazu.«

»War er es wirklich?«

»Nichts Genaues zu erfahren. Aber die was vom Fach verstehen, schwören Stein und Bein, dass kein anderer als Joe hinter dem Ding in New Canaan steckt.«

»Okay. Ganoveneide bringen mich nicht weiter. Was ist mit den anderen?«

»Ausgeflogen. Sämtliche Vögel sind ’raus aus dem Nest. Hab meine Kumpels in die richtigen Kneipen geschickt. Alle sechs Typen haben sich seit mindestens einer Woche nicht mehr auf ihren Stamm-Barhocker geschwungen. Brauchen Sie Adressen, Trevellian?«

»Immer.«

»Ich hab bis jetzt nur die von Valentine und Hubbard. Link und Hardin scheinen keine festen Bleiben zu haben. Wie das mit Newburg und Payne aussieht, muss ich erst noch rauskriegen.«

»Für den Anfang schon sehr ordentlich, Josh«, lobte ich ihn, zog Notizblock und Kugelschreiber heran und fing an zu notieren. Ed Valentine hatte ein möbliertes Zimmer am Rand von Harlem. Hubbard wohnte in einer Absteige in der South-Bronx.

Ich bedankte mich bei Josh, sagte ihm den üblichen Honorar-Scheck zu und rief den Chef an.

Jonathan D. McKee war sofort mit meinem Vorschlag einverstanden, die Wohnungen von Valentine und Hubbard überwachen zu lassen. Falls einer der beiden aufkreuzte, konnten wir zupacken. Auch wenn es mehr oder weniger auf blauen Dunst geschah.

Ich wählte die Nummer des FBI-Distrikts New York, ließ mich mit Clive Caravaggio verbinden, der die Nachtbereitschaft leitete, und gab ihm die entsprechenden Informationen. Er versprach, sofort zwei Kollegen in Marsch zu setzen. Außerdem wurde ein Fernschreiben an den FBI-Distrikt Connecticut losgejagt.

Josh hatte uns einen kleinen Schritt weitergebracht. Aber es war noch nichts, was mich zufriedener machte.



11

Der Mann störte mich beim Frühstück, einem ausgiebigen mit Toast, Schinken, Spiegeleiern und einer Ein-Liter-Kanne-Kaffee. Ich beäugte ihn durch den Spion, ehe ich öffnete. Er trug die Arbeitskluft des United Parcel Service, des Unternehmens, das in New York City für die Paketzustellung zuständig ist. Er sah ziemlich echt aus und begrüßte mich freundlich, lächelnd, mit geradezu unerträglicher Fröhlichkeit an einem so frühen Morgen.

»Ein Paket für Sie, Sir. Jesse Trevellian?«

Ich nickte, brummte zustimmend.

Er lehnte das rechteckige Ding, von braunem Packpapier umhüllt, an meinen Apartmenttürrahmen und zückte eine ledergebundene Kladde mit Quittungsblock. Sein Kugelschreiber flog über eingekästelte Druckzeilen. Dann hielt er mir Kladde und Schreiber hin.

»Bitte hier Ihre Unterschrift, Sir. Empfangsbestätigung …«

»Moment«, sagte ich, bückte mich und betrachtete den weißen Aufkleber des Pakets. Meine Adresse stimmte präzise. Aber da war kein Absender zu entdecken. Auch auf der Rückseite nicht.

Ich tippte auf den halb verschmierten Poststempel und winkte den UPS-Mann näher.

»Können Sie den entziffern?«

»Hm, mal sehen …«

Während er sich anstrengte, überlegte ich. Versandhauskataloge hatte ich in der letzten Zeit nicht gewälzt. Verwandte oder Bekannte, die auf den Gedanken gekommen wären, mir eine voluminöse Aufmerksamkeit zu schicken, hatte ich auch nicht. Und erst recht kein freudiges Ereignis wie Geburtstag oder ähnlich Geschenkträchtiges.

Der UPS-Mann richtete sich auf.

»Den Ort kann ich nicht voll entziffern. Irgendwas mit … ville. Aber da gibt’s ja jede Menge, nicht wahr? Auf jeden Fall kommt das Paket aus Connecticut. Das sieht man an der Form des Stempels, wissen Sie.« Seine Miene war zerknittert. Er litt darunter, seine Fachkenntnis nicht hundertprozentig unter Beweis stellen zu können. »Wollen Sie den Empfang verweigern, Sir?«

Ich schüttelte nachdenklich den Kopf, bedankte mich, zahlte die Zustellgebühren, gab das übliche Trinkgeld von zehn Prozent und quittierte den Empfang.

