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​Raumschiff Rubikon 28 Die Oort-Erde

2018 240 Seiten

Leseprobe

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfredbooks und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© Cover: Nach Motiven von Pixabay, Adelind, Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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​Raumschiff Rubikon 28 Die Oort-Erde

Manfred Weinland

Am Morgen einer neuen Zeit.

Der Krieg zwischen den organischen und anorganischen raumfahrenden Völkern konnte im letzten Moment abgewendet werden. Die Menschen jedoch sind nach wie vor fremdbestimmt und als die Erinjij gefürchtet, die sich in ihren Expansionsbestrebungen von nichts und niemandem aufhalten lassen.

Abseits aller schwelenden Konflikte kommt es im Zentrum der Milchstraße zu einer von niemand vorhergesehenen, folgenschweren Begegnung.

Eine unbekannte Macht hat sich dort etabliert. Schnell zeichnet sich ab, dass es sich um keinen "normalen" Gegner handelt. Die Bedrohung richtet sich nicht nur gegen die heimatliche Galaxie, sondern könnte das Ende allen Lebens bedeuten.

Die Geschichte des Kosmos, so scheint es, muss neu geschrieben werden …

Prolog





Erde


Der Deckel des Tanks glitt zurück, und Reuben Cronenberg sah die Sterne, die anderen Erdbewohnern verborgen blieben. Er betrachtete sie in jeder freien Minute – weil er sich nicht daran sattsehen konnte, nach der halben Ewigkeit, in der der Steinerne Himmel jeden Blick darauf verstellt hatte. Und für die normalen Bewohner des Erde-Mond-Systems – der Hohlwelt, präzisierte er – immer noch verstellte.

Für ihn selbst galt diese Schranke nur noch bedingt, seit er ein Freund der Auruunen geworden war, speziell ein Freund von Croxgk, ihrem Gesandten, mit dem Cronenberg bislang ausschließlich verhandelt hatte.

Verhandelt. Wie hochtrabend das klingt! Er hat mir seine Bedingungen diktiert. Aber ich hatte keine Wahl, und ich bereue es nicht, den Verlockungen erlegen zu sein. Mir wurde ein neues Leben geschenkt!

Erst seit er sie wieder hatte, wusste er in vollem Umfang, was er in den vergangenen Jahrzehntausenden so vermisst hatte: seine Mobilität.

Croxgk und seinen Artgenossen war auf fast beiläufige Weise gelungen, was Cronenberg selbst vor ein unlösbares Problem gestellt hatte. Der Schlüssel seiner extremen Langlebigkeit – geboren war er zu Beginn des 21. Jahrhunderts, ein Datum, das den heute die Hohlwelt Bevölkernden nichts mehr sagte, weil er das letzte dortige Relikt aus jener Epoche war, ein Dinosaurier – hatte in einer Hinterlassenschaft der Keelon-Master gelegen: einer von ihnen gezüchteten gewaltigen Hirnmasse, die in ihre sämtlichen Residenztürme integriert worden waren. Cronenberg war es gelungen, erst psionisch, dann auch körperlich mit dem Gigahirn jener Residenz zu verschmelzen, von der aus er später, nach dem Verschwinden der Keelon, die Geschicke der Erde gelenkt hatte. Mit der Zeit war er so sehr mit der riesigen Gehirnmasse verschmolzen, dass sein ursprünglicher Körper mit dem bloßen Auge gar nicht mehr zu lokalisieren gewesen war. Über eine halbe Ewigkeit hatte er sich allein kraft seines Geistes aus dem Residenz-Turm entfernen können.

Bis zu dem Tag, als die Ringschiffe der Auruunen in die Hohlwelt vorgestoßen und zielstrebig Kurs auf die darin verborgene Erde genommen hatten.

Croxgk war mit einem dieser mächtiger Schiffe auf der Spitze der Residenz gelandet und mühelos bis zu Cronenberg vorgestoßen. Cronenberg hatte geglaubt, sein letztes Stündlein habe geschlagen; zu übermächtig hatten sich die Auruunen über jeden versuchten Widerstand hinweggesetzt.

Doch statt dem Tod hatte Cronenberg eine einzigartige Chance erhalten: Als Statthalter der Auruunen, zu dem Croxgk ihn ernannte, erhielt er ein Einstiegsgeschenk von unübertrefflichem Wert: Die Auruunen hatten ihm seinen Körper zurückgegeben. Medizinisch unfassbar hoch entwickelt, war es für sie offenbar ein Leichtes gewesen, die originale, immer noch in den Gigahirn-Wülsten vorhandene Physis des Mannes aufzuspüren, zu isolieren und ihr ihre frühere Autarkie zurückzugeben.

Als plumpe, halbwegs menschliche Gestalt war er dieser »zweiten Geburt« entstiegen.

Doch damit hatte sich weder Croxgk noch er selbst zufrieden gegeben. Das Bemühen um Vervollkommnung hatte seither – anderthalb Erdjahre war es her – nicht aufgehört, und das Ergebnis zum jetzigen Zeitpunkt…

kann sich verdammt noch mal sehen lassen!

Cronenberg blendete die Sterne aus, die das Implantat ihm direkt auf die Netzhäute projiziert hatte, und wandte sich seiner realen Umgebung zu. Die Weite des Alls wich der Begrenztheit eines dennoch großzügigen Raumes, der sich in derselben Residenz befand, in der Cronenberg so lange eingesperrt gewesen war, um des puren Überlebens willen.

Sämtliche Spuren des Gigahirns waren beseitigt, der Turm insgesamt »renoviert« worden.

Saniert, dachte Cronenberg, trifft es eher, von Grund auf saniert wie mein Körper – denn die Veränderungen hier sind nicht weniger gravierend, als das, was an mir vorgenommen wurde.

Auruunen-Technik grenzte an Magie.

Und er genoss vor allem seine ganz persönlichen »magischen Momente«.

Neuestes Geschenk von Croxgk an ihn war eine Miniaturversion des Beobachters, mit dem er ihn vor anderthalb Jahren hatte miterleben lassen, wie das Rebellennest unter dem Residenz-Turm ausgehoben worden war. Der Beobachter war ein Gerät, das Bilder aus den entferntesten und verstecktesten Winkeln direkt auf die Netzhäute projizierte – Entfernungen spielten dabei nur eine untergeordnete Rolle, obwohl dem diesbezüglichen Sehen natürlich Grenzen gesetzt waren. Aber diese Grenzen fielen im täglichen Gebrauch nicht auf. Seit Cronenberg das Beobachter-Implantat hinter dem Stirnknochen trug, vermochte er bis in die fernsten Winkel des Sonnensystems zu schauen. Es gab nur wenige Tabuzonen, die ihm verschlossen blieben. Der Kernbereich des Aquakubus beispielsweise, einer technologischen Großleistung, die alles übertraf, was Cronenberg jemals zu Gesicht bekommen hatte.

Dabei ging dieser Wasserwürfel mit einer Lichtstunde Kantenlänge nicht einmal auf die Auruunen als Erbauer zurück, sondern war von ihnen und ihrem Hilfsvolk, den Treymor, nur erbeutet worden.

So viel hatte Croxgk zwischenzeitlich darüber verraten, nachdem der Kubus bei den Koordinaten des verschwundenen Gasriesen Jupiter aufgetaucht war.

Jupiter gab es schon seit der Keelon-Invasion Mitte des 21. Jahrhunderts nicht mehr. Damals war er durch Fremdeinwirkung zu einem Schwarzen Loch kollabiert und hatte eine Wurmlochverbindung in ferne Bereiche des Alls geschaffen. Die neuen Kubus-Herren hatten sich diese Möglichkeit offenbar zunutze gemacht, um die künstliche Wasserwelt ins Sonnensystem zu schleusen. Als Basis der Treymor, mit denen Cronenberg, ebenso wie mit den Auruunen als höchster Instanz, eine folgenreiche Allianz eingegangen war.

Schon bei der ersten Begegnung hatte Croxgk keinen Zweifel daran gelassen, dass er Großes mit der Menschheit und ihrem ungewöhnlichen Lebensraum plante. Speziell die äußere Oort-Schale – der Steinerne Himmel, wie er von den Menschen, die nur ihre Innenansicht kannten, genannt wurde – hatte es ihm offenbar angetan. Auf der den Sternen zugewandten Außenseite dieser Schale, die bis vor kurzem für uneingeweihte Betrachter wie die felsige Oberfläche eines atmosphärelosen Riesenplaneten ausgesehen hatte, wollte er ideale Lebensbedingungen für sich und seinesgleichen erschaffen.

Und er ist dabei auf einem mindestens ebenso guten Weg wie ich, was mein privates und verhältnismäßig überschaubares »Sanierungsobjekt«, meinen Körper nämlich, angeht.

Cronenberg trat von dem Modellierungstank zurück, der auch dem Erfindungsreichtum der Auruunen entsprang. Fast täglich – wann immer es seine Zeit eben zuließ –, zog er sich für etwa eine Stunde in den wie schwerelos über dem Boden schwebenden Zylinder zurück. Die dadurch erzielten Fortschritte waren mehr als beachtlich. Cronenberg war schon in seinem allerersten Leben, als Chef der amerikanischen NCIA, niemals ein Adonis gewesen. Das änderte sich jetzt. Der Mann jedenfalls, der ihm aus den um den Tank herum projizierten Spiegelflächen entgegen schaute, kam ihm noch nicht annähernd so vertraut vor, wie es in einem natürlichen Prozess von Wachstum und Reife der Fall gewesen wäre, wenn man sich von kleinauf mit seinem Körper und dessen Veränderungen befasste. Für Cronenberg kam der optische Wandel so überraschend und er ging so rasant vonstatten, dass sein Bewusstsein kaum damit Schritt zu halten vermochte. »Gestern« noch ein unansehnlicher Fettkloß, auf Gedeih und Verderb mit Tonnen von Gehirnmasse verbunden, präsentierte sich sein Spiegelbild heute wie ein Model aus einer Rasierwasserwerbung.

Er musste unwillkürlich grinsen. Allein die Begriffe »Model«, »Werbung« und »Rasierwasser« waren dermaßen antiquiert und aus dem Sprachgebrauch »seiner« Menschheit verschwunden, dass nur ein Kind der »Antike«, als das Cronenberg sich verstand, sie überhaupt zu verstehen vermochte.

Ein Dinosaurier. Das bin ich fürwahr. Aber ein verdammt gut aussehender!

Ihm fiel auf, wie wichtig ihm solche Oberflächlichkeiten waren. Zu lange Jahrtausende hatte er sich einzureden versucht, sein Körper bedeute ihm nichts, nur das geistige Potenzial sei wichtig.

Lüge. Selbstbetrug, das wusste er heute.

Ein Gong hallte durch den Raum. Cronenberg löste sich aus seinen narzisstischen Überlegungen. Er ließ die Spiegel verschwinden und legte den Gürtel an, der binnen Sekunden ein anzugartiges Kleidungsstück über seine Haut wuchern ließ. Nanospielerei.

Erst danach gab er das Signal, dass dem Besucher der Eintritt gestattet war.

Erstaunlicherweise hielt sich Croxgk an diese Höflichkeitsfloskel. Nötig hätte er es nicht gehabt, aber offensichtlich wollte er Cronenberg das Gefühl geben, wenigstens kleine, intime Lebensbereiche noch völlig selbst zu bestimmen.

»Statthalter!«

Croxgk stapfte mit einer Vitalität heran, die Cronenberg immer wieder aufs Neue verblüffte – und die er sich zum Vorbild nahm. Da hin wollte er einmal kommen. Allerdings wusste er nicht, wie viele Stunden Tank dafür noch notwendig sein würden – beziehungsweise, ob dieses Ziel überhaupt erreichbar war.

»Herr.«

»Du sollst mich nicht so nennen. Ich habe einen Namen.«

Ich auch, dachte Cronenberg. Aber er hütete sich, sich den Unwillen seines Besuchers zuzuziehen. »Verzeiht, Croxgk.«

»Schon besser.«

»Was führt Euch zu mir?«

»Was mich immer herführt – Interesse. Informationsaustausch. Wünsche. Deine wie meine.«

»Ihr habt mich schon überreich beschenkt«, versicherte Cronenberg.

»Ich weiß. Sprechen wir deshalb heute ausnahmsweise von meinen Wünschen.«

Cronenberg hörte die unterschwellige Botschaft dieser Worte durchaus, gab es aber nicht zu erkennen. »Natürlich, Croxgk. Was kann ich tun?«

»Eigentlich wollte ich abwarten, bis die Umgestaltung der Oberfläche unserer neuen Basiswelt abgeschlossen ist«, sagte Croxgk. »Aber es ist immer besser, Projekte parallel laufen zu lassen.«

»Projekte.« Cronenberg nickte. »Ich verstehe.«

Croxgk sagte ihm in gewohnt überheblicher Manier auf den Kopf zu: »Das würde mich überraschen. Wie willst du etwas verstehen, über das ich noch kein konkretes Wort verloren habe?«

»Ich war vorschnell, verzeiht.«

Croxgk, dessen Erscheinung auf ihre Weise Perfektion in sich vereinte, auch wenn sie bis auf die humanoide Grundform wenig Ähnlichkeit mit einem Menschen hatte ( aber vielleicht auch gerade deshalb, dachte Cronenberg selbstkritisch), winkte gönnerhaft ab. »Ich verzeihe dir beinahe alles. Wie gesagt, beinahe. Solltest du aber je auf den törichten Gedanken kommen, dich gegen mich, und damit gegen mein Volk, stellen zu wollen, endet alle Toleranz.«

»Dessen bin ich mir bewusst. Aber diese Gefahr besteht nicht. Ich würde niemals –«

»Genug. Ich wollte es nur erwähnt haben. Zurück zum Projekt. Die Voraussetzungen auf der Oberfläche sind nunmehr gegeben, dass ich die Fraktalen von der Erde und der Inneren Sphäre abziehen kann.«

»Die Fraktalen – abziehen?«, fragte Cronenberg begriffsstutzig. Die Rede war von seiner speziellen Kampftruppe, die er in enger Zusammenarbeit mit merkwürdigen Wesen erschaffen hatte, die einst eine Station um das Jupiter-Black-Hole bewohnt hatten – die Felorer, frühere Bündnispartner der anorganischen Jay‘nac.

