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Heißes Herz und heiße Ware

2018 120 Seiten

Leseprobe

Heißes Herz und heiße Ware

Heiter-romantische Erzählungen

von Wolf G. Rahn


Der Umfang dieses Buchs entspricht 68 Taschenbuchseiten.


- Eine hässliche Intrige, für die sie ihren Kollegen Norbert verantwortlich macht, verhindert Birgits Karrieresprung. Der Mann behauptet auch noch dreist, sie zu lieben. Aber Birgit sinnt auf Rache. Daran können auch ihre Gefühle nichts ändern …

- Jutta hat sich auf Teneriffa in Reinhold verliebt. Doch als er sie bittet, ein Päckchen in Deutschland seinem Freund zu geben, schrillen die Alarmglocken. Soll sie etwa nur als Drogenkurier benutzt werden?

- Beim Stöbern auf dem Dachboden stößt Heike auf einen billigen Ring, den sie vor Jahren von Klaus geschenkt bekam. Aber jetzt ist sie mit Norman zusammen, der ihr wesentlich teurere Geschenke macht – und sie allein lässt …

- Es gibt Tage, da geht einfach alles schief. Umso schlimmer, wenn man ausgerechnet dann ein Vorstellungsgespräch hat, zu dem man pünktlich und korrekt gekleidet erscheinen müsste. Marianne ist keins von beidem – und bekommt die Quittung …

- Gerade hat Sabine erfahren, dass ihr Mann Robert sie betrügt, da hat dieser einen schweren Unfall, der ihn seiner Sprache beraubt. Soll sie trotz seiner Untreue zu ihm stehen?


Neue heiter-romantische Liebeserzählungen von Wolf G. Rahn


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© Cover: Nach Motiven von Pixabay, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Liebe setzt sich immer durch

"Suchen Sie etwas Bestimmtes, Herr Bannert?" Die 29jährige Chemikerin Birgit Uhlmann hatte sich auf leisen Sohlen ihrem Schreibtisch genähert und den neuen Kollegen aufgeschreckt.

"Nur einen Kugelschreiber", behauptete der Mann, sichtlich verwirrt, gewann aber schnell seine gewohnte Sicherheit zurück. "Toll sehen Sie heute wieder aus. Wie der leibhaftige Frühling."

Birgit runzelte ungehalten die Stirn. Seit einiger Zeit fiel ihr auf, dass der Neue ständig in ihrer Nähe herumschnüffelte. Dabei interessierte er sich auffallend für ihre Versuchsreihe mit der von ihr entwickelten Gesichtscreme, mit der sie einen Volltreffer zu landen hoffte. Sie war es leid, als namenlose Laborantin eingesetzt zu werden. Sie wollte die Leitung der kürzlich ins Leben gerufenen Forschungsgruppe übernehmen.

"Da haben Sie einen Kugelschreiber." Sie gab ihm den Stift und schob ihn mit sanfter Gewalt zur Seite. "Wenn Sie mich jetzt bitte wieder arbeiten lassen würden?"

"Warum sind Sie denn nur so abweisend? Ich finde, wir sollten uns einmal in Ruhe unterhalten. Heute nach Feierabend?"

"Ein andermal vielleicht." Birgit beugte sich über das Mikroskop und stellte es scharf.

Norbert Bannert seufzte.

"Es stimmt also, was gemunkelt wird. Sie sind bereits vergeben. Bei dieser Konkurrenz habe ich wohl keine Chance."

Birgit wusste, worauf er anspielte. Im Labor brachte man sie neuerdings mit dem Juniorchef Frank Häusler in Verbindung. Dabei war das barer Unsinn. Sie hielt sich nur wegen ihrer Versuchsreihe in letzter Zeit so häufig in seinem Büro auf.

Agneta Keller, eine Kollegin, näherte sich aufgeregt.

"Du sollst zum Chef kommen, Birgit", raunte sie ihr ins Ohr. "Er ist völlig aus dem Häuschen."

