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Raumschiff Rubikon 26 Die Getilgten

2018 240 Seiten

Leseprobe

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfredbooks und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© Cover: Nach Motiven von Pixabay, Adelind, Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Raumschiff Rubikon 26 Die Getilgten

Manfred Weinland

Am Morgen einer neuen Zeit.

Der Krieg zwischen den organischen und anorganischen raumfahrenden Völkern konnte im letzten Moment abgewendet werden. Die Menschen jedoch sind nach wie vor fremdbestimmt und als die Erinjij gefürchtet, die sich in ihren Expansionsbestrebungen von nichts und niemandem aufhalten lassen.

Abseits aller schwelenden Konflikte kommt es im Zentrum der Milchstraße zu einer von niemand vorhergesehenen, folgenschweren Begegnung.

Eine unbekannte Macht hat sich dort etabliert. Schnell zeichnet sich ab, dass es sich um keinen "normalen" Gegner handelt. Die Bedrohung richtet sich nicht nur gegen die heimatliche Galaxie, sondern könnte das Ende allen Lebens bedeuten.

Die Geschichte des Kosmos, so scheint es, muss neu geschrieben werden …


Prolog


»Es ist eine Lüge, nicht wahr? Sie ist nicht tot!« Winoa stand da wie vom Blitz getroffen.

Rotak legte die Arme um »sein kleines Mädchen«, wie er sie manchmal nannte, und erwiderte den Druck, mit dem Winoa ihre Arme um ihn schlang. Sie hatte ihr Gesicht in seiner Brust begraben und schluchzte hemmungslos zwischen den Worten, die sie mit viel zu hoher Stimme hervorbrachte.

»Nein«, erwiderte er und strich tröstend durch das lange, seidige Haar seiner Tochter. »Sie ist nicht tot. Wäre sie es, hätten wir es gefühlt.«

Winoa schien genau zu wissen, was er damit meinte. Sie nickte ein paar Mal heftig, ohne das Gesicht von seiner Kleidung zu nehmen. Er fühlte die Wärme ihrer Tränen, mit denen sie sein tunikaartiges Hemd tränkte. Es störte ihn nicht, im Gegenteil. Er hatte diese Nähe in letzter Zeit vermisst. Nur hätte er sich ein weniger tragisches Ereignis gewünscht, das Winoa veranlasste, zu ihm zu finden, sich ihm anzuvertrauen und ihm in ihrer ganzen Verletzlichkeit gegenüberzutreten.

»Was ist eigentlich genau passiert?«, flüsterte sie erstickt. »Und wieso hat es nur sie getroffen? Das kann doch nicht sein! Wieso sucht niemand nach ihr? Sie ist irgendwo da unten! Ich verstehe nicht, dass der Commander … dass John …«

»Sei nicht ungerecht«, tadelte Rotak sie sanft. »John trägt keine Schuld. Soviel ich weiß wurde der Ort des Unglücks akribisch untersucht, jeder Quadratzentimeter …«

»Dann hätte man sie gefunden! Sie lebt! Du hast es selbst gerade gesagt. Und wenn sie lebt …« Erstmals löste sie das Gesicht von ihm und legte den Kopf weit in den Nacken, um zu ihm aufzusehen. »… dann muss sie da unten sein. Dann hat man eben nicht jeden Stein nach ihr umgedreht! Ich verlange –«

»Beruhige dich, Kind.«

»Wie soll ich mich beruhigen, wenn Mum vielleicht mit dem Tode ringt? Wenn jede verfluchte Minute vielleicht darüber entscheidet, ob wir sie noch rechtzeitig finden oder zu spät kommen werden? Bei den kobaltblauen Türmen! Warum bin ich denn so aufgelöst? Man hat die Suche abgebrochen! Abgebrochen! Das ist doch ein Unding! Ausgerechnet John hat das befohlen. Dabei hat er immer beteuert, Mum zu lieben. Sie hat das geglaubt, das weiß ich. Ich habe es geglaubt. Aber …«

»Sei nicht ungerecht.«

Sie drückte sich von ihm ab und brachte die ausgestreckten Arme zwischen sich und ihren Vater. »Wie kannst du so ruhig bleiben?« Ihre Stimme vibrierte.

»Ich bin nicht ruhig. Ich bin ebenso in Sorge wie –«

Ihr Blick bekam etwas Sezierendes. So als wollte sie die Tiefen seiner Seele ausloten, um vielleicht auf etwas zu stoßen, was sie zum Anlass nehmen konnte, um ihn offen der Lüge zu bezichtigen. Sie war kaum noch zurechnungsfähig vor Trauer und Traurigkeit und Entsetzen über das Geschehen.

»Ich weiß nicht«, sagte sie.

»Was weißt du nicht?«

»Ob du wirklich so betroffen bist …«

»Was unterstellst du mir, Kind?« Rotak zeigte nicht, wie sehr ihn ihr Vorwurf tatsächlich erschütterte. Er war selten unbeherrscht. Eigentlich nie. Und er wollte auch jetzt nicht damit anfangen.

»Ich unterstelle gar nichts. Ich vermisse nur den letzten Funken Engagement. Du weißt, was ich meine.«

Er schüttelte den Kopf. Er wusste es wirklich nicht.

Doch sie ließ ihn nicht lange im Unklaren.

»Lass uns nach ihr spüren

Rotak zuckte leicht zusammen. Das Ritual, auf das ihn Winoa ansprach, funktionierte nur bei den Angks, die vor Jahren für den Dienst auf der RUBIKON ausgebildet und konditioniert worden waren. Ganz gleich, wo an Bord sich die einzelnen Individuen aufhielten, im Moment der körperlichen und geistigen Verschmelzung mit dem Schiff war es möglich, den genauen Aufenthaltsort jedes Einzelnen zu bestimmen – auch ohne Unterstützung der KI.

»Worauf du anspielst«, lehnte Rotak kategorisch ab, »funktioniert nur innerhalb der RUBIKON. Assur wird aber auf Diversity vermisst – auf der Oberfläche eines fremden Planeten.«

»Wir könnten es wenigstens versuchen.«

Rotak schüttelte den Kopf. »Dafür ist die Vereinigung nicht gedacht. Und in der momentanen Situation wäre es mehr als fahrlässig, uns mit derartigem zu beschäftigen. John hat Bereitschaft für alle Angks angeordnet. Er stößt in das Objekt vor, das er für Kargors Raumschiff hält. Unsere Kraft und Unterstützung kann jeden Moment gebraucht werden.« Er schüttelte noch einmal den Kopf. »Es geht nicht. Später vielleicht. Sobald wir die Tiefsee verlassen haben.«

Winoa schien sich mit der aktuellen Entwicklung wenig befasst zu haben. Für einen Moment ließ sie sich ablenken. »Tiefsee?«

Rotak setzte sie ins Bild. »Wo warst du, als die Durchsage kam?«

»Bei Yael.«

»In der Kalser-Nachbildung?«

Sie nickte geistesabwesend.

»Vielleicht wäre es besser, wenn du dorthin zurückkehren würdest«, sagte Rotak. »Nach unserer Rückkehr aus der Perle spreche ich mit den anderen. Sollten sie zustimmen, werden wir eine Zusammenkunft einberufen – aber, bitte, erwarte nicht zu viel davon. Wie ich schon sagte –«

Sie winkte ab und kehrte ihm den Rücken. »Schon gut. Ich weiß. Normalerweise funktioniert das Spüren nur hier an Bord …«

Gebeugt, als würden Zentnergewichte auf ihre schmalen Schultern drücken, ging sie davon. Ob nach Pseudokalser zu Yael oder sonst wohin, ließ sie Rotak gegenüber offen.

Er sah ihr nach, bis sich das Türschott von Rotaks Quartier schloss und weitere Blicke auf sie verwehrte.

Rotak seufzte.

Obwohl er davon ausgegangen war, nun wieder allein in seinem Häuschen im Angkdorf zu sein, erklangen hinter ihm Schritte.

Erstaunt wandte er sich um – und erstarrte.

Weil er sich Assur gegenüber sah.

»Ich hätte einen Vorschlag, wie wir ihr helfen könnten«, sagte sie. »Wärst du bereit, mich anzuhören?«



»Wer bist du? Du bist nicht Assur! Wer dann?«

»Kannst du es dir nicht denken?«

Täuschend echt jede Bewegung, täuschend echt Klang und Betonung der Stimme – und doch … es fehlte das Entscheidende.

»Nein.«

»Assur« blickte ernst, trat näher. »Ich will dich nicht vor den Kopf stoßen. Es war eine Idee, um zu helfen, mehr nicht. Aber ich erkenne bereits, dass es nicht funktionieren kann. Woran hast du es erkannt?«

Obwohl sie unfertig wirkte, ging durchaus Faszination von der Täuschung aus.

»Wo soll ich anfangen?«, fragte er. Gleichzeitig ertappte er sich dabei, dass er sich nicht satt sehen konnte an der durchaus real wirkenden Gestalt. Er war sicher, sie sogar berühren zu können, wenn er die Hände ausstreckte.

Aber davor schreckte er zurück.

»Wer bist du?«, fragte er. »Es genügt nicht, dass ich weiß, wer du nicht sein kannst. Gib dich zu erkennen.«

»Du kommst nicht selbst darauf?«

Es hatte den Anschein, als scheue die Besucherin davor zurück, ihre Herkunft selbst preiszugeben.

Scham – erkannte er Scham in ihrem Blick?

»Nein, ich komme nicht selbst darauf.«

»Assur« wandte sich zum Gehen.

»Bleib!«

Sie schüttelte den Kopf, ohne stehen zu bleiben. »Es ist besser. Es war dumm. Ich hoffe, du kannst mir verzeihen.«

Rotak lief ihr hinterher, holte sie ein. Er fasste sie grober an den Armen, als es seine Absicht gewesen war.

Sie war kein Geist, keine Halluzination …

für ein paar Sekunden.

Dann änderte sich ihre Konsistenz. Dann wurde sie doch zum Gespenst. Seine Hände fielen einfach durch sie hindurch. Sie verblasste.

Und war fort.

Rotak stand noch lange wie betäubt da.



Winoa trat durch das Schott in die künstliche Kalser-Welt.

Sie konnte sich nicht erinnern, einmal unbeeindruckt von dem Werk geblieben zu sein, durch das sie ihre Füße auf der anderen Seite gelenkt hatte.

Aber heute war alles anders. Die Landschaft, in die sie trat, schien ihre Farben, selbst ihre Gerüche verloren zu haben. Die Schatten auf Winoas Gemüt schienen aus ihr heraus zu sickern und ihr vorauszueilen. Wohin immer ihr Blick auch wanderte – alles erschien ihr trostlos.

Gebrauchte Momente. Ausgelaugte Situationen. Als hätte jemand sie schon einmal erlebt und mir dann aus zweiter Hand angedreht …

Sie konnte sich nur über die eigenen, abstrusen Gedankengänge wundern.

»Yael!«

Wie ein Hilfeschrei fraß sich ihr Ruf durch den holografischen Nachbau eines Planeten.

Entweder hörte Winoas Freund ihn, oder Sesha setzte ihn in Kenntnis – jedenfalls löste sich eine geflügelte Gestalt aus der Krone des Baumes, in dem die gemeinsame Behausung von Yael und seinem Orham Jiim untergebracht war. Im Näherkommen schwanden die letzten Zweifel, dass es sich tatsächlich um den Jungnargen und nicht um seinen Elter handelte.

Yael landete unmittelbar vor Winoa und erkannte offenbar sofort, in welcher seelischen Verfassung sie sich – immer noch – befand. Wie hätte sich daran auch etwas ändern sollen in so kurzer Zeit.

