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Netter Mann von nebenan

2018 100 Seiten

Leseprobe

Netter Mann von nebenan

Heiter-romantische Erzählungen

von Wolf G. Rahn


Der Umfang dieses Buchs entspricht 73 Taschenbuchseiten.


- Waltraud mag es nicht glauben. Ihr Arnold betrügt sie? Tochter Marika weiß Rat. Eine Verjüngungskur muss helfen. Doch alles scheint vergebens, und schließlich steht Waltraud ihrer wesentlich jüngeren Rivalin gegenüber…

- Während einer Kreuzfahrt entdeckt Gaby einen Blinden Passagier, dessen Erklärung ihr zu Herzen geht. Daher versteckt sie Rolf und geht damit ein großes Risiko ein. Und prompt wird ihr Manöver entdeckt. Aber Rolf ist verschwunden…

- Überraschend schnell verliebt sich Iris in Armin aus der Nachbarwohnung, zumal auch er deutliches Interesse an ihr zeigt. Aber ist das wirklich mehr als nur ein flüchtiger Flirt, der in einer Enttäuschung endet?

- Weihnachten ist für Martina ein Albtraum. Immer derselbe Stress, immer dieselbe Sentimentalität, immer die gleichen Lügen. Dieses Jahr ist sie davor geflohen. Und prompt stolpert sie in ein aufregendes Abenteuer…

- Eva ist glücklich mit Daniel. Doch ein paar übermütige Stunden mit Freunden zerstören dieses Glück. Aus Scham verschwindet sie aus Daniels Leben, worauf dieser verzweifelt seinem Leben eine ungewollte Richtung gibt…


Fünf heiter-romantische Erzählungen von Wolf G. Rahn



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Sein blondes Geheimnis

"Himmeldonnerwetter!!!"

Diesem Kraftausdruck folgten noch weitere. Der 17jährige Sven schnappte sich rasch in der Küche das Schüsselchen mit dem mittags übriggebliebenen Kartoffelsalat und verschwand grinsend im Wohnzimmer. Dabei übersah er wohlweislich im Korridor den Mann, der mit gerötetem Gesicht auf die Beine kam. Wenn Paps so richtig in Zorn geriet, war es klüger, sich unsichtbar zu machen.

Gegenüber öffnete sich eine andere Tür. Svens um ein Jahr jüngere Schwester Marika stürmte mit einem flüchtigen "Hallo, Paps!" an ihrem Vater vorbei, wobei sie über den zusammengerollten Läufer hüpfte, der Arnold Hellwig beim unvorbereiteten Betreten seiner Wohnung zum Verhängnis geworden war.

"Gehst du fort?", erkundigte er sich und rieb sich seine angeschlagene Hüfte. "Es muss doch gleich Abendbrot geben."

"Kein Hunger!", erwiderte Marika fröhlich. "Du, ich hab's eilig. Alex wartet auf mich. Tschüss!"

"Bist du's Liebling?", rief eine ein wenig abgehetzt klingende Frauenstimme aus dem Schlafzimmer. "Das Essen steht im Kühlschrank. Ich wärme es dir gleich. Nur noch die Vorhänge aufhängen. Wenn du mir hilfst, geht es schneller."

"Was, um alles in der Welt, treibst du denn hier?", ächzte Arnold, als er seine Frau auf der Leiter ablöste.

"Der Großputz war seit langem fällig", betonte Waltraud und blies sich eine Haarsträhne aus dem glühenden Gesicht.

"Muss du denn alles auf einmal auf den Kopf stellen?", nörgelte ihr Mann. "Es ist doch ohnehin schon eng genug bei uns."

"Ich weiß", pflichtete Waltraud ihm seufzend bei. "Sven liegt mir ständig in den Ohren, dass er ein eigenes Zimmer braucht. Er will allen Ernstes mit einer Wohngemeinschaft zusammenziehen, um sich besser entfalten zu können. Du musst ihm das unbedingt ausreden. Wenn hier erst wieder alles blitzt, haben wir es doch recht gemütlich."

"Gemütlich?" Arnold schnitt eine Grimasse. "Weißt du übrigens, dass deine Tochter immer noch mit diesem Alex geht?"

"Falls du von Marika sprichst", gab Waltraud frostig zurück, "darf ich dich daran erinnern, dass es sich auch um deine Tochter handelt. Mir gefällt der Bursche ja auch nicht, aber wenn wir ihr den Umgang mit ihm verbieten, treffen sie sich eben heimlich."