Als ich das Paket in meine Wohnung trug, ertappte ich mich dabei, dass ich es wie ein rohes Ei hielt. Reflexreaktion. Ich legte es auf den Tisch und presste mein rechts, intaktes Ohr auf das Packpapier.

Kein Laut. Nichts, was tickte. Trotzdem musste es nichts besagen. Heute gibt es schließlich lautlose Elektronikuhren.

Eine Höllenmaschine?

Ich habe eine Menge „Freunde“. Durchaus möglich, dass einer von ihnen auf die Idee gekommen war, das Problem Trevellian mit dieser uralten Methode aus der Welt zu schaffen. Aber vielleicht weil die Methode so uralt war, funktionierte sie doch immer noch. Sprengstoffanschläge in aller Welt bewiesen es Tag für Tag aufs Neue.

Aber warum gerade aus Connecticut? Dort war der Bankraub mit Joe Comdens Handschrift verübt worden. Purer Zufall?

Da ich kein Freund von langem Rätselraten bin, beschloss ich, die Sache mit der gebotenen Vorsicht abzuwickeln.

Ich rief das Hauptquartier der City Police an der Centre Street an und ließ mich mit Captain Morehouse verbinden. Morehouse leitete das Sonderdezernat für Sprengstoffattentate. Ein Fachmann, der es seinem besonderen Fingerspitzengefühl verdankte, dass er noch am Leben war.

Trotz der frühen Stunde war Captain Morehouse bereits in seinem Office. Ich informierte ihn mit knappen Worten.

»Wir erledigen das auf Hart Island«, entschied er, »soll ich Ihnen ein Spezialfahrzeug für den Transport schicken?«

»Halten Sie mich für lebensmüde, wenn ich den Transport selber übernehme?«

»Nein. Zeitzünder sind aus der Mode gekommen, weil sie zu viele Unsicherheitsfaktoren bergen. Wenn es eine Höllenmaschine ist, würde sie vermutlich in die Luft gehen, sobald Sie die Verpackung lösen. Fahren Sie sofort los?«

»Ja.«

»Gut. In einer Stunde lassen wir das Ding auf Hart Island hochgehen. Ich treffe die nötigen Vorbereitungen.«

Ich legte auf. Obwohl ich im Moment andere Dinge im Kopf hatte, verursachte der Gedanke an Hart Island doch ein leichtes Sträuben meiner Nackenhaare. Die Insel im Long Island Sound ist unbewohnt und erfüllt für die New Yorker Stadtverwaltung einen makabren Zweck: Namenlose Tote finden dort in Massengräbern ihre letzte Ruhe – nicht identifizierte Leichen, Opfer von nie aufgeklärten Verbrechen, tote Tramps, die irgendwo in einer Ruine ihr Leben ausgehaucht haben und deren Namen niemand kennt, aber auch menschliche Gliedmaßen und Körperteile, die bei Amputationen und Operationen in New Yorks Krankenhäusern übrigbleiben. Sträflinge aus dem Stadtgefängnis Rikers Island besorgten die üble Arbeit auf der Toteninsel. Vor noch nicht allzu langer Zeit waren Milo und ich in einen Fall verwickelt gewesen, bei dem wir beide um Haaresbreite selbst in eines der Massengräber auf Hart Island geworfen worden wären.

Auf einem abgesonderten Teil der Insel verfügte die City Police über ein Gelände, auf dem sichergestellte Bomben zur Explosion gebracht wurden.

Ich rief meinen Freund und Kollegen an und teilte ihm mit, dass er an diesem Morgen auf meinen gewohnten Abholdienst verzichten und mit einem Taxi zum Dienst fahren musste.


12

Zur Vervollständigung meiner Garderobe brauchte ich lediglich noch das Schulterholster mit der Waffe anzulegen und das einreihige Jackett meines modisch-hellgrauen Anzugs überzustreifen.