Sie war völlig durch den Wind, und Yael tat das einzig Richtige in diesem Moment – er schlang seine Flügel um sie und nahm sie nicht nur sinnbildlich »unter seine Fittiche«.

Sie schmiegte sich an ihn, unbefangener als sie es bei Rotak getan hatte. Bei Yael konnte sie sich ohne inneren Widerstreit geben, wie sie war. Musste sich nicht verstellen.

Aber gerade weil sie ihm so nahe stand, spürte sie sofort, dass etwas nicht stimmte.

Durch die Nebel ihrer Verstörung hindurch fühlte sie es.

»Du hast etwas – sag«, forderte sie ihn auf, obwohl sie gekommen war, um sich selbst Trost und Unterstützung zu holen.

Aber vielleicht kamen ihr die Probleme eines anderen gerade recht. Sie klammerte sich an die Herausforderung, um nicht pausenlos daran zu denken, vielleicht nie mehr ihrer Mutter begegnen zu können.

Er lockerte die Umarmung, wie schon Rotak es getan hatte – auch das fühlte sich ganz anders, richtiger, an als bei ihrem Vater. Sie war verwirrt, fühlte sich gleichzeitig aber auch bestätigt in der Wahl, die ihre Gefühle getroffen hatten. Obwohl Yael ein Nichtmensch war, übte er eine faszinierende Anziehungskraft auf sie aus und schenkte ihr mehr Liebe und Geborgenheit als ein menschlicher Freund es ihrer Ansicht nach vermocht hätte.

»Ich habe etwas getan«, sagte er und zitterte dabei leicht, »was ich besser gelassen hätte.«

»Du?« Sie sah ihn an, ohne zu verstehen, was er meinte. »Wovon redest du? Hast du etwas angestellt?«

»Im weitesten Sinne – sicher.«

»So schlimm wird es wohl kaum sein.«

»Das musst … du entscheiden.«

»Ich?«

»Es betrifft dich.« Jedes einzelne Wort schien ihn Mühe und Überwindung zu kosten, aber sie schätzte ihn schon jetzt dafür, dass er es, was immer es sein mochte, nicht vor ihr verheimlichen wollte.

»Sag schon. Wenn es mich betrifft, kannst du auf eine milde Richterin hoffen. Wie dir wohl nicht entgangen ist, habe ich momentan anderes im Kopf.«

Er lächelte verkrampft. »Darum geht es ja.« Seine Stimme war fast ein Flüstern.

Er löste die Schwingen vollends von ihr und stand mit hängenden Schultern da, den Blick zu Boden gerichtet.

Sie verzichtete darauf, ihn erneut zu drängen, wartete einfach, bis er sich überwunden hatte zu sprechen.

Endlich gab er sich einen Ruck. »Ich war bei deinem Vater.«

Winoa wusste nicht, womit er sie mehr hätte verblüffen können. »Wann? Vor allem: Warum?«

»Vorhin. Nachdem du gegangen warst.«

Sie musterte ihn argwöhnisch. »Das kann nicht sein. Ich bin auf direktestem Weg hierhergekommen. Wie willst du –« Sie verstummte, spürte, dass viel mehr hinter seiner Beichte steckte, als er bislang preisgegeben hatte.

Er hob den Blick und bettelte um mildernde Umstände. Um Nachsicht.

Winoa wurde zunehmend unsicherer.

»Du warst also bei meinem Vater – lassen wir es mal dabei. Warum? Was wolltest du von ihm? Du hast dich noch nie darum bemüht, ihn näher kennenzulernen. Warum … gerade jetzt?«

»Mein … mein Verstand muss ausgesetzt haben – inzwischen ist es mir selbst klar. Aber zunächst fand ich die Idee gar nicht so schlecht oder verkehrt. Erst … erst als ich Rotaks Reaktion sah …« Er seufzte. »Es war eine … Menschen sagen, glaube ich, Schnapsidee ! Ich geb’s zu und bitte dich nur, mir zu verzeihen!«

Er klang, als hätte er tatsächlich etwas Hochprozentiges konsumiert. Sie nahm ihn an der Hand und führte ihn zum Dorf, zu einer Stelle etwas abseits des holografischen Getümmels, die sie beide mochten. Hier, auf einer Bank, die sowohl menschliche als auch nargische Bedürfnisse erfüllte, saßen sie oft und redeten. Schenkten sich Nähe und tauschten Zärtlichkeiten aus.

Yael folgte mit merklichem Unwillen. Offenbar scheute er die letzte Konsequenz seiner Beichte.

»Du warst bei meinem Vater und hast mit ihm gesprochen. Worüber?«

»Wir haben nicht viel gesprochen. Und wohl auch nicht das Richtige.«

»Aha. Wenn du in dem Tempo weitermachst, kommen wir auf keinen grünen Zweig.«

Er holte tief Luft – und gestand ihr sein Vergehen.

Danach war sie erst einmal sprach- und fassungslos.

»Schnapsidee trifft es nicht einmal ansatzweise«, platzte es schließlich aus ihr hervor. »Was hast du dir nur dabei gedacht ? Du musst ihn zu Tode erschreckt haben!«

»Das ist mir auch klar geworden. Allerdings zu spät …«

Sie überlegte, wie sie damit umgehen sollte. »Du bist … bist ihm in Gestalt meiner Mutter erschienen? Wie hast du das gemacht? Wie bei Charly? Wie auf Voosteyn, als du den Wächter der Kartei hinters Licht geführt hast?«

Er bejahte. »Ich kann meine Projektionen mittlerweile beherrschen. Das war schon mal anders – da haben sie eher mich beherrscht. Aber es genügte, mir deine Mutter vorzustellen, um sie zu … zu einem Scheinleben erstehen zu lassen. Sie war materiell, greifbar – solange ich das wollte. Aber dann bekam ich kalte Füße. Dein Vater … dein Vater ahnt offenbar nicht, dass ich dahinter stecke. Bevor ich mich ihm offenbaren konnte, lief alles aus dem Ruder.«

»Was wolltest du ihm denn sagen – oder demonstrieren? Wie konntest du nur glauben, damit etwas Gutes zu bewirken?«

Zum ersten Mal seit sie sich näher gekommen waren, verstand sie ihn nicht im Geringsten, nicht einmal ansatzweise. Was er getan hatte, war … paranoid. Im günstigsten Fall.

»Eigentlich ging ich zu ihm – du weißt, dass ich durch die Augen meiner Projektionen sehen, durch ihre Ohren hören und mit ihrem Mund sprechen kann –, um ihn zu fragen, was er davon hält, wenn ich … wenn ich dir anbiete, dir deine Mutter zurückzuholen. Für eine Übergangszeit. Damit du ihren Verlust, den der echten Assur, leichter kompensieren ka–«

»Schwachsinn!« Winoa explodierte förmlich und sprang auf. »Was für ein unglaublicher Schwachsinn! Leichter kompensieren? Du hast sie doch nicht alle! Wie kannst du glauben, ich käme leichter über ihr Verschwinden hinweg, indem du mir eine Doppelgängerin von ihr präsentierst?«

Er setzte zu einer Erwiderung an, scheiterte aber offenbar an der Erkenntnis, dass sie in allen Belangen recht hatte.

In ihrer Rage war Winoa nicht geneigt, ihm das zugute zu halten.

Sie wandte sich um. »Lass mich besser die nächste Zeit in Frieden – ganz in Ruhe. Das muss ich erst mal verdauen. Und meinem Vater klar machen.«

»Du willst deinem Vater …?«

»Was denkst du denn? Das muss der Schock seines Lebens für ihn gewesen sein!« Kopfschüttelnd ließ sie ihn zurück und war froh, dass er ihr nicht folgte.



Als es klopfte, hob Cloud irritierte eine Braue.

Er konnte sich nicht erinnern, wann zuletzt jemand die Fingerknöchel benutzt hatte, um sich vor seiner Kabine bemerkbar zu machen. Es gab einen Türsummer. Der war verlässlicher. Nur ganz schwach drang das Klopfen zu ihm vor; es war leicht zu überhören.

»Sesha?«

»Commander?«

»Wer steht vor der Tür zu meiner Unterkunft?«

Die KI veränderte die Struktur des Türschotts in einer Weise, dass darauf das Abbild eines Gesichts erschien.

»Rotak …«

Cloud war überrascht. Gleichzeitig wusste er aber auch, dass das Erscheinen des Angk nur ein Thema haben konnte.

Assur.

Im ersten Moment wollte er vor der Begegnung kneifen. Doch dann überwand er sein Unbehagen. Er betätigte den Türöffner.

Rotak trat ohne Umschweife.

»Commander.«

»Rotak. Was kann ich für dich tun?«

Er hoffte immer noch, dass es um etwas anderes ging als das, was er vermutete.

Aber seine Intuition trog ihn nicht.

»Die RUBIKON steht kurz davor, Diversity zu verlassen.«

»Das ist richtig.«

Rotak nickte kurz. Dann schüttelte er den Kopf. »Das geht nicht.«

»Geht nicht?«, echote Cloud fragend.

»Nicht, solange nicht alles versucht wurde.«

»Du meinst – bezüglich Assur.«

Er nickte. Sein hageres Gesicht wirkte kantiger denn je.

»Wir haben alles versucht«, sagte Cloud. »Wenn es noch etwas gäbe, das die Möglichkeit in sich birgt, sie vielleicht doch noch zu finden, ihre sterblichen Überreste, würde ich nicht zögern, es zu versuchen. Aber –«

»Es gibt eine Möglichkeit – und sie wurde noch nicht probiert.«

»Welche?«

Rotak erklärte es ihm.

Cloud hörte sich an, was der Angk auf dem Herzen hatte – allerdings erstaunte es ihn, dass Rotak sich an einen Hoffnungsstrohhalm klammerte, der gar nicht existierte.

»Du willst sie erspüren ? Das mag innerhalb der RUBIKON, deren Teil ihr werden könnt, funktionieren. Aber da draußen, auf dem Planeten … wie soll das gehen?«

»So habe ich Winoa gegenüber auch argumentiert«, sagte Rotak. »Aber sie gibt keine Ruhe. Und um auch die unwahrscheinlichste Chance nicht ungenutzt verstreichen zu lassen – vielleicht auch nur um meiner Tochter und mir selbst zu beweisen, dass wirklich alles getan wurde –, bitte ich dich, es uns versuchen zu lassen. Ich habe mit den anderen gesprochen. Es gibt Dutzende Freiwillige, die spontan ihre Unterstützung zugesagt haben. Ich glaube, wenn ich alle fragen würde, gäbe es keinen Einzigen, der nein sagen würde.«

Cloud zweifelte nicht daran.

»Wir konzentrieren uns momentan auf Jarvis, der immer noch als vermisst gilt. Ich weiß nicht, ob ich ein solches Unternehmen, wie von dir vorgeschlagen, gutheißen kann. Wir müssen flexibel bleiben, was Rettungsmaßnahmen hinsichtlich Jarvis angeht.« Er seufzte. »Wie lange würdest du … würdet ihr … für ein solches Vorhaben denn brauchen?«

»Nicht lange. Wenn wir nicht gleich Kontakt zu ihr bekommen, ist sie nicht mehr da. Aber wir müssen zur Oberfläche. In die Nähe der Stelle, wo sie zuletzt war.«

Cloud rieb sich den Nacken. »Das bin ich ihr schuldig, oder?«, sagte er.

