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Raumschiff Rubikon 31 Die Gaukler von Scharan

2018 240 Seiten

Leseprobe

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfredbooks und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© Cover: Nach Motiven von Pixabay, Adelind, Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Raumschiff Rubikon 31 Die Gaukler von Scharan

von Manfred Weinland


Am Morgen einer neuen Zeit.

Der Krieg zwischen den organischen und anorganischen raumfahrenden Völkern konnte im letzten Moment abgewendet werden. Die Menschen jedoch sind nach wie vor fremdbestimmt und als die Erinjij gefürchtet, die sich in ihren Expansionsbestrebungen von nichts und niemandem aufhalten lassen.

Abseits aller schwelenden Konflikte kommt es im Zentrum der Milchstraße zu einer von niemand vorhergesehenen, folgenschweren Begegnung.

Eine unbekannte Macht hat sich dort etabliert. Schnell zeichnet sich ab, dass es sich um keinen "normalen" Gegner handelt. Die Bedrohung richtet sich nicht nur gegen die heimatliche Galaxie, sondern könnte das Ende allen Lebens bedeuten.

Die Geschichte des Kosmos, so scheint es, muss neu geschrieben werden …


Prolog


Jemand war im Schiff.

Obwohl abnorme Finsternis herrschte, glaubte Sesha, über ihre Sensoren jemanden wahrzunehmen, der sich der wimmernden Kreatur namens X’ta näherte; jenem echsenartigen, rudimentär intelligenzbehafteten Geschöpf, auf das Commander John Cloud als letzte Amtshandlung, bevor er selbst handlungs unfähig geworden war, sämtliche Befugnisse übertragen hatte. Die Befehlsgewalt also – auch über die KI.

In jeder anderen Situation hätte Sesha sich entweder geweigert oder auf rein logischer Grundlage mit dem Commander debattiert… und sich anschließend geweigert, einer objektiv betrachtet völlig absurden Weisung zu entsprechen. Aber die Situation, in der sich die RUBIKON mit ihren mehreren tausend Mannschaftsangehörigen diesmal befand, erzwang förmlich unkonventionelle Reaktionen – auch von der Schiffs-KI.

Und so hatte das sauroide Wesen mit dem Eigennamen X’ta also tatsächlich uneingeschränkte Bewegungsfreiheit und jede erdenkliche Unterstützung erfahren, nachdem die restliche Besatzung – der Commander eingeschlossen – dem Bann der Anomalie verfallen waren, in die die RUBIKON vorgedrungen war. Eine ehemalige Spiralgalaxie, die mutmaßlich von den Auruunen auf einen Durchmesser von gerade mal 4,5 Lichtjahren geschrumpft worden war – mit sämtlichen darin befindlichen Himmelskörpern!

Selbst Sesha, die auf zahllose, über die Jahre gesammelte Daten zurückgreifen konnte, war außerstande, sich eine Kraft vorzustellen – respektive eine solche zu berechnen –, die zu einem solchen Akt beispiellos roher Gewalt fähig gewesen wäre. Was mit Scharan vor – glaubte man den bisherigen Recherchen – ziemlich genau dreihunderttausend Standardjahren passiert war, rüttelte an den Grundfesten des Kosmos.

Sollte wahrhaftig eine intelligente Spezies hinter der Quasi-Zerstörung einer ganzen Galaxie stecken, war diese in keine bekannte moralische Schublade zu stecken. Wer ein »Extrakt« wie dieses erschuf, aus welchen Beweggründen auch immer, trat das Leben an sich mit Füßen, und das in einem Maße, dass es selbst Sesha zum Schaudern brachte, obwohl ihre Programmierung eine solche Regung eigentlich nicht vorsah.

Das von Sesha beobachtete Phantom stoppte unmittelbar vor X’ta, und dann empfingen die Sensoren der KI tatsächlich eine verständliche Wortfolge.

»So weit, so gut…«

Die KI hielt den Moment für gekommen, einzuschreiten. Zumindest akustisch.

»Wer bist du?«, sprach sie das Phantom an, von dem sie kein klares Bild ermitteln konnte. »Identifiziere dich. Hast du eine Legitimation, dich an Bord aufzuhalten?«

Der Notsprung lag höchstens eine Minute zurück. Seitdem war die Position der RUBIKON im Äther Scharans nicht mehr zu bestimmen, weil – der Äther verschwunden war. Das diffuse Leuchten der Strahlung, die charakteristisch für die geschrumpfte Galaxie war, schien nicht länger die Umgebung des Schiffes zu prägen – und auch nicht das Innere der RUBIKON, wie X’ta dramatisch bezeugte, noch bevor Sesha ihre Aufforderung wiederholen und auf Beantwortung dringen konnte.

Das in Scharan beheimatete Echsenwesen schrie gellend auf. Aus seinem Zittern wurde übergangslos ein konvulsivisches Zucken, das an eine irreversible Nerven- oder Gehirnschädigung glauben ließ.

Obwohl auch X’ta nur verschwommen erkennbar war, war die Übereinstimmung mit dem Verhalten, das X’ta an den Tag gelegt hatte, als Yael ihn aus der Anomalie mitbrachte – zu einem Zeitpunkt, als die RUBIKON noch außerhalb Scharans und den sie durchtränkenden Äther kreuzte –, unübersehbar.

Sesha handelte unverzüglich. Sie vermochte den Tod des Echsenwesens nicht mehr zu verhindern, aber es, wie schon einmal, sofort konservieren, sodass es mit etwas Glück auch wieder reanimiert werden konnte, sobald sich die Umgebungsverhältnisse wieder so verändert hatten, dass sein Metabolismus damit klar kam.

Als Sesha ihre Aufmerksamkeit wieder dem Phantom widmen wollte, das in unmittelbarer Nähe X’tas innegehalten und sogar zu ihm gesprochen hatte, musste die KI feststellen, dass es verschwunden war. Noch einmal glaubte Sesha, den Spuk an anderer Stelle zu »orten« – ebenso verschwommen wie zuvor, sich diesmal aber nicht mit einem Besatzungsmitglied befassend, sondern mit der Steuerungstechnik des Schiffes…

Sesha löste sofortigen Alarm aus und beorderte Bots zu der Position. Die Bots hatten kaum Schwierigkeiten, sich im allgegenwärtigen Dunkel zu orientieren. Dennoch war das Phantom bereits wieder verschwunden, als sie das von Sesha avisierte Ziel erreichten.

Im Hintergrund von Seshas Denken liefen permanent Prozesse, die nach der Ursache der Finsternis fahndeten, die sich über die Schiffsdecks gelegt hatte, obwohl es kein Defekt an den vorhandenen Lichtquellen zu entdecken war. Laut Selbstdiagnose arbeiteten alle Systeme normal. Nur schaffte die produzierte Helligkeit es aus unbekanntem Grund offenbar nicht, die Sinnesorgane oder Sensoren der an Bord befindlichen Instanzen so zu versorgen, dass aus dunkel wieder hell wurde.

Doch das änderte sich kurze Zeit, nachdem das Phantom zum letzten Mal »gesichtet« worden war.

Sesha stellte eine Änderung in seiner Programmroutine fest, ohne definieren zu können, wie es dazu gekommen war – und was genau diese Änderung bewirkte.

Bis zu dem Moment jedenfalls, als das Licht wieder auf die RUBIKON zurückkehrte.



1.


Cloud öffnete die Augen. Sofort kehrte die Erinnerung zurück, warum er auf unbestimmte Dauer »weg« gewesen war..

»Sesha!«

Seine Stimme klang so rau, als wäre sie ewig nicht benutzt worden. Er spürte die Nachwehen der Stase. Dieses scheinbare Kältegefühl, das real nicht zu belegen war. Die antiquierte Kryotechnik, mit deren Hilfe er einst im Auftrag der amerikanischen Regierung zum Mars aufgebrochen war, hatte noch auf wahrhaftiger Frostung basiert, um Körper während des elend langen Fluges zu konservieren und anschließend wieder »aufzutauen«. Heutzutage lief das anders. Die Mischung aus foronischer, bractonischer und Ganf-Hightech – so viele Spezies hatten inzwischen ihre Hände der Ein- und Umrüstung der RUBIKON im Spiel gehabt – arbeitete nach gänzlich anderem Prinzip. Stasestrahlen hielten buchstäblich die zellularen Uhrwerke der Zielpersonen an; die biologische Alterung und der Stoffwechsel kamen vollständig zum Erliegen, während die Bewusstseine in einem schlafähnlichen, aber traumlosen Zustand dahindräuten.

»Status!«

»Rückholaktion erfolgreich. Eine primären Vitalsysteme arbeiten fehlerfrei. Willkommen im Chaos, Commander!«

Cloud lauschte den launigen Worten der KI nach und fragte sich, ob sein Gehirn die Statusmeldung stellenweise noch nicht korrekt verarbeitete, weil es… nun, weil es noch partiell »gefroren« war und das Blut nur zäh durch die Kapillargefäße strömte, sodass auch die Ganglien noch unterversorgt waren. Dem widersprach aber die Aussage, dass sein Organismus störungsfrei funktioniere.

Cloud beschloss, nicht nachzuhaken. Ihm brannten wichtigere Fragen auf der Seele.

»Chaos?«, fragte er. »Das klingt nicht, als hätte meine letzte Maßnahme vor dem Gang in die Stase gefruchtet. Nicht so jedenfalls, wie ich es mir erhoffte. Wo sind wir? Immer noch im Bann des Äthers?« Während er sprach, betätigte er den Mechanismus, um den Sarkophagsitz zu öffnen.

Der Gehäusedeckel bildete sich blitzschnell zurück. Licht strömte zu Cloud. Unwillkürlich sog er die Luft zu einem so tiefen Atemzug ein, dass er auch das entfernteste Lungenbläschen erreichte.

Ein weiterer Handgriff und der Sitz stellte sich soweit auf, dass Cloud aufrecht zum Sitzen kam. Sein Blick durchstreifte die Bordzentrale. Sechs von sieben Sitzen auf dem mittig liegenden Kommandopodest waren noch ebenso verschlossen, wie es sein eigener bis vor einer Minute gewesen war. Der kathedralenhohe Raum wirkte verwaist. Niemand war an Arbeitskonsolen zu sehen, die sich entlang der Wände befanden. Am befremdlichsten auf Cloud aber wirkte die Holosäule, um die herum die sieben Kommandoplätze angeordnet waren und die normalerweise ein belebendes Element darstellte.

Gegenwärtig konnte davon nicht die Rede sein. Die Holosäule schraubte sich wie eine massive, pechschwarze Säule aus festem Material vom Boden bis zur Decke.

»Warum ist das Holo deaktiviert?«, schob Cloud gleich noch eine weitere Frage hinterher. »Sesha! Antworte! Wie ist die Lage? Und schalt endlich die verdammte Bildübertragung ein!«

Die Schwärze wich der 3-D-Wiedergabe verschiedener Schiffssektoren.

»Na also«, murmelte Cloud. »Geht doch.« Er blickte auf Räumlichkeiten, die ebenso verlassen wirkten wie die Zentrale. »Wo ist die Mannschaft?«, fragte er. »Noch mal zum Mitschreiben, Sesha: Ich will einen umfassenden Statusbericht! Aber kurz und knackig!«

»Ich habe sämtliche Besatzungsmitglieder in die Stase versetzt – so lautete dein letzter Befehl, Commander, bevor du das Kommando auf X’ta übertragen hast – erinnerst du dich?«

Er nickte. Auf seiner Stirn bildeten sich besorgte Falten. »Der Ätherwahn… natürlich erinnere ich mich! Die Spezialschilde, die die Strahlung aus dem Schiff fernhalten sollten, haben versagt, und mit dem letzten Rest Grips habe ich die Befehlsgewalt auf den Sauroiden übertragen…« Er klatschte in die Hände. »Himmel, damit habe ich wahrscheinlich alles nur noch schlimmer gemacht! Wo ist X’ta? Was hat er angestellt?« Unwillkürlich blickte er von Sarkophag zu Sarkophag. »Steckt er in einem der Sitze?« ER seufzte. »Immerhin scheinst du die Störung der Schilde behoben zu haben. Wir sind wieder ätherfrei… Das sind wir doch?«

»Absolut«, bestätigte Sesha. Mit seltsamer Betonung jedoch, wie Cloud fand.

»Und X’ta?«

»Ist, wie schon einmal, am Äthermangel gestorben.«

Clouds Augen weiteten sich kurz, bevor er zu begreifen glaubte.