Ich nahm das mysteriöse Paket, behandelte es abermals wie ein rohes Ei und fuhr mit dem Lift nach unten. Joe, der Pförtner des Apartmenthauses, in dem ich wohne, residierte bereits in seiner gläsernen Kabine. Er begrüßte mich mit einem freundlichen Handzeichen und blickte mir rätselhaft nach, während ich auf die Straße hinausging. Normalerweise transportiere ich keine Pakete, wenn ich morgens zum Dienstbeginn fahre.

In der Garage bettete ich die mögliche Höllenmaschine vorsichtig auf den Beifahrersitz meines Sportflitzers. Mit der gleichen Vorsicht drückte ich die Tür ins Schloss, umrundete die lange Motorhaube und ließ mich hinter dem Lenkrad nieder – langsamer als sonst. Der gewohnte Schwung fehlte.

Bevor ich hinausrangierte, warf ich einen Blick auf meine Armbanduhr. Halb acht. In einer Stunde konnte ich es bequem schaffen, die Fährzeit von City Island nach Hart Island eingerechnet.

Als ich die ersten Häuserblocks hinter mich gebracht hatte, bereute ich es fast, nicht doch das Spezialfahrzeug aus Captain Morehouses Dezernat akzeptiert zu haben. Ein Sportwagen wie der meine besitzt nicht gerade die komfortabelste Federung. Der Zustand der Straßen von Manhattan ist alles andere als lobenswert. Folglich wippte das Paket neben mir in den Sitzpolstern bedrohlich auf und ab. Aber ich gewöhnte mich daran, gewöhnte mich an den selbstsuggestierten Gedanken, zwei bis drei Kilogramm Sprengstoff durch die Gegend zu kutschieren. Wenn man sich gewisse Vermutungen hartnäckig genug einredet, gewinnen sie zwangsläufig an Realität. Auch ein G-man, laut Dienstvorschrift stets objektiv und nüchtern denkend, ist nicht frei von solchen Empfindungen.

Ich erreichte die Amsterdam Avenue und erhöhte die Geschwindigkeit ein wenig, um mich dem allgemeinen Verkehrsfluss anzupassen. Fünf Minuten später bog ich in die Hundertfünfundzwanzigste ab, Richtung Willis Avenue Bridge, zur Bronx.

Meine gedankliche Konzentration war bei dem Paket, dessen Geheimnis ich mit Captain Morehouses Hilfe zu enthüllen gedachte. Wenn sich der ganze Aufwand als unnötig entpuppte, um so besser.

Die Willis Avenue Bridge, die den Harlem River zwischen Manhattan-Uptown und der Bronx überspannt, tauchte vor mir auf.

Ich kann nicht mehr sagen, zu welchem exakten Zeitpunkt ich dieses Signal aus dem Unterbewusstsein registrierte. Ein Sinnesimpuls, der mich veranlasste, den routinemäßigen Blick in den Rückspiegel einmal länger auszudehnen als in den gewohnten Intervallen zuvor.

Hinter mir das übliche Bild für einen, der es gewohnt ist, in Manhattan Auto zu fahren. Limousinen, Lieferwagen, Taxis in Zweierreihe. Links neben mir schob sich ein gelbes Taxi vom Uralt-Typ Checker dahin. Der Driver kaute Kaugummi, hing mit dem Ellenbogen aus dem geöffneten Seitenfenster. Voraus in etwa die gleiche Szenerie. Der Doppelwurm aus Chrom und Blech wand sich zwischen dem Stahlgerüst der Brücke entlang.

Drüben, in der Bronx, widmete ich meine Aufmerksamkeit dem Gewirr der Highway-Zufahrten.

Dann, als ich den Major-Deegan-Expressway erreichte, blickte ich noch einmal ausgiebig in den Rückspiegel.

Der unbewusste Sinnesimpuls nahm konkrete Formen an. Schlagartig.

Ein hellblauer Dodge Challenger. Zwei Fahrzeuglängen hinter mir. Und ich war überzeugt, dass er schon vor der Willis Avenue Bridge in meinem Kielwasser mitgeschwommen war.

Zufall?

In meinem Job sind solche Zufälle selten.

Ich ließ Höllenmaschine Höllenmaschine sein, gab Gas, zog auf die linke Fahrspur hinüber und beschleunigte bis zum erlaubten Tempolimit. Rechts blieben die notorischen Langsamfahrer zurück. Ein beigefarbener Chevrolet Chevelle folgte meinem Beispiel. Manche Leute brauchen anscheinend immer einen, der es ihnen vormacht.

