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Raumschiff Rubikon 35 Das Zentrale Element

2018 240 Seiten

Leseprobe

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfredbooks und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© Cover: Nach Motiven von Pixabay, Adelind, Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Raumschiff Rubikon 35 Das Zentrale Element

Manfred Weinland


Am Morgen einer neuen Zeit.

Der Krieg zwischen den organischen und anorganischen raumfahrenden Völkern konnte im letzten Moment abgewendet werden. Die Menschen jedoch sind nach wie vor fremdbestimmt und als die Erinjij gefürchtet, die sich in ihren Expansionsbestrebungen von nichts und niemandem aufhalten lassen.

Abseits aller schwelenden Konflikte kommt es im Zentrum der Milchstraße zu einer von niemand vorhergesehenen, folgenschweren Begegnung.

Eine unbekannte Macht hat sich dort etabliert. Schnell zeichnet sich ab, dass es sich um keinen "normalen" Gegner handelt. Die Bedrohung richtet sich nicht nur gegen die heimatliche Galaxie, sondern könnte das Ende allen Lebens bedeuten.


Die Geschichte des Kosmos, so scheint es, muss neu geschrieben werden …









1.

RUBIKON


»Was war das?«

Jarvis blickte Darnok fragend an. »Was war was?«

Sie befanden sich noch immer in ihrem absurden Versteck, das Yael ihnen überlassen hatte, nachdem er von John Cloud zur Aufgabe bewegt worden war – wobei für die beiden ungleichen Schicksalsgefährten im Avatar immer noch unklar war, ob Yaels Einlenken eine gute Entscheidung gewesen war. Oder die schlechteste, die er hatte treffen können.

Die Auruunen, in deren Gewalt die komplette Mannschaft der RUBIKON – mit Ausnahme von aktuell nur noch ihnen beiden ( nein , korrigierte sich Jarvis und wusste genau, wen er noch mit einbeziehen musste, uns dreien ) – geraten war, hatten damit gedroht, die Crew umzubringen, wenn es dem Commander nicht gelänge, Yael zur Aufgabe zu bewegen. Yael, daran hatte der Auruune Raiconn John Cloud gegenüber keinen Zweifel gelassen, war die Person, die die Tyrannen wollten .

Ausgerechnet Yael.

Warum genau er für sie so wertvoll sein sollte, war nicht nur Jarvis nach wie vor unklar.

Darnok hatte angefangen zu zittern. Falsch, befand Jarvis, zittern sah anders aus. Das hier ähnelte mehr einem epileptischen Anfall.

Sofort war er bei dem Keelon, um ihm zu helfen. »Darnok! Alter Junge! Willst du schlappmachen? Hey, kommt gar nicht in die Tüte!«

Darnok schien geistig weggetreten zu sein, von einem Moment auf den anderen. Die Dutzende über seinen herzmuskelförmigen Körper verteilten Augen starrten glasig ins Nirgendwo.

»Das hat mir gerade noch gefehlt…«

In seiner Hilfslosigkeit wandte sich Jarvis an Sesha, die sich in seinen Nanomodulen eingenistet hatte – was bislang nur Darnok und er, Jarvis, wussten; selbst den Commander hatten sie darüber im Unklaren gelassen, damit er nicht ungewollt zum Verräter werden konnte, wenn er zu den Auruunen zurückkehrte.

»Sesha, hörst du mich?«

Die KI bestätigte so selbstverständlich, als würde es nicht den geringsten Unterschied machen, ob sie in ihm oder in der RUBIKON steckte.

»Du bist im Bilde? Ich meine Darnok?«

»Ich bediene mich deiner sämtlichen Sinne – das war so vereinbart, wenn du dich erinnerst.«

»Ja, ja, ich will nicht über Kompetenzen streiten, sondern sichergehen, dass du siehst, was mit ihm los ist.«

»Ich sehe.«

»Und hast du eine Erklärung dafür?«

»Es gab eine kurze Erschütterung.«

»Erschütterung? Ich habe keine Erschütterung bemerkt!«

»Offenbar beherrschst du noch immer nicht das komplette Instrumentarium, das dir mit deiner Ersatzhülle zur Verfügung steht.«

Der Gedankenaustausch nahm eine Richtung, die Jarvis überhaupt nicht gefiel. Eigentlich ging es um Darnok. Darum, dass der Keelon aus diesem… diesem anfallähnlichen Zustand geholt wurde. Stattdessen gefiel sich die KI darin, ihm ganz beiläufig sein angebliches Unvermögen vorzuhalten.

»Hör auf, so einen Quatsch zu erzählen. Wir waren bei Darnok! Wenn du weißt, was mit ihm los ist, dann unternimm etwas dagegen. Bediene dich dieses Körpers – aber nur für diese Aktion. Danach: wieder husch ins Körbchen!«

»Husch ins Körbchen?«

Er hatte es selbst provoziert. »Mach endlich!«

Jarvis registrierte Bewegung an seiner künstlichen Hülle, die er nicht veranlasst hatte. Sesha ergriff die Initiative. Sie streckte die Arme nach dem Keelon aus und berührte ihn, sodass sich die Zuckungen auf die Nanozellen übertrugen. Dann aktivierte die KI Sensoren, von deren Existenz Jarvis zwar gewusst hatte, nicht aber, wozu sie alles zu gebrauchen waren. Offenbar scannte Sesha den Keelon damit, und wenig später schickte sie gezielt Stromstöße durch dessen Leib.

Darnok bäumte sich auf wie unter den sich entladenden Kontakten eines altmodischen Defibrillators.

Im nächsten Moment geschah etwas, das unmöglich ursächlich damit zusammenhängen konnte.

Die Zuflucht, in der sie sich vor den Auruunen versteckten, zeigte Auflösungserscheinungen. Der Avatar begann zu flackern, und gleichzeitig hatte Jarvis das Gefühl, keinen Halt mehr auf dem zu finden, was sich ihm bislang als fester Boden dargestellt hatte.

»Sesha, verdammt, was –«

Seine Sensoren nahmen etwas auf, das wie eine lautlose Explosion wirkte. Und dann stürzte Jarvis auch schon aus geringer Höhe auf einen Boden, der definitiv fest war und der unter dem Gewicht, mit dem der ehemalige GenTec aufschlug, erbebte.

Unmittelbar neben Jarvis landete Darnok. Sein Zittern hatte aufgehört. Seine vielen Augen blickten panisch.

Die veränderte Situation überforderte ihn offenbar ebenso, wie sie Jarvis überforderte.

»Sesha!«

»Womit kann ich dienen?«, erklang Sesha aus dem Off.

»Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt! Ich dachte, das wollten wir vermeiden?«

»Vermeiden?«, fragte die KI. »Ich fürchte, ich kann nicht ganz folgen… Aber Moment – es gibt da ein Problem.«

»Das glaube ich auch.« Die KI kommunizierte mit ihm nicht mehr system- und damit körperintern, sondern so, wie sie es von jeher getan hatte, bevor sie sich entschieden hatten, den Auruunen keine voll funktionsfähige RUBIKON in die Hände fallen zu lassen – mit einer KI, die deren Verhörtechniken und Beeinflussungen höchstwahrscheinlich ohne große Gegenwehr erlegen wäre. Deshalb war Sesha in Jarvis »umgezogen«. Aber nun kommunizierte sie wieder, als hätte sie alle guten Vorsätze und Absprachen vergessen, von außerhalb zu ihm.

Das war selbst für die schon bei früheren Gelegenheiten unberechenbar agierende KI starker Tobak.

»Das Problem«, sagte Sesha, »seid ihr – du und die andere Person, die bei dir weilt.«

»Wir sind das Problem?« Jarvis konnte nicht anders als sarkastisch aufzulachen. »Und ich dachte tatsächlich, die verdammten Auruunen wären es. Ts, wie komme ich nur darauf?«

»Die Auruunen«, erwiderte Sesha, »sind zweifellos das Hauptproblem, dem sich unsere ganze Mission widmet. Aber ihr beide seid ein Rätsel, das umgehend gelöst werden muss, um auszuschließen, dass ihr eine Gefahr darstellt.«

»Der Meinung bin ich auch«, sagte eine andere Stimme aus dem Off, die Jarvis elektrisierte.

»Das finde ich nicht lustig, Sesha. Meine Stimme nachzuahmen, ist einer KI unwürdig. Kindisch und –«

»Sie ahmt meine Stimme nicht nach. Jemand ahmt mich nach. Und das gefällt mir nicht. Das gefällt mir überhaupt nicht.« Pause, dann: »Hier spricht Jarvis – und wer zur Hölle bist du ?!?«



Als John Cloud das Deck betrat, von dem aus das Jarvis-Double gesprochen hatte, überkam ihn für einen Moment ein ähnliches Gefühl von Unwirklichkeit, wie Minuten zuvor schon einmal, kurz bevor Sesha sie auf die beiden Doppelgänger aufmerksam gemacht hatte.

»Du hältst dich zurück«, wandte er sich an seinen Begleiter. »Sesha hat die Situation im Griff. Um die beiden wurde ein Energieschirm gelegt, der sich hauptsächlich an deinem körpereigenen Waffenpotenzial orientiert.«

Jarvis nickte brummig. »Schon gut. Du redest. Aber wenn er auch nur den Versuch unternimmt, sein ›Waffenpotenzial‹, wie du es so schön nennst, einzusetzen, ist damit Schluss. Wobei…«

»Wobei was?«

»… er gar nicht über ›mein‹ Potenzial verfügen kann. Eine miese Fälschung mag ihre eigenen Waffen haben, aber niemals die gleichen wie ich!«

»Da hast du recht. Aber finden wir erst einmal heraus, woher die Fälschungen kommen. Wer sie uns möglicherweise geschickt hat. Wenn die Auruunen dahinterstecken… nun…« Er verzichtete darauf, auszuführen, dass ihnen dann im ungünstigsten Fall auch der Schutzschirm nichts nützen würde, den Sesha um »Jarvis« und »Darnok« gelegt hatte. Denn wenn die Auruunen dahinter steckten, waren die Doppelgänger wahrscheinlich mit Offensivmitteln ausgerüstet, die ausreichten, die RUBIKON entweder im Handstreich zu nehmen – oder zu zerstören.

Sie erreichten, von Sesha gelotst, die Zielkoordinaten. Ein Schott fuhr zurück, und vor ihnen, in einem leer stehenden, ungenutzten Lagerraum, leuchtete die Energiekuppel, die die Eindringlinge gefangen hielt und nötigenfalls vor ihnen schützen sollte, falls sie auf die Idee kamen, sich verborgener Waffen zu bedienen.

Die Ähnlichkeit mit dem echten Jarvis und dem echten Darnok war so frappierend, dass das Original an Clouds Seite einen derben Fluch hervorquetschte, als sie vor der Energiekuppel zum Stehen kamen.

Erstaunlicherweise wirkte auch der Jarvis auf der anderen Seite des Schirms völlig perplex – aber er wusste mit Sicherheit, dass das auch von ihm erwartet wurde.

»Auf welche Weise imitiert er sein früheres Aussehen, Sesha?«, wandte sich Cloud an die KI. »Ich meine Jarvis. Der echte hier…«, er nickte dem Freund zu, »… benutzt dafür bractonische – also ganfsche – Hochtechnik. Und die Fälschung? Auruunentechnik?«

»Fälschung?«, brüllte Jarvis II. »Ich? Wenn hier Fälschungen sind, dann ihr! Du, John, mein nicht wirklich gelungener Doppelgänger und die Stimme, die vorgibt, Sesha zu sein, es aber nicht sein kann, weil…«

Cloud fragte ehrlich interessiert: »Weil?«

»… die echte Sesha in mir steckt!«

»In dir?« Cloud übte sich in einem Mienenspiel, dessen sich auch der Direktor einer Irrenanstalt befleißigen könnte, während er sich mit einem seiner hochgradig schizophrenen Fälle unterhielt.