Rotak zuckte mit den Schultern. »Kommt darauf an, wen du meinst. Assur oder Winoa?«

»Beiden.«

Der Angk nickte. »Ich glaube so ist es. Und es ist nicht sonderlich aufwändig. Auch die Risiken sind überschaubar.«

»Ich hoffe, das stimmt.«

»Was sollte uns passieren?«

»Das fragt man vorher immer. Klüger ist man erst hinterher. So ging es mir mit Assur. Als sie darauf drängte, endlich auch einmal an einem Außeneinsatz teilnehmen zu dürfen, dachte ich: ‚Warum eigentlich nicht? Was soll schon passieren?‘ Nun, die Antwort kennen wir beide.«

»Das war eine andere Situation.«

Cloud machte eine wegwerfende Geste. »Wie dem auch sei – ich bin einverstanden. Meinen Segen habt ihr. Aber es muss gleich passieren. Ein Shuttle wird euch hinunter bringen. Länger als drei Stunden habt ihr nicht – den Transfer eingeschlossen. Es sei denn natürlich, ihr würdet hieb- und stichhaltige Spuren finden …«

»Danke.« Rotak wandte sich zum Gehen.

»Warte«, sagte Cloud.

Der Angk blieb stehen und wandte sich noch einmal um. »Ja?«

»Viel Glück!«



Kurz bevor Winoa das Shuttle bestieg, stürmte Yael in den Hangar.

»Warte! Bitte, warte!«

Ihr Vater stand schon in der offenen Luke. Winoa bemerkte, wie seine Züge beim Anblick des Nargen verhärteten. Vielleicht hätte ich ihm lieber nicht sagen sollen, wer hinter der falschen Assur steckte …

»Steig ein«, sagte er.

»Gleich«, erwiderte sie mit einem zaghaften Lächeln, das um sein Verständnis flehte. »Ich komme gleich nach.«

»Wir starten in fünf Minuten. Wenn du bis dahin nicht an Bord bist, kannst du nicht mitkommen.«

Sie wusste, dass schon allein das limitierte Zeitzugeständnis des Commanders diese Frist rechtfertigte. Aber ihr war auch klar, dass Rotak auf diese Weise Druck ausüben wollte, sich nicht zu ausgiebig mit Yael auseinanderzusetzen. Ihr Vater hatte sehr ungehalten auf ihre Eröffnung reagiert, dass der Jungnarge hinter dem Vorfall in seinem Quartier steckte. Mittlerweile war ihre eigene Verärgerung aber schon wieder etwas verflogen. Sie vermisste Yaels Nähe und Berührungen. Vor allem aber vermisste sie ihn als Zuhörer, dem sie ihre geheimsten Sorgen anvertrauen konnte.

»Ich komme mit. Es wird nicht lange dauern. Danke!«

Rotak verschwand im Innern des Shuttles, wo schon die anderen Angks, die an dem Ausflug teilnahmen, Platz genommen hatten.

Winoa drehte sich um und ging Yael ein paar Schritte entgegen.

Dann standen sie sich gegenüber.

Yaels Wangen waren dunkel ockerfarben. In seinen schwarzen Augen, die wie Perlen aussahen, in denen jemand Stücke der Nacht eingeschlossen hatte, entdeckte Winoa Spiegelbilder von sich selbst.

»Was ist?«, fragte sie brüsk.

Zu leicht wollte sie es ihm auch nicht machen.

»Ich … wollte mich nur von dir verabschieden. Pass auf dich auf da unten.«

»Das ist alles?«

Er nickte betreten.

Sie hielt das Strahlen nicht länger zurück. »Lieb von dir!« Sie schlang die Hände um seinen Nacken und drückte ihm einen trotz der Kürze überaus sehnsuchtsvollen Kuss auf den Mund. »Wir reden, sobald ich zurück bin!« Sie trat zurück, genoss für einen Moment die Erleichterung, die sich über sein Gesicht legte und rannte dann winkend zum Shuttle.

»Du hättest noch zwei Minuten gehabt«, empfing Rotak sie mit unbewegter Miene.

Winoa nickte. »Ich weiß. Aber ich wollte deine Geduld nicht überstrapazieren.«

Eine Weile schien er durch sie hindurch zu starren. Die Shuttle-Luke schloss automatisch. Über einen Monitor war zu sehen, dass das Fahrzeug Richtung Hangartor schwebte.

Kurz darauf füllten Sterne das Bild aus.

Und dann … Diversity.

»Du hängst an ihm, stimmt’s?«

Rotaks Stimme holten ihre Gedanken von dort zurück, wo Yael geblieben war.

»Er hat einen Fehler gemacht. Und ich bin sauer auf ihn. Aber er ist kein schlechter Kerl.« Sie bemühte sich, Worte zu finden, die die Kluft zwischen Rotak und ihrem Freund nicht noch tiefer werden ließen.

»Das beantwortet nicht meine Frage.«

Sie seufzte. »Was erwartest du? Natürlich mag ich ihn. Aber ich weiß auch, dass er Mist gemacht hat. Und du ihm das wahrscheinlich nicht so bald verzeihen wirst.«

»Würdest du es denn wollen?«

»Was?«

»Dass ich ihm verzeihe.«

Sie brauchte nicht groß zu überlegen. Sie nickte, sah ihn aber nicht an.

»Gut.«

Mehr sagte er nicht.

Als sie endlich den Blick hob, lächelte er.

»Was heißt das?«

»Ich will es versuchen. Es war absolut unsensibel von ihm, aber sagtest ja, er wollte damit eigentlich Gutes bezwecken.

»Was für ein Idiot!«

Rotaks Lächeln vertiefte sich. »Ja«, sagte er. »Was für ein Idiot!«

Sie lachten beide gleichzeitig los.

Verrückt , dachte Winoa. Mum musste erst … verschwinden, damit ich meinem Vater wieder näherkomme …

Als Nächstes näherten sie sich der Stelle, die Assur zum Verhängnis wurde.

Ein riesiger Krater klaffte wie eine Wunde in der Landschaft.

Das Shuttle setzte nahe des Rands auf.



Als Winoa ausstieg, hörte sie ein Geräusch und blickte nach oben.

Aus dem blauen Himmel senkte sich ein zweites Shuttle herab.

»Ich dachte, wir wären komplett«, sagte sie. »Du hast nicht erwähnt, dass noch mehr mitkommen, um –«

Rotak schüttelte den Kopf, nachdem er selbst erstaunt nach oben geblickt hatte. »Das war auch nicht abgemacht«, sagte er.

Das zweite Shuttle landete unweit des ersten. Als sich die Luke öffnete, huschten Spinnenbots heraus, gefolgt von einer einzelnen menschlichen Gestalt.

»Jelto!« Winoa ging ihm automatisch entgegen.

Der Florenhüter hob grüßend die Hand.

»Was tust du hier?«

»Nachholen, wozu ich bislang nicht kam.«

»Und das wäre?«

Jelto orientierte sich kurz und zeigte dann auf einen knorrigen Baum in bedenklicher Nähe des Kraterrands, aber der zurückliegende Erdrutsch hatte ihn verschont.

»Die Bots helfen mir – falls ich die Zusage bekomme.«

»Zusage?«

»Von ihm.« Abermals zeigte der Florenhüter auf den Baum.

Winoa wusste nicht, ob sie Jelto richtig verstand. Aber der hoch gewachsene Mann mit den schockgrünen Augen lächelte milde und sagte: »Ich hatte schon einmal Kontakt mit ihm. Er besitzt Intelligenz, die der menschlichen ebenbürtig ist.«

Winoas Augen weiteten sich staunend.

»Was überrascht dich daran so?«, fragte Jelto. »Du kanntest Cy. Pflanzliche Intelligenz kommt häufiger vor.«

Winoa nickte schnell. »Dumm von mir, natürlich. Aber … Cy war für mich immer etwas Einzigartiges. Besonderes.«

»Und das wird er auch immer bleiben. Es ist wie unter Menschen. Auch da treffen wir manchmal ganz besondere, und ein jeder ist auf seine Weise einzigartig.«

Winoa blickte an ihm vorbei zu Rotak, der wild gestikulierte, sie zu sich rief. »Entschuldige, ich muss los.«

Jelto nickte. »Ich weiß. Ich bin informiert. Viel Glück bei eurem Versuch. Aber versprecht euch keine Wunderdinge davon.«

Winoa wollte sich die Hoffnung nicht nehmen lassen. Mit einem letzten Wink rannte sie zu der Gruppe zurück, die sich ein Stück weit von dem Shuttle entfernt hatte und auf den Boden setzte, einen Kreis bildete.

Als sie hinter sich schaute, sah sie Jelto, gefolgt von einem Heer eifriger Bots, auf den allein stehenden Baum zugehen und seine Aura zünden.

Das Licht, das aus ihm herausströmte, war heller als die Sonne im Zenit.

Winoa beobachtete fasziniert, wie der Florenhüter den Baum erreichte und ihn in sein Licht tauchte.

Dann widmete sie sich der Aufgabe, die sie selbst angeregt hatte.

Dem letzten Versuch, Assur doch noch ausfindig zu machen – lebendig oder tot.

Aber als die beiden Shuttles einige Zeit später zurück zur RUBIKON starteten, konnte nur Jelto den gewünschten Erfolg verbuchen. Der Baum hatte sein Einverständnis gegeben, auf das Raumschiff umzusiedeln, und die Bots hatten sein Wurzelwerk vorsichtig aus dem Erdreich befreit.



»Nichts«, meldete Rotak noch während des Rückflugs zur RUBIKON. »Wenn sie – oder etwas von ihr – noch auf Diversity wäre, hätten … hätten wir es gespürt.«

»Sicher. Danke für eure Bemühung.«

»Danke für die Möglichkeit, es zu versuchen.«

»Das war selbstverständlich.«

Rotak nickte.

»Wie geht es Winoa?«, fragte Cloud.

»So wie uns allen«, erwiderte der Angk.

»Braucht sie psychologischen Beistand?«

»Ich bin für sie da.«

Offenbar klang Rotak für Clouds Empfinden so bestimmt, dass er es ohne weitere Nachfrage so stehen ließ.

»Und Jarvis?«, erkundigte sich der Angk.

»Unveränderter Status.«




1.


In Windeseile begaben sich Quirin, Parv und Slig in den Kernbereich der Stadt, wo armdicke Kampfstrahlen einschlugen und teils verheerende Explosionen auslösten. Dann nämlich, wenn Stein, der damit in Berührung kam, regelrecht zerplatzte. Nicht selten wurden dabei ganze Gebäude in die Vernichtung gerissen, in Schutt und Asche gelegt.

Ausgangspunkt der schrecklichsten Verwüstung, an die Quirin sich eigener Aussage zufolge erinnern konnte, dass sie die Bergstadt jemals heimgesucht hatte, war in allen Fällen die seltsame Armada von Fluggeräten, die nach wie vor auf die Stadt und ihre Bewohner zuhielt.

»Wer ist das?«, jammerte Parv unzählige Male während ihrer Flucht. Er vertraute ebenso wie Slig auf Quirin, dass er sie auf dem schnellsten Weg aus der geheimnisvollen Ansiedlung heraus führen würde; immerhin lebte er am längsten von ihnen hier und kannte sich in den Sträßchen und Gassen aus wie in seiner Westentasche. Quirin war ein Floy, ein insektoider Vaschgane, ganz im Gegensatz zu dem echsenartigen Pieroo Parv oder dem Tauren Slig, der pflanzlichen Ursprung hatte.

Es gab noch einen Vierten im Bunde, Mo, doch der hatte seine Intelligenz verloren und begleitete sie nurmehr in Manier eines Nutztieres. Quirin war trotz dieses Handicaps nach wie vor freundschaftlich mit dem »verdummten« Vaschganen verbunden, was Parv einerseits Respekt abnötigte, ihn andererseits aber auch einigermaßen ratlos machte.

