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Raumschiff Rubikon 27 Welt der Welten

2018 240 Seiten

Leseprobe

Raumschiff Rubikon 27 Welt der Welten

Oliver Fröhlich

Am Morgen einer neuen Zeit.

Der Krieg zwischen den organischen und anorganischen raumfahrenden Völkern konnte im letzten Moment abgewendet werden. Die Menschen jedoch sind nach wie vor fremdbestimmt und als die Erinjij gefürchtet, die sich in ihren Expansionsbestrebungen von nichts und niemandem aufhalten lassen.

Abseits aller schwelenden Konflikte kommt es im Zentrum der Milchstraße zu einer von niemand vorhergesehenen, folgenschweren Begegnung.

Eine unbekannte Macht hat sich dort etabliert. Schnell zeichnet sich ab, dass es sich um keinen "normalen" Gegner handelt. Die Bedrohung richtet sich nicht nur gegen die heimatliche Galaxie, sondern könnte das Ende allen Lebens bedeuten.

Die Geschichte des Kosmos, so scheint es, muss neu geschrieben werden …


Copyright


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfredbooks und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© Cover: Nach Motiven von Pixabay, Adelind, Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de


Prolog

Nahe Vergangenheit


»Wir begehen einen schweren Fehler, Alcazar! Wenn wir diesen Wahnsinn nicht stoppen, besiegeln wir den Untergang des Planeten, wenn nicht gar des kümmerlichen Restes unseres Volkes.«

Die Stimme erklang rechts von Alcazar aus den Reihen des Publikums, das sich zum »Tag der Zündung« vor der Forschungsstation eingefunden hatte und einer langweiligen Rede nach der anderen lauschte. Er wandte den Blick von Regierungsrat Emmeriz ab, versuchte dessen sinnloses Geschwafel auszublenden und richtete seine Aufmerksamkeit stattdessen auf den Arachniden, der ihn angesprochen hatte.

Ranascor! Ausgerechnet sein Kokonbruder!

Dabei hatte Alcazar einen Platz unter den Zuhörern gewählt, der möglichst viel Abstand zwischen sich und Ranascor bringen sollte. Doch der Arachnidenkrieger hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht und sich kurzerhand durch die Reihen der versammelten Belegschaft und geladenen Gäste in seine Nähe geschoben.

Er glaubte, den Hass in Ranascors Hauptaugen lodern zu sehen. Seine Kiefertaster zitterten vor Erregung und an den Kieferklauen schimmerte ein Tropfen Gift.

»Was willst du hier?«, zischte Alcazar ihn an.

»Dich auf die Katastrophe hinweisen, die ihr heraufbeschwört.«

Nicht schon wieder! Will er mich mit denselben klebrigen, alten Fäden zuweben wie jedes Mal? Hier? Vor allen anderen? »Du irrst dich. Das Weltennetz bietet die einzigartige Chance, gegen einen übermächtigen Gegner zu bestehen. Wir dürfen sie nicht ungenutzt verstreichen lassen.« Als hätte er ihm das nicht bereits tausendmal vorher erklärt.

»Aus dir spricht der Wissenschaftler. Für dich zählen nur Forschung und Wissensmehrung. Was aus unserem Volk wird, interessiert dich nicht.«

»Unsinn! Aber im Gegensatz zu dir sehe ich im Sammeln von Wissen die schärfste Waffe gegen die Verheerer. Natürlich spricht aus mir der Forscher. Warum spricht aus dir nicht der Krieger, der du zu sein vorgibst? Müsste dir und deinesgleichen nicht daran gelegen sein, den Feind zu besiegen?«

Der Jagddorn drang aus Ranascors Kieferklaue und der Gifttropfen fiel zu Boden. Als sei sich der Arachnide dieser Unbeherrschtheit bewusst geworden, zog er das klingenähnliche Glied zurück. »Die Auruunen sind nicht zu bezwingen! Für uns nicht und für niemand anderen in dieser Galaxis.«

»Du vergisst die Ganf!«

Ranascor stieß ein heiseres Lachen aus, das Alcazars Becherhaare an den Beinen erzittern ließ. Einige der Wissenschaftler, Krieger und Arbeiter, die der Rede des Ratsmitglieds zuhören wollten, drehten sich um und bedachten sie mit vorwurfsvollen Blicken.

Schuldbewusst sah Alcazar nach vorne, wo Regierungsrat Emmeriz in einem kunstvollen Fadengewebe etliche Körperlängen über ihnen thronte und in mühsam zu folgenden Sätzen das Weltennetz anpries, das sie dem machtvollen Feind entreißen konnten. »Gewiss, es handelt sich lediglich um eine Kopie, welche uns das Programm übermitteln wird, das unsere Techniker in das Netz der Auruunen einzuspeisen gelang. Dennoch hoffen wir, aus ihm wertvolle Aufschlüsse über das Wesen der Verheerer zu gewinnen. Über ihre Struktur, ihre Gesellschaft, ihre Ausbreitung, aber auch ihre Schwachstellen. Heute ist der Tag der Zündung gekommen. Jener Tag, auf den wir über lange Zyklen hingearbeitet haben. Voller Tatendrang, Mut und Erwartung werden in wenigen Minuten sämtliche Stationen überall auf dem Planeten zeitlich synchronisiert den Zündimpuls zur Erstinstallation der ...«

Was für ein Gefasel, dachte Alcazar. Vor Wissenschaftlern eine Rede zu halten, die vollgepackt ist mit Informationen, die man erst von eben diesen Wissenschaftlern erfahren hat! So etwas bringt auch nur ein Mitglied des Regierungsrats fertig.

Er löste seine Aufmerksamkeit von der langweiligen Ansprache und ließ den Blick über das Gelände gleiten.

Hinter Emmeriz’ Fadengewebe erhob sich die Station PHAE-05-F, eine von siebenundzwanzig über den Planeten Phaeno verteilten Forschungsbasen. Eine Hundertschaft von Arbeiter- und Webarachniden hatte über Wochen und Monate alles gegeben, die Basis termingerecht fertigzustellen. Entstanden war ein gigantischer, mehrfach unterteilter Kokon, der genügend Raum für alle Belange bot.

Dennoch hatten die Krieger darauf bestanden, in eigenen Bauten unterzukommen. So befand sich PHAE-05-K nur wenige Tausendkörperlängen nördlich von der Forschungsstation entfernt.

Wenn es nach Alcazar gegangen wäre, hätte es der Kriegerkokons überhaupt nicht bedurft. Auf Phaeno existierten keine Gefahren, gegen die man sich wappnen musste. Sie hatten lange suchen müssen, um einen Planeten wie diesen zu finden. Lebensfreundlich, mit einem milden, gleichmäßigen Klima überall auf der Oberfläche – egal ob an den Polen oder am Äquator. Keine Wüsten, keine Dschungel, nur gemäßigte Vegetation mit kräftigen Wiesen, Sträuchern, Bäumen und gelegentlich einem Wald.

Die Abrogaren hatten Phaeno einen ganzen Sonnenumlauf lang gescannt. Das Ergebnis war beinahe zu schön gewesen, um wahr zu sein.

Vulkanische Aktivitäten oder Erdstöße, die eine Gefahr für die Stationen darstellen könnten?

Fehlanzeige.

Intelligente Wesen, denen sie den Lebensraum streitig machen würden?

Ebenfalls Fehlanzeige.

Ein Planet, wie geschaffen für Forschungsstationen.

Lediglich die Tatsache, dass Phaeno zu gut siebzig Prozent von Ozeanen überzogen war, stellte ein kleines Manko dar. Der Wissenschaftliche Rat legte Wert darauf, dass sich die Basen möglichst gleichmäßig über die Planetenoberfläche verteilten. Eine technische Notwendigkeit bestand hierfür nicht, doch man fürchtete Kompetenzgerangel. Wenn eine Station wegen ihrer Lage für größere Teile des Weltennetzes zuständig war als andere, könnte deren Leiter nur allzu leicht auf den Gedanken verfallen, seine Stimme zähle bei Ratsversammlungen mehr.

So blieb den Abrogaren keine Wahl, als neunzehn Stützpunkte auf Schwebeplattformen über dem Ozean zu errichten – und das, obwohl die Spinnenwesen nicht schwimmen konnten. Da man während des einjährigen Scans aber nicht einen einzigen Sturm über den Meeren verzeichnet hatte, schätzte man das damit einhergehende Risiko auf null ein.

Geringes Risiko hin oder her, ich bin trotzdem froh, eine der Stationen an Land leiten zu dürfen. Ständig von Wasser umgeben zu sein, würde mich in den Wahnsinn treiben.

Das riesige Tal, das sich unweit von PHAE-05-F erstreckte, gefiel ihm da schon erheblich besser. Die weitläufige Waldfläche – die wohl größte auf ganz Phaeno – und die zwei Planetenadern, die das Tal durchdrangen, boten einen majestätischen Anblick, von dem er sich nur schwer lösen konnte. Als er bei der Kartographierung auf dieses traumhafte Stück Welt aufmerksam geworden war, hatte er seinen ganzen Einfluss geltend gemacht, dass eine der Stationen in Talnähe ihren Standort fand – und dass er ihr vorstehen dürfe.

»Ich habe die Ganf keineswegs vergessen«, zischte Ranascor ihn von der Seite an.

Für einen Augenblick wusste Alcazar nicht, wovon sein Kokonbruder sprach, doch dann erinnerte er sich an das Streitgespräch, das unter den vorwurfsvollen Blicken der anderen Abrogaren kurzzeitig erstickt war.

»Dann weißt du, dass man die Auruunen sehr wohl besiegen kann. Die Ganf haben ...«

»... sich als Erste gegen sie erhoben. Ich kenne die Legenden. Von einem Sieg kann jedoch keine Rede sein.«

»Aber ...«

»Wo sind sie denn jetzt, deine Ganf? Warum hat sich ihre Spur im Dunkel der Zeiten fast verloren? Wie konnten die Auruunen uns Abrogaren beinahe vollständig tilgen, wenn die Ganf doch über sie gesiegt haben?«

»Ich weiß es nicht«, gab Alcazar kleinlaut zu. Tatsächlich sprachen die alten Geschichten nicht von einem Sieg der Ganf, sondern nur davon, dass sie gegen die Verheerer aufgestanden seien. Aber warum hätten sich Legenden um sie bilden sollen, wenn sie unterlegen wären? Um wie viele Völker, die der Zerstörungswut der Auruunen zum Opfer gefallen waren, rankten sich Geschichten? Richtig! Um kein einziges. Also musste es mit den Ganf etwas Besonderes auf sich haben.

Alcazars Kokonbruder sah das offensichtlich nicht so. »Dachte ich es mir doch«, meinte er.