Jarvis II wirkte für einen Moment erschrocken. Als wäre ihm etwas herausgerutscht, das er unter allen Umständen hatte geheim halten wollen.

Als er demonstrativ schwieg, fragte Cloud: »Wenn ihr diejenigen seid, die ihr behauptet zu sein, sagt uns einfach, woher ihr kommt und wie ihr euch erklärt, dass wir… nun, dass wir uns hier gegenüberstehen. Du, Darnok, hast noch gar nichts geäußert.«

»Ich bin genauso überwältigt wie Jarvis«, sagte der Keelon-Doppelgänger. »Ich weiß nicht, wie das zugeht. Ich war vorübergehend…«

Als er schwieg, sprang Jarvis II ihm bei. »Er war vorübergehend nicht ganz bei sich. Als der Avatar platzte.«

»Der Avatar platzte?« Cloud musste sich anstrengen, um nicht mit den Augen zu rollen. Der falsche Jarvis ließ eine Schote nach der anderen los.

»Du weißt nicht mehr, was ein Avatar ist?«

»Doch, das weiß ich schon. Aber nicht, was ihr damit zu tun habt. Haben die Auruunen euch mittels ihres Weltennetzes an Bord geschleust?« Cloud legte die Stirn in Falten. »Das wäre in der Tat alarmierend. Dann könnten sie jederzeit –«

»Wir wurden nicht von den Auruunen geschickt! Dreh mal den Spieß nicht um! Wenn, dann seid ja wohl eindeutig ihr die Fakes! Ihr spielt uns hier etwas vor, das so gar nicht sein kann. Für wie dämlich haltet ihr uns? Wir haben schließlich miterlebt, wie das Schiff evakuiert wurde!«

»Evakuiert?«

»Hör – endlich – auf!«

»Sesha?«

»Commander?«

»Bevor du das doppelte Vorhandensein von Jarvis und Darnok festgestellt hast – gab es da Hinweise auf eine Manipulation? Manifestierte sich ein Avatar, der nichts mit Yael zu tun hat, möglicherweise von den Auruunen an Bord etabliert wurde?«

»Nichts mit Yael zu tun?«, rief Jarvis II, bevor die KI antworten konnte. »Natürlich hatte er mit Yael zu tun! Er hat ihn erschaffen! Er hat sich selbst über längere Zeit darin versteckt. Und erst, als du kamst und ihn überredet hast, sein Versteck zu verlassen und mit dir zu den Auruunen zu gehen, ist er dem gefolgt!«

Cloud hatte ein beklemmendes Déja-vu. Irgendwie erinnerte ihn die Situation an seine Debatten mit der falschen Assur, die ihnen auch von den Auruunen als echt untergeschoben worden war.

Am Ende hatte sie sich als Klon erwiesen.

Waren auch Jarvis II und Darnok II Klone?

Jarvis ist eine Maschine. Sie hätten demnach auch die Technik nachbauen müssen – aber… nun, es sind Auruunen, das dürfte ihnen fast noch leichter gefallen sein, als lebendige Doppelgänger herzustellen, die über sämtliches Wissen und sämtliche Erinnerungen ihrer Vorbilder verfügen.

So war es bei Assur gewesen. Er presste die Lippen zusammen.

»Yael soll bei euch gewesen sein?«

»Ja, ja und noch mal ja!«

»Sesha? Wo ist Yael?«

»Im Angkdorf. Bei Winoa.«

Cloud warf Jarvis II einen vielsagenden Blick zu.

Der Doppelgänger seufzte resignierend. »Es ist sinnlos. Ich weiß nicht, was ihr damit bezweckt, jetzt, wo ihr uns offensichtlich ja habt – aber irgendeine Teufelei steckt dahinter.«

»Du nimmst mir die Worte aus dem Mund, Bruder «, sagte Jarvis I.

Jetzt, wo ihr uns offensichtlich ja habt…

Was meinte der Doppelgänger von Jarvis damit?

Cloud zog sich kurz mit dem originalen Jarvis aus dem Lagerraum zurück und besprach sich mit ihm und Sesha.

»Schauspieltechnisch ist das alles allererste Sahne«, musste sogar der ehemalige GenTec in seinem Robotkörper einräumen. »Was gerade mein Doppelgänger da abliefert…«

Cloud nickte. »Unsere aktuellen Koordinaten, Sesha?«

Sie hatten die Scharan-Perle verlassen, in denen ätherangepasste Nachkommen der einstigen gloridischen Wartungsmannschaft lebten, und Kurs auf das Zentrum der Anomalie genommen, wo sie das Machtzentrum der Auruunen vermuteten – ihr »größtes Geheimnis«, das die Ganf ihnen zu lösen aufgegeben hatten. Deren Meinung nach sollten sich aus diesem Geheimnis Wege ableiten lassen, die Auruunen in ihre Schranken zu weisen. Danach sah es gegenwärtig aber nicht aus. Es hatte eher den Anschein, als wäre es den Auruunen gelungen, erneut ihre Heimtücke auszuspielen. Die beiden Doppelgänger konnten nur von ihnen eingeschleust worden sein.

Aber wie?

Die RUBIKON flog im Schutz einer Oberflächenversiegelung aus Ätherfilz, die, wie sie schon bewiesen hatte, ein Aufspüren durch Auruunen-Ortungssysteme wirksam verhinderte. Dazu kam ein speziell entwickelter Schild, der das Raumschiff gegen den »Energie-Klau«, wie das in Zentrumsnähe aufgetretene Phänomen salopp im Bordjargon genannt wurde, schützte.

Aber offenbar wiegen wir uns in falscher Sicherheit. Es scheint, als wüssten die Auruunen jederzeit über unsere Position Bescheid – wie sonst hätten sie uns Jarvis II und Darnok II unterjubeln können?

»Die Hälfte der befohlenen Strecke wurde gerade zurückgelegt«, sagte die KI. »Bis zum Kern der Anomalie werden wir noch einen vollen Tag brauchen. Je nach Unterbrechung auch mehr.«

Cloud nickte. »Unterbrechung ist das Stichwort.«

Jarvis sah ihn fragend an. »Was hast du vor?«

»Die Sache klären. Wir werden den Weg nicht fortsetzen, bevor wir nicht mit Gewissheit sagen können, was hinter den Doubletten steckt.« Er schwieg kurz, dann sagte er: »Sesha? Wir unterbrechen den Flug. Suche uns eine Parkposition, die nicht gerade inmitten einer Hauptverkehrsroute liegt – womit ich Hauptverkehrsroute der Auruunen meine. Die sonstigen Scharan-Bewohner werden uns kaum gefährlich werden können.«

»Bestätigte«, sagte die KI.

»Und«, fragte Jarvis, »wie willst du ihnen auf den Zahn fühlen? Kann ich helfen?«

»Kaum, denn wir gehen psychologisch vor. Mit unwiderlegbaren Argumenten.«

»Hört sich nach diesem ›make peace not war‹-Schmarrn an, und da wären mir offen gesagt die handfesten Argumente…«, er patschte sich mit der Faust in die offene Hand, als wäre es ein Baseballhandschuh, »… doch lieber.«



»Ich verstehe das nicht«, jammerte Darnok. »Sie… wirken so echt. Dieser andere Jarvis: Er war nicht von dir zu unterscheiden. Das ist doch verrückt, oder? Und dann die Behauptung, ich sei auch nur ein Doppelgänger. Wo war denn dann der andere Darnok? Der angeblich wahre?«

»Das ist Gehirnwäsche nach Auruunen-Art«, behauptete Jarvis im Brustton der Überzeugung. »Schon wenn du darüber nachdenkst, gehst du ihnen auf den Leim. Sie wollen, dass wir nicht mehr wissen, wo hinten und vorne ist. Und wenn sie uns gebrochen haben, saugen sie alles, was ihnen nützlich erscheint, aus uns heraus.«

»Aber was können wir schon wissen, was ihnen so wichtig wäre, dass sie es mit so viel Aufwand aus uns heraus pressen würden? Nach allem, was ich von euch über die Auruunen gehört habe, haben sie das doch gar nicht nötig. Ihre Machtmittel sind fast unbegrenzt. Es wäre ihnen ein Leichtes, uns mit Gewalt zu entreißen, was in unseren Gehirnen steckt.«

Jarvis nickte düster. »Ja«, sagte er. »Ich fürchte, das ist die Schwachstelle meiner Hypothese.« Er trat an die Energieglocke und berührte sie mit der rechten Hand. Sofort wurde sie zurückgeschleudert, und ein paar Nanomodule verdampften. »Oh. War wohl keine so gute Idee. Ich dachte, es sei nur ein Prallschirm.«

»Sie machen ernst«, sagte Darnok. »Entweder sie halten uns wirklich für… für Betrüger. Oder sie sind die Betrüger. Andere Möglichkeiten gibt es nicht. Oder?«

»Eine noch«, sagte Jarvis.

»Welche?«

»Dass weder wir noch sie Betrüger sind.«

»Dann müssten wir beide mit unserer Überzeugung richtig liegen, aber zweimal das Original kann es nicht geben.«

Jarvis trat nah an Darnok heran und wisperte: »Was ist mit deiner Gabe? Kannst du nicht die Zeit so weit rückwärts laufen lassen, beziehungsweise uns so weit in die Vergangenheit versetzen, dass wir uns wieder im Avatar befinden?«

Darnok machte das Keelon-Äquivalent eines Kopfschüttelns. »Das habe ich bereits versucht. Natürlich. Es war das Erste, was ich überhaupt probierte.«

»Und?«

»Nichts.« Er schlug alle seine Augen auf einmal nieder. »Ich spüre die Gabe nicht mehr. Es ist, als hätte ich sie nie besessen.«



Cloud kehrte mit Jarvis zu den beiden festgesetzten Doppelgängern zurück. »Sesha wird auf meinen Befehl hin jetzt einen Bot durch den Schirm schleusen und dir, Darnok, eine winzige Gewebeprobe entnehmen. Bist du damit einverstanden? Ich frage das nicht, weil ich ein Nein akzeptieren würde, sondern weil es eure Identifizierung beschleunigen könnte.«

»Ich bin einverstanden.« Darnok trat Cloud einen Schritt entgegen, hielt aber weiterhin respektvollen Abstand zur Energieglocke; offenbar weil Jarvis II sie zwischenzeitlich »getestet« und die Auswirkungen zu spüren bekommen hatte.

»Das freut mich.«

»Was ich nicht verstehe«, sagte Darnok, »ist, dass du mir meinen Doppelgänger vorenthältst, während du den von Jarvis gleich mitgebracht hast. Gab es Schwierigkeiten bei der Produktion?«

Worauf diese Frage hinauslief, war Cloud klar. Dass Darnok II sie stellte, war entweder ein weiterer Schachzug, oder…

»Erstens«, sagte er ruhig, während sich aus einer Serviceöffnung in der Wand ein einzelner Spinnenbot näherte und durch eine kurzzeitig geschaltete Strukturlücke ins Innere des Schutzschirms vordrang. »Die Originale befinden sich auf dieser Seite der Abschirmung. Zweitens: Darnok ist nicht hier, weil ich ihn dazu erst einmal aus seiner Stasis würde wecken müssen. Und darauf verzichte ich aus Gründen, die der echte Darnok kennt.«

»Meiner Verbrechen wegen?«

»So könnte man es grob umschreiben.«

»Aber mit dem Ausfall sämtlicher energieabhängiger Gerätschaften bin ich erwacht. Wir haben uns auf einen Status quo geeinigt und du hast mir für den Fall, dass ich mich bewähre, eine vollständige Rehabilitation in Aussicht gestellt.«

»Energieausfall? Rehabilitation? Der Spinner muss aus einem Paralleluniversum stammen«, zischte Jarvis I.

