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Raumschiff Rubikon 25 In absoluter Fremde

2018 240 Seiten

Leseprobe

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfredbooks und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© Cover: Nach Motiven von Pixabay, Adelind, Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Raumschiff Rubikon 25 In absoluter Fremde

Manfred Weinland

Am Morgen einer neuen Zeit.

Der Krieg zwischen den organischen und anorganischen raumfahrenden Völkern konnte im letzten Moment abgewendet werden. Die Menschen jedoch sind nach wie vor fremdbestimmt und als die Erinjij gefürchtet, die sich in ihren Expansionsbestrebungen von nichts und niemandem aufhalten lassen.

Abseits aller schwelenden Konflikte kommt es im Zentrum der Milchstraße zu einer von niemand vorhergesehenen, folgenschweren Begegnung.

Eine unbekannte Macht hat sich dort etabliert. Schnell zeichnet sich ab, dass es sich um keinen "normalen" Gegner handelt. Die Bedrohung richtet sich nicht nur gegen die heimatliche Galaxie, sondern könnte das Ende allen Lebens bedeuten.

Die Geschichte des Kosmos, so scheint es, muss neu geschrieben werden …


von Manfred Weinland




1.


Eine Geburt dauerte viele Jahre.

Und wenn der Moment der Verknüpfung kam, war es, als würde ein dicht gewebter Schleier fallen, der die Wunder der Welt – bis dahin hinter Grau und Stille verborgen – plötzlich sicht- und fühlbar machte.

Namenlos atmete ein.

Und atmete aus.

Schon das allein entfachte Euphorie in ihm.

Eine Zeitlang zappelte er hilflos, gewöhnte sich an die ihm zur Verfügung stehenden Sinne. Den erhaltenen Körper zu erkunden, war erste Pflicht. Alles andere musste warten. Nur wenn er lernte, sich optimal zurechtzufinden, würde er sich des Geschenks, ein Bewusst sein erlangt zu haben, würdig erweisen können.

»Aaaahhhh…«

Seufzend richtete er sich auf.

Der felsige Boden unter seinen scharfkralligen Füßen war eben und bot ihm guten Halt. Namenlos widmete sich erst seiner Umgebung, bevor er an sich selbst herabblickte.

Er stand auf einem kleinen Plateau mit kargem Bewuchs. Offenbar hatte das geistlose Wesen, in dem er erwacht war, sich an den Früchten des einzigen Baumes weit und breit gelabt, als es passiert war.

Namenlos blickte sich nach Gefährten des Übernommenen um, fand aber keinen Artgenossen dieser Spezies. Offenbar handelte es sich um einen Einzelgänger.

Umso besser, dachte Namenlos. Er wollte keine Komplikationen. Und so wie ihm der Name der Spezies, in der er geboren worden war, »zuflog« – Pieroos –, wusste er auch, dass er es schlechter hätte treffen können. Die Echsenart, in die eine Laune der Natur ihn gepflanzt hatte, bot Möglichkeiten, auf die manch anderer Vaschgane Zeit seines Lebens verzichten musste. Es gab groteske Auswüchse – aber natürlich hätte Namenlos es auch besser treffen können.

Trotzdem, er war zufrieden.

Fürs Erste.

Mit schnellen Sprüngen erreichte er den Rand des Plateaus, wo das Gelände steil abfiel. Etwa zwanzig Pieroo-Längen unter ihm schimmerte das dunkle Wasser eines Meeres, in dem sich zwei der drei Venlog-Monde spiegelten, die gerade am Himmel standen.

Es war Nacht. Aber der Körper, über den Namenlos fortan verfügen konnte, war mit hochempfindlichen visuellen Rezeptoren ausgestattet, die den kleinsten Lichtschimmer verwerteten.

Oh ja, ich hätte es sehr viel schlechter treffen können!

Eine Bewegung in der Ferne auf dem Wasser zog seine Aufmerksamkeit auf sich.

Ein Floß.

Die Größe konnte Namenlos auf diese Distanz nicht genau abschätzen, aber es schien sich um eine kleine Stadt zu handeln, nicht nur um ein schwimmendes Dorf.

Kaum geboren, sehnte Namenlos sich auch schon nach Gemeinschaft. Geschickt kletterte er den Steilhang hinunter. Nah über dem Wasser ließ er sich einfach fallen. Er tauchte ein und begann sofort, sich mit kraftvollen Schwimmstößen auf das Floß zuzubewegen. Pieroos fühlten sich in Gewässern so heimisch wie an Land.

Die Entfernung schmolz rasch dahin. Namenlos war begeistert, wie leicht es ihm fiel, sich in dem erhaltenen Körper zurechtzufinden und seine natürlichen Ressourcen auszuschöpfen.

Größer und größer wuchs die schwimmende Stadt vor ihm auf.

Aber je näher er kam, desto deutlicher wurde, dass die Bewohner des Floßes um ihre Existenz kämpften.

Der Himmel über der gewaltigen Konstruktion war schwarz.

Wirklich schwarz.

Kein Sternenschimmer fand von dort den Weg nach unten.

Namenlos erkannte die Angreifer so treffsicher, wie ihm alles Wissen der Vaschganen zufloss.

Kargoys!

Unbeseelt, ein Albtraum der Meere.

Der eigentliche Körper eines Kargoys war nur wenig größer als der eines Pieroos. Wahrhaft gewaltig wirkten sie allein durch die beiden Federflügel, die ihnen aus den Schulterblättern sprossen. Und in einem Schwarm wie dem, der die schwimmende Stadt heimsuchte, waren sie der Schrecken schlechthin.

Der Schock fraß sich so tief in Geist und Körper von Namenlos, dass er wie in einem selbstmörderischen Reflex alle Bemühungen einstellte, sich nicht nur voran zu bewegen, sondern überhaupt über Wasser zu halten.

Sofort ging er unter.

Seine Augen waren von hauchdünnen durchsichtigen Häuten gegen das Salzwasser geschützt. Und unter der Oberfläche sah Namenlos nur unwesentlich schlechter als an der Luft. Der unterseeischen Welt hatte er bis zu diesem Moment noch keinerlei Beachtung geschenkt. Nun aber sah er weit voraus etwas, das ihm das wahre Ausmaß der Bedrohung ins Bewusstsein brannte, mit dem die Bewohner des Floßes zu kämpfen hatten.

Schlagartig fiel ihm ein, dass Kargoys häufig im Bündnis mit einer zweiten Venlog-Spezies auftraten – was sie fast unbesiegbar machte. Die Legenden waren voll von Flößen, die entvölkert über die Meere trieben, nachdem sie Attacken dieser Ungeheuer ausgesetzt gewesen waren…

Namenlos erwachte aus seiner Starre und kämpfte sich an die Oberfläche zurück. So gut er auch unter Wasser zu sehen vermochte, atmen konnte er dort nicht, und so holte er erst einmal prustend Luft.

An verschiedenen Punkten der Stadt loderten Flammen auf, offenbar waren Brände ausgebrochen.

Namenlos wurde ganz klamm zumute.

Kehr um!

Alles in ihm drängte darauf, zur Küste zurückzukehren und sich aus der Auseinandersetzung herauszuhalten. Er war nicht gerade erst geboren, um sein gewonnenes Dasein schon wieder wegzuwerfen…

Doch zu seiner eigenen Überraschung setzte sich ein anderer Trieb durch.

Der Wunsch zu helfen.

Namenlos fluchte den ganzen restlichen Weg zur Stadt. Verfluchte sich selbst ob seiner Torheit.

Wann immer der kurz untertauchte, konnte er den zweiten Schrecken sehen, der sich wie eine gewaltige Schlange dem Floß entgegen schraubte.

Tatsächlich setzte sich dieses Ungetüm aus einer Unzahl einzelner Körper zusammen – den gefürchteten Yulwürmern!

Die Bewohner der schwimmenden Stadt hatten schon kaum eines Chance, sich gegen einen so riesigen Schwarm von Kargoys durchzusetzen; die Würmer besiegelten ihren Untergang.

Und dennoch tauchte Namenlos mit den ersten Yuls aus den Fluten. Er hatte sich die äußere Kante des Floßes zum Anlanden ausgesucht, während die Würmer in der Mitte herauskamen.

Ganz in der Nähe versuchten Vaschganen, einen Brandherd unter Kontrolle zu bekommen. Das Feuer musste im entstandenen Chaos ausgebrochen sein. An Löschwasser mangelte es nicht, wohl aber an entschlossenem Handeln. Zumal die Kräfte auch anderweitig gebunden waren. Die Pieroos begnügten sich nicht damit, am Himmel zu kreisen. Ständig lösten sich Exemplare aus dem Schwarm und stießen auf die Floßstadt hinab. Namenlos hörte Schreie, die noch entsetzlicher waren als das schrille Kreischen der Geflügelten – Vaschganen, die bei lebendigem Leibe von Fängen zerfetzt und von Schnabelhieben zerhackt wurden.

Und dann gab es noch die ersten Opfer der Yuls, die von den Würmern angespien und von deren Verdauungssäften verätzt und zersetzt wurden…

Namenlos warf sich im letzten Moment zur Seite, als er aus den Augenwinkeln einen Schemen auf sich zujagen sah. Es war ein Yul, der sich mit seinem segmentierten Körper von den Planken wegschnellte und wie ein Katapultgeschoss auf den neugeborenen Vaschganen zu beförderte.

Es war ein einziger Herzschlag, der über Tod oder Leben entschied. Namenlos spürte, wie der Yul ihn im Vorbeifliegen streifte. Gleichzeitig regnete es Säure.

Wie durch ein Wunder verfehlte ihn sowohl der Wurm selbst, als auch dessen Ausscheidungen.

Der Yul landete mit einem dumpfen Geräusch und bog sein Kopfende sofort in die Richtung seines potenziellen Opfers. Es sah aus, als pendele er ein Visier nach Namenlos auf, um sich erneut, diesmal aber noch zielgenauer, auf ihn zu stürzen.

Doch noch während der Yul seine Segmentmuskeln spannte, erwischte ihn eine Tauren-Lanze mit der scharfen Klingenseite. Sie ritzte den Wurm nur an – aber durch die Spannung, die der Yul selbst aufgebaut hatte und die seine Haut zum Zerreißen spannte, bildete sich an dieser Stelle innerhalb eines Atemzugs ein von Kopf bis Körperende reichender Schlitz, aus dem die Gedärme des Yul dampfend hervorbrachen. Säure fraß Löcher in die Beplankung des Floßes, während sich ein mörderischer Gestank ausbreitete, der Namenlos fast die Besinnung raubte.

Zum Glück wehte eine steife Brise, die den Gestank stadtauswärts trieb, über das Meer, wo er keinen Schaden mehr anrichten konnte.

Namenlos wandte sich dem Vaschganen zu, der ihm zweifellos das Leben gerettet hatte.

»Du bist ein Troy , stimmt’s?«, dröhnte die Stimme des Insekts, das einen seiner natürlichen Stachel geopfert hatte, um den Yul zu töten.

Troy wurden die neugeborenen Vaschganen genannt.

Ein Vaschgane erkannte einen anderen, wo immer er ihm begegnete. Und genauso fehlerlos ließ sich ein Frischling bestimmen, der gerade erst begonnen hatte, sich seiner Individualität und seiner erwachten Persönlichkeit zu erfreuen.

»Ja, aber…«, gab Namenlos zurück.

»Hast du schon einen Namen?«

»Nein, ich…«

»Für mich schon! Ein Bekannter, den ein Yul fraß, hieß Parv. Gefällt dir der Name?«

»Ich weiß nicht…«

»Ich habe dich gerettet. Du stehst in meiner Schuld.«

»Ich glaube nicht, dass Namen momentan das Wichtigste sind…«

» Akzeptierst du Parv?« Der Taure baute sich grimmig vor Namenlos auf. Er verfügte noch über mehr als ein Dutzend Lanzenstacheln. Dennoch war es ein Opfer, das er für den Pieroo gebracht hatte, daran gab es keinen Zweifel, denn die Stachel wuchsen nicht nach. Und das Schlimmste, was einem Tauren passieren konnte, war, irgendwann einmal nackt durch die Welt stiefeln zu müssen.