»Aber ich bin mir sicher, dass sie eines Tages zurückkehren werden. Und dann werden sie den Feind dorthin verjagen, woher er gekommen ist.«

»Nun klingst du gar nicht mehr wie ein Wissenschaftler, sondern wie ein Träumer.«

Alcazar spürte, wie nun auch seine Kiefertaster erzitterten. Er durfte sich von Ranascor nicht so provozieren lassen. Dieser legte es doch nur darauf an, dass sich Alcazar zu einer Unbeherrschtheit hinreißen ließ. Sie entstammten zwar dem gleichen Gelegekokon, doch mehr hatten sie nicht gemeinsam. Zumindest nicht mehr seit damals, als Scanesta ...

Er schüttelte die Erinnerung ab, die sich gerade mit aller Macht in ihm hochkämpfen wollte.

Das liegt lange zurück! Ich habe getan, was ich konnte. Was ich musste ! Auch wenn Ranascor das anders sehen mag und mich seitdem voller Inbrunst hasst.

»Eines Tages, wenn die Ganf erst zurückkehren, wirst du erkennen, wie unrecht du hast. Aber bis dorthin haben wir unsere Pflicht zu erfüllen.«

Ranascor scharrte mit dem hinteren Beinpaar im Gras. »Und die besteht darin, die Auruunen auf unsere Spur zu locken?« Der Sarkasmus in seiner Stimme war nicht zu überhören.

»Deine Ängstlichkeit nimmt allmählich zwanghafte Züge an! Der Regierungsrat hat dem Projekt zugestimmt. Es ist weder an dir noch an sonst jemandem, diese Entscheidung zu hinterfragen.«

Wieder stieß der Kokonbruder ein heiseres Lachen aus, diesmal aber so leise, dass sich keiner der Anwesenden daran störte. »Dass der Regierungsrat nur entscheidet, was der Wissenschaftsrat ihm zuflüstert, weil viele von ihnen demselben Gelege entstammen, spielt dabei aber keine Rolle, nicht wahr?«

»Natürlich nicht! Schon an uns beiden sieht man, dass dieselbe Herkunft nicht zugleich dieselben Ansichten bedingt.«

Für einen Augenblick brachte dieses Argument Ranascor zum Verstummen. »Du denkst, ich wäre alleine mit dem, was du Ängstlichkeit nennst, nicht wahr? Aber da irrst du dich! Die meisten Mitglieder des Kriegerrats teilen meine Meinung. Leider nicht alle, sodass sie sich gegen den Wissenschaftsrat nicht durchsetzen konnten. Doch ich habe eine Überraschung für dich.« Er deutete zum Himmel. »Dort oben.«

Alcazar sah hinauf, doch da war nicht einmal eine Wolke zu sehen. »Was ist da?«

»Noch nichts. Aber in wenigen Tagen wird dort PHAE-01-Z kreisen. Eine Kampfstation, von der du bisher nichts weißt und deren Installation der Regierungsrat erst vor ein paar Stunden beschlossen hat.«

»Z?« F stand für Forschung, K für Krieger. Aber von einer Z-Basis hatte Alcazar noch nie gehört.

»Zerstörung!« Ranascor gab sich keine Mühe, die Freude beim Anblick von Alcazars entsetzter Miene zu verbergen.

Der Wissenschaftler konnte kaum glauben, welches Wort seine Becherhaare da auffingen. Zerstörung? Waren die Krieger denn von allen guten Geistern verlassen? »Es ist uns gelungen, das Weltennetz der Auruunen zu kopieren. Wir können unendlich viel darüber lernen, wie sie sich darin bewegen, wie weit sie ihr Herrschaftsgebiet ausgedehnt haben, auf welche Art es arbeitet. Und wenn wir genug gelernt haben, können wir unser Wissen gegen sie verwenden. Diese wertvolle Quelle dürfen wir nicht vernichten!«

»Du bist verblendet, Bruder! Die Abrogaren konnten der vollständigen Ausrottung nur entgehen, in dem sie sich in die Dunkelwolke flüchteten, die wir nun unsere Heimat nennen. Hier überlebten wir bisher, weil die Auruunen uns noch nicht gefunden haben. Es ist ein unverantwortbares Risiko, das Weltennetz mitten in unserem Versteck zu installieren. Was, wenn wir die Verheerer damit förmlich zu uns einladen?«

»Das wird nicht geschehen! Wir errichten lediglich eine Kopie. Darauf haben sie keinen Zugriff.«

»Eine Kopie von etwas, dessen Funktionsweise ihr nicht einmal kennt. Wie kannst du dir so sicher sein, dass bei den Auruunen nicht sofort ein Alarm anschlägt, wenn ihr mit eurem unseligen Treiben beginnt? Könnt ihr ausschließen, dass die Verheerer nicht plötzlich aus allen möglichen Gegenstationen zu uns gelangen?«

»Wir installieren nur ein Abbild des Weltennetzes. In ihm wird sich keine Phaeno-Station befinden, also können sie den Planeten auch nicht erreichen. Wenn ein Raumschiff seine optischen Sensoren auf einen Mond ausrichtet, besteht dann die Gefahr, dass ein Feind auf der Mondoberfläche aus dem Anzeigeholo im Schiff steigt?«

»Natürlich nicht.«

»Und das wird auch hier nicht geschehen!«

Ranascor zögerte. »Nein, das wird es in der Tat nicht. Denn mit der Zerstörungsstation werden wir Phaeno pulverisieren, wenn auch nur die winzigste Kleinigkeit schiefgeht. Und jetzt rate, wer den Oberbefehl über die Z-Basis erhält.«

»Du!«, knirschte Alcazar.

»Exakt.«

»Das heißt aber nicht, dass du Phaeno ohne Genehmigung des Regierungsrats zerstören darfst.«

»Nein! Aber ich sag dir eines, Bruder: Wenn die Situation in meinen Augen zu heikel wird, schere ich mich nicht um die Meinung der Fadenbaumler von der Regierung. Dann sprenge ich den Planeten! Und diesmal werde ich nicht warten, bis du deinen haarigen Leib in Sicherheit gebracht hast.«

Mit diesen Worten drehte sich Ranascor um und verschwand in der Abrogarenmenge.

Alcazar blieb keine Zeit, über die Aussage seines Kokonbruders nachzudenken. Mit einem Mal setzte das typische Rauschen ein, das immer erklang, wenn die Arachniden als Zeichen des Beifalls die Hinterbeine aneinander rieben.

Die Zündung stand unmittelbar bevor.

In PHAE-01-F, der Forschungsstation auf einer Schwebeinsel inmitten des Nordmeers, zählten die letzten Sekunden des Countdowns herab, und PHAE-02 bis PHAE-27 folgten mit nicht messbarem Abstand.

Und dann war es soweit!

»Die Installation des Weltennetzes hat begonnen«, verkündete Emmeriz.

Das war vorerst allerdings auch das einzige Anzeichen dieses mit so großer Spannung erwarteten Ereignisses. Die Stille, mit der es sich vollzog, stand in krassem Gegensatz zur Bezeichnung Zündung .

Minuten verrannen, quollen dahin wie ein zu dick gewebter Faden. Nichts geschah. Dennoch verließ niemand das Gelände. Stattdessen starrten alle in den Himmel.

»Ich bekomme gerade eine Meldung von PHAE-03-F«, sagte der Regierungsrat in feierlichem Tonfall. »Die erste Welt ist erschienen.«

Jubel brandete auf, untermalt von dem Rauschen der geriebenen Hinterbeine. Dann kehrte wieder gespannte Ruhe ein.

Über fünf Stunden vergingen, bis sich auch bei ihnen etwas ereignete. Alcazar glaubte, ein leises Ploppen mit den Becherhaaren aufzufangen, war sich aber nicht sicher. Und dann, von einem Augenblick auf den anderen, schwebte einige Körperlängen über ihnen die Miniatur eines Planeten. Am Horizont erschien ein zweiter und über dem Tal ein dritter.

Erneut brandete Jubel auf.

»Es hat begonnen«, hörte Alcazar einen Abrogaren neben sich flüstern.

Das hat es! In dieser Sekunde wurde ihm zum ersten Mal bewusst, dass sie nicht wussten, über wie viele Stationen das Weltennetz der Auruunen verfügte. Und wie lange es in der Konsequenz dauerte, das komplette Netz nach Phaeno zu kopieren.

Tage? Oder Jahre?

Die Zukunft würde es zeigen. Eine verheißungsvolle Zukunft auf einem traumhaften Planeten, dessen war sich Alcazar gewiss.

Ranascors Befürchtungen würden sich als unbegründet erweisen. Sie mussten sich einfach als unbegründet erweisen!



Von den Abrogaren unbemerkt kauerte ein pelziges Wesen hinter einem Baum und starrte zu der Versammlung der Arachniden. Es hatte sich aus dem Tal nach oben geschlichen, angelockt von den fremdartigen Lauten der achtbeinigen Kreaturen.

Die vier unbehaarten fleischigen Schläuche, die auf seinem Kopf wuchsen, hingen schlaff herab. Nur gelegentlich zuckten sie umher und produzierten ein leises Brummen.

Doch als die erste Miniatur-Weltenkugel am Himmel erschien, richteten sie sich auf und erzitterten.

»Brchk!«, fauchte der Pelzige, doch das Geräusch ging im Jubel der Abrogaren unter.

Sein Fell sträubte sich und sonderte einen scharfen Geruch aus, der ebenfalls unbemerkt blieb. Das Wesen warf sich herum und trappelte ins Tal zurück, so schnell es seine Füßchen trugen.

Erst, als es die Gebärende erreichte und ihr warmes Pulsieren fühlte, beruhigte es sich ein wenig. Doch selbst sie schien aufgebracht zu sein. Wogte das Leben in ihr nicht kräftiger und drängender als sonst?

Augenblicke später schlief der Pelzige ein. Er träumte von Achtbeinigen, die seine Heimat zerstörten.


1.

Gegenwart


Assur fiel.

Die Welt um sie überschlug sich. Grau wechselte sich ab mit Grün, wurde wieder zu Grau und erneut zu Grün. Nässe peitschte ihr ins Gesicht.

Das Grün raste auf sie zu.

Bäume! , dachte sie noch. Dann stürzte sie auch schon in die Wipfel.

Es krachte, knackte und splitterte. Assur hoffte, dass die Geräusche von brechenden Ästen herrührten. Bei den Schmerzen, die sie durchzuckten, konnten sie jedoch genauso gut von ihren Knochen stammen.

Der Einschlag im Geäst raubte ihr die Luft. Sie wollte ihre Pein herausschreien, doch nur ein dumpfes Keuchen entrang sich ihrer Kehle.

