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SALTILLO Band 14 Layla und die Flusspiraten

©2018 120 Seiten

Zusammenfassung

Jean Lafitte, dem ehemaligen „König von New Orleans“, ist es erneut gelungen, zu fliehen. Aber Saltillo gibt so schnell nicht auf. Lafitte muss für all das bezahlen, was er in der Vergangenheit an Intrigen gesponnen hat. Schließlich kann ihn Saltillo wieder einfangen und will ihn vor Gericht bringen. Kurz darauf gerät er in weitere Auseinandersetzungen. Der berüchtigte Mississippi-Hai Rhett Hamilton und seine Flusspiraten überfallen ausgerechnet das Schiff, auf dem sich Saltillo, Layla und ihr Gefangener befinden. In Hamiltons Leuten glaubt Lafitte, neue Verbündete zu finden – aber er hat die Rechnung ohne Saltillo gemacht!

Leseprobe

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2018: Firuz Askin

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

SALTILLO Band 14 Layla und die Flusspiraten

Ein Western von John F. Beck









Jean Lafitte, dem ehemaligen „König von New Orleans“, ist es erneut gelungen, zu fliehen. Aber Saltillo gibt so schnell nicht auf. Lafitte muss für all das bezahlen, was er in der Vergangenheit an Intrigen gesponnen hat. Schließlich kann ihn Saltillo wieder einfangen und will ihn vor Gericht bringen. Kurz darauf gerät er in weitere Auseinandersetzungen. Der berüchtigte Mississippi-Hai Rhett Hamilton und seine Flusspiraten überfallen ausgerechnet das Schiff, auf dem sich Saltillo, Layla und ihr Gefangener befinden. In Hamiltons Leuten glaubt Lafitte, neue Verbündete zu finden – aber er hat die Rechnung ohne Saltillo gemacht!

++







Lafitte schreckte auf als die Kutsche plötzlich hielt.

Die beiden Konstabler griffen sofort zu den Revolvern. Sie waren mit dem ehemaligen »König von New Orleans« auf dem Weg zum Untersuchungsrichter.

Einer streckte den Kopf aus dem Fenster.

»Was gibt’s da vorn, Sergeant?«

»Ein Todesfall, Sir«, schallte es vom Bock. »Der Leichenwagen holt gerade ’nen Sarg.«

Sie befanden sich in einer schmalen, von düsteren Gebäuden gesäumten Gasse zwischen der Canal-Street und der Rue Toulouse. Dieses Viertel hatte Jean Lafitte vor kurzem noch mit seinen Revolverschwingern und Kartenhaien beherrscht, ehe Saltillo und Layla ihm zu einem kostenlosen Aufenthalt hinter Gittern verhalfen.

Ein hochrädriges, flaches Gefährt versperrte der Droschke mit dem Gefangenen die Fahrbahn. Der hagere Mann auf dem Bock trug einen schwarzen Zylinder zur dunklen Pelerine. Neugierige drängten sich auf dem Gehsteig, als zwei ebenfalls Schwarzgekleidete mit einem blumengeschmückten Sarg ein Haus verließen.

Eine schluchzende Frau in einem hochgeschlossenen, dunklen Kleid folgte ihnen. Ein Schleier verhüllte ihr Gesicht. Beruhigt lehnten sich Lafittes Bewacher in den Lederpolstern zurück.

Der schlanke, elegant gekleidete Gefangene senkte jedoch rasch die Lider, um das Aufglühen in seinen Augen zu verbergen. Hinter dem Fenster des schräg gegenüberliegenden Gebäudes hatte er eben den Schatten wahrgenommen. Ein schwaches metallisches Blinken war auch jetzt noch zu erkennen. »Diamond Inn« stand in verwaschenen Lettern über dem Türbogen. Die Kneipe hatte wie die meisten in dieser Gegend ebenfalls dem Boss von New Orleans gehört.

Die Sargträger setzten nun ihre Last ab und wandten sich der Kutsche zu. Revolver drohten plötzlich in ihren Fäusten.

Kugeln schleuderten Kutscher und bewaffneten Begleitmann vom Bock.

Gleichzeitig durchstieß ein Mündungsblitz das Fenster im Erdgeschoss der »Diamond Inn«. Der Polizeioffizier neben Lafitte sackte mit einem Kopfschuss auf seinem Sitz zusammen.

Der zweite Bewacher war nur einen Moment verblüfft, dann flog sein kurzläufiger Revolver hoch.

Lafitte war noch schneller. Die gefesselten Hände packten zu und drückten die Waffe nach oben. Der Schuss durchschlug das Kutschendach. Wie ein Panther stürzte sich Lafitte auf den Konstabler, rammte ihm das Knie in den Leib und entriss ihm den Sechsschüsser. Ein wütender Hieb mit dem Stahllauf ließ den Mann bewusstlos in die Polster sinken.

Lafitte stieß den Kutschenschlag auf und sprang hinaus. Die Gaffer, die den vermeintlichen Leichenwagen umstanden, stürzten in Panik davon. Die Frau mit dem Schleier war ebenso verschwunden wie der Schatten hinter dem zerschossenen Saloonfenster.

»Hierher, Boss, schnell!«, schrie einer der beiden Killer. Sie hatten sich hinter der Fahrerbank auf die Ladefläche geschwungen.

Keuchend hastete Lafitte heran. Sie zerrten ihn hoch, und schon verließ das Gefährt im Höllentempo den Schauplatz des Massakers.


*


Der Lampenschein flackerte über die Wände des Kellergewölbes. Alle Blicke waren gespannt auf Lafitte gerichtet, der am Boden kniete und mit einem Messer eine quadratische Steinplatte hochhebelte. Ein dunkler Hohlraum kam darunter zum Vorschein.