»J-ja…«

»Dann komm, Parv, mein Freund. Lass uns weitere Yuls aufschlitzen – und ebenso jeden Kargoy, der so dumm ist, zu uns herunter zu kommen!«

Parv überlegte, ob der Taure tatsächlich so tapfer war, wie er es vorgab zu sein, oder ob ihn vielmehr Größenwahn und Selbstüberschätzung leiteten.

»Stopp!«, keuchte Parv. »Und du? Wie lautet dein Name?«

»Das überlasse ich dir. Ich bin bisher gut ohne ausgekommen. Aber wenn dir Namen so wichtig sind, such mir einen aus. Womit wir quitt wären, oder, Parv?«

Das war der Augenblick, da dem neugeborenen Vaschganen dämmerte, dass er möglicherweise wahrhaftig einen Freund gefunden hatte – nicht bloß einen übergeschnappten Artgenossen.



Seite an Seite drangen Parv und Slig, wie der neugeborene Vaschgane seinen Gefährten getauft hatte – wobei er daran zweifelte, dass der Taure bis zu ihrer Begegnung tatsächlich namenlos durch die Welt gezogen war –, tiefer in die schwimmende Stadt vor.

Überall waren Kämpfe entbrannt, regierten Gewalt, Zerstörung und Tod. Als zwei Blockhütten weiter der Kadaver eines Kargoys in Sicht kam, bemerkte Parv, dass das tote Biest bereits ganz und gar von Pflanzen-Vaschganen überwuchert war. Erlegt worden war er offenbar von Dalaikämpfern, einer insektoiden, ursprünglich tief im Süden von Venlog beheimateten Spezies. Drei dieser Gattung standen abseits des mit Blutklingen bezwungenen Großflüglers und schienen sich zu beraten. Als Parv und Slig hinzutraten, nahmen sie sofort eine abweisende Haltung ein. Dalais galten allgemein als verschworener Haufen. Niemand konnte sagen, warum das so war, denn eigentlich hätte Vaschgane Vaschgane sein müssen, schließlich beeinflusste der Körper nicht den Geist, der ihm innewohnte. Doch das war graue Theorie. Dalai galten von allen Vaschganen als die schwierigsten. Sie waren mit Vorsicht zu genießen und schreckten auch nicht davor zurück, Artgenossen zu töten, wenn für sie dadurch ein Vorteil entstand.

Parv wusste dies so selbstverständlich wie vieles andere, aus dem er schöpfen konnte.

»Konzentriert euch«, wandte sich Slig respektvoll, aber furchtlos an das Trio, »nicht nur auf die geflügelten Scheusale. Es sind auch Wurmbestien unterwegs. Mein Freund hier…« Er zeigte auf Parv, dem das gar nicht recht war. »… sah eine riesige Meute auf Garabol zujagen – sie scheinen mit den Kargoys gemeinsame Sache zu machen!«

»Und warum erzählst du uns das, Taure ?«, fragte einer Chitingepanzerten herablassend. Obwohl Slig im weitesten Sinne einer ähnlichen Spezies angehörte wie sie, schienen sie ihn nicht annähernd für ebenbürtig zu erachten.

»Um euch zu warnen natürlich.«

Ein schrilles Zirpen schlug ihnen aus allen drei Mandibelmäulern gleichzeitig entgegen. Höhnisches Gelächter und dalaitypisch.

Im nächsten Moment landete etwas zwischen den Dalais – und überschüttete sie mit einem Regen, dem auch ihre eigentlich widerstandsfähigen Hautpanzer nichts entgegenzusetzen hatten.

Während sich die Dalais in Qualen am Boden wanden, stieg Rauch aus ihren Körpern, und dann entzündete sich auch schon der Erste. Dalaiblut und Yulsekret galten als hochexplosive Mischung.

Parv fühlte sich von Slig gepackt und hinter eine Hauswand gezerrt.

Keinen Moment zu früh. Die Dalais explodierten wie überreife Früchte. Danach war nur noch ekelerregendes Schmatzen zu hören, das darauf hindeutete, dass der Yul sich über seine vorverdaute Beute hermachte.

Als Parv einen Blick aus der Deckung riskierte, entdeckte er, dass der Leib des erlegten Kargoys wieder verwaist war; sein Gefieder hatte gelitten, war aber wieder zu sehen. Sämtliche Pflanzen-Vaschganen hatten offenbar panisch das Weite gesucht. Yuls galten nicht als Kostverächter. Ihnen war es egal, ob sie sich von Flora oder Fauna ernährten.

Parv hustete. Er zog den Kopf wieder zurück und wandte sich an Slig. »Der Rauch wird stärker. Ich fürchte –«

»Ja, du könntest recht haben. Es geht zu Ende mit Garabol. Ich hätte meinem Taureninstinkt vertrauen sollen. Er riet mir ab, die Stadt zu betreten, als sie im Hafen von Finral ablegte.« Auch aus seiner Brust drangen Geräusche, die vermuten ließen, dass ihm der Qualm zusetzte, der durch die Straßen der Floßstadt trieb.

»Was sollen wir tun?«, fragte Parv. Er vertraute auf die größere Lebenserfahrung des Freundes.

»Am besten wäre es zu fliehen«, seufzte Slig. Er strich sich über zwei, drei seiner Lanzenstacheln. »Aber Tauren gelten nicht gerade als begnadete Schwimmer. Und unglücklicherweise werden vermutlich bereits alle Versorgungsflöße, die eine Stadt dieser Größe mit sich führt, voll belegt sein mit Flüchtlingen. Hast du welche gesehen, als du kamst?«

»Nein.«

»Hm.«

»Wir könnten es versuchen, aber Feigheit gehört normalerweise nicht zu meinen hervorstechenden Wesenszügen.«

»Über die meinen konnte ich mir leider noch nicht klar werden«, erwiderte Parv, was beinahe wie Galgenhumor klang. »Dazu bin ich zu kurz auf der Welt.«

»Verstehe.«

Slig spähte nervös um die Ecke. »Der Yul ist so vollgefressen«, raunte er Parv zu, »dass wir ihn mühelos unschädlich machen könnten. Aber das hilft weder uns noch Garabol groß weiter. Schau nach oben.«

Parv folgte dem ausgestreckten Arm. »Sterne«, murmelte er. »Man kann wieder die Sterne sehen.«

»Du weißt, was das bedeutet?«

»Dass inzwischen vermutlich der komplette Schwarm auf der Stadt niedergegangen ist...«



Mit jedem Moment wurde deutlicher, dass der Untergang der Floßstadt unabwendbar war.

Parv hätte es nicht schlechter treffen können; das Schicksal durchkreuzte seine hochfliegenden Träume von einem langen und ausgefüllten Leben in der Vaschganen-Gemeinschaft auf grausamste Weise!

Aber zum Hadern war keine Zeit. Überall lauerte neue Gefahr, neue Not. Slig und er standen den Bewohnern Garabols bei, wo immer sie konnten. Aber neben den beiden animalisch kämpfenden Gegnern, den Kargoys und Yuls, wuchs sich die dritte Bedrohung – die immer ärger ausbrechenden Brände – zum eigentlichen Verhängnis aus.

Schwimmende Städte bestanden fast ausschließlich aus brennbarem Material, und die Feuer in den Öfen der Häuser gerieten mehr und mehr außer Kontrolle, sobald Kargoys damit begannen, die Bauten mit ihren mächtigen Schwingen zu zertrümmern. So viele Vaschganen hatten bereits ihr Leben verloren, und ein Ende des Sterbens war nicht abzusehen.

Slig, der die größere Erfahrung, die Floßstadt betreffend, hatte, bemerkte es als Erster.

»Wir kentern!«, rief er, und erstmals schwang etwas wie Furcht in seiner Stimme mit. Als Taure war er des Schwimmens nicht mächtig – erstaunlich genug, dass er sich überhaupt nach Garabol gewagt hatte.

Parv wollte etwas erwidern, als ihm plötzlich Gegenstände entgegen rollten. Kurz vor hatte es das abfallende Geläuf, das sie ihm entgegen schlitterten, noch nicht gegeben, war alles waagrecht ausgelotet gewesen. Doch offenbar hatte das Fundament der Stadt tatsächlich Schlagseite bekommen. Die Schreie in der Umgebung wurden panischer. Mit Mühe wichen Parv und Slig den auf sie zu jagenden Gegenständen und Gestalten aus.

Qualm dräute wie giftiger Nebel durch die Straßen. Mancherorts sanken Vaschganen einfach zu Boden, ohne dass es einen Zusammenstoß mit Kargoys oder Yuls gegeben hatte. Der Rauch raubte ihnen die Besinnung oder tötete sie auf der Stelle, je nachdem, wie anfällig ihre Körper gegen diesen heimtückischen Feind waren.

Plötzlich erschütterte eine gewaltige Explosion das Gebilde der Stadt. Das Wehklagen schwoll noch lauter an, und nur wenige Momente später stand die Straße, in der sich Parv und Slig befanden, unter Wasser. Garabol war geflutet, hatte sich schlagartig so weit abgesenkt, dass Parv bis zu den Oberschenkeln in dem salzigen Nass stand.

Slig keuchte entsetzt.

»Keine Sorge«, versuchte Parv, ihn zu beruhigen. »Wenn es noch schlimmer wird – und das wird es –, klammerst du dich an mich. Ich bringe uns an Land. Gib nur auf deine Stachel acht. Ich habe keine Lust –«

»Das war eine Explosion«, unterbrach ihn der Taure. »Sie kam vom Zentrum. Dort lagert in einem der Türme des Stadtoberen Schießpulver. Entweder es war eine Verzweiflungstat von Ibren, dem das alles hier gehört und der dafür tüchtig Steuern eintreibt, oder die Geflügelten stecken dahinter. Ich hörte von einer anderen Floßstadt, die sie so zum Kentern brachten.«

Parv machte keinen Hehl daraus, dass er das für Seemanngarn hielt. »Du redest von diesen Teufeln, als seien sie intelligent. Aber es sind Tiere – zumindest, bis sie zu uns gehören. Vorher jedoch…«

»Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als wir ahnen«, beharrte Slig. »Und nun, da ich sterben werde…«

»Du stirbst nicht! Mag die Stadt untergehen, ich lasse dich gewiss nicht im Stich. Ohne dich würde ich längst nicht mehr leben, hast du das vergessen? Wie könnte ich dich da einem so grausamen Schicksal überlassen wie dem Ertrinken?«

»Die Küste ist weit. Allein magst du es bis nach Garabol geschafft haben. Aber mit einem wie mir als zusätzlichem Ballast, wird es unser beider Leben kosten!«

»Du unterschätzt mich.«

Für einen Moment wirkte Slig beeindruckt von dem Eifer, mit dem Parv ihm seine Hilfe versicherte.

»Wir werden sehen«, sagte er schließlich. »Aber wenn wir es versuchen wollen, sollten wir jetzt, sofort, zur Stadtgrenze eilen. Vielleicht finden wir dort doch noch ein Fahrzeug – oder etwas, woraus sich ein Provisorium bauen lässt. Und wenn nicht… nun, was bleibt mir dann noch anderes übrig, als mich deines Angebots zu erinnern? Wir sollten aber bereits ein Stück weit zwischen uns und Garabol gebracht haben, wenn die Floßstadt endgültig versinkt. Dem dann entstehenden Sog hätten wir nichts entgegenzusetzen.«

Parv war beeindruckt von Sligs analytischem Verstand.

»Worauf warten wir dann noch? Schnell!«

Sie ignorierten, was zu ignorieren war, und wateten so rasch sie konnten zum nächstgelegenen äußersten Rand des Floßes, der in der salzigen Brühe, die ihnen mittlerweile bis zur Brust reichte, nicht mehr sichtbar war und ertastet werden musste.