»Es wird ihnen guttun«, versprach Croxgk. »Sie sind beachtlich. Aber ich habe vor, sie noch mehr zu verfeinern, ihre Schwächen auszumerzen.«

»Darf ich fragen, welche Schwächen das sein sollen?« Der Anflug von Aufbegehren erschreckte Cronenberg selbst. Aber es war zu spät, die Frage – und vor allem den Tonfall – zurückzunehmen.

»Das ist doch offensichtlich und von vergangenen Einsätzen belegt«, erwiderte Croxgk. »Momentan haben sie noch einen Makel, den es ihnen auszutreiben gilt.«

»Und – der wäre?«

»Noch«, erwiderte der Auruune mit Engelsgeduld, »sind sie besiegbar.«


Bislang war der Steinerne Himmel die unüberschreitbare Grenze für Harmon gewesen. Das änderte sich mit dem Befehl des Großen Vaters, sich auf dem Kasernenhof einzufinden – ein Befehl, der nicht nur Harmon galt, sondern noch tausenden anderen Fraktalen.

Schnell waren Gerüchte in Umlauf gekommen, dass ein Kriegseinsatz bevorstünde. Harmon wusste nicht, was er davon halten sollte. Krieg war ein Wort, das im Laufe seiner Ausbildung einen ebenso natürlichen Charakter erhalten hatte wie Atmen.

Krieg war das Ziel aller Dinge…

Er merkte, wie ihm der bloße Gedanke ein Akzeptanzproblem bescherte.

Für die anderen, die sich mit ihm auf dem Platz einfanden, mochte das so sein. Kampf als Ideal. Aber er selbst hatte sich in dieser Maxime nie so recht reflektiert gesehen. Er war seit seinen ersten Tagen vor allem ein wissbegieriger Fraktaler gewesen und gehörte damit zu dem verschwindend geringen Prozentsatz, dessen IQ weit über dem Durchschnitt der Fraktalen-Masse lag. In den ersten Jahren hatte sein Schicksal deshalb mehrfach auf des Messers Schneide gestanden. Der Felorer, der die Kasernen leitete, hatte gedroht, ihn auszumustern. Glücklicherweise war er eines Tages nicht mehr zum Dienst erschienen; er sei eines natürlichen Todes gestorben, hieß es.

Harmon war sich nicht ganz sicher, ob man das so stehen lassen konnte. Aber er war durchaus erleichtert, dass dieser Interpretation zufolge wohl auch nie jemand eine Untersuchung einleiten würde, an deren Ende ihm vielleicht jemand auf die Schliche gekommen wäre.

Harmon hing am Leben. Er war nicht von Natur aus heimtückisch, aber wenn zur Debatte stand, ob er oder ein anderer sterben musste, würde er sich stets für den anderen entscheiden.

Er lächelte still in sich hinein.

»Warum grinst du so blöd?«, fragte Arcyn, mit dem er sich seit geraumer Zeit eine Unterkunft teilte. »Bist du überhaupt nicht beunruhigt?«

»Warum sollte ich?«

»Der stinkende Felorer hat uns befohlen, die Spinde zu räumen und uns hier mit dem Nötigsten an Habseligkeiten, was wir besitzen, einzufinden. Das klingt verdammt noch mal nicht nach einem Ausflug mit Rückkehr-Garantie.«

»Im Krieg gibt es keine Garantien.«

»Du glaubst also auch, dass wir in den Krieg geschickt werden.«

Harmon spuckte aus. Der Platz war sandig, obwohl eine feste Bodendecke mühelos zu schaffen gewesen wäre. Damit wäre aber auch der Effekt flöten gegangen, den die Ausbilder so liebten und der da hieß: Staub fressen!

Harmon überlegte, ob Soldaten in früheren Zeiten weniger geschunden worden waren. Manchmal überlegte er auch, ob es in früheren Zeiten überhaupt Soldaten gegeben hatte. Wenn, dann musste es Äonen zurückliegen. Die Menschheit war vom Großen Vater in dessen unendlicher Weisheit und Strenge befriedet worden, und für viele mochte es so ausgesehen haben, als gäbe es nie wieder Anlass zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, nie wieder Feinde, die sich gegen dieses Idyll stellen würden.

Doch dann war der Feind gekommen. Von außerhalb.

Bis dahin hatten die Menschen gar nicht gewusst, dass es etwas jenseits des Himmels gab. Das war Vergangenheit. Die neue Devise hieß: Aufklärung. Der Große Vater sorgte selbst dafür, dass die Bewohner der Sphäre über die Verhältnisse außerhalb unterrichtet wurden. Und es hatte schon etliche Fraktale gegeben, die dieses »Außerhalb« mit eigenen Augen schauen durften. Sie hatten sich in erbeuteten »Raumschiffen« dorthin begeben.

Raumschiffe – für Harmon war das ein magisches Wort. Es inspirierte und stimulierte ihn. Seinen Verstand. Seine Fantasie. Seinen Forscherdrang.

Ich bin ein Soldat. Ich wurde ausgebildet, um zu töten. Um Territorium zu verteidigen oder zu erobern. Hat sich was mit forschen!

Das war sein ganzes Dilemma. Aber er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. Derjenige, der es ihm als Makel ausgelegt hatte, war tot. Aber ob sein Nachfolger mehr Verständnis für Harmon aufbrachte, war ungewiss. Manchmal hatte der Fraktale das Gefühl gehabt, ihm seine wirklichen Sehnsüchte anvertrauen zu können – vor allem dann, wenn der Felorer ihm Aufträge gegeben hatte, die völlig untypisch für einen Fraktalen waren. Aufträge, die mit wissenschaftlichen Auswertungen zu tun hatten.

Doch stets hatte er sich im letzten Moment dagegen entschieden, sich zu offenbaren. Er fürchtete eine Hinterlist, mit dem Ziel, ihn aus der Reserve zu locken. Vielleicht hatte auch dieser Felorer Harmons Fehlbildung bereits bemerkt und ging es nur anders an, verdeckter, den Fraktalen zu entlarven.

Ich darf niemandem vertrauen. Meine Loyalität gehört einzig dem Großen Vater. Aber selbst er darf nie erfahren, was mich wirklich bewegt. Nicht töten, sondern die Gier nach Wissen. Nach immer mehr Wissen. Ich wünschte, ich gehörte derselben Spezies an wie die Felorer. Dann könnte ich meine Neigungen ausleben. Dann wäre ich… glücklich.

Aber Glück war eine abstrakte Größe. Und ganz sicher gehörte sie nicht zum Ausbildungsziel eines Fraktalen.

»Was ich glaube, spielt keine Rolle«, brüskierte er Arcyn, der ihrem obersten Entwickler und Ausbilder vorgeworfen hatte zu stinken.

Daran war durchaus ein Körnchen Wahrheit – aber nur für Fraktale, die einen überdurchschnittlich ausgebildeten Geruchssinn ihr eigen nannten. Für Fraktale stanken im Prinzip alle Lebewesen, nur sie selbst nicht. Ihnen haftete so viel Künstlichkeit und Sterilität an, dass Gerüche keine Haftung fanden.

Wir sind wie Kunstwerke, dachte Harmon. Absolut tödliche Kunstwerke, entworfen und hergestellt in den Laboren der Felorer.

Woher die Felorer kamen, wusste er nicht. Er hatte auch noch nie jemanden getroffen, der das wusste – allerdings gab es Wichtigtuer, die behaupteten, es zu wissen. Aber sie waren leicht durchschaubar.

Nein, wahrscheinlich kannten nur die Felorer selbst das Geheimnis ihrer Herkunft. Aber Harmon hätte es nicht verwundert, wenn nicht einmal sie es gewusst hätten. Wenn die Zeiten ihnen die Erinnerung daran gestohlen hätten, so wie auch allen anderen Menschen der Erde, ganz gleich, welche Prägung, welche Aufgabe sie hatten, die Vergangenheit gestohlen worden war.

Ein Mysterium, das Harmon nicht ruhen ließ. Tief in sich drinnen.

»Sei nicht so schroff. Ich dachte, wir wären Freunde.«

Freunde.

Harmon spürte einen gallebitteren Geschmack auf der Zunge. Er fragte sich, wie einfältig Arcyn tatsächlich war.

Mit so jemandem ist kein Krieg zu gewinnen!

Er wusste, dass er ihm Unrecht tat. Im Grunde war er kein übler Kerl. Letztlich spiegelte sich seine eigene Unzufriedenheit in Harmons abweisender Haltung.

»Da! Da kommt etwas!« Arcyn zeigte nach oben.

Auch andere hatten das Näherkommen des Flugobjekts bemerkt. Einige streckten die Arme aus und zeigten darauf.

»Ein Ringschiff der Besucher«, sagte Harmon. Er war irritiert. Damit hatte er nicht gerechnet. Hieß es nicht, dass sie ein eigenes Raumschiff-Programm aufgelegt hätten, das der Große Vater mit Elan vorantrieb.

Aber seit die Besucher zum ersten Mal aufgetaucht waren, war davon nicht mehr viel Neues zu hören gewesen.

Statt dessen häuften sich die Sichtungen der Ringschiffe. Eines hatte lange Zeit sogar auf der Spitze der Residenz gethront.

Harmon merkte, wie ihn Spannung befiel. Das Ringschiff verlieh ihrem Befehl eine ganz neue Note.

Er drehte sich um und hielt Ausschau nach dem leitenden Felorer. Aber der war nirgends zu sehen.

Wenig später landete das Schiff so, dass der offene Innenraum genau dort war, wo die Fraktalen sich auf dem Platz versammelt hatten. Das Schiff selbst war groß, aber nicht gigantisch. Dennoch strahlte es eine Erhabenheit aus, die nur Dingen zu eigen war, die fabelhafte Leistungen in sich vereinten.

Ein Fabelschiff, dachte Harmon. Gelenkt von Fabelwesen?

Er hatte noch nie einen Besucher zu Gesicht bekommen.

In der Wölbung des Innenrings bildeten sich Öffnungen. Schleusen. Eine vertraute Stimme dröhnte über den Platz. Sie gehörte dem Felorer.

»BEGEBT EUCH AN BORD. ALLE – MIT EINER AUSNAHME.«

Eine kurze Pause, dann: »HARMON, DU WARTEST, BIS ICH BEI DIR BIN.«

Arcyn starrte Harmon mit mondgroßen Augen an. Er wollte etwas sagen, aber die anderen setzten sich bereits in Bewegung, und er mochte nicht zurückstehen.

Harmon hatte das Gefühl, dass sein Kamerad glaubte, Harmons letztes Stündlein habe geschlagen.

Er denkt, ich habe mir etwas zu Schulden kommen lassen… Habe ich das?

Harmon sah Arcyn nach, bis der Fraktale im Ring verschwunden war.

Der Platz hatte sich vollständig geleert.

Plötzlich näherte sich aus einiger Höhe über dem Ring eine Schwebeplattform, die unmittelbar neben Harmon landete. Ihr Lenker war der felorische Kasernen-Kommandeur.

»Steig auf«, wurde Harmon aufgefordert.

Der Fraktale blickte ratlos von dem Felorer zu dem Ringschiff, in dem seine Kameraden verschwunden waren. »Warum kann ich nicht –«

»Du kannst und du sollst! Aber das, was sie erwartet. Möchte ich dir ersparen. Du warst nie ein Kämpfer und wirst nie einer werden.«

Aus dem Mund des Felorers – Mund war zu viel gesagt bei einem Wesen, das aus unzähligen Achten geknüpft zu sein schien – klang dies so seltsam, dass Harmon jeden Widerstand vergaß.

Er stieg auf die Plattform.

»Wohin fliegen wir?«

Der Felorer lenkte die Plattform über das Ringschiff hinweg zu dem Kasernentrakt. »Ich habe noch ein paar Dinge zu ordnen, dann begeben wir uns dorthin, wo auch deine Kameraden hingebracht werden.«

Die Worte verwirrten Harmon noch mehr. »Warum kann ich dann nicht gleich mit ihnen gehen?«

»Weil du von heute an immer in meiner Nähe sein sollst. Ich halte große Stücke auf dich. Für einen Nicht-Felorer hast du geradezu beängstigend ausbaufähige Anlagen. Dieses Potenzial verkümmern zu lassen, wäre unentschuldbar. Das habe ich auch Croxgk gesagt.«

»Wer ist Croxgk?«

»Einer der Besucher und derjenige, dem wir künftig dienen werden.«



Cronenberg aktivierte sein Implantat und wählte mit geistigem Befehl einen virtuellen Sichtbereich aus, der jenseits des Steinernen Himmels lag. Croxgk hatte ihn darauf hingewiesen, dass das fast schon finale Etappenziel der Weltenschöpfung bevorstand.

Einen Moment später sah es so aus, als schwebe er ein paar hundert Kilometer über der Oort-Erde. Der Anblick, der ihn erwartete, war atemberaubend und erinnerte ihn an die wahre Erde zu ihren Glanzzeiten – nur die Ozeane fehlten, um diesen Eindruck zu komplettieren.