"Der Typ hat doch nur sein Motorrad im Kopf", schimpfte Arnold. "Wo steckt denn wieder die Fernsehzeitschrift? In diesem Haushalt findet man überhaupt nichts mehr."

"Weil ich ständig hinter euch her räumen muss", verteidigte sich Waltraud und dachte an die Zeiten zurück, als Marika und Sven noch klein und sie froh gewesen waren, die zentral gelegene Dreizimmerwohnung bekommen zu haben.

Beim Abendessen entwickelte Arnold keinen großen Appetit. Beiläufig erwähnte er den zunehmenden Stress in der Firma. "Ohne Überstunden kommt man einfach nicht mehr durch."

"Demnach kommst du morgen später", folgerte Waltraud und nahm sich vor, die Teppichbeläge gründlich mit Schaum zu reinigen.

Doch selbst als sämtliche Auslegeware milbenfrei war, alle Fensterscheiben in zitronenfrischem Glanz erstrahlten und sogar die Küche einen neuen Farbanstrich erhalten hatte, erschien es Waltraud, als käme ihrem Mann die Mehrarbeit im Betrieb ganz recht. Sein Feierabend zögerte sich immer weiter hinaus. Fühlte er sich wirklich daheim so wenig wohl?

Nun ja, das Wohnzimmer könnte einmal renoviert werden. Wenn die Kinder mithalfen, würde das kein Problem sein.

"Klar doch", willigte Sven spontan ein. "Das machen wir demnächst mal. Was denn, noch diese Woche? Da muss ich passen. Unsere Band kann schließlich nicht ohne mich üben. Du weißt doch, dass wir für die Schulabschlussfeier ein volles Programm haben."

"Zu dritt schaffen wir das an einem Tag", wandte Waltraud mit gebremstem Optimismus ein und erinnerte sich an den Tag, an dem Sven mit einer Gitarre nach Hause kam. Ihre Illusion vom gemeinsamen abendlichen Musizieren war mit den ersten ohrenbetäubenden Akkorden aus der Verstärkeranlage wie eine Seifenblase zerplatzt. Daraufhin folgte handfester Ärger mit den Nachbarn, die sich über den Lärm beschwerten. Inzwischen übte Sven kaum noch zu Hause, dafür umso intensiver mit seinen Freunden.

Marika stand den Plänen ihrer Mutter skeptisch gegenüber. "Tapezieren? Du hast doch gerade erst für neuen Glanz gesorgt."

Waltraud nickte. "Aber es hat offensichtlich nicht viel genützt. Deinen Vater sehe ich immer seltener, Sven denkt immer noch daran auszuziehen, na, und du bist auch häufiger bei deinem Alex als bei deiner Familie."

"Mutti, ich bin 17", erinnerte Marika und druckste ein bisschen herum, bevor sie herausplatzte: "Wenn ich nächstes Jahr mit Alex zusammenziehe, kann Sven mein Zimmer haben. Dann ist hier nicht mehr alles so entsetzlich eng."

Waltraud schwieg betroffen. Marika wartete offenbar nur noch auf ihre Volljährigkeit, um dann ihrer Wege zu gehen. Was hatte sie nur falsch gemacht? Warum fühlte sich niemand in der Familie mehr wohl?

Also gut, wenn alle mit Ausflüchten kamen, würde sie das Wohnzimmer eben allein tapezieren. Es wäre doch gelacht, wenn sie das nicht schaffte.

Da das Muster allen gefallen sollte, schleppte sie am nächsten Tag einige Tapetenkataloge nach Hause, damit die Wahl gemeinsam getroffen werden konnte.

Zu dumm, dass ausgerechnet heute wieder niemand heimfand. Arnold hatte vom Büro aus angerufen, dass es wahrscheinlich etwas später werden würde.

Endlich drehte sich ein Schlüssel in der Wohnungstür. Doch es war nur Marika, und sie befand sich zu allem Überfluss nicht in der besten Stimmung.

"Neue Tapeten!", meinte sie düster mit einem Blick auf den beladenen Couchtisch. "Du hast vielleicht Sorgen, Mutti."

Ein eigenartiger Unterton in dieser Bemerkung ließ Waltraud aufhorchen. "Stimmt etwas nicht zwischen dir und Alex?", argwöhnte sie. Diese Entwicklung hatte sie ja vorausgesehen.