Allenthalben herrschten Chaos und Verzweiflung. Wer den Kargoys und Yuls entkommen war, sah sich nun vor dieselbe Entscheidung gestellt wie Parv und Slig: entweder mit der sterbenden Stadt unterzugehen – oder sich schwimmend zur Küste zu retten, was aber für die meisten ein kaum zu bewältigendes Unterfangen sein würde. Ihre Körper mochten kurze Strecken bewältigen können, doch Garabol hatte sich seit Parvs Betreten immer weiter von der Landmasse entfernt. So weit, dass auch Parv die Augen nicht länger vor der bitteren Wahrheit verschließen konnte: Ohne Slig hätte er vielleicht noch den Hauch einer Chance gehabt, aber mit dem Tauren…

Er verweigerte sich der letzten Konsequenz seines Denkens.

»Los, komm! Nirgends sind mehr Flöße, und die Zeit, uns etwas zurechtzuzimmern, haben wir nicht. Klammer dich an mich! Wir brechen unverzüglich auf. Garabol kann jeden Moment vollständig absacken, sobald sich die Häuser und Türme gefüllt und vollgesogen haben, wird es ganz schnell gehen. Und du weißt, was dann kommt. Der Sog wird alle ins Vergessen reißen!«

»Du gibst nicht auf, was, Freund Ohne-Namen?«

»Der war ich mal. Schon vergessen? Jetzt heiße ich Parv!«

»Und ich Slig … In Ordnung, was haben wir denn schon mehr zu verlieren als das, was ohnehin verloren scheint, wenn wir hier blieben?«

Er bestieg den Rücken des Pieroos so vorsichtig, wie es ihm nur möglich war. Die Taurenlanzen waren tückische Waffen, die auch einen Freund verletzen konnten, wenn man sie ungeschickt führte.

Parv stieß sich ab und machte kräftige Schwimmzüge, die beide Vaschganen von der untergehenden Floßstadt wegbrachten.

Nach einiger Zeit hörten sie hinter sich ein Gurgeln, und als Slig den Kopf wandte, presste er hervor: »Sie ist weg. Die ganze Stadt ist verschwunden. O Parv, mein Freund, ich kannte dort so viele…«

Auch Parv wurde eng ums Herz. Schon bald darauf spürte er, wie sich Slig auf ihm verkrampfte.

»Halt dich fest!«, ermahnte er den Tauren. »Wenn du abrutscht, kann ich dich nur schlecht wieder…«

»Irgendetwas stimmt nicht«, ächzte Slig. »Schau selbst. Hinter uns!«

Parv warf einen Blick über die Schulter, an Slig vorbei in die Richtung, aus der sie geflohen waren. Das Wasser dort hatte heftiger zu brodeln begonnen als in dem Moment, als die Stadt endgültig in die Tiefe gerissen worden war.

»Das sieht komisch aus…«

»Bedrohlich trifft es wohl eher. Als würde sie…«

»Ja?« Obwohl das »Schwimmen mit Gepäck« beinahe Parvs ganze Konzentration beanspruchte, konnte er das Geschehen hinter sich auch nicht ignorieren.

»Als würde die Stadt wieder… wieder zurückkehren

»Unsinn!«

»Ich weiß.«

Ohne in seiner Anstrengung nachzulassen, Slig und sich zur Küste zu befördern, blickte Parv nun immer öfter zu der Stelle, wo Garabol ihr nasses Grab gefunden hatte.

Die See dort kochte nun regelrecht. Und waren anfänglich noch die Schreie anderer Unglücklicher zu hören gewesen, die wie der Pieroo- und der Tauren-Vaschgane ums nackte Überleben kämpften, so waren diese inzwischen verstummt oder wurden zumindest übertönt vom unheimlichen Rauschen des aufgewühlten Meeres.

»Es nimmt immer weitere Bereiche ein. Es wird uns gleich einholen!«, warnte Slig.

Die Aussichtslosigkeit, einem »Gegner« wie diesem die Stirn zu bieten, ließ ihn erschaudern.

»Was mag das nur sein?« Obwohl er bereits ermattete, versuchte Parv, sie mit aller Kraft aus der gefährdeten Zone zu bringen.

Allerdings war es genauso, wie Slig es prophezeit hatte – das Brodeln holte rasch auf, und dann…

Die beiden flüchtenden Vaschganen wurden von unwiderstehlichen Kräften gepackt, geschüttelt und unter Wasser gezogen.

Slig schaffte es nicht länger, sich an Parv festzuklammern. Sein Stachelkörper rutschte von dem Taurenrücken und verschwand fast augenblicklich in dem für Blicke undurchdringlichen Mahlstrom.

Verzweifelt versuchte Parv, die Luft anzuhalten, aber irgendwann schienen ihm die Lungen zu bersten, und er holte Atem, ohne dass etwas anderes als aufgewirbeltes Wasser um ihn herum gewesen wäre.

Er hatte das Gefühl zu zerreißen.

Der brennende Schmerz erreichte sein Gehirn und legte sich wie ein zermalmendes Gewicht auf alle seine Sinne.

Seine Wahrnehmung erlosch wie eine Kerze im Wind.

Alle Hoffnung, die Parv in dieses viel zu kurze Leben gesetzt hatte, zerstob.



2.


Es war, als liefe ein elektrischer Schlag durch das Rochenschiff – ein Energiestoß, der alles Leben für eine Sekunde – oder tausend Jahre? – an Bord betäubte, wie in Stase einfror.

Dann, ebenso schnell, wie es gekommen war, wich dieses Gefühl vollkommener Taubheit und Ohnmacht wieder.

»Uns gibt es noch – oder?«, quäkte die in diesem Moment schlecht modulierte Kunststimme von Jarvis.

Ja , dachte John Cloud, uns gibt es noch. Wir sind nicht gegen die Wand gefahren, am Zeitsiegel zerschellt. Anderenfalls wären wir kaum noch in der Lage, uns Gedanken über unsere Befindlichkeit zu machen. Nein, ganz offenbar sind wir durch das Siegel durch – und dort gelandet, wo das Böse zuhause ist. Der Schrecken, der die Ganf seit unvorstellbar langer Zeit verfolgt und jetzt auch das Angksystem überrollt hat.

»Heilige Galaxis – Sesha, Status!«, verlangte Scobee links von Cloud und an die KI der RUBIKON gerichtet.

Sesha antwortete so schnell, dass Cloud schon das allein als gutes Omen wertete.

»Status: Dimensionswälle beanspruchen neunzig Prozent der von den DE-Konvertern erzeugten Energie. Die verbleibenden zehn Prozent verteilen sich auf Bordsysteme und Antrieb...«

»Mit Status«, fiel ihr Scobee ins Wort, »meinte ich natürlich auch und vornehmlich die Schiffsumgebung. Wie sieht es dort aus?«

Cloud schaltete sich ein. Manchmal kam es ihm vor, als verhalte sich die KI anderen autorisierten Besatzungsmitgliedern gegenüber bewusst begriffsstutzig. Aber es hatte auch schon schwierigere Zeiten gegeben – Zeiten, in denen Sesha nur ihn als akzeptierte Person betrachtet und ihm sogar das Verlassen der RUBIKON untersagt hatte.

»Du beleidigst deine Intelligenz, Sesha«, sagte er. »Ich bin sicher, du hast sehr genau verstanden, was Scob von dir wissen will – und ich im Übrigen auch. Jeder an Bord… Sind wir durch das Siegel? Und wenn ja, wo befinden wir uns gegenwärtig? Immer noch auf Portas – was ich bezweifle –, oder dort, wohin die Ganf uns unbedingt befördern wollten?«

»Letzteres. Vermutlich«, erwiderte die KI. »Was ich bestätigen kann, ist: Wir befinden uns nicht mehr über der Oberfläche von Angk III. Die aktuelle Umgebung findet ihr in die Holosäule eingeblendet. Wir bewegen uns innerhalb einer auffälligen Konstellation aus Monden, die einen Riesenplaneten von Jupitergröße umlaufen.«

Beides war in der Holosäule zu sehen – als Simulation, die auch gleich die Position der RUBIKON einarbeitete.

»Dann sind wir jetzt… in Eleyson?«, fragte Assur, die sich ebenso wieder gefasst hatte wie alle anderen in der Schiffszentrale befindlichen Personen. »Unglaublich weit von der Milchstraße entfernt?«

Cloud bemerkte, wie ihre Stimme bei der Formulierung der Frage ins Schwanken geriet.

Sie war nicht die Einzige, der diese Vorstellung Kraft und Beherrschung abverlangte.

Cloud sagte: »Jedenfalls hat ein Transfer stattgefunden, und die Wahrscheinlichkeit, dass er uns zur Herkunftsgalaxie der Ganf und Auruunen versetzt hat, ist groß. Gehen wir einstweilen davon aus. Ich glaube jedoch nicht, dass Sesha in der Lage ist, mit ihren Ortungssystemen verlässliche Daten zu ermitteln, die dies bestätigen oder widerlegen könnten. Habe ich recht, Sesha?«

»Auf dieses Thema wollte ich gerade zu sprechen kommen. Ein Intern-Check hat ergeben, dass hard- und softwaremäßig alle Ortungsgeräte voll einsatzfähig sind. Dennoch beträgt ihre momentane Reichweite nur ein paar Dutzend Lichtjahre.«

Cloud tauschte verblüffte Blicke mit seinen Freunden auf dem Kommandopodest. »Woran liegt das?«, wandte er sich schließlich wieder an die KI.

»Offenbar an unserer Umgebung.«

»Die Monde… der Planet, den wir sehen?«

»Ich spreche von einem sehr viel größeren Rahmen.«

»Du laberst vor allen Dingen in Rätseln «, knurrte Jarvis. »Spuck’s schon aus! Was für ein ‚Rahmen‘?«

»Der Rahmen geht vermutlich über besagte Ortungsreichweite hinaus«, sagte Sesha. »Der uns umgebende Weltraum selbst scheint die Schiffssensoren einzuschränken. Ich habe Abweichungen in einigen normalerweise universalgültigen Parametern entdeckt. Um es einfach und auch für die anwesenden Spezies verständlich auszudrücken: Die Physik des Raumes, in dem wir momentan kreuzen, unterscheidet sich offenbar in einigen Details von dem Raum, den wir kennen und aus dem wir kommen.«

»Der Weltraum hier ist anders ?«, fragte Jarvis fast beleidigt. »Wie sollte das gehen? Sind wir am Ende doch nicht dort gelandet, was uns die Ganf prognostizierten? Kann es sein, dass sie uns schon wieder getäuscht und betrogen haben und wir doch in ein völlig anderes Kontinuum geschleudert wurden?«

Cloud wusste, worauf er hinaus wollte.

Die Bractonen hatten von sich behauptet, Schöpfer des Universum zu sein, dabei selbst aus einem Raum jenseits ihrer Schöpfung zu stammen.

Die Ganf wiederum hatten beteuert, den Bractonen diese Überzeugung nur eingeflößt und über Äonen hinweg als ihre Marionetten benutzt zu haben. Das Universum ging demnach weder auf die Bractonen noch auf die Ganf zurück. Und die Ganf waren letztlich nichts anderes als Flüchtlinge, die irgendwann in der Milchstraße auf die Bractonen getroffen waren und sie seither nach Belieben, wie Marionetten eben, lenkten.

Aber was, wenn auch das nur ein weiteres Lügenkonstrukt der Ganf war? Wenn das versiegelte Portal auf Portas doch nicht nur in einen fernen Winkel dieses Universums, sondern in ein völlig anderes Kontinuum führte?

Die von Sesha festgestellten Abweichungen der universalen Kontanten schienen dies in den Bereich des Möglichen zu rücken.

»In unserer Lage tun wir gut daran, uns nicht auf Glauben zu verlassen, sondern uns an handfesten Fakten zu orientieren«, sagte Cloud. »Und die wären zunächst einmal: Wir befinden uns in einem fremden Sonnensystem, in der Nähe eines Riesenplaneten und dessen Monden.«

»Gibt es Hinweise auf eine Vorrichtung, die danach aussieht, als könnte es die ‚Gegenstation‘ der Torpassage sein, durch die wir gekommen sind?«, fragte Assur.

