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Raumschiff Rubikon 29 Das Geheimnis der Auruunen

von Manfred Weinland (Autor) Carolina Möbis (Autor)

2018 240 Seiten

Leseprobe

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfredbooks und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© Cover: Nach Motiven von Pixabay, Adelind, Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Raumschiff Rubikon 29 Das Geheimnis der Auruunen

Manfred Weinland & Carolina Möbis

Am Morgen einer neuen Zeit.

Der Krieg zwischen den organischen und anorganischen raumfahrenden Völkern konnte im letzten Moment abgewendet werden. Die Menschen jedoch sind nach wie vor fremdbestimmt und als die Erinjij gefürchtet, die sich in ihren Expansionsbestrebungen von nichts und niemandem aufhalten lassen.

Abseits aller schwelenden Konflikte kommt es im Zentrum der Milchstraße zu einer von niemand vorhergesehenen, folgenschweren Begegnung.

Eine unbekannte Macht hat sich dort etabliert. Schnell zeichnet sich ab, dass es sich um keinen "normalen" Gegner handelt. Die Bedrohung richtet sich nicht nur gegen die heimatliche Galaxie, sondern könnte das Ende allen Lebens bedeuten.

Die Geschichte des Kosmos, so scheint es, muss neu geschrieben werden …


Prolog


»Glaubst du, dort draußen gibt es Geister? Im Nichts? Zwischen den Welten? Glaubst du an den rastlosen Wanderer, der körperlos auf seine Stunde lauert? Ich glaube. Ich sehe. Ich weiß!«

Mit diesen Worten sprang der maskierte Gaukler von der schwebenden Bühne hinab ins Meer. Die Menge schrie, als sein Körper wie eine leblose Puppe hinter der steilen Felsküste verschwand.

Schweigend und regungslos warteten die Zuschauer. Darauf, dass der Geschichtenerzähler auf wundersame Weise zurückkehrte. So wie es Inak Sun unzählige Male gelungen war. Doch die Stille dehnte sich, wuchs zur Stummheit der Angst. Die anderen Gaukler verharrten ebenfalls. Die lebenden Masken, hinter denen sie ihre wahren Gesichter verbargen, verrieten nichts außer dem höhnischen Lächeln des kaltherzigen Schicksals. Sie hatten ihre Geschichte erzählt, das Märchen war zu Ende.

Am Fuß der Steilküste rauschte das Meer. Ein Kind zitterte vor Aufregung am ganzen Leib, sein noch jugendbraunes Fell zuckte nervös. Die Mutter leckte beruhigend über den kleinen pelzigen Kopf ihres Sprösslings. Aber auch ihre Bewegungen versprühten Unruhe. Er kam nicht. Kehrte nicht zurück. Hatte das Meer seinen Leib verschlungen? Wenn er sich jetzt noch unter Wasser befand, konnte es gar nicht anders sein. Dann gehörte er für immer der Kälte und den dunklen Fluten.

»Ich sehe. Ich weiß.«

Die Stimme kam aus dem Nichts. Und ebenso unerwartet stand der Erzähler mitten unter ihnen. Wie hatte er das geschafft? Ein Rätsel. Dennoch fragte niemand nach dem Wie dieses Wunders. Nur das Wunder allein zählte. Er lebte noch. Er hatte dem Meer und den Klippen getrotzt und ein Zauberkunststück vollbracht, das Inak Suns würdig war.

Der Jubel der Menge war ihm gewiss. Seine Maske lächelte. Eine schöne, beeindruckende Fratze. Die war das Leben und die Zuversicht. Inak Sun hatte ein weiteres Mal dem Tod ein Schnippchen geschlagen. Nicht in der fernen Vergangenheit, nicht in einer Sage. Sondern diesem Augenblick auf einem unbedeutenden Planeten am äußersten Rand der Zivilisation.

Die Kolonisten von Yuruk 2 tanzten frenetisch und reckten ihre Arme begeistert zum Himmel.



Eine Eiswelt. Na große Freude. X’ta spürte, wie sich seine Zellen bei der bloßen Vorstellung verdichteten. Er schrumpfte. Kälte zwang ihn, seine Haut so dick wie möglich zu machen und womöglich noch Fell auszuprägen. Er hasste es, so in sich selbst eingesperrt zu sein.

Aber das war kein Vergleich zu Genwiss. Als Kind einer Wüstenwelt hatte das Reptil noch schlimmer unter tiefen Temperaturen zu leiden. Der Mangel an Wärme verlangsamte nicht nur die Bewegungen, sondern auch das Denken.

»Wie schön«, zischte die Echse prompt. Ihr geschwungener Rückenkamm nahm einen hellblauen Farbton an. Ein Zeichen ihrer nicht vorhandenen Begeisterung. »Warum müssen es in letzter Zeit immer Eidwelten sein. Wie wäre es mit Dschungel. Es gibt so viele schöne Dschungelplaneten. Und du suchst uns jedes Mal Eiswelten heraus.

»Die werden mir zugeteilt«, rechtfertigte sich X’ta. »Irgendjemand muss diese Strecken fliegen.«

»Dann kann uns jemand beim Kurier nicht leiden.«

Der Kurier. Ihr Auftrag- und Brötchengeber. Der interplanetare Nachrichtendienst beschäftigte jede Menge freie Mitarbeiter. Als notwendige Zugangsvoraussetzung erforderte der Kurier eigentlich nur eins. Ein halbwegs schnelles Schiff, Zuverlässigkeit und jede Menge Leidensbereitschaft. Dafür waren die Löhne jedoch außerordentlich gering. Nichtsdestotrotz bot ein Kontrakt mit dem Kurier jungen, abenteuerlustigen Raumschiffern auch ein paar unschätzbare Vorteile.
Denn die Kurierschiffe stellten die einzigen Mittler zu den Randwelten dar. Die komplette Kommunikation und interplanetare Warenwirtschaft ganzer Welten hing von den Kurierschiffen ab. Entsprechend hofiert wurden die Kuriere gerade auf den unwirtlichen Planeten, dort, wo nur die zähesten Kolonisten um eine neue Heimat kämpften. Allerdings stellte sich die Frage, wie viel das Wohlwollen und die Dankbarkeit von Randweltlern Wert waren. Freundschaften waren stets nur so viel wert wie die Welten, auf denen sie geschlossen wurden.

Aber X’ta hatte seine eigenen Ziele und Pläne – Ansichten, Einsichten, Weitsichten –, die nicht immer von seiner zur Kurzsichtigkeit neigenden Mannschaft geteilt wurden.

»Seht die Sache als Langzeitinvestition an.« X’ta formte eine Pfote aus, die Genwiss kollegial auf den grau geschuppten Rücken klopfte.«

»Du meinst genauso eine Langzeitinvestition wie auf Glop?«

Natürlich musste sie den Glop-Zwischenfall erwähnen. Das tat sie früher oder später in jeder Diskussion. Wahrscheinlich musste er sich damit abfinden, dass ihm diese Fehleinschätzung ewig nachgetragen wurde.

»Das war einmal. Und dass die Meere über die Ufer treten, konnte doch niemand ahnen.«

»Und dass unsere gesamten Ersparnisse in die Schürfrechte an dieser angeblich so ergiebigen Kobaltmine geflossen sind. Und dann ist unsere Investition einfach weggeschwommen. Wie ein kleiner Fisch in einem großen Meer. Ein toter kleiner Fisch, wage ich zu bemerken.«

»Es war ein wirklich sicherer Tipp.« X’ta konnte nicht mehr mitzählen, wie oft er diesen Satz schon von sich gegeben hatte.

»Natürlich. So sicher wie das Nest auf Kalida, das ich so gerne gebaut hätte. Oder so sicher wie Obdens Altersvorsorge. Vermutlich müssen wir bis ans Ende unserer Tage irgendwelchen Pelzhändlern Suppe und Brennholz verkaufen, bis wir aus den Schulden wieder raus sind. Alles Dank deines todsicheren Tipps.«

Obden, das dritte uns schweigsamste Crewmitglied ignorierte den Streit seiner Mitstreiter so stoisch, wie es seiner steinernen Natur entsprach. Sein klobiger Körper bestand zu neunzig Prozent aus Mineralien. Der rest waren organische Verbindungen. Seine Oberfläche glänzte in einem hellen, grau durchwirkten Rotton. Er war ein Nathraner und stolzer Abkömmling der größten und tiefsten Höhle auf Nathras. Böswillige Zungen bezeichneten die Angehörigen seines Volkes als lebende Findlinge. Oder auch weniger schmeichelhaft als »Kiesel« oder »Steinfresser.«

In Ermangelung von Stimmbändern und Ohren sprach der Nathraner nicht, sondern verständigte sich mit anderen Spezies mittels eines Codes aus schnellen Vibrationen. Diese wiederum nahmen Genwiss und X’ta lediglich als leise Klick- und Knackgeräusche wahr. Aber sie kannten Obden lange genug, um die Lautfolgen interpretieren zu können.
Um die Schallwellen anderer Sprachen besser zu empfangen, bediente sich der Nathraner eines komplexen Zahnradwerks, das er wie einen kleinen Rucksack auf dem Rücken trug. Es übersetze ihm die Sprache seiner Mitwesen in winzige Klopffolgen, die ihm das Gerät in die steinerne Haut tippte. Beständig drehten sich die Rädchen.

Obden klopfte.

Bericht über Yuruk 2 lesen wollen?

X’ta winkte mit der Pfote. »Gern. Bitte stell uns die wichtigsten Daten zusammen, damit Genwiss nicht hinterher behauptet, ihr habe niemand etwas gesagt.«

Die Echse antwortete mit einem Zischlaut und drehte X’ta demonstrativ ihren eingerollten Greifschwanz zu. Das bedeutete, dass sie vorerst nicht mehr mit ihm sprechen würde.

Seufzend ließ sich X’ta in den Kommandositz sinken. Wenn er nicht bald eine wärmere Welt in die Route aufnahm, konnte er sich auch innerhalb seines Raumschiffs auf frostige Zeiten gefasst machen.

In der Zwischenzeit flackerte Obdens Bericht über den winzigen, schwach beleuchteten Bildschirm neben dem Kommandositz. Wie der Rest des kleinen, aber flinken Kurierschiffes UNSICHTBARE PFORTE war er in die Jahre gekommen. Die Kratzer auf der Oberfläche bildeten mittlerweile ein nahezu künstlerisches Muster, Text konnte man nur noch erkennen, wenn kein Gegenlicht herrschte. Um die Beleuchtung herabzusetzen, hätte jemand im Maschinenraum die Lichtkurbel bedienen müssen. Aber alle drei Besatzungsmitglieder der UNSICHTBARE PFORTE waren auf der Brücke versammelt. Aus Faulheit dehnte X’ta stattdessen seine Augen. Die Zellen formten sich nach seinem Willen und schärften seinen Blick, bis die winzige Schrift erkennbar wurde. Ein Formwandler zu sein, hatte seine Vorteile. Dann vergrub er sich in den Informationen über Yuruk 2.

Obdens Bericht war länger als erwartet. Gespickt mit Legenden und Anekdoten berichtete Obden die im Grunde langweilige Geschichte einer gewöhnlichen Kolonialisierung. Die knapp tausend Leute in der Hauptsiedlung auf dem siebzigsten Breitengrad, rekrutierten sich fast ausschließlich aus ehemaligen Bewohnern der vor Äonen erkalteten Welt Kulmar. Die Lebensbedingungen ähnelten denen auf Kulmar. Eine kalte Welt, in der sich die Temperaturen selten über dem Gefrierpunkt von Wasser bewegten. Da die Kulmaraner ein sehr gebärfreudiges Volk waren, ihre rohstoffarme Welt jedoch kaum ausreichte, alle zu ernähren, fanden sich viele Kulmaraner bereit, die Heimat zu verlassen und fremde Eiswelten zu besiedeln.

Ihr gedrungener Körperbau und ihr dickes Fell machten sie auch zu geeigneten Bewohnern solcher Lebensräume. In der Wärme einer freundlicheren Welt konnte ein durchschnittlicher Kulmaraner nicht existieren.