Kaum hatte der Fall seinen ersten Stopp erreicht, setzte er sich auch schon fort. Die Äste bogen sich unter ihr durch und gaben sie frei. Ein Zweig raste auf Assurs Auge zu. Im letzten Augenblick drehte sie den Kopf zur Seite und der Zweig bescherte ihr einen tiefen Kratzer an der Schläfe.

Etwas schlug gegen ihre Schultern und wirbelte sie herum. Mit dem Bauch krachte sie auf einen querstehenden Ast, der ihr die jämmerlichen Luftreste aus der Lunge presste.

Sie versuchte, sich festzuhalten. Möglichkeiten gab es genug. Lianen, Äste, Zweige, irgendwas. Aber sie rutschte immer wieder ab, bohrte sich Splitter unter die Fingernägel.

Dann endete der Fall.

Sie schlug auf dem Boden auf.

Und landete weicher, als sie erwartet hatte!

Etwas barst unter ihr und ließ Brocken in alle Richtungen davonspritzen. Erde? Minutenlang blieb sie regungslos liegen, schnappte nach Luft und starrte in das Geäst über sich. Dieses war so dicht, dass die Einflugschneise, die sie hinterlassen hatte, bereits nicht mehr zu sehen war.

Ihre Finger erfühlten einen nachgiebigen, nassen Untergrund. Wie ein vollgesogener Schwamm.

Sie ächzte und setzte sich auf. Vorsichtig tastete sie sich ab. Arme, Beine, Schultern, Rippen. Es gab wohl keine Stelle an ihrem Körper, die nicht schmerzte. Als sie aber bemerkte, dass alles an ihr zu funktionieren schien, beschloss sie, dass sie sich nichts gebrochen hatte. Mehr als Prellungen und Schürfwunden hatte sie offenbar nicht davongetragen.

Was für ein Glück, dass ausgerechnet ein Wald dort steht, wo ich aus dem Himmel falle.

Sie runzelte die Stirn. Selbst diese kleine Bewegung ließ ihren Schädel brummen, als wuselten unzählige Käfer darin umher und pochten von innen gegen den Knochen. Das Hämmern verhinderte jeden klaren Gedanken.

Wie komme ich hierher? Wo ist hier überhaupt?

Assur fühlte, wie sich die Erinnerungen hochkämpfen wollten, aber in einem klebrigen Netz aus Schmerz hängen blieben.

Wir waren mit der RUBIKON im Angksystem. Meiner Heimat. Doch das System schwebte in höchster Gefahr. Es wurde angegriffen. Aber von wem? Von den Au...

Autsch!

Etwas hatte sie in die empfindliche Haut zwischen Daumen und Zeigefinger gezwickt. Sie riss die Hand hoch und entdeckte einen grün schimmernden, fingerlangen Käfer mit zwei Köpfen. An jedem Ende einer. Der vordere hatte sich in Assurs Hautfalte verbissen. Blut perlte aus der Wunde. Der Insektenleib krümmte sich, während die hinteren Kauwerkzeuge vergeblich versuchten, sich ebenfalls in das Fleisch der Angkstämmigen zu bohren. Sie klappten auf, klappten zu und verfehlten ihr Ziel jeweils nur knapp.

Hektisch wedelte sie mit der Hand, bis sich der Käfer nicht länger halten konnte, in hohem Bogen gegen einen Baumstamm prallte und ins Gras purzelte.

In dieses nachgiebige, nasse Gras, das sie an einen Schwamm erinnerte und das ihr eine weiche Landung ermöglicht hatte.

Und das sich bewegte und wuselte und krabbelte und scharrte, als wäre es gar kein Gras.

Dabei war es doch grün.

So grün wie der Käfer!



Mit einem entsetzten Schrei sprang sie auf. Sie ignorierte die Schmerzen, die neuerlich durch ihren Körper flammten. Achtete nicht auf das Hämmern in ihrem Schädel.

Sie wollte nur noch raus aus dem flachen, aber ausgedehnten Käferhügel, in den sie gestürzt war. Und deren Bewohner sich alles andere als entzückt über den rüden Eindringling zeigten. Plötzlich fühlte sie sie überall. In ihren Haaren, im Kragen, unter der Kleidung. Sie krabbelten ihr über die Arme, übers Gesicht, im Hosenbein nach oben und versuchten sogar, ihr ins Ohr zu kriechen.

Ein schauderhafter Gedanke schoss ihr durch den Sinn. Wie hatten sich noch vor wenigen Augenblicken ihre Kopfschmerzen angefühlt?

Als wuselten unzählige Käfer darin umher und pochten von innen gegen den Knochen.

Hör auf, so einen Unsinn zu denken. Dieses Viehzeugs ist viel zu groß, um dir ins Ohr zu krabbeln!

Aber war es das tatsächlich? Vielleicht gab es ja auch kleinere Exemplare dieser Spezies. Doppelkopfkäferkinder.

Während sie mit großen Schritten durch die Insekten watete und nach Kräften das Knirschen und Knacken unter ihren Füßen zu ignorieren versuchte, streifte sie so viele der widerlichen Krabbler ab, wie sie nur konnte. Doch das waren nicht annähernd genug.

Für jedes Vieh, das sie abschüttelte, krochen ihr drei neue an den Beinen hoch. Assur spürte die Bisse der Doppelkopfkäfer. Fühlten sie sich zunächst noch wie ein lästiges Zwicken an, wurden sie mit jedem Mal schmerzhafter.

Endlich änderte sich der Untergrund und sie lief über Gras. Über echtes, gewachsenes Gras und nicht über ein von Ekelvieh vorgetäuschtes.

Dennoch glaubte sie, der Krabbelplage nicht Herr werden zu können. Zwängte sich ein Käfer zwischen Kleidung und Brustkorb entlang, schlug sie danach, veranlasste ihre Rippen zu wütendem Schmerzensgeheul – und spürte im gleichen Augenblick ein Insekt zwischen den Schulterblättern. Und auf der Stirn. Und unter der Achsel.

Immer wieder bissen sie zu und kniffen und zwackten.

Pumpten ihr Gift in Assurs Kreislauf. Oder ihren Speichel. Oder was sonst für eklige Substanzen.

Die Bissstellen juckten wie verrückt. Am liebsten hätte sie sich ausgezogen, von oben bis unten gekratzt, sich an einem Baumstamm geschabt wie ein Hund mit Flöhen, sich die Fingernägel durch die Haut gezogen, bis sie in blutigen Fetzen hing.

Was denkst du da? Das bist nicht du, Assur! Nimm dich gefälligst zusammen. Beiß die Zähne aufeinander und ...

Das Beste wäre, sie würde zum Hügel der Doppelkopfkäfer zurückkehren und sich hineinwerfen. Die Tiere würden dem Jucken ein Ende bereiten.

Ah, dieses alles verzehrende Jucken, das sie in den Irrsinn trieb. Welche Wohltat wäre es, wenn es nur endlich nachließe. Alles würde sie dafür geben. Alles! Wenn es nur ...

Plötzlich hörte es auf und ihre Gedanken kehrten zu alter Klarheit zurück.

Was ...?

Die Doppelkopfkäfer zuckten ein letztes Mal und starben. Ohne dass Assur etwas dazutun musste, fielen sie von ihr ab. Lediglich die, die sich in ihren Haaren oder unter der Kleidung verfangen hatten, pflückte sie mit spitzen Fingern ab und warf sie mit angewidertem Gesichtsausdruck ins Gras.

Da begriff sie! Die Krabbler konnten nur in unmittelbarer Umgebung ihres Baus überleben. Womöglich waren sie geistig so eng miteinander verbunden, dass sie verendeten, wenn sie sich zu weit davon entfernten. Das Jucken, die irrsinnigen Gedanken, sich in den Käferhügel zu werfen – nichts als die verzweifelten Versuche der Insekten zu überleben, indem sie Assur zur Umkehr bewegten.

Ein instinktgesteuertes Tier hätte dem Drang sicherlich nachgegeben und damit seinen Tod besiegelt.

Vorsichtshalber unterzog sie die Bisswunden einer genaueren Untersuchung, stellte aber nichts Alarmierendes fest. Nur kleine Einschnitte. Sie waren weder geschwollen, noch umgab sie ein roter Hof.

Assur beschloss, sie dennoch im Auge zu behalten.

Nicht, dass du etwas unternehmen könntest, wenn sie sich doch entzünden sollten. Hier, so ganz alleine in einer fremden Welt.

Was sie zur Frage zurückbrachte, wohin es sie verschlagen hatte und wie das vonstattengegangen war.

Endlich kam sie dazu, sich genauer umzusehen. Doch allzu viel zu erkennen gab es nicht. Links, rechts, vorne, hinten – überall Bäume und dichtes Gestrüpp. Das Blätterwerk über ihr war so kompakt, dass kaum Licht bis zum Boden durchdrang. Der ganze Wald – oder sollte sie besser sagen: Dschungel? – lag in gespenstischem Zwielicht.

Ein allgegenwärtiges Rauschen und Prasseln umgab sie. Es dauerte einige Sekunden, bis sie die Ursache dafür erkannte: Es stürmte!

Die Wipfel über ihr wogten hin und her, Regen prasselte auf das Laubdach.

Doch hier unten bekam sie kaum etwas davon mit. Nur gelegentlich stürzte ein Wassertropfen herab und erinnerte sie daran, wie groß ihr Durst war.

Sie musste aus diesem Wald heraus. Irgendwie feststellen, wo sie war. Und dann zusehen, dass sie von hier verschwand. Irgendwie.

Wenn dieser Dschungel überhaupt ein Ende besitzt. Und wenn du ohne den Schutz der Bäume im Sturm überleben kannst. Und wenn du intelligentes Leben findest, das dir helfen ...

Halt – die – Klappe!

Toll! Jetzt fing sie schon an, mit sich selbst zu streiten.

Die Auruunen!

Plötzlich war die Erinnerung an sie wieder präsent. Sie waren es gewesen, die mit Hunderttausenden Schiffen das Angksystem belagert hatten.

Ein weiterer Begriff kam ihr in den Sinn.

Eleyson!

Eine Galaxie, so unvorstellbar weit von der Milchstraße entfernt, dass es einen schwindeln ließ. Dorthin waren sie mit der RUBIKON geflohen, als die protochaotische Wolke – der Schutzschirm um das Angksystem – zusammenbrach und den Auruunen den Weg zu allumfassender Zerstörung freimachte. Ein Energieportal hatte sie in absolute Fremde geschleudert.

Nach Eleyson. Ausgerechnet dorthin, von wo die Auruunen kamen.

In den Bau der Bestie!

Und dann? Was war danach geschehen?