Sie waren in einem verrückten Kosmos gelandet – einem Gebiet im Universum, in dem sich eine etwa milchstraßengroße Spiralgalaxie mit all ihren Himmelskörpern vor rund 300.000 Standardjahren in eine noch knapp 4,5 Lichtjahre durchmessende Anomalie verwandelt hatte. In den Karten der Abrogaren, einem in der benachbarten Sterneninsel Eleyson beheimateten, arachnoiden Volk war die »geschrumpfte« Galaxie unter dem Namen Scharan vermerkt. Allerdings betrieben die Abrogaren nach eigener Aussage keine intergalaktische Raumfahrt, zumindest seit Äonen nicht mehr, sodass sie vom Zustand Scharans ebenso überrascht worden waren wie die Besatzung der RUBIKON.

Ihr mit Abrogaren bemanntes Begleitschiff, die FADEN DER VORSEHUNG, war schon vor der RUBIKON in die Anomalie eingedrungen und hatte dort vor dem Ätherwahn kapitulieren müssen. Bei Clouds Versuch, kontrolliert in die Anomalie vorzustoßen, war es dann zur Katastrophe gekommen. Die Schutzschirme waren sabotiert worden, und die schädliche Strahlung hatte ungehinderten Zugang ins Schiffsinnere erhalten.

»Am Äthermangel«, wiederholte er Seshas Angabe. »Das heißt, das Schiff ist wieder vor den Einflüssen der Anomalie geschützt. Dafür musste der arme X’ta es nun schon zum zweiten Mal ausbaden, dass er ohne Äther nicht auskommt – so wie wir es mit nicht ertragen.«

Die KI bestätigte.

»Wo ist er?«

»Auf der Krankenstation.«

Cloud nickte. »Hast du ihn schon reanimiert?«

Mithilfe der KI und den sonstigen Möglichkeiten an Bord hatten sie für den Gestaltwandler X’ta einen speziellen »Ätheranzug« angefertigt. Wenn er ihn als geschlossenes System trug, konnte er selbst außerhalb Scharans überleben und war mobil, vergleichbar mit einem ein Raumfahrer, der mit entsprechendem Equipment selbst im lebensfeindlichen All zu agieren vermochte, oder einem Taucher in der Tiefe eines planetaren Ozeans.

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Ich musste Prioritäten setzen, nach allem, was passiert ist.«

»Und was genau ist passiert, seit ich weg vom Fenster war?«

Sesha verstand mittlerweile selbst flapsige Formulierungen wie diese.

»Wir wurden von Auruunenringen ins Visier genommen. Im buchstäblich letzten Moment gelang eine Transition.«

»Aus Scharan heraus? Funktionieren die Schilde etwa noch gar nicht, und ist das der Grund, weshalb wir ätherfrei sind? Wir haben die Anomalie wieder verlassen?«

»Eine berechtigte Frage«, sagte die KI. »Ich fürchte nur, die Antwort darauf ist nicht so einfach.«



Die Nanomodule seines Körpers fuhren hoch.

Jarvis verschaffte sich sofort nach seinem »Erwachen« mit seinen visuellen Systemen einen Rundum-Überblick. Anders als sein längst zerfallener Leib aus Fleisch und Blut es vermocht hatte, versetzten seine kybernetischen Sinne ihn in die Lage, in alle Richtungen gleichzeitig zu blicken.

»John«, begrüßte er den Mann, der ihm gegenüber saß. »Gut, dich gesund und munter zu sehen…«

Cloud machte eine Geste, aus der unverhohlene Skepsis sprach. »Ich freue mich auch, dich zu sehen – aber mach dir keine Illusionen, was unsere Lage betrifft. Sie ist… naja, nennen wir es prekär . Aber um es klar zu sagen: Das ist eher unter- als übertrieben.«

»Assur?«, fragte Jarvis spontan.

Die Erwähnung des Klons, den die Auruunen ihnen untergejubelt hatten und der lange Zeit von sich selbst geglaubt zu haben schien, das Original zu sein, ließ Clouds Blick kurz flackern. Doch er fasste sich schnell.

»Assur… die, die wir für Assur hielten… ist momentan mein geringstes Problem. Sesha konnte sie mit X’tas Hilfe ausschalten.« Er schüttelte den Kopf, als ahne er Jarvis‘ Reaktion voraus. »Nein, damit meine ich nicht, dass er sie umgebracht hat. Aber sie kann diesmal wirklich nichts mehr anstellen – zumindest hat Sesha es mir glaubhaft versichert. Sie befindet sich in dem Zustand, den wir beide gerade wieder beendet haben.«

»Stase?«, fragte Jarvis.

Cloud nickte. »Und das wird erst einmal so bleiben. Wir brauchen unsere volle Konzentration, um zunächst einmal zu klären, wo wir uns befinden.«

»Was heißt das? Dass die RUBIKON orientierungslos durchs All fliegt? Sind wir auf Über- oder Unterlicht?«

»Ich wünschte, das könnte ich dir sagen.«

»Aber das ist eine ganz einfache Frage.« Falls Jarvis‘ Kunstkörper in der Lage war, ein mulmiges Gefühl zu imitieren, dann mochte das, was der ehemalige GenTec gerade empfand, dem verflucht nahe kommen.

Cloud schüttelte den Kopf. »Vergiss es. Du musst umdenken. Fang am besten gleich damit an…«

Er schilderte, was Sesha ihm offenbar kurz vorher erklärt hatte.

Demnach war die RUBIKON vor mehreren anfliegenden Auruunenringen in die Transition geflüchtet. Ein Zielpunkt hatte nicht mehr berechnet werden können, das Schiff war blind gesprungen.

Und in undefinierbarer Umgebung materialisiert.

Cloud zeigte immer noch mit ausgestrecktem Arm auf den Abschnitt der Holosäule, der nach seiner Behauptung die aktuelle Umgebung der RUBIKON wiedergab.

Der entsprechende Holobereich bestand aus nichts anderem als Schwärze, absoluter Dunkelheit.

»Etwas blockiert die Ortungssysteme…«

Cloud nickte. »Das ist auch meine Hoffnung. Denn – was wäre die Alternative?«

»Du meinst… du meinst, es könnte sich auch um Koordinaten handeln, bei denen es wirklich so aussieht?«, fragte Jarvis. »Ein Sektor im All, in dem kein einziger Stern beheimatet ist, der etwas Licht spenden könnte? Aber dann müssten doch wenigstens die Fernortungssysteme –«

»Es wird unsere vorrangige Aufgabe sein«, unterbrach ihn Cloud, »herauszufinden, ob wir uns in einer weiteren Anomalie verfangen haben, die sich frappierend von Scharan und dem dortigen Äther, aber ebenso frappierend auch von den gewohnten Weltraumverhältnissen unterscheidet – oder ob eventuell tatsächlich nur unsere Außensensoren getäuscht werden.«

»Was ist mit der Echse? Du hattest doch das Kommando auf sie übertragen – bevor du die gesamte übrige Besatzung in die Stase befohlen hast, mich eingeschlossen, weil offenbar selbst ich noch anfällig gegen die Ätherstrahlung bin.«

»Der Echse, wie du sie nennst, geht’s nicht so prickelnd. Sie ist offenbar wieder kollabiert, als die RUBIKON in den Schwarzraum eindrang.«

»Schwarzraum… so nennst du es?«

»Bezeichnungen sind momentan Nebensache. Wir brauchen Informationen, die uns dabei helfen, uns wieder zu konsolidieren. Momentan können wir nicht einmal den schlimmsten aller Fälle völlig ausschließen.«

»Und der wäre?«

»Dass wir den Auruunen doch nicht entkommen sind. Dass es ihnen im Moment des Sprungs, vielleicht eine Mikrosekunde zuvor, doch noch gelungen ist, uns übel mitzuspielen.«

»Du meinst, der ‚Schwarzraum‘ könnte auf ihrem Mist gewachsen und in Wahrheit das Ergebnis des Einsatzes einer uns unbekannten Waffe sein?«

»Wir sollten mit allem rechnen.«



Bevor Cloud sich dem Problem widmete, das er mit Jarvis besprochen hatte, wies er die KI an, sämtliche Crewmitglieder, die als lebensrettende Maßnahme in die Stase versetzt worden waren – mit anderen Worten: alle –, aus derselben zurückzuholen.

Zu seiner Verblüffung machte Sesha ihn auf eine Gefahr aufmerksam, an die er bislang noch nie einen Gedanken verschwendet hatte: »Ich weise darauf hin, dass bei einer zahlenmäßig so hohen Behandlung mit einer gewissen Ausschussquote gerechnet werden muss.«

»Ich hoffe nicht, dass du damit meinst, was ich darunter verstanden habe«, sagte Cloud. »Du willst mir nicht durch die Blume sagen, dass … Verluste zu erwarten sind? Todes fälle?«

»Ich betrachte es als meine Pflicht, auf die Risiken hinzuweisen, die in 0,1 Prozent aller Fälle auftreten können

»Trotzdem hast du jeden Einzelnen in die Stase versetzt?«

»Die Alternative, es nicht zu tun, hätte eine dramatisch höhere Zahl potenzieller Opfer gefordert.«

»Ist das eine Annahme oder unumstößlicher Fakt?«

»Das Resultat einer Hochrechnung, bei der die gesundheitlichen Risikofaktoren einzelner Crewmitglieder mit einflossen.«

»Ach? Ich dachte immer, wir wären alle kerngesund!«, konnte sich Jarvis den Einwurf nicht verkneifen.

»Das«, erwiderte Sesha unbeeindruckt, »lässt sich nicht einmal über das Konstrukt sagen, das dir als Körperersatz dient.«

»Du spinnst! Wie sollte ein Robotkörper ‚krank‘ sein?«

»Auch eine Maschine ist ein Organismus, nur eben künstlich. Folglich können einzelne Systemkomponenten auch an Leistungsstörungen leiden.«

»Und das hast du bei mir festgestellt, alter Schrottkasten?«

Für eine Weile wirkte die KI indigniert. Doch offenbar setzte sie die Pause bewusst, um Jarvis in Sicherheit zu wiegen.

»Es gibt gewisse Defizite, die aber, so leid es mir tut, das feststellen zu müssen, eher im Bereich des Bewusstseins liegen, das den Kunstkörper für sich vereinnahmt.«

Jarvis verzog sein projiziertes und täuschend echt wirkendes Gesicht zu einer diabolischen Grimasse. »Na warte, das zahle ich dir heim! Nicht jetzt, sondern wenn du nicht damit rechnest. Irgendwann…«

»Ich muss dich enttäuschen, Bewusstsein Jarvis: Ich rechne immer damit, dank deiner Warnung. Eine meiner vortrefflichsten Eigenschaften ist, dass ich nichts vergesse – auch wenn ich mir das manchmal wünschte.«

Mit verdrießlicher Miene wandte sich Jarvis an Cloud: »Sag mal, täusche ich mich, oder ist diese behämmerte KI, seit wir auf Tuchfühlung mit der eingedampften Galaxis gegangen sind, noch übergeschnappter geworden als früher?«

Cloud zuckte mit den Achseln. »Glaub mir, alter Freund, das ist momentan das geringste meiner Probleme.«

»Du glaubst der Blechtante doch nicht?«

Cloud seufzte. »Erstens ist sie nicht aus Blech – eigentlich wissen wir nicht, woraus genau sie besteht oder wo der Generator sitzt, der sie erzeugt –, und zweitens: Doch, ich fürchte, ich glaube ihr. Es km noch nie vor, dass eine so große Zahl von Lebewesen auf einmal in die Stase gegangen ist und wieder daraus erweckt wurde. Deshalb könnte es sein –«

»Falsch«, unterbrach ihn Jarvis.

»Was ist falsch?«

»Es kam sehr wohl schon mal vor, dass tausende und abertausende Leben ‚eingefroren‘ wurden, und das sogar über eine unvergleichbar längere Zeit. Hast du es wirklich vergessen? Die Foronen! Die ursprünglichen Erbauer der RUBIKON!«

Cloud nickte. »Du hast recht. Für den Moment hatte ich es wirklich nicht mehr auf dem Radar. Danke für die Erinnerung. Aber unter Berücksichtigung dessen, fürchte ich, dass Sesha auf eben jene Daten zurückgreift, die sie damals sammeln konnte.«

»Du meinst, es gab auch bei den Zehntausenden Foronen Verluste, als sie aus der Stase geholt wurden?«

Cloud machte eine unbestimmte Geste. »Fragen wir Sesha. Sesha? Du hast es gehört. Was hast du dazu zu sagen? Wie war das damals, zu Sobeks Zeiten?«

Er wunderte sich, wie leicht ihm der Name des Tyrannen von den Lippen kam. Des Obersten des Septemvirats einer Spezies, die ursprünglich aus der Großen Magellanschen Wolke stammte, dort aber von den Virgh zur Heimatflucht getrieben worden war.