X’ta hatte Diplomaten gesehen, die sich auf ihren sechs Beinen mühsam dahinwuchteten, dicke Eisbeutel umgeschnallt, hechelnd und mit heraushängender Zunge. Fehlte den armen Kreaturen doch die Fähigkeit zu schwitzen. Ein Kulmaranerkörper verfügte zwar wie kein Zweiter über Möglichkeiten, sich gegen Kälte zu isolieren, aber in der Wärme waren diese Organismen verloren und dem Hitzetod unterworfen.

Da Kulmar kaum profitabel handeln konnte, stellten sein wichtigstes Exportgut arbeitsame Siedler dar, die ein entbehrungsreiches Dasein nicht scheuten.

Und als entbehrungsreich konnte man das Leben auf Yuruk 2 getrost bezeichnen. Die Welt kannte keine Sommer, die einzige Wärme kam vom Meer. Ein warmer Strom brachte der Hauptsiedlung an der Küste einen bescheidenen Reichtum an Meerestieren, Hauptnahrungsquelle der Yuruker. Die Siedlung existierte erst seit etwa vier Generationen. In dieser Zeit hatte sich die Bevölkerung trotz der Fortpflanzungskraft der Kulmaraner noch nicht einmal verdoppelt. Zu hart war das Leben im endlosen Winter.

Die Bewohner lebten in Holz- und Eishütten und ernährten sich hauptsächlich vom Fischfang. Feldfrüchte gab es nicht. Mit geringem Erfolg züchteten die Yuruker Algen in kleinen Unterwasserfarmen. Sie waren allerdings keine guten Schwimmer. Das rechtfertigte die sonstige planetare Bevölkerung, die wasserlebenden Jaiiden. Diese quallenartigen halb-intelligenten Lebewesen bewohnten die küstennahen Meeresregionen. In den warmen Strömen trieben sie auf ihren weichen, dünnen Gliedmaßen umher und versprühten notfalls Gift, um ihre zarten, filigranen Körper aus Gallert vor Räubern zu schützen. Sie bestellten die Algenfelder und tauschten überschüssige Nahrung gegen einen speziellen Fischbrei, den die ehemaligen Kulmaraner für sie herstellten.

Auf diese Weise koexistierten die beiden Spezies friedlich miteinander, ohne sich in die Quere zu kommen.

Die Yuruker von Kulmar stellten in jedem Fall die interessantere und vielversprechendere Anlaufstelle dar. Ein paar von ihnen betätigten sich als Prospektoren und bohrten in dem von ewigem Eis bedeckten Boden nach Rohstoffen. Fand sich einmal Lithium, Gas oder Kobalt, war Yuruks Glück gemacht. Aber nur dann. Fand sich nichts, blieb der Planet für immer eine arme, vergessene, unwichtige Welt. Ob und wie vielversprechend das frisch besiedelte Land wirklich war, würde sich zeigen.

Gelangweilt wackelte X’ta in seinem Stuhl hin und her. Immerhin gab es neben den trockenen Fakten noch ein paar Legenden über den ersten Siedler und Entdecker dieser Welt, den Kulmaraner Inak Sun. Den Sagen nach war er ein gewitzter Schelm gewesen, dessen kluge und komische Einfälle, das Leben auf Yuruk überhaupt erst möglich gemacht hatten. Dieser Entdecker schien für die Yuruker eine Art Nationalheld zu sein, und sie rühmten sich seiner Schläue. Angeblich hatte er die Götter zum Wettstreit um den Planeten herausgefordert und gewonnen.

Dennoch war es erst der letzte Abschnitt des Berichts, der X’tas Aufmerksamkeit fesselte. Da stand etwas über Bildaufnahmen, die andere Kurierschiffe beim Überflug gemacht hatten. In der Nähe eines Pols, mitten im Eis, ragten unbekannte Strukturen aus dem Weiß. Möglicherweise die Reste früherer Besiedlung.

»Ruinen! Es gibt Ruinen!«

Genwiss gab ein lang gezogenes Zischen von sich. »Fängst du schon wieder damit an?«

»Das ist eine Chance!« X’ta sprang auf. »Eine echte Chance. Der wahre Reichtum der Welten. Was man in diesen Ruinen für Schätze finden kann! Ihr wisst, wie viel solche alten Relikte zum Teil wert sind.«

»Zum Teil«, zischte die Echse schnippisch. »Und außerdem ist es jedes Mal ein gigantischer Aufwand, an das Zeug heranzukommen. Wie willst du denn dahin gelangen? Im Eis landen? Du weißt so gut wie ich, dass es nur einen Hafen gibt, und der liegt auf dem siebzigsten Breitengrad. Wir müssten jedoch fast bis an den Pol heran. Wie stellst du dir so eine Expedition vor? Ich gehe da nicht mit. Ich bin doch nicht wahnsinnig.«

»Aber ...«

»Nichts gibt’s!« Genwiss bebte. Ihre glänzenden Hauptschuppen rieben gegeneinander und gaben ein schrilles Quietschen zum Besten. Das Äquivalent eines Wutschreis. »Keine Extratouren. Wir bringen die Post und dann verschwinden wir da wieder. Oder du kannst dir einen neuen Piloten suchen!«

In dem sicheren Wissen, dass es in jedem Fall zwecklos zwar, mit einer aufgebrachten Vertreterin des weiblichen Geschlechts zu diskutieren, sparte sich X’ta eine Antwort.

Lieber vergrößerte er seine Gestalt, bis sein Körper die Größe eines schmächtigen Kulmaraners angenommen hatte. Dann machte er sich daran, das typische, dichte Fell der Kulmaraner auszubilden, dazu eine gedrungene Schnauze und spitzen Reißzähne. X’ta mochte zwar kein Fell, aber er liebte Gestalten mit Zähnen. Zähne machten immer etwas her. Bis sie Yuruk erreicht hatten, wollte er die Verwandlung in einen Kulmaraner perfekt beherrschen. Auf die Ruinen konnte man später noch zu sprechen kommen. Ganz unrecht hatte Genwiss leider nicht. Es blieb noch zu ergründen, ob eine Expedition überhaupt möglich war. Aber wenn, dann würden sie die Ersten sein, die diese versunkenen Schätze erforschten. Aufregung flutete X’tas Zellen wie ein warmer kribbelnder Strom. Ein Abenteuer wartete darauf, bestanden zu werden.

Ob dieser Inak Sun auch so gedacht hatte?




1.


John Cloud trat durch ein besonderes Schott. Dahinter lag nicht einfach nur ein weiterer Raum der RUBIKON, sondern eine gänzlich andere Welt.

Pseudokalser.

Eine kühle Brise wehte aus Richtung der holografischen Eisfelder. Die Frische war angenehm und schaffte es, Cloud in seiner angeschlagenen Verfassung einen klareren Blick für die faszinierende Umgebung zu schenken. Tatsächlich befreite er sich vorübergehend von der Gedankenschwere, die wie ein reales Gewicht auf ihm lastete, seit –

»Guma Tschonk!«

Aus Richtung des Baumdorfes eilte ihm eine geflügelte Gestalt entgegen, ohne zum Flug überzugehen. Das humanoide Geschöpf, mit dem Cloud seit vielen Jahren eine enge Freundschaft verband, gestikulierte freudig im schnellen Lauf. »Du machst ein Gesicht wie… wie drei Tage Fegen!« Er keckerte. »So sagt ihr Menschen doch, wenn es euch die Laune verhagelt hat.«

»Regen«, erwiderte Cloud fast reflexartig. Normalerweise hätte ihm Jiims radebrechender Gebrauch einer irdischen Redensart wenigstens ein Schmunzeln abgerungen. Doch nicht einmal dazu konnte er sich aufraffen. »Es heißt Regen – nicht Fegen.«

»Oh.« Der Narge langte bei ihm an und blieb stehen. »Danke für den Hinweis. Dann also: drei Tage Regen! Was ist passiert? Müsstest du nicht eigentlich Freudentänze aufführen? Assur ist wieder da! Yael hat…«

Cloud unterbrach ihn mit steinerner Miene. »Genau darum geht es. Kann ich ihn sprechen? Sesha meinte, dein Sprössling halte sich in der Enklave auf. Ich habe versucht, ihn über die KI zu kontaktieren, aber er reagiert nicht.«

»Nicht?« Jiim wirkte nicht nur ehrlich verwundert, sondern im nächsten Atemzug auch schon merklich verunsichert. Unruhig trat er von einem Fuß auf den anderen. »Früh am Morgen wollte er zur Toten Stadt aufbrechen. Du weißt schon – die eisummantelten Ruinen, die ebenfalls Teil dieser…« Er machte eine umfassende Bewegung mit seinem aus dem rechten Flügel wachsenden Ärmchen. »… wunderbaren Illusion sind.«

Cloud blickte seinen Freund ernst an. Dann schweifte sein Blick an Jiim vorbei zu dem munteren Treiben der Nargen, die Sesha lebensecht in das Gesamtarrangement eingebracht hatte. Es waren ausnahmslos Projektionen, nicht greifbar, aber scheinbar von eigenen Motiven getrieben. Man konnte sich mit ihnen treffen und unterhalten, als wären sie aus Fleisch und Blut. Aber spätestens der Versuch, sie zu berühren, entlarvte die optische und akustische Täuschung. Die einzigen realen Bewohner der Enklave waren Jiim und sein Spross Yael – zumindest, solange sie keine Gäste hatten, die normalerweise in nüchterneren Regionen der RUBIKON einquartiert waren.

»Wenn er sich nicht in den nächsten Minuten doch noch besinnt und bei mir meldet«, sagte Cloud, »werde ich eine Radikalmaßnahme treffen müssen. Wir hatten das schon einmal, du wirst dich erinnern.«

Jiim nickte in menschlicher Manier. »Wenn du mir sagst, worum es geht, könnte ich versuchen, ihn zum Kommen zu bewegen. Vielleicht hört er ja auf seinen alten Orham, wenn Sesha ihm meine Botschaft überträgt.«

Er fasste Cloud am Arm und lenkte ihn zum Dorf hin, wo sich über einem lodernden Feuer ein fremdartiges Tier an einem Eisenspieß drehte.

»Feiert ihr etwas?«, fragte Cloud unwillkürlich.

»Bis eben«, erwiderte Jiim, »glaubte ich noch, es gäbe einen Grund dazu.«

Cloud begriff, dass er immer noch auf Assurs Rettung anspielte. Er gab sich einen Ruck. »Es gibt keinen Grund, es dir nicht zu sagen.« Nach einem tiefen Atemzug erläuterte er Jiim, was der Abrogare Emmeriz ihm vor nicht einmal einer Stunde via Funk zu verstehen gegeben hatte.

Es war so ungeheuerlich, dass er Mühe hatte, es für Jiim noch einmal in Worte zu fassen.

Und auch der Narge reagierte alles andere als unbeeindruckt.

»Assur soll… soll gar nicht die echte Assur sein…?« Jiims Mienenspiel schwankte zwischen völligem Unglauben und angestrengter Grübelei über die Folgen, wenn die Abrogaren doch recht hatten.