Clouds Lebensgefährtin lächelte ihm zu, als ihre Blicke sich begegneten. Er überlegte, wann sie beide zuletzt Gelegenheit gefunden hatten, sich irgendwohin zurückzuziehen und ihre Erfüllung einfach nur aus der Nähe und Berührung des anderen zu schöpfen.

Es musste eine Ewigkeit her sein.

»Inwieweit wirken sich diese Unterschiede auf uns aus, Sesha?«, fragte Cloud. »Können sie negative Auswirkungen auf die Besatzung haben?«

»Das kann ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt aus Mangel an Fakten nicht beurteilen.«

»Aber auf das Schiff haben sie Auswirkungen?«

»Bislang ist das nachweislich für die Reichweite und Genauigkeit der Ortungssysteme zu konstatieren.«

»Es kann also noch weitere Fallstricke geben, die uns nur noch nicht aufgefallen sind.«

»Mit einiger Wahrscheinlichkeit.«

»Unsere Sesha, präzise wie immer«, lästerte Jarvis.

Kopfschüttelnd sandte Cloud dem ehemaligen GenTec eine Rüge, die keiner Worte, nur eines Blickes, bedurfte.

»Kannst du bestätigen, dass die RUBIKON für die Außenwelt so sehr verkleinert ist, dass fremde Ortungssysteme wahrscheinlich nicht im Stande sind, uns anzumessen?«

»Das ist so, ja«, sagte die KI ohne Zögern.

» Wie klein genau sind wir für Externe?«, fragte Cloud. »Tatsächlich im mikroskopisch kleinen Bereich, wie Tecum es uns ankündigte?«

Sesha bejahte.

»Wir könnten uns theoretisch in den Blutkreislauf eines Menschen einschleusen, ohne irgendwelchen Schaden am Körper anzurichten«, murmelte Scobee. Ihr Lächeln, während sie dies sagte, verriet Cloud, dass sie dabei wohl an denselben Filmklassiker denken musste, wie er selbst gerade: Die phantastische Reise . Der Film war in den Sechzigern des 20. Jahrhunderts entstanden.

»Wenn ich kurz unterbrechen dürfte«, sagte Jarvis. »Aber ist euch schon aufgefallen, dass die Monde, zwischen denen wir herausgekommen sind, sich höchst exotisch zu ihrem Mutterplaneten verhalten?«

Cloud studierte die Ergebnisse der Ortung, die auf diese Distanz noch relativ verlässlich zu arbeiten schien. Noch bevor er sie kommentieren konnte, entfuhr es Assur: »Er hat recht! Das ist wirklich außergewöhnlich!«

Die Monde, sechzehn an der Zahl, unterschieden sich in ihrer Form und Größe nicht von zahllosen anderen Trabanten, die Cloud im Laufe der Zeit zu Gesicht bekommen hatte. Trotzdem besaßen sie eine Auffälligkeit, die sie zweifelsfrei in die Liga der Exoten einreihte: Alle sechzehn Monde umliefen den Riesenplaneten so, dass sie die immer gleiche Formation bildeten – eine Art kugelförmiger »Käfig«, dessen Maschen zwar enorm groß waren, der aber beim Umlaufen der jupitergroßen Welt nie die ihn auszeichnende Struktur und den Zusammenhalt derselben verlor.

Es gab viele Planeten mit einer großen Anzahl von Trabanten – aber diese umliefen ihren Fixpunkt normalerweise nicht mit so fein aufeinander abgestimmten Geschwindigkeiten und Bahnen, dass ein Konstrukt wie dieses herausgekommen wäre.

»Wir befinden uns offenbar innerhalb einer künstlich herbeigeführten Anordnung von Himmelskörpern«, sagte Cloud. »Oder hält jemand diese auffällige Konstellation für allein den Naturkräften geschuldet?«

Alle Anwesenden verneinten, selbst die KI.

»Aber wenn diese Konstellation bewusst und gezielt erschaffen wurde, müssen wir davon ausgehen, dass sie auch einen Sinn erfüllt«, fuhr Cloud fort. »Wir befinden uns aller Voraussicht nach in Feindesland – deshalb wage ich die Prognose, dass dieser Sinn und Zweck uns nicht sonderlich gut bekommen würde, wenn man unsere Anwesenheit bemerkt.«

»Vielleicht befinden sich auf den Monden einfach nur die technischen Voraussetzungen, um einen Transfer von A, dem Angksystem, nach B, dieser kosmischen Region, durchführen zu können«, warf Assur ein.

»Möglich. Aber sprach Tecum nicht davon, dass permanent von dieser Seite aus versucht werde, ins Angksystem einzubrechen?«, hielt Cloud dagegen. »Das spräche eher dafür, dass es hier kriegstechnische Objekte gibt, mit denen wir lieber keine Bekanntschaft machen sollten, solange wir uns noch innerhalb des ‚Käfigs‘ befinden.«

»Was hast du vor?«, fragte Scobee. »Wie willst du deine These überprüfen?«

»Zuerst sollten wir schleunigst den Raum, den die Monde umgrenzen, verlassen«, sagte er. »Sesha? Kannst du die RUBIKON trotz ihrer Schrumpfung so beschleunigen, dass wir die Mondanordnung hinter uns lassen? In akzeptabler Zeit, meine ich.«

»Versuch macht kluch«, spottete Jarvis, bevor die KI sagte: »Die nach außen repräsentierte Größe spielt bei unserem Antrieb eine untergeordnete Rolle. Ich beschleunige unter der Vorgabe einer Minimalemission, die von außerhalb angemessen werden könnte.«

»Genau darum wollte ich bitten.«

»Schiff nimmt bereits Fahrt auf, Commander. Durchstoßen die imaginäre Mondschale in drei Minuten.«

Die Zeit verging quälend langsam, weil Cloud bis zuletzt befürchtete, dass, wenn schon die RUBIKON als solche für fremde Ortungsgeräte unsichtbar blieb, doch vielleicht ihre Antriebsenergien messbar sein könnten.

Falls sie es waren, dann blieb es zumindest folgenlos.

Nach fünf Minuten erteilte er Befehl, die Triebwerke zu drosseln, sodass die RUBIKON nur noch aufgrund des vorherigen Schubs weiter durch den fremden Weltenraum glitt.

»Entfernung zum Rand des Gebildes aus Monden?«, fragte Cloud, an die KI gewandt.

»Rund zwei Millionen Kilometer.

»Das sollte reichen.«

»Reichen wofür?«, fragte Jarvis.

»Wir sind uns doch einig in der Annahme, dass die Konstellation der Monde etwas zu bedeuten hat?«

»Soweit gehe ich mit dir d’accord.« Jarvis nickte. »Und weiter?«

»Und weiter will ich jetzt mit einem Trick die Monde veranlassen, uns ihr wahres Gesicht zu zeigen.«

»Was für ein Trick?«

»Lasst euch überraschen. Ich ziehe mich für die Dauer des Tests zurück.« Mit diesen Worten aktivierte Cloud ohne weitere Erklärung den Deckel seines Sarkophagsitzes, der sich daraufhin blitzschnell schloss.

Sofort verschmolz er geistig mit der RUBIKON. Sesha war jetzt wie ein anderes Bewusstsein, mit dem er sich einen Körper – das Schiff – teilte.

Es bedurfte nur seiner Gedankenbilder, um die KI darüber zu unterrichten, was er vorhatte.

Und nur wenige Sekunden, nachdem sich der Sitz des Commanders geschlossen hatte, zeigte die Holosäule eine Veränderung innerhalb des »Mondkäfigs«.

Ein Objekt materialisierte sich dort.

Ein Objekt, das im ersten Moment wie ein weiterer, nur etwas kleinerer Mond aussah.

Bei genauer Betrachtung stellte es sich jedoch als goldene Kugel heraus, die von jedem Betrachter innerhalb der RUBIKON-Zentrale auf Anhieb erkannt wurde.

»Eine Tridentische Kugel!«, keuchte Scobee. »Ob das Kargor ist…?«



Die Wahrheit kristallisierte sich nur allmählich heraus – weil Cloud beschlossen hatte, selbst seine treuesten Gefährten zu überraschen.

Sekundenlang »hing« die CHARDHIN-Perle unbehelligt im Zentrum des Konstrukts aus sechzehn Monden. Dann…

»Größer, Sesha! Wir brauchen die Bilder größer – mit Schwerpunkt auf die Tridentische Kugel!«

Die KI – oder war es der Commander selbst innerhalb seines Sarkophags? – kam der Aufforderung sofort nach.

Die vermeintliche CHARDHIN-Perle rückte optisch näher heran, füllte beinahe den Durchmesser der Holosäule aus.

»Ich glaube, ich verstehe…«, seufzte Jarvis. »Das ist nicht Kargor – es käme auch etwas plötzlich. Das ist ein verdammter… Ghost

Er hatte die wahre Natur des Objekts im Mondkäfig kaum beim Namen genannt, da verschwand die gefakte CHARDHIN-Perle auch schon hinter einer ebenfalls kugelförmigen, aber bleigrau schimmernden Hülle, die zweifelsfrei von technischen Vorrichtungen projiziert wurde, die sich über die einzelnen Monde verteilten.

Von dort aus ergoss sich die bleifarbene Energie über den TK-Ghost, der von der RUBIKON generiert und in den Käfig gepflanzt worden war und kerkerte ihn ein.

Auf ähnliche Weise, wie Cloud gerade vorging, hatte die Crew auch schon die Treymor im Milchstraßenzentrum genarrt. Als es darum ging, die Negaperle – eine entartete CHARDHIN-Perle hinter dem Ereignishorizont des dortigen Super Black Holes – durch eine neue, intakte Station zu ersetzen.

Hier lief alles in einem etwas kleineren Maßstab ab, aber das Prinzip war identisch.

Die RUBIKON konnte wie einst die Satogaschiffe Raumschiff attrappen generieren, die von Uneingeweihten als materiell eingestuft wurden und jeden bislang bekannten Gegner zu täuschen vermochten.

Und bei dem, was dort soeben innerhalb der schalenförmig gruppierten Monde materialisiert war, handelte es sich um ein Geisterschiff aus dem Repertoire des Rochenraumers.

Cloud hatte sich aus gutem Grund für die Fälschung einer Tridentischen Kugel entschieden.

Auruunen verbanden damit höchstwahrscheinlich das seit Urzeiten gejagte Wild, ihren Erzfeind, die Ganf.

Dennoch ging Cloud davon aus, dass die Waffeneinrichtungen auf den Monden auf jedes eindringende Schiff reagiert hätten, ganz gleich, wie es ausgesehen hätte.

Dies hier war offenbar das Gebiet, wo die Verbindungsstrecke Angksystem-Eleyson endete.

Und hier hatten die Auruunen alles vorbereitet, um Ankömmlinge von der anderen Seite der Strecke gebührend in Empfang zu nehmen.

Die Kerkerkugel übertraf die vermeintliche CHARDHIN-Perle um das Doppelte an Größe.

Aber Jarvis hatte kaum die Frage ausgesprochen: »Woraus besteht das Ding? Energie? Metall?« – da löste sich das Gebilde auch schon wieder auf, beziehungsweise begann zu flackern .

»Was bedeutet das jetzt schon wieder?«, seufzte Assur.

»Ich glaube, ich weiß es«, sagte Scobee. »Offenbar erlischt die von uns generierte Fälschung in dem Moment, wenn sich die von den Mondanlagen projizierte Kugel vollständig um die falsche Perle geschlossen hat. Die Schale schirmt wahrscheinlich die Ghost-Emission komplett ab. Daraufhin ergeht mutmaßlich ein Signal an die Projektoren, dass sie keinen Grund mehr haben, die Kerkerzelle aufrecht zu erhalten. Aber in dem Moment, in dem sie erlischt, erscheint wieder der Ghost… und das ganze Spiel geht wieder von vorne los. Nur eine Theorie, zugegeben, aber…«

»Aber eine, die logisch klingt und sich mit unseren Ortungen in Einklang bringen lässt«, zollte Jarvis ihr Anerkennung. »Ganz schön clever, Scob, ganz schön clever.«

»Ich wünschte, dieses Kompliment könnte ich auch hin und wieder mal zurückgeben.«

»Hey, jetzt nicht gleich übermütig werden!«

Der Sarkophagdeckel über Clouds Sitz bildete sich zurück. Der Commander richtete sich aus der halb liegenden in die aufrecht sitzende Position auf. »Das war vorauszusehen«, sagte er in tatendurstigem Ton. »Vielleicht nicht genau im Detail, aber dass etwas passieren würde, war klar. Oder?«

»Du warst schon immer ein Hellseher«, spöttelte Assur.

