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Die Raumflotte von Axarabor #48 In der Gewalt des Telepathen

2018 78 Seiten
Reihe: Axarabor , Band 48

Leseprobe

In der Gewalt des Telepathen

Die Raumflotte von Axarabor - Band 48

von Bernd Teuber


Der Umfang dieses Buchs entspricht 83 Taschenbuchseiten.


Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Dreihundert Siedler leben auf Novathon, um die Rohstoffe des Planeten abzubauen. Doch mittlerweile sind die Vorkommen erschöpft. Die Kolonie soll aufgelöst werden. Captain Hackett erhält den Auftrag, die Männer und Frauen zurück nach Axarabor zu bringen. Bei seiner Ankunft auf dem Planeten stößt er auf ein wohlgehütetes Geheimnis und gerät in tödliche Gefahr.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Edrok Peyton schob ein geladenes Energiemagazin in seinem Blaster und rastete es ein. Ein klickendes Geräusch entstand.

„Was soll das?“, fragte Vos Cord.

„Nur eine Vorsichtsmaßnahme, damit wir keine unangenehmen Überraschungen erleben. Haltet eure Waffen schussbereit. Aber dass mir keiner grundlos herumballert!“

Nacheinander betraten die drei Männer den düsteren Gang. Peyton ging voran. Hunter Kalman und Vos Cord folgten ihm. Peyton schaltete die Handlampe ein. Der helle Lichtstrahl glitt über die rauen Feldwände zu beiden Seiten.

„Vielleicht sollten wir umkehren“, meinte Cord. „Mir scheint es nicht geheuer in dieser Gegend. Ich spüre etwas Unheimliches – Gefahr. Es ist besser, wenn wir nicht weitergehen.“

„Du spinnst“, sagte der bullige Peyton. „Glaubst du, ich habe diesen ganzen Aufwand betrieben, damit wir kurz vor dem Ziel einfach aufgeben? Kommt gar nicht infrage. Los, weiter!“

„Gib nicht immer so an“, erwiderte Kalman. „Wir haben alle unseren Teil dazu beigetragen.“

„Aber ich das meiste. Und jetzt will ich endlich mal Resultate sehen.“

„Nun fang nicht schon wieder damit an“, sagte Cord. „Wenn das hier klappt, haben wir bis an unser Lebensende ausgesorgt.

Peyton presste die Lippen zusammen. Er ging weiter und leuchtete mit der Lampe den Gang aus. Die beiden anderen Männer folgten ihm zögernd. Schon nach wenigen Schritten gabelte sich der Stollen. Peyton blieb stehen und schwenkte seine Handlampe erst nach rechts, dann nach links. In dem kalten weißen Licht konnte man weitere Abzweigungen erkennen. Vor ihnen musste sich ein wahres Labyrinth von Gängen befinden. Allein hätten sich Kalman und Cord vermutlich in dem weitverzweigten Höhlennetz verirrt, doch Peyton kannte sich hier sehr gut aus.

„Unglaublich“, murmelte Cord. „Das ist ja wie eine eigene Welt.“

„Ja“, bestätige Peyton mit erregter Stimme. „Und wir sind die ersten Menschen, die sie sehen.“

„Für mich sieht das eher wie ein Irrgarten aus“, meinte Kalman. Er sprach bewusst ruhig und in einem pragmatischen, warnenden Tonfall, um die Begeisterung von Peyton ein wenig zu dämpfen. „Ich weiß nicht, ob wir weitergehen sollten. Wir müssen verdammt aufpassen, um uns nicht zu verirren.“

„Wir werden uns nicht verirren“, erwiderte Peyton. „Ich habe mir diese Gänge ganz genau eingeprägt. Du brauchst also keine Angst zu haben.“

„Ich habe keine Angst“, verteidigte sich Kalman. Er versuchte zu lächeln, aber es geriet eher zu einer Grimasse. „Ich … fühle mich in engen Räumen nicht wohl“, sagte er.

Peyton blieb stehen, sah ihn an und zog fragend die Augenbrauen hoch.

„Das ist der Grund, aus dem ich Koch geworden bin, kein Minenarbeiter oder Höhlenforscher.“

„Natürlich.“ Peytons Gesichtsausdruck machte klar, was er von dieser Antwort hielt. Aber er war diplomatisch genug, das Thema nicht zu vertiefen. Sie gingen weiter. Peyton verspürte ein eisiges Frösteln. Aber er wusste nicht einmal zu sagen, warum. Einige Minuten später erreichten die drei Männer einen Raum, dessen Decke selbst im starken Licht der Handlampe nicht sichtbar war. Vor der hinteren Wand stand ein rechteckiger Stein, der einem Altar ähnelte. In der Mitte befand sich etwas ovales, das von einem weißen Tuch verdeckt wurde.