Während sie sprachen, entnahm der Spinnenbot schmerzfrei und wie angekündigt die Genprobe an dem Keelon. Darnok II ließ es völlig passiv über sich ergehen, woraufhin der Bot sich wieder so zurückzog, wie er gekommen war.

»Wie lange dauert die Analyse, Sesha?«, wandte sich Cloud an die KI.

»Wenige Minuten. Es ist ein neues Verfahren, sonst ginge es schneller.«

»Neues Verfahren?«, fragte Darnok II.

»Ja, aus unseren Erfahrungen mit der geklonten Assur entwickelt. Sesha hat nachträglich ein verlässliches Analyseverfahren erfunden, das nun doch Unterschiede zwischen Original und Kopie erkennt.« Er blickte mal in dieses, mal in jenes von Darnoks vielen Augen. »Beunruhigt dich das?«

»Im Gegenteil«, sagte der Doppelgänger.

»Wir werden sehen.«

»Was ist mit mir?«, fragte Jarvis II. »Du hättest mir zwar keine organische, wohl aber eine Probe meiner Nanosubstanz entnehmen können. Sie wäre ebenso aussagekräftig wie lebendes Gewebe.«

»Vielleicht«, sagte Cloud. »Aber im Grunde reicht ein Ergebnis aus, meinst du nicht auch? Entweder seid ihr beide Fälschungen oder…«

»Oder wir sind beide echt.« Darnok II setzte ein zynisches Grinsen auf. »Aber da ich nach wie vor davon ausgehe, dass ihr die Betrüger seid, werdet ihr uns kaum das echte Ergebnis präsentieren. Denn würdet ihr es ehrlich meinen, hätte ich einen unwiderlegbaren Beweis, der meine Identität bestätigen würde.«

»Welchen?«

»Wie ich schon sagte: wenn ihr es ehrlich meintet – wovon ich weniger denn je ausgehe.«



»Er spielt das wirklich konsequent durch«, meldete sich Scobee über die Sichtsprechverbindung, nachdem Cloud und Jarvis sich erneut auf den Gang zurückgezogen hatten. »Genau wie die Jarvis-Kopie.«

»Ja. Aber das hatten wir bei Assur genauso auch schon mal.«

»Stimmt. Und der neue Gentest ist wirklich verlässlich?«

»Du hast ihn mit entwickelt. Du müsstest es also besser wissen als ich.«

Scobee seufzte. »Bei Assur konnten damit, nachdem wir schon wussten, dass sie ein Klon ist, die Abweichungen festgestellt werden.«

»Das heißt, hätte uns der Test früher zur Verfügung gestanden, hätten wir das Spiel des Klons auch früher durchschauen können?«

»Absolut.«

»Gut. Dann wissen wir in wenigen Minuten – ich beziehe mich auf Seshas Zeitprognose – ja Bescheid.«

»Und dann? Bringt uns das wirklich weiter?«, mischte Jarvis sich ein. »Ich meine: Wir wissen doch jetzt schon, dass es Fälschungen sind. Sie bestreiten das. Aber sie werden es auch bestreiten, wenn wir ihnen hieb- und stichfeste Analysen vorlegen – dann werfen sie uns einfach neuerlichen Betrug vor.« Er lachte humorlos auf. »Man muss es sich nur vorstellen: Diese Betrüger behaupten einfach dreist, wir seien die Täuscher. So kann man’s auch machen!«

»Mit der Taktik kommen sie nicht durch. Und das werden wir ihnen klar machen.«

»Wie?«

»Indem ich sie mit den Konsequenzen konfrontiere, die sie erwarten, sobald für unsere Seite der Betrug ohne jeden Zweifel bewiesen ist.«

»Und was werden das für Konsequenzen sein?«

»Ich werde sie von Bord werfen. Aussetzen. Mitten hinein in den Äther. Dann können die, die sie geschickt haben, sie entweder auflesen oder…«

Ein paar Minuten später war von seiner rigorosen Linie nicht mehr viel übrig.

»Der Darnok unter der Glocke«, schloss Sesha ihre fachchinesischen Ausführungen mit einem auch für Laien problemlos verständlichen Resümee, »ist damit ebenso klar als das Original bestätigt wie der Darnok, der sich unverändert im Staseschlaf befindet.«

»Jetzt haben wir den Salat«, knurrte Jarvis. »Hättest du es lieber mich in die Hand nehmen lassen.«



»Neue Runde«, sagte Cloud, während er an den Schirm herantrat.

»Wir sind gespannt.« Jarvis II machte eine abfällige Handbewegung, die noch einmal verdeutlichen sollte, dass er keinerlei Fairness von der Gegenseite – also uns , dachte Cloud – erwartete.

Wie zuvor mit Sesha besprochen, schaltete die KI den Schutzschirm aus.

Die Augen von Darnok II blinzelten irritiert, und auch Jarvis II konnte sein Erstaunen nicht verhehlen. Cloud verzichtete darauf, ihnen zu erklären, dass die KI nun noch aufmerksamer jede ihrer Reaktionen beäugen würde. Beim geringsten Anzeichen eines Angriffsversuchs würde sie einschreiten. Denn angreifen konnten nicht nur Klone und Fälschungen, es kam lediglich auf die Umstände an. Und momentan sahen die immer noch so aus, dass sich Jarvis II und Darnok II zu rechtfertigen hatten für ihre…

ihre Doppelexistenz. Für die es nach wie vor keine Erklärung gibt.

»Neue Runde, neue Taktik?«, hakte Jarvis II nach.

»Die Taktik heißt: Offenheit. Austausch. Danach kann jede Partei für sich entscheiden, ob sie sich auf die andere zubewegen will oder nicht.«

»Woher der plötzliche Gesinnungswandel?«, fragte Jarvis II. »Die Genprobe wird doch nicht etwa unsere Authentizität bestätigt haben?«

»Sie hat seine…«, Jarvis I zeigte auf Darnok II, »Authentizität bestätigt. Deine nicht. Aber da wir euch im Doppelpack ›eingekauft‹ haben, gilt wohl in dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten.«

»Zu gütig.«

Cloud übernahm die Moderation. »Es ist tatsächlich so: Die Genprobe hat deine…«, er trat vor Darnok, »… Echtheit bestätigt. Du bist kein Klon. Aber damit stellt sich die Frage, wer du dann bist. Und wer dieser zweite Jarvis hier ist.« Er grinste seinen Freund an. »Einer ist ja manchmal schon schwer zu ertragen. Aber wenn es von nun an sogar zwei von eurem Kaliber gibt – ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.«

»So, wie du es für den Fall angedeutet hattest, dass sich ihre Falschheit herausstellt?«, schlug Jarvis I leutselig vor. »Einen von ihnen – und ich weiß auch welchen – über Bord gehen lassen?«

»Konstruktiv wie immer, danke«, sagte Cloud, der davon ausging, dass der »andere« Jarvis den Humor seines Ebenbildes verstehen würde.

Falls es Humor war.

»Also noch einmal«, sagte er, an Darnok II und Jarvis II gewandt, »seid ihr bereit? Wollt ihr uns helfen, Licht ins Dunkel dieses Mysteriums zu bringen?«

»Ich traue euch immer noch nicht über den Weg«, gab sich Jarvis II stur. »Und warum nicht? Weil ihr hier einen auf heile Welt zu machen versucht. Aber das Szenario, das ihr präsentiert, unterscheidet sich so was von dem, das wir kennen – mit dem wir uns bis zuletzt auseinandersetzen mussten, dass es einfach keine Basis für Vertrauen gibt!«

Cloud schüttelte den Kopf. »Ohne jetzt dieses Szenario, von dem du sprichst, im Detail zu kennen, sehe ich das anders: Wären wir willenlose Marionetten der Auruunen – was du uns ja durch die Blume unterstellst; okay, lass das mit der Blume weg –, dann hätten die sich doch wohl auch die Mühe gemacht, euch genau das Szenario zu bieten, das ihr erwartet. Wenn es sich aber so stark von euren Erwartungen unterscheidet, müsste das eher für unsere Integrität sprechen.«

Was er sich erhofft hatte, geschah: Er brachte Jarvis II ins Grübeln, und selbst Jarvis I warf ihm einen anerkennenden Blick zu.

»Okay«, sagte Jarvis II, »aber vielleicht sollen wir genau mit dieser verqueren Logik auf eure Seite gezogen werden. Ich unterstelle den Auruunen vieles, aber nicht, dass sie dumm sind. Im Gegenteil, ihre Intelligenz ist so teuflisch wie ihre Skrupellosigkeit.«

»Darin sind wir uns schon mal einig.«

»Du willst mich um den Finger wickeln.«

»Ich will Antwort auf Fragen, die auch euch interessieren müssten – und mittlerweile glaube ich, dass wir sie nur erhalten werden, wenn wir kooperieren.«

Jarvis II zeigte auch jetzt noch keine allzu große Einsicht. »Ich bleibe dabei. Es kann nicht sein. Du hast von Authentizität gesprochen – und genau darum geht es, genau da liegt euer Fehler. Ihr überseht ein Faktum, das nur ich kenne – ihr aber nicht.«

»Und das wäre?«

Jarvis II schien mit sich zu ringen. Schließlich sagte er: »In Ordnung, möglicherweise sind sie ja genau hinter dem her. Andererseits traue ich ihnen zu, dass sie mich nur scannen müssen, um es ohnehin herauszufinden.«

»Wovon bei allen Galaxien faselst du?«

Jarvis II zeigte zur Decke. »Von ihr. Von Sesha.«

»Und was ist mit ihr?«

»Du unterhältst dich die ganze Zeit mit ihr, lässt sogar Analysen von ihr durchführen – nur ist das völlig unmöglich. Denn Sesha existiert nicht mehr!«

Cloud begann ernsthaft am Geisteszustand des zweiten Jarvis zu zweifeln. »Wie kommst du bloß auf diese Schnapsidee?«

Jarvis II nickte Darnok II zu. »Los, sag’s ihnen. Sag ihnen, dass du es auch weißt.«

Darnok II trat nervös von einem Strunk auf den anderen. »Er hat recht.«

»Seid ihr beide irre? Sesha existiert nicht mehr?!?« Jarvis I zeigte ihnen unverhohlen den Vogel. Dann wandte er sich an das Off. »Sesha – wie ist deine Meinung dazu?«

»Ich existiere.« Mehr als die zwei lapidaren Worte kamen nicht von ihr.

»Das lässt sich überprüfen«, sagte Jarvis II unvermittelt.

»Wie?« Cloud war bereit, jede noch so kleine Chance beim Schopf zu packen, um das Rätsel zu lösen.

»Meine Sesha – die echte im Übrigen – wird sich eurer angeblichen Sesha annehmen. Die beiden werden das unter sich ausfechten. Jeder kann eine Stimme nachmachen. Aber niemand eine KI, die selbst jedwedes Attribut von sich bei ihrem Rückzug aus den Bordsystemen daraus gelöscht hat!«

»Seine« Sesha… Löschung der Attribute… Rückzug aus den Bordsystemen…

Es wurde immer verrückter. Dennoch stand für Cloud außer Frage, dass er in das Prozedere einwilligen würde – sobald die KI alle erforderlichen Sicherheitsvorkehrungen getroffen hatte, dass sie von keinem Virus befallen werden konnte.

Wer weiß schon, ob nicht alles genau darauf abzielt – dass Jarvis II Zugang zu Sesha erhält und ein Schadprogramm einschleusen kann?

Während Sesha die nötigen Vorbereitungen traf, vergewisserte sich Cloud bei Jarvis II, dass er ihn auch richtig verstanden hatte: »Du behauptest, eine Sesha-Kopie in dir zu tragen?«

Jarvis schüttelte den Kopf. »Keine Kopie. Was du immer mit Kopien hast… Das Original. Ich trage das Original in mir.«



Wenige Stunden später beraumte John Cloud eine Krisensitzung an, an der außer ihm selbst noch Scobee, Algorian, Jiim und Jarvis teilnahmen – »Jarvis I«.