Das Mädchen schüttelte heftig den Kopf. "Ich habe vorhin Paps gesehen. Mit einer Frau."

"Vermutlich eine Kollegin."

"Dann muss sie ganz neu in der Firma sein. Das wäre ja immerhin auch eine Erklärung für seine vielen Überstunden."

"Sprich nicht so über deinen Vater!", wies Waltraud sie zurecht. "Er hat mir noch nie Grund zur Eifersucht gegeben."

"Irgendwann ist immer das erste Mal", wusste die Jüngere altklug. "Du hättest sie sehen sollen. Ungefähr dreißig, sehr attraktiv und blond. Auf so etwas fliegen doch die Männer. Besonders wenn daheim der Weg in die Arme der Angetrauten durch Putzkübel und aufgerollte Teppiche verstellt ist", fügte sie bissig hinzu.

Waltraud rechtfertigte sich nicht. Sie glaubte einfach nicht, dass Arnold sie betrog. Selbstverständlich handelte es sich um eine neue Kollegin. Möglicherweise hatte er sie heimgefahren, weil ihr Wagen streikte. Er musste jeden Augenblick nach Hause kommen.

Doch es vergingen noch fast zwei Stunden, ehe er sich einfand. "Tut mir leid, Liebes", sagte er zur Begrüßung. "Heute war wieder im Büro der Teufel los."

"Warum wird dann nicht noch jemand eingestellt?", wollte Waltraud lauernd wissen.

Arnold hob die Schultern. "Das musst du unseren Chef fragen."

Also keine Kollegin, sah Waltraud bestürzt ein und fühlte sich zum ersten Mal in ihrer fast 18jährigen Ehe ziemlich hilflos. Die Situation war neu für sie. Arnold hatte Geheimnisse vor ihr. Blonde Geheimnisse.

Marika schlug sich spontan auf die Seite ihrer Mutter. "Du wirst doch hoffentlich nicht kapitulieren", stichelte sie.

Waltraud nannte das Problem beim Namen. "Sie ist ungefähr zehn Jahre jünger als ich."

"Na, wenn schon! Du musst eben mehr aus dir machen. Heutzutage stehen einer Frau doch so viele Mittel zur Verfügung. Zeige ihm, dass er sich deiner nicht zu schämen braucht. Dieses blonde Gift steckst du spielend in die Tasche. Natürlich musst du ein wenig investieren. Was glaubst du, warum Alex ausgerechnet auf mich abgefahren ist? Ohne meinen schicken Pulli hätte der mich überhaupt nicht bemerkt. Außerdem gibt es jetzt so tolle Frisuren, und beim Makeup helfe ich dir. Da kenne ich mich aus."

Waltraud wollte ablehnen. Sie ließ sich doch nicht in einen Clown verwandeln. Trotz neuen Outfits würde sie immer derselbe Mensch bleiben.

Doch dann überlegte sie, dass es immerhin um Arnold ging und um den Bestand ihrer Ehe. Das war eine ganze Menge. Dafür musste sie einfach kämpfen. Von selbst, da hatte Marika wohl recht, würde Arnold nicht zu ihr zurückfinden.

Das Ganze sollte nicht viel kosten, aber Marika boxte ein paar unumgängliche Anschaffungen durch, für die sie preiswerte Boutiquen wusste.

"Beim Friseur darfst du keinesfalls sparen, Mutti", predigte sie. "Helle Strähnchen müssten dir irre gut stehen."

Sven wurde nicht eingeweiht, aber ihm fiel die Veränderung seiner Mutter sofort auf. "Wow!", staunte er. "Du bist ja echt titelblattverdächtig. Steht irgend etwas Besonderes an? Geburtstag oder so?"

Waltraud wurde durch diese Bemerkung an ihren bevorstehenden Hochzeitstag erinnert. In all den Jahren hatte Arnold ihn kein einziges Mal vergessen. Diesmal fürchtete sie sich vor diesem Termin.

Marika betrachtete ihre Mutter mit kritischem Blick. "Schon viel besser", urteilte sie, als sich diese mit knallengen Hosen und frechem Pullover präsentierte. "Paps wird Augen machen."

"Falls er es überhaupt bemerkt", bezweifelte Waltraud und zupfte unzufrieden an sich herum. "Ich komme mir vor wie eine zu prall gestopfte Blutwurst. Ich bin doch kein Teenager mehr."