Lafitte zögerte, ehe er die Steinplatte geräuschlos abstellte. Gepresste Atemzüge füllten den Raum. Die Luft war stickig. Schweißperlen glänzten auf den Gesichtern der sechs Männer, die ihn beobachteten. Sie gehörten zu jenem Teil der Schießergarde, die in der Nacht von Lafittes Niederlage der Festnahme entgangen waren.

Allmählich verschwand Lafittes Rechte in dem Versteck. Doch statt der erwarteten Geldscheinbündel brachte er einen 44er Colt zum Vorschein. Ein kaltes Lächeln dehnte sein Oberlippenbärtchen.

»Nur die Ruhe, Freunde. Ich wette, ich säße noch immer hinter Schloss und Riegel, hätte einer von euch dieses Versteck meiner eisernen Reserve gekannt, oder?«

»Wir wollen nur, was uns zusteht, Boss«, knurrte ein knochiger Mann mit einer Narbe über dem linken Auge. Er hatte das Fluchtfahrzeug gelenkt. »Du kannst nicht erwarten, dass wir unsere Haut für dich umsonst zu Markte tragen.«

Eine unausgesprochene Drohung schwang mit. Trotzdem blieb das harte Lächeln auf Lafittes Gesicht. Er behielt den Colt in der rechten, während er mit der linken Hand wieder in das Loch im Steinboden griff. Rasch warf er jedem der Revolverschwinger ein Päckchen Dollarnoten zu. Die Kerle vergaßen, dass sie eben noch bereit gewesen waren, ihre Schießeisen aus den Schulterhalftern zu zaubern. Bis sie sich fingen, hatte Lafitte den Rest des Geldes in seinen Jackentaschen verstaut. Es war beträchtlich mehr, als er eben verteilt hatte.

Der Knochige hatte die Scheine schnell durchgeblättert. Seine Miene war so finster und verkniffen wie zuvor.

»Fünfhundert Bucks für jeden sind nicht gerade das, was wir uns vorgestellt haben.«

Lafitte erhob sich geschmeidig. Alles an ihm strahlte wieder jene Härte und Gefährlichkeit aus, mit der er jahrelang die Saloons und Spielhöllen von New Orleans beherrscht hatte.

»Es ist der doppelte Revolverlohn, den ich euch schulde«, erwiderte er scharf. »Wenn du mehr willst, Dolan, musst du’s dir verdienen.«

Jack Dolan drehte halb den Kopf und spuckte aus.

»Für uns geht’s erst mal darum, diese verdammte Stadt ungeschoren zu verlassen. Keine Macht der Welt bringt dich auf den Thron zurück, Boss.«

Die anderen rückten unwillkürlich ein Stück von ihm ab, als Lafitte sich katzenhaft in Bewegung setzte. Er trat so dicht vor Dolan, dass seine Revolvermündung ihn fast berührte.

»Du musst mir nicht erklären, Freund, was ich längst weiß«, konterte er kühl. Das Brennen seiner dunklen Augen veranlasste den knochigen Revolvermann zum Schlucken. »Doch ich verschwinde nicht eher aus New Orleans, bis ich mit Layla Sheen und ihrem Texanerfreund abgerechnet habe. Ich zahle jedem weiterhin doppelten Lohn, der mir dabei hilft. Wer sich jedoch drückt, kriegt keinen lumpigen Cent, sondern eine Kugel.«


*


Die Brise vom nahen Pontchartrain-See fächelte Saltillos Gesicht. Zypressen säumten die einsame Landstraße, auf der die Hufe seines Braunen kleine Staubbällchen aufstieben ließen.

Der große, ganz in Wildleder gekleidete Mann genoss den Ritt. Es war nicht nur nötig, dem Pferd Bewegung zu verschaffen. Er selbst hatte langsam genug von Mauern, Zäunen und belebten Straßen. Die von hektischem Leben erfüllte Stadt, in der die Atmosphäre der französischen Kolonialzeit noch so lebendig war, übte ihren Reiz zwar auch auf Saltillo aus. Im Grunde jedoch sehnte er sich zurück, in die unberührte Prärie und die einsamen Bergregionen von Texas. Wahrscheinlich hatte er deshalb Alonso einige Meilen weiter begleitet, als er ursprünglich beabsichtigte.

Der hagere, einäugige Vaguero war als Laylas Beschützer mit nach Louisiana gekommen, als es darum ging, ihren bedrängten Freunden gegen Lafittes Revolverhaien beizustehen und dem verbrecherischen »König von New Orleans« das Handwerk zu legen. Saltillo war den beiden gefolgt. Sein Eingreifen hatte schließlich den Kampf beendet.

Layla, vor die Wahl gestellt, den Delta Star Palace in New Orleans weiterzuführen oder in das Dorf am Rio Bravo zurückzukehren, hatte sich für letzteres entschieden. Texas war ihre neue Heimat. Der eigentliche Grund indes war Saltillo. Ihm wäre sie sonstwohin gefolgt. Laylas Anwesenheit in New Orleans war allerdings noch für die Dauer der Verhandlung gegen den »King« erforderlich.

Alonso hatte nicht so lange warten wollen. Seine Welt war die Longhorn-Weide, sein Zuhause der Sattel. Er mochte die Deckenrolle am einsamen Lagerfeuer nicht mit der teuersten Hotelsuite vertauschen.

Saltillo hatte sich vor einer Stunde von dem Vaquero verabschiedet. Jetzt warf die Sonne schon lange Schatten über die weiten Baumwollfelder und die grüne Mauer der Bayou-Wälder. Die Zeit wurde knapp, wenn er Clarks Einladung zu Pokerpartie und Abschieds-Drink auf dem Flussdampfer einhalten wollte.