Wieder setzte das Pochen in ihrem Schädel ein. Wenigstens ließ die Panikattacke, die Käfer könnten daran schuld sein, sie diesmal in Ruhe. Wahrscheinlich hatte sie sich bei ihrem Sturz durch die Äste den Kopf angeschlagen und dadurch diverse Erinnerungen verloren.

Diverse?

Das Wort ließ etwas in ihr erklingen. Aber so war es nicht ganz richtig. Es hieß anders. Ein bisschen nur, aber ...

Diversity! Das war es!

Nach ihrem Wechsel in die fremde Galaxie und der Überwindung eines Fallensystems hatten sie einen Planeten angesteuert, den John wegen seines Artenreichtums Diversity genannt hatte. Oder war es Jarvis gewesen, der für den Namen verantwortlich war? Sie konnte sich nicht mehr erinnern.

John!

Ein Stich durchzuckte ihren Körper. Der Schmerz des Vermissens. Dem Gedanken an ihren Lebenspartner folgte unweigerlich der an Winoa. Assurs Tochter. Sicherlich sorgte sie sich um ihre Mutter.

Aber John würde sie beruhigen. Bestimmt unternahm er alles, um sie zu finden.

Viel Erfolg dabei! Ich weiß ja selbst nicht einmal, wo ich bin.

Und dann war mit einem Mal wieder alles da! Die Teile des Erinnerungspuzzles fielen an ihren Platz und ergaben ein sinnvolles Bild.

Auf Diversity waren sie auf ein Phänomen gestoßen, das sie Technokill nannten. Eine Zone, in der jegliche höhere Technologie versagte. Sie wollten diesem Mysterium auf den Grund gehen, und Assur drängte John, sie an dem Außeneinsatz teilnehmen zu lassen. Widerwillig stimmte er zu.

Das wird er gewiss kein zweites Mal mehr tun, wenn du gleich bei deinem ersten Versuch verschwindest und dich auf einem ungemütlichen Sturmplaneten mit Doppelkopfkäfern wiederfindest.

Mit Scobee und ein paar anderen stieß sie in ein Stollensystem vor und gelangte an eine undurchdringliche Wand.

Nun ja, zumindest war sie für die restlichen, die nicht angkstämmigen Mitglieder des Außenteams undurchdringlich gewesen. Loyd, ein weiterer Angkgeborener im Team, und Assur jedoch ...

Die Bilder standen wieder vor ihr, als lägen die Ereignisse gerade einmal ein paar Minuten zurück.

Das tun sie ja auch. Ein paar Minuten plus eines wilden Ritts durch die Baumkronen eines Dschungels und eines unfreiwilligen Bads in widerlichen Krabbeldingern.

Sie erinnerte sich, wie sie gegen die Wand im Stollensystem drückte und sie mit den Fingern durchdrang. Wie wenig später Loyd es ihr nachtat. Wie Scobee ihr auszureden versuchte ...



... mehr als nur den Finger hindurchzustecken.

Im Nachhinein wusste sie nicht, was sie in dem Moment ritt, als sie sagte: »Zu spät!« – und mit einem beherzten Sprung durch die Abtrennung hindurch war, die für eine Angk nicht existierte. Sie glaubte, Scobee noch fluchen und sie verwünschen zu hören – dann hatte sie keinen Gedanken mehr übrig für die Personen auf der anderen Seite des Vorhangs.

Das Diesseitige beanspruchte jeden Funken ihrer Aufmerksamkeit, und für endlos lange Sekunden fand sie nicht einmal die angemessenen Worte dafür.

Assurs Kehle war so trocken, als hätte ihr Körper jeden Speichelfluss eingestellt.

Was –?

Wie leer und einfach nur gebannt starrte sie für eine unbestimmte Zeit auf das schwebende Objekt über einem kreisrunden Loch im Boden.

Das Objekt war nicht nur atem-, es war verstand beraubend.

Assur hatte das Gefühl, auf ein kosmisches Wunder zu starren.

Und wollte nur noch das Eine: starren . Sich nicht bewegen, keinen Zentimeter, nur genießen, was ihre Netzhäute einfingen und eine Flut von Endorphinen in ihr freisetzte.

Und dann setzte sie sich doch langsam in Bewegung, ging Schritt für Schritt darauf zu, wie von einem Magneten angezogen, nein, von purer Gravitation.

Es passte.

Passte zu dem traumhaft schönen Gebilde, von dem sie vom ersten Moment an wusste, dass es sich nicht um eine Projektion oder einen anderen, nur technischen Kniff handelte.

Die Kugel war echt und wahr und hatte so viel Gewicht und Masse und Macht , dass es ihr immer noch den Atem verschlug, während sie näher und näher darauf zuging.

Assurs Verstand begann zögerlich, wieder zu arbeiten. Aber nie verlor sie dabei die sonderbare Welt aus den Augen, die sich vor ihr langsam über der Öffnung im Boden drehte.

Die Welt wechselte ständig ihr Gesicht, als wäre es gar nicht nur ein Planet, sondern dutzende, hunderte, vielleicht tausende.

Wie kann das sein?

Die Frage beeinflusste nicht ihr Bestreben, dem Wunder näherzukommen.

Und dann stand sie davor und streckte die Arme aus nach etwas, das ihre Vorstellungskraft sprengte.

Weil es immer noch echt auf sie wirkte, obwohl schon seine bloße Größe – oder Winzigkeit – dem Hohn zu sprechen schien.

Echt und wahrhaftig und wunderbar.

Die Anziehungskraft, die in ihm schlummerte, war die einer ganzen Welt ... oder die von tausenden. Dennoch griff sie nur zart und sacht und wohldosiert nach Assur, ließ sie die Arme weiter und weiter heben ...

bis sie das unmögliche Gebilde berührte ...



... und sich plötzlich etliche Meter über der Planetenoberfläche befand und auf sie herabstürzte.

Vermutlich wäre sie zu Tode gestürzt, hätte der Dschungel nicht ihren Fall zwar unsanft, aber doch lebensrettend gebremst.

Gratuliere! Jetzt weißt du zwar wieder, was geschehen ist, hast aber immer noch keinen blassen Schimmer, wohin es dich verschlagen hat.

Doch wie kam sie überhaupt darauf, dass es sie irgendwohin verschlagen hatte?

Sie erinnerte sich an die Daten, die sie vor ihrer Landung über Diversity gesammelt hatten. An die Bilder, die ihnen Sesha – die Bord-KI der RUBIKON – gezeigt hatte. Schwimmende Städte auf riesigen Flößen. Wüstenstädte im Sandmeer, als hätten Riesentermiten sie erbaut. Schwebende Siedlungen wie gewaltige Nester.

In den Straßen tummelten sich Geschöpfe, deren Aussehen sich teilweise so drastisch voneinander unterschied, dass sie unmöglich der gleichen Spezies angehören konnten. Es gab Insektenwesen in mannigfacher Ausführung und Größe, säugetierähnliche Kreaturen, manche auf zwei, andere auf vier oder sechs Beinen und wieder andere sogar mit Flügeln ausgestattet; aber am Auffälligsten waren verschiedene Exemplare der planetaren Flora – Pflanzen also, die dennoch auf ihren Wurzeln daherkamen wie alle anderen Passanten, die sich im Trubel dahintreiben ließen.

Natürlich! Sicherlich war sie in der Höhle nur auf ein Transportsystem gestoßen, das sie in Nullzeit an eine weit entfernte Stelle des Planeten versetzt hatte. Ein System, das womöglich nur für Geschöpfe gedacht war, die fliegen konnten und für die es deshalb kein Problem darstellte, ein gutes Stück über der Planetenoberfläche ausgespuckt zu werden. Um Unbefugte vor dem Sturz in den Tod zu bewahren, hatte man die Barriere errichtet, die jedem den Zugang verwehrte, wenn er des Fliegens nicht mächtig war. Selbstverständlich hatten die Erbauer nicht damit rechnen können, dass auch andere Lebewesen die Wand zu überwinden imstande waren.

Angkgeborene wie Assur zum Beispiel.

Befand sie sich also tatsächlich noch auf Diversity? Konnte es auf einem Planeten mit einer so ausgeprägten Artenvielfalt nicht auch Doppelkopfkäfer geben?

Ein Druck an der Hüfte ließ sie zusammenzucken. Das Steuergerät ihres Kommunikators! An ihn hatte sie überhaupt nicht mehr gedacht. Während ihres Außeneinsatzes hatte das Team über Ohrstöpsel und Kehlkopfmikrofon mit der RUBIKON den Kontakt gehalten. Doch in der Technokill-Zone war das Ding nicht mehr gewesen, als ein schickes Stück Elektronikschrott.

Doch nun hatte sie die Technokill-Zone verlassen!

Ihre Hand zuckte hoch, tastete nach Stöpsel und Mikro und fand – nichts.

Mist! Sie musste sie beim Sturz durch die Äste verloren haben. Vermutlich baumelten sie an einem Ast viele Meter über dem Boden. Oder lagen begraben unter wuselnden Doppelkopfkäfern.

Du musst umkehren und sie suchen!

Tatsächlich wandte sie sich schon um, doch als sie das Steuergerät aus der kleinen Tasche am Gürtel zog, erkannte sie die Sinnlosigkeit des Unterfangens. Denn nun war das Gerät ein gar nicht mehr schickes Stück richtiger Schrott.

Die schmerzende Hüfte erinnerte sie daran, dass sie mit dieser Körperregion bei ihrem Fall gegen einen Ast gekracht war. Den Schlag hatte das Ding offenbar nicht überstanden.

Assur steckte den zerschmetterten Apparat zurück in die Tasche. Genauso gut hätte sie ihn einfach fallen lassen können, aber der Gedanke widerstrebte ihr. Auch wenn sie nicht sagen konnte, warum.

Tränen stiegen ihr in die Augen. Mit dem Kommunikator wäre es so leicht gewesen, zu John und Winoa zurückzukehren. Diese Möglichkeit schied nun aus.

Sie hätte ohnehin nur bestanden, wenn du noch irgendwo auf Diversity bist.

Natürlich war sie das! Alles andere war schlicht ...

... undenkbar!

Auch wenn die leise Stimme in ihrem Hinterkopf weiterhin darauf beharrte, dass sie sich irrte, dass ein Transportsystem sicherlich den Zielort und nicht eine sich ständig verändernde Miniaturwelt gezeigt hätte, dass sich ein solches System gewiss nicht mit einer Zone umgeben hätte, die alle Technik zum Erliegen brachte – trotz all dieser Einwände beschloss Assur, dem besserwisserischen Flüstern kein Gehör zu schenken.

Zumindest vorerst nicht.