Kein Wunder. Die jüngsten Testergebnisse waren vielversprechend. Noch zwei Monate, dann konnte Birgit ihm das endgültige Resultat präsentieren.

Sie warf Norbert Bannert einen triumphierenden Blick zu, wusste sie doch, dass auch er an dem zu besetzenden Posten interessiert war, und strebte dem Allerheiligsten zu.

Dr. Häusler erwartete sie voller Ungeduld.

"Na endlich!" Das war ein ungewohnter Empfang. "Schauen Sie sich das an!", forderte er sie auf. "Wofür halten Sie das?"

Ihr genügter ein flüchtiger Blick.

"Es handelt sich eindeutig um verätzte Hautpartien."

"Und was ist wohl die Ursache für die Verätzung, Frau Uhlmann?" Seine Stimme überschlug sich fast. "Ihre angebliche Wundercreme."

"Ausgeschlossen!", rechtfertigte sich Birgit. "Sämtliche Tests ..."

"Tests, die ausschließlich Sie durchgeführt haben", unterbrach sie der Wissenschaftler erregt. "Offensichtlich sind Sie dabei zu leichtfertig vorgegangen. Tatsache ist, dass sich unter bestimmten Umweltbedingungen eine aggressive Substanz zu bilden scheint, die diese gefährlichen Verletzungen verschuldet. Nicht auszudenken, wenn wir damit auf den Markt gegangen wären. Ich bin bitter enttäuscht von Ihnen."

Noch hielt Birgit dies alles für einen bösen Scherz. Für ihre Creme legte sie die Hand ins Feuer. Wenn neutrale Gegentests tatsächlich etwas anderes aussagten, musste sie jemand manipuliert haben.

Als sie das Büro verließ, wusste sie, dass sie auch in Zukunft nur untergeordnete Aufgaben würde erledigen dürfen. Die Leitung der Forschungsgruppe sollte Norbert Bannert übernehmen, der bisher zwar nicht durch spektakuläre Erfolge, dafür aber durch solide, gründliche, verantwortungsvolle Arbeit geglänzt hatte, wie sich Häusler ausdrückte.

"Ich kann das gar nicht begreifen", versuchte Agneta Keller sie zu trösten. "Wie konnte dir das nur passieren?"

Birgit presste die Lippen zusammen. Sie ahnte die Wahrheit, schließlich gab es einen Nutznießer aus ihrer Niederlage. Bannert würde den Platz einnehmen, der ihr zustand. Jetzt war ihr auch klar, warum er so auffallend ihre Nähe gesucht hatte. Es musste ihm gelungen sein, ihre Mixturen zu präparieren.

Am nächsten Tag kündigte sie. Dr. Häusler riet ihr, diesen voreiligen Entschluss noch einmal zu überdenken. Er sei der Letzte, der ihr nicht irgendwann eine neue Chance geben würde.

Agneta Keller jammerte, dass sie eine so nette Kollegin bestimmt nicht so schnell wieder bekommen würde. Und sogar Norbert Bannert besaß die Frechheit, ihr sein Bedauern auszudrücken.

"Wir würden sicher prima zusammenarbeiten", glaubte er und sagte ihr jede Unterstützung zu.

Es wäre sinnlos gewesen, ihm die Wahrheit ins Gesicht zu schreien. Ohne handfeste Beweise mussten ihre Anschuldigungen wie bösartige Racheakte einer Verliererin wirken. Norbert Bannert hatte gesiegt.


*


Birgit beschäftigte sich intensiv mit ihrem Frühstück. Sie spürte sehr wohl die Blicke, die auf ihr ruhten, doch sie reagierte nicht darauf. Eine schwierige Zeit lag hinter ihr. Noch zweimal hatte sie ihren Arbeitsplatz gewechselt, ehe sie endlich eine vielversprechende Aufgabe in der Pharma-Entwicklung fand. Seit über einem Jahr arbeitete sie für einen großen Konzern, spielte aber mit dem Gedanken, sich selbständig zu machen, um neue Wege im Bereich der Naturheilkunde zu beschreiten.