Auch Layla würde dort sein. Horace Clark, der Besitzer und Kapitän der »River Rose« hatte nicht vergessen, dass die aparte Kreolin ihm in Lafittes »Mordsaloon« das Leben rettete.

Saltillo war noch in Gedanken mit Alonso auf dem langen Ritt zur mexikanischen Grenze, als die Dächer der großen Stadt zwischen den Baumwipfeln und Hügelkuppen auftauchten.

Gleich darauf schoss eine Kutsche hinter einer nur dreihundert Yard entfernten Biegung hervor. Die wirbelnden Räder verursachten eine mächtige Staubwolke.

Der Fahrer hatte die Füße breit eingestemmt und den Oberkörper vorgeneigt. Mit wildem Peitschengeknall zwang er das Gespann voran.

Saltillo lenkte kopfschüttelnd den Braunen an den Straßenrand, um das Gefährt passieren zu lassen.

Der Fahrer schenkte dem Reiter unter den Bäumen keine Beachtung. Er hatte die Mütze tief in die Stirn gezogen. Seine Rockschöße wehten. Der Braune schnaubte und tänzelte. Beruhigend tätschelte Saltillo seinen Hals. Die Samtvorhänge flatterten aus den Kutschenfenstern.

»Hüüyaah!«, brüllte der Fahrer im Vorbeijagen.

Als es fast schon zu spät war, entdeckte Saltillo das Blinken von Metall im Wagenschlag. Nur ein Mann, der in der Wildnis aufgewachsen war und gelernt hatte, den Tod als ständigen unsichtbaren Begleiter zu akzeptieren, schaffte eine so blitzschnelle Reaktion: ein jäher Zügelruck ließ das Pferd steigen.

Im selben Moment umschloss Saltillos Rechte den Walnussholzknauf des Whitneyville Walker Colts. Er zog, während er seitwärts aus dem Sattel hechtete.

Revolverdonner füllte seine Ohren. Das Wiehern des tödlich getroffenen Braunen, und das Rumpeln der Kutsche mischte sich damit.

Saltillo prallte hart auf und rollte sich sofort von den zuckenden Pferdehufen fort. Im dichten Staub sah er die Kutsche zuerst nur als Schatten. Die Bremsblöcke kreischten auf den eisernen Radreifen. Das Gefährt schlitterte noch gut dreißig Yard weiter, ehe es mit schwankendem Aufbau zum Stehen kam.

Beide Schläge flogen auf. Zwei Männer sprangen heraus. Für sie zählte zunächst nur, dass Pferd und Reiter sich am Boden wälzten.

»Wir haben ihn«, triumphierte der eine. Er schaffte noch fünf Schritte in Saltillos Richtung. Dann entdeckte er den langläufigen Sechsschüsser in der Faust des Überfallenen.

Saltillo verharrte auf dem Bauch. Das rote Seidenhalstuch war verrutscht. Das Amulett mit den in Silber gefassten Türkisen fing einen Sonnenstrahl auf, der die Staubwand durchdrang.

Der Schuss des überraschten Banditen schleuderte eine Sandfontäne vor Saltillo hoch. Das Krachen seiner Waffe antwortete.

Der Dunkelgekleidete prallte mehrere Schritte zurück, ließ den Revolver fallen und stürzte.

Sein Kumpan schoss nun ebenfalls. Dann rettete er sich vor Saltillos Blei mit einem Sprung zurück in die Kutsche.

Der große, indianerhafte Texaner schnellte auf die Beine. Eine Kugel pflügte die Grasnarbe am Straßenrand, wo er eben noch lag. Ein Gewehrlauf glänzte über dem Kutschendach. Die Pulverdampfwolke davor verwischte die Umrisse von Kopf und Schultern des Fahrers.

Die Schießer rechneten damit, dass Saltillo hinter dem nächsten Baum in Deckung ging. Statt dessen griff der Haziendero mit flammendem Colt das in Staubschwaden gehüllte Fahrzeug frontal an.

»Zum Teufel, fahr zu, Ben!«, gellte es aus dem Inneren des Gefährts. Die Peitsche knallte wieder, die Pferde zogen an. Saltillo hatte schon keinen Blick mehr für die Kutsche. Er ließ sich bei dem Getroffenen auf ein Knie nieder.

Der Mann atmete noch schwach. Die Finger umkrallen ein Knäuel blutbesudelter Geldscheine, die er mit letzter Kraft aus der Innentasche seiner Jacke gezogen hatte.

»Von wem?«, wollte Saltillo kehlig wissen.

Eine düstere Ahnung erfüllte ihn. Sie wurde zur Gewissheit, als die Lippen des Sterbenden mühsam einen Namen formten.

»Lafitte.«


*


Layla Sheen half Horace Clark und dem Steuermann aus der Verlegenheit, indem sie das Kartenpäckchen mischte und jedem mit geschickter Hand ein Fünferblatt zuteilte. Kerzenlicht erhellte die luxuriös möblierte Kapitänskajüte auf der »River Rose«. Der Whisky in der edel geschliffenen Kristallkaraffe und den Gläsern leuchtete wie flüssiges Gold. Die Messingknöpfe an Clarks Kapitänsjacke funkelten.

Schnaufend stärkte der schnurrbärtige, bullige Flussschiffer sich mit einem kräftigen Schluck. Donegan, seine rechte Hand, ebenfalls ein gestandener Mann, hielten die Karten, als hätte er nie zuvor ein Pokerblatt in der Hand gehabt.

Layla versuchte mit einem Lächeln die Besorgnis um Saltillos Ausbleiben zu überspielen, worauf Joe Donegan prompt einen roten Kopf bekam.