Einst hatte Sobek die RUBIKON befehligt. Als sie noch eine Rettungsarche der letzten Überlebenden seines Volkes gewesen war.

Mit Sobek war nicht gut Kirschen essen gewesen, überhaupt nicht. Cloud konnte sich nicht erinnern, es nach dem Foronenführer jemals wieder mit einem auch nur annähernd vergleichbar charismatischen Gegner zu tun gehabt zu haben.

Darnok war ein ganz anders gelagerter Fall. Reuben Cronenberg nicht minder. Und all die anderen…

»Auf zehntausend Foronen kamen dauerhafte dreizehn Ausfälle«, sagte Sesha. »Dazu vier irreparabel Geschädigte, die…«

»Die was

»… auf Sobeks Geheiß erlöst wurden.«

Cloud verspürte keinen Ehrgeiz, nachzuhaken, was die KI darunter verstand.

Jarvis hingegen ließ es sich nicht nehmen, in die Kerbe zu hauen. »Und das hast du mitgemacht? Du hast den ‚Ausschuss‘ kaltblütig eliminiert?«

»Sobek war der Kommandant des Schiffes. Sobeks Weisungen waren strikt zu befolgen.«

Jarvis schnitt eine Grimasse. »Ich wette, mit dem hast du dir keine Wortgefechte oder auch nur spitze Bemerkungen erlaubt!«

Sesha schwieg – was Jarvis als Bestätigung seiner These wertete. Er schnaubte verächtlich.



Die restlichen noch geschlossenen Sarkophagdeckel glitten zurück, weil Cloud zunächst die Rückholung des »harten Kerns« ihrer Crew befahl.

Allen voran Scobee, aber auch Algorian, Jelto, Jiim und Yael fanden ins Leben zurück. Allen standen die gleichen Frage ins Gesicht geschrieben: Was ist in der Zeit unseres Stasekomas passiert? Wohin ist der Äther verschwunden?

Nachdem Cloud sie auf den aktuellen Stand gebracht hatten, baten Algorian, Jelto und die beiden Nargen darum, sich aus der Zentrale entfernen zu dürfen. Jelto wollte unbedingt in den hydroponischen Garten zurück, von dem Sesha ihm zwar einen tadellosen Zustand versicherte, trotzdem wollte er sich mit eigenen Augen davon überzeugen – und Algorian schloss sich ihm an. Ähnliches bewegte Jiim, der nach Pseudokalser wollte, während es Yael dorthin zog, wo die KI ihm den aktuellen Aufenthaltsort seiner Freundin Winoa lokalisierte. Winoa ruhte noch in Stase, genau wie 99,99 Prozent der übrigen Besatzung.

Cloud hielt niemanden auf, war aber froh, dass Scobee ebenso bei ihm blieb wie Jarvis.

Im Grunde waren sie drei es, deren Freundschaft am längsten von allen an Bord Bestand hatte – wobei sie selbst am besten wussten, dass dieser Freundschaft zunächst so manches Missverständnis und Misstrauen vorausgegangen war.

Doch das lag so lange zurück, dass es keinerlei Einfluss mehr auf das Jetzt hatte.

»Wie ist eure Einschätzung?«, fragte Cloud, als sie allein waren. »Haben wir Scharan verlassen – oder stecken wir in einer Falle der Auruunen?«

»Das eine schließt das andere ja nicht aus«, sagte Scobee.

»Möglich, du hast recht.«

»Ich tippe auf eine dritte Variante«, sagte Jarvis in wichtigtuerischem Ton, den er nur wählte, um Scobee zu reizen, seine »zweitliebste Reibungsfläche« nach Sesha an Bord.

»Und welche wäre das?«, ging ihm Scobee prompt auf den Leim.

»Das es keine Falle ist, zumindest keine von den Auruunen gestellte – und ich schließe auch nicht aus, dass wir immer noch in der Anomalie sind.«

»Aber der fehlende Äther«, gab Cloud zu bedenken.

»Kann andere Gründe haben. Wir sind ja bei weitem noch nicht großartig rumgekommen in Scharan. Es mag Orte geben, die ätherfrei sind, warum auch immer.«

»Und zu einer solchen Stelle sollen wir zufällig gesprungen sein?« Scobee schüttelte kategorisch den Kopf. »Mehr als unwahrscheinlich.«

Jarvis blieb seiner Meinung treu. »Abwarten.«

»Undenkbar ist es nicht«, sprang Cloud ihm bei. »Aber darum kümmern wir uns, nachdem wir an Bord wieder für Ordnung gesorgt haben.«

Scobee war auch über Seshas Warnung vor Komplikationen im Zuge der Massenstase und ihrer Aufhebung informiert. »Du willst erst wieder alle deine Schäfchen unversehrt ins Leben zurückgeholt wissen«, sagte sie. »Es wird schon gut gehen, mach dir keine übertriebenen Sorgen.«

Aber es ging nicht gut.

Am Ende der Staseaufhebung zog Sesha eine Bilanz, die ihre Sorge zu trauriger Realität werden ließ.

Von den rund 5000 Besatzungsmitgliedern erwachten insgesamt 18 nicht mehr aus der Stase, die sie eigentlich hatte vor Schäden bewahren sollen.

18 Tote auf einen Schlag – damit stellte der Aufenthalt in Scharan schon jetzt den Negativrekord in Sachen Todesfälle während eines Unternehmens dar.

Cloud ließ sich von Sesha die Namen der Opfer geben – und war erleichtert, dass keine Personen darunter waren, zu denen er oder ein anderes Mitglied der Stammcrew eine tiefere Beziehung hatte. Trotzdem ließen auch die »unbekannten« Toten nicht kalt. Jede Einzelne von ihnen hatte an Bord Freunde und Bekannte gehabt, die von der Todesnachricht schwer mitgenommen sein würden.

Cloud wies Sesha an, ihnen den größtmöglichen psychologischen Beistand zu leisten.

»Wir sollten endlich anfangen, einen Ort an Bord zu schaffen, an dem Hinterbliebene in würdigem Rahmen um Dahingeschiedene trauern können«, schlug Scobee vor. »Bei Cy haben wir es auch getan. Aber ich fände es unpassend, den Cy Memorial dafür zu nehmen. Immerhin wurde er ganz speziell für unseren Freund aus seiner früheren Kabine geschaffen. Nein… mir schwebt da etwas anderes vor… Schade, dass Jelto schon gegangen ist. Wir könnten ihn fragen, ob er bereit wäre, eine Parzelle innerhalb des hydroponischen Gartens dafür bereitzustellen.«

Cloud nickte. »Eine gute Idee. Sprich mit ihm. Am besten persönlich. Würdest du…?«

»Natürlich. Gern.« Scobee nickte und stand auf. »Ich erledige es gleich.«

»Außer Jelto lebt auch noch ein anderer im Garten«, sagte Jarvis, als sie gegangen war. »Alcazar.«

»Alcazar ist Jeltos Gast«, erwiderte Cloud. »Und warum sollten nur Lebende Gastrecht bei ihm finden? Du kennst ihn. Er ruht in sich selbst. Ich könnte mir niemand Passenderen für den Job eines Friedhofsgärtners vorstellen.«

Er meinte das nicht im entferntesten despektierlich. Eher voller Hochachtung.

Ja, Jelto, das wurde ihm nun vollends bewusst, könnte ihm als ordnende Kraft bei dem noch zu gründenden Friedhof auf der RUBIKON gefallen.

Sehr sogar.



Schon wenige Stunden nach den Todesfällen, die nicht einmal mit der ausgereiften Medotechnik an Bord hatten verhindert werden können, wurde der Friedhof in Jeltos Garten eingeweiht.

Erwartungsgemäß hatte der Florenhüter sich nicht eine Sekunde dagegen gesträubt, sondern empfand es im Gegenteil sogar scheinbar als Ehre, dass sein »Reich« auf diese Weise eine, wie er es sah, Aufwertung erhielt.

»Bist du dir sicher?«, hatte Cloud sich vergewissert.

»Absolut.«

»Schön. Ich könnte mir keine bessere Lösung vorstellen. Scobee meinte, Alcazar könnte vielleicht ein Problem werden.«

Jelto wirkte ehrlich überrascht. »Warum?«

»Immerhin hat er sich auch bei dir wohnlich eingerichtet. Ich weiß nicht, wie er mit irdischen Gepflogenheiten zurechtkommt.«

»Abrogaren bestatten ihre Toten nicht«, sagte Jelto. »Wusstest du das?«

»Nein. Wie verfahren sie denn mit ihnen?«

»Sie weben Kokons und hängen sie in regenarmen Gebieten in Bäume oder unter Steinmonumente, wo sie vor Wind und Wetter geschützt sind. Luftgräber nennen die Arachniden das. Es gibt spirituelle Weber, die Erinnerungen in die Kokons einspinnen – psionisch begabte Arachniden, wie sie bei diesem Volk höchst selten nur vorkommen. Und diese Auserwählten werden nur behelligt, wenn ein Sterbefall eintritt, ansonsten führen sie ein Leben in großer Abgeschiedenheit.«

Cloud hörte Jeltos Ausführungen fasziniert zu.

Im Laufe des Tages wurden mithilfe der Schiffsbots 18 Gräber ausgehoben und die Toten feierlich beigesetzt. Cloud hielt eine kurze Ansprache, in der er seine Hochachtung für die Opfer zum Ausdruck brachte und ihnen ein ehrendes Andenken versprach.

Der Garten war so stark besucht wie nie zuvor. Dabei tolerierte Jelto, der sonst, was das anging, sehr streng sein konnte, selbst Verfehlungen, bei denen Beete in Mitleidenschaft gezogen oder gar Pflanzen zertrampelt wurden. Aber Cloud beobachtete ihn später, wie er sich um die »Versehrten« kümmerte, sie im Licht seiner Aura von erlittenen Blessuren genesen ließ und anschließend kein einziges Wort darüber verlor.

Kaum war diese traurige Pflicht erledigt und der Pietät Genüge getan, rief Cloud sich aber auch schon in Erinnerung, womit er eigentlich längst hätte beginnen müssen – wenn er rein pragmatisch an die Sache herangegangen wäre.

Solange sie nicht wussten, wo die RUBIKON sich befand und welchem Phänomen es geschuldet war, dass sie keinerlei Daten über die Schiffsumgebung gewinnen konnten, schwebte ein Damoklesschwert über ihnen, das jederzeit zuschlagen konnte.

Niemand wagte ernsthaft zu hoffen, dass der Blindsprung das Schiff samt Besatzung in wahrhaftige Sicherheit gebracht hatte.

Aber niemand ahnte auch nur im Entferntesten, was hinter dem Schwarzraum-Effekt steckte.

Oder wer das Phantom gewesen sein könnte, das Sesha an Bord wahrgenommen zu haben meinte, ohne es dingfest machen zu können.

»Okay«, wandte sich Cloud an seine engsten Gefährten, kaum dass sie den Friedhofsgarten verlassen hatten. »Gehen wir systematisch vor. Sesha hat es schon mit Sonden versucht, die den Außenraum erkunden sollten – aber keine von ihnen kehrte zurück. Das heißt für mich, dass wir uns nicht auf rein technische Mittel zur Erkundung verlassen können. Wir brauchen die menschliche Komponente, wenn wir hoffen wollen, das Rätsel unseres Aufenthaltsortes zu lösen. Gibt es freiwillige Meldungen, die zur Aufhellung beitragen wollen?«

»Du weißt, dass du bei so etwas immer auf mich zählen kannst«, sagte Jarvis ohne das geringste Zögern.

»Was war an dem Satz, dass wir uns nicht auf rein technische Mittel verlassen können, nicht zu verstehen?«, fragte Scobee ironisch.

»He! Ich verbitte mir das! Ich bin kein ‚rein technisches Mittel‘!«

»Hört auf. Manchmal übertreibt ihr es wirklich.«

Sie blickten ihn mit Unschuldsmiene an.

»Ich habe mich entschieden, auch X’ta mit ins Boot zu holen. Sesha soll ihn reanimieren und in seinen Anzug stecken. Wir sollten ihn nicht unterschätzen. Nach allem, was die KI mir berichtete, verdanken wir ihm vermutlich, dass wir überhaupt noch am Leben sind.«



2.


»Wie ist dein Name?«

Die Stimme sprach in keiner gewohnten Sprache zu ihm, und doch verstand er, was sie von ihm wollte.