Kurz darauf scherte auch der hellblaue Dodge nach links aus.

Ich lächelte. Nach zwei, drei Minuten nahm ich Gas weg und ordnete mich wieder in die Kette der Langsameren auf der rechten Fahrspur ein. Ein Blick in den Rückspiegel zeigte mir, dass der Fahrer des Dodge nicht daran dachte, mich zu überholen. Drei Längen zurück, tauchte er hinter einem Kastenwagen mit grellbunter Cornflakes-Reklame aus meinem Blickfeld weg.

Meine Überlegungen reihten sich aneinander. Kein Zweifel, dass der Doge mich verfolgte. Das bedeutete, dass er schon in der Nähe meiner Garage auf mich gelauert haben musste. Warum? Der Zusammenhang mit dem Paket drängte sich auf. Zumindest war diese Schlussfolgerung nicht unwahrscheinlich.

Wenn sich aber unter dem braunen Packpapier eine Bombe verbarg, so war es überflüssig, einen Beobachter vor meiner Haustür zu postieren. Den Erfolg der Aktion hätte der Urheber in den Zeitungen nachlesen können. Weshalb aber diese Verfolgung? Angenommen, die Männer in dem Dodge Challenger wussten von einer etwaigen Bombe – dann war es zumindest höllischer Leichtsinn von ihnen, sich wie eine Klette an mich zu hängen. Wenn sie noch weiter aufschlossen, riskierten sie es, selbst mit in die Luft zu fliegen.

Ich änderte meine Absichten, ohne lange zu zögern. Meine Verabredung mit Captain Morehouse auf der Toteninsel Hart Island wurde vorerst zur Zweitrangigkeit degradiert. Ich vertraute meinem in langer Berufserfahrung entwickelten Instinkt, der mir allmählich sagte, dass dieses Paket neben mir kaum eine Bombe enthielt. Vielleicht beging ich einen tödlichen Fehler. Aber selbst unter solchen Aspekten habe ich mich nie gescheut, eine Entscheidung zu treffen.

In Sichtweite tauchten die Hinweistafeln für die Auffahrten zum Bruckner-Elevated-Expressway auf. Ich betätigte den Blinker, scherte nach rechts aus und erreichte die Abbiegespur. Kurz darauf scheuchte ich meinen roten Flitzer nach der Reißverschluss-Methode in den Verkehrsstrom auf dem sechsspurigen Expressway, Richtung Nordwesten, New York State und Connecticut.

Ich sah gerade noch, wie sich zirka hundert bis hundertfünfzig Yard hinter mir der Dodge Challenger ebenfalls in den zügig dahinfließenden Verkehr auf dem Expressway einreihte. Dann war zwischen uns nur noch Chrom und Karosserieblech. Meine Verfolger mussten sich höllisch anstrengen, mussten von Lücke zu Lücke wedeln, wenn sie mich in diesem Wirrwarr nicht aus den Augen verlieren wollten.

Ich beschleunigte, wechselte von der rechten auf die mittlere Fahrspur. Einen Sekundenbruchteil lang sah ich dabei das Hellblau des Dodge, inzwischen noch weiter entfernt.

Ich wartete eine Lücke ab, rammte dann das Gaspedal aufs Bodenblech und wischte auf die äußerste linke Spur hinüber, wo der Fahrzeugstrom mit höherer Geschwindigkeit dahin jagte. Ob meine Verfolger das Manöver nachvollzogen, konnte ich nicht feststellen. Ich konzentrierte mich jetzt voll auf meine Lenkradarbeit, damit ich jede sich bietende Chance nutzen konnte, um zügiger voranzukommen. Was ich brauchte, war ein kleiner Vorsprung. Zeit, um mir Gewissheit zu verschaffen.

Das Verteilerdreieck Hunts Point huschte vorbei. Ich fuhr auf dem Sheridan Expressway weiter nach Norden, verringerte das Tempo, bestätigte den Blinker und kehrte auf die mittlere und dann auf die äußerste rechte Fahrspur zurück.

Rechts vom Expressway erstreckte sich die dunkelgrüne Kulisse eines Waldstreifens. Die Bronx, zumindest weiter im Norden, hat auch hübsche Seiten. Wenn mich meine Ortskenntnis nicht trog, musste irgendwo zur Rechten hinter den Bäumen der Bronx River verlaufen. Aber geographische Details dieser Art hielt ich im Moment für Nebensache.