Denn wenn sie den Planeten nicht verlassen hatte, brauchte sie nur aus diesem blöden Dschungel entkommen. Draußen würde ihr sicherlich auch ohne Kommunikator etwas einfallen, wie sie die RUBIKON und John auf sich aufmerksam machen konnte, die weit über ihr ihre Bahnen zogen und nach ihr suchten.

Hielte sie sich hingegen nicht mehr auf Diversity auf, dann ...

Tja, dann bist du wohl in den Weiten des Alls gestrandet. Vielleicht auf einem Nachbarplaneten, aber womöglich auch in einer ganz anderen Galaxie. Für diesen Fall solltest du dich mit dem Gedanken vertraut machen, Winoa und John für den Rest deines Lebens nie wieder zu sehen. Was aber ohnehin nicht so lange dauern kann, so ganz alleine auf einem ungemütlichen Planeten.

Nein, solange sie es nicht besser wusste, wollte sie davon ausgehen, sich noch immer auf Diversity aufzuhalten. Mit einer reellen Chance, sich aus ihrer Lage befreien zu können. Nur so vermochte sie, sich die Hoffnung auf Rettung zu bewahren.



Wahllos setzte sie sich in Bewegung.

Was sollte sie auch anderes tun? Bei ihrem Sturz aus dem Himmel hatte ihr die Zeit zu einer ausgiebigen Besichtigung der Umgebung gefehlt. Weder wusste sie, über welche Fläche sich der Dschungel ausdehnte, noch besaß sie einen Anhaltspunkt, in welcher Richtung der Waldrand lag. Außerdem hatte sie bei ihrer kopflosen Flucht vor den Insekten die Orientierung verloren, sodass sie ohnehin nicht mehr wüsste, wohin sie sich wenden musste, selbst wenn sie während ihres Falls einen Blick hätte erheischen können.

Sie kämpfte sich durch dichtes Gestrüpp oder balancierte auf umgestürzten Bäumen über tiefe Gräben. Nach nicht einmal einer Stunde, war ihr Gesicht völlig verkratzt und die einstmals blonden Haare bildeten ein dreckiges, verfilztes Geflecht, das undurchdringlicher war als so manches Dickicht auf ihrem Weg.

Ein stetes Grollen begleitete sie, nur unterbrochen von gelegentlichen, aber ohrenbetäubenden, peitschenden Knallen. Zum Sturm über dem Dschungel hatte sich ein Gewitter gesellt.

Schwierig, mich in meiner derzeitigen Lage nicht unter einem Baum unterzustellen.

Der Gedanke entlockte ihr ein Lächeln voller Galgenhumor, das jedoch sofort wieder erlosch.

Sie lief und lief und lief. Irgendwann – sie konnte nur raten, wie lange sie schon unterwegs war, und würde mit ihrer Schätzung wahrscheinlich weit danebenliegen – wurde aus dem Laufen ein Schlurfen und schließlich ein Taumeln.

Nahm dieser verfluchte Wald denn gar kein Ende?

Sie hatte riesigen Hunger und noch größeren Durst. Ihre Beine brannten – im Gegensatz zu den Füßen, die sie überhaupt nicht mehr spürte. Sie war müde. Die Luftfeuchtigkeit gab ihr das Gefühl, Wasser zu atmen. Trotzdem war ihr Mund ausgedorrt, ihre Zunge ein sprödes Stück Holz.

Mit anderen Worten: Sie war am Ende.

Du musst etwas trinken, wenn du überleben willst!

Aber konnte sie das riskieren? Sie war bereits an Tümpeln vorbeigekommen. An zwei oder drei, so genau erinnerte sie sich nicht mehr. Doch keiner von ihnen hatte allzu einladend gewirkt. Braune, widerlich stinkende Pfützen, auf denen welk aussehende Blätter trieben – die sich jedoch als Zungen hungriger Kreaturen entpuppten, als ein faustgroßes fliegendes, einem Vogel aber völlig unähnliches Wesen darauf landete. Plötzlich rollte sich das vorgebliche Blatt zusammen, umschlang das Flügelwesen und zog es unter Wasser. Nur kurz darauf erschien ein warziger Kopf, starrte Assur mit seinen drei Glotzaugen an und stieß ein zufriedenes Rülpsen aus. Dann öffnete er das schartige Maul, die Zunge klappte heraus und klatschte auf die Tümpeloberfläche, wo sie auch noch lag, als der Rest des Schädels wieder abtauchte.

Ein welk aussehendes Blatt, das auf das nächste Opfer wartete.

Wer wusste schon, wie zufrieden das Vieh erst rülpsen würde, wenn es einen fetten Brocken wie Assur auf den Speiseplan setzen konnte?

Und selbst, wenn der Warzige keinen Geschmack auf so große Beute hätte: Wollte sie wirklich aus einem Tümpel trinken, in dem etwas wie dieses ... dieses Ding wohnte? Ganz abgesehen von allen anderen Lebewesen, die sich auf einem artenreichen Planeten wie Diversity darin tummeln dürften. Keime, Bakterien, Viren ... Käfer.

Der bloße Gedanke daran hatte Assur durchgeschüttelt und weitergehen lassen.

Doch nun, wo ihre Zunge am Gaumen klebte, ärgerte sie sich darüber.

Auf einer Lichtung – wenn man das winzige, nur von Gras bewachsene Fleckchen so nennen wollte – blieb sie stehen. Sie legte den Kopf in den Nacken und blickte sehnsuchtsvoll nach oben. Das Blätterdach der umstehenden Bäume wuchs so ausladend, dass selbst auf dieser Miniaturlichtung kaum Regen bis zum Boden drang.

Wider besseres Wissen öffnete Assur den Mund und streckte die Zunge heraus. Unwillkürlich musste sie wieder an das warzige Geschöpf im Tümpel denken.

Ihre Zunge ein spröde aussehendes Rindenstück, das auf das nächste Opfer wartete.

Kommt, ihr Regentropfen, kommt.

Nichts geschah.

Wenigstens einer. Bitte!

Als habe ein Dschungelgott ihr Gebet erhört, fiel tatsächlich ein Tropfen herab.

Und traf sie auf der Stirn!

Mit noch immer ausgestreckter Zunge bewegte Assur den Kopf so, dass sie die Flüssigkeit zwischen den Augen hindurchrinnen fühlte, am Nasenflügel entlang, hin zur Lippe.

Gierig leckte sie das Wasser ab, doch natürlich brachte diese lächerliche Menge keinerlei Erleichterung.

Sie ächzte und fiel auf die Knie.

Ich komme nie wieder hier raus! Wer weiß, vielleicht laufe ich sowieso dauernd im Kreis? Womöglich bin ich gar nicht an zwei oder drei Tümpeln vorbeigekommen, sondern immer wieder am selben.

Ihr Blick fiel auf einen Strauch mit armlangen, spitzen, fleischigen Blättern. Und auf die gelben Kügelchen, die an deren Kanten wuchsen.

Beeren?

Ihr Magen gab ein Knurren von sich und verkündete seine eigene Meinung zum Stand der Dinge.

Sie stemmte sich wieder hoch und taumelte zu der Pflanze. Davor sank sie erneut in die Knie, ignorierte ein weiteres Mal die innere Stimme

(Du solltest auf den Beinen bleiben! Wer weiß, welche Gefahren im Wald lauern. Oder in dem Strauch. Womöglich ist der Strauch selbst die Gefahr! Oder die Beeren sind giftig. Wenn es überhaupt Beeren sind ...)

und streifte eine Handvoll der Kügelchen ab. Sie rochen süß, verlockend und sahen unglaublich saftig aus.

Assur ließ ihre Beute ein paarmal über die Handfläche kullern. Hin und her und her und hin. Durfte sie es wagen? Doch ihr war klar, dass es nur zwei Möglichkeiten gab: Entweder sie aß die Früchte nicht, brach in absehbarer Zeit vollends zusammen und starb sicher den Hungertod. Oder sie aß welche, riskierte, dass sie giftig waren, und starb nur vielleicht.

Die Wahl fiel nicht schwer. Mit einer ruckartigen Bewegung waren die Beeren im Mund.

Sie erwiesen sich als zäh, hartschalig, schauderhaft sauer und zugleich bitter. Doch als sie unter Assurs Zähnen platzten und der Saft die ausgetrocknete Zunge benetzte, hatte sie das Gefühl, noch nie etwas Köstlicheres gegessen zu haben.

Die Angkgeborene schlang die Früchtemasse hinunter und sah gierig auf die restlichen beerenbewachsenen Blätter. Dennoch wartete sie ab, wie sie die Kügelchen vertrug. Als sie nach ein paar Minuten immer noch lebte, wertete sie das als hinreichend gutes Zeichen und machte sich über den verbliebenen Beerenbestand her.

Jegliches Zeitgefühl ging verloren, als sie ihrem Körper gab, wonach er so dringend verlangte. Doch irgendwann war das letzte Blatt geleert, die letzte Beere gegessen, und Assur spürte, wie sich nach all den Strapazen eine angenehme Müdigkeit in ihr breitmachte.

Nicht einschlafen! Nicht hier, mitten im Dschungel. Das ist zu gefährlich.

Sie versuchte aufzustehen, doch ihre Glieder fühlten sich an wie Blei. Waren die Früchte etwa doch giftig gewesen?

Du ...

Mit aller Kraft presste sie die Hände gegen den Boden und wollte sich hochstemmen.

... darfst ...

Doch sie knickte weg und fiel ins Gras. Merkwürdigerweise entlockte ihr dies ein albernes Kichern.

... auf ...

Die Bäume tanzten und pulsierten, was Assur ebenfalls erheiternd fand.

... keinen ...

Da erkannte sie, was die Beeren mit ihr angestellt hatten.

... Fall ...

Sie war nicht nur müde. Sie war betrunken!

... einschlafen!

Sekunden später schlief sie tief und fest.



Eine warme Flüssigkeit tropfte in Assurs Gesicht und riss sie aus dem Schlaf.

Sekundenlang fühlte sie sich desorientiert. Doch dann kehrte die Erinnerung zurück und sie zuckte hoch. Zu ihrer Erleichterung stellte sie fest, dass sie noch lebte und dass offenbar kein

(warzengesichtiges Ungeheuer)

Tier sie als schmackhaften Bissen angesehen hatte.

Sie öffnete die Augen. Noch immer herrschte Zwielicht im Wald, doch das Rauschen und Prasseln war verstummt. Der Regensturm hatte aufgehört. Und dennoch tropfte es ohne Unterlass aus dem Laubdach.

Was war das nur für ein dämlicher Wald? Während es regnete, hielt die Blätterbarriere das Wasser draußen, doch kaum hatten sich die Wolken entleert, tat sie sich auf und ließ die Restflüssigkeit herabrinnen.