Kräftezehrendes Abendstudium hatte für die erforderlichen Kenntnisse gesorgt und sie im Kollegenkreis allgemeine Anerkennung finden lassen. Dass ihr Chef sie zu diesem Kongress nach Dortmund geschickt hatte, war ein Beweis für seine Zufriedenheit mit ihrer Leistung.

Ihr Privatleben war freilich zu kurz gekommen. Dabei hätte es an Gelegenheiten nicht gemangelt, denn trotz allen beruflichen Ehrgeizes achtete sie auf ihr Äußeres. Dass sich die Männer bewundernd nach ihr umdrehten, war sie gewöhnt, doch keiner genügte ihren Ansprüchen. Ganz sicher aber war sie an keinem Abenteuer mit einem der Hotelgäste interessiert, die sie hier im Speisesaal traf.

Ein Blick auf ihre Armbanduhr verriet ihr, dass sie in Ruhe ihr Frühstück beenden und anschließend gemütlich zum Kongressgebäude schlendern konnte.

Wenig später trat sie auf die Straße. Zaghafter Sonnenschein hinter abziehenden Gewitterwolken empfing sie. Die Luft war herrlich klar. Es versprach, ein wunderbarer Tag zu werden.

Kaum betrat sie den Vortragssaal, änderte sich ihre Meinung schlagartig. Ein Mann eilte mit ausgestreckten Händen auf sie zu und begrüßte sie erfreut: "Das ist aber eine Überraschung, Frau Uhlmann!" Er strahlte sie auf eine Weise an, die bei anderen Frauen möglicherweise ansteckend gewirkt hätte.

Birgits Miene verfinsterte sich.

"Herr Bannert?", erinnerte sie sich. "Sie nehmen also auch an dem Kongress teil."

Der Mann, dem sie seinerzeit ihren erhofften Posten hatte abtreten müssen, beteuerte, dass sie noch hübscher geworden sei. "Sie sind demnach der Branche treu geblieben?"

"Ich habe immer gewusst, was ich kann", erwiderte sie stolz und wollte sich abwenden.

Er hielt sie am Arm fest.

"Wollen wir uns nicht nach der Diskussion ein bisschen unterhalten?", schlug er vor. "Ich lade Sie zum Essen ein. Ganz in der Nähe weiß ich ein ausgezeichnetes Restaurant."

Birgit wollte schon brüsk ablehnen, aber es drängte sie, Norbert Bannert wissen zu lassen, dass sie es trotz seiner Intrige geschafft hatte.

"Eigentlich bin ich schon verabredet", behauptete sie, was den erwarteten Protest auslöste.

"Sagen Sie einfach ab! Wenn man sich nach so langer Zeit zufällig wiedertrifft, haben die gemeinsamen Erinnerungen einfach ältere Rechte. Ich habe die Umstände Ihres unerwartet plötzlichen Ausscheidens aus unserer Firma damals sehr bedauert."

"Ich auch", sagte Birgit gepresst, "heute jedoch bin ich froh darüber." Es gelang ihr nicht in gewohntem Maße, sich auf das vorgetragene und anschließend diskutierte Thema zu konzentrieren. Immer wieder schweiften ihre Gedanken zu Norbert Bannert und dessen Jahre zurückliegender Gemeinheit ab. Sie gäbe viel dafür, wenn sie ihm das alles zurückzahlen könnte.

Als sie ihm im Restaurant gegenübersaß, spürte sie wenig Appetit. Dabei zog Norbert Bannert sämtliche Register seines Charmes, überhäufte sie mit Komplimenten, die sich sogar ehrlich anhörten, und zollte ihr Anerkennung, als sie von ihrem beruflichen Aufstieg erzählte.