»Emmeriz ist offenbar felsenfest davon überzeugt, dass Yael uns die ›falsche‹ Assur gebracht hat.« Er nickte, seufzte und erklärte: »Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin Yael nach wie vor zutiefst dankbar für seinen riskanten Einsatz. Nur er war überhaupt in der Lage, zur Oort-Erde vorzustoßen und Assur dort ausfindig zu machen. Es war die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen…« Er räusperte sich, als er merkte, dass Jiim auch mit dieser Redensart Verständnisprobleme hatte. »Bis vorhin hatte ich nicht den leisesten Zweifel, was die Identität der Person betrifft, die sich momentan auf der Krankenstation noch von den Strapazen erholt… Aber Yael hat uns Bilder mitgebracht, die von den Abrogaren ausgewertet wurden. Und nun beharren sie darauf, dass der Tank, in dem Assur gefangen war, als Yael sie befreite, Teil einer für Auruunen typischen Klon-Apparatur sei. Und dass in dem zweiten Behälter, der sich vor Ort befand, ihrer These zufolge die wahre Assur, das wahre Mitglied unserer Crew befindet – immer noch befindet, falls die Auruunen sie nicht inzwischen sonst wohin verschleppt haben!«

Jiims Blick flackerte. »Aber…«, setzte er an, schluckte und begann von Neuem. »Aber das ist alles nur… Spekulation, wenn ich es recht verstehe. Ich meine – Assur wurde doch auf Herz und Nieren untersucht. Dabei wäre aufgefallen, wenn sie nur ein gezüchtetes Ebenbild wäre. Das ist völliger Unsinn! Die Spinnen spinnen!«

»Das«, sagte Cloud, immer noch, ohne eine Miene zu verziehen, »hätte jetzt von Jarvis kommen können.«

»Aber es ist doch wahr!« Jiim ließ sich das Gehörte noch einmal durch den Kopf gehen, dann sagte er im Brustton der Überzeugung: »Selbst wenn es sich um eine Klon-Apparatur handelt, die von den Abrogaren als solche identifiziert wurde, schließt das doch nicht aus, dass Yael das Original mitgebracht hat. In dem zweiten Tank mag ein Geschöpf liegen – aber dann ist es der Versuch, Assur zu kopieren. Noch einmal: Sie wurde von Kopf bis Fuß durchleuchtet, seit sie wieder da ist – oder habe ich da etwas falsch verstanden? Wenn dem so ist, hätte Sesha sicher keine Schwierigkeiten, ein ›Imitat‹ zu erkennen.«

Sie erreichten das Dorf und ließen sich am Feuer nieder.

»Genau da liegt der Knackpunkt«, sagte Cloud. »Es gibt eine Diskrepanz zwischen der Assur, von der während ihres Aufenthalts auf Phaeno ein genetischer Scan erstellt wurde, und der Assur, die sich gegenwärtig unter uns aufhält.«

»Was für eine Diskrepanz?«

»Die Ganf-Komponente, von der wir vor unserem Zusammentreffen mit den Abrogaren nicht das Geringste ahnte, die aber offenbar ein Charakteristikum jedes angkstämmigen Mannschaftsangehörigen ist. Noch auf Phaeno hatte Assur dieses Merkmal. Selbst als Yael nach ihr suchte, orientierte er sich an der assur-spezifischen Zellstrahlung, die so einzigartig wie ein menschlicher Fingerabdruck ist und die ihn zu dem Labor führte, in dem Assur gefangen gehalten wurde.«

»Dann ist doch alles gut«, warf Jiim ein. »Wenn Yael sie eindeutig identifiziert hat und dann mitbrachte, kann es nur –«

»Ich wünschte, es wäre so«, fiel ihm Cloud ins Wort. »Aber Emmeriz bekundete auf Nachfrage, dass das von ihnen zur Verfügung gestellte Peilgerät – der Stirnreif, den Yael bei der Mission trug – keine metergenauen Daten liefert. Es wäre demnach denkbar, dass sich die wahre Assur im zweiten Tank befand, während sich momentan tatsächlich ein Klon bei uns… nun, drücken wir es drastisch aus… eingeschlichen hat.«

Jiim wirkte regelrecht geschockt – ein Zustand, den Cloud mit ihm teilte, obwohl er mehr Zeit gehabt hatte, die Nachricht zu verdauen.

Aber wie sollte er das? Es ging um zu viel. Schon bei einem »normalen« Crewmitglied hätte ihm eine Behauptung, wie sie im Raum stand, größte intellektuelle und emotionale Probleme bereitet.

Bei Assur war alles noch ein paar Nummern schlimmer.

Sie war kein einfaches Crewmitglied, sondern seine Gefährtin. Die Frau, die er liebte.

Und jetzt schwebte wie ein Damoklesschwert die Möglichkeit über ihm, dass Yael nicht sie, sondern irgendein Ding mitgebracht hatte, das nur so aussah, redete, sich anfühlte und duftete wie Assur.

Er spürte, wie sein gesunder Menschenverstand ihm zu entgleiten drohte, wenn er nur daran dachte, dass es so sein könnte .

Emmeriz hatte einen furchtbaren Verdacht gestreut, und Cloud wusste nur einen Weg, ihn aus der Welt zu schaffen.

»Gut«, sagte er und hob die Hand zum Himmel über dem Baumdorf. »Versuche es. Sesha: Jiim wendet sich jetzt über dich an Yael – übermittle seine Botschaft und stelle ihm ein Ultimatum. Sollte er sich nicht sofort bei mir melden, werde ich Maßnahmen ergreifen, ihn zu holen.« Er nickte dem Nargen zu. »Jiim…«

Jiim appellierte eindringlich an seinen Sprössling, den Commander nicht zu enttäuschen. Doch die KI ließ sowohl ihn als auch Cloud wissen, dass Yael keine Anstalten machte, sich aus der entfernten holografischen Region mit ihnen in Verbindung zu setzen.

»Dann eben auf die harte Tour«, entschied Cloud. »Sesha: Status der aktuellen Holo-Darstellung für den Neustart speichern.«

»Gespeichert«, meldete die KI.

»Dann schalte Pseudokalser jetzt ab. Komplett. Fahr die Dimensatoren herunter, deaktiviere die Holoprojektoren.«

Nur einen Herzschlag nach diesem Befehl erlosch alles, was Täuschung gewesen war, um ihn und Jiim herum; zurück blieben nur die nackten Konstrukte, mit denen handfeste Bestandteile Pseudokalsers erlebbar gemacht wurden, das Baumhaus beispielsweise, in dem Jiim und Yael wohnten. Wie alles andere verlor aber auch es seine pittoreske Tünche, mit der Gemütlichkeit und Idyll vorgegaukelt wurden.

Steril breitete sich dort, wo eben noch scheinbar grenzenlose Weite dominiert hatte, ein gerade mal hangargroßer Raum aus, in dem exakt drei Personen, denen die Realität nicht abgesprochen werden konnte, verblieben waren.

Cloud, Jiim und… Yael, der mit störrischer Miene einen Steinwurf entfernt zu ihnen herüberblickte.

Cloud ignorierte den stummen Vorwurf und ging dem Jungnargen entgegen, der von den Abrogaren wie ein Heilsbringer verehrt wurde – während sein Ansehen an Bord von Stunde zu Stunde mehr schwand.

Er hatte sich charakterlich nachteilig verändert, seit er von den Ganf mit deren Wissen vollgepumpt worden war.

Aber noch nie war Cloud so klar geworden, wie jetzt, da er sich der in mattem Goldton schimmernden geflügelten Gestalt näherte, dass Yael offenbar komplett aufgehört hatte zu existieren. Dass er von dem absorbiert worden war, was die Ganf in ihn hatten einfließen lassen.

Für einen Moment gestattete er sich, darüber nachzudenken, wie erst Jiim sich fühlen musste, dem diese Verwandlung gewiss schon früher bewusst geworden war.

Dann konzentrierte er sich auf Yael, der mit verschränkten Armen, die Flügel wie eine schützende Panzerung eng um den Körper gelegt, auf ihn wartete.

Er hätte sich absetzen können, wenn er dies gewollt hätte – und Cloud hätte keine Möglichkeit gehabt, ihn daran zu hindern.

Doch er stellte sich der Begegnung.

Cloud war weit davon entfernt, dies als gutes Vorzeichen zu werten.

»Warum gehst du mir aus dem Weg? Warum antwortest du nicht, wenn ich nach dir rufe?«

Yael blickte weder zu ihm noch auf seinen Orham. Wohin genau seine Augen gerichtet waren, ließ sich nicht erkennen. Vielleicht auf etwas, das noch jenseits der Schiffswände lag.

»Du hast auch mir Gehör verweigert«, sagte Yael, als wäre er tatsächlich der verzogene Halbwüchsige, den seine Körperhaltung darzustellen versuchte.

Cloud wusste sofort, worauf er anspielte. »Ich habe lediglich gesagt, dass für das, was du von mir erwartest, momentan noch keine Zeit ist«, rechtfertigte er sein Verhalten. »Solange die jetzige Situation nicht restlos geklärt ist, können wir uns nicht ins nächste Abenteuer von ungewissem Nutzen und noch ungewisserem Ausgang stürzen. Das wäre unverantwortlich.«

Yael hatte im Namen der Ganf gefordert, die RUBIKON solle unverzüglich aufbrechen, um das »Geheimnis der Auruunen« zu lüften – ein Geheimnis, das dem, der es enträtselte, mit der Erkenntnis belohnte, wie die scheinbar Unbesiegbaren vielleicht doch in ihre Schranken verwiesen werden konnten.

So verlockend diese Aussicht auf den ersten Blick erscheinen mochte, war der Zeitpunkt denkbar ungünstig gewählt. In einem größeren persönlichen Dilemma hatte Cloud sich wahrscheinlich noch niemals befunden. Wobei nicht nur er selbst betroffen war, sondern auch andere Besatzungsmitglieder, die Assur nahestanden. Winoa beispielsweise, ihre Tochter.

Er schob den Gedanken weit von sich. Das Gespräch mit ihr, bei dem er ihr eröffnete, was die Abrogaren behaupteten, stand ihm noch bevor. Aber er würde es nur führen, wenn es unausweichlich wurde. Sollte er vorher entlastende Indizien finden, würde es sich vielleicht ganz erübrigen. Und wenn nicht, wollte er wenigstens sicher sein, Winoa nicht grundlos in die nächste Lebenskrise gestürzt zu haben. Sie hatte schon einmal mit dem Schlimmsten rechnen müssen – und ahnte bis zur Stunde nicht, dass es noch schlimmer kommen konnte, als den Tod ihrer wichtigsten Bezugsperson befürchten zu müssen.

»Ich habe mein Entgegenkommen mehr als unter Beweis gestellt«, erwiderte Yael in jener Manier, die kaum einen Zweifel daran ließ, dass in Wahrheit nicht er, sondern die Ganf aus ihm sprachen. »Ich habe getan, was getan werden konnte. Die Crew ist wieder vollzählig – es wurde sogar ein Abrogare als neues Mitglied dazu gewonnen. Nichts hält uns hier mehr. Wir könnten sofort starten – zu Koordinaten, die ich bereits in den Datenbänken hinterlegt habe, jederzeit abrufbereit, wenn nur der Wille dazu bestünde.«

Cloud hob überrascht die Brauen und runzelte die Stirn. »Sesha verfügt bereits über die Koordinaten, zu denen du uns so dringend schicken willst? Sesha?«

»Negativ«, sagte die KI.

»Es bedarf nur eines einzigen Wortes von dir, um den Zugriff zu ermöglichen«, erklärte Yael unbeeindruckt.

»Wie lautet dieses Wort?«

»Ja«, sagte Yael.

»Ja?«

»Im Sinne von: Ich beuge mich der Vernunft und folge der Spur, die uns gewiesen wird. Denn davon hängt mehr ab als das Schicksal einzelner Individuen. Die Zukunft der Milchstraße, die Zukunft anderer Regionen des Universums – nicht zuletzt die des hiesigen, das Schicksal Eleysons.«

»Das mag alles sein. Aber es sind unerwartete Komplikationen aufgetreten. Sie zu klären, bin ich gekommen.«

»Wie sollte ich dir helfen können?«, fragte Yael ablehnend.

»Wenn es überhaupt jemanden gibt, der das kann, dann du.«

»Erkläre das.«

Cloud brachte auch Yael auf den aktuellen Stand in Sachen Assur.

Zu seiner Überraschung reagierte Yael nicht halb so betroffen wie er es erwartet hatte. Fast teilnahmslos erwiderte der Narge: »Wenn ein solcher Fehler passiert sein sollte, müssen wir es hinnehmen.«

»Warum hinnehmen?«, widersprach Cloud. »Ich hatte an etwas anderes gedacht.«

»Woran? Dass ich das Unternehmen noch einmal wiederhole und herausfinde, was sich in dem anderen Behälter befindet?«

»Das wäre der Idealfall. Aber vielleicht bringt es uns schon Sicherheit, wenn du dich noch einmal zur Oort-Erde begibst und den Scanner zum Einsatz bringst, der Assurs genetische Struktur orten kann. Sollte das Gerät erneut ausschlagen, bedeutet das wohl, dass Assur sich tatsächlich noch in der Hand der Auruunen befindet. Dann müsstest du versuchen, sie zu befreien. Ich bitte dich darum, das zu tun.«

»Ich muss dich korrigieren«, sagte Yael, wobei er nur noch entfernt wie der Narge klang, den Cloud in Jiims Obhut hatte aufwachsen sehen. »Falls die von mir Gerettete nicht die echte Assur ist, könnte die wahre zwischenzeitlich längst von der Oort-Erde fortgebracht worden sein. Dann würde ich zwar ihr genetisches Muster nicht orten können, aber es wäre auch kein schlagender Beweis, dass wir es hier an Bord mit keinem Klon zu tun haben. Und es gibt auch noch die Möglichkeit, dass die Peilung auf Zell proben reagiert, die Assur auf der Oort-Erde entnommen wurden. Auch in diesem Fall wäre daraus nicht der sichere Rückschluss zu ziehen, mit wem wir es hier zu tun haben – mit Original oder Fälschung.«

Yael ließ seine Worte kurz wirken, dann sagte er: »Ich schlage etwas anderes vor.«

»Was?«, fragte Jiim, bevor Cloud reagieren konnte.