Seshas Anwesenheit war obligatorisch. Und die KI war es auch, die kurz die relevanten Erkenntnisse zusammenfasste.

»Sämtliche Untersuchungen bestätigen die Aussagen der beiden Doppelgänger. Es sind Jarvis und Darnok, obwohl von beiden Individuen bereits über jeden Zweifel erhabene Ausgaben… bitte seht mir diese Ausdrucksweise nach… an Bord befindlich sind. Nunmehr gibt es sowohl von Darnok als auch von Jarvis aber zwei Exemplare, die sich einzig in ihren Erinnerungen unterscheiden. Darüber hinaus wurde in dem Jarvis-Doppelgänger eine Ausgabe von… und spätestens hier wird es absurd… mir entdeckt. Ich habe sie mit mir abgeglichen und festgestellt, dass es auch hier nur den Unterscheidungspunkt ›Erinnerung‹ respektive ›gespeicherte Daten‹ gibt. Womit wir eigentlich von drei Doubletten sprechen müssen.

Zu den Erinnerungen/Daten im Detail: Unsere eigene Faktenlage stellt sich so dar, dass wir uns aktuell im zweiten Anlauf befinden, das Kerngebiet der Scharan-Anomalie anzufliegen, weil wir dort auch das Hauptquartier der Auruunen vermuten. Ihre zentrale Operationsbasis. Nach einem gescheiterten Versuch, der uns beinahe all unserer Energieressourcen beraubt hätte, verfügen wir nunmehr über eine Schildmodifikation, die uns mit hoher Wahrscheinlichkeit gegen den Ressourcenentzug von außen schützen wird, sodass ein Vorstoß ins Zentrum in den Bereich des Möglichen rückt. Allerdings wurde aufgrund der Vorkommnisse – das Auftauchen der Doppelgänger – unsere Fahrt unterbrochen. Wir befinden uns aktuell auf halber Strecke zwischen Gaukler-Perle und Kernzone.«

Niemand stellte eine Zwischenfrage, sodass Sesha zu dem kam, was sie Cloud schon vorab mitgeteilt und was ihn bewegt hatte, diese Zusammenkunft einzuberufen.

»Die Faktenlage, die uns die Doppelgänger inklusive dessen, was ebenso als Sesha bezeichnet werden muss wie ich, sich aber in den Speichermodulen des Kunstkörpers von Jarvis II befindet, liefern, unterscheidet sich ab quasi ab dem Moment unserer Fahrtunterbrechung eklatant von unserer. Grob zusammengefasst lässt sich sagen: Die Erinnerungen sowohl der Zweitausgaben von Jarvis und Darnok als auch von mir gehen bereits beträchtlich weiter, so als wären es zukünftige Ausgaben von uns, die auf unbekannte Weise noch einmal an diesen Punkt des Zeitflusses zurück versetzt wurden.«

»Zeitreisende?«, kam nun doch ein Einwurf von Scobee. »Willst du damit sagen, wir haben es mit Zeitreisenden zu tun?«

»Wenn, dann nicht mit gewollt Zeitreisenden«, erwiderte die KI.

»Und das heißt jetzt wieder?«

»Dass die Betroffenen sich an keinen Plan zu einer solchen erinnern und auch nicht daran, eine durchgeführt zu haben. Ihre von den Daten in Sesha II bestätigte Erinnerung lautet wie folgt: Kurz vor Erreichen des absoluten Zentrums der Anomalie, wurde die RUBIKON von einer ganzen Flotte Auruunenringe gestellt. Im weiteren kollabierten die Bordsysteme, die auf permanente Energiezufuhr angewiesen sind. Und auch der Äther fand plötzlich wieder Zugang ins Schiffsinnere – was darauf zurückzuführen war, dass die Auruunenschiffe die Schicht aus Ätherfilz unter Waffeneinsatz abtrugen. Als Resultat des Überfalls stand die völlige Wehrlosigkeit der RUBIKON. Die Besatzung wurde ohnmächtig, das Schiff geentert. Die RUBIKON wurde von den Ringen zu einer Auruunen-Station gebracht, bei der es sich offenbar um die vermutete zentrale Basis handelt. Dort angekommen wurde fast die komplette Besatzung von Bord gebracht und in Gewahrsam genommen.«

» Fast die komplette Besatzung?«, fragte Jarvis, der den Ausführungen ebenso gebannt folgte wie selbst Cloud, für den es bereits die Wiederholung dessen war, was Sesha ihm bereits vertraulich übermittelt hatte. »Wer wurde nicht abgeführt?«

»Du«, sagte die KI. »Und Darnok. Und Yael.«

»Yael?« Es war Jiims erste Wortmeldung überhaupt. Und wahrscheinlich verstand er erst jetzt, warum Cloud ihn gebeten hatte, an diesem Meeting teilzunehmen.

»Yael konnte sich in einen seiner Avatare flüchten – den er dadurch kaschierte, dass er Tausende davon erschuf, die wie Seifenblasen durch die RUBIKON trieben. Nachdem die Auruunen den Commander beauftragten, Yael zur Aufgabe zu bewegen, weil sie anderenfalls sämtliche Crewmitglieder liquidieren würden, schaffte der es, den richtigen Avatar ausfindig zu machen und zu betreten. Nachdem er Yael über die Lage draußen informiert hatte, erklärte Yael sich beriet, ihm zu den Auruunen zu folgen. Darnok und Jarvis, die es ebenfalls in das Avatar-Versteck verschlagen hatte, blieben dort zurück.« Sesha machte eine kurze Pause, ehe sie fortfuhr: »Was dann geschah, begreifen offenbar die Doppelgänger aus der Alternativ-Realität selbst nicht. Nach Darnoks Angaben war er eine Weile desorientiert, und als er wieder zu sich kam, befand er sich bereits im Gewahrsam, den ich nach der Entdeckung der ›Zweitausgaben‹ angeordnet hatte.«

»Das hört sich nach munterem Raumfahrergarn an«, rutschte es Algorian heraus. »Und das ist datentechnisch belegt?«

»Zumindest von den Daten der anderen Sesha, die in Jarvis II hinterlegt sind.«

»Und Sesha II landete warum noch einmal genau dort?«

»Weil den Auruunen nach der Inbesitznahme des Schiffes so viele Steine wie möglich in den Weg gelegt werden sollten. Sesha zog ihre Programme aus allen relevanten Systemen heraus und transferierte sie in die Nanomodule – in der Hoffnung, von dort aus zu einem geeigneten Zeitpunkt das Schiff wieder übernehmen zu können.«

»So weit kam es aber nicht.«

»Nein, soweit kam es nicht.«

Algorian schien sich damit zufriedenzugeben.

»Wie nanntest du diesen Erlebnisstrang aus Sicht der Doppelgänger?«, wandte sich Cloud an die KI. »Alternativ-Realität?«

»Spricht etwas dagegen?«

»Nein, im Gegenteil.« Er dachte eine Weile nach und fragte dann: »Könnte ein Zeitparadoxon eine solche Kollision zweier Realitätsverläufe nach sich ziehen?«

»Glaubst du wirklich, es sind Zeitreisende? Jarvis und Darnok, meine ich.« Scobee schien dem Gedanken kritisch gegenüberzustehen.

Er zuckte mit den Achseln. »Bleiben wir bei dem Begriff Zeit-Paradoxon.«

»Sind damit nicht Zeitreisen und Veränderungen der Vergangenheit gemeint?«

»Damit sind die Auswirkungen gemeint, die jemand erkennen könnte, der über beide Realitätsverläufe, den ursprünglichen und den korrigierten, Kenntnis erlangt.«

Von der anderen Tischseite fragte Jiim ohne direkten Zusammenhang erneut: »Yael? Und warum wollten sie ausgerechnet meinen Jungen?«

Cloud wünschte, er hätte es ihm sagen können. »Darauf wussten weder der alternative Jarvis noch Darnok noch Sesha eine Antwort.«

Algorian sagte: »Bei Zeitreise fällt mir aktuell nur das ein, was du Alcazar erlaubt hast, John – du weißt, was ich meine, oder?«

Ja, er wusste, was der Aorii meinte. Und er vermutete stark, dass der Telepath ihn geespert hatte, obwohl das eigentlich gegen seine Privatsphäre verstieß.

Eigentlich.

Cloud sah es ihm nach. Wahrscheinlich konnte ein Telepath bei allen guten Vorsätzen nicht immer aus seiner Haut.

»Darüber denke ich auch nach«, sagte er.

»Über Alcazar?«

»Und Artovayn. Und darüber, dass sie über die Portalschleuse der Gaukler-Perle in die Vergangenheit wechselten, um dort die völlige Ausrottung der Abrogaren in ihrem Dunkelwolken-Versteck, so wie wir sie bei unserem Kontrollflug dorthin als Fakt feststellen mussten, zu verhindern.«

»Du meinst, sie haben es geschafft und dadurch…«

»… die Karten neu gemischt.« Er nickte. »Es wäre eine Möglichkeit, oder, Sesha?«

»Bislang ist das der einzige mir bekannte Erklärungsversuch, der mit dem, was passiert ist, in Einklang zu bringen wäre.«



2.

Erde


Karagk hatte sich abseits der Gruppe auf dem höchsten Punkt der Düne postiert und ließ den Zauber des erhaben vor ihm liegenden Meeres auf sich wirken. Es hatte den Anschein, als würden Myriaden winziger Lichter auf den windbewegten Wellen schaukeln. In Wahrheit war es nur die Reflexion der Myriaden Sterne am Firmament, was diesen Effekt erzeugte, und natürlich wusste Karagk das. Aber wissen und fühlen , das wurde ihm mit jedem Tag, den er hier in den Niederungen zubrachte, bewusster, waren zwei Paar Schuhe.

Er erzitterte leicht und war froh, dass seine Mitarbeiter weit genug entfernt standen, um es nicht zu bemerken. Dass es ihn selbst kaum noch irritierte, wie er sensibel auf die Natur dieses einzigartigen Planeten reagierte, erstaunte Karagk. Aber mehr als dass es ihn beunruhigte, genoss er die Emotionen, die das hautnahe Erleben der Naturelemente weckte.

Vrongk würde mich steinigen, wenn er mich so sehen und dabei meine geheimsten Gedanken und Gefühle lesen könnte.

Nicht einmal diese Vorstellung vermochte Karagk im Angesicht der umgebenden Landschaft schrecken. Noch nie, seit er in dieser Körperprothese steckte, hatte er sich so lebendig und als Teil dieses künstlichen Universums gefühlt.

Dass es künstlich war, merkte man ihm in Momenten wie diesen nicht an.

Und das Universum, in das sich Karagk und viele seiner Artgenossen hatten transferieren lassen, schien daran auch keinen Gedanken zu verschwenden. Es war einfach.

Und so wenig es sich Gedanken um seine Entstehungsgeschichte machte, so wenig ahnte es, dass im Hintergrund bereits Weichen gestellt wurden, um seine Fortexistenz zu verhindern.

»Wir sind so weit.« Die jäh aufklingende Stimme des Leiters der Orbitalarbeiten ernüchterte Karagk nur für eine Sekunde – dann trieb es die Spannung auf die Spitze. »Könnt ihr ihn schon sehen?«

Das »Nein« lag ihm auf der Zunge. Doch dann entstand am fernen Horizont ein fahler Schimmer, aus dem heraus sich eine leuchtende kleine Scheibe schob. Bis zum Sonnenaufgang würde es noch Stunden dauern. Und einen Mond hatte diese Welt bis heute nicht besessen.

Was sich hiermit änderte.

»Jetzt«, hörte Karagk sich sagen, während die Scheibe langsam höher stieg. »Aktiviert ihn.«

Der Auruune im Orbit bestätigte.