»Schneller!«, drängte Slig, der an Parvs Seite hinter Quirin und Mo her hetzte. »Wir müssen in die Ebene – und dann …« Seine heiseren Worte verstummten, als hätte ihm eine scharfe Klinge die Stimmbänder durchtrennt. Wahrscheinlich wusste er selbst nicht, wie es am Fuß des bis in die Wolken reichenden Berges weitergehen sollte.

An manchen Stellen der Stadt, wo sie vorbeikamen, hatte man einen unverstellten Blick bis ganz nach unten. Aber zur Überraschung Parvs – und wohl auch Sligs – war dort unten kaum Bewegung auszumachen, die auf andere Flüchtlinge hinwies. Nicht mehr jedenfalls als dort gemeinhin ohnehin zu beobachten war, denn der Landeplatz der Gleitflieger befand sich unweit des Pfades, der in die Stadt hinauf führte.

Die Flieger …

Parv schüttelte im Laufen den Kopf. Die Verrückten, die sich von weit oben in die Tiefe stürzten und dabei allein auf das zerbrechliche Konstrukt bauten, das echte Flügel nachahmte , waren eines von vielen Mysterien der rätselhaften Stadt, in die es Slig und ihn verschlagen hatte.

Nach tiefer Bewusstlosigkeit waren er und der Taure in einem Bereich Venlogs erwacht, von dem sie noch nie gehört hatten und über den noch nicht einmal das Große Gedächtnis, in das alle Vaschganen eingebettet waren, Auskunft zu geben vermochte. Zeitweise war Parv deshalb sogar zu der Ansicht gelangt, sich gar nicht mehr auf Venlog zu befinden.

Aber wo dann?

Unweit von ihnen schlug ein Lichtbalken ein, der aus der Ferne abgefeuert worden war. Die Folgen waren furchtbar. Ein Gebäude stürzte vollständig ein, Nachbarhäuser erlitten gewaltige Schäden.

Das Verrückteste aber war: Parv sah keine Vaschganen panisch das Weite suchen, wie es dem natürlichen Überlebensreflex entsprochen hätte – dafür aber umso mehr Vaschganen, die vor seinen Augen auf das in sich zusammenfallende Bauwerk zu eilten, als legten sie es darauf an, mit in den Tod gerissen zu werden.

Absurd.

»Seht!«, versuchte er Quirins und Sligs Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was er gerade beobachtete. Die Blicke seiner Begleiter schienen auf andere Ziele gerichtet zu sein und nichts davon mitbekommen zu haben.

»Was?«, schnaubte Slig und wandte den Kopf in die Richtung, die Parv ihm wies.

Aber als er hinschaute, war das Drama schon nicht mehr als das zu deuten, was es in Parvs Augen darstellte – der Selbstmord mehrerer Vaschganen, von denen in der aufwallenden Staubwolke schon nichts mehr zu sehen war.

Lautlos, ohne einen einzigen Schrei, waren sie von herabstürzenden Trümmern begraben worden.

Parv schilderte, was er gesehen hatte.

Slig machte keinen Hehl daraus, dass er ihm nicht glaubte, mehr noch, ihn für geistig nicht zurechnungsfähig hielt, so etwas zu behaupten.

Quirin äußerte sich gar nicht. Mit Mo an der Leine eilte er unverdrossen weiter die serpentinenartig angelegten Pfade abwärts.

Parv war einmal mehr enttäuscht von Sligs Ignoranz. Der Taure, der gerade erst beteuert hatte, ihm in echter Freundschaft zugetan zu sein, legte ein Verhalten an den Tag, das dies Lügen strafte.

Aber alles in allem ließen die Ereignisse Parv zu wenig Zeit für Dinge wie Ärger oder Frustration.

Die Stadt erbebte unter immer neuen Einschlagen. Die vorrückenden Jorrims gaben sich gnadenlos.

Jorrims – Eherne!

Parv hatte schon vor dem Angriff unmissverständliche Hinweise darauf gehabt, dass die Ehernen, über die nicht einmal das Große Gedächtnis viel Verlässliches zu sagen wusste, nicht nur der Fantasie der Vaschganen entsprungen, sondern ganz real waren. Doch nun lieferten die vermeintlichen Fantasiebilder selbst den Beweis ihrer Existenz – und Überlegenheit.

Schrecklicher als jede andere Parv bekannte Waffe wüteten die Lichtspeere, die sie aus ihren fliegenden Fahrzeugen – noch so ein unbegreifliches Wunder! – abfeuerten.

»Was ist – wohin willst du?«

Urplötzlich und ohne eine Erklärung wechselte Quirin mit Mo in eine Seitengasse, verließ damit den direktesten nach unten führenden Weg.

»Quirin! Wir müssen raus – raus aus der Stadt! Warum verlässt du –« Parv blieb abrupt stehen.

Slig lief weiter – hinter Quirin und Mo her.

»Slig!«

Der Gefährte ließ sich nicht aufhalten. Zusammen mit dem Floy und seinem verdummten Freund drohte er in der Vaschganenmenge zu verschwinden, die in der Seitenstraße unterwegs war.

Während er ihnen nachschaute, wurde Parv zum ersten Mal richtig bewusst, dass die Bewohner der an die Bergflanke geschmiegten Stadt weit davon entfernt waren, in Panik zu verfallen. Anders als Parv selbst wirkten sie von den Ereignissen zwar überrumpelt, aber schienen überhaupt nicht in Sorge um ihr Leben zu sein.

Fluchend stürmte Parv den Gefährten schließlich hinterher – gerade noch rechtzeitig, bevor sie seiner Wahrnehmung entschwanden. »Wartet! Dresch! So wartet doch!«

Er holte sie ein, als Quirin auf einen Platz einbog, den die Bewohner der Stadt weiträumig umgingen.

Quirin blieb stehen. Mit ihm Mo und Slig.

Schwer atmend gesellte sich Parv zu ihnen und blickte auf etwas, das wie eine dunkle Lache auf dem Straßenpflaster glitzerte. Offenbar war dieses Etwas der Grund dafür, dass die Vaschganen einen großen Bogen um die betroffene Stelle machten.

»Was ist das?«, murmelte Slig.

Parv wusste es so wenig wie der Taure. »Keine Ahnung. Quirin?«

Quirin hielt sich nicht mit einer Antwort auf, sondern stakte bereits auf das Phänomen zu, das flüssig und doch fest wirkte – als hätte jemand Lack ausgeschüttet, der sofort zu einer harten Schicht erstarrt war.

»Quirin!«

Der Floy reagierte nicht. Er schien Parv entweder nicht zu hören oder er ignorierte ihn absichtlich.

Beides missfiel Parv gleichermaßen. Während Slig und selbst Mo, dessen Zügel Quirin aus der Hand hatte gleiten lassen, innehielten und keine Anstalten machten, dem Floy weiter zu folgen, setzte Parv sich ohne Zögern in Bewegung.

Er sah noch, wie sich Quirin am Rand der Lache bückte und nach dem seltsamen Gebilde am Boden zu tasten schien …

dann traf ihn das Vergessen wie der Schwingenschlag eines tollwütigen Kargoy.



Der Beschuss der Stadt hörte unvermittelt auf.

Der Vaschgane, der eben noch nach der quecksilbrigen Masse auf dem Straßenpflaster getastet hatte, richtete sich wieder auf und sah sich nach seinem Begleiter um, der hinter ihm ohne erkennbaren Anlass ins Straucheln geraten war.

»Bist du soweit?«, fragte Floy.

Der Pieroo machte eine Geste, die unter Vaschganen unüblich war. Aber der Floy verstand ihn mühelos. Während er stadtauswärts blickte, näherte sich der Taure, der ebenfalls zu ihrer Gruppe gehörte.

»Woher mag der Eindringling kommen?«, fragte er.

Der Pieroo und der Floy wussten keine Antwort, natürlich nicht. Das Auftauchen des Dings in der Maske eines Humanoiden hatte sie ebenso überrascht wie … alle.

Ohne den Vierten im Bunde – Mo – auch nur eines Blickes zu würdigen, warteten sie das Eintreffen der Gleiter ab.

Ohne Scheu oder gar Furcht vor den aussteigenden »Ehernen« sahen sie zu, wie sie sich um die Lache gruppierten. Bevor sie aber daran gehen konnten, die amorphe Masse zu bergen, bückte sich der Pieroo unversehens und griff mit der Echsenklaue in sie hinein.

Eherne, Floy und Taure warteten ebenso neugierig wie die Stadtbewohner, die die Szene verfolgten, auf eine Erklärung für sein Verhalten. Der Pieroo erhob sich schließlich wieder und hielt etwas in die Luft, was für Erstaunen und Aufsehen sorgte.

»Unmöglich«, kam es fast stammelnd über die Lippen des Floy. »Woher hat es das? Gestohlen?«

»Gibt es denn eine andere Erklärung?«, sagte der Taure.

Einer der Ehernen forderte den Pieroo auf, ihm den Kristall auszuhändigen. »Wir werden es klären«, sagte er. »Wollt ihr uns begleiten?«

Floy und Taure verneinten.

Der Pieroo aber, der den Kristall gefunden hatte, dessen Form Ähnlichkeit mit einer Schuppe seines Echsenkörpers hatte, schloss sich den Ehernen an und half dabei, die amorphe Masse vom Pflaster zu lösen und in einen Behälter zu befördern. Als die Arbeit getan war, verschwand der Behälter in einem der Gleiter, und der Pieroo stieg ebenfalls zu.

Kurz darauf hoben sämtliche Fahrzeuge, die die Stadt unter Beschuss genommen hatten, ab.

Die Blicke, die dem Pulk folgten, bis er am Horizont verschwand, waren alles andere als betroffen. Manch einer äußerte sogar sein Bedauern, in den Wirren der einstürzenden Gebäude nicht umgekommen zu sein.

Doch nach einer Weile verstummten solche Äußerungen und änderte sich das Mienenspiel vieler Vaschganen.

Auch durch den Tauren und den Floy ging ein sichtbarer Ruck.

Slig wirbelte herum, blickte suchend nach allen Seiten. »Wo ist Parv?«

Quirin ließ seinen Blick ebenfalls über die Umgebung schweifen. Aber auch er fand keinen Hinweis auf Parv. Nur Mo war bei ihnen.

»Ich hoffe, ihm ist nichts passiert«, seufzte Slig. »Wo sind die Jorrims? Eben waren sie doch noch ganz nah mit ihren Flugmaschinen …«

Die Jorrims – oder Ehernen, wie sie sie nannten – waren ebenso von der Bildfläche verschwunden wie Parv.

Slig und Quirin befragten ein paar Passanten, doch auch die beteuerten, nicht zu wissen, wohin die Angreifer so plötzlich wieder verschwunden waren, wie sie gekommen waren.

Hatte es den Angriff überhaupt gegeben?

Etliche zerstörte Häuser zeugten davon.

»Was hatte dieser Spuk zu bedeuten?«, murmelte er.

Als er beobachtete, wie aus den Trümmern eines nahen Hauses ein toter Vaschgane gezogen wurde, befürchtete er, dass Parv vielleicht auch umgekommen sein könnte.

Stundenlang irrte er mit Quirin durch die Stadt und suchte nach dem Vermissten.

Vergeblich.

»Komm«, sagte Quirin irgendwann. »Lass uns nach Hause gehen. Vielleicht ist er schon dort – oder findet dorthin. Wir sollten die Hoffnung nicht aufgeben, dass er sich lediglich irgendwo herumtreibt.«

Slig wirkte wenig überzeugt, dennoch folgte er Quirin.

Tief im Herzen fühlte er, dass er Parv nie mehr wiedersehen würde.