„Dort befindet sich unsere Beute“, sagte Peyton.

„Und du bist sicher, dass sie wertvoll ist?“, wollte Kalman wissen.

„Ja, absolut sicher.“

„Wie hast du diese Höhle denn entdeckt?“, fragte Cord.

„Ist das wichtig?“, erwiderte Peyton.

„War ja bloß ‘ne Frage.“

„Na schön, da dieser Punkt jetzt geklärt ist, können wir das Ding endlich einpacken und von hier verschwinden.“

„Eine Sache ist mir noch nicht ganz klar“, sagte Kalman. „Wie wollen wir das Ding durch die Kontrollen bekommen?“

„Keine Sorge, das ist schon geklärt.“

Die drei Männer näherten sich dem Altar. Cord wich plötzlich zurück.

„Was ist das denn?“

Peyton richtete den Strahl der Handlampe gegen die Wand. Dort war ein bizarr geformtes Relief eingebettet. Kalman glaubte so etwas wie ein Muster zu erkennen, doch sobald er versuchte, sich genauer auf das Bild zu konzentrieren, verschwammen die Linien vor seinen Augen, verschoben sich und schienen sich wie kleine lebende Wesen zu winden. Den beiden anderen Männern erging es ähnlich.

Peytons Hand begann zu zittern. Das Relief war … unheimlich. Es gab Linien, die sich kreuzten und auf unmögliche Art umeinander wanden. Formen, die der euklidischen Geometrie Hohn sprachen und die nicht unangenehm, sondern schmerzhaft anzusehen waren. Ein heftiges Schwindelgefühl breitete sich hinter Peytons Stirn aus, das nach einigen Sekunden zu einem rasenden Schmerz wurde. Er musste den Blick abwenden.

„Unglaublich“, flüsterte Cord. „Wer mag das gemacht haben?“

„Ist das wichtig?“ Selbst das Sprechen fiel Peyton schwer. Er sah die Wand nicht mehr an. Er hatte fast Angst davor, es zu tun. Dieses Relief anzublicken, war, wie in einen Abgrund zu stürzen, an dessen Ende der Wahnsinn oder Schlimmeres lauerten.

„Lasst uns das Ding dort mitnehmen und verschwinden“, fügte er sehr viel leiser hinzu.

Vos Cord schüttelte langsam den Kopf. In seinen Gedanken war eine lautlose Stimme, die ihm hartnäckig eine Warnung zuraunte. Sie hätten diese Höhle niemals betreten sollen. Menschen sollten hier nicht sein. Menschen durften hier nicht sein. Cord war nicht abergläubisch, aber er spürte, dass hier etwas Unheimliches vor sich ging. Plötzlich war er sich nicht einmal mehr sicher, ob es sich bei diesem Gebilde dort an der Wand wirklich nur ein Relief handelte. Irgendetwas Unbegreifliches nistete darin. Sie hatten einen Frevel begangen, als sie hier eingedrungen waren. Und was Peyton auch immer hier gefunden hatte, es würde ihnen Verderben bringen.



2

Das stählerne Raumschiff glänzte matt im Licht der nahen Sonne. An der Seite hob sich in silbrigen Buchstaben das Wort STARFIRE ab, der Name des Schiffes. Es gehörte zur Raumflotte von Axarabor und war von der Regierung des gewählten Hochadmirals in das Pantera-System beordert worden, um die hier ansässigen Siedler bei der Auflösung ihrer Kolonie zu unterstützen.

Sieben Planeten umkreisten die grelle, rote Sonne mit der Bezeichnung Pantera. Sie wurde nach dem Forschungsschiff benannt, die dieses System entdeckt hatte. Die Sonne selbst besaß praktisch keine Bedeutung, wohl aber der vierte Planet. Als einziger verfügte Novathon über eine Atmosphäre. Doch das Klima war rau und trocken. Der sandige Boden eignete sich weder für Landwirtschaft noch Viehzucht. Und die Lebensbedingungen auf Novathon waren weit davon entfernt, angenehm zu sein. Ständig wurde er von trockenen Winden heimgesucht, die den feinen Oberflächensand vor sich hertrieben und in jede Bodenspalte blies. Die einzigen Organismen, die diese Welt hervorbrachte, bestanden aus ein paar Flechtenarten und vereinzelten Ansammlungen struppigen Grases.