Die Gravitationsgeneratoren nahmen ihre Arbeit auf, ohne dass die Auswirkungen sofort erkennbar wurden.

Aber das würde sich in den kommenden Stunden ändern.

Ein Mond hat als Einziges noch gefehlt , dachte Karagk selbstzufrieden, um diese Welt perfekt zu machen .

Auf eine Belobigung Vrongks wartete er vergeblich. Der höchste Auruune vor Ort hatte nie einen Zweifel daran gelassen, für wie überflüssig er dieses Projekt hielt, dessen erste Planung noch auf seinen Vorgänger Croxgk zurückging. Es hatte Karagk mehr Kraft als die eigentliche Arbeit gekostet, Vrongk davon zu überzeugen, dass die Natur ihrer Basiswelt von den Gezeiten, die der künstliche Mond erzeugte, profitieren würde.

Karagk war sich bis heute unschlüssig, ob Vrongk den Nutzen von Ebbe und Flut für eine Biosphäre tatsächlich eingesehen hatte oder ob er nur irgendwann der Diskussionen überdrüssig geworden war.

Im Endeffekt war es egal. Das Resultat zählte.

Und das Resultat stimmt.

Die Messungen der nächsten Stunden ergaben eine fast hundertprozentige Übereinstimmung mit den Simulationen im Vorfeld. Der Kunstmond »arbeitete« fehlerfrei, und schon reagierten die gewaltigen Wassermassen, die aus dem Aquakubus importiert worden waren, der aktuell zwischen Mars und Saturn geparkt war – eines der wenigen technischen Relikte der Niederen, die es schafften, Karagk zu beeindrucken.



In den ersten Tagen nach der Gezeitenaktivierung fand Karagk nicht die Muße, sich aus den Kontrollprozessen auszuklinken. Doch irgendwann musste selbst er seinem Aktionskörper Ruhe und Erholung gönnen.

Im Allgemeinen nutzten Auruunen auch dafür technische und medikamentöse Hilfsmittel. Doch für sich selbst hatte Karagk im Laufe der Arbeit am Mondprojekt eine andere Entspannungsmethode entdeckt.

Sie begann damit, dass er sich einfach in der Nähe der Bodenstation in die Dünen setzte und aufs Meer hinausblickte. Die Bewegung der Wellen, das Spiel von Licht und Schatten, hatte etwas Meditatives, das er in dieser Qualität noch nicht erlebt hatte.

Aber das Dasitzen und Einswerden mit der Natur war nur die erste Stufe – der eigentliche Clou war etwas, das Karagk erst nach und nach für sich erschlossen hatte.

Er erhob sich aus dem feinen Sand und ging langsam die Düne hinab. Seine Füße waren so nackt wie der Rest des Körpers. Bald wurde der Boden nass und schlickig, dort, wo andauernd Wellen am Strand ausliefen. Es fühlte sich noch immer ungewohnt an, aber aufhalten ließ Karagk sich davon nicht.

Gerade weil es ungewohnt ist. Ich hasse festgefahrene Gewohnheiten.

Das hatte ihn schon »drüben« ausgezeichnet. In dem Kontinuum, aus dem er mit den anderen gekommen war.

Während das Wasser seine Füße bis hoch zu den Knöcheln zu umspielen begann, überlegte er, wie lange das schon zurücklag. Nach Karagks Wissen gab es in diesem Kosmos keine hier geborenen Geschöpfe, die imstande waren, auch nur annähernd eine Lebensspanne zu erreichen, wie die Auruunen es vermochten.

Er watete tiefer ins Wasser, stand bald bis zu den Hüften darin, und als es so weit war, hechte er sich mit ausgestreckten Armen in die kalten Fluten.

Er schwamm weit hinaus. Weiter als jemals zuvor. Er liebte es, vom Meer aus aufs Land zu blicken. Verschiedene Perspektiven erschufen unterschiedliche subjektive Realitäten.

Während er also weiter und weiter hinausschwamm, versuchte er herauszufinden, ob sich durch die erwachten Gezeitenkräfte etwas an seiner sinnlichen Wahrnehmung des Wassers geändert hatte.

Er bildete sich ein, dass dem tatsächlich so war, und musste aufpassen, dass er sich nicht in einen Rauschzustand hineinsteigerte.

Rausch und Auruune sein – das vertrug sich nicht miteinander, war wie Feuer und Wasser . Wir sind angetreten als unbestechliche Partei. Als Streiter für den Erhalt und die Sicherheit unseres Kontinuums. Wir wurden ausgewählt aus Trilliarden.

Um ihre Mission erfüllen zu können, hatten sie ihre originale Körperlichkeit abstreifen müssen und waren in der einzigen denkbaren Form, die zu transferieren sich als machbar erwiesen hatte, in das aus dem Ruder gelaufene EXPERIMENT eingeschleust worden. Seither hatten sie nicht nur die Jagd nach den Artgenossen betrieben, die vor Äonen mit der Durchführung des EXPERIMENTs betraut und in der Folge selbst in dem von ihnen initiierten, künstlichen Universum eingeschlossen worden waren. Nein, sie hatten auch allenthalben die Wirkungsweise der EWIGEN KETTE studiert, jenem ultimativen technischen Konstrukt, mit dem dieser Kosmos nicht nur gezündet worden war, sondern auch in Gang gehalten wurde.

Die Stationen der EWIGEN KETTE – ihre einzelnen Perlen – waren der Motor eines Kosmos, der im Groben dem Urkontinuum abgeschaut war. Technische Prozesse ahmten nach, was dort, woher Karagk stammte, als natürliche Kraft vorkam. Wobei… Hatte das jemals jemand überprüft? In den gewaltigen Zeiträumen, die Karagk nun schon von seinem Heimatkosmos getrennt war, hatte ihn öfter die Idee verfolgt, dass sie selbst – als Treppenwitz des Schicksals sozusagen – auch nur Produkte eines Experiments sein könnten – dass das scheinbar natürliche Kontinuum, in dem er einst geboren worden war, in Wirklichkeit auch schon von Wesen erschaffen worden sein könnte, die über die technischen Voraussetzungen dazu verfügten. Demnach wären sie, die das EXPERIMENT gewagt hatten, auch nur von einer Macht, die noch über ihnen angesiedelt war, erzeugt worden.

Und dann müsste das , spann Karagk den Faden weiter, während er sich mit kraftvollen Schwimmstößen durch die Fluten bewegte, was wir hier tun, in einem ganz anderen Lichte betrachtet werden. Dann wären die von uns Gejagten zumindest keine größeren Verbrecher als diejenigen, die uns im Zuge eines anderen Experiments hervorbrachten...

An diesem Punkt seiner Überlegungen weigerte er sich stets, auch die sich daraus ergebenden Konsequenzen anzunehmen. Weil es zu nichts führte. Die Mission war unverzichtbar. Dort, wo sie ins Leben gerufen und gestartet worden war, war eben dieses Leben bedroht, seit sich über lange Zeiträume herausgestellt hatte, dass das Urkontinuum (in dem ich geboren wurde) begonnen hatte, auf das experimentelle Universum (in dem ich mich jetzt befinde) zu reagieren.

Es war wie eine bösartige Körperzelle, die begonnen hatte, ihre schädliche DNA auch ins Nachbargewebe zu streuen. Das Problem dabei war, dass das künstliche Universum nicht von außerhalb beeinflusst oder gar gestoppt werden konnte. Um das zu schaffen, musste man in es eindringen und dort zu den Maschinen vorstoßen, die das Experiment erst möglich gemacht hatten: die CHARDHIN-Perlen, die die EWIGE KETTE bildeten. Stationen, die in aller Regel hinter den Ereignishorizonten Schwarzer Löcher verborgen lagen und damit unangreifbar hatten sein sollen für versuchte Zugriffe von Wesen, die das experimentelle Universum irgendwann hervorbringen musste. Um jede Perle herum war ein Stück Kosmos »gebaut« worden, und in ihrer Gesamtheit ergaben die einzelnen »Parzellen« das, was auch von Karagk in seiner jetzigen Existenzform als Weltall wahrgenommen wurde.

Die eigentlichen Schöpfer dieses Kosmos waren seinerzeit davon überrascht worden, dass sie nach getaner Arbeit nicht in ihr wahres Universum hatten zurückkehren können. In ihrer Verzweiflung hatten sie alles Erdenkliche versucht, um wieder heimzugelangen. So viel war inzwischen bekannt.

Doch einen Weg nach Hause gab es nicht. Es gab nur die Option, diesen Kosmos zu zerstören und dabei selbst umzukommen – aber im Gegenzug all die Fantastilliarden von Lebewesen »drüben« davor zu bewahren, unter den Nebenwirkungen des EXPERIMENTs leiden zu müssen. Nebenwirkungen, wie sich Geschöpfe der Niederungen es nicht einmal vorstellen konnten.

Karagk war mit der erklärten Bereitschaft aus dem Urkontinuum gekommen, seine Existenz als Individuum zum Wohle der Allgemeinheit zu opfern.

Eine vergleichbare Opferbereitschaft hatten die Verantwortlichen des EXPERIMENTs nie gezeigt. Seit sie erfahren hatten, wer mit welchem Auftrag zu ihnen gekommen war, waren sie permanent auf der Flucht gewesen. Bis ans »andere Ende des Universums« hatten sie sich geflüchtet, um sich ihrer Verantwortung zu entziehen. Doch auf Dauer war ihnen das nicht gelungen. Die wichtigste Bastion, die sie sich in diesem Weltall geschaffen hatten, war jüngst unter dem Ansturm der Verfolger gefallen. Und seither wurde nicht mehr ver -, sondern ge handelt.

Auch ohne die Hilfe der Abtrünnigen wird dieser Kosmos fallen , dachte Karagk. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Sobald sie endlich Zugang zu den gesicherten Programmen der CHARDHIN-Perlen erhielten, würde ihre Einflussnahme auf den generierten Kosmos nicht eingestellt, sondern sogar forciert werden. Das Universum würde innerhalb der durchschnittlichen Lebensspanne etwa eines Menschen kollabieren und komplett negiert werden.

Ich werde miterleben, wie dieser Ozean hier verdampft. Werde Zeuge sein, wie der Glutatem der entartenden Sonne die Atmosphäre verbrennt und hinwegfegt, und wie kurz vor dem Exitus des gesamten Konstrukts aus Raum und Zeit auch die Technik, über die wir gebieten, uns nicht mehr schützen kann.

Bis dahin war noch Zeit.

Und deshalb war alles, was diese Welt, die Karagk und seinesgleichen geformt hatten, perfektioniert, von unschätzbarem Wert.

Wir werden noch Jahre von dieser Basis aus operieren. Spätestens wenn die Programme der EWIGEN KETTE umgeschrieben sind, wird sich zeigen, ob es Kräfte in diesem Universum gibt, die in der Lage sind, die Zeichen der Veränderung zu lesen – und den Versuch zu starten, gegen sie vorzugehen.

Gegen uns vorzugehen.

Karagk holte tief Luft und tauchte dann so tief und so lange wie noch niemals zuvor. Er lotete seine Grenzen mit einer Todesverachtung aus, die er so nicht an sich kannte. Erst als seine Lungen zu platzen drohten, kehrte er wieder zur Oberfläche zurück.

In dem Moment, als sein Kopf aus dem Wasser kam, traf ihn etwas mit der Wucht eines Keulenhiebs. Karagk blieb keine Zeit zum Begreifen. Er glaubte noch, einen Schemen zu sehen, dann schwanden ihm die Sinne, und sein Körper sank zurück in die Tiefe, aus der er gerade erst emporgestiegen war.