"Haben Sie heute Abend schon etwas vor? Eine Stunde, in der man dazu meistens den Mund voll hat, ist einfach zu kurz. Ich möchte Ihnen noch so vieles sagen."

Ich dir auch, dachte Birgit grimmig. Wenn man ihn so reden hörte, vermutete man nicht den Heuchler hinter dieser Fassade.

Nach einigen Ausflüchten willigte sie schließlich doch ein. Sie war gespannt, was er von ihr erwartete.

Norbert Bannert holte sie abends im Hotel ab. Er bewunderte ihr schickes Kostüm und die Frisur, die ihr nach seinen Worten so außerordentlich gut stand.

"Früher trugen Sie Ihr Haar etwas länger und ungebändigter."

"Daran erinnern Sie sich noch?", staunte Birgit.

"Nicht nur daran." Seine Stimme wurde überraschend weich. "Sie haben mir doch gleich auf Anhieb gefallen, Frau Uhlmann. Leider stand ich mit meiner Liebe auf verlorenem Posten."

"Liebe?" Birgits Augenbrauen hoben sich. Die Erinnerung an seine Gemeinheit drohte sie zu überwältigen.

Er seufzte.

"Es wäre unklug gewesen, meinem Chef ins Gehege zu kommen. Heute sehe ich ein, dass ich mich wie ein Feigling verhalten habe. Aber wie hätte ich ahnen können, wie alles kommen würde. Ach ja, wir Wissenschaftler kennen uns eben leider in Molekularstrukturen besser aus als in den Empfindungen und Gedanken einer Frau."

"Sie werden ja richtig philosophisch." Birgit lachte belustigt. "Vertragen Sie den Rotwein nicht?" Sie hob ihr Glas und trank ihrem Gegenüber zu.

Norbert Bannert folgte ihrem Beispiel. Dabei suchte seine freie Hand die ihre, die nervös mit der Serviette spielte.

"Ich bin so froh, dass es Ihnen gutgeht", beteuerte er erregt. "Beruflich meine ich. Sie hatten damals ziemliches Pech. Dagegen hoffe ich, dass Sie privat noch nicht das große Glück gefunden haben. Sie tragen keinen Ring. Darf ich daraus schließen, dass ich noch eine Chance habe?"

"Sie?", entgegnete Birgit verblüfft.

Norbert Bannert stellte sein Glas zurück und legte nun auch seine andere Hand auf Birgits Linke. Dabei blickte er ihr erwartungsvoll in die Augen.

"Ist dieser Gedanke für Sie so entsetzlich? Sie müssen doch fühlen, was ich für Sie empfinde."

Birgit erwiderte beinahe trotzig seinen Blick.

"Was erwarten Sie?", fragte sie kühl. "Wollen Sie mir Ihr Hotelzimmer zeigen?"

Er wehrte erschrocken ab.

"Mir liegt nichts an einem flüchtigen Abenteuer."

"Mir auch nicht. Für mehr wäre aber die Zeit zu kurz. Der Kongress ist übermorgen zu Ende. Dann trennen sich unsere Wege wieder."

"Das muss doch nicht so sein, Birgit", beschwor er sie und benutzte ihren Vornamen, ohne dass es ihm anscheinend bewusst wurde. Birgit merkte es sofort. Sie öffnete bereits die Lippen zu einem ärgerlichen Protest, schloss sie aber wieder und lächelte wie eine Sphinx.

"Ich möchte nicht, dass wir uns wieder aus den Augen verlieren", fuhr ihr Begleiter stürmisch fort. "Es würde mich weitaus schmerzlicher treffen als beim ersten Mal. Glauben Sie nicht auch, dass uns das Schicksal hier zusammengeführt hat?" Er führte ihre Hand an seinen Mund und hauchte einen behutsamen Kuss auf die Fingerspitzen.