Aber er irrte, wenn er glaubte, der Pieroo sei umgekommen.

Er wusste nur nichts von dem geheimen Doppelleben, das er selbst und jeder andere Vaschgane in diesem besonderen Bereich von Venlog führte.

Er ahnte nicht einmal, dass auch in ihm selbst ein fremdes Leben pulste, das ihn nach Belieben an- und ausknipste …





2.


»Jarvis schweigt. Wir bekommen keinen Kontakt zu ihm. Er ist überfällig!«

Wieder und wieder hallten die Worte in Clouds Erinnerung nach.

Nachdem Rotak und Konsorten von Diversity zurückgekehrt waren, entschied er, dass die Zeit des Zauderns vorbei sein musste.

Endgültig!

»Es reicht!«, quetschte er zwischen den Zähnen hervor, so leise, dass wahrscheinlich niemand in seiner Nähe es verstand, auch Scobee nicht, deren Sitz auf dem Kommandopodest unmittelbar an seinen angrenzte.

Doch als er sich zurückfallen ließ – Indiz genug, um zu verraten, was er vorhatte –, wirbelte ihr Kopf herum, und sie sah ihn entgeistert an. »Was hast du vor? Nicht schon wieder ein Alleingang, ich bit–«

Wie abgeschnitten endete ihr Ausruf, weil sich der Deckel des Sarkophagsitzes geschlossen hatte und Cloud die neuronale Verbindung zum Schiffskörper herstellte.

Er hatte keine Lust – vor allem aber keine Kraft mehr –, länger zu warten.

Er verschmolz auf geistiger Ebene mit der RUBIKON und nutzte ihr technisches Repertoire, um seine menschlichen Sinne zu ergänzen. Mit kybernetischen.

Und während die Freunde, die sich gerade in der Bordzentrale aufhielten – Scobee, Jiim und Algorian – überrumpelt zurück blieben, lenkte er die RUBIKON fast in Kamikaze-Manier auf den Planeten hinab, auf dem sich vielleicht auch schon Jarvis‘ Schicksal erfüllt hatte.

Er war blind in das gesprungen, was sie als Tridentische Kugel in einem der Ozeane von Diversity entdeckt zu haben glaubten.

Sofort nach der Teleportation – eigentlich Transition , denn bei Jarvis funktionierte die räumliche Versetzung seines Körpers auf technische Weise, nicht mithilfe einer Paragabe – war der Kontakt zu ihm abgebrochen. Und hatte seither nicht wieder aufgebaut werden können.

Cloud war erfahren genug, um zu ahnen, dass dies nichts Gutes bedeutete. Offenbar war Jarvis im Inneren der CHARDHIN-Perle auf etwas getroffen, das ihn hinderte, sich mit der RUBIKON in Verbindung zu setzen – oder einfach nur zu ihr zurück zu kehren.

Vielleicht ist er nicht einmal im Inneren angelangt , sinnierte Cloud, während die RUBIKON im Schutz ihrer Dimensionswälle und Prallschirme in immer dichtere Bereiche der Diversity-Atmosphäre vordrang. Möglich, dass die Hülle der von Kargor zum Raumschiff umfunktionierten Perle ihn gar nicht erst passieren ließ …

Falls dem so war, mochte der Sprung Jarvis sonst wohin versprengt – oder umgebracht haben.

Cloud war wild entschlossen, die Antwort darauf zu finden.

Und bremste die RUBIKON auch nicht ab, als sie die Oberfläche des Ozeans erreichte, auf dessen Grund Sonden bereits Vorarbeit geleistet und ein Stück der CHARDHIN-Außenschale freigelegt hatten.

In zwölf Kilometern Wassertiefe.

Die Tridentische Kugel hatte sich demnach fast hundert Kilometer tief in die Planetenrinde gewühlt – wie und warum auch immer.

»John! Öffne den Sitz! Was hast du vor? Bring nicht das ganze Schiff in Gefahr, nur um –«

Er blendete Scobees Appell, über Funk an ihn herangetragen, aus.

Wann immer es ging, versuchte er die RUBIKON nach demokratischen Gesichtspunkten zu führen.

Momentan ging das seiner Meinung nach nicht.

Weil er keine Zeit mehr verschwenden wollte.

Zeit, von der vielleicht die letzte Chance abhing, Jarvis doch noch zu retten.

Unaufhaltsam glitt die RUBIKON dem Grund des Meeres entgegen.

Cloud strapazierte die Ortungssysteme des Schiffes mit Höchstwerten. Der sichtbar gemachte Teil von Kargors Raumschiff wurde abgetastet und nach feinsten Lecks abgesucht.

Zu seinem eigenen Erstaunen wurde Cloud fündig.

Unmittelbar über einem solchen Haarriss stoppte er die RUBIKON ab.

Der immense Druck der Tiefe konnte ihr nichts anhaben.

Cloud instruierte Sesha über sein Vorhaben – und kehrte anschließend zu seinen Freunden zurück.

Der Deckel des Sarkophags löste sich auf.

»Ich bin euch eine Erklärung schuldig«, wandte sich Cloud an die hitzig debattierenden Freunde, die den offenen Sitz erst bemerkten, als Clouds Stimme erklang.

»Du hast Glück, dass du mildernde Umstände geltend machen kannst«, fauchte Scobee ihn an. »Vielleicht sollten wir als Erstes Sesha checken lassen, ob du geistig noch zurechnungsfähig bist. Die Aktion gerade …«

Cloud verstand ihre Verärgerung.

»Lass ihn«, erhielt er unerwartete Schützenhilfe von Algorian. Der aoriische Telepath hatte die rechte Hand erhoben und versuchte, Scobee mit Gesten zu beschwichtigen. »Er wollte sein Handeln doch gerade erklären.«

»Ja«, sagte Scobee zynisch. » Nachdem er gehandelt hat – mir wäre es nur lieber, hätte er es vorher getan!«

»Ich hab’s ja verstanden«, wandte sich Cloud an Scobee, nachdem er Algorian dankbar zugenickt hatte. »Aber die Pferde gingen mit mir durch. Ich musste mir ein Ventil verschaffen. Wir haben schon viel zu lange abgewartet. Ich will nicht auch noch Jarvis auf die Verlustliste setzen müssen.«

Sein »auch noch« verstand jeder. Es gab keine Nachfrage. Nur Scobees Aufforderung: »Schon gut. Aber sag endlich, warum du uns direkt vor die Kanonen der TK gelotst hast! Ist vielleicht ein bisschen viel des Guten. Selbstmord kann man auch stilvoller begehen.«

Cloud schüttelte entschieden den Kopf. »Ich glaube nicht, dass ‚Kanonen‘, wie du es nennst, auf uns gerichtet sind. Die bisherigen Untersuchungen deuten darauf hin, dass wir es tatsächlich mit Kargors verschollenem Raumschiff zu tun haben – und Kargor ist nicht unser Feind, schon gar nicht unser Tod feind.«

»Selbst wenn einiges darauf hindeutet, dass wir es am Meeresgrund mit der mobil gemachten CHARDHIN-Perle zu tun haben, heißt das nicht, dass auch Kargor noch an Bord sein muss.«

Scobees Einwand war berechtigt. Die Art der »Versenkung« deutete vielmehr darauf hin, dass die Tridentische Kugel ihr Grab auf Diversity gefunden hatte. Durchaus denkbar, dass der Feind der Bractonen – beziehungsweise der Ganf –, die Auruunen, das gigantische Fahrzeug längst aufgebracht hatten. Vielleicht war das »Eingraben« in die Planetenrinde nur die Nebenwirkung einer Waffe, die von den Auruunen gegen Kargor und die Seinen zum Einsatz gebracht worden war.

Dort unten mochte nurmehr das Wrack einer einst stolzen Perle liegen – und die Besatzung mochte komplett ums Leben gekommen sein.

Blieb die Frage, wann all dies geschehen sein sollte.

»Nein«, pflichtete Cloud ihr bei. »Das heißt es nicht. Aber es gibt einen Weg, es herauszufinden – und der ist allemal besser, als in Passivität zu verfallen und darauf zu hoffen, dass Jarvis irgendwann schon von selbst wiederkehrt.« Er hob leicht den Kopf. »Sesha?«

»Commander?«

»Wir haben es bislang versäumt, den Meeresgrund an der Stelle altersmäßig zu bestimmen, unter der wir die TK vermuten.«

Die KI schwieg.

Cloud formulierte konkret: »Sofort Sonden ausschleusen, deren einzige Aufgabe genau darin besteht – Altersbestimmung der Sedimente, die sich über der Perle abgelagert haben.«

»Was erhoffst du dir davon?«

»Ich will wissen, wann Kargor hier strandete.«

»Vor rund zwei Jahren – das wissen wir doch«, beteiligte sich erstmals Jiim an dem Gespräch.

»Genau das bezweifle ich – und nicht erst seit dem Fund«, sagte Cloud.

Algorian, der sich einige menschlichen Verhaltensweisen angeeignet hatte, nickte plötzlich. »Warum bin ich darauf nicht auch schon gekommen?«

»Hast du mich geespert?«, wandte sich Cloud an ihn.

Der Aorii wechselte die Gesichtsfarbe. Ein Erröten konnte man es bei ihm nicht nennen, eher ein Ergrauen.

»Entschuldige …«

Cloud winkte ab. »Solange es nicht zur Gewohnheit wird. Aber dann weißt du von meinem Verdacht – erklär es den anderen. Bitte.«

»Wenn du darauf bestehst.« Algorian wirkte immer noch verlegen. Aber er fing sich und sagte, den Blick von Cloud zu Scobee und weiter zu Jiim schweifen lassend: »Der Commander bezieht sich auf die rätselhafte temporale Spur, die uns erst den Weg ins Diversity-System gewiesen hat.«

»Die temporale Spur«, wiederholte Scobee nachdenklich. »Wir hatten gehofft, dass sie mit der Perle zusammenhängt – aber wie genau wissen wir doch immer noch nicht. Oder?«

»Bislang ist es nur eine Vermutung«, sagte Cloud, »aber die Sonden können sie vielleicht bestätigen.«

Es dauerte nur Minuten, bis Sesha entsprechend instruierte Werkzeuge ausgeschleust hatte und sie ihre Analysen abgeschlossen hatten.

»Jahrtausende«, las Scobee schließlich laut vor, was die KI in die Holosäule einblendete. »Das muss ein Irrtum sein – oder eine Täuschung. Die Bractonen haben die Schicht über sich errichtet, um vor Entdeckung sicher zu sein. Fast wäre es ihnen ja auch geglückt …«

»Ich widerspreche dir ungern«, sagte Cloud, der die Auswertung ebenfalls studierte. »Aber die Werte sind über jeden Zweifel erhaben. Die Deckschicht, die wir angekratzt und so einen winzigen Bereich der TK-Außenhülle freigelegt haben, ist einige tausend Jahre alt – genauso, wie ich es vermutet habe, nachdem ich eins und eins zusammenzählte.«

»Aha«, machte Scobee. »Höhere Mathematik also. Lass mich nicht dumm sterben. Worauf willst du hinaus?«

»Es geht um die Flucht aus dem Fallensystem«, sagte Cloud. »Wir selbst konnten der Gefangenschaft oder Vernichtung dort entgehen, indem wir uns klein machten, winzig klein …« Er umriss noch einmal knapp, wie die RUBIKON den Gegner auf Mikrobengröße geschrumpft überlistet und sich unbehelligt aus der Gefahrenzone hatte begeben können. Dann fuhr er fort: »Kargors Perle verfügt meines Wissens über keinen vergleichbaren Verkleinerungsmechanismus – wohl aber über ein Verfahren, über das wiederum wir nicht zurück greifen können.«

»Ich glaube, ich weiß, wovon er spricht«, wandte sich Jiim an seine Miträtselnden.