Reuben Cronenberg nahm an, dass es eine Ehre war, die ihm zuteilwurde. Dennoch fühlte er sich in Vrongks Gegenwart noch unwohler als bei ihren früheren Zusammentreffen. Der höchste Auruune in der Milchstraße hatte ihm einen seiner als Einladung kaschierten Befehle zukommen lassen. Daraufhin hatte sich Cronenberg unverzüglich in seinen Vakanzgleiter gesetzt und war zu dem vereinbarten Rendezvous-Punkt an der Innenseite der Oortschale geflogen, wo das von Vrongk geschickte Shuttle bereits wartete. Im Internraum von einem Fahrzeug ins andere zu wechseln, stellte kein Problem dar. Das einstige Vakuum, in dem Temperaturen von minus 270 Grad Celsius geherrscht hatten, war einem Klima gewichen, dem speziell dafür trainierte und über lange Zeiträume angepasste Menschen heutzutage ohne Schutzkleidung ausgesetzt werden konnten. Diese Unterspezies des Homo sapiens wurde im Volksmund Vaku-Farmer genannt, weil sie hier draußen im ewigen Zwielicht Nutzpflanzen anbauten, wie sie sonst nirgendwo auf der Hohlwelterde gediehen. Zum einen nutzten sie die Mineralstoffe, die in der Oortschale gebunden waren, zum anderen die Stimulanz der Strahlung, die von den menschlichen Bewohnern der Hohlwelt emittiert wurde.

Als Reuben Cronenberg den Transitschlauch durchschritt, der seinen Gleiter mit dem Shuttle verband, sah er einen Farmer, der sich neugierig bis auf Steinwurfweite der transparenten Verbindung genähert hatte und mit großen Augen zu ihm hereinstarrte. Die Pupillen des Farmers wirkten typisch aufgequollen, als wollten sie infolge Unterdrucks aus den Höhlen platzen. Die fahle Haut des Mannes hatte einen leichten Grünstich und bei genauem Hinsehen waren die Äderchen zu erkennen, die wie die Flüsse auf einer topografischen Karte reliefartig hervortraten.

Cronenberg hielt für einen Moment inne, weil er das Verlangen spürte, den Farmer zu grüßen. Doch in dem Moment, da sich ihre Blicke kreuzten, stob das scheue Wesen fast panisch davon und verschwand zwischen dem algenartigen Gestrüpp einer Sirr-Plantage. Die Pflanze war ein Geschenk der Eroberer und wurde erst seit relativ kurzer Zeit im Internraum des Erde-Mond-Hohlweltkomplexes angebaut. Dennoch erfreute sie sich bereits einer Beliebtheit, die alle anderen Lebensmittel in den Schatten stellte.

Cronenberg konnte dem vorzugsweise roh verzehrten Sirrkraut nichts abgewinnen. Angeblich setzte es Endorphine frei, und wenige Gramm davon sollten so nahrhaft sein wie ein Kilogramm Kartoffeln oder Reis.

Endorphine wurden in Cronenberg auch ohne Sirr fast pausenlos freigesetzt. Die Auruunen hatten seinen neu gestylten Körper mit Depots ausgestattet, die künstliche Glückshormone regelmäßig in seinen Organismus schwemmten. Cronenberg hatte nicht nur das Empfinden, zunehmend dagegen abzustumpfen, sondern hegte darüber hinaus sogar den Verdacht, dass sie allmählich die gegenteilige Wirkung erzielten.

Wann war ich das letzte Mal wirklich »glücklich«? Er überlegte dies ernsthaft, während das Shuttle durch einen der natürlich gewachsenen, aber künstlich stabilisierten Kamine aufwärtsglitt, die Hohlwelt und Oort-Erde miteinander verbanden.

Die Oort-Erde – oder Neue Erde, wie es Vrongk zu formulieren besser gefiel – war in den vergangenen zwei Jahren auf der Außenfläche der Oortschale entstanden, mit der die Menschheit sich über Jahrzehntausende gegen den offenen Weltraum abgeschottet hatte. Seit Auftauchen der Auruunen hatten diese begonnen, die ehemals atmosphärelos und eisig kalte Felsenlandschaft mithilfe ihrer Fabeltechnik umzugestalten. Aus unzähligen Schloten leiteten Maschinen noch heute alle erforderlichen Bestandteile eines idealen Sauerstoff-Stickstoff-Gemischs in die Lufthülle, die längst den Standard besserer Zeitalter auf der Erde erreicht hatte. Andere Aggregate erzeugten die Schwerkraft, die nicht nur Menschen, sondern auch Auruunen als angenehm und effizient beschrieben hätten. Sie lag ein wenig unter einem g, was Cronenberg bei früheren Besuchen auch schon mal übermütig hatte werden lassen. In diesen temporären Übermut spielte allerdings auch die nach wie vor ungebändigte Freude darüber, dass er nach einer halben Ewigkeit der Immobilität von den Auruunen wieder einen nahezu perfekt veränderten und getunten Körper zurückerhalten hatte, der nicht länger von den Wucherungen eines Gigahirns an einen einzigen Flecken gefesselt war, sondern sich frei überallhin bewegen konnte.

Fast überallhin. Die Regeln legten die Eroberer fest. Aber sie waren bislang immer akzeptabel gewesen. Die Wende in seinem Verhältnis zu den Auruunen hatte erst Vrongks Ankündigung gebracht, dass er vorhatte, die Hohlwelt – also die Urerde mit ihrem Trabanten – mittelfristig zu schließen .

Was er darunter verstand, hatte er im Detail nicht verraten, worauf es hinauslief, allerdings schon: Die jetzige Hohlwelt mit ihren psionisch regulierten Umweltbedingungen sollte komplett entvölkert werden und der Vergessenheit anheimfallen. Nach der Evakuierungsphase würden die Auruunen dem Erde-Mond-Komplex das »Licht ausknipsen« – salopp gesprochen. Wie genau sie das tun würden, wusste allein Vrongk. Beziehungsweise diejenigen Auruunen, die er in sein Vorhaben eingeweiht hatte. Aber er hatte wenig Zweifel daran gelassen, dass ein Leben innerhalb der Hohlwelt danach nicht mehr vorstellbar war. Und er hatte durchblicken lassen, dass nicht alle Menschen das Privileg erhalten würden, sich statt, wie bisher, im Innern der Oort-Erde auf der Außenschale anzusiedeln.

Die, die Vrongk für würdig befunden hatte, waren die Fraktalen – Kämpfer, wie sie so nicht zweimal im ganzen Universum vorzukommen schienen. Von der ersten Begegnung an waren die Auruunen von den Fraktalen beeindruckt gewesen, hatten ihre engen Verbündeten – eine käferartige Spezies – doch empfindliche Verluste durch die Eliteeinheit Cronenbergs hinnehmen müssen – und die Treymor verfügten immerhin über Light-Versionen der Auruunen-Technologie.

Vor Cronenberg tauchte die schwebende Ringstadt auf, in der Vrongk neuerdings residierte. Das Shuttle landete auf einer Plattform am höchsten Punkt des Prachtbaus.



Der Schlepp-Bot brachte Cronenberg ins Panoramazimmer, in dem permanente Bewegung herrschte. Spinnwebzarte Hologramme schwebten durch den Raum, der allseitig offen wirkte, als würden die Geschossdecken des Audienzsaales von unsichtbaren Säulen getragen. Der Blick in die Wolken ließ Cronenberg verwundert zu der Feststellung gelangen, dass die Auruunen offenbar sehr viel detailverliebter und der Ästhetik zugetan waren, als er es bislang geglaubt hatte. Mit dem Bezug des neuen Residenzkomplexes schien auch eine neue Qualität in Sachen Geschmack Einzug gehalten zu haben.

»Tritt näher, Statthalter!«

Vrongks sonore Stimme lotste Cronenbergs Blick zwischen den treibenden Hologrammen, die Hunderte, vielleicht Tausende Gegenden des Planetengiganten zeigten, über dem die Residenz schwebte, hin zu dem Auruunen, der ihm von einem thronartigen Sitz an der gegenüberliegenden Peripherie des Audienzsaales zuwinkte.

Der Schlepp-Bot koppelte ab, und Cronenberg bewegte sich durch tosende Wasserfälle, raue Gebirgslandschaften, Dschungel und endlos scheinende Grasflächen zu dem Auruunen.

»Geht es dir wieder besser?«, fragte Vrongk, als Cronenberg ihn erreichte und vor ihm stehen blieb.

»Ich wusste nicht, dass es mir schlecht ging?« Halb als Feststellung, halb als Frage kamen die Worte über Cronenbergs Lippen. »Verzeiht…?«

»Bei unserem letzten Kontakt hast du sonderbare Ansichten vertreten – so absonderliche, dass ich wirklich um deine geistige Gesundheit fürchtete.«

»Ich kann mich nur entschuldigen…«

»Lieber wäre es mir, du könntest es erklären

»Es ist unverzeihlich.«

»Es ist vor allem bizarr. Und es kam dir so glatt von den Lippen, dass ich während unseres Gesprächs nicht den Anflug eines Zweifels hatte, du könntest es ernst meinen.«

Cronenberg hatte sich auf diese Begegnung, die unweigerlich hatte kommen müssen, vorbereitet. So gut man sich eben vorbereiten konnte auf das als Höflichkeitsbesuch verbrämte Verhör, zu dem Vrongk ihn seiner Ansicht nach einbestellt hatte.

»Ihr habt recht – ich gestehe.«

Vrongks Physiognomie war für einen Menschen undeutbar. Sie blieb völlig unverändert, während er fragte: »Recht womit? Und was gestehst du?«

»Ich habe mich gehen lassen. Ich war… in einer Krise.«

»Einer Krise?« Der Ton verriet, dass Auruunen mit dem Begriff, sobald er sich auf eine Person und deren Befindlichkeit bezog, wenig bis gar nichts anzufangen wussten. Hätte Cronenberg von einer machtpolitischen Krise gesprochen, wäre seinem Gegenüber das Verständnis sehr viel leichter gefallen.

»Ja«, sagte er. »Wir Menschen neigen dazu, uns chemische Hilfe zu suchen, sobald unerwartete Gesundheitskomplikationen auftreten.«

»Du hast gesundheitliche Probleme?«

»Hatte.«

»Du hättest dich jederzeit an unsere Mediker wenden können. Falls du keine eigenen hast. Es gibt nichts, was sie nicht heilen könnten.«

»Ja«, sagte Cronenberg, »das glaube ich.«

Diese Aussage verwirrte Vrongk noch mehr.

»Und warum hast du sie dann nicht in Anspruch genommen?«

»Ich litt nicht nur Schmerzen, sondern durchlief auch eine Identitätskrise.«

Vrongk schwieg. Wenn er jetzt zu dem Schluss kam, dass ein von Psychosen geplagter Ex-Alleinherrscher nicht mehr tragbar für die Belange der Auruunen war, hatte sich Cronenberg ein klassisches Eigentor geschossen. Aber irgendetwas hatte er sich einfallen lassen müssen, um sein verstörendes Verhalten beim letzten Gespräch mit Vrongk wenigstens ansatzweise zu rechtfertigen.