Der scheinbar massive Felsball hatte seit geraumer Zeit eine Lufthülle, die laut Croxgk dem Gemisch, das Menschen zu atmen vermochten, frappant ähnelte. Und da sich an der Nähe zur Sonne wenig geändert hatte, herrschte ein gemäßigtes Klima innerhalb der Atmosphäre. Rund um den Riesenglobus verteilte Aggregate sorgten zum einen für ein Gravitationsfeld, das knapp über 1 g lag, und zum anderen für ein künstliches Magnetfeld, das die Oort-Erde vor kosmischer Strahlung und Sonnenstürmen schützte.

Die umgeformte und besiedelte Fläche des vermeintlichen Planeten war so gewaltig, dass Cronenberg noch immer die Worte für die in nicht einmal zwei Jahren vollbrachte Leistung der Auruunen fehlte. Weite Gebiete lagen brach, vor allem Senken, aber die höher gelegenen Bereiche wiesen schon überall den Stempel der Auruunen auf. Gebäude waren wie Pilze aus dem Boden geschossen, und manche von ihnen ähnelten tatsächlich diesen Gewächsen irdischer Flora: riesige Schirme auf dicken Stielen, alles gefertigt aus einem Baustoff, der dem Vernehmen nach halborganischer Natur war und von Geschöpfen be- und verarbeitet wurde, die sich Luuren nannten und offenbar im Aquakubus ansässig waren.

»Es handelt sich um optimierte Exemplare dieser Gattung«, hatte Croxgk ungefragt verlauten lassen. »Sie sind imstande, sich außerhalb des Wassers zurechtzufinden, das sonst ihr Lebenselement ist. Das verwendete Baumaterial wird Protomaterie genannt. Sie formen es kraft ihres Geistes, haben eine natürliche Affinität dazu. Beides, Affinität und Material, haben wir natürlich ebenfalls optimiert. Seither gestalten sie unter Anweisung unserer treuesten Verbünden, den Treymor, die Landschaften auf der Oortschale.«

Es war nicht Cronenbergs erster Ausflug dorthin. Immer wieder hatte er sich von den Baufortschritten ein Bild gemacht und dabei sowohl Treymor, als auch Luuren entdeckt. Letztere erinnerten an meterlange Eidechsen, während die Treymor wie hässliche, aufrecht gehende Käfer daherkamen.

Cronenbergs geheimer Wunsch war es, dass die Menschen die Käfer einmal in der Gunst der Auruunen ablösen würden. Doch bis dahin musste noch einiges geschehen.

Er überlegte, ob er das virtuelle Auge des Implantats zum Aquakubus schicken sollte, um zu sehen, wo er sich befand. Doch das erwies sich als nicht mehr erforderlich. Denn in diesem Moment rauschte das gigantische Objekt mit einer Kantenlänge von rund einer Milliarde Kilometer heran und platzierte eine seiner Würfelseiten in weniger als tausend Kilometer Entfernung zur obersten Atmosphärenschicht.

Cronenberg hatte das Gefühl, in den Wasserkubus hineingezogen zu werden, solch eine Anziehungskraft übte er auf den Geist aus, der über das virtuelle Beobachter-Auge auf ihn starrte.

Nur mühsam gelang es ihm, sich der verschlingenden Kraft zu entziehen.

Nachdem der Kubus Position bezogen hatte, passierte minutenlang nichts Sichtbares. Cronenberg nutzte die Pause, um sich zu vergegenwärtigen, dass der Würfel beim Versuch, sich zwischen Erde und Sonne zu schieben, beide zermalmt hätte. Die Entfernung von der Hohlwelt zur Sonne betrug rund 150 Millionen Kilometer – eine Katastrophe wäre vorprogrammiert gewesen.

Umso erstaunlicher war es, wie sicher der Würfel von seinen Lenkern manövriert wurde.

Cronenberg, sonst nicht so leicht beeindruckbar, war restlos gebannt von dem, was sich in diesem Moment jenseits des Steinernen Himmels abspielte.

Erstaunlich mutete schon allein die Tatsache an, dass die Masse des Kubus die fragile Oortschale nicht zum Einsturz brachte. Fakt war: Diese Masse wirkte sich weder auf die Hohlwelt noch auf andere Himmelskörper des Sonnensystems spürbar aus. Die an den Eckpunkten des Würfels befindlichen Stationen sorgten offenbar nicht nur für konstante Verhältnisse innerhalb des Kubus, sondern auch dafür, dass er keinen schädlichen Einfluss auf seine Nachbarschaft ausübte. Wobei Cronenberg sicher war, dass sich die Dämpfungsfelder, die dafür sorgten, auch jederzeit ausschalten ließen, sodass der Kubus allein schon ob seiner Masse zur zerstörerischen Waffe werden konnte.

Nach einiger Zeit zeigte sich in der Wasserwand eine Veränderung, die andeutete, was auf die Oort-Erde zukommen würde.

Schläuche, dachte Cronenberg. Es sieht aus wie riesige flexible Schläuche!

Nur dass sie aus Formenergie bestanden, nicht aus irgendeinem beliebigen Kunststoff.

Die Verbindungen wurden länger und länger und tauchten schließlich in die noch jungfräuliche Atmosphäre der Oort-Erde ein. Über das Implantat empfing Cronenberg eine Nachricht von Croxgk: Es beginnt. Du wirst Zeuge eines bislang noch nie erprobten Prozesses.

Bei jedem anderen hätte diese Einstimmung Cronenberg eher verunsichert, nicht so bei dem Auruunen. Dessen Spezies haftete etwas Gottgleiches an.

Auch ich wurde über Äonen wie ein Gott verehrt. Aber meine Macht ist der der Auruunen nicht einmal annähernd ebenbürtig. Alles, was ich mir erhoffen kann, ist ein wenig von ihrem Glanz zu ernten und mich darin sonnen zu dürfen.

Er musste nicht lange warten, bis das eintrat, was Croxgk angekündigt hatte. Schon bald ergossen sich unfassbare Massen flüssigen Wassers über die Vertiefungen der Oort-Erde und füllten sie in einem wohldosierten Tempo mit Meeren und Ozeanen auf. Alles lief komplikationslos über die Bühne, nirgends kam es zu Tsunamis oder auch nur Überschwemmungen. Das Wasser floss exakt dorthin, wo die Planer es hin haben wollten. Und nach einem Tage dauernden Fluten der ausgewählten Sektoren, präsentierte sich die Oort-Erde wie die Ur-Erde »in groß« – ein blau-weiß funkelnder Riesendiamant vor dem Hintergrund eines Monuments von noch größerer Faszination: dem Aquakubus.

Wenig später nahm der Würfel Fahrt auf und brachte sich wieder beim Jupiter-Black-Hole in Position.

Konnten wir dich beeindrucken?, fragte Croxgk via Implantat.

»Ich fühle mich klein und unbedeutend«, erwiderte Cronenberg.

»Du gehst falsch an die Dinge heran«, tadelte Croxgk. »Wir alle sind klein als Individuen«, erklärte der Auruune, »aber nicht bedeutungslos. Wir sind wie winzige Rädchen in der großen Maschine, Rädchen, ohne die keine Konstruktion zum Laufen gebracht und am Laufen gehalten werden könnte. Jedes Geschöpf, das sich der richtigen Sache verschreibt und erkennt, auf wessen Seite es stehen muss, um zu den Gewinnern zu gehören, ist wichtig. Du bist wichtig, Reuben, und damit du uns endlich glaubst, erhältst du eine weitere Belohnung, die Ausdruck unserer Wertschätzung ist.«

»Eine Belohnung?«, echote Cronenberg. »Ihr habt mich schon so reich beschenkt –«

»Begib dich in den Laborbereich deiner Residenz. Dort wartet einer meiner engsten Vertrauten. Sein Name ist Vrongk. Vrongk wird dir erklären, inwieweit du deine Belohnung selbst kreieren kannst. Aber lass ihn nicht warten. Er ist ein Auruune. Seine Zeit ist kostbar. Wenn er den Eindruck gewinnt, dass sie verschwendet wird…«

»Ich begebe mich unverzüglich zu ihm«, versicherte Cronenberg. »Ich danke Euch – was immer Ihr als Lohn für mich ausgesucht habt!«



Die Residenzen, von denen nur noch wenige in teilweise dramatischen Verfallsstadien existierten, gingen auf die Äskulapschiffe zurück, mit denen die Erde im Jahr 2041 alter Zeitrechnung von den Keelon angesteuert und erobert worden war.

Jede Residenz schraubte sich 800 Meter in die Höhe und lief in einer Spitze aus.

Auf ungefähr halber Höhe stoppte Reuben Cronenberg seine Fahrt mit der Transporthülse, die vor langer Zeit die A-Grav-Schächte abgelöst hatte. Als er ausstieg, befand er sich in einer verlassenen Vorhalle, von der ein Dutzend Gänge nach verschiedenen Richtungen abzweigte.

Er entschied sich für den Korridor, an dessen Ende er die Labor-Sektion wusste, von der Croxgk gesprochen hatte.

Unterwegs begegnete ihm niemand. Die Residenz war schon vor dem Auftauchen der Auruunen ein einsamer Ort gewesen, zumindest die höheren Regionen. Aber seit das Ringschiff wie die Krempe eines spitz zulaufenden Hutes auf der Residenz thronte, verirrte sich kaum noch ein Mensch in Cronenbergs Nähe. Seine Befehle erteilte er auf anderen Wegen. Und er musste sich eingestehen, dass seine Macht seither gewiss nicht gelitten hatte, im Gegenteil.

Zumal ihm die Auruunen-Freundschaft Möglichkeiten eröffnete, von denen er noch vor Jahren nicht einmal hätte träumen können.

»Seid Ihr Vrongk?«, begrüßte er die Gestalt, deren Äußeres für einen Menschen nicht von Croxgk zu unterscheiden war. Und da Auruunen auf jegliche Art von Uniform oder Rangabzeichen verzichteten, war es für Cronenberg ein Ding der Unmöglichkeit, Abweichungen zwischen Vrongk und Croxgk zu entdecken.

Was ihn zu dem bizarren Gedanken verleitete, es gar nicht mit einem ominösen Vrongk zu tun zu haben, sondern tatsächlich unverändert mit Croxgk, dem es beliebte, Schabernack mit ihm zu treiben.

»Wer sonst? Du wurdest informiert, wurde mir gesagt«, versetzte der Auruune schroff.

Cronenberg nickte, ohne zu wissen, ob Vrongk mit menschlichen Gesten vertraut war. »Ihr seid richtig informiert. Ich soll… belohnt werden.« Er sah sich um.

Der Labor-Komplex hatte zuletzt dazu gedient, zusammen mit den Felorern einzigartige Krieger für eine einzigartige Streitmacht zu erschaffen – die Fraktalen. Seit dies vollbracht war, waren die Räumlichkeiten verwaist.

»Belohnt.« Die Betonung, die der Auruune in das Wort legte, gab Anlass zu schlimmsten Befürchtungen. Dann aber schien er sich zu besinnen. »Es mag gute Gründe geben, dass Croxgks Wahl ausgerechnet auf ein solches Geschenk fiel. Ich maße mir nicht an, es zu kritisieren. Wie soll ihr Name sein?«

»Ihr Name?«, fragte Cronenberg verständnislos.

»Du weißt nichts über die Natur des Geschenks?«

Er scheute sich nicht, das zuzugeben.

Daraufhin wurde Vrongk erstaunlicherweise erst richtig zugänglich. »Folge mir.«

Er führte Cronenberg zu einem Behälter, der vage Ähnlichkeit mit dem Modelliertank hatte, in dem er seinen Körper Stück für Stück an seine Idealvorstellung heranführte. Nur war dieser Behälter allseitig transparent, sodass die Gestalt zu sehen war, die darin schwebte oder…

schwimmt. Sie schwebt nicht, sie schwimmt. In einer gelartigen Flüssigkeit. Eine Frau. Seltsam unfertig, aber schon jetzt ansprechend von ihrer Statur. Nackt, schöne Brüste, der Körper komplett haarlos, die Gesichtszüge noch grob geschnitzt, sodass sie jede Frau darstellen könnte.

Er hätte sich noch minutenlang an dem Anblick ergötzen und seiner Fantasie freien Lauf lassen können. Aber Vrongk demonstrierte das, was Croxgk bereits angedeutet hatte: Ungeduld.

»Ist sie geeignet?«, fragte der Auruune.

»Wofür geeignet?«

»Als Sexualpartner.«

»Als –« Er spürte ungeahnte Emotionen in sich hochsteigen.

Wie lange ist es her?, dachte er. Wie lange, dass ich das getan habe, was der Auruune gerade andeutet?

Es erstaunte ihn selbst, dass er seit dem Rückgewinn seiner Mobilität noch nicht daran gedacht hatte. Es wäre so naheliegend gewesen. So… normal.

Offenbar bin ich genau das aber nicht mehr: normal. Die Jahrzehntausende haben mich abgestumpft. Ich habe jedes Verlangen erstickt und in Abgründe verbannt, aus denen es nicht mehr herausfindet…

Er wusste, dass das nur die halbe Wahrheit war.

Kaum von Vrongk angesprochen, wurde er von Sehnsüchten überrollt, zu denen er sich gar nicht mehr fähig geglaubt hatte. Er wankte.

Vrongk bemerkte es. »Geht es dir nicht gut? Macht dir dein Körper zu schaffen?«

Mir macht ihr Körper zu schaffen, dachte Cronenberg und starrte in den Zylinder.

»Es geht schon wieder.«

»Dann fangen wir jetzt an.«

»Womit?«

»Du darfst die Details so gestalten, wie es dir gefällt. Immerhin sollst du eine Beziehung zu dieser Hülle aufbauen.«

Hülle trifft es perfekt, dachte Cronenberg seltsam berührt. Was hat Croxgk sich nur dabei gedacht? Was soll ich mit einem seelenlosen Ding?