Yael ignorierte seinen Elter. An Cloud gewandt sagte er: »Warum setzt du nicht den Telepathen auf Assur an? Er müsste es doch schaffen, herauszufinden, ob es sich um Assur handelt – oder ein Klon nur vorgibt, sie zu sein.«

Auf diese Idee war Cloud selbst schon gekommen. Doch bevor er sie in die Tat umsetzte, wollte er mit Assur sprechen und sich ihre Erlaubnis einholen.

»Du weigerst dich also strikt, einen zweiten Rettungsversuch zu starten?«

»Schon der erste barg Risiken, die kaum zu verantworten waren«, sagte Yael. »Aber ich beugte mich ihrem Willen. Sie meinten, ich sei der Herausforderung gewachsen.«

»Sie – die Ganf? Warum sollten sie dann ein zweites Mal anders denken?«

Yael schien nicht weiter diskutieren zu wollen. Er kehrte Cloud demonstrativ den Rücken zu.

Beschämt senkte Jiim den Blick. Cloud legte ihm in unmissverständlicher Geste die Hand auf die Schulter: Du kannst nichts dafür, Freund.

»Sesha?«, wandte er sich an die KI.

»Commander?«

»Du kannst Pseudokalser wiedererstehen lassen. Hier ist alles gesagt, fürchte ich. Verständige Algorian. Er soll sich auf der Krankenstation einfinden. Ich treffe ihn dort.«

»Du willst sie wirklich ausspionieren?«, fragte Jiim, bevor er ihn ziehen ließ.

Cloud zuckte mit den Achseln. »Habe ich eine andere Wahl? Ich kann die Möglichkeit, dass Emmeriz’ Verdacht zutrifft, nicht einfach ignorieren. Mit Auruunen ist nicht zu spaßen – das wissen wir nicht erst seit heute.«

Mit diesen Worten verließ er Pseudokalser, ohne sich noch ein einziges Mal umzudrehen.



»Kann ich dich sprechen?«

»Tun wir das nicht bereits?« Scobee blickte an der Holosäule vorbei auf Jarvis, der auf einem der anderen Kommandositze thronte.

Jarvis verzog das Gesicht. »Keine Haarspalterei. Nicht jetzt.«

»Oh, der Herr macht auf seriös.«

»Ich mache was ganz anderes.«

»Was?«

»Mir Sorgen.«

Scobee senkte ihren Blick tief in Jarvis’ Augen, wobei ihr bewusst war, dass sie nicht seine tatsächlichen Sinnesorgane fixierte, sondern das, was eine hochentwickelte Technologien ihr vorgaukelte.

»Dechiffriere das bitte für mich.«

Er knurrte wie ein gereiztes Raubtier. Dann regulierte er seine Audiosysteme wieder zu einem moderaten Tonfall. »Wovon werde ich schon reden? Von Assur natürlich!«

Scobee nickte. »Okay. Du machst dir also Sorgen wegen Assur. Weil…« Sie zeigte auf den Holoausschnitt, der das Raumschiff der Abrogaren zeigte, in dessen Nähe die RUBIKON kreuzte. »… die Arachniden behaupten, wir hätten die Falsche in unsere Obhut genommen.«

»Das lässt dich offenbar völlig kalt.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ganz im Gegenteil. Aber ein Verdacht ist noch kein Fakt. Genau wie John erwarte ich einen wirklich hieb- und stichfesten Beweis, bevor ich den Stab über ›unsere‹ Assur breche.«

»John ist ein gutes Stichwort. Er wollte zu Yael und abklopfen, wie es mit einem zweiten Vorstoß zur Erde aussieht.«

»Auch darüber bin ich informiert«, sagte Scobee.

Jarvis nickte. »Und was glaubst du, wie wird Yael reagieren?«

»Das lässt sich schwerlich voraussagen. Er kommt mir vor wie ferngesteuert, seit er auf der Parallelen Seite war.«

Die Parallele Seite – ein Bereich an Bord, der nur von Ganf oder Angks bewusst betreten werden konnte – oder neuerdings von Yael. Was die Beschaffenheit dieser Zone anging, tappte die Crew noch immer im Dunkeln.

»Ja«, seufzte Jarvis, »das ist auch mein Eindruck. Ich wünschte, unser ursprünglicher Plan wäre gelungen. Ich behaupte, dass ich mich nicht so leicht ins Bockshorn hätte jagen lassen wir Yael. Wenn ich das Labor gestürmt hätte, in dem Assur festgehalten wurde, hätte ich erst mal in beide Tanks geschaut, bevor ich mit Assur wieder verduftet wäre!«

»Klar. Weil du so ein Oberschlauer bist.« Scobee schüttelte den Kopf. »Du hättest genauso wenig wie Yael ahnen können, dass das Ding, in dem Assur steckte, Teil einer Klon-Apparatur war. Und dann hättest du exakt das getan, was Yael auch tat – oder du wärst schon im Vorfeld gescheitert.«

»Gescheitert?«, empörte sich Jarvis.

»Ich glaube nicht, dass die Auruunen es zulassen, dass in ihrem Hoheitsgebiet jemand einfach so hin und her transitiert.«

»Yaels Art zu reisen gefällt dir wohl besser.«

»Sie scheint jedenfalls prächtig zu funktionieren – und von den Auruunen nicht zu unterbinden zu sein.«

Jarvis’ Miene verfinsterte sich mit jedem Satz mehr. »Toll«, konterte er. »Und so ganz nebenbei hat ›Yaels Art zu reisen‹ mal eben einen ganzen Planeten in den Untergang geführt!«

»Die Auruunen hätten deinen Transfer zur Oort-Erde, spätestens aber den zurück nach Phaeno, ebenso angemessen, wie sie es mutmaßlich bei Yael taten.«

Jarvis ignorierte den Einwand.

»Was für eine beschissene Situation«, murmelte er. »Für uns alle, solange Assurs Identität nicht zweifelsfrei geklärt ist, vor allem aber für John…«

»Winoa«, warf Scobee ein.

Jarvis nickte. »Jep. Für Winoa fast noch mehr. Allerdings erst, sobald sie damit konfrontiert wird. Ich hoffe, es sickert nichts zu ihr durch, bevor wir alle Eventualitäten abgeklopft haben.«

»Ja«, sagte Scobee. »Was das angeht, gebe ich dir ausnahmsweise mal recht.« Sie stand auf.

»Wohin willst du?«

»Einen Krankenbesuch abstatten.«

»Assur?«

»Warum nicht? Wird Zeit, dass ich mir ein eigenes Bild von der Frau mache, die uns die Arachniden als Klon verkaufen wollen. Ich bilde mir ein, einen solchen vor allen anderen erkennen zu können. Immerhin wurde ich selbst in vitro gezeugt.«

»Ich übrigens auch.« Jarvis erhob sich ebenfalls.

»Was hast du vor?«

»Mitkommen natürlich.«

Scobee schüttelte vehement den Kopf. »Kommt nicht infrage. »Du hältst hier die Stellung.«

»Sagt wer?«

»Sagt die Klon-Expertin.«

»Experte bin ich auch. Wir könnten auch noch Jelto mit in den Club aufnehmen.«

»Setz dich wieder hin und überlass Assur mir.«



Als Cloud die Krankenstation erreichte, wartete Algorian bereits auf ihn. Und nur Sekunden später bog Scobee um die Ecke.

»Was machst du denn hier?«, begrüßte Cloud sie.

»Ich wollte nur mal nach Assur schauen.«

»Das ist jetzt ungünstig.«

Scobees Blick wechselte mehrmals zwischen Cloud und dem schlaksigen Aorii hin und her. »Weil…?«

»Ich wollte sie in den Verdacht der Abrogaren einweihen.«

»Und dazu hast du Algorian mitgebracht?« Scobee zog ihre tätowierten Augenbrauen zusammen.

»Algorian kommt erst später ins Spiel.«

»Später?«

»Sobald Assur einwilligt, dass er sie espert.«

»Du willst ihre Erlaubnis einfordern, bevor du sie ausspionierst?«

Clouds Züge verkanteten sich. »Ich halte es für fair. Du nicht?«

Scobee zuckte mit den Achseln. »Setzen wir mal voraus, sie sei tatsächlich ein Klon, den die Auruunen nach Assurs Vorbild ›hergestellt‹ haben.«

Cloud zögerte, nickte dann aber. »Und weiter?«

»Nun, ich frage mich, ob es sonderlich klug wäre, einen potenziellen Feind in die Maßnahmen einzuweihen, die man trifft, um ihn eventuell zu entlarven und ihm das Handwerk zu legen.«

»Und ich frage mich, wie ein künftiges Zusammenleben mit Assur noch funktionieren sollte, wenn wir sie derart derbe hintergehen würden – und der Verdacht löste sich in Luft auf.«

»Fragst du dich das als ihr Partner – oder als Commander dieses Schiffes?«

»Sowohl als auch.«

Scobee nickte. »Ich sagte nicht, dass es eine einfache Entscheidung ist. Aber egal, was du auch tust: Würde ich dabei stören?«

Er nickte. »Nimm’s nicht persönlich.«

Scobee schien zu überlegen, ob sie sich so einfach geschlagen geben sollte.

In diesem Moment bog eine weitere Person um die Ecke – und nahm ihr die Entscheidung ab.

»Winoa«, rann es Cloud über die Lippen.

»Überlass das mir – ich mach das schon.« Noch während sie es ihm zuraunte, setzte sich Scobee in Bewegung und eilte Winoa entgegen.

Es sah aus, als wollte sie an Assurs Tochter vorbeilaufen – aber als sie auf ihrer Höhe war, streckte sie den Arm aus, legte ihn um Winoas Schulter und drehte den Teenager wie beim Tanz halb um ihre Achse, sodass Winoa plötzlich in die Richtung ging, aus der sie gerade gekommen war.

»Was –«

»Ich erklär’s dir unterwegs«, sagte Scobee in einem Ton, der hörbar keinen Widerspruch duldete. »Deine Mum und der Commander brauchen jetzt mal etwas Zeit für sich. Du kannst sie später besuchen.«

Während sich Scobee mit Winoa entfernte, hielten die Proteste des Mädchens an, wurden aber immer leiser.

»Würdest du bitte auch noch hier draußen warten, bis ich es mit Assur geklärt habe?«, wandte sich Cloud an den Telepathen.

Algorian bejahte unbehaglich.



»John!«

»Liebling…« Er rang nach Worten, während er sich auf die Bettkante setzte, sich zu Assur hinunterbeugte und sie in den Arm nahm.

Sie fühlte sich so gut an wie eh und je. Ich muss den Verstand verloren haben , dachte Cloud. Sie wird mir nie verzeihen, wenn ich ihr unterstelle, was Emmeriz ins Rollen gebracht hat.

Er fragte sich, wie er im umgekehrten Fall reagiert hätte.

»Was hast du? Schlechte Nachrichten?«, fragte sie und musterte ihn eindringlich.