Die vollbusige junge Kreolin sah in dem knappen, tief ausgeschnittenen Seidenkostüm auch zu verführerisch aus. Ihr blauschwarzes Haar war kunstvoll frisiert. Eine Perlenkette betonte den Ansatz der üppigen Brüste. Kein Wunder, dass Donegan nicht bei der Sache war und die Runde trotz eines Zehner und Dreier-Pears verlor. Als die Uhr kurz darauf die volle Stunde schlug, war es auch um Laylas Konzentration geschehen.

»Ich passe«, erklärte sie, kaum dass sie das Blatt auch nur flüchtig angeschaut hatte. »Ich mag nicht glauben, dass Saltillo sich nur verspätet hat. Ich muss in den Delta Star zurück. Vielleicht weiß Lilly, was geschehen ist.«

Lilly O’Connor, die rothaarige Besitzerin des bekannten »Midnight House«, war Laylas Freundin. Ihr hatte sie auch für die Zukunft die Führung des Delta Star Palace anvertraut. Clark erhob sich sofort.

»Ich werde Ihnen selbstverständlich eine Droschke besorgen, Miss Layla. Vielleicht hat Saltillos Pferd ein Eisen verloren, und er ist deshalb noch nicht hier. Tut mir leid, dass ich die Abfahrt morgen früh nicht verschieben kann. Doch ich muss mit der River Rose unbedingt rechtzeitig in Memphis sein. Die Army macht mir sonst die Hölle heiß. Der Zahlmeister für die Forts am Big Muddy kommt höchstpersönlich mit der Soldkasse an Bord. Ich muss ihn nach Saint Louis schippern ...« ‘

Clarks Augen weiteten sich jäh. Das leere Glas englitt seiner Hand.

Lautlos hatte sich die Tür hinter Layla geöffnet. Ein leises, klirrendes Lachen drang in die Kajüte.

»Vergessen Sie die Army, Käptn. Meine Leute haben eben Ihren prächtigen Steamer übernommen. Sie fangen bereits damit an, die Kessel zu heizen. Wir legen sofort ab. Ich hab da ein paar Burschen aufgetrieben, die den Kahn locker flottkriegen. Nur ein erfahrener Steuermann fehlt noch. Das wär doch was für Sie, Clark, oder?«

Der Teppich dämpfte Lafittes Schritte. Sein Lächeln verriet grausamen Triumph. Er trug einen dunklen Streifenanzug, dazu Rüschenhemd und Lackschuhe. Eine Diamantnadel zierte die Krawatte, und an seinen Händen funkelten protzige Ringe.

Nur der Revolver in seiner Rechten erinnerte daran, dass er nicht mehr der mächtige Spielhöllenbesitzer, sondern ein Flüchtling vor dem Gesetz war.

Drei kaltäugige, ebenfalls mit Revolvern bewaffnete Burschen flankierten ihn.

Auf dem Deck schwirrten gedämpfte Rufe durcheinander. Tritte hasteten.

Layla verharrte wie versteinert. Sie presste die Lippen zusammen, als Lafitte ihr spöttisch zunickte.

»Selbstverständlich bleiben Sie als mein Gast an Bord, Madam. Wir werden endlich genug Zeit haben, uns gründlich auszusprechen.« Sein höhnisches Lachen ließ Layla frösteln.

Das dreckige Grinsen seiner Begleiter trieb den stämmigen Steuermann der »River Rose« aus dem Ledersessel.

Joe Donegan war ebenso wie der Kapitän unbewaffnet. Nur Layla hatte es sich angewöhnt, in New Orleans stets eine Waffe bei sich zu tragen. Es war ein kleiner, doppelläufiger Derringer, der in einem Halfter an der Innenseite des Unterschenkels Platz fand. Sie wollte Donegan eben eine Warnung zurufen, da hatte er bereits die halbvolle Whiskykaraffe zum Wurfgeschoss zweckentfremdet.

»Wagt es nicht, ihr verdammten ...« Der Donnerknall eines Schusses ließ den Aufbegehrenden verstummen. Die Kugel stieß ihn zurück. Im Fallen riss er den Sessel um.

Kein Muskel bewegte sich im knochigen Gesicht des Schützen. Sofort streckten einige weitere Schießer die Köpfe herein. Lafitte war es offenbar nicht schwergefallen, die übelsten Galgenvögel aus dem Hafenviertel anzuwerben.

Während Donegan sich stöhnend am Boden wälzte und Clark zu ohnmächtiger Wut mit den Zähnen knirschte, ließ Lafitte die schwarzhaarige Frau nicht aus den Augen. Er wusste, dass sie gefährlicher war als die beiden robusten Männer vom Fluss.

Lafitte wartete jetzt nur darauf, dass Layla etwas versuchte.

»Schafft diesen Hitzkopf an Land«, befahl er den Hereindrängenden. »Oder kühlt ihn sonstwie ab. Der Kapitän hat versprochen, selbst das Ruder zu übernehmen, wenn wir ablegen, nicht wahr, Clark?«

»Ich werd keinen Finger für Sie rühren, Sie verfluchter Mörder!«, keuchte Clark, dessen Sohn eines der ungezählten Opfer Lafittes geworden war.

»Nicht doch, Käptn. Sie vergessen Ihre hübsche Lebensretterin. Sie möchten doch nicht, dass ihr was zustößt?«

Layla erbleichte, hob dennoch trotzig das Kinn.

»Lafitte, was soll’s? Der Galgen ist Ihnen gewiss.«

»Nicht, solange ich Sie und den Kapitän in meiner Gewalt habe, meine Teure. Ihre Gesellschaft wird mir zudem den Abschied von New Orleans ganz außerordentlich versüßen.« Er deponierte den Revolver in die Achselhalfter und näherte sich Layla mit funkelnden Augen.