»Dann sag’s«, forderte Scobee ihn auf.

Der Narge vom Planeten Kalser ließ sich nicht lange bitten. »Die temporale Spur … Wir wissen doch, dass die CHARDHIN-Perlen in der Lage sind, sich nach Belieben im Zeitfluss zurück zu bewegen. Spätestens seit der Gründung einer parallelen Menschheit im Angksystem sollte uns das klar sein. Auch dabei hatte übrigens Kargor seine Hände im Spiel – und bediente sich dabei der Möglichkeiten einer Tridentischen Kugel.«

Jiim blickte gespannt zuerst zu Algorian und dann zu Cloud. »Liege ich richtig?«

Cloud nickte. »Es liegt nahe, dass Kargor sich temporaler Tricksereien befleißigte, um die CHARDHIN-Perle aus dem Fokus des Fallensystems zu befreien. Wahrscheinlich ließ er die Perle in der Zeit zurückfallen und lenkte sie gleichzeitig hierher, wo er auf Diversity niederging. Vermutlich wollte er nur ein wenig Gras über das Aufsehen wachsen lassen, das sein Erscheinen im Fallensystem hervorgerufen hatte. Die Auruunen werden von dem Zwischenfall umgehend in Kenntnis gesetzt worden sein. Aber offenbar sind auch sie nicht unfehlbar, denn die temporale Spur – die wir übrigens auch nur im Zusammenspiel von Auruunen-Ortung und eigenem Scannen erkannten – scheint ihnen komplett entgangen zu sein.«

»Willst du damit sagen, dass Kargor und die Seinen sich mithilfe temporaler Spitzfindigkeiten und Manipulationen bis hierher retteten?«, fragte Scobee.

»Genau das. Und die neuesten Datierungen der Ablagerungen über dem ‚Loch‘, in dem die Perle sich verkroch, bestätigen diese Theorie. Wenn die Sedimente Jahrtausende brauchten, um sich über der Perle abzulagern, dann verharrt sie auch schon genauso lange hier.«

Scobee nickte, schien sich mit der Logik hinter dieser Theorie anfreunden zu können. »Klingt gar nicht so weit hergeholt …«

Cloud lächelte. »Gehen wir also vorerst davon aus, dass Kargors Aufenthalt auf Diversity schon beträchtlich länger andauert als die zwei Jahre, von denen wir anfänglich ausgingen. Das führt zu der Frage: Warum? Was kann ihn veranlasst haben, sich dauerhaft auf diesem Planeten einzurichten?«

»Vielleicht erlitt die TK vor ihrer gelungenen Flucht Schäden, die sich nachträglich als zu weitreichend erwiesen, um noch reparabel zu sein«, schlug Algorian vor.

»Wäre denkbar«, sagte Cloud. »Aber halten wir uns die Bractonentechnik vor Augen – oder die Bractonen selbst. So wie wir Kargor kennengelernt haben, fällt es schwer zu glauben, dass er an einer solchen Herausforderung gescheitert wäre. Außerdem gehe ich davon aus, dass seine TK Beiboote an Bord hatte, die autark operieren konnten.«

»Vielleicht war es ja genauso«, sagte Scobee. »Die Perle musste aufgegeben werden und wurde mittels besagter Beiboote evakuiert. Damit verlöre sich die Spur der Crew im Nebel der Zeiten.«

»Und warum gilt Jarvis dann immer noch als vermisst?«, fragte Jiim. »Wenn die TK verlassen wäre, sollte es für ihn ein Kinderspiel sein, wieder daraus zurückzukehren.«

Cloud furchte die Stirn. Die Sorge, die sich nach Jiims Worten auf seiner gerunzelten Stirn ablesen ließ, überstieg alles, was er in dieser Hinsicht bislang nach außen hatte dringen lassen.

»Was ist?« Scobee reagierte auf die Veränderung seines Mienenspiels.

»Mir kommt gerade ein Gedanke, der wenig verheißungsvoll klingt.«

»Was für ein Gedanke?«

»Dass die Auruunen die TK auch, so ähnlich wie wir, entdeckt haben könnten, nachdem sie bereits von den Bractonen aufgegeben war.«

»Verstehe«, sagte Scobee. Und der Ausdruck ihrer Augen verriet, dass sie das auch tatsächlich tat. Wie spätestens ihre weiteren Ausführungen verrieten. »Du denkst, sie könnten sie präpariert haben. Für etwaig zurückkehrende Bractonen.« Der Ernst in ihrem Gesichtsausdruck verstärkte sich. »Oder, zweite Variante, die Bractonen haben etwas für etwaig auftauchende Auruunen hinterlassen. Beides hätte das Potenzial, Jarvis in große Bedrängnis zu bringen. Und wenn dem so ist …« Sie schwieg, nagte an ihrer Unterlippe. »Nun, wenn dem so ist, werden wir weiter vergeblich auf seine Rückkehr oder auch nur ein Lebenszeichen von ihm warten müssen.«

Cloud schüttelte den Kopf.

»Warum schüttelst du den Kopf?«, fragte Scobee.

»Weil wir nicht warten werden«, sagte er. »Meine Entscheidung steht fest. Ich bin nicht grundlos in die Ozeantiefe eines fremden Planeten vorgestoßen.««

»Was hast du vor?«

»Nachschauen«, sagte er. »Nachschauen, wo unser Freund bleibt.«



Die Details des Vorhabens waren rasch erklärt. Mit Seshas Unterstützung präsentierte Cloud den Gefährten die Haarrisse in der TK-Oberfläche.

»Wie es zu diesen Zerfallserscheinungen kommen konnte, die sicherlich untypisch für das Material sind, aus dem CHARDHIN-Perlen gefertigt sind, weiß ich ebenso wenig wie ich etwas über das Alter dieser Beschädigungen sagen kann«, führte Cloud aus. »Möglicherweise wurden die Risse sogar von der Sonde erzeugt, mit der wir einen Bereich der Verkrustung wegsprengten – ihr erinnert euch.« Er lächelte verzerrt. »Auch das wäre unter normalen Umständen kaum denkbar, aber ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass wir es hier mit allem, nur nicht mir ‚normalen Umständen‘ zu tun haben. Aber im Grunde spielt es nur eine untergeordnete Rolle, was zu den Schäden führte. Wichtig ist nur, dass wir sie uns zunutze machen.«

»Du willst darauf aufbauend ein richtiges Loch in die Hülle sprengen?«, fragte Jiim. Er klang erschrocken, so als wäre Cloud im Begriff, ein Sakrileg zu begehen. CHARDHIN-Perlen hatten für ihn offenbar etwas so Übermächtiges, dass ihm der Atem beim bloßen Gedanken stockte, sie, die RUBIKON-Besatzung, könnten einer solchen Konstruktion mit Brachialgewalt zu Leibe rücken.

Cloud schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er. »Das wird nicht nötig sein – hoffe ich jedenfalls.«

»Worum geht es dir dann? Was hast du vor?«, fragte Scobee ungeduldig wie alle anderen.

Cloud schielte kurz zu Algorian, der sich aber nicht anmerken ließ, ob er erneut esperte, um seine fraglos vorhandene Neugier zu befriedigen. Dann sagte er: »Wir greifen auf die bewährte Taktik zurück.«

»Bewährte Taktik?« Jiim flatterte so heftig mit seinen Flügeln, dass sich eine winzige Feder daraus löste und langsam zu Boden schwebte.

Fasziniert folgte Clouds Blick dem Flug der Feder. »Ich spreche von der neuen Fähigkeit der RUBIKON, sich auf mikroskopische Werte zu verkleinern. Als solcher Winzling müsste uns die Überwindung der TK-Hülle durch einen der Risse gelingen.«

»Und wenn …« Scobees Stimme war ganz rau vor Erregung. »Und wenn wir stecken bleiben.«

Cloud überlegte, ob sie die Frage ernst meinen konnte.

Er gelangte zu dem Schluss, dass dem wohl so war – und vielleicht war ihre übertrieben wirkende Besorgnis nicht einmal unbegründet. Was wussten sie schon über das Baumaterial, aus dem die CHARDHIN-Giganten erschaffen waren?

Nichts.

Aber er verdrängte die aufkeimenden Zweifel. »Das werden wir nicht. Wir können nicht länger die Hände in den Schoß legen. Das ist einmal schon schief gegangen. Einmal zu viel …«

Assur.

Mehr als ein kurzes Aufblitzen seiner Erschütterung über ihren Tod wollte er sich nicht gestatten.

Aber es kam anders.

Weil in diesem Augenblick wie auf Stichwort Winoa die Zentrale stürmte.

Alle Blicke richteten sich auf sie. Ihr temperamentvoller Auftritt blieb niemandem auf dem Podest verborgen.

»Winoa …« Cloud zuckte innerlich zusammen, versuchte es sich aber nicht anmerken zu lassen. So wie sich Winoa möglichst normal zu präsentieren versuchte.

Wir sind alle schlechte Schauspieler , dachte er. Laut fragte er: »Was führt dich her? Wenn du –«

»Kann ich dich sprechen?« Sie sprang auf das Podest und blieb dicht vor seinem Sitz stehen.

Die Begrüßung durch Jiim, Scobee und Jarvis schien das Mädchen gar nicht wahrzunehmen.

»Im Moment ist es …«

»Bitte. Es ist wichtig. Ungemein wichtig. Und dringend.«

Er ahnte, dass nur ein Thema Winoa zurzeit so viel Leidenschaft abzuringen vermochte – und genau das bereitete ihm Bauchschmerzen.

Aber er sah die Verzweiflung, die Verlorenheit in ihren Augen, und deshalb sagte er: »Okay. Leg los.«

»Nicht hier.« Sie schüttelte den Kopf.

»Ich habe keine Geheimnisse vor –«

»Nicht hier«, wiederholte Winoa. »Unter vier Augen. Bitte.«

Scobee nickte unterstützend zu ihm herüber. Mach schon , hieß das. Lass sie nicht so betteln.

Er gab sich geschlagen. »Okay. Wo?«

Sie zog ihn am Ärmel. »Komm einfach mit.«

So etwas schaffte nur ein Kind.

Er stand auf. »Ihr habt es gehört. Ich bin gleich wieder zurück.«

Mit Winoa ging er zum Türtransmitter. »Sesha?«, sagte Assurs Tochter. »Cy Memorial.«

Aha. Gut dass ich es auch erfahre.

Winoas Wahl war so gut wie jede andere.

Das flirrende Energiefeld baute sich auf. Winoa griff nach Clouds Hand. Ihre Finger waren eisig kalt. Ohne Widerstand ließ er sich drei Schritte vorwärts lotsen. Den dritten Schritt tat er schon auf der anderen Seite, in dem Korridor, in dem Cys einstige Kabine zu finden war, die von Jelto in Zusammenarbeit mit der Bord-KI in einen Erinnerungspark zu Ehren des verstorbenen Freundes verwandelt worden war.

Alles, was mit Tod zu tun hatte, schien eine magische Sogkraft auf Winoa auszuüben.