Wiederholt kontrollierte ich den Rückspiegel.

Nichts mehr. Kein hellblauer Dodge Challenger zu sehen.

Unvermittelt tauchte vor mir am Fahrbahnrand ein Schild von der Art auf, wie ich es erhofft hatte. Ein Parkplatz, fünfhundert Yard entfernt.

Ich nahm Gas weg und knipste nach dreihundert Yard den Blinkerhebel hoch. Dann zog ich hinüber auf die Abbiegespur, drosselte die Geschwindigkeit weiter und rollte schließlich im Schritttempo auf das asphaltierte U-förmige Gelände. Zum Bronx River hin wurde der Parkplatz durch die Baumreihen jenes Waldstreifens abgegrenzt, der auch den Expressway säumte.

Kein anderes Fahrzeug war zu sehen. Ich wechselte vom Gas auf die Bremse, blickte in den Rückspiegel. Auch hinter mir nichts. Ich kuppelte aus, brachte den Flitzer endgültig zum Stehen.

Hatte der Dodge mein Abbiegemanöver verpasst?

Möglich, dass ich nur ein paar Minuten Zeit hatte. Es brannte mir auf den Nägeln, das Geheimnis des Postpakets zu lüften. Ich zog die Handbremse an, ließ den Motor aber im Leerlauf weitersummen.

Mit dem Taschenmesser schnitt ich die Bindfäden des Pakets auf. Ich hielt den Atem an.

Nichts geschah.

Vorsichtig drehte ich das Paket auf die Längsseite, um das Papier entfernen zu können.

Ein kleiner weißer Fetzen fiel heraus, flatterte über die Vorderkante des Beifahrersitzes und segelte auf den Bodenteppich.

Stirnrunzelnd legte ich das Paket schräg gegen die Rückenlehne, beugte mich nach vorn und hob den Papierschnipsel auf. Eine gedruckte Quittung, wie sie die Zapfsäulen der Selbstbedienungstankstellen automatisch ausspucken.

»Harper’s Gasoline Station, Branchville, Conn.«, entzifferte ich. Darunter in blauschwarz gedruckten Zahlen, dass auf diese Quittung 51 Liter Normalbenzin für 46,33 Dollar getankt worden waren.

Ich drehte den Zettel um, und es traf mich wie ein Schlag.

Glenda McArthur, Branchville, Connecticut.

HILFE! WERDEN BEDROHT!

Mir wurde plötzlich klar, dass es sich um alles andere handelte, nur nicht um eine Höllenmaschine. Hastig steckte ich den Zettel in meine Jackentasche, fetzte das Packpapier weg und blickte auf einen handlichen Lederkoffer vom Airlines-Format. Mit beiden Daumen tastete ich über die verchromten Verriegelungen.

Unverschlossen.

Es überraschte mich kaum noch.

Ich ließ die Schlösser aufschnappen, klappte den Deckel des Koffers hoch.

Und glaubte zu träumen.

Kleine grüne Päckchen, säuberlich geordnet, füllten den Koffer bis zum Rand. Päckchen, von denen jedes eine rosafarbene Banderole trug. Die Banderolen waren mit »Bank of Commerce, New Canaan, Conn.« bedruckt.

Es war wirklich wie ein phantastischer, verrückter Traum. Da klingelte frühmorgens ein Zusteller vom United Parcel Service an meiner Tür und brachte mir die Beute aus einem der aufsehenerregendsten Banküberfälle dieses Jahres! Einfach so, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt.

Aber dann diese Tankstellenquittung mit der hastig geschriebenen Adresse und dem Hilferuf …

Ich kam nicht dazu, meine Gedanken zu ordnen.

Ein plötzliches Geräusch ließ mich zusammenzucken. Ein Rascheln – gedämpft, weil die Seitenscheiben meines Sportwagens geschlossen waren.

Reflexartig richtete ich mich auf, blickte in den Rückspiegel, denn ich vermutete eine Gefahr nur von dort.

Die Reaktion war falsch, unüberlegt, nicht wieder gutzumachen.

Zu spät fuhr meine Rechte unter das Jackett in Richtung Schulterhalfter.

Die Silhouette schnellte von rechts in mein Blickfeld.

Mein Kopf ruckte herum.

Ich starrte in das hässliche schwarze Rund einer Pistolenmündung. FN-Highpower. Kaliber 9 Millimeter.

