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Die Raumflotte von Axarabor #46 Die Legende von Gordo

2018 78 Seiten
Reihe: Axarabor , Band 46

Leseprobe

Die Legende von Gordo

Die Raumflotte von Axarabor - Band 46

von Wilfried A. Hary


Der Umfang dieses Buchs entspricht 76 Taschenbuchseiten.


Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.


Diese Geschichte ist uralt. Angeblich erzählt man sie sich schon seit Jahrtausenden. Ihr Ursprung ist nicht mehr bekannt. Und bisher wurde sie niemals niedergeschrieben.

Bis heute!

Bis jetzt!

Bis hier!

Und der Grund, wieso ich das endlich tu, ist ein ganz besonderer, denn ich habe heute erst herausfinden müssen, dass es sich keineswegs um einen Mythos handelt, sondern dass es die Wahrheit ist.

Wie ich das herausgefunden habe, davon erzähle ich später. Es ist wichtig, zuvor die Geschichte selbst kennenzulernen, wie sie sich der Erzählung nach zugetragen haben soll…

Gezeichnet: Ernesto Molani, Kurator Historisches Institut Axarabor, Leiter der Abteilung „Mythen und Legenden im Lichte der Wahrheit“



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / 3000 AD 123rf Steve Mayer

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Der kleine Junge hieß Drombur Turanaw. Ein Name, den kaum jemals jemand ihm gegenüber benutzt hatte. Für seinen gewalttätigen Vater war er für gewöhnlich nur die kleine, dreckige Ratte, für seine eingeschüchterte Mutter, die von ihrem Mann regelmäßig krankenhausreif geprügelt wurde und die sich deshalb kaum jemals um ihren Jungen kümmern konnte, hatte er überhaupt keinen Namen. Sie weinte für gewöhnlich nur anstatt zu ihm zu sprechen.

Die Welt des Kleinen bestand ausschließlich aus Schmerz und Angst. Vor allem aus Angst. Natürlich auch aus Hunger und Durst, bis er es mal wieder schaffte, aus der Toilette zu trinken, weil er an den hohen Wasserhahn nicht heran kam.

Bis es eines Tages eskalierte. Falls er gehofft hatte, es könnte nicht mehr schlimmer werden, hatte er sich nämlich gewaltig getäuscht: Sein Vater war mal wieder betrunken nach Hause gekommen, um laut zu randalieren und seine Frau windelweich zu hauen. Der Kleine versteckte sich zitternd vor Todesangst unter seinem Bettchen, das noch niemals einen Wäschewechsel erfahren hatte, und lauschte den entsetzlichen Schreien seiner Mutter und den grausigen Flüchen seines Vaters. Bis das Geschrei im wahrsten Sinne des Wortes schlagartig verstummte.

Die Ruhe, die daraufhin eintrat, war für den Kleinen beinahe noch schlimmer als die Schreie.

Was war geschehen? Hatte die Mutter nur das Bewusstsein verloren oder war sie jetzt tot? Und vor allem: Was würde wohl als nächstes geschehen?

Darauf brauchte er nicht lange zu warten. Die Tür zu seinem winzigen Zimmer, eher einer Besenkammer gleich, wurde aufgestoßen. So heftig, dass der Verputz von der Wand rieselte.

„Wo versteckst du dich wieder, du kleine, dreckige Kanalratte! Du bist an allem schuld, und dafür wirst du jetzt bitter büßen.“

Der Kleine hatte eine ausgeprägte Sprachstörung. Kein Wunder, wenn kaum jemals jemand zu ihm sprach – und wenn schon, dann alles andere als im normalen Tonfall und in normal üblicher Sprache, ohne grässliche Flüche oder wimmerndem Geschrei. Trotzdem war ihm klar, dass es jetzt wirklich schlimmer wurde für ihn, sogar viel schlimmer. Obwohl er eher angenommen hätte, eine Steigerung sei gar nicht mehr möglich. Sein Vater würde ihn jetzt lehren, wie eine solche Steigerung jedoch durchaus aussehen konnte.

Er hob das kleine Bett hoch und warf es dermaßen heftig gegen die Wand, dass es in mehrere Teile zersprang, die auf den kleinen Körper des Jungen herabfielen und sich für diesen anfühlten wie brutale Schläge.

Genau solche erwartete er jetzt, und er glaubte fest daran, dass seine Mutter nicht mehr lebte und dass es jetzt auch für ihn zu Ende ging. Er würde sich mit seiner Mutter im Tod vereinen. Dann brauchte sie nicht mehr länger zu weinen. Sie würden beide keine Angst mehr haben müssen und keine Schmerzen. Mutter und Kind im Paradies, wo sie ihn endlich in die Arme nehmen konnte, um ihm zu zeigen, dass sie wirklich eine gute Mutter sein konnte, sobald man es zuließ.