»Dir kann man nichts vormachen.«

Ihr Lächeln erlosch. »Worum geht es? Die Auruunen? Die Abrogaren? Eine Gefahr, von der ich noch gar nichts weiß?«

»Letzteres drückt es ganz gut aus.«

»Rede. Wer ist in Gefahr? Die Arachniden – oder die RUBIKON und damit wir?«

»Ich wünschte, das ließe sich so einfach sagen.«

Sie blickte zu ihm hoch, und schon wenig später landete ihre Intuition einen Volltreffer. »Es geht um mich«, sagte sie und versuchte, Fassung zu wahren. »Irgendetwas ist mit mir. Was haben die Auruunen mir in der Gefangenschaft angetan?«

Er las ehrliche Angst und Besorgnis in ihren Augen. Zumindest wollte er ihr zugestehen, dass es ehrliche Gefühlsregungen waren, keine gespielten.

Er setzte sich aufrecht neben sie und griff ihre Hand, die nicht so warm war wie sonst. »Bei unserer letzten Begegnung«, sagte er, »habe ich dir in einem Punkt nicht die volle Wahrheit gesagt.«

»In welchem Punkt.« Rau und mühsam kamen die Worte aus ihrem Mund.

»Die medizinische Untersuchung brachte etwas zutage, was wir uns zunächst nicht erklären konnten.« Er berichtete ihr von dem Fehlen des »Ganf-Gens« in ihrem Zellaufbau. Im Zuge dessen musste er ihr Generelles über diese genetische Verwandtschaft zu den Ganf erklären – das Wenige, das sie bislang selbst wussten.

»Und diese genetische Eigentümlichkeit haftete mir auf Phaeno noch an«, rekapitulierte sie, nachdem er schwieg. »Aber nach meiner Rettung und Rückkehr von der Oort-Erde nicht mehr?«

Er nickte. »Genauso ist es.«

»Und die Erklärung? Wurden meine Zellen in der Gefangenschaft geschädigt? Haben die Auruunen mir etwas angetan, an dem ich… sterben werde?«

Sie verstand die Konsequenz immer noch nicht. Aber wie hätte sie auch sollen? Auch Cloud hatte gerade erst die mögliche Erklärung für die fehlende Ganf-Komponente aus dem Sprechapparat eines Arachniden erfahren.

»Nein«, beschwichtigte er. »Nein! Dafür gibt es keine Hinweise. Aber ein anderer Verdacht wurde von Abrogaren-Seite laut…«

»Von Abrogaren-Seite…« Fragend blickte sie zu ihm auf.

Er gab sich einen Ruck und weihte Assur in das Ungeheuerliche ein, das Emmeriz in den Bereich des Denkbaren gerückt hatte. Danach war Stille. War Entsetzen nahe am Zusammenbruch.

Ein ächzender Laut löste sich aus Assurs Brust. »Ein Klon ? Wie könnt ihr glauben – wie kannst du glauben –, ich sei ein Klon, der euch… euch untergejubelt wurde?!?«

Sie war kreidebleich. Ihre Lippen bebten wie Lamellen in einem heftigen Windstoß. Er drückte ihre Hand, beugte sich zu ihr hinunter und legte seine Wange an ihre. Ihr Herz trommelte, als wollte es aus ihrer Brust springen.

Sie stieß ihn zurück. Es brauchte keine Worte, um die unbändige Wut zu unterstreichen, die in ihr überkochte.

Er löste seine Hand von ihrer. »Ich verstehe deine Reaktion, glaub mir.«

»Du bist so ein…« Sie verkniff sich das Wort, das ihr auf der Zunge lag.

»Ich bin auf deiner Seite«, kämpfte er abermals um die Worte, um das Gesagte abzumildern oder zumindest ins rechte Licht zu rücken.

»Ich glaube nicht an die Klon-These – aber ich muss sie ausschließen können, um den Abrogaren den Wind aus den Segeln nehmen zu können.«

Blass und vom Donner gerührt lag sie da. Was scheren uns die Abrogaren?, klagten ihre Blicke an. Wie kannst du einem Fremden Glauben schenken, wenn er mich derart verleumdet?

Er wusste, dass er zu weit gegangen war, aber es war nicht mehr ungeschehen zu machen.

Draußen stand Algorian und wartete darauf, hereingebeten zu werden.

»Da ist noch etwas«, spürte sie sofort, dass seine Gedanken um eine neue Ungeheuerlichkeit kreisten. »Sprich es aus! Ich will jetzt alles wissen!«

»Ich hatte eine Idee, wie wir Emmeriz vielleicht widerlegen könnten, sodass auch er es akzeptieren muss.«

»Was für eine Idee?« Wie betäubt kam jedes Wort aus ihrem Mund.

Er erzählte von Algorian.

»Du hast ihn bereits mitgebracht? Er wartet vor der Tür? Er soll mich telepathisch durchleuchten, um auszuschließen, dass ich ein verkapptes Monstrum bin, das jederzeit im Namen der Auruunen Amok an Bord laufen kann?«

»Ich wünschte, du würdest verstehen, dass sich zwischen uns beiden nichts geändert hat.«

Fast mitleidig sah sie zu ihm auf. »Offenbar bist du es, der nicht versteht: Alles… alles hat sich geändert. Du und ich, uns verband einmal etwas ganz Besonderes. Das hast du gerade zerrissen.«

»Rede nicht so.«

Sie schüttelte den Kopf, bevor sie sich kurz sammelte und sagte: »In Ordnung, ruf ihn herein. Er soll es tun. Er soll in mir herumwühlen, in den fernsten Winkeln meines Bewusstseins, und dir alles offenlegen, was sich darin verbirgt. Wenn dort ein Monster lauert, dann soll er es wecken. Trefft Vorkehrungen, mich augenblicklich zu eliminieren, wenn das der Fall ist. Dann will ich ohnehin nicht mehr weiterleben. Aber wenn nicht – wenn ich einfach nur ich bin… möchte ich, dass wir uns von diesem Tag an aus dem Weg gehen, wo immer es möglich ist. Ich will nicht mehr deine Frau sein, John Cloud – und du sollst nicht mehr mein Mann sein. Hast du das verstanden? Ich meine richtig verstanden? Hast du begriffen, dass du unserer Liebe gerade den Todesstoß versetzt hast, wie immer es ausgehen mag?«

Er konnte sie nur anstarren.

Schließlich war nicht er es, der das Schweigen brach, sondern Assur. Sie forderte Algorian auf, einzutreten und zu tun, was der Commander der RUBIKON glaubte, mit ihr tun zu müssen.



»Du verheimlichst mir etwas«, sagte Winoa, nachdem sie den Cy-Memorial -Park betreten hatten. Es war Scobees Idee gewesen, ein wenig durch die virtuelle Landschaft zu schlendern, die zu Ehren ihres verstorbenen Freundes in dessen ehemaliger Kabine etabliert worden war – und die in ähnlicher Weise »funktionierte« wie Pseudokalser. Auch hier verrichteten Dimensatoren ihren Dienst und erzeugten eine künstlich generierte Weite, die nur solange Realität hatte, wie die Generatoren arbeiteten. Für Besucher des Parks war die Illusion nur erkennbar, wenn sie die überall blühenden Blumen und sonstigen Gewächse nicht nur betrachten, sondern auch anfassen wollten.

Wer sich das verkneifen konnte, den erwartete ein Ausflug, den er nicht bereute.

Vor dem Sockel, auf dem der echte Cy in einem Schauer von Stasisstrahlen davor bewahrt wurde, dass sein Pflanzenleichnam dem natürlichen Verfall ausgesetzt war, ließen sich die beiden weiblichen Besatzungsmitglieder auf einer Bank nieder.

»Wie kommst du darauf?«, fragte Scobee.

»Das vorhin war doch ein abgekartetes Spiel – zwischen dir und John.«

»Ich fürchte, ich verstehe nicht. Ich sagte dir doch, dass ich ihm und Assur etwas Zweisamkeit ermöglichen will.«

»Das soll alles sein? Deshalb hast du mich hierher ›umgeleitet‹?«

»Ist dir meine Gesellschaft unangenehm?«

In Winoas Augen blickte es auf. »Ich habe also recht! Das sind doch typische Ablenkungsmanöver, wenn jemand dabei ist, einem auf die Schliche zu kommen!«

»So etwas traust du mir zu?«

Winoa nickte mit Nachdruck. Dann seufzte sie und beklagte sich: »Allmählich reicht’s mir! Gibt es einen heimlichen Wettbewerb, wer sich am unnatürlichsten verhalten kann? Mir reicht schon, was Yael sich leistet. Aber wenn jetzt auch du noch anfängst, dich komisch zu benehmen…«

Scobee umging eine direkte Antwort, indem sie fragte: »Und Assur? Wie findest du deine Mum? Glaubst du, sie hat ihre Odyssee einigermaßen verkraftet?«

»Mum?« Winoa überlegte. Dann nickte sie bestimmt. »Sie ist eine der Wenigen, die ganz normal mit mir umgehen.«

»Du findest nichts an ihr… seltsam?«

»Seltsam?« Wieder blitzte es in Winoas Augen auf. »Worauf willst du hinaus? Red schon! Es geht also um Mum. Ich sollte nicht zu ihr, weil sich ihre Befindlichkeit verschlechtert hat?« Sie zog ihre Stirn in Falten. »Da war doch auch Algorian, als ich mich der Krankenstation näherte… Was hatte der dort zu suchen?« Sie stieß hörbar den Atem aus. »Jetzt sag schon! Was stimmt nicht? Geht es Mum schlecht? Hat sie Schaden davongetragen, während sie –«

»Beruhige dich. John kümmert sich um alles.«

»Es ist also etwas mit ihr.«

»Das wissen wir noch nicht.«

»Und was vermutet ihr?«

»Darüber darf ich nicht sprechen. Vielleicht klärt sich in diesen Minuten bereits alles auf.«

Winoa hielt es nicht mehr auf der Bank. »Ich will sofort zu Mum!«

Scobee wiegelte ab. »Sei vernünftig. Gesundheitlich geht es ihr gut, soweit wir das überschauen können. Kein Grund zur Beunruhigung.«

»Und was fehlt ihr dann, wenn es nichts mit der Gesundheit zu tun hat?«

Scobee schüttelte den Kopf. »Vermutlich gar nichts. Aber das klären wir endgültig, sobald John sich meldet. Solange musst du dich gedulden, tut mir leid.«

»Weiß mein Vater mehr?«

Scobee schüttelte den Kopf.

»Sicher?«

»Ganz sicher.«

Nach dieser Erklärung schien Winoa sich zusammenzureißen. Geduld war nicht ihre Stärke, aber hier und jetzt blieb ihr nichts anderes übrig, als sich darin zu üben.



»Nichts«, schloss Algorian nach mehr als einer Stunde die Überprüfung ihres Geistes ab. »Es ergibt sich nicht der geringste Hinweis auf einen mentalen Block oder eine wie auch immer geartete Konditionierung. Mein abschließendes Urteil, hinter dem ich mit meiner vollen Überzeugung stehe, lautet: Das hier ist Assur. Die Assur, die wir kennen und die wir erwarten dürfen, wenn wir sie ansehen.« Er wandte sich zum Gehen, als könnte er es nicht erwarten, den Ort zu verlassen, an dem den Auftragsschnüffler hatte mimen müssen.

Cloud wollte ihn stoppen, doch dann begriff er, dass jedes Nachkarten alles nur noch schlimmer gemacht hätte.

Er wartete, bis der Aorii den Raum verlassen und das Trennschott sich hinter ihm geschlossen hatte.

Assur hatte die Augen geschlossen. Die Blässe ließ sie wie einen Leichnam erscheinen, der aufgebahrt worden war. Nur bei genauem Hinsehen war das schwache Heben und Senken ihres Brustkorbes zu erkennen.

»Ich bin ein solcher Idiot«, fasste Cloud in Worte, was er schon geraume Zeit für sich dachte. »Kannst du wenigstens ansatzweise verstehen, dass ich so handeln musste?«

Wenn verbissenes Schweigen die Antwort auf seine Frage sein konnte, dann hieß das wohl: Nein! Niemals!

Zwischenspiel: Erde


Die MISSION war in die entscheidende Phase gerückt – umso bedenklicher, dass eine Persönlichkeit von Croxgks Reputation sein Eigeninteresse in den Vordergrund gestellt hatte.

Rache war ein Trieb, der den niederen Geschöpfen vorbehalten sein sollte.

Vrongk war verärgert.

Einerseits.

Aber Croxgks offenkundiges Versagen zog nicht nur Ärger nach sich – Vrongk fand auch durchaus Gefallen an seinem damit verbundenen Aufstieg.