Der Mann, der die Pistole gegen die Seitenscheibe meines Sportwagens hielt, beugte sich herab.

Ich brauchte nicht zweimal hinzusehen, um ihn zu erkennen. Die Computer von NCIC, unserem Zentralarchiv in Washington, hatten mir sein Konterfei erst gestern als Funkbild geliefert.

Edward Valentine.

Er riss die Beifahrertür auf. Sein Blick glitt sekundenlang über den gebündelten Dollarsegen hinweg, behielt mich aber unter Kontrolle. Er grinste satt und zufrieden.

»Gut so, Trevellian. Hab genau geahnt, dass du auf dem Parkplatz stoppen würdest. Und wenn nicht, hätten wir dich bei der nächsten Expressway-Auffahrt wieder gehabt. Dein Pech, dass wir die Gegend kennen. Von der Bronx River Avenue kann man fast auf den Expressway spucken.«

Ich begriff. Zwischen dem Verteilerdreieck Hunts Point und dem Verteilerkreuz Sheridan-Bronx-Expressway verläuft die Bronx River Avenue fast parallel zum Sheridan Expressway. Diese Erkenntnis kam für mich zu spät.

»Der gute alte Joe Comden hat einen blöden Fehler gemacht«, fuhr Valentine fort, »er hätte groß und deutlich auf das Paket schreiben sollen, dass keine Bombe drin ist. Aber so weit hat er nicht mehr gedacht. Wir haben gesehen, wie du den Koffer zu deinem Schlitten getragen hast. Hast geglaubt, es wär ’ne Bombe drin, stimmt’s?«

Ich antwortete nicht, wog blitzschnell in Gedanken die Chancen ab, die ich noch hatte. Es sah verdammt schlecht aus. Aber noch war Valentine allein. Wenn seine Komplizen auftauchten, war es für mich endgültig aus.

»Okay«, nickte Valentine, »auf jeden Fall hat der liebe Joe sich verrechnet. Er hat uns die Dollars nicht gegönnt. Aber seine verrückte Idee, dir den Koffer zu schicken, hat ihm nichts mehr genützt. Wir sind am Ball geblieben.« Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Jäh begriff ich die Zusammenhänge, den Sinn dieser mysteriösen Paketsendung.

Der Koffer mit dem Geld war teuflischer als eine Höllenmaschine. Joe Comdens Rache dafür, dass ich ihn hinter Gitter gebracht hatte.

Ein Todesurteil per Post.

»Steig aus, Trevellian«, sagte Valentine kalt, »ich will nicht mehr lange hier ’rumstehen. Und bei ’ner halben Million macht es mir nicht mal was aus, ’nen ausgewachsenen G-man auszuknipsen.«


13

Eine unnatürliche Stille lastete in dem einsam gelegenen Haus. Die Jalousien des Wohnzimmerfensters waren heruntergelassen. Nur in dünnen Streifen fiel das Sonnenlicht herein.

Der Mann und die Frau saßen im Halbdunkel. Schweigend, seit Stunden schon. Ihre Gesichter waren übernächtigt, zeigten deutlich, dass sie keinen Schlaf gefunden hatten.

Dave McArthur starrte das Telefon an, als könnte es eine Antwort geben auf die Frage, die in ihm brannte.

»Ich muss es tun«, murmelte er unvermittelt, »ich kann nicht einfach herumsitzen und …«

»Nein«, fiel ihm seine Frau ins Wort, »du hast diese Männer erlebt. Du hast gehört, was sie gesagt haben. Wenn wir uns nicht daran halten, werden sie Glenda umbringen.«

Er hob den Kopf.

»Werden sie das nicht so oder so tun, Anne? Glenda ist ihre Geisel, und dadurch verschaffen sie sich ihre Sicherheit, wenn sie hinter dem Geld her jagen. Sobald sie aber in Gefahr geraten, werden sie das tun, was man mit einer Geisel tut. Anne, das ist Kidnapping! Wie wollen die Kerle überhaupt feststellen, ob wir die Polizei eingeschaltet haben? Ich sage dir, sie haben uns nur eingeschüchtert. Weil sie genau wussten, dass wir um Glendas Leben fürchten. Später machen wir uns die schlimmsten Vorwürfe, weil wir herumgesessen und gezögert haben. Lass mich beim County Sheriff anrufen.«

Anne McArthur zögerte. Erste Zweifel waren in ihrer Miene zu erkennen.