Es kam jedoch anders. Er wurde brutal gepackt, am Kragen, wie eine nasse Katze im Nacken. Der grobschlächtige, gewalttätige Mann, der dermaßen nach Alkohol stank, dass es dem Kleinen allein schon von daher schlecht wurde, trug seinen hilflosen Jungen nach draußen. Er verließ mit ihm sogar das Haus, immer wieder böse vor sich hin knurrend. Was er sagte, konnte der Kleine nicht verstehen. Das wollte er eigentlich auch gar nicht. Er wollte überhaupt nicht wissen, was ihm bevorstand, denn es schien schlimmer zu sein als der erwartete Tod, der ihn zumindest in seiner Vorstellung mit seiner Mutter vereint hätte.

Irgendwo am Boden machte der kräftige Mann sich zu schaffen. Dann sah der Kleine das unrasierte, aufgequollene Gesicht mit den rot umränderten Augen direkt vor sich.

Er hatte das letzte Mal in seinem kurzen Leben die Schreie seiner Mutter gehört, die er niemals wieder vergessen würde. Genauso wenig würde er jemals dieses Gesicht wieder vergessen können, so lange er noch zu leben hatte, und die Stimme, die wie Donnergrollen in seinen Ohren klang:

„Du hast deine Mutter verjagt, weil sie dich genauso hasst und verabscheut wie ich, und jetzt kommst du dahin, wohin du gehörst, du dreckige Ratte: Zu den anderen dreckigen Ratten!“

Er ließ den Kleinen fallen.

Es war wie schweben. Für Sekundenbruchteile fühlte sich der Kleine frei wie niemals zuvor und vielleicht wie niemals mehr danach. Bis der harte Aufprall erfolgte.

Nicht auf einem wie auch immer gearteten Boden, sondern auf einer Wasseroberfläche.

Das Wasser schlug über ihm zusammen und raubte ihm den Atem. Seine kleinen Lungen schienen bersten zu wollen, doch da war keine Luft mehr zu kriegen.

Irgendwo wurde er dagegen getrieben. Ganz viel ekliges Zeug schwamm in dieser Brühe, deren infernalischen Gestank er erst wahrnehmen konnte, als er endlich den Kopf über die Oberfläche bekam.

Instinktiv versuchte er, sich mit seinen kleinen und viel zu schwachen Händchen irgendwo festzuhalten, doch die Strömung riss ihn weiter.

Erst in einer scharfen Biegung wurde er erneut gegen den Rand getrieben und blieb dort an irgendetwas hängen, was er nicht näher definieren konnte.

Er schrie wie am Spieß, aber wer sollte ihm denn hier helfen? Was war das überhaupt? Eine Art von Unterwelt, von der er noch nie etwas gehört hatte, denn er wusste ja nichts von einer Kanalisation unter der großen Stadt, die all das Abwasser und den Unrat aufnehmen musste, was von den darüber lebenden Menschen produziert wurde, einschließlich ihrer Ausscheidungen.

Plötzlich hörte er ein vielstimmiges Piepsen, das von allen Seiten gleichzeitig zu kommen schien.

Er schrie um Hilfe, nicht nur mit seinem Stimmchen, sondern auch mit seinen Gedanken, und tatsächlich wurde es erhört. Es wurde ihm geholfen. Etwas zog und zerrte in der Dunkelheit an ihm. Er sah nicht, wer oder was es war, hörte immer nur dieses eigenartige Piepsen.

Es war ihm eigentlich egal, wer oder was ihm da half. Hauptsache, er wurde aus dieser stinkenden Brühe befreit und an eine Stelle gezogen, die trockener war.

Zitternd vor Kälte blieb er da liegen. Seine Sinne vernebelten sich. Eine gnädige Bewusstlosigkeit ließ ihn vorübergehend vergessen, was passiert war.



2

Etwas leckte ihm über das Gesicht, wohl um ihn zu wecken. Er schlug die Augen auf, konnte jedoch in der Dunkelheit nichts erkennen. Er wollte sich aufrichten, doch dazu fühlte er sich zu schwach. Der ganze Körper tat ihm weh. Er schien zwar nichts gebrochen zu haben, aber jede Bewegung, die er versuchte, steigerte den immerwährenden Schmerz ins schier Unendliche. Also blieb er einfach nur liegen und starrte in die Dunkelheit.