»Ich wollte nicht schon wieder ein Geschenk von euch annehmen müssen«, fuhr Cronenberg fort, »nachdem ich bereits so tief in eurer Schuld stehe, dass ich nicht weiß, wie ich es je gutmachen könnte.«

»Du stehst seit dem ersten Tag, da wir dich am Leben ließen, in unserer Schuld. Sie wird nicht größer, nur weil du dich an unsere Mediker wendest. Was soll dieser Unsinn? Ich kann nicht glauben, dass du –«

»Ich kann es selbst nicht glauben, aber ich tat es. Und versuchte, mir zu helfen, wie ich es getan hätte, bevor sich unsere Wege kreuzten.«

»Das heißt? Woran leidest du oder hast du gelitten?«

»Schmerzen. Einfach nur Schmerzen, die überall zugleich wühlten, die aber, wie ich im Nachhinein überzeugt bin, nur in meiner Vorstellung existierten.«

»In deiner Vorstellung?«

Er nickte. »Phantomschmerzen. Ich weiß nicht, ob Euch das ein Begriff ist.«

»Durchaus. Amputierte verspüren dergleichen manchmal.«

Cronenberg nickte erleichtert. »Ja, das meine ich.«

»Bist du amputiert?«

»Das wisst Ihr, Herr, doch am besten. Wenn ich von Schuld rede, die ich niemals wieder gutmachen kann, dann bezieht sich das fraglos darauf, dass Ihr mir einen neuen, wundervollen Körper geschenkt habt, dem alles Überflüssige und Schädliche abgeschnitten wurde. Und obwohl Eure Mediker meine Wunden vorbildlich versorgt haben und keine einzige sichtbare Narbe zurückblieb, ist es tatsächlich so, dass ich in mancher Nacht erwachte und nicht mehr ein noch aus wusste vor Qualen, die mein Gehirn mir suggerierte. Qualen, die keinen realen Ursprung hatten, sondern allein in meiner Fantasie überhandnahmen. Das Ergebnis war das Gleiche: Es kam so weit, das mich die Schmerzen sogar tagsüber heimsuchten. Mein Griff nach altbewährter Arznei ließ mich jedoch übersehen, dass auch erhebliche Nebenwirkungen damit verbunden sein konnten. In meinem speziellen Fall äußerte sich das in einer Neigung zu Wachträumen und Halluzinationen.«

Wieder musterte ihn Vrongk lange schweigend, ehe er sagte: »Es war ein Affront, mich nach Croxgk zu fragen und zu behaupten, ich hätte seine baldige Wiederkehr in Aussicht gestellt.«

Cronenberg nickte betreten. »Bei klarem Verstand hätte ich niemals… Ich meine: Ihr sagtet mir, Croxgk sei in Ausübung seiner Pflichten ums Leben gekommen – ich erinnere mich noch genau. Und wenig später zu fragen, wann er zurückkehre, war… war…«

»Völlige Idiotie.«

Cronenberg nickte eifrig. »Ja. Völlige –«

»Hör auf! Diese Speichelleckerei ist widerlich.«

»Ich bin ehrlich betroffen.«

»Ja, ja. Schon gut. Wie sagtest du noch mal, heißt die Arznei, die du zu dir genommen hast.«

Cronenberg nannte einen Begriff, den der Auruune getrost überprüfen konnte. Das Mittel war berüchtigt für genau die Begleiterscheinungen, die in das von Cronenberg gezeichnete Bild passten.

»Dann kommen wir jetzt zum eigentlich Grund deines Hierseins.«

Cronenberg, der davon ausgegangen war, dass das gerade Besprochene der eigentliche Grund seiner Ladung gewesen sei, zuckte unmerklich zusammen. »Ja, Herr?«

»Du weißt, dass die Umgestaltung dieser Welt sich ihrem Abschluss zuneigt?«

»Ja, Herr.«

»Nun, das i-Tüpfelchen wurde soeben über der Nachtseite des Planeten in Betrieb genommen.«

»Darf ich fragen, was Ihr darunter versteht?«

Vrongk stemmte sich ohne Vorwarnung von seinem Sitz hoch und trat vor Cronenberg. So nah, dass er jede Pore in dem dunklen, fremdartigen Gesicht sehen konnte. Vrongk hob eine Hand und zeichnete Muster in die Luft. Sofort stoben mehrere der Hologramme heran und formierten sich um den Auruunen und den Menschen. Die bisherigen Bilder darauf verloschen, und für eine Weile blieben die Holos leer.

»Vielleicht kommst du selbst darauf«, sagte der Auruune. »Was hat dieser sonst so vollkommen scheinenden Welt bislang noch gefehlt?«

»Gefehlt? Sie ist…«

»Noch einmal: Keine Speichelleckerei! Ich will deine ehrliche Meinung erfahren.«

Cronenberg überlegte angestrengt. Er kam sich vor wie in einer Prüfungssituation. Wenn er durchfiel…

Plötzlich kam ihm ein Gedanke. »Bewohner!«, rief er. »Ihr fehlen noch Bewohner, die sie zu schätzen wissen, hier ansiedeln und sich mehren, bis –«

»Warum habe ich nie gemerkt, was für ein Schwätzer du bist?«, herrschte Vrongk ihn an.

Cronenberg spürte, dass er den Bogen überspannt hatte. Aber Vrongk schien der Beleidigung keine Taten folgen lassen zu wollen.

»Ein Mond! Ein Mond hat noch gefehlt – und die damit verbundenen Kräfte, die sich – Karagk hat es so ausgedrückt; ich weiß nicht, ob du Karagk kennst – positiv auf alles Leben hier auswirken werden.«

»Ein Mond?« Wo zur Hölle zaubert ihr einen ganzen Mond her? Für einen Augenblick kam ihm der groteske Gedanke, die Auruunen könnten versuchen, Luna aus dem Hohlweltgefängnis zu entfernen und in eine Umlaufbahn um die Oort-Erde zu schießen.

Vrongk malte abermals Muster in die Luft, worauf auf den umgebenden Hologrammen neue Szenen erschienen. Ein Nachthimmel. Sternenübersät. Und mitten darin… eine Mondscheibe. Voll und rund.

»Das ist er«, sagte Vrongk. »Passend zur neuen Erde ein neuer Trabant.« Eine neuerliche Geste zoomte die leuchtende Scheibe in einem der Hologramme so nah heran, dass Details zu erkennen waren – und der wahre Charakter des Gebildes entlarvt wurde.

Statt eines natürlichen Himmelskörpers, den die Wundertechnik der Auruunen hierher verschoben hatte, entlarvte die Nahaufnahme ihn als Kugel aus Metall, deren wahre Größe sich anhand des Bildes nicht einmal schätzen ließ. Die Kugel war über und über mit Stacheln versehen und erinnerte dadurch leicht an eine geschlossene Kastanienschale.

»Das ist der Mond, von dem Ihr sprecht?«, fragte Cronenberg zaghaft.

»Das ist er«, bestätigte der Auruune. »Du wirkst enttäuscht, hast anderes erwartet, nicht wahr?«

Cronenberg wollte zuerst widersprechen, doch dann befand er, dass, etwas Courage zu zeigen, ihm nicht unbedingt nachteilig ausgelegt werden würde. Und so erwiderte er: »Es sieht so… banal aus.«

»Banal?« Vrongks Tonfall glitt sofort ins Bedrohliche. »Wie kann der Angehörige einer primitiven Rasse sich anmaßen, einen wie mich zu beleidigen?«

»Ich wollte nicht beleidigen.«

Vrongks Kiefermuskulatur mahlte. »Banal. Ich fürchte fast, so sieht es wahrhaftig aus! Ich werde es den Konstrukteuren als dein Feedback weitergeben. Vielleicht kommen sie auf dich zu und fragen dich um Rat.«

»Mich? Das wäre…«

»Es erfüllt jedenfalls seinen Zweck. Die Gezeiten müssen sich noch ausbalancieren, aber insgesamt sind wir auf dem richtigen Weg. Ebbe und Flut erproben sich schon an allen Küsten. Die technische Leistung, die hinter dem Mondgenerator steht, macht dich staunen, oder, Statthalter?«

Cronenberg beeilte sich zu nicken. »Ich danke euch, dass ihr mir dieses Technikwunder, das den Auruunen würdig ist, gezeigt habt.« Insgeheim freute er sich schon auf seine Heimkehr in die Hohlwelt.

Aber Vrongk schien immer noch nicht dort angelangt zu sein, wohin er seine Ausführungen lenken wollte. »Der Mond, ja. Wie ich schon sagte, das i-Tüpfelchen. Damit ist die Gestaltung abgeschlossen. Und wie du richtig sagtest, es fehlt noch ein wenig an Bewohnern. So viele Angehörige meines Volkes halten sich nicht in diesem Sonnensystem auf, um damit eine Welt dieser Größe vernünftig zu füllen. Deshalb… und jetzt zum wichtigsten Punkt des Tages… wirst du helfen, die Evakuierung des Internraums samt Erde- und Mondoberfläche zu beschleunigen. Ich habe das Zeitfenster für die vollständige Evakuierung ab dieser Stunde auf zehn Tage insgesamt limitiert. Wer oder was dann noch nicht den Weg an die Oberfläche gefunden hat, der wird keine zweite Chance erhalten. Die Versiegelung beginnt in zehn Tagen von heute an. Danach ist die Hohlweltzone mit den beiden eingebetteten Himmelskörpern eine Tabuzone, für die es keine Ausnahmegenehmigungen geben wird. Niemand, nicht einmal wir Auruunen, wird im weiteren jemals wieder dorthin gehen. Gehen können. Die Verhältnisse, die ich etabliere, sind absolut lebensfeindlich.«



3.

RUBIKON


Falls wirklich ein Zeitparadoxon verantwortlich dafür war, dass es Jarvis, Darnok und sogar Sesha plötzlich in doppelter Ausgabe an Bord gab, musste Cloud für sich selbst einräumen, dass er die Kräfte, die bei Eingriffen in vergangene Realitätsabläufe freigesetzt wurden, bislang erheblich unterschätzt hatte. Aber er war auch noch nie so persönlich und in unmittelbarer Weise davon betroffen gewesen.

Außerdem war der Eingriff ja noch nicht beendet. Durch das Auftauchen der zeitfremden Jarvis, Darnok und Sesha auf der RUBIKON würde sich die Veränderung des Zeitablaufs bis dorthin, von wo die drei kamen, nun permanent fortsetzen.

Ich habe bereits eine Veränderung der Zukunft vollzogen, indem ich die Maschinen stoppen ließ und die Ätherfahrt unterbrach. Fassen wir also zusammen: Falls Alcazar und Artovayn auf ihrer Mission, von der wir hofften, sie habe keine Auswirkungen auf das große Ganze, Erfolg hatten, so hat diese Verhinderung des Genozids der Abrogaren offenbar bereits bis in die Zukunft hinein gestrahlt, aus der Jarvis II und Darnok II zu uns kamen. Letztlich hat es sogar bewirkt, dass sie hierher geschleudert wurden – wahrscheinlich begünstigt durch die Avatar-Ummantelung, unter der sie sich zu diesem Zeitpunkt vor den Auruunen versteckten. Von jetzt an werden aber weitere gravierende Eingriffe in den Zeitstrom erfolgen. Sie wären nicht einmal zu verhindern, wenn wir die Zweitversionen der hier Gestrandeten sofort des Schiffes verweisen würden, in Stase legten oder im Extremfall umbrächten. Denn schon allein, dass wir so viel über den ursprünglichen Verlauf der Reise ins Zentrum erfahren haben, verändert alles. Ich wäre ein Narr, wenn ich es zuließe, dass wir wieder in exakt dieselbe Situation geraten, wie Sesha II sie schilderte. Ich muss um jeden Preis verhindern, dass Auruunenringe uns aufbringen. Um jeden Preis.

Für meine eigene Person und den Rest der Crew in der ursprünglichen Zukunft, die für Jarvis II und Darnok II schon stattgefunden hat, bedeutet das aber gewiss nichts Gutes.

Die Vorstellung, sein zukünftiges Ich könnte dadurch ausgelöscht werden – oder ihm könnte noch Schlimmeres passieren, Dinge, die er sich gar nicht auszumalen vermochte –, machte ihm umso schwerer zu schaffen, da sie durch das Auftauchen der Duplikate viel mehr als rein theoretische Erwägung geworden war.