"Und auch keine dreißig", pflichtete Marika ihr bei. "Aber das muss man dir ja nicht unbedingt ansehen. Männer genießen mit den Augen, also müssen wir ihnen etwas bieten. Übrigens habe ich vorhin mal deine Nachthemden in Augenschein genommen. Also, nimm's mir nicht übel, aber sind die nicht ein bisschen zu brav?"

Waltraud schnappte nach Luft. Das ging dann wohl doch zu weit. "Deine diesbezügliche Erfahrung in allen Ehren", konterte sie, "doch verlasse ich mich in diesem Punkt lieber auf meine eigene Strategie."

Zu brav! Sie erinnerte sich noch sehr genau, wie sie den gelben Zweiteiler gekauft hatte und sich unheimlich verrucht vorgekommen war, weil er fast ausschließlich aus Spitzen bestand. Nein, falls ihre Ehe zum Scheitern verurteilt war, lag das bestimmt nicht am Fehlen frivoler Nachtwäsche.

Zwischen Arnold und ihr hatte es doch immer gestimmt. Nur in letzter Zeit waren sie wohl beide ein wenig überstrapaziert.

Arnold machte große Augen, als er seine veränderte Ehehälfte zum ersten Mal zu Gesicht bekam. "Willst du zum Fasching", war sein wenig ermunternder Kommentar.

"Wieso?", gab sich Waltraud harmlos. "Das trägt man heute eben."

"Man vielleicht, aber doch nicht du, Liebes. Willst du in dieser Aufmachung etwa auf die Straße gehen?"

"Das war ich bereits, und kein Polizist hat mich verhaftet. Du musst dich erst daran gewöhnen."

"Wenn ich das aber gar nicht will?", maulte Arnold. "Ich weiß nicht, vorher hast du mir besser gefallen. Das passt einfach nicht zu dir. Wo sind denn deine Augenbrauen? Etwa abrasiert?"

"Nur ausgedünnt. Wie war's heute im Betrieb?"

Während des Abendessens warf Arnold seiner Frau noch manchen ratlosen Blick zu. Bombengleich, wie Marika versichert hatte, war Waltrauds modische Veränderung jedenfalls nicht eingeschlagen. Kein Wunder, wenn einem eine andere, jüngere, hübschere Frau im Kopf herumspukte!

Sven kam erst von seinen Proben mit der Band nach Hause, als seine Eltern bereits im Bett lagen. Seit Jahren musste er im Wohnzimmer schlafen, weil einfach keine erschwingliche Vierzimmerwohnung zu bekommen war. Sollte er etwa solange warten, bis Marika heiratete? Er hatte diese Enge gründlich satt.

Am Morgen nahm er die wundersame Veränderung seiner Mutter zur Kenntnis. "Stark!", fand er anerkennend, um gleich darauf zweifelnd hinzuzufügen: "Was hat Paps dazu gesagt?"

"Kleine Jungs brauchen nicht alles zu wissen", tat Waltraud geheimnisvoll. In Wahrheit hatte sie sich von der hinter ihr liegenden Nacht allerdings mehr versprochen.

"O Mann, bin ich heute geschafft!", hatte Arnold gestöhnt. "Was für ein Tag! Übrigens muss ich nächste Woche für zwei oder drei Tage zu einer Messe fahren. Das passt mir überhaupt nicht, aber ich konnte schlecht ablehnen."

Dienstreise? Vor einem Monat hätte Waltraud keinen Verdacht geschöpft. Aber jetzt?

Ob er sein Blondchen mitnahm? Alles andere würde sie wundern.

Ihre Idee, das Wohnzimmer zu tapezieren, hatte er ihr ausreden wollen. "Verschieben wir es doch einfach. Im Augenblick könnte ich überhaupt nicht helfen, und die Kinder scheinen auch nicht begeistert zu sein."

Waltraud schnitt dieses Thema nicht mehr an. Arnolds Messebesuch bot ihr ideale Voraussetzungen für handwerkliche Betätigung. Wenn das Zimmer erst einmal fertig war, gefiel es ihm bestimmt auch.

Sie kaufte Farben und Tapeten und machte sich ans Werk. Marika und Sven beteuerten, ihr ja gerne helfen zu wollen, aber ausgerechnet jetzt sei das völlig ausgeschlossen.

Sie nahm es ihnen nicht einmal übel. Die ganze Zeit, während sie auf der Leiter herumturnte oder Tapetenbahnen einkleisterte, dachte sie nur an Arnold.