Innerhalb der Holosäule hörte das Flackern auf. Offenbar hatte die RUBIKON aufgehört, eine geghostete Tridentische Kugel zu den Monden zu schicken.

»Ein feiner Trick und genau zur Situation passend«, sagte Scobee. »Hast du vielleicht zufällig während deiner Verschmelzung mit dem Schiff etwas herausgefunden, was uns hier entgangen ist?«

Cloud schüttelte den Kopf. »Ich bin schon froh, dass die Attacke offenbar nicht die Vernichtung des materialisierten Objekts zum Ziel hatte.«

»Sondern seine Gefangensetzung?«, fragte Assur.

Er nickte. »Anders lässt sich das Geschehen kaum interpretieren.« Er blickte nach oben. »Sesha? Hast du die Standort der Projektoranlagen auf jedem einzelnen Mond ermittelt und in die provisorischen Karten eingepasst?«

Die KI bejahte.

»Du willst die Anlagen aufs Korn nehmen?«, fragte Jarvis und grinste. Eine solche Aktion wäre ganz nach seinem Geschmack gewesen.

»Das wäre eine Option, über die wir nachdenken sollten.«

»Vergesst nicht, mit was für einem Gegner wir es vermutlich zu tun haben«, gab Assur zu bedenken. »Die technischen Möglichkeiten der Auruunen dürften unserer Bewaffnung ohne große Anstrengung Paroli bieten können – zumindest erweckt alles, was sie bisher aufgeboten haben, diesen Eindruck.«

»Du vergisst«, erwiderte Cloud, »dass die RUBIKON nicht mehr das Schiff ist, das uns die Foronen vor langer Zeit freundlicherweise überließen…«

»Nette Formulierung«, warf Jarvis noch breiter grinsend ein. »‚Überließen‘...«

Cloud ging nicht weiter darauf ein. Er fuhr fort: »Es wurde zuerst von den Bractonen und später von den Ganf verändert und den Erfordernissen angepasst. Erfordernissen, die die Ganf sehr viel besser überschauen können als wir.«

»Okay. Die RUBIKON ist ein Prachtschiff, definitiv – aber darüber sollten wir vielleicht später reden«, sagte Scobee mit ernster Miene. »Mir wäre es lieber, wir würden erst einmal viel Abstand zwischen uns und die gerade beobachtete Falle bringen. Ich glaube nicht, dass das Ghost-Manöver unbeachtet bleibt. Irgendwer wird irgendwem Meldung machen, selbst wenn wir davon ausgehen, dass die Anlage vollautomatisch arbeitet. Ein solcher Zwischenfall wird über kurz oder lang höchstwahrscheinlich diese ominösen Auruunen auf den Plan rufen. Etwas anderes zu glauben, wäre mehr als naiv.«

Cloud presste kurz die Lippen zusammen, dann sagte er: »Du hast recht. Ich sehe es genauso. Aber was ist die logische Konsequenz daraus? Ein sofortiges Absetzmanöver?« Er blickte von einem Freund zum anderen, dann schüttelte er den Kopf. »Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht ist gerade eine Gelegenheit, die wir nicht ungenutzt verstreichen lassen dürfen.«

»Was meinst du?«, fragte Scobee.

»Die Falle«, sagte er. »Vielleicht haben wir eine Möglichkeit, vor unserem Abzug noch etwas mehr über die Falle in Erfahrung zu bringen – oder sie sogar unschädlich zu machen.«

Scobee schlug die Hände über dem Kopf zusammen – symbolisch. Ihre Miene sprach Bände, aber sie kleidete ihre Skepsis auch in Worte. »Das halte ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt für keine so gute Idee. Lass uns lieber erst einmal im Verborgenen operieren. Noch besteht die Chance, dass wir nicht als die erkannt wurden, die wir sind. Das Täuschungsmanöver mit dem Ghost dürfte auch Auruunen in Erklärungsnöte bringen – hoffe ich zumindest. Wenn wir offen gegen die Mondbasen vorgehen, verspielen wir diesen Vorteil.«

»Von ‚offen‘ war nie die Rede«, erwiderte Cloud.

Jarvis strahlte. »Kommandounternehmen?«, fragte er.

» Verdecktes Kommandounternehmen«, bestätigte der Commander der RUBIKON. »Du allein, in perfekter Maske. Unsichtbar oder…« Er ließ den Satz unvollendet. Stattdessen fragte er: »Was hältst du davon?«

Der Sitz, in dem Jarvis gesessen hatte, war plötzlich leer.

»Wo ist er hin?«, fragte Assur überrumpelt.

»Er ist immer noch da – schätze ich«, sagte Cloud mit einem feinen Lächeln. »Habe ich recht, Jarvis?«

Die Luft im Bereich des scheinbar verwaisten Sitzes fing an zu flirren wie an einem Sommertag über kochend heißem Asphalt. Konturen schälten sich heraus.

»Chamäleon-Modus«, erklärte Jarvis, als er wieder klar zu erkennen war. »Der Kristall der Bractonen, der mir die Möglichkeit gibt, beliebige Lebewesen optisch zu imitieren, funktioniert auch, um mich bis zur völligen Unsichtbarkeit meiner jeweiligen Umgebung anzupassen.«

»Ortungssensoren dürftest du damit nicht narren können«, warf Scobee ein.

Jarvis nickte. »Ich werde es auch nur als zusätzliche Maßnahme betrachten, um mich ungestört bei den Mond-Heinis umzusehen.«

Mond-Heinis.

Cloud legte die Stirn in Falten. »Halt‘ den Ball flach«, ermahnte er den Gefährten. »Dort, wohin ich dich schicke, ist Fingerspitzengefühl gefragt, und ich frage mich gerade, ob meine Wahl –«

»Fingerspitzengefühl ist meine Spezialität«, behauptete Jarvis im Brustton der Überzeugung. »Von mir aus kann‘s sofort losgehen. Ich bin allzeit bereit.«

Scobee schüttelte nur noch den Kopf. »Er macht mir Angst, John. Wenn er so drauf ist, macht er mir mehr Angst als jeder Auruune...«



3.


Parv schob die Zweitlider seines Pierookörpers zurück.

Er war verblüfft.

Weil er nicht erwartet hatte, weiterleben zu dürfen. Nicht nach dem Furchtbaren, das vorgefallen war. Der Mahlstrom… der Strudel… Etwas hatte ihn unter Wasser gezogen und von Slig getrennt…

Slig!

Wo bin ich?

Es war die wichtigste Frage – zunächst zumindest.

Er sah sich um. Nirgends war Wasser. Ein seltsamer Ort. Der Boden hart und glatt. Licht ohne Sonne. Woher es genau kam, war nicht zu erkennen. Es war überall. So wie ihn endlose Weite, ohne jede Begrenzung, zu umgeben schien.

War er vielleicht doch gestorben? Oder lag zumindest noch im Sterben? Halluzinierte er?

Ich bin ein Vaschgane.

Er hatte noch nie gehört, dass seine Art anfällig für Trugbilder gewesen wäre.

Vaschganen waren stolz. Und klug. Sie hatten sich Venlog untertan gemacht. Sie regierten über ihre Welt, die von einzigartiger Schönheit, einzigartiger Vielfalt und einzigartigen Möglichkeiten war.

Aber irgendetwas stimmte nicht.

So wie es schon nicht mehr gestimmt hatte, als das Brodeln über dem Meeresgrab, in dem Garabol versunken war, immer stärker wurde, statt abzuschwächen. Und dann hatte eine unwiderstehliche Kraft Parv und Slig erfasst und ertränkt…

Narr! Du lebst!

Aber stimmte das wirklich?

Er schüttelte sich. Sein Körper schmerzte, als wäre ihm Gewalt angetan worden.

Die größte Diskrepanz zu seiner letzten Erinnerung aber war das völlig Fehlen von Wasser. Luft umgab ihn. Er konnte problemlos atmen.

Wer hatte ihn gerettet und hierher gebracht? Und wo… war hier ?

»Slig?« Krächzend kam der Ruf über seine Mundränder. Der Ton verlor sich in der Weite, als würde er fortgezerrt.

Parv räusperte sich und rief wieder und wieder nach dem Tauren. Die Hoffnung, damit etwas zu erreichen, war gering. Dennoch konnte er lange Zeit nicht damit aufhören.

Schließlich aber setzte sich die Erkenntnis in ihm durch, dass es vergebens war.

Slig lebte nicht mehr. Ihn zumindest hatte der Mahlstrom verschlungen.

Parv wurde ganz weh ums Herz.

Er merkte, wie sehr ihn noch alles mitnahm, was mit Tod oder Leben zu tun hatte.

Im nächsten Moment wirbelte er herum.

Er hatte brennende Blicke in seinem Rücken gefühlt

und tatsächlich war er von einem Moment zum anderen nicht mehr allein.

Ungläubig starrte auf die beiden Gestalten, die sich ihm stumm, aber mit hart auf dem Boden dröhnenden Schritten näherten. Sie hatten Flügel wie ein Kargoy – aber darin erschöpfte sich jegliche Ähnlichkeit auch schon.

Parv hatte das Gefühl, in dem Boden, der die Figuren ausgespien hatte, versinken zu müssen. Er empfand größere Panik als in der Floßstadt, wo es immerhin gegen schreckliche Ungeheuer gegangen war.

Das hier aber…

Er kramte unbewusst in dem Speicher, der ihm als Geborener zur Verfügung stand.

das hier war so gespenstisch, dass es ihm den Atem raubte.

Jorrims?

Der Begriff geisterte durch sein Hirn. Verschwommen nur, aber das reichte aus, um ihn vor Angst erstarren zu lassen.

Er wünschte, Slig wäre bei ihm gewesen.

Jorrims waren sagenhafte Bewohner Venlogs.

Ebenso geheimnisumwoben wie gefürchtet.

Gefürchtet genug jedenfalls, dass sie Einlass hatten finden können im Kollektivwissen der Vaschganen.

Parv spürte, wie sich seine Pierooschuppen sträubten, als er rechts und links von jeweils einem Jorrim gepackt und hochgehoben wurde, als wöge er nichts.

So zerbrechlich sie auch aussahen, ihnen wohnten unfassbare Kräfte inne.

Parv schloss reflexartig die Augen. Er hatte das Gefühl, dass sich aus dem stählernen Griff der Jorrims eine Substanz in seinen Körper stahl, die sein Innerstes nach außen kehrte.

Fortan musste er die Augen offen halten.

Ob die Substanz tatsächlich existierte oder seiner Einbildung entsprang, fand er nie heraus. Und ebenso wenig fand Mut zur Gegenwehr.

Beschämt über die Art und Weise, wie er sich in ein Schicksal von ungewissem Ausgang ergab, ließ er sich von den Jorrims an einen Ort bringen, der völlig anders aussah als der, an dem er erwacht war.

Und wo ihn die erste hoffnungsvolle Überraschung erwartete.



»Slig!«

»Parv…« Der Taure erhob sich von einem Lager aus sonderbarem Gestrüpp. »Ich hätte niemals geglaubt, dass du –«

»Dass ich noch am Leben bin?« Ein befreites Lachen löste sich aus Parvs Kehle. »Mir ging es ebenso. Ich bin so froh, dich wohlbehalten wiederzusehen!« Der Vaschgane lenkte den Pierookörper näher an den Tauren heran, der sich zu voller Größe aufrichtete.

Sie umarmten einander.

Für eine Weile begnügten sie sich mit Schweigen.