»Ich korrigiere mich«, sagte Vrongk, als hätte er seine Gedanken gelesen. »Hülle umschreibt nur unzureichend, was vor dir liegt. So wie du ihren Körper zu Ende formen darfst, ist es dir auch möglich, ihre Persönlichkeit zu prägen.«

»Ist das… Euer Ernst?«

Die Frage handelte ihm einen sengenden »Blick« aus dem augenlosen Gesicht ein, das bei Auruunen schwer definierbar gestaltet war.

»Ich würde es mir gerne überlegen«, sagte er, obwohl das stumme Drängen von Vrongk nicht schwächer wurde.

»Das geht nicht. Du musst Vorstellungen haben. Und wenn du sie hast«, sagte der Auruune, »sind sie jetzt schon so verwertbar wie zu einem späteren Zeitpunkt. Solltest du Schwierigkeit haben, dir deine Vorlieben selbst einzugestehen, bin ich bereit, dich zu unterstützen.«

»Wie?«, ächzte Cronenberg, der noch immer nicht sicher wusste, was er von dem in Aussicht gestellten »Lohn« halten – und ob er ihn überhaupt annehmen sollte.

»Indem ich deine diesbezüglichen Wünsche sondiere und ihrer Stärke nach sortiere.«

» Wie?«, wiederholte Cronenberg.

Vrongk zauberte ein dünnes, stiftähnliches Gerät hervor und richtete es auf Cronenbergs Stirn. Bevor Cronenberg es verhindern konnte, löste sich daraus ein rötlicher Strahl und traf auf seine Haut, von wo aus er über die Nervenenden geradewegs ins Gehirn glitt.

Cronenberg hatte das Gefühl, in einem Aquarium zu schwimmen, das mit rötlichem Wasser gefüllt war. Er hatte überhaupt das Gefühl, zu schwimmen. Sein Geist dräute dahin, bis –

Der Strahl erlosch. Vrongk steckte das Gerät weg.

»Betrachte das Resultat«, forderte der Auruune Cronenberg auf. »Entspricht es deinem Ideal?«

Verstört starrte Cronenberg auf das Geschöpf im Zylinder, dessen Aussehen sich merklich verändert hatte. Tausend Details waren hinzugekommen, aber unübersehbar war die Ähnlichkeit mit einer real existierenden – immer noch irgendwo in den Weiten des Alls existierenden – Person.

Das Geschenk der Auruunen hätte ansprechender und originalgetreuer kaum sein können. Und der Name dafür ergab sich wie von selbst. »Scobee«, flüsterte Cronenberg. »Ihr Name ist – Scobee.«

Vrongk leitete zufrieden die letzten noch erforderlichen Schritte ein.



»Sie braucht Kleidung«, sagte Cronenberg, als der Deckel aufklappte und die Flüssigkeit rückstandsfrei abgesaugt sowie der darin befindliche Körper gesäubert und getrocknet worden war.

All das verrichtete die Apparatur, ohne dass manuelle Unterstützung nötig wurde.

»Sie erhält einen Gürtel«, sagte Vrongk, »wie du einen hast. Er ist mit Kleidern gefüllt und kann beliebig kombiniert oder modifiziert werden.«

Er beugte sich neben dem waagrechten Zylinder herunter und öffnete ein Fach, in dem der Gürtel lag, von dem er gesprochen hatte. Er reichte ihn an Cronenberg weiter.

»Was soll ich damit?«

»Ihn ihr geben. Sie wird gleich die Augen öffnen. Und auf das erste Lebewesen, auf das sie dann blickt, wird sie konditioniert.«

Das erinnerte Cronenberg in erstaunlicher Weise an die echte Scobee. An das, was mit ihr getan worden war – vor langer, langer Zeit.

»Und wenn sie zuerst… Euch anschaut?«

»Sei unbesorgt. Auruunen bringen nicht die Voraussetzungen mit, von denen ich spreche. Es müssen… niedere Geschöpfe sein. Ich hoffe, ich beleidige dich damit nicht.«

Bastard, dachte Cronenberg. Laut sagte er: »Keineswegs. Ich kenne meine Stellung und weiß, was ich den Auruunen verdanke.«

»Du bist ein Heuchler.«

Cronenberg mimte Reue, die er nicht empfand. Er erwiderte nichts auf den Vorwurf.

In diesem Moment schlug »Scobee« die Augen auf.

Tatsächlich glitt ihr Blick zuerst in Richtung des Auruunen… von dem er aber abglitt wie ein Tropfen von einer gewachsten Oberfläche. Erst als er bei Cronenberg ankam, verharrte er.

Ein seliger Ausdruck stülpte sich maskenhaft auf das attraktive Antlitz, und nach wenigen Sekunden wirkte er schon ganz natürlich.

»Kann ich mit ihr sprechen?«, fragte Cronenberg nervös.

»Selbstverständlich. Sie ist bereit. Sonst hätte ich sie nicht erweckt.«

Cronenberg trat auf die Nackte zu und reichte ihr den Gürtel. Sie schien genau zu wissen, worum es sich handelte, denn sie griff danach, legte ihn an und generierte ein hinreißendes Kleid mit passenden Schuhen.

»Dein Name ist Scobee«, sagte Cronenberg. »Kannst du dir das merken?«

»Scobee.«

Als er zu Vrongk blicken wollte, stellte er fest, dass der Auruune gegangen war und ihn mit dem Abbild einer Frau allein gelassen hatte, mit der Cronenberg die reizvollsten Momente seines Lebens verband.

Auch – oder gerade –, weil sie zu Todfeinden geworden waren.



Er hatte ein seelenloses Geschöpf erwartet, aber das war sie nicht. Sie begegnete ihm, zumindest in dieser Anfangsphase, mit Gehorsam. Aber ohne sklavische Note.

»Folge mir.«

Sie begaben sich aus dem Laborkomplex zurück in den privaten Bereich Cronenbergs, den er sich in den letzten Monaten und mithilfe seiner Allianz-Partner eingerichtet hatte. Die gesamte Residenz hatte einer Auffrischung bedurft, wobei Abriss und Neubau wahrscheinlich die sinnvollere Alternative gewesen wäre. Aber auf schwer zu beschreibende Weise hing Cronenberg an diesem Relikt aus alten Tagen. Mochte es mit noch so viel Schmerz und Verzicht seinerseits verbunden sein, es war auch über all die Äonen Ausdruck seiner Stärke und seiner Zähigkeit geworden.

Er hatte oft gewünscht, tot zu sein. Heute war er froh, das Privileg zu besitzen, über so viele Epochen hinwegschauen zu können. Es hatte ihn innerlich gefestigt. Umso erstaunter war er über die wieder aufkeimenden Gefühle, die das »Geschenk« der Auruunen in ihm geschürt hatten.

Allerdings war er sich nicht sicher, ob die Wahl seines Unterbewusstseins, Scobee betreffend, so glücklich gewesen war. So sehr er der Albtraum der realen Scobee gewesen sein mochte, so ambivalent waren seine Gefühle ihr gegenüber.

Aber er glaubte, das in den Griff zu bekommen. Sie in den Griff zu bekommen.

Und wenn nicht… nun, Geschenke durfte man zwar nicht weiterverschenken, speziell Auruunen-Geschenke nicht, aber man konnte sie in irgendeinen Winkel verbannen, wo man nicht täglich mit ihnen konfrontiert wurde. Und Schritt behielt sich Cronenberg vor. Solange jedenfalls, bis er sich selbst Klarheit über seine Emotionen und Bedürfnisse verschafft hatte.

Als sie in dem Schlafgemach ankamen, dessen verglaste Front den Blick über weite Teile der Metrop gestattete, forderte er »Scobee« auf, sich ins Bett zu legen.

Ein bequemes Hightech-Bett, das bei Bedarf Schwerelosigkeit simulieren konnte. Allein hatte Cronenberg es schon ausprobiert, zusammen mit einer Frau noch nicht.

»Wozu?«, fragte »Scobee«.

»Wozu was?«

»Wozu soll ich mich hinlegen.«

Für einen Moment war er verärgert über die Widerspenstigkeit. Doch dann erwachte der ebenfalls erloschen geglaubte Spaß am Erobern in ihm.

»Ich dachte, wir machen es uns ein bisschen gemütlich, entspannen und lernen uns näher kennen. Wenn du etwas trinken oder essen willst…« Er räusperte sich. »Falls du das überhaupt brauchst

»Jeder Mensch braucht das.« Sie musterte ihn seltsam.

Sie betrachtet sich also als menschliches Wesen.

Noch während er das dachte, fragte er sich, ob er diese Einschätzung teilte, oder was genau er glaubte, vor sich zu haben.

»Durchaus, durchaus.« Er zeigte erneut zum Bett.

Sie stand unbeeindruckt vor ihm. »Ich bin nicht müde. Ich möchte lieber…«

»Ja?«

»… schauen.«

»Schauen?«

»Das alles…« Sie machte eine Geste, die über den Residenzturm, vielleicht sogar über die Stadt hinausging. »… ist neu für mich. Ich verstehe, was ich sehe. Aber erst wenn ich es sehe, nimmt es Gestalt für mich an.«

»Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz.« Allmählich wurde seine Ungeduld zu einer riskanten Größe. Davon schien das Geschöpf vor ihm allerdings nichts zu bemerken, nicht einmal zu ahnen.

Ihre Arglosigkeit besänftigte ihn etwas.

»Ich wurde gerade erst geboren.«

»Das weißt du?«

»Natürlich.«

»Und… weiter?«

»Obwohl ich gerade erst geboren wurde«, fuhr »Scobee« fort, »besitze ich ein enormes Reservoir an Wissen, das ich anzapfen kann.«

»Du drückst dich zumindest schon mal sehr gewählt aus. Ob mir das gefällt… ich weiß es nicht.«

»Wolltest du mich lieber in dumm?«

Sie fragte es in vollem Ernst. Und jetzt musste sogar Cronenberg lachen. »Vielleicht…«

Das schien ihren Horizont zu übersteigen. »Wirklich?« Sie schüttelte den Kopf. »Aber ich war dabei, mich zu erklären.«

»Ich höre.«

»Es geht um’s Schauen. Und was es mir gibt. Wie gesagt: Ich habe bereits ein mich selbst erstaunendes Reservoir an Wissen in mir. Aber es ist tot, solange ich nicht die Entsprechung dazu wenigstens einmal bewusst gesehen und mich damit auseinandergesetzt habe. Es erhält erst Bedeutung für mich, wenn ich es erblickt, ertastet, gehört, gerochen oder geschmeckt habe.«

»Du sprichst von deinen Sinnen. Sie aktivieren totes Wissen und verleihen ihm eine für dich nachvollziehbare Bedeutung.«

Ihre Augen leuchteten auf. »Genauso ist es.«

»Dann«, sagte Cronenberg und zeigte erneut auf das Bett, »lass uns hier und jetzt damit anfangen. Ich will dir ein guter Lehrer sein. Lass uns sämtliche Sinne ausleben.« Seine Stimme verfiel mit jedem Wort mehr in ein Timbre, das seine eigene Erregung ins Unermessliche steigerte. »Wenn du nicht ganz und gar missraten bist, wird es dir gefallen.«



1.


In dem einen Moment war Assur noch auf Phaeno – im nächsten fand sie sich unter einem fremden Himmel wieder.

Sie stand auf der Nachtseite jenes Planeten, von dem sie sich auf Phaeno angezogen gefühlt hatte.

Einmal schon war sie mit der RUBIKON in die Hohlwelt vorgestoßen. Doch da hatte sie sich anders präsentiert als jetzt.

Sternenlos.

Natürlich sternenlos, denn die Oortschale schirmte jeden Blick auf das äußere Weltall von der Erde aus ab.

Trotzdem wölbte sich jetzt über Assur ein kristallklares Firmament, auf dem sich die Sonnen der Milchstraße ebenso abzeichneten wie ferne Galaxien.

Leichtes Flimmern der Gestirne verriet atmosphärische Unruhen.

Wo bin ich gelandet?

Als sie sich in den Avatar auf Phaeno begeben hatte, war sie der festen Überzeugung gewesen, im Innern der Hohlwelt herauszukommen, auf der Erde. Sonst hätte sie diesen Schritt nie gewagt.

War es denkbar, dass die Schale um das Erde-Mond-System nicht mehr existierte, komplett entfernt worden war?

Sie fand keine Antwort, und ihre Gedanken schweiften zu Alcazar, dem Arachniden, ohne den sie vermutlich niemals von Phaeno weg gekommen wäre. Sie empfand freundschaftliche Zuneigung zu dem Abrogaren, obwohl sein Äußeres nur entfernt menschenähnlich war. Sehr entfernt.

Die inneren Werte zählen, dachte Assur.

Sie konzentrierte sich wieder auf ihre Umgebung. Lauschte, ob sie etwas Verdächtiges hörte. Fragte sich im Nachhinein selbst, wie sie dieses Wagnis hatte eingehen können. Sie war ja nicht eben mal von einem Planeten zum anderen »gehoppt« – die räumliche Versetzung war über einen Abgrund von 13 Milliarden Lichtjahren erfolgt.

Von Eleyson in die heimatliche Milchstraße…

Für Auruunen offenbar überhaupt kein Problem, denn die hatten das Weltennetz, dem Assur auf Phaeno nicht im Original, wohl aber als originalgetreue Kopie begegnet war. Die Abrogaren, Widersacher der Eleyson-Herren, hatten sich in den Besitz der Kopie gebracht, um herauszufinden, wie das Transportsystem arbeitete. Auf diese Weise hofften sie, Mittel und Wege zu finden, den Auruunen eine empfindliche Scharte zuzufügen.