Das Piepsen war überall. Nicht nur um ihn herum. Irgendetwas wuselte über seine Beinchen, über seinen Bauch, über seine Arme, über seine Brust. Nur das Gesicht blieb verschont.

Jetzt war das Piepsen ganz nah an seinem Ohr.

Es klang beruhigend!

Ja, wirklich, das waren zwar keine verständlichen Worte, aber trotzdem verstand er den Sinn. Er sollte einfach nur liegenbleiben, während man sich um ihn kümmerte.

Wer eigentlich?

Da kam ihm in den Sinn, wie sein böser Vater ihn immer genannt hatte: „Dreckige Ratte!“ Diesmal klang das Piepsen… bestätigend.

Hatte er nicht gedroht, seinen kleinen Jungen als dreckige kleine Ratte zu den anderen Ratten zu werfen? Oder hatte er das nur nicht richtig verstanden?

Abermals das zustimmende Piepsen.

Das Wuseln um und auf seinem kleinen Körper nahm zu. Und dann spürte er die Last auf sich, die sich nicht mehr bewegte. Doch diese Last wärmte ihn. Das schienen viele kleine Körper zu sein, die ihn bedeckten, fürsorglich, um ihm die Kälte aus den Gliedern zu treiben.

Er konnte es nicht begreifen. Noch nicht. Er wusste nur, dass es unendlich gut tat, dass sich zum ersten Mal, seit er überhaupt denken konnte, jemand dermaßen fürsorglich um ihn bemühte.

Da war zwar nagender Hunger in seinen Eingeweiden und brennender Durst in seiner Kehle, aber er schlief trotzdem wieder ein, weil es ihm wohlig warm wurde, obwohl seine Kleider immer noch total durchnässt waren und der Gestank Ausmaßen angenommen hatte, die zu überstehen er sich selber nie zugetraut hätte.



3

Es war erstaunlich. Als der kleine Drombur erwachte, fühlte er sich schon viel besser. Die Schmerzen waren zurückgegangen. Das war erst einmal die Hauptsache.

„Aufstehen lassen!“, bat er mit seiner Babysprache, die keine Chance gehabt hatte, sich weiter zu entwickeln. Aber eigentlich war es nicht wichtig, dass er deutlich und akzentuiert sprechen konnte, denn die Ratten schienen ihn auch so zu verstehen: Sie krabbelten sofort von ihm herunter.

Drombur richtete sich auf. Er konnte sich einwandfrei bewegen. Das tat zwar immer noch weh, was aber durchaus erträglich war. Nur der Hunger machte ihm zu schaffen.

Die Ratten, die um ihn herum wuselten, piepsten auffordernd.

Er verstand: Sie hatten ihm etwas zu essen besorgt!

Da er in der Dunkelheit nichts sehen konnte, piepsten sie ihm zu, dass es neben ihm am Boden lag.

Er griff hin. Irgendeine weiche Masse, die er nicht näher definieren konnte.

Sogleich spürte er einen übermächtigen Würgereiz, der ihn davon abhalten wollte, davon zu essen. Doch der Hunger war stärker als sein Ekel. Er stopfte es sich einfach in den Mund. Es gab sowieso keine Alternative. Also entweder verhungern oder daran sterben, was die Ratten ihm zum Essen gebracht hatten.

Es war dasselbe wohl, was auch sie fraßen, und Ratten waren bekanntlich nicht gerade wählerisch. Weil sie sich das nicht leisten konnten, wollten sie überleben. Damit ging es ihnen nicht anders als dem kleinen Drombur in dieser Situation.

Er wunderte sich nicht sonderlich darüber, wieso er ausgerechnet in den Ratten neue Freunde gefunden hatte. Vielleicht hatte sein Vater ja schon immer recht gehabt, wenn er seinen kleinen Jungen als dreckige Ratte bezeichnet hatte? Dachte er jedenfalls bei sich. Vielleicht war er ja tatsächlich nur eine dreckige Ratte, wie diese Ratten hier auch?

Er beklagte es allerdings nicht.

Der Geschmack war jedenfalls fürchterlich. Schlimmer noch als der Fraß, den er immer von seiner Mutter bekommen hatte, um zu verhindern, dass er frühzeitig des Hungers sterben konnte.

Irgendwie wurde auch der Durst erträglicher durch diese weiche Masse. Was auch immer das überhaupt war, das so erschien, als hätte das schon einmal irgendwer gegessen und anschließend wieder ausgespien.

Der Ekel wollte ihn wieder übermannen, doch er hielt tapfer durch, bis nichts mehr da war. Jetzt fühlte er sich immerhin so gestärkt, dass er sogar aufstehen konnte.