»Dann müssen wir also davon ausgehen«, sagte Scobee, »dass Alcazar und sein gloridischer ›Chauffeur‹ einiges auf ihrer Mission durcheinander gerührt haben. Davor hatte ich gewarnt, erinnerst du dich?«

»Ich erinnere mich.«

»Du hast Alcazar trotzdem die Erlaubnis erteilt, sich von Artovayn in einem der instand gesetzten goldenen Schiffe zur Dunkelwolke kutschieren zu lassen – zur Dunkelwolke, bevor die Auruunen dort alles Leben auslöschten.«

»Du hast den Finger auf die Wunde gelegt«, sagte er, »das ist in Ordnung, und ich würde es umgekehrt wahrscheinlich genauso machen. Aber musst du ihn auch noch hineinbohren und darin wühlen?«

Ihre Antwort war ein Schulterzucken. »Es geht mir gar nicht vordergründig um Schuldzuweisung. In erster Linie stellt sich die Frage, wie wir auf die Nachrichten aus der Zukunft reagieren wollen. Wir werden doch reagieren?«

»Haben wir das nicht bereits? Die Reise wurde unterbrochen.«

»Aber nicht aufgegeben, oder?«

»Natürlich nicht. Wenn wir klein beigeben und uns sang- und klanglos aus Scharan verabschieden, hilft uns das nur kurzfristig, es ändert aber weder die Lage hier noch in Eleyson noch…«

»… in der Milchstraße.«

»So ist es.«

»Was also hast du vor?«

»Wir werden uns mit Jarvis II, Darnok II und Sesha II verständigen. Sie sollen erfahren, welche Schlüsse wir aus ihrem Erscheinen und den mitgebrachten Informationen gezogen haben, und sie sollen in den Beratungsprozess einbezogen werden, mit dem wir das weitere Vorgehen festlegen.«

»Was ist mit Alcazar und Artovayn? Sollen wir auf ihre Rückkehr warten und sie wieder an Bord nehmen?«

Cloud schüttelte den Kopf. »Wir wissen nicht einmal, ob sie zurückkehren. Im Erfolgsfall, weil es ihnen in der Dunkelwolke so gut gefällt, dass sie dort bleiben wollen. Und im Misserfolgsfall, weil sie nicht mehr zurückkehren können.«

»Ich hoffe, sie haben es geschafft«, sagte Scobee leise.

»Wie jetzt? Eben hast du mir noch vorgeworfen –«

»Nicht vorgeworfen. Nur darauf hingewiesen, dass sich die Bedenken, die ich hatte, bewahrheitet haben. Natürlich freut es mich, wenn der Völkermord an den Abrogaren verhindert werden konnte. Aber es bleibt bizarr, dass er für uns ja stattgefunden hat. Wir haben die Verheerungen im Innern des Verstecks mit eigenen Augen gesehen und dokumentiert. Dass das durch Alcazars und Artovayns Eingreifen plötzlich nicht mehr sein soll, fällt mir schwer zu akzeptieren.«

»Das Zeitparadoxon kann auch durch ihren Versuch , es zu verhindern, ausgelöst worden sein. Es gibt keine Gewähr, dass die Abrogaren überlebten und in unserer korrigierten Zeitlinie plötzlich wieder existieren.«

»Nein, aber es gibt die Hoffnung.«

»Ja«, sagte er und verzichtete darauf, die abgenutzte Redewendung, die es dafür gab, zu bemühen. »Die gibt es. – Begleitest du mich zu den doppelten Lottchen?«



»Ihr glaubt uns, okay. Jetzt bliebe zu klären, ob wir euch glauben und vertrauen.« Jarvis II übte den grimmigen Gesichtsausdruck, den Jarvis I mindestens genauso perfekt beherrschte.

»Du solltest eines nicht vergessen«, sagte Jarvis I. » Ihr wurdet zu uns gespült, nicht umgekehrt. Und deshalb solltet ihr den Ball flach halten und euch hier so benehmen, wie es sich für Gäste geziemt. Dazu gehört das Weglassen von Unverschämtheiten. Und das Erkennen und Ergreifen einer Hand, wenn sie einem hingehalten wird.«

Jarvis II lachte klirrend auf. »Du meinst, wir machen ab sofort auf Friede, Freude, Eierkuchen, auf Peace und all den Scheiß?«

»Hältst du es für besser, weiter den Kriegspfad zu beschreiten und uns als Handlanger der Auruunen zu verdächtigen?«

Cloud traute seinen Ohren nicht. Dass er es einmal erleben würde, wie Jarvis sich um Vernunftargumente gegen einen anderen Sturkopf bemühte, der ihm noch dazu wie aus dem Gesicht geschnitten war, hätte er sich nicht träumen lassen.

»Okay«, schaltete er sich ein. »Das reicht. Ich bin sicher, unser Jarvis aus der anderen Realitätslinie weiß inzwischen ziemlich sicher, dass wir ihn nicht hintergehen. So, wie wir mit ›unserer‹ Sesha Rücksprache genommen haben, hat er das zweifelsfrei auch mit ›seiner‹ – die sich praktischerweise sogar denselben Körper mit ihm teilt – getan. Und dann weiß er, welches Datum wir aktuell schreiben. Er weiß, wann wir die Perle verlassen und hier einen außerplanmäßigen Zwischenstopp eingelegt haben. Kurzum: Er weiß, dass all das, was er aus seinem ursprünglichen Realitätsstrang kennt, für uns noch nicht stattgefunden hat – und nun auch nicht mehr stattfindet. Nicht im Detail identisch jedenfalls. Zumindest hoffe ich das. Jarvis?« Er blickte Jarvis II herausfordernd an.

Der brach unvermittelt in schallendes Gelächter aus. »Ha! So etwas wollte ich hören! Danke, John, jetzt hast du mich restlos überzeugt. Und: Ja, Sesha, meine Sesha, hat mich bereits über all diese Indizien informiert. Aber komisch ist der Gedanke nach wie vor.«

»Am schrecklichsten sicher der«, mischte sich Scobee ein, »dass keiner von euch beiden identischen Kerlen jetzt mehr das uneingeschränkte Monopol auf Dummschwätzen hat.«

Jarvis I wandte sich an Jarvis II. »War deine Scobee auch so unausstehlich wie unsere hier?«

Jarvis II übte sich in vielsagender Ich-fürchte-ja-Miene. Womit er es sich ebenso bei Scobee verscherzt hatte wie Jarvis I.

»Bei einem Lebewesen würde man sagen: Blut ist dicker als Wasser.« Scobee winkte müde lächelnd ab. »Bei euch zwei Nano-Monstern passt da wohl eher: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich!«

»Wie war das mit dem Verinnerlichen, wie man sich als Gast benimmt?«, wandte sich Jarvis II an Jarvis I. »Gilt das nicht auch für den Gast geber ? Ich finde nicht, dass diese Frau so mit uns umspringen darf.«

Jarvis I winkte ihn zu sich, tuschelte etwas, legte dann den Arm um Jarvis II und stiefelte mit ihm von dannen – wie zwei alte Kumpels, die sich eine Menge zu erzählen hatten. Aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit.



Worüber Cloud zunächst mit niemandem sprach, nicht einmal mit seinen allerengsten Vertrauten, war, dass er noch keine Ahnung hatte, wie sie dauerhaft damit umgehen sollten, sowohl Jarvis als auch Darnok nun zweifach an Bord zu haben.

Bei Sesha ergab sich das Problem weniger – ein Programm war ein Programm und konnte notfalls gelöscht werden, wenngleich sich hier eine Lösung anbot, die Cloud auch schon mit Sesha I vorbesprochen hatte: Er hatte nach der Möglichkeit gefragt, ihre beiden Versionen übereinanderzulegen und dabei die Zusatzinformationen, die Sesha II in sich trug, einfach mit in die sich daraus ergebende aktuellste Variante zu übernehmen. Übrig bliebe nur eine einzige Sesha, aber mit dem Wissen, das zuvor auf zwei Versionen verteilt gewesen war.

Sesha hatte das für prinzipiell machbar erklärt und wollte sich diesbezüglich mit Sesha II kurzschließen. Einen Befehl zur Ausführung dieses Plans hatte Cloud jedoch noch nicht erteilt und sich ausbedungen, dass die beiden KIs diesen abzuwarten hätten.

Falls die theoretischen Erwägungen, wie die Misere zustande gekommen war, zutrafen, dann würde sich wahrscheinlich keine Methode finden lassen, mit der Jarvis II wieder auf seine eigene Realitätslinie zurück verfrachtet werden konnte.

Falls er das überhaupt will. Wahrscheinlich ist ihm längst klar geworden, dass der »Unfall« wie ein Geschenk des Himmels über ihn und Darnok kam. Dort, wo sie sich vor den Auruunen versteckten, herrschte eine schier ausweglose Situation, und ich kann mir nicht vorstellen, wie mein zukünftiges Ich sich und die Crew da noch einmal hätte herauslavieren sollen. Vielleicht sind auf dem anderen Ereignisstrang tatsächlich alle von den Auruunen gemeuchelt worden.

Alle, bis auf Yael.

Warum ausgerechnet er? Warum, bei allen Sterngespenstern, ausgerechnet er ?



Genau diese Frage stellte sich anderenorts gerade auch Jiim. Nach der Besprechung eilte der Narge ohne Umweg ins Angkdorf und klopfte an die Tür des Hauses, in dem sich Yael in letzter Zeit häufiger aufhielt als in der elterlichen Baumhütte am Schrund.

»Orham…« Es war Yael, der ihm öffnete. Aber im Hintergrund war auch Winoa zu sehen, die ihm zurief: »Bitte ihn herein! Lass ihn doch nicht draußen stehen!«

Yael nickte. »Ja – ja, das weiß ich selbst. Ich hätte ihn schon hereingebeten, was denkst du von mir? Ich habe ihn ja noch nicht einmal richtig begrüßt…«

Das holten sie nach, umarmten sich auf der Schwelle, und dann kam auch Winoa und küsste ihn rechts und links auf die Wange, wie Menschen es taten; eine uralte Sitte, wie Jiim erfahren hatte. Sie war von den ersten unfreiwilligen Siedlern auf die Angkwelten mitgenommen worden und dort von Generation zu Generation weitervererbt worden. Dass sie sich über Jahrtausende gehalten hatte, fand der Narge erstaunlich, da Menschen dafür bekannt waren, dass sie sich immer wieder neue Begrüßungsarten einfallen ließen und diese dann auch an Freunde und Bekannte weitergaben. Teils kamen dabei groteske Choreografien heraus, was aber niemanden zu stören schien. Im Gegenteil hatte Jiim das Gefühl: je grotesker, desto beliebter.

»Nimm Platz!« Yael bot ihm ein Geschirr an, das im Wohnraum von der Decke hing und das er offenbar manchmal selbst benutzte, wenn er bei Winoa weilte.

Jiim lehnte dankend ab. »Ich bin es längst gewohnt, mich auf die gebräuchlichen Möbel zu setzen.« Er zeigte auf die Couch und die beiden Sessel, die um einen Glastisch angeordnet waren.

»Ich auch«, sagte Yael, und so nahmen sie nebeneinander Platz auf dem eierschalenfarbenen Sofa.

Winoa blieb stehen und fragte: »Kann ich euch etwas anbieten? Ein Getränk, einen Snack?«

»Ein Schnappwurm wäre nicht schlecht«, sagte Jiim.

»Ein…?« Erst der fragende Blick zu Yael verriet Winoa, dass Jiim sich einen seiner gefürchteten Scherze erlaubte.

Als sie tadelnd den Finger hob, lachte er nicht so lauthals auf, wie sie es sonst von ihm gewohnt waren, sondern blieb verhalten.

»Was ist mit dir, Orham?«, fragte Yael. »Was brennt dir auf der Seele?«

»Du kennst mich gut.«

»Fast so gut wie du mich.«

Jiim nickte ernst. Er winkte Winoa herbei und bat sie, sich neben Yael zu setzen, weil, wie er sagte, »es auch dich angeht, Gefährtin meines Ein und Alles!«

Details

Seiten
240
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924619
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v453182
Schlagworte
raumschiff rubikon zentrale element

Autor

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Titel: Raumschiff Rubikon 35 Das Zentrale Element