Für Assur war das nur eine Randnotiz.

Der Konflikt hatte für sie persönlich keine Priorität. Sie hatte einfach einen Weg gesucht, Phaeno zu verlassen – und sich dabei blindlings ins nächste Abenteuer von ungewissem Ausgang gestürzt.

Welch Wunder, dachte sie sarkastisch. Nachdem ich von der RUBIKON getrennt wurde, ohne Aussicht, sie wiederzufinden, habe ich nach dem erstbesten Strohhalm gegriffen.

Wohl eher ein Griff ins Klo.

Sie seufzte, verlagerte ihr Gewicht und suchte nach dem Gegen-Avatar, aus dem sie herausgekommen war. Zu ihrem Erstaunen fand sie ihn nicht.

Wurde er direkt nach dem vollzogenen Transfer abgeschaltet?

Sie wusste nicht einmal, ob das nach Belieben möglich war. Wenn, dann bedurfte es sicherlich einer ähnlichen Kontrollstation, wie sie über Phaeno verteilt existierten und die Weltennetz-Funktionen steuerten.

Oder es ist völlig anders. Was weiß ich schon über Auruunen-Technik? Auf Phaeno ist alles nur geklaut – deshalb dürfte die dortige Situation keine allgemeingültige Referenz darstellen. Und hier ist es trotz des Sternenmeers so dunkel, dass ich kaum die Hand vor Augen sehe, geschweige denn Details meiner Umgebung.

Sie wunderte sich, dass sie als Folge des Transfers nicht, wie beim ersten Mal, gestürzt war. Diesmal war es einfach so gewesen, als hätte sie auf dem einen Planeten zu einem Schritt ausgeholt… und den Fuß bereits auf dieser Welt hier abgesetzt.

Und wieder rief sie sich dazu in Erinnerung: Ein Schritt über 1 3 M i l l i a r d e n L i c h t j a h r e !

Wenn sie anfing, darüber ernsthaft nachzudenken, würde sie den Verstand verlieren.

Plötzlich verdichtete sich die Dunkelheit um sie herum. Die Gestirne am Himmel verschwanden. Assur war nicht mehr in der Lage, selbst in nächster Nähe auch nur die Andeutung von Umrissen zu erkennen. Es war, als wäre ihr Augenlicht selbst erloschen.

Sie reagierte instinktiv und rannte trotz ihrer Blindheit in die Richtung, in der sie kurz zuvor ebenes Terrain ausgemacht hatte. Rannte, als säßen ihr Furien im Nacken.

Tatsächlich geriet sie nach wenigen Schritten wieder aus der vollkommenen Schwärze heraus, die zweifelsfrei künstlicher Natur war.

Eine Waffe!, mutmaßte Assur – und fand sich von den schemenhaft erkennbaren Gestalten bestätigt, die aus mehreren Richtungen gleichzeitig auf sie zustrebten. Im schwachen Sternenglanz – den es hier wieder gab – sah Assur, dass die Anrückenden mondsichelförmige Gegenstände vor sich hielten, aus denen Dunkelheit pulste, als würde sie herausgepumpt und gezielt zur einer Stelle geleitet.

Die Gestalten waren nicht menschlich, nicht einmal humanoid. Sie erinnerten vielmehr an –

Assur musste unwillkürlich schlucken.

– jene Insektoiden, mit denen die RUBIKON-Besatzung es schon mehrfach zu tun bekommen hatte.

Treymor! Das sind Treymor!

Spätestens in diesem Moment wurde ihr klar, dass es für sie um alles ging. Und dass nur eines sie vor Gefangennahme und anschließendem Verhör mit noch weniger zimperlichen Mitteln retten konnte: ein kleines Wunder.

Oder mein Kämpferherz, dachte sie.

Aber ob das gegen eine Überzahl von Treymor, die noch dazu mit beachtlichen technischen Mitteln ausgestattet war, genügen würde?

Ich muss es versuchen. Muss.

Und versuchen hieß in diesem Fall nicht Flucht, sondern…

… Attacke!



Das lenkbare Dunkelfeld folgte ihr und versuchte, sie einzuholen, ihr die Orientierung zu rauben.

Doch Assur sprintete auf den nächststehenden Treymor zu, vektorierte sich gedanklich auf ihn ein, auch für den Fall, dass das Dunkelfeld schneller als sie sein würde – was auch so kam –, und rannte trotzdem weiter, schätzte die Entfernung ab, die sie mit den Augen nicht mehr überprüfen konnte…

… und warf sich gegen den Gegner!

Sie prallte gegen etwas – und rollte über harten Untergrund, wobei die Eindrücke, ob alles Harte auf den Boden zu schieben war oder seine Ursache auch in dem Treymor hatte, dessen Außenpanzerung sie wie eine massive Rüstung anfühlte, verschwammen.

Aber daran verschwendete Assur auch kaum Gedanken. Sie hatte sich darauf eingeschworen, ihre Haut so teuer wie möglich zu Markte zu tragen. Und der Zufall spielte ihr in die Hände, als sie etwas zu fassen bekam, das sich eindeutig wie eine Waffe anfühlte, mochte sie noch so fremdartig sein.

Eine Waffe, die ihre Angk-Sinne mühelos verstanden. Und dann bedurfte es nur noch eines kurzen Anvisierens und Auslösens – und ein plasmaheißer Strahl fraß sich durch den Chitinpanzer ihres Gegners, der sofort jede Gegenwehr einstellte.

Der Dunkelfelderzeuger war das schon mal nicht, realisierte Assur für sich, gab Dauerfeuer und hielt ihren Waffenarm starr, während sie selbst um ihre eigene Achse kreiselte.

Auf diese Weise bestrich sie das komplette Terrain.

Ihr entscheidender Vorteil schien darin zu bestehen, dass die Treymor offenbar darauf getrimmt worden waren, sie lebend zu fangen.

Vergleichbare Skrupel und Beschränkungen ihnen gegenüber hatte Assur nicht.

Sekunden nach dem ersten Betätigen der unbekannten Waffe wurde es bereits still um sie. Das Dunkelfeld, das zunächst bemüht gewesen war, ihren Bewegungen zu folgen, erlosch, und es gab eine seltsame Explosion, die noch einmal so etwas wie gespeicherte Schwärze in einem einzigen Moment verpuffen ließ – offenbar hatte Assur nicht nur den Benutzer des Dunkelfeld-Generators getroffen, sondern auch das Gerät selbst.

Assur konnte ihre Zufriedenheit kaum verbergen. Sie war nicht blutrünstig, aber sie hing am Leben und wollte im Zweifelsfall lieber einen Gegner am Boden liegen sehen als sich selbst.

Dennoch erschreckte sie ihr eigenes Vorgehen und die darin erkennbare Kompromisslosigkeit ein wenig.

So kannte sie sich selbst noch nicht.

Kunststück, ich war ja auch noch nie zuvor in so einer Situation.

Gegen das hier war Phaeno der reinste Spaziergang gewesen.

Ja, ja, pusch dich ruhig weiter. Das war bestimmt noch nicht alles.

Sie entfernte sich von dem Ort des Gefechts, an dem es nach verschmortem Chitin stank. Ihre Augen fanden wieder Anhaltspunkte in der Dunkelheit. Das Licht der Sterne schuf allmählich eine fahle Helligkeit, mit der sie etwas anfangen konnte. Und so entdeckte sie auch zwischen zufälligen Gesteinsformationen ein Gebilde, das zweifelsfrei künstlichen Ursprungs war.

Was ist das? Ein Gleiter? Sind die Burschen damit gekommen?

Ein Gleiter, tatsächlich. Sie erreichte ihn, blieb wachsam. Vielleicht war einer der Treymor hier zurückgeblieben, um das Fahrzeug zu sichern.

Doch ihre Sorge erwies sich als unbegründet. Die offene Scheibe, die ohne Bodenkontakt schwebte, war verlassen.

Ob ich das Ding lenken kann?

Bevor sie es bestieg, lauschte sie, um herauszufinden, ob sich weitere Gegner oder Fahrzeuge im Schutz der Nacht näherten.

Sie fand kein Indiz dafür.

Kurz darauf stand sie hinter einer Steuerung, die offenbar für Nichthumanoiden wie die Käfer gemacht war.

Vorsichtig berührte sie eine Platte, die im weitesten Sinn wie ein Kontaktdisplay aussah.

Das Fahrzeug bewegte sich mit ihrem darüber gleitenden Finger nach links.

So einfach ist das?

Sie testete die Navigation weiter.

Es war so einfach.

Na dann.

Man beschleunigte, indem man die Platte fester berührte. Nahm man Druck weg, wurde das Vehikel sofort langsamer.

Narrensicher. Ideal für mich.

Assur gab Gas.



Sie kam nicht weit. Diesmal wurde es hell um sie, gleißend hell. Als sie nach oben blickte, sah sie, wie sich ein stählerner Ring aus dem Himmel herabsenkte. Seine Größe war schwer abschätzbar, aber entlang seiner Rundung befand sich ein Band aus Licht, das umso weiter auseinander fächerte, je näher es der Planetenoberfläche kam.

Das ist kein Planet, dachte Assur, als gäbe es im Moment nichts Wichtigeres. Wenn mich nicht alles täuscht, ist das die Oberfläche der Oort-Schale, die wir mit der RUBIKON durchdrungen hatten. Aber da gab es noch keine Luft, da war hier alles noch ein bisschen anders…

Sie versuchte, den Gleiter zu beschleunigen und sich aus der sich ergießenden Helligkeit zu entfernen. Aber der Ring glich jedes Manöver mühelos aus und kam dabei immer näher.

Schließlich umschloss der Ring die Fliehende komplett. Dabei wurde offensichtlich, dass er von bemerkenswerter Dicke war, etwa fünfzig Meter im Durchmesser. Nachdem er eine Weile quasi jedes von Assurs Manövern mit vollzogen hatte, endete diese Bereitschaft unvermittelt.

Der Ring, in dessen Mitte Assur flog, stoppte jäh. Dadurch, dass sie selbst mit unvermindertem Tempo flog, war ein Zusammenprall mit der Ringwand unausweichlich.

Bei dem Zusammenstoß wurde Assur aus dem Gleiter geschleudert und blieb besinnungslos am Boden liegen.



Es kam selten vor, dass Croxgk von einem Ereignis derart überrumpelt wurde. Er war ein Wesen, das so vieles gesehen und erlebt hatte, in zahllosen Galaxien, dass ihn kaum noch etwas wirklich beeindruckte.

Genau dies aber war der Fall, als ihn die Nachricht aus dem Knotenpunkt des jüngst installierten Weltennetz-Zugangs erreichte.

Wenig machte einen Auruunen stolzer als diese Errungenschaft seines Volkes – ein Verkehrssystem, das den Wechsel selbst zwischen weit entfernten Galaxien in Nullzeit gestattete. Voraussetzung war lediglich, dass die Ausrüstung, die für die Erzeugung einer dem Weltennetz angegliederten Station manuell – also an Bord eines Raumschiffes – ins entsprechende Gebiet verbracht und installiert wurde.

Das war auf der künftigen Basiswelt geschehen.

Und es hatte auch schon Austausch stattgefunden, in der Hauptsache Güter, die so weit von Eleyson entfernt nur mit größter Mühe oder gar nicht hätten geschaffen werden können. Es gab Rohstoffe, die nur in Eleyson vorkamen, und diese mussten naturgemäß zu den Außenkolonien transportiert werden. Dazu dienten Ringfrachter, die die Passage durch die Weltentore mühelos meisterten, allerdings mussten die Tore ihrer Größe angepasst wurde.

Dafür waren spezialisierte Auruunen zuständig. Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, diese verantwortungsvolle Aufgabe in die Hände von Angehörigen der diversen Hilfsvölker zu legen.

»Bist du sicher, dass es sich nicht einfach nur um eine Fehlfunktion handelt?«, vergewisserte sich Croxgk bei dem Knotenmeister, der ihn verständigt hatte.

»Das Wort Fehlfunktion gehört nicht zu meinem Vokabular«, verwahrte sich der Auruune.

Croxgk machte eine Geste der Übereinstimmung mit dieser Haltung. »Demnach ist es eine unautorisierte Passage. Aber…«

»Ich weiß, was du sagen willst«, unterbrach ihn der Knotenmeister. »So etwas wäre ein absolutes Novum. Aber gerade deshalb sollten wir schnell und entschlossen nach den Gründen forschen. Vor allem aber –«

Nun war es Croxgk, der dem anderen ins Wort fiel. »– denjenigen stellen und in unsere Gewalt bringen, der das Netz missbräuchlich nutzte. Haben wir ihn, ergibt sich die Erklärung, wie es dazu kommen konnte – und warum –, ganz wie von selbst!«

»So ist es. Ich habe bereits entsprechende Order erlassen. Ein Kommando ist unterwegs zum Ort der Aktivität. Den Avatar habe ich sicherheitshalber abgeschaltet – bis alles geklärt ist.«

»Das war umsichtig. Ich danke dir. Gib mir Bescheid, sobald du die Störungsursache genau bestimmt hast.«

Die Verbindung erlosch.



Cronenberg wurde unsanft geweckt. Sein Implantat sandte ein Signal, das sich durch jede einzelne Nervenbahn zu brennen schien. Mit einem erstickten Schrei fuhr er hoch.

»Was ist?«, fragte »Scobee«, die zwar nicht geschlafen hatte, aber ebenfalls aufschreckte.

Cronenberg schenkte ihr keine Beachtung – er war in diesem Moment schlicht und ergreifend nicht dazu in der Lage.