"Sind Sie etwa Romantiker?" Birgit musste sich zwingen, ihm nicht die Hand zu entreißen und eine schallende Ohrfeige zu verabreichen. Wie konnte dieser Mensch nur so tun, als wäre nichts geschehen? Besaß er denn überhaupt kein Gewissen? Zählte für ihn nur der Erfolg? Zuerst im Beruf und nun anscheinend auch bei ihr.

"In Ihrer Gegenwart muss man romantisch werden", hörte sie ihn sagen. "Frauen haben bisher in meinem Leben keine dominierende Rolle gespielt. Sie haben etwas in mir verändert, Birgit. Plötzlich ist für mich nicht mehr der Job das Wichtigste. Ich fürchte, ich habe mich in Sie verliebt."

Es klang aufrichtig. Bei vielen anderen Männern hätte sich Birgit über ein solches Geständnis gefreut. Norbert Bannert aber war ihr ärgster Feind. Seine Intrige, die ihren Karrieresturz zur Folge hatte, würde sie ihm nie verzeihen. Leider konnte sie sich nie dafür revanchieren.

Oder etwa doch?

"Liebe ist ein großes Wort", erwiderte sie dumpf. "Lassen Sie uns unseren Wein trinken! Wir hatten heute beide einen anstrengenden Tag."

Obwohl er keine Zustimmung gefunden hatte, gab sich Norbert Bannert nicht enttäuscht. Der Rest des Abends verlief harmonisch, und später schlenderten sie gemächlich zum Hotel zurück.

Nach kurzem Zögern verabschiedete sich Norbert mit einem Kuss auf die Wange.

"Schlafen Sie gut, Birgit!", wünschte er ihr, bevor er sich umwandte und davonging.

Gut schlafen? Birgit wälzte sich noch lange in ihrem Bett von einer Seite auf die andere. Musste dieser Mann unbedingt wieder ihren Weg kreuzen? Wäre sie ihm doch nie mehr begegnet! Nun wurde eine Entscheidung von ihr verlangt, gegen die sich alles in ihr sträubte.


*


Sie verbrachten fast den ganzen folgenden Tag zusammen. Zunächst im Kongresssaal, zwischendurch beim Essen, und endlich bummelten sie durch die Dortmunder Altstadt.

Birgit wollte unbedingt das Naturkundliche Museum besichtigen, doch es hatte bereits geschlossen.

"Schade!", bedauerte sie.

"Schade finde ich nur, dass morgen der Kongress vorüber ist", meinte Norbert gedehnt. "Aber wir bleiben in Verbindung, ja?" Er strahlte sie so hoffnungsvoll an, dass Birgit geneigt war, die ganze Vergangenheit ruhen zu lassen.

Doch das konnte sie nicht. Schon gar nicht, als er ihr Gesicht zwischen seine Hände nahm und sie küsste. Zuerst zärtlich, doch schon bald mit wachsender Leidenschaft.

"Ich liebe dich, Birgit", flüsterte er ihr ins Ohr. "Ich will nicht, dass uns jemals wieder irgendetwas trennt."

Birgit atmete schwer.

"Wie willst du das anstellen?", fragte sie mit mühsam erzwungener Beherrschung. "Wir wohnen fast vierhundert Kilometer voneinander entfernt. Erwarte nicht, dass ich dir zuliebe meinen Job aufgebe!"

"Wolltest du dich nicht ohnehin selbständig machen?", erinnerte Norbert. "Bei dieser Gelegenheit stünde einem Wohnortwechsel nichts im Wege."

Birgit schwieg. Im Grunde hatte er recht, doch ihre Gedanken beschäftigten sich mit einer ganz anderen Frage. Darauf sollte er schon bald eine Antwort erhalten.

Als der unausweichliche Abschied nahte, versprach Norbert, sich sofort nach für ihre Zwecke geeignete Räume umzusehen. Bis sie aber umziehen konnte, wollte er jedes Wochenende zu ihr kommen.