Dann löste sich Slig von Parv und fragte: »Hast du mich vor dem Ertrinken gerettet?«

Parv verneinte. »So wenig wie du mich.«

»Wer dann?«

Parv blickte hinter sich zu der Tür, durch die er gekommen war. Die beiden Ehernen waren offenbar draußen geblieben. »Du hast sie nicht gesehen?«

»Wen?«

Parv beschrieb die Auswüchse vaschganischer Legenden.

Slig rückte ein wenig von ihm ab. Für einen Moment fürchtete Parv, der Freund hielte ihn für verrückt. Doch dann erzitterte der Taure und wedelte mit seinen Lanzen. Parv hatte fast das Gefühl, dass Slig in Ehrfurcht erstarrte. »Du hast sie wirklich gesehen

Die Überlieferungen waren voll von Ehernen. Sie waren hauptsächlich Seefahrern erschienen, aber auch schon an Land und sogar in den Lüften gesichtet worden. Es gab sogar Überlieferungen, wonach sie in der Frühzeit der Vaschganen in Bruderkriege eingegriffen und sie beendet hatten.

Dennoch schien es bis heute keinen handfesten Beweis für ihre Existenz gegeben zu haben.

Parv begann zu begreifen, warum Slig so ergriffen reagierte. Ihm selbst dämmerte jetzt erst die Tragweite dessen, was er erlebt hatte.

»Sie sind draußen?«, vergewisserte sich der Taure und sah sich in der kleinen Kammer um, zu der Parv gebracht worden war.

»Sie waren es zumindest, bis sie mich hier herein beförderten«, sagte er.

»Was haben sie gesprochen?«

»Sie haben nicht gesprochen.«

»Gar nichts?«

»Gar nichts.«

»Wie kannst du dir sicher sein, dass es Jorrims waren?«

Parv beschrieb sie ihm.

Slig keuchte.

»Überzeugt?«

»Warum haben sie sich mir nicht gezeigt?«

»Wann kamst du zu dir?«

»Kurz bevor du durch die Tür getreten bist.«

»Ich kam auf einer weiten Ebene zu mir. Ich weiß nicht, wo genau sie liegt. Durch eine felsige Treppe im Boden schleppten sie mich hierher. Es war ein weiter Weg. Aber ich hatte keine Möglichkeit, mich zu wehren oder selbst zu laufen. Ich wurde die ganze Zeit getragen.«

Slig schien zu überlegen. Schließlich sagte er: »Wir müssen ihnen dankbar sein. Ohne sie trieben wir längst im Vergessen.«

Parv zögerte merklich.

»Was ist?«, fragte Slig. »Bist du ihnen nicht dankbar?«

»Das könnte ich dir beantworten, wenn ich wüsste, was sie mit uns vorhaben.«

»Du bist sicher, dass es keine Vaschganen sind?«

»Wie erkennt ein Vaschgane den anderen, ganz gleich, in welcher Gestalt er geboren wurde?«

»An seiner Aura

»Eben. Aber die, die mich zu dir brachten, haben keine. Es können nur Jorrims sein.«

»Woher willst du wissen, dass Jorrims keine Aura haben?«

Parv seufzte. Sligs Einwand machte ihm klar, dass er so gut wie gar nichts über die Wesen wussten, in deren Dunstkreis sie zu sich gekommen waren.

»Ich habe Durst«, sagte er, ohne auf die Frage des Tauren einzugehen. »Du nicht?«

»Nach all dem Wasser?« Slig schüttelte sich theatralisch. Dann wurde er ernst. »Doch, natürlich. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal getrunken habe. Oder gegessen. Wie lange waren wir ohne Besinnung?«

Das hätte Parv auch gern gewusst.

Er ließ den Tauren stehen und ging zu der Stelle an der Wand, wo sich die Tür befunden hatte, durch die er in die Kammer gelangt war.

»Sie ist verschwunden!«

»Wer?«

»Die Tür!«

»Eine Tür kann nicht verschwinden«, sagte Slig im Brustton der Überzeugung. »Warte…« Er folgte dem Pieroo-Vaschganen und stellte sich neben ihn. Nachdem er mit seinen feingliedrigen Insektenfingern über die Wandoberfläche getastet hatte, wandte er sich verwirrt dem Freund zu. »Da ist wirklich nichts – nichts, was auf einen Durchlass hindeuten würde. Nicht die kleinste Ritze oder Fuge…«

»Aber du hast selbst gesehen, wie ich hier hereinkam!«

»Das stimmt.« Slig zögerte. »Zumindest glaube ich das.«

»Was meinst du damit?«

»Nur dass ich mir über gar nichts mehr sicher bin. Ich traue meinen eigenen Augen nicht mehr. Vergiss nicht, was uns passiert ist. Nach vaschganischem Ermessen dürften wir nicht mehr leben.«

»Mag sein. Trotzdem – eine Tür bleibt eine Tür!«

»Offenbar nicht…«

Parv grunzte beleidigt. Aber lange konnte er Slig nicht böse sein. Der Taure tat nicht mehr als das Offenkundige in Worte zu fassen.

Dass sie noch lebten war ein Wunder.

Und dieser Ort, an dem sie wieder zu sich gekommen waren, noch viel mehr!

»Wir waren dicht beisammen, als die brodelnden Wasser uns verschlangen«, sinnierte Parv laut. »Trotzdem erwachten wir an unterschiedlichen Plätzen. Ich wurde zu dir gebracht. Das bedeutet, die Ehernen, die mich in ihre Mitte nahmen, wissen, dass wir zusammengehören.«

»Auch das ist nicht gesagt. Wahrscheinlich sammeln sie jeden ein, der ihnen in die Falle geht.«

»Falle?«

»Das Brodeln, nachdem die Floßstadt bereits versunken war, wurde wahrscheinlich von ihnen erzeugt«, behauptete Slig, als würde er sich in diesen Dingen auskennen.

»Du redest wirr.«

»Ach? Und das hier? Warst du jemals in einem Raum mit so glatten Wänden und aus solchem Material?«

»N-nein«, gab er zu.

»Eben. Entweder befinden wir uns in einem Leben nach dem Tod, oder…«

»Oder was?«

»Oder in der Gewalt von Geschöpfen, die mächtig wie Götter sind.«

»Den Jorrims… oder Ehernen… wird dies nachgesagt. Die Legenden berichten…«

»Ja, ja, die Legenden! Du redest von dem, was ins kollektive Gedächtnis der Vaschganen Einlass gefunden hat. Obwohl du offenbar frisch geboren bist, redest du, als würdest du seit einer Ewigkeit über die Welt wandeln.«

»Warum wirfst du mir das vor?«

»Weil ich neunmalkluge Leute hasse.«

»Ich dachte, du magst mich. Sind wir nicht Freunde?«

»Freundschaft hält es aus, wenn man dem anderen die Wahrheit sagt.«

»Also… dann sind wir weiter Freunde?«

»Wenn es dich beruhigt.«

Parv fühlte sich von Sligs Verhalten verunsichert. Irgendwie kam der Taure ihm verändert vor.

»Willst du es mal versuchen?«, fragte er ihn.

»Was?«

»Die Tür zu finden.«

»Warum sollte mir gelingen, was du nicht vermagst?«

»Du bist viel weiser als ich.«

»Weil ich schon länger lebe?«

»Natürlich.«

Mürrisch schob Slig den Pieroo beiseite. »Ich kann es mir ansehen. Aber versprich dir nichts davon.« Slig über die glatte Wand. »Nichts. Da ist keine…«

Parv blickte verwirrt zu der Stelle, an der Parv eben noch gestanden hatte.

»Slig!«

Keine Antwort.

Der Taure war wie vom Erdboden verschluckt.



Parv blieb keine Zeit, sich mit Sligs Verschwinden in angemessener Weise auseinanderzusetzen.

Ein Geräusch ließ ihn zusammenschrecken. Von oben, vom höchsten Punkt der Decke, hatte etwas begonnen, sich herabzusenken. Es war kreisrund und erinnerte an einen Helm, der an einer langen Stange abwärts glitt. Das haubenartige Teil schien aus ähnlichem, wenn nicht dem gleichen Material, gefertigt wie der Raum selbst.

Parv überlegte, warum das Gebilde erst jetzt sichtbar geworden war, nicht schon, als Slig sich noch mit hier aufgehalten hatte. Es schien keine Gefahr darzustellen, weil Parv mehrere Schritte von der Raummitte entfernt stand.

Doch dann bemerkte er mit Grausen, dass seine Beine zu zucken begannen und sich wenig später gegen seinen erklärten Willen mit ihm zur Mitte bewegten.

Die Haube hatte in einer Höhe gestoppt, die es Parv erlaubte, genau darunter zu treten. Und das tat er auch, egal, wie sehr sich alles in ihm dagegen sträubte. Kaum hatte er sich in Position gebracht, senkte sich die Haube weiter abwärts und presste sich gegen seine Kopfhaut. Die Angst in Parv drohte sich zur Panik auszuweiten.

Doch bevor dies geschehen konnte, ertrank sein Geist in einem Licht, heller als jede Sonne.



4.


Sie hatten sich im Dorf der Nargen versammelt, um Kriegsrat zu halten.

Yael, Aylea, Winoa und… Varx. Um den Sternling ging es; er schien im Großen und Ganzen »wiederhergestellt« zu sein, und inzwischen war allgemein bekannt geworden, wie er einst das Licht der Welt erblickt hatte. Demnach war Varx von einem Ganf namens Varol emittiert worden – vor sehr langer Zeit. Seine »Geburt« lag noch vor dem Auftauchen der ersten Menschen im Angksystem, die Kargor dorthin verschleppt und ausgesetzt hatte: Prosper Mérimée und seine Truppe. Sie waren die Gründungsväter der Angkmenschheit. Und Varx hatte so manchen von ihnen durch die Jahre begleitet – bis er eines Tages zu denen gehört hatte, die an Bord der RUBIKON gegangen waren, um die bis dahin verschwindend kleine Crew zu verstärken. Einige andere Sternlinge hatten es ihm gleich getan; sie waren mittlerweile in der Nabiss-Substanz aufgegangen, mit der die Ganf das Raumschiff verstärkt, seine Hülle optimiert hatten.

Seither war Varx der letzte Sternling an Bord, der seine Gestalt hatte behalten dürfen – wobei er selbst maßgeblichen Anteil daran hatte, weil er seiner eigentlichen Bestimmung durch Flucht entgangen war. Dann hatte er plötzlich begonnen, instabil zu werden. Und im Zuge dessen waren seine Freunde – Yael, Aylea und Winoa – zusammen mit dem Aorii Algorian nach Voosteyn versetzt worden, wo sie sich in der Kartei wiederfanden, deren Geheimnis inzwischen von den Ganf gelüftet worden war. In den vorgefundenen Säulen, von denen Yael mit seinen ihm selbst oft unerklärlichen Kräften eine durchsichtig gemacht hatte, ruhten wie in der biblischen Arche Noah bestimmte Lebewesen in einer konservierenden Stasis. Die Ganf hatten sie vor Äonen bei ihrer Flucht aus Eleyson mitgebracht. Genmaterial aus der Heimat, das eines Tages wieder zu Leben erweckt werden mochte, um Welten mit idealen Lebensbedingungen zu bereichern.

Aber bevor es soweit hatte kommen können, waren die Auruunen gekommen.

Offenbar der Erzfeind der Ganf.

Sie hatten das Angksystem durch eine Hinterlist und Heimtücke erobert, die erst in den letzten Momenten des Aufenthalts dort für die RUBIKON-Crew offenkundig geworden war.

Und letztlich war die Sabotage, die das Angksystem für den Feind geöffnet hatte, der Anlass für die vier Freunde gewesen, sich im Nargendorf von Pseudokalser zu treffen.

Kein Ort war geeigneter, um unter sich zu sein – zumal Jiim sich seit dem Durchgang durch das Mérimée-Tor , wie er es nannte – überwiegend außerhalb der holografischen Welt aufhielt.

Auch da draußen, jenseits der Grenzen der Kalser-Nachbildung, wurde verstärkt Kriegsrat gehalten. Über Dinge allerdings, die sich mehr mit dem, was vor ihnen lag, beschäftigten, als mit dem, was sie hinter sich zurückgelassen hatten.