Layla machte eine Bewegung, als wollte sie sich herumwerfen und zur Tür fliehen. Blitzschnell hob sie dabei den Rock und bekam den Derringer in die Hand, ehe die Banditen dazu kamen, ihr wohlgeformtes Bein zu bewundern.

Layla wusste, dass Lafitte sich nicht damit begnügen würde, sie als Geisel zu benutzen. Deshalb schoss sie sofort.

Da war Lafitte schon bei ihr und schlug den Derringer zur Seite. Die Kugel bohrte sich in die Holztäfelung der Kajütenwand.

Lafittes nächster Hieb traf Layla hart in den Leib. Stöhnend sank sie zu Boden. Dabei verlor sie die Waffe, deren zweiter Lauf noch geladen war. Lafitte trat den Derringer blitzschnell außer Reichweite.

Doch das war nicht nötig. Sie krümmte sich vor Schmerz am Boden und presste beide Hände auf den Unterleib.

»Sie wird sterben, Käptn, wenn du nicht parierst! Los, ans Ruder!«


*


Saltillo hatte kostbare Zeit damit verloren, zu Fuß in die Stadt zu gelangen und eine Droschke aufzutreiben. Es war kurz vor Mitternacht, als er im Schatten einer Lagerhalle stand und seinen Blick über die Aufbauten der Schaufelraddampfer wandern ließ, die am Kai vertäut lagen.

Mondlicht glänzte auf dem Pflaster vor den Bauholzstapeln, Kränen und den Bergen aus Kisten, Fässern und Ballen. Fetzen von Musik und schrillem Lachen wehten aus dem Labyrinth der Gassen, wo sich Kneipen, Bordelle und Spielhöllen aneinanderreihten.

Saltillo war misstrauisch wie ein Wolf im Jagdrevier eines Artgenossen. Die Schießer, die den Anschlag auf ihn verübt hatten, waren gewiss lange vor ihm in die Stadt zurückgekehrt.

Lafitte auf freiem Fuß! Das bedeutete vor allem für Layla höchste Gefahr. Laternenschein, der über die dreifach gestaffelten Decks eines Flussdampfers geisterte, zog Saltillos Blick an. Licht fiel auch aus den Bullaugen mehrerer Kabinen auf dem Mitteldeck.

»River Rose« entzifferte Saltillo mühsam die halb verdeckte Aufschrift am Ruderhaus.

Die Landungsbrücke war noch herabgeklappt, aber die Geräusche auf dem Maschinendeck und der Rauch aus den hohen Doppelschornsteinen machten deutlich, dass Clarks Steamer noch vor Tagesanbruch das Hafenbecken von New Orleans verlassen wollte.

Im Zwielicht erkannte Saltillo die Gestalten auf dem Schiff nur als Schatten. Unwillkürlich umschloss seine Rechte den lederumwickelten Stiel der Vaqueropeitsche, die zusammengerollt über seiner linken Schulter hing.

Doch nichts deutete darauf hin, dass Layla zu dieser Stunde noch an Bord war. Gewiss hatte die Nachricht von Lafittes Befreiung in der Stadt längst die Runde gemacht. Vielleicht hatte Clark deshalb das Auslaufen der »River Rose« angeordnet. Saltillo verließ seinen Beobachtungsplatz.

Ein leises Rascheln zwischen den Frachtgutstapeln ließ Saltillo erstarren. Vielleicht war es nur ein streunendes Tier, aber der Hauch einer unsichtbaren Gefahr wehte ihn deutlich an. Er wartete geduldig.

»Holt die Gangway ein!«, schallte es da vom Mitteldeck der »River Rose«. Ketten rasselten. Deutlich vernahm er das Tuckern der Maschinen im Rumpf des Steamers.

Als er aus der Deckung glitt, tauchten auch die beiden Schießer auf, die nach dem misslungenen Überfall in die Stadt geflohen waren. Mit einem dritten Kumpan griffen sie Saltillo nun gleichzeitig von verschiedenen Seiten an. Sie versuchten es lautlos, gleich plötzlich aus der Nacht hervorschnellenden Wölfen.

Messer blinkten in ihren Fäusten. Im bleichen Licht des träge zwischen den Wolken schwimmenden Mondes glichen die Gesichter Kreidemasken. In ihren dunklen Anzügen schienen sie prädestiniert, nicht nur für Saltillos gewaltsamen Tod, sondern auch für eine stilvolle Beerdigung zu sorgen.

»Nicht so hastig, Muchachos«, brachte Saltillo noch heraus. Da schlitzte schon eine rasiermesserscharfe Klinge seinen rechten Ärmel auf. Der Stoß eines zweiten Messers glitt an seiner Gürtelschnalle ab.

Der dritte Angreifer verzichtete darauf, seine Fähigkeiten als Messerstecher zu beweisen. Er kniete dafür auf dem schlüpfrigen Pflaster und versuchte mit den Atembeschwerden fertig zu werden, die ihm Saltillos blitzschneller Bauchtritt verursachte.

Geschmeidig wich der Texaner den sausenden Klingen der beiden anderen aus. Solange sie die Revolver in den Schulterhalftem behielten, verzichtete auch er auf den Griff zum Colt.

Zu spät begriffen sie, dass er die Rinderpeitsche nicht als bloßes Texassouvenir bei sich trug. Sie missdeuteten sein Zurückweichen als Eingeständnis der Unterlegenheit. Saltillo brauchte jedoch den nötigen Abstand, um der Lederschnur den richtigen Schwung zu verleihen.