»Ich benötige dich an der Oberfläche«, klang die Stimme von Croxgk in ihm auf. »Sei bereit, abgeholt zu werden.«

Mehr erfuhr Cronenberg nicht. Aber die Art und Weise der Kontaktaufnahme ließ keinen Zweifel an der Dringlichkeit.

Drastisch war ihm vor Augen geführt worden, dass das Beobachter-Implantat noch ganz andere Funktionen in sich vereinte, als ihm vor dem Einsetzen verraten worden war.

Er überlegte, ob er Croxgk bitten sollte, es wieder zu entfernen. Aber diese Blöße wollte er sich nicht geben. Und wahrscheinlich hätte der Auruune seiner Bitte auch nicht entsprochen.

Mit dem Implantat kann er mich nach Belieben geißeln, vielleicht – nein, bestimmt! – sogar töten. Falls ich unnütz für ihn werde – oder aufbegehre.

Letzteres hatte er nicht vor, und auf Ersteres hatte er nur bedingt Einfluss.

Als sich seine Schmerzen gelegt und seine Gedanken wieder geordnet hatten, wandte er sich der Frau zu, die ihn nach einer halben Ewigkeit wieder die Wonnen der Lust hatte durchleben lassen.

»Scobee« wirkte nach wie vor reserviert. Während ihrer körperlichen Vereinigung hatte sich Cronenberg des Eindrucks nicht erwehren können, dass sie nicht annähernd das empfand, was er in sich verspürt hatte.

Das hatte ihn daran erinnert, dass es auch in dem Leben, das er vor der Ankunft der Keelon geführt hatte, selten, vielleicht nie, anders gewesen war. Frauen waren für ihn immer nur Mittel zum Zweck gewesen. Gleichberechtigung war ihm in Verbindung mit dem anderen Geschlecht nicht nur fremd, sondern schlichtweg zuwider.

Ich habe ein Problem, erkannte er, ohne dass er die Bereitschaft aufbrachte, es abzustellen.

»Wo gehst du hin?«, fragte »Scobee«.

»Weg. Aber ich komme wieder.«

Sie blickte ihn an, als wäre ihr das egal.

Cronenberg unterdrückte die aufkeimende Wut.

Kurz darauf legte das von Croxgk angekündigte Shuttle an der Residenz an und brachte ihn hinter den Steinernen Himmel, wo die Auruunen sich ein Paradies erschufen.



Es gab Schlote innerhalb der Oortschale. Durch sie gelangte man mit dem entsprechenden Vehikel in kürzester Zeit auf die Basiswelt der Auruunen.

Schon die bloße Vorstellung, dass jemand die Steinschale, deren Bestandteile aus der früheren Oortschen Wolke stammten, dazu benutzt hatte, um einen gefakten Planeten zu erschaffen, der die meisten Betrachter aus dem Weltraum über seinen wahren Charakter getäuscht hätte, verursachte Cronenberg Herzflimmern. Bei kaum etwas anderem kam die wahre Macht der Auruunen klarer zutage. Wer außer ihnen hätte ein solches Projekt in die Tat umzusetzen vermocht, noch dazu in einer vergleichsweise kurzen Frist?

Wie berauscht starrte er durch das Shuttle-Fenster auf einen »Kontinent« hinab, dessen Küsten von unfassbaren Wassermassen gesäumt waren, deren Ursprung im Aquakubus lag. Cronenberg war Zeuge der Flutung geworden. Dass das Meer nach so kurzer Zeit aussah, als würde es die Welt seit Jahrmillionen adeln, war kaum zu glauben. Oder der Kontinent selbst! Was war aus der kargen Steinwüste geworden? Wärme, Luft, Licht und aufgebrachter Humus (Wo haben sie den hergeholt? Von einer Welt unseres Sonnensystems oder von weiter weg?) hatten die Grundlage für das geschaffen, was sich seinen Augen nun präsentierte: Wälder, Savannen, Städte… der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Selbst ein Raumhafen huschte unter dem Shuttle vorbei; auf der Piste reihte sich Ringschiff an Ringschiff, und in den Randgebieten waren Parzellen abgesteckt, auf denen auch weniger elegant wirkende Fahrzeuge Platz fanden: X-Schiffe der Treymor.

Das erinnerte Cronenberg daran, dass er ein eigenes Raumfahrt-Programm gestartet hatte – kurz vor der Ankunft der Auruunen, deren Erscheinen alles verändert hatte. Damals hatte er versucht, die von Fraktalen erbeuteten X-Schiffe der Käfer nachzubauen. Mit beachtlichem Erfolg.

Aber den Krabblern hat das gar nicht geschmeckt. Wahrscheinlich haben sie uns bei den Auruunen verpetzt.

Wie dem auch sei, seither lag das Programm auf Eis und würde wahrscheinlich keine Renaissance erfahren.

Jenseits des Raumhafens tauchte eine noch imposantere Stadt auf als die, über die sie zuvor hinweggeflogen waren.

Cronenberg war schon ob der Größe verunsichert, aber noch mehr, als er die Straßen dicht bevölkert mit Auruunen sah.

Bis zu diesem Moment hatte er nicht gewusst, dass sich so viele der Außerirdischen auf der Oort-Erde befanden. Sein Kontakt hatte sich auf ein paar Wenige beschränkt, doch die schienen nur die Spitze des Eisbergs zu sein.

Er wandte sich an den Piloten des Shuttles.

»Wie viele Einwohner hat diese Stadt? Und hat sie auch einen Namen?«

Der Auruune fand seine Frage keiner Antwort wert.

Wenig später landete das Shuttle auf dem abgeflachten Dach eines Gebäudes im Zentrum der Stadt.

»Aussteigen«, schnarrte der Auruune. »Ein Schlepp-Bot steht bereit. Er bringt dich zu Croxgk.«



Das, was der Auruune als »Schlepp-Bot« bezeichnet hatte, wartete außerhalb des Shuttles.

Wind umschmeichelte Cronenbergs Gesicht. Der Blick über die Dächer hinweg zum Meer in der Ferne entschädigte für die gedrückte Stimmung während des Flugs.

Ein flirrender Schemen schob sich vor die Aussicht, und eine körperlose Stimme fragte: »Darf ich dich kleiden?«

»Kleiden?«, fragte Cronenberg verwirrt.

Der Schemen glitt näher. Er wirkte wie ein Schleier, nur aus Licht und Schatten, dem Spiel beider. Dennoch schien die Stimme aus dem Phänomen zu kommen.

Ein Ausläufer des Schemens streifte Cronenbergs Stirn, und vor seinem geistigen Auge entstand ein Bild, das ihm erklärte, was der Schemen vorhatte.

Schließlich nahm Cronenberg das Angebot an – was hätte er auch anderes tun sollen, ohne seinen Gönner zu verprellen? Es war Croxgks erklärter Wille, dass er zu ihm gelangte, und dieser… Schleier war von Croxgks geschickt worden.

»Kleide mich.«

Der Schemen schnellte heran, umschmeichelte Cronenbergs Körper und legte sich um seine Haut und Kleidung. Kaum war der enge Kontakt hergestellt, wandelten sich Licht und Schatten in etwas Festes, Korsettartiges, das im nächsten Moment Cronenbergs Körper wie eine Puppe lenkte. Sein Körper drehte sich in eine Richtung, in die sich auch seine Beine in Bewegung setzten. Er erreichte einen Liftschacht und sank in die Tiefe, um ein, zwei Stockwerk später mit einem gelenkten Schritt wieder aus dem Schacht heraus in einen Korridor zu treten.

Minutenlang ging die Reise auf diese Weise weiter.

Bis Cronenberg in einen Raum trat, in dem ein Auruune auf ihn wartete.

»Croxgk?«, fragte er.

»Du erkennst mich nicht?«

»Doch… doch!«

»Du lügst. Es ist erbärmlich.«

»Verzeiht…«

Der Auruune machte eine wegwerfende Geste, die Cronenberg, obwohl sie sich von menschlichem Gebaren stark unterschied, mühelos verstand.

»Ich will, dass du dir etwas anschaust.«

»Natürlich. Worum geht es?«

Croxgk ließ einen Holowürfel im Raum entstehen. Eine andere Umgebung wurde sichtbar, ein abgeschlossener Raum mit einer einzelnen Person darin.

Eine Frau.

Eine Menschenfrau.

»Wer ist das?«

»Du kennst sie ganz sicher nicht?«

»Ich kenne sie nicht. Was bringt dich zu der Annahme, ich könnte?«

»Sie scheint weit herumzukommen. Deshalb lag es für mich nahe, dass auch du ihr schon einmal begegnet sein könntest.«

»Wer ist sie?«

»Ich weiß es nicht.«

»Ihr wisst es nicht?« Cronenberg war erstaunt. Die vorherigen Bemerkungen des Auruunen hatten ihn etwas anderes vermuten lassen.

Croxgks schien Verständnis für sein Unverständnis zu haben. »Ich zeige dir etwas anderes.«

Das Bild im Hologramm wechselte.

»Wo ist das?«, fragte Cronenberg.

»Dort, wohin dein Implantat nicht reicht«, sagte Croxgk kryptisch. Doch dann ergänzte er: »In der Silberstadt, dem Zentrum des Aquakubus.«

»Oh.«

»Ja, oh! Und wen erkennst du dort in den Gängen der Stadt?« Eine Dreigruppe erschien, allesamt Menschen, und die Frau, die Croxgk schon einzeln gezeigt hatte, war auch hier zugegen.

Cronenbergs Blick haftete aber an einer anderen Person. »Den da – den kenne ich!«, stieß er hervor.

Er wies auf einen der Männer.

»Erstaunlich«, sagte Croxgk. »Wer ist er?«

»Ein Mensch aus meiner Geburtszeit. Ein Mensch, der wie ich die Zeit überlisten konnte – nur mit anderen Mitteln. Er ist enger Vertrauter eines Mannes, mit dem ich vor nicht allzu langer Zeit einen Kampf auf Leben und Tod ausfocht. Dieser Mann hier heißt Jarvis und ist ein GenTec.« Er erläuterte Croxgk kurz, was darunter zu verstehen war. »Den anderen männlichen Begleiter kenne ich nicht. Und die Frau auch nicht.«

»Aber sie steht in Verbindung zu einem, den du kennst. Das ist beachtlich.«

»Wie kam sie in Eure Gewalt?«

»Das ist der Punkt, der sie besonders macht. Extrem besonders«, sagte der Auruune. »Sie kam auf Wegen auf diese Welt, die ihr verschlossen sein müssten. Wie sie sie dennoch zu beschreiten vermochte, wird sie mir erklären müssen – bevor sie für den Frevel mit ihrem Leben bezahlt.«

Der Auruune bedankte sich bei Cronenberg und entließ ihn. »Das Shuttle wird dich zurückbringen, der Schlepp-Bot dich zu ihm führen.«

Unterwegs zurück zum Dach des Gebäudes hingen Cronenbergs Gedanken dem Erlebten nach. Neben vielem anderen fragte er sich, warum er zur Klärung des für Croxgks wichtigen Sachverhalts hierher hatte kommen müssen – ebenso gut hätte der Auruune ihm die gezeigten Bilder auch in die Residenz übertragen können.

Machtspielchen, kam er zu dem Schluss. Es gefällt ihm, mich wie einen Lakai zu sich zu bestellen. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.

Er beschloss, es hinzunehmen.

Auf der »richtigen« Erde wartete die falsche Scobee auf ihn.

An ihr konnte er Dampf abzulassen.



2.


Jarvis betrat die Zentrale der RUBIKON, wo sich John Cloud nur in Gesellschaft von Winoa auf dem Kommandopodest aufhielt. Beide saßen nebeneinander, Winoa auf dem Sitz, den Jarvis normalerweise für sich mit Beschlag belegte, und sie starrten in eines der Segmente, in das die Holosäule unterteilt war. Den größten Teil nahm der äußere Weltraum ein mit dem Planeten, in dessen Orbit sich die RUBIKON gegenwärtig befand.

Phaeno – der Experimentalplanet der Abrogaren, die sich selbst »die Getilgten« nannten, obwohl sie sich vor den Eleyson-Tyrannen in dieses Dunkelwolken-Versteck hatten retten können, bevor sie von ihnen vollends aufgerieben und als Volk vernichtet worden waren.

Seither suchten sie nach Mitteln und Wegen, die Auruunen zu besiegen – was in Anbetracht von deren unglaublicher Machtfülle aber ein fast aussichtsloses Unterfangen zu sein schien. Das kopierte Weltennetz, das sie auf Phaeno hatten »zünden« können, schürte wieder neue Hoffnung. Inwieweit diese realistisch war, mochte Jarvis nicht bewerten.

Fakt aber war: Zum ersten Mal seit urlanger Zeit schien es den Arachniden, die die letzte der ursprünglichen Hoch-Zivilisationen von Eleyson darstellten, gelungen zu sein, ein wirklich elementares Machtmittel des Gegners auch für sich selbst einsetzbar zu machen. Auch wenn sie es sicherlich erst noch in seiner vollen Bedeutung und Arbeitsweise erforschen mussten.

Jarvis stampfte absichtlich über den Metallboden. Er wollte, dass sich die Blicke der beiden Personen von dem Holofenster lösten und sich ihm zuwandten.

»Jarvis…«

Johns Stimme klang rau, als müsste er sich zwingen zu sprechen. »Wo warst du?«

»Ausspannen. Abschalten. Du weißt schon – das, was ihr beide…« Er schloss auch das Mädchen an Johns Seite mit ein. »… auch unbedingt mal tun solltet – statt ständig Trübsal zu blasen. Das ist ja nicht mehr mit anzusehen!«

»Wir blasen kein…«, protestierte Winoa lahm.

»… Trübsal«, vollendete der Commander für sie.