Aber Novathon war reich an Mineralvorkommen. Deshalb beschränkte man sich auf die Ausbeutung der Bodenschätze. Die Männer, die in den Minen arbeiteten, kamen aus vielerlei Gründen hierher. Einer davon war die Bezahlung. Aber jene, die wegen der hohen Löhne kamen, blieben – oder lebten selten lange genug, um wohlhabend wieder zurückzukehren. Und diejenigen, die blieben, kehrten Novathon schon deswegen nicht den Rücken, weil sie sich anderen gesellschaftlichen Bedingungen nicht mehr anpassen konnten. Doch mittlerweile waren die Minen erschöpft. Die hohen Kosten und der ausbleibende Profit waren die Hauptgründe, weshalb die Kolonie aufgegeben werden sollte.

Captain Simon Hackett drehte sich unruhig im Bett hin und her. Der Traum war sehr intensiv. Etwas griff nach ihm. Es war ein Gefühl, als würde er am ganzen Körper zugleich von Tausenden winziger Hände berührt, eine Empfindung, die zutiefst ungewöhnlich war. Um ihn herum war nur Nebel. Und darin befand sich etwas Materielles, auch wenn er es sich nicht erklären konnte.

Der Boden unter seinen Füßen war weich und bebte. Ein schreckliches Dröhnen schien seine Knochen durcheinanderzuschütteln. Doch es war trotz allem nicht laut genug, um die Stimme zu übertönen, die ihm etwas befahl. Was sie anordnete, begriff er nicht. Er versuchte von der Richtung abzuweichen, in die ihn die Stimme führen wollte. Doch Kräfte, die stärker waren als er, hielten ihn davon ab.

Schatten umgaben ihn, wurden zu dunklen Wolken, die sich wiederum in riesige Masken verwandelten. Er durfte nicht tun, was die Stimme befahl. Und trotzdem musste er es tun.

Wie durch einen Schleier sah er leuchtende Punkte von Augen und das fahle Oval eines Gesichts – menschlich und doch so seltsam unmenschlich. Hachett hob schützend die Arme vor sein Gesicht, aber es war zwecklos. Die Gestalt griff nach ihm, betastete ihn mit kalten Fingern, schmerzvoll und sanft zugleich. Es war angenehm und abscheulich. Hackett graute davor, und dennoch zuckte er ihnen entgegen, als wolle er sie umarmen.

Er fühlte, wie er dahinschwand, wie etwas heiß über seine Haut floss. Welch unglaubliche Wärme! Etwas drang in sein Gehirn ein, tastete umher. Zwei Wörter formten sich. Beldars Rock. Hackett hatte sie noch nie gehört. Er verstand auch nicht die Bedeutung dieser Wörter. Er wusste nur, dass es wichtig war. Dann zog sich das Etwas wieder von ihm zurück. Das Gesicht und die leuchtenden Augen verschwanden.

Hackett erwachte. Zitternd richtete er sich im Bett auf. Eine Weile verharrte er in dieser Position. In seiner Kabine war es dunkel. Er schwitzte. Was war das nur für ein seltsamer Traum? Die Erinnerung ließ ihn frösteln, doch er drängte sie in den Hintergrund. Nach und nach kam ihm alles zu Bewusstsein. Aber war es wirklich nur ein Traum? Er wischte sich den Schweiß vom Gesicht und versuchte sich vergeblich zu erinnern, was ihm die Stimme, deren Widerhall er immer noch zu hören glaubte, befohlen hatte.

„Licht!“, rief er.

Die faustgroße Lampe unter der Decke flammte auf und verströmte eine gelbe Helligkeit. Nachdenklich blickte sich Hackett in der Kabine um. Einerseits war er fast sicher, dass er nicht geträumt hatte, aber wenn er wirklich wach gewesen war und geglaubt hatte, jemand sei durch die geschlossene Tür hier in die Kabine eingedrungen und dann wieder verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen, was wäre dann die Schlussfolgerung? Die Antwort lag auf der Hand. Es würde bedeuten, dass er nicht mehr richtig tickte.

Einige Augenblicke saß er da und massierte seinen Kopf. Der Schlaf sollte mich eigentlich frisch machen, dachte er. Aber ich war noch nie so erschöpft. Sein Kopf fühlte sich an, als wäre er voller Watte. Im nächsten Augenblick ertönte ein leises Pfeifen.