War die Blonde wirklich etwas Ernstes? Verflixt, sie wollte ihn nicht verlieren! Marika und Sven wurden allmählich flügge, und nun wollte auch er davonflattern?

Waltraud brauchte die drei Tage, aber danach durfte sie mit dem Ergebnis zufrieden sein. Sogar Sven staunte: "Das hätte ich dir gar nicht zugetraut, Mutti. Sei nicht sauer, weil du alles allein machen musstest, aber..."

"Geschenkt", meinte Waltraud lächelnd. "Ihr Männer seid eben für die wirklich wichtigen Dinge im Leben zuständig. Für den Kleinkram brauchen wir euch nicht."

Marika betrachtete das Unternehmen aus einem völlig anderen Blickwinkel. "Das Zimmer hast du sauber hingekriegt", räumte sie ein. "Aber deine eigene Renovierung ist dadurch völlig im Eimer. Die schöne Frisur! Hoffentlich lässt sich da noch etwas retten."

"Hoffentlich!", seufzte Waltraud, dachte dabei jedoch keineswegs an ihre in Unordnung geratenen Haare.

"Also, weißt du!", Arnold schüttelte mit deutlichem Vorwurf den Kopf, als er bei seiner Heimkehr die frischen Tapeten sah. "Wir hatten uns doch geeinigt, damit noch zu warten."

"Das war dein Vorschlag", stellte Waltraud richtig. "Ich habe mich aber für meinen entschieden. Gefällt es dir nicht?"

"Doch, doch!", versicherte er hastig, aber ganz ehrlich klang es nicht. "Habt ihr eigentlich schon für den kommenden Sonntag etwas vor?"

"Marika ist sicher wieder mit ihrem Alex verabredet", vermutete Waltraud. "Und Sven hält sich doch fast ausschließlich bei seinen lärmerzeugenden Freunden auf. Warum fragst du?"

"Wir könnten doch mal wieder etwas gemeinsam unternehmen. Die ganze Familie, meine ich. So wie früher, als die Kinder noch kleiner waren."

So schrecklich lange war das gar nicht her. Sie waren häufig ins Grüne gefahren, ganz spontan, und meistens hatte es allen riesigen Spaß gemacht.

Was veranlasste Arnold zu einem solchen Vorschlag? Hatte es etwa mit seiner neuen Eroberung Streit gegeben? Eine andere Erklärung fand Waltraud für den plötzlich wiedererwachten Familiensinn ihres Mannes nicht. Sie war bereit, ihm die Rückkehr zu erleichtern. Keine Fragen, nichts nachtragen. Sie musste froh sein, wenn Arnold so rasch wieder zur Besinnung kam. Dann wollte sie ihm diesen einmaligen Seitensprung verzeihen.

Ihr fiel ein, dass es sich bei dem Sonntag ausgerechnet um ihren Hochzeitstag handelte. Ein hübscheres Geschenk als diesen gemeinsamen Ausflug nach all den versteckten Zweifeln der Vergangenheit hätte sich Arnold kaum ausdenken können.

Waltraud stieß bei ihren Kindern zwar auf die befürchteten Einwände, doch ließ sie diesmal nicht locker. Alex und die Band blieben den beiden schließlich das ganze Jahr über, der kommende Sonntag jedoch besaß symbolhafte Bedeutung für die ganze Familie.

"Euer Vater wäre sehr enttäuscht", mahnte sie. "Er hat in den letzten Wochen schwer arbeiten müssen."

"Ja, ja, diese Doppelbelastungen!", meinte die 17jährige sarkastisch und handelte sich dafür einen strafenden Blick ein. "Sie scheinen ihm aber recht gut zu bekommen. Findest du nicht auch, dass er mächtig aufgekratzt wirkt?"

Darauf wusste Waltraud keine Antwort.

Sven freute sich auf den Ausflug. "Prima! Habt ihr schon ein bestimmtes Ziel im Auge? In Weißenhagen soll es ein Lokal geben, in dem abends eine Superband spielt."

"Lass dich einfach überraschen", riet Waltraud und war selbst gespannt, wohin es gehen würde, denn darüber schwieg sich Arnold hartnäckig aus.

Am Sonntag ging es los, doch zur allgemeinen Verwunderung endete die Fahrt bereits in einem Vorort der Stadt. Arnold stoppte den Wagen bei einer Wohnsiedlung und stieg aus.