Einer der Angreifer reagierte mit einem schmerzerfüllten Aufschrei. Das Messer klirrte aufs Pflaster. Der Anprall des anderen trieb Saltillo zwar zurück, aber die von unten heraufzuckende Klinge traf nicht ihn, sondern die Baumwollballen, gegen die Saltillo taumelte.

»Nur nicht drängeln, Compadres«, zischte Saltillo, »es bleibt schon keiner unbedient.«

Die Faust mit dem Peitschenstiel explodierte an der Schläfe des Messerstechers. Der überkugelte sich daraufhin fast.

Sein Kumpan wollte nun doch den Revolver ausprobieren. Er brachte die Waffe noch unter der Jacke hervor, da umwickelte Saltillos Peitsche seine Kniekehlen und riss ihn um. Das Schießeisen rutschte weg.

Saltillo blieb gerade noch Zeit, auch ihn für ein Weilchen ins Traumland zu schicken, da riss das Gischten des mächtigen Schaufelrads am Heck der »River Rose« ihn herum.

Die jähe Drehung rettete ihm das Leben.

Eine Kugel, vom Mitteldeck des Mississippi-Dampfers abgefeuert, peitschte nur eine Handbreit an ihm vorbei. Saltillo schnellte in den Schatten der Baumwollstapel. Der Whitneyville Walker kam hoch.

»Das würd ich an deiner Stelle lassen, Texaner!«, gellte es vom Schiff. Ein Lichtbündel aus einer offenen Kabinentür erfasste Lafittes schlanke Gestalt. Es war nicht der Revolver in der ringgeschmückten Hand, der den Kämpfer vom Rio Bravo bannte.

Lafitte schob Layla vor sich her an die Reling.

Sie war gefesselt. Dieser Anblick versetzte Saltillo einen Stich.

Sie musste sich heftig gewehrt haben. Ihr Kostüm war an der Schulter aufgerissen. Das blauschwarze Haar umzüngelte wild das ovale Gesicht.

»Sam, hinter dir!«, durchdrang Laylas Warnschrei plötzlich das Stampfen der dampfgetriebenen Schiffsmaschinen.

Saltillo wirbelte herum.

Der Bursche, den er anfangs mit einem Tritt außer Gefecht gesetzt hatte, stürzte sich eben auf ihn. Saltillo brachte sich behend vor dem heranzuckenden Messer in Sicherheit und schlug mit dem Coltlauf zu. Bewusstlos rollte Messerheld Nummer drei gegen die Baumwollballen.

Als Saltillo sich wieder umwandte, zog das Schaufelrad der »River Rose« bereits eine breite Gischtbahn an den am Kai vertäuten Steamern vorbei. Funkendurchsetzte Rauchwolken quollen in kurzem Abstand aus den Schloten. Im hell erleuchteten Ruderhaus stand Horace Clark am Rad, bewacht von einem Lafitteschießer.

Der Platz an der Reling war leer.


*


Jede halbe Stunde streckte der Wächter den Kopf in die Kabine und überzeugte sich, dass Layla noch gefesselt war. Layla ignorierte das aufdringliche Grinsen des grobschlächtigen, stoppelbärtigen Mannes.

Inzwischen waren die Lichter von New Orleans weit hinter der »River Rose« zurückgeblieben. Nachtschwärze füllte das Bullauge der Fahrgastkabine. Die Petroleumlampe an der Decke verbreitete schummriges Licht. Das gleichmäßige Tuckern der Maschinen ließ den Schiffsrumpf vibrieren.

Layla hatte es aufgegeben, an den Riemen, die ihre Handgelenke umschlangen, zu zerren oder die Zähne an ihnen auszuprobieren. Das änderte jedoch nichts an ihrer Entschlossenheit, Lafitte zu entkommen.

Die erste Lektion, die sie in der Welt der Glücksritter und Flittergirls hatte lernen müssen, hieß: Überleben, gleich wie! Die sternförmige Narbe am Haaransatz erinnerte sie stets daran, wenn sie sich vor dem Spiegel frisierte.

Sie lauschte. In den Kabinen nebenan war alles still. Clarks erfahrene Hand steuerte die »River Rose« Meile um Meile den Meschacebe hinauf, den »Vater des Wassers«, den die Weißen auch Old Man River nannten.

Vielleicht fühlen sich die Kaperer auf dem Steamer ein bisschen zu sicher, hoffte Layla. Nach dem dritten Besuch des Postens hatte sie es sich trotz der Fesseln in der Koje bequem gemacht.

Sie schien vor Erschöpfung eingeschlafen. Sie lag auf der Seite, das schwarze Haar fächerförmig über das Kissen gebreitet. Die vollen Brüste hoben und senkten sich gleichmäßig. Sie hatte sich im Schlaf offenbar bewegt, denn der Rock ihres Seidenkostüms war bis zu den Oberschenkeln hochgerutscht.

Der Stoppelbärtige, der den Sechsschüsser im Hosenbund trug, vergaß nun die Tür zu schließen. Sein Blick wurde starr, die Kehle trocken.

Es dauerte nicht lange, bis Layla das leise Einklinken der Tür und nähertappende Schritte wahrnahm. Der Stoppelbärtige war zu sehr von den schwarzbestrumpften Beinen fasziniert, um das kurze Stocken ihrer Atemzüge zu bemerken.

Layla spürte ein Kribbeln, als er dann vor der Koje verhielt. Er atmete gepresst.

Layla räkelte sich wohlig, wobei sie noch mehr Haut zeigte.

»Erschrick nicht, Kätzchen«, raunte der Bewacher heiser. Seine Hand glitt über ihre Oberschenkel.

Dann riss der Stoppelbärtige verblüfft die Augen auf, als Layla plötzlich wie eine Wildkatze hochschnellte. Zielsicher schnappten die nach vorn gefesselten Hände zu.