Das Gesicht von Commander Gavin Overdic erschien auf dem Bildschirm der internen Kommunikationsanlage. „Wir haben unser Ziel erreicht“, meldete er.

Hackett nickte. „In Ordnung. Ich komme.“

Der Bildschirm erlosch. Hackett zog seinen Pyjama aus und betrat die Nasszelle, um zu duschen. Gleichzeitig musste er immer wieder an den Traum denken. Oder war es eine Vision gewesen? Vielleicht maß er dem Ganzen auch viel zu viel Bedeutung bei. Vielleicht war es wirklich nichts anderes als ein Traum. Hackett verließ die Nasszelle, trocknete sich ab und zog seine Uniform an. Dann verließ er seine Kabine und fuhr mit dem Lift zu der Ebene, auf der sich die Kommandozentrale befand.

„Alles in Ordnung?“, fragte Commander Overdic, als er Hacketts besorgten Gesichtsausdruck bemerkte.

„Wie man‘s nimmt“, antwortete der Captain. „Ich glaube, ich bekomme langsam einen Weltraumkoller.“

„Warum? Was ist passiert?“, wollte Overdic wissen.

„Ich bin mir nicht sicher, aber ich hatte den Eindruck, jemand versuchte, mit mir telepathischen Kontakt aufzunehmen.“

„Also ich war‘s nicht. Ich besitze keine Psi-Fähigkeiten.“, sagte er und grinste.

„Ja, eben. Und genau das macht mir Sorgen.“, brummte Hackett.

„Worauf wollen Sie hinaus.“

Hackett machte eine vage Geste. Ein Ausdruck der Verzweiflung erschien in seinen Augen. „Commander, ich bin angerufen worden – telepathisch und mit vernehmbarer Lautstärke.“

„Und die Quelle konnten Sie nicht bestimmen?“, wollte Overdic wissen.

„Nun ja, so viele Möglichkeiten gibt es schließlich nicht.“ Er deutete auf den Panoramabildschirm, in dessen Mitte eine blasse rote Kugel schwebte.

„Sie glauben, jemand auf Novathon verfügt über telepathische Fähigkeiten?“

„Ich weiß, es klingt ziemlich verrückt, aber ...“

„Auf dem Planeten gibt es nur ein paar Siedler. Ich bezweifle, dass irgendjemand von denen in der Lage ist, mit Ihnen telepathische Verbindung aufzunehmen.“

„Ich weiß auch, dass es sich ziemlich seltsam anhört, aber ich habe diesen Ruf empfangen. Und ich behaupte mit vollem Ernst, dass es auf Novathon jemanden gibt, der Telepathie beherrscht. Diese Frau oder diesen Mann müssen wir finden.“

„Warum? Was versprechen Sie sich davon?“

„Das weiß ich noch nicht, aber ...“

Overdic musterte den Captain aus schmalen Augen. Er begann, über den Fall nachzudenken. Hatte wirklich jemand Kontakt mit Hackett aufgenommen, oder war es nur ein Alptraum?

„Haben Sie schon mit Doktor Mortimer darüber gesprochen?“, fragte Overdic beruhigend.

„Weshalb sollte ich? Damit er mich für verrückt erklärt? Sie wissen doch, wie er ist.“

„Schon, doch ...“

„Ich habe keine Wahnvorstellungen“, unterbrach ihn Hackett.

„Das habe ich auch gar nicht behauptet. Aber dieser Planet ist unbewohnt, wenn man einmal von den Siedlern und einigen Tieren absieht. Und von denen verfügt mit Sicherheit keiner über telepathische Fähigkeiten.“

„Wer dann?“

Ovredic zuckte mit den Schultern. „Auf jeden Fall sollten Sie dieses Ereignis für sich behalten, vor allem gegenüber Tyland Quinn.“

„Ich hatte sowieso nicht vor, ihn einzuweihen.“



3

Langsam schwenkte die STARFIRE in den Orbit von Novathon. Captain Simon Hackett blickte auf den Panoramabildschirm. Leuchtend hob sich der braunrote Planet von der Schwärze des Weltraums ab. Deutlich konnte man die weiße Kappe des Nordpols erkennen. Es war die gefrorene Oberfläche der beiden großen Gewässer. Das andere war der Südpol. Dann ließen sich auch schwache, blaugrüne Flecken erkennen.