"Versteht ihr das?", wandte sich Waltraud an ihre beiden Kinder.

"Ich sehe weit und breit kein Gasthaus", beschwerte sich Sven.

"Aber ich sehe was, was ihr nicht seht, und das sieht blond aus", zischte Marika und deutete auf das Auto, neben dem ihr Vater nun stehenblieb und einer Frau beim Aussteigen half.

Waltraud stieß die Wagentür auf. Das war ja wohl der Gipfel der Geschmacklosigkeit. Dass es sich bei der Blondine um Arnolds Geliebte handelte, erkannte sie aus Marikas Reaktion.

Schluchzend hastete sie davon. Nur fort hier! Diese Demütigung ertrug sie nicht. Es war ihr egal, ob es sich um ein zufälliges Zusammentreffen handelte oder ob diese Begegnung verabredet war.

Waltraud hörte hinter sich Schritte. "Wo willst du denn hin?", rief Arnold keuchend. "Das ist die falsche Richtung, Liebes."

Er holte sie ein und sah die Tränen in ihren Augen. "Du weinst?", wunderte er sich. "Dabei hatte ich gehofft, ihr würdet euch freuen. Meine Überraschung scheint ja gründlich danebengegangen zu sein."

Mit sanfter Gewalt führte er sie zu einem der Einfamilienhäuser, an dessen Haustür eine riesengroße Schleife aus Krepppapier befestigt war.

"Herzlichen Glückwunsch, dass du es nun schon 18 Jahre mit mir ausgehalten hast. Diesmal habe ich ein Geschenk für die ganze Familie. Du glaubst nicht, wie schwierig es war, etwas Passendes zu finden. Wenn Frau Borchert nicht so geduldig gewesen wäre, hätte ich wohl schon nach einer Woche das Handtuch geworfen."

"Frau Borchert?"

"Die Maklerin. Sie wartet dort drüben, um euch die Räume zu zeigen."

"Sie ist Maklerin?" Waltraud kam sich schrecklich töricht vor. Wie hatte sie nur einen Augenblick lang Arnold der Untreue verdächtigen können?

"Und zwar eine ausgesprochen tüchtige", hörte sie ihn bestätigen. "Ich habe dieses Haus zunächst nur gemietet. Erst wenn wir uns alle darin wohlfühlen, werden wir es vielleicht kaufen."

"Aber das können wir uns doch gar nicht leisten", befürchtete Waltraud.

"Meine Beförderung ist so gut wie sicher", strahlte Arnold. "Die Schufterei hat sich doch gelohnt. Aber nun kommt. Ich bin gespannt, wie euch die Räume gefallen."

Alle waren auf Anhieb begeistert. "Endlich ein eigenes Zimmer!", jubelte Sven. "Und wenn man den Keller schallisoliert, könnte ich hier vielleicht sogar mit der Band üben. O Mann, das ist die Supershow!"

"Und deine Wohngemeinschaft?", erinnerte Arnold schmunzelnd.

Der Junge grinste. "Zu früh gefreut, Paps. Mich werdet ihr so schnell nicht los."

Marika meldete Anspruch auf das Südzimmer an. "Da hat man einen so tollen Blick auf den Garten. Wusstet ihr eigentlich, dass sich Axel unheimlich gut mit biologischer Düngung und solchen Sachen auskennt? Und beim Umzug hilft er natürlich mit. Das heißt, wenn ihr einverstanden seid."

"Ich glaube, wir sollten uns deinen Axel wirklich einmal aus der Nähe betrachten", erklärte sich Waltraud bereit. Sie war ganz entzückt von der geräumigen Küche. "Bis hier alles frisch gestrichen und tapeziert ist, brauchen wir ohnehin jede Hand."

Arnold legte seinen Arm um ihre Schultern. "Weißt du jetzt, warum ich neue Tapeten für unser altes Wohnzimmer noch nicht für nötig hielt? Es sollte doch eine Überraschung werden. Nun hast du dir die viele Arbeit ganz umsonst gemacht."

Waltraud schüttelte den Kopf. Umsonst? Bekam sie nun nicht den wunderbarsten Lohn für das bisschen Mühe?

"Ich danke dir sehr", flüsterte sie glücklich und fügte gedehnt hinzu. "Übrigens, ich glaube, meine alte Frisur stand mir doch besser."