Als der Schießer das Fehlen seines Revolvers bemerkte, war es schon zu spät. Deshalb versuchte er Layla lediglich festzuhalten und am Schreien zu hindern.

Layla war jedoch im Umgang mit Burschen seiner Sorte nie sonderlich zimperlich vorgegangen. Voller Genugtuung plazierte sie jetzt den Coltlauf an seiner Stirn. Der Stoppelbärtige verdrehte seufzend die Augen, neigte sich zur Seite und plumpste neben die Koje.

Layla kam auf die Beine und richtete die erbeutete Waffe auf die Tür. Der violette Schimmer ihrer Augen wirkte kälter als sonst.

Doch nichts rührte sich. Die Maschinen arbeiteten so gleichmäßig wie zuvor. Gemächlich durchpflügte die »River Rose« die Fluten des Mississippi.

Layla legte den Colt zur Seite und fischte das Messer aus der Lederscheide am Gürtel des Bewusstlosen. Gleich darauf war sie frei. Doch erst als der Stoppelbärtige an Händen und Füßen gefesselt und mit einem Tuch geknebelt auf den Dielen lag, verließ sie ihr Gefängnis.

»Mit Speck fängt man Mäuse, mein Junge, das wirst du dir für die Zukunft sicher merken«, verabschiedete sie sich, als er zu sich kam und verdattert zu ihr hochschaute. Sie war ganz zufrieden mit jenen Pfunden zuviel, die ihr zu der ansehnlichen Hüft- und Oberweite verhalfen und auch Saltillo nicht kalt ließen.

Sie löschte die Lampe und huschte aus der Kabine. Milchige Helligkeit sickerte zwischen den Wolkenbänken hervor. Der Old Man River war an seinem Unterlauf breit und friedlich wie ein See. Horace Clark hätte den Flussdampfer gewiss auch mit verbundenen Augen durch die Fahrrinne gesteuert, so gut kannte er den Strom. Der Uferwald ragte wie eine schwarze Mauer auf. Baumwollfelder dehnten sich dahinter. Die Gebäude weit verstreuter Plantagen lagen wie Inseln dazwischen.

Vorsichtig schlich Layla auf dem Mitteldeck in Richtung Bug, blieb dabei in Deckung der Aufbauten. Hinter der einen oder anderen Kabinentür schnarchten Schläfer.

Layla duckte sich, als sie beim Fahnenmast die dunkle Gestalt bemerkte. Sekundenlang beleuchtete die aufglimmende Glut einer Zigarre ein hageres, schmallippiges Gesicht. Dann wandte der Posten sich wieder nach vorn und spähte aufs Wasser, das der Bug der »River Rose« durchschnitt.

Layla umklammerte den Colt des Stoppelbärtigen. Doch die Waffe änderte nichts an der Tatsache, dass der Steamer nach wie vor ein schwimmendes Gefängnis für sie war. Ohne Hilfe würde sie nicht von hier fortkommen.

»Clark«, flüsterte sie. Es blieben zwei Möglichkeiten: entweder gelang es dem Kapitän, das Dampfboot unbemerkt in Ufernähe zu steuern, oder sie drehten gemeinsam den Spieß um und schnappten sich Lafitte als Faustpfand.

Laylas Blick glitt am Ufer entlang, ehe sie weiterschlich. Doch kein Geräusch drang von dort durch die Louisiana-Nacht und das monotone Rauschen des Schaufelrads. Der Schatten der Weiden und Cottonwoods zu beiden Seiten des Stroms blieb undurchsichtig.

Layla erreichte den Aufgang zum Hurricane-Deck. Licht aus dem Ruderhaus beleuchtete die obersten Stufen.

Clark stand an der vorderen Glasscheibe. Sein schnurrbärtiges Nussknackergesicht wirkte rissig. Die Hände umschlossen hart die Speichen des Steuerrads. Der Schatten schräg hinten gehörte einem von Lafittes Revolverschwingern. Er passte auf, dass der Besitzer und Kapitän der »River Rose« das Steamboat auf Kurs hielt.

Layla zögerte. Es gab nur diese Treppe zum obersten Deck. Und da war auch noch der Bursche beim Fahnenmast. Die Kreolin hielt den Atem an, als ihr Blick wieder nach vorn zuckte. Der Deckwächter war verschwunden.

Layla war auf einen Warnschrei, Stiefelgetrappel und Schüsse gefasst. Bleischwer lag der Colt in ihrer Hand. Doch nichts geschah. War der Lafitteschießer ahnungslos aufs Maschinendeck hinabgestiegen, oder belauerte er sie aus dem Schatten der hohen Doppelschlote?

Mehrere Sekunden wagte Layla keine Bewegung. Schließlich setzte sie vorsichtig einen Fuß auf die unterste Stufe. Clark und sein Bewacher befanden sich im Ruderhaus schräg über ihr. Der Blick des Kapitäns blieb unverwandt auf den nächtlichen Strom gerichtet. Er würde nichts bemerken, wenn Layla nun ein Zeichen gab.

Der Schatten hinter Clark bewegte sich plötzlich. Dann war auch noch eine dritte Gestalt da.

Clark fuhr halb herum. Er hielt noch immer das Steuerrad, als ihn der Schlag mit einem Knüppel oder Gewehrlauf niederstreckte.

Layla sah noch, wie ein hagerer Mann in gestreiftem Hemd und mit verbeulter Mütze an Clarks Stelle das Ruder übernahm.

Dann war ein Geräusch hinter ihr. Ehe sie herumschnellen konnte, presste sich eine grobe Hand auf ihren Mund.


*


Schüsse krachten. Stiefel dröhnten auf den Decksplanken. Heisere Stimmen schwirrten durcheinander. Zwei nach Tabak und Fusel stinkende Kerle schleppten Layla in die Kapitänskajüte.