Dort war der Boden noch nicht ausgetrocknet und zur Wüste geworden. Trotzdem bot sie nur Lebensraum für einige Dornenbüsche. Die Forschungsteams hatten sich damals entschlossen, die blaugrünen Flecken, als die Kontinente des Planeten zu betrachten, die voneinander nicht durch Wasser, sondern Wüsten getrennt waren. Denn der größte Teil von Novathon bestand aus Wüsten – aus endlosen, felsigen, wasserlosen Ebenen, großen Teilen hässlichen gelben Sandes oder rötlich trockenen Staubes. Es gab keine Seen, keine Flüsse und keinen Regen.

Nur einmal in einem sehr großen Zeitabschnitt, so selten, dass die meisten Siedler es während ihrer Anwesenheit nur zwei Mal erlebten, zogen Wolken auf, weiße Wolken, die sich langsam über den tiefblauen Himmel bewegten. Die dreihundert Siedler lebten in Fertighäusern. Verwaltet wurde der Ort von Tyland Quinn. Im Grunde genommen war er der unumstrittene Herrscher dieses Planeten. Trotzdem hatte er eine demokratische Verwaltung eingesetzt, die sich mit den Problemen der Kolonisten befasste und sie regierte, soweit das überhaupt notwendig erschien.



4

Als die Fähre mit Captain Simon Hackett in die Atmosphäre von Novathon eintauchte, ertönte ein dünnes Knistern, das sich zu einem dumpfen Dröhnen steigerte. Das Schiff schwankte und bäumte sich auf, als Major Yacoban es auf Kurs brachte. Langsam senkte sich die Fähre auf die Oberfläche des Planeten. Hackett löste den Sicherheitsgurt und erhob sich aus dem Sitz des Copiloten.

„Sind Sie sicher, dass ich nicht warten soll?“, fragte Yacoban.

„Ja, fliegen Sie zurück zur STARFIRE. Ich melde mich, sobald ich Sie brauche.“

„In Ordnung, Captain.“

Yacoban betätigte einige Tasten auf der Steuerkonsole. Das Schott öffnete sich. Gleich darauf wurde die Rampe ausgefahren. Hackett ging durch die Schleuse nach draußen und betrat die felsige Oberfläche des Planeten. Die Außentemperatur betrug etwa 35 Grad Celsius. Jenseits des Landesplatzens standen die Fertighäuser. Sie sahen alt aus. Zu allen Seiten erstreckte sich die große Wüste. Als Hackett zu den Gebäuden hinüberging, wurde eine Tür geöffnet und ein Mann trat ins Freie.

„Captain Hackett?“

„Ja.“

„Mein Name ist Haiden Scalf. Tyland Quinn erwartet Sie bereits. Kommen Sie, ich werde Sie zu ihm bringen.“

Hackett folgte dem Mann in das Innere des Gebäudes. Hier war es angenehm kühl. Sie durchquerte mehrere Gänge. Vor einer Tür blieb Scalf stehen und klopfte.

„Ja, bitte?“, fragte eine dumpfe Stimme.

Scalf öffnete die Tür und trat ein. „Captain Hackett ist soeben eingetroffen.“

„In Ordnung, Scalf. Vielen Dank.“

Tyland Quinn hatte dunkelbraunes Haar und ein auffallend schmales Gesicht ohne Energie und Tatkraft. Die Wangen waren eingefallen. Dunkle Ringe hatten sich unter seinen Augen gebildet. Er wirkte müde und abgespannt, so, als habe er seit Wochen nicht geschlafen. Als Captain Hackett sein Dienstzimmer betrat, stand er auf, und ging ihm mit ausgestreckter Hand entgegen.

„Sie sind Captain Hackett?“

„Ja.“

„Sie wurden mir schon angekündigt. Verlief Ihr Flug reibungslos oder hatten Sie irgendwelche Probleme?“, fragte Quinn, obwohl ihn die Antwort nicht wirklich zu interessieren schien.

„Nein, es war alles in Ordnung“, antwortete Hackett. „Keine Zwischenfälle, nichts dergleichen.“

Allerdings verschwieg er den telepathischen Kontakt, den er an Bord der STARFIRE gehabt hatte. Er wollte gegenüber Quinn nicht den Eindruck erwecken, er sei unzurechnungsfähig.

„Sie werden uns also zurück nach Axarabor bringen“, stellte Quinn fest.