»Scutor.«

»Wie nennt sich dein Volk?«

»Ich bin ein… Abrogare.«

»Ja, ein Abrogare. Macht dich das stolz?«

In dem einen Augenblick durchlief Hitze seinen Körper, im nächsten war es Eiswasser. Scutor erzitterte. Er hatte das Gefühl, von tausend Nadeln durchbohrt zu sein. Sehen konnte er nichts. Um ihn herum war völlige Finsternis.

»Stolz?«, wisperte er. Er verstand nicht, was die Stimme von ihm wollte. »Ob ich stolz bin, ein… Abrogare zu sein?«

»Stolz, zu jenen zu gehören, die uns so lange hinters Licht führen konnten.«

Wieder streikte sein Verstand. Scutor merkte, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Er war nervös, aufgedreht, zugleich aber auch seltsam benebelt. In seinen Eingeweiden rumorte es. Hunger? Er erinnerte sich nicht, wann er zuletzt Nahrung zu sich genommen hatte.

Er erinnerte sich nicht einmal, wie er in diese Lage gekommen war. Dunkelheit. Hitze und Kälte. Eine Stimme, die mit fremder Zunge zu ihm sprach und dennoch mühelos verständlich war…

»Wer… bist du?«

»Wer ich bin, spielt keine Rolle. Es geht nur um dich. Um dich und dein heimtückisches Volk.«

»Heimtückisches…«, echote er. Die Brisanz des Gesprächs rückte allmählich in sein Begreifen.

»Nennt ihr euch nicht ‚die Getilgten‘?«

»Woher –«

Lachen. Der universelle Ausdruck von überschwappender Emotion. Was dieses spezielle Lachen bedeutete, ahnte Scutor längst.

»Du bist ein…«

»Aber ja! Wie klug du bist! Wärst du es nicht, wäre dein erbärmliches hinterlistiges Völkchen es nicht, würdet ihr eurem Namen längst die Ehre machen, die euch gebührt.«

Scutor versuchte, sich innerlich gegen die Anfeindungen zu wappnen. Gegen sie und gegen die Fortsetzung des Verhörs, denn nichts anderes war es.

Er suchte nach dem Gedanken, der ihn seinen Peinigern entziehen würde. Es gab ihn. Es gab einen Schutz, der jedem Abrogaren, der das Dunkelwolken-Versteck verließ, um in den Tiefen Scharans – oder wie in Scutors Fall noch weiter – operierte, einen Fluchtweg offen ließ, für den Fall, dass der uralte Feind ihn in seine Gewalt brachte.

So wie es offenbar geschehen war.

Verschwommene Erinnerungen schwemmten durch Scutors Bewusstsein. Die FADEN DER VORSEHUNG hatte im Randbereich der Anomalie gekreuzt. In Begleitung eines anderen, nicht abrogarischen Schiffes. Dabei war sie den verderblichen Einflüssen Scharans zu nahe gekommen, hatte Fahrt aufgenommen und war in die geschrumpfte Galaxie vorgedrungen…

Ab dem Moment wurde es schwierig, sich an eigenes Verhalten oder Befehle zu erinnern, die er gegeben hatte. Das vage Wissen um eine Havarie… um Enterer, die plötzlich an Bord aufgetaucht waren und die Besatzung verschleppt hatten… Auruunen!

»Wir mögen«, ächzte er, »die Getilgten sein, aber dann… seid ihr die… Verdammten! So viel Leid… Ihr habt so viel Leid über die Völker gebracht, und bis heute weiß niemand, warum!«

»Wie undankbar du bist! Mäßige dich, sonst mildere ich die Abschirmung, was dir nicht gut bekäme.«

»Abschirmung?«

»Du bist hoch anfällig gegen die Strahlung, die hier herrscht. Anders als wir. Und wenn ich dich ihr ungeschützt aussetze, geschieht wieder das, was dich und deine Leute schon einmal dem Irrsinn verfallen ließ. Willst du das? Willst du wieder anfangen, dir selbst die Gliedmaßen auszureißen?«

»Das habe ich nicht –«

Licht flammte auf. So plötzlich, dass in den Perlenaugen des Arachniden zunächst nur Schwärze explodierte, weil sie überfordert waren von der Helligkeit. Doch nach einer Weile wichen die schattenhaften Schlieren, und Scutor sah . Sich. Die Wände seines Gefängnisses spiegelten ihn wider. Von allen Seiten reflektierten sie sein Bild. Wie aufgespießt hing er in einer Apparatur, die sich mit nadelspitzen Auswüchsen in seinen Leib gebohrt hatte und ihn so in der Schwebe, aber vielleicht auch erst am Leben hielt.

Ein grausiger Gedanke, der Scutor mit Ekel überschwemmte. Ekel vor den Auruunen, aber auch Ekel vor sich selbst.

»Tötet mich!«, schnarrte er, immer noch verzweifelt auf der Suche nach dem Wort, das intensiv genug gedacht, genügte, um den Forka-Impuls auszulösen – Forka hatte der Abrogare geheißen, der die Technik vor langer Zeit entwickelte, mit der die Flucht aus jeder noch so hoffnungslosen Lage ermöglicht werden sollte. Forkazellen, verbanden sich, einmal injiziert, selbsttätig mit der Gehirnrinde, wurden zu einem »natürlichen« Bestandteil – und ein Gedanke konnte dafür sorgen, dass sie explosionsartig zu wuchern begannen…

so wie Scutor es anstrebte, um den Auruunen zu entkommen.

Aber das Wort… fiel ihm nicht ein.

Warum –

»Quäle dich ruhig. Aber die Antwort ist ganz einfach«, sagte sein immer noch unsichtbarer Peiniger. »Es funktioniert nicht, weil wir nicht wollen, dass es funktioniert. Du unterschätzt uns. Nachdem sich mehrere deiner Besatzung auf die immer gleiche Weise unserer Befragung entzogen und lieber qualvoll starben, war es uns ein Leichtes, die Ursache zu finden und das, wodurch sie erst stimuliert wird, zu isolieren.«

»Ihr habt –«

»Wir haben den Begriff aus dir entfernt, mit dem du dich umbringen könntest.«

»Wie sollte das gehen?«

»Du würdest Augen machen, was alles geht.« Der Unsichtbare lachte erneut. »Apropos Augen. Denkst du, du verdienst dein Augenlicht noch länger, obwohl du dich so vehement gegen einfachste Fragen sträubst?«



»Ich muss mit dir sprechen«, sagte Sesha.

»Sprich.«

»Es geht um die Zeit vor deiner Rückholung aus der Stase.«

Cloud nickte ungeduldig. Er war auf dem Rückweg von der Beerdigung der Crewmitglieder, die besagte Stase nicht überlebt hatten, zur Zentrale. Niemand war bei ihm – nur die fast allgegenwärtige KI. »Was ist damit?«

»Es gibt ein Vorkommnis, über das ich noch nicht mit dir sprach.«

»Wichtig?«

»Über die Bedeutung kann ich keine sichere Prognose abgeben. Letztlich hat mich das auch zögern lassen, es überhaupt anzusprechen.«

Cloud blieb mitten auf dem Gang, wo er sich gerade befand, stehen. Er lauschte. Mit dem Geräusch seiner eigenen Schritte war auch der letzte Klang verstummt. Nirgends war ein Angk oder ein Angehöriger der einstigen Stammcrew zu sehen. Scobee hatte sich auf seine Bitte hin zu X’ta begeben, um seiner Reanimation beizuwohnen, während er selbst in der Zentrale letzte Überlegungen zur beabsichtigten Erkundung des »Schwarzraums« anstellen wollte.

»Entschuldige, wenn ich das sage, aber: Das klingt wie zu deinen merkwürdigsten Zeiten – als du fremdbestimmt warst. Du weißt hoffentlich, was ich meine: Kargor oder zuletzt Tecum…«

Die KI gab vor, nicht zu wissen, worauf er anspielte. »Commander?«

»Schon gut. Sag einfach, was du auf dem Herzen hast. Und versuch dabei, mich nicht an deiner Kompetenz zweifeln zu lassen. Ich bin gerade etwas missgelaunt. Keine Ahnung, ob du das nachvollziehen kannst. Achtzehn tote Angks muss ich erst mal verdauen. Also? Was war, das du nicht so ganz einschätzen kannst? Und wen oder was betrifft es? X’ta?«

»In gewisser Weise X’ta, ja.« Die KI berichtete von einem »Phantom«, das die RUBIKON kurz nach dem Sprung durchgeisterte. Ein Schemen, der von Sesha nicht klar erkennbar gewesen war und der sich durch die gleiche Art von Dunkelheit bewegt hatte, die noch immer draußen, jenseits der Schiffshülle, herrschte.

Zum ersten Mal erfuhr Cloud, dass auch an Bord Finsternis geherrscht hatte, die kein künstliches Licht aufzuheben vermocht hatte.

»Du machst Witze«, entfuhr es ihm. »Warum erfahre ich das erst jetzt – und wann wurde dieser Zustand beendet? Wie hast du ihn beendet?«

»Ich wünschte, ich könnte es sagen.«

»Du machst Witze, die Zweite!« Ihm war nicht nach Scherzen zumute. Auch nicht nach flapsigem Dialog mit einer KI, die sich wie zu den schlimmsten Zeiten präsentierte.

»Es ist die Wahrheit. Als die Transition endete, senkte sich eine Finsternis über die RUBIKON, die von keinem Lichtstrahl erhellt werden konnte. In dieser Phase tauchte das Phantom auf. Meine Sensoren meldeten es, ohne sagen zu können, worum es sich handelte. Alle mir zur Verfügung stehenden Mittel arbeiteten eingeschränkt. Ich bemühte mich, die Identität des Schemens zu ermitteln, aber es gelang nicht.«

»Warum hast du keine Bots geschickt?«

»Ich habe es versucht. Aber sie waren nicht imstande, sich schnell genug zu dem Ort zu begeben, von wo verwaschene Signale kamen.«

»Und wo war das?«

»Am längsten harrten sie bei X’ta aus, kurz bevor er kollabierte.«

Cloud hatte selten das Gefühl, seinen Frust laut hinausschreien zu wollen – aber dies war ein solcher Moment. Er unterdrückte den Fluch, der ihm auf der Zunge lag, ballte nur die Hände zu Fäusten. »Und das , dachtest du, sei eventuell nicht wichtig genug, um es mir gleich zu sagen?« Cloud schüttelte sich. »Wenn wir einen auf KIs spezialisierten Psychiater an Bord hätten, würde ich dich umgehend auf seine Couch beordern, Sesha. Ich hoffe, das wundert dich nicht.«

»Commander?«

»Ja, ja. Weiter! X’ta kollabierte also, nachdem ‚das Phantom‘, wie du es nennst, bei ihm war. Und dann?«

»Dann hörte das Dunkel an Bord auf.«

»Einfach so.«

»Möglicherweise wurde an meinen Systemen Änderungen vorgenommen.«

Möglicherweise wurden… Cloud hatte das Gefühl, dem Abdriften der KI in die Schizophrenie beizuwohnen. Die ganze Situation erschien ihm so unwirklich, dass er für einen Moment in Erwägung zog, noch immer in der Stase zu liegen, vielleicht gerade daraus zurückgeholt zu werden, und von seinem Gehirn absurde Szenen präsentiert zu bekommen, zu denen – hoffentlich! – vielleicht auch alles gehörte, was er zuvor in Sachen Angk-Tode »erlebt« hatte.

Ich halluziniere. Nichts von alldem ist wahr. Vielleicht… vielleicht stecke ich auch noch voll im Ätherwahn und war nie in der Stase. Vielleicht hat die Scharan-Strahlung auch Sesha überrollt, und wir treiben gemeinschaftlich in einem Wirrwarr aus Trugerlebnisse dahin…

Er probierte es mit einem uralten Trick. Er kniff sich in die empfindliche Stelle an der Innenseite seines linken Unterarms. Fest. Der Schmerz kam postwendend. Wie bestellt, wie erwartet.

Aber konnte er ihm trauen? Hatte er sich seine Gespräche mit Sesha, Jarvis, Scobee und vielen anderen mehr, zuletzt vorhin bei der Trauerfeier, etwa wirklich nur eingebildet?

Unsinn! Wenn du damit anfängst – wo hört es dann auf? Seshas schizoide Züge traten schon öfter zutage. Oder nenn es Manipulierbarkeit. Das ist nichts Neues. Das hatten wir schon etliche Male.