Dieses Versprechen hielt er ein. Birgit empfing ihn in ihrer Zweizimmerwohnung. Sie hatte einen Kuchen gebacken und den Tisch fantasievoll gedeckt.

"Wenn du nicht so eine gute Chemikerin wärst, hättest du Künstlerin werden müssen", lobte Norbert nach dem Begrüßungskuss. Birgit lachte verschmitzt.

"Nur keine voreiligen Komplimente", warnte sie. "Ich bin für jede Überraschung gut. Vielleicht ist der Kuchen das Abfallprodukt einer missglückten Versuchsreihe."

"Nach Plastik sieht er nicht aus", fand Norbert und langte zu. "Und er schmeckt auch erheblich besser. Du bist also auch noch eine hervorragende Köchin. Was kannst du eigentlich nicht?"

Verzeihen, hätte sie am liebsten geantwortet. Stattdessen schenkte sie Kaffee nach, nötigte ihrem Gast ein weiteres Stück Kuchen auf und bemühte sich um einen unbefangenen Plauderton.

Später zeigte sie Norbert ihre kleinen Aquarellzeichnungen, die sie immer dann anfertigte, wenn ihr Herz übervoll war. Voll Freude, voll Enttäuschung, voll Schmerz.

"Ich habe es gewusst", sagte er beeindruckt. "Was du tust, das machst du perfekt." Er nahm sie in den Arm und küsste sie voll Hingabe.

"Was die Perfektion betrifft, stehst du mir in nichts nach", meinte Birgit danach. "Zumindest beim Küssen stehst du deinen Mann. Du scheinst häufig zu üben."

"Von nun an jedes Wochenende", gab er vergnügt zurück.

Er blieb bis zum Sonntag. Das Wetter meinte es nicht gerade gut, aber ihnen wurde nicht langweilig.

Bis auf wenige Ausnahmen, die durch berufliche Verpflichtungen bedingt waren, kam Norbert tatsächlich jede Woche, verlebte mit Birgit zwei atemberaubende Tage und fuhr wieder fort.

Auch ohne seine gelegentlichen Beteuerungen hätte Birgit gespürt, dass seine Liebe zu ihr echt war. Längst beschäftigte er sich mit einer gemeinsamen Zukunft.

Eines Tages überraschte er sie mit der Nachricht, dass er einen günstigen Bauplatz gekauft habe. "Er liegt etwas außerhalb der Stadt und ist groß genug, dass auch dein künftiges Labor Platz findet. Möchtest du ihn dir anschauen?"

Birgit willigte ein, und so fuhren sie in jene Gegend, mit der sie so trübe Erinnerungen verband.

Sie staunte, wie sich ihre ehemalige Firma in den wenigen Jahren vergrößert hatte.

"Das haben die Häuslers sicher zum größten Teil deinem Einsatz in der Forschung zu verdanken", vermutete sie.

Norbert wehrte ab.

"Die Wahrheit ist viel prosaischer. Der Junior hat eine vermögende Frau geheiratet. Glücklich ist er zwar nicht mit ihr, aber ihr Geld kam ihm und seinem Vater sehr gelegen. Könntest du jemals eine Vernunftehe eingehen?"

Birgit verneinte spontan.

"Ausgeschlossen! Die Liebe ist zum Glück noch etwas, das sich nicht mit Geld erkaufen lässt."

Der Bauplatz, den sie kurz darauf besichtigten, gefiel ihr sehr gut. Im Geiste sah sie bereits ein hübsches Haus mit angrenzendem Laborkomplex darauf. Das Ganze im Grünen versteckt, und ein paar Tiere müssten auch dort sein.

"Wunderschön!", murmelte sie und lehnte ihren Kopf an Norberts Schulter.

Diesmal übernachtete sie bei ihm. Seine Junggesellenwohnung entlockte ihr manche Missfallensäußerung.

Details

Seiten
120
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783738924251
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (Dezember)
Schlagworte
heißes herz ware

Autor

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Titel: Heißes Herz und heiße Ware