Obwohl es keine Hierarchie innerhalb seines Volkes gab, die Auruunen gesellschaftlich über andere erhoben, existierten doch klare Befehlsketten – anders hätte eine so hohe Zahl von Individuen nicht zusammen leben und zusammen agieren können. Nicht mit der Effizienz jedenfalls, die für Auruunen beispielhaft war.

Vrongk genoss also auch durchaus seinen jähen Aufstieg zur Spitze der Machtpyramide, die dabei war, sich in diesem Teil des Universums zu etablieren.

Einem niederen Wesen wie Cronenberg gegenüber – Statthalter über den Erde-Mond-Komplex im Innern der Basiswelt – hätte er dies jedoch ebenso wenig eingeräumt wie seinen Artgenossen gegenüber.

»Lass uns darüber sprechen«, wandte sich der Auruune an den Menschen, »wie eure bescheidenen Fähigkeit noch besser in unser System integriert werden könnten.«

Das Gespräch fand in Cronenbergs Residenzturm auf der Erde statt.

»Du sprichst von den Fraktalen?«, vergewisserte sich der neu modellierte Mensch, der sich deutlich verbessert hatte, aber es nach wie vor nicht einmal annähernd mit der brachialen Eleganz eines Auruunen aufnehmen konnte. Das war aber auch nie das Ziel seiner Optimierung gewesen.

»Sie sind die einzige Sparte deiner Spezies, die für uns relevant ist – verzeih mir die offenen Worte.«

»Ich wäre der falsche Mann am falschen Platz, würde ich Offenheit nicht schätzen.«

»Du brauchst dich mir nicht anzubiedern.«

»Das tue ich nicht. Ich empfinde das, was ich sage. Ich lebe es.«

»So dankbar bist du uns für die Gnade, die wir dir erwiesen?«

»Mehr als dankbar. Ihr habt mir ein Leben geschenkt, das ich über Jahrtausende nicht mehr hatte. Ich war ein Gefangener im Kerker meines Körpers. Es ist wie eine Auferstehung.«

»Ich glaube dir.«

Cronenberg nickte, wie Menschen es zu tun pflegten, wenn sie etwas beipflichteten.

»Gestattest du mir die Frage, ob es Neuigkeiten bezüglich der Flüchtigen und dem Ort gibt, wohin sie sich uns entzogen haben?«

Vrongk registrierte wohlwollend, dass Cronenberg »uns« sagte. Anfänglich hatte er diesen… Menschen als notwendiges Übel betrachtet, ihm aber keiner Sympathie entgegengebracht. Auruunen verfuhren auf allen Welten, die sie besetzten, gleich: Einer Machtdemonstration folgte die Kontaktaufnahme mit der lokalen Regierung – und das Angebot an eine infrage kommende Person, künftig eng mit den neuen Machthabern zusammenzuarbeiten.

In diesem Fall war es Cronenberg gewesen, auf den fast zwangsläufig die Wahl gefallen war. Und auch wenn die Entscheidung noch von Croxgk getroffen worden war, musste sich Vrongk eingestehen, dass sie unter den herrschenden Gegebenheiten nicht klüger hätte ausfallen können.

»Ich gestatte sie«, erwiderte Vrongk. »Die Antwort lautet nein. Es gibt keine neue Spur. Die Netzwächter scheinen nicht in der Lage zu sein, die Koordinaten des Gegen-Avatars, über den die Flucht gelang, zu ermitteln. Als sicher ist jedoch anzunehmen, dass besagter Knotenpunkt des Weltennetzes nicht in unseren Karten verzeichnet ist.«

»Wie kann das sein?«, fragte Cronenberg.

»Das ist das Rätsel, das es zu lösen gilt.«

»Du sprachst bei unserer letzten Zusammenkunft von Rebellen, mit denen die Auruunen sich auseinandersetzen müssen. In Eleyson.«

»Darüber müssen wir nicht sprechen.«

Der Niedere schien zu verstehen. Er beendete das Thema augenblicklich.

Vrongk wollte sich wieder dem eigentlichen Grund seines Kommens, den Fraktalen, zuwenden, als ihn eine Nachricht von der anderen Seite der Oortschale erreichte – dort, wo die Formung der Basiswelt stetig ihrer Vollendung entgegen strebte.

Für einen Moment verlor er die Fassung.

Cronenberg blieb sein kurzes Straucheln nicht verborgen.

»Geht es dir nicht gut, Herr?«

Vrongk rang die Erschütterung nieder und verließ die Residenz ohne ein Wort der Erklärung. Ein Shuttle brachte ihn dorthin, wo er erwartet wurde. Dringend erwartet – mit glasklaren Instruktionen.

Und so schwer es ihm fiel, musste er doch einsehen, dass der Schatten Croxgks länger war, als er geglaubt hatte.

Über Lichtjahrmilliarden entstand eine Kommunikation zwischen Milchstraße und Eleyson. Und die Forderung von dort war eindeutig.

»Ich höre und gehorche«, schloss Vrongk den knappen Dialog, der sich auf das Wesentliche beschränkte. »Ich werde in Kürze mit dem Gewünschten eintreffen.«

Sorgfältig traf er alle erforderlichen Vorkehrungen, um den heiklen Auftrag aus der Ferne zu erfüllen.


2.


Die erste Überraschung des Tages wartete bereits auf Yuruks winzigem Raumhafen. Ein schwaches Peilsignal rauschte aus den alten Empfängern der UNSICHTBARE PFORTE und lotste das Schiff bei seinem Eintauchen in die dünne Atmosphäre zur zweiten Landepiste.

Genwiss gab ein hohles Pfeifen von sich. »Dass die überhaupt zwei Landepisten haben ...« Mehr sagte die Echse jedoch nicht, war sie doch damit beschäftigt, die Dämpfungsruder auszufahren und eine Parabel zu fliegen, die die PFORTE in den Landeanflug brachte.

Obwohl der Pilotensitz nicht für ein Reptil von Kalida gemacht war, beherrschte Genwiss das Metier wie keine Zweite. Ein paar Umbauten des Cockpits in der schnabelartigen Bugspitze des Schiffs ermöglichten es ihr, nicht nur ihre beiden zarten dreigliedrigen Hände einzusetzen, sondern auch die lange Fangzunge und den Greifschwanz zuhilfe zu nehmen. Auf diese Weise steuerte sie das Schiff besser und schneller als jeder andere Pilot, der zuvor mit der PFORTE geflogen war.

Als die UNSICHTBARE PFORTE schließlich mit vier ausgefahrenen Stützen wie ein geflügelter, eiserner Frosch am Ende der Landepiste hockte, war sie jedoch nicht allein. Keine vier Raumschifflängen weiter okkupierte ein Frachtschiff Landepiste Eins.

Während die UNSICHTBARE PFORTE wie ein schnittiges Dreieck geformt war, folgte der andere Transporter dem Prinzip grober Klotz. Ein unförmiger Würfel, dessen Außenhaut mit Frachtkapseln behängt war wie ein Kleiderständer mit Rucksäcken.

»Ein Freihändler.« Genwiss schnalzte abfällig mit eingerollter Zunge.

»Nicht irgendein Freihändler.« X’ta knurrte wie ein Kulmaraner. Der Laut passte zu seiner Stimmung. Der rote Oktaeder, der als Emblem an jeder Seite des fremden Frachters prangte, war unverwechselbar. Es gab nur einen, der unter dieser Flagge reiste. »Das ist Kuzul.«

»Kuzul, der Grabräuber?«

»Eben der.« X’ta ließ seine frisch gewachsenen Zähne knirschen. »Ich wette er ist wegen der Ruinen hier. Denn besonders viel Umsatz kann er in dieser kleinen Kolonie doch nicht machen.«

Obdens Rücken tickte und klackte.

Haben Ärger mit Freihändler Kuzul? Aufpassen?

»Nein«, gab X’ta zurück. »Das nicht. Ich mag ihn nicht und er mich auch nicht. Geht auf eine alte Partie Jock zurück. Aber das ist alles.«

Letzteres war zwar glatt gelogen, aber X’ta verspürte nicht die geringste Lust, den anderen seine unrühmlichen Anfänge beim Kurier und Kuzuls Verwicklungen in diese Zeit näher auszuführen. Alte Geschichten blieben am besten da aufgehoben, wo sie nicht störten. In der Vergangenheit.

»Trotzdem sollten wir herausfinden, ob er zu den Ruinen will«, fuhr X’ta im unschuldigsten aller Tonfälle fort. »Und zwar ohne dass er von unseren Absichten erfährt. Ich hab so ein Gefühl, dass Kuzul mehr über diese Ruinen weiß, als wir. Sonst wäre er nicht hier.«

»Seine Anwesenheit spricht in der Tat dafür, dass auf Yuruk etwas zu holen ist.« Genwiss schnalzte wieder mit der Zunge. Aber diesmal schoss der dünne rote Faden wie eine Peitsche aus ihrem Kiefer hervor. Das bedeutete, dass es ein nachdenkliches Schnalzen war.

Während X’ta der Bodenkontrolle seine Flugdaten und verschiedene Identifizierungscodes durchgab, schweiften seine Gedanken bereits zu den unerforschten Überresten einer verlorenen Zivilisation. Und zur Konkurrenz, die ihn auf seiner Suche erwartete. Mehr denn je war der Formwandler entschlossen, die Reise ins Eis zu unternehmen. Und mit etwas Glück überzeugte die Anwesenheit hochkarätiger Konkurrenz auch eine gewisse störrische Echse von dem zu erwartenden Lohn der beschwerlichen Expedition. Wenn man sich auf eins verlassen konnte, dann auf ihre Gier.

Neidvoll warf X’ta noch einen Blick auf Kuzuls Schiff, bevor er das eigene verließ. So ein richtiger Warentransporter machte schon einiges her. Gerüchteweise besaß das im Orbit befindliche, nicht landefähige Mutterschiff dieses Riesenbabys sogar Bordwaffen.



Das Himmelsleuchten, Yuruks größte und einzige Handelsstation, war zugleich auch Yuruks größte und einzige Absteige. Eine Blockhütte, gezimmert aus grobem Holz, das vermutlich die ersten Siedler mitgebracht hatten. Immerhin hatte die Hütte als einziges Gebäude der Siedlung zwei Stockwerke aufzuweisen. Aller Wahrscheinlichkeit nach unten die Schankstube, oben ein Schlafsaal. Ein kleiner Anbau beherbergte vermutlich Wirtschaftsräume.

Den Namen des gastlichen Ortes hatte eine ungelenke Hand mit tiefen Kerben in die Tür geritzt.

X’ta spürte die staunenden Blicke im Rücken, während er zielstrebig auf das Himmelsleuchten zuschritt. Ein augenscheinlich junger Kulmaraner mit der unverkennbaren rot-goldenen Kurierschärpe und der silberbeschlagenen Kuriertasche in Begleitung einer in dick wattierte Kleidung gepackte Echse von Kalida und eines Felsenwanderers, erregte nun einmal Aufsehen. Insbesondere, wenn der Kurier ein attraktiver Jüngling mit silberweißen Fellspitzen war. Die Verkleidung mochte nicht lange halten, aber für den Moment genoss X’ta die Bewunderung der Einheimischen. Nur zu schnell konnte sich die Stimmung ändern. Darum vermied er es so sorgfältig wie möglich, seine wahre Gestalt zu zeigen. Leider ließ eine graue, formlose Wolke Staunen erfahrungsgemäß in Entsetzen umschlagen.

Als stolzer Kulmaraner betrat X’ta vor aller Augen das Himmelsleuchten. Als Trutz gegen die ewige Kälte und den erbarmungslosen harschen Schnee atmete dieser Ort der Geselligkeit das Flair einer eigenen kleinen Welt. Während draußen der Wind pfiff, wärmte ein riesiger Kamin die trockene, leicht verbrauchte Luft. Gelbe Wachskerzen und Ölfunzeln an den Wänden und einigen Holzpfeilern woben einen löchrigen Teppich aus Licht. Felle auf dem Boden und an den Wänden harmonierten mit dem prasselnden Kaminfeuer. Es gab keine Tische, dafür aber verschiedene Pelz- und Deckenhaufen, die zum Verweilen einluden.