Er stand auf seinen kurzen, wackligen Beinchen in der Dunkelheit und wusste nicht, was er tun sollte. Dabei dachte er an seine neuen Freunde, und es schien, als könnten sie seine Gedanken lesen: Sie sagten ihm mit ihrem Piepsen, dass er ihnen einfach nur zu folgen brauchte. Piepsend wiesen sie ihm den Weg.

So tappte der Kleine durch die ewige Finsternis, bis er vor sich in der Ferne etwas Helles sah. Es handelte sich nur um ein ziemlich diffuses Licht, das wenig erkennen ließ, aber immerhin besser als nichts.

Voller Erwartung trippelte er darauf zu. Der Weg erschien ihm weiter als er gedacht hatte, und als er das Ziel endlich erreichte, blieb er enttäuscht stehen.

War das die Stelle, an der ihn sein Vater in den Kanal geworfen hatte? Der Zugang oben stand noch offen. Eisensprossen führten hinauf, aber sie standen so weit auseinander, dass sie nur von Erwachsenen benutzt werden konnten. Mit seinen kurzen Beinen würde er es kaum schaffen. Vielleicht mit aller Anstrengung bis auf halbe Höhe. Dann würden ihn wohl schon die Kräfte verlassen, und er würde nur wieder in die unsäglich dreckige Brühe fallen, die hier durch die vertiefte Rinne des Kanals schwappte. Da blieb er lieber gleich hier unten.

Solange der Deckel oben fehlte, konnte Licht herunterfallen. Es war inzwischen schon Tag, also gab es mehr Licht als in der Nacht, wenn die eher dürftige Straßenbeleuchtung eingeschaltet war.

Die Ratten piepsten auffordernd.

Zum ersten Mal konnte er sie sich genauer betrachten. Es wimmelte förmlich von ihnen. Zwar konnte er nicht zählen, aber es waren wirklich sehr viele, und alle hatten ihn zu ihrem Zentrum erkoren. Dabei schienen es immer mehr zu werden.

Was sollte er jetzt tun? Wohin sollte er sich wenden?

Kaum hatte er sich das selber gefragt, als die Ratten darauf reagierten.

Ja, konnten sie denn wirklich seine Gedanken lesen? Wie war das möglich?

Und wieso hatten seine Eltern das nicht gekonnt? Wieso hatten sie ihn dermaßen gehasst? Was hatte er ihnen denn getan? Und wieso hatte der brutale Vater ihm die Schuld dafür gegeben, dass er seine eigene Frau so lange geprügelt hatte, bis sie verstummt war?

Vielleicht würde er es nie erfahren, aber vielleicht war es sowieso ja überhaupt nicht wichtig. Jetzt jedenfalls nicht mehr, denn er spürte die Zuneigung der Ratten. Sollte ihn der eigene Vater doch für eine dreckige Ratte halten. Ihm war es jedenfalls lieber, eine solche Ratte zu sein, als so wie sein Vater oder so wie seine Mutter. Irgendwie spürte er, dass er das von nun an verhindern konnte. Denn seine neuen Freunde waren für ihn da. Sie sorgten für ihn. Wieso auch immer. Und nur das zählte ab sofort.

Nur kurz tauchte das aufgequollene Gesicht seines alkoholisierten Vaters vor seinem geistigen Auge auf, mit diesem deutlichen Hass in den umränderten Augen. Ein Hass, den er erwiderte, jetzt, wo er keine Angst mehr zu haben brauchte. Vorher war die Angst größer gewesen, doch jetzt überwog eben dieser unbändige Hass.

Nein, er würde niemals so enden wollen wie seine Mutter. Das würde er auch nicht mehr müssen, solange er so viele Freunde hatte. Davon war er jetzt völlig überzeugt.



4

Die Ratten trieben ihn förmlich in eine bestimmte Richtung. Nur zu gern folgte er ihnen. Sie hätten gar nicht zu drängen brauchen. Was wollten sie ihm eigentlich zeigen? Wenn er das Piepsen diesmal richtig verstand – und eigentlich hatte er daran sowieso keinen Zweifel – führten sie ihn an einen Ort, an dem es besser war für ihn als hier. Obwohl er dafür zunächst das Licht verlassen und die Finsternis betreten musste.

Er konnte sich nur an dem Piepsen orientieren, doch es machte ihm nichts aus, wenn seine Augen nichts mehr sahen. Es war, als würden die Ratten allein schon mit ihrem Piepsen den finsteren Ort hier unten für ihn erhellen. Damit konnte er zwar keine Einzelheiten erkennen, aber sich doch halbwegs zurechtfinden.