Wenn Jelto hier wäre, könnte er vielleicht einiges über das merkwürdige Verhalten der Dschungelpflanzen erklären.

Aber Jelto, der Florenhüter, war an Bord der RUBIKON. Genauso wie der Commander, Winoa und der Rest der Crew. Und sie war alleine, noch immer eine Gefangene der Umgebung.

Wie lange hatte sie wohl geschlafen? Abgesehen von ihrem Brummschädel – litt sie etwa unter einem Kater? – fühlte sie sich kräftig und ausgeruht. Die aus den Bitterbeeren bestehende Mahlzeit hatte offenbar Wunder gewirkt.

Acht Stunden, schätzte sie. Wenn nicht noch länger.

War zwischenzeitlich etwa sogar die Sonne unter- und wieder aufgegangen? Der Gedanke, während der Nacht hilflos wie ein Neugeborenes im Dschungel gelegen zu haben, ließ sie schaudern. Andererseits war sie froh, die Phase völliger Dunkelheit nicht bewusst miterlebt zu haben. Denn das Licht des Sternenhimmels hätte es gewiss nicht durch die Vegetation geschafft, wenn schon die Sonnenstrahlen so abgeschwächt hier ankamen.

Sie stand auf und streckte sich. Dabei fiel ihr ein dicker, schleimiger Wurm auf, der ihr am Oberarm klebte und sie aus zwei Fühleraugen dröge fixierte.

Assur stieß einen überraschten Schrei aus und wischte das Ding von der Kleidung. Ihr Nachtgast schien ihr das nicht übelzunehmen und verzog sich ins Dickicht. Doch wer wusste, was geschehen wäre, wenn sie erst später erwacht wäre. Hätte er sich bis zu ihrem Gesicht hochgearbeitet und dort ...

Sie verscheuchte den Gedanken und verfluchte ihre lebhafte Fantasie.

Noch immer spürte sie jeden Knochen im Leib, doch inzwischen fühlten sich die Nachwirkungen ihres Sturzes wie ein Ganzkörpermuskelkater an.

Schön, dir geht es jetzt also besser. Deine Lage ist allerdings noch genauso bescheiden wie in den Stunden, bevor du deinen Rausch ausgeschlafen hast.

Die Angkstämmige sah sich um und versuchte sich zu erinnern, aus welcher Richtung sie gekommen war. Es gelang ihr nicht.

Großartig! Mit etwas Pech würde sie also dorthin zurückkehren, woher sie aufgebrochen war. Zu den Doppelkopfkäfern.

Spontan entschied sie sich für eine Richtung und stapfte los. Der Dschungel schien sich kein bisschen zu verändern. Wie gestern kämpfte sie sich durch Dickicht oder erwehrte sich hartnäckiger Äste, die sie am Vorankommen hindern wollten.

Das nächste Mal, wenn ich John darum bitte, bei einem Außeneinsatz dabei sein zu dürfen, lasse ich mir eine Machete in die Ausrüstung packen.

Nach zwei oder drei (oder fünf?) Stunden kräftezehrenden Marschs, bei dem sie vermutlich kaum eine nennenswerte Strecke hinter sich gebracht hatte, kehrten Hunger und Durst mit Urgewalt zurück. Hatten die Bitterbeeren diese Gefühle bislang etwa unterdrückt und verloren nun ihre Wirkung?

Bevor sie sich darüber Gedanken machen konnte, geschah das, worauf sie schon fast nicht mehr zu hoffen gewagt hatte: Der Wald wurde lichter!

Das war die gute Nachricht.

Die schlechte war, dass sich nur wenige Meter vor ihr ein brusthoher Strang erstreckte. Wie der überdimensionierte Finger einer Wurzel oder ein erheblich zu dick geratener Regenwurm lag er da und versperrte ihr den Weg.

Das Gebilde machte auf Assur nicht den Eindruck eines Tiers, zum Beispiel des großen Bruders des Wurms, den sie nach dem Aufwachen auf ihrem Arm gefunden hatte. Vielmehr wirkte es pflanzlich, verholzt.

Erneut bedauerte sie, nicht auf Jeltos Gabe im Umgang mit Pflanzen zurückgreifen zu können.

Sie blickte nach links und rechts. Aber der Strang schien in keiner Richtung ein Ende zu nehmen. Ihr blieb wohl nichts anderes übrig, als darüberzuklettern.

Wieder schoss ihr das Warzengesicht im Tümpel durch den Sinn.

Stell dich nicht so an! Wie groß müsste ein Tier sein, das eine so lange Zunge besitzt?

Trotzdem war ihr nicht wohl bei dem Gedanken.

Vorsichtig näherte sie sich dem Wurzelwurmstrangding und starrte es sekundenlang an. Als sie sich sicher war – nun ja, so sicher, wie man sich an einem Ort wie diesem sein konnte –, dass sich darin nicht doch etwa Augen oder gar Zähne verbargen, streckte sie die Finger danach aus.

Und zuckte zurück, kaum, dass sie es berührt hatte!

Warm! Dieses ... dieses ... was auch immer es war, es fühlte sich warm an. Weich. Pulsierend. Lebendig.

Handelte es sich etwa doch nicht um etwas Pflanzliches?

Stattdessen stieg eine andere Assoziation in ihr auf. Dieses merkwürdige Ding vor ihr erinnerte sie an eine dicke, gewaltige Ader.



Assur befand, dass es wohl doch keine so gute Idee sei, den pulsierenden Strang zu überklettern.

Also wandte sie sich nach links und folgte dem Verlauf der Ader, bis diese abknickte und ins Dickicht führte. Verdammt! Dort wollte die Angkgeborene nicht unbedingt wieder hin.

Sie kehrte um und folgte dem Gebilde in die andere Richtung – mit dem gleichen Ergebnis.

Ein unflätiger Fluch kam ihr über die Lippen, den sie sich in Winoas Anwesenheit vermutlich verkniffen hätte. Mochte sie nicht in das undurchdringliche Gestrüpp voller Doppelkopfkäfer und warzengesichtiger Untiere mit langer Zunge zurückkehren, blieb ihr keine Wahl. Sie musste klettern.

Breitbeinig und jederzeit zur Flucht bereit, stellte sie sich vor der Ader auf und berührte sie erneut mit der Hand. Fühlte sie nicht ein sanftes Kribbeln unter den Fingerspitzen? Oder bildete sie sich das nur ein?

Sie wartete ab, ob etwas geschah. Ob der Strang etwas gegen den Kontakt einzuwenden hatte.

Als das nicht der Fall zu sein schien, presste sie statt der Fingerkuppen beide Handflächen dagegen.

Noch immer passierte nichts. Die Ader pulsierte unverdrossen weiter, als nehme sie Assur nicht zur Kenntnis. Was vermutlich auch der Fall war.

Sollte sie es wagen?

Nun mach schon! Oder willst du noch eine Nacht im Dschungel verbringen?

Nein, das wollte sie nicht. Aber wer garantierte ihr, dass der Wald jenseits der Ader endete? Dass sie dort etwas anderes vorfand als noch mehr Dickicht und vielleicht sogar Dreifachkopfkäfer?

Sie atmete tief durch, stützte sich mit den Unterarmen auf der Strangoberseite ab und zog sich hoch. Das Gebilde gab unter dem Druck ein wenig nach. Es fühlte sich an, als säße sie auf einem wassergefüllten Schlauch.

Und plötzlich verspürte sie mehr als nur ein Kribbeln.

Eine Verlockung, so süß, so verheißungsvoll. Sie wollte sich auf der Ader ausbreiten, sie mit jedem Quadratzentimeter ihrer Haut berühren, in sie eintauchen. Eins werden mit dem allumfassenden Netz.

(Netz? Welches Netz?)

Das Verlangen, sich ganz hinzugeben und ihre Gebärfähigkeit der Welt zur Verfügung zu stellen, wurde schier übermächtig.

(Was geschieht mit dir? Spring runter! Brich den Kontakt ab. Schnell, bevor es zu spät ist!)

Sie musste nur liegen bleiben und warten, dass das Netz sie aufnahm. Ungeahnte Kraft und Energie durchfluteten ihren Körper, bemächtigten sich jeder Zelle, jeder Faser.

(Spring runter!)

Ja, sie wollte der Ganzheit dienen. Ihre Kinder dem Leben des Planeten hinzufügen. Eins werden. Verschmelzen. Da! Ihre Hand war bereits bis zum Gelenk eingetaucht. Gleich würde der Arm folgen und dann ...

(SPRING!)

Assur schüttelte den Rausch ab und zerrte die Hand aus dem Aderngewebe. Nur unbewusst nahm sie wahr, dass sich die Fäden einer zähen Masse zwischen ihren Finger spannen. Dass süßlich riechender Schleim herabtropfte und in die Ader zurücksickerte.

Sie stieß sich ab und sprang auf der anderen Seite hinunter.

Als sie landete, erschütterte der Aufprall zwar ihren Körper, aber sie fühlte keinerlei Schmerzen. Die Prellungen, Quetschungen und Schürfwunden, die sie sich beim Sturz durch das Ästegeflecht zugezogen hatte ...

... waren alle verheilt.



Assur konnte es nicht glauben. Und doch entsprach es der Wahrheit!

Die Ader, mit der sie gerade noch hatte verschmelzen wollen, hatte sie geheilt. Wie war das möglich?

Wen interessiert das schon? Sieh lieber zu, dass du von hier verschwindest, bevor du es dir noch anders überlegst und deine Kinder tatsächlich dem Planeten schenken willst. Was auch immer das heißen soll.

Wieder schob sich Winoas Gesicht vor ihr geistiges Auge. Ohne große Überraschung stellte sie fest, dass sie ihre Tochter vermisste. Was würde sie wohl im Augenblick tun? Hatte sie Angst um ihre Mutter? Ließ sie sich von John beruhigen? Oder von Jarvis, der stets einen lockeren Spruch auf den Lippen hatte? Der einem selbst in kritischsten Lagen immer ein Lächeln zu entlocken vermochte? Oder kümmerte sich Rotak, Winoas Vater, um sie?

Fühlte das Kind sich genauso alleine wie Assur, obwohl die Crew der RUBIKON sie umgab?

In ihr erwuchs ein Gedanke, der sie erschreckte. Warum war sie überhaupt allein? Natürlich, die Wand des Stollensystems war für die meisten Lebewesen undurchdringlich gewesen. Aber das Raumschiff beherbergte Tausende, die so waren wie so. Angkstämmig.

Wieso war ihr keiner gefolgt? Weshalb hatte niemand außer ihr das Transportsystem benutzt?