In einer Ecke befand sich eine bronzene Statue. Ein aufrecht stehender Kulmaraner begrüßte die Gäste mit ausgebreiteten Pratzen wie zur Umarmung. Oder zum Angriff. Silberne Augen und Zähne blinkten geheimnisvoll im Kerzenschein.

Eine Mischung aus Wachsduft, Fisch, Kräutern und ranzigem Öl durchzog den Raum wie eine Schar wandelnder Geister. Unsichtbar, aber präsent.

Etwa vierzig Yuruker drängten sich einzeln oder in Gruppen auf den Felllagern. Viele hatten Schüsseln mit Trockenfleisch oder gebratenem Fisch von sich. Und jeder mindestens einen Becher undefinierbaren Suds, aus dem der ranzige Ölgeruch strömte.

Trotz der vielen Gäste schien das Haus nicht einmal zu einem Viertel besetzt. Vermutlich diente der Ort auch als Versammlungszentrum und fasste beinahe die gesamte Bevölkerung der Siedlung.

Zwischen all den fremden Gesichtern zog dennoch eine einzige Person sofort die Aufmerksamkeit der drei Kuriere auf sich. Auf einem Fell in der Nähe des Schreins thronte eine schwarze, vielgliedrige Gestalt. Obwohl dies nicht die erste Begegnung mit Kuzul darstellte, wirkte der Anblick des Freihändlers einmal mehr bizarr und abstoßend auf X’ta.

Er hockte auf seinem monströsen Hinterleib, die vier stelzenhaften Laufbeine vor dem Körper gekreuzt. Der schmächtige, mit schwarzem Flaum überzogene Oberkörper trug einen großen, ovalen Kopf. Lange Fühler mit Stielaugen an den Enden zuckten von der Stirn herab und strichen immer wieder über klauenartige Mundwerkzeuge. Seitlich am Kopf saßen zwei weitere Augenpaare. Eins davon, glänzend wie geschliffene Opale. So verstörend wie diese Augenvielfalt waren auch die beiden Arme, die rechts und links am Oberkörper entsprossen. An den Ellenbogen teilten sie sich auf in jeweils zwei Unterarme. Jeder dieser vier Unterarme endete in beweglichen, zweigliedrigen Klauen.

Eine dieser Klauen hielt einen stinkenden Becher, eine weitere einen elektrischen Schreibblock, eine dritte winkte X’ta zu.

Kuzuls Mundwerkzeuge mahlten und klackten. Eine heisere Stimme rief einen Gruß. »He ho. Kuriere. Kommt zu Kuzul. Kuzul spendiert Tee und Fisch.«

»Na, so ein Angebot kann man doch kaum ausschlagen.« Genwiss zischelte herablassend. Dennoch lenkte sie ihre Schritte in Kuzuls Richtung.

X’ta nickte ihr zu und gab auch Obden einen Wink. Er selbst würde noch dem Dorfvorstand seine Aufwartung machen, bevor er sich zu Kuzul gesellte.

Erfahrungsgemäß waren der lokale Händler, Wirt und Dorfvorsteher in so kleinen, hinterwäldlerischen Gemeinden ein und dieselbe Person. Der in feines Leinen gekleidete, feiste Xuruker, der sich ehrerbietig in Richtung der neuen Gäste verneigte, nahm also höchstwahrscheinlich alle diese Aufgaben wahr.

»Sei gegrüßt Kurier«, begann dieser mit einem freundlichen Grinsen, das sein prächtiges Gebiss entblößte. »Umso mehr, da du von unserer Mutterwelt kommst. Mein Name ist Krauwu Schwarznebel. Können wir uns Nachrichten aus der alten Heimstatt unserer Vorfahren erhoffen?«

X’ta setzte zu einer Antwort an, da ertönte von draußen vielstimmiges Gebrüll. Im nächsten Augenblick flog mit einem dunklen Knall die Vordertür auf. »Die Schneekrabbler sind los!«, quietschte eine helle Stimme übermütig. »Alle starken Kerle nach draußen! Es werden noch Wetten angenommen! Fragt nach Kiku!«

Die anwesenden Yuruker ließen sich nicht zweimal bitten. Sofort stürmte ein Pulk aus Fell und wuchtigen Körpern zum Ausgang. Speisen und Getränke waren für den Augenblick vergessen. Selbst der Wirt wurde von der allgemeinen Unruhe erfasst. »Verzeih, Kurier. Aber lass uns nach draußen gehen. Das Spektakel sollte keiner verpassen. Die Schneekrabbler – eine stete Last und zugleich Garant allen Lebens hier.«

Bevor X’ta sich näher nach der Natur der mysteriösen Schneekrabbler erkundigen konnte, hatte Krauwu ihm einen kräftigen Hieb auf die Schulter versetzt. Im nächsten Moment galoppierte der Wirt durch die Schankstube zum Ausgang. Wenn man denn das Wuchten des massigen Körpers auf sechs kraftvollen kurzen Beinen, zwei Greifpfoten und vier Laufpranken als Galopp bezeichnen wollte.

Die Kuriere tauschten unschlüssige Blicke. Kuzul machte keinerlei Anstalten, das »Spektakel« zu besuchen, aber die Yuruker hatte es ja nicht auf ihren Plätzen gehalten. Keinen Einzigen.

»Es ist immer wichtig, die einheimische Kultur zu verstehen«, entschied X’ta. »Also sehen wir uns das Ganze näher an.«

Genwiss schnalzte unfroh, dann folgte sie ihrem Anführer. Obden hatte sowieso nie Einwände gegen Entscheidungen, die Genwiss oder X’ta trafen. Kuzul rührte sich noch immer nicht. Eins seiner Stielaugen musterte den Schreibblock, das andere schwankte zwischen den Kurieren hin und her.

X’ta winkte mit einer Greifpfote. »Später!«

Dann marschierte er entschlossenen Schrittes nach draußen.



In den Gassen, auf festgestampftem Schnee, war das halbe Dorf auf den Beinen. Männer, Frauen und Kinder drängten sich in die schmaleren Gassen in den Schutz der Häuser. Einige Verwegene, insbesondere kräftige Männchen, bildeten auf der Kreuzung zweier breiter Hauptgassen eine Kette. Schulter an Schulter standen sie bereit und warteten auf etwas, das sich mit vielfüßigem Getrappel näherte.

Plötzlich ließ ein weiterer kumpelhafter Prankenhieb X’tas Schulter erzittern. Er fuhr herum.

Krauwus Schnauze schwebte kaum eine Prankenbreite entfernt vor seiner. Der Atem des Wirts dampfte als kleine Wolke aus Fisch- und Fettgeruch zwischen ihnen. »Wenn du auch wetten willst, Kurier, setz auf Roruku. Den Starken mit dem zerfetzten Ohr. Der hält jeden Schneekrabbler auf.«

X’ta musterte die Männer auf der Straße genauer. Tatsächlich, einer hatte ein paar Risse im Ohr, die nicht einmal der dicke Pelz verdecken konnte.

Doch bevor X’ta eine Wette abgeben konnte, erbebte die Siedlung. Unter lautem Getöse bog eine Schneewolke um die Hausecke. Flache breite Chitinkörper rasten vielbeinig heran. Schwarze Laufkäfer, fast so massig wie die Kulmaraner, rasten wie Geschosse die Gasse herauf. X’ta vermutete, dass es sich um acht oder neun Tiere handelte.

Im nächsten Moment prallten die gedrungenen Körper aufeinander. Einige Yuruker hatten die Krallen ihrer Pratzen so tief in den Boden getrieben, dass es ihnen gelang, dem Aufprall zu widerstehen. Vier der Käfer wurden zurückgeschleudert und landeten unter dem Beifallsgetöse des Publikums hilflos zuckend auf den Rücken. Doch gleichzeitig gingen ein paar der Yuruker zu Boden. Die Käferkaskade fegte über sie hinweg.

Das jedoch schien lediglich die nächste Stufe einzuleiten. Denn nun griffen die am Boden liegenden jungen Männer nach den Beinen der über sie hinwegstampfenden Käfer. Einigen gelang es tatsächlich, ein paar dünne Füße zu fassen. Dann hieß es Insektenhektik gegen Muskelmasse. Käfer und Yuruker rutschten als chaotisches Gerangel über die dicke Schneeschicht der Straße. Die Yuruker zeigten jauchzend, wie viel Kraft in ihren wuchtigen Leibern steckte. Fast alle der Käfer wurden von starken Greifpfoten herumgerissen und wie ihre Artgenossen auf den Rücken geschleudert. Zwei entkamen.

Aber schon nach wenigen Schritten verlangsamten sie ihre wuselnden Schritte und trabten auf der Stelle. Die Yuruker zollten ihren Kämpfern mit dumpfem Gebrüll Beifall.

Auch X’ta wagte ein kurzes Gejohle. »Warum laufen die beiden da nicht weiter?«, fragte er dann seinen amüsierten Nebenmann.

Krauwu stieß ein brummendes Kichern aus. »Na, weil sie das Weibchen umgehauen haben. Sobald sie das Weibchen gefangen haben, sind die Männchen ganz brav. Du siehst, es sind immer die Weiber, die Ärger machen.«

»Und es war nur ein Weibchen bei der Gruppe?«

»Es ist immer nur ein Weibchen bei der Gruppe.« Krauwu schüttelte den Kopf. »Gehen wir zurück. Ich muss unseren tapferen Kämpen eine Runde ausgeben. Das gehört sich so.«



Die nächsten Stunden zeigten, wie viel hochprozentigen Schwarzalgengeist Yuruker vertrugen. Und wie wenig ein Kurier. Denn Kuriere wurden in die Siegesfeierlichkeiten mit einbezogen, als hätten sie selbst einen sportlichen Erfolg errungen. Zwar wurde X’ta von den Ethanol-Verbindungen nicht wirr im Kopf, aber er spürte bei der Aufnahme von Nervengiften ein unangenehmes Ziehen in den Zellen. Gewisse Lähmungserscheinungen machten sich breit, und es kostete ihn mehr Konzentration, seine Form als Kulmaraner aufrecht zu halten. Die Tarnung an sich erforderte jedoch die Teilnahme am Trinkgelage. Denn Kulmaraner tranken viel und das bei jeder Gelegenheit. Ein Teufelskreis.

Mit zunehmender Verzweiflung suchte X’ta nach einem Ausweg und fand ihn schließlich in der am wenigsten geschätzten Lösung. Er flüchtete unter dem Vorwand einer wichtigen Besprechung in Kuzuls Sitzecke, wo Genwiss schon drei Thekenmärsche zuvor Zuflucht gesucht hatte.

Wenigstens war es dem fiesen Insekt unmöglich zu grinsen, aber die Art wie seine Kauwerkzeuge klackten, deutete auf übertriebene Heiterkeit hin.

X’ta vollzog die Begrüßung durch ein knappes Nicken. Das musste reichen. Dann wandte er sich an Genwiss. »Habt ihr euch gut unterhalten?«

Die Echse nickte, aber es war Kuzul, der antwortete. »Durchaus, Kurier X’ta. Durchaus. Und deine reizende Begleitung hat mir bereits von euren Plänen berichtet. Ihr wollt die Ruinen erforschen. Ich auch. Ich könnte euch mitnehmen, wenn ihr möchtet.«

»Mitnehmen?« Fassungslos starrte X’ta seine »reizende Begleitung« an. Die Echse legte ihren Kamm an. »Nun sei doch nicht so entsetzt«, wisperte sie. »Du wolltest doch unbedingt dahin, und ich will nicht länger bleiben als nötig. Und das ist der schnellste und sicherste Weg. Kuzul hat bereits einen Plan und hochwertige Ausrüstung. Zeitgrafen, Glyphenkompass und Wärmeschilde. Und vor allem Gleiter und Kobalt-Generatoren. Und er wird mit uns teilen. Es ist perfekt. Du musst nur noch ja sagen.« Ihr Rückenkamm hatte sich während der kleinen Rede verfärbt und strahlte nun in einem satten, aufmunternden Grün.