Er durfte jetzt nicht den Fehler machen, alles infrage zu stellen. Die 18 Toten waren real. Seshas Aussetzer waren es auch. Die eigentliche Frage lautete deshalb: Wer manipulierte sie diesmal? Wer erzeugte den Schwarzraum, an dem sich die Sensoren der RUBIKON eine »blutige Nase« nach der anderen holten, in dem vergeblichen Bemühen, ihn zu erhellen.

»Verschweigst du mir noch ein Detail im Zusammenhang mit dem Phantom, das wichtig sein könnte?«

Er erwartete keine Bestätigung. Aber Sesha sagte: »Es sprach.«

»Es sprach

Nicht aus der Ruhe bringen lassen!

»Zu dir?«

»Nein, zu X’ta. Aber die Worte, die meine Sensoren auffingen, ergeben keinen Sinn.«

»Vielleicht nicht für dich. Wie lauteten sie?«

»So weit, so gut.«

»Wie bitte?«

»Das waren die Worte: ‚So weit, so gut‘.«

»Hast du dazu eine Aufzeichnung?«

»Sie ist von extrem schlechter Qualität.«

»Trotzdem: Spiel sie mir vor.«

Für eine Sekunde herrschte Stille. Dann wurde die vertraute Stimme der KI von einer nie gehörten ersetzt, die undeutlich nur diese vier Worte sagte: »So weit, so gut.«

»Verrückt«, kommentierte Cloud. »Hast du sie mit Stimmproben sämtlicher Besatzungsmitglieder abgeglichen?«

»Ja. Mit negativem Ergebnis.«

»Also unbekannt. Ein Phantom, das während der ‚Schwarzphase‘ im Anschluss an den Notsprung durch die RUBIKON geisterte, einen Satz neben X’ta verlor, der völlig sinnfrei scheint, und anschließend die schiffsinternen Systeme soweit veränderte, dass das Licht an Bord zurückkehrte – so wie ich es auch bei meinem Erwachen vorfand.« Er seufzte, setzte seinen unterbrochenen Weg fort und sagte kopfschüttelnd: »Sesha, Sesha… Was mache ich nur mit dir?«

»Commander?«

»Deine Zuverlässigkeit lässt schwer zu wünschen übrig.«

» Commander ?« Die Stimme klang plötzlich schrill wie bei jemandem, der sich einem an den Haaren herbeigezogenen Schuldvorwurf ausgesetzt sah.

»Ich mache dir nicht zum Vorwurf, dass du das Phantom nicht identifizieren oder gar stellen konntest«, sagte er. »Aber ich kann dein Versagen, was die Einschätzung der Relevanz dieses Vorfalls angeht, kann ich dir beim besten Willen nicht ersparen. Du hättest mich damit sofort nach meinem Erwachen aus der Stase konfrontieren müssen – nicht Stunden später.«

»Ich war mir unsicher, was die Relevanz –«

» Hallo?! Merkst du es nicht selbst? Genau das ist das Problem! Du bist eine KI. Bei Menschen könnte ich es tolerieren, dass sie Fehlschlüsse ziehen. Wir haben nicht umsonst die Redensart: ‚Irren ist menschlich.‘ Aber wenn Irren jetzt und künftig kybernetisch ist, wird’s kritisch. Dann gehen hier vielleicht bald auf ganz andere Weise und für immer die Lichter aus!«

Er hatte nicht das Gefühl, dass die Standpauke irgendetwas bewirkte, außer dass Sesha sich in den Schmollwinkel zurückzog. Cloud hatte nicht einmal mehr Lust, die KI eine beleidigte Leberwurst zu nennen und so aus er Reserve zu locken. Schweigend legte er die restliche Strecke zur Zentrale zurück. Solange nicht geklärt war, in welchem Medium die RUBIKON sich befand, hatte er die Nutzung der internen Transmitter verboten. Er wollte nicht riskieren, dass irgendjemand durch ein Abstrahlfeld trat, aber statt auf der Empfangsseite im Nirgendwo landete.

Insgeheim begrüßte er es, auf diese Weise wieder ein Gefühl für die Größe des Rochenraumschiffs zu erhalten. Was für ein gigantisches Gebilde die Foronen da einst erschaffen hatten!

Aber diese Größe nötigte nicht nur Respekt ab, sie bot auch tausend Versteckmöglichkeiten für jemanden, der sogar in der Lage war, eine KI zu narren. Befand sich das Phantom noch an Bord? Oder war es in den Bereich jenseits der Schiffsaußenwände zurückgekehrt, der sich jeder Beobachtung oder auch nur Spezifizierung widersetzte?

Vor allem aber: Wer war das Phantom? Wäre es feindlich gesonnen, hätte es die Schwärze nicht aus der RUBIKON gedrängt, sondern sie sich zunutze gemacht, um Schiff und Besatzung den Todesstoß zu versetzen. Oder?

Kurz bevor Cloud die Zentrale erreichte, änderte er plötzlich seine Wegrichtung.

»Sesha! Verbinde mich mit Scobee! Hat sie X’ta schon erreicht?«

Ein paar Atemzüge später meldete die KI: »Sie betritt soeben die Krankensektion, in die die Bots ihn brachten und wo er im Stasebad liegt.«

Cloud nickte. »Bin ich mit Scobee verbunden?«

Sesha bestätigte.

»Scob?«

»John?« Ihre Stimme aus dem Off.

»Ich will dabei sein, wenn der Sauroide erweckt wird. Wartest du bitte?«

»Woher dieser Meinungsumschwung? Sagtest du nicht…«

»Dass ich die Außenmission vorbereiten will. Doch, das sagte ich. Aber ich habe gerade Informationen erhalten, die neue Fragen aufwerfen.«

»Fragen, die X’ta eventuell beantworten kann?«

»Das wäre schön.«

»Gut. Aber kann Sesha die Rückholung nicht schon einleiten? Wir verlieren unnötig Zeit, wenn wir –«

»Was täte ich nur ohne dich?« Er lachte, obwohl ihm nicht danach zumute war. »Du hast vollkommen recht. Ich gehe verschwenderisch mit der Zeit um, ohne zu wissen, wie viel uns noch bleibt.«

»Das klingt dramatisch, John.«

»Dramatisch trifft es ziemlich genau…«



Der Sauroide hatte freimütig zugegeben, ein Gestaltwandler zu sein, also kraft seines Willens sein Aussehen verändern zu können.

Davon war wenig zu bemerken, als Cloud die Station betrat, in der helfende Roboterhände X’ta bereits in einen Anzug gezwängt hatten, der für den Scharan-Bewohner annehmbare Umweltbedingungen auf engstem Raum schuf. In seinem Fall hieß das: Innerhalb des Anzugs wurde jene Strahlung emittiert, die ganz Scharan durchzog und die als Äther bezeichnet wurde. Sie blieb aber innerhalb dieser Hülle, sodass die RUBIKON-Besatzung keine Anflüge von Ätherwahn befürchten musste, wenn sie X’ta zu nahe kam.

Der Sauroide regte sich bereits, als Cloud neben Scobee trat, die ein paar Schritte von X’ta entfernt neben dem Antigrabfeld stand, das von Sesha und ihren Bots aufgebaut worden war und in dem das Echsenwesen schwebte.

»Wie weit seid ihr?«, wandte sich Cloud an Scobee.

»Die Stase ist aufgehoben. X’ta wurde durch Strahlenstimulanz und Medikamente reanimiert. Laut Sesha schlägt sein Herz bereits wieder, und er atmet. Er muss jeden Moment zu sich kommen.«

Cloud nickte. »Es war richtig, die Prozedur durchzuziehen.« Er lächelte und holte ein paar Mal tief Luft.

Sie grinste ihn von der Seite an. »Du bist doch nicht etwa außer Atem? Was ist mit deiner Kondition, Commander? Du rostest doch nicht etwa ein?«

»Die Frage könnte ich, wenn ich gehässig oder Jarvis wäre, eins zu eins zurückgeben. Deine Wangen waren auch selten so rosig. Du hattest ja auch ein gutes Stück Weg zurückzulegen.«

»Das muss täuschen. Ich trainiere täglich. Und was heißt, wenn du gehässig oder Jarvis wärst? Ist das nicht ein und dasselbe?«

X’ta schlug die Augen auf. Sofort fing er an, hustende Laute von sich zu geben. Sie ließen ihm die Zeit, die er brauchte, und er beruhigte sich auch verhältnismäßig schnell wieder. Dann entdeckte er Cloud und Scobee.

Seiner Brust entrang sich ein Laut, den Cloud nur als Ausdruck unbändiger Erleichterung interpretieren konnte.

»Commander!«

»X’ta! Schön, dich so munter wiederzusehen. Wir hatten uns schon Sorgen gemacht.«

Die Echse wurde vorsichtig aus den A-Grav-Stützen gelöst und machte vorsichtige Schritte aus eigener Kraft.

»Mein Unglück ist euer Glück – sehe ich das richtig?«, fragte er.

»Wenn du auf die ätherfreie RUBIKON anspielst, die dir zum Verhängnis wurde, hast du wohl recht. Sesha konnte unsere Stase aufheben, weil die Bedingungen wieder ideal für uns wurden, aber dir diesen Anzug aufzwingen, solange sie anhalten.«

»Ich hoffe für euch, dass sie das tun werden. Ich bin ja nur einer, ihr aber…« Er führte es nicht weiter aus, es war nicht nötig.

Cloud und Scobee gingen ihm entgegen. X’ta blieb stehen. Durch die transparente Helmkugel seines Anzugs schimmerte das Licht des Äthers. Mehr von der Strahlung drang nicht nach außen.

»Wurdet ihr von der KI über die Vorkommnisse in eurer… nun, eurer ‚Abwesenheit‘ informiert?«, fragte X’ta.

»Einigermaßen«, konnte Cloud sich die Einschränkung nicht verkneifen, was ihm einen fragenden Blick von Scobee einbrachte. »Sie ist nicht ganz auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit. Möglicherweise hat der Äther bleibende Spuren bei ihr hinterlassen. Oder das, was die RUBIKON besuchte.«

Er musterte X’ta genau.

Der Sauroide schien kurz zu versteinern, dann fuhr seine Zunge hektisch über die Lippenwülste. Er erweckte den Eindruck eines Wesens, das von einer Erinnerung überrollt wurde, die erst von Clouds Worten hochgespült worden war.

»Ihr… ihr wisst davon?«

»Ich nicht«, bekundete Scobee. »Vielleicht klärt mich mal jemand auf?«

Cloud hoffte, dass sie alles Erwähnenswerte aus dem Dialog mit X’ta herausfiltern konnte.

»Sesha informierte mich gerade erst darüber. Es war kurz nach der Transition, die das Schiff vor den anrückenden Auruunenringen in Sicherheit brachte. Schwärze senkte sich über die RUBIKON. Sesha war nicht in der Lage, sie zu neutralisieren, weil es sich offenbar um etwas anderes handelte als die bloße Abwesenheit von Licht. Ein Phänomen, das noch immer außerhalb des Schiffes von sich reden macht… Aber das ist momentan eher unwichtig. Ich will von dir nur wissen, ob du mir sagen kannst, wer kurz vor deinem Kollaps zu dir kam. In völliger Dunkelheit. Du wirst ihn nicht gesehen haben, das würde an ein Wunder grenzen, aber vielleicht weißt du trotzdem etwas, das uns –«

»Der Gaukler!« X’ta konnte sich offenbar nicht länger beherrschen.

»Der… Gaukler?« Scobee sah ihn kopfschüttelnd an.

»Neben mir im Dunkel klang eine Stimme auf. Eine Stimme, die ich aus Millionen erkennen würde. Sie sagte nicht viel.«

»So weit, so gut.«

»Was?« Scobee sah ihn noch seltsamer an als zuvor.

»So weit, so gut – das sagte sie, oder, X’ta?«

Der Sauroide bestätigte eifrig. Er zitterte jetzt vor Aufregung. »Das… waren die Worte. Mehr nicht. Zumindest hörte ich nicht mehr, denn in dem Moment reagierte mein Körper auf den Entzug. Ich… ich starb… So war es doch, oder?«

»Ich fürchte ja. Aber was – oder besser: wen – meintest du gerade mit ‚Gaukler‘?«

X’ta rang um Fassung. Aus seinen Augen löste sich glitzernde Flüssigkeit. Der Scharan-Bewohner schien zu weinen.

»Eine alte Legende. Die Gaukler der Sterne… so werden sie bei uns genannt. Sie reisen von Welt zu Welt und führen Kunststücke auf, hinter denen… hinter denen sich aber mehr verbirgt als reines Amüsement. Sie… sie halten die Geschichten am Leben, die von Zeiten erzählen, an die sich kaum noch ein Bewohner meiner Heimat erinnern kann. Wobei – Heimat trifft es nicht ganz. Ich… ich weiß gar nicht, woher ich wirklich komme.«

»Aus Scharan, dachte ich.« Cloud nickte ihm aufmunternd zu.