»Witzig«, knurrte Jarvis. »Ihr solltet Sesha mal um einen Spiegel bitten. Kann ich auch gern für euch übernehmen. Sesha –«

»Schon gut, du Meisterpsychologe! Setz dich zu uns, heitere uns auf.« Cloud wies auf den freien Sitz zu seiner Linken, den normalerweise Scobee belegte. Aber die hatte sich offenbar auch verzogen und es nicht mehr ertragen.

Seit Scutor die RUBIKON wieder verlassen hatte, um sich mit seinen Artgenossen im Asteroidenschiff zu beraten, das Phaeno ebenfalls in einem genau austarierten Orbit umlief, hatte eine ungute Passivität Einzug im Schiff gehalten. Zumindest, was die Führungsmannschaft betraf.

Und daran wiederum trug aus Jarvis‘ Sicht John die Hauptschuld.

John, der nicht aufhören konnte, sich die Sequenz vorspielen zu lassen, in der Assur auf Phaeno stand und sich in das dortige Experimental-Weltennetz einfädelte – indem sie einen der Planeten-Avatare berührte und sich so zu der Welt transportieren ließ, die er symbolisierte.

Nicht irgendein Planet, korrigierte sich Jarvis. Die Erde. Die Hohlwelt-Erde in der Milchstraße!

Bei ihrer Ankunft über Phaeno waren sie mit einer guten und mit einer schlechten Nachricht konfrontiert worden.

Die gute: Die tot geglaubte Gefährtin des Commanders, zugleich die Mutter von Winoa, lebte allem Anschein nach noch!

Die schlechte: Sie hatten sie um wenige Stunden verpasst – was nicht nur eine Trennung von ein paar Lichtjahren zur Folge hatte, sondern aufgrund des Weltennetz-Charakters und des von ihr angewählten Zielplaneten schlicht und ergreifend die »Höchststrafe« bedeutete: Assur war ihnen wieder fast so fern, als wäre sie wahrhaftig auf dem Planeten Diversity gestorben!

Fast, relativierte Jarvis sofort seinen Gedanken. Fang jetzt nicht auch noch an mit dieser Schwarzmalerei, verdammt!

Als Winoa Anstalten machte, ihren Platz zu räumen, von dem sie wusste, dass Jarvis ihn im Allgemeinen bevorzugte, winkte Jarvis schnell ab. »Bleib sitzen, ist schon gut. Hier ist jeder Sitz so hart wie der andere. Mein empfindliches Gesäß ist das gewohnt.«

Normalerweise hätte das schon einen Lacher verdient gehabt.

Aber Pustekuchen.

»Wie oft habt ihr euch das jetzt schon angesehen?«, fragte er, nachdem er seinen Kunstkörper in Scobees Sitz gepflanzt hatte.

»Es läuft in einer Endlosschleife«, sagte John.

»Und? Hilft’s?«

»Mir schon«, sagte Winoa. »Ich bin so froh, dass ich Mum sehe. Ich könnte sie mir den ganzen Tag ohne Pause ansehen.«

Zu Jarvis‘ eigener Überraschung weckten die Worte Milde in ihm. Er nickte. Bractonen-Technik zauberte ein verständnisvolles Lächeln auf die Illusion eines Körpers aus Fleisch und Blut. »Du bist ein Kind. Für dich ist das normal. Es ist immerhin deine Mutter. Bei ihm…« Er nickte zu John. »… mache ich mir schon etwas mehr Gedanken.«

»Er liebt sie eben. So wie ich.«

In die Miene des Commanders kam Leben. »Du hörst es. Es ist normal. Ich tue nichts, was anderen schadet.«

»Doch«, widersprach Jarvis. »Du schadest dir selbst. Deine Trauer war fast gesünder als das, was du hier treibst.«

»Was treibe ich denn?«

»Selbstzerfleischung. Du kannst es nicht verwinden, dass wir um eine Idee zu spät hier eintrafen.«

»Es ist ja auch der blanke Wahnsinn!«

Jarvis nickte. »Volle Zustimmung – aber eben auch nicht zu ändern. Scutor hat uns versprochen, die Daten des Transfers auswerten zu lassen und uns dann alles für uns Wichtige mitzuteilen. Das wird nicht mehr lange dauern. Und wer weiß: Vielleicht gibt es einen Weg, Assur wieder zurückzuholen. Wie lange ist man unterwegs von Eleyson zur Milchstraße? Es gibt da sicher –«

»Im Gegensatz zu dir bin ich wenigstens Realist«, unterbrach ihn John. »Alles, was wir bislang über das Weltennetz der Auruunen wissen, besagt, dass ein Transfer in Quasi-Zeitlosigkeit vonstattengeht. Das heißt: Assur ist längst am Ziel, in der Gegenstation. Mit ‚zurückholen‘ ist da nichts.«

»Dann holen wir sie eben auf andere Weise zurück – auf die handfeste altmodische Methode!«

»Die da wäre?«

»Wir schicken ihr jemanden hinterher, der sie zurückbringt – irgendwie.«

»Die Risiken wären unüberschaubar.«

»Was bedeutet, dass dafür nur einer infrage käme: Ich!« Der Ausdruck auf Johns Gesicht gab ihm zu denken. Unsicher fragte er: »Du alter Taktikfuchs… das hast du jetzt aber nicht schon die ganze Zeit im Hinterkopf und mich mit dieser Masche…« Er zeigte in das Hologramm, wo Assur gerade wieder vom Avatar aufgesogen wurde. »… dahin führen wollen, wo ich jetzt bin?«

»Traust du mir so etwas zu?«

Jarvis musste keine Sekunde überlegen. »Ja!«



Scutor übermittelte John Cloud die dringende Bitte, auf das Asteroidenschiff der Abrogaren überzusetzen. Cloud erklärte seine prinzipielle Bereitschaft, ohne den genauen Grund der Zusammenkunft zu kennen. Er hoffte aber, dass es mit Assurs Aufenthalt auf Phaeno zusammenhing – und mit neuen Erkenntnissen, die es leichter machen würden, zu zurückzuholen.

»Wie gelange ich zu dir?«

»Ich schicke dir einen Transmitter-Spot.«

Sekunden später bildete sich in Clouds Nähe ein Ring aus Licht, der aussah, wie von einem Scheinwerfer dorthin gesetzt.

»Pass auf dich auf«, gab ihm Jarvis mit auf den Weg. Und die inzwischen dazugekommene Scobee ergänzte: »Soll nicht besser einer von uns mitkommen?«

Er schüttelte den Kopf und überbrückte die kurze Distanz zu dem Ring. Nachdem er hineingetreten war, passierte zunächst nicht. Doch dann erlosch die Markierung aus goldfarbenem Licht – und mit ihr der Commander.

Fast zeitgleich fand er sich vor Scutor wieder. Der Arachnide begrüßte ihn förmlich im üblichen Dämmerschein an Bord seines Schiffes. Die hiesige Kommandozentrale unterschied sich von allem, was Cloud an Raumschiffen bislang unter die Augen gekommen war. Spinnwebartige Strukturen waren durchwoben von leuchtenden Fäden und dienten offenbar der Steuerung sowohl des Schiffes als Fahrzeug, als auch der internen Systeme.

Schattenhaft waren andere Abrogaren zu sehen, die sich hinter den Schleiern bewegten. Alle waren ähnlich bekleidet wie Scutor, aber er war der Einzige in Clouds Nähe, der einen edelsteinartigen Translator wie eine Brosche im Brustbereich trug.

»Da bin ich«, konstatierte Cloud das Offensichtliche. Wenn er in sich hineinspürte, fand er immer noch Hinweise darauf, dass er sich in dieser Umgebung – und auch in der direkten Konfrontation mit den Spinnenwesen – grundsätzlich unwohl fühlte. Was aber nichts mit Zweifeln an Scutors Integrität oder der seiner Artgenossen zu tun hatte. Es war einfach eine kreatürliche Abneigung, die er, anders als bei vielen anderen Extraterrestriern, nicht in den Griff bekam. Niemand bedauerte das mehr als er.

»Ja«, erwiderte der Abrogare. »Ich danke dir.«

»Gibt es Neuigkeiten?«, fragte Cloud.

»In der Tat. Ich erfuhr gerade erst selbst davon – und habe spontan entschieden, dich darüber in Kenntnis zu setzen.«

»‘Spontan‘ mit oder ohne Billigung deiner Vorgesetzten?«

»Mit«, erklärte Scutor. »Sie mussten natürlich vorab über meinen Schritt informiert werden.«

Cloud nickte. »Dann war das wohl ein verzeihlicher Übersetzungsfehler.« Er zeigte auf den Translator. »Dort, wo ich herkomme, bedeutet spontan etwas anderes.«

Eine Art Stoßseufzer entrang sich Scutors Kehle. Die Mandibeln bewegten sich in einer Weise, die Cloud unwillkürlich an die Beißwerkzeuge irdischer Insekten erinnerte, wenn sie Nahrung – Beute! – zerkauten.

Nein, richtig warm würde er mit den Abrogaren wahrscheinlich nie werden.

»Darf ich dir jetzt unsere Entdeckung offenbaren und unsere Frage damit verknüpfen?«

»Es scheint sich nicht um etwas Positives zu handeln«, sagte er.

»Wir haben mit dergleichen nicht gerechnet, und ich – wir, die Abrogaren – möchten ganz einfach wissen, ob es sich um einen Einzelfall handelt – was wir für unwahrscheinlich halten –, oder ob alle Menschen dieses Merkmal enthalten.«

»Merkmal?«

»Mit deiner Erlaubnis können wir es an dir zuerst überprüfen – und danach an der restlichen Besatzung deines Schiffes.«

»Was überprüfen?«

»Ein einfacher Diagnosescan«, sagte Scutor.

»Ich bin nicht krank.«

»Das habe ich auch nicht behauptet, im Gegenteil.«

»Erkläre mir, warum, und ich denke darüber nach, ob ich es erlaube.«

»Die Prozedur ist absolut unschädlich und dauert nur einen winzigen Moment. Dein Entgegenkommen würde untermauern, dass dir an einer engen Zusammenarbeit gelegene ist.«

»So etwas Ähnliches hast du schon mal versucht, erinnerst du dich? Du hast von vertrauensbildenden Maßnahmen gesprochen und uns im gleichen Atemzug beschissen. Habe ich dir das nachgetragen?«

Scutor verneinte. »Ich bitte dich darum.«

Cloud wusste nicht, warum, aber er willigte ein. »Von mir aus. Aber keine faulen Tricks. Und ich will sofort nach Vorliegen des Ergebnisses wissen, was ihr herausgefunden habt – und in welchem Zusammenhang es zu Assurs Aufenthalt auf Phaeno steht!«

»Akzeptiert.«

»Dito«, sagte Cloud. »Leg los.«

Der Abrogare tat nichts Sichtbares. Trotzdem hatte Cloud das Gefühl, von etwas durchrieselt zu werden, wie von schwacher Energie. Gleich darauf verschwand das Prickeln wieder. Und noch einmal Sekunden später sagte Scutor: »Das ist erstaunlich. Ich hatte anderes erwartet. Bei dir… fehlt die gesuchte Komponente.«

» Welche Komponente?«

»Ganf«, sagte der Arachnide. »Bei dem Besatzungsmitglied, das auf Phaeno auftauchte, für Unruhe sorgte und wieder verschwand, handelt es sich um ein Wesen, das neben der DNA, die auch du aufweist, noch eine zusätzliche Komponente enthielt, die eindeutig auf die ehrwürdigen Ganf zurückzuverfolgen ist. Eines der Urvölker Eleysons, das euch nicht unbekannt ist und von dem sich auch klar identifizierbare Technik an Bord eures Schiffes befindet.«



»Das mit der Technik hatten wir bereits erörtert. Ihr kennt die Gründe, weshalb die RUBIKON damit nachgerüstet wurde. Wir haben mit offenen Karten gespielt. Was allerdings deine Behauptung angeht, Assur trage Ganf-DNA in sich…« Er sprach nicht weiter, weil ihm schlicht die Worte fehlten.

»Du bezweifelst unser Resultat.«

»Ja.«

»Ich lasse dir die Datensequenzen übermitteln, die während der Verhöre aus dem weiblichen Exemplar deiner Spezies gezogen wurden.«

»Verhöre.«

»Sie tauchte ohne Vorwarnung und vor allem ohne Legitimation auf Phaeno auf – es ist, denke ich, nur verständlich, dass sie Überprüfungen über sich ergehen lassen musste. Wäre das bei euch Menschen in vergleichbarem Fall anders?«

»Nein«, räumte Cloud widerwillig ein, während er noch immer an der Behauptung Scutors knabberte.

Nach einer Weile bot er an: »Okay, ihr habt die Erlaubnis, auch den Rest meiner Mannschaft dieser… Untersuchung zu unterziehen, falls sie für jeden so harmlos verläuft wie für mich gerade.«

»Das wird sie. Und wir können es von unserem Schiff aus veranlassen, niemand muss sich zu uns begeben und wir nicht nach drüben.«

»Gut. Wann kann ich mit dem Ergebnis rechnen.«

»In wenigen Minuten deiner Zeit. Ich starte den Scan sofort.«

Cloud schloss kurz die Augen. »Warte«, sagte er.

»Hast du es dir anders überlegt?«

Er schüttelte den Kopf. »Aber die Crew muss vorbereitet werden. Wenn plötzlich alle dasselbe spüren, was ich gerade gefühlt habe, könnten sie auf falsche Ideen kommen.«

Dass wir sie angreifen?«

»Zum Beispiel.«

»Gut. Dann sprich mit ihnen. Ich öffne eine Verbindung zu eurer KI. Jetzt. Du kannst jetzt sprechen…«



»Mir gefällt das nicht«, sagte Scobee. »Ein Medizinscan – der kompletten Besatzung? Warum

»Du befürchtest falsches Spiel der Abrogaren?«, fragte Jarvis.