Sie hatte nichts ausgelassen, um ihren Teamführer vor vollendete Tatsachen zu stellen. Dass Genwiss immer alles besser wusste, war X’ta längst gewohnt, aber dass sie sich ausgerechnet mit Kuzul zusammentat, zu dieser Dreistigkeit fiel X’ta nichts mehr ein.

Kuzul wiederum nahm das Schweigen seines Konkurrenten als Gelegenheit, seinen Senf dazuzugeben.

»In der Tat denke auch ich, dass ich euch einen Gefallen tue. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ihr geeignete Ausrüstung habt, um im hiesigen Klima allein zu bestehen. Weil ich das harte Leben der Kuriere kenne, mache ich euch ein großzügiges Angebot. Zwanzig Prozent der Beute gehören euch. Bedenkt man, dass ihr praktisch nichts dafür tun müsst, ist das leicht verdientes Geld.«

»Zu großzügig.« X’ta grollte leise hinter seinem Kulmaraner-Gebiss. »Das habt ihr euch schön zurechtgelegt.«

»Ja, nicht wahr?«, Kuzul reckte ein Armpaar in die Höhe als wolle er sich strecken. Das andere stellte X’ta einen Becher vor die Nase und goss dampfenden, stinkenden Sud aus einer tönernen Kanne ein. »Ich gebe euch einen Tag Bedenkzeit. Übermorgen breche ich auf.«

»Die Bedenkzeit brauche ich nicht.« Da Genwiss nicht auf seine Ratschläge gehört und Kuzul ohne Absprache eingeweiht hatte, sah X’ta keinen Grund für falsche Höflichkeit. Seine Entscheidung war längst gefällt. »Aber ich lehne ab. Kein Bedarf.«

»Das überlegst du dir noch Kurier.«

»Davon träumst du, Freihändler. Such dir andere, die du mit deinen schmutzigen Methoden über den Tisch ziehen kannst.«

»X’ta!« Genwiss’ Stimme war ein einziges wütendes Zischen. »Wie redest du denn mit ihm?«

»Wie es mir passt!«, X’ta fauchte. Bis ihm klar wurde, dass alle im Gastraum aufmerksam zuhörten. Die Art und Weise, wie die Yuruker die Köpfe senkten, sobald ein Blick sie streifte, sprach Bände.

Ein tiefer Atemzug, dann gewann X’ta seine Selbstkontrolle zurück. Ruhiger als zuvor sprach er weiter. »Wie gesagt, ich lehne ab.«

»Ich werde bis morgen hier warten.« Eine Hand des Freihändlers griff zu seinem Notizblock, die andere zu einem multistellaren Chronometer. Ein solches Gerät, das den Zeitentakt sogar in der Leere des Weltenstroms exakt berechnete, kostete ein Vermögen. »Und am Abend werde ich deine Zustimmung entgegen nehmen«, fuhr Kuzul ungerührt fort. »Oder der Abreise eures Schiffes zusehen. Ganz wie du es wünschst.«

Die Freundlichkeit seiner Worte brachte die Drohung nur umso stärker zu Geltung, genau wie der beiläufige Blick des Freihändlers auf seinen Chronometer. Kuzul würde keine Konkurrenz dulden.

»Du verzeihst, wenn ich mich zurückziehe. Dringende Kuriergeschäfte.«

Eine Antwort wartete X’ta gar nicht erst ab. »Krauwu!«, donnerte seine Kulmaraner-Stimme durch die Schankstube. »Sprechen wir über die Post!«






3.


Jarvis war allein in der RUBIKON-Zentrale, als ohne jede Vorwarnung ein Welten-Avatar neben dem Kommandopodest materialisierte.

Yael trat heraus, und hinter ihm erlosch die miniaturisierte Darstellung eines Planeten wieder.

»Was soll das? Einen alten Mann so zu erschrecken! Das hätte mein Tod sein können.«

Der goldene Narge erklomm das stufenhohe Podest und stellte sich vor den freien Sitz neben Jarvis. »Bist du das nicht längst? Tot, meine ich.«

»Wie pietätlos«, seufzte Jarvis. »Wenn du nur gekommen bist, um mich zu beleidigen –«

»Ich wollte dich nicht beleidigen. Es war eine ernsthafte Frage, die auf ehrlichem Interesse beruht.«

Jarvis winkte ab. »lass uns das ein andermal erörtern. Sag, was du willst. John ist nicht hier – wie du sehen kannst.«

»Ich wollte nicht zum Commander.«

»So? Zu wem dann?«

»Zu dir.«

»Aha. Und warum? Ein bisschen plaudern?«

Jarvis hatte Yael immer gemocht – und wäre die Gestalt, die ihn besuchte, tatsächlich noch Yael gewesen, hätte er ihn immer noch gemocht.

Nach allem, was mit dem Nargen, während seines Aufenthaltes auf der ominösen Parallelen Seite passiert war und wie er sich seither verhielt, war das aber stark zu bezweifeln. Wenn Jarvis es richtig aufgeschnappt hatte, hatte er inzwischen sogar mit dem Mädchen gebrochen, mit dem er lange Zeit das »exotische Traumpaar« an Bord gebildet hatte: Winoa.

Idiot , dachte er. Wie kann man so eine Kleine sausen lassen?

»Plaudern – ja. Ich habe schon versucht, den Commander von der Wichtigkeit zu überzeugen, die Dunkelwolke zu verlassen und Kurs zu einem Ort zu nehmen, den die Ganf einst als maßgeblich zur Lösung des Auruunen-Problems lokalisiert hatten.«

»Ah, daher weht der Wind. Ich soll John gut zureden, damit er endlich in deinem Sinn handelt.«

Yaels Unzufriedenheit breitete sich wie ein Schatten über sein Gesicht. »Auch du scheinst nicht zu verstehen, was auf dem Spiel steht. Es geht nicht darum, in ›meinem‹ Sinn zu handeln. Es geht darum, den Auruunen das Handwerk zu legen – hier und überall, wo ihre Unterdrückungsmechanismen sonst noch greifen.«

»Wenn die Ganf einen Ort entdeckten – zu einer Zeit, wenn ich es richtig verstehe, als sie selbst noch in Eleyson ansässig waren –, gestatte mir die Frage, warum sie sich dann nicht selbst darum kümmerten, den Ganf das Handwerk zu legen? Was sollte uns kleinem Schiffchen möglich sein, das ihnen nicht möglich war?«

»Sie mussten diese Region des Universums damals überstürzt verlassen. Sonst wäre es ihnen so ergangen wie den anderen Hochzivilisation von Eleyson. Nachdem sie die Absichten der Auruunen durchschaut hatten, versuchten die hier beheimateten Machtblöcke was ihnen möglich war, um der Gefahr Herr zu werden. Doch es war zu spät. Die Auruunen hatten bereits alle nennenswerten Kulturen unterwandert.«

»Die Ganf auch?«

»Nein. Sie waren die Ausnahme, weil sie keine Auruunen auf ihren Welten gestatteten. Aber genau deshalb gehörten sie auch zu den Ersten, die offen von ihnen attackiert wurden. Bis dahin verlief der Übernahme-Prozess schleichend und im Verborgenen. Doch ab einem gewissen Punkt herrschte Krieg.«

»Die Ganf, wie wir sie kennengerlernt haben, sind mächtig. Sie haben sogar die Bractonen für ihre Zwecke missbraucht – und dabei in dem Irrglauben gelassen, dass die Schmetterlingswesen die Schöpfer des Universums seien.«

»Vergleiche Bractonen nicht mit Auruunen.«

»Du willst damit sagen, dass Auruunen stärker und weiterentwickelt sind?«

»Wenn sie auf dem Gipfel der Macht stehen, kannst du Bractonen im wohlwollendsten Fall vielleicht auf halber Höhe der Entwicklungsleiter ansiedeln.«

»Und die Ganf? Auf welcher Sprosse oder Stufe stehen sie?«

»Das kann ich nicht sagen, weil sie selbst es nie sicher herausfanden. Irgendwo zwischen Bractonen und Auruunen – aber näher bei den Bractonen als bei den Invasoren.«

Jarvis überlegte, ob er Cloud über seinen Intern-Funk und damit für Yael unhörbar darüber informieren sollte, was hier gerade stattfand.

Aber noch hielt er sich zurück.

»Und uns? Die Menschen? Wo auf der Leiter stehen wir?«

Die Frage schien Yael in Bedrängnis zu bringen. Er wich aus. »Sprechen wir über die Koordinaten, die wir aufsuchen müssen . Je eher, desto besser.«

»Was war Johns Begründung, nicht dorthin zu fliegen?«

»Er verlangte eine Gegenleistung, die ich nicht erbringen will.«

»Darf ich erfahren, welche?«

»Ich sollte noch einmal durch den Avatar gehen, der mich zur Oort-Erde brächte.«

Jarvis nickte. »Dann weiß ich, was er genau von dir wollte. Und warum weigerst du dich? Letztens wirkte es auf mich, als wärst du ganz versessen darauf, uns allen zu beweisen, was für ein toller Hecht du bist.«

»Hecht?«

»Eine Fischart, die einmal auf der Erde beheimatet war.«

Yael blickte ihn sonderbar an. Offenbar gelang es ihm nicht, einen Zusammenhang zwischen sich und einem Fisch herzustellen.

»Vergiss es«, sagte Jarvis. »Nicht so wichtig. Warum hast du es abgelehnt, als er dich ein zweites Mal in das Labor schicken wollte, in dem sich Assur aufhielt?«

»Er hat mit dir darüber gesprochen?«

»Nein, aber ich kann mir eins und eins zusammenreimen.«

Yael blickte ihn in einer Weise an, dass Jarvis kaum einen Zweifel hatte, die Wahrheit zu hören, als der Narge sagte: »Beim ersten Mal war das Überraschungsmoment auf meiner Seite. Inzwischen dürften die Auruunen aufgescheucht sein, weil ihr wichtigstes Transportsystem offenkundig von feindlichen Kräften okkupiert wurde. Sie werden also Vorkehrungen treffen, dass es mir kein zweites Mal gelingen würde, ungeschoren davonzukommen.«

»Das klingt logisch. Hast du es John so erklärt?«

Yael schwieg kurz, dann verneinte er. »Nicht mit genau diesen Worten jedenfalls.«

»Sondern?«

»Ich riet ihm zu einer anderen Lösung des Problems, das ihm unter den Nägeln brennt.«

»Und die wäre?«

»Den Einsatz des Telepathen, um Gewissheit über die Natur der Geretteten zu erlangen.«

Jarvis stieß hörbar die Luft aus. »Dann ist dieses Fettnäpfchen also auf deinem Mist gewachsen!«

»Fettnäpfchen?«

»Aber Mist verstehst du, ja?« Jarvis winkte ab. »Du wirst schon sehen, was du davon hast. Assur wird unserem Commander die kalte Schulter zeigen. Günstigstenfalls. Oder ihm gleich in den Allerwertesten treten. Such’s dir aus.«

Yael trat unruhig von einem Fuß auf den anderen und konnte kaum die Schwingen stillhalten. »Du willst mir also auch nicht helfen?«

»Wobei? John dazu zu bringen, zu deinen verfluchten Koordinaten zu schippern?«

»Es ist unumgänglich. Wenn ich nicht bald auf Einsicht stoße, muss ich zu überzeugenderen Argumenten greifen.«

Jarvis’ Lächeln wandelte sich in gereiztes Zähnefletschen. »Du willst uns drohen?« Er schüttelte langsam den Kopf. »Ich weiß nicht, was für einer Gehirnwäsche sie dich genau unterzogen haben, Junge. Aber an deiner Stelle würde ich mal in mich gehen und mich fragen, ob mir gefällt, was aus mir geworden ist – oder aus mir gemacht wurde.«

Yael kehrte ihm den Rücken und stieg vom Podest. Wenige Schritte von ihm entfernt entstand ein Avatar.

»Benutzt du die Dinger jetzt auch schon für Kurzstrecken?«, spöttelte Jarvis.

Schweigend ging Yael auf die Miniaturwelt zu und verschwand darin. Einen Moment später löste sich der Avatar so lautlos auf, wie er erschienen war.

Details

Seiten
240
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924558
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v453170
Schlagworte
raumschiff rubikon geheimnis auruunen

Autoren

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Titel: Raumschiff Rubikon 29 Das Geheimnis der Auruunen