Es ging durch mehrere Seitenkanäle, bis er plötzlich vor einer eisernen Tür stoppte. Die Türklinke war zu hoch. Er reichte nicht an sie heran.

Die Ratten machten ihn piepsend darauf aufmerksam, dass es einen anderen Weg gab. Sie hatten nämlich im Laufe der Zeit einen Durchschlupf geschaffen, in gemeinsamer Arbeit, indem sie ein morsches Mauerstück durchbrochen hatten. Das Loch war nicht groß genug für einen erwachsenen Menschen, aber konnte bequem von den Ratten passiert werden und war sogar für Drombur passierbar. Er versuchte es und konnte sich tatsächlich mühsam hindurchzwängen. Es ging gerade noch so. Wenn er ein wenig zunahm, war das wohl nicht mehr möglich. Aber vielleicht hatte er bis dahin sowieso eine Möglichkeit gefunden, die Tür zu öffnen?

Das Innere war genauso dunkel wie der Kanal draußen. Der kleine Junge stand da und versuchte, sich zu orientieren.

Die Ratten sagten ihm mit ihren piepsigen Stimmchen, wohin er sich wenden musste, um einen Lichtschalter zu betätigen.

Er reichte gerade noch heran und schaffte es trotzdem erst beim dritten Anlauf, das Licht aufflammen zu lassen. Der Schalter war für seine schwachen Händchen ziemlich schwer zu betätigen. Also würde er das Licht wohl besser durchgehend brennen lassen, bevor er sich erneut dieser Mühe unterzog.

Verwundert sah Drombur, dass hier schon einmal jemand gewohnt hatte. Alles war total dreckig. Es gab stinkenden Unrat, aber auch so etwas wie einen wackligen Tisch, einen genauso wacklig aussehenden Stuhl, sogar so etwas wie Möbelstücke, die jemand irgendwie organisiert hatte aus irgendwelchem Müll. In der Ecke lagen mehrere Matratzen übereinander und hatten wohl dem letzten Bewohner als Lager gedient.

Und der letzte Bewohner war sogar noch da. Allerdings war er schon eine ganze Weile nicht mehr am Leben, denn seine Knochen waren sauber abgenagt. Wohl von hungrigen Ratten, wie zu vermuten war. Dann war dieser letzte Bewohner hier gestorben? Um danach von den Ratten aufgefressen zu werden?

Aber wer hatte denn dann das Licht gelöscht? Oder war der letzte Bewohner in der Dunkelheit dahin geschieden?

Die Ratten sagten es dem Kleinen: Jemand war danach hier gewesen und hatte alles nach etwas Brauchbarem durchsucht. Da war also nichts mehr zu finden inzwischen. Nur eben die verdreckten und kaputten Möbelstücke und das stinkende Lager mit dem Knochenhaufen.

Dieser Jemand hatte das Licht gelöscht und den Raum wieder verlassen, um hinter sich die Tür zuzuziehen.

Drombur sah, dass innen ein rostiger Schlüssel steckte. Die Tür war also auf jeden Fall nicht abgeschlossen, sonst hätte der letzte Besucher den Schlüssel draußen stecken gelassen.

Drombur ging zum Matratzenlager hinüber und entfernte die Knochen, einen nach dem anderen. Das bereitete ihm keine Mühe. Dann legte er sich probehalber darauf. Es ging. Hier konnte er schlafen, und irgendwie gewann er den Eindruck, dass er es hier noch länger aushalten konnte. Solange die Ratten ihm halfen und auf seiner Seite waren.

Sie machten ihn sogar darauf aufmerksam, dass es einen Wasserhahn gab.

Drombur trippelte hinüber. Der Wasserhahn diente anscheinend dazu, Putzeimer zu füllen oder so. Weshalb sonst befand er sich so niedrig?

Umso besser für den kleinen Drombur. Er packte mit beiden Händchen den Wasserhahn und versuchte, ihn aufzudrehen.

Das war gar nicht so einfach, und die Ratten konnten ihm dabei leider nicht helfen. Es dauerte eine ganze Weile, bis es ihm unter Aufbietung aller Kräfte tatsächlich gelang.

Das Wasser war rein und klar. Durstig beugte sich Drombur unter den dünnen Wasserstrahl und trank sich endlich einmal satt.

Details

Seiten
78
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924718
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
raumflotte axarabor legende gordo

Autor

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Titel: Die Raumflotte von Axarabor #46 Die Legende von Gordo