»In Ordnung«, sagte er, nachdem sie den künstlichen Park betreten hatten. »Leg los. Was ist so wichtig, dass es keinen Aufschub duldete?«

»Das fragst du noch? Meine Mum!«

»Assur …« Er sah betreten zu Boden. »Verstehe, aber –«

Sie stampfte trotzig mit dem Fuß auf, bis er ihr wieder ins Gesicht schaute. »Keine Angst, ich hab nicht vor, dir was vorzuheulen. Aber du vermisst sie doch auch. Sie ist dir nicht egal …«

»Natürlich nicht!«

»Dann … dann versprich es mir!«

»Was?«

»Dass du alles in deiner Macht Stehende tun wirst, sie wieder zu uns zu bringen.«

Es schnürte ihm die Kehle zu, trotzdem sagte er: »Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass sie tot ist, Winoa. Ich sage es ungern, es fällt mir verdammt schwer, weil ich weder dir noch mir die Hoffnung rauben will, aber alle Fakten sprechen –«

»Vielleicht ist sie das. Tot. Aber vielleicht gibt es eine Möglichkeit, es zu verhindern. Es … gar nicht erst soweit kommen zu lassen.« Mit feucht glänzenden Augen blickte sie ihn an.

»Was meinst du damit? Wenn sie tot ist …«

»Ihr habt die CHARDHIN-Perle geortet, richtig? Ich habe mitbekommen, dass du sogar einen Vorstoß ins Innere planst. Jarvis scheint darin verschollen zu sein …«

Er nickte. »Das ist richtig. Aber ich verstehe immer noch nicht, was –«

»Ich bitte dich nur um eins.« Winoa nahm sich mit ihren kalten Händen die seinen und drückte sie wie im Krampf. Erste Tränen rollten über ihre Wangen.

»Worum?«

»Wenn du Kargor findest … oder andere Bractonen … überrede ihn, uns zu helfen!«

»Wie soll diese Hilfe aussehen?« Ganz heiser klangen seine Worte. Ihm schwante etwas.

»Die Perlen sind Zeitmaschinen, oder? Man kann damit beliebig weit in die Vergangenheit reisen – aber wir brauchen nur ein bisschen Handlungsspielraum, vielleicht ein, zwei Tage. Dann können wir verhindern, dass Mum in diesen Stollen geht und … und …« Die Stimme versagte ihr.

Und auch Cloud rang nach Worten.

Nach Argumenten, die Winoa den Aberwitz ihrer Idee klar machten.

»Das geht nicht.«

Das war kein Argument.

»Ich glaube nicht, dass Kargor sich zu etwas hergeben würde.«

Wenn du damit schon dein Pulver verschossen hast …

Er ignorierte die Selbstironie.

»Ich bitte dich nur darum, ihn zu fragen.«

Die Tränen versiegten. Sie wollte ernst genommen werden, er sah es ihr an.

»Ich bin mir nicht sicher, ob das möglich ist.«

»Warum nicht?«

»Zum einen könnte es keinen Kargor mehr geben. Und zum anderen scheint die CHARDHIN-Perle gelitten zu haben. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist sie gar nicht mehr in der Lage, ihre Permanenz auszuspielen und den Zeitfluss zu bereisen.«

»Das nimmst du jetzt aber nur an. Ebenso gut ist es möglich, dass Kargor oder andere Bractonen noch in der Kugel leben und sie nach wie vor in der Lage ist, sich in die Vergangenheit zu versetzen.«

Er schüttelte den Kopf. »Alles spricht dafür, dass etwas gehörig schief gegangen ist. Ich schließe nicht aus, dass die Hauptschuld daran die Ganf tragen. Sie haben Kargor und alle anderen Insassen im Ungewissen darüber gelassen, wohin das Portas-Portal tatsächlich führt. Damit hat es angefangen. Sie kamen dann dort heraus, wo man mit ihnen rechnete – im Fallensystem. Wir haben es überlisten können. Sind entkommen.«

»Kargor auch.«

Cloud nickte widerstrebend. »Aber um welchen Preis, können wir ahnen, wenn wir die jüngsten Messdaten ernst nehmen, wonach sich die TK nicht erst seit zwei Jahren, sondern wahrscheinlicher seit Jahrtausenden in der Kruste von Mirakel sieben verbirgt.«

»Dann hätte sie vor zwei Relativjahren also schon eine Zeitreise unternommen – um sich der Auruunen-Falle zu entziehen«, bewies Winoa, dass sie alles andere als auf den Kopf gefallen war.

»Davon gehe auch ich aus. Die Tatsache, dass die Bractonen die Kugel seit so langer Zeit nicht mehr bewegt haben, gibt Anlass zu den schlimmsten Befürchtungen.«

Winoa presste die Lippen zusammen und wartete, dass er weitersprach.

»Ich habe Jarvis hinein geschickt, um nach dem Rechten zu sehen. Etwa zeitgleich zu Assurs und Scobees Außeneinsatz auf Sieben. Seither gibt es auch von Jarvis kein Lebenszeichen mehr. Aber nach ihm können wir suchen, im Gegensatz zu –«

Sie wollte es nicht hören. »Hast du vor, in die Perle vorzustoßen oder nicht?«

Er nickte. »Wir sind bereits bei den Vorbereitungen. Es scheint möglich, in sie zu dringen. Ich habe entschieden, nach Jarvis zu suchen. Ich will nicht noch eine Person auf die Verlustliste setzen.«

Sie schluckte die Kröte. Aber nicht, ohne erneut zu fordern: »Versprich mir nur, dass du Kargor – oder wer auch immer gerade das Sagen in der Perle hat – wenigstens danach fragst, ob er dazu bereit wäre, die Kugel und uns in eine nahe Vergangenheit zu versetzen, in der es uns möglich ist, den folgenschweren Ausflug meiner Mutter zu verhindern.«

Er löste seine Hände aus ihren und umschloss stattdessen Winoas Finger mit seinen Händen. »Das wäre das klassische Zeitparadoxon, das niemand wollen kann, der in der Lage ist, die Folgen auch nur annähernd zu erahnen.«

»Ich bin nicht dumm! Ich weiß, was ein Paradoxon ist.«

»Daran zweifle ich nicht. Aber denke den Eingriff zu Ende. Überleg dir, was geschähe, wenn wir tatsächlich ein paar Stunden oder Tage in die Vergangenheit reisen und uns dann wieder aus der Perle ausschleusen würden.«

»Wir wären vor der RUBIKON im Mirakel-System – vor der RUBIKON, auf der sich Mum befindet!«

»Genau. Und weiter?«

»Wir würden Kontakt zu ihr aufnehmen und –«

»Das heißt, es gäbe plötzlich zwei RUBIKONs?«

Sie stutzte. Nickte aber schließlich stur. »Na und?«

»Zwei RUBIKONs bedeutet zwei Besatzungen – Assur gäbe es nur einmal. Alle anderen existierten doppelt. Ich. Du …«

»Dafür gäbe es bestimmt eine Lösung.«

»Das glaube ich nicht.«

»Lieber habe ich einen Zwilling als keine Mutter mehr!«

»Es wäre kein Zwilling. Du wärst es. Es gäbe dich schlicht noch einmal. Ebenso wie mich und jeden anderen an Bord. Dafür gäbe es keine Lösung. Die Vorstellung, dass zwei identische Raumschiffe mit fast identischer Besatzung in trauter Einsatz gemeinschaftlich weiterexistieren könnten, bringt mich dazu, so etwas niemals zu wollen – und wenn du ehrlich bist, würdest auch du es nicht wollen . Es wäre vielleicht nicht einmal möglich . Ich schätze, das Universum würde sich gegen ein solches Aufeinandertreffen wehren. Wahrscheinlich würden wir uns gegenseitig vernichten wie Materie und Antimaterie …«

»Ist … ist das dein letztes Wort.«

Er zuckte mit den Schultern. »Ich fürchte ja.«

Sie zog ihre Hände aus seiner Umklammerung.

»Du kannst Mum nicht geliebt haben!«

Mit kindlicher Chuzpe hatte sie die Worte gefunden, die ihn am meisten trafen.

Am meisten verletzten.

Trotzdem ließ er sie ziehen.

»Was wollte sie?«, fragte Scobee, als er wenig später wieder in der Zentrale anlangte.

Er schüttelte den Kopf. »Wir haben wertvolle Zeit verloren. Wir sollten unverzüglich aufbrechen.«

Er versuchte, Scobees fragende Blicke zu ignorieren.

»Sesha wurde von mir bereits im Sarkophag instruiert«, erklärte er den Gefährten. »Wir überlassen es ihr, uns sicher durch den Riss zu navigieren.«

»Ich bin immer noch nicht überzeugt«, sagte Jiim, »dass es keine andere Möglichkeit geben soll …«

»Dann nenn mir eine.« Er blickte ihm geflügelten Freund mit großem Ernst in die Augen. »Niemand wäre dankbarer für eine Alternative, die Jarvis zugutekommt, als ich.«

Jiims resignative Geste verriet, dass er ihm genau das nicht anbieten konnte – eine Alternative.

»Vielleicht hast du recht«, sagte der Kalser-Geborene. »Wann starten wir?«

»Jetzt. Sesha, leite alle erforderlichen Maßnahmen ein...«





3.


Als Jarvis zu sich kam, wunderte er sich selbst über die Leichtigkeit seiner Rückkehr ins bewusste Sein.

Mit seinen Nanoaugen sah er sich um und stellte fest, dass er sich nicht mehr in der seltsamen Stadt aufhielt, die er im Inneren der Tridentischen Kugel vorgefunden hatte. Er lag in einem schalenartigen, niedrigen Gefäß inmitten eines Raumes, der kleiner als die Bordzentrale der RUBIKON anmutete. Schorfiges Metall bestimmte Wände und Decke … und die Schale selbst, in der sich Jarvis als amorphe »Pfütze« wiederfand.

Vergeblich versuchte er, seinen gewohnten Körper neu zu konsolidieren.

Eine Tür öffnete sich, und ein echsenartiges Wesen trat hindurch. Es bewegte sich aufrecht auf zwei Beinen und wirkte auch sonst im weitesten Sinn humanoid.

Trotzdem verblüffte es Jarvis, dass die Sprechwerkzeuge des Wesens Sätze bildeten, die ihm auf Anhieb verständlich waren.

»Du bist erwacht – gut.«

Der Fremde trat geschmeidig näher. Er trug Kleidung, wie Jarvis sie in ähnlicher Form bei Bewohnern der Stadt bemerkt hatte, kurz bevor der Angriff auf ihn erfolgt war …

Seine Gedanken gerieten ins Stocken, als eine langsam aus seinem Gedächtnis empor steigende Erinnerung ihm zudem verriet, dass er auch Gestalten wie diese hier innerhalb der Stadt gesehen hatte. Die Schlussfolgerung, die er daraus ableitete, war, dass er es mit einem der Bewohner zu tun hatte.

Unbemerkt, wie er hoffte, versuchte er, eine Funkverbindung zur RUBIKON herzustellen. Seine Module schienen, abgesehen vom Unvermögen, seine Hülle in gewünschter Weise zu stabilisieren, nach wie vor zu funktionieren.

Trotzdem kam kein Kontakt zustande.

Was zweierlei bedeuten konnte: Entweder wurden die Signale von der Umgebung unterdrückt – oder der Empfänger existierte nicht mehr in erreichbarer Nähe.

Existierte überhaupt nicht mehr …

Auch diese dritte Möglichkeit zog Jarvis in Betracht.

Aber bevor er sich mit ihrer Tragweite auseinandersetzen konnte, zerstreute das Echsenwesen seine Befürchtungen, auch wenn unklar blieb, ob es dies gezielt oder zufällig tat.

»Das hat keinen Sinn«, sagte es. »Die Schranken sind für Funksignale unüberwindbar.«

»Du hast gemerkt, dass ich –«

»Ich bin Parv«, sagte die Gestalt. »Zumindest nennt dieser Körper sich so.« Er zeigte in einer grotesk wirkenden Geste an sich herunter.