Das war die Art der Erwachsenen, Prioritäten zu setzen. Die Jugendlichen, die Varx trotz seiner Andersartigkeit als gleichberechtigt neben sich betrachteten, waren noch nicht ganz soweit. Für sie war das, was hinter ihnen lag, ein Problem.

Ein verflucht großes sogar.

»Es ist schrecklich, oder?«, jammerte Aylea und stocherte in der Illusion eines Lagerfeuers herum, um das sie Platz genommen hatten. »Wir sind schuld. Wir sind schuld daran, dass unendlich viele sterben mussten…«

»Quatsch!« Winoa war ehrlich erbost, wie Aylea das interpretierte und auf die Spitze trieb, was sie alle belastete. »Geht’s auch eine Nummer kleiner? Hey! Erstens gibt es keinen letztgültigen Beweis, dass der Fall des Schutzwalls mit unserem Aufenthalt auf Voosteyn zu tun hat, und zweitens –«

Es war Yael, der sie zum Schweigen brachte, indem er mit energischem Flügelschlag auf sich aufmerksam machte. »Lass sie. Es ist kein Quatsch. Im Kern hat Aylea völlig recht. Es kann kein Zufall sein, dass die Sabotage, die zum Zusammenbruch des Schutzwalls führte, auf Voosteyn erfolgte, nachdem wir die dortige Kartei unsicher gemacht hatten – unsicher im wahrsten Sinne des Wortes. Alles, was Tecum uns wissen ließ, deutet darauf hin, dass ich – ich betone ich ! – dort etwas erweckt haben, was letztlich die Generatoren sabotierte und das Angksystem für die Auruunen öffnete. Ihr wisst ganz genau, wovon ich rede.« Sein Blick strich über jeden Einzelnen der Freunde. »Es waren meine Kräfte, die die Säule manipulierten – und offenbar auch das, was in ihr schlummerte. Es erwachte und brach aus, darauf programmiert… von den Auruunen programmiert…, alles zu unternehmen, um die Ganf zu schwächen. Dramatischer und erfolgreicher hätte man diesen Befehl nicht umsetzen können…«

»Weder du noch irgendein anderer konnten das voraussehen. Die Ganf selbst wurden davon völlig überrascht!« Winoa kämpfte mit Leidenschaft darum, dass Yael aufhörte, sich als den Hauptschuldigen an der Misere zu betrachten.

Er nahm es zur Kenntnis – aber es schien von ihm abzuprallen.

»Wenn jemand die Schuld dafür auf sich zu nehmen hat«, mischte sich erstmals Varx ein, »dann bin ich das. Ohne jeden Zweifel. Denn ohne mich wärt ihr doch nie nach Voosteyn transportiert worden!«

Er erzitterte, um wenig später wie zu einem Monument aus schwarzem Stein zu erstarren. Ein Monument, in dem ein ganzer Kosmos eingesperrt zu sein schien. Der Sternling war und blieb ein Phänomen. Und obwohl er in den letzten Tagen und Wochen mehrfach in den Mittelpunkt gerückt war, wussten selbst seine besten Freunde wenig über sein wahres Wesen.

»Hören wir mit den Schuldzuweisungen auf. Sie bringen doch nichts«, sagte Aylea. »Ich wollte auch nur zum Ausdruck bringen, wie schrecklich ich es finde, was denen widerfahren ist, die den Auruunen offenbar wehrlos ausgeliefert waren. Wir alle können nur hoffen, dass die Eroberung des Systems nicht gleichbedeutend mit seinem Untergang, mit seiner völligen Zerstörung war. Aber bis wir darüber Gewissheit erhalten, kann viel Zeit vergehen – vielleicht erfahren wir es nie. Alles hängt davon ab, ob wir noch einmal in der Lage sind, eine so gewaltige Entfernung zu überbrücken wie bei unserer überstürzten –«

Das Mädchen aus dem Ghetto der Erde verstummte, ohne den Satz zu Ende gesprochen zu haben. Stattdessen schaute sie besorgt zu Varx und fragte: »Alles okay bei dir? Varx! Hey, antworte!«

Die Blicke der anderen richteten sich ebenfalls auf den Sternling.

»Nicht schon wieder«, stöhnte Yael.

Varx löste sich aus der Starre, in die er verfallen war und wandte sich an seine Freunde. »Nur die Ruhe, ich… ich wünschte, ich könnte sagen, es ist alles in Ordnung mit mir, aber…«

»Aber?« Aylea blieb in Alarmstimmung.

Varx erhob sich von seinem Platz; die holografischen Bewohner des Baumdorfes schenkten weder ihm noch den anderen realen Gestalten erkennbare Beachtung.

»Irgendetwas geht in mir vor. Ich versuche, es im Zaum zu halten, aber es… sucht einen Weg, aus mir herauszukommen.«

»Du redest wirr«, sagte Yael. »Merkst du das wenigstens?«

»Ja.« Es klang zerknirscht.

»Ja! Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?« Die Flügel des Jungnargen flatterten unbeherrscht.

»Alles andere habe ich doch gerade gesagt.«

»Das war keine Erklärung.«

»Ich weiß.«

»Du musst doch –«

»Lass ihn in Ruhe«, ergriff Winoa Partei für den völlig verschüchtert wirkenden Sternling. »Siehst du nicht, dass du das genaue Gegenteil von dem erreichst, was ihm hilft?«

»Ich will ihm helfen. Aber dafür brauche ich Fakten. Dieses Gerede um den heißen Brei…«

»Glaubst du, dass du in Gefahr bist?«, wandte sich Aylea an den Sternling. »Dass du wieder zum Spielball von Kräften wirst, denen du nicht gewachsen bist? Ich hatte gehofft, die Entfernung zu Portas, wo dein… dein Erzeuger in diesem ominösen Obelisken zur letzten Ruhe gebettet liegt, würde alles wieder gut machen und beheben, was dich ‚drüben‘ beeinträchtigte. Aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein…«

»Ich kann dir die Frage nicht beantworten«, sagte Varx verzagt. »Es hat erst vor wenigen Momenten begonnen – und es fühlt sich anders an als auf Portas. Es hat nichts mit meinem verstorbenen Erzeuger zu tun, zumindest glaube ich das. Trotzdem fühle ich mich bedroht. Da ist etwas in mir, und es will heraus. Aber mein Gefühl sagt mir, dass ich es nicht heraus lassen darf , sonst…«

»Sonst was?«

»Käme es zur Katastrophe!«

»Wie willst du das wissen, wenn du nicht einmal sagen kannst, was genau dir solche Bauchschmerzen bereitet?«, fragte Yael.

Varx schwieg.

»Wir sollten John informieren. Rechtzeitig «, drängte Winoa.

Varx schien von der Idee wenig begeistert zu sein. Aber er versuchte auch nicht zu verhindern, dass Winoa die anderen von ihrer Idee überzeugte.

»Okay!«

Die Entscheidung fiel einhellig.

»Gehen wir zu ihm – oder lassen wir ihn kommen?«, fragte Aylea.

»Das soll er selbst entscheiden. Er ist schließlich der Chef.«



Jarvis war gesprungen , wie nur er es konnte. Transitiert wie ein Kleinstraumschiff, und das sogar aus dem Stand heraus. Schon einen Wimpernschlag später weilte er nicht mehr auf der RUBIKON, sondern…

Willkommen im Feindesland!

Einmann-Missionen waren seine Spezialität. Bei Himmelfahrtskommandos fühlte er sich ganz in seinem Element. Obwohl der Körper, in dem er agierte, zwar aus lebloser Materie bestand, ihn aber im Extremfall auch nicht davor bewahren würde, wie jeder andere Mensch oder Außerirdische zu sterben .

Allerdings war er den meisten Lebenden physisch weit überlegen. Wer verfügte schon über einen Amorphkörper, der sich aus Myriaden winziger Nanomodule zusammensetzte? Jarvis konnte damit nach Belieben Aktionselemente, Werkzeuge und sogar Waffen formen. Ein Gedanke – und aus einem Arm wurde eine Laserwumme von gewaltiger Durchschlagskraft. Wenn er wollte, konnte er sogar schweben oder fliegen; eingebaute Antigravitationssysteme ermöglichten dies ohne große Anstrengung. Rennend erreichte er Geschwindigkeiten, mit denen er altmodische Autos locker hätte abhängen können. Und zum Sehen hatte er nicht nur zwei Augen, sondern unzählige. Er vermochte mit jedem einzelnen, außenliegenden Nanopartikel zu schauen und dabei auch noch nach Belieben die Frequenzen wechseln. Gleiches galt für sein Gehör.

Wenn er wollte und irgendwo in freier Natur stand, konnte er buchstäblich »das Gras wachsen hören«.

Er grinste.

Innerlich.

Obwohl alles um ihn herum verändert und fremd geworden war, von einer Sekunde zur anderen.

Danke, John, für die Gelegenheit! Ich brauche das ab und zu…

Jarvis blickte nach allen Seiten und zur Decke gleichzeitig. Die mit seinem Geist verknüpften Hightech-Synapsen ermöglichten ihm die mühelose Rundumsicht und Verarbeitung der eingehenden Bilder.

Manchmal fühlte sich Jarvis wie ein Roboter und damit Sesha näherstehend als den Freunden aus Fleisch und Blut. Aber das waren vergängliche Momente. Er hatte gelernt, sie zu verdrängen.

Für John, Scobee und all die anderen war er Jarvis und nach wie vor Mensch . Das machte er sich nicht nur vor, sondern davon hatten sie ihn in einem schwierigen Prozess wahrhaftig überzeugt.

Lippenbekenntnisse sahen anders aus. Die Gefährten bewiesen ihm in jeder beliebigen Situation, dass sie es ernst meinten mit ihrer Freundschaft.

Bei Einsätzen wie diesem reagierte Jarvis seinen Frust ab, der sich trotz alledem in ihm aufstaute und aufschaukelte – dagegen war kein anderes Kraut gewachsen.

Und dann war da ja auch noch Kargors Abschiedsgeschenk. Ein winziger Kristall, den Jarvis, mit Nanomaterie wie von einem Schatzkästlein umkapselt, auf all seinen Wegen mit sich führte. Der Kristall entsprang feinster Hochtechnologie. Sie ermöglichte es Jarvis, täuschend echte Erscheinungsbilder zu generieren, die seinen Freunden in der Regel einen Jarvis vorspiegelten, wie er existiert hatte, bevor Sobek ihn vor langer Zeit umbrachte. Aber das war nur eine Variante von vielen, die Jarvis inzwischen traumwandlerisch sicher beherrschte. Im Grunde vermochte er jedes Wesen nachzuahmen – er musste nur genug über dessen Physis wissen.

Und jetzt agierte er im angekündigten Chamäleonmodus – als quasi Unsichtbarer.

Es war faktisch ein Blindsprung gewesen, der ihn ins Innere der georteten Station gebracht hatte. Doch so war es meist. Ein Ziel konnte anvisiert werden, die Gegebenheiten vor Ort stellten eine Überraschung dar.

Ich hätte es schlimmer treffen können , dachte Jarvis.

Ein Gang. Verlassen. Dunkel.

Nur die körpereigenen Systeme ermöglichten Jarvis eine Orientierung.

Die Finsternis des Korridors deutete darauf hin, dass er selten benutzt wurde. Oder die Station war automatisch, alle Prozesse darin liefen automatisch.

Unter anderem, um sich darüber Gewissheit zu verschaffen, war Jarvis gekommen.

Eine Weile stand er nur still und reglos da. Er behielt den Modus, der ihn bis zur Unsichtbarkeit mit seiner Umgebung verschmelzen ließ, bei, obwohl dafür momentan keine Notwendigkeit zu bestehen schien.

Sicher war sicher.

Der Gang endete in beiden Richtungen vor einem Schott. Eines von ihnen lag wesentlich näher. Jarvis setzte sich in Bewegung und ging darauf zu. Unmittelbar davor blieb er wieder stehen.

Nichts. Keine Reaktion auf seinen Vorstoß. Falls es einen Sensor gab, der bei Annäherung in Kraft trat, schien auch er sich von Jarvis‘ Tarnung täuschen zu lassen.