X’ta seufzte unglücklich. »Schon. Aber woher genau, weiß ich bis heute nicht. Ich…«

»Ja?« Diesmal hakte Scobee nach. Ihr Ton war einfühlsam, zumindest für einen Menschen. Wie es X’ta erreichte, vermochte Cloud nicht zu sagen.

»Ich bin auch noch niemals, auf all meinen Reisen nicht, jemandem begegnet, der so war wie ich.«

»Du meinst…?« Scobees Augen wurden groß.

»Ich bin der Einzige meiner Art – zumindest traf ich nie einen zweiten meiner… meiner Spezies.«

»Es muss andere geben«, versuchte Scobee zu trösten. »Du musst irgendwann geboren worden sein. Deine Mutter… oder wie immer man es bei deiner Art nennt… hat dich sicher geliebt. Es müssen unabwendbare Gründe dazu geführt haben, dass ihr getrennt wurdet. Hast du denn gar keine Erinnerung an sie oder deinen Vater? Ihr unterteilt euch doch in zwei Geschlechter?«

Sie fragte, weil es natürlich auch andere Spielarten der Natur gab. Bestes Beispiel war Jiim, der Yael ganz ohne weiblichen Gegenpart gezeugt hatte. Im nächsten Moment schon, kaum dass ihr die Worte herausgerutscht waren, biss sie sich auf die Zunge. »Entschuldige. Dumm von mir. Vermutlich weißt du das nicht, wenn du noch nie einem anderen deiner Art begegnet bist…«

X’ta erwiderte nichts darauf.

Cloud sagte: »Kommen wir auf den Gaukler zurück. Welcher Spezies gehören sie an? Falls du und Sesha euch nicht getäuscht habt und tatsächlich einer an Bord war – es gibt sogar eine Stimmaufzeichnung, die das belegt –, stellt sich mir die Frage, was er hier wollte. Und warum er uns half.« Er berichtete von den Manipulationen, die laut Sesha dazu geführt hatten, dass an Bord wieder normale Lichtverhältnisse herrschten.

»Können diese Veränderungen, so sie wirklich stattgefunden haben, nicht rekonstruiert oder analysiert werden?«, fragte Scobee sofort. »Sesha? Hörst du? Worauf ich hinaus will: Falls nachvollziehbar ist, was verändert wurde, könnten auf ähnliche Weise die Außensensoren justiert werden, sodass wir endlich auch die Schwärze dort aufheben könnten.«

»Negativ«, erwiderte die KI. »Geänderte Parameter nicht nachvollziehbar.«

»Woher willst du dann wissen, dass sich etwas geändert hat.«

»Nicht nachvollziehbar bedeutet nicht, dass keine Manipulationen erkennbar sind.«

»Das verstehe ich nicht. Wenn sie erkennbar sind, musst du doch auch in der Lage sein, die Unterschiede zu vorher zu definieren.«

»Negativ.«

Scobee rollte mit den Augen. »Ich schlage mich ungern auf Jarvis‘ Seite, aber: Können wir die KI bei Gelegenheit nicht mal austauschen?«

Cloud schüttelte den Kopf. »Schon aus einem einfachen Grund nicht.«

»Weil es uns technisch nicht möglich ist?«

Wieder schüttelte er den Kopf. »Weil meist nichts Besseres nachkommt. Und wer will schon vom Regen in die Traufe kommen?«



Von irgendwoher schoss ein Faden an Jelto vorbei. Sein sichtbares Ende heftete sich an die Wand des hydroponischen Gartens. Kurz darauf hangelte sich Alcazar mit unübertrefflicher Eleganz und Schnelligkeit daran auf Jelto zu. Mit einem Sprung löste er sich und landete neben dem Florenhüter.

»Habe ich dich erschreckt?«, fragte der Abrogare. »Das wollte ich nicht.«

Jelto versuchte dem gespannten Faden zu folgen und seinen Ausgangspunkt zu finden. Der Vaschganenbaum, in dem Alcazar hauste, war viel zu weit entfernt, um in Betracht zu ziehen, dass er dort verankert sein könnte. Wahrscheinlich hatte der Arachnide unterwegs mehrfach Zwischenstation gemacht.

»Ich bin nicht erschrocken«, sagte Jelto. »Ich freue mich, dich zu sehen. Wie hast du die Stase überstanden? Und das, was Ätherwahn genannt wird?«

»Es war schrecklich.«

»Was? Stase oder Wahn?«

»Beides.«

»Wirklich?«

»Warum zweifelst du?«

»Weil ich an die Stase selbst keinerlei Erinnerung habe. Es war, als wäre ein Schalter in meinem Kopf umgelegt worden, und ich verlor das Bewusstsein. Es war wie einschlafen. Als ich wieder zu mir kam, war die Stase beendet und etliche Stunden vergangen. Aber ‚schrecklich‘ ist für mich etwas anderes.«

»Dann hast du es anders erlebt als ich.«

»Wie war es denn bei dir?«

»Ich hatte das Gefühl, in einem Gedanken festzuhängen. Ich war mir die ganze Zeit bewusst, dass etwas nicht stimmte. Ich wollte den Gedankenfaden weiterspinnen, als ich wurde festgehalten. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit.«

»Das ist bemerkenswert. Vielleicht sollten wir den Commander darauf ansprechen.«

»Wozu?«

»Damit künftig – falls so etwas noch einmal nötig wird – deine Stase etwas modifiziert wird. An Abrogarenbedürfnisse angepasst, sozusagen.«

»Das klingt unrealisierbar.«

»Vielleicht. Aber das wird es ganz sicher sein, wenn wir es nicht ansprechen.«

Der Arachnide tänzelte vor Jelto hin und her. »Ich habe euch beobachtet«, sagte er. »Es war… faszinierend.«

»Die Bestattungen?«

Alcazar bejahte. »Ich war beeindruckt.«

»Wirklich?«

»So fremdartig es anfangs auf mich wirkte, nach einiger Zeit bekam ich unbändige Sehnsucht.«

»Was meinst du damit?«

»Dass so etwas auch bei uns stattfinden könnte.«

»Ihr pflegt ganz andere Traditionen. Wir sprachen darüber.«

»Ich weiß. Aber das ändert nichts daran, dass… ich mich zu eurer Tradition hingezogen fühle.«

Jelto zuckte mit den Achseln. »Ich fürchte, du wirst ihr noch häufiger beiwohnen können. Es wird nicht die letzte Beerdigung gewesen sein. Wir leben in gefährlichen Zeiten – und bewegen uns durch gefährliches Terrain.«

»Die Auruunen.«

»Zum Beispiel.«

»Eines Tages werden auch sie ihren Meister finden. Vielleicht können wir dazu beitragen.«

»Deshalb sind wir unterwegs.«

»Ja. Scharan. Der Ort, an dem sie ihr Geheimnis hüten sollen, wenn man denjenigen glaubt, die euch auf diese Fährte gesetzt haben.«

»Die Ganf.«

Der Abrogare konnte sein Aufregung, als der Name fiel, kaum verbergen.

»Sie sind hoch geachtet bei euch, die Ganf, meine ich«, sagte Jelto. »Das finde ich erstaunlich, angesichts der Tatsache, dass sie sich doch schon vor Urzeiten mehr oder weniger aus dem Staub gemacht haben. Das weißt du inzwischen ja auch. Sie flohen vor den Auruunen in meine Heimatgalaxis, die Milchstraße. Und selbst dort, 13 Milliarden Lichtjahre von hier entfernt, wurden sie von den Auruunen aufgespürt. Ich war dabei, als ihre Bastion, das Angksystem, fiel. Ich war dabei und entkam, wie alle hier an Bord, im wirklich allerletzten Moment… um in Eleyson zu landen. Und erst nach und nach kristallisierten sich für uns erste Zusammenhänge und Fakten heraus. Die Ganf waren immer Geheimniskrämer. Ich vermag nicht zu sagen, wie groß unsere Chancen sind, den Auruunen mehr als ein paar schmerzhafte Nadelstiche zu versetzen. Wenn die Ganf schon vor Äonen scheiterten und ihr Heil in der Flucht suchen mussten, fällt es schwer zu glauben, sie könnten heute mehr bewegen. Die Zeit ist nicht stehen geblieben. In der Milchstraße nicht, aber erst recht nicht hier, wo die Auruunen zuhause sind…«

»Das sind sie nicht!« Zum ersten Mal unterbrach Alacazar die Ausführungen Jeltos. Er fauchte die Worte regelrecht. »Sie haben sich hier breit gemacht, aber sie waren nie hier zuhause!«

»Du meinst Eleyson. Aber ich spreche von Scharan. Vieles spricht dafür, dass sie von hier kamen, als sie Eleyson eroberten. Auf ihre ganz eigene Weise eroberten.«

»Sie sind böse und heimtückisch, absolut skrupellos. Aber ob sie aus Scharan kamen… vermag ich nicht zu sagen.«

»Wir finden es heraus.«

Alacazar lachte bellend auf. Seine Mandibeln zuckten, als wollte er sie in eine unsichtbare Beute schlagen.

»Haben wir nicht gerade ein ganz anderes Problem. Diese Schwärze. Außerhalb des Schiffes. Wir sind navigationsunfähig.«

»Der Commander arbeitet daran, das zu ändern. Und wie ich John kenne, wird er einen Weg finden.«

»Was macht dich so sicher?«

»Die Erfahrung. Einfach die Erfahrung aus so vielen Abenteuern.«

»Jeder Glücksfaden reißt irgendwann.«

»Bei uns heißt es Strähne.«

»Wie?«

»Ach nichts.«



Der Hangar war so riesig, dass die Handvoll Besucher sich darin fast verlor.

»Du bist sicher, dass du das riskieren willst?«, fragte Jarvis und zeigte auf die drei Personen, die neben ihm Position in dem weiten Raum bezogen hatten. Er richtete die Worte über Funk an Cloud.

»Was genau meinst du, Freund?«, gab Cloud auf der gleichen Frequenz zurück.

»Die anderen: Scobee, Algorian, X’ta. Ich brauche keine Beschützer. Ich könnte die Sache gut allein erledigen. Letztlich wird es nur wieder darauf hinauslaufen, dass ich auf sie aufpassen muss.«

»Verlass dich nicht drauf.«

»Was soll das heißen?«

»Das soll heißen, dass ihr euch in einen Bereich begebt, in dem alles passieren kann. Beispielsweise auch, dass du ausfällst, sie aber nicht.«

»Selbst wenn. Sollen sie mich dann an Bord zurücktragen? Vergiss nicht, was ich wiege, wenn meine A-Grav-Module aussetzen.«

»Akzeptiere einfach, dass ich das Team zusammengestellt und mir auch etwas dabei gedacht habe.«

»Das will ich gar nicht bestreiten. Mit etwas Wohlwollen fallen mir für Algorian und selbst die Echse sogar Gründe ein, die ihre Nominierung nachvollziehbar machen. Aber was ist mit Scobee? Ich halte sie für keinen wirklichen Gewinn, wenn es hart auf hart kommt. Sie –«

»Vielleicht sollte ich dich darüber informieren, dass unser Gespräch nicht unter Ausschluss der anderen stattfindet, sondern sie es schon die ganze Zeit über ihre Komm-Systeme mithören können. Jedes einzelne Wort, das vom Stapel lässt.«


3.


Erst bei Tag enthüllte die Oort-Erde ihre ganze Pracht.

Vrongk drosselte die Geschwindigkeit seiner Transportscheibe und schaltete das Prallfeld, das ihn während der Fahrt umgab, eine winzige Idee durchlässiger, sodass ein wenig von den Winden zu ihm dringen konnte und die Haut des Auruunen kühl umschmeichelte.

Aufrecht stehend sah es für uneingeweihte Betrachter so aus, als würde er mit perfekter Körperbeherrschung auf der gerade mal fünfzig Zentimeter durchmessenden Flugscheibe balancieren, seinen Körper austarieren und jede tückische Strömung innerhalb der Atmosphäre gekonnt umschiffen.

Tatsächlich musste er kaum etwas an Geschick aufbieten; die Technik, die sich in der kaum daumendicken Scheibe verbarg, übernahm alles für ihn, was nötig war, um selbst bei dreifacher Schallgeschwindigkeit absolut sicher und souverän über die Oberfläche der Auruunen-Basiswelt hinwegzufegen.