»Dieser Körper … ist deiner, oder?«, erwiderte Jarvis unsicher und vergaß für Sekunden, in welcher Lage er sich befand.

»Wie man es nimmt.«

»Du sprichst in Rätseln. Woher kennst du meine Sprache?«

»Deine Sprache? Gehört sie dir?«

Das klang definitiv spöttisch.

Jarvis spürte, wie sein Ärger anschwoll und in Zorn umschlug. Bislang war er in erster Linie auf sich selbst ärgerlich gewesen, weil er sich so plump hatte überrumpeln lassen. Aber ganz allmählich projizierte er ihn auch auf den Unbekannten, der sich Parv nannte.

»Bist du ein Bewohner der Stadt, in der ich war, als sie angegriffen wurde?« Er behielt für sich, dass er mehr als nur die erwähnte Stadt gesehen hatte, weil er sich nicht sicher war, ob Parv wusste, dass er in einer Illusion lebte. Die gesamte Umgebung der Häuser, auch der Berg selbst, an dem sie »klebten«, war künstlicher Natur und wurde von einer unbekannten Technik – wahrscheinlich bractonischer – so »hingebogen«, dass sie auf die Bewohner wie eine natürliche Landschaft in den Tiefen der Tridentischen Kugel wirken mochte.

Diese Bewohner wiederum schienen sich aus Spezies zusammenzusetzen, die die RUBIKON auf der Oberfläche von Diversity gesichtet hatte.

Diversity … Was für ein irrer, irrer Planet!

Jarvis war wie jedes andere Crewmitglied von der unglaublichen Vielfalt intelligenter Arten verblüfft, die auf Diversity lebten. Es gab Intelligenz in allen erdenklichen Erscheinungsformen, nicht nur Säugetiere, auch Insektoide, Sauroide, Pflanzen … Es war völlig aberwitzig. Und bislang gab es dafür nicht die geringste logische Erklärung. Nur haltlose Spekulationen – die zum Beispiel, dass die gefürchteten Auruunen ihre Hände im Spiel hatten und Diversity quasi ein von ihnen bestückter Pool von Lebensformen war, die sie aus allen Winkeln ihrer Galaxie – oder auch ferner Sternenballungen – hierher verfrachtet hatten.

Nur – warum sollten sie so etwas tun?

»Als du angegriffen wurdest«, sagte die Echse. »Die Schüsse galten nicht der Stadt und ihren geduldeten Bewohnern. Dein Erscheinen hat die Reaktion bewirkt. Du und kein anderer warst das Ziel.«

So unverblümt zu hören, was Jarvis in einem fernen Winkel seines Verstandes ohnehin schon vermutet hatte, hinterließ noch mehr Fragezeichen als sich ohnehin schon auftürmten.

Nach einer Pause, in der Schweigen herrschte, ging Parv doch noch näher auf Jarvis‘ Erkundigung ein. »Ich bin ein Bewohner der Bergstadt – und auch wieder nicht.«

»Das klingt wenig plausibel.«

»Plausibilität ist nur ein anderes Wort für Fantasielosigkeit.«

»Sagt wer?«

Die Echse musterte ihn scharf. Ihr Interesse an ihm schien während der Begegnung permanent zu steigen. Aber was sah sie schon? In seinem momentanen Zustand bot Jarvis ein Bild des Jammers.

»Dein Selbstbewusstsein«, sagte Parv, als läge jeder Gedanke des Menschen vor ihm offen, »scheint unter deiner physischen Instabilität zu leiden. Es tut mir leid, was geschehen ist. Du wurdest … zu spät erkannt.«

Jarvis überging die Probe seines psychoanalytischen Könnens, die Parv gerade zum Besten gegeben hatte. »Erkannt? Was willst du damit sagen?«

»Später. Zunächst werde ich dir helfen, dein Selbstvertrauen zurückzuerlangen.«

»Was hast du vor?«

Parv sah ihn an, als läge das auf der Hand. »Ich beende deine Immobilität. Und dann führe ich dich in die letzte Bastion. Du brennst vor Wissbegierde und strebst nach Erklärungen, was diesen Ort und seinen Zustand angeht – du sollst sie bekommen.«

Parv trat so dich an die Schale heran, in der Jarvis wie eine quecksilbrige Masse schwamm, dass er sich nur zu bücken brauchte, um die Nanosubstanz berühren zu können.

Was er aber nicht tat.

Stattdessen holte er etwas aus einer Tasche seiner Kleidung und richtete es auf die »Pfütze«.

Betroffen erkannte Jarvis den Kristall, den er vor langer Zeit vom Bractonen Kargor zum Geschenk gemacht bekommen hatte.

»Woher –«

»Still!« Die Echse ließ ihre fingerartigen Extremitäten über das glitzernde Gebilde gleiten, und im nächsten Moment ergoss sich regenbogenfarbenes Licht daraus auf Jarvis.

Unbekannte Energie durchfloss die ehemalige Rüstung des Hohen Mont – aus der Jarvis Kunstkörper hervorgegangen war.

Es kam zu einer regelrechten Entladung. Explosionsartig strebten die Nanopartikel auseinander …

und im nächsten Moment erwuchs ein pseudomenschlicher Körper aus dem schalenartigen Behältnis. Ein Körper, der um seine Form rang, bis …

Parv die Klaue vorschnellen ließ und den darin befindlichen Kristall gegen die Nanostrukturen drückte.

Der Kristall verschmolz augenblicklich mit dem Kunstkörper – und ein Seufzer der Erleichterung durchwehte Jarvis.

»Wer immer du wirklich bist«, sagte er mit einem Gefühl, als wäre er gerade neugeboren worden, »ich danke dir!«

Jarvis sprang aus der Schale und landete auf dem Boden neben dem Echsenartigen. Seine Füße setzten wuchtig auf, der metallische Untergrund dröhnte wie eine Glocke. Der Ton pflanzte sich durch die Umgebung. Offenbar sprangen die integrierten Antigrav-Projektoren mit leichter Verzögerung an, sodass noch einen Moment lang das wahre Gewicht des Robotkörpers durchgekommen war.

»Das wollte ich nicht …«

Parv machte eine wegwerfende Geste. »Bist du bereit?«

»Bereit wozu?«

»Mir in die letzte Bastion zu folgen.«

»Ich befinde mich noch in der CHARDHIN-Perle, oder?«

»In der Perle – ja. Aber sie hat ihren Glanz verloren.«

»Sie ist auf Diversity havariert?«

»Nennt ihr ihn so, den Planeten, der uns zum Verhängnis wurde?«

»Uns? Du siehst nicht aus wie ein … Bractone. Du siehst aus wie eine der vielen Spezies, die auf diesem Planeten beheimatet ist.«

»Ja«, sagte das Echsenwesen. »Du meinst die Vaschganen. Auch das bin ich – ein Pieroo-Vaschgane. Alles zu seiner Zeit …«

Die Unterhaltung verwirrte Jarvis, zumal die erhofften klaren Antworten ausblieben.

»Was macht ein Vaschgane … was machen du und all die anderen Planetarier innerhalb der Tridentischen Kugel? Haben die Bractonen sie hier zurückgelassen, weil sie irreparabel beschädigt wurde? Haben die eigentlichen Besitzer des Schiffes sich mit ihren Beibooten aus dem Staub gemacht und ihr seid hier eingedrungen, um die riesige Kugel für euch in Besitz zu nehmen?«

Das Echsenwesen machte eine Bewegung mit seinen Klauen, die Jarvis nur als Geste der Verzweiflung interpretieren konnte. »Du verstehst es nicht. Aber wie solltest du auch? Komm jetzt, beeilen wir uns. Der dich kennt wartet.«

Jarvis rührte sich nicht vom Fleck. »Der mich kennt? Du redest doch nicht etwa von Kargor? Er ist hier? Gibt es doch noch Bractonen an Bord? Seid ihr … seid ihr ihre Diener?«

»Wir sind Überlebende«, sagte das Wesen namens Parv. »Die Welt, die du Diversity nennst, hat unser Schicksal besiegelt. Wir dachten, wir kämen nach Hause … Aber das hier ist nicht das Urkontinuum. Wir wurden getäuscht. Wir wurden besiegt. Und unser größter Wunsch ist es, die Fesseln dieses Daseins endlich abzustreifen. Alles ist besser als dieses ‚Leben‘.«

Jarvis spürte, wie sich ein absurder Gedanke in ihm zu manifestieren begann.

So wie Parv redete kein Vaschgane. Das Echsenwesen klang im Gegenteil fast wie ein –

»Ja!«, presste der Pieroo hervor. »Endlich verstehst du. Ich bin nicht der, der ich zu sein scheine. Ich spreche zu dir als einer der Havarierten. Die Zeit hat uns gerettet, um uns zu vernichten. Die Zeit und dieser Planet, der gefährlicher ist als eine Armada von feindlichen Schiffen. Er hat uns überlistet … Mehr aber wird er dir offenbaren. Ja, es ist Kargor, der dich erwartet. Aber sei gewarnt: Er ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Auch er sehnt sich nach dem Ende, das nicht schlimmer sein kann als unsere Pervertierung...«


4.


Die RUBIKON näherte sich einem der winzigen Haarrisse in der Perlen-Oberfläche – gleichzeitig passte Sesha die Bildübertragung an die veränderten Gegebenheiten an. Was bedeutete, dass sie auf Makrosicht umschalteten und so der Eindruck entstand, in eine Grand-Canyon-große Schlucht vorzustoßen, deren Boden nur zu erahnen war – weil er faktisch nicht existierte. Gewaltige »Steilhänge« unbekannten Materials zogen zu beiden Seiten an der RUBIKON vorüber, während sie im rasanten Sinkflug tiefer und tiefer glitt. Ein Raumschiff, so klein, dass es für das unbewaffnete menschliche Auge gar nicht mehr sichtbar war, passierte einen Spalt, der in der Realität rein optisch nicht einmal durchlässig wirkte – hier aber wie eine gewaltige Kluft wirkte, die keinerlei Hindernis bot.

»Das ist … unglaublich«, entfuhr es Algorian ergriffen. »Im freien Weltraum wurde mir gar nicht so bewusst, was es bedeutet, für die Außenwelt geschrumpft zu sein. Aber hier wird einem das so richtig bewusst gemacht … Was würde wohl passieren, wenn die Dimensionswälle brächen? Wenn sie auch nur für einen winzigen Moment die RUBIKON zu ihrer Originalgröße ‚aufbliesen‘?«

Jiim schnitt eine Grimasse. »Was passieren würde? Das würden wir wahrscheinlich gar nicht merken – weil das Schiff schneller explodiert wäre und uns in den Tod reißen würde, als unser Gehirn es umsetzen könnte.«

»Dann bin ich ja beruhigt.«

»Beruhigt?« Jiim sah den Aorii fassungslos an.

»Ein Tod ohne Leiden schreckt mich nicht.«

»Mich schon«, erwiderte Jiim. »Ich will, dass mein Junges eine Zukunft hat – und ich selbst eigentlich auch.«

Cloud beteiligte sich nicht an der Debatte.

»Sesha – ist das Ende des ‚Tunnels‘ schon in Sicht?«

»Tunnel?«, fragte die KI.

»Im Abstrahieren war sie noch nie besonders gut«, gab Scobee von der Seite zu bedenken.

Cloud lächelte, obwohl die Anspannung nicht nachließ, sondern im Gegenteil kontinuierlich stärker wurde.

»Sind wir bald durch die Schale? Was sagt die Ortung?«

Details

Seiten
240
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924527
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v453161
Schlagworte
raumschiff rubikon getilgten

Autor

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Titel: Raumschiff Rubikon 26 Die Getilgten