Aber ich muss da durch , dachte der ehemalige GenTec. Er überlegte, ob er Verbindung zur RUBIKON herstellen sollte, verzichtete dann aber darauf. Die Absprache lautete: autarke Operation. Solange wie möglich jedenfalls.

So wie die Transition angemessen worden sein konnte, erhöhten auch Funkimpulse, mochten sie noch so kurz und gerafft gesendet werden, die Gefahr einer Entdeckung.

Und Vernichtung , dachte Jarvis, ohne sich davon in seinem Tatendrang bremsen zu lassen.

Er scannte den Türbereich und entdeckte den Mechanismus, über den sie geöffnet werden konnte. Offenbar gab es ein Bedienfeld an der Wand, das auf Berührung reagierte.

Von Fabeltechnik keine Spur. Alles sehr »handfest«. Und das sollen die gottgleichen Auruunen verzapft haben?

Sein nächster Gedanke dazu lautete: Die kochen also auch nur mit Wasser. Prima. Gute Nachrichten. Weiter!

Er riskierte es, die rechte Handfläche auf die entdeckte Wandstelle zu pressen. Ganz kurz nur.

Aber das genügte. Das Schott glitt geräuschlos zur Seite.

Vor Jarvis öffnete sich ein weiterer Raum, ebenfalls in völliger Dunkelheit liegend, aber anders als der Gang voller… ja was ? Leben?

Seltsame Schemen geisterten zwischen Objekten, die an halbierte Säulen, Obelisken oder Konsolen erinnerten, herum. Die Einrichtungsgegenstände waren aus einem Metall gefertigt, dessen Zusammensetzung Jarvis mit seinen Analysemöglichkeiten nicht ermitteln konnte. Bei den Schemen verhielt es sich noch einmal anders: Er vermochte sie optisch verschwommen wahrzunehmen, aber sie erzeugten nichts, was sie mit anderen Systemen als real identifizieren ließ. Wie Gespenster glitten sie durch den verwinkelten Raum, versanken mal halb in stalagmitenartig aus dem Boden wachsendem Inventar, lösten sich wieder daraus und wechselten zu einem der anderen Gebilde. Dabei vermieden sie den Kontakt miteinander. Solange Jarvis sie beobachtete, bemerkte er nie, dass sich zwei dieser Schemen jemals so nahe kamen, dass sie einander berührten oder gar zusammenstießen. Ihre »Gestalt«, so man diesen Begriff überhaupt für sie gebrauchen konnte, erinnerte an Kondensstreifen von Flugzeugen an einem sonst klaren blauen Himmel. Nur dass sie unruhig in sich selbst waren, nie lange an einer Stelle verweilten und sofort wieder zum nächsten Haltepunkt strebten.

Jarvis zögerte, sich vom Türschott weg zu bewegen. Tiefer im Raum wuchs die Gefahr, mit einem der Schemen zu kollidieren. Die Folgen konnte Jarvis nicht einmal ahnen. Vielleicht gab es keine, erwiesen sich die Schemen als wahrhaftige Geister. Doch ebenso gut konnte es sein, dass –

Da war es schon passiert.

Schneller als er zu einem Ausweichmanöver ansetzen konnte, glitt von schräg links eines der Gespenster heran und… prallte mit unfassbarer Wucht gegen Jarvis.

Keine Spur von immateriell!

Jarvis hatte das Gefühl. Mit einem Schnellzug zusammenzustoßen, und dieser Aufprall erschütterte ihn bis in die letzte Nanozelle hinein!

Anders der »Geist«: Er wurde zwar ebenfalls abgeschmettert, aber eher wie ein Wattebausch, der im Flug kurz auf ein Hindernis traf, davon abglitt und einfach eine neue Richtung einschlug.

Bei dem Schemen wirkte das Manöver spielerisch, geradezu tänzerisch. Jarvis hingegen war eine Zeitlang zu keiner Aktion mehr fähig. Sein künstlicher Körper reagierte auf keinerlei Befehl. Verwunderlich war nur, dass Jarvis während der ganzen Zeit bei Bewusstsein blieb und sich darum sorgte, als eben dieses Bewusstsein vielleicht nicht länger von seiner Hülle gehalten werden zu können. Völlig taub und energielos kam sie ihm vor. Die Anker, die seinen Geist darin hielten, waren nicht mehr spürbar.

Und schon rauschte der nächste Schemen heran.

Jarvis sah das Unheil kommen, konnte aber nicht reagieren.

Im letzten Moment wechselte der Geist den Kurs und versank in einer unbekannten Gerätschaft neben Jarvis.

Wo bin ich hier nur gelandet?

Die Idee, einfach ins Blaue zu springen, entpuppte sich als Narretei. Zunehmend panischer versuchte Jarvis, seine Systeme zu »reanimieren« oder wenigstens eine Schadensanalyse durchzuführen.

Aber immer noch antwortete keines der Module. Er steckte in ihnen, konnte weiter »sehen« – aber das war es dann auch schon.

Eine rettende Transition, die ihn aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich hätte bringen können, war völlig illusorisch.

Er fragte sich, ob er der unbekannten Stationsbesatzung auf den Leim gegangen war.

War seine Ankunft bemerkt worden und das hier eine Falle, nur für ihn aktiviert?

Irgendetwas ließ ihn daran zweifeln. Vielmehr kam das Geschehen in dem Raum ihm vor, als wäre es der »Normalbetrieb«.

Nur dass der sich eben so gar nicht mit einem Fremdkörper vertrug, wie Jarvis ihn darstellte.

Er hatte erwartet, auf Lebewesen zu treffen, auf Auruunen oder deren Helfer. Stattdessen fand er sich in einer Situation, für die er keine Erfahrungswerte hatte.

Ich hirnverbrannter Idiot!

Niemand wiedersprach ihm.

Wohin er blickte Geister – aber keiner schien ihn zu beachten. Dabei konnte die nächste Kollision mit einem von ihnen schon das sichere und unwiderrufliche Ende bedeuten.

Jarvis verzweifelte an seiner Ohnmacht…

und ahnte nicht, dass zur gleichen Zeit auch die RUBIKON von einer Bedrohung erfasst wurde, die niemand so auf der Rechnung gehabt hatte.



John Cloud hätte nicht zu sagen vermocht, ob es etwas mehr hasste, als zur Untätigkeit verdammt zu sein, während ein Mitglied seiner Crew – und noch dazu ein enger Freund – außerhalb der RUBIKON Kopf und Kragen riskierte.

»Wird schon schiefgehen«, versuchte Assur ihn aufzumuntern.

Er hatte nur ein Achselzucken dafür übrig.

Wie so oft überwogen die Zweifel die Selbstsicherheit, alles richtig entschieden zu haben.

War es überhaupt zu rechtfertigen, Jarvis zu einer Basis zu entsenden, von der sie annehmen mussten, dass die Auruunen sie errichtet hatten?

War in eine solche Station einfach so einzubrechen? Musste sie nicht gegen jedwede Form des unberechtigten Zutritts abgesichert sein, und wenn ja, was geschah dann mit demjenigen, der es dennoch versuchte?

Kaum war Jarvis aus der RUBIKON verschwunden, kribbelte es Cloud schon in den Fingern, eine Verbindung zu ihm herzustellen – und sei es auch nur, um sich Gewissheit zu verschaffen, dass der Freund noch am leben war.

»Er hat schon andere Herausforderungen gemeistert«, stieß Scobee ins selbe Horn wie Assur. »Glücklicherweise handelt er im Einsatz meist sehr überlegt und nicht so schnodderig impulsiv, wie er sich hier an Bord gerne gibt.«

»So ist er nun mal«, fühlte sich Cloud gedrängt, ihn zu verteidigen.

»Ich weiß«, sagte Scobee. »Ich würde etwas vermissen, wenn er plötzlich anders wäre. Ich will damit auch nur sagen: Vertrau ihm.«

»Hätte ich ihn sonst losgeschickt?«

»Die Sorge steht dir ins Gesicht geschrieben.«

»So muss es doch sein, oder? Sonst wäre doch wirklich etwas falsch.«

Über ihr Gesicht huschte ein Lächeln. Als er sie ansah, fiel ihm auf, wie stark sie sich in den letzten Monaten und Jahren verändert hatte, nicht nur rein äußerlich. Sie ruhte in sich selbst. Und dass sie zu echten Augenbrauen zurückgekehrt war, stand ihr gut zu Gesicht. Sie war nicht mehr das »Püppchen«, mit dem er sich manches Wortgefecht geliefert hatte. Und sie war auch nicht mehr die Frau, mit der er eine Zeitlang geglaubt hatte, eine Beziehung eingehen zu können.

Sein Blick schweifte zu Assur, mit der er nun schon seit Monaten liiert war. Als Angkgeborene waren sie auf verschiedenen Welten geboren und aufgewachsen. Aber gerade das war ein Garant dafür, dass ihnen so schnell der Gesprächsstoff nicht ausgehen würde. Wann immer sie Zeit und Muße fanden, erzählten sie sich gegenseitig Anekdoten aus ihrer Heimat. Dabei legte Cloud den Schwerpunkt auf die Zeit, bevor er Astronaut geworden war. Seine Kindheit und Jugend, sein Elternhaus, seine Mutter, vor allem aber Nathan Cloud, sein damals schon berühmter Vater, der die erste Marsexpedition angeführt hatte, die so tragisch endete…

Im Bruchteil einer Sekunde rauschten ein paar Erinnerungen an seinem geistigen Auge vorbei, von denen er wünschte er hätte sie einfach anvisieren und dorthin zurückspringen können, wie es Jarvis gerade bei seinem »Sprung« getan hatte.

»Nein«, hörte er Scobee sagen. »Das machst du schon ganz richtig, Commander.«

Commander.

Es klang immer noch merkwürdig fremd und seltsam, wenn ihn Gefährten der ersten Stunde so nannten.

Er seufzte, wollte etwas erwidern, aber plötzlich wurde es laut in der Zentrale, und als er den Kopf drehte, sah er, wie drei Jugendliche und ein Sternling heftig debattierend auf das Kommandopodest zustrebten.

Assur sprang auf und lief den Ankömmlingen entgegen. »Seid ihr von allen guten Geistern verlassen?«, setzte sie an, wurde aber von ihrer Tochter daran gehindert, mit der Schelte fortzufahren.

»Es ist wichtig! Wir müssen zu John!«

»Worum geht es?«, fragte er. »Es ist wirklich ungünstig. Aber wenn ihr schnell macht…«

»Es geht um Varx«, drängte sich Aylea nach vorn.

Sofort konzentrierte sich Cloud auf den einen von zwei Nichtmenschen der Gruppe, dessen Erscheinung selbst Yael an Exotik übertraf.

»Schon wieder? Ich hoffe nicht, dass –«

»Ich fürchte doch«, unterbrach ihn diesmal der Sternling selbst. »Da ist etwas, und es könnte zum Problem werden. Ich weiß nicht, wie lange ich die RUBIKON noch davor schützen kann…«



»Und worum genau geht es? Wo liegt das Problem?« Cloud hatte seinen Sitz verlassen und war zu der kleinen Gruppe getreten. »Du musst schon etwas deutlicher werden, Varx.«

»Ich glaube«, mischte sich Winoa ein, »er weiß selbst nicht so genau, was mit ihm los ist.« Sie blickte den Sternling an. »Oder?«

Er schien sich vor einer klaren Antwort drücken zu wollen.

Cloud trat noch einen Schritt näher zu Varx. »Wovor hast du Angst?«

»Das sagte ich bereits. Ich bin schon wieder zu einer Gefahr geworden. Wie ich das…« Er seufzte fast wie ein Mensch. »… hasse!«

»Wie sieht diese Gefahr aus?«

Varx schien Cloud aus seinen Sternenabgründen heraus anzusehen. »Etwas versucht, mir zu entschlüpfen.«

Details

Seiten
240
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924510
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v453159
Schlagworte
raumschiff rubikon fremde

Autor

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Titel: Raumschiff Rubikon 25 In absoluter Fremde