Während der Donner, der das permanente Durchbrechen der Schallmauer begleitete, über die Landschaft unter Vrongk rollte, wurde der Auruune immer auf dem aktuellen Reisestand gehalten. Eine abgespeckte Version der KIs, wie sie auf den großen Ringschiffen Verwendung fanden, schickte pausenlos alle relevanten Ergebnisse des Umweltscans in das Implantat, das in Vrongks natürliche Sinnesorgane integriert war und sie optimierte.

Außer ihm sah niemand die Datenkolonnen, die pausenlos vor seinem inneren Auge entlang glitten. Er zog daraus, was er für wichtig erachtete –vornehmlich die Erkenntnis, dass sein Ziel gleich in Normalsichtweite auftauchen musste.

Er hatte sich in der Residenz des Auruunen-Statthalters aufgehalten, als ihn der Befehl erreichte, der ihn vorübergehend aus der Bahn geworfen hatte. Reuben Cronenberg schien nichts davon mitbekommen zu haben. Dafür fehlte ihm die Empathie; zumindest schätzte Vrongk den Menschen, der zum Verbündeten der Gesandten des Ursprungs avanciert war, so ein.

Schon Croxgk hatte große Stücke auf Cronenberg gehalten.

Croxgk!

Vrongk wünschte, er hätte die Erinnerung an seinen Vorgänger aus sich tilgen können. Doch spätestens mit Erhalt des Befehls, der ihn in der Hohlwelt erreicht hatte, war daran nicht mehr zu denken. Im Gegenteil: Croxgk beherrschte sein Denken seither stärker denn je!

Während seiner Reise über die nach Auruunen-Idealen gestaltete Oberfläche der Kunstwelt hatte Vrongk vielerorts noch Hinweise darauf gefunden, dass die Formung der Landschaften noch nicht überall abgeschlossen war. Es würde vermutlich noch zehn bis zwölf Sonnenumläufe brauchen, bis alles so war, wie in den Plänen, die Croxgks Handschrift trugen, vorgegeben.

Und da Vrongk vorhatte, so einiges an den Ideen seines Vorgängers zu ändern, würden vermutlich noch einmal zehn zusätzliche Umläufe verstreichen, bis diese Welt tatsächlich zur Ruhe kam und sich so präsentierte wie noch keine zuvor geschaffene Basis der Auruunen.

Innerhalb der Milchstraße gab es nur noch eine weitere Position, mit der die Eroberer ähnlich hochfliegende Pläne verfolgten.

Das gefallene Reich der Ganf.

Vrongk gestattete sich keine ausschweifenden Überlegungen zu diesen Komplex, so verführerisch die damit verbundenen Vorstellungen auch waren. Konzentriert brachte er die Flugscheibe in einer weiten Kurve auf die Zielgerade und drosselte dabei weiter das Tempo, bis auf die Hälfte der Schallgeschwindigkeit.

Vor ihm tauchte, auf der höchsten Erhebung, die zwischen den Horizonten erkennbar war, das KRISTALLARIUM auf. Es sah aus wie ein filigranes, himmelwärst strebendes Kunstwerk, das die Merkmale einer verspielten Burganlage, wie es sie auf mancher Primitivwelt gab, mit der bedrohlichen Eleganz der für Auruunen typischen Architektur verband. Bedrohlich – ja, das traf es. Alles, was Auruunen anfassten und erschufen, wohnte eine natürliche Aggression inne, die Angehörigen anderer Spezies den kalten Angstschweiß ausbrechen ließ. Oder adäquate Reaktionen, die dem jeweiligen Metabolismus entsprachen.

Schon aus der Ferne wurde Vrongk aufgefordert, sich zu identifizieren. Um das zu tun, musste er nicht eigeninitiativ werden. Auch hier sprang eines seiner mit dem biologischen Körper verwobenen Implantate ein.

Es folgte die Bestätigung, dass er befugt war, das KRISTALLARIUM zu betreten.

Wenig später schwebte Vrongk in den gewaltigen Bau ein, in dem sämtliche Auruunen, die den Feldzug in die Milchstraße mitgemacht hatten, ihr Schattendasein fristeten.

Auch er selbst.

Auch von ihm gab es irgendwo in den Weiten der Speichertürme ein Gespenst, das alles beinhaltete, was Vrongk ausmachte und mit dem er über das installierte Morphofeld verbunden war.

»Hoher Herr!«

Vrongk hatte die Scheibe kaum zur Landung gebracht und den Prallschirm deaktiviert, trat zwischen den Säulen des Empfangshofes der Verweser des KRISTALLARIUMS hervor. Vrongk kannte von dem Auruunen kaum mehr als den Namen: Evergk.

Verweser Evergk hingegen schien alles über ihn zu wissen – zumindest erweckte der Blick, mit dem er ihn musterte, diesen Anschein.

»Du weißt, warum ich gekommen bin – und um die Dringlichkeit.«

Evergk zeigte trotz der Anrede, mit der er Vrongk begrüßt hatte, keinerlei Unterwürfigkeit; aber das war auch nicht üblich bei ihresgleichen. Selbstbewusst erklärte er: »Alles ist vorbereitet. Du musst mir nur noch folgen – und deinen Abdruck hinterlegen.«

Vrongk schloss sich dem Verweser an. Sie durchschritten Gänge, die sich in sich selbst zu bewegen schienen und dadurch das Vordringen in die tiefer gelegenen Bereiche des KRISTALLARIUMS beschleunigten, ohne dass Hast ins Spiel kam.

Schließlich erreichten sie eine nur scheinbar massive Wand, die sich bei Annäherung öffnete und ihnen Zutritt ins Herz der Anlage gewährte.

Vrongk, der, wie jeder Auruune die Legenden kannte, die sich um diesen Raum woben, ihn aber noch niemals zuvor leibhaftig betreten hatte, verschlug es den Atem.

Erst recht, als Evergk ihn mit sich selbst konfrontierte.



Vrongk stand da und wusste nicht, wie ihm geschah. Er war wegen Croxgk gekommen, doch nun eilte ein formloser Nebel heran, in dem er sich selbst erkannte, obwohl nichts daran aussah wie er. Aber die in ständiger Veränderung befindliche »Wolke« beinhaltete Myriaden Daten, die sich als Bilder zeigten. Mikroskopisch kleine Bilder, in denen festgehalten war, was Vrongk ausmachte. Seine körperlichen Eigenschaften schienen dabei bedeutungslos; was zählte, war allein sein geistiges Gut, und dazu gehörten erlernte Fähigkeiten, Wissen im weitesten Sinn, Persönlichkeits- und Charaktermerkmale sowie einschneidende, prägende Erlebnisse. Die Morphofelder hielten sein im KRISTALLARIUM hausendes Abbild stets auf dem laufenden. Wäre Vrongk hier und jetzt gestorben, so hätte er doch sicher sein dürfen, dass alles, was an ihm von tieferer Bedeutung war, diesen Tod überdauerte.

In gewisser Weise war Vrongk, waren alle Auruunen, die in Verbindung zum KRISTALLARIUM standen, unsterblich.

Leider auch Croxgk.

Das »Leider« entsprach Vrongks geheimstem Bedauern. Nach außen ließ er es nicht dringen, denn er hätte wohl kaum mit Evergks Verständnis rechnen dürfen.

»Weg damit!«, herrschte er den Verweser an. »Ich will das nicht! Wie kommst du dazu –«

»Ich dachte, ich könnte dir eine Freude machen. Wem ist es schon vergönnt, einen Blick auf sein Konzentrat zu Lebzeiten zu werfen.« Evergk wirkte mehr als erstaunt, dass Vrongk ein Verhalten zeigte, das er nicht erwartet hatte. Sofort schlug die bislang neutrale Stimmung zwischen ihnen um. Vrongk hatte das Gefühl, fortan misstrauisch beäugt zu werden.

»Hast du keine klare Anweisung erhalten?«, herrschte Vrongk den Hüter des KRISTALLARIUMS an. »Ich will keine Zeit verlieren. Noch heute muss ich nach Eleyson aufbrechen. Der Befehl kommt aus dem Ursprung selbst.«

Evergk führte Vrongk wortlos zu einer Konsole, in dessen Oberflächenmulde bereits ein leerer Speicherkristall eingelegt war. Er war faustgroß, und der Gedanke, dass er ausreichte, um alles aufzunehmen, was selbst einen Auruunen von Croxgks Format ausmachte, ließ ihn für einen Moment zwischen Heiterkeit und Verachtung schwanken. Dabei war ihm bewusst, dass auch die Daten, die ihn ausmachten, in ein solches Gefäß gepasst hätten.

Der Verweser setzte den Prozess in Gang, der aus dem Datenpool des KRISTALLARIMS alles herauskopierte, was Croxgks Signatur trug. Danach war zu beobachten, wie sich ein silbrig glitzernder Strom aus der Gewölbedecke in den Speicherkristall ergoss.

Noch bevor der Vorgang abgeschlossen war, fragte Vrongk: »Ist damit das gesamte Datenmaterial vom KRISTALLARIUM in den Speicher übergeflossen? Ich hoffe, ich kann solcher Verantwortung gerecht werden. Nicht auszudenken, wenn der Kristall auf meiner Reise verloren ginge, beschädigt würde oder gar… zerstört.«

»Ich kann dich beruhigen. Die Daten, die ich für dich herausfilterte, befinden sich auch weiterhin im KRISTALLARIUM. Was du mitnimmst, ist lediglich eine Kopie.«

Vrongk war nicht sonderlich enttäuscht; er hatte keine andere Auskunft erwartet.

Um Croxgk dauerhaft loszuwerden, müsste ich den Verweser umbringen und das KRISTALLARIUM dem Erdboden gleichmachen. Aber dann würde ich auch mich selbst der Chance berauben, eines Tages wiedergeboren zu werden.

Wenig später verabschiedete er sich von dem Verweser und bestieg wieder seine Flugscheibe.

Die Erinnerung an das, was er im Innern des KRISTALLARIUMS von sich selbst gesehen und sogar gespürt hatte, begleitete ihn auf seinem Rückweg in den bislang einzigen nennenswerten urbanen Komplex, der auf der Oberfläche der Kunstwelt entstanden war und von Zehntausenden Auruunen bewohnt war. Dicht angrenzend lag der größte Raumhafen der Basiswelt.

Vrongk steuerte ohne Umweg das Flaggschiff der hier stationierten Flotte an, die AVERRAG, und begab sich an Bord.

Der Ringraumer startete in dem Moment, als Vrongk die Zentrale betrat.

Die Mannschaft hatte klare Instruktionen.

Das Ziel ihrer Fahrt lag 13 Milliarden Lichtjahre entfernt.

Aber es gab Einrichtungen, um diese Strecke abzukürzen.

Die AVERRAG steuerte den Transport-Avatar an, der unweit des Raumhafens in den höheren Atmosphäreschichten verankert worden war.

Ohne messbaren Zeitverlust trat die AVERRAG aus dem Gegen-Avatar in einem Randgebiet Eleysons aus und beschleunigte unverzüglich senkrecht zur Galaxienscheibe. Mit Extremwerten nahm das Ringschiff Kurs auf Scharan, Kurs auf die Anomalie, in der Vrongk bereits erwartet wurde, wo es aber keine direkte Anbindung ans Weltennetz gab.

Falls es überhaupt einen Ort gab, an dem Vrongks Yoto sich heimisch fühlte, dann war es Scharan, von wo auch der Befehl ergangen war, sich mit Croxgk im Gepäck einzufinden.

Als die AVERRAG sich Scharan bis auf wenige Lichtjahre angenähert hatte, löste sich ein Ringschiff-Verband aus der pervertierten Galaxie und erklärte Vrongk ins Herz der Anomalie zu geleiten.

Er kannte den Weg, aber nichts sprach gegen ein solches Procedere.



Die AVERRAG erreichte das ZENTRALE ELEMENT, und Vrongk dockte mit seinem Ringschiff an einem der vielen Piere an, die um die Manifestation verliefen.

Ohne sich auszuruhen, begab Vrongk sich sogleich in die Audienzkuppel, wo sein Dialogpartner sich als Raiconn vorstellte.

Vrongk war ihm nie zuvor begegnet, was aber nichts hieß.

»Hast du das Kondensat mitgebracht?«

Eine rhetorische Frage.

Vrongk streckte den Arm aus, in dessen Hand er den Datenkristall hielt, den er aus dem KRISTALLARIUM mitgebracht hatte.

»Gut.«

Nach diesem Wort herrschte Schweigen. Der Auruune trat auf Vrongk zu und nahm ihm den Speicherkristall ab. Dann legte er ihn in ein winziges Transportfeld und ließ ihn verschwinden.