Arnold hielt sie auf Armeslänge von sich weg und runzelte sie Stirn. "Also weißt du, je länger ich dich betrachte, umso besser gefällst du mir. Du wirkst irgendwie..." Er suchte offenbar nach dem passenden Ausdruck.

"Jünger?", half ihm Waltraud.

Er nahm sie lachend in den Arm. "Jung bist du doch sowieso. Nein, unternehmungslustiger siehst du aus. Das passt gut zu deinem Typ."

Da Marika und Sven dabei waren, mit langen Schritten ihre Zimmer auszumessen, sahen sie nicht, wie Mutti und Paps sich lange küssten.

Und Frau Borchert, die Maklerin, wandte sich mit verständnisvollem Lächeln ab.




Der blinde Passagier

Gaby hatte Tränen in den Augen. Dafür mochte es viele Gründe geben. Der Wind zum Beispiel, der kräftig aufgefrischt hatte. Oder der Qualm, der von einer Fabrik herüber wehte. Vielleicht auch die Wehmut, dieses Genua mit seiner herben Schönheit schon verlassen zu müssen.

Doch von allen Gründen traf nur einer zu: Es waren Freudentränen. Freude, dass sie sich nach mehrjähriger Sparerei diesen Wunschtraum endlich hatte erfüllen können.

Sie würde herrliche Tage an Bord der 'Margherita' verleben, fremdartige Städte und die vielfältigen Küsten des Mittelmeers kennenlernen. Es war zu schön!

Ein letztes Mal genoss sie den Blick über den riesigen Hafen, ehe sie der Reling den Rücken kehrte.

"Sie haben völlig Recht", wurde sie von einem ungewöhnlich gutaussehenden Mann angesprochen, der sie offenbar schon einige Zeit beobachtet hatte. "Dieses Genua ist wirklich zum Heulen. Ich bin jedes mal froh, wenn ich es überstanden habe. Hier, nehmen Sie mein Taschentuch. Ich heiße übrigens Rolf."

Gaby wischte sich die beiden Tränen mit dem Handrücken weg. "Mir hat es gefallen", erwiderte sie trotzig. "Diese wundervollen Paläste!"

"Schöne Paläste?", wiederholte der Mann mit den schwarzen Haaren und dem lässigen Blick. "Dann kennen Sie Istanbul noch nicht. Warten Sie ab. Diese Stadt ist der absolute Höhepunkt unserer Reise. Ich werde Ihnen gerne die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zeigen, Gaby."

Gaby runzelte unwillig die Stirn. "Woher kennen Sie meinen Namen?

"Ich stand beim Einchecken zufällig hinter Ihnen. Nehmen wir einen Drink?"

Gaby zögerte. In erster Linie wollte sie durch die Kreuzfahrt ihre Kenntnisse erweitern und sich natürlich erholen und verwöhnen lassen. Aber gehörte ein kleiner Flirt nicht einfach dazu? So übel sah dieser Rolf schließlich nicht aus, wenn er auch ihr Programm über den Haufen warf. Eigentlich hatte sie sich zunächst ein wenig auf dem Schiff umsehen wollen.

"Etwas Alkoholfreies", erklärte sie sich einverstanden.

Rolf entschied sich für die Bar in der Delphin Lounge. Schade! Sie hätte viel lieber im Freien gesessen.

"Sie sind mir sofort aufgefallen", behauptete ihr Begleiter, nachdem er ihr empfohlen hatte, eine von seinen marokkanischen Zigaretten zu probieren. "Auf diesen Luxus-Liners trifft man ja alles, was attraktiv ist, aber bei Ihnen hatte ich gleich den Eindruck: die ist etwas Besonderes.

Der übliche Schmus, dachte Gaby schmunzelnd. Komisch, dass man ihn trotzdem immer wieder gerne hört.

Sie durfte von den Männern an Bord nicht zu viel erwarten. Sie gehörten doch mehr oder weniger alle einer ähnlichen Kategorie an. Angebertypen, Abenteurer oder verhinderte Playboys. Hatte sie mit ihren 28 Jahren noch nicht den Mann fürs Leben gefunden, so würde sie ihm nicht ausgerechnet auf der 'Margherita' begegnen.

Sie hörte sich noch eine Weile Rolfs platte Komplimente an und entschuldigte sich schließlich: "Ich habe noch nicht ausgepackt und möchte mich ein wenig ausruhen."

Details

Seiten
100
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924268
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v452774
Schlagworte
netter mann

Autor

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Titel: Netter Mann von nebenan