»Ich weiß nicht«, sagte sie leise, »ich weiß nicht mehr, was richtig oder falsch ist. Mein Gott, es gibt Dinge im Leben, bei denen man nie weiß, ob man das Richtige tut.«

Dave McArthur beugte sich vor.

»Sieh mal, Anne«, fuhr er beschwörend fort, »wenn du so willst, haben wir uns sowieso nicht an die Anordnungen gehalten. Gut, den Hund habe ich begraben. Und wir haben das Zimmer saubergemacht und die Blutspuren im Haus weggewischt. Aber ich habe es nicht fertiggebracht, die beiden Toten einfach zu verscharren. Ich konnte es nicht. Es ist ungesetzlich. Man kann die Leiche eines Menschen nicht einfach irgendwo einkuhlen, wo es einem passt. Wir sind in ein Verbrechen hineingezogen worden, ohne dass wir es wollten. Aber wir dürfen uns deshalb nicht auch noch schuldig machen, indem wir …«

Ein Poltern hallte plötzlich durch das Haus. Es schnitt Dave McArthur die Worte von den Lippen ab.

Erschrocken sprang er auf. Jäh wurde ihm bewusst, dass er keine Waffe mehr hatte. Die Verbrecher hatten alles mitgenommen, auch die Schrotflinte.

Dem Poltern folgten harte, schwere Schritte.

Anne McArthur erstarrte vor Angst.

Todesmutig stürmte ihr Mann zur Wohnzimmertür, riss sie auf, ballte die Fäuste.

»Dave, nein!«, schrie die Frau entsetzt.

Er antwortete nicht, wollte hinaus auf den Korridor. Seine Augen durchdrangen das Halbdunkel nicht rasch genug. Er sah nur die Schatten, hörte die herannahenden Schritte. Etwas blinkte metallisch. Keine Zeit mehr, auszuweichen.

Ein furchtbarer Schlag traf Dave McArthur auf den Schädel. Die Wucht des Hiebes trieb ihn zurück in das Wohnzimmer. Er verlor das Bewusstsein, noch bevor er der Länge nach neben dem Sessel seiner Frau auf den Teppich schlug.

Die Angst Anne McArthurs entlud sich in einem gellenden, nicht enden wollenden Schrei.

Die Männer stürmten in den Raum, schwärmten aus wie eine Gruppe mitleidloser Guerilleros, die im Städtekampf Haus für Haus besetzen.

Eine derbe, nach Tabakrauch riechende Hand legte sich auf Anne McArthurs Mund erstickte ihren Schrei. Ihre Augen weiteten sich, drohten aus den Höhlen zu quellen. Krampfhaft rang sie nach Atem.

»Seht nach, ob noch jemand in der Bude ist!«, befahl der Mann, der die Frau zum Schweigen gebracht hatte.

Die beiden anderen, mit großkalibrigen Automatikpistolen bewaffnet, eilten hinaus auf den Korridor. Wieder hallten die polternden Schritte durch das Haus. Treppenstufen knarrten, und dann waren die Schritte aus dem Obergeschoss zu hören. Türen wurden geöffnet, um im nächsten Moment krachend zuzufliegen.

Der Mann richtete seine Pistole auf Anne McArthurs Stirn.

»Keinen Ton mehr!«, sagte er gefährlich leise und nahm die Hand weg. »Sonst …«

Anne McArthur schluckte, holte tief Luft. Das Entsetzen verschnürte ihr die Kehle. Selbst wenn sie gewollt hätte, sie hätte keinen neuen Schrei hervorgebracht.

Das Auffälligste an dem Mann war seine spiegelblanke Glatze. Er hatte einen runden Schädel und tückische kleine Augen; eine platt gequetschte Nase über wulstigen Lippen. Sein Körperbau war breit und schwammig. Der sommerlich leichte Leinenanzug war zerknittert und verdreckt.

»Du wirst jetzt reden, Lady!«, zischte er. »Und keine Ausflüchte! Wir wissen, dass sie hier gewesen sind. Wir können Spuren verfolgen, verstehst du? Und wir haben die beiden Leichen draußen im Schuppen gesehen. Joe Comden und Ron Hardin. Gute Bekannte von uns. Ihr hättet sie besser verschwinden lassen! Also heraus mit der Sprache! Wo sind Valentine und Link? Wo ist das Geld?«

Anne McArthur räusperte sich verzweifelt und krächzend.