»Darf ich fragen, wie es jetzt weitergeht?«

»Was meinst du damit?«

»Ich meine mich. Du weißt, woher ich komme und welche Funktion ich dort innehabe. Eine Funktion, die vor mir Croxgk bekleidete, dessen Kondensat ich euch zu überbringen hatte. Ich ganz persönlich, darauf, das zu betonen, wurde bei der Befehlsübermittlung Wert gelegt. Für mich legt das den Schluss nahe, dass ihr mit meinen Leistungen unzufrieden seid und wieder Croxgk in der Milchstraße installieren wollt. Und deshalb frage ich: Wie geht es mit mir weiter? Werde ich hierbleiben – oder Croxgk als dessen Vertrauter zurück in die Milchstraße begleiten?«

»Du hast etwas missverstanden«, sagte Raiconn. »Wir sind nicht unzufrieden mit dir. Aber wir waren es bis zu dem Tag seines Alleingangs auch nie mit Croxgk. Dass wir ihn inkarnieren wollen hat jedoch nicht den Hintergrund, dass er seinen alten Posten wieder einnehmen soll.«

»Sondern?«

Raiconn winkte Vrongk näher. Zwischen ihnen beiden entstand ein Holofeld, in dem eine Galaxie sichtbar wurde, bei der es sich zweifellos um Eleyson handelte. Besonders hervorgehoben waren Welten, zu denen Avatare des Weltennetzes führten – aber auch eine Region, die für Vrongk bislang keine erkennbare Bedeutung gehabt hatte.

»Wir konnten die Koordinaten ermitteln, bei denen Croxgk starb und sein Schiff in den Untergang gerissen wurde. Du weißt schon – als er die missbräuchliche Nutzung des Weltennetzes ahnden wollte. Inzwischen wissen wir, wer hinter diesem beispiellosen terroristischen Akt steckt. Ein Volk, das wir für ausgestorben hielten, Ureinwohner Eleysons. Doch offenbar wurden wir getäuscht. Die Abrogaren existieren noch heute. Sie haben sich in einem Versteck eingerichtet, das allen Entdeckungsversuchen trotzte. Bis sie den Fehler machten, das Weltennetz zu kopieren.«

»Zu kopieren?«

Raiconn erläuterte, was die Verhöre gefangener Abrogaren ergeben hatten.

»Dann wurde Croxgk also Opfer der Abrogaren«, kommentierte Vrongk, als sein Dialogpartner seine Ausführungen beendete. »Sie müssen über beachtliche Waffen verfügen, wenn sie ein Ringschiff bezwingen konnten.«

Raiconn erwiderte: »Sie hatten Verbündete.«

»Noch ein Eleyson-Volk, das sich unserer Exekutive entziehen konnte?«

»Nein. Ein einzelnes Schiff, das aus der Milchstraße stammt.«

»Aber –«

»Du hältst es für undenkbar?«

Vrongk spürte, wie er im Kern seines Körpers ganz kalt wurde. Kalt und ruhig. »Nein. Aber die Entfernung. Keine der in der Milchstraße ansässigen Zivilisationen könnte eine solche Entfernung mit einem Raumschiff überbrücken.«

»Dass es geschah, ist eine unumstößliche Tatsache. Aber darum kümmern wir uns. Zurück zu deiner Frage und Sorge, was deine persönliche Zukunft betrifft: Du wirst zur Milchstraße zurückkehren. Für Croxgk haben wir eine andere Aufgabe als die, die du vermutet hast.«

Vrongk schwante etwas. Bevor er seinen Verdacht äußern konnte, fuhr Raiconn aber bereits fort: »Wie ich schon sagte, haben wir die Position des Abrogaren-Verstecks aus dem gefangenen Schiffskommandanten herausgepresst. Es befindet sich im Innern der hier markierten Zone, einer Dunkelwolke. Sobald Croxgks Reinkarnation abgeschlossen ist, wird er mit einer schon bereitstehenden Flotte zu diesen Koordinaten aufbrechen. Wer könnte die Rebellen leidenschaftlicher strafen, als der Mann, der durch sie starb?«



Immer noch ganz benommen von der Fülle an Informationen und unerwarteten Wendungen kehrte Vrongk an Bord der AVVERAG zurück. Auf eine Wiederbegegnung mit Croxgk verzichtete er, und Raiconn schien keinen Grund zu sehen, ihm die schnelle Abreise zu versagen.

Das Ringschiff dockte vom ZENTRALEN ELEMENT im Herzen Scharans ab, durchpflügte den pervertierten Raum und begab sich über den Avatar am Rande Eleysons, den es schon bei seiner Ankunft benutzt hatte, wieder zurück zur Milchstraße, zurück auf die Oberfläche der Hohlwelt, die die Auruunen nach ihren Bedürfnissen geformt hatten.

Vrongk hatte sich och ausführlich mit Raiconn ausgetauscht. Dabei waren Zusammenhänge klar geworden, die selbst der Dialogpartner noch nicht gekannt hatte.

Wieder ging es um das rätselhafte Schiff, das den Abrogaren geholfen hatte, in ihrem Dunkelwolken-Versteck Croxgks Ringschiff zu vernichten.

Diese Fremdschiff war Vrongk nicht ganz unbekannt. Und es stand in Verbindung zu einer Gefangenen, die sich auf der Basiswelt befand, obwohl Versuche stattgefunden hatten, sie von dort zu befreien.

Scheinbar war diese Befreiung gelungen. In Wahrheit aber hatte das geflügelte Wesen, das die Menschenfrau Assur aus einem Labor hatte entführen wollen, einen Klon mitgenommen, der so täuschend echt dem Original war, dass er selbst von sich glaubte, Assur zu sein.

Bis zu dem Moment jedenfalls, wenn die eingebauten Naniten in ihm aktiv wurden. Dann würde die Maske fallen und der Klon sein wahres Gesicht zeigen.

Möglicherweise war das bereits geschehen, auch wenn bei den Auruunen noch keine Konsequenzen messbar geworden waren.

Vrongk hatte Raiconn versprechen müssen, ihm die originale Menschenfrau unverzüglich zu überstellen.

Und so war dies seine erste Amtshandlung nach seiner Rückkehr aus der Unendlichkeit.



Kurz bevor Vrongk den Laborbereich betrat, in dem die Gefangene untergebracht war, rekapitulierte er noch einmal, was er über sie wusste. Aus Quellen, zu denen sich nun auch Raiconn gesellt hatte, wenngleich der Auruune, der in Scharan operierte, nur winzige Puzzleteilchen zum Gesamtbild hatte beitragen können.

Erstaunlich war vor allem eins – erstaunlich und in gewisser Weise beunruhigend: Die Menschenfrau Assur schien zur Besatzung jenes Schiffes zu gehören (oder gehört zu haben), das nun auch im fernen Eleyson für Furore gesorgt hatte. Als es den Abrogaren bei ihrem Kampf gegen das von Croxgk befehligte Ringschiff beigestanden hatte. Croxgk war über das Weltennetz ins Abrogaren-Versteck gelangt, als dessen Koordinaten noch nicht hatten bestimmt werden können. Der »Blindflug« hatte ihn und seine Mitstreiter das Leben gekostet. Und erst als der Abrogaren-Raumer FADEN DER VORSEHUNG – beziehungsweise dessen Besatzung – in die Gewalt der Auruunen von Scharan gelangt war, hatten sich über die Verhöre jene Fakten ergeben, die letztlich dazu führten, dass Vrongk mit einem Spezialauftrag nach Scharan beordert worden war. Jeder x-beliebige Auruune hätte diesen Auftrag ebenso gut ausführen können, sodass Vrongk beunruhigende Motive dahinter vermutet hatte, dass die Wahl explizit auf ihn gefallen war.

Im Nachhinein war er froh, dass er die Reise auf sich genommen hatte. Die gewonnenen Erkenntnisse stärkten ihn. Er war nun im Besitz von Wissen, das sich irgendwann als nützlich erweisen konnte.

Am meisten erleichterte ihn der Umstand, dass er Croxgk nicht noch einmal von Angesicht zu Angesicht hatte gegenüber treten müssen. Croxgk war auserkoren worden, den Feldzug gegen die Arachniden zu führen, die sich in ihrer Dunkelwolke vermutlich sicher wähnten. Immerhin hatte ihr Versteckspiel über einen unglaublich langen Zeitraum funktioniert.

Noch ahnten sie nicht, was sich über ihnen zusammenbraute. Croxgk würde nichts und niemanden verschonen, sobald er sich erst Zugang ins Innere der Wolke verschafft hatte. Und diesmal würde er nicht nur mit einem Schiff ins Reich der Abrogaren einfliegen.

Es werden so viele sein, dass auch das Rochenschiff der Menschen, von dem der Kommandant des geenterten Abrogarenraumers berichtete, ihnen nicht wird beistehen können, selbst wenn es ihnen zuhilfe eilen würde. Im Grunde wäre es zu begrüßen, dass es das täte. Dann könnte Croxgk zwei Gegner auf einmal ausmerzen.

Was sich Vrongk immer noch fragte, war, wie es den Menschen der RUBIKON gelungen war, ein Ringschiff zu besiegen, das ihrem eigenen Schiff technisch weit überlegen hätte sein müssen. Die Technik der Auruunen war das Mächtigste, was zwischen den Sternenräumen unterwegs war.

Im Grunde war das die einzige wirklich relevante Frage.

Dass die RUBIKON-Menschen über kurz oder lang das Schicksal teilen würden, das den Abrogaren blühte, war ein unumstößliches Faktum. Nur wann genau, war noch nicht entschieden.

Vielleicht konnte Assur dazu beitragen, die Größenwahnsinnigen in die Schranken zu verweisen – sowohl die Assur, die bereits bei ihnen eingeschleust und wahrscheinlich auch schon aktiv geworden war, als auch die Assur, die Vrongk gerade aufsuchte.

In diesem Fall traf die alte Behauptung, das Original sei seiner Kopie immer überlegen, vermutlich nicht zu. Der Klon, den man den Menschen hatte unterschieben können, war gespickt mit Naniten aus Auruunen-Produktion. Und diese mikroskopisch kleinen Maschinchen verwandelten ihn in eine beispiellos tückische Waffe.

Vrongk passierte die letzte Schleuse, die ihn von dem Laborraum trennte, in dem die echte Assur in einem Schlaftank lag, nachdem auch sie – noch zu Croxgks Zeiten – einem biochemischen und mentalen Verhör unterzogen worden war, in dessen Verlauf sie trotz vehementer Gegenwehr das Geheimnis ihrer Herkunft hatte lüften müssen. So war man auch darauf gestoßen, dass es den Abrogaren offenbar gelungen war, sich mittels eines raffinierten Virus eine Kopie des Weltennetzes anzueignen.

Die Vorstellung, dass den Arachniden solches gelungen war, nötigte Vrongk ernsthaften Respekt ab. Da Assur aber keine Koordinaten im Kopf hatte, war über sie nicht ermittelbar gewesen, wo jene Welt Phaeno tatsächlich lag. Und auch Croxgk Vorstoß hatte dies nicht beantworten können. Er schien völlig sinnlos gestorben zu sein.

Bis die FADEN DER VORSEHUNG in Scharan aufgetaucht war und alles sich zu einem schlüssigen Bild zusammengefügt hatte.

Auch die RUBIKON, der Assur als Crewmitglied angehört hatte, kreuzte zumindest in der Nähe der Anomalie, vielleicht war sie inzwischen sogar selbst in sie eingedrungen. Normalerweise hatte die Besatzung eines nichtauruunischen Schiffes, das von außerhalb nach Scharan gelangte, nicht den Hauch einer Chance, der dort herrschenden Strahlung zu trotzen. Bei der RUBIKON war sich Vrongk, nach allem, was er gehört hatte – nicht zuletzt von Reuben Cronenberg, der auf ganz eigene Erfahrungen mit dem Rochenschiff und seinem Kommandanten zurückgreifen konnte – nicht völlig sicher.

Sie schien auch in enge Verbindungen zu den Ganf gepflegt zu haben.

Er löste sich aus seinen diesbezüglichen Gedanken, als ihm der Auruune entgegen trat, der sich aktuell um die Menschenfrau kümmerte. Noch immer wurde Wissen aus ihrem Gedächtnis extrahiert, noch immer war nicht alles ausgewertet.

Details

Seiten
240
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924572
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v453175
Schlagworte
raumschiff rubikon gaukler scharan

Autor

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Titel: Raumschiff Rubikon 31 Die Gaukler von Scharan