So, wie sie John einschätzte, hätte er doch alles unternehmen müssen, die Barriere zu durchbrechen und sie dort zu suchen. Falls das nicht gelang, hätte er Angkgeborene durchgeschickt, die die an wechselnde Planeten erinnernde Kugel entdeckt und erforscht hätten.

Oder war etwas schiefgegangen?

Hatte sich das Transportsystem deaktiviert?

Eine Hitzewoge durchflutete sie, die nichts mit der feuchten Schwüle ihrer Umgebung zu tun hatte. Wechselnde Planeten! Brachte die Kugel einen etwa stets auf den Planeten, den sie gerade darstellte? War ihr womöglich jemand gefolgt, aber an einem ganz anderen Ort herausgekommen?

Und hieß das, dass sie sich gar nicht mehr auf Diversity aufhielt?

Hör auf zu grübeln. Damit machst du es nicht besser. Setz dich lieber endlich in Bewegung!

Richtig. Sie durfte nicht in Selbstmitleid versinken. Dann hätte sie genauso gut im Bau der Doppelkopfkäfer liegen bleiben können.

Noch einmal sah sie zu der Ader, die nun wieder harmlos wie ein dicker Wurzelstrang dalag. Dann wandte sie sich ab und ging auf die Bäume zu. Hoffentlich blieb der Wald auf dieser Seite so licht und verwandelte sich nicht erneut in ekelhaftes Dickicht.

War es nicht schon heller geworden? Und schimmerte dort zwischen den Stämmen nicht Licht? Aufregung erfasste sie. Hatte sie etwa tatsächlich bald den Waldrand erreicht?

Hinter ihr erklang ein schmatzendes Geräusch.

Sie fuhr herum und erstarrte.

In der Ader klaffte ein Spalt. Mit einem Laut, der klang, als ziehe man den Fuß aus einem Sumpf, riss er immer weiter auf.

Panik durchflutete sie.

Das Netz will dich zurückholen. Es akzeptiert nicht, dass du ihm nicht angehören willst. Lauf!

Doch sie stand wie angewurzelt und wartete auf den Angriff.

Der aber nicht erfolgte.

Die Angst löste sich. Stattdessen durchströmte sie plötzlich ein anderes Gefühl, das sie zuerst nicht zuordnen konnte. Dabei kam es ihr so fürchterlich bekannt vor. Sie wusste, sie hatte es schon einmal durchlebt. Dieses unbeschreibliche Glücksempfinden, wenn ...

Ihr stockte der Atem. Sie erkannte die Emotion wieder, die sie durchtobte!

So hatte es sich angefühlt, als sie Winoa geboren hatte!



Der Spalt öffnete sich weiter und plötzlich quoll ein über und über mit Schleim bedecktes Wesen daraus hervor.

Assur lächelte selig. So absurd der Gedanke erschien, war sie sich sicher, Zeugin einer Geburt zu sein. Ihr Körper schwappte beinahe über vor Mutterglück.

Auch wenn sie nicht die Mutter war.

Das ist ein Trick der Natur, der das Neugeborene vor Fressfeinden schützt.

(Oder ein Trick des Netzes, dich zurück in seine Nähe zu locken!)

Sie hörte nicht auf die Stimme der Vorsicht und näherte sich dem Wesen.

Es stieß jämmerliche, krächzende Laute aus.

Brchk, brchk, brchk!

Instinktiv wusste Assur, was sie da vernahm. Das Kleine rief nach seiner Mutter.

Die Angkstämmige blieb für einen Augenblick stehen und sah sich um. Sie konnte nichts entdecken, was einer Mutter auch nur im Entferntesten ähnelte. Also trat sie noch näher auf das Neugeborene zu und betrachtete es.

Unter all dem Schleim vermochte sie sein Aussehen nicht zu erkennen. Nur die vier fleischigen Stummelglieder, die aus der glibberigen Masse herausragten, sah sie deutlich. Sie zitterten und erbebten. Sie waren es auch, die diese sehnsuchtsvollen Krächzlaute ausstießen.

Das Wesen besaß etwa die Größe eines menschlichen Säuglings, war vielleicht ein wenig massiger.

Assur bückte sich und

(Tu das nicht!)

streckte die Hand nach dem Frischling aus.

Da richteten sich die vier Minischläuche plötzlich auf, fauchten sie an – und schnappten nach ihr. Im letzten Augenblick zog sie die Finger zurück, auch wenn sie anzweifelte, dass die Stummel sie ernsthaft hätten verletzen können.

Und doch riss dieser unerwartete Angriff sie aus ihrer verfehlten Mutterrolle.

Was tat sie hier eigentlich? Glaubte sie allen Ernstes, das Frischgeborene bedurfte ihrer Hilfe? Ein lachhafter Gedanke. Da war es doch viel wahrscheinlicher, dass sie das Leben des Kleinen durch ihre Anwesenheit gefährdete.

Assur stand auf und kehrte zu den Bäumen zurück. Dennoch konnte sie es sich nicht verkneifen, nach einigen Metern stehen zu bleiben und hinter einem Stamm hervor zu beobachten.

Sie brauchte nicht lange zu warten, da tauchten aus dem Wald zwei pelzige Wesen auf. Sie mochten anderthalb Meter groß sein und besaßen grob humanoide Form. Zwei Beine mit einem Kniegelenk auf halber Höhe, das allerdings zur Seite hin knickte, sodass die Geschöpfe wirkten, als leiden sie unter O-Beinen. Zwei Arme ohne erkennbare Gelenke, die an knielange Tentakel oder Rüssel erinnerten. Schwarzes Fell überwuchs die Kreaturen vom Kopf bis zu den krummen Füßen. Das Auffälligste aber waren die vier fleischigen, nackten Schläuche, die ihnen auf dem Schädel wuchsen und wie dicke Locken vor, hinter und daneben bis auf Schulterhöhe hingen.

Die Pelzwesen eilten auf das Neugeborene zu, sahen sich dabei aber immer wieder um. Eines von ihnen entdeckte Assur in ihrem Versteck und stieß ein drohendes Krächzen in ihre Richtung aus.

Sie wollen alleine sein, erkannte die Angkstämmige. Sich um ihren Nachwuchs kümmern.

Bevor sie sich umdrehte und zwischen den Bäumen verschwand, sah sie noch, wie sich in den Schädeln der Wesen das Fell auftat und eine rosafarbene Zunge hervorschnellte, mit der sie das Kleine vom Schleim befreiten.

Wieder konnte sie sich eines Lächelns nicht erwehren.

Das sich zu einem breiten Strahlen ausweitete, als sie nach nicht einmal fünf Minuten tatsächlich den Waldrand erreichte. Als hätte ein wahnsinniger Landschaftsplaner beschlossen, dass jenseits einer willkürlich festgelegten Linie kein Baum mehr wachsen durfte, brach der Wald abrupt ab.

Assur trat ins Freie, und ihr stockte der Atem.


2.

Nahe Vergangenheit


Alcazar spürte die Anspannung bis in die hintersten Ganglien.

Ein halber Sonnenumlauf war seit dem Tag der Zündung auf Phaeno vergangen und dennoch waren sie noch kaum einen Schritt vorangekommen. Die ganze Zeit taten sie nichts anderes als Kartographieren, Justieren, Kontrollieren. Und Aktualisieren!

Niemals hätte der Arachnide-Wissenschaftler damit gerechnet, dass sie selbst nach so langer Zeit noch nicht vernünftig mit ihren Forschungen beginnen konnten, weil die Kopie des Weltennetzes der Auruunen noch immer nicht abgeschlossen war.

Tag für Tag für Tag erschienen weitere Miniatur-Planeten über Phaenos Oberfläche, die eine Gegenstation der Verheerer symbolisierten. Und so waren die Daten in den Kontrollzentren schon wieder veraltet, kaum dass man sie aktualisiert hatte.

Alcazar war sich bewusst gewesen, dass die Auruunen eine Spur der Zerstörung hinter sich herzogen. Dass ihnen aber bereits so viele Welten zum Opfer gefallen waren, erschütterte ihn.

Beim besten Willen vermochte er sich nicht vorzustellen, dass diese mörderische Rasse auch nur eines der Originale, deren Kleinausgaben über Phaeno trieben, verschont und die ursprünglichen Bewohner am Leben gelassen hatte.

Abend für Abend, wenn seine Schicht endete und bevor er sich in seinen Ruhekokon zurückzog, stand Alcazar vor PHAE-05-F und blickte hinauf zu den Miniaturen. Dann dachte er an all die Toten, all die sinnlos ausgelöschten Existenzen, all das Leid, das die Auruunen verursacht hatten und noch verursachen würden, wenn niemand sie stoppte.

Und dann wusste er, dass es richtig war, was sie taten. Egal, was eine ständig größer werdende Anzahl an Kriegern behauptete!

Auch die Bevölkerung auf dem Exilplaneten der Abrogaren wurde langsam unruhig. Seit dem Tag der Zündung hatte Ranascor, sein Kokonbruder, nicht geruht und auf die Artgenossen eingeredet. Hatte Ängste geschürt, das Weltennetz völlig verzerrt dargestellt. Selbst der Regierungsrat war sich seiner Sache inzwischen nicht mehr so sicher und hielt nur wegen der guten Beziehungen zum Wissenschaftsrat die Beine noch halbwegs still. Obwohl einige Mitglieder verdächtig laut damit scharrten. Immerhin hatte der Regierungsrat Ranascor eine drastische Aufrüstung der Zerstörungsstation im Orbit genehmigt.

Wenn Alcazar und seine Kollegen wenigstens schon erste Ergebnisse vorweisen könnten, die das Misstrauen der Abrogaren und des Regierungsrats etwas besänftigen würden.

Stattdessen ging auf Phaeno mehr und mehr schief, auch wenn das seiner Ansicht nach nichts mit dem Weltennetz zu tun hatte.

Ranascor war da grundlegend anderer Auffassung.

Der Leiter von PHAE-05-F war froh, dass sich sein Kokonbruder größtenteils entweder auf der zugehörigen Kriegerstation oder auf der Orbitbasis aufhielt.

»Wie viele Neue hatten wir gestern?«, fragte Alcazar seinen Assistenten Carrak.

Der Angesprochene berührte ein weißliches Gespinst neben der Holomembran, die ihre Bilder über einen Verbindungsfaden direkt ins Gangliensystem der Arachniden speiste. War in der Darstellung bisher ein großer Teil der Oberfläche von Phaeno zu sehen gewesen, zoomte das Bild nun heran und zeigte eine Ballung von sieben Miniatur-Planeten.