»Ich … ich weiß … nichts! Ich … habe mich im Keller versteckt, als es … passierte. Mein Mann …«

Der Glatzkopf warf einen kurzen Blick auf den Bewusstlosen. Plötzlich zuckte seine Linke vor, und er packte das Kinn der Frau.

»Willst Zeit gewinnen, wie?« Er lachte rau. »Aber das nützt dir nichts, Lady. Wir machen deinen Alten ganz schnell wach!«


14

Mir blieben höchstens zwei, drei Sekunden, um mir darüber klarzuwerden, was Valentine vorhatte.

»Steig aus!«, wiederholte er schneidend, drohender.

Warum schoss er mich nicht gleich über den Haufen? Jetzt, solange ich noch im Wagen saß …

Machte ihn der Anblick der halben Million unvorsichtig?

Oder wollte er keine Spuren verursachen, meine Leiche verschwinden lassen? Wenn das so war, dann durfte es keine Blutspritzer auf dem Fahrersitz meines Flitzers geben.

Makaber, so von meinem möglichen eigenen Ende zu denken. Aber es war die Überlegung, die ich für wahrscheinlich hielt.

»Okay …«, sagte ich gedehnt und drückte die Tür auf meiner Seite langsam auf.

»Keine Dummheiten, Trevellian!«, warnte Valentine. »Ich hab dich im Visier, auch wenn du denkst, du könntest …«

Weiter kam er nicht.

Ohne erkennbaren Ansatz warf ich mich blitzartig nach links, stieß mich am Tunnel unterhalb des Schaltknüppels ab und schnellte ins Freie.

Valentines FN-Highpower bellte kurz und dumpf.

Ich spürte den Gluthauch des Projektils in jenem Sekundenbruchteil, als ich mich abrollte. Aber Joe Comdens ehemaliger Komplize hatte einen Atemzug zu spät reagiert.

Fünf, sechs Yard vor mir schrammte das Vollmantelgeschoss eine tiefe Furche in den Asphalt.

Ich beging nicht den Fehler, hochzukommen, rollte mich stattdessen zur Seite, auf den Hinterreifen meines Sportwagens zu.

Abermals bellte die FN, und wieder fauchte ein Projektil durch das Cockpit meines Flitzers. Das Ergebnis war nichts als eine zweite Asphaltfurche.

Ich blieb in der Waagerechten, riss die Waffe mit tausendfach geübtem Griff aus dem Holster und stieß beide Arme nach vorn.

Durch den flachen freien Raum zwischen dem Bodenblech des Sportwagens und dem Asphalt sah ich Valentines Hosenaufschlag und seine verstaubten Schuhe.

Und ich sah, wie er herumwirbelte und losrennen wollte, um das zu vollenden, was er mit den ersten beiden Kugeln nicht geschafft hatte.

Ich zögerte nicht, visierte an und krümmte den Zeigefinger noch im gleichen Atemzug.

Der Mündungsblitz fauchte unter das Bodenblech meines roten Flitzers.

Ins Krachen des Schusses gellte Valentines markerschütternder Schrei. Meine Kugel musste ihm den rechten Knöchel zerschmettert haben. Die ungeheure Wucht des Einschusses riss ihm buchstäblich die Beine unter dem Leib weg.

Mit einem federnden Satz war ich im nächsten Sekundenbruchteil auf den Beinen, hastete zwei Schritte weit nach links und warf mich mit einem gewaltigen Satz quer auf die Motorhaube des Sportwagens.

Durch das Sicherheitsglas der offenen Beifahrertür sah ich Valentine. Er lag auf dem Rücken, das Gesicht vor Schmerzen verzerrt. Doch er schaffte es, bei meinem Anblick die Pistole mit unglaublicher Schnelligkeit hochzureißen.

Mir blieb nur eine winzige Zeitspanne, um zu reagieren. Und keine Zeit, präzise genug zu zielen.

Blitzartig stieß ich den Schießarm nach vorn, feuerte durch den V-förmigen Winkel zwischen vorderem Türrahmen und Fensterholm.

Details

Seiten
340
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924800
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v453237
Schlagworte
krimi doppelband

Autor

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Titel: Krimi Doppelband 40