»Ich befürchte prinzipiell falsches Spiel von jedem, der nicht zu meinem engsten Freundeskreis gehört.«

»Mit dieser Einstellung bist du nicht weit von einem Psychoten entfernt.«

»Das sagt der Richtige.«

»Also bitte. Ich misstraue nicht grundsätzlich erst mal jedem.«

»Nein, du schießt grundsätzlich, noch bevor sich Misstrauen entfalten kann.«

»Jetzt übertreibst du maßlos.«

»Du nicht?«

Jarvis grinste. Und wie stets konnte auch Scobee sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Ihre Beziehung war einzigartig. Und das Beste daran, fand sie, war, dass es keine Beziehung im klassischen Sinne war.

»Es geht los«, sagte sie. Sie spürte ein Prickeln, das durch ihren ganzen Körper raste. »Merkst du es auch?«

Zu ihrer Überraschung bestätigte Jarvis. »Jep. Es kribbelt.«

»In deinen Nano-Modulen?«

»Jep.«

»Du veralberst mich!«

»Jep.«

Sie war drauf und dran, ihm an die Gurgel zu gehen. Das Prickeln erstarb.

»Das war’s schon. Ganz wie John es beschrieb.« Sie drohte Jarvis mit der geballten Faust. »Das hat noch ein Nachspiel. So leicht kommst du mir nicht davon.«

»Ja, Herrin.«

Sie tat, was sie noch nie getan hatte – nicht aus so banalem Anlass jedenfalls: Sie löste den Verschluss des Sarkophags aus und zog sich unter den Deckel zurück.

Einfach, weil sie den Ignoranten Jarvis nicht länger ertragen konnte.

Für ein paar Minuten genoss sie die Ruhe.

Dann klopfte es gegen das »Verdeck«.

Fluchend öffnete sie den Sitz und wollte endgültig aus der Haut fahren. Aber neben ihr stand nicht Jarvis – okay, der auch, aber nicht allein –, sondern John, der offenbar auf dieselbe Weise zurückgekehrt war, wie er die RUBIKON zuvor verlassen hatte.

»Ich glaube, das interessiert euch auch«, sagte er. Als er Scobees aufgebrachte Miene bemerkte, warf er Jarvis einen tadelnden Blick zu.

So klar war also, dass der Typ nervte.

Scobee überlegte, sich auf ein anderes Schiff versetzen zu lassen. Allerdings wusste sie auch, wie schwierig das werden würde. Außer Jarvis war an Bord alles perfekt.

»Was interessiert uns? Was sollte der Scan überhaupt?«, fragte sie. »Halten die Abrogaren uns für krank? Für potenzielle Seuchenüberträger?«

Er schüttelte den Kopf. »Es geht um etwas, das bei Assur entdeckt wurde.«

»Und was?«, fragte jetzt auch Jarvis.

»Eine gentische Komponente, die die Arachniden ganz wuschig zu machen scheint.«

»Geht es auch genauer?«, fragte Scobee.

Er nickte. »In Assurs DNA wurden Ganf-spezifische Anteile gefunden.«

Scobee schüttelte den Kopf. »Das ist Quatsch! Das glaube ich nicht.«

»Daraufhin«, fuhr Cloud fort, ohne auf den Einwand einzugehen, »wurde ich bei den Abrogaren gecheckt.«

»Was kam heraus?«, fragte Jarvis.

»Negativ. In mir gibt es diese genetische Verbindung nicht. Worauf Scutor bat, auch den Rest der Crew zu überprüfen.«

»Was ja auch geschah.«

Cloud nickte.

»Und das Ergebnis?«

»Das Ergebnis ist einerseits überraschend und andererseits logisch«, sagte er. »Die genetische Auffälligkeit ist nur bei einer bestimmten Personengruppe an Bord feststellbar.«

Scobee wusste intuitiv, worauf er anspielte. »Die Angks«, platzte es aus ihr heraus.

»Die Angks«, bestätigte er. »Sämtliche Angkstämmigen, ausnahmslos.«



»Gibt es dafür eine Erklärung?«, fragte Jarvis – und verbesserte sich selbst: »Klar. Muss es ja geben. Ich hätte sie nur gern.«

»Die Einzigen, die die Frage verlässlich beantworten könnten, wie es dazu kommt, wären die Ganf selbst. Aber zu denen haben wir momentan keinen so guten Draht. Falls die Auruunen Nägel mit Köpfen gemacht haben, könnte es sogar sein, dass es keine Ganf mehr in der Milchstraße gibt. Zumindest nicht im Angksystem.«

»Weil es auch das Angksystem nicht mehr gibt«, sagte Scobee.

Er nickte.

»Warum ist diese Komponente nie jemandem bei uns aufgefallen?«, fragte Jarvis. »Ich meine bei Medizin-Scans, die ja durchaus schon mal vorgekommen sein dürften.«

»Sesha?«, wandte sich Cloud an die KI. »Was sagst du dazu?«

Die KI des Schiffes antwortete: »Negativ. Eine solche genetische Verwandtschaft mit den Ganf konnte in der Vergangenheit nicht festgestellt werden und lässt sich auch nach Wiederdurchsicht der Dateien nicht erkennen.«

»Dann gibt es zweifellos eine Schwachstelle in der foronischen Diagnosetechnik, die Abrogaren-Technologie nicht besitzt«, sagte Cloud. »Damit müssen wir leben. Es gibt immer ein ‚Besser‘.«

»Weise gesprochen, großer Häuptling«, sagte Scobee. »Und nun? Ist dieser Fund von größerer Tragweite? Hat er Konsequenzen für uns bei den Arachniden?«

»Soweit ich das abschätzen kann und aus Scutors Verhalten interpretiere: ja. Aber keinesfalls negative.«

»Das wäre ja schon mal nicht schlecht«, sagte Jarvis. »Die scheinen ja ganz vernarrt in alles, was ‚ganf‘ ist. Schade, dass mir diese Komponente fehlt. Ich hätte auch nichts gegen etwas mehr Anerkennung einzuwenden.«

»Schwätzer!«, kanzelte ihn Scobee ab.

»Dem ist für den Moment«, sagte Cloud, »nichts hinzuzufügen. Und jetzt informiere ich die Besatzung. Sie hat ein Recht darauf, die Neuigkeit auch zu erfahren.«

»Befürchtest du keine Unruhe?«, fragte Scobee.

Er schüttelte den Kopf. »Ändert sich für die Crew auch nur das Geringste, weil sich eine genetische Verflechtung des Großteils von ihnen mit den heimlichen Herren ihrer früheren Heimat ergeben hat?« Er schüttelte, wie um sich die Frage selbst zu beantworten, den Kopf. »Nein, tut es nicht.«



Aylea half Jelto im neu angelegten hydroponischen Garten, dessen zentraler Punkt ein Hügel war, auf dem der Vaschgane wuchs – jener intelligente Baum, den sie von ihrem Diversity-Abenteuer mitgebracht hatten.

»Wie, denkst du«, fragte Jelto, der selbst gezogene Stauden mit seiner Aura bestrich, »wird John der Herausforderung begegnen?« Er hielt kurz inne und blickte zu Aylea, die Handschuhe übergestreift hatte und unterhalb des Baumes kleine Löcher aus aushob, um die von Jelto vorbehandelten Gewächse einzupflanzen.

»Der alte Brummbär braucht Gesellschaft«, hatte der Florenhüter gesagt und damit den Baum gemeint, der dermaßen mit intelligenzerzeugenden Partikeln angereichert war, dass er schon vor langer Zeit begonnen hatte, eine Persönlichkeit zu entwickeln. Alternativ zu Brummbär nannte Jelto ihn auch manchmal »den Weisen«. Ob das gerechtfertigt war, vermochte Aylea nicht zu sagen, denn die Verbindung, die Jelto in der Lage war, zu dem Vaschganen herzustellen, blieb ihr verwehrt. Der Einzige, der außer dem Florenhüter noch zu einer Verständigung in der Lage war, hieß Algorian. Er hatte telepathische Fähigkeiten.

»Welcher?«, fragte das Mädchen, ohne aufzuschauen. »Der Ganf-Verwandtschaft oder Assurs Verschwinden von Phaeno?«

»Assur«, sagte Jelto. »Wirklich erfreulich, dass sie offenbar noch lebt, nachdem schon alle fest an ihren Tod glaubten.«

»Nicht alle«, widersprach Aylea. »Winoa nicht. Sie und Rotak hatten den Glauben nie aufgegeben. Und John wahrscheinlich auch nicht. Nicht restlos jedenfalls.«

Jelto nickte. »Tragisch, dass sie erneut vom Radar verschwunden ist.« Er wollte noch mehr sagen, drehte aber den Kopf, weil er Schritte hörte, und brachte seine Aura zum Verlöschen, als er bemerkte, auf dem Weg zu ihnen war.

»Ah, wenn man vom Teufel spricht.«

»Teufel?« Aylea bemerkte erst jetzt den Ankömmling. Sie war Jeltos Blick gefolgt, und sofort legte sich ein freudiger Ausdruck auf ihr Gesicht. »Winoa!«

Sie waren schon seit längerem eng miteinander befreundet. Daran hatte auch Winoas noch engere Beziehung zu Yael nichts ändern können.

Freundschaft und Liebe ließen sich auseinander halten.

Meistens jedenfalls.

Aber die gemeinsamen Stunden waren weniger geworden.

Auch normal, entschied Jelto, der über die persönliche Situation seiner Freunde meist bestens informiert war, weil viele ihn in seinem Garten besuchten und sich, was immer sie bedrückte, von der Seele redeten.

Winoa trat näher, die Hände in den Hosentaschen vergraben und angelegentlich von einem zum anderen schauend.

»Was macht‘n ihr da?«

»Schwitzen«, sagte Aylea und lachte.

»Aha.«

»Du solltest eigentlich besser drauf sein«, sagte Aylea. »Deine Mum lebt! Das ist doch schon mal die Nachricht schlechthin!«

»Schon«, murmelte Winoa.

»Aber?«, fragte Jelto.

»Habt ihr’s nicht gehört?«

»Was?«

»Das mit dem Ganf-Zeug in unseren Körpern. In denen Angks.«

Jelto nickte. »Soweit ich das verstanden habe, gibt es keinen akuten Grund zur Besorgnis. Für euch ändert sich nichts. Ihr seid gesund – egal, ob es eine verwandtschaftliche Beziehung im weiteren Sinne zu den Ganf geben mag oder nicht. Das solltest du wirklich nicht überbewerten.«

Winoa schwieg.

»Sorgst du dich deswegen«, fragte Aylea, »oder wegen etwas anderem.«

»Deswegen nicht. Eher weil… naja, sie ist halt immer noch verschwunden.«

»Deine Mum.«

Winoa nickte.

»Das wird nicht so bleiben. John lässt es bestimmt nicht auf sich beruhen. Er liebt deine Mum. Er wird alle Hebel in Bewegung setzen, um –«

»Ja, das hat er schon angekündigt. Jarvis soll mal wieder die Kastanien aus dem Feuer holen. Aber ehrlich: Was will der allein ausrichten, wenn es gegen die Auruunen geht? Und gegen die geht es! Die Abrogaren haben keinen Zweifel daran gelassen, dass jeder Avatar des geklauten Weltennetzes einen Planeten darstellt, der sich fest in Auruunen-Hand befindet. Schlechter hätte Mum es nicht treffen können.«

Jelto ließ sich die Worte durch den Kopf gehen. »Offenbar stellt der von ihr angewählte Avatar die Hohlwelt-Erde dar, auch wenn ich mir nicht erklären kann, was die Auruunen ausgerechnet dorthin verschlagen hat. Wenn dem aber so ist, könnte es eine Chance für Assur sein. Sie wird nicht nur auf Auruunen treffen, sondern auch auf Menschen – höchstwahrscheinlich jedenfalls.«

»Das ist jetzt aber reine Speku«, sagte Winoa.

Er nickte. »Mehr haben wir nicht. Für den Moment jedenfalls. Aber vielleicht wissen die Abrogaren mehr. Und Jarvis ist bestimmt nicht die schlechteste Idee, das weißt du. Unterschätze ihn nicht.«

»Tu ich ja gar nicht. Ich hasse es nur, die Hände in den Schoss zu legen.«

»Dem kann abgeholfen werden«, sagte Aylea, streifte ihre Handschuhe ab und warf sie der Freundin zu. »Hier, pack mit an. Damit der ‚alte Brummbär‘ aufhört, so griesgrämig zu uns herunterzuschauen!«



Cloud bestellte Jarvis in seine Kabine.

Das war an sich nicht ungewöhnlich, sie waren befreundet. Aber es war lange nicht mehr vorgekommen. Unter anderem deshalb, weil Cloud, als alles noch in Ordnung gewesen war, fast ausschließlich im Angkdorf zuhause gewesen war, in Assurs dortigem Haus.

Dort aber wollte er ohne sie nicht mehr sein. Auch nicht Winoa zuliebe, die ihrerseits fast nur noch bei Yael in Pseudokalser nächtigte. Jiim störte es nicht, und sowohl John als auch ihr Vater Rotak waren froh darüber, dass die Nargen sie unter ihre Fittiche genommen hatten.

»Worum geht es?«, fragte Jarvis.

»Um deinen Einsatz.«

»Dann war das tatsächlich dein Ernst?«

Details

Seiten
240
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924541
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v453169
Schlagworte
rubikon oort-erde

Autor

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Titel: ​Raumschiff Rubikon 28 Die Oort-Erde