»Diese hier im Bereich von PHAE-05. Zusätzliche neun bei PHAE-01, vier bei ...«

»Mir reicht die Gesamtzahl!«

Carrak war ein weiteres Ärgernis, mit dem Alcazar sich seit einiger Zeit herumzuschlagen hatte. Der Kriegerrat hatte genügend Arachniden der Regierung überzeugt, dass die Wissenschaftler das Weltennetz nicht mehr mit dem klaren Blick betrachteten, der für das Überleben der eigenen Spezies notwendig war. Deshalb hatte man den Leitern der Forschungsstationen Assistenten zur Seite gestellt, deren Auftrag offiziell lautete, die Arbeiten nach Kräften zu unterstützen. Tatsächlich beobachteten sie mit sämtlichen Augenpaaren jeden Handgriff, den die Stationsleiter unternahmen, und prüften bei allen Veränderungen, denen Phaeno in den letzten Monaten unterlegen war, ob ein Zusammenhang mit dem Transportsystem der Auruunen bestehen konnte.

Bürokraten durch und durch!

Und den Schlimmsten und Genauesten von ihnen, Carrak, hatte man Alcazar zugeteilt. Dem Wissenschaftler war klar, dass bei dieser Wahl Ranascor die Fäden gezogen hatte.

»Siebenundneunzig, davon einunddreißig in Gegenden ohne bisherige Knoten und dreiund...«

»Danke. Ich frage nach, wenn ich es noch detaillierter brauche.«

Alcazar wandte sich demonstrativ ab und nahm selbst einige Einstellungen an der Holomembran vor. Zu seinem Erstaunen brachte er Carrak damit tatsächlich zum Schweigen.

»Das macht dann insgesamt ...«, begann er.

»Zu viele!«, beendete eine dritte Stimme den Satz.

Alcazar fuhr herum und musste erkennen, dass es nicht seine Unfreundlichkeit gewesen war, die Carrak hatte verstummen lassen. »Ranascor!«

Er löste den Verbindungsfaden von der Holomembran und das Bild des Weltennetzes in seinem Bewusstsein erlosch.

»Was willst du hier?«

»Sehen, wie ihr vorankommt.«

Heuchler! »Sehr gut. Danke der Nachfrage.« Er wandte sich ab, in der vergeblichen Hoffnung, sein Kokonbruder würde verschwinden, wenn er ihn nur nachdrücklich genug ignorierte.

»Mit anderen Worten: Ihr tretet nach wie vor auf der Stelle. Ohne ein brauchbares Ergebnis.«

Alcazar versteifte seine Becherhaare, so sehr es ihm möglich war. Dennoch fingen sie alles auf, was Ranascor zu sagen hatte.

»Stattdessen beobachtet ihr mit den großen Augen von Frischgeschlüpften, wie Miniaturwelt um Miniaturwelt über Phaeno erscheint und das Gleichgewicht des Planeten erschüttert.«

Ich höre gar nicht hin! Soll er sich aufspielen, so viel er will. Ihm geht es doch nur darum, mich zu provozieren. Mein Lebenswerk zu zerstören. Und das nicht etwa, weil ihm so viel an den Abrogaren liegt. Das sicherlich auch, aber in erster Linie geht es ihm um Rache. Um meine Bestrafung.

»Was glaubst du? Wie viele weitere Weltenkugeln wird Phaeno noch ertragen müssen, bevor die Kopie vollständig installiert ist?«

Ich weiß es nicht! Und du weißt ganz genau, dass ich es nicht weiß. Niemand weiß es. Weil niemand das Original kennt. Du legst es doch nur darauf an, dass ich in Carraks Anwesenheit gestehe, dass wir die Größe des Weltennetzes unterschätzt haben. Und dass mein vertrauenswürdiger Assistent dies an den Regierungsrat weiterleitet. Aber diesen Gefallen werde ich dir nicht tun, mein lieber Bruder. Diesen Gefallen nicht!

»Dein Schweigen ist mir Antwort genug. Meinst du, der tägliche Zuwachs wird stoppen, bevor Phaeno unter dem Ansturm zusammenbricht? Wie viele Abrogaren müssen noch sterben, bevor der Wahnsinn ein Ende nimmt?«

Nun reicht es!

Alcazar drehte sich um und sah Ranascor mit vor Wut zitternden Kiefertastern an. »Niemand ist wegen des Weltennetzes gestorben.« Aber war er sich seiner Sache da so sicher? »Du machst dich lächerlich mit deiner verzerrten Darstellung der Dinge.«

Hinter den zahlreichen dünnen Schleiern, die die einzelnen Abteilungen des Forschungskokons voneinander trennten, konnte Alcazar einige Arachniden sehen, die vorgaben, ihrer Arbeit nachzugehen. Ihre Körperhaltung verriet jedoch, dass sie dem Streit zwischen den Brüdern lauschten.

»Ist das so, ja?«, fragte Ranascor.

Er holte eine Fadenspule aus der Tasche seiner Uniform. Diese reichte er Carrak, der sie in das Gespinst neben der Holomembran einsetzte. Wie von selbst webte sich der Faden in das Geflecht und speiste es mit neuen Daten.

»Verbinde dich mit den Singenden Fäden und überzeug dich davon«, forderte der Kriegerarachnide seinen Bruder auf.

»Ich kenne die Berichte! Ich brauche nicht noch ...«

»Die Berichte, ja. Aber kennst du auch die Bilder?«

»Das ist nicht nötig. Die können auch nicht mehr Aufschlüsse ...«

»Verbinde dich mit den Singenden Fäden!«, wiederholte der Krieger in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. »Oder soll Carrak dem Regierungsrat mitteilen, dass deine Mitwirkung zum Wohle unserer Spezies zu wünschen übrig lässt?«

Sekundenlang starrte Alcazar seinen Bruder an. Dann schnappte er sich ein Geflecht aus Singenden Fäden. In seiner Wut hätte er es beinahe zerrissen. Er verband sich mit der Holomembran und wusste schon vorher, was er zu sehen bekommen würde.

Statt der Darstellung des Weltennetzes über Phaeno hatte die Fadenspule Aufzeichnungen des Überwachungssystems eingespeist. Dieses umfasste bislang nur die nähere Umgebung der einzelnen Forschungsstationen, deren Inneres und einige wenige ausgewählte Plätze fernab der Basen. Als Alcazar die Bilder in sein Bewusstsein dringen ließ, stellte er jedoch fest, dass Ranascor sie mit Aufnahmen aus dem Orbit ergänzt hatte.

Er fängt also bereits an, mich von seiner Zerstörungsstation aus zu beschießen. Wenn auch zunächst noch nicht mit Feuerkraft.

Was er sah, erschütterte ihn zutiefst. Er musste sich eingestehen, dass er es lieber bei der bloßen Kenntnis der Berichte belassen hätte.



Eine Herde sechsbeiniger Säugetiere, die die Arachniden wegen der rollenden Blökgeräusche, die sie ausstießen, Wallawallas nannten, graste in der Nähe einer der Planetenadern, die ganz Phaeno in einem grobmaschigen Netz umspannten. Selbst über den Meeresböden verliefen diese pulsierenden Schläuche.

Alleine aus dem Bildausschnitt, den dargestellten Pflanzen oder dem Bodenrelief konnte Alcazar nicht erkennen, von welchem Ort die Aufnahmen stammten. Eine der Besonderheiten des Forschungsplaneten war, dass sich die komplette Flora und Fauna gleichmäßig über Phaenos Oberfläche verteilte. Zumindest war das bisher der Fall gewesen.

Die Szenerie strahlte eine Friedlichkeit aus, wie man sie auf dem Planeten öfters antraf. Doch das Idyll fand ein jähes Ende!

Plötzlich hörten die Wallawallas auf, Gras vom Boden zu zupfen. Statt dessen hoben sie wie auf ein unhörbares Kommando die Köpfe und schnupperten in die Luft. Oder lauschten sie einem Geräusch, das nur sie vernahmen?

Unvermittelt riss der Untergrund auf. Ein klaffender Spalt raste einem Blitz gleich mitten durch die Herde. Unter lauten Klagerufen fiel mindestens die Hälfte der Tiere in den Abgrund. Der Rest suchte sein Heil in kopfloser Flucht. Manche der Säuger stürzten und kamen unter die Hufe der nachdrängenden Meute.

Nach Minuten des Chaos zeigte die Aufnahme lediglich eine tiefe Schlucht, in der es orangerot gloste.

Im Todeskampf zuckende Leiber und Kadaver säumten den Riss in der Erde und zeichneten ein Bild der Verwüstung, wie sie die Auruunen nicht grausamer hätten hinterlassen können.



»Ich weiß nicht, was du mir damit zeigen willst«, sagte Alcazar.

»Ist das nicht offensichtlich? Wie lange habt ihr Phaeno gescannt, bevor ihr ihn in Besitz genommen habt? Einen Sonnenumlauf?«

Der Wissenschaftler schwieg. Er erkannte keinen Sinn darin, zu Fragen seines Bruders Stellung zu beziehen, deren Antworten dieser längst kannte.

»Und wie oft habt ihr in dieser Zeit Ereignisse wie dieses beobachten können?«

»Gar nicht«, flüsterte Alcazar.

»Wie bitte?«

»Gar nicht!«, brüllte der Forscher, dass Carrak ihn anklagend ansah. Schimmerte da nicht ein zufriedener Ausdruck in seinen Nebenaugen? Machte er sich gerade einen geistigen Vermerk, in welch schillernden Worten er der Regierung von diesem Vorfall erzählen wollte? »Aber ich weiß trotzdem nicht ...«

»Dann beobachte weiter.«

Das Bild der Wallawalla-Kadaver erlosch, was Alcazar mit widerwilliger Dankbarkeit erfüllte. Als Nächstes zeigte ihm die Holomembran ein verlassenes Hochplateau. Auf dem felsigen Untergrund trotzte kümmerliches, gelbliches Gras der Tatsache, dass es auf diesem Boden eigentlich keinen Halt finden dürfte.

Zu seinem Leid entdeckte er wieder eine Tierleiche. Diesmal handelte es sich um einen teilweise verwesten Vogel, neben dessen Überresten ein umgekipptes, zerbrochenes Ei lag.

»Was du hier betrachtest«, sagte Ranascor, »sah vor einigen Wochen noch so aus.«

Das Bild wechselte, das Motiv blieb das Gleiche – und doch auch nicht. Die Aufnahme zeigte noch immer das Hochplateau, doch nun war es von sattem Grün überwuchert. An der Kante eines Felsabgrunds ruhte ein großes Nest, in dem ein Vogel auf einem Ei saß und es ausbrütete.

»Oder sieh dir das an.« Der selbstgefällige Unterton in Ranascors Stimme war nicht zu überhören.

Details

Seiten
240
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924534
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
raumschiff rubikon welt welten

Autor

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Titel: Raumschiff Rubikon 27 Welt der Welten