»He, Boss, schau mal, was für ein niedlicher Vogel uns da ins Netz geflattert ist«, lärmte der eine.

Ein Stoß trieb Layla an den weiß gedeckten Tisch, auf dem noch Clarks Whiskykaraffe und die leeren Gläser standen. Spätestens als Layla den aufgebrochenen Safe und die Verwüstungen in der Kabine entdeckte, war ihr klar, dass die »River Rose« in die Hände einer Bande von Flusspiraten gefallen war. Irgendwie hatten sie es geschafft, mit ihren Booten, die sich jetzt im Schlepp von Clarks Dampfer befanden, unbemerkt an das Schiff heranzukommen.

Lafittes Schießer hatten bestimmt mit ihrem Aufkreuzen ebensowenig gerechnet wie die Flusspiraten damit, auf der »River Rose« statt gut betuchter Fahrgäste die Konkurrenz anzutreffen. Enttäuschung zeichnete die rohen Gesichter der Männer, die Layla nun anglotzten, als wäre sie für ihren Reinfall verantwortlich.

Einer fluchte noch lästerlich, weil er sich mit einem Tritt gegen eine aufgesprengte Kassette hatte abreagieren wollen, dabei jedoch sein Schienbein mit dem Sockel der Kommode zu nahe Bekanntschaft machte.

Nur der massige Mann mit dem verwilderten Bart und den stechenden Augen, der in Clarks Kapitänssessel lümmelte und sich eben einen Drink eingoss, schien von Laylas Auftritt uneingeschränkt beeindruckt. Er trug einen abgewetzten Cordanzug, ein derbes Baumwollhemd und klobige Stiefel. Grinsend bleckte er die Zähne.

»Teufel, da habt ihr wirklich ’nen Fang gemacht, Jungs, der auch die Augen verwöhnt. Hoffentlich weiß die Süße die Ehre zu schätzen, den derzeit gefürchtetsten Mann auf dem Old Man kennenzulernen.«

Er lachte rau. Dann hob er das randvolle Glas an die Wulstlippen, ohne auch nur einen Tropfen zu verschütten, und schluckte den Inhalt wie Quellwasser. Er behielt seine Gelassenheit auch, als achtem ein Schuss peitschte, dem ein gellender Schrei folgte.

Das Glitzern in seinen Augen jagte Layla einen Schauder über den Rücken. Gegen diesen gewalttätigen Banditenhäuptling kam ihr der Bursche, der sie in der Kabine »besucht« hatte, wie ein Waisenknabe vor.

»Gieß dir ruhig auch ein, Schätzchen«, winkte er großzügig. »Wenn wir schon keinen Zaster auf diesem gottverdammten Kahn auftreiben, so ist doch genug Whisky da, den Rest dieser verfluchten Nacht zu feiern. Zier dich nicht, Puppe. Du siehst nicht aus, als hättest du noch nie Feuerwasser geschluckt. Ich mag keine Weiber, die zimperlich tun.«

»Und ich kann Kerle mit deinen Manieren nicht ausstehen, Großmaul«, schnappte Layla. Ihre Augen blitzten. Der Bandit, der eben noch über seinen schmerzenden Fuß geflucht hatte, klappte verblüfft die Kinnlade herab. Draußen krachte es abermals. Glas splitterte. Eine wilde Verfolgungsjagd hämmerte über das Deck.

Der bärtige Hüne hatte die Augen zusammengekniffen. Es schien, als wollte er aufspringen und die Frau mit einem brutalen Schlag niederstrecken. Doch dann warf er sich mit einem brüllenden Auflachen im Sessel zurück.

»Ich seh schon, wir werden prächtig miteinander auskommen, Honey. Du gefällst mir. Du wirst mir gewiss erzählen, wieso dieser Höllenkahn nur mit diesen paar lausigen Figuren an Bord unterwegs ist. Doch erst mal will ich wissen, wer du bist, Puppe.«

»Das geht dich ’nen Dreck an, Hombre. Ich hab dich ja auch nicht nach dem Namen gefragt.«

»Werd bloß nicht kess, Mädchen«, drohte der klotzige Mann hinter Layla.

»Lass sie, Mac«, grinste der Bärtige. »Ich will ihr den Gefallen gern tun. Meinen richtigen Namen Rhett Hamilton kennen nur wenige. Viel besser bin ich als Mississippi-Hai bekannt.«

»Wenn du erwartest, dass ich deshalb vor Schreck in Ohnmacht falle, Mister, muss ich dich enttäuschen.«

»Einen Drink, schätze ich, wirst du trotzdem nicht ablehnen.« Immer noch grinsend schob der Anführer der Mississippi-Piraten die Karaffe über den Tisch. »Los, runter mit dem Zeug, sonst helfen Mac und Bob nach.«

»Fühlst dich wohl mächtig stark, Mister, was?«

Jäh warf Layla sich herum und versuchte an ihren Häschern vorbei zur Tür zu gelangen. Dort waren jedoch inzwischen weitere Männer aufgetaucht. Sie wirkten abgerissen und verwildert.

Zwischen ihnen sah Lafitte in zerfetztem Rüschenhemd und mit ungekämmtem Haar noch wie ein Gentleman aus. Zwei Flusspiraten hielten seine Arme, ein dritter drückte ihm den Revolver zwischen die Schulterblätter.

»Wir haben ihn gerade noch erwischt, Boss, als er in einem unserer Boote abhauen wollte. Dieser Höllenhund hat Black Tom zu den Fischen geschickt.«

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (ePUB)
9783738924794
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
saltillo band layla flusspiraten
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Titel: SALTILLO Band 14  Layla und die Flusspiraten