„Gewissermaßen. Mein Schiff wird rund einhundert Siedler aufnehmen. Die übrigen werden auf zwei weitere Schiffe verteilt, die morgen hier eintreffen.“

„Oh, ich verstehe. Dann sind Sie also so eine Art Vorhut.“

„Wir sollen dafür sorgen, dass der Abtransport so reibungslos wie möglich verläuft.“

„Das wird nicht schwer sein“, erwiderte Quinn. „Die meisten Siedler sind froh, wenn sie endlich von hier verschwinden können. Mich eingeschlossen.“

„Ist dieser Planet so schlimm?“

„Er ist vor allem trostlos. Hier gibt es nichts von Bedeutung.“ Dann wandte er sich an Scalf. „Sie können gehen. Sollte ich Sie brauchen, melde ich mich.“

„In Ordnung.“

Haiden Scalf verließ den Raum und schloss die Tür hinter sich.

Im selben Augenblick breitete sich in Hacketts Gehirn eine seltsame Leere aus und ließ ihn in unergründliche Tiefen stürzen. Sie vermischte sich mit dem erschreckenden Begreifen, das nicht alles so war, wie es sein sollte. Er schüttelte benommen den Kopf und ärgerte sich über sein Verhalten. Aber er konnte nichts dagegen tun. Seine leere Anspannung wurde mit jeder Sekunde unerträglicher. Es war, als würde eine lebenswichtige Sprungfeder so straff gespannt, dass sie jeden Augenblick zu zerreißen drohte.

Was war das?

Bevor er sich der Natur dieser Erscheinung voll bewusst wurde, war das Leergefühl schon wieder verschwunden, aber diese Sekunde hatte ihm die Erkenntnis gebracht, dass es auf Novathon etwas gab, das sich nicht so ohne Weiteres erklären ließ. Eine unbekannte Macht mit telepathischen oder anderen übersinnlichen Fähigkeiten hatte nach ihm gegriffen. Er fühlte die unsichtbaren Schwingungen, die ihn durchdrangen. Das Empfinden in ihm wurde stärker. Sie waren überall.

Hackett hatte plötzlich eine Fülle von Fragen, für die er keine Erklärung fand. Woher wusste der Unbekannte, dass der Captain in der Nähe war? Oder hatte er ihn gleich nach dem Eintauchmanöver geortet? Wieso wandte er sich ausgerechnet an ihn? Oder – das war ebenfalls eine Möglichkeit, die Hackett einfiel – oder hatte der Geheimnisvolle ununterbrochen gerufen, gleichgültig, wen er damit erreichte? Das hätte ein enormes Energiepotenzial vorausgesetzt. Hackett hielt diese theoretische Wahrscheinlichkeit für gegenstandslos.

Gleichzeitig bildeten sich zwei Wörter hinter seiner Stirn. Zwei Wörter, deren Bedeutung er nicht verstand.

Beldars Rock.

Da war er wieder. Dieser seltsame Begriff, den er in seinem Traum vernommen hatte.

„Was ist Beldars Rock?“, fragte Hackett.

„Beldars Rock?“ Quinn sah ihn überrascht an. Dann zuckte er mit den Schultern. „Noch nie gehört. Was soll das sein?“

„Ich weiß es nicht. Ich habe den Begriff bei meiner Ankunft gehört. Einer der Männer erwähnte ihn.“

Quinn fertigte ihn kurz ab. „Tut mir leid. Nie gehört.“

Hackett wurde misstrauisch. Er begann sich zu fragen, ob Quinn ihm die Wahrheit sagte. Vielleicht fürchtete er, Hackett könnte hinter ein Geheimnis kommen, das er wahren wollte.

„Vermutlich möchten Sie sofort wieder auf Ihr Schiff zurückkehren.“

Hackett schüttelte den Kopf. „Nein, ich werde vorläufig erst einmal hier bleiben.“ Seine Gedanken beschäftigten sich mit dem Besitzer der übersinnlichen Kraft, und erneut überfiel ihn der Begriff Beldars Rock wie ein Schatten. Es war ein Beweis dafür, das der Träger dieser Macht nicht mit den Siedlern zusammenarbeitete und ihm etwas Wichtiges mitteilen wollte.

Quinn blickte ihn ungläubig an. „Sind Sie sicher?“

„Ja.“

„Gut, ganz wie Sie wollen. Einer meiner Leute wird Ihnen Ihre Unterkunft zeigen.“

„Danke.“

„Wenn Sie irgendwelche Fragen haben, wenden Sie sich an mich. Wenn einer der Leute Sie darauf aufmerksam macht, dass eine bestimmte Zone gesperrt ist, dürfen Sie den Bereich unter keinen Umständen betreten. Verstanden?“

Details

Seiten
78
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924749
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
raumflotte axarabor gewalt telepathen

Autor

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor  #48 In der Gewalt des Telepathen